Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 10

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 10

Das Denken, die Diffamierung und das Erkennen

Wie schön ist es doch, dass wir in unseren modernen Kulturen auch die Kunst entwickelt haben. Obwohl viele Menschen von sich behaupten, dass „Kunst“ oder „künstlerisches Schaffen“ nicht ihr Ding sei. Doch ist es ohne Zweifel so, dass jedes menschliche Individuum mehr oder weniger stark angelegte Fähigkeiten besitzt, Kunst zu erkennen und sich davon beeindrucken oder inspirieren zu lassen. In meinem Leben war eine der Aufgaben die ich hatte, Menschen auf ihren Reisen zu begleiten oder auch zu führen. Speziell im Reise-Bereich kam es dadurch auch zu intensiven Begegnungen. Ich erinnere mich an viele Momente in denen deutlich wurde, dass Kunstwerke manchen Menschen regelrecht niederstrecken können. Auch Menschen, die – als Beispiel – nicht mit vorauseilendem Bewunderungsgehorsam in die Museen dieser Welt kommen, um dann der gefühlten inneren Pflicht geschuldet, Staunen zu bekunden, sondern auch der klassische „Otto-Normalverbraucher“ kann in solche Situationen geraten, auch wenn er dann mitunter kaum noch weiß, wie ihm geschieht oder warum ihm das geschah! Es gibt zum Glück noch immer keine allgemein anerkannte Definition von Kunst. Wir verwenden den Begriff gerne, um etwas als schön zu bezeichnen oder eine Fähigkeit zu beschreiben, die ein ästhetisches Ergebnis hervorbringt. Aber im Prinzip gibt es keine klare Grenze zwischen einem einzigartigen Stück handgemachter Kunst (egal ob es sich um eine Skulptur oder um ein Bildnis handelt) und einem in Massenproduktion hergestellten, aber optisch attraktiven Gegenstand. Ich habe immer versucht, es so auszudrücken, dass Kunst Denken erfordert, dass erst einmal eine Art kreativer Impuls verspürt werden muss. Aber das sehe ich heute nicht mehr so oder ich habe Fragen, die immer wieder neue Fragen aufwerfen. Wie viel Denkkraft ist denn zum Beispiel erforderlich, wenn jemand Farbe auf eine Leinwand schleudert, in der Hoffnung, durch diese Aktion ein Kunstwerk zu schaffen, ist das Ergebnis dann automatisch Kunst? Sogar der Begriff der Schönheit wirft Fragen auf. Wenn ich denke, dass das ungemachte Bett meiner kleinen Tochter etwas Schönes oder ästhetisch Angenehmes für mich darstellte, machte es das dann zur Kunst? Die Welt der Kunst ist eine höchst komplexe Einheit, die nicht nur in Bezug auf ihre Formen- und Typenvielfalt, sondern auch in Bezug auf ihre historischen und kulturellen Wurzeln betrachtet werden muss. Daher dürfte sich eine einfache Definition darüber, was als Kunst bezeichnet werden kann, als äußerst schwer fassbar erweisen. Auf jeden Fall gilt, dass jede Kunst einer bestimmten Zeit und Kultur zugerechnet werden muss. Aus irgendeiner Epoche ist sie ja letztlich hervorgegangen. Und da es weniger abstrakt erscheint, einem in unseren Welten beheimateten Menschen die Auswirkung von Kunst zu verdeutlichen als einen Zustand in einer veränderten Wahrnehmungssituation zu beschreiben, will ich diesen Umweg zu größerer Bereitschaft, in die Nachdenklichkeit zu gehen, gerne versuchen. Bei einer sehr weit zurückliegenden Kultur-Reise in die Toskana (es war 1985 und meine erste Reise in Eigenverantwortung in diese Region) hatten wir einen ganzen Tag Stadtbesichtigung in Florenz gebucht. Die einheimische Reiseleiterin machte ihre Sache bravourös und hatte ganz offensichtlich auch ein Studium der Kulturwissenschaften absolviert. Dabei wurde auch ein zweistündiger Besuch des Museums Galleria dell’ Accademia inkludiert. Nein, früher war nicht alles besser, aber teilweise viel leerer! Gerade in Florenz! Man konnte zu der damaligen Zeit noch ungestört von mehreren Tausend Mitbesuchern dort flanieren und vor den Kunstwerken so lange stehenbleiben wie man wollte. Es war Raum für ruhende Betrachtung und nur so konnte man der Wirkung der dargebotenen Kunst auf die Schliche kommen. Im positiven Sinn.

In dem Raum, in dem das wohl herausragendste Kunstwerk von Michelangelo, der David, ausgestellt war, befand sich außer unserer Reisegruppe auch noch eine zweite. Es handelte sich dabei um US-Amerikaner. Eine der Damen hatte sich bereits, begleitet von einer weiteren Dame aus ihrer Gruppe, zu einer der Wände begeben und stützte sich dort mit der Hand ab. Während die zweite Dame immer wieder fürsorglich über ihren Rücken streichelte, ging der Blick der Frau, die sich an der Wand abgestützt hatte, immer wieder zwischen der Skulptur und dem Boden vor ihr hin und her. Sie ließ sich nicht beruhigen und am Ende stieß sie die Hand der Frau, die sie wohl trösten oder beruhigen wollte, immer heftiger von sich und fing an zu schreien. Es war eine absurde Situation, als plötzlich in der Stille und Würde dieses Raumes jemand mit maximal machbarer Lautstärke zu schreien begann. Und es war kein kontrolliertes Schreien, es kam ganz tief aus ihrem Inneren. Ich war schockiert und hätte Tausend Gründe nennen können, warum diese Frau schrie und hätte Tausendmal daneben gelegen! Langsam sank sie zu Boden, noch immer laut schreiend. In diesem Moment, als ich zu überlegen begann, dass ich vielleicht selbst Hilfe leisten sollte, weil es der Person doch offensichtlich schlecht ging, wanderte mein Blick auch kurz zur Reiseleiterin unserer Gruppe. Sie hatte einen wundervollen Einführungsvortrag über den großen Michelangelo und speziell über die Entstehungsgeschichte des „David“ gehalten und sollte doch jetzt wenigstens genervt darüber sein, dass sie diesen großartigen Vortrag nicht weiter erzählen konnte, weil da jemand aus Leibeskräften schrie! Sie wirkte keinesfalls verunsichert, sondern blickte in aller Ruhe auf die schreiende Dame und hatte – was ich zu diesem Zeitpunkt absolut nicht verstand – sogar den Anflug eines Lächelns im Gesicht. Dann wurde die Tür zum Raum geöffnet und zwei Personen des Personals – eine weiblich und eine männlich – kamen herein. Der Mann hatte einen kleinen Koffer in der Hand und die Frau trug ein Tuch. Auch diese beiden beeilten sich nicht, um schneller zu der am Boden liegenden, schreienden Frau zu kommen. Sie schritten in normaler Geschwindigkeit zu ihr, knieten nieder und begannen damit, auf sie einzureden. Welches Medikament auf das Tuch gesprüht worden war, dass die Frau vom Personal nun der noch immer außer Rand und Band befindlichen Amerikanerin vor die Nase hielt, vermag ich nicht genau zu sagen, bin mir aber sicher, dass es sich um ein Beruhigungsmittel gehandelt haben musste, denn nachdem sie ein paar Atemzüge durch dieses Gewebe hindurch gemacht hatte, wurde sie ruhiger und hörte auf zu schreien. Kurz danach saß sie mit dem Rücken an der Wand und redete wieder ganz normal. Der Reiseleiter der Amerikaner ging zu ihr, half ihr auf die Beine und – typisch amerikanisch – Applaus aus ihrer Gruppe brandete auf. Und dieselbe Frau, die noch kurz zuvor schreiend auf dem Boden lag, wirkte plötzlich sehr entspannt und lächelte wie ein kleines Mädchen in die Runde. Alle waren wohl froh, dass die Sache so glimpflich abgelaufen war? Nach ein paar Minuten verließen die US-Amerikaner den Raum und wir waren mit unserer Reiseleiterin nun in wohltuender Stille allein. Sie blickte lächelnd in unsere Runde und sagte dann, dass sie daran gewöhnt sei und dass das häufiger passieren würde, gerade hier in der Gegenwart des David. Menschen aller Altersgruppen, aller Ethnien und Nationen würden hier in schöner Regelmäßigkeit von der Gewalt des Ausdrucks, den diese Marmorfigur hätte, zu Boden geworfen. Unabhängig davon, ob sie diagnostizierten Kunstverstand hätten oder nicht. Sie nannte ein paar Beispiele und am stärksten blieb mir die Geschichte von dem kleinen koreanischen Mädchen (die Reiseleiterin meinte sich zu erinnern, dass sie etwa 12 Jahre alt gewesen sei) in Erinnerung. Dieses Mädchen hatte ebenfalls zu schreien begonnen und sich dann mit aller Kraft am Sockel, auf dem das Kunstwerk stand, festgehalten und weder auf die anwesende Mutter noch auf den Vater mehr gehört. Ich hätte der Reiseleiterin diese Geschichte niemals geglaubt, wenn ich nicht gerade Augenzeuge eines ähnlichen Vorfalls gewesen wäre.

Ich stellte die Frage, warum dass denn ausgerechnet hier, bei der Figur des David so oft passieren würde? Was dann folgte war die Transformation unserer Reiseleiterin von einem irdischen zu einem verzückten, verklärten, fast schon überirdischen Menschen. Sie erklärte uns, dass sie in ihrem Studium gelernt hätte, die Kunst normativ zu bewerten und dass sie in der direkten Konfrontation mit den Kunstwerken begriffen hätte, dass die Wissenschaften der Kultur viel zu schablonenhaft wären. Nüchtern und analytisch, ohne den Wesenskern der Kunst zu treffen. Ihre eigenen Bewegungen, mit der sie die spiralförmige Kraft beschrieb, die sich vom Boden in eleganten Kreisen um die Skulptur des David herum nach oben, in Richtung Himmel richtete, zauberte ihr einen verklärten Gesichtsausdruck aufs Antlitz. Am Ende schloss sie die Augen, während sie sprach und dem Teil der Gruppe, der mit offenen Sinnen bei ihr stand, wurde dieses Wunder dadurch auch bewusst. Die „offenen Sinne“ sind es immer wieder, die „offenen Sinne“. Von ihr – der italienischen Reiseleiterin – wurde ich auch erstmals auf die Spur des „Genius“ geführt. Michelangelo wurde fast 89 Jahre alt! In der damaligen Zeit in biblisches Alter. Und er schuf bis zum allerletzten möglichen Moment seine Kunstwerke. In den letzten Lebensjahren war er so getrieben davon, sein Werk zu vollenden, dass er seinen Körper nicht mehr pflegte und nach seinem Tod, waren seine Schuhe teilweise mit der Haut seiner Fußsohlen verwachsen, so dass man diese erst mithilfe eines Schneidewerkzeugs von den Füßen entfernen musste. Michelangelo, meinte sie, hätte sich Zeit seines Lebens nicht selbst gehört, sondern seinem Genius. Um das Wirken des Genius in uns zu verstehen, müssen wir auf eine „höhere Ebene“ hinauf. Eine höhere Ebene die möglicherweise in denselben Bereichen liegt, wie die außerkörperliche Perspektive, von der ich glaube, dass sie die Aborigines jederzeit einnehmen konnten und vielleicht auch noch können. Aber wie unterschiedlich bereit sind wir, wenn es um das Nachdenken über die „andere Perspektive“ in der Kunst und der ebenfalls „anderen Perspektive“ in der Welt der australischen Ureinwohner zu reflektieren gilt. Das uns Vertraute wird durchdacht und theoretisiert, dass uns Unbekannte wird abgewiesen und für unmöglich gehalten. Es ist der Entwicklung unserer an Werten (materiellen Werten) orientierten Gesellschaft geschuldet, dass Kunstmärkte entstanden sind, in denen Milliardenbeträge mit Kunst verdient werden. Es liegt weniger am Erkennen oder Reflektieren, sondern an der geballten Marktmacht der „Ware“ Kunst. Wie lasse ich es meinen alternden König Heinrich VIII. sagen? „Nur der, der den Oberen dient, nur der darf auch am Leben bleiben“. Das gilt auch für die Kunst. Nur der Künstler, der in Netzwerke aufsteigt, die an seinen Werken verdienen können, wird gefördert und bekannt. Für die Aborigines gibt es keine Unterscheidung in der Bedeutung ihrer Werke. Die einfachsten Wandmalereien, mit Erdfarbe umspuckte Hände, die noch heute genauso gut erhalten an diversen Felswänden zu finden sind wie die von uns als „besonders wertvoll“ eingestuften Gemälde aus ihrer Traumzeit, die teilweise jünger sind als die abgebildeten Hände, sind für sie einfach dasselbe wie alle anderen Hervorbringungen ihres Volkes: Werke von Menschenhand und damit minderwertig oder: einfach nur so da! Einer der Aborigines im Norden, mit dem ich einmal über die diversen künstlerischen Hervorbringungen seiner Stämme sprach, meinte einmal, dass der Steinhaufen, den ein Kind vor sich aus Steinen aufschichtet, exakt denselben künstlerischen Wert haben würde wie ein umfangreiches Gemälde, welches in Museen ausgestellt wird.

