Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 09

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 09

Der Sinn, der Unsinn und die Vertuschung

Wenn Menschen sich mit dem Thema „Sinn des Lebens“ beschäftigen (was alle auf die eine oder andere Art tun) kommen sie unmittelbar an die Wurzeln der menschlichen Existenz. Nach dem Sinn des Lebens zu fragen, ist ein Kennzeichen des Menschen, seit er sich zu einem reflektierenden Wesen weiter entwickelt hat. Nicht nur Kinder fragen warum, wozu, weshalb. Die Sinnfrage kommt aber leider oft erst dann besonders drängend ins Gemüt, wenn wir in eine wie auch immer geartete Krise geraten, zum Beispiel durch eine fortschreitende Erkrankung. Dabei sind alle Menschen in der Lage, sich ständig neu zu orientieren, weil sich unsere Wirklichkeit permanent verändert. Ist also die Frage nach dem Sinn des Lebens für die Menschheit so wichtig, weil darin – im schieren Nachdenken darüber – der Sprung von der bloßen fleischlichen Existenz hin zu einem wie auch immer gearteten „höheren“ Wesen machbar wird? Nicht nur die Theologie bietet vereinfachte Modelle an, dieser Frage auf den Grund zu gehen und in der Suche eine Heimstatt zu finden, sondern auch die Wissenschaften haben uns Modelle beschert, wie die sogenannte Sinnlehre (als Beispiel). Es ist gut, dass wir wissenschaftliche Betrachtungen haben. Sie haben die Menschen immer wieder zu neuen Erkenntnissen geführt. Sonst würden wir vielleicht noch immer den Horizont meiden in dem Vertrauen darauf, dass die Erde eine flache Scheibe sei. Die von der Wissenschaft begleitete Existenzanalyse gibt an, den Menschen auf der Suche nach seinem individuellen Sinn des Lebens Wege weisen zu können und dort, wo er nicht zum Kern der Erkenntnis vordringen kann, wenigstens die Blockaden aufzuspüren, damit er sich weiter entwickeln kann. Existenz ist aber nicht nur ein Tatbestand, sondern ein Prozess, in dem alles fließt. Ineinander und umeinander. Existenziell leben bedeutet in letzter Konsequenz, den Versuch zu wagen in Freiheit und Verantwortung selbstbestimmt zu leben. Es liegt immer ein Unterschied dazwischen, wenn eine Person Ja zum Leben sagt, oder sie es nur provisorisch lebt. Aktuell in der jetzigen Bedrohung und der empfundenen Krise (Corona) zum Beispiel lediglich darauf zu warten, dass etwas Heil bringendes in der Forschung dagegen entwickelt wird. Das Leben fordert uns aber heraus, im Hier und im Jetzt zu leben, sonst vertagen wir unser ganzes Dasein. Wobei im Hier und im Jetzt zu leben niemals bedeuten kann, sich nach Kräften abzulenken, von einer Party in die nächste zu taumeln und in schneller Folge Event auf Event auf Event folgen zu lassen. Wer wirklich noch in der Lage und Willens ist, Antworten auf die Fragen des Lebens zu suchen, zu studieren oder zu erfühlen, von dem werden auch Entscheidungen verlangt, sich entweder für oder gegen etwas, was gelebt werden soll, auszurichten. Bei den Ureinwohner Australiens konnte ich spüren, dass Menschliches Sein immer auch ein entscheidendes Sein war. Wenn der individuelle Mensch nicht entscheidet, kommt er nicht in ein Leben, dass man existenziell nennen könnte.

Und tatsächlich ist jeder Mensch in der Lage, Existenzanalysen zu betreiben. Wer über gesunde Sinne verfügt, hat die Möglichkeit über sein Dasein nachzudenken. Unabhängig von seinem Bildungsgrad, seiner Herkunft, seiner Rasse oder seines Alters. Wer auf sein Leben reflektiert, analysiert bereits die Bedingungen für ein wertvolles, selbst gestaltetes und menschenwürdiges Dasein. Nur so schaffen wir die jeweils individuellen Voraussetzungen für eine sinnvolle Existenz! Sonst wird unser ganzes „Menschsein“ verschüttet und die Folge sind in steigendem Maße seelische Beeinträchtigungen und Störungen, die zu einer Verschlechterung der Gesamtsituation führen. Die religiös motivierten Institutionen gaben stets in solchen Sinnfindungsfragen den Ton an. Sie begleiteten den Menschen bei der Entscheidungsfindung und gaben diese zum Teil selbst vor. Aber auf die Sinne zentrierte Beratungsmethoden gibt es auch immer mehr aus der wissenschaftlichen Ecke! Menschen, die ihre Orientierung verloren haben und den Sinn ihres Lebens nicht mehr entdecken können, begeben sich in Beratungsgespräche oder Therapien um auf diesem Weg das Verständnis für die individuell gelebte Fülle ihrer eigenen Sinne wieder spürbar zu machen. Es ist schön, dass es diese Vorgehensweisen in einer Welt, die sich von der Bevormundung durch religiöse Institutionen langsam frei macht, überhaupt gibt. Dass man es durchaus schaffen kann, durch die Anwendung therapeutischer Maßnahmen zu einer frei gewählten Verantwortung zu kommen, die das eigene Leben wieder sinnvoller macht, ist mehr als nur erfreulich. Da aber die Zielsetzung solcher Therapien immer lautet, einem ins Wanken geratenen Menschen dabei zu helfen, wieder seinen Platz in genau der ihn krank gemacht habenden, außer Rand und Band geratenen Wettbewerbsgesellschaft mit ihrem hohen Verschleiß menschlicher Werte erneut einzugliedern, erschient die Bedeutung dieser Maßnahmen wie ein stumpfes Schwert. Die erneute Stärkung der persönlichen Fähigkeiten dient letztlich dazu, seinen Anteil an der die Richtung der Welt vorgebenden Konsum- und Leistungsdenkweise wieder besser wahrnehmen zu können. Menschsein heißt aber nicht nur, sein optimales Leistungspensum zu erbringen, sondern Menschsein heißt auch immer, ein Anderer werden zu können oder bei Bedarf: werden zu dürfen. Wir existieren im Prinzip nur, weil wir auf die Fragen des Lebens antworten. Diese Antworten müssen zu allem Überfluss auch noch ständig neu formuliert werden, weil sich auch das Leben und damit die Fragen des Lebens in unseren Kulturkreisen nicht nur ständig verändern, sondern auch die Geschwindigkeiten, mit denen die Veränderungen daherkommen, zunehmen. Ohne Möglichkeit zur ruhenden Betrachtung kann es auch keine „echte“ Heilung geben. Es gibt hier ganz sicher eine Erkenntnis oder Wahrheit, die noch weit abseits der Bereitschaft der Wissenschaften liegt, erfasst zu werden (da auch Wissenschaften größtenteils ihren jeweiligen Systemen dienen müssen) und die auch nicht zum Zwecke der Vereinfachung einem wie auch immer gearteten Schöpfer in die Schuhe geschoben werden kann. Wenn der individuelle Mensch es tatsächlich schaffen könnte, ein Wesen zu sein, das alles was im Leben zählt, selbst gestalten kann und diese Möglichkeiten zur Gestaltung nicht nur im Hinzugewinn weiterer Reichtümer oder Ausweitung seiner Einfluss-Sphäre sieht, wäre ein guter Anfang gemacht. Dabei ist es eminent wichtig, die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung weitestgehend zu erhalten. Der Mensch sollte einfach jederzeit bereit sein, seine Sicherungseinrichtungen, also seine Vorstellungen, Erwartungen, Überzeugungen, Einstellungen und auch seine Bedürfnisse zum Substanz-Erhalt in Frage zu stellen, um die für ihn relevanten Antworten zu finden. Dies setzt ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Eigenverantwortung voraus. Fremdbestimmung schließt sinnvolles erleben aus.

Wer auch nur die Spur des Sinns seiner Existenz fühlt, kann ungeheure Kräfte mobilisieren. Wer einen Sinn im Leben gefunden hat, erträgt fast jedes Leid. Das heißt, die Frage nach Sinn ist ein Grund für Hoffnung, ist Schutz gegen Verzweiflung und Motivation zum Durchhalten. Nach dem Sinn zu fragen, heißt daher auch, es mit der Freiheit des Menschen ernst zu meinen. Die Sinnfrage ist „der“ Spiegel menschlicher Kreativität und Beziehungsfähigkeit. Es bedarf der Beziehung, damit eine Tätigkeit als sinnvoll erlebt werden kann. Erst die Einbeziehung meiner Mitwelt gibt dem Begriff meiner Existenz einen Sinn. Wie aber stehen die Chancen, uns unserer Sinnzusammenhänge wieder bewusst zu werden? Was könnte getan werden, wenn der Mensch sich in keinem Zusammenhang mehr erlebt? Erst aus der Verbundenheit entsteht Sinnhaftigkeit. Und hier haben die Aborigines einen Jahrzehntausende alte Zugang, der sich ungestört von den Einflüssen der äußeren Welt weiter und weiter bis zur Perfektion entwickeln konnte. Sie waren zu keinem Zeitpunkt ihrer Existenz dort in Sinnlosigkeit gefangen und fühlten deshalb auch nie, dass es an der Zeit wäre, etwas zu verändern. Sie lebten deshalb extrem sinnvoll, auch weil sie eine Beziehung nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu anderen Aborigines, zu Tieren und zur Natur entwickelt hatten. Sie praktizierten deshalb aus ihrer Perspektive eine sinnvolle Lebensgestaltung, da sie sich in einem Zusammenhang mit allem um sie herum verstanden. Bei ihnen gab es auch Dinge nicht, die in unseren Kulturkreisen wie eine Last auf den Individuen liegen können: die sogenannten Routinebereiche, die zur Bewältigung des täglichen Lebens gehören. Das Leben besteht in weiten Teilen bei uns auch aus unspektakulären Besorgungen, die keinen oder wenig Sinn vermitteln. Ich weiß sehr genau, dass nicht für jeden Menschen Sinn ein Thema ist, das ihm bewusst ist oder das er sich bewusst machen will. Wer aber von Sinn erfüllt ist, dem stellt sich diese Frage nicht mehr. Aber jeder Mensch – nicht nur die Mitglieder der Naturvölker – ist mit einem intuitiven Gespür für das Sinnvolle ausgestattet. Und zwar Sinnvolles, dass jenseits der Bereiche liegt, in denen wir unseren Status sichern oder schlicht den Platz in unseren Gesellschaften einnehmen. Was aber Sinn eigentlich ist, bleibt immer offen, solange der Mensch lebt. Er allein weiß um die Endlichkeit seines Lebens, deshalb drängt sich ihm die Frage nach dem Sinn auf – falls er es nicht bevorzugt, sein Leben lang zu verdrängen und als guter Konsument mit allen Vorteilen der Bespaßung durch sein Leben zu gehen. Dass alle Menschen Wesen sind, die nach „Werten“ streben halte ich für eine unumstößliche Tatsache. Wir streben alle auf irgendeine Art nach Werten, die uns anziehen und die wir verwirklichen wollen. Auf diese Art können wir Sinn ebenfalls spürbar machen. Aber um ein sinnvolles Leben zu erreichen, ist zunächst die Abstimmung mit der eigenen Wirklichkeit erforderlich. Wenn wir uns der Wahrheit stellen, erweitern wir unsere Existenzen und nicht unsere Illusionen. Vielleicht haben wir Angst zu erkennen, dass unser Lebensstil sich fast ausschließlich an materiellen Dingen des Besitzens orientiert? Damit wären wir unser eigenen Illusion auf der Spur, denn Werte, die wir sammeln und anhäufen, nach denen wir streben um sie zu erreichen, sind vielleicht allesamt nur eine Illusion? Und das würde bedeuten, dass die Menschen der modernen Zivilisationen über Jahrtausende hinweg getäuscht und hinter das Licht geführt wurden. Und es ist schon in den kleinen Dingen so, dass es viel leichter fällt, jemanden zu täuschen, als ihn davon zu überzeugen, dass er getäuscht wurde. Das größte Probleme liegt darin, dass der Mensch als erste Grundvoraussetzung um diesen Schritt der Sinnfindung und Infragestellung gehen zu können, ausreichend Schutz, Halt, Verlässlichkeit, Sicherheit und Raum benötigt. Die Ureinwohner Australiens hatten all diese Möglichkeiten, ohne den Tendenzen des Wettbewerbes und der Getriebenheit dabei ausgesetzt zu sein. Wenn der Mensch der Moderne eine Vollbremsung hinlegen würde, um die Grundvoraussetzung für Sinnfindung und Infragestellung zu schaffen, würde er den größten Teil der Dinge wieder einbüßen, die er vielleicht bereits erreicht hatte. Schutz, Halt, Verlässlichkeit, Sicherheit und Raum würden den „Bach runtergehen“ wenn er sich den Zwängen der Leistungsgesellschaft verweigert. Auch deshalb war ich immer der Meinung, dass die Aborigines im Paradies ankamen, es erhielten und weiter entfalteten und dann wie selbstverständlich immer versunkener in diesem Paradies lebten. Bis zur Ankunft der ersten Siedler aus Europa. Danach wandelte sich ihr Paradies in eine gefühlte Hölle. Das so dringend benötigte Urvertrauen kann in modernen Kulturen nicht mehr entstehen, da der Leistungsgedanke, der oft genug einem Leistungskrieg ähnelt, verhindert, dass sich die Mitglieder dieser Gesellschaften auf die Welt einlassen und nicht zwangsweise ihren Illusionen und Utopien verhaftet bleiben. Eine weitere prinzipielle Grundvoraussetzung, die aus den genannten Gründen in unseren Gesellschaften ebenfalls kaum zum Tragen kommt, liegt im Erleben emotionaler Beziehungen, die sich über den vorgegebenen Raum von „Mann/Frau“ – „Eltern/Kind“ – „Arbeitskollegen“ und „Spezies Mensch“ erheben und alles Fühlbare mit einschließen. Durch die Beziehungsaufnahme zu „allen Dingen“ erleben die australischen Ureinwohner das Leben in einer Weite, die uns schlicht verborgen bleiben muss. Dass durch Zuwendung das Leben fühlbarer wird, ist auch uns bekannt, aber wir reduzieren dieses Gefühl der Zuneigung auf unsere Partner, die Familie oder maximal noch auf ein Haustier. Wenn auch diese zweite Voraussetzung nicht erfüllbar wird, entstehen Vitalitätsverluste und depressive Verstimmungen. Der Mensch fühlt sich wertlos und lustlos, auch wenn er Ausgleichsventile findet und auf seinem selbst geschaffenen Jahrmarkt der Eitelkeiten in permanenter Berieselung seiner Sinne den Wert schlicht und ergreifend nach dem „Meinung der Mehrheit Prinzip“ neu festsetzt. Kein mir bekanntes „System“ der modernen Welt (nicht seit 5.000 oder mehr Jahren) erlaubt dem Menschen, dass er so sein darf wie er in seiner Originalität und Einmaligkeit ist. Bei uns sind also die Grundvoraussetzungen für die Suche nach dem Sinn ziemlich blockiert. Blockiert durch das „System“, in dem wir leben. Dass wir einen Sinn im Leben finden wäre wichtig, um mit voller Hingabe leben zu können! Wir können das! Auch der moderne Mensch unserer Tage in unseren Kulturkreisen sieht sich mit seinem Erleben und Handeln in einen wertvollen Zusammenhang. Es muss sich nur lohnen, Werte zu finden und am eigenen Wohlbefinden zu arbeiten. Das elementare menschliche Bindungsbedürfnis kann man durch „Erfolge“ substituieren. Der Banker, der an der Börse dem nächsten Millionengewinn hinterher jagt, hat in der Wertepyramide unserer Tage durchaus das Gefühl, dass er etwas extrem Sinnvolles und Wertvolles schafft, weil er durch den materiellen Erfolg und die ihm zuteil werdende Bewunderung (oder besser noch Neid) zu einem begegnendem, toleranten und respektierenden Lebensstil geführt wird. Allerdings ausschließlich auf monetärer Basis ohne den Weltgedanken darin einfließen zu lassen. Das Erleben der Welt lässt auch in unseren Gesellschaften Entwicklungen zu, die hohe Selbstzufriedenheit erzeugen. Wir haben unterschiedlich stark ausgeprägte ästhetische Werte, die in der Liebe, der Kunst und Beziehungen im Allgemeinen zufriedengestellt werden können. Und schöpferische Werte, als Weg zur Sinnerfüllung können in der aktiven Gestaltung der Welt durch Arbeit oder Hobbys gefunden werden. Und die menschlichen Reifewerte, die in der Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Tod, der Schuld und dem Leid errungen werden, haben auch wir, nicht nur die Aborigines. Nur ist unser Werteschiff durch den hohen Verbrauch an natürlichen Ressourcen so ziemlich am Ende des Ozeans der Möglichkeiten angekommen. Durch die Re-Aktivierung des Willens zum Sinn könnten wir uns wieder neue Sinnmöglichkeiten erschließen. Mit der Entscheidung für eine Wertverwirklichung übernimmt der Mensch die Verantwortung für sein Handeln. Was sich aber in der Welt der Aborigines in einer langen und sinnstiftenden Co-Evolution von Mensch und Natur wie ein Selbstläufer ohne Kraftakt entwickelte, setzt bei uns – durch den fehlerhaften Kurs der letzten Jahrtausende – Bereitschaft zu Anstrengung und Einsatz voraus. Der Lohn wäre ein erfülltes und glückliches Leben. Eine neue Lebensperspektive, vielleicht basierend auf der engen Verbindung zur Welt um uns herum, wäre ein wichtiger Ansatz! Die Hinwendung zu neuen Sinn-Inhalten kann definitiv auch Unsicherheiten und Rückzugsgefühle enthalten. Alle wollen sinnvoll und erfüllt leben! Aber dafür müssen wir offen bleiben (oder werden) und Ängste überwinden, damit wir ins Handeln kommen können. Auch ich hatte bei meinen Allein-Reisen Phasen, in denen ich innerlich unmotiviert war. Der Verlust so mancher meine Lebensqualität ausmachenden Dinge hatte mich in solche Rückzugsgefühle geführt, die auch temporär begrenzte Unsicherheiten mit sich brachten. Ich fragte mich so manches Mal, was ich denn hier eigentlich tue und stellte mir die Frage nach dem Warum. Es war viel besser, wenn ich mich – so allein unterwegs – mit anderen Menschen gemeinsam aufgehalten hatte. Bei einer sehr langen Wanderung auf der Stewart Insel in Neuseeland, war ich manchmal regelrecht wütend auf mich, wiel ich diesen Schritt in die totale Einsamkeit gegangen war, auch weil die Wanderung mit schwerstem Gepäck in zum Teil sehr schlechtem Wetter körperlich weit über meine Grenzen ging. Aber schon kurze Zeit später empfand ich die Erinnerung daran, „es“ getan zu haben, als extrem befriedigend und dieses Gefühl habe ich auch noch heute. In Australien war es anders, da ich mich erstens nicht zwei Wochen am Stück allein in meiner Welt befand, sondern nur maximal fünf Tage und zweitens steckten mir die tiefgreifenden Erfahrungen mit den Aborigines noch so tief in den Knochen, dass mich das sich ausbreitende Gefühl der Unsicherheit in mir schnell in die Erinnerung an das Geschehene führte und damit zu einer Art neu entdeckter Demut dem Leben gegenüber. Dann machte ich einfach irgendwo im für mich neuen Nirgendwo eine längere Pause und betrachtete mir in Ruhe die Welt vor meinem Auge.

