Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 06

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 06

Der Tand, der Unwille und die Chance

Tand ist das Gebilde von Menschenhand! Wer durch seinen Lebensweg, den Ort an dem er geboren wurde, durch die Wahl des Platzes in der Gesellschaft, der ihm angeboten wurde und den er annahm, diese Zeilen nicht nur lesen, sondern sogar verstehen kann, ist bereits in einer glücklichen Lage. Die erste Zeile kommt aus dem Gedicht von „Die Brück’ am Tay“ und stammt aus der Feder von Theodor Fontane. Der lyrisch gemeinte Vers bezieht sich auf den Einsturz einer Brücke in Schottland im Dezember 1879, bei dem auch ein Eisenbahnzug in die aufgewühlte See stürzte und 75 Menschen in den Tod riss. Die Brücke führte über einen fjordähnlichen Einschnitt des Meeres, der „Firth of Tay“ genannt wurde und wird. Das von Menschen vollendete Brücken-Bauwerk war unter enormem Aufwand erbaut worden und brach dann – bereits eineinhalb Jahre nach der Eröffnung – im Sturm zusammen. Theodor Fontane, der Schottland mit Leidenschaft bereist hatte, fand in dem Unglück Bezüge zu Motiven der Hexen aus Shakespeares Macbeth und macht seine Ballade so zu einer Mahnung vor technikgläubiger Hybris. Neben der technikgläubigen Hybris plagt den modernen Menschen aber auch eine gewisse wissenschaftsgläubige Hybris und eine Hybris der Staatsgläubigkeit. Und Hybris steht für Anmaßung, Hochmut, Selbstüberhöhung oder Vermessenheit. Auf jeden Fall eine extreme Form der Selbstüberschätzung. Die Transformation der Szene aus Macbeth, in der die drei „Hexen“ nun in Fontanes Idee damit beginnen, sich an der Brücke zu verabreden um den Zug entgleisen zu lassen, klingt ungefähr so:

Wann treffen wir drei wieder zusamm? – Um die siebente Stund, am Brückendamm. – Am Mittelpfeiler. – Ich lösche die Flamm. – Ich mit. – Ich komme vom Norden her. – Und ich vom Süden. – Und ich vom Meer. – Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein. – Und der Zug, der in die Brücke tritt – Um die siebente Stund? – Ei, der muß mit – Muß mit. – Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand!

Die Strände in Australiens Nord-Osten sind allesamt Traumstrände

Tand bezieht sich demnach auf die Dinge, die vom Menschen erschaffen werden. Bauwerke zum Beispiel. Es soll klar werden, dass diese „Werke“ nichts bedeuten. Sie können noch während des Baus, am Tage der Eröffnung ein Jahr später wie die Brücke am Tay, in 10 oder 1.000 Jahren verfallen. Sicher ist nur, dass alles, was der Mensch baut, auch wieder vergehen wird. Ob schnell oder langsam. Es wird vergehen. Wir können mit Aufwand die Lebenszeit der Dinge verlängern, alte Bauwerke unter Denkmalschutz stellen, prähistorische Grabanlagen freilegen und der Öffentlichkeit präsentieren. Der Begründungen für dieses Verhalten gibt es viele! Ein Denkmal soll einfach eine Sache sein, die wichtig für die Geschichte der Menschen oder einer Stadt, oder einer Region ist – und die man deshalb erhalten sollte. Entscheidend dabei soll sein, dass das geschützte Objekt etwas Besonderes für die Zeit ist, in der es gebaut wurde. Das Amt für Denkmalschutz soll darauf achten, dass nicht einfach etwas zerstört wird, was für andere Menschen interessant und wichtig ist. Durch den Erhalt der Baudenkmäler sollen große Teile der Geschichte und der Kultur der Vorfahren anfassbar und erlebbar werden. Auch hier schimmert der „Heimat-Gedanke“ hindurch. Wir werden aber nicht alles bewahren können, auch weil es in eine Stillstandskultur führen würde, in der es keinen Raum mehr für neue Ansätze und neue Dinge geben kann. Während also der „Objekt-Schutz“ im Rahmen des Denkmalschutzes unmittelbar in die Wahrnehmung der Realität der Bürgerinnen & Bürger einer Region eingreifen soll, um ihre lokale oder nationale Identität zu festigen, ist der Schutz des Planeten in den entfernten Hintergrund gerückt. Er ist nicht territorial sondern global und für die Ausgestaltung eines mit nationalen Inhalten erfüllten Denkens der Individuen nicht wichtig. Deshalb wird er in unseren, territorial ausgerichteten Kulturen, auch nicht erfasst. Höchstens dann, wenn es sich um einzigartige, schöne Regionen handelt, die bereits auf internationaler Ebene als „must have seen“ Ziele verstanden werden und die man für die Befriedigung des ureigenen Egoismus vielleicht noch besuchen möchte! Wer würde denn schon wollen, dass der Yellowstone Nationalpark in den USA geschlossen und eingeebnet wird? Es gibt ein persönliches Interesse daran, diese Wunder zu erhalten, weil man diese gerne noch selbst erleben würde. In den meisten Fällen zumindest. Aber ist Tand wirklich nur das Gebilde von Menschenhand? Auch in der Kultur der Aborigines gibt es eine Art Denkmalschutz, der sich auch auf ein bestimmtes Territorium bezieht. Ihre Traumzeitpfade sind es, die diesen Vergleich möglich machen. Und die einzige verlässliche Konstante in unser Welt ist und bleibt der Wandel, die Veränderung. Wenn auch die Vernichtung der Traumzeit-Identität bei den Ureinwohnern Australiens durch die zum Teil radikalen Eingriffe der westlich geprägten Wohlstands-Mentalität in nur 200 Jahren wesentlich dramatischer in Mitleidenschaft gezogen wurde als in den möglicherweise 100.000 Jahren zuvor, in denen diese Kultur sich dort unbehelligt entfalten konnte, gab es den Wandel durch Veränderung aber auch bei Ihnen, bevor die Weißen ins Land kamen! Wenn in ihrer Mythologie eine Felsnase an einem Abhang mit Bedeutung belegt worden war und diese Felsnase in vielen Tausend Jahren von den Kräften der Erosion zersetzt und abgetragen wurde, war dies aber ein langwieriger Prozess. Die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, die bei ihnen extrem geschärft waren, bemerkten natürlich, dass sich der beschriebene Platz veränderte. Da aber die Kultur der Aborigines so verstanden werden muss, dass sie sich in einer Art Co-Evolution mit der sie umgebenden Welt entwickelte, zog die Veränderung der sinnstiftenden und ihre Existenzen begründenden Dinge auch in ihre Lieder ein. Der Text dieses in sichtbarer Veränderung befindlichen Traumzeitpfades wurde sukzessive angeglichen. Gab es einmal eine gewaltsame Veränderung, die durch Naturphänomene ausgelöst wurde, wie zum Beispiel ein Blitzschlag, der einen solchen markanten Felsen ebenfalls vom Sockel stoßen konnte, dann war es zumindest möglich, den nun an einer anderen Stelle liegenden Brocken noch zu erspähen und den Inhalt des Traumzeitpfades anzupassen, so dass auch folgende Generationen ihren Weg dort finden konnten, ohne dass sie in Gefahr gerieten, die Orientierung zu verlieren. So waren sie permanente Natur- und Umweltbewahrer und passten sich im Verlauf der Zeit immer wieder an sich verändert habende Situationen an. Da ihre Kultur nicht territorial war mussten sie im Gegenzug keine von ihnen selbst produzierten Dinge bewahren und unter „Denkmalschutz“ stellen. Ihre Kultur kannte keine Selbst-Überhöhung und deshalb war sie auch frei von den schädlichen Entwicklungen einer Hybris. Es gibt im Kakadu National Park mehrere kulturhistorische Orte, die beim westlichen Besucher einen engen und auch emotionalen Kontakt mit dem Denken und Leben der Aborigines hervorrufen können. Viele Szenen des täglichen Lebens sind dort als Felsmalereien festgehalten. Aber auch bei den wichtigsten dieser Bilder, die nicht mit Alltagsszenen angereichert sind sondern ganz direkt die Erzählungen aus der Traumzeit beschreiben, erhob niemals einer der einheimischen Künstler den Anspruch, dass sein Werk ein schützenswertes Gut sei, da es von Ihnen, von Menschen produziert, weit unterlegen und sogar unwichtig war im Vergleich zu den Schöpfungskräften der Erde, die sie für göttlich und für ihre „Mutter“ hielten. Die im Kakadu Nationalpark zu findenden Felsmalereien sind etwa 20.000 Jahre alt. Unter „Kultur- und Denkmalschutz“ wurden sie aber erst von den europäischen Eroberern gestellt, die nun die Herrschaft über die lange für unmündig erklärten Ureinwohner des Kontinents ausübten. Es ist wohl auch dem territorialen Eroberungsempfinden der Europäer geschuldet, dass sie – diesen eroberten Kontinent nun als Teil ihres erweiterten Lebensraumes verstehend – auch die Reste der noch vorhandenen Kultur der Ureinwohner taxierten, neu bewerteten und nach europäischer Sichtweise diesen Malereien „Schutz“ zukommen ließen. Den Ureinwohnern ist das zwar heute, nachdem sie die Denkweise der „Weißen“ viel besser kennengelernt haben, nicht mehr komplett unverständlich, aber sie beharren nach wie vor darauf, dass es Unsinn sei, etwas, was der Mensch geschaffen habe, unter Denkmalschutz zu stellen. Sie kennen die Hybris nicht, sind nicht aggressiv territorial und wirken wohl auch aus diesen Gründen wie Kinder aus dem Paradies.

Und den besten Blick auf das Great Barrier Reef hat man von einem Flugzeug aus

Und wenn wir die Idee und die Aussage des Gedichtes „Die Brück’ am Tay“, dass alles Gebilde von Menschenhand Tand ist und vergehen muss, auf die individuellen Vorstellungswelten der Völker und Nationen anderer Kontinente übertragen und die technikgläubige, die wissenschaftsgläubige, die religionsgläubige und die staatsgläubige Hybris wie die Hexen im Gedicht auf die Bedürfnisse unseres Lebensraumes Planet Erde loslassen würden? Dabei würde ich nicht einmal zu einem Gedanken-Experiment auffordern, denn diese vier verschiedenen Arten der Hybris zerren ja bereits mit solcher Wucht an den Existenzen der Menschen dieser Welt, dass der gesamte Planet leidet. Diese vier genannten Spielarten der Hybris sollen dafür sorgen, dass wir in unseren expandierenden Erfolgsmodellen, die in erster Linie auf Eigennutz begründet sind, nicht am Ende das Risiko erkennen, dass wir falsch gelegen haben, mit allem was wir schufen und erdachten. Tand, wäre demnach nicht nur jedes Gebilde von Menschenhand, sondern Tand wären auch alle Gebilde der menschlichen Vorstellungskraft, die Religionen und Kulturformen ersonnen und erschufen und uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind: eine mehrheitlich von der Hybris geplagte Menschheit, die immer mehr nur zum Selbstzweck lebt und die Bedürfnisse der Welt nicht mehr erkennt. Territorial, aggressiv und unbelehrbar. Und die Unfähigkeit, den Tod als absolut selbstverständlichen Teil unserer Leben zu sehen, in Panik vor ihm zu flüchten und alles zu tun um uns wenigstens den Glauben daran zu erhalten, dass wir unsterblich sind, kommt als Sonderbelastung hinzu. Wie sollten wir in dieser Getriebenheit noch den Weg zu einer ruhenden Betrachtung finden? Das ist einer immer stärker geglaubte Unmöglichkeit. Und die Idealisten? Nachdem man die Journalistin (und Idealistin) Anna Politkowskaja 2006 im Treppenhaus vor ihrer Wohnung in Moskau ermordet hatte, ging ihr Name um die Welt. Es war ihre journalistische Arbeit vor und während des Tschetschenienkrieges, die sie am Ende das Leben kostete. Sie gehörte nämlich zu den wenigen Journalisten/innen, die während des Zweiten Tschetschenienkrieges kontinuierlich im Widerspruch zur offiziellen Darstellung aus der Krisenregion berichteten. Die Reporterin berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee und der mit ihnen verbündeten tschetschenischen Gruppen, über Folter, Mord und unrechtmäßige Bereicherung durch Raub, Korruption, Unterschlagung oder Veruntreuung im Kriegsgebiet. Sie nannte den Konflikt einen schmutzigen Krieg und belastete mit ihren Veröffentlichungen viele hochrangige Mitglieder der russischen Regierung. Sie war wohl auch im Besitz von Unterlagen, die bewiesen, dass zumindest das erste Attentat auf ein Wohnhaus in der Stadt Moskau im September 1999 von der eigenen Regierung in Auftrag gegeben und unterstützt worden war? Diese von der Regierung später so bezeichneten Terroranschläge waren der Anlass für Russland, den Zweiten Tschetschenienkrieg zu beginnen, in dessen Verlauf Wladimir Putin als neuer russischer Präsident seine Position an der Staatsspitze konsolidieren konnte. Als man bei einem Interview eines US-amerikanischen Fernsehsenders den ehemaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Michail Gorbatschow, zu ihr und ihrem Idealismus befragte, meinte dieser, dass die Idealisten auf der Welt wichtig seien. Aber dass jeder, der den Weg des Idealismus beschreiten wolle wissen müsse, dass er am Ende dafür die Zeche zahlt und fast immer dafür beseitigt wird. Wie stark muss die technikgläubige, die wissenschaftsgläubige, die religionsgläubige und die staatsgläubige Hybris in den Menschen der „modernen Welt“ wirken, dass solche Aussagen tatsächlich zutreffend sind? Wie hätten wir einem australischen Ureinwohner solcherlei Verhalten erklären können?

