Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 08

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 08

Die Vision, der Verlust und die Lebensleistung

Eine der bemerkenswertesten Begegnungen, die ich in meinem Leben haben durfte, war die mit einem etwa 10jährigen Jungen in dem in einem früheren Artikel erwähnten Kloster in Indien. Der Knabe saß dort im Hof und wirkte ruhig und entspannt. Unsere Reisegruppe war im Rahmen einer Führung stehengeblieben und mir wurde die Intensivbesprechung einer Außenwand langsam zu viel! Ich ging zu dem Kleinen hin und sprach ihn an. Er verstand die englische Sprache und gab Antwort (mit lustigem, indischen Akzent), so dass ich mich motiviert fühlte, mich vor ihm hinzuknien und das Gespräch mit ihm zu suchen. Diesen Instinkt hatte ich immer: wenn ich mit Kindern sprach, suchte ich immer automatisiert die Augenhöhe mit ihnen. Das wirkte vielleicht von außen betrachtet nur „räumlich“, beinhaltete von meiner Seite aber auch die „Wertschätzung“ den Kindern gegenüber. Ich sehe Dich, ich nehme Dich wahr als Persönlichkeit und komme runter auf deinen Stand, ich bin nicht mehr als du – ich bin gleichviel. Dem indischen Jungen fiel das sofort auf. Er war wohl daran gewöhnt, dass man sonst nur aus der „Ich oben – du unten“ Perspektive mit ihm sprach? Ich wusste, dass wir nicht viel Zeit haben würden, da die Gruppe es sicherlich nicht besonders positiv empfunden hätte, wenn ich sie allein durch das Gebäude hätte laufen lassen. Der Knabe wirkte klug, sehr aufmerksam schaute er in meine Augen als ich ihn fragte, ob er hier im Kloster zuhause sei. Seine Antwort machte mich stumm vor Staunen: er sei in der Welt zuhause, dass hier, sei auch nur ein Platz, so wie das Haus seiner Eltern, dass der Großeltern wo er sich auch wohlfühlen würde. Natürlich nahm ich an, dass man ihm diese Worte in den Mund gelegt hatte im Rahmen seiner „Ausbildung“. Wir redeten ein bisschen und ich erkannte die Schüssel mit dem Löffel darin, die er neben sich stehen hatte. Er hatte wohl gerade gespeist? Als sich meine Gruppe wieder in Bewegung setzte machte ich deutlich, dass es mir leid tun würde, jetzt wieder weg zu müssen, weil ich Verantwortung für diese Menschen dort hinten haben würde und mich jetzt wieder zu ihnen gesellen müsse. Er blickte in die Richtung, in der die deutsche Reisegruppe gerade weiter zu gehen begann und meinte – ohne mich dabei anzuschauen – dass Verantwortung gut wäre, aber Zeitdruck schlecht. Das war natürlich ein Satz für mich! Aus diesem kleinen Kindermund! Sollte ich es hier mit einem zukünftigen Weisen zu tun bekommen haben? Ich schob eine Frage nach: wie er das denn meinen würde dass es schlecht sei, die Sache mit dem Zeitdruck und auch, ob er sich denn schon Gedanken über die Zeit gemacht habe. Er griff nach dem silbernen Löffel in der Schale neben sich, zog diesen zwischen sich und mich und erklärte, dass er doch nichts aus dem Leben würde lernen können, wenn er ständig unter Druck stehen würde. Ich pflichtete ihm bei und wollte ihn für diesen Satz auch gerne noch belobigen. Ich sagte ihm, dass er aber schon ganz schön weise sei für sein Alter. Er schüttelte den Kopf und erklärte mir anhand des silbernen Löffels, warum ich seiner Meinung nach im Unrecht war, dass er noch keine Weisheit haben könne. Er führte den Löffel zwischen sich und mich, so dass er in der Mitte zwischen unseren Gesichtern war. Dann hob er seine rechte Hand und legte sie sich auf die Brust. Ich solle mir nun vorstellen, dass der Löffel die Gegenwart sei, das Leben das uns alle umgibt. Der Platz, den er jetzt habe würde bedeuten, dass er das Leben aus seiner Perspektive betrachten könne. Er deutete zwischen seiner Brust, seinem „Platz im Leben“, dem Löffel, hin und her. Dann schob er seine Hand neben den Löffel und erklärte mir, dass dann wenn er älter geworden wäre, er dieses „Leben“ (den Löffel) dann von diesem Platz aus sehen würde und alle Dinge wären von diesem Platz aus anders als von seinem Platz der Kindheit und Jugend aus. Er wäre dann weiser, aber noch lange nicht vollkommen. Er schob dann seine Hand bis hinter den Löffel, so dass er fast mein Gesicht berührte und meinte, dass er diesen Platz, jenseits des Löffels, wo Dinge verborgen lagen die er weder in seiner Kindheit/Jugend noch in seiner Zeit als Erwachsener sehen konnte, für ihn erkennbar werden würden. Erst als alter Mann käme er zur Weisheit, weil er dann auch die Rückseite des Löffels und damit alle Blickwinkel auf das Leben gehabt hätte. Das allein war schon sehr beeindruckend und er setzte noch einen drauf. Auf meine Frage hin, was denn die vierte Seite des Löffels wäre, die, auf die er während seines Lebens nicht hätte blicken können, antwortete er, dass die drei Stufen des Lebens zur Weisheit führen würden und dass man erst dann erkennen würde, wie die vierte Seite aussieht. Er meinte nicht unbedingt das Jenseits, sondern die Weisheit, das Verstehen! Denn er deutete in einer Kreisbewegung seiner Hand an, dass alles was uns umgäbe, die „linke, verborgen gebliebene“ Seite des Löffels sei. Nein wie wundervoll! Ein Kind! Ich hätte gerne weiter mit ihm geplaudert und seine Ansichten zum Thema „Zeitstrahl“ gehört, denn das Bild, welches er gerade so eindrucksvoll vermittelt hatte, bezog auch ja auch auf ein lineares Zeitgefühl mit einem Beginn und einem Ende. Aber er fand es wohl besser, wenn ich jetzt meine „Verantwortung“ übernehmen und zu meiner Gruppe zurückgehen würde? Er hatte sich erhoben, seine Schüssel samt Löffel gepackt und eilte davon. Hin zu einer Gruppe mit anderen indischen Kindern, die ihn auch sofort in ihrer Mitte aufnahmen. Dort, inmitten der anderen, wirkte er wie ein ganz normaler Junge.

Und jetzt ist Diego Maradona verstorben und große Teile der Welt liegen in tiefer Trauer, Wut und Verzweiflung. Wo lag die Lebensleitung dieses Mannes? Hatte er jemals einen Gedanken, der den Zustand der Welt betraf? Wohl kaum und dennoch überschlagen sich die Medien geradezu und wetteifern darum, dem frisch verstorbenen ein Denkmal zu setzen. Wohl weil er nicht nur Fußballer war, sondern sein Leben wie das eines Popstars gestaltete? Stumpf an Sinnen und der Hybris verfallen diente er in seiner Funktion einem System, das ihn gewähren ließ, weil er dabei half, die Massen davon abzuhalten über den „Löffel des Lebens“ nachzudenken. Deshalb war er relevant. Und obwohl man eigentlich seit über zwanzig Jahren stets damit rechnen musste, dass er mal Knall auf Fall aus dem Leben scheiden würde, tut man jetzt so, als wäre das eine Sensation. Der Mensch Maradona hatte abseits des grünen Rasens die Dinge niemals so souverän unter Kontrolle wie auf dem Spielfeld. Und obwohl die vielen Fotos vom aufgedunsenen, fetten Maradona der letzten Jahre so gar nicht zu dem Bild vom glänzenden Superstar passten, welches die Menschen vom ihm hatten, ließ man ihm im Prinzip dort oben auf dem Olymp der ekstatischen Bewunderung. Er war einer der größten Helden am Ball, ein moderner Ritter der den Mitgliedern seines „Territoriums“ das Gefühl gab, dass er den Krieg allein für sie würde gewinnen können. Seit es die modernen Medien gibt und Kinder und Jugendliche aller Welt Kunststücke einstellen, auf denen zu sehen ist, was sie alles mit einem Fußball anfangen können, sind die Fähigkeiten Maradonas, der zum Aufwärmen vor dem Spiel die Kugel lässig durch die Lüfte fliegen ließ und sie dann mit dem Kopf, Po, Oberschenkel oder der Hacke wieder sanft auffing, im Prinzip entzaubert. Doch so lange die Mehrzahl der Menschen nicht in Bereiche vordringt, in denen ansatzweise über „den Löffel“, die „Perspektiven“ und „das Leben“ an sich nachgedacht wird, kann nichts und niemand diesen Mann, der Zeit seines Lebens geschickt mit einer Lederkugel umgehen konnte, entzaubern. Eine Lederkugel als Lebensleistung? Seine persönliche Hybris führte ihn dazu, dass er – passend zur Stadionmusik – immer ein ulkiges Tänzchen aufführte und dabei in die Kameras der Welt grinste. Der Personenkult, den wir in anderen Systemen gerne verteufeln, ist auch bei uns Ausdruck des Unvermögens, das Leben bewusst in die eigenen Hände zu nehmen und nicht nur den vorgegebenen Bahnen zu folgen. Sogar „Liebe“ spielt beim Personenkult eine Rolle. Der Missbrauch des Begriffes der „Liebe“ oder des Wortes „Verehrung“ dienen der Manipulation des Verstandes im Personenkult – nicht nur totalitären Systemen. Die Manipulation des Verstandes im Umweg über geradezu kultische Berichterstattung über Personen ist auch in den angeblich so offenen westlichen Demokratien der Fall. Geschuldet unseren Vorstellungen, was „Leben“ denn eigentlich ist. Kultische Berichterstattung kommt dabei nicht nur Sportlern-/innen zugute, auch Sänger/-innen, Popstars im Allgemeinen, zu Reichtum und Glanz aufgestiegene Persönlichkeiten und letztendlich auch die Personenkreise, die ein politisches Amt ausüben. Aber was sollten diese „Führer“ denn auch sonst machen? Unsere Welt ist derart außer Kontrolle geraten, dass nur ein gebetsmühlenartiges Wiederholen der alten Floskeln, die die Welt überhaupt erst zu diesem Kriegsschauplatz gemacht haben, als geeignet erscheint, um den Fortgang aller Dinge zu gewährleisten. Vielleicht sollten wir daran gehen, uns als Menschheit eine Art Generalamnestie zu verordnen? Im juristischen Sinne sind wir alle maximal Teilschuld an den Zuständen auf der Erde. Vor langer, langer Zeit hat eine Entwicklung ihren Lauf genommen, in der die Ausweitung der Einfluss-Sphäre, die Ausweitung von Macht, die Inbesitznahme fremder Territorien, die nicht mehr zu stoppende kriegerische Gewalt, das aufblähen der Völker an Zahl nach dem Beginn der Sesshaftigkeit und die gleichzeitig diese Entwicklungen verherrlichenden und berechtigenden Strategien, die sowohl auf religiöser als auch auf staatlich/wirtschaftlicher Ebene immer weiter in die Köpfe der Beteiligten gehämmert wurden. Es ging uns doch gut? Wir hatten doch alles! Wohlstand, genug Essen, können es als manifestierte Glanzleistung des menschlichen Geschlechtes bezeichnen, dass wir einem Menschen, dessen Hüfte nicht mehr funktioniert, eine neue einbauen können. Die allgemeine Angst, dass dieses wundervolle Leben in Wohlstand einmal enden könnte, hat uns auch Auswüchse und Entwicklungen beschert, für die wir letztlich alle nur teil verantwortlich sind. Aber auch in dem Begriff des teil verantwortlichen steckt der Begriff der Verantwortung.

