Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 12 und ENDE

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 12 und ENDE

Das Ende, der Ertrag und die Erkenntnis

Pflanzen im Westen des Landes bei Albany

Ich denke, dass ich zum Ende kommen muss? Die Schwierigkeiten mit der rechten Schulter nehmen zu, so dass ich mitunter das Gefühl habe, dass es eben doch eine „Unmöglichkeit“ ist, die vielen Erlebnisse, die komplexen Zusammenhänge und die sich ergeben habenden Veränderungen so zu beschreiben, dass sie der Sache an sich auch gerecht werden würden! Noch immer sorgen die Einschränkungen der Corona-Zeit dafür, dass Menschen, die in nicht systemrelevanten Berufen arbeiten, zu Zwangspausen verdonnert sind. Es ist schwer, sein eigenes Prinzip der Hoffnung zu erhalten und ihm gerecht zu werden! Aber ich gebe zu Bedenken, dass es nicht nur sentimentale Gründe sind, weswegen ich den Versuch gestartet habe, dieses sich über viele Jahre hinweg reichende, reise technische Mammutwerk schriftlich zu fixieren. Die Grundidee war daran zu erinnern, dass es so viele unentdeckte Zwischentöne auf der Welt gibt. Dazu die vielen unerfüllten Hoffnungen, die grundlos scheinenden Sehnsüchte und die vielen frei schwebenden Träume, die für mich immer eine Art wärmender Strom des Lebens waren. In diesem warmen Gefühl konnte ich immer alles finden, was von den kalten Strömungen, von den Brutalitäten der Ereignisgeschichte unserer Zeiten fortgespült worden war. Besonders intensiv gefühlt bei den Aborigines – von Anfang an. Es mag ein teilweise berechtigter Vorwurf sein, dass ich immer wieder versuche, den unschuldigen Bürger zu verschrecken! Diesen Vorwurf kann ich aber letztlich nicht gelten lassen. Ich weiß lediglich, dass nichts was jemals war als totes Zeugnis einer toten Vergangenheit verstanden werden kann, da dieses Modell, dass sich alle Dinge über alle Zeiten hinweg in einer permanenten Verbindung miteinander befinden, immer wieder spürbar durch die Tage meiner eigenen Existenz hindurch schimmerte. Heute kommt es mir manchmal so vor, als wäre die Kultur der Aborigines von Anfang an auf jede spätere Zukunft datiert worden. In ihrem Lebensverständnis und ihren Lebensauffassungen verbirgt sich keine weltfremde Utopie, sondern ein Überschuss von Kenntnissen auf das, was ich das „wahre Leben“ nennen würde. Ein Vorschuss vielleicht auf eine bessere Welt? Im Umweg über diese Veröffentlichungen haben mich teilweise auch Zuschriften erreicht. Manche wollten, dass ich diese Sache mit der „höheren Perspektive“ noch einmal beleuchte. Wozu? Das ganze hier sollte keine Anleitung werden, es war als Reisebericht geplant und ist – fast wie ich es erwartete hatte – etwas aus dem Ruder gelaufen und hat mich am Ende an meine Leistungsgrenzen geführt.

Wer sie einmal in Freiheit gesehen hat, sperrt sie nicht mehr ein.

Um zum Ende zu kommen will ich ein paar der Fragen, die in den letzten Wochen an mich herangetragen wurden, hier erneut öffentlich stellen und sogleich – wenn möglich – beantworten. Warum ich denn immer wieder auf die vermeintlichen Probleme der systematischen Relevanz zu sprechen komme zum Beispiel. Nun, weil es so ist! In der Natur gibt es keine gerade Linie und alle bisherigen Gesellschaftsmodelle, die sich die Kulturen dieser Welt ausgedacht haben, sind immer auch lebensfeindlich gewesen. Schon allein dadurch, dass geistige, theoretische Überbauten geschaffen wurden, um die Mitglieder der jeweiligen Gesellschaften dazu zu zwingen, in Bahnen zu leben und Gesetze bindend zu akzeptieren, hat man dem Menschen peu à peu ein freies Leben, in dem er alle Möglichkeiten die er in sich trägt, die er zum Wohle aller hätte zur Blüte bringen können, genommen. Am Anfang war die Rangelei, der Kampf um die Plätze ganz oben in den Hierarchien. Und der umtriebige Wilde? Der, der in Schillers Glocke von der Kultur gezähmt wurde und dadurch den Frieden erst ermöglichte? Der „ungesellge Wilde“ entsteht vor allen Dingen in Gesellschaften, die zum Wohle einiger weniger ihre Bürger/-innen unterdrücken. Der „ungesellge Wilde“ ist in den nicht von Expansion, Wettbewerb und gewaltsamer Machtübernahme entwickelten Kulturen der Aborigines garnicht erst entstanden, und musste deshalb auch nicht von den „Gefilden“ in den Frieden der Gemeinschaft geholt werden. In der Kultur der Aborigines konnte ich erleben, dass es einen Ausweg gibt oder gegeben hätte. Einen Ausweg aus der bloß funktionalen, systematischen Relevanz, die ein Mensch heute einnehmen soll um seinem System zu dienen. Wenn diese Erkenntnis am Ende unserer Entwicklung hin zu geistig befähigten Individuen steht, dann hätte wir uns die gesamte Evolution sparen können. 1998 hatte ich mit meiner Präsentation über Australien noch einen einsamen Auftritt in Berlin. Meine Erkenntnisse die ich in den Jahren im Umgang mit der Kultur der dortigen Ureinwohner gesammelt und in mir aufgefächert hatte, machten subtil etwa 50% des Vortrages aus. Schon in der Pause hatte ich ein kurzes Gespräch mit einem cool und locker auftretenden weißen Australier, der für sein Land in Berlin an der dortigen Botschaft – die erst kurz zuvor nach Berlin umgesiedelt wurde – arbeitete. Er war sehr unzufrieden mit der Art, wie ich sein Land präsentierte. Er wollte sozusagen Einfluss nehmen und verwies mich auf andere Referenten, die ihre Sache seines Erachtens viel besser machen würden als ich und Australien „authentischer“ darstellen würden. Er nannte Namen, ich kannte die Jungs: Glücksritter und Speichellecker ohne Format, die jedem Windhauch hinterherliefen wenn es etwas zu verdienen gab. Noch gute Photographen, wenn es hoch kam. Er war sehr unzufrieden mit mir, der weiße Australier und vermittelte mir das Gefühl, dass ich „sein Land“ schlechter aussehen lassen würde als es wäre! Echt? Am Ende wollte er wieder mit mir diskutieren, seine deutsche Freundin hingegen nicht. Er hatte sie in diese Veranstaltung geschleppt um ihr zu zeigen, welch ein großartiges Land „sein Land“ wäre und hatte die Rechnung ohne meine massive Kritik gemacht. Dabei ist Australien wirklich ein großartiges Land! Vielleicht hatte ich zu deutlich gemacht, dass es nicht „sein Land“ war? Im Prinzip hatte ich nur die Sichtweise der Aborigines durchschimmern lassen, dass der Mensch die Welt zu seinen Füßen nicht besitzen darf.

Mangroven am Cape York, dem nördlichsten Punkt Australiens
Das Parlamentsgebäude von Darwin

Als ich nach diesem Vortrag zum ersten Mal wieder nach Australien einreisen wollte, so wie viele Jahre zuvor auch, widerfuhr mir das Wunder der Kraft der systemischen Zusammenhänge! Systemische Zusammenhänge die sich dagegen wehren, dass jemand auch nur andeutet, dass die aktuellen Systeme der Macht und Herrschaft vielleicht überdenkenswert wären. Als ich im späten Dezember des Jahres 2000 in Sydney ankam, wurde ich umgehend von den anderen Reisenden isoliert und fast fünf Stunden lang festgehalten! Ich ahnte natürlich umgehend, womit die dann einsetzende gründliche Überprüfung zusammenhing, konnte das aber nie beweisen. Es ist den herrschenden Systemen jederzeit möglich, eine Notiz in der Akte einer Person zu hinterlassen, die sich nicht kooperativ verhalten hat. Der Zollbeamte, der mich sofort nach dem ab scannen meines Reisedokumentes in einen Raum bat, der den spröden Charme einer Zelle in Untersuchungshaft hatte, bemühte sich, einen extrem grimmigen und abweisenden Ausdruck in seinem Gesicht zu halten. Vier Beamte kamen hinzu und jedes, aber wirklich jedes Teil meines Gepäcks und meiner Photoausrüstung wurde auseinander genommen und mehrfach durch einen Kontrollscanner geschickt. Eine komplette Leibesvisitation erfolgte ebenfalls. Eine komplette! Das bedeutet dass man auch versuchte, mich durch Maßnahmen zu verunsichern, die den systemrelevanten Beamten gestatteten, in meinen Körper hinein zu schauen! Und zwischendurch kam immer wieder die Frage, was ich in Australien wolle. Wozu die umfangreiche Photoausrüstung gut sei? Ich wolle Photos machen, weil ich das schon viele Jahre lang so machen würde. Es wäre verboten ohne die Zustimmung seiner Regierung in diesem Land Photos zu machen wenn sie einer wie auch immer gearteten Erwerbstätigkeit dienen würden. Ach? Ich müsse zuerst bei der entsprechenden Stelle der Regierung eine Erlaubnis einholen, sonst würde ich illegal arbeiten und das wäre eine Straftat. Achja? Ich bewahrte während der gesamten Untersuchung meiner Person die Fassung. Sie würden es nicht schaffen, mich zu verunsichern! Ich fragte wie ich denn ohne die Verwendung des Bildmaterials, welches ich in den vergangenen Jahren aufgenommen hatte, so viele Hundert Menschen dazu hätte bewegen können, nach Australien zu reisen? Diese Menschen hätten der australischen Fluglinie und dem Land selbst gute Einnahmen beschert? Das täte nichts zur Sache, es wäre trotzdem eine Straftat! Ohne die Zustimmung seiner Regierung dürfte ich nicht als professioneller Photograph arbeiten. Immer wieder kam einer der Beamten ins Verhörzimmer und schüttelte den Kopf, betroffen scheinend! Und immer wenn ich durch den Spalt der sich geöffnet habenden Tür in den anderen Raum blickte konnte ich erkennen, dass die dort mit der Untersuchung beauftragten Beamten alle Teile meiner Ausrüstung und meines Gepäcks in diesem Raum verstreut hatten. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Da ich im nächsten Jahr vorhatte, wieder eine Gruppe nach Australien zu führen, fragte ich in gespielter Sorge nach, ob mich dasselbe Verfahren erwarten würde, wenn ich – wie schon so oft – mit einer Reisegruppe ins Land kommen würde. Wenn ich eine Gruppe nur begleiten würde und einen offiziellen australischen Reiseleiter hätte, dann wäre das in Ordnung. Wenn ich aber die Führung der Gruppe selbst übernehmen würde, wäre das ebenfalls eine Straftat. Nachtigall, ick hör dir trapsen! Ich fragte, wer denn dafür verantwortlich gemacht werden könnte, wenn bei der wilden Untersuchung Teile meiner Ausrüstung beschädigt werden würden? Das könne ich der Regierung melden, es gäbe eine Beschwerdestelle, bei der ich dann würde vorsprechen können. Aha? Und so als hätte ich es geahnt, kam prompt einer der jüngeren Männer mit Teilen meines großen Stativs zu uns und fragte – nicht mit Unschuldsmiene sondern mit einem herrischen Blick – ob ich das wieder selbst zusammenbauen könne. Sie hätten es zerlegen müssen, weil auf dem Scanner nicht genau erkennbar war, ob sich etwas in den inneren Röhren befand oder nicht.

Dingos gibt es auch in Zoos – dort geht es ihnen gut
Die großen “Road-Trains” sterben langsam aus

