Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 07

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 07

Die Schwätzer, die Schwurbler und der Diebstahl

Ladendiebe verursachen Milliardenschäden, Steuerhinterziehungen noch weitaus mehr. Alle sind mehr oder weniger Täter und Betroffene zugleich. Alle! Durch alle gesellschaftlichen Instanzen, Schichten und Familien hindurch. Das hat sich unsere abstrakte Welt, in der letztlich alles auf dem Geld, welches die Welt (weil es auch unsere Gehirne mehr oder weniger stark beherrscht) regiert, selbst eingebrockt und damit verdient. Der Teil der Menschen, der dagegen gefeit ist, sich einfach etwas zu stehlen und oft aus moralischen Gründen darauf verzichtet, von anderen etwas zu nehmen, ist verschwindend gering. Alle suchen nach dem „Bonus“, dem „Extra“, dem „Schnäppchen“ oder nach dem kostenlosen Hinzugewinn, durch Diebstahl zum Beispiel. Es ist natürlich ein Pfund, einen Artikel mit einer solchen These zu beginnen? Aber wie es in unserer mit monetären Sichtweisen reich ausgeschmückten Lebenswirklichkeit eben mal ist, wird ständig nur über das Strafmaß oder nötige Schutzmaßnahmen reflektiert und die psychischen Auswirkungen, die ein Diebstahl auf die Bestohlenen hat, nur selten thematisiert. Je nach Art und Ablauf des Diebstahls kann das Sicherheitsempfinden der Opfer erheblich beeinträchtigt werden. Der oder die Täter greifen in die Privatsphäre ein, was bei bei den Opfern enorme psychische Reaktionen auslösen kann. Zusätzlich zu dem materiellen Verlust leiden viele Geschädigte durch die gewaltsame Verletzung ihrer Intimsphäre an diversen Belastungsstörungen. Das können Angststörungen sein, oder Panikattacken, Schlafstörungen, Hyperaktivität, Schreckhaftigkeit, so wie starke Gefühlen von Ohnmacht, Scham und Wut. Diese Symptome als immer wiederkehrende Bilder zu erleben, kann bei längerem Andauern eine Posttraumatische Belastungsstörung verursachen. Der persönliche Leidensdruck kann im Nachhinein so stark werden, dass viele Bestohlene oder Beraubte die angebotenen Möglichkeiten der Psychotherapie nutzen müssen, um wieder auf die Beine zu kommen. Was hat das alles mit einem Artikel über Australien zu tun? Viel, sehr viel sogar! Wenn wir in Situationen stecken, die uns aus welchen Gründen auch immer, belasten oder in denen wir zur Höchstleistung auflaufen müssen, können wir in der Regel nicht auf das Geschehene reflektieren. Das kann eine Kriegs-Situation sein, ein Moment in dem man ausgeraubt wird oder auch ein simpler Diebstahl, bei dem uns Dinge weggenommen werden, die eine bestimmte Bedeutung für uns haben. Viele Menschen, die (nur als Beispiel, denn Kriege und Leid gibt es ja auch heute überall auf der Welt) den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben, mussten erst einmal verdrängen und stürzten sich mit unterschiedlichem Elan in ihre neuen Leben. Die Reflektion auf das damals Erlebte fand dann kaum noch statt. Aber mit steigendem Alter und der damit oft verbundenen Ruhe, weil der Lebensalltag mit Brot, Beruf und Familie weniger stressig wurde, begannen dann viele der Senioren/-innen auf ihre Erlebnisse zu reflektieren. Es gab bei meinen Reisen um die Welt naturgegeben auch Situationen, die unschön für mich waren! Bestohlen zu werden gehört dazu. Allerdings erlebte ich das nicht bei indigenen Völkern, aber zum Beispiel in Paris wurde ich einmal formvollendet bestohlen und verlor meine gesamte Barschaft. So formvollendet, dass ich geneigt war, den Hut vor den Dieben zu ziehen. Es war eine perfekte Performance. In Salamanca in Nordspanien wurde in der Nacht einmal der Reisebus aufgebrochen und besonders gründlich ausgeräumt, nicht einmal die Mikrophonanlage blieb mir! Aufbrüche des Reisegefährtes gab es oft, aber nie in einer solchen Gründlichkeit wie in Salamanca. Und in Barcelona wurde ich von einer Bande sogar einmal derart brutal ausgeraubt, dass ich zeitweise um mein Leben fürchtete. Wer sich bewegt, macht eben auch Fehler, kommt so auch mit dem Teil der Gesellschaft in Kontakt, den er so lieber nicht gehabt hätte. Aber diese Vorkommnisse sind allesamt Schnee von Gestern. Ein Diebstahl wird mich aber möglicherweise mein ganzes restliches Leben lang weiter verfolgen, weil er fatale Konsequenzen hatte. Und dieser passierte in Australien, in Sydney! 1992zig am vorletzten Tag der Reise.

Nun ist es nicht so, dass mich Belastungsstörungen wie Panikattacken, Schlafstörungen, Hyperaktivität, Ohnmacht oder und Wut noch heute deshalb plagen würden, aber in dem konkreten Fall sind Schlafstörungen wieder aktuell geworden! Ich habe sehr mit mir gekämpft, ob ich denn das Photo von meiner Tochter und mir im letzten Artikel einbringen soll, oder nicht! Ich hatte viele Jahre keine Kenntnis mehr davon, ob sie noch am Leben war. Wenn ich nicht belogen werde, ist das zumindest noch der Fall. Seit 10 Jahren aber hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie gesucht. Ihr Leben ist – wie das so vieler anderer Menschen – nicht gut verlaufen. Trotz des guten Beginns. Ich weiß, dass das auch etwas mit diesem „Diebstahl“ in Sydney zu tun hat, bin mit dieser Erkenntnis aber immer allein geblieben. Und so gibt es neben den vielen bewegend positiven Erlebnissen, die ich dort hatte, auch ein paar negative Momente. Nicht mit den Aborigines, aber mit dem Rest der dort lebenden Bevölkerung. Wir waren also damals zwei Tage vor dem Rückflug nach Deutschland in Sydney angekommen. Da wir daran gewöhnt waren, im Zelt zu übernachten, suchten wir uns einen Campingplatz am Rande der großen Stadt und fuhren mit dem Jeep in die „Blue Mountains“ oder ins Zentrum von Sydney. Meine damalige Partnerin war nicht nur naturverbunden, sondern hatte auch kulturelles Interesse. Sie wollte so gerne noch eine Veranstaltung im Opernhaus von Sydney besuchen. Einer Schwangeren – vor allen Dingen am Ende einer so langen gemeinsamen Reise – sollte man doch ihre Wünsche erfüllen? Als wir am Nachmittag in der Nähe des weltberühmten Sydney Opernhauses mit der Kamera unterwegs waren, fragten wir einfach beim dortigen Ticket-Shop nach, ob es noch Restkarten für die Aufführung geben würde. Es gab noch Karten. So erwarben wir zwei davon, setzten unseren Photo-Rundgang fort und begannen zu überlegen, wo wir die umfangreiche Kameraausrüstung verstecken sollten, damit diese uns nicht gestohlen werden würde. Zurück auf den Campingplatz wollten wir nicht fahren, denn eine Ausrüstung von diesem Wert in einem Zelt, welches man nicht verschließen konnte, zurückzulassen, erschien uns zu riskant. Wir gingen noch einmal zurück zum Opernhaus um zu erfragen, ob es möglich wäre, die insgesamt drei Taschen dort zu deponieren, während wir der Aufführung beiwohnten? Keine Chance, schon die eine große Phototasche, die ich mit mir führte, wurde als „viel zu groß“ abgelehnt und man verwies auf die rechtlichen Bedingungen, dass man die Verantwortung dafür nicht würde übernehmen wollen. Es ist natürlich schwierig zu vermitteln, welchen Wert eine solche Ausrüstung hatte. Ich war zu diesem Zeitpunkt aber als professioneller Photograph unterwegs und diese Kamera-Bodys, die vielen Objektive und das Zubehör hatten sehr viel Geld gekostet. Zwei Jahre zuvor hatte ich sogar meinen schnittigen Sportwagen verkauft, um die noch benötigten Dinge der Ausrüstung anzuschaffen. Wie in fast jedem „Geschäft“ galt es auch in meinem Fall, dass erst einmal kräftig investiert werden musste, um die „Geschäftsidee“ umzusetzen. Aber um dem Kind einen Namen zu geben: etwa 50.000.- D-Mark hatten wir in den letzten 2 Jahren in diese Ausrüstung investiert. Und diese gewaltige Vorinvestition war noch nicht ganz wieder „herein verdient“ worden!

Ich habe zwar immer ein gewisses prinzipielles Grundvertrauen in den Menschen gehabt, war aber sicher kein spinnerter Narr, so nach dem Motto, dass der Friede, die Freude und das Eierkuchengebäck sich schon durchsetzen würden. Ich musste einen sicheren Platz finden, sonst hätte ich meine damalige Partnerin allein in die Oper geschickt und selbst aufgepasst, dass mir nichts entwendet wird. Jemandem der in einem Fluss mit Krokodilen lieber seine Kamera rettet als sich selbst, sollte man attestieren können, dass er schon weiß was er tut, wenn es um die Sicherheit der gesamten Ausrüstung geht? Und ich dachte, dass ich wüsste, was ich tue! In der übernächsten Parallelstraße gab es eine Polizeistation. Dort fuhren wir etwa 45 Minuten vor dem Beginn der Aufführung vor um zu erfragen, ob wir die Ausrüstung direkt bei der Polizei deponieren könnten. Aber aus ähnlichen Gründen wie bei der Absage im Opernhaus erklärte man uns auch hier, dass es rechtlich leider nicht möglich sei, diesen Wunsch zu unterstützen. Nun, wer nicht fragt, der nicht gewinnt? Aber der australische Beamte machte einen guten Vorschlag: direkt vor dem Eingang zu seiner Dienststelle gab es einen Platz, der für die Einsatzfahrzeuge frei gehalten werden sollte. Von dem Raum aus, in dem der Polizeibeamte saß, konnte man dann das dort abgestellte Fahrzeug in höchstens 6 Metern Entfernung sehen. Zudem war der Platz hell erleuchtet. Wer sollte denn in dieser Situation, so nah bei den Hütern des Gesetzes, auf einem Platz, an dem normalerweise nur Streifenwagen abgestellt wurden, einen Diebstahl wagen? Ich hielt den Platz für sicher und freute mich nun ebenfalls darauf, die Veranstaltung in der Sydney Oper besuchen zu können. Wir verbargen alle Wertgegenstände zwischen den vorderen Sitzen und der Rückbank und deckten auch noch alles mit anderen Gegenständen oder unseren Schlafsäcken ab. Danach sah das – zu diesem Zeitpunkt stark verschmutzte – Fahrzeug aus wie eine Schrottkarre, wer sollte darin Werte vermuten? Ja, wer? Diese Frage stelle ich mir von Zeit zu Zeit bis heute! Wir bedankten uns noch einmal höflich bei dem Polizisten in der Dienstelle und zogen bei beginnender Dämmerung um die Ecke. Trotz des sicheren Gefühls, welches ich mir verordnet hatte, spürte ich auch etwas Unruhe. Ich schob es beiseite, was sollte denn schon passieren? Als wir auf unseren Plätzen in der Oper saßen, ging das mulmige Gefühl leider nicht weg. Ich konnte die künstlerischen Hervorbringungen unten auf der Bühne einfach nicht genießen. Dass eine Oper von Donizetti gegeben wurde, war mir schon bewusst, aber an die Inhalte kann ich mich nicht erinnern. Der zeitliche Ablauf war so, dass die Aufführung um 20:30 Uhr Ortszeit begann, nach etwas über einer Stunde – also gegen 21:35 Uhr, gab es eine zwanzigminütige Pause. Ich war noch immer unruhig, wollte aber meiner damaligen Partnerin, die diese Unruhe keinesfalls teilte und mir ständig übermittelte, dass ich auch mal Vertrauen haben solle ins Leben, keine Enttäuschung bereiten indem ich sie im zweiten Teil alleine ließ. Aber schon kurz nach dem Beginn des zweiten Aktes wurde die innere Anspannung so stark, dass ich sie bat, mit mir zu kommen, dass ich ein sehr, sehr schlechtes Gefühl habe bei der ganzen Sache. Sie wirkte enttäuscht, nicht unbedingt darüber, dass sie nun den Rest der Aufführung nicht würde sehen können, sondern eher darüber, dass ich offensichtlich kein Vertrauen haben würde, ins Leben! Um etwa 22:15 Uhr verließen wir deshalb das Opernhaus und gingen in flottem Tempo – welches von mir vorgegeben wurde – zum Fahrzeug zurück. Ich kann nicht genau beschreiben, warum ich in dem Moment, als wir um die Ecke in die Straße abbogen in der unser Jeep – noch immer im hellen Licht der Straßenlaterne direkt vor der Polizeistation geparkt – stand, kurz inne hielt und sich etwas sehr, sehr Negatives in mir auszubreiten begann. Das Fahrzeug war noch gute 100 Meter entfernt, aber ich hatte etwas wahrgenommen, optisch wahrgenommen, was mich dazu brachte, lieber keinen einzigen Schritt weiter zu gehen sondern lieber das Rad der Zeit um drei Stunden zurückgedreht hätte um den Abend nochmals neu zu beginnen!