Und trotzdem gibt es Plätze auf der Welt, die unsere individuellen Möglichkeiten, der Wirkung von Kunst auf die Spur zu kommen, stärker ansprechen als andere Orte. Meinen persönlichen Favorit entdeckte ich – als junger, dynamischer und noch ziemlich unvollkommener Mensch – im Frognerpark in Oslo. Die dort aufgestellten Figuren von Gustav Vigeland haben eine derart gewaltige Wirkung auf mich, dass ich schon bei meinem ersten Besuch den festen Vorsatz fasste, einmal nach Oslo zu reisen und nur diesen Park zu besuchen. Übrigens auch ein Platz, an dem man sich davon überzeugen kann, dass Kunst berührt! Denn ich bin nicht die einzige Person, die dort an fast jeder Statue mit den Tränen kämpfen muss. Überall stehen neben den durcheilenden, im Stakkato photographierenden Menschenmassen auch Personen, die vor einer Figur festgewachsen zu sein scheinen. Oft haben sie in schreckhaftem Erkennen die Hände vor den Mund geführt. An jedem Tag kann man mindestens eine Person treffen, die ihre Tränen nicht zurückhalten kann. Man sieht aber oft nur, was man weiß! Wer hier im Rahmen einer klassischen Schnell- und Kurzführung vorbei „geschossen“ wird, dem werden nur die räumlichen Informationen oder die geschichtlichen Daten in Erinnerung bleiben. Normativ, in Schubladen verpackt. Der Frogner Park ist ein Platz, der zu einem dieser „Kraft-Plätze“ dieser Erde wurde, durch die Verbindung des Ortes mit der beseelten Kunst von Gustav Vigeland. Auch die touristisch extremst stark frequentierte Region rund um den Uluru (Ayer Rock) in Australien ist so ein Platz, an dem es Energien gibt, die aus der Erde kommen. Moderne Wissenschaft hat das an vielen Plätzen des Landes, an denen die Ureinwohner ihre Kultstätten haben, auch bestätigt, wobei in diesen Untersuchungen nur wissenschaftlich analytisch vorgegangen wird. Die Aborigines benötigten keine wissenschaftliche Analyse, sie „spürten“ die verborgenen Energien auf und übernahmen solche Plätze in ihre Spiritualität, in ihre Traumzeitpfade. Auch hier könnte ich viele Zeugen einer großen Reisegruppe nennen, die nicht nur das im folgenden zu skizzierende Ereignis „live“ miterlebten, sondern im Kollektiv, als gesamte Gruppe, mehr oder weniger durch die Folgen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Bei meiner letzten Reise nach Australien im Jahr 2006 fand auch eine ältere Dame ihren Weg in die Gruppe, die in Deutschland ihr Leben nach spirituellen Inhalten ausgerichtet hatte. Sie war durchaus dafür bekannt, dass sie „was“ mit ihren Händen machen konnte und Menschen mit Beschwerden Linderung verschaffte. Ich schreibe das auf, weil ich davon überzeugt wurde, denn sie half mir einmal dabei, meine Bandscheibenbeschwerden zu lindern, indem sie ihre Hände auf die schmerzende Stelle auflegte und sich sofort ein tief bis unter die Haut gehendes Wärmegefühl ausbreitete, welches die Schmerzen deutlich reduzierte. Manches Mal erschien sie mir in der Konsequenz, mit der sie dem Spirituellen nachging, etwas zu überdreht. Aber ich fand sie sympathisch, wir hatten uns angefreundet und dass sie „was“ mit ihren Händen konnte war mir Beweis genug, um zu akzeptieren, dass sie mit dem „normalen“ Gesellschaftsmodell um sich herum nur noch wenig anfangen konnte.

Da wir in dieser Zeit oft telefonierten und uns auch gegenseitig besuchten, kam unser Gespräch natürlich auch auf die Aborigines und deren Verbundenheit mit dem Universum (speziell mit der Erde). Sie fasste den Entschluss, trotz ihres hohen Alters, den Versuch zu wagen und sich der Gruppe „Australien 2006“ anzuschließen. Besonders freute sie sich darauf, an meiner Seite – wo immer das möglich war – diese Orte aufzusuchen, die für die Aborigines hohe spirituelle Werte haben. Speziell von den Höhlen und Nischen am Uluru fühlte sie sich stark angezogen. Ich habe diese Plätze im Rahmen einer Umwanderung des Felsens, geführt von einem Ureinwohner, erst 1996zig kennengelernt. Ich konnte mich sehr gut an dessen Erklärungen erinnern, auch weil mich an zwei speziellen Stellen eine Gänsehaut ereilte, ohne dass ich gewusst hätte, dass es solcherlei Plätze waren. Die Erklärungen von dem lächelnden Aborigine, der bemerkt hatte, dass ich etwas bemerkt hatte, kamen erst später dazu. Manche dieser Plätze am Uluru (Ayers Rock) haben nur spirituelle Bedeutung für Frauen, andere für Männer und manche Plätze dienen beiden Geschlechtern. Ich hatte im Vorfeld einer dreistündigen Freizeit „am Felsen“ über die Bedeutung dieses Platzes für die Ureinwohner bereits im Bus referiert und so die Möglichkeit geschaffen, dass jede/r für sich das Tempo bestimmen und sich seinen Weg würde suchen können. Die ältere, spirituell ausgerichtete Bekannte, wollte unbedingt an meiner Seite um den Felsen gehen und hoffte darauf, dass sie etwas von dessen Energie würde spüren und vielleicht sogar anzapfen können! Und so wie es eine andere Dame auf einer anderen Reise einmal ausdrückte: ich war durch mein Leben auch in diesen Dingen zu einem „Wildlachs“ geworden! Die Bekannte konnte den „Zuchtlachs“ für sich beanspruchen! Als wir an einer der vielen Einbuchtungen vorbei kamen, in denen sich oft kleine Wasserstellen befinden, erkannte ich sofort den Platz wieder, an dem mich Jahre zuvor eine mächtige Gänsehaut ereilte. Es war „der“ Platz mit männlicher Spiritualität am Felsen! Es gibt auch noch heiligere Plätze und ich bin persönlich glücklich darüber, dass mir der Aborigine 1996zig nicht einfach so alle Plätze gezeigt hat. Aber diesen Einschnitt hatten wir besucht und es war ein großer Moment für mich geworden. Ich wollte gerne noch einmal dort hinein. Wir standen zu fünft zusammen, weil auch andere Personen aus der Gruppe Interesse daran hatten, an der Seite von Jemandem (mir) um den Felsen zu schreiten, der auch einmal etwas hätte erklären können! Zwei Frauen und – inklusive mir – drei Männer. Ich empfahl den beiden Damen, lieber draußen zu bleiben. Nicht unbedingt aus Respekt vor der Spiritualität der Aborigines, es liefen ja sicher viele Frauen dort hinein und wieder hinaus? Aber sicher liefen die meisten von ihnen nicht bis in den hintersten Winkel, wo sich noch eine weitere kleine Vertiefung befand? Und wenn doch, dann fassten die dort sicher nichts an? Beide Frauen wollten nicht allein zurückbleiben und folgten den drei Männern. Sie hatten versprochen, nichts zu berühren und möglichst sofort umzukehren, wenn sie ein mulmiges Gefühl beschleichen würde.

Die jüngere Dame hielt sich dran, nicht aber meine ältere Bekannte. Mit geweiteten Augen, staunend, stand sie dort und ließ vernehmen, dass die Energie sie umfließen würde. Ich habe bei diesem zweiten Besuch die Gänsehaut nicht mehr bekommen, weiß aber, woran das lag: ich hatte Verantwortung für die anderen vier Personen übernommen und war nicht frei von Gefühlen, die eine Vertiefung behinderten oder schlicht unmöglich machten. Die anderen drei Personen waren teils belustigt vom Verhalten meiner älteren Bekannten. Sie war sich immer sicherer, die Wände dieses Einschnitts genauso berühren zu können wie die drei Männer es gerade vor ihren Augen getan hatten. Ich riet ihr, es lieber nicht zu tun, wobei ich mich bei diesem Rat nur auf mein Bauchgefühl und nicht auf erworbene Kenntnisse verlassen konnte. Sie sollte lieber nicht! Wenn ich gewusst hätte, welche Konsequenzen ihre gleich darauf folgende Berührung mit der Wand haben würde, hätte ich mich dazwischen geworfen. Sie holte mehrfach tief Luft und machte Bewegungen die darauf hindeuteten, dass sie etwas von sich abstreifen wollte. Als sie mit ihrer spirituellen Vorbereitung fertig war, schritt sie energisch auf die Wand zu und berührte sie. Fünf Personen, eine Betroffene, vier Zeugen/-innen! Sofort nachdem sie die Wand berührt hatte gab es ein Geräusch, ein Knistern, das man mit etwas Phantasie in dem Bereich „Stromschlag“ einordnen könnte. Es gab keinen Lichtblitz und ihre Haare wurden nicht herum gewirbelt, aber dieses Geräusch konnten alle ebenfalls anwesenden Personen vernehmen. Sie trat einen Schritt zurück und nahm die Hände vor den Mund und sagte mehrfach: „viel zu stark, viel zu stark“. Dann lief sie auf mich zu und sank in meine Arme, schlapp und kraftlos. Sie konnte noch sprechen, sie war nicht bewusstlos geworden und meinte nur, dass sie eine solche Energie nicht für möglich gehalten hätte. Wir haben sie dann zu Viert zum Treffpunkt mit der Gruppe auf dem Parkplatz zurückgeschleppt. Spätestens dann merkten alle anderen Mitglieder der Reise-Gemeinschaft, dass etwas vorgefallen sein musste. In den folgenden 10 Reisetagen baute sie immer mehr ab, verließ ihr jeweiliges Hotelzimmer nicht mehr, kam nicht mehr zu den gemeinsamen Abendessen und wurde am Ende so schwach, dass wir sie auf den Flughäfen mit einem zur Verfügung gestellten Rollstuhl zu den Abflug-Gates bringen mussten. Zudem telefonierte sie ständig – und produzierte dabei enorme Kosten – mit ihrem spirituellen Beistand in Deutschland und bat um Kraft, damit sie den Weg nach Deutschland zurück schaffen würde. Nun, die Energien am Uluru, sind gewaltige Energien die an einem Hotspot der Erde zutage treten. Es sind nicht die Salon-Spirituellen Energien, die sanft gewonnen und gegeben werden können. Salon-Kommunismus und echter Kommunismus unterscheiden sich ja auch wie Tag und Nacht! Sie schaffte den Weg zurück nach Deutschland und benötigte dort geschlagene drei Wochen um wieder auf die Beine zu kommen. Ich blieb natürlich in Kontakt um mich zu versichern, dass sie wieder auf dem Weg der Besserung wäre. 34 Personen groß war diese Gruppe. 33 Zeugen, auch wenn deren Interpretationen über das Geschehene weit auseinanderlaufen dürften!