Die stärkere Faszination befindet sich unter Wasser – auch manchmal Haie

Aber ich hatte am Ende des letzten Artikels versprochen, noch ein Vorkommnis vom Great Barrier Reef in den Text einfließen zu lassen. Als Schreibender, der versucht, Zusammenhänge darzustellen und den tieferen Sinn verständlich zu machen, steht man immer ein wenig im Spagat, wenn auch belustigende Anekdoten in den Text eingeflossen sind. Ich habe in vielen Situationen in der Ausübung meiner Berufe im Spagat gestanden. Im Reisebereich war ich von den Zeiten an, in denen ich mir die Kinderschuhe des touristischen Geschäftes angezogen habe, darauf abonniert, dass eine gute Stimmung innerhalb der Reisegruppen auch dafür sorgen konnte, dass die Reisenden offener und entspannter dafür waren, das Neue in sich aufzunehmen. Und je nach Blickwinkel findet sich in allen ernsten Dingen dieser Welt auch ein wenig Spaß, so wie auch die spaßigen Momente gleichzeitig nachdenkliche Tiefe enthalten. Je nachdem ob man das erkennen will (oder kann) oder nicht. Wir belügen uns oft selbst, machen uns mitunter vor jemand zu sein, der wir garnicht sind. Ich hatte immer beschlossen, dem ungezügelten Egoismus in mir keine Räume zum wachsen zu bieten und kam durch äußere Einflüsse doch oft in Situationen, in denen ich meinem Ego gegenüber den Kürzeren zog. Während aber der Konflikt mit dem eigenen Ego in Alltagssituationen zumindest noch durchdacht werden konnte und man noch während der Handlung darüber nachdenken konnte, waren die Situationen in meinem Leben, in denen der Selbsterhaltungstrieb zum Vorschein kam und mit Gewalt mein Denken und Handeln bestimmte von ganz anderer Qualität. Ich meine, dass der Selbsterhaltungstrieb unser aller Genie ist! Warum? Menschen mit Begabungen gehören noch sich selbst! Sie können entscheiden, wann sie wo – als Beispiel – ihre Klavierübungen machen wollen oder nicht. Menschen, denen man Genialität attestiert, gehören nicht mehr sich selbst! Sie gehören ihrem Genie! Es führt sie dorthin, wo es hin möchte und wirft den Klumpen Moleküle Mensch, der es umgibt, einfach nieder. Das Leben eines Genies ist durch das Genie fremdbestimmt, auch wenn das im Alltag nicht wirklich spürbar wird oder von vielen Menschen nicht erkannt werden kann. Unser Selbsterhaltungstrieb agiert ähnlich! Er ist unser „Genie“ und macht uns in Situationen, in denen akute Gefahr besteht, ebenfalls zu einem Klumpen Moleküle, der seinem Meister folgen muss. Wenn dieses Selbsterhaltungstrieb-Genie noch gnädig ist, lässt es uns in den betreffenden Momenten noch die Freiheit auf das, was gerade passiert, zu reflektieren. In Australien war ich zweimal in Situationen, in denen mein Selbsterhaltungstrieb mich Dinge tun ließ, die ich so nie bewusst entschieden hätte. Einmal war das 1992zig, als wir mit unserem Jeep-Konvoi in den Feuchtgebieten Nord-Australiens unterwegs waren. An diesem Tag hatten in „meinem Jeep“ zwei Damen Fahrdienst. Was für mich die normalste Sache der Welt war, schien unserem Senior – der einige Zeit zuvor in einer Lebensbeziehung mit der Fahrerin des Tages stand – nicht Recht zu sein? Er mahnte mich – in ihrer Anwesenheit – dazu, vorsichtig zu sein und die Dame gegebenenfalls wieder vom Fahrdienst zu befreien, wenn sie der Sache nicht gewachsen sein sollte. Ich vertraute dem Damengespann aber und es wurde nach dem Start auch schnell klar, dass sie das Fahrzeug beherrschte und sicher über die Pisten fahren konnte. Sie war sichtlich zufrieden mit sich und ich fand es – auf der Rückbank sitzend – erfrischend zu sehen, wie die beiden Frauen auf Fahrer- und Beifahrersitz ihre Verantwortung, das Pilot-Fahrzeug (wir waren der erste Jeep) zu bewegen, genossen. Mit steigender Freude und wachsender Selbstsicherheit fuhr sie schneller. Wir hatten schon den einen oder anderen kleinen Fluss durchquert, der sich in dieser abgeschiedenen Ecke Welt wie selbstverständlich über die Straße bequemt hatte. Nur beim ersten Fluss hatte ich darauf hingewiesen, wie es angegangen werden sollte und schon bei den folgenden Bächen meine Aufmerksamkeit reduziert. Ich bemerkte schon, dass sie schnell fuhr! Zu schnell um ehrlich zu sein. Vielleicht wollte sie die anderen hinter sich beeindrucken und gerade ihrem Ex-Freund, der im zweiten Jeep hinter uns fuhr, eine Lektion erteilen, weil sie sich über seine dummen Sprüche geärgert hatte? Zum Glück für uns alle saß noch niemand auf dem Dachgepäckträger, denn der Morgen war recht frisch und sehr feucht. Ich las gerade in einem Buch als ich bemerkte, dass mein Sitznachbar auf der Rückbank sich verkrampfte. Es war eine körperlich kaum zu spürende Bewegung, aber sein Inneres war aufs Höchste angespannt. Als ich über den Beifahrersitz nach vorne schaute sah ich den auf uns zukommenden kleinen Bach. Er war nur etwas breiter als die, die wir vorher überquert hatten, war aber von dunklerer Farbe, so dass man hätte wissen müssen, dass er tiefer war als die anderen! Ich bekam gerade noch ein „langsamer“ über die Lippen und weiß auch noch exakt, dass ich nicht mehr von mir geben wollte, um nicht besserwisserisch zu wirken, da ich annahm, dass sie beim Erwerb ihres Führerscheins auch einmal etwas über Aquaplaning gelernt hatte. Mit rund 90 Stundenkilometern raste der Jeep mit uns in das Wasser und wurde augenblicklich zum Geschoss. Er drehte sich leicht nach links und ich konnte – mein Selbsterhaltungs-Genius hatte noch nicht die Oberhoheit übernommen – erkennen, dass die Fahrerin instinktiv die richtige Bewegung mit dem Lenkrad machte um gegenzusteuern. Als wir auf der anderen Seite des Flusses leicht schräg ankamen und nun die Bodenkräfte an dem Fahrzeug zu wirken begannen, wurde es in einen extremen Rechts-Links-Schüttelrausch versetzt und die Schräglage wurde immer schlimmer. Noch immer versuchte die Fahrerin mit den tatsächlich richtigen Gegenlenk-Bewegungen das Fahrzeug wieder einzufangen. Es gelang nicht. Ab einem gewissen Moment wurde mir klar, dass es zum Überschlag kommen würde und dass es bei diesem Tempo nicht bei einem Überschlag bleiben würde. Es waren auch dort nur zwei Sekunden die mir blieben, bevor der Selbsterhaltungstrieb einsetzte und ich nur noch ein Sklave meiner Instinkte wurde. Aber in diesen zwei Sekunden zogen derart viele Bilder, Geschichten und Möglichkeiten an meinem geistigen Auge vorbei. Ich malte mir aus, wie die Scheiben herausbrechen würden und in welcher Art die nicht angeschnallten Mitfahrer dann aus dem Fahrzeug herausgeschleudert werden würden, wie groß ihre Überlebenschancen waren, wie schwer die Verletzungen werden würden und ich sondierte die Umgebung, maß den Abstand zur Felswand etwa 10 Meter links von uns, bemerkte die Hindernisse in Form von Steinen rechts von uns und überlegte mir, wie schlimm die Auswirkungen auf die Körper der aus dem Jeep geschleuderten Personen werden würden, wenn sie gegen diese Hindernisse prallten. Ich sah sie alle vier – alle vier Mitfahrer/-innen – vor meinem geistigen Auge und entschuldigte mich für das, was ich nun tun musste. Neben mir saß derselbe junge Mann, der in den Flinders Ranges bei der Six-Pack Tour als zweite Person zu mir auf den Dachgepäckträger geklettert kam. Zu ihm fühlte ich eine besonders enge Verbindung und er tat mir leid, weil er wie das Kaninchen vor der Schlange nur stumpf geradeaus blickte und keine Anstalten machte, irgendetwas für seine Sicherheit zu tun. Deshalb entschuldigte ich mich innerlich speziell bei ihm dafür, als mein Selbsterhaltungstrieb erkannte, dass es in diesem Fahrzeug nur einen Platz geben würde, an dem ich eine Überlebenschance würde haben können: der Raum zwischen den Vordersitzen und der Rückbank unten bei den Füßen, so fest wie möglich eingekeilt zwischen den Sitzreihen. Und dort war nur Platz für eine Person! Alles in weniger als zwei Sekunden! Als ich mich in diese Freifläche gestürzt hatte, waren alle Sinne auf das Überleben ausgerichtet. Ich nahm natürlich alles viel intensiver wahr und mein Selbsterhaltungs-Genius bemerkte, dass nach drei weiteren brutalen Schleuderbewegungen, bei denen sämtliche Gepäckstücke auf dem Dachgepäckträger aus den Verankerungen gerissen und durch die Gegend katapultiert wurden, die Bewegungen des Fahrzeugs moderater wurden bis es gleich danach doch tatsächlich auf vier Rädern stehend und ohne einen Überschlag gemacht zu haben, auf der Straße stand. Mein erster Gedanke, nachdem ich mich aus meiner Schutzzone wieder nach oben gewuchtet hatte war: „Wow, dass die das noch schafft, hätte ich nie gedacht – die ist ein echtes Fahrtalent“. Der zweite Gedanke? „Diese blöde Kuh! Musste die auch mit derartiger Geschwindigkeit in den Bach brettern – wo hat die denn ihren Führerschein gemacht“? Als ich reflexartig aus dem Auto stieg um als verantwortlicher Leiter die entstandenen Schäden zu sondieren, wusste ich, dass ich ihr beide Gedanken würde mitteilen müssen. Ich formulierte es so: Dass es absolut idiotisch gewesen sei, mit dieser Geschwindigkeit in einen solchen Bach zu fahren, aber das es unfassbar großartig gewesen wäre, mit welchem fahrerischen Können sie die Situation entschärft hätte. Alle anderen Jeeps hielten an und wir suchten die vom Dachgepäckträger geschossenen Utensilien wieder zusammen, befestigten den Trödel an derselben Stelle wie vorher und setzten die Reise fort. Wir hatten Glück gehabt und bis auf eine Tasche mit Badeutensilien, haben wir auch sämtliche Ausrüstung wieder gefunden.