Ich wusste, dass da etwas von großer Tragweite geschehen war: man hatte uns doch bestohlen. Meine damalige Lebensgefährtin teilte dieses Gefühl nicht und wir mussten noch etwa 80 Meter weiter gehen, bis auch sie erkannte, dass die hintere Tür auf der linken Seite einen winzig kleinen Spalt offen stand. Zwar gab es auf der anderen Seite des Fahrzeugs diese Laterne, die die Bügersteigseite so hell erleuchtete, dass dort niemand etwas gewagt hätte, aber die andere Seite des Fahrzeugs lag im Halbdunkel der Straße. Beim Näherkommen stellte sich deshalb für mich nur noch die Frage: wie viel war entwendet worden? Als wir die Tür öffneten wurde schnell klar, dass man uns vollumfänglich komplett ausgeräumt hatte. Alls drei Phototaschen waren unter den Decken hervorgeholt und fortgeschafft worden. Selbst die beiden großen Stative waren weg. Das mussten entweder Profis gewesen sein, oder sie konnten im Gefühl der Sicherheit, nicht entdeckt zu werden, unser Fahrzeug in aller Ruhe ausräumen. Ja, da waren sie, diese beschriebenen Gefühle der Belastungsstörungen wie Panik, Ohnmacht und Wut. Wut allerdings, nicht einmal auf die Täter bezogen, sondern auf mich selbst! Die ideell wertvollen Dinge, wie die Bilder, die wir als Paar an diesem Tag extra für unser noch zur Welt zu bringendes Kind gemacht hatten und die photographischen Arbeiten der letzten drei Tage waren noch in einer der gestohlenen Taschen. Diese Dinge waren damit für uns Geschichte, aber „materiell“ gesehen war vielleicht noch nicht alles verloren? Jemandem der in einem Fluss mit Krokodilen lieber seine Kamera rettet als sich selbst, sollte man ebenfalls attestieren können, dass er den Wert seiner Ausrüstung kennt und sie entsprechend absichert, gerade gegen Diebstahl! Natürlich hatte ich eine solche Versicherung abgeschlossen. Sie kostete damals ein Heidengeld! 10% des Anschaffungspreises musste man berappen, um auf der sicheren Seite zu sein. Das bedeutete, dass wir Jahr für Jahr die ungeheure Summe von 5.000.- D-Mark aufbringen mussten, nur um die vorhandene Ausrüstung abzusichern und im Schadenfall Ansprüche zu haben, diese ersetzt zu bekommen. Ein Streifenwagen fuhr an uns vorbei und bog in die Hofeinfahrt der Polizeistation ein. Nun würden wir wohl etwas Papierkram erledigen müssen? Mittlerweile war es kurz nach 22:35 Uhr. Am Schalter stand ein anderer Polizeibeamter, der aber wusste, dass das dort draußen der Jeep von zwei Touristen war. Der Kollege hatte ihm diese Information noch gegeben, als seine Schichtzeit endete und er an ihn übergab. Der „neue“ Polizist wollte es nicht glauben und erst als er kurz vor die Tür ging, um den Schaden zu inspizieren, wirkte er überzeugt. Und in einer von monetären Zwängen geführten Welt war seine erste Frage natürlich die, ob wir dagegen versichert seien und atmete sichtlich auf, dass wir das waren. Ein Diebstahl-Protokoll wurde aufgenommen und die Zeiten eingefügt, der Hergang beschrieben. Ich denke, dass jeder dieses Prozedere kennt? Die Art der geraubten Gegenstände zu beschreiben war für mich leicht und ich konnte – nach unserer Rückkehr nach Deutschland – auch eine Liste mit Gerätenummern, Anschaffungsbelegen und Photos der abhanden gekommenen Sachen nach Australien schicken, um den Beamten dort die Suche zu erleichtern. Nun ging es darum die Tatzeit einzugrenzen. Wir hatten das Fahrzeug gegen 20:00 Uhr dort zurückgelassen. Der den Schaden aufnehmende Beamte griff zu seinem Mikrophon und rief einen anderen Kollegen herbei. Der gab an, mit seinem Streifenwagen um 21:45 Uhr noch an dem Jeep vorbei gefahren zu sein und ihm wäre keine „offene Hintertür“ aufgefallen. Also wurde als möglicher Tatzeitpunkt zwischen 21:45 Uhr und 22:25 Uhr – als wir den Schaden entdeckt hatten – eingetragen. Es war alles sehr, sehr ärgerlich, aber im Prinzip war uns schon bewusst, dass es sich dabei lediglich um „materielle Werte“ handelte. Es war natürlich trotz der entstandenen Aufregung besser, als bei einem Raubüberfall ausgeplündert und verletzt oder gar getötet worden zu sein. Mit der Aussicht, etwas von dem erlittenen materiellen Schaden zurück zu bekommen, schafften wir es am Ende tatsächlich, mit einem Gefühl der Vorfreude auf Zuhause wieder in das Flugzeug zu steigen und die endgültige Heimreise anzutreten. Zuhause wären dann wohl noch einige Schriftwechsel mit der Versicherung nötig und dann wäre ja alles – bis auf den Verlust der Bilder der letzten drei Tage – wieder einigermaßen ausgeglichen!

Sicherlich hat jede/r in seinem Leben schon einmal in Eile oder unbedacht etwas unterschrieben? Einen Vertrag vielleicht? Gar einen Versicherungsvertrag? Als ich den teuren Vertrag gegen Diebstahl mit meiner Versicherung abschloss, war ich offensichtlich in zu großer Eile, um jeden Unterpunkt der anhängenden DIN-A4 Seiten gewissenhaft durchzulesen. Der Vertrag hatte nämlich eine sogenannte „Nacht-Klausel“ welche besagte, dass Schäden aller Art, die nach 22:00 Uhr eintreten, nicht versichert sind. Ich will kein prinzipielles „Versicherungs-Bashing“ betreiben, aber es gibt schon erkennbare Tendenzen, dass Versicherungen immer versuchen den bei ihnen versicherten Geschädigten klar zu machen, dass sie selbst den Fehler gemacht hätten und an allem selbst Schuld seien. Die Regulierung des Schadens wurde abgelehnt, es stand ein Totalverlust von 50.000.- D-Mark zu Buche! Die Nacht-Klausel hatte ich nicht bemerkt, mir die Zeit nicht genommen, den Vertrag gründlichst zu studieren. Und auch wenn der Diebstahl in der Zeit zwischen 21:45 Uhr und 22:00 Uhr hätte stattgefunden haben können, verwies die Versicherung im folgenden, vom mir angestrebten Prozess darauf, dass jegliche Haftung entfallen würde, wenn der Tatzeitraum in die Zeit der „Nacht-Klausel“ reichen würde. Schon das Vor-Verfahren wurde gerichtlich abgeschmettert. Das war ein harter Brocken, den es da zu schlucken galt! Es bedrohte quasi die Existenz unserer noch jungen Firma. In der ruhenden Rückbetrachtung des älteren Mannes, der ich heute bin, amüsiere ich mich mitunter über mich selbst, wenn ich sehe, mit welchem Elan und welcher Entschlusskraft ich in meinen jüngeren Jahren auf Probleme solcher Art reagierte. Ich war nie der, der den Kopf in den Sand steckte. Probleme jeder Art waren dafür da, sie anzunehmen, anzugehen und eine Lösung zu finden. Dabei habe ich mich wohl manches mal verhoben oder überanstrengt? Ich handelte im Urvertrauen auf meine Energie oft wie das Zugpferd Boxer aus George Orwells Roman „Die Farm der Tiere“. Jedes aufkommende Problem konnte doch sicher mit noch mehr Einsatz, noch mehr Kraft, noch mehr Willen und noch mehr Energie gelöst werden? Jede Zeit hat so ihre Wunder. In den folgenden zwei Jahren arbeitete ich wie ein Besessener um den entstandenen Schaden wieder auszugleichen. Ich legte keine Zweischicht-Tage ein, sondern es waren oft Dreischicht-Tage. Morgens war ich in München um die Werbemaßnahmen für die Präsentationen zu koordinieren, betreute am Mittag noch dieselben Maßnahmen in Frankfurt, sprang überall ein, wo es nötig wurde, gab am Abend eine Veranstaltung in Hannover und arbeitete oft die halbe Nacht durch, nur um finanziell so schnell wie möglich alles wieder auf den alten Stand zu bringen. Ich war zu stolz, um fremde Hilfe anzunehmen, ich hatte diesen Fehler gemacht und war bereit, bis zum Äußersten, dem maximal Machbaren zu gehen, um ihn zur Absicherung (wenn es auch nur eine gefühlte Absicherung war) meiner Familie möglichst schnell wieder auszugleichen. In diesen zwei Jahren passierte das, was in Millionen anderen Beziehungen auch passiert, was deshalb hier nicht als „besonders schicksalhaft“ beschrieben werden soll: die Beziehung zur Mutter der gemeinsamen Tochter verschlechterte sich. Verschlechterte sich so sehr, dass es langfristig zur Trennung führte. Jeder Beteiligte – außer dem unschuldigen Kind – hatte daran seinen Anteil aber: wäre es so gekommen, wenn wir in Australien, vor der hell erleuchteten Polizeistation nicht so derart bestohlen worden wären? So, sicher nicht, vielleicht „anders“, aber nicht SO.

Diesen Vorgang habe ich nur deshalb so detailliert beschrieben, weil ich aufzeigen wollte, dass in Australien nicht nur alles „eitel Sonnenschein“ ist und das es für mich auch einige negative Erlebnisse gab, die ich nicht vorenthalten möchte. Der finanzielle Schaden von damals hat sich in der nächsten Saison tatsächlich wieder ausgeglichen! Der Erfolg der Präsentation mit dem Thema „Australien“ war so unfassbar groß, dass ich teilweise mehr als 1.000 Zuschauer/-innen zu den Vorträgen begrüßen durfte. Da lässt es sich leicht errechnen, dass schnell wieder eine Neu-Anschaffung der verloren gegangenen „Dinge“ möglich war. Aber dadurch gingen andere Dinge verloren, die wesentlich wichtiger gewesen wären. Aber so ist wohl jeder Mensch zu einer gewissen Zeit seines Daseins? Manche vielleicht für immer? Es wird viel darüber geredet, dass der Sinn des Lebens zum Beispiel darin besteht, ein wertvoller Mensch und nicht unbedingt ein erfolgreicher Mensch zu sein. Dass wir den materiellen Dingen einen zu hohen Wert attestieren und dadurch falsch taxieren, dass der Wert den materielle Güter für uns haben, viel niedriger liegt als der Wert, den echte Beziehungen und Freundschaften zur eigenen Spezies mit sich bringen. Manche leben nach dieser Erkenntnis, andere, die gerne über dieses Thema „schwätzen und schwurbeln“, suchen nur wieder den eigenen Vorteil um ihren Status zu halten. Das ist leider die überwiegende Mehrheit der „Kultur-Menschen“. Erzähl den Leuten das, was sie hören wollen, damit du von ihnen bekommst, was du von ihnen willst. Es wird dabei vergessen, dass nur ein Freund dich in Frage stellt. Aber dieses „in Frage stellen“ muss geschickt formuliert und vorbereitet daher kommen, sonst ist jede Chance dahin, das Gegenüber zu erreichen. Eine schwierige Aufgabe – zum Beispiel in der Politik! Alles gehabte und liebgewonnene in Frage zu stellen muss wohl in näherer Zukunft sein, damit es besser wird. Erfreulicherweise verschwinden negative Erinnerungen oft aus der Erinnerung. Vielleicht wurden sie auch nur verdrängt? Ich hatte diesen „Diebstahl“ und seine Konsequenzen schlicht nicht mehr in meinem Erinnerungsspeicher, erst nachdem ich gründlich die Frage wälzte, ob ich das Bild mit der Tochter veröffentlichen soll, kam die Erinnerung auch daran wieder zurück. Sicher hat es daran gelegen, dass der Schaden ausgeglichen werden konnte? Ich weiß noch, dass es mich jedes Mal mit Stolz erfüllte, wenn ich einen der gestohlenen Gegenstände erneut erwerben und auch bezahlen konnte. In meinem jugendlichen Eifer dachte ich dann immer, dass mir solche Schicksalsschläge nichts würden anhaben können, dass ich die Möglichkeiten hätte, sie zu überwinden und ungeschehen zu machen. Dabei verdrängte ich aber, dass ich durch die enorme Belastung meines Körpers in dieser Zeit auch durchaus bemerkte, dass ich gerade dabei war, den letzten Rest meiner Jugend auf der Straße zu lassen. Der Moment, als ich in Düsseldorf auf der dortigen „Kö“ (Königsallee) nach über 80 Stunden ohne Schlaf die dort für viel Geld in Auftrag gegebene Außenwerbung kontrollierte, konnte ich einmal meine Hände nicht mehr heben um ein Werbeplakat, dass sich abgelöst hatte, erneut zu befestigen. Aber ich hatte nach kurzer Pause ja noch die Zeit, auf mein eigenes, inneres „Pferd Boxer“ zurückzugreifen. Noch mehr Wille, noch mehr Kraft, noch mehr Einsatz – es würde schon gehen? Es ging, aber eben auch nicht.

