Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 05

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 05

Die Sinne, die Tiefe und die Täuschung

Immer wieder brennt es “menschgemacht” in Australien

Welche Möglichkeiten haben denn „Nicht-Aborigines“ eigentlich, den anders gelagerten Sinnen und Wahrnehmungen dieser Menschen auf die Spur zu kommen? Die in unseren Gesellschaften so wichtigen „Beweise“ zu erhalten? Es kommt wie in jedem Fall wohl auch in diesem darauf an, ob man die Offenheit für das Fremdartige in sich trägt oder nicht. Wer die Gelegenheit hatte, eine Reise um die Welt bis nach Australien – wo man überhaupt erst in die Lage versetzt wird, Aborigines zu begegnen – zu unternehmen, wird zumindest Möglichkeiten erhalten haben, diese Personen zu bemerken. Aber machen wir uns nichts vor: jede/r in unserer Gesellschaft unterliegt den Vorstellungswelten einer Gemeinschaft, die auf allen Ebenen glaubt, überlegen zu sein. Warum also aufmerksam in eine Richtung fühlen, aus der prinzipiell nur Unterlegenheit kommen kann? Und wenn der günstigste Fall eingetreten ist und ein (als Beispiel) europäischer Mensch dort im Lande sich neuen Erfahrungen stellen will, taucht eine Gretchenfrage auf: Glauben wir, was wir sehen, oder sehen wir, was wir glauben? Dass Menschen mehr oder weniger frei von Gefühlen und Gedanken ihr Umfeld wahrnehmen, ist eben falsch, auch wenn etliche wissenschaftliche Analysen uns vormachen wollten, dass das so sei. Heute aber zeigen Studien, dass unsere Emotionen, Sprachgewohnheiten und Vorurteile so prägend sind, dass sie entscheiden, wie wir die Welt erleben. Ich sehe was, was Du nicht siehst, ist zwar in erster Linie als Kinderspiel bekannt, hat aber durchaus einen ernsten Hintergrund. Denn jedes Bild und jeder Ton, den wir erleben, wird beeinflusst durch die Gemütszustände in denen wir uns zu diesem Zeitpunkt befinden. Und die persönliche Weltsicht spielt ebenfalls eine Rolle. Dass ist leicht nach „abendländischen Vorstellungen“ zu beweisen, denn ein Stück Kuchen wirkt unterschiedlich groß und begehrenswert, wenn die Person, die darauf blickt, Hungergefühle hat oder nicht. Wenn sich die Gelegenheit ergibt und ich im vorgerückten Alter versuche, mich im nahegelegenen Wald zu trimmen und eine Art Jogging betreibe, dann wirkt der eine Berg, der auf der Hausstrecke bewältigt werden muss, immer viel steiler als in den Momenten, in denen ich dort lediglich spazieren gehe. Meine Frau und ich haben ihm deshalb den Doppelnamen „Guter Berg / Böser Berg“ gegeben, je nachdem ob wir dort nur durch den Wald spazieren oder ob wir uns durch Jogging körperlich belasten und anstrengen müssen. Gesichter von Menschen, die afrikanische Züge tragen, werden immer für dunkler gehalten, als sie tatsächlich sind. Auf unserer letzten Reise durch Griechenland im Oktober 2019 erklärte uns unsere Reiseleiterin, dass Griechen feiner Blaunuancen unterscheiden können als andere Völker. Wir können uns ja nicht in die Hirne der Griechinnen & Griechen beamen um zu überprüfen, ob das stimmt, aber die griechische Sprache kennt mehr Worte für diese Farbgruppe als jede andere Sprache. Machen wir uns also die Welt, wie sie uns gefällt?

Moralisch aufgeladene Worte wie zum Beispiel Gerechtigkeit oder Gottesfurcht sollen uns ja quasi entgegenspringen, am besten tief in uns hinein! Unsere Wahrnehmungen wurden durch den kulturellen und gesellschaftlichen Überbau in dem wir seit Jahrtausenden leben, für moralische Worte geschärft, so dass diese Worte im Denken bereits eine besondere Bedeutung errungen haben. Ob wir es wollen oder nicht: wir sind auf die Begriffe derart reiz-konditioniert, dass wir sie nicht mehr ohne Hintergedanken hören können. Wir sind also das Ergebnis der Sprachmanipulationen, die in vergangenen Generationen zur Festigung bestehender Herrschaftssysteme über uns ausgebreitet wurden. Es gibt offensichtlich so viele Dinge, die Wahrnehmung der Welt beeinflussen? Bei den ursprünglichen Effekten ging es niemals um die Moral, sondern um Herrschaftssysteme, die es zu sichern galt. Zum Glück gibt es ja auch Begriffe, die aus anderen Bereichen des Lebens stammen und denen ebenfalls mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird und die die Wahrnehmung verändern. Wenn sie uns „Spaß“ versprechen zum Beispiel. „Urlaub“, „Strand“ oder „Sex“ wären solche Schlagwörter. Hirnprozesse verändern schlicht die Wahrnehmung. Das lässt sich auch beim Spiel beweisen. Nehmen wir als Beispiel mal das Schachspiel? Richtig gute Schachspieler/-innen sehen ein Schachbrett anders als die minderbegabten oder „nicht Spieler“. Ich sah auch immer nur Figuren und Felder und wusste, dass ich die Aufgabe hatte meine Gegner mit Strategien zu besiegen. Ich war nur ein mittelmäßiger Schachspieler und habe in einem ehemaligen Klassenkollegen – bereits in der Grundschule – schmerzhaft erfahren müssen, dass es Personen gibt, die mir offensichtlich meilenweit überlegen sind! Klaus-Georg siegte immer, er machte jede Partie kurz und knapp zu einem Gemetzel an seinen Gegnern. Als ich meine mit damals absoluter Sicherheit geglaubten „sicheren Niederlagen“ zu verdauen begann, bat ich den gleichaltrigen Meister um Nachhilfe! Er sah schon lange keine Figuren und Felder mehr, sondern überflog das Brett mit seinen Augen und erkannte danach ausschließlich Strukturen und Strategien. Der Anfänger wird in so ziemlich jedem Fall erst zum Meister, wenn er nicht mehr angestrengt nachdenken muss, sondern die relevanten Muster einfach sieht. In Klaus-Georg´s Familie wurde schon immer Schach gespielt, er war von Anfang an mit diesem Spiel konfrontiert worden. Natürlich war der Bursche auch von „hoher Intelligenz“ (er war sogar der „Schul-Schlauste“) und hatte schlicht Talent für das Erkennen der systemischen Zusammenhänge dieses Spiels, aber durch die längere Zeit, in der er spielte, veränderte sich nicht seine Wahrnehmung, sondern seine Aufmerksamkeit wurde geschärft. Das eben beschriebene Klaus-Georg-Beispiel kann jeder, der die Zeilen hier liest (lesen kann) an sich selbst überprüfen, auch wenn vielleicht das wissenschaftliche Verständnis fehlt: wenn wir lernen zu Lesen, übernehmen Nervenzentren im Gehirn das anfangs mühsame Entziffern der Schrift. Später – bei etwas mehr Übung – wird die gleiche Aufgabe von anderen Nervenzentren im Hinterkopf übernommen. Von da an nehmen wir nicht mehr winzige Kurven und Striche wahr, sondern direkt Buchstaben oder Worte. Damit hätte die Wissenschaft „bewiesen“ dass nicht die Wahrnehmung selbst sich verändert, sondern dass die Aufmerksamkeit zielgerichteter wird. Mittlerweile wird immer deutlicher, dass die Aufmerksamkeit beeinflusst, was wir sehen. Was wir sehen und was wir denken ist nicht dasselbe. Die Wahrnehmung wird nicht direkt von unseren Vorlieben, Wünschen, Gefühlen oder auch unserer Sprache beeinflusst, aber auf jeden Fall indirekt. Wer glücklich ist, dem erscheinen Gesichter heller, Farben intensiver. Dabei sind die Gesichter nicht heller und die Farben nicht intensiver! Unsere Wahrnehmung suggeriert es uns schlicht.

Und die persönliche Weltsicht spielt ebenfalls eine Rolle.

Werbefaktor “beautiful beaches”

Da kommen wieder die vielen Paralleluniversen ins Spiel. Auch ich bekenne mich dazu, in einem der vielen Milliarden Paralleluniversen unterwegs zu sein und meine persönliche Weltsicht stets in mir zu tragen. Heute morgen hatte ich wieder den Beweis dafür, als ich im Internet in meiner Morgenlektüre einen Artikel über eine an Muskelatrophie erkrankte 40-Jährige Betreuungsrichterin am Amtsgericht in Trier las. Die Richterin fürchtet, dass bei einsetzender Überlastung der Intensivstationen die Mediziner die Methode des Triage-Auswahlverfahrens anwenden müssen um zu entscheiden, wer beatmet wird und wer nicht. Klartext? Wer leben darf und wer nicht! Sie befürchtet, dass dann, wenn ein gesunder, junger Familienvater eingeliefert werden würde, der an die Beatmungsgeräte angeschlossen werden muss, sie von der Maschine abgehängt werden würde und sterben müsse. Sie fürchtet konkret, als Erste aussortiert zu werden. Die Deutsche Vereinigung für Notfallmedizin hat Leitlinien für diese „Triage“ erarbeitet. Ein wichtiges Kriterium für die Frage, welcher Patient intensivmedizinisch behandelt wird und welcher nicht, ist die Einschätzung, wer die besten Aussichten hätte, eine solche Therapie zu überleben – oder wer mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben würde. Bei wem wird also der Versuch unternommen, ihn zu retten und bei wem nicht? Die Leitlinien gehen in die Richtung, dass die Erfolgsaussichten einer lebensrettenden Behandlung Priorität haben. Vorerkrankungen und andere körperliche Einschränkungen senken diese Erfolgsaussicht. Wer also darf gerettet werden, und wer nicht? Die Frage ist nach Meinung der 40-Jährige Betreuungsrichterin am Amtsgericht immer auch eine gesellschaftliche und niemals nur eine rein medizinische. Die 40-Jährige sieht Grundrechte verletzt, zum Beispiel das Recht auf Gleichheit! Niemand dürfe aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden. Sie argumentiert, das dann, wenn das maßgebliche Kriterium die klinische Erfolgsaussicht wäre, es Patienten, die einer Risikogruppe angehören, immer schwerer hätten als die anderen. Deshalb hat sie Klage eingereicht und möchte, dass der Gesetzgeber entscheiden soll. Die Frage der Triage soll nach ihrem Willen durch ein Gesetz geregelt werden und nicht allein durch Empfehlungen medizinischer Fachgesellschaften. Sie wirft dem Staat konkret vor, bei dieser existenziellen Frage wegzuschauen und indirekt eine eigentlich verbotene Abwägung von Leben gegen Leben in Kauf zu nehmen. Als Betroffene hofft sie natürlich, dass es bald eine gesetzliche Grundlage für die Triage geben könnte. Aus ihrer Sicht wäre nur ein Prinzip gerecht: Wer zuerst da ist, bekommt auch die Behandlung. Sie räumt ein, dass sie dann vielleicht stirbt, aber sie findet es gerechter, zu sterben weil sie zu spät dran war, als aus dem Grund, weil sie behindert ist. Und die persönliche Weltsicht spielt ebenfalls eine Rolle bei der Wahrnehmung! Wie unterschiedlich würden die Meinungen zu dem geschilderten Fall aussehen, wenn es dazu eine – ganz sachlich geführte – Diskussion gäbe? Jeder hat seine persönliche Sicht auf die Dinge und in Notsituationen nutzen wir alle Möglichkeiten, um unsere Interessen durchzusetzen. Das Interesse am Leben zu bleiben, steht an oberster Stelle. Der bisherige Verlauf der Dinge in unseren Gesellschaften hat dazu geführt, dass es prinzipiell keine Rolle spielte, ob der Würdenträger in einer solchen Situation als „Zweiter“ kam und eigentlich hätte verlieren müssen! Die Stellung in der Gesellschaft wurde immer herangezogen, um die Vorteile und Privilegien der oberen Gesellschaftsschichten aufrecht zu erhalten. Vielleicht fürchtet die 40-Jährige auch, dass in einer solchen Situation, in der Corona den Menschen neue Verhaltensweisen auf diktieren „könnte“, ihr Bonus, zum systemrelevanten Teil der Gesellschaft zu gehören und damit immer eine Vorrechtsstellung einnehmen zu können, endet? Spricht nicht am Ende doch wieder der Statusgedanke aus ihr? Der eiserne Wille auf jeden Fall am Leben zu bleiben? Ich habe eines meiner größten Talente im erkennen von systemischen Zusammenhängen. Es ist riskant, diese Erkenntnisse in den Raum zu stellen, aber es soll in diesem Artikel damit nur bewiesen werden, dass wir die Welt alle unterschiedlich wahrnehmen. Das macht es so kompliziert! Wo ist der mögliche Weg? Wenn also nach dem augenblicklichen, flüchtigen Kenntnisstand der Menschen und seiner Wissenschaften am Schachspiel bewiesen werden kann, dass die gesteigerte Aufmerksamkeit eine Steigerung der Fähigkeiten in den Wahrnehmungen auslöst, dann hätten wir einen „wissenschaftlichen Anfangsbeweis“ dafür, warum die Aborigines solch ungeahnte Fähigkeiten haben! Wenn ein Volk vielleicht schon 3.000 Generationen lang, ungestört von den Machtspielen, der Gewalt und dem Vergnügen der Außenwelt, seine immer gleichen Wege geht, sich immer mehr auf seine Umwelt konzentrieren kann, dann wird die Konzentration auf das, was die Ureinwohner ihre „Traumzeitpfade“ nennen immer intensiver geworden sein in diesen vielen Jahrzehntausenden. Diese Aufmerksamkeit tragen sie mittlerweile in den Genen und haben sie auch in den Zeiten der brutalst möglichen Unterdrückung durch die ins Land gekommenen Besatzer auch nicht verloren. Auch dafür kann fast jeder Mensch Beispiele in seinem Leben finden, auch wenn sie dann oft „tierischer Natur“ wären.