Ich will noch einmal die „europäische Kunst“ bemühen. Eine der bekanntesten Figuren im öffentlichen Raum ist „Der Denker“ von Auguste Rodin. Wer Glück hat, kann an der Seite eines Kundigen (Frau oder Mann) einiges darüber erfahren, welche Kraft und Energie von dieser Figur ausgeht. Er steht in unseren Kulturkreisen als Symbol für schöpferisches Schaffen! In Gedanken versunken sitzt er da, den Blick nach unten gerichtet, sodass seine Augen nicht zu erkennen sind. Er nimmt seine Umgebung nicht mehr wahr, weil er mit seinem Geist derart beschäftigt ist. Obwohl er so wirkt, als würde er vor sich hinträumen, ist er komplett konzentriert und fokussiert. Jeder Muskel seines Körpers ist angespannt und trotzdem wirkt er schwer, als ob jedes einzelne Körperteil zu Boden sackt. Daher stützt der rechte Arm den Kopf ab. Er denkt mit der Kraft eines hart arbeitenden Mannes und sein gesamtes Blut scheint zu Gehirn geworden zu sein! Die Skulptur versprüht eine ganz bestimmte Faszination, die auch oft staunend erkannt und wertgeschätzt wird. Dass diese Anspannung und diese Kraft in den Interpretationen immer wiederkehren liegt schlicht daran, dass unsere Kulturkreise diese Inhalte verstehen und gespiegelt sehen wollen. Nach meiner Zeit mit den versunkenen Aborigines habe ich mich oft gefragt, ob der Meister Rodin wohl in der Lage gewesen wäre, ein ebenso ausdrucksstarkes Bildnis eines sitzenden, in seiner Welt versunkenen Aborigine anzufertigen? Und auch wenn Rodin nicht nur künstlerisch sondern auch handwerklich einer der größten Meister aller Zeiten war, wäre es ihm nur dann gelungen, wenn er die Kultur und die Spiritualität der Aborigines erfasst, verarbeitet, verinnerlicht und verstanden hätte. Es wäre dann auch nicht mehr nötig gewesen, seinen „Aborigine-Denker“ mit Elementen zu versehen, die Anspannung, Kraft oder die Anspannung eines jeden Muskels seines Körpers ausdrücken. Die Skulptur würde nicht schwer wirken, so als ob jedes einzelne Körperteil zu Boden sacken würde. Der „Aborigine-Denker“ wäre von solcher Leichtigkeit dargestellt, dass er schon fast schweben würde. Es würde deutlich werden, dass diese Menschen keine Kraft oder Anstrengung nötig hätten um konzentriert und fokussiert zu sein. Sie sind mit äußerster Leichtigkeit mit der sie umgebenden Welt verbunden. Ein von Rodin geschaffener „Aborigine-Denker“ wäre dem „europäischen Denker“ haushoch überlegen. Aber was wir nicht wissen, macht uns nicht heiß! In unseren Überheblichkeits-Phantasien würden wir reflexartig solcher Kunst absprechen, wertvoll zu sein. Nur wer den Oberen dient, der darf auch am Leben bleiben! Ich denke dass die Welt auch deshalb die schönste Kunst noch nicht schauen durfte? Und: ein „Aborigine-Denker“ würde seine Umgebung gerade deshalb wahrnehmen, WEIL er mit seinem Geist beschäftigt ist. Ein interessantes Gedankenexperiment?

Nach der Zeit mit Larry, Nelson und den anderen Männern an diesem Versammlungsplatz habe ich die gewonnenen Erkenntnisse mit zurück nach Deutschland genommen. In den ersten Wochen war ich davon wie benebelt. Eine absolute Ruhe, die auch eine Weile anhielt, hatte sich meiner bemächtigt. Der Wert meiner Tochter war mir immer bewusst, zu jeder Sekunde meines Lebens, aber nach den australischen Erfahrungen trat ein neues Gefühl der Verantwortung und Verpflichtung hinzu. Ihr Mutter und ich starteten einen Versuch, die Beziehung fortzuführen und dem gemeinsamen Kind den familiären Überbau zu erhalten. Am Ende scheiterte es – wir waren schlicht zu verschieden und ich musste meinen Frieden damit machen, dass es höchste Opfer fordern kann, wenn man in Mobilitätsberufen arbeitet und 2/3tel des Jahres nicht zuhause anwesend ist. Auch als Vortrags-Referent und Reiseberichterstatter war ich zu dieser Zeit noch – mit Einschränkungen / ich erkannte den Sinn nicht mehr so recht – aktiv. Nach den ersten Themen „Neuseeland“ & „Australien“ hatte ich einen Vortrag über die schönen Landschaften des Westens der USA produziert und mich dann europäischen Themen zugewandt. Erst „Schottland“ und später „Irland“. Aber mein Hauptaugenmerk blieb bei Australien, wenn ich auch gelegentlich darüber nachdachte, Neuseeland erneut länger zu besuchen. Aber einen upgrade des alten Vortrages über Australien hatte ich fest im Sinn. So stand ich beruflich in dieser Zeit oft im Spagat. Die Reise-Sparte – die ich auch immer als meine Berufung verstanden hatte – schien mich regelrecht wieder zurück zu rufen! Es gab gute Aufträge und ich kombinierte die Tätigkeiten als Reiseleiter, Reisejournalist, Reiseberichterstatter, Photograph und gelegentlich Busfahrer so gut ich konnte. Auch 1996 konnte ich noch einmal für 5 Monate nach Australien kommen. Zweimal war ich für jeweils 24 Tage mit einer Reisegruppe unterwegs und dazwischen hatte ich wieder einen fast dreimonatigen Block gepackt, in dessen Zeitrahmen ich individuell auf dem Kontinent unterwegs sein konnte. Ich bemerkte schnell, dass ich mit meinem Ansinnen, tiefer auf die Welt der Ureinwohner einzugehen, nicht nur bei den Vorträgen in Deutschland, Österreich und der Schweiz scheiterte, sondern auch innerhalb der Reisegruppen.

Die Craddle Mountain Lodge bietet viele Tierbegegnungen
Wombats laufen in Freiheit auf dem Gelände umher

Bei der ersten der 1996er Gruppen hatte ich einige Gäste aus meinem Bekanntenkreis überzeugt, sich für diese Tour anzumelden. Einer der Herren, den ich sehr schätzte und mit dem mich ein gutes Beziehungsverhältnis verband, brachte es bei einer Pause auf dem Weg von Alice Springs zum Uluru am Roadhouse von Erldunda auf den Punkt, nachdem ich sehr intensiv mit Blickkontakt zu den Reisegästen, stehend vorne im Bus über die Andersartigkeit der Aborigines referiert hatte. Er nahm mich zur Seite und meinte ganz freundlich, dass es doch jetzt auch mal genug sei, über die Ureinwohner zu sprechen! Diese Menschen – wobei er auf den geparkten Reisebus zeigte – wären doch im Urlaub und wollten nichts über Probleme der besuchten Länder hören sondern etwas Positives. Ich könne doch mal ein Buch über diese Ureinwohner (wobei er wirklich „diese Ureinwohner“ sagte) schreiben und das könne dann jeder kaufen, der das wolle. Aber innerhalb einer Reisegruppe würde er das persönlich für verfehlt halten. Er hätte das so nicht sagen müssen, weil es jedem emphatischen Menschen möglich ist, aus den Gesichtern und Reaktionen der anderen zu lesen. Der überwiegende Teil der Gäste war genervt und die, die es nicht waren, kamen in Pausen gerne mit der Bitte zu mir, doch mal etwas von diesen Fähigkeiten zu beweisen. Sozusagen das Kaninchen aus dem Hut zu ziehen. Eine Dame aus dieser Gruppe, die an der Seite ihres sehr wohlhabenden Ehemannes in diese Gruppe gekommen war, hatte ein etwas gesteigertes Interesse und kam auch an einem der Abende in der Bar des Hotels mit ihrem Mann zu mir und suchte das Gespräch, wobei es ihr augenscheinlich um die Ureinwohner ging. Ihr Ehemann ließ sie gewähren, aber die Art, wie er mit den Augen rollte und grinste und theatralisch zur Decke blickte wenn sie das Wort „Spiritualität“ in den Mund nahm, zeigte mir, dass er – gefangen in seiner typisch männlichen Perspektive – von den Inhalten des sich entwickelt habenden Gespräches nicht viel hielt. Argumentativ war ich ihm überlegen, aber was den Inhalt meiner Geldbörse anbelangte, natürlich nicht. Nachdem er seinen inneren Widerspruch mit ein paar Drinks hinuntergespült hatte, wurde er etwas zugänglicher, beharrte aber weiter auf seiner Einstellung, dass „unsere“ Kultur nicht ohne Grund so weit über der der australischen Ureinwohner stehen würde, auch weil wir der „Primitivität“ in unserer Gesellschaft keinen Raum mehr geben würden. Gegen Ende des gemeinsamen Abends war er dann gut angetrunken (vielleicht hielt er – so wie die Ureinwohner auch – die ihm fremde Realität nicht mehr aus?) und beugte sich irgendwann zu mir vor und sagte, dass er jetzt mal im Vertrauen mit mir sprechen müsse. Einige der Sachen, die ich da reden würde, wären ja ganz gut! Aber: was würden die mir den einbringen? Er schlug vor, dass ich die mir persönlich wichtigsten Aussagen der Aborigines aufschreiben und ihm überlassen solle, er würde dann mal versuchen, mit diesen Ansätzen „Geld zu machen“.

So ist es vielleicht auch besser zu verstehen, dass ich dem kürzlich verstorbenen Rüdiger Nehberg, der sich als authentischer Abenteurer (was er zu 95% auch war und damit war er mehr Abenteurer als alle anderen aktiven dieser Art zusammen!) in der Welt einen Namen gemacht hatte, eine Absage erteilen musste als er meine Kontakte zu den Aborigines nutzen wollte, weil er in seinem neuen Projekt „was mit Aborigines“ machen wollte. Als ich damals meinen Bekanntenkreis darüber informierte, dass ich die Zusammenarbeit abgelehnt hätte, wurde ich als „weltfremder Spinner“ oder „arroganter Idiot“ bezeichnet. Auf jeden Fall einer, der sich gerade die Möglichkeit durch die Lappen hatte gehen lassen, auf der Karriereleiter der Reiseberichterstatter ein gutes Stück weiter nach oben aufzusteigen. Ich habe zumindest in dieser Sache sofort mit Ablehnung reagiert. Freundliche Ablehnung – aber deutliche Ablehnung! Wie hätte ich ein Projekt begleiten können, wenn Rüdiger Nehberg zum Zeitpunkt des Telefonats nicht einmal wusste „was genau“ er mit den Aborigines machen würde? Das rangeln um die besten Plätze auf der Leiter der Karrieren gibt es in jeder mir bekannten Kultur unserer Welt – aber nicht bei den Aborigines. In anderen Bereichen wäre ich vielleicht nicht so empfindsam gewesen? Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich diesen Sinnspruch korrekt mit Van Gogh zusammenbringe, aber ich war Zeit meines Lebens auch nicht unempfindlich gegen das Geld, aber ich verachtete stets die Haie! Die ewigen Fragen nach dem „was bringt es dir ein“ sind so alt wie unsere Kulturen selbst. Und da sich die Spirale der Werte immer schneller um genau diese eine Frage dreht und immer weniger um irgendeine andere Frage, hat unser Wertesystem, geführt von Männern die der Gattung „Haifische“ zugerechnet werden müssen – obwohl es ungerecht wäre dem Tier Hai diese typisch menschliche Gier der Menschen unter die Flossen schieben zu wollen – mittlerweile die Kraft eines Tornados erreicht, die eines gigantischen Geldtransporters, der nicht mehr angehalten werden kann. Die Frage nach dem „was bringt es dir ein“ wird in der Regel all denen gestellt, die etwas tun, was nicht in direktem Maße mit dem Willen zur Einnahme verbunden ist. Es gibt Hoffnung, weil es auch soziale Menschen gibt oder Personen, die von ihrem Genius geführt werden. Aber die Meinung, dass wir leben, um „Geld“ zu verdienen hat sich in den Köpfen der übergroßen Zahl der Erdenbürger bereits so tief verwurzelt, dass diese auch kaum noch eine Chance haben zu erkennen, dass sie ihre Leben im Käfig verbringen. Ein Käfig zwar, dessen Gitter vergoldet wurden, aber trotz alledem ein Käfig.

