Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 04

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 04

Der Verzicht, die Gier und das ewige Ich

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass toxische Menschen von denen angezogen werden, die selbst eigene, schlechte Seiten haben, in denen sich solche Personen spiegeln können. Das bekannte Sprichwort „gleich und gleich gesellt sich gern“ greift in diesem Fall nicht. Alte Volksweisheiten treffen oft nicht mehr wirklich zu, was auch der sich verändernden, sich dynamisierenden Gesellschaft geschuldet ist. Ein anderer Vergleich, nämlich der, dass sich die beiden gegensätzlichen Pole eines Magneten anziehen, würde besser passen. Toxische Menschen ziehen vor allen Dingen die an, die sich durch positive Eigenschaften und Verhaltensweisen hervortun. Einer der überraschenden Gründe dafür kann zum Beispiel sein, dass Personen, die sehr hilfsbereit sind und anderen Ihre Hilfe anbieten, wenn einmal Not herrscht, den Argwohn toxischer Persönlichkeiten wecken. Personen, die anderen Ihre Hilfe anbieten, werden in der Regel nicht nur als sympathisch eingestuft, sondern stärken auch die persönlichen Beziehungen. Leider wird Gutmütigkeit prinzipiell oft und gerne ausgenutzt und es geht auch nicht darum sich zu fragen, ob diese Hilfsbereitschaft auch erwidert werden würde! Für jemanden, der sich anderen gegenüber verpflichtet fühlt stellt sich die Frage nicht, ob die betreffende andere Person auch zu einem Gefallen bereit wäre. Wer Ideen und Ziele teilt, indem er (auf die Reisesparte bezogen) zum Beispiel für die Realisierung einer Vision, die in der Zukunft gestaltet werden soll und von deren Umsetzung auch andere seit längerer Zeit träumen, diese Vorstellungen mit positiven Menschen teilt, erhält auch ehrliche Meinungen und wichtiges, positives Feedback. Toxische Menschen sehen aber die Chance, alles schlecht zu reden, Zweifel zu säen und allen Beteiligten einzureden, dass Sie es ohnehin nicht gelingen wird. Diese Einstellung vertreten sie auch sich selbst gegenüber. Deshalb trauen und gönnen sie auch niemandem sonst den Erfolg. Wer ein großes Netzwerk hat und beruflich oder privat gerne neue Kontakte knüpft, hat viele Vorteile. Doch durch die dafür notwendige offene und kontaktfreudige Art werden solche Personen auch schnell zum Ziel von manipulativen Angriffen. Die Gefahr, dass toxische Menschen in das Netzwerk aufgenommen werden, steigt und damit auch das Risiko für eine erfolgreiche Durchführung. Toxisches Verhalten zeigt sich eben auch oft durch Lügen und Manipulation. Und wer ist denn schon wirklich in der Lage, sich immer erst selbst eine Meinung zu bilden und sich nicht mitunter auf das Hören-Sagen zu verlassen?