Die Schwätzer

Es liegt in der Natur der Dinge, dass wir nicht weise und vollkommen auf die Welt kommen. Wir sind als kleine Kinder wundervolle Gefäße, in die man etwas hineingeben kann. Oder leere Bücher, die beschriftet werden sollen. Je nachdem in welcher Lebenswirklichkeit man seinen Start ins Leben hat und von welchen äußeren Umständen man geprägt wird, gerät man mitunter auch in einen Sog der Entwicklung, den man erst einmal nicht mehr los wird. Intellektuelle Unterhaltungen sind ja nicht einmal in den Kreisen derer, die vorgeben die Hüter der Kultur und des Wissens zu sein, Tagesgeschäft. Aber in den Kreisen, in denen ich zum Beispiel groß wurde, waren die Dummschwätzer zum übergroßen Teil täglich erlebte Wirklichkeit. Es gab ein paar Ausnahmen, aber der mainstream meines Umfeldes konnte kaum Kommunikation, es ging immer nur um dumme Sprüche, krumme Witze und dämliches Gelaber. Ich empfand das so und konnte mich trotzdem nicht wehren. Vergleichbar war das mit dem tosenden Orkan berauschter Zuschauer/-innen in einem gut besuchten Fußballstadion, wenn man dort auf der Tribüne stand und keinen direkten Sinn oder Nutzen in der Tätigkeit der Spieler erkannte und gerne einmal mit jemandem darüber gesprochen hätte. Mit jemandem aus dem Stadion! Das ist sicher keine Unmöglichkeit, aber unendlich schwer zu realisieren. Deshalb suchte ich mir auch entsprechende Freunde, die mir – dem Ansatz nach – geeigneter erschienen, um aus diesem „Schwätzer-Dilemma“ heraus zu kommen. Ich denke nicht dass man es so formulieren kann, dass unwissende Menschen immer viel reden würden, aber kluge Menschen meistens ziemlich ruhig sind. Das scheitert schon an der Definition von „unwissend“ und „klug“. Man redet mitunter schon dummes Zeug, wenn man viel redet, zum Glück aber nicht immer! Es ist da mitunter gut, wenn man seinen Platz (beruflich und privat) und seine Perspektive einmal wechselt in seinem Leben. Auch darin können Probleme liegen, die man erst einmal nicht erkennt! Ich für meinen Teil war sehr froh, als ich mir die Kinderschuhe im Tourismus angezogen habe und dort, wo dies geschah, auf Leute traf, die mit „offensichtlicher Kompetenz“ ihren Job machten und andere über alle Maßen begeistern konnten. Aber wenn dem Menschen die Erfahrung fehlt, kann er nicht unbedingt unterscheiden, ob er einen selbstverliebten „Schwurbler“ vor sich hat, oder einen kompetenten Menschen, der schlicht weiß, über was er spricht! Die oftmals vorgetäuschten Kompetenzen von Personen kommen mitunter nie ans Licht! Für mich persönlich war es zu dieser Zeit schon weitaus mehr als befriedigend, in einen Raum eingetreten zu sein, in dem nicht nur in dummen Sprüchen kommuniziert wurde. Ich suchte meinen Platz in der Gesellschaft und passte mich an. Was konnte falsch daran sein, etwas zu imitieren, dass doch offensichtlich gut genug dafür war, einem (als Beispiel) Kultur- und Geschichtsverein, in dessen Reihen sich etliche Mitglieder der sogenannten „Gesellschaftlichen Elite“ der Stadt befanden, zur vollsten Zufriedenheit eine einwöchige Reise durch die Toskana zu unterbreiten? Später, mit gewachsener Eigenkompetenz, habe ich mich davon nicht mehr beeinflussen lassen. Auch ein Grund, warum ich in der „Vorlesung“ in der VHS so deutlich intervenierte, als aus dem Lügen-Buch „Der Traumfänger“ angebliche Weisheiten von der Leiterin der Institution vorgelesen wurden. Um weiterzukommen ist es wiederum gut, den Platz erneut zu wechseln. Das „Halbwissen“, dass so mancher Reiseleiter in Kompetenz transformiert, indem er mit Zahlen (die oft zu 50% falsch waren) um sich wirft und ununterbrochen über angebliche Fakten berichtet, kann für ihn selbst durchaus zu einem positiven Ergebnis führen, wenn die anwesenden Personen nicht kritisch genug auf das Gesagte reflektieren. Aber wenn man im Bereich des kritischen oder investigativen Journalismus arbeitet und die Ergebnisse seiner Recherchen im Prinzip des „Halbwissens“ veröffentlichen möchte, wird das heftigen Widerstand auslösen. So war es zumindest noch vor 30 Jahren – aber auch da hat sich die Welt verändert!

Die Flagge der Völker der Aborigines

Auf welch traurigem Acker sich Tourismus entwickelt haben könnte, erfuhr ich am eindrucksvollsten kurz nach der Wende, als ich von einem damaligen Auftraggeber damit betraut wurde, in den neuen Bundesländern Aufbauhilfe zu leisten und Unternehmen, die sich in diesem Bereich selbständig machen wollten, beratend zur Seite zu stehen. In Dresden gab es eine sehr umtriebige und gebildete Dame mittleren Alters, die über die nötigen Kontakte in der dortigen Kulturszene verfügte (ja auch in der DDR waren Kontakte nicht unwichtig) und die sich gerne als Reisebüro neu aufgestellt hätte. Als Agentur für Touristen und Gruppen war sie schon seit einem Jahr sehr erfolgreich und schnürte Komplett-Pakete für Erlebnis- und auch Kulturreisen in die Region, die stetig steigenden Zuspruch aus dem In- und Ausland fanden. Verheiratet war die Dame mit einem ganz normalen Mann, der Zeit seines Lebens in der damaligen DDR den Beruf des Schlossers ausgeübt hatte. Er war von schlichtem Gemüt, hatte aber den starken Drang, an der Seite seiner Ehefrau ins Licht der Aufmerksamkeit zu treten. Die beiden hatten zu dieser Zeit, als wir viel Kontakt hatten, bereits in einen schönen „Laden“ (ein modern ausgestattetes Büro) in der Dresdner Innenstadt investiert und hatten so auch das Interesse der Dresdner Bürgerschaft auf sich gezogen. Immer mehr Menschen kamen dorthin, um sich über die Möglichkeiten einer Auslandsreise zu informieren. Da es meine Aufgabe war, zu beraten, und ich zudem über die Kenntnisse verfügte, wie es denn dort, in diesem „Ausland“ war, hatte ich bereits einige Male in Anwesenheit des ehemaligen Schlossers (der es jetzt vorzog in einem feinen Anzug durchs Leben zu schreiten) interessierten Menschen die Welt da draußen erklärt und Reisemöglichkeiten beschrieben. An einem der Tage dort war ich im Hinterzimmer mit der Dame des Hauses in ein Gespräch bei Kaffee und Kuchen vertieft. Wir bemerkten, dass jemand zur Tür herein kam, wollten aber warten, ob der in den vorderen Geschäftsräumen anwesende ehemalige Schlosser uns rufen würde, wenn es denn an der Zeit wäre. Er rief uns nicht, also war der Besuch wohl nicht wichtig? Aber wir konnten hören, dass er zu sprechen begonnen hatte und seine wesentlich kompetentere Ehefrau bat mich, mal nach dem Rechten zu sehen da sie glaube, dass ihr Mann da gerade ein Verkaufsgespräch begonnen hätte und sie nicht wisse, ob das so gut sei. Tatsächlich hatte der Mann – der offensichtlich doch über Intelligenz verfügte – ein Ehepaar mit erwachsenem Sohn in ein Beratungsgespräch verwickelt. Er verwendete dabei meine Worte, die er sich wohl gemerkt hatte als er meinen Beratungsgesprächen beiwohnte, frei Schnauze und vollkommen ohne Kontextbezug zu der Frage, die ihm gestellt wurde. Das Ehepaar hatte sich nach den Möglichkeiten einer Reise nach Paris erkundigt. Doch der ehemalige Schlosser verwendete Begriffe aus einer Beratung über eine Italien-Rundreise, welches ich am Tag zuvor mit einem anderen Ehepaar geführt hatte. Er schwurbelte über die Möglichkeit, dass man nicht unbedingt über die Brenner-Autobahn fahren müsse, sondern dass es wesentlich ergiebiger wäre, etwas mehr Zeit zu investieren und die alte Brenner-Straße zu benutzen! Aha? Nach Paris? Er selbst war noch nie im Ausland gewesen, hatte meines Erachtens noch nicht einmal sein heimatliches Sachsen verlassen, machte nun aber dieses Ehepaar glauben, dass er über die nötige Kompetenz verfügen würde, um sie zu beraten.

Er schwätzte und schwurbelte sich in einen regelrechten Rausch und seine Zuhörer/-innen schienen sich (in geballter Unwissenheit und völlig ohne eigene Kompetenz in dieser Sache) ebenfalls an seinen Worten zu berauschen. Ich war in meiner beobachtenden Position derart begeistert (auch amüsiert) über seine Worthülsen und offensichtlich fachgerechten Beschreibungen, dass ich mich weigerte einzuschreiten, als seine Ehefrau mich leicht anstieß und darum bat, die Sache zu beenden weil der Ehemann doch gar nicht wissen würde, was er da sprechen täte! Natürlich wusste er das nicht, aber das merkte doch in dieser Situation keiner! Vielleicht habe ich mich 1992zig bei der Ankunft unserer Reisegruppe auf dem Flughafen in Darwin auch deshalb verpflichtet gefühlt, dem jungen Mann aus Sachsen mit seinem Fahrrad beratend zur Seite zu stehen? Vielleicht hatte er seine „Beratung“ in genau diesem Reisebüro von genau diesem schwurbelnden ehemaligen Schlosser erhalten? Es gab keinen Widerspruch von Seiten des beratenen Ehepaares, nicht einmal als er Italiens Vulkane und ihre Eigenarten beschrieb. Sollte dieses Ehepaar danach sofort aufgebrochen sein, werden sie noch heute in den Regionen um Reims nach den Alpen suchen. Und um Missverständnissen vorzubeugen: heute hat sich die Beratungskompetenz in den neuen Ländern durchaus angeglichen. Mittlerweile verfügen viele Menschen in den neuen Bundesländern über neue Erfahrungen und waren selbst intensiv in der Welt unterwegs. Was aber dieser Vorfall für mich bestätigte: wir werden auf allen Ebenen des Lebens oft von Schein-Kompetenzen in die Irre geleitet. Und das gilt auch für alle gesellschaftlichen Schichtungen. Bei den Aborigines habe ich niemals einen Schwätzer, einen Schwurbler oder einen Dieb getroffen. Vielleicht liegt es daran, dass sie ihre eigene Gesellschaftsform gefunden haben und keine Scheinkompetenzen entwickeln mussten um ihre Plätze in der Gemeinschaft einzunehmen um andere zu täuschen? Ich verweise in solchen Fällen gerne einmal auf die Strukturen des Gesellschaft bei den Primaten. Dabei muss man ja nicht unbedingt immer nur auf die großen Namen wie Jane Goodall oder Dian Fossey zurückgreifen. Frans de Waal oder Christophe Boesch haben ebenfalls viele hochinteressante Veröffentlichungen herausgebracht, die uns einen Aufschluss über unseren Platz auf der Welt und über unser Verhalten in ihr geben können. Viele der Schlussfolgerungen, die die Primatenforscher/-innen in zum Teil Jahrzehnte andauernden Beobachtungen gefunden haben, gehen in eine Richtung, die mich persönlich sehr interessiert. Dass der Mensch die Sprache nicht zum Zwecke der Kommunikation sondern zum Zwecke der Täuschung entwickelt hat, war unumstößliche Meinung meines verstorbenen Vaters. In den Gesellschaften der Affen wurde bei längerfristigen Beobachtungen festgestellt, dass diese Affen-Familien auch die Laute, mit denen sie sich verständigen, erweitern und neue „Laute“ hinzukommen wie bei uns neue „Worte“. Viele Menschen wittern, dass etliche der neuen Worte in unseren Sprachen nur als Beschwichtigungsinstrumente eingeführt wurden. Bei den Affen sind über 70% der neuen Laute Täuschungslaute. Der Affe lernt seine Familienmitglieder lieber zur eigenen Vorteilsnahme besser zu täuschen als besser im allgemeinen zu kommunizieren. Wenn der Zusammenhang zwischen den Primaten und uns wirklich allgemein anerkannt wird, erkennen wir in Zukunft vielleicht auch, dass es die Schwätzer und die Schwurbler schon immer gegeben hat. Sie wohnen tief in unseren Genen.

Was ist denn eigentlich dran an dem Spruch, dass wir nur hören, was wir hören wollen? Betrifft das im selben Maße auch das Lesen? Die meisten Menschen leben mit ihren festen Überzeugungen, die sie sich in der Welt ihres Paralleluniversums geschaffen haben. Und die ebenfalls überwiegende Mehrheit neigt deshalb dazu, zu glauben, dass ihre Meinungen argumentativ sehr gut begründet und absolut gültig wären. Auch wenn kaum jemand weiß, warum er so denkt, wie er denkt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass aufgrund dieser Tatsache die Vernunft ausgeschaltet wird. Deshalb sagt man auch, dass wir nur hören, was wir hören wollen. Das ist sicher auf unsere selektive Aufmerksamkeit und deren Funktionsweise zurückzuführen. Sich nur auf bestimmte Aspekte zu konzentrieren und die anderen außer Acht zu lassen, vereinfacht offensichtlich das eigene Dasein. Das gilt insbesondere dann, wenn es um Meinungen und Glaubenssätze geht. Es mag auf der einen Seite logisch erscheinen, so zu handeln, weil es unmöglich ist, alles um uns herum zu analysieren. Auf der anderen Seite jedoch kann dieses Vorgehen zu einer Verzerrung führen, die uns daran hindert, die Realität angemessen wahrzunehmen. Die Informationen, die wir durch unsere reduzierte Art aufmerksam zu sein, erhalten, müssen nicht immer gültig oder relevant sein. Wir versuchen eher, nur den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die unsere Überzeugungen oder Meinungen bestätigen. Deshalb hören wir am Ende nur das, was wir hören wollen. Und lesen wir am Ende auch nur das, was wir lesen wollen? Diese Frage stelle ich mir, seit auf diese veröffentlichte Australien-Serie schon einige Reaktionen und Fragen eingegangen sind. Der überwiegende Teil der Fragen bezog sich auf die außerkörperlichen Erlebnisse, so als ob nur deshalb gelesen werden würde um am Ende vielleicht eine Option zu erkennen, die die Angst vor dem Tod nimmt und die Chancen, unsterblich zu sein, zumindest in der eigenen Vorstellungswelt, wachsen lässt. Doch diese Option wird nicht entstehen, auch deshalb habe ich den Abschnitt über die Schwurbler und Schwätzer mit einfließen lassen. Fürchte dich nicht vor dem Tod, denn dadurch verhinderst Du nicht dein sterben, aber du behinderst dein ganzes Leben! Wenn man heute, in unserer modernen Welt, in der die Weisheit des Internet immer mehr als gegeben akzeptiert wird, gewisse Begriffe durch die Suchmaschine schickt, sind die Ergebnisse oft extrem vereinfacht oder auf die Erkenntnisse der Wissenschaft oder der Medizin zurecht geschnitten. Ich hatte etwas Bedenken, über die Veränderung meines Wesens zu schreiben, die schon zaghaft mit den ersten Berührungen mit den Aborigines begann, sich aber stürmisch fortsetzte, als ich den Kontakt zu ihnen im Rahmen der 1995iger Reise extrem vertiefte. Ich war durch diese neuen Erfahrungen und Erkenntnisse derart verändert worden, dass mein Wesen nicht mehr dasselbe war. Danach konnte ich nie wieder vollständig der Mensch sein, der sein Leben in unserer Gesellschaft begonnen, seinen Platz in dieser Gesellschaft gesucht (und einige davon gefunden und ausprobiert hatte) und eingenommen hatte und der die Begründung seiner eigenen Existenz ausschließlich aus dem Kanon der Werte bezog, die ich mir angeeignet hatte. Die Jahre danach wurden zu einem fortwährenden Spagat und blieben es im Prinzip bis heute. Und da ich gerade vor dem folgenden Abschnitt etwas Bedenken hatte, wollte ich in den unendlich scheinenden Weiten des Internet einmal nachforschen, ob schon andere Personen, die ähnliche Entwicklungen durchlaufen haben, im Internet etwas darüber veröffentlicht hätten. Ich wollte das Gefühl loswerden, allein zu sein. Aber? Pustekuchen! Wer im Internet etwas über „Wesensveränderungen“ erfahren will, kann ellenlange Bericht über medizinisch bedingte Krankheitsbilder zu lesen bekommen. Es gilt also offensichtlich als „Krankheit“ oder „Störfaktor“ wenn jemand den Prozess einer Veränderung seines Wesens durchschreitet? Artikel mit beratendem Charakter für die „leidenden Angehörigen“ der Personen, die eine Wesensveränderung „erlitten“ haben, waren auch dabei. Die Veränderung des Wesens soll wohl – so wird es suggeriert – als Krankheit aufgefasst werden?