Und in dem See vor den Fenstern schwimmen Schnabeltiere
Manche werden in Aufzuchtstationen aufgepeppelt

Leider tritt die individuelle Frage, was man denn wirklich im Leben wolle, heute meist in den Hintergrund. Mehr als je zuvor lassen sich die Menschen von ihrer Umwelt sagen, was sie im Leben wollen sollen und was nicht. Schwurbelnde Ratgeber erzählen vielleicht noch, dass man sein Leben nach den eigenen Wertvorstellungen leben und gestalten sollte, damit man selbst nicht nur glücklich und zufrieden ist, sondern auch die Kontrolle und das Verständnis für das eigene Leben optimiert. Jedes individuell geführte „Leben“ fühlt sich natürlich auch sinnvoller und besser an, als ein Leben, in dem man sich nach den Maßstäben anderer richten muss. Sicher, aber wenn der übergroße Teil der Bevölkerungen dieses Planeten nur noch in monetären Richtungen denken kann, wird die Konsequenz lediglich die sein, dass man auf „individuelleren“ Wegen versucht, Geld zu generieren. Manchmal geht es auch um andere, tief in unseren Genen verankerte archaische Werte! Immer muss also alles was man tut, etwas „einbringen“? In jüngeren Jahren hatte ich ein Faible für die Dichtkunst. Mitunter schrieb ich selbst mal etwas, was aber niemals meinen Ansprüchen genügte. Aber die Kraft der dichtenden Poesie, war für mich ab einem gewissen Zeitpunkt, in dem ich Lebenserfahrung gesammelt hatte und tiefere Bezüge zu meiner eigenen Existenz gefunden hatte, von eminenter Bedeutung. Ich kann mich auch noch an den Auslöser erinnern! Es war auf einer meiner „frühen Reisen“ mit einer Gruppe in die Regionen der französischen Normandie. In dieser Gruppe gab es auch ein Ehepaar, welches in Begleitung seiner Tochter – die unzweifelhaft autistische Züge hatte – war. Es fiel mir auf, dass die junge Frau, wann immer wir irgendwo eine Besichtigung hatten, ständig Reime murmelte. An einem der Abende wurde sie gebeten, ein Gedicht in der großen Halle, in der die Gruppe das Abendessen einnahm, zu rezitieren. Sie zögerte keinen Moment und sprach mit lauter Stimme die Schiller Ballade von den „Kranichen des Ibycus“. Das machte mächtig Eindruck auf mich und in den folgenden Jahren eignete ich mir – es war auch eine Art Überprüfung meiner eigenen „Leistungsfähigkeit“ – die Inhalte verschiedener Gedichte an, so dass ich am Ende in der Lage war, etwa 50 verschiedene Balladen oder kürzere Gedichte fehlerfrei aufzusagen.

Als es sich herumgesprochen hatte, dass „der Richter“ so etwas kann, wurde ich bei passender Gelegenheit darum gebeten, etwas vorzutragen – was ich dann stets gerne tat, niemand musste mich lange darum bitten. Aber die Frage, wann immer ich meinen Vortrag geendet hatte und der höfliche Applaus vorüber war, diese eine Frage, welchen Nutzen es mir denn bringen würde, dies zu tun, kam immer von irgendeiner Seite. Was also haben wir heutzutage denn noch von Dichtung? Und diese Frage kam immer und ausschließlich nur von Männern! Gut, ich hätte bei der Wahrheit bleiben und meinen Mit-Männern darüber berichten können, dass nach meiner Meinung und nach meinem Gefühl Gedichte einen Schritt hinaus in Sphären machen, die man nur noch erahnen aber nicht mehr in Worte fassen kann, die aber trotz allem real sind und für unser Menschsein von enormer Wichtigkeit. Poesie – so hätte ich es beschreiben können – ist wie ein Duft, der sich verflüchtigt und dabei in unserer Seele die Essenz der Schönheit zurücklässt. Poesie bewegt Himmel und Erde und veredelt das Verhalten von Mann und Frau. Ich hätte weiter erklärend hinzufügen können, dass Poesie den Menschen, der das Leben bloß mit dem Verstand, ohne innere Poesie durchschreitet, nichts würde geben können. Diese Erklärungen hätten fast allen Frauen genügt, nicht aber den meisten Männern! Wenn die Seele, die Essenz, die Schönheit in der Dichtung keinen spürbaren materiellen Erfolg auf irgendeiner Ebene mit sich bringt, dann wäre sie ohne Nutzen! Oder? Ich musste also einen Nutzen „erdenken“, einen Nutzen der auch den männlichen Fragern eine Möglichkeit gab, zu verstehen, warum ich diese Verse rezitierte. Sigmund Freud hätte seine Freude an meiner kleinen Schwindelei gehabt! Natürlich war mir bewusst, dass sich die Herzen der Damenwelt – wiederum zum übergroßen Teil – öffneten, wenn sie meinen Gedichten lauschten! Da wären mitunter Optionen entstanden, die meine genetische Erfolgsquote bei der Umverteilung der Bausteine des Lebens erheblich verbessert hätten. Und da nun unser persönlicher Affe noch in jedem von uns lebt, beschlich mich das Gefühl, dass ich die perfekte Erklärung gefunden haben könnte. Als bei nächsten Mal ein paar der etwa gleichaltrigen Männer mich nach einem Gedicht umstanden und diese Frage aller Fragen nach dem „Warum“ ich das machen würde, gestellt hatten, gab ich zur Antwort – indem ich verstohlen mit dem Finger auf die im Raum befindlichen Frauen zeigte – dass das alles wegen der Frauen sei, dass ich sie „alle“ herumkriegen würde, wenn ich Gedichte in qualitativer Form rezitieren würde. Diese kleine Lügengeschichte habe ich dann überall erzählt und der Anteil meiner Mit-Männer, der daraufhin in den Buchhandlungen den kleinen Reclam Gedichtband von Friedrich Schiller käuflich erwarb, kann durchaus als beachtlich bezeichnet werden. Mit der Aussicht, das andere Geschlecht zu erobern und ihre Chancen, nun ihrerseits ihre genetische Erfolgsquote bei der Umverteilung der Bausteine des Lebens erheblich zu verbessern, machten sich einige von denen, die mein Tun bis dahin nicht verstanden daran, die Inhalte der Werke zu erlernen.

Die Frage, was im Heute der Nutzen von Dichtung sei, ist keine, die von Dummen herausfordernd gestellt wird. Es ist oft eine Frage derer, die sich ihre Plätze in unseren Gesellschaften, die ihnen angeboten wurden, gesucht haben, diese Plätze einnahmen und dabei an eine Stelle gerieten, in der der Wert der Dichtung schlicht nicht thematisiert wird. Gedichtete Zeilen beschäftigen mich nun schon seit vielen Jahren. Gedichte waren für mich nie nur nettes Beiwerk der Literatur. Personen die auf unterschiedlichen Ebenen mit der Welt im Positiven verhaftet sind, spüren diese leise Stimme, die darauf beharrt, dass in Gedichten Geheimnisse liegen, die sich nicht einfach so erschließen lassen. Aber in unserer sich so schnell dynamisierenden Welt, in der es kein Anhalten mehr zu geben scheint? Unsere Sprache unterliegt ja auch dem Wandel und sie macht zur Zeit – auch dem Einfluss der modernen Medien geschuldet – eine starke Veränderung durch. Die Sprache passt sich an die neue Lebensumwelt der Menschen an, überall auf der Welt, in jeder Kultur. Deshalb gibt es zur Zeit einen dramatischen Verfall unserer Sprach-Qualität. Gesteigert wird zwar die Quantität der gebrauchten Worte, aber die den Worten innewohnende Qualität gibt nach und sackt sukzessive ab. Sprache bezieht sich deshalb immer mehr nur auf die Verwendung für Dinge im Außen, für die Verständigung über technische Vorgänge oder die Verbreitung von Informationen. Kommunikation ist aber weit mehr als das. Kommunikation muss es gelingen, abstrakte Gedanken zu übermitteln und innere Vorgänge auszudrücken. Inwieweit es durch Sprache möglich ist neue Gedankenräume zu erschaffen, neue Arten des Denkens und Fühlens und eine neue Sicht auf uns selbst zu entdecken, muss offen bleiben. Ich empfehle allen, die bei diesen letzten Zeiten ein Gefühl des Unwohlseins beschlich den Film „Der Club der toten Dichter“! Unter dem Gesichtspunkt, dass die Sprache mehr und mehr ihre Tiefe verliert, stehen wir vor einer besorgniserregenden Entwicklung. Denn Sprache ist immer ein Abbild ihrer Zeit. In unserer Zeit wurden alle Wahrnehmungen darauf reduziert, dass die wichtigsten Dinge Geld, Macht und Technik sind. Deshalb entwickelt sich unsere Sprache zwangsläufig in diese Richtung um genau diesem neuen Weltbild gerecht zu werden. Durch diese reduzierte Sicht auf die Welt nehmen wir uns Stück für Stück die Möglichkeit, mit den ursprünglichsten menschlichen Dingen, auf eine produktive, an Sinnen tiefe Art umzugehen. So kann es geschehen, dass denjenigen, die anfangen über das Leben nachzudenken, die Worte fehlen. Dass ihnen mehr und mehr die Worte dafür fehlen! Und genau darum geht es doch! Wenn wir die Worte verlieren, wenn wir eine nuancierte Sprache verlieren, dann werden wir nicht mehr über eine Welt außerhalb der sichtbaren Realität nachdenken können. Ausgelöst wurde diese Entwicklung unter anderem durch den Verlust unserer Buchkultur und ihre Ablösung durch die modernen Massenmedien. Verschiedene Medien ermöglichen einen jeweils anderen Zugang zu differenzierten Gedanken und Gefühlen. Manche Medien ver- oder behindern diesen Zugang. Im Film geht es in erster Linie um bewegte Bilder. Der Text kann wichtig sein, bleibt aber immer sekundär. Das große Problem des Mediums Film ist, dass es nur kurze Zeitspannen gibt um die Menschen zu erreichen. Deshalb müssen Gefühle und Gedanken so dargestellt werden, dass man sie sofort erkennt und versteht, und das führt zwangsläufig zu einer stark vereinfachten und oberflächlichen Darstellung. Prosa (die ungebundene Sprache im Gegensatz zur Formulierung von Versen) ist weit besser geeignet um Gefühle darzustellen und sie für sein Leben fruchtbar zu machen. Der Fokus liegt bei dieser Art von Texten auf einer Handlung in der die Gefühle und Gedanken eingebettet sind. Deshalb ist dieses Medium wie kein zweites dafür geschaffen, diese beiden zueinander in Beziehung zu setzen, in Sprache zu transformieren und uns die Möglichkeit zu geben sie in unser Leben zu integrieren. Aber durch die Abhängigkeit von einer Geschichte erreichen diese Texte selten den Punkt an dem sie über das Sagbare hinausgehen müssten.

Gedichte allerdings, machen auch diesen letzten Schritt, hinaus in Sphären, die man nur noch erahnen aber nicht mehr in Worte fassen kann, die aber trotz allem real sind und für unser Menschsein von enormer Wichtigkeit, möglich. Ein gutes Gedicht besitzt innere Schönheit, und durch die Kraft seiner Sprache kann es unseren Verstand befreien und für einen Augenblick mit einer anderen Welt in Verbindung bringen. Gedichte haben die Möglichkeit zwischen den Worten einen Blick auf das zu erhaschen, was sich durch Sprache nicht mehr ausdrücken lässt. Sie können auch feinste Nuancen ansprechen und, was noch wichtiger ist, Dinge andeuten die man nicht mehr aussprechen, aber durch die Kraft ihrer Worte nachempfinden kann. Eine höhere Ebene also! Natürlich habe ich auch einmal in der Runde der Männer aus dem Volk der Aborigines ein Gedicht rezitiert. Mein Lieblingsgedicht sogar: Schillers Ballade von der „Teilung der Erde“. Die Ureinwohner Australiens haben keine so umfangreiche Wort-Kommunikation wir wir, in unseren Kreisen, aber sie haben die nonverbale Kommunikation, sie sind im Umweg über Klangbilder in der Stimme in der Lage, Dinge zueinander in Beziehung zu setzen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber für einen Augenblick zueinander sprechen können. Wer nicht viel redet, kann trotzdem hoch kommunikativ sein, nur eben auf einer anderen Ebene. Nichts vom dem was als Wort meinen Mund verließ, schien ihnen unlogisch zu sein. Es war ihnen definitiv nicht schwer fassbar. Aborigines kennen den sogenannten Narzissmus des Poeten nicht, da sie auf überhaupt keine narzisstischen Störungsbilder zurückgreifen können. Ich hatte die Empfindung, dass sie durch den Klang meiner Worte allein bereits verstanden, dass Gedichte dem Inneren eine Stimme geben. In unseren Kulturen geraten Menschen oft an eine Grenze, an der sich mit Worten einfach nichts mehr ausdrücken oder sagen lässt. Manche ahnen, dass es ein „darüber hinaus“ geben könnte, aber ihre Zahl wird geringer. Die Aborigines sind so intensiv mit allem verflochten, dass sie einem Schillergedicht, gesprochen im sandigen Wüstenboden Australiens, aufmerksam folgen können und die Bedeutung verstehen ohne den Inhalt kennengelernt zu haben. Ich konnte das an ihren Reaktionen ablesen. Sie lächelten stärker als sonst und suchten einen lächelnden Blickkontakt zu den anderen Männern um sie herum.