Aber ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, ein Nomade geworden zu sein. Der Begriff des Nomaden ist ja im modernen Heute noch stark verankert, wird aber mehr und mehr nur als eine Theoriefigur verstanden! Die für die Welt so verträglichen Nomaden-Kulturen haben eine Transformation hin zu einer Art Lifestyle-Emblem erfahren. Wer aber bei den Ureinwohnern Australiens auf Spurensuche geht wird feststellen, dass sie gar keine „klassischen Nomaden“ sind. Unsere gut gebildete, zum Teil sehr intelligente moderne Welt in der die Informationen frei fließen sollen (was sie aber zum größten Teil nur dann tun, wenn sie bestehende Systeme konsolidieren oder extrem blanker Unsinn sind), theoretisiert ja ohnehin alle Dinge die uns umgeben. Auch um sie in die vorhandenen Denksysteme einzupflegen. Es ist vielleicht das größte Unglück, dass auf diese Art auch alle guten (oder besseren!) Ansätze von Kulturformen, die durch die Marktwirtschaft und die sich aus dem Leistungsprinzip erklärende moderne Welt beiseite gefegt wurden, in theoretischen, abstrakten Erklärungsmodellen in die Denk-Bedürfnisse der Sieger-Kultur übernommen und deren Inhalte für neue Verhaltensmuster transformiert werden. Überall auf der Welt wurde schnell deutlich, wer bei dem Konflikt der Kulturformen zwischen Nomaden und fest ansässig gewordenen Völkern den Kürzeren ziehen würde. Und während sich in den vergangenen Jahrzehnten die Lebensbedingungen für Nomadenvölker, die tatsächlich noch existieren, infolge offener politischer Diskriminierung und Benachteiligung, von Landkonflikten, sich wandelnden ökonomischen Rahmenbedingungen und des Klimawandels weltweit verschlechtert haben, entwickelte sich der Begriff „Nomade“ in den Wirtschaftsnationen zu einem wichtigen Referenzpunkt. Da Mobilität eine immer herausgehobenere Rolle spielt und die Flexibilität unter dem Deckmantel der „Sinnerfüllung“ daherkommt obwohl sie im Prinzip eine Erwartungshaltung des Marktes an seine Menschen ist, die Rolle des Arbeitsplatzes zur Not auch über die Bedürfnisse der privaten Lebensgestaltung stellen sollen, wird heute Bezug auf die Nomaden genommen. Das kann auch als eine Art „Übertötung“ verstanden werden. Messermorde zum Beispiel, können viel über den Täter verraten. Hat das Opfer mehr Messerstiche als zum Herbeiführen des Todes notwendig waren, handelt es sich oft um eine Beziehungstat oder eine wahnsinnige Person. Das ist im Bereich der Kriminalstatistiken als Übertöten zu verstehen. Damit hat man eine psychologische Spur zum Täter oder der Täterin oder in den Gesellschaftsformen: vom Gewinner zum Verlierer. Der „Nomade“ hat sich demnach in unserer modernen Welt wieder als Figur etabliert, auch wenn es sich dabei nur um eine Theoriefigur handelt! Das hohe Maß an zumindest möglicher Mobilität und die damit verbundene Freiheit (zum Beispiel die auf dem Motorrad), die – wenn gewollt – auch Grenzüberschreitungen und Nonkonformismus ermöglicht, sollen den „modernen Nomaden“ spiegeln. Darüber hinaus beziehen sich heute Vertreter aus zahlreichen, ganz unterschiedlichen Berufsfeldern in ihrer Selbstbezeichnung auf den Nomaden. Leute aus der sogenannten kreativen Sparte, oder aus dem Medienbereich bis hin zu Management und Unternehmensberatung global agierender Firmen. Besonders beliebt ist die nomadische Selbstbezeichnung auch bei Backpackern, Lifestyle-Migranten und den sogenannten Superreichen. Der Nomade als theoretische Referenz in Studien zur Mobilität von Gruppen? Als Label für Architektur- und Designprodukte taugt er ja auch, der Nomade! Alles trägt seinen Namen: rollbare Schlafsofas, Kopfhörer, iPad-Hüllen und Bildbände die sich teilweise mit den Bedürfnissen elitärer Oberschichten schmücken. Das abscheulichste Beispiel dafür fand ich in dem mit viel Aufwand produzierten Bildband „Die besten Hotels für globale Nomaden“.

Wissen wir denn wirklich nicht mehr, was wir da eigentlich tun? Ein hohes Maß an Mobilität muss im Spiel sein, damit alles „nomadische“ zweckgebunden verwendet werden kann. Aber es verbergen sich immer konzeptionelle Vorstellungen und politische Bewertungen hinter den jeweiligen Anrufungen des Nomadischen. Immer! Wir verwenden heute Bezeichnungen niemals bloß deskriptiv und unschuldig, sondern immer programmatisch und normativ. Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir unser Dasein mehr und mehr verkopft und in normatives Schubladendenken gepresst haben. Also prinzipiell kein Platz mehr für Erkenntnisse, die sich außerhalb der Normen befinden? Und da sich die Mitglieder der modernen Gesellschaften mittlerweile ebenfalls seit vielen Generationen in den vorgegebenen Denkschablonen und Gefühls-Schubladen befinden, erkennen sie das systemische im System auch nicht mehr und sprechen Erfahrungen, die sich aus anderen Quellen speisen als aus denen der vorgegebenen Werte-Parameter, schlicht den Wert ab, den sie haben. Kleiner Exkurs: so wie die gesellschaftlich hochstehende Dame, die mir meine Kompetenzen in Bezug auf die Kultur der Aborigines schlicht absprach bei der Vorlesung aus dem Buch „Der Traumfänger“ und sich lieber daran festhielt, dass das, was gleich aus dem Buch heraus verlesen werden würde, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit darstellen würde. Man könnte oft schreiend mit dem Kopf gegen die Wand rennen – je nach Charakter-Disposition. Aber wer Aufklärung oder Widerstand leisten will, braucht ein hohes Maß an Leidensfähigkeit. Zumal ja auch der Widerstand aus den engsten Reihen der Freunde, Verwandten und Bekannten kommen kann, wenn sie diese Erkenntnisse nicht erwerben konnten. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Das klingt zwar groß, kann aber durchaus in allen Alltagssituationen verwendet werden, in denen die Bedeutsamkeit oder die Leistungen einer Person in ihrem unmittelbaren Umfeld häufig verkannt werden und diese Person eher Anerkennung von außerhalb erfährt.