Nun gut, diese Sicherheits-Überprüfung (als solche wäre sie der Öffentlichkeit natürlich verkauft worden wenn es dazu gekommen wäre) war nach etwas mehr als fünf Stunden wieder vorbei. Um die Demütigung zu vollenden, durfte ich mein Gepäck und meine noch immer überall verstreut liegende Photoausrüstung selbst zusammenräumen und in den dafür vorgesehenen Behältnissen verstauen. Man wollte seitens der die Untersuchung durchführenden, systemrelevanten Beamten angeblich nichts beschädigen, weil man nicht mehr wusste, wohin all der Kram gehörte. Und die umstanden mich zu Viert als ich mit dem aufräumen begann. Meine Versuche, ein lockeres Gespräch dabei zu führen, wurden gnadenlos ignoriert. Es gab keine freundliche Miene in diesem Raum. Kurz bevor ich den Raum verließ wurde mir noch ein Zettel ausgehändigt, wo ich mich würde beschweren können, falls doch etwas während der Kontrolle kaputt gegangen sei. Ich wurde nochmals wegen meiner Absichten, Photos zu machen ermahnt und auch dass ich daran denken solle, dass ich eine Straftat begehen würde, wenn ich zukünftige Reisegruppen selber führen und keine ins System eingebundene, offizielle Führungskraft bestellen würde. Ich mache den die Untersuchung durchführenden Beamten keinen Vorwurf: sie sind letztlich nicht viel mehr als die „Faust“ ihres Systems und müssen – ohne jede Chance diese Anordnungen zu hinterfragen – funktionieren, sonst drohen Sanktionen gegen ihre Person. Ich hatte mit diesen Vorgängen bereits einige Erfahrungen gesammelt, da ich als investigativer Journalist auch schon mehrfach versuchte, Strukturen aufzudecken und Informationen zu vermitteln, in denen ein desaströses Bild unserer so „gut geglaubten Wirklichkeit“ zutage trat. Im Mai des Jahres 2000 wurde ich einmal deshalb bundesweit von 200 Beamten mit Schießbefehl gesucht, weil ich angeblich einen Mord begangen haben sollte. Die Wohnungen meiner Geschwister, die meiner Eltern und die meiner damaligen Lebensgefährtin wurden überwacht oder durchsucht und keiner der an der Fahndung beteiligten Beamten hätte infrage gestellt, was ihm zu tun befohlen worden war. Und obwohl ich im Umweg über meine Pressekontakte dieses Vorgehen später in die Öffentlichkeit brachte und sogar von einer namhaften deutschen Tageszeitung (die mit den vier Buchstaben) darüber ausführlich berichtet wurde, verschwanden doch schnell alle Akten zu diesem Vorfall, so als ob er niemals stattgefunden hätte. Bei einer späteren Auseinandersetzung mit dem „System“ (einem kleinen Seitenarm des großen „Systems“ nur) habe ich auf diese Hexenjagd vom Mai 2000 rekurrieren wollen, da es aber nirgendwo einen Hinweis mehr gab, dass die Sache an sich stattgefunden habe, stellte man mir die Unterbringung in einer psychiatrischen Heilanstalt in Aussicht. Aber ich habe meine Hausaufgaben gemacht – ich kann den Vorfall noch immer sehr genau dokumentieren. Aber was würde das helfen, wenn die zuständigen Gerichte ihre Hausaufgaben nicht machen und stattdessen weisungsgebunden an ihr jeweiliges „System“ das Recht, welches sie im Prinzip vertreten sollen, selbst brechen? Ich kann verstehen, warum Menschen sich lieber nicht bewegen, denn wenn sie sich bewegen würden, würden sie ihre angelegten Fesseln zum ersten Mal spüren. Deshalb werden von der Mehrheit die modernen Helden wie Julian Assange (übrigens auch ein Australier), der die Plattform WikiLeaks gegründet und den Menschen Einblicke in das innere eines Systems möglich machte, dass seine Mitglieder täuscht, belügt und hintergeht, nicht als das was sie im Prinzip sind wahrgenommen, als echte Helden, sondern sie werden als Unruhestifter und Querulanten abgelehnt und Strafaktionen gegen sie durch die Systeme, die sie bloßstellten, werden für gerechtfertigt gehalten.

Leuchtturm am Grassy Hill auf Tasmanien
Eine Gruppe Kängurus eben dort 01
Eine Gruppe Kängurus eben dort 02

Es ist nicht nur viel leichter, einen Menschen zu belügen als ihm zu vermitteln, dass er belogen wurde. Es ist fast schon eine Unmöglichkeit ihn dazu zu führen, dass er das versteht. Und jede/r hat dafür wohl das eine oder andere kleine Beispiel? Ein rührendes und zugleich diese Unmöglichkeit aufzeigendes Beispiel dafür lieferte mir mein verstorbener Vater! Er war zwar ein intelligenter, aber im „klassischen“ Sinn nicht gebildeter Mann. Nach den Nachkriegswirren hielt er mit harter Arbeit die Familie über Wasser. Als er nach vielen Jahren der gedanklichen Vorbereitung zusammen mit meiner Mutter in die Selbständigkeit ging und die Tradition seiner Vorfahren wiederbelebte, konnte er zumindest seine wirtschaftliche Situation deutlich verbessern. Wir haben ja alle den einen oder anderen Traum? Sein Traum war es, einmal in seinem Leben einen Mercedes zu fahren. Er sparte eifrig jeden Pfennig um sich diesen Traum zu erfüllen. Zu dieser Zeit lebte ich schon längst nicht mehr im Haushalt meiner Eltern, sonst wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu diesem Fahrzeug-Kauf gekommen? Als ich eines Tages mit dem Elternhaus telefonierte wurde mir mitgeteilt, dass er voller Stolz wäre, weil er sich seinen „Mercedes“ gekauft hätte. Als ich beim nächsten Besuch das Fahrzeug im Hof in Augenschein nehmen konnte, stand dort ein sehr gepflegter weißer Wagen im Bestzustand. Mein Vater ließ es sich nicht nehmen, mir den Wagen persönlich zu präsentieren, öffnete die Motorhaube und ich konnte einen Blick in den ebenfalls in tadellosem Zustand befindlichen Motorraum werfen. Zu tadellos vielleicht? Wir fuhren eine Proberunde und mir fiel auf, dass der Motor des Wagens sich nicht so anhörte, als habe er erst 45.000 Kilometer – wie es der Tachostand auswies – Fahrleistung hinter sich gebracht und ich vermutete, dass mein Vater einem Rosstäuscher auf den Leim gegangen war. Als wir wieder an dem Haus, in welchem meine Eltern lebten ankamen, schaute ich mir die Pedalen für Gas, Kupplung und Bremse an. Sofort wurde mir klar, dass an diesem Wagen manipuliert worden war. Ein guter „Rosstäuscher“ (und das sind die meisten) denkt daran, die Gummis an den Pedalen zu erneuern, wenn er den Käufer betrügen will. Dieser Zwischenhändler hatte das vergessen und man konnte unter dem ausgetretenen Gummi bereits das Metall der Pedalen erkennen. Ich rief beim Vorbesitzer an, den ich aus dem Fahrzeugbrief als Erstbesitzer ermitteln konnte und erfuhr, dass er das Fahrzeug bei einem Kilometerstand von 170.000 Kilometern abgegeben hätte. Einen Kaufvertrag habe er allerdings nicht, der Aufkäufer hätte nicht darauf bestanden. Ich begann das Fahrzeug gründlicher zu untersuchen und musste betrübt feststellen, dass alle Fahrzeugteile, die man nicht schönen oder manipulieren konnte (speziell an der Unterseite) die Angabe der 170.000 Kilometer leider bestätigten. Mein Vater war – blind vor Freude sich seinen persönlichen Traum zu erfüllen – betrogen worden. Er hatte mit entgeistertem Gesicht mitbekommen, dass mein Zorn über diesen Betrug wuchs. Nach dem dritten oder vierten Telefonat, welches ich mit der Polizei oder einem Anwalt geführt hatte, kam er zu mir, legte mir seinen Arm auf meinen Arm und bat mich, damit aufzuhören, ich würde ihm die Freude an dem erworbenen Wagen verderben. Es kommt natürlich immer ein wenig auf die Charakter-Disposition an, aber ich kenne viele Menschen die lieber die Augen schließen als anzuerkennen, dass man sie ausgenutzt und betrogen hatte. Die Sache hat sich am Ende im positiven Sinne für meinen Vater geklärt, aber es waren einige – auch unorthodoxe – Anstrengungen nötig, um die Sache zu einem guten Ende zu bringen!

Wasserfall in den Kathrin Gorges
Und einer auf Tasmanien
Wo auch die letzten Beutelteufel leben

Wir sehen im Prinzip die Welt so, wie wir sie denken. Wer lügt und betrügt und stiehlt nimmt an, auch selbst ständig belogen und betrogen und bestohlen zu werden. Wer aufrichtig durch sein Leben geht nimmt an, dass ihm alle mit derselben Aufrichtigkeit begegnen. Vielleicht ist das auch am Beginn der Berührungen der Aborigines mit den Weißen so gewesen? Als die ersten weißen Siedler in der Nähe des heutigen Sydney landeten lebten in dieser Region etwa 8.000 Aborigines. Die Ureinwohner begrüßten die Neuankömmlinge höflich (so steht es in den alten Quellen!) und sicher waren sie sogar positiv eingenommen, weil diese Menschen, die da zu ihnen an die Küste kamen, helle Haut hatten. Sie hielten sie vermutlich für Götter? Auf jeden Fall versorgten sie sie und dachten wohl, dass diese Götter so gehen würden, wie sie gekommen waren? Aber nach nur 32 Jahren gab es an der Stelle, an der die weißen Glücksritter an Land gekommen waren, nur noch 300 Aborigines. Der Rest war vertrieben, getötet, durch Krankheiten dahin gerafft oder war von selbst gegangen. Die Ureinwohner kamen nicht klar mit dieser nun einsetzenden sozialen Umwälzung. Sie verstanden diese weißen Männer nicht. Keine ihrer Geschichten aus der Traumzeit berichtete von solchen seltsamen Lebewesen. Frühe Wissenschaftler, die wenigstens ansatzweise in der Lage waren, die Geschichte nicht nur aus der Perspektive der Überlegenheit der territorial erfolgreich agierenden weißen Rasse zu sehen sondern wenigstens den Hauch des Versuches unternahmen, die Denkweise der Ureinwohner zu analysieren, kamen vereinzelt zu dem Schluss, dass die Schwarzen es so gesehen haben könnten, dass es sich bei den Weißen um die Geister von zurückgekehrten Toten handeln müsse. Und speziell diese würden ja dann auch bald wieder gehen. Sie waren freundlich zu den Geistern, bewirteten sie sogar. Und diese Weißen? Mancher frühe Siedler, der des Schreibens mächtig war, schickte Briefe in die alte Heimat, die teilweise noch heute in den Archiven der Länder England, Schottland oder Irland liegen (ich habe solche Briefe im National Archives of Scotland lesen können). Die Aussagen waren immer gleichlautend: dass man im Krieg mit den Ureinwohnern stehen würde und dass man sie niemals anders gesehen hätte als als Feinde! So kam es zu einer schrecklichen Kriegsführung gegen die Aborigines. Die Siedler erklärten die Ureinwohner zu Geächteten, die man erschoss, aufhängte oder einsperrte bis sie zugrunde gingen. Man hätte auf Kommunikation hoffen dürfen, denn eigentlich sind die Ureinwohner Australiens ausgesprochen sprachbegabt. Noch heute beherrschen die meisten drei verschiedene Sprachen. Und zum Teil auch noch die Zeichensprache, mit der sich Angehörige verschiedener Stämme früher verständigten. Dazu verwendeten sie unter anderem gekerbte Stäbchen, die jeder verstand. Sie hatten durch Tabus und Stammesgepflogenheiten bereits Geburtenregelungen, die den Bedürfnissen der Anpassung an das karge Leben entsprochen haben und waren weit davon entfernt, ihre Reproduktionsrate nicht im Griff zu haben, wie das die europäischen Völker in blindem Vertrauen auf die ihnen vorgegaukelte Schöpfung permanent hatten und haben. Die Aborigines konnten zu jeder Zeit ihren Lebensraum schützen, auch durch Geburtenregelungen. Planet „first“ (der Schutz der Erde zuerst) war für sie das erste Gesetz zu einer Zeit, als Begriffe wie Reproduktionsrate für die Europäer noch ein Fremdwort waren. Lebt so ein primitives Volk? Aber sie hatten am Ende ihren persönlichen „weißen Mercedes“ von den Weißen gekauft und kamen dann aufgrund ihrer Unterlegenheit nicht einmal mehr dazu, die Sache zu bedauern.

Zerstörte Landschaft in Coober Pedy
Und intakte Landschaft in den zentralen McDonnel Ranges – Bild01
Und intakte Landschaft in den zentralen McDonnel Ranges – Bild02

Zurück nach Sydney zum Jahreswechsel 2000/2001. Ich war nicht ohne Grund zu dieser Zeit dort! Ich hatte nicht den Anspruch, dort meine Recherchen zu betreiben oder neue Bilder aufzunehmen um eine neue Präsentation über Australien anzufertigen. Ich wollte meinen über alle Maßen (über alle von den meisten Menschen vorstellbaren Maßen) strapazierten Geist erholen und mich als Mensch wieder erden. Ich hatte 18 Monate zuvor eine neue Lebensbeziehung begonnen, die ich heute, im Nachhinein, als die größte direkte Herausforderung meines Lebens verstehen würde. An den Nachwirkungen leide ich noch heute auch weil mir bewusst wird, dass in der größten Herausforderung auch mein größtes persönliches Scheitern lag. Ende des Jahres 2000 hatte ich den Entschluss gefasst, mich aus dieser Beziehung zu lösen. Ich sah eine Reise nach Australien, dorthin zurück, wo ich meine berauschenden, mich an innerer Größe wachsen lassenden Erfahrungen gemacht hatte, als beste Option, um mich wieder selbst auf die Füße zu stellen. Leicht fiel es mir nicht, denn ich hätte alles gegeben um aus der explosiven Beziehung eine zu machen, die wenigstens ansatzweise überschaubar und berechenbar gewesen wäre. Die Beziehung an sich war mir fast alles wert und trotzdem wusste ich – damals oft wie ein Fels in der Brandung – nicht mehr weiter. Als die erdbebenartigen Verwerfungen nicht aufhören wollten, gedachte ich, die Reißleine zu ziehen. Ich hatte allerdings nicht vor, verstohlen zu flüchten (weglaufen ist immer die schlechteste aller Optionen) und kündigte deshalb in Gesprächen mit meiner damaligen Partnerin an, dass ich diesen Schritt der Reise und der sich daran anschließenden Trennung tun würde. Mehr noch, ich hatte zu dieser Zeit klare Visionen, die sich am Tag und auch in den Nachtträumen in mein Bewusstsein schoben, dass es über alle Maßen erfolgreich werden könnte, wenn es gelänge meine damalige Partnerin dazu zu bringen, mir nach Australien zu folgen. Es wogte hin und her aber am Ende stimmte sie zu, mir eine Woche nach der Abreise zu folgen und sich mit mir in Sydney zu treffen. Da ich diese klaren Visionen, seit ich bei den Aborigines diese Erfahrung der Außerkörperlichkeit gemacht hatte, immer sehr ernst nahm, war ich am Ende froh, dass wir diesen Entschluss uns in Australien wieder zu vereinigen und es einfach noch einmal miteinander zu probieren, gemeinsam gefasst hatten. Einen Plan, was wir dort dann machen würden, fassten wir nicht. Aber dass es keine Reise direkt am Busen der Natur werden konnte, war klar. Wir wollten einen Wagen mieten und etwas Unerhörtes tun: einfach einmal der „Nase nach“ durch das Land fahren und sehen, was sich so ergab. Natürlich hatte ich vor, der damaligen Partnerin einige der besonderen Ecken des Landes zu zeigen, aber einen festen Reiseplan gab es nicht. Ich wollte möglichst allein unterwegs sein, bis es zu dem Treffen kommen würde und verstaute den größten Teil meines Gepäcks im Bahnhof von Sydney in einem großen Schließfach. Anschließend fuhr ich mit Zelt und leichtem Gepäck in die sogenannten „blue mountains“, die blauen Berge. Am Bahnhof von Katoomba verließ ich – zusammen mit einigen Hundert weiteren Tagestouristen – den Vorort-Zug und begab mich mit leichtem Gepäck und Zelt auf eine Wanderung, die ich ebenfalls „frei Schnauze“ gestalten wollte. Sicher sind die vielen Touristen im Tal der blauen Berge störend, wenn man die Einsamkeit sucht, aber schon wenn man nach dem Erreichen der Talstation, in welcher die Bergbahn vom Rand der Schlucht aus ihren Endpunkt hat, nicht mit dem Strom der Tagesbesucher nach links abbiegt, sondern seine Schritte nach rechts, tiefer in den Nationalpark lenkt, wird es schon nach kurzer Zeit möglich werden, allein zu sein. Als ich mich gute 10 Kilometer auf diesem immer weiter in die Natur führenden Pfad bewegt hatte, wurde es still. Keine Menschen mehr um mich herum, keine menschlichen Lautäußerungen mehr zu vernehmen.