Als ich mit Larry, der doch tatsächlich „Larry Tjakamarra“ hieß, so wie es mir der alte Aborigine Jahre zuvor auf diesen Zettel – den ich nicht mehr besaß – geschrieben hatte, im Jeep unterwegs war, sprach ich ihn auch auf dieses Ereignis aus Brisbane an und wollte wissen, ob es sein könne, dass „er“ dieser Larry Tjakamarra war. Er wusste nicht, ob er Totem-Verwandte in Brisbane habe und nahm eher an, dass es damit zusammenhängen würde, dass alle Dinge dieser Welt stets in einer Verbindung miteinander stehen würden. Eine seltsame Ruhe ging von ihm aus. Und heute weiß ich, dass es meiner eigenen Offenheit den Dingen gegenüber zu verdanken war, dass es überhaupt zu dieser Situation, mit einem Aborigine an meiner Seite durch die beginnende Nacht in einem Fahrzeug zu reisen, kam. „Offen“ zu sein für das zunächst „Fremde“ kann man nicht verordnen oder verschreiben. Viele Menschen, denen ich in der Folge von der Art des Zusammenkommens berichtete, reagierten entsetzt, so als ob ich ein unvernünftiger Mensch wäre. Ein fremder Mann, aus einem fremden Volk in einem fernen Land? Er hätte mich doch ausrauben können, ermorden gar. Nein, die überwiegende Zahl derer zu denen ich sprach, hätten diesen Beginn nicht angenommen. Ich wollte irgendwann wissen, ob er einen Führerschein habe. Ja, hatte er. Ob er auch mal ein Stück würde fahren wollen? Nein, wolle er nicht, das sei im Moment nicht seine Aufgabe, wenn ich müde werden würde, könnten wir eine Pause machen, gerne auch für die Nacht, das wäre für ihn kein Problem. Ich erzählte ihm auch davon, dass wir bei unseren Reisen mit den Jeeps so gerne auf dem Dachgepäckträger gefahren wären, weil uns dies ein verstärktes Wahrnehmen gebracht hätte. All diese Gerüche und Geräusche wären viel authentischer und stärker gewesen. Nun, in den entlegenen Outbackregionen, in denen sich die Ureinwohner sicher waren, nicht mit den Hütern der Gesetze deswegen in Konflikt zu geraten, würden sie es ebenfalls vorziehen, entweder auf der Ladefläche eines Fahrzeugs oder aber auf dem Dachgepäckträger zu fahren. Mir fiel der schreiende kleine Aborigine ein, der sich um den Hals eines Erwachsenen geschlungen hatte als bei der Flussdurchquerung die Ladefläche des Pick-up geflutet worden war. Ja, auch wenn neben dem Fahrer noch ein Platz frei wäre, würden sie dort nur sitzen, wenn der Fahrer dies ausdrücklich wünschte und auch nur, wenn sonst kein anderer Aborigine dabei wäre. Das allein erklärte bereits viele Dinge, die wir bei früheren Reisen nicht richtig zuordnen konnten. Häufiger hatten wir gesehen, dass ganze Gruppen der Ureinwohner auf der Ladefläche transportiert wurden und die Plätze in Inneren des Fahrzeugs nur vom Fahrer – dessen Präsenz im Inneren ja notwendig war – belegt waren. Zudem war der Fahrer fast immer ein weißer Australier gewesen und wir hatten in diesem Verhalten eine Art „Rest-Apartheid“ vermutet! So war es also nicht, sie suchten diese Plätze freiwillig auf. Warum? Wegen der Nähe zur Natur, dass es wichtig für sie sei, immer so dicht wie möglich an der sie umgebenden Natur dran zu sein. Das sitzen im Inneren eines Fahrzeugs empfanden sie als eine Art eingesperrt sein. Ich schlug ihm vor, dass man in Australien nur noch Cabrios produzieren sollte, dann könnten alle Ureinwohner einen solchen Wagen fahren und eins bleiben mit der Umgebung! Er lachte, meinte aber, dass das nicht der Sinn der Sache sei, wobei er sich auf die Schenkel klopfte und meinte, dass diese (die Schenkel) ja dann trotzdem „drinnen“ wären und sie würden immer versuchen, jeden Teil ihrer Körper mit der Umwelt zu verbinden. Ich fand es sehr spannend, mit ihm an meiner Seite zu fahren, trotzdem war ich kein „rosabebrillter“ Jüngling, der nun glaubte, nichts mehr in Frage stellen zu müssen. 1995zig hatte ich bereits einige Male im Bereich des investigativen Journalismus gearbeitet und mir schon damals die eine oder andere blutige Nase (im übertragenen Sinne) geholt. Ich war deshalb auch kritisch und schluckte nicht einfach alles in mich hinein, was er von sich gab. Warum er denn jetzt neben mir im Auto sitzen würde, wollte ich wissen. Er gab zur Antwort, dass er mir einen Strafzettel ersparen wolle, denn wir waren ja auf dem Highway No.1 in nördliche Richtung unterwegs. Dass es auf dieser Hauptstraße West-Australiens auch Polizei Patrouillen gab, könnte ich mir doch sicher vorstellen. Aber wenn es mein Wunsch wäre, würde er sehr gerne für mich nach oben klettern und auf dem Dachgepäckträger weiterfahren. Aber das wäre in der jetzigen Situation wenig sinnvoll, weil es bald regnen würde. Regnen? Ich beugte mich hinter dem Lenkrad ein wenig nach vorne um meinen Blick besser in den Himmel richten zu können. Regnen? Wir waren in West-Australien, hier regnete es doch ohnehin so gut wie nie! Zudem waren am Himmel in der nun komplett eingetretenen Nacht zwischen den Sternen keine Wolken zu sehen! Woher also, hätte der Regen kommen sollen? Hatte ich es hier etwa mit einem zweitklassigen Aborigine zu tun?

Er hatte – sofort nachdem er in den Wagen eingestiegen war – seine Seitenfensterscheibe herunter gerollt. Gut, das war auf jeden Fall sinnvoll, denn der „alte“ Jeep hatte keine Klimaanlage, im Inneren hatte man schnell gefühlte 70° Temperatur, wenn die Seitenscheiben nicht unten waren. Bei schnellerer Fahrt oder sich verändernden Außentemperaturen war es aber sinnvoll, diese Scheiben wieder ein Stück nach oben zu kurbeln, auch wegen der Lärmentwicklung des Fahrtwindes. Ich hatte das auf meiner Seite auch getan und ihn gefragt, ob es ihm nicht zu laut sei, so wie der Wind auf dem Highway No.1 dann an seinem Fenster vorbei stürmte. Er lächelte nur und sagte, dass ihm das nichts ausmachen würde, wegen der Natur, ich würde schon verstehen. Verstand ich? Weiß ich nicht mehr, aber ich akzeptierte und das ist mitunter wichtiger, als zu verstehen. Es war ja auch möglich, mit etwas lauterer Stimme zu sprechen und dadurch doch eine Unterhaltung zu führen. Es sollte also bald regnen? Wie er darauf kommen würde wollte ich wissen, da der Himmel schließlich wolkenfrei sei, man könne doch jeden Stern erkennen! Einer der Sätze, die ich nie vergesse, den ich in späteren Präsentationen oder Vorträgen über die Welt der australischen Aborigines auch immer verwendet habe um zu erklären, wie verbunden dieses Volk noch mit der Natur ist, sprach er auf diese Frage hin aus: „if the frogs talk in this way, it will rain very soon“ (O-Ton Larry Tjakamarra). Wo hörte der denn Frösche? Wir fuhren durch ein wüstenhaftes Gebiet, Wasserflächen – von denen ich glaubte dass sie eine Voraussetzung waren, um Frösche überhaupt vermuten zu dürfen – sah ich im Lichtkegel der Scheinwerfer jedenfalls nicht. Den fragenden Blick, den ich ihm zuwarf, verstand er sofort. Wie müssen wir solche Menschen quälen, wenn unser Unvermögen etwas wahrzunehmen uns in diese Position führt in der wir den anderen Glauben machen wollen, dass er einen an der Waffel habe. So als wollte Albert Einstein einem frisch geborenen Kind die Werte seiner Relativitätstheorie erklären. Er meinte nur, dass ich links ran fahren (ja links, denn in Australien wird links gefahren) und anhalten solle, dann könnte selbst ich (!) es hören. Ich tat, wie empfohlen und bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit fuhr ich auf den sandigen Seitenstreifen und hielt an. Es wurde keine überwältigende „Frosch-Konzert-Erfahrung“, denn nachdem ich angehalten hatte und ausgestiegen war, vernahm ich maximal meinen damals bereits in den Startlöchern stehenden Tinnitus und die Reste des Rauschens vom Fahrtwind, der trotz der halb hoch gekurbelten Seitenscheibe noch in den Weiten meiner Gehörgänge umher pfiff. Ich sah ihn an und gab zu verstehen, dass ich sie nicht würde hören können, seine Frösche, die doch angeblich davon Zeugnis ablegen würden, dass es bald regnen solle. Er zog mich zur Seite, langte an mir vorbei ins Innere des Fahrzeugs und drehte den Zündschlüssel so, dass der Jeep endlich ebenfalls leise war. Kein Fahrzeug auf der Straße, eigentlich perfekte Voraussetzungen um etwas zu „hören“. Ich sollte eine Weile warten. Ich wartete. Und dann, nach etwa drei Minuten, glaubte ich, das zarteste Froschstimmchen meines Lebens zu hören. Ich war mir aber nicht sicher! Also weiter gewartet. Larry schwieg und wenn er in dieser Wartezeit zu mir rüber sah, lächelte er so als ob er ausdrücken würde: Na Großer? Bemerkst Du es endlich in deinem Unvermögen? Und tatsächlich wurden nach weiteren 2-3 Minuten der Ruhe die Frosch-Geräusche deutlicher. Aber wie wundervoll sanft und zart! In unseren Breiten donnern die Frösche mitunter derart laut ihre Gefühle in die Welt, dass sie einem den Nachtschlaf rauben und Menschen in den Wahnsinn treiben können. Die Geräusche aber, die diese Frösche von sich gaben, waren an Zierlichkeit nicht mehr zu überbieten! Fast so wie eine Grille (nur leiser) aber doch mit einem quakenden Unterton. Ich stellte mir vor, dass diese kleinen Frösche überall unter den Büschen sitzen und ein Ballettkleidchen mit Rüschen tragen würden! Die Mädchen in rosa und die Buben in blau! Ja, sperrt mich doch ruhig ein, Phantasie ist ja nicht unbedingt die Stärke von systemischen Zusammenhängen! Ich war begeistert, wir stiegen wieder ins Fahrzeug ein, ich fuhr wieder auf die Straße und nach wenigen Kilometern oder gefühlten 15 Minuten, kam ein spürbarer Regenschauer von Himmel. Kein Sturzbach, aber zumindest so heftig, dass es bei dieser Geschwindigkeit auf dem Oberdeck unangenehm geworden wäre, im nassen Fahrtwind zu sitzen. Mit den Fröschen reden zu können – so dachte ich – wäre doch etwas Vortreffliches! Mit den Fröschen reden zu können!