Ich selbst habe diese Entwicklung ja noch nicht abgeschlossen, werde sie vielleicht zu Lebzeiten niemals abschließen können. Ich hatte – soweit ich mich erinnere – seit ich denken kann ein intensives Gefühl für die Dichtung. Nicht dass ich von Kindesbeinen an bereits den Wert guter Dichtung erkannt hätte! Nein, aber die Erinnerung an einen Onkel, den ich menschlich überhaupt nicht mochte, der an einem Geburtstag meiner Mutter in unserer Wohnung zu Gast war und der recht geschliffen und mit lauter Stimme die „Kraniche des Ibykus“ für meine Mutter rezitierte, berührten mich – trotz meines zarten Alters von nicht einmal fünf Jahren – so intensiv, dass ich ihn das einzige Mal in meinem Leben „lieb hatte“ und – nachdem er seinen Vortrag beendete – auf seinen Schoß kletterte um seine Nähe zu fühlen. Schon als er unsere Wohnung wieder verließ, mochte ich ihn nicht mehr „so gerne“ und das blieb auch so bis zu seinem Tod. Es ist sehr wichtig für unsere Existenzen, dass wir solche Vorkommnisse in früher Kindheit oder Jugend bewahren, so wir uns daran erinnern können. Wie hoch wird den wohl der Anteil der Menschen sein, die exakt so in der Betrachtung ihres Wirkens dargestellt werden, wie sie wirklich waren, nachdem sie das Zeitliche gesegnet hatten? „The winner takes it all“ – der Gewinner nimmt sich alles, auch die Deutungshoheit über Personen, die nicht mehr unter uns sind. Ich hatte immer eine starke Verbindung zu Conrad Ferdinand Meyer´s Gedichten. Natürlich haben wir in der Schule auch noch Gedichte erlernen müssen. Ist das heute noch immer so? Wir mussten Gedichte pauken, auswendig lernen, aufsagen (möglichst gut) und hatten die Freiheit, jeglichen Inhalt des Werkes wieder zu vergessen, nachdem der Lehrer die Benotung des Vortrages in sein Büchlein eingetragen hatte. Wie hätte auch nur eine/r von uns Schülern die Kraft und die Bedeutung der erlernten Strophen verstehen sollen, nachdem die Werke nach „Schulplan“ abgehandelt worden waren? Es fehlte uns doch jegliche Lebenserfahrung. So rinnen die Zeilen wieder aus dem Gedächtnis und der Lernfaktor pendelt sich bei null ein. Mein absolutes Lieblingsgedicht von Conrad Ferdinand Meyer will ich hier rezitieren (wenn auch nur schriftlich). Es hat mich auch deshalb sehr bewegt, weil ich kurz nach meiner wichtigsten Reise nach Australien in Ermangelung von finanziellen Mitteln zwei ausgedehnte Rundreisen durch Mittelitalien leitete und beide Touren den Schwerpunkt Toskana hatten. Es waren aber keine „billich-willich“ Touren, sondern ausgereifte Kultur- und Studienreisen die eine intensive Berührung mit der Renaissance zum Inhalt hatten. Auch mit den beiden großen Namen, die auch wirklich Großes leisteten. Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci und auch mit der Geschichte der Familie de’ Medici, über die ich in meinen besten Zeiten stundenlang referieren konnte. Und sowohl Michelangelo als auch einer der besonders sensiblen und feinfühligen Vertreter der Familie de’ Medici kamen in Conrad Ferdinand Meyers Gedicht vor: Julianus (italienisch Giuliano)

In einem Winkel seiner Werkstatt las Buonarotti, da es dämmerte. Allmählich vor dem Blicke schwand die Schrift, da schlich sich Julianus ein, der Träumer, der einzige der heitern Medici, der Schwermut kannte. Dieser glaubte sich allein. Er setzte sich und in der Hand barg er das Kinn und hielt gesenkt das Haupt. So saß er schweigend bei den Marmorbildern, die durch das Dunkel leise schimmerten, und kam mit ihnen murmelnd ins Gespräch, geheim belauscht von Michelangelo:

Feigheit ist es nicht und stammt von Feigheit nicht, wenn einer seinem Erdenlos misstraut, sich sehnend nach dem letzten Atemzug, denn auch ein Glücklicher weiß nicht, was kommt und völlig unerträglich werden kann – leidlose Steine, wie beneid ich euch!

Er ging und aus dem Leben schwand er dann fast unbemerkt. Nach einem Zeitverlauf bestellten sie bei Michelangelo das Grabbild ihm und brachten emsig her, was noch in Schilderein vorhanden war von schwachen Spuren seines Angesichts. So waren seine Züge, sagten sie. Der Meister schob es mit der Hand zurück: „Nehmt weg! Ich sehe, wie er sitzt und sinnt und kenne seine Seele. Das genügt.“

Speziell der Satz „Feigheit ist es nicht und stammt von Feigheit nicht“ hat mich stets begleitet und zum Nachdenken inspiriert. So sehr, dass ich diesem Satz später einen Ehrenplatz in meinem künstlerischen Schaffen zuwies: in meinem nach meiner Ansicht wichtigsten Theaterstück, meinem „selbst-gefühlten“ Lebenswerk, zementierte ich ihn an erste Stelle der „Ein Leben – Drei Perspektiven“. Mit dem ersten Lichtstrahl fällt dieser Satz. Und er verfehlt seine Wirkung selten. So könnte ich nun also abschweifen und den Wert und die Schönheit unser Kultur besingen! Es fiele mir leicht, denn diese wunderbaren Dinge, die unser Denken in Form, Wort oder Bild hervorgebracht hat ist ja ebenfalls etwas, was den wahren Menschen ausmacht. Nur darf er dadurch nicht ableiten, dass er berechtigt wäre, Kulturimperialist zu sein, denn all diese wundervollen Dinge sind nur für „unsere Kultur“ wichtig und dominant. Tand ist das Gebilde von Menschenhand! Nur in unseren Kulturen sind diese Dinge anerkannt und schützenswert und weisen auch auf den Platz, der dem Menschen zugedacht ist. Aber es setzt sich neben all der Territorialität und dem Streben nach „mehr“ in einer Gesellschaft nicht gut genug durch, um dem Großen und Ganzen Bewegen eine vernünftigere Richtung zuzuweisen. In Zeiten wie diesen, in denen ein kleines Virus den Gesellschaften zu schaffen macht, erkennen auch die Kunst, der Geist, der Tiefgang, wie unwichtig und irrelevant sie blitzgeschwind werden können. Den Aborigines sagt unsere Form der Dichtung nichts, weshalb sie keine primitive Lebensform sind! Jede Kultur und jeder Mensch hat exakt denselben Wert. „So waren seine Züge“, lässt Conrad Ferdinand Meyer diejenigen sagen, die das Grabmal bei Michelangelo bestellen. So also, waren seine Züge? Es ist kein Problem, dass die Deutungshoheit über das Leben eines Menschen bei den Nachfahren liegt. So sollte es sein, auch unabhängig davon, ob die Person in ihrer Gesellschaft eine hochrangige Position erklommen hat, oder nicht. Nur leider gehören in unserer modernen und immer aggressiver werdenden Welt, die Verleumdung, die Hysterie und das falsche Zeugnis ablegen zum Tagesgeschäft. Es wäre fatal für einen „Nach-Denker“ zu wissen, dass nach seiner Zeit seine Gedanken von einem mächtigen Vorteilsuchenden zu dessen Gunsten verdreht oder als „Schwachsinn“ verteufelt werden würden. So war es bisher eigentlich immer. The winner takes it all! Und da die mir so vertrauten Ureinwohner Australiens zu den Verlierern gehörten und ihre gesamte Lebensweisheit „in die Tonne gekloppt“ wurde, sind der Menschheit enorm wichtige Bezüge zu der Welt, auf der sie leben, verloren gegangen. Das ist der Nachteil einer aggressiven, territorialen und expandierenden Gewinner-Kultur. Sie schafft eine Welt nach ihren Vorstellungen, legitimiert alles Tun auf Basis der gewollt, gefühlten Überlegenheit und schlittert dadurch möglicherweise in die ultimative Katastrophe. Das ist zumindest eine immer realer werdende Möglichkeit.

Als ich 1995zig die neue Gruppe am Frankfurter Flughafen kennenlernte, war mir im Prinzip sofort klar, dass ich hier auf Menschen getroffen war, bei denen jede Einlassung zu den Aborigines ihre Wirkung verfehlen würde. Die Gruppe kannte sich aus ihrem Vereinsleben, alle hatten bereits australische Hüte auf dem Kopf und man hatte sich wohl im Vorfeld von einem Insider beraten lassen, was typische australische Kleidung sei und was nicht? Die Damen und Herren trugen die Kleidung so, als ob sie auf dem fernen Kontinent zuhause wären. Auf den Koffern klebten Embleme von Emus und Kängurus und die volle Palette der australisch-weißen Klischeehaftigkeit sprang mir entgegen. Einige der Männer hatten „Walzing Mathilda“ angestimmt und die pure Vorfreude auf das, was sie erwartete, war überall zu spüren. Die einzige Person aus der Gruppe, die jemals einen Fuß auf australischen Boden gesetzt hatte, war der Vorsitzende des Vereins, der beruflich gelegentlich für seinen Arbeitgeber um die Welt flog und zumindest die beiden Metropolen Sydney und Melbourne dabei kennengelernt hatte. Ja, einen Tagesausflug in die „Blauen Berge“ hatte er ebenfalls unternommen. Aber das Land hätte ihn so fasziniert, dass er in den letzten drei Jahren die Mitglieder seines Vereins motiviert hätte, einmal eine gemeinsame Reise ans andere Ende der Welt zu machen. Ich fragte ihn nicht, ob er wisse, dass es dort auch das Volk der Aborigines gab, wozu auch, die Mitglieder der in rauschhafter Vorfreude befindlichen Gruppe würden es schon bemerken, falls sie es nicht am Ende schon wussten. Mit dieser Gruppe bin ich zum einzigen Mal in meinem Leben direkt bis nach Sydney geflogen! 19 Stunden Flugmarathon. Diese Variante haben die Airlines meines Erachtens wieder eingestellt? Es waren zwei komplette Crews an Bord, die auf halber Strecke wechselten. Ich hatte noch Glück, da ich als verantwortlicher Reiseleiter der englischen Sprache gut mächtig war und zudem noch jung und kräftig genug erschien um den Anschein zu erwecken, dass ich im Notfall in der Lage wäre zu helfen. Ich erhielt demnach einen Platz am Notausgang und konnte so während des brutal langen Fluges wenigstens meine Beine ausstrecken. Die anderen Geschöpfe in der Economy-Class waren eingezwängt in ihren Sitzen dazu verdammt, sicher immer wieder aus diesen Behältnissen zu befreien um durch das Flugzeug zu spazieren, damit es nicht zu einer Mangeldurchblutung des Körpers kommen würde. Es war auf jeden Fall allein durch die Länge der brutalste Aufenthalt in einem Flugzeug, dem ich mich jemals ausgesetzt habe.