Als im Haushalt meiner Eltern alle Kinder das Haus verlassen und ihre eigenen Leben in die Hände genommen hatten, starb irgendwann unser „Dackel“, der für die Eltern ein Lebensmittelpunkt war. Und auch wenn sie angaben, nun kein Tier mehr zu wollen, interpretierte ich ihre Aussage anders: es wäre gut für sie, wenn es wieder einen tierischen Begleiter in ihrem Leben geben würde. Ich ging auf die Suche nach einem Welpen, der auch gerne wieder ein Dackel sein konnte. Die einzige Möglichkeit, ein solches Tier in dem mir damals zur Verfügung stehenden knappen Zeitrahmen zu erwerben, fand ich bei einem Förster, der „Teckel“ züchtete. Einer der Welpen hatte eine Fell-Anomalie und der Förster wusste, dass er dieses Tier nicht zu weiteren Zuchtzwecken würde verwenden können. Dieser eine „Teckel“ hatte wenig „Nutzen“ für ihn. Er gab ihn im Alter von sechs Wochen an mich ab und ich machte ihn meinen Eltern zum Geschenk. Und wie erwartet schmolz der angekündigte Widerstand gegen einen neuen Hund mit jedem Dackelblick, den der Herzensbrecher seinen neuen Besitzern zuwarf. Aber dieser Hund war komplett anders als der zuvor verstorbene Hausdackel! Er trug noch deutlich die Gene des Jagdhundes in sich und verhielt sich in Situationen, in denen der „alte“ Dackel gleichmütig war und keinerlei Reaktionen zeigte, wie ein wildes Tier, auch wenn er genauso verschmust sein konnte und den Platz auf dem Fernsehsessel neben meinem Vater mit derselben Inbrunst und Glückseligkeit einnahm wie sein Vorgänger. Ging man mit dem Teckel auf einer Wiese spazieren, blieb er manchmal abrupt stehen, legte sein Ohr auf den Boden und schob seinen Kopf – das Ohr immer am Boden lassend – über das Grün, stoppte hin und wieder in voller Konzentration und am Ende gelang es ihm oft, einen Maulwurf zu fangen, der seinen Hügel gerade von unten bearbeiten wollte. Auch wenn er nun in einer häuslichen Gemeinschaft lebte hatte er seine Instinkte nicht verloren. Bei einem Waldspaziergang (ja, ohne Leine, die Revierförster dieser Welt mögen nun über mich herfallen) blieb er normalerweise immer in unserer Nähe, aber an einem der Tage, als ich dabei war, gab es kein Halten mehr. Er hatte Witterung aufgenommen und stürmte davon – ich hinterher, wissend, dass die Wildtiere vor ihm in seinem Erregungszustand beschützt werden mussten. Ich sah ihn gerade noch in einem Erdloch verschwinden und diese Teckel können ihren Hinterkörper ganz flach machen (das konnte der alte Langhaardackel nicht!), so als ob sie ihre Beine aus der Hüftpfanne auskugeln würden. Er steckte kopfüber in diesem Loch und ich konnte ihn gerade noch am Schwanz packen um zu verhindern, dass er zur Gänze im Loch verschwinden würde. Vom Inneren hörte ich neben seinem Knurren auch eine weitere Tierstimme und es schienen Kampfhandlungen ausgebrochen zu sein? Mittlerweile waren auch die besorgten Eltern zur Stelle und ich konnte spüren, dass sie Angst um ihren Hund hatten, auch weil sie dachten, dass dieser Teckel oft nicht wissen würde, was er eigentlich tat. Das Getöse im Inneren des Loches nahm nicht ab. Ich begann, mir auch Sorgen zu machen! Sollte ich am Ende den Hund in zwei Teile zerbissen wieder aus dem Loch zurück erhalten? Ich zog mit aller Kraft an seinem Hinterleib und am Ende spürte ich, dass ich Zentimeter für Zentimeter gewinnen konnte. Als dann auch noch beide Eltern mit anpackten gelang es, den Teckel aus dem Loch zu ziehen und am Ende des Teckels hing ein Fuchs! Die beiden Tiere hatten sich ineinander verbissen und der Fuchs ließ seinen Biss erst los, als ihm klar wurde, dass jetzt Menschen auf dem Kampflatz erschienen waren. Noch während er am Hund hing, äugte er ängstlich auf uns und seine Fuchs-Wut wandelte sich in Fuchs-Panik. Er ließ los, musste noch zweimal kräftig schütteln, damit auch der Teckel seinen Biss-Griff nicht mehr halten konnte und stürmte davon. Ich lag auf dem Hund und nur zu dritt konnten wir verhindern, dass er in wilder Teckel-Hatz dem Gegner erneut hinterher stürmte. Ich dachte nur, dass der Försterhund mit dieser Aktion seinem Namen alle Ehre gemacht hatte. Er hieß mit vollem Namen nämlich „Lauser vom Fasanenhort“. Ein Lauser halt!

Koalas können mit etwas Geduld auch in freier Natur beobachtet werden

Ja gut, werden jetzt wieder all diejenigen raunen, die den theoretischen Modellen der Selbstüberhöhung des Menschen (Gottesgleich und so weiter) unbedingten Glauben schenken wollen. Das eine ist ja „nur“ ein Tier, das andere ist der „edle“ Mensch! Schlecht nur, dass die Wissenschaften (wenn sie nicht theologischer Natur sind) uns verstärkt klarmachen wollen, dass es die Entwicklung des Menschen aus der Linie der Primaten heraus tatsächlich gegeben hat, auch wenn es Gegenkräfte gibt (zum Beispiel in den USA oder in den religiösen Gottesstaaten des Morgenlandes), die gerne die Todesstrafe wieder einführen würden (USA) oder bereits als praktikabel erkannt haben (Iran, Irak, Arabien und viele, viele andere) um diejenigen zum Tode zu führen die es wagen, ein auf Vernunft basierendes neues Weltbild zu schaffen. Und wenn wir unsere Leben etwas mehr aus der wissenschaftlichen Perspektive heraus betrachten würden, kämen wir zu dem Schluss, dass es sich bei der Spezies Sapiens auch nur um ein – geistig hoch entwickeltes – Tier handelt. Und warum sollte der Teckel dann etwas können, was den Ureinwohnern Australiens verweht bleibt? Hatte man sie nicht zu Beginn der Besiedlung dort als Tiere klassifiziert? Immer wieder taucht meine Einlassung in meinen Berichten auf, dass es gut ist, wenn Zeugen für die beschriebenen Vorfälle genannt werden könnten. Damit drücke ich im Prinzip aus, dass auch mein Weg noch lange nicht vollkommen ist, weil ich es als sehr wichtig erachte, dass meine Ansätzen verstanden werden und dass ich sie notfalls beweisen kann. Ich kenne einige Personen – von denen der Dalai Lama lediglich der bekannteste ist – denen es vollkommen egal ist ob ihre Worte gehört oder verstanden werden: sie leben mit sich vollkommen im Reinen und ich denke, dass es für einen spirituellen Werdegang, hin zu einer höheren Erkenntnis, ganz am Ende vollkommen unwichtig wird, ob man gehört wird oder nicht? Aber bei dem folgenden Beispiel, welches die enormen Fähigkeiten der Aborigines unterstreichen soll, waren eben mal wieder viele Personen anwesend, die als „Zeugen“ genannt werden könnten. Ich habe kürzlich überschlagen, wie oft ich denn eigentlich mit Reisegruppen als verantwortlicher Begleiter oder Reiseleiter in Australien unterwegs war. Wenn mir trotz meiner intensiven Nachdenkerei darüber nicht die eine oder andere Gruppe durch geflutscht ist, komme ich auf neun Reisen dieser Art. Und nur bei einer einzigen Tour hatten wir dort einen Fahrer, der eindeutig ein Aborigine war, wenn auch – nach seinen Angaben – kein Echter! Das bedeutet nicht, dass wir bei neun Gruppenreisen auch nur neun verschiedene Fahrer gehabt hätten! Australien ist ein sehr großes Land und wir mussten immer auch Inlandsflüge buchen, um in die weit voneinander entfernt liegenden Zielgebiete zu kommen. Um es denen zu verdeutlichen, die sich keine Vorstellungen von der Weite des Landes machen können. Der Kontinent ist fast 7,7 Millionen Quadratkilometer groß! Europa ist zwar mit über 10 Millionen Quadratkilometern größer, wird aber von den meisten Menschen nicht in dieser Gesamtfläche gesehen, da wir – um diese Fläche zu erreichen – bis zum Gebirge des Ural in Russland gehen müssen. Vereinfacht ausgedrückt ist Australien so groß wie die Distanz zwischen Island und Istanbul und Madrid bis Moskau! Das erklärt automatisch auch, warum man Inlandsflüge nutzen muss. Wenn wir in Sydney ankamen hatten wir in der Regel einen Busfahrer „1“, der dann die Strecke bis Melbourne oder Adelaide fuhr. Mit dem Flugzeug ging es dann weiter bis ins Rote Zentrum bei Alice Springs und dann kutschierte uns Busfahrer „2“ durch diese Gebiete. Weiterflug nach Darwin in den tropischen Norden und so kam Busfahrer „3“ ins Spiel. Die Regionen um Brisbane und dem Great Barrier Reef wurden von Busfahrer „4“ absolviert. Wenn die Insel Tasmanien Bestandteil der Reise war und auch noch der Westen bei Perth besucht wurde, konnten es also bis zu 6 verschiedene Busfahrer sein. Nehmen wir den Mittelwert von 5! Bei neun Reisen hatte ich also Bekanntschaft mit 45 verschiedenen Busfahrern gemacht. Wenn wir auf Parkplätzen waren, wo sich weitere Busse von anderen Unternehmen mit anderen Gruppen versammelt hatten und die Fahrer dieser bis zu 40 oder 50 Busse (wie zum Beispiel beim Sonnenuntergang am Ayers Rock) zusammen standen, fiel mir niemals ein Fahrer auf, der das Aussehen eines Aborigine hatte. Umso überraschter war ich, als uns am Flughafen in Alice Springs ein Fahrer abholte, der ganz eindeutig ein Aborigine war. Ein großer Kerl, der fast meine Länge hatte, sehr kräftig und muskulös und auch ein bisschen dick. Nicht nur ich war überrascht, sondern auch die Mitglieder der damals recht großen Reisegruppe. Da ich mich selten politisch korrekt verhalte, gab ich auch sofort zu verstehen, dass ich glücklich darüber sei, einen Aborigine als Busfahrer für meine Gruppe abbekommen zu haben. Er sah mich mit seinem mehr als typischen Aborigine-Gesicht und seinen extrem typischen Aborigine-Augen an und sagte, dass er zwar aussehe wie ein Aborigine, aber dass er kein „echter“ sei, weil sein Großvater Schotte gewesen wäre! Wenn sein Großvater Schotte war, dann war dieser entweder ein schottischer Aborigine oder er hatte derart schwache Gene, dass nichts von ihm sich in seinen Nachkommen spiegelte. Zu dieser Zeit hatte ich schon sehr viele Ureinwohner kennengelernt und wusste auch, dass man es sehen konnte, wenn die Einflüsse der europäischen Gene in der Vergangenheit eine Rolle gespielt hatten. Aber bei diesem stattlichen Exemplar erkannte ich nichts was darauf hinwies, dass er auch europäische Vorfahren hatte. Die Körperfülle vielleicht?