Nach längerer Suche habe ich doch noch meinen Schnabeligel gefunden

Da Larry sich partout nicht an der Arbeit des Fahrens beteiligen wollte, mussten wir später doch für eine längere Pause wieder von der Straße abbiegen. Ich habe nie herausgefunden, ob er wirklich einen gültigen Führerschein besaß, aber ich habe ihn im Verlauf der nächsten Wochen auch einige Male ein Fahrzeug bewegen sehen. Vielleicht konnte er fahren, hatte aber nicht die systemische Legitimation dafür? Ich war zwar sehr müde an diesem Tag, trotzdem war ich gespannt darauf zu erfahren, wo er sich denn zur Nachtruhe betten würde! Ich legte mich – nachdem er mir versichert hatte, dass es nicht mehr regnen würde – auf den Dachgepäckträger und bot ihm auch an, dass er das Innere des Fahrzeugs würde nutzen können. Er wollte nicht, zog es stattdessen vor, im Freien zu schlafen. Wenn man einem Durchschnittseuropäer erklärt, selbst wenn er (oder sie) naturverbunden ist und gerne mal in der Natur übernachtet, dass man dies auch mal ohne „Zelt“ versuchen könnte, erhält man in der Regel Reaktionen des Entsetzens! Ohne schützendes Zelt im Freien zu schlafen wäre doch vollkommen unmöglich! Da krabbelten einem doch nachts ganz viele Insekten über das Gesicht und in den Schlafsack. In irgendeiner absurden Statistik habe ich mal gelesen, dass jeder Mensch durchschnittlich acht Spinnen pro Jahr im Schlaf verschlucken soll! Und diese „Statistik“ (woher auch immer die ihr Wissen nahmen) bezog sich auf unsere heimischen Schlafplätze in den Betten unserer Häuser. Das würde in der Natur dann ja auch passieren und im Freien hätte man bestimmt ganz schnell das Pensum von acht Spinnen voll gemacht! Tatsächlich wimmelt es in der Natur nur so vor Insekten! Aber selbst wir, nicht mehr so stark mit der Natur verbundenen Menschen wissen oft, dass wir – abgesehen von Stechmücken – für Insekten aller Art uninteressant sind. Die haben alle bessere Dinge zu tun als sich um unsere Körper zu kümmern! Sie müssen fleißig jagen und fressen um ihre eigene Art zu erhalten. Und in Australien gibt es Mücken! Unterschiedliche Arten und ich bin einmal bei einer Übernachtung in den tropischen Feuchtgebieten Nord-Australiens derart zerstochen worden, dass mir drei Tage lang all meine Sünden wieder einfielen und ich kaum noch in den Schlaf fand. Aborigines liegen – zum Beispiel nach exzessivem Alkoholkonsum – oft „einfach“ so in der Gegend herum, aber dass sie unter den Folgen von Mückenattacken gelitten hätten, ist mir zumindest nie aufgefallen. Vielleicht gehen sie anders damit um? Larry legte sich jedenfalls unter einen Baum ins Freie, stützte seinen Kopf auf seiner Handfläche ab und hatte so seine Ohren wenigstens 30 Zentimeter über dem Boden. Wir sind eben mal nur als „Futterquelle“ für die Insekten interessant! Alles was an uns so dran ist, was diese verschiedenen Spezies verwenden können, wird auch gefressen! Ohrenschmalz gehört dazu! Krümel an den Rändern des Mundes auch! Die holen sich dann zum Beispiel die Ameisen! Alles kein Schrecken für die Ureinwohner, die ich kennenlernen durfte. Die haben auch nie einen Schlafsack benutzt (in Australien ich auch nur selten) und konnten – diese Beobachtung will ich noch loswerden – auch im hohen Alter einfach so in der freien Natur auf dem Boden schlafen! Das habe ich damals einfach so als gegeben hingenommen. Einfach gedacht, dass das für jeden Menschen möglich sein muss, einfach auf harten Böden in der Natur im Freien zu übernachten um ganz Mensch zu sein! Pustekuchen! Nach vielen Jahren der Abstinenz habe ich neulich, zusammen mit meiner Frau, mal wieder eine Nacht im Zelt auf der Wiese hinter dem Haus zu verbringen versucht. Mit dünner Luftmatratze und Schlafsack im Zelt! Da habe ich aber mein persönliches blaues Wunder erlebt! Beschämend eigentlich, aber man sollte sich selbst zugestehen, dass man auch persönlich altert und nicht nur der Rest der Welt um einen herum in die Verfallsspirale des Alters gerät! Ich habe eben auch nicht immer an den charismatischen kleinen Inder und seine „Löffelgeschichte“ gedacht. Im Alter ist die Perspektive nun mal oft eine andere, eine erweiterte Ansicht, dazu gehören auch so simple Dinge wie das schlafen auf dem harten Boden!

Unsere europäischen Körper machen das ab einem gewissen Alter einfach nicht mehr mit! Aber in dem wilden Camp, in dem ich etwas später meine Zeit mitten unter den Aborigines verbrachte, lagen auch die älteren Menschen einfach so auf dem Boden. Sie hatten am nächsten Morgen keinerlei Probleme mit Verspannungen. Da sind die Ureinwohner Australiens auch nicht allein auf weiter Flur. In vielen Ländern schlafen Menschen ihr ganzes Leben auf harten Unterlagen oder direkt auf dem Boden und kommen sehr gut damit zurecht. Aber auch wenn die Nächte unter freiem Himmel ab einem gewissen „europäischen Alter“ nicht unbedingt mehr die bequemsten sind, bleiben sie trotzdem ein unvergessliches Naturerlebnis. Und was ist mit den gefährlichen Tieren dieses Kontinents? Nun, die gibt es ja nicht, Australien ist nicht Afrika, wo gefühlt hinter jedem Busch ein Fressfeind nur darauf lauert, sich der Beute Mensch zu bemächtigen. Natürlich liegt man in freier Natur vollkommen ungeschützt einfach so herum, aber in Australien gibt es nichts „Großes“, was in der Nacht an einem Menschen herum knabbern würde. Keine Löwen, keine Hyänen, nichts! Nur an den großen Flüssen muss man achtsam sein, denn die großen Salzwasserkrokodile unternehmen – so die erspähte Beute nah genug an Ufers Rand nächtigt – auch gerne mal einen Ausflug ans Ufer um sich den einen oder anderen Happen zu holen. Und wir sind aus der Perspektive der großen Echsen eben mal nicht mehr als ein „Happen“. Aber in Australien gibt es doch auch Schlangen! Gut informierte Personen wissen sogar, dass es dort einige der giftigsten Exemplare der Welt gibt. Auch wenn Schlangen aufgrund ihrer biologischen Konstruktion wärmeliebende Tiere sind, würde es ihnen nicht im Traum einfallen, zu einer Person in den Schlafsack (wenn ein solcher benutzt wird) oder in den Hosenlatz zu kriechen, um dort Wärme zu finden! Schlangen meiden überall wo es geht, den Menschen. Ich habe bei den Ureinwohner gelernt, dass ich mit „festem Schritt“ durch den Busch laufen soll, um den Schlangen die Möglichkeit zu geben zu erspüren, dass ich komme. Das wurde mir aber nur deshalb angeraten weil man wusste, dass ich mit der mich umgebenden Welt niemals so gut vernetzt sein könnte, dass ich die Präsenz von Schlangen fühlen könnte. Die Schlangen suchen das Weite, wenn der Mensch sich nähert. Auch in der Nacht ziehen sie es vor, nicht in unsere Nähe zu kommen. Den Aborigines wurden Schlangen oder Krokodile früher, vor dem Beginn ihrer Unterdrückung und Vertreibung, niemals gefährlich. Erst durch die Maßnahmen, die ihnen die Kulturen und Vorstellungswelten der Weißen aufzwangen, in denen sie sich dem Rauschmittelkonsum hingaben um ihre neue Realität – die sie kaum aushalten konnten – zu vergessen und dann betrunken in ihrer Welt herumliefen oder schliefen, wurden sie auch Opfer der Schlangen oder der Krokodile. Die australischen Ureinwohner stehen in permanentem Dialog mit der sie umgebenden Welt. Doch diese Fähigkeiten gehen langsam verloren, die Moderne fordert ihren Tribut. Es sind eher die von den Europäern ins Land gebrachten Tiere, die mitunter für Probleme sorgen. Verwilderte Hausschweine zum Beispiel, die die Ureinwohner in ihrer Welt nicht kannten. Die sind mittlerweile zu einer Art Wildschwein geworden und an vielen Plätzen des Landes eine Pest! Die sind ja bekanntermaßen Allesfresser, und auch sehr energisch wenn es darum geht, Nahrung aufzuspüren. Bevor sich Aborigines zum schlafen ins Freie legen, achten sie sorgsam darauf, dass in ihrer Nähe keine Essensreste herumliegen, denn diese können tatsächlich Schweine anlocken. Auf diese Art – überfallen von einem nach Nahrung suchenden Schwein – geweckt zu werden, wäre dann zwar unschön, aber nicht gefährlich. Die ursprünglich in Australien beheimateten Tiere sind wesentlich rücksichtsvoller als die Nachfahren der europäischen Schweine, die dort als Nutztiere eingeführt wurden, teilweise ihren Stallungen entkamen und eine energetische und renitente Wildschwein-Population gründeten. Aber die Aborigines „spüren“ auch diese Neulinge in ihrer Welt! Wenn sie auf die Jagd gehen, nehmen sie diese wohlschmeckenden neuen Tiere, die jetzt in ihrer alten Welt leben, gerne aufs Korn. Die verwilderte Haussau wird sich oft gefragt haben, wie – verdammt nochmal – diese Kerle (die Ureinwohner) denn herausgefunden haben, dass „es“ (das Schwein) genau hinter diesem Busch auf eine Lichtung treten wird und einen tödlichen Schuss aus dem Gewehr empfängt. Ich wäre natürlich geneigt, dem Schwein – wenn ich vor seiner Tötung noch hätte mit ihm sprechen können – zu sagen, dass es doch glücklich sein solle, nach so einem erfüllenden Wildtierleben durch einen präzisen Schuss aus dem Leben genommen zu werden! Es solle sich mal die Zustände in „seiner“ (des Schweins) alten Welt bei seinen Artgenossen anschauen, dann könnte es doch glücklich sein, so schön sein Leben auszuhauchen. Die Aborigines bejagen die Schweine bevorzugt aus zwei Gründen: erstens haben sie sich an den guten Geschmack des Fleisches gewöhnt und zweitens wissen sie, dass diese Tiere nicht hierher gehören. Nebo, der ältere der beiden Brüder Tjakamarra, sagte mir einmal, dass sie die Schweine, als Bestandteil der Schöpfung, schon spüren würden (we can feel them but they don´t know that we feel them – O-Ton), aber es wäre nicht derselbe Fluss der Kommunikation wie bei den Tieren, die schon seit ewigen Zeiten mit ihnen gemeinsam auf diesem Kontinent leben würden. Das konnte ich im Rahmen meiner auf das visuelle Mit-Erleben dürfen bestätigen! Während bei der Pirsch auf Kängurus immer ein oder mehrere Tiere keine Fluchtreflexe zeigten und sich als Beute quasi „anboten“, versuchten die Schweine immer in wilder Hatz gemeinsam zu flüchten. Sie hatten die Bitten der Jäger, nun eines von Ihnen aus dem Leben nehmen zu dürfen, schlicht nicht verstanden und türmten in wildem europäischem Schweinsgalopp! Alle und keines der Schweine schien bereit, seinen Körper als Speise zur Verfügung zu stellen. Und jeder, der das Leben ausschließlich aus der Sichtweise der europäischen Vorstellungswelten sehen kann, wird schon hier sagen, dass der, der so etwas behauptet, kräftig einen geraucht haben müsse! Unsere Gesellschaften bieten uns unsere Plätze an, die wir einnehmen können. Bei allen kapitalistisch oder sozialistisch ausgerichteten Systemen sind solche Plätze nicht zu bekommen. Plätze an denen man erlernen könnte, dass es mehr geben könnte als das, was wir behaupten, dass es das gibt. Und? The winner takes it all!

Nach meinen mich tief bewegenden und inspirierenden Begegnungen mit diesem Volk war ich nie mehr in der Lage, das Geschehen in meiner „alten Welt“ einfach so hinzunehmen. Nie mehr! Ein Gespräch mit den Männern der Gruppe, mit denen ich meine Abende unter freiem Himmel verbrachte, hatte sogar derartige Konsequenzen, dass ich mit dem Gedanken zu spielen begann, nie mehr nach Deutschland zurück zu kehren und lieber den Rest meiner Tage in dieser an sinnvollen Dingen so reichen Welt der Ureinwohner zu verbringen. Wir sprachen dabei über Krankheiten und dass es viele Probleme, die in der westlichen Welt für Trauer, Schmerz und individuelle Katastrophen sorgen, in ihrer Welt so nicht gab. Einer der Verwandten von Nebo und Larry (dessen Namen ich nie erfuhr und ich hatte gelernt, nicht nach meinen alten Wertvorgaben und Erziehungsmustern danach zu fragen) gab ein Beispiel, in dem er die Vorgehensweisen einer Krebszelle aus der Perspektive der Krebszelle darstellte. Jeder von uns hat mit ziemlicher Sicherheit schon einmal einen nahestehenden Menschen an diese Krankheit verloren? Zumindest jede/r, der oder die ein gewisses Alter hat. In unseren Breiten gilt diese Krankheit als Geißel der Menschheit. Wir versuchen mit aller uns verfügbaren Energie, Mittel zu produzieren, die Heilung oder Linderung verschaffen können. Vielleicht war dieser Verwandte ein wenig kämpferischer als die anderen? Vielleicht hatte er mehr Berührung mit der Kultur der Weißen gehabt und deren Lebensinhalte, die vorwiegend aus rennen, raffen und Angst vor dem Ende bestand (aus der Sicht des genannten Aborigine) stärker als belastend empfunden? Einer der wenigen weißen Australier die ich kennenlernen durfte, einer der sich über die gesetzten Grenzen hinaus Gedanken um die Welt der Aborigines machte und sich nicht nur, den Ordnungs- und Rechtsprinzipien geschuldet, aus dem Rahmen der Vorschriften heraus agierte, fand den Ansatz, dass die Ureinwohner jede Perspektive einnehmen können und das Leben auch aus der Sicht einer „Krankheit“ würden sehen können, als großartige Möglichkeit, das Leben mit seinen vielen Facetten besser zu verstehen. Wenn Krebszellen damit beginnen, sich auszubreiten und die Körper der betroffenen Personen zerstören, dann agieren sie ähnlich wie der Mensch, der sich auf dem Planeten Erde blind ausbreitet. Sein Ansatz war, dass auch die ersten Generationen der Krebszellen mit einem ähnlichen Bewusstsein ausgestattet sind wie Menschen die sich daran machen, ihren Lebensraum zu erobern. Vom eigenen Erfolg berauscht, in den neuen Möglichkeiten an Sinnen ertrinkend gibt es nur eine Richtung: mehr, vorwärts, schneller weiter. So übernehmen die Krebszellen mehr und mehr gesunde Zellen, bis der Körper kollabiert und unter der Last der sich ausbreitenden Zellen verstirbt. Der Ansatz des Aborigine war die Frage, ob die Krebszellen, die sich erst am Ende, wenn die Eroberung des Menschen abgeschlossen ist und Zeichen erkennbar werden, dass der Wirt (der Mensch) zu vergehen droht, ob diese Zellen dann nicht vielleicht doch eine Art Bewusstsein dafür entwickeln, dass es auch für sie das Ende bedeutet, wenn der Körper, in dem man sich ausgebreitet hat, verstirbt. Und so wie es für dieses Volk üblich ist, verteufelte der Mann diese Krankheit nicht sondern verstand das individuelle Werden und Vergehen als Teil der Schöpfung. Ja, auch in unseren Breiten, in unseren Kulturkreisen gab es schon Personen, die sehr weit oben in der Hierarchie standen und sich – zum Beispiel als Wissenschaftler – einen Namen gemacht hatten, die postulierten, dass der Endkampf (böses Wort) um die Vorherrschaft auf dem Planeten Erde zwischen Menschen und Viren geschlagen werden würde. Nicht zwischen Menschen und Menschen und anderen Menschen? Die augenblickliche Situation gibt zumindest Anlass zu der Befürchtung, dass diese mahnenden Rufer recht gehabt haben könnten. Vielleicht kann es helfen, wenn der europäische Mensch die inneren Welten seines Hasses überwindet und gelegentlich die Perspektive einer Krankheit einnimmt? Für Aborigines sind auch Krankheiten „beseelt“, haben einen gleichberechtigten Anspruch, zu existieren und deshalb werden sie auch – wenn sie ihre Leben nicht im Alkoholrausch verbracht haben – weniger krank. Zumindest wurden sie weniger krank, bis man sie aus ihren Paradiesen zu vertreiben begann.