Ich habe mich nur damals, eingezwängt in diesem artifiziellen Käfig, gefragt, welchen Sinn es denn gehabt haben könnte, die Fluggäste auf ein derart gesteigertes Flugrisiko-Niveau zu heben. Es wird den Mitgliedern der modernen Leistungsgesellschaften ja prinzipiell suggeriert, dass Mitglieder der Gesellschaften immer lediglich abschätzen müssten, wie effektiv Maßnahmen sind, mit der wir einer Herausforderung begegnen. Dabei sind wir wenigstens in der Lage, alternative Strategien abzuwägen. Es geht aber dabei immer nur um die Abwägung der direkten und indirekten Kosten die solcherlei Maßnahmen verursachen. Eine prinzipielles Überdenken unseres Lebensstils ist nicht vorgesehen! Auch im Moment, in dem wir uns in der Abwägungsphase der Corona-Maßnahmen befinden, wird das nibelungentreue Festhalten an unserem Lebensmodell wieder deutlich. Es gibt keine verlässlichen Daten über die Effektivität verschiedener Strategien zur Infektionsbekämpfung und auch keine Maßstäbe, welcher Aufwand gerechtfertigt wäre für die Rettung einer bestimmten Zahl von Menschenleben. Aber implizit sind solche Abwägungen immer im Spiel und man wartet händeringend auf mehr Klarheit um das Ergebnis dieser Abwägungen als allgemein gültig verständlich machen zu können und in gesetzlich geregelt Formen gießen zu können. Wenn es in jedem kleinen Ort Deutschlands einen Rettungshubschrauber gäbe, könnten einige Patienten mehr mit einem Herzinfarkt gerettet werden. Wir machen das aber nicht, weil diese Lösung viel zu teuer wäre. Solche Abwägungen werden aber in der Regel nicht ausdrücklich thematisiert. Es könnte die Ruhe stören. Kalkulation, Maximierung, Optimierung sind die einzigen tragenden Säulen, die Systeme wie unsere auf die Beine bekommen. Immer flankiert vom „weiter so“. So gab es bei dieser Reise keinen Stopp zur kurzfristigen Erholung in Singapore oder Hong Kong oder Manila. Es wurde durchgeflogen, bis nach Sydney. Die Erwartungshaltung der Gruppe war deshalb leicht abzuleiten: sie wollten schnell nach Australien um dort so viel wie möglich zu sehen. So ein Wechsel der Zeitzonen ist ohnehin riskant, zumindest für die innere Uhr! Ich hatte auf einigen Reisen, die über mehrere Zeitzonen führten, teilweise Totalausfälle dabei weil sich die betroffenen Menschen partout nicht umstellen konnten. Die ersten zwei oder drei Tage einer solchen Tour waren dann oft – aus der Perspektive der Notleidenden – zum wegwerfen. Auch die 95er Gruppe hatte einen großen Gedächtnisschwund zu beklagen, als während der unmittelbar nach der Ankunft in Sydney erfolgenden Stadtbesichtigung mit einer einheimischen, deutschsprachigen Stadtführerin, über die Hälfte der Insassen des Busses in einer Art komatösem Tiefschlaf lagen und bei Photopausen das Fahrzeug nicht einmal mehr verlassen konnten. Aber auch wenn man es „vernünftiger“ angeht und für eine bessere Akklimatisierung zum Beispiel eine Zwischenübernachtung in irgendeiner interessanten asiatischen Stadt macht, kann es zu solchen Ausfallerscheinungen kommen. Wer dieses Gefühl der totalen Schlappheit im Körper und an Sinnen nicht kennt, wird behaupten, dass es eine Einbildung wäre und dass man sich viel einreden könne.

Manchmal durchpflügt das Gefühl, jeden Moment einschlafen zu müssen und überhaupt nicht mehr aus diesem Zustand herauszukommen, die gesamte Reise! Unvergessen der Zustand einer langjährigen sehr guten Bekannten, die in Neuseeland einfach nicht mehr auf die Beine kam und am Ende, bei einem echten landschaftlichen Höhepunkt dieser Reise, dem Besuch des Doubtful-Sound, die Fahrt durch die unfassbar beeindruckenden Regionen fast komplett verschlief. Man konnte sie rütteln und schütteln, laut ansprechen und zwicken: nichts half, nach kurzem Wachzustand dauerte es nur wenige Sekunden, bis sie wieder eingeschlafen war. Wir tun uns das an, weil wir nicht genug geerdet sind um zu verstehen, dass uns diese Art des Reisens auch belastet. Reisen sollte auch weiterhin – wenn auch auf einem stark veränderten Format – möglich sein, denn es ist mehr oder weniger die Suche nach einer besseren Welt. Vielleicht wäre auch hier ein Blick auf die Lebenswelt und Lebensart der australischen Ureinwohner von Vorteil? Sie hatten nie Interesse an der Art des Reisens, wie unsere dominanten und den Ton angebenden Kulturen das tun. Da sie extrem verbunden waren mit der Erde auf der sie leben, hatten die Vorstellungen des Verreisens bei ihnen maximal den eigenen Kontinent im Blick. Aber auch immer nur in Verbindung mit der Veränderung ihres Lebensraumes, wenn es nötig war, ihre Traumzeitpfade anzupassen und die Erde so weiter bestmöglich zu verstehen. Die 1995er Reise war am Ende weit davon entfernt, etwas von der Kultur der Ureinwohner in die Gruppe zu spülen. Von Sydney aus ging es mit einheimischem Fahrer und wechselnden Reiseführern über Canberra nach Melbourne. Speziell in dem artifiziell wirkenden Canberra, wo die Australier sich mit entschlossener Gewalt eine Hauptstadt mitten in die Natur gebaut haben, wurden sogar zwei Nächte eingeplant, da der Verein dort Kontakte zu einem Partnerverein hatte. Die verschiedenen Festivitäten, die für die Besucher aus Deutschland arrangiert waren, machten das nötig. Die „kulturell bedingte Basissicherheit“ eben. Ich wurde zwar als permanenter Reiseleiter dazu eingeladen und habe auf diesem Weg auch gerne Kontakte zu ein paar weißen Australiern geknüpft, aber das Highlight für mich war die entstandene Option, einmal in der Hauptstadt des Landes ausgiebig allein mit der Kamera unterwegs zu sein um bei Tag und bei Nacht, die Impressionen dort einzufangen. Es war schließlich meine erste Gruppenreise mit Bus und Gruppe und die beinhaltete auch zum ersten Mal die Unterbringung in teilweise sehr guten Hotels inkl. Halbpension. Bis auf diese eine Nacht, in einem Oberklasse Hotel in Darwin bei der 92er Jeep-Tour hatte ich noch nie zuvor auf australischem Boden in einem Hotel übernachtet. Und wenn ich auch diesen Komfort bei Reisen auf europäischem Boden sehr schätzte, blieb in Down Under doch immer auch die Sehnsucht nach dem Jeep, dem Zelt, der direkten Natur. Man muss Vergleiche anstellen können, wenn man eine Aussage treffen möchte. Aber dieser Vergleich mit einem anderen Land, in dem ich ebenfalls mit Zelt, Jeep oder Wohnmobil unterwegs war und erst danach eine Tour mit „Hotels“ machte, fehlte mir zu diesem Zeitpunkt noch. Heute aber kann ich sagen, dass mir meine erste Neuseeland-Reise mit Busgruppe und Hotelkomfort wesentlich besser gefiel, als diese Reise durch Australien. Heute erst kann ich beurteilen, woran das lag: es waren die bereits entstandenen Kontakte mit den Aborigines, die eine gewisse Sehnsucht zur Schlichtheit angelegt hatten. Aber ich steckte eben mal in dieser jetzt gegebenen Reise-Situation und nahm die komfortablen Dinge, wie sie kamen.

Nur bei einer geführten Visite im Nationalmuseum von Australien, welches natürlich in der Hauptstadt liegen muss, hatte diese Gruppe Berührungen mit der Kultur der Ureinwohner. Es war sogar ein jüngerer Aborigine anwesend, der die Gruppe begleitete. Er war es, der den Besuchern einige der dort ausgestellten Kunstwerke seines Volkes erklärte und er spielte am Ende des dreistündigen Besuches auch auf einem Didgeridoo für die Gäste. Noch nie zuvor hatte ich einen Aborigine in einer solchen Position erlebt. Ich suchte auch das Gespräch mit ihm, fand aber keinen Zugang. Authentisch wirkte er damals auf mich nicht, auch wenn ich mir aus der Begegnung weitere Infos versprach und entsprechend offen war. Ich denke dass er lediglich eine Art „at Display Ureinwohner“ war? Einer, der vorgezeigt wurde um zu verdeutlichen, dass man diese Kultur ernst nahm. Es ist nur für diejenigen, die eine Beziehung zur Natur haben, leicht zu verstehen was ich meine, wenn ich von der „atmenden Kraft“ der Natur spreche? Wer in Regionen kommt, in denen der Mensch die Herrschaft über die Natur noch nicht übernommen hat, Gebiete, in denen Ölpipelines, Industrieanlagen oder vom Menschen besiedelter Raum noch vollständig fehlen, kann die eindrucksvolle Wirkung der Natur förmlich erspüren. Sie atmet, lebt und drängt mit zum Teil ungeheurer Wucht in die Wahrnehmung. Dieses Charisma haben Kulturlandschaften niemals. Teils sind sie schön anzuschauen (wie die artifizielle Toskana) oder sie beeindrucken wenn man sich vergegenwärtigt, dass der „kleine Mensch“ dort so große „Dinge“ geschaffen hat, aber sie berühren unser Innerstes, unsere Seele, nicht. Niemals. So ähnlich verhielt es sich auch mit meinen Gefühlen, wenn ich in Australien Kontakt mit Ureinwohnern hatte. Die, die in normalen Berufen gelandet waren und das neue System, dass sie an den Rand der Auslöschung gebracht hatte, annahmen, um nun ihre Plätze in der neuen, gewaltsam ins Land gebrachten Lebenswirklichkeit einzunehmen, hatten diese „atmende Kraft“ nicht mehr. Sie hatten sicher noch einen Teil ihrer Instinkte, aber ihre Aura war ihnen verlorengegangen. So wie der in einem anderen Artikel beschriebene Busfahrer „Peter“, der zwar noch in der Lage war, den kleinen Dornteufel zu erspähen, ansonsten aber eher „einer von uns“ war, als ein waschechter Aborigine, auch wenn er so aussah. Wer diese Fähigkeiten zur Wahrnehmung der echten Natur nicht hat, wird sich weiterhin an das vorgegebene Modell der „Wirtschaftlichkeit“ und des „Nutzens“ halten und schlicht behaupten, dass es etwas anderes nicht gibt. Ich war immer wieder sehr berührt, wenn ich Menschen begleitete oder traf, die aus „unseren“, die Wertehoheit über alle Dinge des Lebens beanspruchenden Lebenswirklichkeiten kamen und dann – oft spontan und auch für diese Personen vollkommen unerwartet – von der atmenden Wirklichkeit der Natur regelrecht niedergestreckt wurden. Weinend, zitternd zum Teil. Diese Menschen kamen aus allen Teilen der mir bekannten westlichen Welt und zeigten mir auf, dass diese Gruppe gar keine echte „Randgruppe“ mehr ist! Die Sehnsucht nach Erkenntnis öffnet möglicherweise immer mehr Menschen für die Botschaft, die unser Planet aussendet. Das macht Hoffnung auf Verbesserung der Gesamtsituation. Aber wir sollten uns beeilen! Naturlandschaften werden durch die brutalen Vergewaltigungen der Menschheit der Moderne immer seltener. Wer soll dann noch etwas finden, dass ihm diese Erkenntnis vermitteln könnte, wenn es diese Dinge überhaupt nicht mehr gibt? Dann erst hat das „systemische“ auf diesem Planeten für alle Zeit gewonnen. Zumindest für die Zeit, in der die Menschheit dann noch existiert.

Zurück zur Gruppenreise 1995zig. Ich war zu dieser Zeit selbst sehr angespannt. Der gesamte von mir geplante Aufenthalt dort kann durchaus als Flucht bezeichnet werden. Keine planlose oder getriebene Flucht aus Verzweiflung, aber die Umstände zuhause hatten an mir genagt, ich fühlte mich überfordert. Die sich in Auflösezustand befindliche Lebensbeziehung, der wirtschaftliche Druck und die Sorge um meine damals noch sehr junge Tochter führten dazu, dass ich auch während der Reise mitunter in tiefe Nachdenklichkeit oder auch Trauer verfiel. Dabei kam es mir zugute, dass diese Gruppe viele Dinge selbst organisiert hatte und im Prinzip nur einen kundigen Begleiter benötigte. Allzu viel „arbeiten“ musste ich nicht. Ich stellte mir aber oft die Frage, ob ich der Tatsache gewachsen sein würde, diese Gruppe nach 24 Tagen am Flughafen von Sydney abzugeben und danach drei Monate allein – zum ersten Mal allein – durch das Land zu reisen. Es gab wirklich viel „vor-organisierten“ Input auf dieser Tour. Von Melbourne aus nutzten wir einen Inlandsflug nach Perth, wo einer der männlichen Mitreisenden eine Dependance seiner Firma hatte. Er war im deutschen Teil dieser Firma ein höherrangiger Mitarbeiter und deshalb hatte die Die Deutsch-Australische Industrie- und Handelskammer – von der ich nicht einmal wusste, dass sie existierte – auch einen Teil des Besuchsprogramms mitgestaltet. Ja, so ähnlich wie der Besuch der Goldmine in Kalgoorlie kann es so verbucht werden, dass es „durchaus einmal interessant war“ eine australische Firma zu besuchen. Ich war nicht unwillig, zumindest noch offen, empfand aber schon etwas Mitleid für die Gruppen-Mitglieder, weil es dann doch so etwas ähnliches war wie verplemperte Zeit. Natürlich hatte die Gruppe auch Vortreffen gehabt. Das ist ja auch sinnvoll, um das geplante gemeinsame Erleben zu koordinieren. Bei diesen Vortreffen – an denen ich nicht teilnahm, ich bekam die Gruppe fix und fertig am Frankfurter Flughafen serviert, wurde auch der Reiseplan erstellt. Von Perth aus flogen wir ins Rote Zentrum nach Alice Springs um im Anschluss die „Klassiker-Tour“ mit den weltberühmten Felsen dort zu machen. Hierbei hätte es in der Gruppe absolute Übereinstimmung gegeben, da sich alle einig gewesen wären, dass es sich dabei um ein „must have seen“ Ziel handeln würde. Drei Tage und zwei Nächte verbrachten wir dort. Halt, doch noch eine dritte Nacht in Alice Springs, weil die Flugverbindungen am nächsten Tag so kompliziert waren. Damals!! Auf den tropischen Norden wollte die Gruppe verzichten. So war es entschieden worden, weil einige aus dem Verein bei Vorgesprächen das schwierige Klima als Hinderungsgrund nannten. Also kein Aufenthalt in Darwin, keiner im Kakadu Nationalpark und die ebenfalls tropischen Regionen rund um Cairns mit dem Great Barrier Reef wurden aus demselben Grund ausgespart. Stattdessen quartierte sich die Gruppe in einem Hotel an der Gold Coast ein. Die Gold Coast in Australien kann durchaus mit den wertvollen Kulturstätten wie Rimini oder Lloret de Mar in Europa verglichen werden! Es gehörte zum Urlaubsverständnis offensichtlich dazu, auch einen Teil Badeurlaub einfließen zu lassen? Die Gold Coast liegt an der Südostküste von Queensland, ca. 70 km südlich von Brisbane. Die Region wird sogar als „Stadt“ verstanden! Sie hat sich im Laufe von 50 Jahren aus einer losen Ansammlung kleinerer Orte zur mittlerweile zweitgrößten Stadt Queenslands entwickelt. Heute sollen dort knapp 600.000 Einwohnern leben? Insgesamt ist sie Australiens sechstgrößte Stadt und soll gleichzeitig die für Touristen die attraktivste Region des Landes sein. „Die attraktivste Region des Landes sein?“. Bei der Erstellung der Multimedia-Präsentation über Australien setzte ich 1992zig darauf, dass das Australische Fremdenverkehrsamt meine Bemühungen ähnlich intensiv unterstützen würde wie das Neuseeländische Fremdenverkehrsamt ein Jahr zuvor.