Der Regenwald im Hinterland von Queensland ist tropisch

Die Geschichte vom Great Barrier Reef, bei welcher der angekündigte Hai eine gewichtige Rolle spielt, war keine Kurzgeschichte wie der „Fast-Unfall“ mit dem Jeep im Flussbett! Dort war ich auch nicht in einer gefährlichen Situation, weil ich „unverschuldet“ auf der Rückbank saß, sondern ich hatte mich selbst in Gefahr gebracht, wenn auch nicht aus Überheblichkeit oder weil ich – wie bei der versuchten Fisch-Fütterung – gegen Gesetze verstieß. Ich hatte lediglich den Rahmen der Möglichkeiten genutzt und geriet dadurch in Gefahr. Aber nicht allein, es war noch eine zweite, mir vollkommen unbekannte Person beteiligt. Und sicher würden es die meisten Menschen als „Glück“ bezeichnen, was mir dort passierte? Immer wieder einmal muss ich an die junge deutsche Studentin denken, die ihr Quantum an Glück offensichtlich überstrapazierte und am Ende von einem australischen Salzwasserkrokodil getötet wurde. Wie absurd das Leben verlaufen kann! Die junge Frau hatte sich – zusammen mit ihrer Schwester – auf eine längere Weltreise begeben und war in einer der beiden Diskotheken auf Bali anwesend, als diese durch Bombenanschläge in Schutt und Asche gelegt worden waren. Zur Erinnerung: bei diesen Anschlägen im Oktober 2002 kamen fast 190 Menschen ums Leben. Die 24-Jährige aber und ihre jüngere Schwester hatten nur eine Stunde vor der Bombendetonation den Tanzclub verlassen. Nach dem Anschlag war die Studentin wie geplant nach Australien weitergereist. In einem Fluss im Kakadu-Nationalpark wurde sie beim schwimmen von einem vier Meter langen Krokodil angegriffen und getötet. Sie hatte die deutlichen Warnhinweise am Ufer des Flusses missachtet. Salzwasser-Krokodile sind „optional eaters“ und wann immer sich ihnen Beute bietet, fassen sie zu. Sie töten ihre Beute – die auch weitaus größer sein kann als ein Mensch – in der Regel so, indem sie ihre Opfer unter Wasser drücken. Die Krokodile können dabei bis zu einer Stunde lang den Atem anhalten – deutlich länger als ihre Beute. Deshalb sterben menschliche Opfer ja auch nicht direkt an den Folgen der Bissverletzungen, die ihnen beim Angriff zugefügt werden, sondern sie ertrinken. So erging es auch der bedauernswerten jungen Frau. Die Schwester gab im Zuge der Befragung an, dass ja auch Ureinwohner in diesen Gewässern baden würden. Ein folgenschweres Bad! Australien ist deshalb auch ein viel gefährlicheres Land als das 2.000 Kilometer weiter südöstlich gelegene Neuseeland. Dort gibt es kein Tier, dass den Menschen als Beute versteht, auch wenn vor der Küste des viel kleineren Landes mitunter große Haie auftauchen, die die Kolonien der Robben und Seelöwen aufsuchen. In Australien leben nicht nur die giftigsten Spinnen- und Schlangenarten der Welt, sondern in den Flüssen lauern die Krokodile und an den Küsten rund um den Kontinent die Haie, wobei auch die „großen Weißen“ Dauergäste sind. Und einem solchen „großen Weißen“ glaubte ich, begegnet zu sein. Auch wenn ich 1992zig über die Tierwelt Australiens schon gut informiert war und wusste, dass Haie keine Menschen fressen (auch die großen Weißen nicht), war die Begegnung mit einem etwa 3,5 Meter langen Tier nicht ohne Probleme für mich!

Die Unglücke, die durch Hai-Attacken in den Meeren dieser Welt passieren, sind als eine Art „Irrtum“ oder „Kollateralschaden“ zu verstehen! Wir sind dem Hai viel zu knochig. Und auch wenn die, die von der überhöhten Perspektive, dass der Mensch eine von Gotteshand geschaffene Spezialanfertigung ist, nun wieder entsetzt die Augen verdrehen: man kann solche Unfälle durchaus auch einmal aus der Perspektive des Hais sehen! Die meisten Unfälle dieser Art passieren beim Surfen. Der Hai verwechselt schlicht das Surfbrett mit dem fetten und wohlschmeckenden Körper einer Robbe. So ein Surfbrett hat in etwa dieselbe Form und es gibt – den modernen Medien sei Dank – viele filmische Szenen, die von Mobilgeräten aufgenommen wurden, die diese Theorie unterstützen. Das Gebiss eines Haifischs gräbt sich in das Surfbrett, weil er glaubt, eine Robbe vor sich zu haben. Wenn der Surfer unglücklich dabei getroffen wird, kann der Unfall tödlich enden. Wenn aber der Hai dann spürt, „was“ er da im Maul hat (sorry, Teile eines Menschen eben) vergeht ihm der Appetit. Nur wenn viel Blut im Spiel ist, gerät er mitunter in eine Art Rausch und setzt weiter nach, auch wenn ihm die Beute Mensch nicht schmeckt. Natürlich sind die filmischen Erzeugnisse der Vereinigten Staaten von Amerika auch daran Schuld, dass sich das Weltverstehen zum Negativen hin gewandelt hat. Nicht nur Kinderfilme wie „das Dschungelbuch“ oder „Bambi“ haben ganze Generationen auf eine falsche, eine „artifizielle“ Fährte geführt, sondern auch Filme wie „Der weiße Hai“ haben – bedingt durch den Gruselfaktor – die Menschen in eine vollkommen falsche Denkrichtung geführt. Ich hatte diesen Horrorfilm 1975, als er bei uns in die Kinos kam, auch gesehen und war nicht selten froh, nicht dort sein zu müssen, wo dieses „Monster“ sein Unwesen trieb. Und sicher waren es auch die letzten Reste meines dadurch entstandenen „Hai-Unverstandes“, die mich bis ins Innerste trafen und erschütterten, als ich beim Schnorcheln am Great Barrier Reef in etwa 10 Metern Entfernung diesen gewaltigen Hai zu Gesicht bekam. Auch wenn ich schon manches Mal schrieb, dass in der Jugend Wagemut und Unverstand dicht beieinander liegen, muss ich mich selbst in Schutz nehmen, da in diesem Fall nicht von Unvernunft gesprochen werden kann, weil diese Begegnung sich im Bereich eines „erlaubten“ und „gestatteten“ Teils des Riffes abspielte. Wenn auch im letzten Winkel der durch die beobachtenden Lebensretter noch glaubhaft abgesichert war. Den meisten Besuchern dieses Tages genügte es, in unmittelbarer Nähe der Ponton-Anlage zu schwimmen. Da ich nach dem Vorfall mit dem Schinken in meiner Badehose gezwungen war, diese Wunderwelt allein zu genießen, weil meine damalige Partnerin nicht mehr ins Wasser kommen wollte, war ich auch ein wenig angenervt und gleichzeitig philosophisch gestimmt. Das Gewimmel der Beine und Körper zwischen den bunten Fischen begann mich zu stören. Ich wollte etwas mehr von den Fischen und etwas weniger von den Menschen. Ich bin kein exzellenter, aber ein guter Schwimmer. Ich schaute einfach mal, wo es denn ruhiger wurde. Den Verlauf des hellen Riffes kann man ja auch noch sehr gut erkennen, wenn man seinen Kopf über der Wasseroberfläche in alle Richtungen dreht. Je weiter man von der Ponton-Anlage weg kam, desto weniger Menschen planschten dort. Und ganz hinten, wo eine rote Fahne das Ende des überwachten Bereiches markierte, war immer noch sehr viel Riff aber überhaupt kein Mensch mehr. Dort wollte ich hin. Die Einsamkeit suchen und tiefer dabei genießen. Und wie erwartet war das Erlebnis „Schnorcheln am Riff“ auch gleich wesentlich schöner und die Eindrücke verdichteten sich und wurden stärker. Als ich zwischendurch den Kopf hob, bemerkte ich in einiger Entfernung einen anderen Schnorchler. Aha? Es hatte also eine weitere Person bis an den Rand der Möglichkeiten verschlagen? Es war ein ziemlich dicker Asiate, ein Japaner wie ich später erklärt bekam, der dort immer wieder prustend und plätschernd an der Oberfläche erschien um gleich darauf wieder mit seiner Brille ins Wasser zu tauchen und nach den Fischen zu schauen.

Und einsame Stellen ließen sich 1992 auch noch finden

Dass ich heute weiß, dass es sich bei dem plätschernden Asiaten um einen Japaner handelte liegt daran, dass wir uns bald kennenlernen sollten. Es war viel ruhiger hier draußen am äußeren Rand des Riffs und die Geräusche von der Plattform waren nur noch gedämpft zu hören. War man mit den Ohren unter Wasser, wurde es still. An einer Stelle fiel der Meeresboden gleich hinter dem Riff ziemlich steil ab. Das Wasser war dort plötzlich nicht mehr hellblau, sondern wurde deutlich dunkler. An solchen Riffkanten sollte es noch mehr zu bestaunen geben, hatte ich erfahren. Ich hoffte auf die Sichtung einer großen Wasserschildkröte, die sehr oft an diesem Riff gesehen werden. Ich ließ mich am Riff entlang treiben und blickte umher, auch unter mich und dort sah ich ihn, den großen Hai. Ich bemerkte sofort, dass es kein kleiner Riffhai war! Er floss ebenfalls majestätisch etwa 10 Meter unter mir in der Nähe des Bodens dahin. Er war sicher über drei Meter groß und hatte einen kräftigen und trotzdem sehr elegant wirkenden Körper. Mein Gehirn signalisierte mir umgehend: Todesgefahr. Das ist ein Prozess den man nicht stoppen kann, denn der Selbsterhaltungstrieb will beachtet werden. Auch wenn man die ins Gehirn gespülte Erkenntnis, dass Todesgefahr bestehen würde, durch bessere Kenntnis verändern kann, zum Beispiel wenn man die Lebensweisen der Haie studiert hat und viel mehr Wissen über diese Tiere angehäuft hat. Das Wissen, das ich zu diesem Zeitpunkt hatte, reichte definitiv nicht aus, um den Zeitpunkt der gefühlten „tödlichen Bedrohung“ auch nur einen Millimeter zeitversetzt nach hinten zu schieben. Die vom Selbsterhaltungstrieb eingeforderte, extreme Aufmerksamkeit setzte unmittelbar nachdem ich den großen Fisch gesehen hatte, ein. Ganz vorsichtig hob ich den Kopf und versuchte mir über der Wasseroberfläche ein Bild von meinen Rettungsmöglichkeiten zu machen. Dabei achtete irgendetwas in mir darauf, dass meine Beine möglichst dicht an der Wasseroberfläche blieben und nicht in die Tiefe absackten weil ich vermutete, dass der Hai sich sofort daran machen würde, Teile meiner ihm hingehaltenen Beine zu verspeisen. Ich war in einer schlechten Position: die rettende Ponton-Anlage war gute 300 Meter entfernt. Wenn ich jetzt hektisch losschwimmen würde, wäre der Hai – so dachte ich – sofort aufmerksam auf mich geworden. Welche Optionen bestanden noch? Keine Stelle in unmittelbarer Nähe, in der das Riff so weit an die Wasseroberfläche kam, dass ich mich dort hätte in Sicherheit bringen können um die drohende (und erwartete!) Hai-Attacke einfach auszusitzen. Und dann fasste ich (nein es war mein Selbsterhaltungs-Genius) diesen diabolischen Plan: der rundliche Asiate, der keine 15 Meter von mir entfernt, noch immer prustend und plätschernd seinen Schnorchelgang genoss, schien mir von seiner optischen Erscheinung her doch wesentlich eher nach einer wohlschmeckenden Robbe auszusehen als ich selbst! Ich sollte den Kerl also unbedingt zur Rettung meines eigenen Lebens zwischen mich und den Hai bringen! So vorsichtig wie möglich, ohne große Bewegungen dabei zu machen, ließ ich mich zu ihm hinüber gleiten. Als ich nah genug an ihm dran war, dass er mich bemerkte, begrüßte er mich und wollte mich anschließend gleich – mit lauter Stimme – an seiner Begeisterung über das teilhaben lassen, was unter der Oberfläche des Wassers zu sehen war. Der sollte aber lieber still sein, der dumme Kerl! Er ahnte wohl nicht einmal, in welcher unmittelbaren Gefahr er schwebte?