Ich war nur eine Nacht mit Larry bei seiner Familie, die in der Nähe von Derby in West-Australien in einer Art dörflicher Gemeinschaft wohnte. Ich hatte ihm erzählt, dass ich es mehr als nur vortrefflich empfinden würde, wenn ich die Gelegenheit bekommen könnte, einmal ein wirklich wildes Camp mit Aborigines zu erleben. Uns verband keine Freundschaft im westlichen Sinn, aber dadurch, dass er mein persönlicher Referenzpunkt in dieser für mich neuen und auch aufregenden Zeit geworden war, hatte ich durchaus eine tiefere persönliche Beziehung zu ihm. Ich weiß nicht, ob sich die Situation der Aborigines seit 1995zig dergestalt verändert hat, dass man heute ein funktionierendes System der Überwachung einrichten konnte um genau zu wissen, wo sich welche Aborigines befinden? In der Zeit, in der sich diese Möglichkeit für mich ergab, sie noch relativ dicht an ihrem ursprünglichen Alltag zu erleben, waren die Überwachungsmethoden der Regierung zumindest noch nicht so weit fortgeschritten, dass man es hätte verhindern können, dass sich immer wieder solche ungesetzlichen (!) Camps in den Outback-Gebieten bildeten. Auch weil das Verständnis der weißen Australier, die in den entlegenen Gebieten mit den Ureinwohnern im Alltag lebten, auf einer anderen Ebene angesiedelt war als das theoretisierte Erkennen dieser Menschen und ihrer Kultur in den großen Städten und den Zentren der Regierung. Einer der Outback-Farmer, die ich kennenlernte, arbeitete zum Beispiel gerne hin und wieder mit Aborigines (er hatte gelernt zu akzeptieren, dass es westliche Arbeitsmoral bei ihnen schlicht nicht gab) weil sie ganz hervorragend mit den Pferden, die er auf seinem Hof hatte, umgehen konnten. Das erstaunte viele der aus Europa nach Australien gekommenen Menschen: die Aborigines kannten keine Pferde, waren aber sofort in der Lage, eine gute Beziehung zu diesen für sie fremden Tieren herzustellen. Sie waren allesamt „Pferdeflüsterer“ und konnten eine Beziehungsebene zu den Pferden finden, die es in der westlichen Welt nur dann gibt, wenn Einzelpersonen sich extrem in die Liebe zu ihrem Pferd vertiefen. Der genannte Farmer meinte, dass die Aborigines letztlich doch noch Glück gehabt hätten, dass sie überlebten. Es gäbe doch in der Geschichte der Menschheit einige Beispiele, in denen ganze Völker in der Konfrontation Fortschritt gegen archaische Lebensform ausgerottet worden sind. Natürlich und diese Liste ist länger als man als Systemgläubiger des die Welt beherrschenden Gesellschaftsmodells würde wahrhaben wollen. Und genauso natürlich gab es auch weiße Farmer, die kaum Verständnis für die Ureinwohner hatten, aber ihre größten Feinde schienen mir immer die Einwanderer der ersten Generation zu sein, egal woher sie kamen! Ich kenne einen Gastwirt, der noch vor der Wende aus der damaligen DDR nach Australien übersiedelte und der förmlich „Schaum vorm Mund“ hatte, wenn er sich über diese (in seinen Augen) „Nichtsnutze“ echauffierte. Der libanesische Familienvater, der vor wenigen Jahren mitsamt seinem kompletten Anhang einen Neustart in Down-Under wagte und der hinter vorgehaltener Hand darüber sprach, dass er persönlich keinen Nutzen in diesen Menschen sehen würde und dass sie der Gemeinschaft der Leistungsbereiten auf der Tasche liegen würden. Er schlug vor, das gesamte Volk der Ureinwohner in Reservate zu sperren und sie dort sich selbst zu überlassen. Oder der in einem früheren Artikel erwähnte Gastwirt aus einem Vorort von Adelaide, der sogar vergaß, dass er auf Freiersfüßen unterwegs sein wollte, als ihn die kalte Wut über dieses primitive Volk packte, das ihn sein hart verdientes Geld kosten würde. Wie wundervoll positiv sind dagegen die wenigen Personen, die es aufrichtig und ernst mit den Bedürfnissen der Aborigines gemeint haben, in meinem Gedächtnis geblieben. Birgit zum Beispiel, die aus ihrem Beruf der Sozialarbeiterin aus den Vereinigten Staaten nach einer längeren Reise durch Australien ausstieg und den Entschluss fasste, nach Australien zurück zu kommen und ihr Leben auf diesem Kontinent zu gestalten. Sie musste sich ebenfalls mit touristischen Gelegenheitsjobs über Wasser halten, da sie keine sicheren Einnahmen aus den sporadisch erteilten Aufträgen der Gemeinde in der sie lebte und in der sie sich um die gesundheitliche Überwachung der Ureinwohner kümmerte, erhielt. Als ich sie kennenlernte, lebte sie schon seit 16 Jahren in Australien und sie hatte – das konnte man bei einem Spaziergang an ihrer Seite durch den Ort leicht erkennen – ein wirkliches Herz-Verhältnis zu diesen Menschen. Jeder der Ureinwohner kannte sie, die Kinder sprangen sie zur Begrüßung an und sie nahm sich die Zeit, mit den Frauen zu reden. Sie war es auch die mir sagte, dass es für eine weiße Frau – unabhängig davon wie lange sie schon in Australien beheimatet ist – eine absolute Unmöglichkeit darstellt, eine so tiefe Freundschaft mit einer Aborigine-Frau einzugehen, dass diese der „Weißen“ ihre Spiritualität aufzeigen und sie daran teilhaben lassen würde. Frauen und Männer haben unterschiedliche Spiritualitäten und auch wenn die Kultur der Ureinwohner nach außen hin patriarchalisch erscheinen würde, wäre es im Kern eine matriarchalische Kultur, in der die Frauen die „wichtigeren“ und „höheren“ Spiritualitäten verwalten würden.

Ich bekam die Möglichkeit, ein wildes Camp der Ureinwohner zu besuchen, in einem Nebensatz von Larry mitgeteilt. Er kam am folgenden Morgen der einen Nacht, die wir in dieser Ansiedlung in der Nähe von Derby verbracht hatten zu mir und bedankte sich für den „Lift“ (den Transport) den ich ihm gegeben hatte. Er kam nicht sofort darauf zu sprechen, was er mit mir vorhaben würde! Er fragte zum Beispiel, ob der Tank meines Jeeps gefüllt wäre und ob ich nicht vielleicht an der Tankstelle noch weiteren Dieselkraftstoff in den Kanistern auf dem Dachgepäckträger füllen möchte. Ich hatte nach der Fahrt über die Canning-Stock-Route bereits sieben der Kanister an einer Tankstelle wieder veräußert da ich wusste, dass ich solche langen Pisten durch die Einsamkeit nicht mehr fahren würde. Drei hatte ich behalten und wieder auf dem Dachgepäckträger befestigt. Diese drei Kanister sollte ich mal zur Sicherheit befüllen, er würde gerne mal mit mir in den Busch fahren und da er wüsste, dass ich ein Photograph wäre, wollte er mir ein paar besondere Wege zeigen auf denen er sich gut auskennen würde, weil seine Vorfahren dort schöpferisch tätig gewesen wären. Also seine Traumzeitpfade? Er lächelte und meinte: nicht nur! Also packte ich meine Siebensachen, befüllte die drei noch vorhandenen Kanister mit je 20 Litern Diesel und überantwortete mich der Führung von Larry. Gleich zu Beginn nahm er auf dem Dachgepäckträger Platz. Also waren zumindest keine Frösche in der Nähe, die einen Regenguss ankündigten? Ich war ja daran gewöhnt, Personen auf dem Dachgepäckträger zu chauffieren, da wir das in unseren Gruppen ja bereits zweimal bis zum Exzess betrieben hatten. Die Piste führte in westliche Richtung und schon bald waren wir phasenweise wirklich Outdoor unterwegs. Das bedeutet, dass die kleine Sandpiste, die ebenfalls hin und wieder über Geröll führte, gänzlich verschwand. Aber genau dafür hat der moderne Mensch ja den Allradjeep ersonnen! Dafür, dass diese Fahrzeuge abseits der Straßen im Gelände würden fahren können. Das Fahrgefühl wurde dadurch gleich epochal anders, nochmals authentischer und man brauchte dafür nicht auf dem Dach zu sitzen. Phasenweise ging es nur im Schritttempo vorwärts, denn ich hatte nur ein Ersatzrad dabei, welches ich nicht unnötig zu verbrauchen gedachte. Meistens ließ mich der auf dem Dach sitzende Larry gewähren, aber wenn er der Meinung war, dass ich jetzt würde schneller fahren können, weil er wusste, dass der nächste Abschnitt keine plötzlichen Hindernisse beinhaltete, erschien immer sein linkes Bein in meinem Sichtbereich und ich hörte ihn durch das offene Seitenfenster von oben rufen, dass ich einen Zahn würde zulegen können. „Trust me“! Ich war mir immer sicher, dass er wusste, was er tat. Am Nachmittag machten wir an einer schönen Stelle eine Pause. Nachdem ich uns etwas zu essen gemacht und den entsprechenden Kaffee vorbereitet hatte, fragte er mich, was ich denn tun würde, wenn ich in einer solchen Umgebung ohne Wasser und ohne Transportmittel zurecht kommen müsste. Ich hatte auf der Zunge zu antworten, dass ich dann ganz sicher jämmerlich zugrunde würde gehen müssen, wollte mich aber nicht so leicht geschlagen geben. Ich erklärte ihm, dass ich mir einen Referenzpunkt am Horizont suchen und darauf zugehen würde um zu vermeiden, dass ich in eine Kreisbewegung gerate, die mich immer wieder zu meinem Ausgangspunkt zurückführen würde. Der Ansatz gefiel ihm. Und was ich machen würde, wenn ich kein Wasser hätte? Nun, nach Büschen Ausschau halten, die schön grün sind, darauf zugehen und hoffen, dass es einen kleinen Bach in der Nähe gibt? Er lachte, Bäche in diesen ariden Halbwüsten West-Australiens gab es nur dann, wenn es gerade heftig geregnet hätte. Und dann würde das Regenwasser entweder sofort in Ritzen und Spalten verschwinden oder mit großer Wahrscheinlichkeit einfach in den knochenharten und staubtrockenen Flussbetten auf Nimmerwiedersehen davon fließen.

Ich gab mich geschlagen und fragte nun wiederum ihn, was er denn vorschlagen würde, was ich tun sollte, um am Leben zu bleiben. Er fasste sich an die Nase und sagte „smell“ (rieche) und klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust und sagte dann „feel“ (fühle). Nun Wasser zu riechen war mir in der Nähe eines Ozeans, wenn das Gewässer nicht mehr allzu weit entfernt war, auch möglich, selbst wenn man das Meer noch nicht sehen konnte. Aber hier, in dieser Einöde einen Bach zu finden, konnte ich mir nicht vorstellen. Dass die Aborigines fühlen können, wo sich Wasser befindet, ist ganz sicher auch darauf basierend, dass sie so viele Tausend Generationen lang ungestört ihre Leben leben konnten und ihre Sinne so maximal schärften, dass sie im Prinzip mit der sie umgebenden Natur verschmolzen, eins wurden sozusagen. Um es verständlich zu machen kann ich vielleicht das Beispiel unseres Bewusstseins für unseren Körper anführen. Wir leben in diesem Körper und nehmen ihn wahr. Auf Blasendruck reagieren wir entsprechend, Durstgefühle sind uns bekannt. Wir kennen unsere Körper in denen wir leben, wenn auch unterschiedlich gut. Die Aborigines empfinden zwar die Erde als „göttlich“, als ihre „Mutter“ verstehen die sie umgebende Welt aber trotzdem so, dass die Umwelt ein Teil ihres Körpers ist. Mit allen Sinnen vernetzt mit dem Boden unter den Füßen, allem was darauf wächst und auch mit den Erscheinungen des Himmels. Ein perfekter, ein paradiesischer Zustand. Larry deutete mit der Hand in die Ebene, die sich vor uns ausbreitete. Ich verstand, dass er mir mitteilen wollte – auch ohne Worte – dass es das Wasser auch dort, in diesem Bereich geben würde. Dann stand er auf und deutete an, dass ich ihm folgen solle. Ich war mir nach wenigen Metern sicher, dass er hier auf seinem persönlichen Traumzeitpfad Gelände unterwegs war. Wie dieser Mann lief! Wie geschmeidig und wie achtsam, fast schon wie in einem meditativen Zustand er seine Füße über die Steine gleiten ließ. Nackte Füße übrigens! Ich war in Turnschuhen unterwegs. Später habe ich es auch einmal probiert, mit einem sich durch seine Welt bewegenden Aborigine barfuß Schritt halten zu können! Mit für mich fatalem Ergebnis! Dieser Mann, der da vor mir schritt, schwebte förmlich und er hatte trotzdem einen rasanten Schritt drauf. In der Hitze hatte ich echte Schwierigkeiten an ihm dranzubleiben. Außerdem bekam ich bald Durst! Ich schleppte meinen damals noch jungen und wirklich sportlichen Körper mit aller Willenskraft in seinem Tempo durch die Gegend und es waren bestimmt 40° Celsius an diesem Tag, gefühlt natürlich nochmal mehr. Zum Glück aber wieder diese typische trockene australische Wüstenhitze. Trotzdem unerfreulich weil er so spontan aufgebrochen war, dass ich vergaß, meine Trinkflasche mitzunehmen! Ich hatte erwartet, dass er mal so bis zum nächsten oder übernächsten Busch laufen und dort Wasser finden würde. Ich hatte mich getäuscht: er lief in dem stets gleichbleibenden Tempo in unermüdlicher Eleganz durch die Landschaft und hielt erst nach rund 45 Minuten wieder an. Und ich hatte den werteorientierten Europäer in mir nicht abgestellt, denn während wir liefen war der offene Jeep, mit steckendem Zündschlüssel und allem was mir lieb und teuer war, außer Sicht geraten. Was wäre wenn? Deshalb war die Frage nach der Sicherheit meines Besitzstandes auch die erste, die ich Larry stellte, als er anhielt. Wenigstens hatte ich es geschafft meine aufkommende Unruhe wegen der Ängste um meinen möglicherweise erneut (ich war ja wieder in Australien – wenn auch nicht in Sydney) sich verabschiedenden Besitz, zu unterdrücken und ihn nicht während wir liefen von hinten damit zu belästigen. Larry war sehr entspannt und war nicht einmal ins Schwitzen geraten. Mein T-Shirt war komplett durchnässt und ich hatte das Gefühl, dass sich meine Zunge auf die dreifache Größe aufgebläht hatte vor lauter Durst. Doch was tat Larry um meine Sicherheitsbedürfnisse in Bezug auf meinen materiellen Besitz zu befriedigen? Nichts! Er lächelte mich an, klopfte mir auf die Schulter und sagte nur: „trust me, everything is safe, we are here“. Ich solle ihm vertrauen, alle sei sicher, weil wir hier wären, wobei er während er die Worte „hier und wären“ verwendete eine Kreisbewegung mit seinen Armen machte. Ich hatte ambivalente Gefühle und hielt es durchaus für möglich, dass es auch hier, in der entlegenen Wüste zu einem Diebstahl kommen könnte. Aber ich wollte ja weiterkommen, verstehen, begreifen, lernen tiefer zu empfinden und Larry hatte gesagt, dass ich mich freimachen solle von den Belastungen, die ich mit nach Australien gebracht hatte. Ich hatte ja zum Glück auch noch fast genauso viel Durst wie Rest-Ängste um meinen Besitz. Und der Bursche konnte wohl meine Gedanken lesen? Er meinte nur – indem er in die Richtung zeigte in der mein Jeep stand – was das bedeuten würde, wenn ich das (worauf er das Zeichen für trinken andeutete) nicht hätte? Ja, gute Frage, ohne Wasser wäre ein Jeep ja auch nicht mehr nötig, weil ich verdursten würde.