Adelaide hat einige reizende Ecken zu bieten
Brisbane auch – ist aber viel tropischer
Canberra, die Hauptstadt wurde dagegen aus dem Boden gestampft
Auch das ist Canberra

Die schönste Begegnung, die ich im zweiten Teil des Tages, tief in diesem Urwald laufend hatte, war die mit einem „Lyrebird“ – einem Leierschwanz. Dieser Vogel ist ein Talent für jede Stimmnachahmung. Er kann jede beliebige Stimme täuschend echt imitieren. Er schritt majestätisch links von mir eine Weile durch das Unterholz und gab abwechselnd mal laute und dann wieder leise Töne von sich. Der Gesang des Leierschwanzes ist eine Mischung aus seinem eigenen von Geburt an gegebenen Repertoire und nahezu jedem anderen Geräusch, das er einmal gehört hat. Er hat ein angeblich unerreichtes Potential zur Nachahmung von Geräuschen jeglicher Art, ahmt mit Leichtigkeit den individuellen Gesang anderer Vögel nach und bei in Gefangenschaft aufgewachsenen Leierschwänzen wurde beobachtet, dass sie Maschinen wie Motoren oder Alarmanlagen imitieren. Ich war nicht mit meiner großen und schweren Kameraausrüstung unterwegs und hatte – zur Sicherheit – nur die kleine Spiegelreflex dabei. Und da ich nicht über endlose Massen an Rollfilmen verfügte (so musste jedes Bild mit Bedacht gemacht werden – ein großer Unterschied zur heutigen, zur digitalen Zeit) habe ich auch nur fünfmal auf den Auslöser gedrückt um Aufnahmen von dem Tier zu machen. Selbstverständlich hatte ich bei früheren Reisen diese Vögel im Wald auch schon einmal gesehen, aber noch nie so nah, so unvermittelt. Jedes Mal wenn das Geräusch des Kameraverschlusses erklang, blickte der große Vogel aufmerksam in meine Richtung. Er gab wunderschöne gurrende Laute von sich. Dann scharrte er mit seinem Fuß weiter im Unterholz und schien sich nicht mehr um mich zu kümmern. Aber beim letzten Bild ließ er durchblicken, dass er möglicherweise wirklich der König des Stimmimitatoren ist, denn sofort nachdem der Verschluss an der Kamera wieder geschlossen war, erzeugte er ein Geräusch, das dem hochklappen des Spiegels in der Kamera ähnlich klang. Der Vogel konnte spontan die Kamera imitieren. Er hat mich noch eine Weile begleitet und verschwand dann so plötzlich wie er gekommen war in dem Gewirr der Büsche und Bäume. Ein schöner Einstieg, dachte ich. Die drei folgenden Nächte, die ich wandernd tief im Blue-Mountains-Nationalpark verbrachte, sind mir bis heute als Aufenthalt in einer stillen Oase im Bewusstsein geblieben. Eine stille und in der Nacht zugleich pechschwarze Oase. Mein Zelt schlug ich immer dann auf, wenn ich gegen Abend glaubte in dem dichten Wald einen guten Platz gefunden zu haben. Diese absolute Dunkelheit die mich dort umgab. Wenn ich die Taschenlampe auslöschte konnte ich warten so lange ich wollte, um meinen Augen die Gelegenheit zu geben, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Hand unmittelbar vor den Augen war niemals zu sehen. Am Ende begab ich mich nach Sydney zurück und harrte in der Silvesternacht an verschiedenen Plätzen des Mrs Macquarie’s Chair aus und wurde so in die Lage versetzt, dass weltbekannte Feuerwerk an der bekannten Hafenbrücke gleich zweimal zu erleben. Die Fahrt mit dem Aborigine-Taxifahrer zum Flughafen, als ich erklärt bekam, warum ich so oft von den Kindern der Ureinwohner umgeben war, fand auch im Rahmen dieser ungewöhnlichen Tour statt.

Gelbhaubenkakadu im Stadtpark von Sydney
Blue Robin im Stadtpark von Melbourne
Lachender Hans auf einem Zeltplatz in New South Wales
Ein Jabiru-Storch im Kakadu Nationalpark
Wo auch dieser Reihe zuhause ist
Nur die Wombats wühlen an anderer Stelle lieber!

Was ich hoffte, richtig erspürt zu haben, war die in Aussicht stehende Geburt einer weiteren Tochter. Im Prinzip waren meine damalige Partnerin und ich überein gekommen, dass wir gerne noch ein gemeinsames Kind würden haben wollen. Das erschien auch deshalb logisch, da sowohl sie als auch ich bereits Kinder hatten und die Familienbindung sich dadurch hätte verbessern können. Aber in dieser „schwierigen Zeit“ in der der emotionale Hyper-Stress unser aller Leben bestimmte, war es nicht gelungen, schwanger zu werden. Frauen die hohe Stresshormon-Werte haben, sollen ja bekanntlich eine fast 50 Prozent geringere Chance haben schwanger zu werden als Frauen mit niedrigem Stresslevel. Einfach mal so Beine und Seele baumeln zu lassen, war für meine damalige Partnerin, eingebunden in den Alltag, offensichtlich aber eine absolute Unmöglichkeit? Sich einfach mal nicht so leicht stressen lassen ist wesentlich leichter gesagt, als getan! So hoffte ich darauf, durch die gemeinsame Reise durch das Land, nicht nur ein Fenster zu einer meiner ehemaligen Partnerin bis dato unbekannten Welt aufzustoßen, sondern vielmehr auch, dass durch die Entschleunigung und das herauslösen dieser Person aus dem Alltagsgeschäft die nötige Ruhe eintreten würde, um unsere Pläne zu einem positiven Abschluss zu führen. Nachdem wir nach unserer Wiedervereinigung mit dem Zug vom Flughafen in die Innenstadt zurück gefahren waren, erlebten wir etwas nie zuvor für möglich Gehaltenes! Ich war nun ja schon häufiger in Sydney gewesen und habe dort – auch mit den Reisegruppen – gerne einmal die Sydney Monorail genutzt. Diese schöne Verkehrsverbindung, die den Innenstadtbereich Sydneys in einer weiten Runde optimal verband, fuhr zwischen 1988 bis Juni 2013. Leider wurde sie zugunsten der Errichtung des Sydney International Convention-Komplexes mittlerweile demontiert. Die Bewohner/-innen und Besucher/-innen der größten und ältesten australischen Stadt haben diese Verbindung immer sehr gerne genutzt. In den Zeiten, in denen die Menschen zu ihren Arbeitsplätzen oder von dort wieder nach Hause strömten, war die Bahn stets extrem voll. Aber an diesem frühen Morgen des 01. Januar 2001 war der gesamte Zug leer – fuhr aber trotzdem! Ich konnte es kaum fassen und so blieben wir drei volle Runden als einzige Passagiere in dem Zug, bis dann an der Station „Darling Harbour“, am Ende der dritten Runde die erste weitere Person in den Zug stieg. Nur erfahrene Sydney-Kenner und -liebhaber, die die Stadt bereits besucht haben werden ermessen können, was es bedeutet, drei Runden lang diesen Zug ganz allein genutzt zu haben. Nun, die anderen Menschen der Stadt lagen nach den exzessiven Feierlichkeiten wohl noch alle in den Federn?

Gigantische Eukalyptuswälder in West-Australien
Wo es in den weiten Ebenen auch viele Kängurus gibt.
Perth liegt ebenfalls dort und ist noch immer eine Boom-Town

Wir mieteten uns einen normalen PKW und fuhren – wie wir es geplant hatten – der „Nase nach“ aus der Stadt hinaus. Das bedeutete natürlich nicht, dass wir uns komplett treiben ließen. Aber die Regionen hinter dem Blue-Mountains-Nationalpark waren mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Wir suchten (und fanden) deshalb die A32 und schauten mal, wie sich das „kultivierte“ Australien nach und nach verabschiedete und in eine aride Halbwüste überging, die schon recht stark an die Regionen des Roten Zentrums erinnerte. Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden, schrieb es einmal der österreichische Schriftsteller Franz Kafka. Aber Schönheit liegt ja auch immer im Auge des Betrachters? Und es kommt wie immer darauf an, welchen Platz man in der Gesellschaft, in die man hinein geboren wurde, der einem angeboten wurde in dem jeweiligen System das diesen Platz zur Verfügung stellte und den man annahm, wie man sich individuell entwickelt hat. Ich habe zumindest immer versucht ein Mensch zu sein, der nicht einmal kurzzeitig schlechte Laune verbreitet, auch weil es an handfesten Gründen dafür mangelte. Unsere jeweilige menschliche Charaktereigenschaft, die sich offenbar im Laufe des Lebens entwickelt, fußt ja an der Basis auch auf diesem „Platz“, den man in seinen Gesellschaften eingenommen hat. Die Aborigines, die ich bis zu diesem Zeitpunkt traf, waren immer von einem ganz anderen Typus – egal ob sie alt oder jung waren. Ich hatte trotz aller bitteren Geschehnisse, die ihren Leben in den letzten zwei Jahrhunderten bestimmten, immer die Auffassung, dass sie das Gegenteil eines Schwarzmalers oder permanent Unzufriedenen waren. Alle die ich im nüchternen Zustand traf, strahlten förmlich aus ihrer Mitte heraus in einer gewissen Zufriedenheit, ihre Augen leuchteten und ihre Gesichter waren oft voller Milde oder zumindest Freude. Sie suchten sich zwar aus, welchen Mitmenschen sie auf eine ruhige und freundliche Art entgegen treten wollten, fesselten diese Personen, auf die sie zugingen aber schon allein durch die Art ihres Auftretens. Von ihnen ging für mich immer ein Geheimnis aus, über dessen Ursprung ich gerne mehr erfahren hätte. Und gerne hätte ich meiner damaligen Lebensgefährtin auch die Chance eröffnet, diese Ruhe auch zu erleben und wenn möglich, aufzunehmen. Leider war der erste Kontakt, den wir mit einer Gruppe von Aborigine-Frauen in dem kleinen Ort Dubbo hatten als wir eine kurze Rast machten um an einer Tankstelle unser Fahrzeug zu betanken und ein paar Dinge einzukaufen, unbefriedigend. Etwa 200 Meter von uns entfernt standen einige Ureinwohner an einem Pritschen-Jeep und einige der Frauen blickten in unsere Richtung. Ihre Grundstimmung uns gegenüber war nicht freundlich, was ich eher durch ein Gefühl als durch optische Beweise festmachen konnte. Ihre Gesichter waren zu weit weg, als dass ich hätte darin lesen können. Es war einfach ein Gefühl, welches eindeutig von dieser Frauengruppe ausging und über den flirrenden Asphalt und den Straßenstaub bis zu mir kam. Die in diesem Gefühl enthaltene Botschaft lautete schlicht: „bleibt weg“. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich traurig darüber, diese Ablehnung zu spüren. Am Ende tröstete ich mich damit, dass es ja eine Gruppe von Frauen war, die dort bei diesem Jeep stand. Und die Frauen der Ureinwohner Australiens öffnen sich nicht so leicht für Außenstehende wie die Männer das tun. Es war das erste Mal, dass ich in der unmittelbaren Nach-Weihnachtszeit in Australien war. In dieser teils sengenden Hitze, die das Thermometer jeden Tag an die 40° Grenze trieb, konnte ich absurde Situationen bemerken. Speziell die Traditionen der Weihnachtszeit im modernen Leben dort so hautnah zu erfahren, beeindruckte mich und belustigte mich oft zugleich. Tradition ist das kulturelle Erbe, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wissen und Können gehören ebenso dazu, wie Rituale, moralische Regeln, ob sie nun vernünftig sind oder nicht. Aber Traditionen im Sinne von „Brauchtum“, die uns bei Festen und Feiertagen begegnen, diese sogenannten Brauchtumstraditionen, generieren in den heißen Wüsten Australiens, in denen die christlich orientierten Nachfahren der Europäer/-innen leben, geradezu eine absurde Situation nach der anderen. Traditionen sollen allgemein eine lebendige Brücke zur Kultur unserer Vorfahren schaffen und deshalb ist es auch kein Wunder, dass die meisten traditionellen Feste stark von den vorherrschenden Religionen geprägt werden. Das wird bei Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten besonders deutlich. Unsere Leben sind mithin viel stärker von Traditionen bestimmt, als uns bewusst ist. Thomas Morus, der Jugendfreund Heinrich VIII. von England traf es mit seiner Erklärung, dass Tradition nicht bedeute, dass man das Halten der Asche im Sinn haben soll, sondern das Weitergeben der Flamme. Traditionen werden irgendwann alle problematisch, vor allen Dingen dann, wenn ihr ursprünglicher Sinn verloren geht oder die Situationen im Leben sich vollkommen geändert haben. Vernunft wird dann zu Unsinn und jede Wohltat wird zur Plage.