Der „schottische Aborigine“ wurde natürlich innerhalb der Gruppengemeinschaft schon bald zu einem „running gag“! Es wurden – auch in seiner Anwesenheit – Witze gemacht, zum Beispiel, dass er ein Ur-Schotte sei und er selbst spielte bei dieser Komödie auch gerne mit, blieb aber in seiner Aussage standhaft und beharrte darauf, dass sein Großvater Schotte gewesen sei. Ich machte mir auch Gedanken darüber, ob er nicht vielleicht seinen Status verbessern wollte indem er permanent auf eine europäische Blutlinie verwies? Ich fragte ihn auch danach, aber er wankte keinen Millimeter. Als wir zwei Übernachtungen in der Region des Uluru-Felsens (zur Erinnerung: Ayers Rock) hatten, kamen wir dort vorbei, wo seine Familie wohnte. Er fuhr kurz nach Hause um einige Photos zu holen, die uns beweisen sollten, dass sein Großvater Schotte gewesen war. Und ja, auf den vorgelegten alten Bildern war ohne Zweifel ein großer, kräftiger, rundlicher weißer Mann inmitten der anderen zu sehen, der auch einige der grob-kantigen Züge im Antlitz vorzuweisen hatte, die auch unseren Aborigine-Busfahrer auszeichneten. Er hätte den Kilt für das Bild nicht einmal extra anziehen müssen, so typisch „schottisch“ (wie ein Highlander) wirkte der Opa.

Kängurus an den Rastplätzen bleiben trotzdem wilde Tiere

Ansonsten unterschied den Aborigine-Busfahrer kaum etwas von uns, zumindest nicht in seinen Vorlieben und Lebensgewohnheiten. Er trank zwar nicht gerne schottischen Whisky, aber Bier! Und zu dieser Zeit waren den Ureinwohnern ja bereits die vollen Bürger- und Menschenrechte zugesprochen worden. Als Fahrer eines australischen Busses wusste er natürlich, dass er seinen Dienst am nächsten Tag mit 0,0 Promille Alkohol im Blut antreten musste, das hielt ihn aber nicht davon ab, am Abend mit uns in Gesprächen vertieft, das eine oder andere Gläschen davon zu trinken. Er hatte uns auch nur seinen europäischen Namen genannt: Peter! Und Peter überzeugte uns davon, dass er keinen Aborigine-Namen habe und dass seine Mutter ihn ebenfalls Peter gerufen hätte. Am zweiten Abend, als wir zu dritt oder zu viert im Außenbereich eines der dortigen Restaurants saßen und unser Bier gemeinsam tranken, erzählte ich Peter etwas mehr von meiner Zeit mit den Ureinwohnern und auch dass ich den Photographen in mir niemals würde ausschalten können. Ich erzählte von meiner Sehnsucht, einmal einen lebenden Dornteufel (Thorny devil) zu Gesicht zu bekommen und auch photographieren zu können. Diese kleine Agamenart hatte mich schon immer begeistert, aber außer auf Bildern oder in Terrarien hatte ich noch nie eine gesehen. Die kleine, orangerote Echse ist aufgrund ihres komplett von Stacheln bedeckten Körpers unverwechselbar und wunderschön. Diese Tierart bewohnt ausschließlich die Trockengebiete von Zentral- und Westaustralien. Wir redeten darüber und Peter, der „schottische Aborigine“ versprach, mir einen zu zeigen, wenn es möglich werden würde. Am nächsten Morgen stand die Rückreise mit Bus und Gruppe nach Alice Springs an. Die Strecke über die Nationalstraßen mit den Nummern 4 und 87 kannten alle bereits von der Anreise her und eine gewisse Entspannung hatte sich im Bus ausgebreitet. Peter, der Aborigine, fuhr mit etwa 100 Stundenkilometern auf der gut asphaltierten Straße dahin, als er plötzlich und unvermittelt in die Bremsen stieg. Es hätte mich beinahe aus dem Beifahrersitz heraus katapultiert. Mein erster Gedanke war, dass er diese starke Bremsung eingeleitet hätte, um einen Unfall zu vermeiden? Aber kaum dass der Bus am Wegesrand stand, bat er mich – in einer gewissen Eile – ein Stück zu rücken, damit er mit seinem kräftigen Körper an mir vorbei nach draußen würde eilen können. War ihm etwa schlecht? Als er sich an mir vorbei gewuchtet hatte und auf der Straße neben dem Bus stand rief er zurück, ob ich denn meinen Dornteufel würde haben wollen oder nicht? Wie bitte? Hatte er so ein wundervolles Tier gerade überfahren? Der schwergewichtige schottische Aborigine nahm Fahrt auf – fast rannte er schon – und lief die Straße zurück in die Richtung, aus der wir gerade gekommen waren. Also hatte er doch einen überfahren? Etwa 300 Meter vom Bus entfernt – ich war ihm auf den Fersen, wenn auch unschlüssig ob ich denn einen toten und platten Dornteufel auf der Straße photographieren sollte – lenkte er seine noch immer flotten Schritte in den roten Sand neben der Straße und ich hinterher. Etwa 25 Meter neben der Straße lag eine durch Wind und Wetter aufgetürmte Düne aus ebensolchem roten Sand, die wohl schon so lange dort lag, dass einige Akazien darauf in die Höhe gewachsen waren. Was trieb dieser Mann denn da? Wir hatten uns unseren Weg durch die störenden Äste der Akazien hindurch gebahnt und waren bereits mindestens 50 Meter weit von der Straße entfernt, als Peter sich bückte und einen Dornteufel in Händen hielt! Mamma Mia! Dornteufel sehen gefährlich aus, sind aber die friedlichsten Geschöpfe unter der Sonne. Dornteufel sind aber auch sehr klein! Ausgewachsene, weibliche Dornteufel haben eine Kopf-Rumpf-Länge von maximal 11 Zentimetern und die Männchen werden sogar nur maximal 9 Zentimeter groß. Das wundervoll anzusehende Tier in seinen Händen war maximal 10 Zentimeter lang. Wir waren gute 50 Meter vom Asphaltband der Straße entfernt, zwischen der Straße und dem Platz, an dem Peter den Dornteufel gesehen hatte, waren viele Äste der Akazien kreuz und quer als störende Elemente für einen freien Blick gewachsen. Im Prinzip konnte ein „normaler“ Mensch dieses kleine Tier schon deshalb nicht gesehen haben. Zudem wurde der Bus in Monotonie mit gut 100 Stundenkilometern im rasenden Schweinsgalopp über die Straße bewegt. Das war doch unmöglich! Mittlerweile waren ein paar der Neugierigen Mitglieder der Gruppe uns beiden hinterher gelaufen, auch weil sie ein „Unglück“ vermuteten. Als ich mit dem kleinen Dornteufel in der Hand aus dem Gewirr der Büsche zu ihnen kam, war die Überraschung groß, aber auch der Unglaube! Es führte sogar dazu dass einige aus der Gruppe meinten, dass er das arrangiert habe, wie ein geschickter Trickbetrüger! Aber wie? Der Vorfall trug sich kurz bevor wir den Mount Conner Lookout erreichten zu. Da waren wir bereits fast zwei Stunden mit unserem Bus in Richtung Alice Springs unterwegs und über 130 Kilometer von unserem Hotel entfernt.

Der Dornteufel ist eine spektakulär anzuschauende Agamen-Art

Peter war belustigt über die verzweifelten Versuche der Vertreter einer sich überlegen fühlenden Rasse, die das Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, alle Dinge des Lebens deuten können zu müssen, ihm einen Trickbetrug nachzuweisen. Ich hatte ganz andere Sachen mit verschiedenen Aborigines erlebt. Wenn ich sie auf Jagden begleiten durfte habe ich meine besten Tierphotos aller Aufenthalte in diesem Land gemacht. Aber wie es dazu kam, wird von den meisten Menschen (den aller, allermeisten) ins Land der Träume verwiesen werden. Die Aborigines jagen heute nicht mehr mit dem Bumerang. Die haben sich modifiziert, ihnen stehen Gewehre zur Verfügung. Und noch immer betreiben sie kontrollierte Brandrodung, so wie seit Tausenden von Jahren. Diese Brände gerieten nie außer Kontrolle und Australien „brannte“ zu ihrer Zeit zumindest nicht vom Menschen gemacht so, wie das in den vergangenen Jahren immer wieder mal spektakulär und desaströs der Fall war. Es gab solche Situationen auch, durch Blitzeinschläge zum Beispiel. Aber Brandflächen sind ein guter Nährboden für Gräser und andere Pflanzen. Die Aborigines hatten schon vor langer Zeit herausgefunden, dass die durch kontrollierte Brände abgefackelten Flächen schnell frisches Grün produzierten, welches die Tiere des Landes, die Grasfresser waren, auch gerne nutzen. Die Männer mit denen ich unterwegs war, waren auch nicht still oder leise! Sie schlichen sich nicht an. Oft summten sie Lieder oder unterhielten sich, während man in das auserkorene Jagdgebiet zog. Wie oft habe ich Gruppen von Kängurus oder Wallabys auf diesen Flächen gesehen, die die Flucht ergriffen als die Männer näherkamen. Aber niemals alle! Immer blieb mindestens ein Tier sitzen und fraß – so als ob keine Gefahr bestehen würde – an Ort und Stelle sitzen, fast schon so, als ob es seinen Körper als Nahrung zur Verfügung stellen würde. Oft genug blickte das Tier sogar in die Richtung der Mündung der Gewehre, als der tödliche Schuss auf es abgegeben wurde. Alles Lebende steht mit allem Lebenden in Verbindung? Ich konnte diese Tiere, die sogleich danach einen gewaltsamen Tod starben, noch ablichten und wunderschöne Bilder von ihnen machen. Und dann erzählt man das den Vertretern einer sich überlegen fühlenden Rasse, die das Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, alle Dinge des Lebens deuten können zu müssen und wird verlacht oder gefragt, ob man den was „geraucht“ habe! Kulturimperialismus in Reinform und eine Tragödie allererster Güteklasse. Viel viel mehr als nur zum Haare raufen. Deshalb erkannte ich im Fall des entdeckten kleinen Dornenteufels auch die Sprengkraft der Möglichkeit einer sich ausweitenden Erkenntnis für die Mitglieder der Gruppe. Ich nahm das kleine Kerlchen mit zu unserem Bus, setzte ihn – weil er dort so schön auffiel – auf mein weißes T-Shirt und trug ihn im Triumphmarsch durch den gesamten Bus. Dabei sind viele Photos entstanden, von dem kleinen Dornteufel und mir. Sie werden wohl noch heute in diversen Photoalben zu sehen sein? Nachdem ich den kleinen Kerl an die Stelle, an der wir ihn aufgenommen hatten, zurückgebracht hatte (es war Peters Wunsch, dass so verfahren werden sollte), setzten wir die Reise fort. Der Mensch hat heute bereits fast den Zustand erreicht, dass er die Interpretationshoheit über die Dinge hat, die er erlebt. Es wurde im Bus noch eine Weile weiter darüber debattiert, mit welchem „Trick“ denn Busfahrer und Reiseleiter die Gruppe hinter das Licht geführt hätten. Nach einer aufgeregten Plapperstunde wurde es ruhiger und es war förmlich spürbar, wie es in den Köpfen einiger der Mitreisenden weiter rasselte. Es musste doch eine Erklärung geben für das, was da gerade vorgefallen war! Eine Erklärung die den im Bus sitzenden Vertretern einer sich überlegen fühlenden Rasse, die das Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, alle Dinge des Lebens deuten können zu müssen, zumindest schlüssig erschienen wäre.