In der Nähe standen einige Büsche, die meisten davon waren mir unbekannt – Pflanzen waren zu der damaligen Zeit nicht mein Ding! Ein paar Büschel Spinifex Gras standen auch hier – die zumindest kannte ich. Larry ging in die Hocke und hob mit seinen beiden Händen lockeren und trockenen Sand zur Seite. Nachdem er etwa 20 Zentimeter in die Tiefe vorgedrungen war, änderte sich die Farbe des von ihm ausgebuddelten Sandes: der Sand wurde deutlich dunkler und zwei weitere Hände voll später war er feucht! Feucht? In dieser Umgebung. Larry vertiefte das Loch noch ein bisschen und schon konnte man am Boden braunes, schmutziges Wasser erkennen, welches sich in der von ihm angelegten Vertiefung sammelte. Ich konnte es kaum fassen! Da waren wir fast eine Stunde durch die glühend heiße Ebene gelaufen und dieser Mensch „riecht, fühlt und sonstwast“ auf den Zentimeter genau die Stelle, an der er das Leben erhaltende Wasser finden wird. Er nahm eine handvoll dieses Wassers auf und trank. Ich wollte es ihm sofort gleich tun – wenn auch wiederum mit ambivalenten Gefühlen -, denn mein Durst war sicher größer als der Seine! Aber er hielt meine Hand, die ich gerade im Begriff war, in dieses Loch zu stecken, zurück und meinte, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich dieses Wasser nicht trinken würde, da ich es nicht gewöhnt sei und dadurch vielleicht Probleme bekommen würde. Ja, ernsthaft, deshalb hatte ich auch ambivalente Gefühle, denn mir war bewusst, dass solches Wasser in den Magengruben der Mitteleuropäer so einiges verursachen konnte! Aber ich pfiff drauf, dieser besondere Moment, den ich extrem durstig erlebte, sollte mit der Aufnahme von mehreren vollen Händen desselben Wassers, dass der Aborigine getrunken hatte, zu einem Abschluss und Höhepunkt geführt werden. Das Wasser schmeckte ekelerregend, man bekam kleine Sandpartikel zwischen die Zähne und beim Schlucken in den Hals, es roch auch nicht sonderlich erfreulich, aber es musste sein! Mein Durst war noch immer präsent, als ich meine Hand zum vierten Mal in dieses braune Loch stecken wollte um endlich das Gefühl zu bekommen, dass ich etwas gegen dieses Durst-Gefühl getan hätte, als Larry mich mit einem freundlichen Lächeln zurückhielt. Okay, ich war den Schritt gegangen, und zumindest der Mundraum fühlte sich so an, als ob etwas Feuchtigkeit in ihn gekommen wäre. Jeder weitere Schluck hätte das Risiko vergrößert, in den Weiten der australischen Wüste mit einem Häuptling aus Südamerika Bekanntschaft machen zu müssen: dem Herrn Montezuma und seiner Rache! Und in der folgenden Nacht machte ich gründlichst Bekanntschaft mit dem Herrn Montezuma und seiner Rache! Gründlichst!!

Wir gingen zurück, wobei ich bald bemerkte, dass ich mich nur noch schleppend bewegen konnte. Meine Batterien gingen zur Neige. Während des Marsches zur „Wasserstelle“ hatte Larry sich nicht ein einziges Mal zu mir umgedreht! Er war ganz in sich. Auch jetzt, auf dem Weg zurück, lief er vor mir und drehte sich nicht um. Ich war zu stolz ihn zu bitten, langsamer zu gehen und sprach ihn nicht an. Er bemerkte meinen Zustand aber trotzdem, nicht nur weil er mich hörte, sondern auch, weil er mich spürte! Er hatte Zugang zu meiner Befindlichkeit und erkannte, dass ich schwächer wurde. Er ging deutlich langsamer um seinen Schritt an meinen anzupassen. Ich war nun zu einem Teil seiner Wahrnehmungswelt geworden, ein Teil damit von ihm. Für den Rückweg haben wir damals sicher deutlich über eine Stunde gebraucht. Am Fahrzeug war alles so, wie wir es verlassen hatten. Da ich keine Eis-Box mit mir führte, hatte das Wasser in den Flaschen und Kanistern mittlerweile eine recht hohe Temperatur erreicht. Ich schaffte es trotzdem, den Inhalt von zwei vollen 0,75 Liter Flaschen in mich hinein zu schütten. Ich war gerettet! Wenn ich über diese Erlebnisse und Ereignisse mit den Aborigines schreibe, beginne ich erneut in ihrer Welt zu versinken. Ich spüre dann, wie wichtig es mir ist, die Zusammenhänge aufzuzeigen um ein Bild zu vermitteln, dass wenigstens in die Bereitschaft zur Nachdenklichkeit führt. Der „Mensch“, der Aborigine, steht dann so derart im Zentrum meiner Erinnerungen, dass ich mir auf diesem Weg auch selbst beweisen kann, dass ich Humanist bin, Humanist durch und durch, bis auf die Knochen! Wenn ich mich kurz zurücklehne und so wie gerade eben, eine Tasse Kaffee in heute eisiger Kälte auf dem Balkon trinke, fällt mir wieder ein, dass ich in dieser Zeit auch Begegnungen mit der Natur, vor allen Dingen mit den Tieren hatte. Wir können uns das so schön reden wie wir wollen: der Mensch stört die Wildtiere, wo immer er erscheint. Natürlich gehören Tierbeobachtungen zu den Highlights einer Reise durch Australien und diese wilden Tiere springen auch überall herum. Wie sich aber die Zahl der zu sehenden Tiere erhöht, wenn man als Mensch in Bereiche kommt, in denen die Tiere noch ungestört leben, dann erhöht sich die Schlagzahl der Tier-Sichtungen gewaltig, ist enorm. So viele Echsen, Schlangen, Insekten und Vögel, wie ich sie in den kommenden drei Wochen sehen sollte, habe ich nie zuvor – und auch nie wieder – in Australien zu Gesicht bekommen. An diesem ersten Tag gab es zum Beispiel eine unvergessliche Begegnung mit einem wirklich großen Schwarm an Zebrafinken. Den Zebrafink kennt man als Ziervogel (für Anfänger) ja mittlerweile auch bei uns in Europa. Er ist ein recht pflegeleichter Vogel der aber in freier Natur ausschließlich in Australien und auf den Sunda-Inseln vorkommt. Sie geben so einzigartig lustige Töne von sich, die besonders die Kinderherzen erfreuen. Vor allen Dingen dann, wenn diese Kinder ein Quietsche-Entchen besitzen. Denn die Laute der Zebrafinken klingen in etwa genauso, wie wenn man ein solches Quietsche-Entchen herzhaft drückt. Am Nachmittag gerieten wir in einen solchen Schwarm, der alles übertraf was ich mir in Bezug auf das Schwarmverhalten dieses Vogels vorstellen konnte. Wer die Bilder der Stare aus Rom aus dem Fernseher kennt (oder es selbst einmal erlebt hat), der hat einen guten gedanklichen Bezug zu diesem Zebrafinken Schwarm. Es könnten Hunderttausende von ihnen gewesen sein. Und wenn sie aufflogen, dann sah es aus, als ob ein dicker, bunter, quietschender kompakter Körper über die Lande flitzen würde. Und die vielen, vielen Quietsche-Stimmchen vereinigten sich zu einem Orkan, dem jede Lieblichkeit fehlte. Zu dem Zeitpunkt, als wir die Zebrafinken trafen, hatte ich bereits zweimal einem unguten, sich aus der Magengrube heraus ausbreitenden Gefühl, Respekt erweisen müssen und den Wüstenboden mit meinen abgegebenen Magensekreten verziert. Die Natur hat sich über diese unerwartete Futterspende sicherlich gefreut! Wer sich in solchen einsamen Gebieten, in denen kaum Menschen unterwegs sind, befindet und dort in unüberschaubarer Maße etwas aus seinem Körper absondert, wird feststellen, dass man seine Hinterlassenschaften nicht – wie bei uns vorgeschlagen – vergraben muss, sondern dass am Abend in der Nähe des Übernachtungsplatzes hinterlassene Hinterlassenschaften am nächsten Morgen schlicht nicht mehr da sein werden. Fortgeschafft und weggeschleppt. Solange die Natur sich in der Balance befindet und nicht eine übergroße Masse an Menschen mit ihren Fäkalien die Gegend zuzementiert, schaffen es die anderen Lebewesen leicht und locker, den eifrigen Müllmann zu spielen und sich diese Leckerlies anzueignen. Klartext? Die Kacke dient auf diese Weise den Insekten dann zur Speise! Punkt.

Wir fuhren und fuhren und es wurde langsam dunkel. Ich war zwar in den Bereitschafts-Modus gegangen, mich frei von allem zu machen, auch frei von störenden Erinnerungen, aber am Anfang dachte ich schon manches Mal, wo er denn mit mir hinwolle, dieser so fremde Mensch aus dem Volk der Aborigines? Ja, wohin? Da ich den Jeep vollgetankt und die Reservekanister ebenfalls befüllt hatte, war es ja möglich, gut 1.200 Kilometer durch die Lande zu fahren und trotzdem nicht wegen Dieselmangel liegen zu bleiben. Wir übernachteten ein weiteres Mal in der Natur und ich hatte genug damit zu tun, mich mit meinem persönlichen Montezuma und dessen Rache zu beschäftigen und darüber nachzudenken, dass es vielleicht doch von Vorteil gewesen wäre, ein paar lindernde Medikamente mit mir zu führen. Und auch wenn mein Verhalten für die Sicherheits-Vorstellungen und Sicherheits-Vorgaben und Sicherheits-Anforderungen unserer leicht neurotisch gewordenen modernen Welt als seine Art „Angriffskrieg“ verstanden werden kann: ich habe niemals in meinem gesamten Reiseleben auch nur eine einzige Tablette mitgeführt um im Notfall auf bewährte Medizin zurückgreifen zu können. Entweder es ging gut, oder auch nicht! Und wenn es nicht gut gegangen wäre, dann wäre es eben auch gut gewesen. Wer zwingend Medikamente braucht und trotzdem reisen möchte, der muss sich natürlich einen Vorrat davon mitnehmen. Aber dieser vorauseilende Gehorsam, im fremden Ausland wenigstens einige der Sicherungseinrichtungen in Form von Medikamenten dabei haben zu müssen, war niemals mein Ding. Sich auf das Neue einzulassen bedeutete bei mir immer auch, sich komplett – ohne Rückgriffe auf das Alte – einzulassen. Ich musste meinen Körper demzufolge mal machen lassen und darauf hoffen, dass er sich wieder erholen würde. Als wir am nächsten Morgen nach Frühstück und Kaffee weiterfuhren, roch ich wegen des nächtlichen Nahkampfes für mein Empfinden nicht mehr so gut. Um Larry brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, da er gleich wieder auf den Dachgepäckträger hinauf geklettert war und sich dadurch jeglicher olfaktorischer Belastung entzogen hatte. Als wir aber am Nachmittag bei diesem Camp, in der absoluten Isolation ankamen, musste ich erst einmal am Rande verweilen und durfte nicht sofort an Larrys Seite zu den anderen Männern die ich dort sah, mitkommen. Die Männer redeten miteinander und zumindest zwei von ihnen erhoben sich aus ihrem Schneidersitz, nahmen Larrys Unterarme (und er nahm die ihren) und dann schauten sie sich gegenseitig ins Gesicht. Ich dachte, dass die was zu besprechen hätten, etwas Verbindliches vielleicht? Sie waren zu weit entfernt als dass ich hätte erkennen können, dass sie ihre Lippen nicht bewegten. Nach einer Weile kam Larry zu mir zurück und meinte, dass ich vielleicht ein oder zwei Nächte hier am Rand der Gruppe bleiben müsse, weil man dort noch nicht so weit wäre, mich als Gast zu empfangen. Aha? Es sollte also eine Probezeit beginnen? Nein, es wäre nur besser für alles um uns herum, wenn ich nicht Knall auf Fall dort mitten hineinspringen würde. Außerdem würde ich mich reinigen müssen, da man deutlich bemerken würde, dass der Kampf mit Montezuma und seiner Rache Spuren an mir hinterlassen habe. Wieder Aha? Ich hatte zwar genügend Wasser um meinen Durst zu löschen und die Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, war aber keinesfalls bereit, etwas von diesem Wasser für eine Dusche abzuzweigen. Dies teilte ich ihm auch mit. Wieder lächelte er ob meiner Unwissenheit! Wasser würden die Aborigines in den Wüsten nicht benötigen, wenn sie eine Dusche nehmen wollten, das einbuddeln im Sand hätte dieselbe Wirkung und würde zudem den Kopf befreien. Ich hatte ja schon Bilder von Menschen gesehen, die sich am Badestrand diverser Küsten bis zum Kopf eingraben ließen, um ihren Spaß zu haben. Und das sollte ich mir jetzt hier antun? Exakt das sollte ich! Einer der jüngeren Männer aus der Runde der Ureinwohner – Frauen und Kinder waren nicht unter ihnen – kam zu uns rüber. Seinen Namen habe ich mir gemerkt, wenn es auch „nur“ sein europäischer Name war. Er hieß Nelson und ob denselben Nachnamen wie Larry hatte, habe ich nie in Erfahrung bringen wollen.