Wilde Küste in der Nähe von Albany in West-Australien
Wilde Küste im Osten des Kontinents
Sanfte Küste im Norden des Kontinents

So wie in allen anderen Ländern dieser Welt, in denen das Christentum die Menschen dazu auffordert, zur Weihnachtszeit in festliche Stimmung zu geraten und bei glänzender Stimmung zu sein, interpretieren die Menschen auch in Australien diese Vorgabe mittlerweile oft so, dass sie ihre Häuser und Vorgärten in ein Meer aus Licht verwandeln sollen. Die Weihnachtsbeleuchtung nimmt immer extremere Ausmaße an und Vernunft ist bereits zu komplettem Unsinn und die Wohltat zur absoluten Plage geworden. Mancher Enthusiast schmückt sein Eigentum zur Adventszeit mit einem grellen Gewimmel aus Lichterketten und Figuren. Gerne untermalt von mehr oder weniger besinnlicher Musik. Und während unsere Denkmuster diesem Wahnsinn in unseren Breiten noch ein gewisses Recht zu existieren einräumen, auch weil es die gewohnte und erwartete Umgebung (Berge, Schnee, kalte Temperaturen) dafür gibt, so fällt diese letzte Latte der Toleranz schnell, wenn man dieselben Lichterketten und Rentiergespanne, dieselben gigantischen, übervoll geschmückten Weihnachtsbäume und Krippendarstellungen im heißen Wüstensand Australiens sieht. Wir oft haben wir angehalten und in schierem Unvermögen, diese Absurditäten in den Vorgärten – in denen es oft nicht einmal einen Hauch von Grün gegeben hat – zu begreifen, unsere Köpfe geschüttelt! Wären wir eine Woche später hier gewesen, dann hätten die Bewohner dieser Häuser ihren Weihnachtskram bereits wieder in den Kisten verpackt. Der erste Teil unserer Reise wurde dadurch zu einer Erlebnistour der besonderen Art. So hatte ich Australien noch nie erlebt! Meine damalige Begleiterin war in Bezug auf diesen fernen Kontinent vollkommen unerfahren und hatte im Prinzip auch keine Ideen mit hierher gebracht. Sie vertraute sich meiner Führung an – ich sollte mal machen! Ich hätte es in den uns zur Verfügung stehenden, verbleibenden dreieinhalb Wochen, gerne versucht, bis zu den Highlights rund um Alice Springs zu kommen um den Kernpunkt der Spiritualität vieler Aborigines zu besuchen, aber dieses Ansinnen gab ich nach kurzer Zeit wieder auf, denn zu viel Natur konnte meine damalige Partnerin ganz offensichtlich nicht verkraften. Ich fügte mich, da wir unseren persönlichen Fokus ja auf eine andere Sache gelegt hatten. In der ersten Nacht in den ariden Halbwüsten Australiens versuchten wir wenigstens eine Nacht im Zelt am Rande einer kleinen Siedlung, deren Licht noch bis zu dem Platz, den wir uns für die Übernachtung ausgesucht hatten, zu sehen war. Es kann durchaus als kontraproduktiv bezeichnet werden, dass der Polizist, der in dem kleinen Ort seinen Dienst versah, noch bei unserem Lager vorbei schaute und diverse „Tipps“ gab. „Beware of the snakes“ (achtet auf die Schlangen) war eine seiner Empfehlungen! Dass meine Begleiterin danach das Zelt nicht mehr verließ, auch weil sie wusste, dass die sieben giftigsten Schlangenarten der Welt auf dem Boden Australiens leben, war zumindest mir klar, da ich sie kannte und wusste, dass sie panische Angst vor Schlangen hatte. Warum also hatte sie etwas getan, was sie gar nicht tun wollte? Sicher ist es jedem von uns schon einmal passiert, dass wir Ja gesagt haben, obwohl wir lieber Nein gesagt hätten? Das Gefühl, jemandem etwas recht zu machen vielleicht? Oder hatte Sie sich zu etwas überreden lassen, wozu sie eigentlich keine Lust hatte? Es kommt wohl immer auch auf die Erziehung und die Disposition des individuellen Charakters an. Nein zu denken und ja zu sagen ist sicher kein einzelnes Phänomen? Es gibt natürlich manchmal Situationen, die wir anfänglich widerwillig tun, wozu wir uns überreden lassen und die uns dann doch Spaß machen. Manchmal lassen wir uns dazu bringen, etwas auszuprobieren, einfach um zu wissen wie es sich anfühlt. Wenn es gut läuft, haben wir dann durch dieses Ja eine neue Erfahrung gewonnen und eventuell sogar unsere Leben bereichert. Wenn aber die Bereicherung nicht einmal in Aussicht steht, dann stellt sich die Frage, warum jemand zu etwas Ja gesagt hat? Die Rundreise dort fühlte sich für meine Partnerin definitiv oft nicht gut an und sie wird sich manches Mal gefragt haben, wie sie aus der Situation wieder herauskommt. Fast alle Kinder dieser Welt machen die Erfahrung, dass sie nur gemocht werden, wenn sie sich anstrengen, noch besser oder braver oder angepasster sind. Jeder entwickelt deshalb so seine eigene Überlebensstrategie, die in der Kindheit angelegt wird. Über diese antrainierten Verhaltensweisen schafft es das Kind, gefühlt zu überleben und dieser Antrieb ist es oft der auch Erwachsene versuchen lässt, es immer noch weiter zu „schaffen“. Das häufige ungewollte Ja sagen ist aber mit der Zeit unglaublich anstrengend – so als ob man jeden Tag einen schweren Rucksack auf dem Rücken mitschleppen müsste, in dem bleischwer die eigenen Ängste hocken. Spätfolgen oder Auswirkungen davon sind zum Beispiel Existenzängste, Verlust des Ansehens, der Anerkennung und der Liebe, der Gesundheit oder letztendlich sogar des Lebens.

Der Mount Roland auf Tasmanien
Lake Dove, ebenfalls auf Tasmanien
Küste im Freycinet-Nationalpark – ebenfalls auf Tasmanien
Hier lebt und räubert auch der Quoll

Aber es gab tatsächlich einen gewichtigen Grund für meine damalige Partnerin, den Schritt nach Australien zu wagen: ein Tier namens Wombat! Als wir 1992zig während der zweiten „Jeep-Reise“ durch den Kontinent unterwegs waren, hatte ein motiviertes Mitglied der Reise-Gemeinschaft einen „Wombat-Fanclub“ gegründet. Wer dieses knuddelige Tier kennt, ahnt vielleicht warum? Im direkten Vergleich zum sein Leben zum Teil recht wüst lebenden Koala ist der Wombat ein sanftes Geschöpf! Er sieht aus wie ein kleiner Bär, lebt auf dem Boden und in Höhlen und seine Vermehrungstechnik ist weit von dem gewaltvollen Gehabe der Koalas entfernt. Es gibt Nacktnasen- und Haarnasenwombats und dass der bis zu 40 Kilogramm schwere und maximal 1,20 Meter lange Kerl seine Exkremente in Würfelform ausscheidet, lässt ihn eher interessanter und nicht unsympathischer wirken. Es ist nicht selbstverständlich, einem Wombat in freier Wildbahn zu begegnen. Die Grundvoraussetzung, die ein Wombat sucht, um seine Existenz zu führen ist geeignete Erde zum Anlegen von Höhlen. Ihre Wohnhöhlen bilden komplexe Tunnelsysteme und Wombats sind nacht- und dämmerungsaktiv! Tagsüber bleiben sie meistens in ihrem Bau. Auf viele Menschen wirken sie wie überdimensionierte Hamster, vor allen Dingen dann, wenn sie aus ihren Bauten kommen und mit der Nahrungsaufnahme (Gras und ähnliches Grünzeug) beginnen. Im Gegensatz zum Koala sind sie nie bekifft oder berauscht und führen deshalb ein ganz gesittetes, vorzeigbares Wombat-Leben. Tagsüber sieht man sie in der Regel maximal tot am Straßenrand liegen, wenn sie in der Nacht zuvor unter die Räder gekommen sind. Der Wombat also! In diversen Programm-Formaten (Fernsehen und Radio) gibt es seit einigen Jahren Sendungen, die darauf abzielen, dass Volk entweder durch dumme Fragen (in der Hoffnung, entsprechend dumme Antworten zu erhalten) oder durch bewusste Falschmeldungen zu unterhalten. Die kuriosen und witzigen Antworten sind ein Garant dafür, dass das Volk sich entsprechend unterhalten fühlt. Die einen ziehen durch Fußgängerzonen und testen – vorgeblich – das Wissen der Menschen, sind aber im Prinzip nicht daran interessiert, sondern hoffen darauf, mit Antworten des stumpfen Sinns die Massen zu unterhalten und das sich blöd verhaltende Individuum bloßzustellen. Erlaubt ist dabei, was Quote bringt. Wenn es sich um Ideen handelt, die noch eine „gewisse“ Klasse haben, dann kommen zum Teil amüsante Geschichten dabei heraus, die wenigstens in die Richtung weisen, dass es nicht nur um das Aufspüren der Dummheit geht. Die Schwester meiner damaligen Lebensgefährtin wandelte in ihrer Tätigkeit als Rundfunkmoderatorin auch gelegentlich auf den Spuren eines Bodo Bach (der mit den Scherzanrufen und der zur Legende gewordenen „ich hätte da gerne mal ein Problem“ Gesprächseinführung) und überlegte sich lustige Anekdoten, um dann selbst solche Scherzanrufe zu tätigen. Ihre beste Geschichte war die, dass ihr angeblich ein Wombat zugelaufen sei, wobei sie diese Information an den Direktor des Kölner Zoos übermittelte. Und diese Wombat-Geschichte wurde zu einem immer wieder aufgeworfenen Gesprächsthema zwischen den beiden Schwestern. Einmal einen „echten“ Wombat in freier Natur zu sehen oder einen solchen im günstigsten Fall in die Arme nehmen zu können, kann also durchaus als wesentliche Motivation verstanden werden, dass meine damalige Lebensgefährtin den weiten Weg nach Australien in Angriff nahm. Ich wollte ihr natürlich gerne mit meinen Kenntnissen hilfreich zur Seite stehen, damit es möglich wurde, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Das Problem mit den in freier Wildbahn lebenden Wombats ist aber, dass sie keinerlei Interesse daran haben, sich von Touristen – auch wenn sie ihnen noch so positiv gegenüber eingestellt sind – in den Arm nehmen zu lassen. Wir mussten also den Versuch unternehmen, einen Wombat in einer der Aufzuchtstationen des Landes in vorübergehenden Gewahrsam zu nehmen. Diese Aufzuchtstationen sind in der Regel auch gut mit jungen Wombats aller Altersklassen gefüllt, denn die Wombat-Weibchen tragen ihre Jungen in einem Beutel am Bauch, so wie auch die Kängurus. Aber bei den Wombats ist dieser Beutel falsch herum! Er öffnet sich nach hinten. Dass die Wombats im Verlauf ihrer Entwicklung den Beutel so platziert haben, ist durchaus verständlich, denn nur so können die Mütter graben, ohne dass Erde zu dem Jungtier in den Beutel gelangt.

Der Shrine of Rememberence in Melbourne. An wen sich hier wohl erinnert wird?
Für den Planeten haben sie keinen Nutzen, die “neuen” Australier
Die seit 2013 nicht mehr verkehrende Monorail in Sydney
Spieglein, Spieglein…………..
……..an der Wand…………
……..wer ist die Schönste…….
………im ganzen Land? Sydney vielleicht?