Ich setzte die international verstandene Mimik und Gestik ein, hob meinen Zeigefinger zum Mund und deutete an, dass er leise sein solle. Mein Gesichtsausdruck, der wohl auch recht besorgt gewirkt haben muss, war sicher auch unterstützend? Jedenfalls hatte ich dadurch seine volle Aufmerksamkeit erhalten. Ich war nun ganz dicht an ihm dran und flüsterte das englische Wort für Hai (shark) in sein Ohr, wobei ich bedeutungsvolle Gesten in den Bereich unter uns machte. Mit ungläubigem Gesichtsausdruck schaute er mit seiner Taucherbrille unter sich und die entsetzte Reaktion, die dann schlagartig einsetzte, bestätigte wiederum meine Ansicht, dass wohl eine echte, tödliche Gefahr von dem Fisch für uns ausgehen musste. Der Asiate hatte den schwer zu übersehenden großen Hai sofort erkannt und zeigte Panikreaktionen. Noch unter Wasser fing er an zu schreien, was über der Wasseroberfläche aber nur als unverständliches Blubbern ankam. Seine Bewegungen wurden hektisch. Er war in Panik geraten, eindeutig! Ich tat aus Selbsterhaltung alles was ich leise tun konnte, um ihn zu beruhigen! Jetzt bloß nicht auffallen, sonst könnte es aus mit uns sein. Mein diabolischer Masterplan drohte zu scheitern, weil der verängstigte Mann sich kaum wieder beruhigen ließ. Wie hat es einmal ein sehr erfolgreicher Politiker zu mir gesagt: „du musst den Menschen nur das sagen, was sie hören wollen und dann kannst du alles von ihnen haben“! Sicher ist das im Alltag der Menschen das am weitesten verbreitete Element der Täuschung zur Erlangung eigener Vorteile, konnte in diesem Fall aber konkret dabei helfen, mir mein eigenes Leben zu retten! Ich zog ihn ganz dicht an mich heran, versuchte ihn weiter zu beruhigen und wusste schlagartig, was der Asiate jetzt wohl würde hören wollen, damit ich danach alles von ihm bekommen würde, was ich wollte. Ich legte meinen Mund an sein Ohr und flüsterte bedeutungsvoll „I will save you“ – ich werde dich retten! Die Dankbarkeit, noch gepaart mit etwas Ungläubigkeit, die danach in seinem Gesicht zu sehen war, beschämte mich später oft, ich war im Prinzip ein billiger Trickbetrüger, der sich als Held aufspielte und ihn in Gefahr brachte um für mich selbst zu sorgen. Nicht geplant und nicht gewollt – ich gehörte mir in diesen Momenten nicht mehr selbst! Ich gehörte meinem Selbsterhaltungs-Genius. Als jüngerer Mensch habe ich oft darüber gesprochen, für wie toll ich es hielt, auf diese perfide Art mein eigenes Leben gerettet zu haben. Mit steigender Erkenntnis hat es mich oft beschämt. So also, funktioniert das Leben? Wie traurig. Ich zeigte dem Asiaten durch Gesten an, dass ich ihn jetzt an meiner Seite zur Plattform zurückbringen wolle. Dadurch, dass ich mich als „Retter“ zu erkennen gegeben hatte, war er auch etwas ruhiger geworden und in der Lage, keine von Panik geleiteten hektischen Bewegungen mehr zu machen. Der Hai schwamm links unter uns in nun etwa 20 Meter Entfernung und wirkte bei meinem letzten Kontrollblick noch größer als zuvor. Also nahm ich meinen Schutzbefohlenen an meine „Herz-Seite“ (links!!!) und wir schwammen Seite an Seite in Richtung der rettenden Plattform zurück.

Beeindruckende Natur im Hinterland von Cairns
Und Palmen am Stadtteich

Ich malte mir dabei aus, wie es sich anfühlen würde, wenn der Hai die vermeintliche „Robbe“ (den rundlichen Asiaten) erspähen und attackieren würde. Wie weit in ihn hinein würde sein gewaltiges Gebiss dringen? Am Ende bis zu mir durch? Ein Hai dieser Größe konnte einen Menschen wie nichts in der Mitte durchbeißen. Was, wenn er durch den Blutverlust des Asiaten in einen Fressrausch geraten würde? Blind und stumpf alles zu verschlingen begänne, wenn er sich in Rage gefressen hatte? War der Hai vielleicht nicht allein? Lauerten seine Freunde eventuell nicht weit weg? Den Asiaten hatte ich gebeten, hin und wieder unter uns nachzuschauen, ob der Hai uns verfolgen würde. Als dieser nach geschätzten 50 Metern Schwimmstrecke noch immer nicht in Panik versuchte auf meinen Rücken zu springen (zum Beispiel weil ihm sein eigener Selbsterhaltungs-Genius befahl, nun seinen Retter zu opfern und sein eigenes Leben selbst zu retten) und sich im Gegensatz zu meinen Plänen, nun als Gefahr für mich präsentiert hätte, sondern still und aufmerksam blieb, dachte ich zum ersten Mal, dass wir es schaffen würden und ich in wenigen Monaten erfahren könnte, ob Ruby, die Aborigine, mit ihrer Vorhersage, dass wir ein Mädchen bekommen würden, recht behielt. Der Hai verfolgte uns nicht und wir erreichten wieder den Platz, an dem viele andere Tagesgäste am Riff die bunte Vielfalt der Welt genossen. Sollte ich diese Menschen vielleicht warnen? Mein Selbsterhaltungs-Genius war wieder in den Hintergrunde getreten und meine Verpflichtungsgefühle anderen gegenüber traten wieder in den Vordergrund. Ich dachte aber, dass die auf der schwimmenden Ponton-Anlage befindlichen Rettungskräfte wohl besser wüssten, was nun zu tun sei? Da ich mir sicher war, dass wir uns außer Gefahr befanden, ließ ich den Asiaten auch zuerst die Treppe hinaufklettern und kletterte hinterher. Oben angekommen drehte er sich spontan zu mir um, nahm mich in die Arme und ließ ein Stakkato an Dankesbezeugungen auf mich niederprasseln. Er war sich wohl sicher, dass er mir sein Leben verdankte? Hatte er in seiner Angst wirklich nicht bemerkt, dass ich ihn immer zwischen mir und dem Hai durch das Wasser geführt hatte? Offensichtlich nicht! Er rief nach seiner Frau, die an einem der Tische saß und ein Getränk vor sich stehen hatte. Als diese uns erreichte sprach er in aufgeregtem Ton mit ihr (in einer Sprache die ich nicht verstand) und deutete immer wieder auf mich. Erst schaute sie ungläubig aber dann nahm sie irgendwann die Hände vor den Mund, so als hätte sie das Entsetzen jetzt doch noch nachträglich erreicht, schaute nun immer wieder zwischen ihrem Mann und mir hin und her, bis sie mit einer tiefen Verbeugung meine Hände in ihre Hände nahm und ein nicht enden wollendes „Thank you“ aussprach. Ich hatte noch immer keine Schamgefühle! Warum auch? Vielleicht hatte ich ihn ja wirklich gerettet, allein dadurch, dass ich ihn auf den großen Hai aufmerksam machte? Doch dann drängte es mich, mit einem der Lebensretter dort zu sprechen. Es konnte ja durchaus sein, dass die Präsenz des Hais so nah bei den Badegästen am Ende doch eine Gefahr für die Menschen darstellte. So knapp wie das bei meiner eigenen, noch vorhandenen „Rest-Aufregung“ möglich war, schilderte ich einem der Männer den Vorfall. Der rief nach einer Kollegin und beide bestiegen eines der kleineren Boote, die dort ebenfalls angebunden waren. Das Boot hatte auch einen Motor und nachdem ich die Stelle, an der der Hai uns derart in Schrecken versetzt hatte, aufgezeigt und beschrieben hatte, fuhren die beiden dorthin, beobachtet von dem asiatischen Ehepaar, mir und meiner sich wieder zu uns gesellt habenden damaligen Lebensgefährtin. An der betreffenden Stelle fuhren die beiden Lebensretter eine Weile auf und ab und äugten immer wieder mit so einem Gerät, mit dem man unter die Wasseroberfläche schauen konnte, ins Wasser. Irgendwann wurden sie wohl fündig, denn das Boot hielt an und beide schauten gemeinsam durch das Guck-Rohr in die Tiefe. Nach etwa einer Minute bewegte sich das Boot wieder und kam zur Plattform zurück. Besonders besorgt schienen die beiden nicht zu sein? Trotzdem gab der Mann, den ich auf die Anwesenheit des Hais aufmerksam gemacht hatte, noch per Lautsprecher eine Durchsage an alle Anwesenden durch, dass man weiter draußen Gäste hätte und dass bitte alle im vorderen Bereich des Riffs bleiben sollen. Evakuiert wurde aber nicht! Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, dass es sich bei dem Hai um einen Makohai gehandelt habe. Meine Gefühle und Einschätzungen, was die Größe des Hais anging, wurden bestätigt: etwa 3,5 Meter lang und wohl um die 400 Kilogramm schwer. Der Lebensretter trieb nachträglich doch noch ein wenig mit unserem Entsetzen Scherz, indem er uns erklärte, dass es wenig Sinn gehabt hätte zu versuchen, davonzuschwimmen, weil diese Haiart sehr wendig wäre und Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern erreichen würde wenn sie Beute würden machen wollen. Aber – so tröstete man uns – würden Menschen „normalerweise“ nicht auf der Beuteliste dieser Haiart stehen. Das Ehepaar, von dem wir nun wussten, dass es ein Japanisches war, weil der Ehemann in seiner Dankbarkeit sich wohl auch verpflichtet fühlte uns mitzuteilen, was er beruflich machte, lebte in Kobe auf der japanischen Insel Honshu. Er war dort selbständiger Geschäftsmann im Import und Export Geschäft. Nun, er hatte überlebt und konnte ja jetzt noch viele, viele Jahre lang sich seinen Geschäften widmen.

Ohne Machete geht an vielen Stellen nichts mehr
Und die gewaltigen Würgefeigen stehen überall