Wer auf andere Personen eine positive Wirkung hat, kann sicher sein, dass er auch toxische Menschen anzieht. Der Grund hierfür ist einfach und traurig aber sicher dem archaischen „Affen-Ich“ geschuldet. Die Missgunst führt immer in die Negativität macht letztlich immer auch unglücklich und so können viele davon Betroffene nicht nachvollziehen, dass es anderen offensichtlich besser geht, als ihnen selbst. Man versucht, andere mit herunterzuziehen. Und dagegen ist man auch auf Reisen, unterwegs in der Welt mit all ihrem Zauber den sie uns bietet und gleichzeitig dazu auffordert, mehr Tiefe zu erreichen, nicht gefeit, wenn man in einer Gruppe mit entsprechender Gruppen-Dynamik unterwegs ist. Ein Beispiel vielleicht, weil es die 92er Australien Gruppe betroffen hat. Als wir dort während Reise beschlossen, einen Rundflug mit der Gruppe über das Gebiet der Bungle-Bungle Berge zu unternehmen (heute wird das Gebiet Purnululu-Nationalpark genannt um die Rechte der Aborigines zu unterstreichen), kümmerte ich mich – weil ich mich als Organisator dazu verpflichtet fühlte – um die entsprechenden Telefonate mit der kleinen Airline, die diese Exkursionen anbot. Als wir dann dort ankamen, überraschte mich der Betreiber mit der Nachricht, dass ich zu diesem Rundflug eingeladen werden würde. Ich hatte in den letzten 12 Monaten als Einziger aus der Gruppe für die Realisierung unserer Pläne kostenlos gearbeitet und dazu meinen Platz innerhalb der Gruppe auch komplett selbst bezahlt – so wie alle anderen. Trotzdem gab es nach dem Flug teils wütende Proteste von zumindest zwei Personen aus der Gruppe, warum mir diese Vergünstigung zuteil wurde und nicht ihnen selbst! Da war kein Gedanke an die 12 Monate Arbeit, die ich investiert hatte, keine Wertschätzung, kein Verstehen. Andere Mitglieder hatten dafür durchaus Verständnis, aber der Protest der „Toxischen“ beeinträchtigte das Wohlbefinden der gesamten Gruppe innerhalb der nächsten Stunden. Solche Verhaltensweisen sind in unseren Gesellschaften sicherlich jedem bekannt? Die Gier nach dem eigenen Ich, nach dem mehr und immer mehr verführt viele Menschen dazu, das große Bild nicht zu erkennen. Niemals habe ich solch überzogenen Egoismus bei indigenen Völkern erlebt. Neid und Missgunst in abgeschwächter Form, kann man auch in den sogenannten Naturgesellschaften finden, aber unsere hochkomplexe Form des pluralistischen Zusammenlebens eröffnet schlicht mehr Möglichkeiten, dieses archaische Grundgefühl geschickt zu verbergen und trotzdem mit voller Wucht wirken zu lassen. In meinen Kontakten zu den australischen Ureinwohnern waren diese Charakterzüge aber – für mein Empfinden – überwunden. Auch deshalb kam mir das Leben dort oft paradiesisch vor. Um besser verständlich zu machen, wie sich ein solcher Artikel entwickelt muss ich erklären, dass ich permanent Geschehnisse, Orte und Personen in meinen Gedanken habe, die unterschiedlich stark in den Vordergrund treten. Wenn eine solches Geschehnis, ein Ort oder eine Person dann immer wieder in den Vordergrund tritt, ist es an der Zeit, die damit verbundenen Geschichten aufzugreifen und darzustellen.