Zurück zu diesem Rasthof Erldunda auf dem Weg zum Uluru-Felsen im Jahr 1996zig. An dem Rasthof war auch eine Aborigine-Familie mit mehreren Kindern. Das größere der beiden Mädchen, sie mag wohl um die 6-7 Jahre alt gewesen sein, trug eine Art Prinzessinnen Kleid aus rosafarbenem Tüll. Die Mutter der Kinder war gerade in ein Gespräch vertieft und unterhielt sich mit der Kassiererin, welche etwas genervt wirkte, weil die Aborigine wohl für ihr Gefühl etwas zu lange mit ihr sprach? Einige der Mitglieder der Reisegruppe – und es waren mehrheitlich wundervolle Menschen, die ich teilweise sehr schätzte oder wenigstens mochte – hatten sich in einem gewissen Sicherheitsabstand um die Kinder herum gruppiert und machten ihre Photos von den Kleinen. Aber wenn sie auch nett lächelten und sicher auch positive Gefühle für diese Kinder hatten, ging doch keiner von ihnen in die Knie um den Dialog mit den Kleinen auf Augenhöhe zu suchen. Im Fokus des photographischen Interesses der Mitglieder meiner Reisegruppe stand dieses etwas bizarr wirkende Mädchen im Kleid einer Prinzessin! War da wieder die Sehnsucht nach „kultureller Basissicherheit“ im Spiel? In wie vielen Reise-Photoalben wird sie wohl noch heute zu sehen sein? Wie viele Geschichten werden über die Begegnung mit ihr erzählt werden? Und vor allen Dingen: welche Geschichten werden das sein? Im Großen und Ganzen war die Gruppenreise durch Australien im Jahr 1996zig deutlich erfreulicher als die Reise ein Jahr zuvor. Was sicher auch daran lag, dass ich einige der Mitglieder der neuen Gruppe gut kannte und so manchen dazu überredet hatte, diese Reise zu machen. Auch das „Thema“ Ureinwohner hatte ich bei einem Vortreffen angeschnitten und – ohne es episch auszubreiten – darauf hingewiesen, dass eine Reise durch dieses Land aus meiner Perspektive auch Begegnungen mit den Aborigines möglich machen sollte. In der Intensität, wie ich es mir gewünscht hätte, klappte es dann zwar nicht, aber ein Anfang war zumindest gemacht. Als ich daran ging, meinen „Block“ zwischen zwei Gruppenreisen zu gestalten, entschied ich mich dafür ein Fahrzeug zu erwerben. Keinen Jeep, da ich nicht vorhatte, wieder über Wochen in den entlegenen Gebieten des Kontinents herumzufahren. Ein „normales“ Auto beschränkte zwar meine Möglichkeiten, mich im Land zu bewegen, deutlich, kostete aber auch nur einen Bruchteil dessen, was ein Jeep (auch wenn es ein altes Fahrzeug gewesen wäre) gekostet hätte. Das Risiko, bei einem Weiterverkauf nach drei Monaten viel Geld zu verlieren, war bei einem „billigen“ PKW viel geringer als bei einem Jeep. 1.500.- australische Doller investierte ich in einen 14 Jahre alten Ford Falcon. Der Wagen war geräumig und – was noch wichtiger war – ein Kombi! Ich konnte fast so bequem wie in einem Hotelbett darin schlafen und so meine Zeiten, in denen ich photographisch tätig sein wollte, so weit ausdehnen wie es das Tageslicht möglich machte. Es ist durchaus komfortabel, in einem Auto (gut, in einem geräumigen Auto) auf einer Luftmatratze zu übernachten. Wer ein wenig auf den Komfort eines zivilisierten Lebens verzichten kann, wird auf diese Weise schon eine Art „Abenteuer“ erleben können.

An Klischeehaftigkeit kaum zu überbieten….

Tasmanien war mir bei der 92er Reise als sehr wohltuender Kontrast zum „Roten Riesen“, wie das australische Festland auf viele Menschen wirkt, in Erinnerung geblieben. Viel eher wie Neuseeland, wirkte es auf mich. Und auch wenn es die gigantischen Baumfarne auch in vielen Gebieten des Australien auf der anderen Seite der „Bass-Strait“ (so etwas ähnliches wie der Ärmelkanal) gab, so wirkten sie auf Tasmanien mehr so, als würden sie einfach hierher gehören. Ich habe mich fast vier Wochen auf Tasmanien herumgetrieben und mir auch einen Wunsch erfüllt, der seit meinem ersten Besuch, als wir das „Süd-Licht“ als Gruppe auf diesem Parkplatz erlebt hatten, mehr und mehr Gestalt in mir annahm. Erfahrungen mit solchen Unternehmungen hatte ich seit 1991, als ich diverse Tracks auf Neuseeland unter die Schuhsohlen genommen hatte, bereits erworben. Ich ließ mich von Hobart aus mit einem Wasserflugzeug in den gigantischen und vollkommen menschenfreien Southwest-Nationalpark ausfliegen und machte mich dann, nur mit dem für´s blanke Überleben nötigen Dingen, auf den Weg zurück in die Zivilisation. Der Flug war teuer und ich bereute zum ersten Mal nicht, dass ich bei der Anschaffung meines fahrbaren Untersatzes gespart hatte. Aber die Aussicht, noch einmal 5 oder vielleicht 6 Tage allein in dieser umwerfend faszinierenden Natur unterwegs sein zu können, beflügelte mich, auch wenn mein Geldbeutel nach dem Flug um 500.- australische Doller dünner geworden war. Sicher hat jeder Mensch so seine unerwarteten Begegnungen in seinem Leben gehabt? Auch in meinem Leben kam es oft vor, dass ich an unerwarteter Stelle plötzlich jemanden traf, der das „alte Gesicht aus der Heimat“ verkörperte! Auf dem Flughafen von Johannesburg in Südafrika, wo wir einmal eine längere Pause einlegen mussten bis das Flugzeug in die Heimat startete, hörte ich plötzlich jemanden laut meinen Namen rufen. Es war eine Dame, die einige Jahre zuvor eine Reise durch Schottland mit mir gemacht hatte. Als ich einmal in Buenos Aires mit meiner Photoausrüstung auf dem Weg von der Innenstadt zum Hotel zurück unterwegs war, rannte ich fast in den ehemaligen Inhaber des „Western-Store“ aus Hanau. Den Laden gibt es nicht mehr, aber viele werden sich daran erinnern können, wenn sie einen Bezug zu Hanau haben, da der Laden so etwas ähnliches wie eine Institution gewesen ist. Der Studienkollege an dem Fluss auf dem Weg zum Cape York war auch so eine kaum fassbare Begegnung mit daheim. Aber die absurdeste Begegnung mit Zuhause hatte ich 1996zig während der Wanderung durch den an Einsamkeit kaum zu überbietenden Southwest-Nationalpark auf Tasmanien.

Toxische Menschen (und ich habe da sehr viele Begegnungen gehabt) würden nun gleich wieder darauf insistieren, dass mir ein gewisser Größenwahn innewohnen würde! Aber warum denn? Ich hatte über mehrere Jahre auf den Bühnen Deutschlands (ja, auch Österreich und die Schweiz) gestanden und als selbständiger Reiseberichterstatter meinen Job gemacht. Ich selbst stand dabei oben, im Licht, die Zuschauer saßen unten, im Dunkel der Räume! Und auch wenn ich mich in den Pausen oder nach den Veranstaltungen mit vielen Personen unterhalten habe, konnte ich mir doch niemals diese vielen Personen merken, mit denen ich sprach! Wie denn auch? Ein „B-Klasse-Promi“ gewesen zu sein, entsprang ja nicht meinen Überlegungen, sondern es kam von Außen, von den vielen Menschen die ich in meinen verschiedenen Berufen erreicht hatte, zu mir zurück. Eine nicht zu unterschätzende Zahl von Menschen kannte mich! Nicht mehr und nicht weniger. Nachdem ich mich bei blendendem Wetter von dem Wasserflugzeug an einer Bucht im Westen dieses Nationalparks hatte absetzen lassen, fand ich die „Route“ (kein Wanderweg – nur eine Route) zurück in die Zivilisation recht schnell. Ähnlich wie in den wenig von Wanderern besuchten Gebieten der Stewart Insel, drüben in Neuseeland, hatte man auch hier in unregelmäßigen Abständen Markierungen an den Bäumen angebracht um den Weg aufzuzeigen, der genommen werden sollte, wenn man die Absicht hatte, wieder in die Zivilisation zurück zu kommen. Ich hatte zwar auf eine komplette Angelausrüstung verzichtet, mir aber trotzdem eine Schnur und einen Haken mitgenommen. Für alle Fälle! Genug Nahrung für 5-6 Tage konnte ich neben einem ultra-leichten Zelt ebenfalls bequem mitführen und auch die Kameraausrüstung wog deutlich weniger als in den Jahren zuvor, was auch daran lag, dass ich nur einen Teil meines Equipments nach Australien mitgenommen hatte. Es war demnach nichts an materiellen Werten in meinem Auto, welches ich am Flughafen von Hobart – am Hafen, wo das Wasserflugzeug gestartet war – stehengelassen hatte, zurück geblieben. Ich konnte mich freimachen von Verlustängsten. Diesen Weg „zurück in die Zivilisation“ zu beschreiben wäre ein eigenes Buch wert. Nur so viel: wenn mir jemand die Pistole auf die Brust setzen und sagen würde, dass ich nur noch so und so lange zu leben hätte und dass es meine Pflicht wäre, jetzt sofort eine Reise anzutreten, wenn ich mein Leben nicht sofort verlieren möchte, dann wäre diese Route durch den Southwest-Nationalpark, zu Fuß und allein, eine von zwei Möglichkeiten, die ich nennen würde. Der erste Tag war gut und mehrheitlich von Sonnenschein geprägt, auch wenn man in dem dichten Urwald mitunter kaum die Sonne sah. Als ich am zweiten Morgen loslief, hatten sich schon die ersten, nichts Gutes verheißenden dunklen Wolken am Horizont eingefunden. Da auch der Wind stärker wurde ahnte ich, dass ich im Lauf der nächsten Stunden wohl kräftig gewässert werden würde.

Als die „Route“ im Süden in der folgenden Stunde einmal sehr dicht an die Küste führte (man konnte in einiger Entfernung die „De Witt Insel“ sehen), waren dort zwei Fischer mit ihrem Boot zu erkennen, die sehr hastig ihre ausgelegten Körbe und Netze einholten. Sie bemerkten mich auch und riefen rüber, dass ein schwerer Sturm im Anmarsch sei. Ach wie erfreulich! Freundlicherweise kamen die beiden Männer mit dem Boot etwas näher zu mir gefahren und rieten mir vom Wasser aus, dass ich nur eine Möglichkeit hätte, mich vor diesem Sturm zu schützen. Ich sollte nicht den roten Markierungen folgen sondern in etwa zwei Kilometern den blauen Markern in Richtung Inland folgen, weil es dort eine Schutzhütte für die Waldarbeiter geben würde. Dort sollte ich mich für ein paar Stunden in Sicherheit bringen, solange, bis der Sturm vorüber gezogen wäre. Den Vorschlag fand ich plausibel und wenn ich diese blauen Markierungen in dem dunklen Wald finden würde, so wollte ich ihnen auch folgen. Die Windstärke wuchs immer weiter und es wurde dunkler und dunkler. Als ich schon glaubte, diese blauen Marker nicht mehr zu finden und sicher war, daran vorbei gelaufen zu sein, waren plötzlich zwei Markierungen an einem der Bäume. Der rote wies in Richtung geradeaus und der blaue zeigte nach links. Mittlerweile hatte extrem starker Regen eingesetzt und es war fast so schwarz wie in der Nacht. Mit Mühe und Not fand ich die weiteren blauen Markierungen und tatsächlich – ich hatte bereits wieder begonnen zu befürchten, dass die Fischer mir einen Streich gespielt hätten – kam plötzlich eine kleine Lichtung auf der ein komfortabel wirkendes, großes Blockhaus stand. Mit Dach und Fenstern und einem Kamin! Ich hatte das Paradies gefunden und konnte – nachdem ich die Tür geöffnet hatte – auch sofort erkennen, dass ich alleine war. Ich war mittlerweile komplett durchnässt und der Starkregen, der seit fast einer Stunde vom Himmel fiel, hatte seinen Weg durch meine äußere Haut bis in die letzten Winkel meines Körpers gefunden. Selbst in den Rucksack war Feuchtigkeit gekommen und das ging nur im Zusammenspiel mit Wind und Feuchtigkeit. Beides war vorhanden und beides war extrem.