Höchstens 11 Zentimeter lang und immer auf der Suche nach Ameisen
Solche Regionen bieten dem Dornteufel eine Heimat
Der Mount Connor, wo der Vorfall sich zutrug

Diese Erklärung gab es ja auch und Peter gab auch zu Protokoll, wie sich der gesamte Vorgang entwickelt hatte! Er mochte mich und hatte bei dem Gespräch am Abend zuvor gespürt, dass es mir wirklich etwas bedeuten würde, einmal einen lebenden Dornteufel in freier Wildbahn zu Gesicht zu bekommen und sein „inneres Auge“ (seine Worte) schlicht aufmerksamer auf genau dieses Tier werden lassen. Er gab auch zu, dass er den Dornteufel sicher nicht bemerkt hätte, wenn er sich selbst nicht diese erhöhte Aufmerksamkeit diesem Tier gegenüber, verordnet hätte. Das alles sind aber schon wieder analytische Erklärungsversuche. Es ist im Prinzip absolut unmöglich, mit einem Seitenblick aus der Scheibe eines mit 100 Stundenkilometer schnell fahrenden Busses, 50 Meter von der Straße entfernt, durch ein Gewirr an Akazienästen hindurch ein 10 Zentimeter langes Tier zu erkennen, dass sich farblich durch Evolution auch noch sehr gut an den orange-roten Sandboden angepasst hat. Es ist aber nur dann im Prinzip absolut unmöglich, wenn wir unsere festgefahrene Perspektive nicht verlassen wollen oder können. Die seit 3.000 Generationen erprobte extreme Aufmerksamkeit, die die Wahrnehmung der Ureinwohner in Bereiche geführt hat, die für unsere Kulturkreise schlicht nicht erreichbar sind und die wir deshalb aus Selbsterhaltungsgründen mit Gewalt niederwerfen oder ausmerzen weil sie unserem Verständnis von Leben und Gesellschaft diametral entgegen steht, war in diesem kleinen Moment der Erkenntnis zu spüren. Das Ereignis als solches und dieses schöne Tier sind mit Sicherheit allen noch lebenden Mitgliedern dieser damaligen Gruppe in Erinnerung! Aber da in unseren Vorstellungswelten die Natur des Menschen ja aus der Sicht der Verhaltensbiologie gleichsam so abstrakt theoretisiert wird, werden nicht wenige darauf hoffen, dass uns die Forschung irgendwann des Rätsels Lösung liefert. Rätsels Lösung insofern, dass uns erklärt wird, dass so ein Ureinwohner das einfach kann, weil er eine minderwertige Daseinsform ist, noch recht archaisch in seinem Wesen und deshalb auch nicht in der Lage, die Ansprüche der komplexen Realität zu erfassen. Rätsels Lösung insofern, auch, dass wir am Ende besser und überlegen sind. Gab es dazu nicht neulich einen Disput zwischen einem Politiker, der alles daransetzen würde seine Vorteile zu erhalten, und der Jugend Deutschlands? Dass man von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten könne, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen würden! Dass das vielmehr eine Sache für Profis sei? Ist da nicht derselbe Gedanke am Werk? Ich habe diese Achtsamkeit nicht im Rahmen meiner Reisen mit Gruppen entwickeln oder trainieren können. Aber ich war oft genug allein in Australien unterwegs und konnte mich darin üben, der Natur gegenüber achtsamer zu werden. Solche Höhenflüge wie die des Aborigine-Busfahrers Peter im roten Zentrum Australiens habe ich niemals gehabt, aber ich konnte „ähnlich“! Bei meiner letzten Australienreise im Jahr 2006 waren meine Gruppe und ich auf Tasmanien unterwegs. Einige hatten es sehr bedauert, dass bei dieser Reise auf die Känguru Insel verzichtet worden war (bei 24 Tagen Reisezeit inklusive Tasmanien mussten einfach Abstriche gemacht werden!), auch weil ich sehr viel über Peggy Rismillers Forschungen und meine dortigen Schnabeligel-Erkenntnisse referiert hatte. Auf Tasmanien leben auch Schnabeligel und manchmal bekommt man sie auch einfach so mal zu Gesicht, wenn sie herumlaufen, auf der Suche nach einem Partner oder nach Nahrung. Mein Wunsch, der Gruppe einen Schnabeligel präsentieren zu können war die Voraussetzung. Als wir nach unserem bewegend schönen Aufenthalt in der Cradle Mountain Lodge auf der Cradle Mountain Road wieder zurück nach Hobart fuhren um den Aufenthalt auf Tasmanien zu beenden, hatte ich wohl innerlich meine Sinne geschärft? Ich wollte den Schnabeligel und wusste, dass ich ihn finden würde. Die zweite Voraussetzung war, dass ich es mit Sicherheit wusste! Der Schnabeligel Australiens ist zwar die kleinere der beiden Schnabeligel-Arten (die andere lebt auf Neu-Guinea) erreicht aber trotzdem immerhin eine Länge von über 50 Zentimetern und kann bis zu 7 Kilogramm Gewicht erreichen. Im Vergleich zu unserem Igel in Europa ist er also bereits ein Riese! Aber im Wald ist er kaum zu erkennen! Er hat zudem die Fähigkeit, sich mit seinen Pranken, die fast die Größe von menschlichen Durchschnittshänden haben, so schnell in den Boden einzugraben, dass er sozusagen unsichtbar wird. Die Stacheln dieser Tiere sind meist gelblich gefärbt, wobei die Spitze schwarz sein kann. Das übrige Fell ist bräunlich oder schwarz gefärbt. Manchmal sind die Haare so lang, dass die Stacheln darunter verborgen sind unter unter dem Strich trägt der Schnabeligel eben das, was man auch Tarnanzug nennen könnte. Er kann dadurch so gut wie unsichtbar werden.

Tasmanien ist nicht nur landschaftlich besonders schön!
Hier laufen einem auch manchmal Schnabeligel über die Füße.

Aber ich sah ihn, bei der windungsreichen Straße sicher nicht bei 100 Stundenkilometern sondern höchstens mit 40. Auch nicht 50 Meter entfernt, sondern nur 5 Meter. Aber er war im Unterholz der Bäume unterwegs und damit eigentlich unsichtbar. Meine Aufmerksamkeit hatte aber bemerkt, dass etwas eine Art „Fuß“ nach vorne geschoben hatte und dadurch für einen Moment sichtbar wurde. Den Rest der Erkenntnis erledigte dann mein „sicheres Gefühl“ dass der Igel dort war. Der Fahrer hielt den Bus an und nun war ich es, der ein paar Meter zurück sprinten musste, um das Tier aufzusammeln. Das war in diesem Fall sehr schwer, denn dieses Exemplar war nicht nur sehr groß, sondern hatte sofort nachdem der Bus angehalten hatte und der Tritt meiner Füße bis zu ihm durchdrang, damit begonnen, sich einzugraben! Als ich bei ihm ankam, war nur noch seine obere Hälfte zu sehen und es war an den Erhebungsbewegungen der Erde, rechts und links seines Kopfes, unschwer zu erkennen, dass der vorhatte sich komplett einzugraben. Spätestens dann hätte ich Schwierigkeiten damit gehabt, seiner noch habhaft werden zu können. Also musste ich verhindern, dass er sein Tun fortsetzte. Nicht so einfach, denn so ein Stacheligel wird Stacheligel genannt, weil er Stacheln hat. Diese sind durchaus in der Lage, durch die Haut bis ins das Fleisch zu dringen. Aber obwohl ich noch nie zuvor einen Stacheligel daran gehindert hatte, sich tiefer ins Erdreich zu buddeln, wusste ich – archaisch instinktiv (?) – wie ich es würde anstellen müssen. An den Seiten seines Körpers hatte er ebenfalls Stacheln, aber diese waren kleiner und auch weicher. Behutsam, auch wenn es wie eine Art Wett-Buddeln anmutete, schob ich beide Hände rechts und links an seinen Stacheln vorbei ins Erdreich und gelangte so unter seinen Körper. Ich führte die Hände zusammen und dachte, dass ich ihn jetzt leicht aus der Erde würde heben können! Weit gefehlt, der Igel saß fest. Fast schon wie einzementiert. Ich konnte erkennen, dass er aufgehört hatte zu buddeln, aber seine großen Igeltatzen hatte er unterirdisch in das Erdreich gestemmt und sich so verkeilt. Natürlich wusste ich, dass es dem Stacheligel nicht recht war, hochgehoben und vorgezeigt zu werden, aber mittlerweile waren wieder einige Mitglieder der Gruppe am Kampfplatz erschienen und freuten sich, gleich einen ausgewachsenen Stacheligel zu Gesicht zu bekommen. Wenn das doch nur so einfach gewesen wäre. Ich rüttelte ihn sanft hin und her und bemerkte dabei, dass der Kerl wohl unmittelbar an der Stelle, an der seine vorderen Extremitäten begannen, kitzlig war? Immer dann, wenn ich diese Stelle berührte, zuckte er ein wenig und lockerte seine Verankerung im Erdreich. Nach ein paar weiteren „Kitzlereien“ konnte ich ihn aus dem Schutz seines frisch gebuddelten Loches heben. Ein Prachtkerl und natürlich tat er das, was alle Igel auf der Welt tun, wenn sie sich einer bedrohlichen Lage ausgesetzt fühlen: er machte den Buckel krumm und igelte sich ein. Wenn man aber einem Stacheligel – der übrigens nicht einmal ansatzweise mit unserem europäischen Igel verwandt ist – das Gefühl vermittelt, dass die Bedrohung nachlässt, kann man ihn dazu verführen, seine eingeigelte Position aufzugeben. Er musste nur das Gefühl haben, wieder auf dem Boden zu sein. Dorthin, auf den Boden, wollte ich ihn aber partout nicht setzen, weil er sich dann sofort wieder eingebuddelt hätte. Also setzte ich mich auf einen Stein, bat so viele Mitglieder der Gruppe wie möglich darum, sich im Kreis um den Igel und mich herum aufzustellen, und setzte ihn auf meine Oberschenkel. Was geschah? Wie prognostiziert gab er kurze Zeit später die eingeigelte Position auf und streckte sich in die Länge. Erst jetzt konnten alle Umstehenden sehen, was für ein mächtiges Kaliber dieser Kerl war. Kurz ragte seine Igelnase unter seinem Stachelkleid hervor und löste eine Welle der verzückten Rufe bei seinen Bewunderern aus. Aber anstatt diese Bewunderung nun zu genießen, zog er es vor, seine Nase zwischen meine Oberschenkel zu drücken, seine bärenstarken Tatzen hinterher zu schieben und sogleich damit zu beginnen, sich erneut einzubuddeln! Denn wenn man einem Igel das Gefühl vermittelt, wieder auf dem Boden zu sein (war ohne Zweifel geglückt), damit er sich entrollt, gibt man ihm auch gleichzeitig genug Anlass Dinge zu tun, die Schnabeligel eben mal gerne tun wenn sie glauben, wieder auf dem Boden zu sein. In seinem Fall: sich einzubuddeln. Welche Kraft so ein im Vergleich zu mir doch recht kleiner Kerl entwickelt, wenn er sich in seinem Igelkopf fest vorgenommen hat, sich zu seiner eigenen Sicherheit zu verbuddeln, ist kaum zu beschreiben. Ich war ja nie ein schwächliches Kerlchen und speziell in meinen Beinen lag meine stärkste Kraft, aber ich hatte kaum eine Chance dagegen zu halten, als der „Buddler“ seine Pranken in die Innenseiten meiner Oberschenkel quetschte um sich nach unten durchzugraben. Die uns umstehenden Personen aus der Gruppe wussten wohl nicht so recht, warum ich plötzlich ein schmerzhaftes Stöhnen von mir gab? Aber ich fand schnell einen Trick heraus, um ihn in seinen Aktivitäten zu bremsen. Ich fuhr einfach mit der Hand unter meine Oberschenkel und hielt diese dem Tier vor die Nase! Sofort igelte er sich wieder ein und hörte auf, die Kraft seiner Pranken an meinen Beinen wirken zu lassen. Ich wollte ihn gerne eine Weile in dieser Position halten, damit möglichst viele Personen aus der Reisegruppe ihn photographieren konnten, auch wenn meine Oberschenkel dann störend im Bild waren. Eine oder zwei Minuten lang konnte ich den freiheitsliebenden Kerl mit meiner Hand vor seiner Igelnase irritieren. Aber er lernte schnell! Von dieser Hand, die ihm da vor dem Gesicht herum fuhrwerkte, drohte ihm keine Gefahr. Plötzlich unterbrach er seine Tätigkeit des Buddelns auch nicht mehr, wenn ich ihm die Hand vor das Gesicht hielt. Es wurde also wieder ein Kampf der Titanen. Ohne Zweifel haben Schnabeligel ihre größte Kraft in den Vorderbeinen, die dort befindlichen Tatzen sind deshalb auch deutlich größer als die an den Hinterbeinen befindlichen. Aber als der Igel nun voll motiviert seine Freiheit wieder zu erlangen, auch die Hinterbeine einsetzte, war es um mich geschehen, denn der geneigte Leser sollte imaginieren können, wo sich die Hinterbeine befanden, wenn der Schnabeligel mit seiner Schnauze im Bereich meiner Knie lag. Na, klingelt was? Der erste und auch noch der zweite Tritt in meine dort befindlichen Weichteile beendeten den Kampf binnen Bruchteilen einer Sekunde zugunsten des Schnabeligels! In wildem Schmerz spreizte ich die Beine und der dicke Brummer fiel zwischen meinen Beinen hindurch auf die Erde und begann, dort angekommen, – man hätte glauben können, dass speziell dieser Schnabeligel nichts anderes im Sinn führte – sofort damit, sich in die Erde einzugraben! Aber das durfte ich nicht zulassen. Wir waren direkt an der Straße und ich wusste ja nicht, ob es hier auf Tasmanien auch so heimatbezogene, bornierte Vollidioten geben würde, die einen Schnabeligel einfach mal so zur Freude überfuhren? Ich hatte Peggys Geschichten ja noch im Kopf! Also hob ich ihn nochmals an – woraufhin er sich wieder einigelte – zeigte ihn als Kugel im Triumph den Umstehenden und schleppte ihn wieder an den Platz zurück, an dem ich ihn aufgenommen hatte. Ein paar aus der Gruppe wollten gerne mitkommen um zu schauen, was der Kerl dann machen würde, wenn er die Freiheit zurück bekommen hätte. Was wohl? Kaum dass er den festen Grund der Erde unter seinen Tatzen fühlte, fing er an sich einzubuddeln. Nach weniger als einer Minute war er weg und nur der obere Bereich seiner Rückenstacheln (ungenießbar für Fressfeinde) schaute noch heraus! Er war nun wieder fest einzementiert und nur ein großer Bagger hätte ihn da wieder herausholen können.