Kangaroo Island hat bizarre Felsen und Küsten

Die in der Überschrift erwähnte Gier ist es möglicherweise, die mich in diese Richtung führt? Da es sich dabei um ein australisches Erlebnis handelt, welches aber auch aufzeigt, wie vernetzt, klein und ungewöhnlich unser Leben verlaufen kann, will ich es beschreiben. Bei einer späteren Reise mit einer geschlossenen Gruppe, die das seltene Glück hatte in ihrem „Verein“ über finanziell gut gestellte Personen zu verfügen, erhielt ich den Auftrag, eine vierwöchige Rundreise durch den Kontinent mit vielen Besonderheiten zu konzipieren. Vier Wochen sind im Normalfall das Maximale was ein im Berufsleben stehender Mensch möglich machen kann, um seiner Reiselust zu frönen. In dem Fall dieser beschriebenen Gruppe waren die vier Wochen aber ausschließlich auf den Aufenthalt in Australien bezogen, die Zeit für An- und Abreise mit Zwischenaufenthalten in den Metropolen Hong-Kong und Singapore war darin nicht einmal enthalten. Da ich bei privaten Reisen die wundervolle Tierwelt auf der südlich von Adelaide gelegenen Känguru Insel (Kangaroo Island) und die dortigen, einzigartigen Felsformationen bereits kennengelernt hatte, wollte ich nun gerne für diese Gruppe einen Tagesausflug auf der Insel realisieren. Als Reiseleiter allerdings, war ich dort nicht geeignet, da ich die Insel zwar schon mehrfach besucht hatte, mich aber ausschließlich auf meine Bedürfnisse der Natur-Photographie reduzierte. Ich war im Prinzip dort nur in den Naturschutzgebieten der Flinders Chase oder des Cape Gantheaume unterwegs gewesen und konnte kaum Angaben über die dortigen dörflichen Gemeinden oder die Geschichte der Insel geben. Ich ließ also im Umweg über die australische Partneragentur nach einer einheimischen Reiseleitung fragen, die möglichst auch der deutschen Sprache mächtig sein sollte. 1996zig gab es eine solche Fachkraft, die sich als „klassische Fremdenführung“ angeboten hätte, aber nicht. Die Dame am Telefon am anderen Ende der Welt bot mir aber die Unterstützung durch eine deutschsprachige Wissenschaftlerin an, die zusammen mit ihrem Partner auf der Insel diverse Feldforschungen mit Schnabeligeln und Tigerschlangen betrieb und mit diversen Universitäten der Welt in enger Verbindung stehen sollte. Eine Wissenschaftlerin? Nun, warum nicht, es konnte sich ja für das tiefere Verstehen der dortigen Natur nur als vorteilhaft erweisen, von einer in der Sache extrem kundigen Wissenschaftlerin herumgeführt zu werden? Den Namen der Person hatte ich im Vorfeld bereits erhalten und in späteren Zeiten, als das Internet „der“ Begleiter aller Menschen durch ihre Tagesgeschäfte wurde, hätte ich auch sicher nach ihr gegoogelt. Aber 1996zig war dieses hinterher-googeln noch nicht wirklich relevant! Wie denn auch? Ich blieb also bis zur Ankunft mit der Gruppe auf der Insel an dem kleinen Fährhafen von Penneshaw in gewisser Weise gespannt, wer denn dort am Hafen auftauchen würde, um unsere Gruppe in Empfang zu nehmen. Und? Die blonde Frau mit langen glatten Haaren und der „John-Lennon-Brille“ sah tatsächlich aus wie man sich eine in Feldarbeit tätige Wissenschaftlerin so vorstellt. Sie sprach gutes Deutsch mit einem Akzent, der mir nicht australisch vorkam. Ihr Name war Peggy Rismiller. Und sie wusste tatsächlich auch eine Menge über den Alltag auf der Insel dort zu erzählen und zerstreute damit unsere Befürchtungen, dass sie ellenlange wissenschaftliche Abhandlungen von sich geben würde, die nur dafür gesorgt hätten, dass die Mitreisenden entweder in ihren Sitzen eingeschlafen wären oder vom trockenen Staub, der nach einer halben Stunde „wissenschaftlicher Erklärungen“ gefühlt aus den Lautsprechern des Busses auf sie herab gerieselt wäre, den Erstickungstod erlitten hätten. Es war fein, sie als kundige Inselführerin gewonnen zu haben. Sie war charmant, informativ und – was nicht unwichtig ist – der deutschen Sprache so gut mächtig, dass alle in der Gruppe ihre Erläuterungen problemlos würden verstehen können. Lediglich dieser Akzent war irgendwie nicht „australisch“. Ich beschloss, sie in der nächsten Pause danach zu fragen, woher sie denn kommen würde.