Ich spielte mitunter tatsächlich mit dem Gedanken, nie mehr nach Deutschland zurück zu kehren und den Rest meiner Tage in dieser an sinnvollen Dingen so reichen Welt der Ureinwohner zu verbringen. Ich tat es am Ende nicht, es war nur eine Gedankenspielerei, wenn auch eine sehr verführerische. Ich hatte Verpflichtungen und Bindungen zu Menschen in der Heimat. Die kleine Tochter (auch wenn zu diesem Zeitpunkt nicht klar war, wie wir unseren weiteren gemeinsamen Lebensweg gestalten sollten), die Eltern, deren einziges gemeinsames Kind ich war und die mich sicherlich irgendwann gebraucht hätten, als helfende Hand oder pflegende Stütze. Und mein eigenes Ego gab es ja auch noch! Auf der einen Seite fühlte ich zu dieser Zeit so etwas ähnliches wie „missionarischen Eifer“, die Welt darauf aufmerksam machen zu müssen, welche Möglichkeiten für alle Menschen in der Lebens- und Betrachtungsweise der Ureinwohner verborgen lagen, aber den „Komfort-Menschen“ gab es ja auch noch in mir! Mit diesen Erkenntnissen den Durchbruch in meinen Berufen vielleicht schaffen zu können, durch den wachsenden Erfolg mein Geld vielleicht leichter verdienen zu können um mich – ohne von früh bis spät in Leistungserstellungsprozessen fest zu hängen – meiner Tochter, meiner Familie und meiner Kreativität besser widmen zu können, war ebenfalls enthalten. Zudem hatte ich schon während der Zeit meines Aufenthaltes bei diesen Menschen davon zu träumen begonnen, alle die mir lieb und teuer waren (oder werden würden) ebenfalls in die Lage zu versetzen, diese Wunder zu erleben. Reisen kostet bekanntlich Geld, zumindest wenn es an das andere Ende des Planeten führen soll. Aber es war oft ein verführerischer Gedanke, einfach hier zu bleiben. Ich habe den überheblichen Europäer, der sein Leben auf Geld und Erfolg basierend aufbaut und im ungünstigsten Fall in den Kulturimperialismus schliddert, durchaus ausknipsen können, die Spätfolgen meiner Erziehung und die prägenden Erfahrungen in meiner Ursprungskultur, dass „nur zählt wer hat“ und dass „ohne Moos nix los“ ist, aber nicht. Nicht damals, nicht zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben.

Zurück zur gemeinsamen Übernachtung mit Larry Tjakamarra auf einer Seitenstraße des Highway No.1 in Westaustralien. Als ich nach einer zugegeben unruhigen Nacht auf dem Dachgepäckträger (die gelegentlich auf den naheliegenden Highway vorbeifahrenden LKW störten mich) endgültig wach wurde, saß Larry bereits in seinem typischen (meine Wortschöpfung für dieses Sitz-Phänomen) „Aboriginal-Schneidersitz“ auf dem Boden. Als er bemerkte, dass ich ebenfalls wach geworden war, schaute er zu mir rüber und fragte, ob wir hier frühstücken würden oder sofort weiterfahren müssten? Wieso weiterfahren müssten? Er meinte dass er gelernt habe, dass die Europäer es immer eilig hätten. Er selbst wüsste nicht warum, war aber bereit dieses ihm fremde Verhalten zu akzeptieren – er wusste, dass er es nicht verstehen musste. Ja, doch ein Frühstück in flüssiger Form musste schon sein. Es waren ja noch mindestens 200 Kilometer bis nach Derby zu fahren und Kaffee gehörte schon damals zu meinen Lebenselixieren. Gaskocher an und heißes Wasser gemacht. Er wollte sehr gerne auch eine Tasse davon und danach saßen wir eine Weile Seite an Seite auf dem Boden und schlürften den Inhalt der Tasse in uns hinein. Jede Erinnerung an die damaligen Ereignisse sitzt noch heute so tief und abrufbereit in meinem Gedächtnis, dass die im ersten Artikel beschriebene „Unmöglichkeit“ für mich persönlich erst jetzt zutage tritt. Wie sollen diese Geschehnisse verpackt und dargeboten werden, wie soll ich dem Umfang gerecht werden können? Wir leben hier schließlich in einer Art Ablehnungskultur, sind – bestätigt durch den Wohlstand und den Fortschritt, den wir erreicht haben – in einer Position, in der es den gut funktionierenden Elementen unserer Gesellschaft geradezu absurd erscheint, was ich an Erlebnissen zu bieten habe. Es wäre fatal, wenn diese Dinge, so wie es in unseren Betrachtungsweisen und Gedanken-Modellen, die sich immer nur auf das hier, das jetzt und die zurückliegende Denk-Hoheit der eigenen Kultur beziehen, üblich ist, ins Reich der Dinge Beiseite geschoben werden würden, in denen man Halluzinationen unterliegt. Die Denk- und Lebensweise der Aborigines ist jede Sekunde wert, sich damit zu beschäftigen oder wenigstens die Position der ruhenden Betrachtung dabei einzunehmen, wenn man über diese Menschen reflektiert. Als wir so bei unserer gemeinsamen Tasse Kaffee auf dem Boden saßen, meinte Larry nämlich zu mir, dass ich zur Ruhe kommen solle. Er sagte, dass ich ihm nicht wie ein Angsthase erscheinen würde, der vor irgendetwas davongelaufen wäre, sondern wie jemand, der einer Spur folgt und dass das gut wäre. Dabei war ich in diesem Moment für mein Gefühl sehr ruhig und ausgeglichen und wenn ich bei mir selbst so eine Art „Anspannung“ hätte diagnostizieren müssen, dann nur darauf bezogen, dass ich natürlich sehr gespannt war, was mir diese Begegnung mit ihm denn bringen würde. Ich stand ja erst ganz am Anfang eines sich vertiefenden Bewusstseins oder einer Veränderung meines Wesens. Ich fragte ihn auch direkt, woher er seine Einschätzung dass ich unruhig sei, denn nehmen würde? Er gab daraufhin zur Antwort, dass ich eine starke Aura hätte. Ich? Ja. Wie er diese Aura denn ausgerechnet bei mir wahrnehmen würde? Nicht nur bei mir! Jedes Lebewesen hätte eine Aura aus Energie, deshalb wäre es für sein Volk ohne Zweifel so, dass alles mit allem in Verbindung stehen würde. Und er konnte mir zumindest erklären, dass er die Aura nicht als „Lichterscheinung“, die den Körper umfloss wahrnehmen würde, sondern dass diese Wahrnehmung einem Gefühl der absoluten Sicherheit entspringen würde. Auch das wir alle auf der Welt diese Fähigkeit zu erkennen, einander zu erkennen, in uns tragen würden aber seiner Einschätzung nach hätten die Völker, die sich zu technisch basierten Kulturen entwickelt hatten diese Fähigkeit schlicht wieder verschoben. Nicht verloren, verschoben, sie sei noch vorhanden und er gab an, dass es sicherlich auch in meinem Leben in Europa Momente gegeben haben musste, in denen ich ein Gespür dafür hatte, dass es eine Art Kommunikation mit den Dingen um mich herum geben würde. Oder dass es zumindest Leute geben müsse, die solche Wahrnehmungen haben würden, Leute in meinem Umfeld, Personen, von denen ich wusste.

Ja, solche Situationen erleben wir möglicherweise alle irgendwann, oder wird sind dabei, wenn es eine andere Person betrifft. Lediglich einmal in meiner Vor-Aborigine Zeit hatte ich ein derart überwältigendes Ereignis zu interpretieren, dass es mich über viele Jahre hinweg beschäftigte! Als ich meine erste ganz große Schottland-Reise machte, führte der Fahrtverlauf auch in die entlegenen Gebiete des westlichen und vor allen Dingen des nördlichen Schottland. So weit hinauf war ich zuvor noch nie gekommen! Wir hatten mit der Reisegruppe eine Übernachtung in Inverness, wo es dieses Gefühl, hier mit absoluter Sicherheit schon einmal gewesen zu sein, noch nicht gab. Ich machte meinen Job, freute mich auf das „Neue“, welches ich ab dem heutigen Tage dort würde erleben können und ging meinem Tagesgeschäft nach. Auch auf der gut ausgebauten Strecke zwischen Inverness und dem Dornoch Firth war alles wie immer. Aber als wir in Bonair Bridge die Hauptroute verließen um auf den schmalen Straßen ins schottische Hinterland zu fahren, hatte ich einmal das Gefühl, dass ich (Achtung: Schwindelgefühle oder Krankheiten sind absolut auszuschließen – ich war absolut fit an Körper und Geist zu dieser Zeit) „nach vorne aus meinem Gesicht fallen würde“. Das besorgte mich, auch wenn es mit einem weiteren – noch unbestimmten – Gefühl verbunden war: dass ich nach langer Zeit wieder nach Hause kommen würde. Aber ich war in einer verantwortlichen Position! Ich fuhr einen ausgewachsenen Reisebus mit fast 30 Personen an Bord und da sollte man stets kritisch in sich hinein hören, ob denn etwas nicht stimmte um sich korrekt zu verhalten und keine Gefährdung der „Schutzbefohlenen“ aufkommen zu lassen. Nach ein paar Kilometern Fahrtstrecke hatte ich mich wieder beruhigt. Aber das Grundgefühl, das alles hier zu kennen, blieb! Gespenstisch irgendwie, aber eben nicht dazu geeignet, mich in Panik zu versetzen. Nur dieser kurze Moment, als ich das Gefühl hatte, dass etwas aus meinem Inneren von mir nach außen gezogen wird, setzte mir noch eine Weile zu. Wir reagieren ja oft panisch, wenn etwas mit uns geschieht, was wir nicht kennen. Ich hatte zu dieser Zeit keinerlei Vorstellung von Spiritualität, kannte das Wort „Esoterik“ nicht einmal, war noch nicht bei Aborigines gewesen und hielt mich für einen vielversprechenden jüngeren Menschen, der in der Lage war, schnell zu lernen, gut zu reden und Inhalte vermitteln zu können. Ich war weit davon entfernt zu verstehen, warum ich in diesem Moment das Gefühl hatte, dass mir mein Gesicht nach vorne aus dem Gesicht gezogen wurde. Und es war ja nicht nur ein „inneres Gesicht“, das da nach außen gezogen wurde! Es war ein Teil meiner Persönlichkeit. Ich erhielt weitere Bestätigungen an diesem Tag. Wir nahmen damals eine zwar schlechte, aber höchst exklusive Straße in den Norden, die A386, die zu dieser Zeit die Bezeichnung Straße nicht immer verdiente. Bei fast jedem Hügel, den wir zu überqueren hatten, nach jeder Kurve, die wir umkurvten wusste ich, wie die Welt hinter dem Hügel oder nach der Kurve aussehen würde. Immer gepaart mit diesem Gefühl, dass ich das hier alles kennen würde. Ich hütete mich allerdings davor, mit den mir anvertrauten Mitgliedern meiner Reisegruppe darüber zu sprechen, auch weil ich befürchtete, dass sie spontan die Weiterfahrt mit mir verweigern und einen Arzt rufen würden. Das schlimme daran: ich hatte das anerzogene Gefühl, dass sie recht haben würden, mich wegsperren zu lassen. Alles war weit jenseits meiner Vorstellungswelt – aber: es war. So real wie mein ganzes Leben bis zu diesem Zeitpunkt und so wie mein weiteres Leben bis heute verlief. Dieses Grundgefühl blieb mir erhalten und ich ging in den folgenden Jahren auf Spurensuche und habe mich deshalb im Nebengleis auch zu einem exzellenten Schottland-Kenner entwickelt. Ich fand meinen Ankerpunkt als ich zum ersten Mal im äußersten Westen Nord-Schottlands auf der heutigen A838 über eine Kuppe fuhr und in ein etwa 10 Kilometer langes, bis zum Meer sich hinstreckendes Tal blickte. Keinen Platz in Schottland kannte ich besser als diesen, obwohl ich noch nie zuvor dort gewesen war. Ich bin immer wieder dann, wenn ich als Photograph oder Journalist oder einfach nur als Partner meiner damaligen (schottischen) Lebensgefährtin in Schottland war, dort wandern gegangen. Ich habe die Spuren der ehemaligen Siedlungen, aus der die Menschen in der Zeit der Clearings oder Clearences mit Gewalt von den neuen Landbesitzern vertrieben wurden wie selbstverständlich gefunden. Ich fand die Mauerreste der einfachen Steinhäuser, zumindest das, was davon noch übrig war. Und jedes Mal überfiel mich eine schwer zu definierende Traurigkeit, wenn ich dort in diesen Gefilden unterwegs war. Ich spürte die Verzweiflung und die Trauer und die Angst eines ganzen Volkes, dass während dieser Vertreibungen durch die herrschende Klasse ausgelöscht und seiner Heimat beraubt wurde.