Der Überlebenskünstler Schnabeligel kommt auch in den Bergregionen vor
Und hat recht zierliche Hinterfüße, die trotzdem kräftig treten können
Seine größte Kraft kommt aber aus den vorderen Gliedmaßen

Wir nähern uns also langsam des Pudels Kern. Diese unfassbaren Fähigkeiten der Aborigines, die sie umgebende Natur zu verstehen, die vielen unbegreiflichen Informationen, die ihnen wie selbstverständlich zuflossen. Sicher gibt es auch bei uns eine allgemeine Vorstellung davon, dass das Alter eine gewisse Weisheit mit sich bringen kann? Auch wenn international bekannte Männer, wie der Schriftsteller Ernest Hemingway, argumentieren, dass es die Altersweisheit nicht gäbe, weil der Mensch, wenn er altert, nicht weise sondern nur vorsichtig werden würde. Daran ist sicher auch ein bisschen Wahrheit, aber wenn wir den Blick weg von unserer außer Rand und Band geratenen Welt, in der der Jugendwahn alles beherrschend geworden ist, hin zu anderen Kulturen lenken, werden Hemingways Sprüche schnell falsifiziert. Bevor wir in dieser Sache aber überhaupt die Chance erhalten können, eine sinnstiftende Erkenntnis zu erlangen müssen wir uns – wieder einmal – vergegenwärtigen, dass es in unseren Kulturen Usus ist, die Erkenntnisse der Wissenschaft zurate zu ziehen um zu verstehen. Vom Elfenbeinturm der etablierten Wissenschaft wird in letzter Zeit auch immer häufiger herunter gerufen, dass die große Legende von der Weisheit des Alters in die Schublade des Vergessens gepackt werden könnte. Wissenschaftler sagen, dass sie den weit verbreiteten Mythos, dass Lebenserfahrung und fortgeschrittenes Alter Menschen weise machen würden, widerlegt hätten. Hört, hört! In schwierigen Situationen fragte man noch vor kurzer Frist gerne die Omi oder den Opi. Die wussten eigentlich immer eine Antwort. Der Ratschlag der Großeltern muss tatsächlich in der heutigen Zeit, in der ganz andere Prioritäten gesetzt werden, nicht mehr zwingend der Beste sein – so viel ist klar. Der Volksmund sagt, dass mit dem Alter die Weisheit kommen würde. Ältere Menschen in unseren Kulturkreisen sind nicht unbedingt weiser als jüngere, da ihnen die Gepflogenheiten der Moderne ja mehr oder weniger unbekannt sind. Dass ältere Menschen in manchen Fällen dazu neigen, sich uneinsichtiger als junge Leute zu verhalten kann zum Beispiel daran liegen, dass sie diese Welt mit ihren neuen Zwängen und Getriebenheiten nicht mehr verstehen. In jeder Kultur können Menschen mit zunehmendem Alter mit Neuem nicht mehr so gut umgehen wie die jüngeren Generationen. Prinzipiell ist der Mensch dann (obwohl es Ausnahmen gibt) nicht mehr so offen für neue Erfahrungen. Eine ältere Bekannte von mir formulierte es einmal so, dass man im Alter einfach nicht mehr die emotionale Kapazität der jüngeren Jahre habe. So besteht die Gefahr, dass die Alten unserer Breiten engstirnig werden. In einer „Party-People-Zeit“ in der der Konsum und das materielle Denken absolut zur wichtigsten Religion erhoben wurden und sich die Menschen über ihr Outfit, ihre Autos oder über sonstige, vom System gewünschte Dinge definieren, wirken unsere Alten oft fehl am Platz, fast so verloren wie die Aborigines in Australien nach der Inbesitznahme des Kontinents durch die Weißen. In solchen Situationen ist es schwer, weiser als der Rest der Gesellschaft zu erscheinen. Was gilt überhaupt als weise? Schon allein, dass man sich in einer technokratischen Gesellschaft diese Frage stellen muss erklärt für mich, wie weit wir uns mittlerweile von den Bedürfnissen eines echten „Mensch Seins“ entfernt haben. Die Wissenschaft möchte also gerne die Weisheit messen! Messbar und kategorisierbar machen? So wird in unserer surreal anmutenden Welt die Altersweisheit im Labor getestet! Dort werden den älteren Probanden Probleme anderer Menschen vorgetragen, über die sie laut nachdenken sollen. Die Forscher nehmen die Antworten auf und entwickelten auf dieser Basis fünf Kriterien für Weisheit, die in die Fachliteratur einflossen. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass das Leben von Ungewissheiten geprägt ist, man aber trotzdem handeln muss. Oder dass Menschen mit unterschiedlichen Prioritäten handeln und wie man dies berücksichtigt. Für die Studien trainieren die Weisheitsforscher dann Beurteiler, die die Antworten der Testpersonen nach diesen Kriterien bewerten. Nach jahrelanger Erfahrung (man achte auf den manipulativen Ausdruck: jahrelanger Erfahrung soll wohl für Kompetenz stehen?) stand dann für die Experten fest, dass es Weisheit wirklich nur selten gäbe. Unter ein Prozent aller jemals getesteten Personen würden nach den festgelegten Kriterien der Studien als weise bezeichnet werden. Und für ältere Menschen soll das besonders zutreffend sein! Der absurde und an Hilflosigkeit kaum mehr zu überbietende Versuch, die Weisheit einzuhegen und zu pflegen und mit Normen zu versehen mündete in den Aussagen der Wissenschaftler, dass es die Aufgabe der Menschen in der letzten Lebensphase sei, auf das Leben zurückzublicken. Dabei wäre es hilfreich, die Dinge positiv einzuordnen, um nicht zu verbittern.

Die Schluchten der Kathrine Gorges

Es ist schlicht der Jungendwahn der heutigen Tage, der große Selbstbetrug, der den älteren Menschen das Gefühl gibt, nur noch geduldet zu sein. Sie tragen ihre Lebenserfahrung aber in sich und könnten weise sein, aber möglicherweise haben viele bei der Reflektion auf ihre Leben festgestellt, dass sie nicht gelebt sondern nur funktioniert haben? Wie soll auf Basis dieser Erkenntnis noch Weisheit aufkommen wenn man von der aktuellen Gesellschaft an den Rand gedrängt, abgeschoben und ausgegrenzt wird? In einem „richtigen“ Leben sollte dem Lebensalter keine Bedeutung zugemessen werden! Viele Menschen hadern tatsächlich damit älter zu werden, weil wir eingebläut bekommen, dass älter werden nicht charmant ist.  Weisheit und Erfahrung wiegen den körperlichen Verfall nur deshalb nicht mehr auf, weil in unseren Gesellschaften für Weisheit und Vernunft keine Räume mehr vorhanden sind. Warum bemühen sich so viele „Ältere“ ihre Körper straff und glatt zu halten? Wer heute schreibt, dass Alter viele Vorteile hätte, ist lediglich auf der Suche nach Zuspruch, wissend, dass der Wahn, die ewige Jugend zu besitzen in unserer Zeit allgemein gesellschaftsfähig geworden ist und in breiten Bevölkerungsschichten akzeptiert und geradezu erwartet wird. Die Erfahrungen und Erlebnisse die sich über die Jahrzehnte in einem Menschen angesammelt haben, sind immer nur die Erfahrungen die dieser Mensch in dem System, in dem er lebt und das ihm einen Platz angeboten hat, den er einnehmen kann, gesammelt hat. Aus schmerzlichen Lebensabschnitten Konsequenzen zu ziehen und dadurch einen Erfahrungszugewinn zu verzeichnen, der die Vorstufe zur Weisheit kennzeichnen würde, ist ausgeschlossen und nicht als allgemeine Weisheit erreichbar, wenn sich die Summe der Erfahrungen ausschließlich auf die Bedürfnisse einer bestimmten Gesellschaft oder Gesellschaftsschicht bezieht. Für wen wohl die „Wirtschaftsweisen“ Weise sind? Und einen der Lieblingssprüche der älteren Generation, dass einem keiner das Erlebte wieder würde wegnehmen können ist ebenfalls eine dumme Plattitüde, weil vorausgesetzt wird, dass es sich bei dem Erlebten ausschließlich um glückstiftende Momente des Lebens gehandelt hat. Erst wenn wir bereit wären gleichberechtigt anzuerkennen, dass auch dem Überlebenden des Konzentrationslagers in Auschwitz das „Erlebte“ keiner wieder würde wegnehmen können, sind wir dem Sinn solcher Sprüche auf der Fährte und können ableiten, dass daraus Weisheit wachsen könnte. Es wird bei uns über Zugänge zum Alter philosophiert, es wird versucht, sich in Schuss zu halten, durch sportliche Betätigungen oder kosmetische Behandlungen. Oft nicht einmal durch einen gesunden Lebensstil, obwohl der der beste Ansatz wäre, zur Weisheit zu kommen. Auf das Äußere in unserer Welt wird derart viel Wert gelegt, dass Menschen sich tatsächlich unter das Messer legen oder sündhaft teure Hormonbehandlungen bezahlen, um ein paar gefühlte Jahre zu gewinnen. Wer darüber nachdenkt, eine Aufpolsterung des Gesichtes mit Eigenfett vorzunehmen, hat keine sanfte Option gefunden, um dem altern entgegenzuwirken, sondern eine Bankrott-Erklärung seines Menschseins unterschrieben, in der er sich verpflichtet, seine Wahrnehmung auf die äußere Hülle und nicht auf sein Inneres zu legen. Medizinische Eingriffe, um das älter werden zu verhindern, verändern auch unser Dasein in der Welt. Es führt uns immer stärker in einen artifiziellen Wahnbereich, in der die Weisheit schlicht nicht mehr vorkommen kann. Wie sollte sie auch? Ewig jung zu sein ist die Devise! Dieses permanente Betonen wie jung man mit 50 und darüber  noch wäre. Oder dieses „ich weiß, ich sehe viel jünger aus als ich bin, das wird mir auch immer bestätigt“ Gesäusel. Dabei ist es nicht nur unwichtig, jünger auszusehen wie man ist, es ist sogar unwichtig, überhaupt auf sein Lebensalter zu reflektieren. Dahinter steckt natürlich die uralte Angst vor der eigenen Sterblichkeit. Aber wer ständig um seinen Platz kämpfen muss (Rangliste / Rangelei) hat für Einkehr, die für die Erlangung des Zustandes der Weisheit unbedingte Voraussetzung ist, keine Zeit. Und dann erdreisten sich diese Wissenschaftler zu bekunden, das Selbstkritik bei älteren Menschen zu wünschen übrig lassen würde! Was die Flexibilität des Geistes anbelangt, können sich junge Leute – meiner Erfahrung nach – tatsächlich leichter relativieren und infrage stellen. Den Älteren wurde vorgeschlagen enge Freunde oder den Partner um Rat zu fragen, bevor sie sich zu Sachverhalten äußern würden! Lediglich bei sozialen Konflikten gesteht man den Älteren noch zu, dass sie durch ein Plus an Lebenserfahrung ausgewogener – und damit weiser – urteilen würden als junge Menschen. Senioren als wichtige Ratgeber in Wirtschaft, Politik und Rechtsprechung zu engagieren, wäre sicher eine gute Idee, wird aber den den Vorgaben der Systeme der Gesellschaften scheitern. Aber die Studie der Wissenschaftler hat ja auch einen formvollendeten Hoffnungsschimmer, denn Weisheit ließe sich schließlich trainieren! Das würde allerdings viel Arbeit mit sich bringen, denn die wichtigste Voraussetzung für diese „Weisheit“ wäre, offen für neue Erfahrungen zu bleiben. Es wird empfohlen, sich für einen Tanzkurs anzumelden oder Malunterricht zu nehmen, mal woanders Urlaub zu machen und öfter ein Buch zu lesen, das man sich normalerweise nicht aussuchen würde.