Was aber die Wombat-Evolution als sinnstiftend erfand, wurde durch die Ankunft des weißen Mannes (und seiner Frauen) zu einem ernsten Problem! Viel häufiger als vor dieser „Ankunft“ wurden die ein Jungtier im Beutel tragenden Mütter nun erschreckt oder sogar in Panik versetzt! Seit der Verkehr auf den Straßen immer mehr zugenommen hat, wurde diese Entwicklung ebenfalls mehr und mehr verstärkt. Die Wombat-Mama flüchtet in wildem Galopp und verliert dabei oft genug ihr Jungtier, welches ihr auf der Flucht schlicht einfach so nach hinten aus dem Beutel herausfällt! Da die Wombats Australiens sich aber nicht innerhalb von wenigen Jahrzehnten umstellen und ihre Körper an die neue Situation anpassen konnten (sie hätten zum Beispiel Reißverschlüsse an ihren Beuteln ausprägen können), verlieren immer wieder mal die Mütter ihre Kinder. Und? Nun, der Wombat hat viele Freunde! 2005 wurde sogar ein jährlicher Ehrentag für die Wombats ins Leben gerufen um den Tieren mehr Aufmerksamkeit zu schenken und sie bekannter zu machen. Die kleinen, nach der Mutter rufenden Wombats, werden eingesammelt und in diesen Aufzuchtstationen zu richtigen Wombats aufgepäppelt. Deshalb konnte es nur einen möglichen Weg geben, einen richtigen Wombat in die Arme zu nehmen: in einer solchen Aufzuchtstation. Da Phillip Island an unserer zufälligen Reiseroute lag und ich den dortigen Phillip Island Nature Park gut kannte, wusste ich auch, dass es dort neben einem Freilaufgelände, auf dem man alle bekannten Tiere des Kontinents zu Gesicht bekam, auch einen Bereich gab, in dem Wombats aufgepäppelt wurden. Ich hätte meiner damaligen Reisegefährtin eigentlich gar nicht zugetraut, wie flink und behände sie über die Trennmauer klettern konnte, um einen jugendlichen Wombat für ein Photo in die Arme zu nehmen. Das Ganze musste natürlich in großer Eile geschehen, denn der Wärter, der für diesen Teil der Anlage zuständig war, hatte vielleicht nur kurz den Raum verlassen? Und auch wenn diese Reise von Außen betrachtet in gewisser Weise bedeutungslos erscheinen konnte, weil die großen Abenteuer oder die großen Begegnungen fehlten, ist sie für mich persönlich doch zu der Reise geworden, die die weitreichendsten Folgen aller Touren nach Down-Under nach sich zog. Ich wusste ab einem gewissen Zeitpunkt, dass meine damalige Lebensgefährtin schwanger geworden war. Die Zeichen dafür verdichteten sich, aber dafür musste ich bereit sein, gewisse „Zeichen“ in der uns umgebenden Natur zu berücksichtigen. Mir fiel zum Beispiel auf, dass die australischen „Elstern“ (Australian magpie genannt / deutsch-wissenschaftlich Flötenkrähenstar) sich bei unseren Stopps immer nur hinter ihr und neben ihr versammelten. Der Vogel wird von einigen Aborigine-Völkern als Fruchtbarkeitssymbol verstanden und Larry hatte mir bei meinem Aufenthalt in dem wilden Camp auch einmal etwas darüber berichtet, was aber zwischenzeitlich wieder aus meinem Erinnerungsraum verschwunden war. Jetzt meldeten sich diese Erzählungen zurück bis ich mir am Ende absolut sicher wurde, dass es nun doch zu einer Schwangerschaft gekommen war. Im Prinzip ein weiteres „australisches Kind“ (später als weiteres „australisches Mädchen“ auf die Welt gekommen). Ich war mit meinem „todsicheren Gefühl“ natürlich allein und die spätere Mutter wollte es erst einmal partout nicht glauben.

Buddelnde Schnabeligel überall im Land
Wunderschön anzusehende Spinnen
Endlos lange Straßen
Oft auf rotem Grund

Und die Aborigines? Fehlanzeige, auf der gesamten Reise haben wir keinerlei Kontakt zu ihnen bekommen und doch gab es ein Ereignis, welches ich nun wieder als „von einer Zeugin begleitet“ darstellen könnte. Gegen Ende der Reise kamen wir nach Melbourne. Australien litt im Januar 2001 unter einer gewaltigen Hitzewelle und in den Straßen der gigantischen Metropole, die ja nur „etwas“ kleiner ist als Sydney, waren wochenlang Temperaturen von über 40° (tagsüber) zu beklagen. Es war daher fast unmöglich, sich die ganze Zeit im Freien aufzuhalten und die von gewaltigen Klimaanlagen gekühlten Innenbereiche der großen Shopping-Zentren waren die einzige Möglichkeit, der unfassbaren Hitze zumindest zeitweise zu entkommen. Wir hatten gerade im Kaufhaus Myer eine solche Hitze-Pause gemacht und waren auf der extrem belebten und an Menschen vollen Bourke Street unterwegs, als ich einen Didgeridoo-Spieler vernahm. Erst war er noch weit weg und zwischen all dem Lärm der Straße kaum zu hören und aufgrund der vielen Tausend Menschen, die zu diesem Zeitpunkt dort umherliefen, noch weniger zu sehen. Aber je näher wir kamen, desto stärker richteten sich meine Nackenhaare auf. Bald wurde mir klar, dass es sich um einen Aborigine handeln musste, sonst hätte ich nicht so stark auf diese Töne reagiert. Ich sagte das meiner Reisebegleiterin auch und sie fragte, woher ich das wissen würde, es könne doch auch ein begabter „weißer“ Australier sein. Ich wusste es einfach und meine Neugier – ob ich denn mit diesem Bauchgefühl richtig lag – wuchs. Ich hatte den Eindruck, als hätte mich der Spieler wahrgenommen. Als wir noch etwa 50 Meter von der Geräuschquelle entfernt waren tat sich etwas kaum zu Erklärendes: der Strom der Menschen, der bis dahin jeden Blick auf den Spieler allein durch die schiere Masse Mensch unmöglich gemacht hatte, trennte sich auf der gesamten Länge zwischen uns und dem Spieler. Das im ersten Artikel erwähnte Zufallsprinzip konnte hier kaum als Erklärung herangezogen werden, denn es wäre auch durch Ordnungskräfte kaum möglich gewesen, die Massen so zu sortieren, dass eine Blickachse zu dem Didgeridoo spielenden Aborigine hätte ermöglicht werden können. Die Blickachse hielt für etwa 5 Sekunden und in diesen 5 Sekunden blickte mir der Aborigine – während er weiter spielte – frontal in die Augen. Diesen Moment bemerkte auch meine damalige Partnerin und kommentierte ihn mit einer spürbaren Fassungslosigkeit. Dann schloss sich die Blickachse wieder und wir setzten unseren Weg weiter fort. Ich wollte aber unbedingt noch einen „Nachschlag“ aus den Augen dieses Mannes und führte uns durch die Leiber der uns entgegen strömenden Menschen hindurch zu ihm hin. Er hatte nicht aufgehört zu spielen, doch als wir ihn endlich in einem Abstand von etwa drei Metern erreichten und zu ihm hinsahen, nahm er das Instrument vom Mund, grüßte mich durch eine Geste seiner Hand und nickte mir wohlwollend (ohne dabei sein Mienenspiel zu verändern) zu. Danach spielte er weiter und schien mir sofort sehr versunken dabei zu sein. Wir haben an diesem Tag noch lange über dieses Vorkommnis gesprochen und ich war froh, dass einer Partnerin, die ich im Prinzip für den Rest meines Lebens ausgewählt hatte, eine solche Situation geboten worden war. Aber Partnerschaften kann man einfach nicht planen! So ist das auch mit den „geplanten Zeugen“. Lebenslinien laufen auseinander, Freundschaften zerbrechen und das in unserer von Hysterie geprägten Zeit auch oft in Verbindung mit erbebenartigen Brüchen, die alles vergessen lassen, was einmal verband.

Mächtige tropische Gewitterwolken in der Nähe von Darwin
Unfassbar intensive rote Farben im Zentrum
Mit exotischen Bewohnern: hier dem Dornteufel
Die Trephina Gorge wird für mich immer eine besondere Bedeutung haben.

Es ist ja prinzipiell richtig, den Beweis für Gehörtes oder Gesehenes anzustreben, wenn man sich nicht schlüssig über das Erlebte ist. Andererseits ist die permanente Suche nach dem „Beweis in allen Dingen“ auch ein Zeichen dafür, dass wir den Zugang zu unserer Mitte nicht mehr spüren. So entstehen Probleme, gerade auch durch die sogenannten „Zeugen“. Viele Menschen hängen ihre Fähnchen nach jedem Wind, der ihnen eine Verbesserung oder Stabilisierung ihrer Lebenssituationen verspricht. Und es gibt immer und überall auch Beharrungs- oder Gegenkräfte, die schlicht kein Interesse haben, dass neue Erkenntnisse gewonnen werden, an denen sie nicht unmittelbar partizipieren. Zeugen umzudrehen und sie zu motivieren, etwas anderes zu sagen um die Wirkung einer neuen Idee abzuschwächen ist ebenfalls so alt wie die modernen Kulturen selbst. Diese einmal erlebte offene innere der Welt der Aborigines, die ich zumindest ansatzweise erleben konnte, tritt tatsächlich immer wieder einmal zutage. Wie würde die genannte Zeugin, die ehemalige Lebensgefährtin wohl reagieren, wenn sie zu einem Ereignis befragt werden würde, welches wohl nur von wenigen Menschen nach dem Zufallsprinzip bewertet werden würde? Ihr Vater litt in den letzten beiden Jahren seines Lebens an einer extrem belastenden Krebs-Erkrankung. Die Situation war mitunter schwer zu ertragen, Situationen die sicher viele Menschen kennen. Zum Schluss wird so eine Krankheit für die Angehörigen oft nur noch ein banges Warten auf den Tod der Person die dabei ist, sich aus dem Leben zu verabschieden. Nach einem Besuch im Krankenhaus, etwa vier Wochen vor dem Tod des Vaters, kam meine ehemalige Partnerin sichtlich erschüttert aus dem Krankenhaus wieder zu unserem Fahrzeug zurück. Ich wusste, welche Frage sie stellen würde, nachdem sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, ich wusste die Antwort darauf und wusste ebenfalls, welche Begründungen ich für meine auf ihre Frage folgenden Antworten anführen musste um die Sache für sie glaubhaft erscheinen zu lassen. Sie wollte wissen, wann diese Leidenszeit endlich vorüber sei, vorüber für alle, den sterbenden Vater und die leidenden Angehörigen. Ich tat sogar so, als würde ich nachdenken oder überlegen müssen, nannte dann den Tag, an dem der Mann aus dem Leben gehen würde und schob die Begründung hinterher. Sie war mit offenen Sinnen zum Fahrzeug zurück gekommen und hatte damit die Grundlage gelegt, dass ich dieses sichere Wissen abrufen konnte. Ich lag richtig, wie sich fast drei Wochen später herausstellen sollte. Alle in ihren jeweiligen Paralleluniversen lebenden Menschen haben unterschiedlich ausgeprägtes Erinnerungsvermögen. Selbst wenn wir ein Ereignis von zwei Personen gleichzeitig beobachten lassen, und diese zwei Personen dazu dieselben Erklärungen erhalten, werden beide Zeugen zu einem späteren Zeitpunkt unterschiedliche Erinnerungen an das Vorgefallene haben. Als Kind von etwa 12 Jahren gab es in einem Sportverein, der genau gegenüber des Hauses lag, in dem wir als Familie wohnten, auch eine Gaststätte und in dieser Gaststätte stand – was für die damalige Zeit etwas besonderes war – ein sehr modernes Flipper-Gerät. Wann immer wir Jungs aus der Siedlung mal ein paar Groschen dafür übrig hatten, traf man sich an dem Gerät um den anderen zu zeigen, dass man besser war – oder eben schlechter wenn es nicht gut lief. Ich hatte von meiner Mutter etwas Geld bekommen um mal eine Runde an diesem Apparat zu spielen. Ich war gut, konnte mit den „Flippern“ und der Kugel gut umgehen und hatte mir so schon so manches Mal den Respekt (der in meiner Herkunfts-Siedlung aber nur als Neid oder Ablehnung deutlich gemacht wurde) meiner Mit-Jungs verdient. Als ich dort ankam, stand mein älterer Bruder dort, wo ich eigentlich stehen wollte. Ich ärgerte mich, weil ich mich bereits darauf gefreut hatte nun selbst zu spielen, auch weil ich ich wusste, dass er ebenfalls „gut“ darin war, dieses Gerät zu bedienen und das kostenpflichtige Spiel durch den Gewinn von Freispielen zu verlängern. Er hatte gerade sein letztes Spiel begonnen und die erste Kugel abgeschossen als mich dieses komische Gefühl beschlich. Ich wusste weder etwas von einem Bauchgefühl noch von der Existenz von Ureinwohnern in Australien. Aber ich sagte ihm – halb im Spaß und halb im Ernst – dass er doch gleich aufhören könne, weil er nicht mehr als soundso viele Punkte erreichen würde. Wer sich mit diesen Spiel-Apparaten auskennt wird wissen, dass es dabei eine Anzeige gibt, auf der der jeweilige Spielstand „live“ von allen Umstehenden mitverfolgt werden kann. Die Anzeige war achtstellig und bei jeder x-beliebigen Berührung der Kugel mit einem Gegenstand auf der Spielfläche gab es Punkte. Das richtige Ergebnis vorherzusagen wenn man – wie beim Lottospiel – riet, war damit eine fast schon echte Unmöglichkeit. Wenn das Ergebnis zwischen 0 Punkten und 99.999.999 Punkten (realistisch gesehen, denn nie hatte es jemand geschafft, derart viele Punkte zu sammeln) liegen kann und man nur eine Ziffer dazwischen nennen darf, liegt die Chance, richtig zu liegen eben mal nur bei 1 zu 99.999.999. Man muss kein Mathematiker sein um die Chance zu berechnen, wie realistisch ein Treffer wäre. Als mein Bruder die Kugel abgeschossen hatte, hörte ich mich sagen – da liegt ein Unterschied, denn ich sagte es nicht, ich hörte mich sagen – dass er doch garnicht erst anfangen müsse, weil er lediglich soundso viele Punkte erreichen würde. Es war eine sechsstellige Zahl – die ich natürlich mittlerweile wieder vergessen habe – was bedeutete, dass er das Gerät nur wenige Minuten lang blockieren würde. Die Zahl kam, exakt bis auf die letzte Ziffer. Mein Bruder drehte sich kurz um und meinte, dass ich da aber ganz schön Glück gehabt hätte. Er schoss die zweite Kugel ab und ich wusste wiederum genau (wieder bis auf die letzte Ziffer), welchen Score er erreichen würde. Als sein zweites Spiel zu Ende war, drehte er sich kurz zu mir um und fragte „wie machst du das bloß, das gibt es doch garnicht“! Ich war innerlich erfreut und schockiert zugleich. Das dritte Spiel ließ ich unkommentiert, auch wenn ich wusste, dass er bei diesem Spiel nicht ganz so schnell fertig werden würde. Die Sache an sich war mir innerlich unangenehm geworden und ich hielt lieber den Mund. Aber auch das Ergebnis der dritten Runde stimmte am Ende mit dem Ergebnis überein, dass ich vorhergesehen hatte. Mein innerer Fokus lag aber darauf, dass ich selbst spielen wollte und dankbar trat ich an seine Stelle, nachdem seine letzte Kugel im Auslauf des Apparates verschwunden war. Ich habe darüber lange nicht gesprochen, es einfach als Erinnerung in mir bewahrt. Erst vor ein paar Jahren, als ich mit meinem Bruder in eine Diskussion über den Sinn und den Unsinn des Lebens diskutierte und deutlich wurde, dass unsere Entwicklung uns in zwei diametral von einander entfernt liegende Bereiche geführt hatte, sprach ich dieses Ereignis noch einmal an. Ich unterstelle meinem Bruder nicht, dass er sich nicht erinnern wollte. Er konnte es nicht, es war nicht sein Moment sondern nur ein flüchtiger Gedanke, der nicht ihn selbst, sondern einen anderen betraf. Später habe ich versucht mich selbst zu analysieren, warum ich beim dritten Ergebnis schwieg und habe die Antwort darauf erst noch später gefunden. Voraussetzung für so eine „späte“ Selbstanalyse ist, dass man offenen Geistes ist und über ein gutes Merkvermögen verfügt! Ich hatte Angst vor den Konsequenzen die es haben könnte, wenn ich auch noch ein drittes Mal das korrekte Ergebnis vorhersagen würde. Mein „System“ in dem ich lebte, hätte dafür keine Erklärungen parat gehabt und ich befürchtete, dass es Folgen für mich haben würde, wenn ich nicht hätte erklären können, wie genau ich das gemacht hatte.