Natürlich habe ich in den folgenden Jahren immer wieder einmal versucht mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Ich habe dabei lediglich versucht zu vermeiden, es mit den Menschen zu besprechen, die vorgeben, die Wahrheit und das Wissen gepachtet zu haben. Diese Menschen sind zu „verholzt“ um sie noch zu erreichen. Sie öffnen sich Dingen nicht, die ihren Status gefährden könnten und verfügen über Möglichkeiten, unbequeme Gegner kraft der Gesetze, die sie entweder zu ihrem Schutz geschaffen haben oder die sie brechen, wo immer es für sie von Vorteil ist, mundtot zu machen. Gustl Mollath, der in Deutschland recht bekannt wurde, weil er Glück hatte und durch die an ihm angewendeten Maßnahmen zur Einschüchterung entkommen konnte, ist nur ein sehr kleines Beispiel für den Verrat an menschlicher Würde, Chancengleichheit und Gerechtigkeit, den jede (auch unsere!!) moderne Gesellschaft an ihren Mitglieder begeht. Auch den sich für Gerechtigkeit einsetzenden Journalisten, der ich einmal war, wollte man schon mit diesen Begründungen (das ich das Verständnis für die Realität verloren habe) von der Bildfläche verschwinden lassen. Wahrscheinlich wäre ich heute nicht in der Lage, diese Zeilen zu schreiben, wenn eine wohlmeinende Staatsanwältin mich nicht davor gewarnt hätte, wie die Strategie der Gerichtsbarkeit ausgerichtet war. Aber ich spürte in diesem Tal jedes mal wenn ich dort war, diese Verbrechen an menschlicher Würde, Chancengleichheit und Gerechtigkeit. Ich konnte den Tod dort riechen und jeden Platz sehr genau beschreiben. Warum? Ich war offen für Erklärungsmodelle und habe dabei auch bemerkt, dass es in den esoterischen Bestrebungen unserer Tage so eine gewisse „vorauseilende Gehorsamkeit“ gibt. Viele Menschen suchen nach dem Sinn und in meinem Fall schlussfolgerten viele, zu viele Menschen, die wenigstens offen für den Ansatz waren, dass es neben unserem Wissen und unseren Kenntnissen womöglich mehr geben könnte als nur das, was uns vorgesetzt wird, dass ich dort schlicht in einem „früheren Leben“ war. Bei diesen Gesprächen konnte ich dann auch immer erahnen, warum ein Buch wie der Traumfänger auch in diesen Kreisen der spirituellen Sucher/-innen und der Esoteriker/-innen so erfolgreich als Lügengebilde seinen Erfolg hatte! Das Buch bedient fast alle Allgemeinplätze der Diskussionen rund um das „Spirituelle“ und tut so, als hätte es (das Buch) dadurch alle Erwartungen erfüllt und damit bestätigt. Ein gewisse Zeit lang folgte ich dann dieser Spur, wollte herausfinden, ob ich wirklich mal ein früheres Leben dort gehabt haben könnte! Am Ende gab ich mich damit zufrieden, dass es wohl mehr geben würde in meinem „Beziehungsfall-Schottland“ als ich dachte, aber dass sich diese Fragen klären würden, wenn die Zeit dafür gekommen wäre. Auf eine falsche Fährte wollte ich keinesfalls jemanden locken. Die Herausforderungen, denen sich diese Welt mit all ihren Geschöpfen – und damit auch mit dem Menschen – stellen muss, sind so gewaltiger Natur, dass man es vermeiden sollte aus Gründen des Selbst-Interesses zu manipulieren oder zu verführen, auch wenn uns die Erfolgsmodelle der Menschheit aufzeigen, dass nur so verfahren werden kann, wenn man für sich selbst Erfolg haben möchte. Zu gewissen Teilen erklärt wurden mir diese schottischen Vorfälle, als ich mit Larry bei dieser Tasse Kaffee saß, von der ich weiter oben schrieb. Ich erzählte ihm von diesen Vorfällen in Schottland und meinte selbst, dass ich meine Fähigkeiten, die Dinge nicht mehr zu erkennen, vielleicht nicht ganz so weit verschoben hätte wie die meisten Mitglieder der modernen Gesellschaften. Ja, es gab also auch in meinem Leben in Europa Momente, in denen ich ein Gespür dafür hatte, dass es eine Art Kommunikation mit den Dingen um mich herum gegeben hatte. Gewaltig sogar und als Land auf Schottland bezogen.

Larry hörte sich meinen längeren Vortrag in Ruhe an und meinte nur, dass das doch kein Wunder sei, da ja jedes kleinste Sandkorn – wobei er wie zur Bestätigung etwas Sand vor sich mit seiner Hand ergriff und durch seine Finger rieseln ließ – auch ein Teil der Verbindung aller Dinge wäre. Dass das schlicht ein Teil des großen Ganzen gewesen wäre, was ich da verspürt hätte. Und war es vielleicht ein früheres Leben? Er lächelte, zuckte mit den Schultern und meinte nur, dass die Vorfahren der Aborigines niemals zurück gekommen wären aus dem „großen Ganzen“, aber das man ihre Anwesenheit „im“ großen Ganzen jederzeit spüren könne, das alles ja immer mit allem über alle Zeiten hinweg miteinander in Verbindung stehen würde. Viele spirituell ausgerichtete Menschen, die vielleicht auch einmal etwas mehr gefühlt haben, halten sich ja daran fest, dass es diese mehreren Leben geben würde! Aber wie klein diese Vorstellung ist kann man daran erkennen, dass viele Personen aus dieser Gruppe ebenfalls daran glauben wollen, dass einem die Vertrauten des jetzigen Lebens in früheren Leben ebenfalls nahe standen und in zukünftigen Leben wieder nahe stehen werden. Die Familie lässt grüßen? Papa, Mama, Bruder, Schwester, Oma, Opa, Kind: alle auf ewig vereint? Das wäre das Affen-Gen in uns, das die familiären Bindungen zur Sicherheit braucht, nur ins Jenseitige übertragen. Wie viel Impulse werden nötig werden um zu akzeptieren, dass uns das „große Ganze“ nur minimalen Spielraum lassen wird, mit unserer ewigen Selbstüberhöhung weiter zu machen? Dort müssen wir wohl ankommen, bei dieser Erkenntnis? Zumindest würden sich dann alle vom Menschen gemachten Probleme auflösen. Am Ende unseres morgendlichen Gespräches meinte mein Begleiter noch, dass ich diese Gedanken um meine Tochter aus meinem Kopf entfernen müsse. Ich hatte ihm diesen Teil meines Lebens nicht genannt und hätte gerne schon an dieser Stelle erfahren, woher er denn dieses Wissen genommen hatte! Da er sich aber erhoben hatte und ich nicht weiter intervenieren wollte, verschob ich es einfach auf später. Ich musste das nicht mehr fragen, denn im „Später“ haben sich noch weitaus bemerkenswertere Dinge zugetragen, die das Fragen an sich überflüssig machten. Wir fuhren nach Derby, einem damals noch recht kleinen Ort, den wir auf der 1992er Reise mit den vielen Jeeps auch schon besucht hatten. Wir haben damals sogar ein sehr kreatives Gruppenphoto in dem dortigen „Boab Prison Tree“ gemacht. In dem Baum waren früher Menschen eingesperrt, die man einer Straftat überführt hatte – die gigantische Baum hatte ein mächtiges Loch und einen richtigen Raum in seinem Inneren. Da musste man ja nicht extra ein Gefängnis bauen! Es reichte doch, ein Gitter vor diesen Eingang zu machen und den Baum danach als Gefängnis zu verwenden. Deshalb wurde es auch kein richtiges „Gruppenphoto“, weil nicht alle Mitglieder der großen Jeep Gruppe darin so untergebracht werden konnten, dass man auch von jedem das Gesicht hätte erkennen können. Das Photo habe ich nicht mehr, aber noch genau im Kopf, so um die sieben oder acht Personen konnte man im Eingang zum Baum dann erkennen. Der Rest der Truppe blieb im Halbdunkel des Baumes (in seinem Inneren) verborgen. Ja, auch 1992zig waren uns dort wohl einige Aborigines aufgefallen? Es waren aber sicher nicht viele? Als ich mit Larry an einem Platz etwas außerhalb des Städtchens ankam, waren jedenfalls gleich etliche vor Freude und Vergnügen strahlende Kinder um ihn herum. Und so als ob das die normalste Sache der Welt gewesen wäre, überschütteten mich diese Kleinen ebenfalls mit ihrer Freude, drückten sich an meine Beine und redeten (ohje, zum Teil auch in ihrer Sprache) auf mich ein. Ich blickte zu Larry und da dieser keine Anstalten machte, in die Knie zu gehen um den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, unterließ ich es ebenfalls. Auch wenn es ein „Herzgefühl“ war, ich unterließ es weil ich ja hier als Gast war und möglichst noch viele Dinge in mich aufnehmen wollte. Larry meinte, dass er was besorgen müsse und fragte, ob ich ein Problem damit hätte, hier kurz auf ihn zu warten. Hatte ich nicht und als er um die Ecke verschwand und damit aus meinen Blicken entschwunden war, ging ich doch in die Knie, weil die Kinder um mich herum geblieben waren und nicht dem „Onkel Larry“ hinterher liefen. So süße kleine Dinger und eines hatte glänzendere Augen als das andere. Sie fanden alles interessant, meine Haare (die ich damals sehr lang trug), den Jeep mit allem was darin war und so wie es vorwiegend die Buben in aller Welt tun, wetteiferten auch hier bald einige von ihnen darum, wer denn hinter dem Lenkrad auf dem Fahrersitz würde sitzen dürfen um so zu tun, als würde er das Auto selbst fahren. Zum Glück waren die Kinder – nachdem sie bemerkt hatten, dass ich auf ihre Sprache mit Unvermögen reagierte – auch der englischen Sprache mächtig. Ich habe kein Aborigine Kind mehr getroffen, das nicht in der Lage gewesen wäre, sich auf Englisch zu verständigen.