Die Straßen sind (noch) nicht alle asphaltiert

In der Reisegruppe befand sich auch eine jüngerer Mann, nur zwei Jahre älter als ich, der sogar schon ein Herr Doktor der Biologie war. Nicht dass er mit diesem Titel angegeben hätte, aber bei der Aufnahme der Personalien der Personen am Anfang der Reise müssen ja – zum Beispiel für die Flugverbindungen – alle Bestandteile des Namens angegeben werden. Ich hatte ihn deshalb schon auf der Anreise zu diesem Thema befragt und die entsprechenden Informationen von ihm erhalten. Der junge Herr Doktor der Biologie hatte ein traurig stimmendes Vorkommnis in seiner Vita, über welches er gerne sprach um sich ein wenig Luft zu verschaffen. Als junger Doktorand hatte er in seiner Universität in Marburg, beauftragt von seinem Professor, diverse Forschungen mit dem Thema Viruserkrankungen an Meerschweinchen durchgeführt. Er wurde in seinen Erklärungen nicht müde darüber zu berichten, mit welchem Elan er sich in diese Arbeiten gestürzt hatte. Die diversen Fachbegriffe, die er mir nannte, sind allesamt wieder aus meinem Erinnerungsraum entschwunden, aber die Moral der Geschichte letztlich nicht! Viele Monate hatte er sein Privatleben gegen Null zurückgefahren um sich seinen Forschungen zu widmen. Er leitete die Arbeiten komplett allein und war schon bald auf einer vielversprechenden Fährte. Als er einen Durchbruch erzielte und seinem damaligen Professor diese Kenntnisse mitteilte, widerfuhr ihm etwas, was er wohl sein ganzes Leben lang mit sich herumtragen wird? Der Professor erkannte mit einem kurzen Seitenblick die Sprengkraft seiner Arbeiten und schloss ihn umgehend von den weiteren Forschungen aus. Ab dem Zeitpunkt, ab dem der Durchbruch zur Disposition stand, übernahm sein Professor die Arbeiten. Er wurde ausgeschlossen und seine Zugangsberechtigung zu den entsprechenden Räumen und Unterlagen wurde gesperrt. Mit dem Ergebnis trat dann der höherrangige Mann (der Professor) in die Öffentlichkeit und beanspruchte den Erfolg für sich allein. Nur wer einmal längere Zeit mit Menschen zu tun hatte, die „für die Forschung brennen“ weiß, dass das archaische Affen-Ich auch in den Würdenträgern der Wissenschaft wütet. Der Jung-Doktor, der Monate seines Lebens für den Erkenntnis-Gewinn geopfert hatte, strebte danach sogar einen Prozess an, um einen Vergleich zu erzielen und nicht komplett um seine Lebensleistung der vergangenen Monate gebracht zu werden, scheiterte aber kläglich und musste danach mit dieser speziellen Erkenntnis weiterleben. Heute findet sich kein einziger Eintrag in dieser wissenschaftlichen Expertise, der seinen Namen nennen würde. Sklavenarbeit gab es eben nicht nur auf den Feldern der Gutsherren in den Vereinigten Staaten von Amerika! Es gab und gibt sie auch bei uns. Für das sogleich zu schildernde Erlebnis, welches aufzeigen soll, wie vernetzt, klein und ungewöhnlich unsere Leben verlaufen können, ist die Erwähnung des Jung-Doktors aber relevant.