Und so nahm ich das einzige “Aborigine-Bad” meines Lebens. Die Männer hatten ihren “Badeplatz” in der Nähe. Nur dort gab es weichen Sand, den man mit bloßen Händen leicht zur Seite schaufeln konnte. Nachdem die Grube tief genug war, entledigte ich mich meiner Kleider (wir waren ja als Männer unter uns) und legte mich hinein. Der Sand war unter der Oberfläche kühler als ich erwartet hatte! Er war noch immer sehr warm und angenehm, aber nicht mehr so heiß wie an der Oberfläche, wo ich – nachdem ich meine Schuhe ausgezogen hatte – von einem Fuß auf den anderen tänzeln musste um mir die Fußsohlen nicht zu verbrennen. Ich legte mich hinein und Larry und Nelson buddelten mich fachgerecht wieder zu, solange, bis nur noch mein Kopf frei war. Ich bleib auch deshalb ganz locker, weil ich nicht senkrecht in die Erde eingegraben wurde, sondern weil ich lag, in der Horizontalen. Ich merkte gleich, dass ich mich selbst hätte wieder befreien können, falls es mir zu heiß geworden wäre oder sich ein Tier an mich angenähert hätte. Ich wollte noch wissen, wie lange ich dort nun liegen müsse um sauber zu werden? Sie würden es mir mitteilen, eine Weile lang schon! Daraufhin gingen die beiden zurück zu den anderen Männern und überließen gleichermaßen meinem Schicksal und meinen Gedanken. Ich habe danach einfach die Zeit vergessen und wurde aus einer Art Halbschlaf geweckt, als Nelson plötzlich wieder neben mir hockte und mich ansprach. Ich sollte aus meinem sandigen Bad nun aufstehen, es wäre genug Zeit vergangen. Und was soll ich schreiben? Die Anwendung des Sandbades hatte sämtliche schlechten Gerüche, die ich vorher am Körper trug, beseitigt. So als wären sie weg gewaschen worden. Meine Haut fühlte sich gut an und ich glaube, dass man es auch als eine Art peeling verstehen kann? Ich schlüpfte wieder in meine Kleidung, die ich noch vor dem Sandbad in diverse Büsche gehängt hatte damit sie auslüften konnten und fühlte mich danach wie neugeboren zumindest aber an Sinnen gestärkt. Ich ging wieder zum Jeep zurück und Nelson begleitete mich dabei. Ich wollte den Moment nicht durch allzuviel Dumm-Fragerei zerstören, aber was das Ganze hier sei – wobei ich auf die Männer und in einer kreisenden Bewegung meiner Hand auf die Umgebung zeigte – wollte ich schon gerne von ihm wissen. Der Bursche sprach perfektes Englisch, auch wenn er durch die kehlig klingende Aussprache den Aborigine in sich auch in einem Hörspiel nicht hätte verleugnen können. An diesem Ort wäre immer Betrieb, immer etwas los. Es war kein richtiges Camp, in dem Familien wohnten, sondern eine Schnittstelle zwischen mehreren Traumzeitpfaden an dem ihre Vorfahren schon immer zusammen gekommen wären. Manche von den Männern dort drüben würden gerade ihren Walkabout unterbrechen, andere wären fertig damit und andere wiederum würden bald damit beginnen. Hier würden sie sich schlicht treffen um sich zu begegnen. Also ein sehr spiritueller Platz? Ja, ein für verschiedene Männer sehr spirtueller Platz. Nicht für Frauen? Nein, nicht für Frauen nur die Männer der Aborigines gehen auf ihren Traumzeitpfaden auf einen Walkabout. Deshalb gab es dort auch keine Kinder, hier waren die Männer eine spirituelle Einheit. Wir saßen danach noch eine Weile im Schatten neben dem Jeep und ich erzählte dem nun für mich “neuen” Aborigine, was mich so alles an den Begegnungen mit ihnen fasziniert hatte. Er war sehr aufmerksam dabei und hörte geduldig zu, ohne meine Rede durch eine Frage zu unterbrechen. Ich kam auf die Kinder von ihnen zu sprechen, auf die Kinders seines Volkes und dass ich das Gefühl hatte, dass diese Kinder trotz schwieriger Bedingungen eine glücklichere Kindheit erleben würden, als die Kinder in Deutschland. Daraufhin bestätigte er vor mir nochmals dieses Bild, welches ich von der Situation der Ureinwohner gewonnen hatte. Dass sie trotz des Alkoholverbotes Möglichkeiten finden würden, um an Spirituosen zu kommen und dass sie dann so etwas ähnliches wie lebende Tote werden würden. Nicht mehr vernetzt oder verbunden mit ihrer Welt. Der Bursche an meiner Seite war sicher noch etwas jünger als ich? Ich schätzte ihn auf 25 – 28 Jahre, fragte aber nicht danach, weil ich fortgesetzt versuchen wollte, den fragenden Analytiker in mir auszuschalten. Er hatte jedenfalls in seiner Schulzeit noch die Rassentrennung in den Schulen erlebt und da diese erst 1980 in Etappen aufgehoben wurde, musste er ein gewisses Lebensalter haben. Seine Familie würde einen Prozess gegen die Regierung führen um ihre Landansprüche auf die ehemaligen Stammesgebiete zu stellen. Aber das würde sich schon fast ein Jahrzehnt hinziehen und er würde fühlen, dass nicht die Absicht bestehen würde, seinem Stamm dieses Land zurück zu geben. Zwei Jahre zuvor hatte die australische Regierung beschlossen, allen Familien der Aborigines das Recht einzuräumen, enteignete Gebiete zurück zu fordern und innerhalb kurzer Zeit landeten bei der australischen Regierung Rückgabeansprüche auf über 40 % des Landes. Nelson meinte auch, dass er und seine Familie die derzeitigen Besitzer des Landes nicht vertreiben wollten, aber sie hatten vor, sich das Durchgangsrecht, das Recht auf Jagd in dem Gebiet und die Freiheit zur Durchführung zeremonieller Treffen einzuklagen. Das allein war aber für die meisten weißen Landbesitzer bereits ein unerhörter Affront. Wenigstens gibt es seit 1998 in Australien den sogenannten „Sorry Tag“, der ähnlich verstanden werden muss wie der „Balkon-Klatsch-Moment“ für die Mitarbeiter der Pflegebereiche bei uns! Die Meinung der Ureinwohner zu diesem Festtag steht im krassen Gegensatz zu den Meinungen der weißen australischen Bevölkerung. Man hat mittlerweile aus Bundesebene neue Gesetze nachgeschoben, die die Forderungen auf Landrückgabe wieder deutlich einschränken. Keine Rückgabe gibt zum Beispiel in Gebieten, die vom Staat an Siedler oder Bergbaugesellschaften verpachtet sind. Das würde bedeuten, dass die Ureinwohner ohnehin für alle Zukunft nur das Recht hätten, besonders isolierte Gebiete von geringem wirtschaftlichen Interesse, in denen sie zum Teil überhaupt keine Traumzeitbezüge herstellen könnten, zurück zu fordern und auch zu erhalten. Zumindest so lange zu erhalten bis dort Wertstoffe gefunden werden, die dem Staat und seiner Wirtschaft dienen könnten. Dann käme es zu einer Rückübertragung der Rückübertragung.

Die Fliegenplage

Wer kennt ihn nicht, den „australischen Gruß“? Da dieser Begriff von den weißen Australiern geprägt wurde, kennt auch fast jeder Besucher des Landes das Problem mit den Fliegen. „Australien ist ein grandioser Kontinent wenn nur die Fliegen nicht wären“ sagen die, die mit den Situationen vor Ort komplett überfordert waren. Zu Hunderten – und wenn es schlecht läuft – oder zu Tausenden umschwärmen sie wehrlose Zweibeiner. Sie krabbeln in die Augenwinkel, klammern sich an Wimpern, verirren sich hinter die Brillengläser, dringen in Ohren und Nase ein und fliegen permanent, so als ob sie suizidale Absichten hätten, in plappernde Münder. Die lästigen Insekten sind die Geißel des Kontinents. Vor ihnen gibt es kein Entkommen. Sie waren schon immer dort zuhause und haben sich doch erst durch die Besiedlung Australiens mit den Europäern zu einer kaum zu überbietenden Plage entwickelt. Vor der Ankunft der Weißen hielt sich Australiens Natur in der Balance. Aber da das Leben einer Buschfliege im Kot beginnt, hatten diese australischen Fliegen durch beginnende Nutztierhaltung plötzlich millionenfach erweiterte Möglichkeiten, ihre Leben überhaupt erst zu beginnen. Denn die befruchteten Weibchen legen ihre Eier in den Kot von Tieren und Menschen. Und plötzlich liefen überall auf dem roten Kontinent Rinder herum und damit gab es perfekte Fladen, in denen ganze Fliegen-Millionenstädte reifen konnten. Die natürlichen Fressfeinde der Fliegen gab es zwar, aber keine Käfer, die in großer Eile die Hinterlassenschaften der Rinder beseitigt hätten. Der Kot blieb überall liegen und die Population der Fliegen konnte damit beginnen zu explodieren. Manchmal sind es so viele und in so großer Dichte, dass man das Gefühl hat, es mit einem einheitlichen großen, schwarzen Körper zu tun zu bekommen. Der „Körper“ schwirrt dann über einem und senkt die ersten „Fliegenarme“ zu den Betroffenen hinunter. Wenn man nun, dicht umringt von Fliegen, kaum noch etwas von seiner Umgebung sieht und in der Ferne jemand näher kommt, muss man erst ein paar fuchtelnde Handbewegungen machen und die vor den Augen fliegenden Fliegen verscheuchen. In Australien begrüßen sich die Weißen mit den Worten „G´day“ (guten Tag) und in Verbindung mit der fuchtelnden Bewegung vor den Augen nennt man das eben „australischer Gruß“. Als ich mit Nelson im Schatten saß, wurden wir auch von Hunderten dieser Fliegen belästigt. Ich zumindest, empfand es als Belästigung und konnte mich kaum auf das Gespräch konzentrieren. Der Aborigine nahm es wesentlich gelassener als ich. Er ließ die Fliegen gewähren, auch wenn sie permanent aus seinen Augenwinkeln zu trinken schienen und gleichzeitig eine ganze Garnison sich anschickte, in seine Nasenhöhlen einzudringen. Er blieb trotzdem gelassen und empfahl mir, diese Prozedur auch an mir vornehmen zu lassen, da sie die Fliegen als eine Art natürlichen Reinigungsprozess verstehen würden. Reinigungsprozess? Wer wusste denn schon, auf was diese Störenfriede kurz zuvor gesessen hatten? Für die Aborigines schließen sich die Kreise der Natur eben überall, dort wo wir glauben, Belästigungen ausgesetzt zu sein und die Nerven verlieren, behalten sie Ruhe und Einklang und lassen die Fliegen das tun, was sie tun wollen. Es sind eben in fast allen Lebensbereichen diametral angelegte Ansichten zum Wert aller Dinge. Ich habe übrigens erfolglos versucht umzusetzen, meine Gelassenheit den Fliegen gegenüber zu verbessern. In den ersten Tagen ging es kaum, die Fliegen länger als eine Minute zu ertragen. Irgendwann habe ich angefangen zu zählen um die Dauer meiner Bereitschaft, mich von Fliegen reinigen zu lassen, erst zu messen an dann in die Länge zu ziehen. Ich meinte auch immer, dass auf meiner hellen Haut deutlich mehr Fliegen saßen als auf der meiner dunklen Bekannten um mich herum? Vielleicht finden Fliegen helle Haut ja auch exotischer als dunkle! Weiter als 200 kam ich jedenfalls nie, irgendwann fand immer eine der Fliegen meinen wunden Punkt: in den Nasenhöhlen oberhalb der Stelle, bis zu der man mit dem Finger bohrend kommt. Danach kam Neuland, auch für mich und keine Fliege der Welt sollte das Recht erhalten, noch weiter vorzudringen und sich am Ende hinter meinen Augen einzunisten. Aber ich werde mir niemals vorwerfen können, dass ich es nicht probiert hätte. Ich probierte und scheiterte. Aber ich scheiterte nicht so kläglich, wie man hätte scheitern können. Meine Geduld hatte sich verbessert und ich konnte zufrieden mit mir sein. Aber noch zufriedener bin ich damit, dass wir beim besten Willen derartige Massen an Fliegen in Deutschland nicht haben. Nicht einmal im Kuhstall vom Bauern Trumm schräg gegenüber!

Eine Nacht und einen weiteren halben Tag sollte ich mich noch am Rand der Gruppe aufhalten. Ich kam gut damit klar, hatte es geschafft, meine mich an die Heimat erinnernden Gedanken auszublenden und mich den Dingen geöffnet, die gerade geschahen. Ich konnte beobachten und in Ruhe meinen Gedanken nachhängen. Kurz bevor man mir gestattete zu der Gruppe hinzu zu stoßen, verließen noch zwei der Männer aus der Runde diese Gesellschaft der anderen und machten sich weiter auf den Weg, ihren persönlichen Traumzeitpfad zu begehen. Larry hatte sich seit dem Sand-Bad auch nicht mehr bei mir blicken lassen. Auch damit konnte ich umgehen, es breitete sich eine spürbar werdende Gelassenheit in mir aus. Nelson war am Abend zuvor nochmal bei mir gewesen und hatte urplötzlich gefragt, ob ich mich an meine Kindheit erinnern könnte. Welche Frage! Ich hatte immer ein bemerkenswertes Gedächtnis und die Erinnerungen an die Kindheit beginnen ganz deutlich in der Phase, in der ich noch mit einem “Buggy” durch die Gegend gefahren wurde. Er wollte wissen, ob es ein besonderes Stück Erinnerung gäbe, an das ich mich gerne erinnern würde? Klar, da gab es schon einige, aber was erwartete er denn? Garnichts, ich solle aus dem Bauch heraus erzählen. Gut, da gab es einen Moment, in dem ich durch mein Verhalten die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen meiner Mutter erlangt hatte und es war niemals leicht für mich, die Aufmerksamkeit oder das Wohlwollen meiner Mutter zu erreichen! Mein Englisch war damals gut, als ich mit dem Aborigines zusammen saß, vielleicht sogar sehr gut, aber ich bemerkte, dass ich schon gerne noch ein paar Wörter mehr gekannt hätte um meine Erzählung so zu gestalten, wie ich das in meiner Muttersprache tun konnte. Da er aber gleichbleibend aufmerksam war, ließ ich mich auch nicht irritieren. Er sah mich! Und wie er mich sah, sollte ich an einem der nächsten Abende erfahren. Es gab da in meiner Kindheit diesen einen Moment, in dem meine Mutter und ihre jüngere Schwester mit ihren beiden Söhnen spazieren gingen. Ich war im Januar drei Jahre alt geworden, mein etwas jüngerer Cousin sollte Ende des Jahres seinen dritten Geburtstag feiern. An einer Wiese, die voller Gänseblümchen stand, durften wir aus dem Schutz der mütterlichen Anwesenheit heraus und auf der Wiese herumtollen. Ich sah diese schönen Gänseblümchen und setzte meine Schritte so als ob ich Ballettstunden gehabt hätte, ganz vorsichtig zwischen die Blüten um ja auch keine einzige davon zu zermalmen. Während ich dort so tänzelte, pflügte mein etwas jüngerer Cousin durch die Wiese und zermalmte alles, was sich ihm in den Weg stellte. Es fiel mir auf, dass er da so berserkerte und es stimmte mich traurig. Aber ich schritt nicht ein, sondern versuchte auf dem Weg zurück zur Mutter, weiterhin möglichst kein einziges Gänseblümchen zu zerquetschen. Und als ich zurück kam hatte ich durch genau dieses Verhalten die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen meiner Mutter erlangt. Und nun, so viele Jahre später, saß ich an der Seite eines australischen Ureinwohners auf dem Boden und erzählte dem genau diese Geschichte aus meiner frühen Kindheit. Für ihn musste es wohl eine gewisse Bedeutung haben, diesen Stoff von mir vorgetragen bekommen zu haben? Er lächelte stark und als ich geendet hatte packte mich mit seiner linken Hand an meiner rechten Schulter, schüttelte mich mehrfach sanft vor und zurück, erhob sich und ging zurück zu den Seinen.