Als Larry nach wenigen Minuten zurück zum Wagen kam, trug er eine schwere Tasche aus Stoff. Er bemerkte, dass ich ja jetzt doch mitten unter den Kindern saß und lächelte darüber. Erst in diesem Moment fragte er mich, was ich den weiter vorhabe in den nächsten Tagen und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß, dass ich überhaupt keine Ahnung haben würde, was ich tun solle, aber darauf gehofft hätte, dass es für mich noch eine Möglichkeit geben würde, weiter an seiner Seite zu bleiben. Nun und daraufhin kam es zu dieser episch für mein weiteres Leben sich auswirkenden Frage von ihm: „Do you give me another lift?“ Er wollte wissen, ob ich ihm einen Gefallen tun würde und ihn ein weiteres Mal mitnehmen könnte. Klar, kein Problem, wohin er denn wolle? Er wollte zu einem Teil seiner Familie, die etwas außerhalb noch nach ziemlich traditioneller Art leben würde. Na das klang doch mal vielversprechend! Ich willigte ein. Als er seine Tasche in den Kofferraum des Jeeps stellte erwartete mich eine Überraschung: er hatte Dosenbier organisiert! Das, was für uns Europäer und für jede andere Kultur der Welt Normalität ist, war zu dieser Zeit in Australien für Aborigines noch eine Straftat. Vorgeblich zu ihrem eigenen Schutz hatte man den bereits Entmündigten den Zugang zu Alkohol jeder Art versperren wollen. Aber auch hier gab es zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille! Noch heute, auch wenn sich seit 1995zig einiges getan hat und versöhnliche Entwicklungen vorangetrieben wurden, übersehen noch immer geschätzte 90% der australischen weißen Einwohner alle die Aborigines betreffenden Themen. Sie müssen es tun, denn eine Lösung, die alle Erwartungen aller Bevölkerungsschichten zufrieden stellen würde, ist nicht ins Sicht! In den Städten bemerkte ich nicht nur bei manchen Mitgliedern meiner Reisegruppen sondern auch bei vielen Australiern/-innen, dass sie einfach wegschauten, wenn eine Gruppe der Ureinwohner irgendwo herumgammelte. Sie gehen vorbei, wenn die australische Polizei die Aborigines in Käfigwagen einsammelt und sie wechseln sogar die Straßenseite, um angetrunkenen Aborigines aus dem Weg zu gehen. Sicher sind diese angetrunkenen Ureinwohner dann oft laut oder versperren den Weg, es gibt aber niemals Aggressionen von ihnen gegenüber den Personen, die an ihnen vorbei gehen wollen. Es gab und gibt in Down-Under eine Reihe profilierter Bürger, die vorgeben, sich für die Ureinwohner einzusetzen. Aber diese profilierten Bürger/-innen wollen in Verkennung der Realität nur ihre eigenen Bemühungen sehen und fügen vielleicht noch weitere gute Beispiele an, aber sie sehen die eigentliche Ursache der gesamten Probleme nicht. Sie können sie – auf Australien bezogen – ja auch nicht erkennen, weil sie alle zusammen mitten drin leben in dieser modernen Welt, die ständiges Wachstum verspricht und sich immer weiter ausbreitet. Unter vier Augen gesprochen sind viele Nicht-Aborigine-Australier der Meinung, dass die Aborigines keine Sozialhilfe mehr bekommen sollten, sondern endlich arbeiten müssten. 1995zig galt auf jeden Fall noch strenges Verkaufsverbot von Alkohol an Ureinwohner. Die Verkäufer mussten mit drakonischen Strafen rechnen, wenn sie es doch taten. 1992zig, als wir mit unseren Jeeps im Westen unterwegs waren, wurde ich bei einem Stopp an einem Roadhouse einmal von zwei sich versteckt haltenden Aborigines darum gebeten, ihnen eine Palette Dosenbier zu kaufen. Sie steckten mir 100.- australische Dollar hin und sagten, dass ich den Rest würde behalten können (make it your´s). Das war natürlich ein Versuch der Bestechung, ich fragte aber trotzdem bei dem Wirt in dem Laden nach, auch weil ich mir nicht sicher war, wie weit dieses Verkaufsverbot ging. Der Wirt machte mir mehr als deutlich, dass es eine schwere Straftat sei, den Aborigines dabei zu helfen, sich alkoholische Getränke zu organisieren. Er legte uns noch ans Herz, auf keinen Fall irgendwo im Land diesen Bitten der Ureinwohner nachzukommen, da es diese Menschen vollkommen zerstören würde, wenn sie sich mit Alkohol berauschen würden. Und jetzt hatte Larry Alkohol erworben und die Palette zu mir ins Auto gestellt? Das war nicht ohne Risiko, denn bei einer Kontrolle durch die Polizei würde ich in erhebliche Erklärungsnot geraten! Er bemerkte meine Unsicherheit und versprach mir, dass wir lediglich auf einer staubigen Piste noch ein paar Kilometer weiter würden fahren müssen, bis wir eine Siedlung erreichen würden, in der viele seiner Verwandten leben würden. Auf meine Nachfrage hin weigerte er sich mir zu erzählen, wer ihm denn diesen Alkohol beschafft hatte! Es gab offensichtlich auch Wirte, die zum Zwecke der eigenen Bereicherung diese Gesetze umgingen? Warum auch nicht, die weißen Australier waren doch keine besseren Menschen als wir? Sie waren vielleicht ein Spur cooler oder gelassener, aber auch nur, wenn man nicht tiefer blickte und hinter die Kulissen sah. Das war immer sehr ernüchternd und zeigte schnell auf, dass der gesamte Wesenskern der Australier europäisch fühlte, handelte, dachte. Nur auf einem anderen Kontinent!

Das Dosenbier bin ich am Ende tatsächlich schnell wieder losgeworden. Ich hatte schon erwartet, dass wir wieder für Stunden unterwegs sein würden, aber nachdem wir einen kleinen Flughafen erreicht hatten und in die wüstenhaften Gebiete eingebogen waren, dauerte es nur noch gefühlte 10 Minuten auf einer kleiner werdenden, teils sandigen und teils steinigen Piste, bis wir diese kleine Siedlung erreichten. Und so eine Siedlung ist natürlich keinesfalls von dem Begriff „Siedlung“ abgedeckt, den wir in Europa uns davon machen. Ein paar auf Stelzen stehende Sonnendächer, teilweise mit Plastik und teilweise mit natürlichen Materialien abgedeckt. Dort waren auch wieder Kinder und jeder schien Larry zu kennen? Also doch keine Totem-Familie sondern eine genetische? Es waren nur drei weitere Personen, die sein Totem mit ihm teilten, die anderen waren tatsächlich über den zweiten Verwandtschaftsgrad des gemeinsamen Gen-Pools mit ihm verwandt. Außer den Kindern stellte aber keine der dort anwesenden Personen eine Art Kontakt mit mir her. Larry erklärte wohl, wer ich sei, weil er bei einem Gespräch mit Männern mehrfach auf mich deutete und die Köpfe dieser Männer dann kurz in meine Richtung wanderten, aber ich interpretierte das als eine Art Kontrollblick. Vielleicht „sahen“ sie mich bereits und ich hatte mal wieder kein Gespür dafür? Deshalb beschäftigte ich mich in solchen Situation immer gerne mit den Kindern, die mich ständig umgaben – zumindest wenn Aborigine-Kinder an den Plätzen an denen ich sein durfte, waren. Und diese Kinder rochen immer gut, sie waren auch mal dreckig oder liefen in zerschlissenen Kleidern herum, aber sie waren nicht betrunken und hatten sich auch nicht über ihre Kleider erbrochen oder sich mit ihren eigenen Exkrementen verschmutzt. Sie rochen und ich habe sehr gerne – wenn sie mir diese Nähe gestatteten – an ihren Köpfen gerochen, dort war dieser angenehme Kindergeruch am intensivsten. Und sie rochen nicht alle gleich gut, aber alle gut! Wobei ich auch sonst auf der Welt noch nie ein Kind „in die Finger bekam“, dass nicht gut roch! Reine Seelen eben. Und ich erfuhr erst in der Silvesternacht von 2000 auf 2001 in Sydney bei einer Taxifahrt zum Flughafen von einem noch deutlich die Spuren eines Aborigine in seinem Gesicht tragenden Fahrer, dass die Kinder bei ihnen die Testpersonen waren. Dass man überall dort, wo es noch eine Art funktionierender Aborigine Gemeinschaft gab und der Alkohol die Erwachsenen nicht vollständig zerstört hätte, die Kinder als Prüfer der unbekannten Personen einsetzte. Das ist ja auch ein vernünftiger Ansatz, auch wenn es in den entwickelten Kulturen viele Täuscher gibt, die die Erwartungshaltung der Kinder kennen und zufriedenstellen, ohne dass sie ein Herzgefühl für diese hätten. Ja, ich war dort im Prinzip permanent von Kindern umgeben. Vielleicht spürten sie, dass ich meine eigene Tochter vermisste?

Und was soll ich schreiben, die Kinder der Aborigines sind nicht automatisch im Stand eines weisen Individuums, dass sich sofort nach seiner Geburt in den komplizierten Systemen der Traumzeit-Pfade auskennt. Am Anfang haben sie zwar ein paar genetisch erworbene Vorteile im Vergleich zu anderen Völkern, sind aber noch immer ein leeres Buch, in das sinnvolle Inhalte und Wissen hineingegeben werden können. Aber durch den fortwährenden Verfall des Lebensmodells der Ureinwohner wird immer weniger von der eigenen Kultur in die Nachkommen hinein gegeben. Ihre Seiten werden nicht mehr beschriftet oder immer stärker von dem System, dass die Hoheitsgewalt in Australien übernommen hat. Es ist lediglich Augenwäscherei, wenn die Welt darüber jubelt, dass man den Ureinwohnern dort wieder Regionen zurück gegeben hat. Der einzige sichtbare Erfolg der Politik der Aussöhnung war in diesem Jahr 1995zig der, dass der Ayers Rock seither wieder offiziell Uluru genannt wurde. Am Status der unterprivilegierten Minderheit hatte sich dadurch nichts geändert. Mit der Besiedlung Australiens 1788 trafen einfach zwei nicht verträgliche Kulturkreise aufeinander. Dieses sich bemühen um Aussöhnung und die Rückübertragung von Gebieten an die Aborigines wirkt so ähnlich wie der von unseren Regierungen eingeforderte „starke Applaus von den Balkonen herab“ für die Mitarbeiter in den Gesundheitsbereichen, die zwar die Mehrbelastungen der aktuellen Corona-Krise mehrheitlich stemmen müssen, aber außer ein bisschen verstärktem Applaus absolut nichts erwarten sollten, schon gar keine höheren monetären Zuwendungen. Zwei absolut nicht verträgliche Kulturkreise eben. Da die kleinen Aborigines nun in einer sich weiter medialisierenden und materialisierenden Welt leben müssen, kommt der Input der eigenen Kultur auch dann mitunter nur tröpfchenweise in Ihnen an, wenn die Familienverbände noch gut funktionieren. Sie sind schlicht nun abgelenkt von der sie umgebenden Rausch-Welt des Konsums und des Erfolges. Sie jubeln den Elite-Sportlern zu und haben schon einige Personen (Sportler) hervorgebracht, die international bekannt wurden und auf diesem Weg das Interesse auch auf die Aborigines lenkten. Cathy Freeman war sicher die bekannteste Person aus ihren Reihen. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney entzündete sie das olympische Feuer und wurde Olympiasiegerin in einer Sprint-Disziplin. Die Weltöffentlichkeit war auf sie aufmerksam geworden und deshalb kannte man Cathy schon vor den Olympischen Wettbewerben. Cathy fühlte sich angeblich immer als Aborigine? So wird es in den von weißem Denken beherrschten Medien dargestellt. Unter den Aborigines sieht man es nicht ganz so! Dass sie selbstbewusst in der Öffentlichkeit mit ihrer Herkunft kokettierte, kann auch nur ein Werbegag gewesen sein. Vielleicht war sie am Ende froh, dass durch den Erfolg, den sie als Sportlerin hatte, die zahlreichen Probleme, mit denen auch die Kinder der australischen Ureinwohner zu kämpfen haben, vorüber waren? Aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert zu werden gehörte für die unbekannte Cathy Freeman zum Lebensalltag. Auf der Mädchenschule, für die sie wegen ihrer sportlichen Leistungen ein Stipendium bekam, war sie eines von drei schwarzen Mädchen unter 600 Schülerinnen. Als ihren persönlichen Helden nannte sie immer wieder Nelson Mandela, der sich für die Rechte der Schwarzen in Südafrika einsetzte. Sich für die Rechte von Schwarzen einzusetzen war für sie natürlich immer von Interesse? Es gab nun also in Australien die ersten Aborigines, die an der Umverteilung des Wohlstandes teilhaben durften, wenn sie die australische Fahne nur hoch und weit genug tragen konnten. Ein miserables Spiel und ich sah es immer als upgrade des Missbrauchs an den Ureinwohnern an, da nun die perfide Zersetzung der Ursprünglichkeit des Inneren der Ureinwohner Programm wurde. Missbrauch 2.0 sozusagen. Ein Erlebnis, dass in diese Richtung weist hatte ich bei einem Corroboree im tropischen Cooktown, welches natürlich für eine stetig steigende Zahl von Touristen gegeben wurde. Diese Tanzveranstaltungen dienen den Ureinwohnern zwar auch heute noch als sozialer Kitt und sie stellen untereinander eine verstärkte spirituelle Verbindung her, aber sie werden auch immer stärker als Verdienstquelle genutzt und an den Entwicklungen des Tourismus in Australien teilhaben zu können.