Tasmaniens Natur ähnelt der von Neuseeland
Wer will kann tagelang Wandern und dabei nur wenige Menschen treffen

Ich sondierte die Lage: große Hütte, Feuerstelle, trockenes Holz aufgeschichtet neben dem Kamin, sechs Pritschen ohne Bettzeug, Kerzen…. Was wollte der Mensch mehr? Ich entledigte mich, nachdem ich ein prasselndes und wärmendes Feuer entfacht hatte, meiner Kleidung und stand nun, so wie ich auf die Welt kam, ohne störende Textilien, mit einem heißen Kaffee in der Thermotasse an dem kleinen Fenster und blickte auf das Tosen und Toben dort draußen. Es toste und tobte unentwegt und doch konnte ich plötzlich einen Menschen erkennen, der sich auf die Hütte zubewegte! Einen anderen Menschen der auch noch gut erkennbar war, weil er eine leuchtend rote Regenjacke trug. Da ich nicht wusste, wie dieser Mensch (der weiblich oder männlich hätte sein können) auf mich im Adamskostüm reagieren würde, hüpfte ich noch schnell wenigstens in meine Regenhose und war gerade damit fertig, sie zu schließen, als die Tür aufging und dieser Mensch in roter Regenjacke diese entlegene Schutzhütte am Ende der Welt betrat. Er war ebenfalls extrem durchnässt, hob den Kopf und zog sich die Regenmütze nach hinten weg und noch während er dies tat, (es war tatsächlich ein männlicher Mensch) hörte ich ihn meinen Namen nennen: Roland Richter! Ich war absolut fassungslos und starrte ihn mit offenem Mund an. Er sagte nur „Stuttgart – Liederhalle – Mozartsaal? Kannst Du dich nicht erinnern?“. Um Himmels Willen nein! Er war Gast in einer meiner Präsentationen und hatte sich mein Schlusswort, als ich über künftige Reise-Aktivitäten sprach, gut gemerkt. Ich hatte nämlich von der Bühne herunter angekündigt, dass mir Tasmanien in dem Vortrag viel zu kurz gekommen wäre, weil ich noch nicht über genügend Bildmaterial verfügen würde und deshalb würde ich schon bald dorthin reisen und mich speziell um eine Begehung des Southwest-Nationalpark bemühen würde. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, dass dieser nasse, junge Mann mich nach der Veranstaltung noch angesprochen und speziell zu Tasmanien befragt hatte. Er hatte meine Idee für gut befunden, so ähnlich die der Mitstudent vom Fluss in Nord-Australien, hatte sich sechs Wochen Urlaub gegönnt und sich aufgemacht, auf den von mir beschriebenen Routen durch Australien zu reisen. Er war schon länger unterwegs, als wir uns dort in der Hütte trafen und hatte sich nicht ausfliegen lassen sondern den Fußweg aus nördlicher Richtung gewählt. Er würde damit mindestens 12 – 13 Tage benötigen, um zu der nächsten Straße zurück zu kommen, auf der es dann – wenn gewollt – mit einer Busverbindung nach Hobart zurück gehen konnte. Was haben wir viel herum philosophiert an diesem Abend. Er hatte die beiden Fischer ebenfalls getroffen und dieselbe Information erhalten, nur hatten diese beiden Fischer zu dem Zeitpunkt, an dem er sie traf, mit ihrem Boot und ihrer Ausrüstung bereits einen schützenden Platz direkt hinter den großen Steinen am Ufer bezogen. Da der Regen nicht nachließ, blieben wir in der Hütte und unsere Wege trennten sich erst am nächsten Tag. Er wollte bleiben, ich wollte gehen. So unspektakulär ist das manchmal im Leben. Wir haben uns danach nie wieder gesehen und er kam auch nicht zu mir, als ich erneut in Stuttgart in der Liederhalle im Mozartsaal einen Vortrag über Australien hielt. Vielleicht ist er auf Tasmanien geblieben? Zu verstehen wäre das – aus meiner Perspektive.

Doch nur zu Fuß erlebt man diese noch immer wilde Insel wirklich

Der Rest des Reiseabschnitts, den ich mit dem alten Ford Falcon absolvierte, kann mehr oder weniger als Photographische Arbeitsreise verstanden werden. Ich begann in der Regel noch vor Sonnenaufgang die Plätze aufzusuchen an denen ich meine Bilder machen wollte. Gegen 09:00 Uhr, wenn die Sonne einen Stand erreicht hatte, an dem ihr Licht zu gleißend wurde, verlegte ich mich auf Indoors-Photographie und erst am Abend, wenn das Licht der Sonne wieder die gewünschten sanften Töne der Farben hervortreten ließ, ging ich wieder nach draußen. Auf Tasmanien habe ich keine Begegnungen mit Aborigines gehabt, denn was die Briten auf dem Hauptland vergeblich versuchten, nämlich das Volk der Ureinwohner einfach zu liquidieren, schafften sie auf Tasmanien in lediglich 72 Jahren. Ich bediene mich hier keiner „reißerischen“ Sprache, denn es war die Absicht der neu ins Land gekommenen Systeme, die Aborigines zu beseitigen. Es sollen einmal etwa 6000 Ureinwohner auf der Insel gelebt haben und deren Situation war – bedingt durch die Insellage – abgeschieden und isoliert. In den Quellen der heutigen Tage liest man, dass sie friedliche Menschen gewesen sein sollen. Die Auseinandersetzungen, die sofort nach dem Beginn der Kolonisation mit den Walfängern an den Küsten, den Seehundjägern oder denen, die als Piraten ihrem Handwerk nachgingen, waren für diese Aborigines fatal. Die Frauen der Ureinwohner wurden als willkommene Sklavinnen missbraucht und da sich das einige der Aborigines nicht gefallen ließen kam es zu Konflikten, so dass bald auch die Regierung dabei half, den Beginn der konzertierten Vernichtungszüge gegen ein ganzes Volk zu unterstützen. Tasmanien war bis 1816 eine Insel der Ausgestoßenen, eine abgeriegelte Strafkolonie sozusagen, die vom Abschaum der britischen Armee bewacht wurde. Und auch wenn es erste, zaghafte Versuche die Ureinwohner zu schützen, tatsächlich gab, so beschränkte sich dieses „Gerede“ letztlich nur auf Absichtsbekundungen. Getan wurde nichts. Deshalb wurden die Einheimischen von aus den dortigen Gefängnissen entflohenen oder bewaffnet ins Land entlassenen Sträflingen willkürlich erschossen, erschlagen, kastriert, verletzt, entführt und vergewaltigt, Kindern wurden bei lebendigem Leib die Köpfe abgerissen. Nirgendwo im Internet finden sich Fakten oder Bilder zu diesen grausamen Verletzungen der Menschlichkeit. The winner takes it all! Es gab solche Photos auch noch in entsprechenden Fach-Publikationen oder in „normalen“ Büchern. Aber es wurde entschieden, dass die Generation der jungen Menschen diese Bilder nicht mehr sehen sollte. Die Wahrnehmung wird durch Weglassung von Informationen schlicht manipuliert. Immer, überall und vollumfänglich. Das war übrigens ein Grund, warum ich mich nicht mehr im investigativen Journalismus betätigt habe. Wir können heute nur dann erfahren, dass kaum ein Europäer jemals für solche Schandtaten zur Rechenschaft gezogen wurde, wenn wir mit viel Zeitaufwand und Kontakten entsprechende Seiten in alten Protokollen durchstöbern. Den Todesstoß für die Aborigines kann der Moment bezeichnet werden, als die Briten wegen der Hungersnot 1806 alle Sträflinge frei ließ. Danach entstanden regelrechte Banden, die Schwarze oder Weiße mordeten.

So mussten sie dahin vegetieren, die letzten Aborigines von Tasmanien

1825 lebten 6.800 Sträflinge und ebenso viele Siedler auf Tasmanien. 1830 waren unter den 23.000 Weißen Menschen, die man aus Europa nach Tasmanien verfrachtet hatte, rund 10.000 Sträflinge. Ein Desaster! Am schlimmsten für den Verlauf der Tragödie war die Verlogenheit des britischen Landadels, der zusammen mit dem Klerus Kultur und Moral nach britischem Vorbild nach Tasmanien bringen sollte. In freier Auslegung diverser Bibelworte bevölkerten sie Tasmanien und machten es sich untertan. Darunter verstanden sie auch die Ausrottung der Ureinwohner im direkten Konflikt, durch Pogrome, durch Hinterhalt und sogar Falleisen. Durch eine Hetzkampagne der Presse, die die Gräueltaten der Weißen fast komplett verschwieg und jeden Übergriff der Aborigines – auch wenn es schlichte Selbstverteidigung war – hoch spielte, wurde 1828 das Standrecht gegen die schwarzen Eingeborenen eingeführt. In den schriftlichen Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit kann heraus gelesen werden, dass sogar Kopfgelder auf Aborigines ausgesetzt wurden. Für jeden lebend gefangenen erwachsenen Eingeborenen gab es fünf Pfund, für jedes Kind zwei Pfund. Das waren damals beträchtliche Beträge und das Prinzip kann so verstanden werden wie beim Emu-Krieg, als man eine Prämie für abgerissene Emu-Schnäbel bezahlte. 1830 sollen in den besiedelten Gebiet nur noch 1900 Aborigines gelebt haben. Doch die in einen Zustand der Paranoia getriebenen Siedler glaubten an eine unvergleichlich höhere Zahl noch lebender „schwarzer Feinde“. Über 2000 bewaffnete Siedler und 3000 Soldaten versuchten in einer Zangenbewegung, die „Operation Black Line“ genannt wurde, die restlichen Feinde aufzuspüren und zu töten. Im Abstand von drei Metern nebeneinander marschierend wollten die über 5000 Männer, die sich als „Krieger der überlegenen Moral“ bezeichneten, die Ureinwohner zur einer Halbinsel abdrängen um sie dort zu vernichten. Dieses Vorhaben misslang gründlich, denn in zwei Monaten fing man lediglich einen Jugendlichen und einen verwundeten älteren Mann. Gelungen ist die endgültige Vernichtung der Einheimischen dann durch die Kirche, die mit vorgespielter Güte die in Not befindlichen letzten Aborigines davon überzeugte, dass es „wichtig“ und „richtig“ für sie wäre, mit in speziell für sie geschaffene Reservate zu kommen. Die Regierung suchte per Annonce „eine zuverlässige Person mit gutem Charakter“, die mit dem unglücklichen Volk der Ureinwohner Kontakt aufnehmen sollte. Der Laienprediger George Robinson bewarb sich auf diese Stelle und erhielt sie. Durch Expeditionen rund um die Insel versuchte er, die noch überlebenden Eingeborenen zu sammeln und zu missionieren. Er überredete die letzten überlebenden Ureinwohner zur Umsiedlung auf die Flinders-Insel. Die noch in den Bergen lebenden kleinen Restgruppen wurden von ihm, zum Teil mit Gewalt, aufgebracht. Auf der Flinders-Insel sollten fortan aus den „Wilden“ rechte „Christenmenschen“ werden. Sie wurden gezwungen an den Gott der Kolonialmacht zu glauben, zu beten, sich anständig zu kleiden und in einem Dorf zu leben, das die Bezeichnung Ghetto nicht einmal verdient hätte. Die, die sich nicht kampflos gefangen nehmen ließen wurden als „renitente“ und „unbekehrbare“ Minderwertige bezeichnet und kamen – so sie die Gefangennahme überlebten – in die Strafkolonie von Macquarie Harbour. Dort quälten sie die anderen, die britischen Strafgefangenen derart, dass viele Selbstmord begingen. Einige der dort einsitzenden Ureinwohner mordeten ihrerseits mit Absicht, um nach zwei Wochen Einzelarrest hingerichtet zu werden. Denn nichts ist für einen Aborigine schlimmer, als eingesperrt zu sein. Eine Epidemie erlöste viele von ihren Qualen. 1836 lebten nur noch 240 Eingeborene auf der Flinders-Insel. Und um die Sache mit der ewigen Selbst-Überhöhung der Kulturmenschen auf die Spitze zu treiben, beschrieb dieser Laienprediger Robinson, der das Einsammeln der Ureinwohner koordiniert hatte, bei einem Vortrag in Sydney, wohin man ihn eingeladen hatte, den Verlauf der Operation in etwa so, dass die Geschichte bisher kein Beispiel kennen würde, in dem ein ganzes Volk durch eine so humane und nachsichtige Politik entfernt worden sei. Das war 1838 und zu dieser Zeit lebten in seinem Ghetto Dorf gerade noch 86 tasmanische Aborigines. Was diese Menschen wert waren wird daran erkennbar, dass man 1839 viele Skelette dieser Menschen wieder ausgrub und sie an Wissenschaftler für gutes Geld verkaufte.