Meine Nächte habe ich immer auf dem Dachgepäckträger verbracht, auch nachdem ich unter ihnen sein durfte. Aber am ersten Abend, als ich noch nicht an ihrer Gemeinschaft teilhaben durfte, saßen die Männer rund um eine Feuerstelle zusammen und unterhielten sich. Das war nicht zu vergleichen mit einer Unterhaltung in unseren Breiten. Viel weniger Worte und Gesten. Irgendwann begannen zwei von ihnen damit, in einer Art Sprechgesang zu verfallen, wobei sie ihre Körper vor und zurückbewegten. Sie hatten „Sticks“ in den Händen, die sie in rhythmischen Bewegungen gegeneinander schlugen. Auf mich machte die Szene den Eindruck, als ob sie ein Klagelied angestimmt hätten. Die Art, wie sie die Laute einsetzten erzeugte diesen Eindruck. Es war ein gutes Gefühl, so am Rand der Gruppe zu sitzen und zu beobachten. Viele der Lieder die sie singen erzeugen in unseren Ohren den Eindruck, dass es einen traurigen oder klagenden Inhalt gäbe. Aber Klagelieder in der Form, wie wir sie kennen, gibt es bei den Ureinwohnern nicht. Es gab auch keinen Befehl, keine Übereinstimmung, jetzt mit dem Musizieren zu beginnen und andere Männer beteiligten sich nicht daran. Ich erinnerte mich an Besuche in irischen Pubs zu einer Zeit, als Irland noch ein armes Land war und die Menschen dort wenig Geld aber viel Zeit hatten. Damals haben die Männer ihre Musikinstrumente mit in die Kneipe gebracht und irgendwann fing immer einer an, zu spielen, dann gesellte sich ein zweiter Mann hinzu bis das Pub von Musik und guter Laune erfüllt war. Solcherlei Musik-Entstehung gab es in Irland nach dem Beginn der „goldenen Zeit“, als die Menschen der Grünen Insel in den Wohlstand katapultiert wurden, nie mehr wieder. Alle Zeit hat ihre Wunder! Hier war aber etwas anders: die Männer ließen sich nicht aufeinander ein bei diesen ersten Klängen, jeder machte so sein Ding für sich. Es entstand trotzdem ein Wohlgefühl bei mir, der Szene lauschen zu dürfen und die Klänge haben mich berührt, was aber daran liegen kann, dass ich das dafür nötige Gefühl mit in die Wüste gebracht hatte.

Am nächsten Morgen kamen Larry, Nelson und ein weiterer Mann, der erst kurz zuvor dort angekommen war, zu mir und eröffneten, dass ich gerne zu ihnen kommen könne, wenn ich das wollen würde. War die Probezeit „ohne Kinder“ damit vorbei? Denn Kinder gab es hier weit und breit keine. Die hätten Schulpflicht, bekam ich zur Antwort als ich diese Frage stellte. Ja, die australischen Regierungen haben sich stets bemüht, den Nachwuchs der Aborigines zu „beschulen“, nachdem man ihnen den Status, „Menschen zu sein“ zugestanden hatte. Anfangs riss man sie brutal aus ihren Familien und beschulte sie in Internaten, später – als der Leidensdruck für sie langsam nachließ – sorgte man dafür dass sie in regulären Schulen unterrichtet wurden. Und es gab Gesetze und teils harte Strafen, wenn sich die Eltern des Kindes widersetzten und das Kind nicht zur Schule schickten. Außerdem war dieser Platz hier ein Platz für die Männer. Zur Not ging es auch einmal ohne Kinder. Der Platz war recht sauber, Plastikmüll oder Dosenbier lag nicht herum. Die Männer die hierher kamen achteten sehr darauf, diesen für sie bedeutenden Platz nicht zu verschmutzen und noch sorgsamer achteten sie darauf, dass kein Alkohol hierher mitgebracht wurde. An anderen Stellen hatte ich erlebt, dass die Ureinwohner die Gesetze, die sie für sich selbst aufgestellt haben (zum Beispiel keinen Alkohol in ihren Camps zu dulden) zu umgehen bereit sind. Auch Larry hatte eine Palette Dosenbier ins Camp seiner Verwandten in der Nähe von Derby mitgebracht. Hier aber gab es eine gewisse Spiritualität und die Aborigines wussten, dass die Verbundenheit mit der Erde an dieser Stelle nicht durch Rauschmittel beeinträchtigt werden durfte. Ansonsten war das kein Camp, sondern eher ein Versammlungsplatz. Es gab ein paar Plätze, an denen sie aus Zweigen und Ästen eine Art Unterstand gefertigt hatten. So schufen sie schattige Plätze, von denen aus sie die Umgebung wahrnehmen konnten und trotzdem Schutz vor der Sonne hatten. Nahrung und auch Getränke hatten sie dabei. Es war nicht so, dass sie jeden Tag ausschwärmten um sich ihre tägliche Mahlzeit zu erjagen. Dreimal taten sie das als Gruppe in den nächsten drei Wochen aber an manchen Tagen verschwanden auch einzelne Männer im Busch und kamen später mit „Nahrung“ zurück. Dort habe ich auch meinen ersten nach Aborigine-Art zubereiteten Känguru-Schwanz gegessen. In der Erde zusammen mit heißen Steinen vergraben und über Stunden gegart, schmeckte dieses Teilstück des Schwanzes durchaus ähnlich wie ein sehr gut gemachtes Steak in einem Steakhaus bei uns in Deutschland. Danach bestellte ich bei Restaurantbesuchen gerne immer wieder einmal Känguru-Steak. Es ist ist wohlschmeckend. Die Aborigines essen es übrigens nicht, um Australien von diesen Tieren zu befreien, damit noch mehr Rinder auf den Farmen dort ungestört leben können. Das denken die weißen Farmer, für die das Känguru keinen „Nutzen“ hat und sich – im Gegenteil – als Störenfried und Schädling brandmarken lässt.

Des Pudels Kern

Mit der Zeit gelang es mir immer besser, mich frei zu machen von störenden Gedanken. Dafür musste ich persönlich erst einmal den Mut aufbringen, dass ein Gedanke an etwas „Gutes“ (das eigene Kind, die Familie) durchaus schlecht für die innere Offenheit sein konnte. Wenn aber einer der Männer einmal mit mir sprach, wurde immer wieder diese Offenheit thematisiert. Ich hielt mich immer für einen ziemlich offenen Menschen, ahnte zwar, dass es noch offenere Personen geben würde, war aber mit dem Stand, den ich erreicht hatte, sehr zufrieden. Wenn man sich aber vertiefen will, ist jede Art von Ablenkung – auch die schönen Gedanken an Dinge, die uns etwas bedeuten – kontraproduktiv. Das wissen ja auch die Menschen, die sich in Isolation der Begegnung mit dem jeweils von ihnen geglaubten Schöpfern verbinden wollen. Aber ich war ja nicht hierher gekommen, um zu einem Mönch zu werden oder den Stand eines Guru zu erreichen. Ich hatte lediglich ein besseres Empfinden erlangt, hier dem „Fluss des Lebens“ auf die Spur gekommen zu sein. Ich weiß heute dass es wichtig war, den Zustand zu erreichen, in dem ich die Frage nach dem „Warum“ nicht mehr stellte. Dieses „warum“ bin ich hier und der sich anschließende Gedanke des „was wird es mir bringen?“. Der Nutzen-Gedanke war es, der mich länger als nötig blockierte. Er verabschiedete sich erst dann, als einer der älteren Männer, die mir namentlich unbekannt geblieben sind, mich an einem der Abende bat, mich vor ihn zu setzen. Er sprach kein einziges Wort Englisch mit mir und unterstrich seine Gesten mit Worten aus der Sprache der Aborigines. Er war einer der charismatischeren Männer und erfüllte allein durch seine Optik schon die Erwartung, es hier mit einem höherrangigen Mann zu tun bekommen zu haben, wobei er kein höherrangiger Mann war. Ein älterer und weiserer Mann vielleicht. Ich folgte seinen Bitten, die zu keinem Zeitpunkt wie Anweisungen auf mich gewirkt hatten. Ich setzte mich so vor ihn hin, wie er das gewünscht hatte und hielt – was nicht viele Menschen ohne gedanklich abzuschweifen können – den Blick seiner Augen in meinen Augen aus. Nicht alle Aborigines haben diese extrem ausdrucksvollen Augen, ich hatte zwischenzeitlich auch schon einige „erblickt“ (im wahrsten Sinne des Wortes), die durch die Vermischung ihrer Vorfahren mit den europäischen Genen, kleinere oder hellere Augen hatten. Aber der überwiegende Teil von ihnen hatte diese „Charisma-Augen“. Nach einer Weile nahm er mich bei den Handgelenken und zog mich etwas näher zu sich hin. Ich hielt weiter seinem Blick stand und es ist heute mehr als nur schwierig, diese Situation zu beschreiben, denn in dem Moment in dem ich zu Erklärungen oder Beschreibungen ansetze, verwässere ich die Erinnerung. Aber ich habe mich dazu entschlossen, meine Erfahrungen zu Verfügung zu stellen und muss nun meinen Weg durch diese missliche Situation finden! Er blickte, nachdem er mit seinen Händen an meinen Unterarmen weiter nach oben gewandert und meinen Ellenbogen umfasst hatte, für mein Gefühl noch intensiver in meine Augen, gab mir das Gefühl, als ob er durch meine Augen hindurch gehen würde. Ich tat instinktiv das Richtige und umfasste seine Ellenbogen mit meinen Händen, so dass der Kreis von Mensch zu Mensch damit geschlossen war.

Der anhaltende Blick in diese Augen nahm mir das Gefühl für meine Mitwelt. Ich kann mich bis heute an nichts erinnern, was in diesen Momenten um uns herum geschah. Ich weiß nicht, ob die anderen Männer „was“ machten oder nicht, ob es Unterhaltungen gab, oder nicht. Ich hatte mich auf diesen „Fluss“ der Beziehung zwischen zwei menschlichen Individuen eingelassen, ohne wirklich zu wissen, was da geschah. Irgendwann war es zu Ende. Ich spürte wie die Kraft des Drucks der Hände dieses Mannes, der sich an meinen Ellenbogen festhielt (so wie ich an den seinen), nachließ und lockerte meinen Griff an seinen Ellenbogen im selben Maße. Erst in diesem Moment setzten meine Erinnerungen für die Außenwelt wieder ein. Die Intensität der Geräusche um uns herum, die ab diesem Moment für mich wieder wahrnehmbar wurden, waren überwältigend intensiv und für meine Begriffe fast schon schmerzhaft zu laut. Das zumindest erklärte mir Larry etwas später einmal. Dass durch diesen Zustand der vollkommenen Vertiefung alles aus der Umgebung schlicht verschwindet und den Raum für die Innenwelt freimachen würde. Dann, wenn sie aus ihrer Trance wieder erwachen würden, hätten sie das Gefühl, ihre Geburt erneut zu erleben. Wir können solche Aussagen in dem Kenntnisstand, in dem sich unsere Wissenschaften zur Zeit befinden, weder verifizieren noch falsifizieren! Wie sollen wir die Gefühle eines Kindes, das gerade geboren wurde in allgemeingültige Formen und Formeln gießen? Es ergab für mich immer einen Sinn und ich glaubte zumindest an den Reaktionen meiner beiden Töchter unmittelbar nach ihren Geburten zu erkennen, dass neben der Anstrengung der Geburt auch so eine Art schockhaftes Erkennen dessen, in was sie da gerade hineingeboren wurden, fühlbar und erkennbar war. Ich ahnte zumindest dass Männer wie Larry, deren Vorfahren seit so vielen Jahrtausenden hier in Einklang mit der Natur lebten, einen weit höheren Grad der Meisterschaft erreicht haben mussten. Dass sie vielleicht in ihren Erkenntnissen und in ihrem Erleben viel weiter hinter den Schleier blicken und fühlen konnten, als wir in unseren kühnsten Träumen zu hoffen wagen. Ich war prinzipiell offen für diesen Ansatz. Ich war also weg und kam nach dem intensiven Augenkontakt wieder (an Sinnen gestärkt) in die mich umgebende Lebenswirklichkeit zurück! Das allein wäre Grund genug gewesen, sich stärker in diesen sich auftuenden Möglichkeiten zu verlieren. Aber es wurde noch intensiver! Larry hatte sich für ein kurzes Gespräch neben den Mann gesetzt, der mir gerade in die Augen geblickt hatte. Sie redeten in der Sprache der Ureinwohner miteinander und ich verstand kein einziges Wort, fühlte aber, dass der eine Mann dem anderen etwas mitteilte und darum bat, es mündlich weiterzugeben, da es über den „Sinn“ direkt nicht möglich war. Wie denn auch? Ich wusste ja kaum, was dort passierte. So ähnlich war auch der Inhalt des Gespräches. Larry begleitete mich später zu meinem Fahrzeug zurück und meinte zuerst, dass ich aufhören solle zu glauben, dass ich der erste oder einzige weiße Mann sei, dem dieses hier widerfahren würde. Es gäbe viele, aber das wäre nicht wichtig. Schwierigkeiten hatte ich mit seiner Frage, warum ich mir denn dieses Leben ausgesucht habe, ich hätte mich doch nach Kräften gewehrt, um nicht geboren zu werden. Er machte eine Bewegung, so als ob er sich eine Schlinge um den Hals wickelte und tat dann so, als ob er sich an einem Baum aufhängen würde. Ich hätte den Umstand, dass ich kaum ins Leben gekommen wäre, niemals aus dieser Perspektive beleuchtet, wenn es nicht dieses Zusammentreffen gegeben hätte! Schlinge, Hals, aufhängen? Ich wurde mit einer sechsfach um den Hals gewickelten Nabelschnur in einer mörderisch anstrengenden Geburt, die sowohl meine Mutter als auch mich beinahe umgebracht hätte, im Rahmen eines fast 10stündigen Kampfes auf die Welt gebracht. Ich verstopfte den Geburtskanal und wurde trotzdem im Rahmen einer Gesichtsgeburt auf die Welt katapultiert. Das Leben setzte nicht sofort ein, ich wurde gezwungen meinen ersten Atemzug zu tun und war so schwach, dass ich in einer der frühen Brutkästen fast eine Woche ohne Kontakt zu meiner Mutter bleiben musste. Ein Gewaltakt, ein Drama? Ja, aber wie konnte dieser Mann davon wissen? Er legte immer wieder seine Hand auf sein Gesicht, so als ob er die Gesichtslage ansprechen würde. Er lächelte dabei nicht, er lachte fast, er schien seine Freude daran zu haben mich über alle Maßen perplex zu sehen!