Die Kooperative mit dem Neuseeländischen Fremdenverkehrsamt hatte vieles vereinfacht und die Arbeit auf der kleinen Doppelinsel leicht gemacht. Es gab auch einen „gewissen“ Willen der Mitarbeiter des australischen Fremdenverkehrsamtes, aber deutlich reduzierter als bei den „Kiwis“ aus Neuseeland. Negativ in Erinnerung ist mir geblieben, dass die verantwortlichen Personen aus dem australischen Fremdenverkehrsamt aktiv darauf einwirken wollten, welches Motiv ich als Werbeträger für die Plakate und Flyer auswählen würde. Es wurde deutlich dass sie es auf keinen Fall gutheißen würden, wenn es wieder der „Ayers Rock“ werden würde oder sonst etwas aus den wüstenhaften Regionen. Man wollte gerne, dass wir entweder ein Bild vom Korallenriff (möglichst mit glücklich planschenden Menschen), dem feinen grünen Urwald oder von den Ständen der Gold Coast nehmen sollten. Die Stimmung bei den Gesprächen war jedenfalls immer ein wenig getrübt, wenn es um dieses Thema ging. Künstlerische Freiheit des Produzenten? Alles Quatsch! Mir wurde damals oft übermittelt, dass die Betreiber der großen Hotelanlagen an der Gold-Coast durchaus gewillt wären, einen gewissen Betrag an Werbungskosten beizusteuern wenn ich bereit wäre, auf die Vorschläge des Fremdenverkehrsamtes einzugehen. Es wurde auch einmal eine Summe genannt: 10.000.- D-Mark sollten fließen, wenn ich mich im gewünschten Sinn entscheiden sollte. Das war ein klarer Versuch der Einflussnahme und ich blieb bei meiner Idee, eine unbekannte Szene aus den roten Wüsten des Landes abzubilden, um auf mein ureigenes Produkt aufmerksam zu machen. Die Sache war damit also vom Tisch? Nicht wirklich. Als wir im Oktober 1992 die Premiere im Vortragssaal des Senckenberg Museums in Frankfurt hatten, waren auch einige Mitarbeiter aus dem australischen Fremdenverkehrsamt anwesend. Da aber meine Präsentation auch einen längeren (und auch emotionalen) Vortrag über die Kultur und die Not der Ureinwohner enthielt, waren diese Personen offensichtlich ein wenig verärgert? Der gesamte australische Tross verließ in der Pause zwischen den beiden Vortragteilen den Saal und wurde nie mehr gesehen. Daran musste ich natürlich denken als ich drei Jahre später zum ersten Mal in diesen Hochhausburgen gelandet war. Ein vier Sterne Hotel mit eigenem Strand und jede Menge Spaß, Spiel und Spannung. Damals war ich ob der von meiner Seite aus gefühlten „Dummheit“ der Gestalter in dieser Gruppe etwas angenervt, aber sie waren ja auch nur Menschen, die ihre Plätze in unserer Gesellschaft angenommen hatten und waren dadurch dazu gebracht worden, einen Aufenthalt in dieser artifiziellen, Europa so ähnlichen Bettenburg einzuplanen. Da ich zwei Tage frei hatte, lieh ich mir ein Fahrzeug und erforschte das Hinterland und sah mir den Advancetown Lake und sein schönes Umfeld an. Der recht große See entstand 1977, als man den Fluss dort mit dem Hinze-Damm aufstaute und die kleine Holzfällersiedlung Advancetown ersaufen ließ.

Aber wenigstens die Rückreise nach Sydney erfolgte dann irgendwie alternativ! Da eines der Mitglieder aus der Gruppe Verwandte in Coffs Harbour hatte und es an dieser Küste so gleichbleibend schön sein sollte, wurden die 900 Kilometer bis in die Megastadt per Bus zurückgelegt! Zwei Tage waren allein für die Fahrt nötig und es wurde eine weitere Nacht in einem schlichten Hotel in Coffs Harbour eingebaut. Irgendwie muss man seine Zeit im Land ja rumkriegen? Damals wuchs auch so langsam in mir die Erkenntnis, dass man am Tourismus prinzipiell etwas verändern sollte, die Stellschrauben neu justieren müsste. Aber auch ich war ja nur ein Teil meiner Gesellschaft, der einen Platz gefunden und eingenommen hatte. Im Tourismus bedeutete dass: der Mensch „muss“ reisen dürfen, damit er zur Ein- und Weitsicht kommt. Er muss reisen können, koste es was es wolle. Das sehe ich heute nicht mehr so, weil sich der Platz, den ich in meiner Gesellschaft eingenommen hatte veränderte. Was sollte diese Reise der genannten Gruppe denn gebracht haben? Einzig dass man wieder zuhause in Deutschland nun einen weiteren Haken hinter ein fernes Reiseziel machen und darüber berichten konnte, dass man es schon kenne! Die ewige Rangelei, wer war schon wo und wie oft! Aber die Mitglieder des Vereins wirkten sehr, sehr zufrieden. Ihre europäisch eingefärbte, auf Komfort ausgerichtete Sichtweise, WIE Australien zu sein habe, hatte sich bestätigt. Sie waren wie die Kinder, wir alle sind wie die Kinder. Was wir nicht wissen, interessiert uns nicht. Und das, was wir wissen, kommt aus dem prägenden Umfeld, den oft systemisch gesteuerten Gesellschaften die den Mitgliedern ihrer Gemeinschaften übermitteln, was gut ist und was schlecht. Über den Tellerrand hinaus zu blicken bedeutet, dass man sich Schmerzen aussetzt. Und wozu soll das gut sein, wenn unsere Zeit uns doch dauerhaften Spaß, Komfort und gute Laune verspricht? Ich verabschiedete mich von der gut gelaunten Gruppe. Alle hatten beim Rückflug wieder ihre australischen Hüte auf und wirkten so, als ob sie Mitglieder der australischen Gemeinschaft wären. Und da ich sie nicht bedrängt hatte, die Welt auch einmal versuchsweise aus der Perspektive der Aborigines zu betrachten, hatten sie mich auch irgendwie lieb gewonnen und schienen traurig darüber zu sein, dass ich noch weitere drei Monate hier bleiben würde. Ich hatte denen, die mich auf den Grund ansprachen, natürlich gesagt, dass ich versuchen würde meine Kontakte mit den Ureinwohnern zu vertiefen um noch mehr zu verstehen. Und es waren keine ungebildeten Menschen bei dieser Vereinsreise dabei. Eine der älteren Damen – sie hatte das einzige Einzelzimmer auf dieser Reise – war in ihrem Leben in Deutschland Ärztin gewesen und reflektierte sehr wohl auf meine Aussage, die Aborigines besser kennenzulernen. Sie versuchte einen Ansatz dafür zu finden, der ihr vertraut war: es musste sich bei meinen Plänen um einen Forschungsauftrag handeln. Viel zu viele Menschen sind den Ureinwohnern dieses Planten mit Forschungsaufträgen gekommen. Forschungsaufträge an anderen Völkern dienen niemals nur der Erkenntnis, dem Verstehen, dem Akzeptieren. Sie entstammen aus der absurden Vorstellungswelt, immer richtig zu liegen und überlegen zu sein. Also auch dem Kulturimperialismus zuzuordnen. Als man den Aborigines nach und nach Rechte einräumte, gestand man ihnen auch zu, wirklich darüber zu entscheiden, wer denn zu ihnen kommen dürfe und wer nicht. Seither haben die Ureinwohner meines Erachtens alle Anträge auf Besuche bei ihnen abgelehnt. Vielleicht arbeiten sie deshalb jetzt im Tourismus-Sektor und erklären Besuchern ihre Welt? Sie müssen dem Druck der Neugier etwas entgegensetzen und geben das preis, was sie preisgeben wollen. Dann hätten sie sich noch einen Teil ihrer Ursprünglichkeit bewahrt und uns hinter das Licht geführt. Und das, das hätten wir auch allemal verdient, weil wir die Perspektive des blinden Kulturimperialismus niemals verlassen. Vollkommen unabhängig davon, in welcher Regierungsform wir leben, ob es in Demokratien fundamentalistische oder realpolitische Grundeinstellungen sind, die die Bewegungen der politischen Kräfte leiten, egal welche Farbe die Partei, die regieren soll hat, es geht bei jeder Betrachtung immer nur um uns selbst. Kulturimperialistisch festgefahren!

Ich sollte noch erwähnen, dass die Aborigines für mein Geruchsempfinden gut riechen, wenn sie nicht gerade seit Tagen angetrunken irgendwo in den Städten auf dem Boden gelegen haben. Meine erste olfaktorische Berührung mit ihnen war diesbezüglich auch eher negativ, weil die, die auf dem Platz vor dem Rathaus in Brisbane saßen, von einer Alkohol- und Urin-Wolke umweht wurden. Ich bin von meiner Wesensart her sicher nicht der joviale Typ, der immer sofort bei Neubegegnungen mit der Tür ins Haus fällt, hatte aber nie Probleme mit direktem Kontakt oder körperlicher Nähe. Ruby aus Hermannsburg roch zum Beispiel gut! Ja, das Feld ist in unseren Breiten schon ziemlich gut erforscht, es heißt oft, dass man im Umweg über die Nase den richtigen Sex-Partner finden könne oder das wir durch den eigenen Geruch attraktiver erscheinen können und so weiter. Aber das ist ja wieder nur die halbe Wahrheit und ein wissenschaftliches Ergebnis, das wieder nur auf die Bedürfnisse der Menschen unserer Kulturwelt zugeschnitten daherkommt. Wenn wir dieses Thema nicht wirklich anschneiden, liegt das schlicht fast immer an unserer Erziehung. Erziehung und Erfahrung machen die Bewertung aus, ob Dinge gut riechen oder nicht. Dass man Schweiß zum Beispiel als stinkend empfindet, liegt daran, dass man das so gelernt hat. Dass man von der Mutter zu hören bekommen hat, dass dieser verschwitzte Zustand „Pfui Teufel“ sei und dass man sich schnellstmöglich waschen solle! Es gab Zeiten, da war Schweißgeruch nicht so negativ bewertet. Da steckt keine Kraft der Gene dahinter. Genetisch festgelegt ist vielleicht das personalisierte Parfum, das bei der Partnerwahl die Richtung vorgibt. Vermutlich gibt es dafür sogar ein anderes Dufterkennungssystem. Frauen sollen ja angeblich sogar riechen können, welcher Mann der richtige Partner für sie ist. Viel mehr mit offener Nase durch die Welt zu gehen, nicht nur mit offenen Augen, habe ich mir nach den näheren Begegnungen mit den Aborigines auch erst angewöhnen müssen. Und es bedeutet nicht, dass immer dann, wenn man jemanden als wohlriechend empfindet, diese Person dann automatisch für äußerlich attraktiv hält. Die meisten Ureinwohner, mit denen ich Kontakt hatte, waren nach meinen (durch Erziehung und Herkunft vorgegebenen) Empfindungen nicht äußerlich attraktiv, rochen aber trotzdem fast immer gut. Ich habe gegenteilige Erfahrungen in Indien gemacht, wo ich hinreißend schöne Menschen beiderlei Geschlechts kennengelernt habe, die für meine persönliche Empfindung eben gerade nicht automatisch auch gut rochen! Kinder dagegen, riechen immer gut, egal aus welchem Teil der Welt und welchem Volk sie kommen. Unschuldige Seelen?