An der Küste gibt es bekannte Seelöwen-Kolonien

Die erste Pause, nachdem wir am Hafen von Penneshaw auf der Känguru Insel unsere einheimische Wissenschaftlerin aufgenommen hatten, legten wir an der Murray Lagune ein. Auf einem von soliden Zäunen umstandenen Parkplatz hielt der Fahrer an und die Gruppe verließ den Bus um frische Luft zu tanken und um Photos zu machen. Der solide Zaun war nötig, um Wildtiere davon abzuhalten, den „Futterspendern“ (den Besuchern der Insel) zu nahe zu kommen. Und tatsächlich erschien kurz nachdem der Bus dort angehalten hatte eine Emu-Familie und äugte erwartungsvoll über den Zaun. Es gibt viele verrückte Fakten über den Emu und Australiens Regierung hat den großen und majestätischen Vögeln sogar einmal den Krieg erklärt! Und da ich in der Summe der Einlassungen in den Artikeln über Australien zur der Einsicht hin verführen will, dass es mehr als sinnvoll wäre, das Leben auch einmal aus der Perspektive der Aborigines zu betrachten, wäre ein kleiner Exkurs an dieser Stelle wohl genau richtig, um die festgefahren Bahnen des Denkens und Empfindens der abendländischen Menschen hervorzuheben? Es war lange vor meiner Zeit, als die australische Regierung den Emus den Krieg erklärte. Genauer gesagt: 1932. Und auch wenn heute die meisten Quellen zu dem Vorfall darüber berichten, dass die Emus diesen Krieg gewonnen haben sollen, enthält der Verlauf doch einige schockierende Fakten die uns verdeutlichen, dass Weitsicht und Rücksicht bei der Entwicklung unserer Gesellschaften sehr weit von den Bedürfnissen einer Welt entfernt lagen, in der es um ein würdiges Miteinander aller Geschöpfe geht. Wie hat es überhaupt so weit kommen können, dass Australien gegen die Emus in den Krieg zog? Und wenn diese Entscheidung seitens der damaligen Regierung schon als eine gute Idee verkauft wurde, warum haben die Australier diesen „Krieg“ denn dann verloren? Die ganze Geschichte ist im Prinzip nichts anders als eine Schande für die zivilisierte Welt und klingt auch irgendwie unglaublich! Aber wenn wir die Grundlagen des Denkens der Zivilisation mit einflechten, ist die Story weniger absurd als sie erscheint. Jede Gesellschaft bietet ihren Mitgliedern Plätze an, die sie einnehmen können wenn sie wollen. Als die Menschheit sesshaft wurde und plötzlich Landwirtschaft auftrat, konnten die Gruppen und Familien Vorratswirtschaft betreiben, die auch in Hungerphasen genug gelagerte Nahrung bot, um einem wachsenden Volk das überleben zu sichern. Die Menschheit wuchs und wuchs (und wächst genau durch den Werdegang weg von der nomadischen hin zur sesshaften Kultur auch noch heute weltweit wie eine Krankheit weiter) und die Lebensräume, die nötig waren um für die explosionsartig wachsenden Bevölkerungen genug Essen zu produzieren, mussten immer stärker ausgeweitet werden. Als die „Weißen“ nach Australien kamen, hatte sich dieses Gesellschaftsmodell bereits derart in den Denkweisen des überwiegenden Teils der Bevölkerungen der Welt ausgebreitet, dass alles getan wurde, um noch mehr Erde mit Landwirtschaft zu überziehen um noch mehr Nahrung für noch mehr Menschen sicherzustellen. Diese Einlassung dient nicht als „Bauern-bashing“, denn auch die Landwirte des Gesellschaften haben lediglich die Plätze bezogen, die die Gesellschaften ihnen anboten! Warum sollte ein Landwirt der heutigen Tage sich auch damit herumschlagen müssen, dass die Menschen vor Tausenden von Jahren sesshaft geworden sind und dem Beruf des Bauern dadurch große Bedeutung zukam? Das Rad der Zeit lässt sich nicht einfach zurückdrehen und solange im Hohelied der „Siedler“ noch immer nicht Kritik mitklingt, wird es auch kein Umdenken bezüglich unserer Lebensweisen geben.

Die australische Regierung erklärte dem Emu den Krieg

Als nach der „Kriegserklärung“ gegen den australischen Emu auf internationalem Parkett (und nicht nur in den damals schon bestehenden großen Städten Australiens) Irritationen spürbar wurden rang sich die Regierung im Land zu der Erklärung durch, dass diejenigen, die nicht auf dem Land mit den Emus leben würden, auch den Schaden nicht verstehen könnten, den der Vogel angerichtet hatte. Aus der Perspektive der Landwirte, die verzweifelt versuchten in den bis dahin nicht von Menschen genutzten Gebieten des australischen Hinterlandes ihre Existenzen zu gründen war es nachvollziehbar dass sie angaben, dass der Emu ihre Leben ruinieren würde. Dass der Vogel dort schon seit Hunderttausenden von Jahren lebte interessierte naturgegeben den sich selbst überhöht habenden Menschen nicht. Als diese Bauern, die den Emu bekämpften, nicht mehr weiter wussten, baten sie die Regierung um Hilfe. Und diese schickte Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg in das Outback um der Plage Herr zu werden. Mehr als 5.000 ehemalige Soldaten sollten dabei helfen, den wilden und ungezähmten Westen Australiens zu besiedeln und dafür den Emu möglichst auszumerzen. Der Emu-Krieg ist also auch eine von den vielen Geschichten von Siedlern an einer wilden Grenze, die gegen die Ureinwohner des Landes kämpften, wobei in diesem Fall die Ureinwohner Emus gewesen sind. Und wie es in einer Gesellschaft, die von fetten, nie versiegenden Gewinnen träumt, üblich ist, machten die Bauern im Outback eine gewisse Zeit Gewinne. Zumindest so lange, bis die neu eroberten Gebiete von einer Dürre heimgesucht wurden. Diese Dürreperiode setzte aber auch den Emus zu, die ausgehungert und verzweifelt auf das Ackerland der Bauern kamen, Löcher in die Zäune rissen, und die ohnehin karge Ernte fraßen. Durch die Löcher in die Zäunen eröffneten die Emus quasi auch den Weg für die Kaninchen, die man bis zu diesem Zeitpunkt großflächig mit Schutzzäunen aus dem bewirtschafteten Gebieten herausgehalten hatte.