Wie fern von wirklicher, lebensnaher Weisheit solche Ratschläge sind wird deutlich, wenn man den Umgang mit den älteren Semestern in anderen – möglichst alten – Kulturen anschaut, die noch nicht durch die Zwänge des kapitalistischen Konsumprinzips beeinflusst sind. Der alte Mensch hat, wenn er sich in gutem und gesundem geistigen Zustand befindet, was in den Kulturen der Aborigines vor der Ankunft der Europäer absolute Normalität war, den höchsten Grad der Erfahrung. Selbst in der ländlichen Chinesischen Kultur wird dem alten Landwirt, wegen seiner langjährigen Erfahrung, noch volle Wertschätzung und Aufmerksamkeit zuteil. Er kann die Zeichen der Natur am besten lesen und anempfehlen, wie man sich verhalten und welche Maßnahmen man ergreifen sollte, um die Ernte zu sichern und erfolgreich zu sein. Schon die erste Begegnung mit dem sehr alten John aus Broome zeigte, dass er es war, der den Mittelpunkt der sozialen Kommunikation in seiner Familie darstellte. Alle jüngeren, die in der Nähe des Platzes vorbei kamen, suchten zumindest ein kurzes Gespräch, einen kurzen Kontakt. Die Lebenspyramide oder der Lebensbaum der sesshaften Völker dieser Welt, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker gewandelt. Im Laufe der Entwicklung dieser Länder hin zu modernen Konsum- oder Dienstleistungsgesellschaften veränderte sich auch die Alters- und Geschlechtsstruktur der Bevölkerung, wie wir in den Alterspyramiden, auch Bevölkerungspyramiden genannt, erkennen können. Aus ihnen kann man deutliche Rückschlüsse auf wichtige Ereignisse ziehen, die das Leben der Menschen eines Landes beeinflussen, und es lassen sich Prognosen für die Zukunft ableiten. Deshalb nennt man diese Darstellungen auch Lebensbaum. Der Vergleich der Lebensbäume zwischen 1910 und 2020 zeigt, dass zum Beispiel aus einem Land wie Deutschland mit einem gleichmäßigen Bevölkerungswachstum ein Land werden wird, dessen Bevölkerungszahl in der Zukunft sinkt. Die Zahl der Kinder und der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, welche die übrige Bevölkerung versorgen muss, nimmt rapide ab. Deutschland wird zu einem Land der Alten. Dies bringt in der Zukunft große Probleme mit sich. Ob eine geregelte Zuwanderung einen Teil der Probleme lösen kann, wird zumindest gegenwärtig diskutiert. Die Vorstellungen der wenigen Jungen, die eine stetig steigende Zahl von Alten nach ihrer Meinung „durchzubringen“ haben, ist auch nicht zuträglich, um den Wert der Älteren neu zu definieren. Wir haben durch die Tatsache, dass wir sesshafte Kulturen entwickelten, auch die Büchse der Pandora geöffnet. Viel zu viele Menschen und dann die Abkehr vom Nomadentum. Wären alle Menschen Nomaden, hätten wir gesunde Ökosysteme und gesunde Nahrung sowie eine gesunde Umwelt. Ich war ebenfalls einmal ein Erdenbürger, der sich über den menschlich bedingten Verbrauch der uns tragenden Ökosysteme dieser Erde nicht beunruhigte. Aber mein Leben führte mich in Ausübung von verschiedenen Berufen in viele Teile der Welt, so dass ich über meinen Standpunkt kritisch reflektieren konnte. Die unerwartete und kraftvolle Fridays-for-Future-Bewegung, die denen, die keine Veränderungen wollen und auch keine Verantwortung für einen Kollaps der die Welt versorgenden Systeme übernehmen wollen, nicht gefällt, hat mir persönlich eine gewisse zuversichtliche Hoffnung gegeben, dass nicht unbedingt alles verloren ist. Die unsere Zivilisationen erschütternde Corona-Pandemie bringt ja ohne Zweifel auch ein paar Menschen mehr dazu, nachzudenken und den Stand des Menschen auf dem Planeten neu zu bewerten. Ob uns früh genug bewusst wird, dass wir ein Teil der Natur sind und uns einzuordnen haben, steht aber definitiv in den Sternen. Vielleicht müssten wir das Kind besser beim Namen nennen? Es geht doch überhaupt nicht um den Schutz der Natur! Es geht um die Zukunftsfähigkeit der menschlichen Zivilisation. Sich international engagierende Stiftungen versuchen sich immer mehr in Projekten, die Mensch und Natur zusammen sehen und zusammen bringen wollen. Angesichts des Klimawandels, des ökologischen Zustandes der Erde, dem Verschleiß und Verbrauch der Ökosysteme müssten wir in den reichen Ländern wirkliche Weltgerechtigkeit praktizieren. Wir können den Planeten weiter quälen und ausbluten, aber am Ende werden zukünftige Generationen dafür die Zeche zahlen müssen. Es geht also nicht in erster Linie um Umweltschutz – die Erde ist hart im nehmen, sie sitzt uns einfach aus, eine große Springflut rund um den Erdball als gigantischer Aufwasch sozusagen und dann sind wir Geschichte – es geht um Menschenschutz. Die angerichteten Schäden wird der Planet wegstecken können, auch wenn es eine Million Jahre dauert. Die augenblicklichen Entwicklungen können sich auch schädlich für die Demokratien entwickeln. Was kommt, wenn der materielle Wohlstand zwangsläufig schwindet. Sind wir dazu in der Lage, bescheidener zu leben? Deshalb auch geht es vor allem darum, die letzten noch traditionell lebenden Völker mit ihrer hohen Umweltverträglichkeit zu bewahren. Weltweit werden jeden Tag weiter traditionelle Kulturen zerstört, die friedlich, meinetwegen auch „spirituell“ und nachhaltig leben. Die Naturräume, in denen Kulturen nachhaltige, traditionelle Wirtschaft betreiben und über Jahrtausende ihre Umwelt nicht zerstört haben, müssen schnell wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gehoben werden. Und auch wenn in Australien diese alte Kulturlandschaft nur noch in Rudimenten vorhanden ist, nachdem die neuen Besitzer des Kontinents über 200 Jahre europäische Vorstellungen dort mit Gewalt implantierten, ist trotzdem noch fühlbar, dass der Überbau aus Alltagsleben und spirituellen Vorstellungen dort über Jahrtausende in einer Art Co-Evolution von Mensch und Natur entstanden ist. Wir könnten von diesen alten Kulturen und Ethnien lernen, wie man sich einordnet, unterordnet, integriert in dieses wunderbar ökologisch gebaute Haus „Blauer Planet“.

Wenn man die Weisheit der Ureinwohner Australiens in einem Satz zusammenfassen würde, käme etwas heraus, was wieder diametral von dem entfernt ist, was wir zum Thema Weisheit unserer Kultur so zum Besten würden geben können. Nach der Überzeugung der Aborigines sind wir alle nur Besucher auf dieser Welt und zu unserer jeweiligen Zeit. Unsere Seelen wären demnach nur auf der Durchreise. Sie glauben, dass es unsere Aufgabe ist, hier auf der Erde zu beobachten, zu lernen, zu wachsen, zu lieben und dann wieder nach Hause zu gehen. Wobei vorsichtig angemahnt werden muss, den Begriff der „Liebe“ nicht wieder auf den fruchtbaren (und umsatzstarken) Acker der Beziehungen zwischen Paaren zu verlagern. Die „Liebe“ wie wir sie verstehen, weil uns unser System immer und überall Plätze anbietet, in die wir hineinspringen können und die uns demnach auch erklären, was Liebe ist, hat in der Welt der Aborigines keinerlei Bedeutung. Sie verwenden keine abstrakten Überhöhungen und wenn sie theoretisieren, dann immer nur zum unmittelbaren Nutzen und Vorteil der Erde, auf der sie ihre Leben verbringen. Und warum kümmert sich die australische Regierung dann nicht darum, dass diese Kultur mehr in den Vordergrund gehoben wird? Sie tut es doch – allerdings aus der Perspektive einer die Kulturhoheit beanspruchenden Institution. Was 1988 noch undenkbar war, dass man aktiv seitens des australischen Fremdenverkehrsbüros dafür wirbt, dass die Kultur der Aborigines besser verstanden werden kann, wenn man ihnen begegnet oder Kurse belegt, ist heute mehr oder weniger Normalität. Es klingt doch sehr fürsorglich wenn auf der offiziellen Homepage dieser Institution zu lesen steht, dass eine Reise nach Australien ohne Begegnungen mit der Kultur der Aborigines so etwas ähnliches wäre wie ein Trip nach Bondi-Beach ohne Surfbrett, oder wie eine Reise durchs Outback ohne ein Känguru zu sehen? Personen, die sich für eine Reise nach Australien und die dortigen Kulturen interessieren wird suggeriert, dass von den bekannten Zielen wie Sydney über Zentralaustralien bis hin zur roten Erde der Kimberley Region die Ureinwohner im ganzen Land nur darauf warten würden, ihre Geschichten zu erzählen und den tieferen Sinn ihrer Kultur und Lebensweise mit den Besuchern zu teilen. Es sind oft genug die Manager der Tourismusindustrie die behaupten, dass Reisende aus dem Ausland bei einem Besuch vorrangig die Kultur der Aborigines erleben wollen würden. Die Gäste mögen damit begonnen haben, sich mehr für die Kultur der Ureinwohner zu interessieren, aber die Ureinwohner haben umgekehrt ganz sicher noch immer kein Interesse daran, wie Tiere in einem Zoo bestaunt und betrachtet zu werden. Auch unter den Aborigines gibt es Personen, die den kapitalistischen Weg, das Leben zu meistern, verinnerlicht haben. Es sind niemals die besten ihres Stammes, aber immer die umtriebigen Elemente die immer häufiger dieselben Dollarnoten in den Augen haben wie der übergroße Teil der Menschheit. Sie machen sich damit zu Helfern einer Entwicklung die am Ende dafür sorgt, dass diese wirklich erstaunliche Kultur am Ende verwässert und nicht mehr erlebbar ist. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht als ich bemerkte, dass australische Reiseveranstalter und Unternehmen dort immer stärker auf die Mitarbeit von Aborigines bei der Durchführung von Touren zurückgriffen. Die, die man einst mied, wurden plötzlich zu einer vielversprechenden Goldgrube. So versucht man den Gästen zu verklickern, dass nur ein Aborigine selbst den Besuchern die älteste kontinuierlich gelebte Kultur der Welt richtig vorstellen könnte. Nur er, weil er diese Kultur jeden Tag lebt, atmet und träumt. Es sollte also ein Aborigine-Reiseleiter sein, einer der die ersten Völker Australiens vertritt und der diesen riesigen Kontinent seine Heimat nennt?

Es ist durchaus richtig, dass die Kultur der Aborigines bei ihren Menschen beginnt. Aborigine-Führer öffnen aber niemals die Tür zu einer Welt, von der viele Menschen nicht wissen, dass sie noch existiert. Diese ernste Welt, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinandertreffen ist für die Ureinwohner von solch großer Bedeutung, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Tür zu dieser Welt nur dann öffnen, wenn sie diese Welt bereits verloren haben. Aber es wird inzwischen auf allen Kanälen und kräftig um die Gunst der zahlenden Touristen geworben, es heißt, dass es nichts Spannenderes für einen Besucher gäbe als diese völlig neue Erfahrung mit den Ureinwohnern zu machen. Aus solchen Erlebnissen entstehen natürlich auch unvergessliche Erinnerungen, aber: zu welchem Preis? Die Aborigines waren niemals frei und sie stehen – trotz aller Kompensationsbemühungen – auch noch heute unter Druck und auf der sozialen Leiter ganz unten. Es schmerzte sie damals sehr, dass das Schand-Buch von Frau Morgan einen Siegeszug um die Welt antrat und ihre Kultur mit Füßen trat. Sie hatten dabei keinerlei Absichten, einen Teil der Erlöse für sich zu beanspruchen, denn Aborigines machten sich nichts aus Geld. Sie wollten nicht, dass ihre Kultur dadurch noch weiter verschmutzt wird. Falls sie durch den permanenten Druck des sie umgebenden neuen Systems mittlerweile so weit sind, dass sie die Anhäufung von Vermögenswerten in ihren Vorstellungen mit sich führen, sind sie auch keine echten Aborigines mehr. Es ist traurig zu sehen, wie diese Werbe-Annoncen vorgehen. Vollmundig wird der Leserschaft erklärt, dass dieses Land heilig sei. Es spüre die Menschen, die sich auf ihm befinden. Alle Lebewesen würden die Menschen spüren. Vor langer Zeit lebten die Vorfahren auf diesem Land und die Aborigines hätten noch immer das Gefühl, dass sie von den Vorfahren beobachtet werden würden. Das Wissen um das Leben würde von den Vorfahren durch ihre DNA an die Aborigines weitergegeben worden sein und dieselbe DNA würde noch immer bei den Aborigines in ganz Australien existieren. Und jetzt – lieber gut zahlender Kunde aus dem Ausland – kannst du Teil dieses Wunders werden! Buche noch heute bei Dingsdabummsda-Tours und dein Leben wird bereichert werden. Um ihre Offerten zu unterstreichen, greifen diese Verkäufer gerne auf die Namen von real existierenden Aborigines zurück. Ich habe die Personen teilweise mit den mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten überprüft – bei den meisten ohne Ergebnis! Aber für den Verkaufserfolg klingt es einfach besser, wenn am Ende eines Angebotes steht, dass diese Zeilen von Timmy Djawa Burarrwanga aus Bawaka Homeland, East Arnhemland geschrieben wurden. Es ist das Geld, das die Welt regiert! Und die Manipulation unseres Verstandes ist so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Und so wie die Schreibereien von Frau Morgan, die mit ihrem Buch „Der Traumfänger“ ein unfassbar arrogantes, unmoralisches und grenzenlos respekt- und skrupelloses Werk schuf, so unfassbar arrogant, unmoralisch und grenzenlos respekt- und skrupellos sind solcherlei Werbeannoncen um Kundengelder, die diese unfassbar wertvolle Welt als „Event“ verkaufen! Die Kultur der Ureinwohner als „Reise-Event“ anzubieten ist eine noch unmoralischere Respektlosigkeit diesem Naturvolk gegenüber als Frau Morgans Buch! Der Kulturimperialismus mit seiner langen Tradition schlägt so aus der Romantisierung der Lebensart von Aborigines nicht nur Profit, ist nicht nur mehr als fragwürdig, und nicht nur eine Beleidigung und ein Schlag ins Gesicht, sondern diese unmoralische Respektlosigkeit tötet das Volk und sein Wissen. Aber wer kennt denn schon die Hintergründe? Vielleicht wollen die Aborigines – zumindest die jüngere Nation – einfach mehr zu einem Teil der sie jetzt umgebenden Welt der Weißen werden? Beispiel dafür gäbe es genug und eines liegt unmittelbar vor unser Haustür und das ganze Land „leidet“ – zumindest wenn man sich dem Wahren verschrieben hat – noch heute unter den Folgen. Vielleicht suchen die Aborigines ebenso nach ihrer nationalen Identität wie die Schotten in der Zeit, als Walter Scott seine über die Landesgrenzen hinaus populären Waverly Romane herausgab? 1814 erschien der erste Roman dieser Serie und gilt heute als der erste britische historische Roman. So wie Walter Scott heute als der Erfinder des historischen Romans gilt. Roman, nicht Realität! Die Vertreibung der Schotten aus ihren Highlands war längst abgeschlossen, die stolze Nation war zu einem simplen Volk von Kleinbauern und Pächtern ohne Rechte verkommen. Trotzdem zog noch die Erinnerung an glorreichere Zeiten durch sie hindurch. Sie suchten damals dringend nach einer nationalen Identität, die ihnen abhanden gekommen war. Und als nun die ersten Besucher mit einem der Romane Scotts vor der Nase ins Land kamen, um genau dieses Schottland zu sehen, welches Scott in seinen Romanen beschrieb, nahmen die Schotten dieses Interesse zum Anlass um eine romanhafte Fiktion über das gesamte Land zu stülpen, in der sich alles um Tartan, Kilt, Dudelsack, Whisky und schottisches Hochland drehte, auch wenn die Geschichte dieses Landes weitaus vielfältiger war, als in den Romanen beschrieben. Man reduzierte Schottland auf die Summe seiner Klischees und mit dieser klischeehaften Erwartungshaltung reisen noch heute viele Menschen in dieses Land. Und wenn nun die Menschen mit den absurden Beschreibungen des „Traumfängers“ nach Australien reisen und die dort nun offensichtlich ebenfalls im Tourismus arbeitenden Einheimischen (uralt-Einheimische) die Erwartungen erfüllen und ihrerseits die Romanhafte Vorstellung von Frau Morgan im Gepäck haben? Dann wird sich dieses Lügengebilde weiter verbreiten und dafür sorgen, dass der Welt diese einzigartige Kultur schneller verloren geht, als im schlimmsten Fall befürchtet.