Ich habe dort viele gute Photos machen können, bei diesem Corroboree! Natürlich waren das überzeichnete Bilder. Warum? Weil die Aborigines, wenn sie ein touristisch motiviertes Corroboree abhalten, auch in voller Bemalung auftreten. Die zwei Tanzdarbietungen, die ich unter ihnen selbst, wenn sie nur für sich tanzten und sangen, erlebte, zeigten deutlich weniger Farbe oder Schmuck. Ein paar weiße Linien trugen sie dann, aber nicht mehr die volle Bemalung, die aber Teil ihrer Tradition ist. Kann man vielleicht vergleichen mit einer „Schuhplattler-Vorführung“ für japanische Touristen im Hofbräuhaus von München? Das habe ich nur einmal erlebt und brauchte das danach – zugegeben – nie wieder in meinem Leben. Aber auch die beiden deutschen Paare, die dort für die Touristen aus dem In- und Ausland tanzten, waren voll aufgemotzt, aber lustlos. Dieselben jungen deutschen Menschen hätten wohl aber auf einer traditionellen Veranstaltung mit ganz anderem Elan ihre Vorführungen gegeben? So ist es zumindest anzunehmen! Ich hatte den Aufenthalt bei den Aborigines rund um Larrys Familie zu diesem Zeitpunkt schon hinter mir und fragte einfach nach, ob ich noch eine Weile bei ihnen bleiben könnte. Diese Familie war ganz anders als die Gruppe ich zuvor kennengelernt hatte. In ihrem Camp hatten sie auch ein paar Speicher stehen und sie besaßen Wertgegenstände (in der Gemeinschaftshütte – sogar mit Wänden) stand sogar ein Fernseher. Lediglich wie sie im Alltag miteinander umgingen, war ähnlich. Und die jüngeren Mitglieder der Familie hatten großes Interesse an dem Kerl mit der Kamera und den großen Objektiven. Als ich am zweiten Tag ankündigte, kurz nach Cooktown zu fahren um Besorgungen zu machen, hüpften einfach drei der jüngeren Kerle – sie mögen zwischen 12 und 16 Jahren gewesen sein – zu mir ins Auto und fuhren mit. Es war eine lustige, wenn für mich persönlich auch ernüchternde Fahrt, da die Gesprächsinhalte dieser jungen Kerle komplett so waren wie das, über das sich Jungen in dieser Altersgruppe auch bei uns in Deutschland unterhalten würden. In Cooktwon trennten wir uns für eine Stunde und die Burschen stürmten davon, weil sie hier einige Bekannte hatten. Nachdem ich meine Besorgungen erledigt hatte und die angekündigte Stunde verstrichen war, erschienen die Aborigine-Buben auch ordnungsgemäß wieder am „alten“ Jeep. Während der Rückfahrt durch teilweise dichten Dschungel (wir waren ja im tropischen Norden des Landes) war die am Jeep angebrachte „Bull-Bar“, diese erhebliche Verstärkung des vorderen Fahrzeugbereiches, zum ersten und einzigen Mal während meiner Aufenthalte in diesem Land nützlich. Ich sah den Kopf des mächtigen Keilers einen Augenblick zu spät, erst als er aus dem Grün des Urwaldes hinaus zu stürmen begann. Es gab einen mächtigen Schlag und danach konnte ich spüren, wie sowohl das vordere als auch das hintere Rad über den Körper des Tieres holperten. Es war wohl sicher tot? Wir hielten an, aber der Keiler zuckte noch und gab teilweise sehr unschöne Laute von sich. Ich hatte gerade den Gedanken, dass ich dieses Tier nun von seinen Qualen würde erlösen müssen, als einer der Buben auch schon fragte, ob er mein großes Survival-Messer von mir haben könne. Es war mir lieber, wenn der Bursche das machte. Sicher kannte er sich da gut aus und hatte schon mehrfach seine Jagdbeute endgültig vom Leben zum Tode gebracht? Er konnte gut mit dem Messer umgehen und da keine Gegenwehr mehr von dem schwerverletzten Tier ausging, halfen die beiden anderen Buben dem ersten, indem sie die Schnauze des Keilers nach oben zogen, so dass der dritte mit einem tiefen Schnitt die Kehle des Tieres durchtrennen konnte. Wenige Sekunden später, wurde es ruhiger und nach einer Minute ganz ruhig. Und nun lagen dort geschätzte 150 Kilogramm Schweinefleisch auf dem Dschungelboden! Was sollten wir tun? Die Jungs waren sehr aufgeregt als sie mir übermittelten, dass wir dieses Tier doch in den Jeep laden und ins Camp ihrer Familie mitnehmen könnten! Es wäre doch nützlich, das Fleisch dieses Tieres zu essen, zumal es doch sowieso tot war.

Ich fand diesen Vorschlag gut und wir machten uns daran, alle Gegenstände die im hinteren Bereich des Jeeps lagen nach vorne zu räumen. Nachdem die Rückbank umgelegt worden war, gab es genug Platz, sogar für einen zweiten überfahrenen Keiler. Ich hatte das Gewicht des Tieres aber stark unterschätzt, denn wir mühten uns zu Viert, den leblosen Körpers des Schweines in den Gepäckraum des Jeeps zu wuchten. Die Buben waren dabei sehr motiviert und sprachen davon, wie stolz man im Camp auf sie sein würde, wenn wir diese fette Beute dort vorzeigen würden. So ein Keiler riecht auf jeden Fall nicht so gut wie ein Aborigine-Kind! Er stank sogar ziemlich bestialisch! Auf den noch zu absolvierenden 20 Kilometern bis zum Camp zurück breitete sich ein derartiger Gestank im inneren des Fahrzeugs aus, dass ich noch einen Monat später, bei der Rückgabe des Wagens in Sydney gefragt wurde, was „um Himmels Willen“ ich denn darin transportiert hätte. Als wir mit der Beute wieder im Camp vorgefahren kamen standen schon zwei der älteren Aborigines parat, so als ob sie gewusst hätten, mit was wir da kommen würden. Ich hatte das sogar erwartet, weil ich die nonverbale Kommunikation dieses Volkes über weite Strecken hinweg miterlebt hatte. Dann hatten wohl die Buben dem Stamm mitgeteilt, dass Beute im Anmarsch war? Noch bevor wir auf den Grund das eigentlichen Camps fuhren machten die beiden erwachsenen Männer deutlich, dass wir anhalten sollten. Ich tat wie mir befohlen und kaum dass der Jeep stand sprangen die Buben hinaus um von ihrer Heldentat zu berichten. Doch der ältere der beiden Männer schüttelte nur seinen Kopf und deutete immer wieder auf den Kofferraum meines Jeeps. Die Begeisterung der Buben ließ spürbar nach aber einer von ihnen – der Größte und war damit wohl auch der Älteste – intervenierte weiter. Er stellte sogar auf die englische Sprache um, wohl damit ich ihn verstehen und ihm zur Seite stehen würde mit meinen eigenen Argumenten, dass es doch gut und sinnvoll sei, ein frisch überfahrenes Tier auch zu verspeisen. Der zweite der Männer – der Jüngere – sah mich nur ganz kurz an und sagte „sick, sick“ (krank, krank). Ein dritter Mann kam hinzu, bei welchem es sich um den Vater des renitenten Buben handelte. In der folgenden Minute wurde ich zum zweiten Mal Zeuge, wie „Erziehungsarbeit“ bei ihnen ablief. Das erste Mal hatte ich das im Camp bei Larrys Familie erlebt und ihn nach dem Vorfall dazu befragt, deshalb wusste ich, dass es sich bei dem was dann folgte um eine Diszplierungsmaßnahme handelte. Und die nonverbale Kommunikation funktionierte offensichtlich auch hier, denn die anderen anwesenden Mitglieder des Camps hatten allesamt ihre Tätigkeiten unterbrochen und hatten sich so aufgestellt, dass sie den „renitenten Buben“ sehen konnten. Der Vater sagte noch kurz etwas in ihrer Sprache zu seinem Sohn und danach wurde es vollkommen still. Aborigines disziplinieren ihre Kinder auf eine vollkommen andere Art und Weise, als es in unseren Vorstellungswelten möglich erscheint. Alle Erwachsenen und damit Erziehungsberechtigten schauen für etwa eine Minute das Kind, welches sich in ihren Augen fehl verhalten hat, an. Sie blicken nicht grimmig, nicht traurig, nicht mit Liebe: sie blicken leer und vollkommen ohne Emotion und Ausdruck auf dieses Kind. Keine Schläge, kein Gebrüll keine Androhung von Maßnahmen. Sie blicken still. Wie Kinder des Paradieses. Das betroffene Kind blickt währenddessen von einem Erwachsenen zum nächsten, sucht den Augenkontakt. Es ist dann nicht mehr renitent, schreit nicht, weint nicht, stampft nicht mit dem Fuß auf. Es ist in solchen Momenten eine Kommunikation in Gang, eine Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Sie bilden eine emotionale Einheit, wie eine große Glocke und nehmen das zu erziehende Kind in ihre Mitte, werden eins mit ihm. Um auch hier nicht falsch verstanden zu werden: diese Einheit bekommen die Ureinwohner Australiens überall dort, wo sie sich im Schmerz ihre Seelen versoffen und ihre Körper zerstört haben, nicht mehr hin!

Noch heute lebt die Mehrheit der älteren Aborigines in einer eigenen Welt, in der Arbeitsdisziplin, Termintreue oder Pflicht zur Arbeit fehlen. Obwohl die Selbstlosigkeit bei der Erfüllung sozialer und religiöser Pflichten, die sich aus der komplexen Sozialstruktur und den Vorschriften seit der Traumzeit ergeben, ein wichtiger Bestandteil ihres Glaubensgefüges ist. Aber nur noch wenige können sich ihren Wunsch, das Leben in der Natur zu verbringen, erfüllen. Stundenlang verinnerlicht irgendwo zu sitzen und das alte Leben ungestört zu leben. Es gibt mittlerweile in breiten Kreisen bei ihnen starke Abhängigkeit vom Alkohol. Und weil es in den von Aborigines verwalteten Gebieten keinen Alkohol gibt, kommen viele Ureinwohner immer wieder in die Städte. Betrunkene, laut schreiende und keifende Aborigine-Frauen gehören in den Städten mittlerweile zum Alltagsbild. Wie sollten diese Entwurzelten ihre eigenen Kinder noch erziehen können? Gewalt gegen die eigenen Kinder wird dort, wo die Aborigines „entmenscht“ leben müssen, immer wieder zum Problem. Dabei könnten wir so viel von den Aborigines lernen. Die Begeisterung vieler Europäer für das Outback ist doch häufig nur Ausdruck, dass wir keine echte Beziehung mehr zur Natur haben. Ein gestörtes Verhältnis. Auch unser erster Australien Besuch im Rahmen der 1988er „Sixpack-Tour“ fällt darunter. Wir ahnten etwas von der eindrucksvollen Wirkung der Wüste, der Weite, der Einsamkeit, hatten aber im Prinzip damals alle auch ein gestörtes Verhältnis zur Natur. Ob wir als obsiegende Kulturimperialismus-Nationen zumindest den Versuch unternehmen können, wieder einen Einklang herzustellen, von den Ureinwohnern einen Teil ihres Wissens zu übernehmen, ist doch mehr als nur fraglich. Fast eine Unmöglichkeit würde ich meinen? Sippenordnung, Achtung und Anerkennung der Gesetze wären auch für unser Justizsystem (Richter und Anwälte im speziellen) eine überwältigende Weiterbildung, die ein menschliches Leben auf dem Planeten Erde wieder greifbar machen würde. Von den Vorfahren weitergegeben ist das Leben der Aborigines im Gleichgewicht mit einer Natur, die sie respektieren, deren Regeln sie akzeptieren und die sie niemals beherrschen wollen. Doch für die Beharrungskräfte in unseren Ländern, die in aller Regel von den Eliten des Establishment gesteuert werden, wird diese sichtbare Repräsentation einer ungezähmten und natürlichen Daseinsform lediglich als minderwertig verkauft. Zur Not als „unwertes Leben“. Dieser von mir zweimal „live“ erlebte Vorgang der Erziehungsarbeit vermittelte mir das Gefühl, dass wir alles vollkommen falsch gemacht haben, falsch machen und wohl leider auch falsch machen werden und das Kinder und Jugendliche in unseren Systemen auch weiterhin nach dem Prinzip des Zuckerbrotes und der Peitsche aufwachsen werden. Friss, oder stirb, auch du mein liebes Kind! Solange bis unser Nachwuchs gedrillt und optimiert seine Plätze in einer an Überheblichkeit und Blindheit nicht mehr zu überbietenden Daseinsform eingenommen hat. Nur mit viel Falsch- und Desinformation kann das weiße Australien darüber hinwegtäuschen, dass der neue, australische Weg der bessere, der richtige wäre.