Dass die Emus durch die Inbesitznahme ihres Lebensraumes schon ohne Dürreperioden an den Rand der Ausrottung gebracht wurden, interessierte zu dieser Zeit nur sehr, sehr wenige Menschen. Wildtiere brachten keinen „Nutzen“ und nach gängiger Meinung der alles beherrschenden, abendländischen Kultur-Ansichten waren Wildtiere demnach obsolet und durften gerne aussterben. Aus der Perspektive der Landwirte, die in diese Regionen gezogen waren, war es eine individuelle Katastrophe: Ernten und Geld gingen verloren, weil die Emus in ihrem Überlebenskampf in die landwirtschaftlich genutzten Gebiete eindrangen. Damals sollen etliche Landwirte wieder aufgegeben haben und nach Osten zurückgezogen sein. Andere drohten damit zu gehen und die Regionen, die sie mit „entwickeln“ wollten damit sie Nutzen abwerfen, wieder veröden zu lassen. Einige waren so verzweifelt, dass sie durch Suizid ihren Leben eine Ende bereiteten. Die Emus mussten – aus der Perspektive der Menschen – gehen, damit man ein Leben nach westlichen Vorstellungen entwickeln konnte. Die ehemaligen Soldaten, die man mit der Beseitigung der Emus beauftragt hatte, nannten einen sicheren Weg, um erfolgreich zu sein: Sie baten um ein paar Maschinengewehre und versprachen, dass sie das Emu-Problem in kürzester Zeit gelöst haben würden. Der damalige Verteidigungsminister billigte den Emu-Krieg und rechnete damit, im Umweg über die Beseitigung der Emus selbst weiter Karriere auf der politischen Leiter machen zu können. Er betonte mehrfach öffentlich, dass er keinen Grund erkennen könne der dagegen spräche, ein paar Soldaten in den Westen und das restliche Outback zu schicken. So begann der Emu-Krieg. Jeder Politiker hatte damals großes Interesse daran, die Emus loszuwerden. Schließlich hatte die Regierung selbst diese Bauern motiviert, in den Westen zu gehen und alle brauchten die Ernte. Die Regierung wollte sich mit der Beseitigung der Emus schmücken und weitere Vorteile aus dieser gefühlten Heldentat ziehen. Sie schickte zusammen mit den Soldaten auch ein Kamerateam, um den großen Emu-Krieg zu filmen und zu dokumentieren. Ein Schelm wer denkt, dass man den ländlichen Wählern Australiens so zeigen wollte, was der Regierung wichtig war: der ländliche Wähler. Alle Emus zu töten um dadurch wie eine Art Held gefeiert zu werden, war sicher Teil des Plans. Der Verteidigungsminister begründete den Krieg gegen die großen Vögel als eine Art Übung für die Soldaten, die ja in der Zeit in keinen anderen Krieg geschickt werden konnten. Er gab auch selbst die Parole aus, dass jeder Mann mindestens 100 Emu-Häute mit Federn mitzubringen habe um den Erfolg des Unternehmens zu unterstreichen.