Wenn ich mich gelegentlich darüber aufgeregt habe, dass Personen, die ich mit Bildern der Ureinwohner konfrontierte, so ein mitleidiges „ach die Ärmsten, so unterdrückt und dann sehen sie auch noch so furchtbar aus, dass man kaum hinschauen möchte“ von sich gaben, dann habe ich gerne die Trumpfkarte mit den „Mischlingen“ gezogen! Es gibt einen sehr großen Anteil an Menschen dort, in denen sich die Gene der Aborigines und die der Europäer verbunden haben. Man nimmt an, dass es bei allen Aborigines so ist. Das können dann eben auch wieder Menschen sein, die nach unseren europäischen Vorstellungen „hinreißend schön“ sein können und die dann auch noch gut riechen! Das heißt natürlich, dass Äußerlichkeiten in unserer Kultur-Welt komplett überbewertet sind. Ist nicht der Geruchssinn der älteste unserer Sinne? Jede Nase ist das Sinnesorgan mit dem direktesten Zugang zum Erinnerungszentrum im Gehirn, jede verflixte einzelne funktionierende Nase dieser Welt. Riechen ist für die Emotion viel wichtiger als Sehen, Hören oder Tasten. Kaum finden die Europäer (ja, auch die Amerikaner, weil sie ja auch biologische Europäer sind) einen Aborigine, in dem sie europäische Gesichtszüge erkennen, wird diese Person schon positiv wahrgenommen. Und wer sind diese fremdartig erscheinenden Menschen denn dann? Bis um 1920 herum noch wie Tiere bejagt, als „Steinzeit-Kultur“ gebrandmarkt und unterdrückt, fast ausgelöscht. Ich habe die wissenschaftlichen Untersuchungen, als der Mensch in seinem Forscherdrang das Feld der „Gene“ fand und intensiv zu beackern begann, immer mit großer Spannung verfolgt und es war ein großer Moment – immer auf den augenblicklichen, den flüchtigen, den sich auch noch einmal deutlich verändern könnenden Kenntnisstand der Wissenschaften bezogen – als öffentlich gemacht wurde, dass die Aborigines …… Europäer/-innen waren! Erbgutanalysen halfen dabei die Herkunft der Ureinwohner Australiens zu entschlüsseln. Demnach stammen sie vom eurasischen Homo sapiens ab und haben sich seit mindestens 50.000 Jahren mit keinem Volk mehr vermischt. Europäer/-innen also? Asiaten würden nun natürlich meinen Asiaten/-innen? Auf jeden Fall gehört dieses entfernt lebende und für viele so fremde Volk näher zu uns (biologisch gesehen) als andere Völker, denen wir uns deutlich verbundener fühlen.

Die Forscher haben auch vermittelt, dass sie sich sicher wären, dass die Ureinwohner Australiens von einer einzigen eurasischen Population abstammen und dass sie sich seit mindestens 50.000 Jahren nicht mehr mit anderen Völkern vermischt haben. Es muss demnach so gewesen sein, dass schon bald nachdem der Homo sapiens den eurasischen Kontinent besiedelt hatte, er auch bis nach Australien vorgedrungen ist. Die Erbmerkmale in den Chromosomen der Aborigines sollen für eine Population charakteristisch sein, die vor ewigen Zeiten aus Afrika ausgewandert war. Sie zogen offenbar vom Festland über Neuguinea nach Australien. Wegen des niedrigen Wasserstandes der Meere bestand damals eine Landverbindung. Die Aborigines haben sich seither praktisch nicht mehr mit anderen Populationen vermischt. Nur im Norden Australiens fand man bei ihnen schon zu einem frühen Zeitpunkt gelegte Spuren von Erbmerkmalen, die für die Bewohner Neuguineas typisch sind. Fossile Funde hatten die Wissenschaft zunächst dazu verführt zu glauben, dass Australien von mindestens zwei verschiedenen Populationen besiedelt wurde. Man hatte menschliche Überreste von zwei unterschiedlichen Gruppen gefunden, von denen die einen für einen grazilen und die anderen für einen robusten Körperbau sprachen. Da man zu dieser Zeit noch nicht mittels der Gen-Forschung tiefer ins Detail blicken konnte, war es zu dieser Schlussfolgerung gekommen. Heute sprechen die Gen-Untersuchungen eher dafür, dass sich die Ureinwohner bald nach ihrem Eintreffen in zwei Gruppen aufteilten, die dann völlig voneinander isoliert lebten und daher im Laufe der Zeit unterschiedliche Merkmale ausprägten. Der momentane, flüchtige, vorübergehende Kenntnisstand des Menschen und seiner Wissenschaften eben.

Nachdem ich mich von meiner Gruppe verabschiedet und am Flughafen meinen „alten“ Jeep in Empfang genommen hatte, brach ich etwas unschlüssig in westliche Richtung auf. „Alter“ Jeep deshalb, weil ich mich nicht dazu durchringen konnte, es ähnlich wie in Neuseeland ein paar Jahre zuvor zu machen und für die Dauer des Aufenthaltes ein Fahrzeug zu erwerben und nach dem Ende des Aufenthaltes wieder zu veräußern. Einen neuen Jeep anzumieten, war finanziell eine zu heftige Belastung im Rahmen der damals vorhandenen finanziellen Möglichkeiten. Die Zwischenlösung war die Anmietung eines „alten“ Jeeps, die zwar noch immer ein bemerkenswertes Loch in die Kasse riss, aber doch wieder deutlich günstiger war, als eines der neuen Fahrzeuge zu nutzen. Ein paar Pläne hatte ich: zum Beispiel die Canning Stock Route, die wollte ich befahren und hoffte darauf, in der dortigen Einsamkeit mir selbst wieder besser auf die Spur zu kommen. Die Erinnerungen an die erhabenen Gefühle, die sich beim Besuch der australischen Weiten in mir ausgebreitet hatten, waren ja noch sehr frisch. Warum also, sollte ich dort nicht ansetzen? Was das fahrerische Pensum anbelangte, war natürlich viel verlangt! Da ich nicht auf den relativ monotonen Küstenstraßen in den Westen fahren wollte, entschied ich mich dafür, quer durch das Rote Zentrum zu fahren und diese Canning Stock Route von Norden her zu befahren. Aber bis Halls Creek, wo sich der nördliche Einstieg auf diese Piste befindet, waren es von Sydney aus schon einmal mehr als 3.800 Kilometer! Es ist eben alles ein bisschen größer, weiter und ferner in diesem Kontinent. Aber ausdauernd fahren konnte ich! Zudem musste ich keine Rücksicht auf Mitfahrer/-innen nehmen und konnte mir auch mal ein Tagespensum von mehr als 1.000 Kilometern zumuten. Und natürlich war ich überall dort, wo ich das Land schon kannte, versucht, einen längeren Aufenthalt zu nehmen. In Coober Pedy zum Beispiel, oder in Alice Springs. Aber in diesen ersten Tagen fuhr ich durch, wollte mich von meinem ins Auge gefassten Ziel nicht ablenken lassen. Ein paar kurze Gespräche mit Menschen am Wegesrand bei gelegentlichen Stopps – zum Beispiel beim Tanken – halfen mir dabei, meine Ratlosigkeit und Unschlüssigkeit der ersten Tage zu überwinden. Ich hatte durch meine Wanderungen auf den Tracks in Neuseeland schon Erfahrungen mit dem Alleinsein gesammelt und wusste, dass es wieder neu erlernt werden musste. Der Anfang fiel schon schwer, auch weil ich eher ein kommunikativer Mensch war (und bin), der im Austausch mit seinem Umfeld seine eigene Mitte bestimmte.

Navigationsgeräte gab es 1995zig noch nicht. Vielleicht war das auch besser so? Das gelegentliche Hervorkramen der Landkarten verdichtete zusammen mit dem Erlebten die Situation eher, als wenn ich mich im Heute auf unbekannten Wegen auf ein Navigationsgerät verlasse. Als ich in der Nähe von Alice Springs angekommen war, galt es noch immer mehr als 1.000 Kilometer zu bewältigen, um wenigstens das kleine Outback-Städtchen Halls Creek zu erreichen, von wo aus ich gedachte, auf die längste Piste Australiens einzubiegen. Allerdings war die damalige Tanami-Desert-Route eine fürchterliche Piste, die denen, die sie befuhren, alles abverlangte. Heute ist die Straße noch immer nicht mit einer Asphaltdecke versehen, ist aber besser gewartet, auch weil neben dem stetig steigenden Lieferverkehr (ja, auch Australien ist ein normales Stück Konsumwelt) auch immer mehr das Abenteuer suchende Touristen auf dieser Piste unterwegs waren. Wenn man damals die Asphaltstraße hinter Alice Springs verließ konnte man ein Schild lesen, auf dem etliche Warnhinweise angebracht waren. Eines davon vermeldete, dass es auf den nun folgenden 1.053 Kilometern bis nach Halls Creek keine Möglichkeit mehr geben würde, das Fahrzeug mit Kraftstoff zu befüllen (no fuel). Ich hatte mich theoretisch sehr gut auf das, was kommen würde, vorbereitet. Etliche „Off-Road-Handbücher“ gekauft und gelesen, damit ich der Sache auch gewachsen war. Deshalb hatte ich in einem großen Markt in Alice Springs auch die entsprechenden Zusatzkanister gekauft und auf dem Dachgepäckträger befestigt. Der Kraftstoff in diesem „alten“ Jeep reichte bei einer Tankfüllung nämlich kaum für mehr als 600 Kilometer, so dass es unmöglich gewesen wäre, eine solche Strecke zu befahren. Man konnte schon 1995zig damit rechnen, dass man zumindest auf der Tanami Road nicht ganz allein war, aber mit schneller Hilfe durfte nicht gerechnet werden. Ich machte mich deshalb mit gemischten Gefühlen auf den Weg. Wie habe ich damals beim ersten „Road-Train“, der mir nach etwa 100 Kilometern begegnete, gestaunt, dass auf dieser Strecke auch gigantische LKW fuhren! Davon stand in keinem „Off-Road“ Handbuch etwas. Ich habe ihn schon aus der Ferne kommen sehen und wusste auch sofort, „was“ das war! Keine Verwechslung möglich, so wie beim aufgehenden Mond in den Flinders Ranges! Da ich wusste, wie man sich bei Begegnungen mit diesen bis zu 50 Meter langen Fahrzeugen verhalten sollte, fuhr ich nach links von der Piste um nicht meine Windschutzscheibe durch aufgewirbelte Steine einzubüßen. Ich schätze dass dieser Monster LKW (der übrigens mit Schafen beladen war) auf der Buckelpiste mindesten 80 – 90 Stundenkilometer schnell war, als er an mir vorüber brauste. Es ist tatsächlich von Fall zu Fall abzuwägen, ob man auf solchen Buckelpisten nicht mit einer höheren Geschwindigkeit fahren will, weil dann das Fahrzeug über die Buckel „fliegt“ und man nicht mehr so durchgerüttelt wird. Der LKW-Fahrer kannte sein Gebiet. Es muss aber erwähnt werden, dass er – nachdem er meinen Jeep am Wegesrand bemerkt hatte – langsamer wurde, ohne wirklich in die Bremsen zu steigen. Der Fahrer schaute mit fragendem Blick und in die Höhe gehaltenem „Okay-Daumen“ zu mir rüber und erst als ich meinen Daumen ebenfalls in die Höhe streckte und dadurch signalisierte, dass bei mir alles in Ordnung war, beschleunigte er wieder. Sie achten schon sehr aufeinander, diese weißen Australier. In dieser für europäische Maßstäbe teilweise menschenfeindlichen Welt war das auch nötig.

Eine Übernachtung habe ich auf der Tanami Road gehabt, irgendwo geschätzte 200 Kilometer vor Halls Creek. Ich fuhr solange es ging, aber als es dunkel wurde und die Aktivität von immer mehr Tierleben auf der Piste erkennbar wurde, hielt ich es für besser, zu pausieren. Am Ende wäre ich in der Dunkelheit noch in ein Känguru gerannt und hätte mir (und dem Känguru) großen Schaden zugefügt. Mein Zelt habe ich aber nicht aufgebaut. Ich hatte mir angewöhnt entweder im Jeep oder auf dem Dachgepäckträger zu schlafen. Das ging schnell, erforderte keinen Aufwand und Platz hatte ich ja genug. War anfangs auch etwas gewöhnungsbedürftig, da ich bei früheren Unternehmungen dieser Art ja immer Beifahrer/-innen hatte. Wer Literatur über die Canning-Stock Route wälzt wird schnell erfahren, dass man von denen, die sich auf den langen Trip durch die Wüste machen, erwartet, dass sie sich an bestimmte Regeln halten. Zum Beispiel dass man ein Funkgerät leiht bevor man in die Wüste fährt, und sich möglichst jeden Abend meldet um klarzustellen, dass man unverletzt und noch am Leben sei. Da diese Canning-Stock Route über sehr wechselhaftes Terrain führt und viele Sand- oder Geröllhügel überwunden werden müssen, an denen man nie genau weiß, ob nicht doch auf der anderen Seite ein Fahrzeug entgegen kommt und es dann an der ungünstigsten nur denkbaren Stelle zu einem Unfall führt, sollten alle Fahrzeuge eine möglichst 4 Meter lange Stange an ihrer Stoßstange oder an der „bull bar“ befestigen und diese am oberen Ende noch mit einem roten Lappen verzieren. So war sichergestellt, dass man eher gesehen wurde! Um all diesen Kram kümmerte ich mich in Halls Creek, das vor 25 Jahren noch ein ziemlich verschlafenes Nest war. Zwei jüngere Aborigines habe ich dort auch getroffen, auch mit ihnen gesprochen. Sie waren in der Stadt um Besorgungen zu machen und fanden meine Idee, mit dem Jeep in die Wüste zu fahren nicht unbedingt prickelnd, verstanden aber meine europäische Motivation, dort die Einsamkeit zu erfahren, ganz gut. Sie hatten schon mit einigen Personen gesprochen, die dieses Wagnis eingingen und so erfahren, dass es diesen Touristen um die Einsamkeit ging. Am nächsten Morgen meldete ich mich bei der Polizei in Halls Creek ab und fuhr los. Ich hatte 10 Kanister mit jeweils 20 Litern Diesel auf dem Dachgepäckträger, so dass ich errechnen konnte, dass bei normalem Verbrauch die 1.700 Kilometer bis nach Wiluna im Süden zu schaffen wären. Die Wasserkanister standen dagegen im Fahrzeug, denn Wasser war bei einer solchen Exkursion ein derart schützenswertes Gut, dass es die Bedeutung des Kraftstoffes weit übertraf. Es hieß zwar, dass es über 50 Brunnen entlang dieser ehemaligen Viehtrieb-Piste geben würde, aber etliche von ihnen waren versiegt und das artesische Wasser, welches es dort tatsächlich gab, war nicht überall geeignet, um es ohne Risiken trinken zu können.