Es ist wirklich viel leichter, Menschen zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind! Jeder Mensch, der ein Gewissen hat, fragt sich in manchen Momenten, was er jetzt tun soll um schlicht um das Richtige zu tun. Dabei tut kaum einer jemals das Richtige! Kann uns der „kategorische Imperativ“ helfen? Die Grundform: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Das stammt von Immanuel Kant, mit dem ich mich zu dieser Zeit (1992) bereits ausgiebig beschäftigt hatte. Die Namen der „Großen“ Denker, wie zum Beispiel Immanuel Kant einer gewesen ist, verführen viel zu oft zu der Annahme, dass diese Namen allein schon zu groß sein könnten, um etwas mit dem eigenen Leben der „nicht so Großen“ Individuen zu tun zu haben. Warum soll man sich heute mit ihm befassen? Als der Kerl lebte, gab es noch keine Verbrennungsmotoren und auch kein elektrisches Licht, geschweige denn Smartphones oder Corona. Aber wie es bei den „Denkern“ der Vergangenheit üblich war, ging es ihnen immer um etwas Tieferes, um die großen Fragen, mit denen Menschen ringen, seit es sie gibt! Was passiert nach meinem Tod ist zum Beispiel eine Frage, die sich wohl die überwiegende Mehrheit der Menschen stellt. Unabhängig vom Grad ihrer Sozialisierung oder ihres Standes in den Gesellschaften. Die Frage allerdings, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, stellen sich schon weitaus weniger Personen! Bei dieser Frage spielt nämlich der Grad der Sozialisierung und der Stand in den Gesellschaften sehr wohl eine Rolle, auch wenn man es nicht allgemeingültig ableiten kann? Warum sind Menschen oft so unglücklich, wenn sie doch so schlau sind? Seit ich die „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant gelesen hatte, zog es mich eher zu den alten Philosophen, den „alten Griechen“ zum Beispiel oder zu denen aus Italien. Kant hielt ich für zu verkopft und überbelichtet. Er war eher ein Philosoph für Berufs-Philosophen. Und trotzdem versuchte er etwas, was nie zuvor versucht worden war: er suchte nach der Formel der Menschlichkeit. In seiner Zeit war er als „Spaß-Bremse“ verschrien. Er presste seine Lebenszeit in einen festen Rahmen und setzte dadurch seine Gedanken in Bewegung. In der Zeit, in der er sich von aller Zerstreuung fernhielt, entwickelte er Theorien, die ihn unsterblich machten. Ein Ansatz (oder wissenschaftlicher Beweis??) des Beweises, dass jede Art von Zerstreuung die Erkenntnis behindert, womit wir augenblicklich wieder bei den Aborigines ansetzen könnten. Doch verweilen wir kurz weiter im europäisch-philosophischen. Was bedeutet denn überhaupt Moral? Warum haben manche Menschen manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn sie eine Batterie in die Mülltonne geworfen haben – auch wenn es ihnen niemand anlasten kann, weil es niemand gesehen hat? Was ist „Gut“ und was „Schlecht“? Am Ende doch etwas Gottgegebenes oder etwas nur Nützliches? Oder ist das alles eine Illusion? Falsche Fragen, denn wir werden niemals eine vernünftige Antwort darauf geben können, was Gut oder Schlecht genau ist. Das gilt für alle Dinge, die uns umgeben. Wie alle Dinge um uns herum sind, liegt immer jenseits unserer Erkenntnisgrenzen. Durch unser Dasein in unseren eigenen Paralleluniversen sehen, hören, riechen und fühlen wir alle Dinge stets vorgeformt durch unsere Sinne und unser Denken. Und das ist bei Gut und Schlecht auch so. Gut, schlecht, richtig, falsch – was immer das auch heißen mag, wir haben nun eben mal ein unterschiedliches, ein tief in uns sitzendes Gefühl dafür. Wir haben ein (wenn auch ebenfalls unterschiedlich ausgeprägt und in unterschiedlicher Tiefe gelagert) Gewissen und auch ein irgendwie geartetes Moralempfinden. Sollte es unsere Aufgabe als Mensch nicht sein, diese Empfindungen vernünftig zu gebrauchen und ein „anständiges“ Leben zu führen? Aber wer will dieses „moralisch“ klingende Geschwätz überhaupt hören? „Anständiges“ Leben führen klingt nach keinem Sex vor der Ehe, Füße vom Tisch und gerade sitzen. Warum soll man sich um ein „Anständiges“ Leben bemühen, wenn die Arschlöcher oft glücklicher und erfolgreicher zu sein scheinen?

Der bei vielen Menschen nicht gerade beliebte Sigmund Freud formulierte es einmal so: „Der Mensch ist eben ein unermüdlicher Lustsucher, und jeder Verzicht auf eine einmal genossene Lust wird ihm sehr schwer“. Aha? Wie sollen wir denn dann, wenn solche Damokles Schwerter über unseren Köpfen hängen, überhaupt noch das Richtige tun und das Falsche sein lassen? Die Quelle einer jeden Moral, die den, der sie ausbrütet, irgendwann doch sehr zufrieden stellt, ist immer der gute Wille. So war bei meinem Versuch, mein eigenes Leben am Riff in Australien zu schützen, indem ich eine zweite Person zu meinem Schutz zwischen mich und den Hai brachte, auch etwas moralisch Gutes dabei? Denn der gute Wille, auch das Leben des glücklich vor sich hin plätschernden Asiaten zu retten, war ebenfalls enthalten, wenn auch nicht frei von Eigennutz. Die Welt wimmelte schon immer vor Egoisten, Betrügern und Heuchlern. Diese hören nicht auf ihre Gewissen und ihre Vernunft. Sie vernachlässigen die Fähigkeiten, die sie zu Menschen machen. In anderen Zeiten versuchte man das Wirken dieser Täuscher und Trickser abzuschwächen, indem man postulierte, dass diese Personen nur erfolgreich wirken würden aber in Wahrheit gescheitert wären. Alles sehr verkopft, jeder Ansatz theoretisiert und für viele Menschen so unendlich abstrakt, dass sie sich von diesen Denk-Wegen abwenden. Wie viel einfacher ist es da, denen zu lauschen die ihre Leben eher nach dem Motto „Moral ist etwas für Schwächlinge“ leben und zu großen Führern aufsteigen die sich im Stile eines Übermenschen präsentieren, der sich seine eigenen Gesetze schreiben darf, wie er will. Das tun ja auch Donald Trump, Recep Erdoğan, Wladimir Putin, Viktor Orbán, Jarosław Kaczyński, Aljaksandr Lukaschenka, Jair Bolsonaro und eine kaum noch zu überschauende Anzahl an aufstrebenden Macht-Politikern auch. Dieses allgemein akzeptierte „Erfolgsmodell“ (entspringend dem zügellos ausgelebten Affen-Ich), dass die Völker dieser Welt im Kollektiv in den Abgrund führen wird, ist jedem Individuum schlicht vertraut. Wie fern von jedem Lebensverständnis der australischen Ureinwohner liegen diese Auffassungen. Wie fern! Die Enttäuschungen, die die Menschen auf globaler Ebene in immer schnellerer Folge hinnehmen müssen und die in immer heftigeren Gefühlen der Enttäuschung enden, haben aber trotzdem einen positiven Kern. Man muss ihn nur wahrnehmen wollen! Jede Enttäuschung ist immer auch eine Befreiung von einer Täuschung oder Selbst-Täuschung. Die Aborigines brauchten keine Philosophen, ihr Weltverständnis entwickelte sich gleichmäßig über viele Jahrzehntausende hinweg. In unserer Welt sind war quasi von Kindesbeinen auf unterschiedlich stark darauf gedrillt, über die Dinge nachzudenken um zu einer Lösung zu kommen. Gestern Abend hatte ich ein kurzes Gespräch mit unserem Nachbarn, bei dem ich aus dem Bauch heraus sagte, dass der Begriff der Querdenker durch die Medien des Systems heute derart in Verruf gebracht werden würde, dass wichtige Impulse, die von den „echten“ Querdenkern/innen ausgehen, in näherer Zukunft wohl wieder vollkommen ungehört verhallen werden! Der größte Querdenker aller Zeiten (subjektiv für mich) war Sokrates, einer der wichtigsten griechischen Philosophen für das abendländische Denken. Er meinte zum Beispiel, dass der Kluge aus allem und von jedem lernen würde, der Normale nur aus seinen Erfahrungen, und der Dumme wüsste einfach immer alles besser. Aber alle drei Stände, die Klugen, die Normalen und die Dummen, werden in dem abstrakten System des Miteinander, welches wir geschaffen haben, an der Nase herumgeführt. In (fast) jedem Lebensbereich. Und auch wenn ich mich hier ebenfalls „theoretisierend“ betätige: was wäre wenn es die Stände der Klugen, der Normalen und der Dummen nicht gäbe? Wenn jedes Mitglied der Gesellschaft über dieselben Wahrnehmungen und Fähigkeiten verfügen würde? Dann wären wir in der Lebenswelt der australischen Ureinwohner angekommen. Und nicht auf jede archaische Kultur trifft das zu, denn in den meisten anderen archaischen Kulturen gibt es „Führer“. Führer mit allen damit in Verbindung stehenden Privilegien und damit doch wieder schnell der Rückgriff auf den Macht-Affen in uns. Bei den Aborigines gibt es diese „Führer“ nicht. Es gibt die „Ältesten“ und „Weisesten“ denen man sich nicht unterwirft, sondern denen man absolut vertraut. Ungestört von den Wirren einer immer stärker nach Besitzstand strebenden Außenwelt, konnten sie auf diese Weise ein perfektes Modell des Menschen in seiner Umwelt entwickeln. Den Frieden sichernd, keinesfalls territorial denkend haben sie in einfachster und ursprünglichster Form das sogenannte Paradies, in dem der Mensch doch angeblich leben könnte, für sich und die ihren geschaffen. Aber es kann der „Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. Ein leicht abgewandelter Spruch aus dem Songtext von Roland Kaiser werden jetzt viele sagen? Aber nein, das ist das Original und stammt von Friedrich Schiller! Schiller aber dürfte nicht einmal gewusst haben, dass es auf dem fernen Kontinent überhaupt Ureinwohner gibt?

Fast jeder mir persönlich bekannte Mensch sehnt sich nach innerem Frieden oder nach Frieden im Allgemeinen. Obwohl es der allgemeinen Entwicklung geschuldet auch immer mehr Zeitgenossen gibt, denen Streit, Auseinandersetzung oder Krieg genau das ersehnte Sahnehäubchen des Lebens zu sein scheinen. Immer mehr Menschen fühlen sich belebt und angefeuert, wenn der Zoff zum nächsten Höhepunkt auffährt oder gar schon zu eskalieren droht. Die oben erwähnten „Führer“, die ihre Gesetze selbst schreiben, tun in ihren jeweiligen Länder viel dafür, dass der Prozentsatz der „auf Krawall gebürsteten Elemente“ weiter und weiter steigt. Schillers Spruch hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Worum es dann in den Konflikten geht, ist oft an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten. Da werden gut verdienende Anwälte und Gerichte bemüht, da fliegen auch mal schnell die Fäuste, sausen Gartenspaten auf die Schädel der anderen nieder oder es endet immer häufiger sogar mit dem Tod einer Konfliktpartei. Die Aussage Schillers ist also durchaus ernst zu nehmen. Dass wir nicht in einer von Aborigine-Denken geführten Welt leben wird daran erkennbar, dass die entstandenen Probleme häufig durch Schuldzuweisungen entstehen, dass die Rechthaberei immer groteskere Formen annimmt, dass immer mehr Menschen unserer Kulturkreise sich benachteiligt fühlen oder glauben, übervorteilt worden zu sein. Der entstandene nachbarschaftliche Drama-Zirkus unserer Zeit betrifft ja nicht nur die klassischen Nachbarn, sondern ist auch als Konfliktherd auf staatlicher Ebene zu verstehen. Dabei dienen die äußeren Umstände des Nachbarschaftsstreits oftmals nur als Werkzeuge für die innere Ausrichtung, die Friede, Eintracht, gar eine gemeinsame Fröhlichkeit offenbar nicht erträgt. So kann auch der Gutmütigste in einen Hinterhalt gelockt werden. Er kann ihm mit der Zeit so schwer zu schaffen machen, dass er gezwungen wird, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, weil es vielleicht mittlerweile unerträglich geworden ist. Solange er aber noch Gegenmaßnahmen ergreifen kann, ist er noch immer auf einer gewissen „sicheren Seite“, wer das nicht mehr kann (oder will, wie bei den Aborigines) ist bereits auf der Seite derer angekommen, die im allgemeinen Kampfgetöse alles verlieren werden.