Das Great Barrier Reef auch, weil mich hier der Hai nicht fraß!
Der Meteoritenkrater von Wilpena Pound
Die Formationen im Nambung Nationalpark im Westen des Landes

Führt man nun also „Zeugen“ wie die ehemalige Lebensgefährtin oder den Bruder am Flipperautomaten an, so läuft man Gefahr, dass das eigene Erleben der Lächerlichkeit preisgegeben wird, weil diese Zeugen sich entweder nicht erinnern können (weil es sie nicht selbst betraf) oder nicht mehr erinnern wollen (weil sich zum Beispiel Zuneigung in Ablehnung verwandelt hat). Deshalb erfordert es großen Mut, diese Dinge zu verschriftlichen und dabei den Bezug zu den Aborigines im Auge zu behalten. Darüber hinaus ist es so, dass ich mit den Erzählungen von diesen ungewöhnlichen Momenten durchaus Interesse bei den Menschen generierte, die sich sofort überlegten, wie viel Geld mehr man denn verdienen könne, wenn man so eine „Gabe“ wirtschaftlich umsetzen könnte. Einen Informationsvorsprung zu haben ist in der modernen Geld-Wirtschaft ein derart hohes Gut, dass auch nüchterne Analytiker oder Technokraten gerne an dieser Wunderwelt teilhaben würden, um noch mehr Geld zu verdienen, ihre Pfründe auszuweiten oder ihren gesellschaftlichen Stand zu verbessern. Andere „Zeugen“ sind inzwischen verstorben! Den deutlichsten mentalen Rückgriff auf meine Zeit bei und mit den Aborigines hatte ich im Verlauf des Sterbens meines eigenen Vaters. Ich absolvierte mit absoluter Gelassenheit die mir selbst auferlegte Sterbebegleitung, auch weil wir als Vater/Sohn Gespann in den letzten vier Wochen vor seinem Tod eine nie erwartete Tiefe in unsere Beziehung brachten. Diese war nicht von schnatterndem und schwätzendem Gerede begleitet, in dem der eine dem anderen ständig mitteilt, dass alles schon wieder gut werden würde, sondern wir trafen uns auf einer nonverbalen Ebene, in der wir einen Austausch hatten schlicht allein dadurch, dass ich die Nachtwache an seinem Sterbebett hielt. Irgendwann, unbemerkt von allen anderen Familienmitgliedern, verließ mein Vater den Raum der bekannten Kommunikationswege. Natürlich sprach er mit den Anderen im Rahmen seiner immer geringer werdenden Möglichkeiten noch, aber er suchte dazwischen immer den Kontakt zu mir und legte seine Augen in meine Augen. Und wie bei meinen ersten Versuchen bei den Aborigines ließ ich es in absoluter Ruhe zu. Wir konnten reden, ohne zu reden und ich war zu diesem Zeitpunkt schon weit darüber hinaus, dass ich mich noch darüber gewundert hätte. Und mein Gegenüber, mein Vater, war offensichtlich nahe genug am Zeitpunkt seines Todes, dass er diese extreme Vertiefung unserer Beziehung ebenfalls zuließ. Ich habe meine mir zur Verfügung stehende Zeit damals in eng gesteckte Rahmen gepackt, um so intensiv wie möglich an seinem Prozess, diese Welt zu verlassen, teilzuhaben und meine Mutter, auf deren Schultern die Hauptlast der Pflege und Verantwortung lag, zu unterstützen. Ich wusste nicht genau (ich war emotional zu stark involviert), wann er sterben würde und hatte an einigen der Tage deshalb gleich drei wichtige Termine, die mir meine finanzielle Selbständigkeit sichern sollten, hintereinander gepackt. Auch an dem Tag, an dem mein Vater aus dem Leben aussteigen sollte. Die ersten beiden Termine verliefen noch normal, auch wenn ich mich in einer inneren „Hab-Acht“ Situation befand. Erst als ich vom vorletzten zum letzten Termin eilen wollte, kam die deutliche Botschaft! Wie erklärt man unerfahrenen Menschen, die wenigstens wissen wollen „wie“ so etwas funktioniert, denn solche Botschaften? Sie werden nicht gehört, sie werden nicht gesehen, sie werden auch nicht auf eine sonst bekannte Art übermittelt, keine Gänsehaut, keine Vision. Nichts. Es entsteht plötzlich ein extrem klares, von ebenfalls extrem ruhigen Gefühlen begleitetes Empfinden, dass von überall her zu kommen scheint. So wie Wahrnehmung bei einer außerkörperlichen Situation extrem viel stärker empfunden wird. So, als ob man eine lästige menschliche Hülle abgestreift habe. Und diese Botschaft kennt zudem keinen Absender und Empfänger! Sie speist sich möglicherweise aus dem „alles ist mit allem verbunden“ Prinzip. Es ist einfach da, so wie alle Dinge um uns herum einfach da sind.

Die großen Verlierer im Kampf um Raum für´s Volk
Die ehemaligen Kinder des Paradieses

Er „rief“ mich also (um es verständlich auszudrücken) zu sich. Ich sagte den dritten Termin per Mobiltelefon ab, wendete den Wagen und eilte zum Krankenhaus. Dort angekommen fand ich zum ersten Mal einen freien Platz unmittelbar vor dem Eingang des Krankenhauses (wobei ich bereit bin, hier das Prinzip des Zufalls gelten zu lassen, auch wenn möglicherweise mehr dahinter steckt), flog förmlich zu dem Raum, in dem er lag und „wusste“ genau, dass ich nach meiner Ankunft dort erst einmal vernünftig würde reagieren müssen um meine Mutter, die die ganze Zeit über an seinem Bett saß und seine Hände hielt, dazu zu bewegen, den Raum zu verlassen. Ich verriet ihr nicht den Grund, sondern gab vor, dass sie sich jetzt einmal eine Pause würde gönnen müssen, da sie die ganze Zeit aufgepasst habe. Sie solle sich jetzt mal eine Zigarette gönnen, ich wäre ja jetzt da. Er hätte nicht so gehen können wie er dann ging, wenn sie an seiner Seite gewesen wäre. Als sie den Raum verlassen hatte, sprach ich meinen Vater mit vollem Namen laut und deutlich an. Ich sprach seinen Vor- und seinen Nachnamen aus und bewegte mich dann zu ihm ans Bett und suchte die körperliche Nähe. Das absolute Bewusstsein darüber, was jetzt zu tun war, erschreckte mich keinesfalls. Auch nicht die Tatsache, dass ich mich jetzt würde beeilen müssen, weil innerhalb der nächsten 10 Minuten damit zu rechnen war, dass meine Mutter wieder zurück ins Zimmer kam. Ich wunderte mich lediglich darüber, was in den nächsten Minuten an Worten aus meinem Mund kam. Ich „hörte“ mich reden, es war kein bewusst gesteuerter Prozess. Ich habe schon manches Mal darüber nachgedacht, dass es von Vorteil gewesen wäre, diese letzten Gesprächs-Minuten aufzuzeichnen und erst nach meinem eigenen Tod in die Öffentlichkeit zu bringen. Erst nach meinem eigenen Tod, um die Sache allgemein glaubhafter erscheinen zu lassen, denn die Zahl derer, die nicht würde akzeptieren oder verstehen wollen wäre größer, wenn die betreffende Person noch am Leben wäre. Es könnte ihr dadurch mehr Aufmerksamkeit zuteil werden und Neider und Toxiker/-innen würden auf die Barrikaden gehen. Er hatte in dem ersten Teil des letzten Dialoges sein Gesicht zur Wand gedreht und befand sich bereits in der Phase, in der die Schnappatmung eingesetzt hatte. Als ich bemerkte, dass er versuchte sein Gesicht in meine Richtung zu drehen, umfasste ich seinen Hinterkopf mit der rechten Hand und half ihm dabei, sein Gesicht in meine Richtung zu drehen. Seine Augen suchten die meinen und diese suchenden Augen waren schon sehr trüb und hatten jede blaue Strahlkraft, die sie in seinem Leben von ihnen ausging, verloren. Als seine suchenden Augen die meinen gefunden hatten spürte ich, dass es ihm besser ging. Ich „hörte“ mich in diesem Moment aber noch immer reden, noch immer redete ich nicht. Es mag fünf oder sechs Minuten lang gedauert haben, bis es aufhörte, dass ich mich selbst reden hörte. Noch immer lag er mit seinem Kopf in meiner Hand und mit seinen Augen in meinen Augen. Doch er ließ nicht los! Ich legte nach, weil ich glaubte, dass ich wissen würde was er hören wolle um loszulassen und versprach, dass er sich um sein Lebenswerk, sein Theater, keine Gedanken machen solle, da ich es mit aller mir zur Verfügung stehender Kraft weiterführen würde. Er ging trotzdem nicht. Und wenn auch der gesamte Verlauf des Gespräches bis zu diesem Zeitpunkt teilweise so geprägt war, dass ich mich „reden hörte“, war doch zu keinem Zeitpunkt eine noch so kleine Unsicherheit in mir zu spüren. So, als hätte ich trotzdem alles unter Kontrolle. Er schnappte noch immer in schneller Folge nach Luft und seine Augen lagen noch immer in meinen Augen. Er wollte gehen, aber er ging nicht. Was fehlte? Und der folgende Moment war der, der mich überwältigte und zugleich der, den ich in der folgenden Zeit doch lieber verbarg, weil er mich an meine persönlichen Grenzen führte. Ich reflektiere bis heute darauf. Ich sah meinem Vater in die Augen und hatte plötzlich das Gefühl, dass er nicht mehr mein Vater, sondern mein Bruder war. Und der letzte Satz, den ich von mir gab, war der Satz, den er hören wollte. Ich hörte mich sagen, dass ich ihm sagte, dass das alles nicht schlimm wäre, denn ich sei auch schon im Licht gewesen, ich sei wieder zurück gekommen. Und genau in dieser Sekunde ließ er los, mein Vater, der in diesem letzten Moment mein Bruder geworden war. Wir modernen Menschen können so schlecht mit unserer eigenen Vergänglichkeit umgehen, dass wir – im übertragenen Sinne – Himmel und Hölle in Bewegung setzen um unser Sterben zu verhindern, auch wenn wir gerne postulieren, dass wir damit überhaupt kein Problem haben würden. Achja?

Termitentürme überall im Land

Keine mir bekannte andere Kultur außerhalb der der Aborigines ist fortgeschrittener wenn es um das Sterben an sich geht. Aborigines entschieden in früheren Zeiten mit an Präzision nicht mehr zu überbietender Entschlusskraft selbst, wann ihre Leben endeten. Sie entschieden irgendwann in Rücksprache mit der sie umgebenden Welt, dass es an der Zeit sei. Es sind noch zahlreiche Geschichten bekannt, in denen vor allen Dingen die alten Männer dieses Volkes in die Wüste gingen (oder in den Tropen in den Urwald), sich dort den Platz suchten den sie für ihren Tod erwählt hatten, sich dort setzten und nach kurzer Zeit ihre Lebensfunktionen abstellten. Die Möglichkeiten, im Internet einfach so Berichte (auch medizinische Berichte) zu diesen Vorkommnissen zu finden, tendieren gegen Null. Diese Fähigkeiten laufen doch zu sehr den Wertvorstellungen zuwider, die die Sieger-Systeme in den Köpfen und Herzen ihrer Völker ausgebreitet haben. Wie würde es denn aussehen, wenn eine angeblich alles beherrschende und alles erklären könnende Sieger-Kultur plötzlich in einer Situation steckt, die man nicht erklären kann? Es ist oft versucht worden, die Ureinwohner durch den Einsatz moderner medizinischer Techniken zu „retten“! Es war auch möglich, mit technischen Geräten die wichtigsten Organe künstlich am Leben zu halten und die Atmung, das Herz und den Blutkreislauf dazu zu zwingen, weiter zu funktionieren. Aber den Hirntod konnte man nicht aufhalten. Keiner der reanimierten und mit Gewalt im Leben gehaltenen Ureinwohner konnte jemals wieder zurückgeholt werden. Es gibt alte Kulturen, die ihre alt gewordenen Mitglieder „entsorgen“. Bei den Inuit zum Beispiel wurden die Ältesten immer dann, wenn sie keinen „Nutzen“ mehr für ihre Familien hatten, ohne große Emotionen in der eisigen Wüste ausgesetzt. Dort erfroren sie dann schnell oder wurden Opfer von Tieren. Durch die Freiwilligkeit des Ablebens der Aborigines wird aber eine ganz andere kulturelle Dimension und ein vielfach höher Grad der Erkenntnis erreicht und gelebt. Sie hatten keine narzisstischen Störungen im Leben und hatten diese auch nicht im Umgang mit dem Tod. Alles mit allem verbunden, über alle Zeiten hinweg?