Respektspersonen aus der Wissenschaft wetteiferten um ihre toten Körper

1847 lebten dort noch 47 abgestumpfte, dahin siechende Menschen, die man in plötzlich auftauchender Humanität zurückkehren ließ in das Reservat Oyster Cove bei Hobart. Alkohol und Grippe waren danach die Haupttodesursachen. 1858 lebten noch 15 und bald nur noch drei von ihnen. Und um diese letzten drei entbrannte schon zu deren Lebzeiten ein Wettlauf der Wissenschaftler um deren Körper. Die Gebote für diese noch lebenden Menschen, ihre Körper zur Auswertung (und Ausweidung) in die Finger zu bekommen, ist wohl am besten mit einer Versteigerungsaktion bei Sotheby’s (edel ausgedrückt) oder eBay (volksnah ausgedrückt) zu vergleichen? Absurdeste Summen wurden geboten und die Provinzregierung konnte sich freuen, mit dem ableben der letzten Ureinwohner einen dicken Batzen Geld in die Hände zu bekommen. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass sich das hier zum Teil wie ein Horror Roman liest! Aber was später britische Ärzte mit dem Leichnam von William Lanney, dem letzten männlichen tasmanischen Ureinwohner machten, ist nur mit extrem viel Verständnis für Wissenschaft und Forschung noch als akzeptabel zu bezeichnen. Deshalb ist die Geschichte des letzten tasmanischen Aborigine auch gut dokumentiert, denn jede Untersuchung seines wertvollen (toten) Körpers wurde akribisch festgehalten. Demnach sollen die Ärzte vorsichtig den Kopf des verstorbenen William Lanney (aufgezwungener Name des letzten Tasmaniers) skalpiert und den enthäuteten Schädel des Aborigine durchs Fenster an einen wissenschaftlichen Helfer gereicht haben. Im benachbarten Raum lag die Leiche eines Weißen, dort griffen die Ärzte erneut zum Messer und skalpierten den Weißen, schnitten den Schädelknochen heraus und steckten ihn in die Kopfhaut des Schwarzen. Die blutverschmierte Leiche wurde von einem der Ärzte, der später in diese „Pathologie“ kam, so beschrieben, dass der Schädel, der locker in der Haut rollte, dass einzige war was noch als „intakt“ hätte bezeichnet werden können. Später hackte man dem toten Lanney Hände und Füße ab, und noch am selben Tag wurde die verstümmelte Leiche beerdigt. Doch schon am Abend begab sich der Chirurg wieder zum Friedhof, um sie erneut auszugraben und auf einer Schubkarre zurück in die Pathologie zu schaffen. Am Tag danach, so berichtete es später ein Kollege des diensthabenden Arztes vor einem Untersuchungsausschuss, habe das Hinterzimmer der Pathologie ausgesehen wie ein Schlachthaus, überall Blut und Fett. Man hatte William Lanney´s Leiche bis auf sein Skelett reduziert. Es gab also einen Streit, einen makabren Grund für die Auseinandersetzung zwischen den beiden mit der Aufgabe der wissenschaftlichen Erkenntnis betrauten Ärzte um die Leiche des letzten männlichen tasmanischen Ureinwohners. Der eine Arzt arbeitete für das Royal College of Surgeons in London, das vor allem an dem Schädel interessiert war und der andere Arzt stand im Dienst der Royal Society of Tasmania, die für ihr Museum in Hobart ein komplettes Skelett begehrte. Anthropologie und Ethnologie steckten mit aller in diesen wissenschaftlichen Disziplinen enthaltenen Grausamkeiten eben schlicht noch in ihren Anfängen. Und die dunkle Seite der von Männern für Männer gemachten Welt schimmerte damals ebenfalls hindurch, denn es gab noch lebende weibliche Aborigines! Diese Frauen-Körper waren aber für die Wissenschaft nicht annähernd so interessant wie die Körper der reinrassigen Männer! Es kam zu keiner Orgie der immer neuen Höchstgebote. Sicher würde man auch noch heute für einen Silberrücken Gorilla einen weitaus höheren Preis bezahlen als für seine Weibchen, die mit ihm in seiner Gruppe leben? Zumindest daran hätte sich bis zum heutigen Tage dann nichts verändert. Die Ehefrau von William Lanney, ihr klangvoller Name lautete Truganini, des letzten männlichen Aborigine der Insel, verstarb erst neun Jahre nach ihrem Ehemann, in Hobart. Und gerade diese Truganini wäre als Frau perfekt geeignet gewesen, um die Sache der Emanzipation voranzubringen.

Truganini, die letzte Dame der reinrassigen Ureinwohner Tasmaniens

Mit dem Tod von Truganini waren dann alle reinblütigen Tasmanier ausgerottet. Doch das bewegte Leben von Truganini ließ sich nicht einfach so verheimlichen und in einer Schublade verbergen. Mit 17 Jahren wurde sie von Robbenjägern geraubt und vergewaltigt, später half sie dem Laienprediger bei den Gesprächen mit den Ureinwohnern, die noch umgesiedelt werden sollten. Sie flüchtete aus der Obhut des Ghetto´s ihres Ziehvaters und wurde Mitglied einer Mörderbande. Nachdem man diese Gruppe gestellt und verurteilt hatte, wurde Truganini begnadigt und wieder ins Reservat auf die Flinders-Insel geschickt. Gegen Ende ihres Lebens erhielt sie ein paar Privilegien (das waren die Vorläufer des „Sorry-Tages“) und wurde dafür bekannt, dass sie immer mit einem roten Turban durch Hobart spazierte, den Tabak liebte, auf die Jagd ging und nach Muscheln tauchte. Ihr einziger Wunsch am Ende ihres Lebens, quasi noch auf dem Totenbett, war, nicht zerschnitten zu werden. Das entsprach zwar nicht dem Willen der Royal Society of Tasmania, die sich vehement dafür einsetzte, dass der tote Körper der Ureinwohnerin der lokalen Wissenschaft gehören würde, da es aber einen neuen politischen Wind in dieser Sache gab, ließ der damalige Kolonialminister sie heimlich beerdigen – mitten in der Nacht! Tausende Menschen, die am Tag ihrer angekündigten Bestattung an den Straßen von Hobart standen, um sich von der letzten Tasmanierin zu verabschieden, warteten damit vergeblich. Doch die Achtung vor dem letzten Willen einer Aborigine war den regierenden Briten nicht gegeben. Sie wurde bald schon exhumiert und ihr Skelett war bis 1947 im Museum der Royal Society in Hobart in einer Vitrine ausgestellt. Der zunehmende Widerstand unter der schwarzen und weißen Bevölkerung veranlasste die Regierung dann doch, einer Feuerbestattung zuzustimmen. Die Asche der letzten echten Tasmanierin wurde kurz vor ihrem hundertsten Todestag von einem Schiff der Marine aus ins Meer gestreut. Damit endet die für die Briten unrühmliche Geschichte der Ureinwohner Tasmaniens. Heute leben aber noch immer rund 4000 Nachfahren der Aborigines auf Tasmanien und den Inseln um die Insel herum. Aber alle Ansprüche auf Landrückgabe, auf Entschädigung, auf die Rückgabe der heiligen und historischen Stätten wurden entweder nicht beantwortet oder mit dem Hinweis, dass die Antragsteller keine vollblütigen Aborigines sind, abgelehnt. Hätten sich ihre weiblichen Vorfahren doch bloß nicht massenhaft von den Weißen vergewaltigen lassen. Dann würde es – formaljuristisch – heute für die Ansprüche der Ureinwohner dort vielleicht besser aussehen?

Und eine andere Geschichte, der inhaltlichen Wandel ich zu meiner Zeit selbst noch mitbekommen habe, bezieht sich ebenfalls auf Tasmanien. Im dortigen Museum, dem „Tasmanian Museum and Art Gallery“ hatten wir bei unserer Kurzvisite im Jahr 1992zig eine Figur erspähen können, die uns allesamt mehr oder weniger verstörte. Ich für meinen Teil kann schreiben, dass mir ein innerliches „Hoppla, was ist denn das – so geht es also auch?“ entfuhr. Eine Plastik dort zeigte eine unter die Haut gehende Szene, in der ein prähistorischer Säbelzahntiger einen Menschen erbeutet hatte. Freilich keinen Menschen der Moderne, aber das Geschöpft, dass sich dort zwischen den Zähnen des Säbelzahntigers befand, war eindeutig als früher Mensch zu erkennen. Der Säbelzahntiger hatte den Kopf seiner Beute von hinten/oben gepackt und das Gesicht des Menschen war schmerzverzerrt und voller Panik. Nie zuvor hatte ich ein plastischeres Beispiel dafür gesehen, dass der edle und gottähnliche Mensch auch schlicht in der Position dargestellt wurde, in der er einem überlegenen Raubtier zur Speise diente. Als ich 1996zig wieder in dieses Museum kam, fand ich die Plastik an der erwarteten Stelle. Wieder bewunderte ich den Mut, die uns umgebende und umgeben habende Realität so präzise und schockierend darzustellen. Auch 1997zig, als ich dort mit einer Kleingruppe unterwegs war, befand sich die Plastik noch an Ort und Stelle. Danach hat es einige Jahre gedauert, bis es mich wieder nach Tasmanien verschlug. Erst 2006, bei der letzten Reise in dieses Land, hatte ich es mit einer Reisegruppe zu tun, die bereit war, etwas länger zu reisen und auch meinen dringenden Empfehlungen zu folgen, Tasmanien zu integrieren. Besser gesagt – da ich zu diesem Zeitpunkt bereits selbständiger Reise-Unternehmer war – habe ich diese Tour konzipiert und sie meinen Kunden zur Buchung angeboten. Auf dem Weg ins Museum habe ich auch davor gewarnt, davor, dass sanfte Wesen von dem Anblick der sich bei der Betrachtung dieser Skulptur bietet, schockiert sein könnten. Allerdings hatte man in der Zwischenzeit genau diese Skulptur entfernt und eingelagert. Ich ließ die Gruppe – nachdem klar wurde dass wir diese Skulptur nicht mehr an dem Platz, an dem sie ausgestellt war, finden würden – ohne mich losgehen und bat darum, beim Gang durch das Museum darauf zu achten, ob sie woanders platziert worden wäre. Doch bei meiner Nachfrage bei der jungen Dame am Ticket-Shop wurde schnell klar, dass sie aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden war. Es hätte Beschwerden seitens der Besucher gegeben, die sich in den letzten Jahren derart häuften, dass man es vorzog, dieses die Grundeinstellung des modernen Menschen (nicht alle – aber die meisten) belastenden Anblicks zu entfernen. Ein US-Amerikaner hatte sogar gedroht, das Museum zu verklagen, da er sich an Körper und Geist verletzt fühlen würde. Man hatte sich als in diesem Museum an die neue Erwartungshaltung angepasst und dafür gesorgt, dass es kein „schreckhaftes Erkennen“ der eigenen Vergänglichkeit mehr geben würde. Schreckhaftes Erkennen einer Strophe aus dem Gedicht von Friedrich Schiller, aus der Glocke in dem es an einer Stelle heißt:

Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.