Aber noch besteht Hoffnung!

Millionen Jahre altes Gestein überall auf dem Kontinent

Ich kann nur mit meinen kleinen Erlebnissen dagegen halten, nicht wissend – nur ahnend – dass die von mir so erlebte Kultur noch heute existiert. Als wir 1992 bei Ruby, der Aborigine in Hermannsburg waren, fragte ich sie auch, ob ihr Cousin, der sich auf einem Walkabout befand, dort draußen im Outback auch ein Zuhause hätte, ein Dach über dem Kopf zumindest! Sie lächelte und erklärte kurz den Sinn eines Walkabout, fügte aber hinzu, dass es schon noch ein paar – illegale – Siedlungen von Aborigines dort in den weiten Wüsten geben würde. Die australischen Regierungen hätten sich zwar bemüht, die absolute Kontrolle über die Ureinwohner zu erlangen, aber es gäbe noch immer einige von Ihnen, die das traditionelle Leben vorzogen und in geheimen Camps dort im Busch so leben würden wir ihre Vorfahren. 1992 gab es aber auch noch keine flächendeckende Überwachung mit Satelliten und kein Ureinwohner hatte ein Smartphone, so dass man seinen Standort jederzeit hätte überprüfen können. Gechipt hatte man sie auch nicht, so dass es möglich war, sich der totalen Kontrolle durch den Staat zu entziehen. Heute sieht das möglicherweise etwas anders aus? Ich wähle die Titel für die Artikel ja ganz bewusst aus damit deutlich wird, dass ich diese Reisen in der Rückbetrachtung beschreibe. Das letzte Mal war ich 2006 in Australien. Das ist schon eine Weile her. Möglicherweise haben ja mittlerweile alle Aborigines einen Chip im Ohr? Vielleicht hat die australische Regierung eine flächendeckende Drohnen oder Satellitenüberwachung eingerichtet? Die Möglichkeiten, die Völker dieser Welt zu überwachen, werden sich sicher nicht nur bei uns in Europa zugunsten der Systeme in denen wir leben, verändert haben? Ich hatte bei dem Besuch in Hermannsburg deshalb die Idee, dass es von großem Vorteil wäre, wenn ich einmal ein solches „wildes“ Camp würde besuchen können. Ich musste aber noch über drei Jahre warten, dann aber wurde es Realität und wenn ich diesen Teil der 95er Reise beschreibe, werden wir auch an des Pudels Kern angekommen sein. Wir sind 1992 – meine schwangere Lebensgefährtin und ich – extra noch einmal in die Schluchten der Kathrine Gorges und auf den Campingplatz gefahren, auf dem sie die ersten Bewegungen des Kindes in ihrem Bauch gespürt hatte. Wir nahmen die Sache wirklich ernst. Sie suchte erneut die Stelle auf, an der das Vorkommnis stattgefunden hatte und versuchte sich zu erinnern, wohin sie überall geblickt hatte. Ich machte Photos von den entsprechenden Stellen und am nächsten Tag, als wir uns anschickten den ersten Teil der fast 2.200 Kilometer langen Strecke nach Cairns in Queensland zu fahren, konnten wir schon beim ersten Stopp in dem kleinen Ort „Katherine“ die Frage nach dem Totem, welches in der Zukunft für unser Kind Geltung haben würde, beantworten. Der Kerl, der in einer Werkstatt neben der Tankstelle arbeitete – oder besser gesagt: an einem Auto irgendwie unmotiviert herumschraubte – sah wie ein waschechter Aborigine aus. Er sah sich die Skizzen an, die meine damalige Lebensgefährtin gemacht hatte, lauschte der Beschreibung, schüttelte seinen Kopf und rief nach einem älteren Mann, der offensichtlich sein Vater war. Beide Männer nahmen übrigens absolut keine Notiz von dem Schwangerschaftsbauch meiner Reisegefährtin. Aborigine Männer machen ihr „Zeugs“ und die Frauen wiederum das ihre! Aber der Alte brummelte bei Betrachtung der Skizzen irgend etwas in seinen Bart, sprach noch kurz mit seinem Sohn und legte sich dann fest, dass der Ahne, der dort geschaffen habe, ein Emu gewesen sei. So konnten wir später nun also unserer „Tochter“ (wir wollten es noch immer nicht wirklich glauben) zumindest mitteilen, dass sie den Emu als Totem hatte und damit viele, viele andere Emu-Totem-Verwandte auf dem ganzen Kontinent. Da sich der Artikel bis hierher eher mit den ernsten Themen beschäftigt hat, möchte ich zum Schluss über etwas Belustigendes Schreiben. Nicht unbedingt für mich! Aber ich gebe zu bedenken dass ich bereits mehrfach darauf hingewiesen habe, dass auch ich einmal ein jugendlich motivierter Idiot gewesen bin. Obwohl ich bei dieser Geschichte mitnichten „jugendlich übermütig“ gehandelt habe. Ganz im Gegenteil und genau das ist es ja, was mich bis zum heutigen Tage auch immer wieder mal in eine gewisse Nachdenklichkeit mit selbst gegenüber treibt, auch wenn ich mit meinem Leben längst Frieden geschlossen habe.

Haben die Aborigines vielleicht mittlerweile ihre Sinne verloren?
Im Hinterland von Cairns liegt das tropische Australien
Und in den Gärten der Stadt lebt exotisches Federvieh

Als wir vier Tage nach der Abreise aus Katherine in Cairns ankamen, wollte ich unbedingt, dass meine damalige Lebensgefährtin etwas zu Gesicht bekommt, was mich 1988 so unglaublich faszinierte, dass ich das Erlebnis fast auf dieselbe Stufe mit den Empfindungen bei der Betrachtung des majestätischen Outback stellen wollte. Fast nur, aber immerhin! Das Great Barrier Reef, welches sich nordöstlich an der Ostküste des Bundesstaates Queensland über eine Gesamtlänge von 2.300 Kilometern erstreckt, ist einer der buntesten und vielfältigsten Lebensräume unseres Planeten. Wie hatten wir im Sixpack gestaunt, als wir mit kleinen Wasserflugzeugen zu einer winzigen Plattform am Rand dieses gewaltigen Riffs geflogen wurden um dort zu Schnorcheln oder zu Tauchen. So ähnlich wie beim Aufgang des Mondes als Fernscheinwerfer lagen wir uns am Abend in den Armen und konnten kaum fassen, dass wir „das noch erleben durften“. Und da die Erinnerung daran nie wirklich verblasste, war klar, dass ich auch meiner damaligen Partnerin diesen Genuss nicht vorenthalten wollte. Sie war mittlerweile schon sehr deutlich schwanger, auch wenn es erst Ende des fünften Monats war! Der Bauch war so dick, dass andere Frauen in diesem Zustand ihre Kinder bereits als normale Neunmonats-Kinder auf die Welt gebracht hätten! Ich hatte damals immer die Vorstellung, dass das Kind im Leibe der Mutter eben auch besonders groß war, da es schlicht auch hochgewachsene Eltern hatte! Punkt. Ich selbst war zwar nie schwanger (nein, auch nicht co-schwanger!!), habe aber zumindest drei Schwangerschaften begleitet und wusste auch – da ich bereits einen Sohn aus erster Ehe hatte der zu diesem Zeitpunkt aber schon neun Jahre alt war – dass so eine Schwangerschaft oft nicht ohne gewisse Komplikationen abläuft, zumindest was die Veränderung des Gemütes (gerne auch mal spontan) den Heißhunger auf absurdeste Dinge (verständlich) oder den Hunger im Allgemeinen (verständlich aber teuer) betrifft, wobei die Partnerin auch mal die doppelte Menge von dem essen kann, was ihr ansonsten in dieser Hinsicht weit überlegene Partner verdrückte. Auch das Frau sich manchmal unpässlich fühlt, zu den verschiedensten Zeiten an verschiedenen Orten. Alles ist möglich in so einer Schwangerschaft und „Mann“ merkt das auch, wenn er voller Empathie die gesamte Geschichte begleitet. Mittlerweile hatte sich der Tourismus am Riff weiter entwickelt. Waren wir als Sixpack noch gezwungen, unsere Gruppe zu teilen und zu zwei Terminen mit zwei verschiedenen Wasserflugzeugen zu fliegen, weil es nicht mehr Platz als für vier Personen auf der schwimmenden Plattform gab, hatten sich 1992 bereits einige Ponton-Anlagen gebildet, die schwimmenden Festungen gleich, von mehreren Hundert Besuchern gleichzeitig genutzt werden konnten. Die Überfahrt mit dem Katamaran von Cairns aus zu dieser schwimmenden Insel war es, die meiner damaligen Partnerin Sorgen bereitete. Das wackelte doch sicher? Nun, Wasser hat ja bekanntlich keine Balken und ich versicherte ihr, dass ich ihr während der Überfahrt jeden Wunsch erfüllen und sie nach Kräften ablenken würde, falls es ihr schlechter gehen sollte. Versprochen ist nun mal versprochen!