Es ist leicht erklärt, warum die Aborigines in diesem Camp im Norden Queenslands diese Erziehungsmaßnahme anwendeten. Die beiden Erwachsenen hatten uns am Eingang zum Camp abgefangen, weil sie nicht wollten, dass wir mit einem kranken Tier auf den Boden der Familie vorfahren würden. Der älteste Junge hatte das nicht akzeptiert und darauf gedrängt, dass dieses Tier nun schnell verwendet werden sollte. Er war stolz, fast wie ein richtiger erwachsener Mann, nun Essen für seine Familie herbeigeschafft zu haben und sah nicht ein, dass ihm die Belobigung dafür nun vorenthalten werden sollte. Als die einminütige Erziehungsarbeit geendet hatte, war er vollkommen ruhig und ausgeglichen. Jeder Groll war gewichen und – was ich noch wichtiger empfand – kein Gefühl der Scham war in ihn eingezogen. Aber wie um Himmels Willen hatten die Alten erfahren, dass wir mit einem totgefahrenen Wildschein kommen würden? Ich wunderte mich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr darüber, da ich die persönliche Erfahrung gemacht hatte, dass ein Kommunikationsfluss, der von mir ausging, aber von mir selbst nicht bemerkt wurde, von meinem Gegenüber in vollem Umfang verstanden wurde. Bis ins kleinste Detail. Ich war mir deshalb sicher, dass der Keiler krank war, aber hatte wohl doch noch die neugierigen Blicke eines eine Frage stellenden Menschen in den Augen? Der Vater des Jungen berührte mich an der Schulter an sagte, dass ich kommen solle, er würde es mir zeigen. Während wir die Sau nun mit Leichtigkeit aus dem Wagen heben konnten (drei erwachsene Helfer haben letztlich doch mehr Körperkraft als drei Buben), kam einer der Pickup-Jeeps der Ureinwohner vorgefahren. Sie wollten den Körper des toten Tieres nicht mit meinem Wagen wegschaffen, weil es gleich „blutig“ werden würde. Der Älteste nahm ein Messer und schnitt das Tier an der Bauchseite auf, hob die obere Seite der Bauchdecke an und deutete auf die vielen schwarzen Geschwüre, die der Keiler in sich trug. Das Tier war vollständig mit Krebsgeschwüren durchseucht. Einer der Männer fragte mich, ob ich das nicht gerochen hätte, dass das Tier diese Krankheit hatte? Dass der Keiler stank war mir aufgefallen, aber daraus hätte ich niemals eine Krankheit abgeleitet. Einer der anwesenden Männer sagte zu mir, dass das Tier schon verwirrt an Sinnen war – bedingt durch die Krankheit – und dass es nur aus diesem Grund überhaupt zu diesem Unfall gekommen wäre. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits so weit offen, dass ich das alles akzeptierte. Ich wusste, dass diese Menschen über enorme Fähigkeiten verfügten die weit jenseits aller Vorstellungskraft unserer Denk- und Lebensweisen lag. Sie luden das tote Tier auf die Ladefläche des Pick-up Jeeps und fuhren davon. Sie haben es sicher entsorgt. Weit weg von dem Camp der Familie, denn sie kamen erst nach über einer Stunde wieder zurück. Der „renitente Knabe“ war mittlerweile wieder von der Bildfläche verschwunden. Wohl auch deshalb werte ich heute das kurze Gespräch mit dem (mir so erscheinenden) zweitältesten Mann aus dem Gespann, welches uns bei der Zufahrt zum Camp gestoppt hatte, als Beweis dafür, dass sich in der Kultur der Ureinwohner etwas zum sehr, sehr Schlechten hin verändert. Es war mir immer kaum möglich, aus den Gesichtszügen der Aborigines Emotionen heraus zu lesen. Lediglich wenn sie lächelten war mir klar, dass sie positive Empfindungen hatten. Als nun aber der „jüngere Ältere“ zu mir sprach – die Kenntnisse der englischen Sprache des noch älteren Mannes waren nur rudimentär – glaubte ich erstmals, eine Art Traurigkeit in seinem Gesicht lesen zu können? Er berichtete darüber, wie sehr sich die Gemeinschaft bemühen würde, die nächste Generation zu vollwertigen Ureinwohnern hin zu entwickeln. Aber der Einfluss der neuen Welt würde sie ablenken und dabei hemmen. Er sagte, dass die Älteren durchgesetzt hätten, dass die Jugend nur zu bestimmten Zeiten den Fernseher einschalten dürfe und dass sie, die Älteren, dieses Gerät auch gerne wieder abgeschafft hätten, aber dass dieses Ansinnen von der überwiegenden Mehrheit ihrer Familie abgelehnt wurde, da auch die, die im mittleren Alter waren, sehr gerne vor dem Fernseher saßen und so ihre Lieblingssendungen hatten. Die Jungs müssten in ihrem Alter schon viel reifer sein, als sie wären. Zu verspielt und zu abgelenkt wären sie und würden auch die traditionelle Erziehung nicht mehr annehmen. Viele Naturvölker „erklären“ ihrem Nachwuchs das Leben nicht. Sie bilden die kommenden Generation eher so aus, dass sie dem Nachwuchs gestatten, bei allen Tätigkeiten – je nach Alter – zuzuschauen und dabei zu sein. Sie leben das Leben so vor, wie es die Kinder dann weiterführen sollen. Abstrahierende Elemente sind in ihrer Erziehungsarbeit nicht enthalten. Aber seine Kinder (er meinte alle Kinder der Gemeinschaft) würden ganz andere Gedanken in ihren Köpfen tragen. Dass zum Beispiel gerade lebhaft darüber diskutiert werden würde, ob die Anschaffung dieser modischen Turnschuhe für den Sportunterricht unbedingt notwendig sei. Dass es solche Diskussionen überhaupt geben würde führte der Mann auf den stärker werdenden Einfluss von Außen zurück. Auf den toten Keiler bezogen? Die Männer hatten zwar eine „Meldung“ erhalten und wussten deshalb auch, dass sie uns abfangen mussten, aber die „Buben“ hatten keine Ahnung davon, dass sie kommunizierten! Er schaute mich eine Weile an und meinte dann, dass sie wären wie ich und die Möglichkeiten des Gebens und gleichzeitigen Verstehens nicht mehr würden anwenden können. Und genau das hätten sie in ihrem Lebensalter längst können müssen, die drei Buben.

Ich bin damals nur drei Tage in diesem Camp geblieben. Ich hatte kurz zuvor von einer Telefonzelle aus mit meiner Tochter in Deutschland gesprochen und wusste, spürte, ahnte, dass dem Kind die Zeit der Abwesenheit des Vaters mehr und mehr zu schaffen machte. In den folgenden drei Wochen fuhr ich deshalb ein wenig motivationslos durch den Osten des Landes und besuchte Plätze und Orte, die ich nie zuvor besucht und auch noch nie photographiert hatte. Zudem stand ich fortwährend im Spagat, weil mich die Erlebnisse im ersten Camp mit Larry und Nebo und den anderen Mitgliedern der Familie noch so stark bewegten. Sie bewegten mich stark und dennoch hatte ich zeitgleich einen Ruhepunkt in mir gefunden, einen Ruhepunkt der sich so weit in mir befand, dass der Alltag in Deutschland einige Jahre brauchte, bis er diesen Bonus wieder aufgefressen hatte. Aber nicht alles was in dieser Zeit zutage trat, verschwand auch wieder! Fundamente sind geblieben und sie treten oft dann zutage, wenn es außergewöhnliche Belastungen auszuhalten gilt. Beim Tod eines nahen Angehörigen zum Beispiel oder dann, wenn eine außer Rand und Band geratene Justiz einen an die Wand fährt und entweder zu disziplinieren oder – falls dies nicht gelingt – auszulöschen versucht. Ich bin in diesem Artikel also erst bei des „Pudels-Vor-Kern“ angekommen und der Versuch, die erlebte Tiefe schriftlich zu übermitteln, steht noch aus. Ich werde demzufolge noch weiter schreiben müssen. Aber der nächste Schritt führt vom „Pudels-Vor-Kern“ zum „Pudels-Kern“. Es ist nur nicht so einfach: alle Sinne sind angespannt und eine gewisse Erschöpfung macht sich breit. Aber wenigstens gibt Corona so die Möglichkeit, weiter an diesem Skript zu arbeiten, denn alles Mühen, Sinnen, Schreiben und Denken wäre nicht möglich, wenn es einen anstrengenden Arbeitsalltag zu bewältigen gäbe. Vielleicht das Grundproblem, warum wir uns nicht weiter entwickeln können in unserer „schönen, neuen Welt“?

Wird fortgesetzt

RR aus BN

28.11.2020

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3 Comments
  • Maria Gassner
    Posted at 19:01h, 28 November Antworten

    Gelesen, gestaunt, gefühlt.

  • Flory
    Posted at 17:07h, 29 November Antworten

    Deine offene Art auf jeden zuzugehen, hat Dir solche Erlebnisse ermöglicht, und Dir wurden Weisheiten für Dein ganzes Leben beschert!
    Ich kann es beim Lesen sehen, spüren und empfinden, aber nur teils von dem was Du erlebtest, und wiederum begleitete mich ein Gefühl aus meinem Erlebten, aus meiner Kindheit…

  • Dagmar
    Posted at 15:47h, 12 Dezember Antworten

    …auch mir fiel es sichtlich und emotional immer schwer, nach einer Reise aus Asien oder Mittelamerika – wo die Menschen nicht in einem so oberflächlichen Gehetze leben – mich wieder in den nötigen Alltag einzugewöhnen.
    Gerade jetzt erkennt man doch, welche Unsinnigkeiten Richtung “Weihnacht” und “Silvester” oder Winter-Skiurlaub herrschen. Viel zu viele Erwachsene verhalten sich wich trotzige Kinder, wenn man das Gewohnte nicht bekommt. Natürlich ist es für die Betreiber, Verkäufer, Fahrunternehmen und viele viele mehr eine höchst schwierige Lage, aber der Virus fordert seine Opfer….stattdessen sollten wir teilen und uns gegenseitig helfen soweit möglich…!
    Aber denkend an meine erfolgten Reisen z.B. gerade nach Indien, Tibet, aber auch Peru….bin ich seither nicht mehr wirklich in unserer Gesellschaft angekommen.
    Wir leben ja nicht bewußt, sondern häufen an, vergleichen uns und wollen noch mehr, das noch Neuere…..und erkennen dann, dass das nun neu Erworbene keineswegs “glücklich” macht, sondern eine noch größere Leere in uns bewirkt.
    Wobei man selbst nicht immer gefeit ist gegen diese materialistischen Versuchungen….und viele Arbeitsplätze verloren gehen treibt man das Verweigern auf die Spitze….so herrscht in mir doch ein gewisses unlösbares Dilemma…
    und was das Zerstören einer Person durch negative zerstörerische Mitmenschen angeht: auch mich wollte man zerstören….mir trotz guter Leistungen meinen Beruf und damit die Arbeitsstelle und meinen Verdienst wegnehmen – weil ich mich für meine Anvertrauten im Dienst einsetzte und sie lebenstüchtig machte
    im Gegensatz zu den meist unwilligen nur jammernden Arbeitskollegen die nie den Mut hatten zu widersprechen …
    der Kampf gegen meine Vorgesetzten dauerte Jahre und brachte mich wirklich an den Rand der Verzweiflung….
    erst eine lange Psychotherapie und Beendung meiner Berufstätigkeit stoppten diesen zerstörerischen Prozess in meiner Arbeitswelt – und ich brauchte Jahre bis ich nun persönlich zur Ruhe gefunden habe.
    Deshalb kann ich so gut mit dir fühlen…

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