Wir sind ein bisschen zu sehr wieder in der gewaltvollen Vergangenheit der Geschichte dieses „blutjungen“ Kontinentes gelandet. „Blutjung“ aber nur in Bezug auf die Versuche der Besiedlung durch die weiße Rasse. „Ur-alt“ (der älteste sogar) aber in Bezug auf die Erdentstehungsgeschichte und die Kultur der Aborigines. Nachdem ich am Ende meines dreimonatigen Zwischen-Blocks meinen Wagen in Sydney wieder veräußerte und mit einem Verlust von nur 600.- australischen Dollar davon kam, begrüßte ich meine zweite Gruppe und konnte nun noch einmal mit einem „Verein“, 28 Tage lang durch Australien reisen, wobei der Schwerpunkt auf den Städten des Landes lag, weil dieser Verein sehr viele Kontakte zu anderen Vereinen, die in Australien ansässig waren hatte und im Vorfeld intensiver Kulturaustausch vereinbart worden war. Wieder so eine Gruppe, die viele Dinge bereits im Vorfeld organisiert hatte, Dinge die allesamt nicht dafür dienlich waren, mit offenen Sinnen eine Reise durch Australien zu erleben. Die folgende Saison war für mich als freiberuflich arbeitender Reiseberichterstatter und Reisejournalist die vorletzte Saison, eigentlich die letzte, weil im folgenden Jahr das gesteckte Pensum nicht mehr erreicht werden konnte. Die Beziehung zur Mutter der „älteren“ Tochter war endgültig gescheitert und mein Bestreben lag nun darin, die Substanz der Beziehung zu meinem Nachwuchs zu erhalten. Ein Grund dafür, dass ich keinen Erwerb mehr in der Branche der Reiseberichterstatter in Form von Großbild-Multimediashows mehr generieren wollte, lag an der Schwemme der neuen Berichterstatter, die in den letzten Jahren überall wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Und auch wenn wir an überkommenen Vorstellungen gerne dann festhalten, wenn es darum geht, unsere Lebensqualität zu definieren, ist die Realität oft eine ganz andere als gewünscht! Qualität setzt sich immer durch, heißt es? An den Haaren herbeigezogener Unsinn, zumindest in unseren, schnelllebigen Zeiten in denen immer mehr nur noch die Rendite, der Umsatz und der Gewinn als Maßstab für die Qualität des gelebten Lebens herhalten müssen. Aufmerksamkeit ist mittlerweile die einzige Währung, die für Geschäftsmodelle gleich welcher Art noch zählt und der Kampf um Aufmerksamkeit wird in der Zukunft immer härter werden. Im Bereich der Selbständigen Reiseberichterstatter kann ich es so formulieren, dass alle die auf Qualität setzten und zum Teil erhebliche Summen vor-finanzierten um ihre Projekte zu realisieren, auf der Strecke blieben, wenn sie nicht bereits gut vernetzt mit an ihnen ebenfalls gut verdienenden Partnern diese Situation unbeschadet überstehen konnten. Übrig geblieben sind in dieser Branche vor allen Dingen die Minimalisten, die im Rahmen eines vierwöchigen Urlaubs mit dem Wohnmobil in den USA ein paar semiprofessionelle Bilder aus dem fahrenden Fahrzeug heraus machten (sorry, aber die Bildqualität war viel zu oft schlicht und ergreifend zum erbrechen) und sich nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub als „professionelle Photographen“ dem Publikum präsentierten. Ich habe bei Treffen mit anderen in dieser Branche tätigen Menschen, die doch auch den Anspruch hatten, als „Künstler“ verstanden zu werden, nie einen Austausch über Erlebnisse oder Kulturen mitbekommen. Die absolut im Raum stehende Frage war immer die nach dem „wie viel“! Wie viele Zuschauer hattest Du da und dort, wie viel Miete verlangt der Saal dort und hier und so weiter. Es war schlicht zu einem gut laufenden Geschäftsmodell verkommen, in dem sich Menschen, die zum übergroßen Teil banale Gewinnerzielungsabsichten hatten, so ähnlich wie der schwurbelnde Schwätzer aus Dresden präsentierten. Die Besucherzahlen gingen danach so stark zurück, dass ambitionierte Projekte aus eigener Kraft, wenn sie denn höchsten Ansprüchen genügen sollten, nicht mehr realisierbar waren. Aber 1996zig hatte ich noch die Hoffnung darauf, dass Qualität sich schon irgendwie durchsetzen würde. Sie tat es nicht. Nicht in meinem Bereich und es wird für die Qualität überall auf der Welt immer schwerer werden, zu obsiegen. Zu verführerisch der Wahn des „Billigen-Willigen“.

Monkey Mia und die dortigen Deplhine – heiss dikutiert

Eine meiner Reisegruppen, die im Zuge der Berichterstattung dieser Australien Artikel noch nicht erwähnt wurde, war ein Klein-Gruppe aus jungen Menschen aus Ost-Deutschland. Ich hatte nach meiner „Beratertätigkeit für zukünftige Reiseveranstalter des Ostens“ den Kontakt zu den Regionen nie ganz einschlafen lassen. Zu sehr fühlte ich mich mit diesen Menschen im Osten verbunden. Ich wagte deshalb auch als erster Referent den Schritt in den Osten und zeigte im Dresdner Hygienemuseum meine Vorträge – stets vor ausverkauftem Haus. Aber ausverkauft bedeutete nicht, dass dadurch der Geldsack randvoll wurde. Die Preise für den Besuch der Veranstaltungen kalkulierten wir so, dass die Menschen im Osten nicht das Gefühl hatten, dass man ihre Unerfahrenheit ausnutzen würde. Denn die Menschen im Osten waren bereits genug ausgenutzt worden. Die anderen mir bekannten Referenten wollten zu diesen Bedingungen nicht arbeiten! Entweder alles (inklusive der Eintrittspreise aus dem Westen) oder garnichts. Auf jeden Fall gab es dadurch innerdeutsch für mich viele neue Begegnungen und manche waren derart intensiv, dass ich mich darum bemühte den neuen Bekannten dabei zu helfen, das nötige Geld zu generieren, welches sie benötigten, um auch einmal eine intensive Reise nach Australien machen zu können. Meine Erzählungen von den Jeep-Reisen mit Freunden & Bekannten aus früheren Jahren fanden bei den jungen Ost-Deutschen besonders viel Gehör! So eine Reise, so einen Traum, wollten sie auch einmal erleben. Das wurde dann 1997zig für eine fünfköpfige Mannschaft gelebte Wirklichkeit. Ich persönlich dachte in der Vorbereitung der Reise daran, dass es so, auf diese Art die Reise anzugehen, zu einer optimalen Verschmelzung meiner bisher erworbenen Erkenntnisse im Zusammenspiel mit dem „ur-guten Gefühl“ des Reisens in kleiner Gruppe mit eigenem Fahrzeug kommen würde. Dieser Anspruch hat sich nicht erfüllt, aber ein anderer Aspekt war überwältigend positiv und: ich hatte nicht erwartet, dass sich das Verhalten der Mitglieder einer so kleinen Gruppe so positiv auf das Erlebnis auswirken könnte. Die jungen Ost-Deutschen waren durch ihre Sozialisierung so ausgerichtet, dass sie keine Restaurants oder Cafés besuchen mussten, niemals zum Shopping in den Fußgängerzonen verschwanden, am abendlichen Lagerfeuer kein Dosenbier trinken „mussten“, sondern ausgeglichen und ruhig und irgendwie selbstverständlich das aktuelle Leben mit seinen Einschränkungen an Komfort hinnahmen. Das war auf jeden Fall deutlich anders als bei den Reisen im Jeep mit Freunden und Bekannten aus West-Deutschland! Ich hatte bei den Vorbesprechungen angeraten, dass wir im Westen beginnen sollten und auch den Besuch von Monkey Mia, empfahl ich, da ich dort 1992zig noch in ziemlicher Ruhe bei den Delphinen im Wasser stehen und Kontakte zu den Tieren machen konnte. Ich rechnete damit, dass die Besucherströme, trotz der isolierten Lage immer weiter zunehmen würden, denn das hätte irgendwann das ursprüngliche Erlebnis deutlich in seinem Wert geschmälert.

Wir entschieden uns aus Kostengründen dazu – ich konnte nicht als Sponsor der Restgruppe auftreten – nur für den ersten Teil der Reise einen Jeep zu mieten und den zweiten Teil der viermonatigen Exkursion mit einem „normalen Fahrzeug“ zu machen, welches wir dann kauften und welches von den drei Personen, die am Ende noch blieben, auch vor dem Abflug wieder verkauft wurde. Bei dieser Tour kamen wir auch nach Tasmanien und ich wandelte in Begleitung meiner Mitreisenden auf meinen eigenen Spuren, indem wir noch einmal die lange Wanderung durch den South-West Nationalpark absolvierten. Es war eine sehr unkonventionelle Reise, bei der auch zwischenzeitlich einige Personen mal „was anderes“ machten (einen Job zum Beispiel) um dann wieder zur Gruppe zurück zu stoßen. Manchmal brachte jemand eine weitere Person mit. Es war alles sehr kreativ.

Trotzdem stand diese Reise für mich auch unter einem anderen Stern! Als ich meine Tochter in Deutschland davon in Kenntnis setzte, dass ich bald wieder für längere Zeit nach Australien gehen würde, war sie nur wenig erfreut! Verständlich! Ich war es auch nicht, aber ich hatte nun mal diesen speziellen Platz, den mir meine Gesellschaft in der ich lebte, angeboten hatte, angenommen und musste nun meinen Teil erfüllen. Am Ende erhielt ich vom meiner Tochter einen spektakulären Auftrag. Einen, der im Nachgang für so viel Erzählenswertes gesorgt hat, dass ich allein darüber ein Buch verfassen könnte. Ich versprach dem Kind als von schlechtem Gewissen geplagter aber doch liebender Vater, dass sie sich wünschen könne, was sie wolle, ich würde ihr diesen Wunsch auf jeden Fall erfüllen und gab – um die Sache vor ihr deutlich zu bestätigen – mein absolutes „Vater-Tochter-Ehrenversprechen“! Sie wünschte sich den größten „Stoff-Koala“, den ich während meiner Reise dort zu Gesicht bekommen würde. Ich versprach es und fasste den Entschluss, immer dann meine Augen fest zu schließen, wenn wir in den Städten einmal zu nahe an ein Souvenir-Geschäft herankommen würden. Ich wusste ja bereits – Erfahrung macht schon klug – wie groß die Stoff-Koalas in den Geschäften des Landes werden konnten. Und mit einem solchen Monster wollte ich mich nicht belasten. Am Ende hat mich mein persönliches „Stoff-Koala-Schicksal“ doch ereilt. Aber das sollte im nächsten Artikel thematisiert werden. Der heutige wird sicher einige Personen in die verstärkte Nachdenklichkeit getrieben haben? Deshalb ist es an der Zeit, einige der heiteren Geschichten die im Zusammenhang mit Australien stehen zu thematisieren. Beim nächsten Mal wird’s lustiger! Versprochen!

RR aus BN

05.12.20

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2 Comments
  • Flory
    Posted at 16:40h, 05 Dezember Antworten

    “So kann es geschehen, dass denjenigen, die anfangen über das Leben nachzudenken, die Worte fehlen. Dass ihnen mehr und mehr die Worte dafür fehlen! Und genau darum geht es doch! Wenn wir die Worte verlieren, wenn wir eine nuancierte Sprache verlieren, dann werden wir nicht mehr über eine Welt außerhalb der sichtbaren Realität nachdenken können.” Das ist es schon bedauernswert, aber wahr. Die Wandlung schlägt einen ungewünschten Weg. Aber schreckhaft ist und da fehlen mir die Worte wirklich, was der Mensch anderem Menschen, sei er am Leben oder tot, antuen kann. Der Mensch kann nicht nur ein Virus sondern auch ein Monstrum sein, aber getarnt als menschlich.

    Ja, ein Gedicht bzw. ein Dichter kann zu gut Wahrheiten über die Menschlichkeit eines Menschen in Versen darstellen, dass nur ein Sensitiver es rauslesen kann. Die Kunst den Worten den richtigen Sinn-Wert zu verleihen. Da ich auch so die Dichtung liebte (immer noch liebe), wurde ich als Verträumt eingestuft. Wer wohl der wahre Träumende hier eher gemeint wäre?

    In gewissermaßen bin ist auch ein Ossi und kann mich sehr gut mit denen identifizieren. Die Fülle an Natur- und Kulturerlebnisse ist für mich wichtiger, als die Zeit meines Lebens mit Einkäufe von Souvenirs oder plötzliche fehlende “Sachen” die man noch gebrauchen könnte ersetzen.

    Ich fühle mir Dir! Vielen Dank für auch für die gezeigten tiefsten Abgrunde der Machtmenschen! Ich bin in Trauer und schäme mich für uns Menschen!

  • Maria Gassner
    Posted at 09:13h, 06 Dezember Antworten

    Spontan fällt mir ein, dass ich in der Schule das Fach “Geschichte” nicht mochte und auch später nicht viel Interesse für “Vergangenes” aufkam bzw. vorhanden ist. War und ist wohl ein gewisser Selbstschutz, leben nach dem Prinzip Vogel Strauß: Kopf in den Sand und aus. Was ich trotzdem mitbekommen habe zeigt ein sehr negatives Bild von uns Menschen und wirft immer wieder die Frage nach dem “Sinn des Lebens” auf. Diese Erde wäre wohl heute noch ein Paradies wenn nicht der Mensch in sie gekommen wäre, wer auch immer dafür verantwortlich ist.

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