Durch die Art, wie wir miteinander leben und umgehen, werden neue Berufsgruppen gefordert, die in unserem System ach so wichtigen Arbeitsplätze geschaffen! Mediatoren müssen immer häufiger auf dem Spielfeld erscheinen, die gütlich auf die Streithähne einwirken können. Oder es werden Friedensrichter/-innen bemüht, die ein Machtwort sprechen sollen. Wie unsere aktuelle Situation aber zeigt, tauchen immer mehr Hardliner auf dem Spielplatz der brutal ausgelebten Eigensüchte auf und diese Hardliner sind gegen alle Versuche der Erklärung und gegen jeden Mediator immun. Sie brauchen den Streit oder den Krieg wie die Luft zum Atmen. Es ist ihr „Elixier“, in dem sie sich lebendig fühlen und stark. Ihr Herz ist hart, ihr Verstand ist dumpf, ihre Fäuste geballt und die Waffe vielleicht schon geladen. Friedensargumente prallen an ihnen ab, weil sich die Seele längst auf die Seite des Hasses geschlagen hat. Hier hat die Einflusssphäre des Guten ihr Ende. Auch weil in unserer komplizierten Zeit keiner mehr genau weiß, was „Gut“ eigentlich ist. Die Täuschung der Menschen über Jahrtausende hinweg, die alle Stände in den Gesellschaften betraf, hat ein prinzipielles Misstrauen entstehen lassen, dass die explosive Kraft der Konflikte gebar und heute weiter befeuert. Dass diese Konflikte in den modernen Medien für alle Menschen weltweit zur Verfügung gestellt werden und dadurch nur noch mehr Spannung erzeugen, ist ein Fakt. Aber was könnte in einer Gesellschaft wie unserer, die ihr Weltbild in purer Überheblichkeit immer wieder über alles stellt, auch über jede Vernunft der Welt, getan werden? Es existiert kein allgemeingültiges Rezept, das alle Möglichkeiten einer Befriedigung bewirken kann. Manchmal hilft Aussitzen, manchmal hilft konsequente Freundlichkeit, manchmal hilft das Gesetz, aber immer häufiger hilft gar nichts mehr! Im Wegziehen sehen manche Menschen eine Alternative, um den Rest ihrer übrig gebliebenen Nerven zu schonen und eine neue Lebensqualität an einem anderen Ort zu erreichen. Doch Garantien für Glück vermag dieser Schritt in einer „global“ gewordenen Besitzstandwelt nicht zu geben. Und es wäre auch wenig sinnstiftend zu überlegen, ob man vielleicht zu den Aborigines ziehen könnte! So wie diese einst als Volk den Sprung von der Steinzeit in die Atomzeit in nur 200 Jahren bewältigen mussten, wäre es für einen Europäer vonnöten, seine gesamte restliche Lebenszeit bei ihnen zu verbringen um wenigstens 10% ihres Weltbildes zu verinnerlichen, um eine Art sinnstiftendes und erfüllendes Leben führen zu können. Vielleicht würden die dort geborenen Kinder es schaffen, das Werteverständnis der Ureinwohner leben zu können? Wohl eher nicht, denn auch der Sprung von einer außer Rand und Band befindlichen Welt, in der Konsum und Egoismus über alles gestellt werden, hinein in eine archaische Kultur lässt sich nicht in 200 Jahren bewältigen. Die Begegnung muss auf einer anderen Ebene stattfinden. Wo sie liegen könnte vermag ich nicht einmal ansatzweise zu sagen. Im Spirituellen vielleicht? In den Genen klafft jedenfalls eine Lücke von mehreren Zehntausend Jahren.

Der Kasuar gilt als der “gefährlichste Vogel der Welt”

Beenden wir die Betrachtung und Beschreibung der 1992er Reise. Drei Monate waren meine damalige Lebensgefährtin – die im Juli desselben Jahres tatsächlich ein Mädchen auf die Welt brachte – und ich in Down Under unterwegs. Durch meine ersten vier Wochen mit den Jeeps und der Gruppe war ich so zum ersten Mal vier Monate auf diesem Kontinent. Das flammende Interesse an den Ureinwohnern war noch lange nicht gestillt! Ganz im Gegenteil, durch die Begegnungen, die schon etwas intensiver waren als bei der Six-Pack Reise hatte sich mein Interesse sogar noch stärker entwickelt und: es hatte sich verändert. Während mein Interesse nach der ersten Tour noch mehr oder weniger „verkopft“ war und von meinen Überlegungen geprägt, war dieses Grundgefühl oder Grundinteresse nun verrutscht, es war eher zu einem Bauchgefühl geworden. Ein nie wieder eingetretenes Erlebnis hatten wir noch: die Begegnung mit einem gewaltigen Kasuar. Wie ich schon schrieb, haben wir den Versuch, den nördlichsten Punkt des Kontinentes zu erreichen, abbrechen müssen. Die Schwangerschaft war fortgeschritten und die Sorge um den Nachwuchs war größer geworden. Wir wollten auch nicht auf der schnöden Schnellstraße dort hinauf fahren, sondern möglichst viel von der tropischen Welt dieses Teils von Australien mitbekommen und deshalb auf der alten Cape-York Strecke den Weg bewältigen. Als wir noch daran glaubten, das Cape York erreichen zu können, legten wir bei heftigem Regen einen Übernachtungsstopp im Cape Melville National Park ein. Es war geradezu unvorstellbar paradiesisch, einfach mit dem letzten Jeep, den wir nach der Verabschiedung der Gruppe am Flughafen von Sydney behalten und den Mietvertrag dafür verlängert hatten, von der Straße in einen „Urwald-Weg“ abzubiegen und unser Zelt unter erschwerten (weil heftig regnend) Bedingungen aufzubauen. Wir achteten nicht sonderlich auf den Platz, waren uns aber sicher, auf gutem Grund unsere Behausung für die kommende Nacht aufgeschlagen zu haben. Es regnete weiter, tropisch heftig und erst als wir einschliefen hatten wir das Gefühl, dass es weniger stark regnete. Da die Nächte in diesem tropischen Teil Australiens auch sehr schwül und warm sein können, schlossen wir das Vorzelt nicht, sondern ließen lieber die letzte Brise frische Luft durch das Zelt wehen. So atmet es sich einfach leichter. Deshalb konnten wir das Desaster am nächsten Morgen auch sofort sehen und mussten dafür nicht erst unser Zelt öffnen. Draußen schwammen die Teile unserer Ausrüstung, die im Bereich des Vorzeltes gestanden hatten, so durch die Gegend. Überall war Wasser, lediglich der innere Kern des Zeltes war trocken geblieben, so dass wir nicht durch den Wasserschaden geweckt wurden.

Der viele niedergegangene Regen hatte dem ohnehin bereits sehr feuchten Boden wohl derart zugesetzt, dass dieser sich schlicht weigerte, weitere Wassermassen in sich aufzunehmen? Das Wasser musste draußen bleiben und so kamen meine Schuhe zu der Ehre (leicht Stoffschuhe mit gummierter Sohle), nun an mir vorbei geschwommen zu werden. Einer der Töpfe hatte seinen Weg bereits nach draußen in den Urwald gefunden und schickte sich gerade an, ein Hindernis in Form einer Wurzel zu umkurven. Nachdem wir aus dem Zelt heraus festgestellt hatten, dass nichts fehlte und auch nichts wirklich beschädigt war (nur nass) öffneten wir die Aluminiumkiste mit dem Gaskocher im Vorzelt und begannen, uns ein Frühstück im „Zelt“ zu machen. Plötzlich gab es ein Geräusch, so als ob etwas sehr großes auf uns zu käme. Ich mutmaßte, dass es ein Wildschwein sein könnte, da ich diese verwilderten Hausschweine schon mehrfach im Land gesehen hatte. Oder war es vielleicht einer der damals noch in großer Zahl im Norden lebenden Wasserbüffel? Später hat man versucht, alle Büffel abzuschießen, da sie keine einheimischen Tiere waren und zudem dem fragilen Ökosystem fürchterlichen Schaden zugefügt haben. Die Schritte, die sich noch immer gut hörbar auf uns zu bewegten, kamen aber – das wurde immer deutlicher – von einem Lebewesen, das auf zwei Beinen unterwegs war. Wir hatten die Nacht an einem sehr isolierten Platz verbracht! Hatte uns jemand beobachtet? Dann hätte diese Person uns doch auch eigentlich in der Nacht überfallen können. Ich griff – der Vorsicht halber – zu meinem wirklich mächtigen Survival-Messer, mit dem man zur Not nicht nur Bäume umsägen oder Fische fangen konnte, sondern im Extremfall vielleicht auch einem Menschen, der Böses tun wollte, Angst machen um ihn von seinen Plänen abzuhalten. Und dann sahen wir ihn und ein dicker Stein fiel mir vom Herzen: der untere rechte Teil eines Kasuar-Beines wurde wuchtig so vor unser Zelt gestellt, dass wir es gut erkennen konnten. Kasuare sind dem Emu ähnlich und ebenfalls flugunfähig. Die meisten von ihnen leben auf Neuguinea, aber auch in den nördlichen Teilen Australiens kommen sie vor. Sie werden noch größer als der Emu, bis zu 1,70 Meter groß und oft bis zu 60 Kilogramm schwer. Sie sind auch viel, viel schöner als der Emu obwohl sie auch nur ein schwarzes Federkleid haben. Aber ihre Markenzeichen, der blaue Kopf und der bunte Hals sowie der mächtige Helm (ein Horn) auf dem Kopf machen sie zu einer echten Schönheit. Die Vogelart gilt allerdings als eine der gefährlichsten der Welt! Bisher haben es nur Kasuare in Gefangenschaft vollbracht, gelegentlich ihre Besitzer zu töten! Der riesige Vogel kann kaum beruhigt werden, wenn er in Wallung gerät. Was wollte das Exemplar dort draußen, das mittlerweile mit dem nächsten Schritt beide Beine vor unser Zelt gestampft hatte, von uns? Uns auch töten? Wir lagen auf unseren Schlafsäcken und schauten gespannt aber leise nach draußen. Einen großen Teil der Beine des Tieres, das mächtigere Krallen hat als jeder andere Vogel der Welt, konnten wir nun sehen. Was würde geschehen? Einer unserer Töpfe dümpelte vor dem Vogel umher. Plötzlich senkte der Kasuar den Kopf und inspizierte das Gefäß genauer. Sicher hoffte er darauf etwas Fressbares zu finden? Jetzt sahen wir also die unteren Beine, den schönen Hals und den wundervollen Kopf des Tieres. Wir lagen so still wie möglich und versuchten, kein Geräusch zu machen. Wir wollten den Vogel weder verscheuchen noch zum Angriff motivieren. In diesem Fall war es wirklich allererste Pflicht, die Ruhe zu bewahren. Aber Kasuare haben offensichtlich gute Ohren? Wie in einem Horrorfilm blickte er plötzlich nach rechts zu uns ins Zelt. Ich schreibe bewusst wie in einem Horrorfilm, weil seine gesamten Bewegungen bis zu diesem Moment, sehr langsam und würdevoll waren. Aber dieser schnelle Blick nach rechts zu uns passte nicht zu dem Kasuarbild, das wir uns in der knappen Zeit gemacht hatten.

“Normale” Besucher des Landes sehen sie wohl nur in Vogelparks?

Was würde jetzt kommen? Ich umklammerte zur Sicherheit den dicken Griff meines Survivalmessers etwas fester, bereit, dem anstürmenden Feind, der mein Ungeborenes im Leib der Mutter hätte töten wollen, dieses Messer bis zum Schaft in seinen an Schönheit kaum mehr zu überbietenden Hals zu stechen, falls er es wagen würde. Zu unser aller Glück, wagte er es nicht! Aber er hatte wohl Interesse daran, was denn in unserem Vorzelt noch so alles zu finden sei? Mit der permanenten Feuchtigkeit der Tropen lebte der Kasuar ja ständig und deshalb sah er wohl auch kein Problem darin, sich zu bücken und Kasuartypisch (das bedeutet genau so wie Emutypisch, Nandutypisch oder Straußtypisch) mit lustigen Bewegungen des Kopfes an seinem langen Hals nach unserem Inventar zu schielen. Er suchte mit absoluter Sicherheit nach Nahrung. Vielleicht hatte er schon vor uns andere Touristen überfallen, die in ihrer Unerfahrenheit ihr Zelt in seinem Revier aufgeschlagen hatten? In der Hocke gefiel es ihm offensichtlich nicht mehr oder, er merkte, dass er im Sitzen noch tiefer in das Zelt würde vordringen können? Jedenfalls saß er plötzlich halb in unserem Vorzelt und halb draußen im Matsch. Er äugte hier und äugte dort, zuppelte an einer Trinkflasche die einen orangefarbenen Überzug hatte, inspizierte weitere Schuhe und blickte dazwischen immer wieder mal durch den Mückenschutz, den wir selbstverständlich in der Nacht geschlossen hatten und der jetzt die einzige verbliebene Trennwand zwischen uns und dem mächtigen Vogel war, zu uns ins Zelt hinein. Er wirkte dabei vollkommen unaufgeregt. Meine Unruhe legte sich langsam. Ich kam ein bisschen näher an die durchsichtige „Trennwand“ (die hätte im Prinzip jede entschlossene Mücke durchstoßen oder durchfliegen können) heran und gab ein schnalzendes Geräusch von mir. So ähnlich wie diese „schnalzenden Geräusche“ die man als Mensch von sich gibt, wenn man mit Hansi, Omas Wellensittich, ins Gespräch kommen will. Diese Laufvögel können wirklich sehr menschlich wirken! Ihre Gehirne sollen ja nicht sehr groß sein! Auf einer Zuchtfarm für Strauße in Namibia hatte uns der deutschstämmige und deutschsprachige Besitzer der Farm später einmal erklärt, dass das Gehirn der Strauße etwa die Größe einer Walnuss hätte. Er fügte hinzu, dass sich der Vogel nichts merken könne und jeden Fehler immer und immer wieder begehen würde. Der Vortrag blieb bei mir gut im Gedächtnis weil der Züchter ein Beispiel gab, welches in meinem Kopfkino sofort virulent wurde! Er meinte, dass man dem Strauß so richtig eine in die „Fresse“ hauen könnte und dass man danach nur um die Ecke würde gehen müssen, dann könne man zurück kommen und der Vogel hätte bereits vergessen, wer ihm da „die Fresse poliert“ hätte. Köstlich! Aber dämlich gucken können diese Laufvögel alle, auch wenn ich bestreiten würde, dass sie dämlich sind, denn sonst hätten die Emus den Krieg gegen die Australier nicht gewonnen. Nach dem Schnalzgeräusch guckte der Kasuar jedenfalls ziemlich blöd und: ziemlich blöd in meine Richtung. 1992zig fehlte mir die „Namibia-Erfahrung“ mit dem Straußenvogel, dem man „in die Fresse hätte hauen können“ ja noch! Aber wenn ich es gewusst hätte… Ich wäre versucht gewesen, es zu probieren. Wie kann ein so schöner Vogel nur so blöd gucken? Er zuckte zusammen wie ein junger Hund, der vor sich etwas entdeckt hatte, was er nicht kannte, fuhr schlagartig rückwärts aus dem Zelt und stellte sich X-beinig hin, so dass er weiter mit debilem Gesichtsausdruck zu uns ins Zelt schauen konnte. Dann stellte er sich hin, äugte sicherheitshalber noch einmal ins Zelt und lief dann genau so majestätisch und ruhig davon, wie er gekommen war. Ich hätte ihn gerne noch abgelichtet damals, aber bis ich die Alukiste (die mit dem Schutz gegen eindringende Feuchtigkeit) geöffnet hatte war er wieder im Unterholz verschwunden. Ich konnte seinen mächtigen Tritt noch hören, aber zu sehen bekam ich ihn nicht mehr. Schade! Einen Kasuar in freier Wildbahn habe ich nie wieder gesehen. Mein Bilder musste ich in Tierparks machen! Leider.