Nicht alle, die diese gewaltige Piste unter die Räder genommen haben, transportierten den benötigten Kraftstoff von Anfang bis zum Ende im eigenen Fahrzeug mit! Es gab die Möglichkeit, seinen Kraftstoff an zwei verschiedenen Plätzen von einem Zulieferer an Depots entlang der Route abstellen zu lassen. Das kostete zwar einen hübschen Batzen extra Geld, war aber durchaus eine Überlegung wert. Denn so konnte man den ersten Teil der Strecke befahren und etwa in der Mitte der 1.700 Kilometer seine dort deponierten Kanister aufnehmen und in der Wüste den Jeep neu betanken. Auch ich habe damals bereits am zweiten Tag die auf dem Dachgepäckträger befestigten Dieselkanister ins Innere des Fahrzeugs geholt, weil die Lastverteilung durch das erhöhte Gewicht auf dem Dach sehr unbefriedigend war und das Fahrgefühl einfach nicht stimmte. Dass es danach für den Rest dieser Exkursion im Auto nach Diesel gerochen hat, brauche ich sicher nicht extra zu erwähnen? Kurzum: ich habe es genossen und auch dabei mitunter an aufkommenden Einsamkeitsgefühlen gelitten. Zwei entgegenkommende Jeeps habe ich getroffen. Einmal drei junge Menschen aus der Schweiz und ein australisches Ehepaar aus dem zivilisierten Osten des Landes, dass – ähnlich wie ich – hier die absolute Einsamkeit zu finden gedachte. Die jungen Schweizer erzählten mir, dass in derselben Richtung wie ich fahren würde, noch drei weitere Jeeps unterwegs wären, im Konvoi sozusagen und dass sie sich mit denen bei der Begegnung vor drei Tagen auch länger unterhalten hätten. Eine Truppe aus Deutschland soll das gewesen sein. Nach den gefühlt ersten 100 Dünen, die ich überquert hatte begann ich zu überlegen, ob es denn für meine Selbstfindung wirklich nötig werden würde, die gesamten 1.700 Kilometer bis nach Wiluna durchzufahren und dabei noch weitere 1.000 Dünen und Geröllfelder zu überqueren. Ich war zufrieden, mit meiner Situation und bei einer der Übernachtungen dort in totaler Einsamkeit und Finsternis, als ich auf dem Dach meines Jeeps lag und in den Sternenhimmel sah, wurde mir schon klar, dass wir das Paradies verloren haben, wir Menschen und es regte sich auch erstmals ein Gedanke, der sich immer weiter in mir ausbreitete in den nächsten Jahren: dass jede Reise in uns selbst endet. Je nach Charakter-Disposition führt uns die Stille und die Einsamkeit schon recht zügig in eine philosophische Stimmung. Man muss nur die Stille und die Einsamkeit erst einmal aushalten können!

Das Tierleben am Tage war „solala“ und in den Nächten verspürte ich keine Lust, mich in einem Land, in dem einige der giftigsten Spinnen und Schlangen der Welt zuhause sind, nur mit einer Taschenlampe bewaffnet durch das Gehölz zu bewegen. In den Büschen raschelte es jedenfalls unentwegt – ich musste es ja nicht übertreiben? Die Entscheidung, nicht die komplette Canning-Stock-Route zu befahren, sondern etwa in der Hälfte der Strecke, wo die Überreste der Depot-Versorgung mit Kraftstoff überall zu sehen waren, auf die kleine Zufahrtspiste abzubiegen und nochmals 400 Kilometer bis zu dem Ort Marble Bar zu fahren, in dem dieser Zufahrtsweg zum Diesel-Depot begann oder endete, fällte ich spontan, aus dem Bauch heraus. Dafür ließ ich mir dann noch einmal zwei Tage Zeit und diese Exkursion führte mich auch in einen unerwarteten Schrecken, als ich etwa auf halber Strecke in ein vollkommen verwüstetes und zerstörtes Gebiet kam, in dem sofort Erinnerungen an den Besuch der Mine in Kalgoorlie aufkamen. Der Ort war in meinen Landkarten nicht verzeichnet, aber die aufgetürmten Schutthalden in der Ferne und die gewaltigen Löcher im Boden deuteten darauf hin, dass hier den australischen Bodenschätzen nachgejagt wurde. In Marble Bar erfuhr ich, dass der Ort Telfer heißen würde und dass die Telfer Mine ein Kupfer-Gold-Bergwerk wäre. Aha? Das Gebiet, durch welches ich gefahren war, war aber das traditionelle Land der Aborigines? Also doch wieder nicht? Nun, über 30.000 Tausend Tonnen Kupfer und mehr als 600.000 Unzen Gold, die durchschnittlich dort jedes Jahr gefördert wurden, machten klar, wer in diesem Land das Sagen hatte. In Marble Bar war ich mit dem Erreichen der Asphaltstraße jedenfalls nach 13 Tagen wieder zurück in der Zivilisation. Aber was für eine Zivilisation! Marble Bar liegt etwas über 200 Kilometer südöstlich von Port Hedland. Der Ort wird als heißester Platz der Welt angesehen, was man auch gleich an den Werbeschildern an den Ortseingängen erkannte: dort steht zu lesen: „Hottest town in Australia“. Im Dezember und Januar sind Temperaturen von 45 Grad Celsius normal und die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur bleibt über sechs Monate des Jahres hinweg über 37 Grad Celsius. Also ein unfreundlicher Ort? Aber dort traf ich Larry, den Aborigine der mich dazu überredete ihn als eine Art „Anhalter“ mitzunehmen. Es war ein guter Beginn. Larry saß im Schatten eines Hauses und lehnte mit dem Rücken an der Wand, als er mich und ich ihn bemerkte. Wir lächelten uns freundlich an und ich tat das, was ich prinzipiell tue (auch bei uns in den Fußgängerzonen setze ich mich mitunter neben „Bettler“ und unterhalte mich): ich setzte mich genau neben ihn und sprach ihn an. Sofort fiel mir auf, dass er gut roch. Er wollte zu seiner Familie in die Nähe von Derby zurück, nachdem er einen „Job“ in der Region gemacht und Geld verdient hatte. Es hätte ihm gereicht, wenn ich ihn nur das erste Stück bis zum in früheren Artikeln bereits erwähnten „Highway No. 1“ mitgenommen hätte. Bis Derby waren es über 700 Kilometer und bis zum Highway No. 1 lediglich etwa 150 Kilometer. Ich nahm ihn mit, wir unterhielten uns gut und ich bot ihm an, ihn bis nach Derby zu fahren, da ich ohnehin keinen festen Plan haben würde, wohin ich meine Schritte lenken solle. Das war eine gute Entscheidung, die mir persönlich eine Menge Dinge gebracht und im selben Maße genommen hat. Larry war der Beginn und er machte mich mehr als nur neugierig auf das, was da auf mich zukommen würde. Er war der vollkommen fremde Mensch, der mir auf den Kopf zusagte, dass ich meine „Tochter“ mal für eine Weile aus dem Kopf bekommen müsse, um mich hier richtig finden zu können. Es müsse ja wohl einen tieferen Grund dafür geben, dass ich jetzt hier, so weit entfernt von Zuhause, auf Spurensuche nach meinem Ich gehen würde. Es würde sich lohnen, loszulassen. Er lag richtig. Davon aber dann endgültig mehr im folgenden Artikel. Und von einer Tochter hatte ich ihm nichts erzählt.

RR aus BN

am 25.11.2020

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4 Comments
  • Maria Gassner
    Posted at 11:51h, 26 November Antworten

    Auch dieser Teil ist wieder sehr beeindruckend.

    • Maria Gassner
      Posted at 12:16h, 26 November Antworten

      Faszinierend wie Du über die echten Aborigines berichtest, so dass man einerseits ein Gefühl für sie und andererseits eine Sehnsucht entwickelt, diese Menschen persönlich kennen zu lernen. Manches ist natürlich für mich zivilisiertem Mensch schier unvorstellbar, wie sie leben und wo sie ihr “unheimliches” Wissen, damit meine ich jetzt nicht erlerntes Wissen, wie wir es kennen, sondern ihr tieferes Wissen über das Leben , andere Menschen und “Mutter Erde” her haben. Sicher werde ich selbst keinen Aborigine mehr kennenlernen, aber ich bin dankbar, dass ich durch Deinen Bericht eine leise Ahnung von diesen Menschen bekomme. Was mich weiters fasziniert, nicht nur in Deinem Bericht, sondern auch bei anderen Menschen, ich nenne sie mal Ausnahmen, dass sie Abenteuer wagen wo unsereins schon beim Gedanken daran Ängste befallen, vor allem bewundere ich Menschen, die sich lange Zeit, bewusst unter außergewöhnlichen Umständen der “Einsamkeit” aussetzen, wie Du, in der australischen Wüste oder Menschen die allein die Welt umsegeln, oder Wochen allein auf einem Leuchtturm verbringen u.ä. Ich selbst bin ein Mensch der, wahrscheinlich aufgrund meiner Lebensgeschichte, oder weil ich vielleicht von Haus aus ein wenig anders gestrickt bin als die meisten, mit dem “Alleinsein” kein Problem hat und es oft auch genießt. Oft habe ich auch schon daran gedacht, irgendwo für eine Zeit ganz allein zu sein. Da dürfte es sich wohl um romantische Spinnereien handeln, denn die Realität schaut sicher anders aus, und ob ich den physischen und psychischen Härten gewachsen wäre, bleibt dahingestellt. Mittlerweile bin ich glaube ich, auch nicht mehr jung genug um so ein Experiment durch zu führen. ( Die ewig alte Ausrede: ich würde ja, aber ….), also freue ich mich jedenfalls auf die Fortsetzung Deines Berichtes.

  • Flory
    Posted at 14:49h, 29 November Antworten

    In unserer westlichen Welt sehen wir uns berechtigt, unser Zuhause zu beschützen und/oder aus Unüberlegtheit mehr besitzen zu wollen. Den Nachbar bzw. unsern Nächsten jeder Zeit anzeigen, mobben, angreifen und schlimmere Dinge ihn antun, als wäre er keinen Menschen, als würde in seiner Ader kein Blut fließen, keine Verletzung verspüren und keine Lieben haben, die ihn vermissen oder trauen würden. Wir, als Einzel-Individuum sind uns wichtiger. Alle Anderen, sei es Menschen, Tiere oder die Erde und das Universum, sollten uns als Werkzeuge dienen, um unsere Ziele nach mehr und noch mehr erreichen zu können..
    Wir versklaven, wir unterdrücken, wir handeln in Namens Gottes, wir handeln von uns gemachtes Gesetzt und wir hinterfragen nicht unser Handeln.
    Gut aber dass es Helden gibt! Das sind die Aborigines und sogar die Emus! Wir? Wir sind aber nichts 🙁
    Die Menschen in Rassen kategorisieren oder Menschen ihre Menschheit/Menschenwürde absprechen, weil sie sich anders, bewusster, geborgener entwickelt haben, als die Menschen in den industriellen, technologieorientierten Kontinenten, ist die gemeinste Handlung dessen, die sich überlegen fühlen und ihrer eigenen Unterentwicklung sich weismachen bzw. zurechtschneiden als sei es eine Entwicklung.
    Die Gabe haben, Vorhersagen auszusprechen, aus dem Bauch heraus und da nie falsch liegen…Die Gabe haben, in einem Menschen seine Vergangenheit wie auch seine Zukunft sehen zu können…Die Gabe haben, das Ganze drumherum zu verstehen, was die Natur uns sagt…Alle diese Instinkte würde ich mir wünschen wieder freilegen zu können, da ich es glaube, dass wir sie durch unser Lebensstil sie verdrängt haben und wir unser Körper dadurch viel schaden anrichten.
    Die Gedanken, die mich jetzt mehr denn je, Dank Deines Blogs, meine Taten begleiten, geben mir Stärke und Hoffnung!

  • Dagmar
    Posted at 15:00h, 12 Dezember Antworten

    …wir sind vorher wir kommen, wie wir leben ( können ) und wohin wir gehen werden …
    woher wir kommen ist physikalisch, naturwissenschaftlich und genbedingt erklärbar
    – wer wir werden hängt von vielen Faktoren ab und dabei kann der Einzelne am wenigsten beeinflussen, vor allem in der Kindheit und auch im Erwachsensein
    und wenn er den “geraden” Weg nicht findet oder ihn verlässt wird der eine Neues entdecken oder sich verlieren, vor allem in einer Gesellschaft die ihn einengt, zurecht biegt oder keinen Freiraum ermöglicht.
    Selbst kenne auch ich einige wesentliche Brüche in meinem Leben – alles nicht leicht gewesen – aber es führte mich durch meine eigene Entwicklung meiner Denk-und Fühlweise zu mir, das heißt aber auch Loslassen von Gewohntem, Sicherheitssuchen in unserer Gesellschaft und Abstandnehmen von Gruppen und Menschen, die nicht guttun für die Seele, die eigene Ausgeglichenheit, das andere Denken und Handeln.
    Aber es wird weiterhin ein Lernen sein, wie auch… Michelangelo oder Guliano in ihrem Leben Nieder- und Rückschläge überwinden mussten…
    und wir alle unsere kleinen und großen Narben, die wir seelisch und körperlich bekommen und mit ihnen leben.
    Wohin wir gehen werden – dazu gibt es viele Theorien, religiöse Ansichten, ethische Meinungen…..und auch – wie du es beschreibst – individuelle Erlebnisse die den Einzelnen bestimmen,
    beruhigend für alle jene, die den physischen Tod ohne Angst bedenken, erwarten und erleben werden.
    Ich selbst empfinde bei diesen Gedanken innere Ruhe, dankbar und achtsam im Jetzt,
    Und auch ich habe einen Bruder, der sich seit nun 29 Jahren gegen seine beiden Geschwister bekannte und jeden Kontakt wissentlich abbrach, das brachte mir eine lange Zeit depressive Stimmungen und mehrere schwere depressive Phasen – nun habe ich seit einigen Jahren den Weg des Loslassens bestritten und bin zur Ruhe gekommen
    – deshalb lieber Roland: Arbeite am Loslassen, lasss los… was sich nicht halten lassen will oder kann!

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