Ich hatte also meinen Vater, der ohne Zweifel auch mein emotionaler Vater war, als dessen Bruder die Hand gehalten, als er sein Leben losließ. Sofort danach wurde er aber auch gefühlt wieder zu meinem Vater. Alle Muskeln hatten sich entspannt und er hatte losgelassen. Der gesamte Prozess an sich erinnerte mich an die zwei Geburten, die ich miterleben durfte: als meine Töchter zur Welt kamen. Emotional war es dasselbe Erlebnis, nur jeweils am entgegengesetzten Ende der Zeit, die wir in unseren Körpern auf der Welt verbringen. Nur wenige Sekunden nach seinem letzten Atemzug hörte ich die Tür zum Flur und wusste, dass meine Mutter zurückgekommen war. Ich wurde nervös, denn sie hatte als ihrem Mann tief verbundene Ehefrau darauf bestanden, bis zum letzten Atemzug des Menschen, mit dem sie über 50 Jahre Seite an Seite gelebt und gleichzeitig gearbeitet hatte, an dessen Seite zu bleiben. Im Prinzip war mein Vater körperlich zu diesem Zeitpunkt bereits leblos, aber ich wusste, dass er mit seiner Lebensenergie seinen Körper noch nicht verlassen hatte. Ich bat ihn darum, dass er für seine Ehefrau noch einmal einen Atemzug nehmen solle um ihr die Ehre zu erweisen, ihren Wunsch seinen letzten Atemzug zu hören, in Erfüllung gehen zu lassen. Als sie dann neben mir im Raum an seinem Bett stand, in welchem er etwa 20 Sekunden zuvor verstorben war, sahen wir eine kurze Zeit auf ihn hinunter. Friedlich lag er da. Und dann geschah genau das, was ich vor meinem inneren Auge gesehen hatte: sein Adamsapfel begann zu zittern und es gelang ihm, noch zwei kurze Atemzüge zu tun. Es geht nicht darum, dass die Wissenschaft oder die Medizin nun gute Begründungen anführen könnten, warum diese letzten beiden Atemzüge etwa 40 Sekunden nach dem Ableben eines Menschen noch „technisch“ möglich seien, es geht darum, dass ich es wusste, weil ich in diesen Minuten eine uralte Kraft in mir spürte, die erstmals in Australien in den Begegnungen mit den dortigen Aborigines auftrat. Ich hatte ihm auch aufgetragen (nicht, weil ich ein hoffnungslos bornierter Vollidiot bin sondern weil ich außerkörperliche Erlebnisse hatte die mir bewiesen, dass Körper und Geist sich trennen können und unser Bewusstsein und unsere Wahrnehmung auch eine höhere Perspektive einnehmen können) uns ein Zeichen zu geben, falls er „angekommen“ sei und wenn es ihm „gut gehen“ würde. Ich wusste mit Sicherheit, dass diese Zeichen kommen würden und sie kamen, etwa zwei Stunden nach seinem Tod, an zwei verschiedenen Stellen die etwa 20 Kilometer voneinander entfernt lagen, im Abstand von einer Sekunde in Anwesenheit von vier weiteren Personen. Mit drei dieser Personen bin ich heute nicht mehr in einem liebevollen Familienverhältnis. Sie würden meine Angaben nicht mehr bestätigen und es würde viel Zeit in Anspruch nehmen die Personen, denen gegenüber die drei erwähnten ehemaligen Familienmitglieder diese Zeichen lebendig und glaubhaft geschildert haben, dazu zu überzeugen, sich daran zu erinnern und Stellung zu beziehen. Warum auch die Mühe? Jeder ist in sich selbst zuhause und sieht vor allen Dingen die Dinge, die ihn oder sie unmittelbar betreffen. Die vierte Person ist meine fast 92jährige Mutter, die – damals 84 Jahre alt – unmittelbar neben mir stand als es dieses von purer Energie getragene Zeichen gab. Dass sie nicht mehr allzu lange auf der Welt sein wird, ist aufgrund ihres hohen Alters klar. Aber all diese „Zeugen“ wären nicht nötig, wenn ich selbst bereits einen Schritt weitergekommen wäre. Der Zustand „in sich selbst zu ruhen“ bedeutet in letzter Perfektion nämlich, dass man die Erkenntnis verinnerlicht hat und keinerlei Bestätigung von außen mehr benötigt. Für diese Personen, von denen ich annehme, dass die Aborigines im Kollektiv als Volk das waren, ist dann sprichwörtlich alles im Fluss.

Ich bin durch diesen kurzen Moment am Sterbebett meines Vaters, in welchem ich von meinem Bewusstsein her für einen kurzen Moment nicht mehr sein Sohn, sondern sein Bruder war, stark auf diesen Bruder (meinen Onkel), den ich nie kennenlernen durfte, da er lange vor meiner Zeit im Jahre 1943 bei einer der letzten Offensiven der Deutschen Wehrmacht auf dem Boden der damaligen Sowjetunion bei Donezk ums Leben gekommen war, aufmerksam geworden. Ich suchte im Nachlass meines Vaters nach den Spuren dieses fremden Mannes. Mit diesem Bruder verband meinen Vater eine besonders enge, tief emotionale Beziehung. Wenn er alte Bilder betrachtete, dann verweilte er bei den wenigen Photos, die es von seinem verstorbenen Bruder noch gab, immer ein Weilchen länger. Als Kind oder Jugendlicher maß ich diesem Verhalten keine Bedeutung bei. Als ich die Unterlagen zu diesem Bruder dann in dem Stapel der alten Photos und Dokumente fand, war ich überrascht, dass mein Vater alles was es noch in Spuren von diesem Mann gab, aufbewahrt hatte. In einer Schatulle lagen sein Wehrpass, diverse kleinere Ausrüstungsgegenstände und ein Brief, den das Oberkommando nach seinem Tod auf dem Schlachtfeld an die Familie geschickt hatte. Die erste große Überraschung – denn darauf war ich nicht gefasst – war der Sterbetag: der Onkel war 71 Jahre vor meinem Vater verstorben, aber am selben Tag, am 28. Februar. Aus dem Schreiben der damals zuständigen Behörden, die die Familien über den Tod ihrer Söhne und gelegentlich auch Töchter informierte konnte ich erkennen, dass die Offensive gegen den Feind in den späten Nachmittagsstunden begonnen hatte und dass es in den nächsten zwei Stunden zu massiven Verlusten unter den Soldaten der Armee gekommen wäre. Als Todesstunde wurde der Familie meines Vaters die Zeit zwischen 18:00 und 19:00 Uhr genannt. Es könnte also sein, dass der ferne Onkel sein Leben am 28. Februar des Jahres 1943 um 18:45 lassen musste? Mein Vater verstarb mit seinen Augen in meinen Augen und mit seinem Hinterkopf in meiner Hand am 28. Februar 2014 um 18:45 Uhr. Und ich kannte seinen Bruder nicht, hatte keinerlei Bindung zu ihm und ließ doch meinen eigenen Vater als sein Bruder aus dem Leben.

Das Rathaus von Brisbane – wo alles begann

Der technologieorientierte moderne Mensch versteht so viel, und zugleich immer weniger. In den Wochen danach, in denen mir mein Leben die Zeit ließ, in dieser ganzen Sache gründlich zu recherchieren, kam ich auch einem großen Betrug, einer großen Manipulation des Bewusstseins der Deutschen Öffentlichkeit in der Kriegszeit auf die Spur. Ich nahm Kontakt zu verschiedenen Organisationen auf, die Teils privat und Teils aus Geldern der öffentlichen Hand gespeist, die Kriegsjahre aus unterschiedlicher Motivation bewahrten. In der NS-Zeit erhielten fast alle Angehörigen der gefallenen Soldaten einen Serienbrief! In diesem Serienbrief stand fast immer derselbe Wortlaut, nur die Namen wurden immer wieder neu eingefügt. O-Ton (ich zitiere aus dem mir im Original vorliegenden Schreiben):

Russland, 08.03.43

Sehr geehrter Herr Richter

Muss Ihnen die tieftraurige Mitteilung machen, dass ihr lieber Sohn Gefr. Gerhard Richter am 28.02.43 bei einem Vorstoß im Raum Golm Lokrya bei Kassawitzy den Heldentod fand. Ihr Sohn wurde mit seiner Kompagnie um sechs uhr am frühen Abend in den Kampf für sein Vaterland geschickt. Als tapferer pflichtbewusster Soldat erfüllte er bis zu seinem Tod, seine Pflicht. Er war ein guter Kamerad, beliebt bei allen Vorgesetzten u. Kameraden. Die Kompanie trauert tief um ihn. Doch seien Sie gewiß, seine Taten werden in uns weiter leben. Stetz wird er ein leuchtendes Vorbild seiner Kameraden bleiben. Im Namen der Kompagnie spreche ich Ihnen das tiefste und herzlichste Beileit aus. Ihr Sohn Gerhard fiel durch Kopfschuss als er einen verwundeten Kameraden helfen wollte, der Tod trat sofort ein. Beding durch den einsatz der Kompagnie war es nicht möglich die toten zu bergen. Die Kompagnie tsrebt jedoch an, ihre Gefallenen in Ehren beizusetzen. Die Nachlaßsachen werden ihnen zugeschickt.

Heil Hitler

Fasterding

Oberleutnant u. Kompagnieführer

Ich habe mir erlaubt, die Fehler in der Rechtschreibung zu übernehmen.

Alle Gefallenen waren demnach Helden, alle waren sie gerade dabei, im Kampf für das Vaterland einem Kameraden das Leben zu retten, alle ereilte ein plötzlicher und gnädiger Tod. Eine perfide Manipulation der Opfer-Familien. Nur wenn der Text so gewählt war konnte man davon ausgehen, dass die Hinterbliebenen die Verluste hinnahmen und nicht aufbegehrten gegen ein System, dass ihnen ihre Söhne und Töchter, ihre Leben und ihre Zukunft nahm. Alle „Systeme“ manipulieren das Denken und Fühlen ihrer Mitglieder auf die eine oder andere Art und Weise. Wie anders hätten die Hinterbliebenen reagiert, wenn sie die oft genug grausame Realität erfahren hätten? Wie viele von denen, die den angeblichen „Heldentod“ fanden lagen noch über Stunden oder Tage schwerst verletzt auf dem Boden? Wurden vielleicht von gegnerischen Panzern überrollt? Es soll immer als „gut“, „richtig“ und „wichtig“ erscheinen, was ein System beschließt. Wer Aufklärung betreiben oder Widerstand leisten will, braucht einen langen Atem und viel Energie. Trotzdem wird man gezwungen sein, einen großen Teil der gesellschaftlichen Vorgaben zu befolgen, sich in gewisser Weise an die bestehenden Situationen anzupassen. Fast keiner von den Menschen, die mir auf meinem Lebensweg in den letzten Jahrzehnten begegneten, wusste, wer ich wirklich war. Ich nehme an, dass es fast allen denkenden und reflektierenden Menschen so geht? Ein Teil der Persönlichkeit muss verborgen werden, wenn man seine Chancen zur Teilhabe an der modernen Gesellschaft nicht verlieren möchte. Das Leben wird dadurch zu einem dauerhaften Spagat. Die Aborigines waren wohl sicher die „Kinder des Paradieses“. In diesen Zustand können wir auf absehbare Zeit nicht mehr kommen. Die territorial veranlagte, gewaltbereite Sieger-Kulturform hat die Wege dorthin für lange Zeit verstellt. Wenn ich diese Australien-Artikel beendet habe, werde auch ich – sofern es noch einmal die Möglichkeit dazu gibt – meinen Weg in die Gesellschaft wieder finden müssen, teilhaben müssen an dem wilden Gerangel um Plätze, Würden und Posten sowie Pöstchen. Es mangelt nicht an Lust, aber die Kraft schwindet. Der biologische Prozess des älter Werdens ist (nach augenblicklichem Kenntnisstand der Menschen und seiner Wissenschaften) nicht aufzuhalten. Also doch wieder zurück in Reih und Glied? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht! Ich habe diese Begegnungen und Erlebnisse bisher noch nicht in schriftlicher Form der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Aber nun, nachdem ich es getan habe, wird es in näherer Zukunft sicher eine Veränderung geben. Wie diese Veränderung aussehen wird, weiß ich nicht. Aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis höre ich den Wunsch, noch einmal eine intensive Reise durch Australien anzubieten. Würden sie noch an meiner Seite dorthin reisen wollen nachdem sie meine Einlassungen zu diesem Land und den Völkern der Aborigines gelesen haben? Einer fragte mich einmal, wozu ich denn überhaupt leben würde, wenn ich das Leben so sähe, wie ich es in den Publikationen zum Thema Aborigines darstellen würde. Nun, ich wurde von meinen Geschlechtsgenossen ja auch einmal gefragt, zu welchem Zweck ich die Gedichte und Balladen eines Friedrich Schiller erlernen und rezitieren würde. Es hat ja ganz offensichtlich keinen „Nutzen“ sich für die Sichtweise eines verdrängten und fast ausgelöschten Volkes einzusetzen. Man erschwert sich dadurch doch nur das eigene Leben, wenn man sich nicht in die Zeit der Freude des Spaßes und der unkontrollierten Konsumsucht und der Wahrung des erreichten Besitzstandes stürzt. Und wenn all das, der vollkommen falsche Weg ist?