Und da war sie wieder, die Frage nach dem „was soll ich damit anfangen, was hat mir diese Information denn nun gebracht, was wird von mir erwartet?“. Nichts wurde erwartet, diese Information wurde mir nicht übermittelt um eine Reaktionskette auszulösen! Ich sollte sie wohl einfach bekommen? Als wir am Jeep angekommen waren setzten wir uns noch für eine Weile nebeneinander. Und jetzt? Ich konnte mir die Frage an ihn nicht verkneifen! Er übermittelte mir weitere Dinge, die meine Kindheit und meine Jugend betrafen. Darunter waren auch Sachen, die ein geschulter und sehr guter Psychologe nach vielen Gesprächsstunden vielleicht auch aus mir hätte herauslesen können. Es ging dabei fühlbar um „mich“ im Prinzip aber auch wieder um „alles“. Er sagte immer wieder, dass das alles kein Wunder wäre sondern die Natur, das große Ganze und dass doch alles mit allem über alle Zeiten hinweg miteinander verbunden sei. Ich werde nicht versuchen, das Geschehene edukativ zu analysieren. Die ewigen Analysen bringen uns nicht weiter, auch wenn sie für viele Dinge gut sind – aber eben nicht für alles. Wichtig waren noch die beiden Information für mich, von denen ich selbst keine Ahnung hatte, dass diese Sachen sich zugetragen hatten. Ich konnte es aber später recherchieren. Das ich als Kind nie gelacht hätte zum Beispiel und das es doch Bilder von mir geben müsse, als ich noch klein war. Die Bilder seinen die Momentaufnahme und nicht die Aussagen der älteren Geschwister, deren Erinnerung an die Vergangenheit oft schön gefärbt seien. Jedes Photo von mir, welches ich danach fand, bestätigte die Aussage eines fremden Mannes in der australischen Wüste. Jeder Blick auf diesen Bildern wirkte so, als ob die in diesem Körper steckende Seele vollkommen überfordert sei. Ich schaute „panisch“ oder „angstvoll“ oder ich schrie und weinte auf den Bildern oder ich versuchte mich von den Personen, die mich auf den Arm genommen hatten (für das Bild) mit entsetztem Gesicht wegzudrücken. Ja, ich konnte es tatsächlich durch gründliche Recherche beweisen, dass diese Aussagen zutrafen. Und jetzt? Ich wiederholte damals diese Frage. Nichts! Das Erkennen wäre meine Aufgabe. Es hätte einen Grund, warum ich am Ende doch ins Leben gekommen bin auch wenn ich nicht gewollt hätte. Jetzt sei ich aber da, und müsste meinen Weg gehen – er hätte keinen Ratschlag für mich und es wäre auch egal. Und dabei wusste ich zum Zeitpunkt des Gespräches mit ihm nicht einmal, dass sich die Sache mit dem „niemals lächelnden Kind“ das ich einmal war, bestätigen würde. Und die zweite Sache die er mir vermittelte blieb erst einmal „diffus“, weil ich überhaupt nicht verstand was er meinte und er konnte es auch nicht konkretisieren. Er legte seine Handfläche auf meine Brust und sagte: „this is weak“. Ich dachte an eine Krankheit aber dann führte er diese Bewegung immer wieder zwischen seinem Brustbein und seinem Herzen hin und her. Er präzisierte es nicht und gab mir damit eine Denksportaufgabe für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Ich bin mir bis zum heutigen Tage nicht sicher, was er meinte, aber durch Gespräche mit anderen, zumindest spirituell interessierten Personen oder auch mit handfesten angehenden Psychologen konnte ich es einkreisen. Dass man selbst zu seinem größten Gegner wird, wenn man es absolut ausschließt, dass das Feindliche jeder Art auch aus dem Inneren des eigenen ich kommen kann (auf den Körper bezogen) oder dass es in einer Familie „Feinde“ geben kann, die den Sinn einer Familie nach außen hin zwar unterstützen, diese aber im Inneren zersetzen oder auf die Welt bezogen, dass die Verbindungen aller Dinge über alle Zeiten hinweg es auch möglich machen, dass sich in diesem System „Feinde“ bilden, die wir am Ende selbst sind? Das muss aber hypothetisch bleiben, ich lasse das noch immer in mir wirken. Mein Anteil daran wäre wohl der, dass ich zu oft versuche die „Herz-Perspektive“ dabei einzunehmen. Jeder würde es anders deuten, aber nur einer steckt in sich selbst! Es wurde also nie etwas vermittelt und eine dazugehörige Interpretation gegeben. Für Larry war es einfach wichtig, dass Empfundenes (weil Teil der Masse aller Dinge) lediglich ausgesprochen werden muss und dass es bereits dadurch seinen Zweck oder Sinn erfüllt.

Die erste außerkörperliche Erfahrung hatte ich ebenfalls dort. Ich war ab der zweiten Woche daran gewöhnt, mit diesen Menschen am Abend zusammen zu sitzen. Sie hatten die Angewohnheit, nachdem sie sich eine Mahlzeit zubereitet hatten, das Feuer, das notwendig war um die Steine zu erhitzen, die dann zusammen mit der Mahlzeit im Sand vergraben wurden und das Fleisch gar werden ließen, brennen zu lassen. Mit Lagerfeuerromantik hatte das aber nichts zu tun, denn Aborigines haben auch eine Sinn-Beziehung zum Feuer als gestaltendes Element des großen Ganzen. Schon an zwei Abenden zuvor hatte einer der anwesenden Männer seine Musikempfindung dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er auf einem Didgeridoo spielte. Auch Aborigines haben unterschiedliche musikalische Fähigkeiten, genauso wie die Menschen bei uns. Ich dachte sogar darüber nach, ob es eine prinzipiell unterschiedliche musikalische Begabung bei ihnen geben könnte, wie diese ja bei allen anderen Menschen über alle Kulturkreise hinweg bemerkt werden kann. Manche von ihnen beherrschten die Zirkularatmung, andere wiederum nicht. Diejenigen die es konnten, nahmen gerne den Platz ein, dieses Instrument zu spielen. Zirkularatmung zu können, ist kein kleines Wunder. Auch in den Kreisen der Musiker/-innen in anderen Teilen der Welt gibt es welche, die diese spezielle Atemtechnik in die Wiege gelegt bekamen. Bei der Verwendung von Blasinstrumentalisten wird diese Technik angewandt, um mit dem Blasinstrument sehr lange ununterbrochene Töne zu spielen. Normalerweise entspricht die längste Dauer eines Tones auf einem Blasinstrument einer Lungenfüllung, danach muss man wohl oder übel Luft holen. Ein Beispiel für eine Person, die diese Zirkularatmung grandios beherrscht, ist der bekannte Musiker Kenny G.. Er lief mitunter mit seinem Saxophon durch die Zuschauerränge und hielt den angeschlagenen Ton dabei für mehr als 10 Minuten. Sie soll erlernbar sein, diese Atemtechnik, aber damit habe ich mich selbst nie befasst. Der eine Mann in der Gruppe, der nach Larrys Angaben schon seit Monaten hier eine Pause von seinem Walkabout machte, war mit Abstand der Talentierteste unter ihnen. Wenn er zum Didgeridoo griff, konnte er nach wenigen Sekunden für eine Ewigkeit Ton um Ton produzieren und dadurch eine entspannte Stimmung erzeugen. Für diejenigen, für die die Klänge dieses uralten Instrumentes keine Wohlklänge sind, wird mitunter der Eindruck erzeugt, dass gerade ein brummendes Huhn durch die Gegend gackern würde. Und tatsächlich können die Ureinwohner Australiens mit diesem Instrument fast die gesamte Palette der Klänge der Tierwelt erzeugen und in Tönen abbilden. Mit eine bisschen Übung erkennt auch der Laie, welches australische Tier dort gerade in Musik zum Leben erweckt wird. Jedenfalls waren die Abende, an denen ein Didgeridoo gespielt wurde, noch intensiver als das der Fall war, wenn normal oder mit Gesängen oder mit Musik-Sticks kommuniziert wurde. Die entspannte Situation, der permanente Unterton des Didgeridoo, die wohltuende Wärme und die noch immer hörbaren Geräusche der Zikaden in den Büschen und Bäumen um uns herum verfehlten ihre Wirkung auf mich nicht. Ich genoss in vollen Zügen das, was mir das Leben hier bescherte, als „es“ passierte.

Es erfordert sehr viel Mut, diesen Zustand zu beschreiben. Anfangs in den ersten Jahren nach diesem Erlebnis, ließ ich meine Empfindungen noch in diverse Vorträge einfließen um schnell festzustellen, dass es die meisten Menschen stark überforderte oder verunsicherte. Manche aber, wollten gerne sofort den „Heils-Weg“ darin erkennen und forderten mich auf, nun spiritueller Lehrer zu werden. Beides wollte ich nicht und diese Überzeugung kam aus meinem Inneren so stark, dass ich nicht mehr darüber sprach oder schrieb. Nur im Freundes- oder Bekanntenkreis habe ich mitunter noch den Versuch unternommen. Wir können in einen ganz anderen Bewusstseinszustand kommen, wir Menschen. Einer der weit weg von einem flirrenden Zustand liegt. Warum wir das können, wozu es gut ist, wohin es uns führt, ist mir noch nicht klar geworden. Jede Interpretation ist noch immer möglich und es sollte der sich in Zukunft sicher weiter entwickelnden Wissenschaft zumindest die Chance eingeräumt werden, auch diese Dinge zu verstehen und auf einer korrekten Basis zu erklären. Eines aber, ist für die Person, die in solchen Zuständen war, für alle Zeit ausgeschlossen: Das Argument, dass Körper und Geist eine untrennbare Einheit bilden und dass wir unsere Leben hier leben müssen weil nach dem Tod „das Licht ausgeht“ und alles für immer und allezeit zu Ende ist. Wenn doch aber alles mit allem über alle Zeiten in Verbindung steht, wenn uns die heutige Wissenschaft erklärt, dass Energie weder erzeugt noch vernichtet werden kann und diese Wissenschaft das auch durch Lehrsätze belegen kann. Wenn wir heute schon sicher wissen, dass Energie lediglich von einer Form in eine andere umgewandelt werden aber niemals vernichtet werden kann, dann bleibt die vorhandene Menge Energie in einem abgeschlossenen System stets konstant. Da wir Energie fast nur noch ausschließlich aus der Perspektive des „Nutzens“ und der „Energiegewinnung“ sehen glauben wir auch zu wissen, dass der nutzbare Anteil der Energie je nach Umwandlung unterschiedlich hoch sein kann. Energie kann also unmöglich vernichtet werden? Wir Menschen bestehen ebenfalls aus Energie, uns umgibt ein Kraftfeld, welches wir messen und spüren können. Die Aura ist ein Energiefeld, welches jedes Individuum umgibt. Darüber haben sich frühe Kulturen schon Gedanken gemacht, sie müssen nicht – durch Untersuchungen und Forschungen empirisch abgegrenzt – erst einen wissenschaftlichen Beweis dafür gefunden haben, sie „spürten“ es. Sicher auch in unseren Breiten, bevor der Mensch seine Verbindung zur Natur kappte und sich dem „Nutz-Wesen“ Mensch zuwandte. Wir haben viele Beispiele dafür! Mit offenen Sinnen zu reisen, stärkt die Wahrnehmung! Aber die Sinne müssen wirklich offen sein! Loch Ness! Der See der Sagen, Mythen und Legenden. Die alten Völker der Picten und der Scoten, die dort oben im beginnenden Norden Schottlands lebten, überlieferten von Generation zu Generation das Wissen um eine „enorme Kraft“ in diesem See. Am Ende der Überlieferung blieb nur die Information, es gab keine Erklärungen mehr dazu. Alles geriet in Vergessenheit und erst bei einer großangelegten Suche nach der Existenz von „Nessie“ haben die Wissenschaftler, die aus verschiedenen Fraktionen kamen und dort eine konzertierte Forschungsaktion durchführten, diese „Kraft“ entdeckt. Gigantische Wellen die durch Luftdruckveränderungen entstehen, die in diesem mächtigen Gewässer unter der Oberfläche bis zu 100 Meter Höhe erreichen und mehrfach den gesamten See durchziehen bevor sie verebben, ohne an der Oberfläche sichtbar zu werden. Nur im Loch Ness gibt es dieses Phänomen und nur bei diesem See sprachen die Vorfahren von einer Kraft! Keinem anderen See gaben sie einen ähnlichen Namen. Sie waren noch verbunden mit der sie umgebenden Natur und spürten – ähnlich wie die Aborigines – die Geschehnisse in ihrer Welt.