Manchmal müssen Flüsse durchquert werden um weiter zu kommen
Können und Erfahrung sind die besten Begleiter durch das Wasser

Wie beschrieben war die alte Piste zum Cape York einfach zu schlecht, um sie mit einer fast schon im sechsten Monat schwangeren Begleiterin zu bewältigen. Den endgültigen Verzicht auf dieses Kapp verkündeten wir uns gegenseitig, als wir mit dem Jeep zu einem sehr breiten Fluss kamen, der durchquert hätte werden müssen. Auf beiden Seiten standen bereits mehrere Fahrzeuge, die sich nicht trauten, die Durchquerung in Angriff zu nehmen. Es waren Touristen, auch Deutsche darunter. Einer der jüngeren Männer hatte sich an seinem Jeep angelehnt und schaute zu mir hinüber. Den kannte ich! Und: der kannte mich! Ich war zu dem Zeitpunkt, als wir in Australien unterwegs waren, ja noch immer als Student immatrikuliert! Ich hatte mich noch nicht 100%ig dazu durchgerungen, diesen Abschnitt meines Lebens zu beenden. Wir kannten uns von der Uni! Verrückt! Er war auch einer der Studenten, die bei meinem kostenlosen Vortrag im Audimax anwesend waren und ab da konnte ich mich auch wieder erinnern, dass wir danach noch miteinander gesprochen hatten. Er wollte damals wissen, welche Gebiete Australiens ich denn als nächstes gerne sehen würde, da ja die Sixpack-Tour nur von vierwöchiger Dauer war, konnten wir unmöglich das ganze Land visitieren! Ich sagte ihm, dass ich den tropischen Norden bis zum Cape-York gerne erleben würde und auch Tasmanien möglichst intensiv! Das hatte er sich gemerkt und sich zusammen mit seiner (nicht schwangeren) Freundin dorthin auf den Weg gemacht. Und jetzt trafen wir uns hier an einem Fluss am anderen Ende der Welt. Wir trafen uns aber nur, weil er schon seit mehr als 24 Stunden hier darauf wartete, dass das Wasser im Fluss zurückgehen würde, denn es wäre ein Ranger hier gewesen, der die dringende Empfehlung abgab, eine Weile zu warten, weil das Wasser zurückgehen würde. Sicher hätte es der eine oder andere Tourist gerne gewagt, mit einem Jeep da durch zu fahren, aber wenn man das Fahrzeug gemietet hatte, verlor man jeden Versicherungsschutz und musste für alle Schäden selbst aufkommen. Hatte man das Fahrzeug selbst gekauft und viel Geld bezahlt, lief man echte Gefahr, seinen Besitzstand wegzuwerfen! Es war bei diesem Fluss nur möglich, auf die andere Seite zu kommen (bei dem Wasserstand, der in diesem Moment dort tobte) wenn man ein geeignetes Fahrzeug, zum Beispiel einen Jeep, hatte, dass aber auch noch gewisse Extras haben musste. Der Kühlergrill musste mit einer Plastikplane abgedeckt werden, damit nicht unnötig viel Wasser durch die Schlitze des Kühlergrills in den Motorraum lief und der Vergaser musste einen Ansaugstutzen haben, der über die Höhe des Daches des Jeeps verlängert wurde, damit das „Auto“ auf keinen Fall Wasser einatmete. Denn das war in jedem Fall das Todesurteil für die erfolgreiche Durchfahrt. Später kam dann doch noch ein Einheimischer. Ein Jeep der eine Ladefläche hatte auf der auch drei Erwachsene Aborigines und ein Kind von ihnen saßen. Der Fahrer kannte seinen Fluss, fuhr ohne zu zögern hinein (er hatte die Abdeckplane wohl bereits vorher angebracht – jedenfalls war sie dran) und ließ während der Durchfahrt auch seine Seitenscheibe offen, obwohl das Wasser so hoch stieg, dass es in den Innenraum des Wagens lief. Die Aborigines auf der Ladefläche kannten das Spiel wohl schon? Die Ladefläche wurde jedenfalls auch geflutet und die Aborigines saßen im Wasser, auch der kleine Junge, der das nicht gut fand und schreiend einem der Erwachsenen um den Hals fiel. Tja, jeder Anfang ist schwer, auch der eines Aborigines! Als der Fahrer – typischer gelassener und cooler weißer Australier – unsere Seite des Flusses erreicht hatte, hielt er kurz an, grüße in die Runde, öffnete seine Fahrertür und gab dem Wasser im Inneren die Chance, wieder hinaus zu seinesgleichen zu fließen. Sind wirklich coole Leute diese weißen Australier. Habe sie auch immer sehr gemocht, aber einen „Wert“ für diesen charismatischen Kontinent haben sie für mich nicht! Nur Werte, die wir in Europa auch alle vertreten und kaum einer dieser Werte hilft der Welt! Auch ein Grund, warum viele Menschen gerne nach Australien oder Neuseeland reisen! Da gibt es eine sogenannte kulturell bedingte „Basis-Sicherheit“! Zu viel Fremdes macht eben doch oft Angst oder verunsichert! So eine kulturell bedingte „Basis-Sicherheit“ bekommst du bei einem Trip durch die Mongolei, Vietnam oder den brasilianischen Amazonas nicht. Jeder sucht sich seinen Platz, den ihm seine Gesellschaft, in der er aufwächst, anbietet. So sucht sich auch jede/r seinen Platz auf Reisen.

Die meisten schaffen es durchzukommen – aber nicht alle!
Felsmalerien gibt es mehreren Stellen des Landes
Solche aber nur im Kakadu Nationalpark
Australien ist das Land, in dem einige der giftigsten Schlangen der Welt leben. Hier eine King Brown Snake am Wegesrand
Oder eine Scarlett King Snake
Im Hinterland auch immer wieder Dingos
In Brisbane hatte sich viel verändert

Wir schlossen nach einer langen Fahrt vom äußersten Norden des Kontinents nach Sydney – das waren allein bereits über 3.300 Kilometer – diese 1992er Tour erfolgreich ab. Weitere Kontakte zu den Ureinwohnern hatten wir auf der Strecke entlang des Pazifischen Ozeans via Townsville, Brisbane und die Gold Coast nicht mehr. Auch nicht in Brisbane, wo wir zwar kurz in die Innenstadt fuhren um nachzuschauen, ob die dortigen Aborigines noch immer vor dem Rathaus saßen und ihren „Streik“ ausübten. Sie waren nicht mehr dort und zudem hatten man in der Zwischenzeit den Vorplatz verändert. Die Wiesenfläche war einer unschönen, aus Marmor bestehenden Gesteinslandschaft zum flanieren gewichen. Das war etwas, was ich nur geahnt hatte. Als wir dann in unser Flugzeug stiegen um den langen Heimflug anzutreten, war es auch „an der Zeit“, keine weiteren Flüge mehr zu machen. Die Schwangerschaft war nun in einem Stadium, in dem die werdende Mutter es bereits zu spüren begann, wenn die Beschleunigungskräfte des Flugzeugs an ihrem Bauch wirkten. Es ging alles gut und wie prognostiziert wurde im Juli desselben Jahres unsere „Tochter“ geboren. Etwas früher als berechnet, aber sie musste wohl raus, weil sie ein Riesenbaby von 5 Kilogramm war (ich höre mitlesende Mütter an dieser Stelle bis hierher stöhnen), es gab einfach keinen Platz mehr im Bauch! Sie hatte also Recht behalten, die Ruby aus Hermannsburg. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass ich so schnell nicht wieder nach Australien zurück kommen würde. Der stressige Job mit der Selbständigkeit, die geschäftliche Trennung von meinem Partner, dem die Sache einfach zu viel wurde und der lieber in sein einfaches und kleines Leben zurück wollte (auch er hatte in der großen 92er Gruppe die Liebe seines Lebens gefunden und wollte von da an seine Zeit möglichst nur noch mit dieser Person verbringen) und mich mitten in der Hochsaison hängen ließ, die Tatsache, dass da jetzt ein neuer kleiner Erdenbürger – gut, eine Bürgerin – zuhause auf mich wartete und sicher darauf bestand, dass ich so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen würde, verdrängten den Gedanken, irgendwie wieder nach Australien zu müssen. Ich war es ja gewöhnt, im Leben oft im Spagat zu stehen aber schmerzhaft bewusst wurde ich mir dieser Tatsache vor allen Dingen dann, wenn ich mein erfolgreiches „Geschäftsmodell“ einer Großbild-Präsentation des australischen Kontinentes vor Publikum hielt und jedes Mal etwas mit mir geschah, dass meine ohnehin recht guten rhetorischen Fähigkeiten nochmals deutlich verstärkte. Es war manchmal wie ein „Rausch“, wenn sich Sätze, Worte oder Satzstrukturen wie von selbst formten und ich – während ich sprach – mich oft über mich selbst wunderte, was ich denn da eigentlich reden und woher ich die Qualität nehmen würde, diese Strukturen so gebündelt und präzise in Worte zu fassen. Manchmal auch hatte ich das Gefühl, in einer Art Mission unterwegs zu sein. Die 92er Tour hatte mich, auch weil sie viel länger war als die erste Reise dorthin, innerlich vertieft. Ich hatte mich verändert. Mein gesamter damaliger Bekanntenkreis tauschte sich aus, viele der Altbekannten gingen und neue Leute, die vollkommen anders waren und von denen ich zuvor nie gedacht hätte, dass ich sie interessant finden würde, traten an ihre Stelle. Bei einem der Nachtreffen der jungen Leute der 92er Tour wurde das in der Aussage einer jungen Dame deutlich, die am Tisch zu mir (laut, so dass es alle würden hören können) sagte, dass sie mit mir überhaupt nichts mehr anfangen könne. Ich wäre ein anderer Mensch geworden der nur noch in Kategorien denken und reden würde, die ihr persönlich fremdartig erschienen. Es war aber nur ein Vorgefühl in mir am Wirken zu dieser Zeit. Zu sehr einzementiert in meinen Platz in meiner Gesellschaft, der mir angeboten wurde und den ich annahm, war ich damals noch. Aber ich ahnte bereits, dass sich das Beste im Leben nicht an Pläne oder Wunschvorstellungen hält. Oft kommt es, wie es kommt, und mir wurde mehr und mehr klar, dass ich die Dinge von allein würde geschehen lassen müssen. Oberste Priorität hatte die um eine Person angewachsene Familie, aber ich fühlte zu dieser Zeit immer häufiger dass das alles mit der Subtilität des Zufalls zusammenhing, mit meiner eigenen Offenheit. In meinen Ansprüchen an die Welt für mich selbst, war ich deutlich bescheidener geworden und erwartete zum Beispiel viel weniger als zuvor für mich, aber in der gelebten Wirklichkeit träumte ich noch immer von vielen Dingen, die unsere Leben auch materiell breichern. Wenn auch nicht für mich, sondern für die Verbesserung der Lebensqualität und der Absicherung meiner Familie. Vom Gesetz der Anziehung hatte ich natürlich schon gehört und glaubte auch, dass wir Menschen dazu in der Lage sind, dank dieser energetischen Verbindungen, die unseren eigenen Gedanken und Gefühle entspringen, alles erreichen oder sein können, was oder wer wir sein möchten. Man ist eben auch immer, was man denkt! Wenn es doch auch im Universum eine Gesetz der Anziehung gab, konnten die Dinge im zwischenmenschlichen Beziehungen nicht noch viel einfacher sein? Selbsterkenntnis führt dazu, alle Verbindungen und auch das Selbstbewusstsein zu stärken und damit den Ursprung der Einfachheit aller Dinge zu finden. Das Leben folgt keinem Plan, es ist genau nicht systemisch und oftmals passiert genau das Gegenteil von dem, was wir uns so schön ausgemalt und für die Zukunft gewünscht haben. Das Leben passiert einfach und ich bin in dieser Zeit innerlich bereits auf einen neuen „Zug“ (im übertragenen Sinn) aufgesprungen, um meinen persönlichen Zug des Lebens in vollen Zügen auskosten zu können. Es ging dabei immer weniger um die wirtschaftliche oder monetäre Komponente, auch wenn mir die Realität aufzeigte, dass es in unserem Gesellschaftssystem ohne solcherlei Denken nicht möglich war, seinen Platz zu halten. Die verinnerlichten Empfindungen begannen, sich nach Außen durchzuarbeiten. Trotz alledem: Im Leben gibt es keine Zügel, durch die wir alles steuern könnten. Wir können nicht kontrollieren, was morgen passieren wird, und noch weniger können wir uns Ziele stecken, die einfach unerreichbar sind. Träume, die von denen die vorgeben das Wissen in Händen zu halten gerne als Schäume bezeichnet werden, nähren aber in Wirklichkeit unsere Vorstellung und geben uns Kraft und die nötigen Mittel, um unsere Ziele zu erreichen. Nicht umsonst wird die Vorstellungswelt der Aborigines Traumzeit genannt. Für sie ist der Traum die tiefere Realität. Damals begann ich zu ahnen, was ich heute mit Sicherheit weiß: wir müssen uns in Bescheidenheit üben und lernen, gelassener und flexibler durchs Leben zu gehen.