Es gab ein paar Reaktionen auf diese Artikel, auch von Menschen, die mir bisher nicht begegnet sind. Sie sind wohl beim stöbern im Internet darüber gestolpert? Eine Dame aus Baden Baden schrieb mir, dass es sehr erfreulich sei, dass jemand mal drüber schreiben würde, denn für sie wäre es normal, dass sie immer wieder einmal aus ihrem Körper heraus ist und die Welt von oben sieht. Ich habe ihren Kommentar nicht freigegeben, auch nicht weil sie im weiteren Verlauf ihre „Spirituelle Firma“ nannte, was doch zu offensichtlich darauf abzielte, ein paar Seelen zu fangen, die nach der Lektüre dieser Artikel Fragen gehabt hätten. Schwätzer, Schwurbler und Vielversprecher sind leider in der uns umgebenden Welt in der übergroßen Mehrheit. Sie wissen entweder nichts oder wenig oder sie berufen sich auf den in der Gesellschaft erkämpften Platz und agieren vom Elfenbeinturm des vorgeblichen Wissens herab. Wer es wirklich erlebt, tagtäglich „aus seinem Körper heraus“ zu kommen, wird sich entweder mit aller ihm oder ihr zur Verfügung stehenden Energie dafür einsetzen, dass es zu einer Verbesserung der Lebenssituation der Menschheit kommt, oder aber er ist so vollkommen im Reinen mit sich selbst, dass er in keiner Form mehr aktiv werden muss, um die Dinge und Geschehnisse zu beeinflussen. Jeder, der sich lautstark von einem höheren Platz aus (oder im Umweg über ein Mikrophon) Gehör verschaffen und den „Heilsweg“ verkünden will, lügt! Diese Personen trachten ausschließlich danach, ihren Platz zu verbessern und neue Einkommensmöglichkeiten zu erschließen. Auch die intensiven Nachfragen zu dem im letzten Artikel beschriebenen „Unfall“ haben mich schockiert! So als würde es immer und ausschließlich nur darum gehen, am Leben zu bleiben! Diejenigen unter uns, die bereit sind zu denken, denken nur darüber nach, wie man die Menschheit ändern könnte, doch niemand denkt daran, sich selbst zu ändern. Ohne Selbsterkenntnis ist jede Beobachtung und jede Anwendung von Vernunft absolut unmöglich. Wenn den „modernen Menschen“ etwas aus den gewohnten Bahnen zu werfen droht, so denkt er in der Regel, das alles verloren sei. Dabei beginnt jedoch oft lediglich etwas Neues und Gutes. Ich gehöre nicht zu denen, die falsche Versprechungen machen. Ich weiß noch immer, dass ich nichts weiß! Die außerkörperlichen Erlebnisse und die Berührungen mit den teilweise unvorstellbaren (aber möglichen) Fähigkeiten der Aborigines bedeuten für mich lediglich, dass ich die mögliche Trennung von Körper und Geist für absolut real halte. Ich bin auch immer ein Mensch gewesen, der an Fortschritt Interesse zeigte und bin deshalb auch dem Teil der Wissenschaften gewogen, die Erkenntnisse auf den Ebenen produzieren, die dem Menschen nützlich sind ohne dabei die Umwelt zu zerstören. Nur ein Freund stellt dich in Frage! Aber ich weiß noch immer nicht, wie es zu diesen Zuständen kam! Auch weiß ich nicht, wohin es gehen würde, wenn diese Zustände länger anhalten würden. Es kann nicht abgeleitet werden, dass dieser Zustand bereits als der von Millionen Menschen ersehnte „Beweis“ herangezogen werden kann, der ewiges Leben verspricht. Alles ist möglich, lediglich der Weg zurück in die vorgegebenen Bahnen unserer Kulturform nicht. Es nimmt wahrhaftig zumindest die „Angst“ vor dem Tod. Nicht falsch verstehen, auch ich habe normale Ängste und stelle mir den Prozess des Sterbens als „schlimm“ vor, wenn man erstickt oder verbrennt. Aber der eigentliche Vorgang des „Loslassens des Lebens“ weckt nun meine Neugier. Irgendwann wird wohl beschlossen werden, auch dieses „Phänomen“ wissenschaftlich zu erklären. Vielleicht wird man irgendwann in wilder Begier die Überlegenheit der Nutz-Kultur erneut zu bekräftigen mal einen Menschen, dem diese Vorgänge der außerkörperlichen Erlebnisse zuteil wurden, einer gründlichen Wissenschaftlichen Untersuchung unterziehen? Sein Gehirn entnehmen, es mit Säuren, Laugen und Basen einschmieren, mit Elektroden verzieren und mit Stromstößen traktieren. Vielleicht wird es gelingen die Elemente zu identifizieren, die zwischen der „höheren Perspektive der Außerkörperlichkeit“ und dem Körper befindlich sind und diese als Leiter zum Bewusstsein kenntlich machen? Vielleicht wird irgendwann an einem solchen Menschen so lange herum gemetzgert (so wie an dem letzten männlichen Aborigine von Tasmanien), bis ein dem System dienendes, erklärendes Modell gefunden wurde. Es wird falsch sein, so viel ist sicher.

Meine zweite “australische Tochter” – Mittelpunkt meines Lebens. Bis heute!

Ich komme zurück auf meinen ersten Artikel der Australien-Serie, der die Überschrift „Das Mögliche, das Unmögliche und die Unbekümmertheit“ trug. Als ich anfing zu schreiben glaubte ich, dass es möglich sein würde, den Komplex der Erfahrungen die ich mit diesem fernen Kontinent hatte, zu beschreiben. Ich lag falsch, es ist unmöglich. Ich kann die Kraft nicht mehr aufbringen um jedes mir wichtig erscheinende Detail zu berücksichtigen. Mein Widerstand gegen unsere Institutionen, der viele Jahrzehnte zurück reicht und in meiner Tätigkeit als investigativer Journalist einen Höhepunkt fand, hat mich Kraft gekostet. Die Absurdität der von uns geschaffenen Systeme, die – gleich ob religiös oder staatlich gelenkt – die gesamte Menschheit in Schubladen packt und so in technokratische Muster einbettet, die besser verwaltet werden können, entmenschen uns als Menschen immer weiter. Unbemerkt haben wir so nach und nach unsere Instinkte verdrängt. Und wenn sie sich dann einmal mit großer Kraft wieder bemerkbar machen, fehlen uns die emotionalen oder geistigen Mittel, sie zu verstehen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Der ewige Widerstand gegen Institutionen hat am Ende auch dazu geführt, dass ich meine zweite australische Tochter verloren habe. Sie ging fort, weil ich in einem schier aussichtslosen Kampf gegen Lügen, Hysterie, Gleichgültigkeit oder Verdrängung seitens meiner Mitmenschen mit dem Rücken an die Wand gestellt wurde. Jedes System hat die Möglichkeit die Elemente, die den „Oberen“ gefährlich werden können, ruhig zu stellen. Mir wurde von einem außer Rand und Band befindlichen Staatsanwalt eine bis zu 25jährige Haftstrafe angedroht, weil er es als „erwiesen“ ansah, dass ich mich als „Volksverhetzer“ betätigt habe, zum „Völkermord“ an anderen Rassen aufgerufen hätte und mit großer Wahrscheinlichkeit Mitglied in einer nationalsozialistischen Vereinigung sei (was gerade geprüft werden würde) und zudem ein gefährlicher Dieb wäre, der anständige Bürger/-innen um ihren Besitzstand bringen würde. Aufbauend auf der Aussage einer einzigen Person und gestützt auf die vielen Vorkommnisse der letzten Jahrzehnte, in denen ich mich gegen eine Obrigkeit auflehnte, die selbst das von ihr verhängte Recht oft genug brach um den Mitgliedern ihrer Netzwerke Schutz zu bieten und dafür zu sorgen, dass alles so blieb wie es war. Sicherlich war es für mein Leben nicht von Vorteil, dass ich bei einer der Anreisen mit einer Gruppe nach Australien (ja, immer wieder Australien) einen Recherche Job für einen durch einem Motorradunfall querschnittgelähmten Journalisten-Kollegen annahm, den er aufgrund seiner neuen Existenz im Rollstuhl nicht mehr selbst übernehmen konnte. Es ging dabei um eine dieser speziellen Einrichtungen, in denen Pädophile aus aller Welt dabei zuschauen konnten, wie kleine Kinder Dinge tun mussten, die nur aus der perversen Phantasie einer außer Rand und Band geratenen Gesellschaft entspringen können. Ich hatte eine Knopf-Kamera am Hemd und mein Auftrag war es, mich selbst als pädophil veranlagte Person auszugeben und dabei die Gesichter der Männer dort zu photographieren. Die Auswertung der Daten und die Kenntlichmachung der Personen oblag dann wieder meinem Auftraggeber. Lediglich als Zeuge für ein angestrebtes Gerichtsverfahren wurde mein Name genannt. Es waren vier höherrangige Deutsche Männer identifiziert worden die man gerne seitens der Auftraggeber vor Gericht gestellt hätte. Doch was geschah? Der Vorgang wurde abgewiesen und an die thailändische Staatsanwaltschaft zurück gegeben, wo alles im Sande verlief, denn in Thailand sind die Machthaber stark in den Handel mit Kindersklaven eingebunden und hatten keinerlei Interesse daran, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verfolgen. In den Jahren danach gab es immer wieder einmal Schwierigkeiten für mich, bis es im Jahr 2000 zu dieser bundesweiten Fahndungsaktion (mit Schießbefehl, denn ich wurde als „vermutlich bewaffnet“ und „gefährlich“ eingestuft) kam, an der 200 Beamte beteiligt waren. Es ist schwierig, es wird schwierig bleiben. Für den Idealisten geht es wohl tatsächlich immer schlecht aus, wenn er bestehende Herrschafts- oder Besitzsysteme in Frage stellt. Ich muss mein Leben ohne meine jüngste Tochter weiterleben. Das ist nicht einfach und wird nie einfach werden. Vielleicht ist es hilfreich, dass ich den Egoismus in mir nicht so stark fühle wie der übergroße Teil der mich umgebenden Menschen? Demut ist ein guter Nährboden für tiefe Erkenntnis, auch Selbsterkenntnis, denn wer die Welt bewegen will, sollte erst sich selbst bewegen. Daran wird es (noch) scheitern.

Nach diesen vielen Tagen, in denen ich mich bemühte ein möglichst plastisches Bild meiner persönlichen „Australien-Erfahrungen“ zu schaffen, bin ich auch körperlich und mental „geschlaucht“. Ich bin dankbar dafür, dass diese Gabe, die Dinge immer wieder neu und intensiv zu durchleben, so als ob sie gerade stattgefunden hätten, zu meinen Anlagen gehört, aber diese Gabe fordert ihren Tribut. Meine Schulter macht durch die viele Tipperei Probleme, das Handgelenk schmerzt, es ist Zeit aufzuhören, ohne Schlusssatz, einfach so. Danke dafür, dass so viele ihrem Verpflichtungsgefühl, hier ständig Kommentare schreiben zu müssen, widerstanden haben. Es wird hier auch im Nachhinein keine Diskussionen zu dem Thema geben. Jeder lebt in seinem Paralleluniversum und ich habe beschlossen, meinen Anteil zu verschriftlichen um die eine oder andere Person zum Nachdenken anzuregen. Denn solange es noch so bleibt, dass eine gebildete, hochrangige Person, die eine Vorlesung aus einem „Lügenbuch“ in der Volkshochschule besucht, mir mit schnippischem Unterton meine Kompetenz in Bezug auf diese wertvolle Kultur schlicht abspricht, so als wolle sie sagen, „was glaubt er, was er ist“ und sich darauf beruft, dass ihr kleines „städtisches System“, in denen die gesellschaftlichen Positionen des „Oben“ und des „Unten“ genauso klar sind wie auf dem gesamten Planeten, es schon besser wissen werde, weil eine hochangesehene Dame, die selbst im Establishment zuhause ist, gleich die Wahrheit sprechen (vorlesen) wird, ist der Zustand der Gesellschaften, in denen wir unsere Leben verbringen, klar. Ich werde diese Australien-Serie mit diesem Artikel beenden, auch wenn sie nicht beendet ist. Ich weiß nicht, ob ich danach noch einmal einen Reisebericht schreiben werde? Nichts kann an Intensität mit den Erlebnissen aus Australien mithalten. Zudem ruft der Alltag immer lauter! Als Reiseunternehmer muss ich zumindest Angebote erstellen, falls es im nächsten Jahr wieder Reisen geben sollte. Aber letztlich endet jede Reise dort, wo sie begonnen hat: in uns selbst.

RR aus BN

16.12.2020

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2 Comments
  • Flory
    Posted at 18:25h, 16 Dezember Antworten

    Danke für das anzuregende Nachdenken, um den Zugang zu meiner Mitte noch intensiver wieder spüren zu wollen! Danke für Deine offene Worte! Danke für Deine Erlebnisse! Bleib so wie Du es bist, auch wenn Du es vielleicht nicht immer glaubst : stark, empfindsam, emotional, verspielt, liebevoll, nachdenklich, hinterfragend, spirituell,,. der Welt, mir, Deinen Kindern zuliebe.

  • Dagmar
    Posted at 00:22h, 20 Dezember Antworten

    Teilzuhaben mit Mitgefühl
    nicht Verpflichtungsgefühl
    das Geschriebene dir zu kommentieren
    mein Anlass von Mensch zu Mensch zu agieren…
    und nun Zeit für Gegenwart und Zukunft –
    was diese uns allen auch bringen wird.

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