Kulturimperialismus macht uns blind für die Dinge, die uns umgeben. Als ich an diesem speziellen Tag dort bei ihnen saß und mich in einen tiefen Zustand der Ruhe gebracht hatte, der Ton des Didgeridoo und die durch die Töne entstehenden Wellen hatten ihren Teil dazu beigetragen, dass es mir gelang, an einen so tiefen Ruhepunkt zu kommen, passierte etwas ähnliches, was mir bei der ersten Begegnung mit den schottischen Highlands passiert war: etwas begann nach unten aus mir hinaus zu gleiten. Ein Vorgang, den ich über Seiten hinweg sekundengenau beschreiben könnte, auch wenn ich kein Zeitgefühl hatte, als es passierte. Anfangs war ich unsicher, vielleicht auch verängstigt aber mir war schnell klar, dass das etwas Ähnliches war wie in Schottland vor einigen Jahren. Im Nachhinein, aus der Perspektive des heute sich selbst beschreiben könnenden Betrachters, weiß ich auch, dass ein Gefühl der Angst aufkam, Angst, dass das was gerade passiert, auch mit meinem Tod zu tun haben könnte. Aber ich hatte mich nach dem Vorfall in Schottland, bei dem ich einen kurzen Moment das Gefühl hatte, nach vorne aus meinem eigenen Gesicht hinaus zu fallen, auch darüber geärgert, dass ich die Sache an sich blockiert hatte weil ich nicht wusste, was da mit mir geschah. Den absoluten Ruhepunkt gefunden zu haben – in dem jetzigen, dem australischen Moment – war wichtig, um den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ich glitt aus meinem Ich nach unten in den Sand und ich wunderte mich, warum es nach unten und nicht nach oben oder vorne ging. Es war meine tief durch Erziehung in mich implantierte Weltsicht, die Erhabenes oder Göttliches nur im Oben oder im Gegenüber erkennbar werden ließ. Vom großen Ganzen hatte ich wenig Ahnung und noch überhaupt keine Berührung gehabt, die ich hätte „analysieren“ können. Mein ganzes Bewusstsein befand sich ab diesem Moment unter mir. Es war noch alles da, das Körpergefühl, dass ich Arme und Beine hatte. Nur viel, viel intensiver als ich das je zuvor erlebt hätte. Ein verfünffachtes Wahrnehmen des eigenen ich. Dann begann dieses Bewusstsein aufzusteigen. Das Gefühl, jedes einzelne Sandkorn des orange-roten Wüstensandes an meiner Haut entlang streichen zu fühlen, war irritierend. Am Ende gelangte mein Zustands-Ich, denn anders könnte ich es nicht beschreiben, weil es sicher nicht mein ich war, auch weil dieses Ich nun gut erkennbar unter mir saß, in diese höhere Position, aus der heraus ich alles sehr genau beschreiben und beobachten konnte. Die gesamte Szenerie lag unter mir und ich hatte bis zum Äußersten geschärfte Wahrnehmungen. Ich konnte den Atem des Didgeridoo Spielers nicht nur sehen, ich konnte ihn fühlen, so als ob ich gemeinsam mit ihm atmen würde. Ich konnte die Kleidung der Männer beschreiben und in beschränktem Maße auch das unmittelbare Umfeld erkennen. Wie mit einem 360° Grad Panorama-Objektiv. Alle Informationen über alles was um mich herum gerade geschah konnte ich erfassen. Ich sah den ebenfalls versunkenen Larry und fühlte seine Gedanken. Den Füllstand der Flaschen, die bei den Männern standen konnte ich erkennen, auch wenn diese hinter ihnen oder so neben sich standen, dass ich sie von meinem Sitzplatz aus nicht hätte sehen können. Es war nichts in dieser Situation, was ich nicht hätte erfassen können. Zwei der Männer gegenüber sprachen miteinander, ich konnte hören, was sie sprachen, ich konnte die Bedeutung ihrer Worte nicht umsetzen, verstand aber doch über was sie sprachen. Auch das Gefühl für den „Körper“, meinen eigenen Körper, wurde immer stärker, auch wenn dieser Körper dort gut sichtbar auf dem Boden saß! Trotzdem war da noch ein Körper um mich herum, einen den ich nicht sah, aber wahrnahm. Das dumpfe Schlagen des Herzens, die Geräusche, die das Blut, das durch die Adern fließt, erzeugt. Am Ende war es so intensiv, dass ich den Austausch des Sauerstoffes in meinen Lungenbläschen zu erkennen glaubte. Es wurde dabei nicht heller, nicht dunkler, die Szene blieb eine Szene, nur unendlich viel stärker erlebt und empfunden als ich das jemals für möglich gehalten hätte. Erst als ich die immer weiter steigende Intensität nicht mehr aushielt und sich meine Ruhe in Unruhe verwandelte – auch weil sich der Gedanke einschlich, dass dies nun der Tod sein könnte und ich meine Tochter so nicht würde verlassen wollen – entwickelte sich dieser Zustand rückwärts wieder so ab, wie er entstanden war. Nur für mein Gefühl schneller. Und es war kein plötzliches Erwachen, als ich wieder in der bekannten fleischlichen Hülle war, sondern auch die Bewegung zurück, in diesen dort sitzenden Körper, meinen Körper, war eine fließende Bewegung aus der höheren Perspektive in die sitzende Position. Irgendwann war ich wieder drin in mir, im gewohnten und vertrauten ich.

Keiner nahm Notiz von mir, für die Aborigines um mich herum war also nichts spürbar Besonderes passiert? Und natürlich habe ich in den nächsten Tagen versucht, dieses Thema anzuschneiden. Ich konnte keinerlei Reaktionen auf meine Erzählungen bei ihnen erkennen. So als ob ich hier bei uns jemandem erzählen würde, dass ich mir vor dem Verlassen des Hauses die Schuhe zugebunden hätte! Dieses Vorkommnis hat sich in Australien nie mehr wiederholt – nicht bei den Aborigines und auch nicht während weiterer Reisen in den folgenden Jahren, bis ich 2006 meine Australien-Reisezeit beendete. Aber es wiederholte sich noch zweimal in Alltagssituationen bei uns in Deutschland. Es gab keine Krankheiten in mir, ich war psychisch und körperlich in blendender Verfassung. Es passierte ohne Ankündigung, einmal mitten in der Arbeit an meinem Computer im heimischen Büro und einmal am Abend, als ich in einem Buch las, welches inhaltlich oder geographisch nichts mit Australien oder vielleicht Schottland zu tun hatte. „Es“ passierte – dreimal in meinem Leben. Was sich aber veränderte waren die Reaktionen meines Umfeldes auf mich und auch meine Wahrnehmung allen Dingen gegenüber hatte sich verändert. Heute interpretiere ich es so, dass das „große Ganze“ mir eine Chance erteilte, meinen Horizont zu erweitern. Ich dachte damals oft, dass ich doch besser viel früher diese Erfahrungen gemacht hätte, dann wären mir bei bestimmten Begegnungen wertvolle Dinge nicht einfach durch die Lappen gegangen! Ich dachte an einen Studien-Kollegen, Haig, ein wirklich bildhübscher junger Mann, dessen Eltern aus Afghanistan nach Deutschland übergesiedelt waren. Stets gut gekleidet und gepflegt und dazu noch mit einem Gesicht ausgestattet, welches den Damen gefiel, war er doch immer irgendwie isoliert, hatte nie eine Freundin und auch keinen Freund. Ich hatte oft überlegt, dass er vielleicht schwul war. Er arbeitete in Mannheim aushilfsweise bei einem Herrenausstatter und hatte schon so manches Mal danach gefragt, ob ich nicht mal in seinem Laden einkaufen wolle, er hätte tolle Ideen, was mir gut stehen würde. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit und wir verstanden uns in diesem Laden – während er Kleidung für mich herbeischaffte die ich anprobieren sollte – derart gut, dass wir bald meinten uns schon ewig zu kennen. Basierend auf diesem Grundgefühl, ihn einfach zu mögen und gut zu kennen, fragte ich ihn bei einer Tasse Kaffee im Anschluss einfach, ob er schwul wäre, weil er doch nie eine Freundin hätte. Er erzählte mir daraufhin, dass es sein Grundproblem sei, dass er beide Geschlechter im selbem Maße würde lieben können. Das würde keiner verstehen und er hätte in sich den Schlüssel noch nicht gefunden und würde sich deshalb lieber zurückhalten. Aber der eigentliche Grund, warum er nicht weiterkäme, wären außerkörperliche Erfahrungen gewesen, die er mir dann beschrieb. Das war 1990, nur fünf Jahre bevor ich selbst solche Erfahrungen machen konnte. Haig hatte bis dahin vergeblich versucht jemanden zu finden, mit dem er diese Ereignisse besprechen konnte, aber außer netten Ratschlägen oder den Vorschlägen, es doch einmal mit einer Psychotherapie zu versuchen, hatte er keine Rückkopplungen seines Umfeldes erhalten. Ich spürte seine Verzweiflung, wie er um Fassung rang, wie er mir mit aller Kraft vermitteln wollte, dass das, was er da erlebt hatte, wesentlich tiefer, sinnvoller und intensiver war als alles, was er je erlebt hatte. Und er war ganz allein damit. Allein und unverstanden, allein und zurückgewiesen. Am Ende – so befürchtete er – würde er allein und eingesperrt dastehen. Ich habe mich seinen Einlassungen gegenüber zumindest offen gezeigt und nicht das dicke Buch des „Knigge beschriebt wie die Welt ist“ hervorgeholt. Ich ahnte, dass da etwas Wahres, ihn extrem Bewegendes in seiner Geschichte steckte. Aber unsere Leben in unserem Alltag gingen weiter. Mit nur wenigen Mit-Studenten habe ich bis heute Kontakt, mit einigen mehr hatte ich noch einige Jahre einen gewissen Austausch, soweit es meine immer knapper werdende Zeit erlaubte. Eine meiner Mit-Studentinnen, mit der ich noch Kontakt hatte und die meine Präsentationen über fremde Länder und Kulturen immer besuchte, wenn ihr das zeitlich passte, hatte den Kontakt zu Haig nie abgebrochen. 1992zig besuchte sie mich in Heidelberg bei der dortigen Präsentation und überraschte mich noch während wir uns zur Begrüßung in die Arme genommen hatten, mit der Information, dass Haig durch Suizid seinem Leben ein Ende gesetzt hätte. Er wäre immer komischer geworden und hätte zum Schluss jeden Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen. Ich ahnte, warum er das getan hatte, habe aber außer mit der Mutter meiner Tochter niemals mit jemandem darüber gesprochen.

Ich wollte noch die eine oder andere Brücke zwischen den Kulturen und Zeiten schlagen. Ich würde gerne noch ein paar europäische Kunstwerke und Kunstschaffende mit den Aborigines verknüpfen. Aber dieser Artikel würde dadurch zu lang werden. Ich habe auch noch eine zweite Tochter, ein weiteres „australisches Mädchen“, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene als die ältere Tochter. Aber trotzdem irgendwie „australisch“. Ich habe auch erst einen kleinen Teil der Reisen insgesamt beschrieben, auch wenn die ganz großen und bewegenden Momente schon fast alle erwähnt wurden. Da ich selbst mit der Aussage und dem Inhalt, die alle Artikel zusammen erzeugen, noch nicht zufrieden bin, werde ich weiter schreiben müssen. Vielleicht reichen 20 weitere Seiten? Vielleicht werden es 5 x 20 Seiten werden? Im Prinzip ist mir das fast gleichgültig, wichtig ist, dass es in die Welt gebracht wird.

Wird also trotzdem fortgesetzt

RR aus BN

01.12.2020

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3 Comments
  • Flory
    Posted at 18:47h, 01 Dezember Antworten

    Ich wünsche Dir Einklang, Ruhe, Deutung und Kraft uns weiter Deine Lebenserkenntnis zu berichten. Dank Dir verstehe ich meine Empfindungen und die vielen Fragenzeichen, wie auch der Wunsch nach Offenheit.

  • Maria Gassner
    Posted at 08:21h, 02 Dezember Antworten

    Gelesen, verwirrt, unfähig einen Kommentar abzugeben, das muss alles erst absinken und vielleicht auch noch öfter gelesen werden.

  • Dagmar
    Posted at 17:43h, 12 Dezember Antworten

    …in unserem Gespräch vor einigen Wochen sind wir beide auf dieses Thema, das du hier heute schriftlich an uns weitergegeben hast, zu sprechen gekommen Roland.
    In meiner bereits dir und auch hier erwähnten Psychotherapie vor rund 10 Jahren wurde es mir von meinem wirklich guten Tiefenpsychologen ans Herz gelegt meine jeweils mich begleitenden Empfindungen aufzuschreiben was ich dann auch lange getan habe. Es hat mich befreit mich mitzuteilen und auch das anderen Menschen gegenüber – nur hatte ich das Glück bei den wenigen, denen ich mich mitteilte, auch Offenheit und Verständnis zu finden. Es ging auch über im Mutterleib erlebte schwierige Empfindungen und die darauf schwierige Kindheit mit Eltern die zu jung waren und sich nicht verstanden. Dabei wurde ich beständig zwischen Großeltern, Großtante und Onkel hin-und hergeschoben und fand nirgends einen beständigen Platz! Ich suchte mich in der Natur wo ich zwischen Bäumen, Wiesen und Tieren meine eigene Welt und damit Ruhe fand!
    Auch ich erlebe diesen Zustand des aus mir Herausgleitens, aber sehe mich über und neben mir, das auch schon plötzlich im Alltag, besonders aber beim Meditieren nach Atem-und Yogaübungen….am Anfang vor vielen Jahren bin ich wie du erschrocken, habe es aber bald als nicht bedrohlich angenommen und empfinde es jetzt als sehr erholsam mich in mir, außer mir und wieder in mir zu fühlen….Körper und Geist sind eine Einheit.
    Auch das Spüren des Sterbens meiner Schwiegermutter die mich leise aber ohne Angst rief als sie mehr als 100km entfernt gerade starb war damals 1984 zuerst unbegreiflich, aber jetzt für mich ein Teil dieses Ganzen.
    Sei dir sicher Roland, dass wir nicht wenige sind die solche “Erlebnisse, Erscheinungen und Bewußtseinszustände” haben.
    Aber in unserem modernen auf Kapitalismus und Siegen und … ausgerichteten Leben verdrängen und verlieren wir das Feinstoffliche!
    Dein letzter Satz ” dies” in die Welt zu bringen ist befreiend – lass dir aber die für dich nötige Zeit .

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