Pelikane in Brisbane am Hafen
Und Pelikane in der Luft
Gelbhauben-Kakadu im Stadtpark

Jede Veränderung geht auch mit gewissen Unsicherheiten einher. Dann ist es gut, wenn eine Bestätigung durch äußere Umstände zu einem kommt, die einem verdeutlicht, dass das, was gerade passiert, genau richtig ist. Einer meiner Termine mit der Multimedia-Präsentation über Australien führte mich auch nach Berlin. Dort saß eine hoch interessierte junge Frau im Publikum, die sofort am Ende der Veranstaltung auf mich einstürmte, weil sie während des Teils des Vortrages, in dem über die Ureinwohner referiert wurde, so viele sie selbst bestätigende Dinge hörte, dass es in ihrem Inneren zu einem wahren Erdrutsch kam. Sie hatte sich noch nie getraut, diese Empfindungen mit jemandem zu besprechen, hatte Angst, ausgelacht oder ausgegrenzt zu werden. Wir redeten eine Weile und verabredeten uns am nächsten Tag auf einen Kaffee in einem der typischen Straßencafés im Bezirk Prenzlauer Berg und hatten uns von der ersten Minute an sofort mit Tiefgang „am Wickel“. Irgendwann unterbrach sie ihre Rede und starrte auf die andere Straßenseite. Sie hatte zuvor fast ununterbrochen gesprudelt, so dass es schon fast eigenartig wirkte, dass sie nun plötzlich so stumm war. Dann sagte sie, dass ich mich einmal umdrehen und auf die andere Straßenseite schauen solle. Ich tat wie gewünscht und wusste augenblicklich, was sie meinte. Dort drüben, etwa noch 50 Meter von uns entfernt, lief ein älterer Mann mit graumeliertem Haar, der einen orangefarbenen Überwurf trug, der mich an die tibetischen Mönche erinnerte. Sandalen hatte er an. Was die Situation aber noch eindrucksvoller machte, das besondere Bild abrundete, war die deutlich jüngere, gutaussehende Frau, die etwa drei Schritte hinter ihm lief, ebenfalls einen Überwurf wie einen indischen Sari trug und ein noch sehr kleines Kind in den Armen hielt. Der Kopf des Kindes lag an ihrem Hals auf ihrer linken Schulter, während die Mutter es mit einer Hand unter dem Hintern und der anderen am Rücken trug. Ich fühlte sicher, dass sie die Partnerin des deutlich älteren Mannes war und dass es dessen Kind war, dass sie trug. Und wie die beiden liefen! Ein kompletter Unterschied zu der wuselnden Hektik der „Normalen“ um sie herum. Sie liefen für meine Begriffe nicht, sie schritten und erinnerten mich irgendwie an die Art zu laufen, wie es die Aborigines in Australien taten. So ehrfurchtsvoll. Der Mann trug seine Hände gefaltet vor sich und das auffällige Paar, das immer den exakt selben Abstand zueinander hielt, näherte sich auf der anderen Straßenseite dem Platz, an dem wir im Außenbereich vor dem Café saßen. Meine Gesprächspartnerin meinte, dass ich aufpassen solle, der würde jetzt gleich stehenbleiben und zu mir rüber schauen, sie sei sich sicher. Ich war es übrigens auch. Keine Ahnung warum, von den speziellen Verbindungen, die Menschen miteinander haben können, hatte ich zwar bereits eine Ahnung, konnte es damals aber nicht genau definieren. Der einem tibetanischen Mönch ähnlich sehende Mann blieb tatsächlich genau gegenüber unseres Platzes auf der anderen Seite der Straße stehen und sah mich an. Seine jüngere Partnerin mit dem Kind auf dem Arm, blieb im selben Moment auch stehen, schaute aber nach links oben in die Bäume oder blickte auf ihren Nachwuchs. Sie sah nicht ein einziges Mal zu uns rüber, wartete aber offensichtlich im Gleichklang mit ihrem Partner ab, wann es weitergehen würde. Der einem tibetanischen Mönch ähnlich sehende Mann blickte für eine Weile ohne erkennbare Veränderung seiner Mimik in meine Augen und ich blickte zurück. Gelassen aber dennoch eine wenig angespannt. Ich erwartete wohl, dass es nun zu einer Art nonverbalen Kommunikation kommen würde? Ich hatte eine solche Erfahrung noch nicht gemacht, war mir aber sicher, dass es sie gab. Nach einigen Sekunden fing der einem tibetanischen Mönch ähnlich sehende Mann auf der anderen Straßenseite an zu lächeln. Und was für ein Lächeln! So als ob alle Weisheit der Welt darin verborgen lag. Er lächelte mich an und ich lächelte – wohl etwas unbeholfen wirkend – zurück. Später haben meine Gesprächspartnerin und ich versucht uns zu erinnern, wie lange der ganze Vorfall gedauert haben mochte? 30 Sekunden vielleicht? Wir konnten keinen Zeitrahmen für das Geschehen festlegen, was ja allein schon merkwürdig oder bemerkenswert war. Der noch immer lächelnde Mann auf der anderen Straßenseite nickte mir zweimal zu. Es war so bedeutend, in meinem damaligen Entwicklungszustand empfand ich es so, als ob er wie eine Mutter neben mir stehen würde, mir über den Kopf streicheln und sagen würde, dass ich gerade etwas sehr gut gemacht hätte. Irgendwann setzte er seinen Weg fort und im selben Moment, in dem er den ersten Schritt setzte, bewegte auch die junge Frau mit dem Kind ihre Beine, so als wären sie eine Einheit gewesen. Ich bleibe dabei, dass es eine gehörige Portion Mut erfordert, diese Geschehnisse zu beschreiben. Auch hier gäbe es zumindest eine Zeugin, die bei dem Vorfall anwesend war und ihn so bestätigen könnte, auch wenn ich seit vielen, vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr habe. Aber sie existiert noch immer in ihrer fleischlichen Hülle in Berlin, ich kann sie spüren.

Ende der 1992er Reise in den Blue Mountains und in …….
Sydney – mit verheerenden Folgen!

Ich bin erst 1995zig erneut nach Australien gekommen – unter vollkommen veränderten Bedingungen, was meine persönliche Situation anbelangte. Meine damalige Partnerin, mit der ich 1992zig so lange in Australien unterwegs war, und ich, hatten uns getrennt. Wir waren mit unseren auf gegenseitiger Erwartung gebauten Luftschlössern gescheitert! Der Alltag hatte uns bewiesen, dass die Wünsche der jungen Liebe, die uns sagen lässt, dass das Glück ewig halten würde und das Niemand uns verletzen könne, nicht lange Bestand hatten.  Aber emotional unverletzlich zu sein und ein Märchen zu leben, in dem sich alle Träume erfüllen, nur weil das so erwartet wird, ist im wahren Leben schlichtweg unmöglich. Als ich mir – durch diese Entwicklung befeuert – die Sinnfrage zu stellen begann, war ich auch nicht mehr derselbe selbständige Geschäftsmann und die Dinge begannen sich auch im wirtschaftlichen Bereich zu verschlechtern. Es zog mich förmlich nach Australien zurück und um nicht den wirtschaftlichen Totalschaden zu erleiden, verknüpfte ich meine Reise wieder mit der Führung und Betreuung einer Reisegruppe und blieb im Anschluss weitere drei Monate dort allein. Und es waren dann diese drei Monate, in denen ich mich wenigstens partiell von denn Alltagssorgen und dem Stress der Verbindlichkeiten mit der Heimat freimachen konnte um dadurch offen zu werden für neue Erfahrungen. Neue Erfahrungen, die mein ganzes weiteres Leben veränderten und von denen ich niemals gewagt hätte zu träumen, dass sie mir jemals zuteil werden würden. Der schwierigste Teil an der gesamten Unternehmung war die unverbrüchliche, starke Beziehung zu meiner Tochter. Allein sie für diese lange Zeit zu verlassen, nagte an meinem Gewissen wie selten etwas zuvor. Und wieder war es ein Aborigine, der mir den Ratschlag gab, diesen Gedanken an meine „Tochter“ für eine gewisse Zeit aus meinem Kopf zu entfernen, weil es sonst nicht möglich wäre, zu meinem Innersten vorzudringen. Und: er wusste weder etwas von einer „Tochter“, noch davon, dass es sie gab! Zumindest habe ich nie darüber gesprochen, denn diese bittersüße Sehnsucht, die tödlich hätte enden können, die aber auch gleichzeitig ein gesunder Nährboden für eine vertiefte Demut dem Leben gegenüber war, sollte ganz allein die meine bleiben.

Wird fortgesetzt

Alles was gezählt hätte – unser “australisches Mädchen” am Tag nach der Geburt

RR aus BN am 21.11.2020

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1 Comment
  • Maria Gassner
    Posted at 09:26h, 22 November Antworten

    Spannend wie immer und schonungslos ehrlich erzählt. Bei manchen Passagen denke ich mir ob das nun die damaligen Gefühle und Einstellungen waren, oder eher die heutigen aus der Sicht der Erinnerung. Bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergeht.

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