Um das Great Barrier Reff zu erfassen, muss man einen Rundflug machen

Es dauerte maximal fünf gefühlte Wellen lang, bis ich anfangen musste mich zu kümmern. Das grünliche Gesicht, dass sie im Verlauf der nächsten Minuten bekam, erinnerte mich an den wilden Ritt auf den Wellen vor der Küste von Kaikoura in Neuseeland, als wir auf der Photojagd nach Pottwalen waren. Schon bald musste ich anfangen, ihr Lieder ins Ohr zu summen und Gedichte vorzutragen. Es gefiel ihr, aber es half ihr nicht. Ist dem Kind im Bauch einer werdenden Mutter eigentlich auch immer schlecht, wenn die Mama sich übergeben möchte? Es war ein Drama, aber wir kamen unverletzt an der Ponton-Anlage an, auch wenn es einige Minuten dauerte, bis die werdende Mutter wieder einsatzfähig war. Und wie beschrieben, die Zeiten hatten vieles verändert. Auf der Anlage gab es Toiletten, eine Grill-Station auf der bereits das für alle Teilnehmer enthaltene Essen bruzzelte, es konnten Taucherbrillen, Schnorchel und Schwimmflossen kostenlos ausgeliehen werden und wer wollte, konnte sich gegen eine geringe Zuzahlung im Scuba-Diving üben. So bis zu zehn Metern Tiefe konnte man so vordringen. Wir wollten einfach nur schnorcheln und die bunte Vielfalt an Fischen bewundern. Verändert so eine Schwangerschaft eigentlich jede Frau so sehr, dass man glauben möchte, man hätte es nicht mehr mit derselben Person als Partnerin zu tun? Als wir uns kennenlernten, war meine damalige Lebensgefährtin gerade von einer halbjährigen Afrika Reise wieder nach Deutschland zurück gekommen. Sie hatte – zusammen mit zwei Bekannten – die Sahara durchquert, war auf Berge gestiegen, hatte im Wüstensand geschlafen, sich durch den Dschungel gekämpft und sich einmal – bei einer Übernachtung an einem der Flüsse dort – auch nicht davon verschüchtern lassen, dass eine Herde von wilden Flusspferden in unmittelbarer Nähe ihr Unwesen trieb. Sie war eine richtige Heldin – damals! Nun hatten sich die genetischen Dispositionen durch die bestehende Schwangerschaft offensichtlich stark verändert? Als wir zum ersten Mal über die Treppe ins Wasser gingen, hatte ich mir noch ein paar Stück Schinken von den Auslagen des Buffets gegriffen. Ich hatte zwar keine Unterwasserkamera, dachte aber, dass man so die Fischlein anlocken und besser um sich sammeln konnte um sie in aller Ruhe zu betrachten.

Herzlich schöne Perspektiven

Den Schinken hatte ich mir mangels Taschen in den vorderen Teil meiner Badehose gestopft. Von dort – so dachte ich – würde ich ihn schnell hervorholen und an die Fische verfüttern können. So funktionierte es bei den Tauben im Stadtpark schließlich auch! Warum sollten Fische anders sein? Wir hatten erst zwei oder drei Schwimmzüge gemacht und das eigentliche Riff war noch gute 20 Meter entfernt, als es zum ersten Mal kräftig an meiner linken Seite in Höhe der Badehose zwickte. Sollten Fische etwa derart gut wittern können und verhielten sie sich am Ende nicht so brav wie Tauben? Es zwickte wieder und gleich nochmal und sofort nochmal und gleich an drei Stellen! Ich blickte an mir herab (in der schwimmenden Waagerechten) und erschrak. Ein großer Schwarm von unterschiedlichen Fischen hatte sich daran gemacht, in meine Badehose einzudringen. Sie rüttelten an allen Ecken des Textils und es waren schnell so viele, dass auch meine Begleiterin in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das war ihr zu viel, sie tauchte auf und beschimpfte mich und fragte, ob ich denn den Verstand verloren hätte! Ich solle sofort (mit einem Unterton) diese mitgeschleppten Sachen den Fischen vorwerfen, sonst würde sie eine Fehlgeburt erleiden! Sie war wirklich in Panik! Ich wollte weder dass sie Ängste hatte (auch wenn ich schon über ihre Nacht am Fluss mit den Flusspferden denken musste) und auch nicht, dass sie am Ende fehlgebar! Aber fasse dir mal in die eigene Badehose wenn sich gerade ein Fischschwarm in wilder Hetze daran zu schaffen macht! Irgendwer hatte den Fischen wohl verraten, dass da gleich einer ins Wasser kommt, der in seiner Badehose Futtermittel mit sich führt. Woher hätten die das sonst so schnell wissen können? Beim ersten Versuch, mit der einen Hand den Stoff etwas vom Körper weg zu ziehen um mit der anderen Hand an die Vorräte zu kommen, schafften es gleich drei der etwa 30 Zentimeter großen Fische, in meine Badehose und damit in den Bereich des Allerheiligsten einzudringen. Die Fische in dem wüsten Handgemenge wieder aus der Badehose zu bekommen, war fast unmöglich, aber mit eisernem Willen, eiserner Konzentration und der Fixierung darauf, dass ich meine Zeugungsfähigkeit behalten musste wenn ich unser Kind nicht als Einzelkind verstehen wollte, schaffte ich es dann. Ein paar der Schinkenscheiben waren dadurch aus der Hose gefallen, kamen aber nicht weit, denn der Fischschwarm um uns herum geriet dadurch nur weiter in von Fressneid genährte Raserei! So wie die Fische sich verhielten, musste es weitere Leckerlies in meiner Badehose geben, denn sie setzten zu neuen Attacken an und wieder wurde der zum Glück elastische Stoff in alle Himmelrichtungen gezerrt und es wurde weiter gezwickt. Ich bat meine mich über der Wasseroberfläche noch immer wüst beschimpfende Mit-Schwimmerin darum, mir zu assistieren und ihren Leib gegen den meinen zu drücken, damit ich in die Lage versetzt werden würde, zwischen unseren Körpern in die Badehose zu kommen, ohne das weitere Fische ebenfalls Zugang bekommen würden. Die Schwangere war extrem angenervt, willigte aber ein, damit der Spuk endlich ein Ende haben möge. Ich drückte mich so fest ich das im Wasser konnte, mit meinem Bauch gegen ihren Rücken, wobei die gesamte Aktion von einem in Raserei befindlichen Fischschwarm begleitet wurde. Ja, langsam wurde ich „etwas“ nervös! Zugegeben! Ich dachte an die drohende Sturzgeburt und so ein Kind, im fünften Monat unter Schrecken und auch noch unter Wasser geboren, war sicherlich nicht lebensfähig? Außerdem wäre es dann sehr klein gewesen, dieses Kind und es gab ziemlich große und ziemlich forsche Fische um uns herum! In meinem Stress geriet ich mit meiner Hand nicht in meine, sondern in ihre Badehose! Zusammen mit zwei Fischlein die wohl dachten, jetzt im Fressnapf gelandet zu sein! Da war dann der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Fast schon hysterisch – so kannte ich sie überhaupt nicht – schrie sie aus Leibeskräften, dass ich „das“ wegmachen solle, wobei sie immer wieder mit dem Kopf unter Wasser geriet so dass man sie nur sehr schwer verstehen konnte. Sie zerrte und riss an ihrer Badehose und kreischte dabei so laut, dass die Rettungsschwimmer auf der Ponton-Anlage wohl bereits im Alarmzustand waren, obwohl sich das Drama keine drei Meter von der Treppe, an der wir ins Wasser gestiegen waren, abspielte. Die Fische merkten aber zum Glück sehr schnell, dass in der Badehose, in der sie da gelandet waren, nichts Fressbares zu finden war und nutzten die erste sich bietende Gelegenheit, um aus der Badehose zu entkommen. Sie versuchten aber sogleich zusammen mit ihren geschätzten 40 Kumpel, wieder in meine Badehose einzudringen, von der aus wohl noch immer eine erregende Witterung ausging? Meine damalige Partnerin zog sich prustend und noch immer über meine Unvernunft schimpfend über die Treppe aus dem Wasser. Ich versuchte noch, sie zu beruhigen und rief ihr zu, dass sie doch einmal an die Nacht an dem afrikanischen Fluss bei den Flusspferden denken solle! Es war wohl der falsche Ansatz? Zumindest in diesem Moment? Sie stapfte wütend davon – die ehemalige Heldin – und war an diesem Tag nicht mehr ins Wasser zu bekommen. Den Teil des Riffes, den sie später sah, erblickte sie im Umweg mit der Fahrt mit einem Glasbodenboot, welches 1992zig natürlich auch in dreifacher Ausfertigung an der schwimmenden Anlage befestigt war. Als ich an der Treppe der Schwangeren und ihrem Bauch hinterher blickte (mit etwas schlechtem Gewissen und voll von Schuldgefühlen), fiel mir auf, dass keiner mehr an meiner Badehose zerrte! Der Blick mit der Taucherbrille an mir hinab brachte die optische Bestätigung. Kein Fischschwanz mehr in der Nähe! Aber wo waren die? Oben am Geländer der Ponton-Anlage hatten einige Besucher und einer der Lebensretter-Ranger Quartier bezogen und sich dort aufgestützt. Photoapparate waren in Bereitschaft gebracht worden und eine der asiatischen Touristinnen hatte diesen typischen „ich glaub nicht was ich sehe“ Blick drauf. Der Lebensretter zeigte auf etwas hinter mir und ich höre ihn noch heute sagen, dass Mr. Blue eine Art Familienmitglied sei, aber dass es ungewöhnlich wäre, dass er so nah an die Plattform käme! Mr. Blue? Wer verdammt nochmal war Mr. Blue? Ich wendete meinen Blick langsam, aber mit steigendem Entsetzen! Mr. Blue war keine drei Meter mehr von mir entfernt. „Er“ war ein gut zwei Meter langer Zackenbarsch mit einem gewaltigen Maul. Der Lebensretter da oben mochte sich vielleicht darüber wundern, dass sein fetter Mr. Blue so nah wie selten an die Plattform geschwommen kam – ich dagegen nicht! Ich wusste ganz sicher, was Mr. Blue dazu motivierte, sich hier herum zu treiben! Meine Badehose war es, die ihn anzog, meine Badehose inkl. allem, was sich darin befand, auch die Möglichkeit, weiteren Nachwuchs zu produzieren! Ich steckte in der Klemme, aber tüchtig! Dort oben, direkt am Anfang der Treppe stand nämlich zu lesen: „Don´t feed them – it´s against the law“. Klar, hatte ich gelesen, aber so eine kleine Fütterung hätte doch wohl niemandem geschadet? Ich klammerte mich an den Teil der Treppe, der unter Wasser lag. Mr. Blue rieb sanft seinen massigen Körper an meinem Rücken! Der Lebensretter rief mir noch zu, dass er mich offensichtlich mögen würde, der gute alte Mr. Blue! Der Mann hatte ja keine Ahnung! Ich konnte doch jetzt nicht umständlich die Reste des Schinkens aus meiner Badehose kramen! Der Lebensretter hätte mich erst retten müssen und vielleicht noch erreicht, dass ich meine weitere Familienplanung nicht hätte beerdigen müssen, und danach hätte er mich umgehend ins Gefängnis gesteckt, weil ich gegen das Gesetz verstoßen hatte. Ohne meine Hände zu benutzen versuchte ich zu erfühlen, wo denn die Schinkenscheiben versteckt waren, ob sie verborgen blieben wenn ich jetzt nach oben steigen würde oder ob sie mir herausfallen würden? Ich war Mr. Blue irgendwie sogar sehr dankbar dafür, dass er mich umschwärmte und nicht die vielen hektischen, doofen kleinen Fische! Wenn die jetzt noch immer an meiner Badehose zerren würden in blindem Eifer, wäre der Lebensretter ganz gewiss nicht zu dem Schluss gekommen, dass die mich mögen würden! Am Ende rettete mich Mr. Blue höchstselbst! Er schwamm majestätisch an der Ponton-Anlage entlang und die Schar seiner Bewunderer folgte ihm mit den Augen und den Photoapparaten. Und kaum war der dicke Chef in seinem prachtvollen Kleid ein Stück weit entfernt, zog wieder jemand an meiner Badehose! Nun galt es zügig zu handeln, da alle mit den Augen Mr. Blue verfolgten. Alle die schon einmal einen Phantasie-Film über die fleischfressenden Piranhas in den Gewässern Süd-Amerikas gesehen haben, wissen, dass diese Fische in wildem Gekloppe und plätschernd wie eine ins Wasser gefallene Nichtschwimmer-Kuh, die verzweifelt versucht wieder aufs Land zu kommen, ihre Beute auch dann noch verfolgen, wenn diese bereits ein Stück über die Wasseroberfläche gezogen wurde. So erging es auch meiner Badehose und dem darin steckenden Ich! Mit letztem Einsatz versuchten noch ein paar der Fischlein die Leckerbissen in meiner Badehose zu erreichen und verfolgten das Stück Textil mit eleganten Sprüngen noch etwa 30 Zentimeter weiter. Dann hatte der Spuk ein Ende! Ich habe die Reste des Schinkens übrigens nicht heraus gekramt und doch noch an die Fische verfüttert! Wäre zu auffällig gewesen bei dem Plätscher-Lärm, den die verursachten. War ja schließlich verboten! Ich ging auf die Toilette und entsorgte alles dort. Aber wie das bei solchen Berichten eben mal ist, habe ich hier am Ende garnicht über den Vorfall geschrieben, um den es eigentlich gehen sollte! Es wurde an dem Tag nämlich wirklich noch einmal sehr gefährlich und ein Hai kam ins Spiel. Aber darüber werde ich das nächste Mal berichten, denn ich bin – wie erwartet – wieder nicht ansatzweise fertig geworden mit den Berichten über diesen charismatischsten aller mir bekannten Kontinente. Und den Südpol kenne ich nicht! Schade eigentlich.

So ungefähr hat er ausgesehen, Mr. Blue
Und dieser vertrauenswürdig wirkende Mako-Hai wird im nächsten Artikel behandelt.

Wird fortgesetzt

RR aus BN

18.11.2020

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