In freier Wildbahn können sie trotzdem verrückte Vögel sein!

Aber Politiker, vor allem wenn sie im Rang eines Verteidigungsministers stehen, sind selten naiv. Der Verteidigungsminister wusste, dass dies schief gehen könnte und traf Vorkehrungen um eventuell zu erwartende Gegenreaktionen abzufedern. Den betroffenen Bauern wurde die Rechnung für das Unternehmen vorgelegt und diese mussten eine Vereinbarung mit dem Staat unterzeichnen aus der herauszulesen war, dass die Regierung keine Verantwortung für das, was passierte übernehmen würde, falls die Dinge aus dem Ruder liefen. Schnell wurde der Konflikt auf eine andere Ebene verlagert, denn die Bewohner der Städte, die sich nicht mehr in diesem archaischen Kampf des Menschen gegen die Natur befanden, begannen mit aller Deutlichkeit und Schärfe gegen das Vorhaben der Regierung zu protestierten. In den Städten wurde auch der Begriff „Emu-Krieg“ kreiert. Die Bevölkerung der Städte empfand das, was von der Regierung als „wichtig“ und „richtig“ verkauft wurde, als unnötige Grausamkeit und verwies darauf, dass man humanere, weniger spektakuläre oder grausame Methoden anwenden sollte. Natürlich war es für die Städter leicht, den geplanten Vorgang als „brutale Massenschlachtung“ zu bezeichnen und damit zu beginnen, für den Emu als großen australischen Vogel zu schwärmen. Aber auch ohne die Unterstützung der Städte kannte der geplante Emu-Krieg nur noch eine Richtung: vorwärts. Die Landwirte würden alle nötigen Methoden anwenden, um ihre Ernte zu schützen und sie würden auch keine Erlaubnis von irgendjemandem einholen. Der Emu war der Feind, den es zu besiegen galt. Aber der Emu war ein harter und unberechenbarer Gegner! In seinem angestammten Lebensraum war er eben kein dummes, federartiges Tier. Als die Soldaten nach Westen zu den Emus gingen, waren sich alle sicher, dass es ein leichter Kampf werden würde. Die mitgebrachten Maschinengewehre konnten 300 Schuss pro Minute und mehr als 10.000 Schuss Munition insgesamt abfeuern. Der Emu würde nun wohl bald sterben müssen? Der erste Angriff ist gut dokumentiert. Die übermütigen Soldaten eröffneten das Feuer aus mehreren hundert Metern Entfernung. Die Emus flohen daraufhin verstreut in alle Richtungen und da diese Vögel unglaublich schnell sind und über 50 Kilometer pro Stunde laufen können, hatten die Soldaten keine Chance sie zu erwischen, da jeder der großen Vögel in eine andere Richtung zu flüchten schien. Man mutmaßte damals sogar, dass die Emus ein „Emu-Kommando“ einberufen hätten, welches den Vögeln möglicherweise Guerilla-Taktiken anempfahl! Als die Soldaten ihren ersten Tag im „Emu-Krieg“ beendeten, hatten sie kaum messbare Erfolge vorzuweisen. Die im Emu-Kriegseinsatz befindlichen Soldaten klagten darüber, dass niemand ihnen gesagt habe, dass die Emus klüger waren, als gemeinhin annahm. Die Tiere wussten, offensichtlich, dass eine besonders groß angelegte Jagdsaison begonnen hatte, und sie passten sich an. Hätte man sich schon vor der kriegerischen Eskalation mit dem Wesen der Emus beschäftigt, hätte man auch gewusst, dass jede Gruppe Anführer hatte! Die überraschten Soldaten berichteten, dass einige der Emus hoch über der Ebene standen und aufpassten, während ihre Artgenossen weiter unten ihren diversen Tätigkeiten nachgingen, um ihre Art zu erhalten. Bei Annäherung von Menschen warnten die Späher ihre Mit-Vögel.

So plante man am zweiten Tag eine andere Vorgehensweise: die Soldaten würden nun nicht mehr aus der Ferne das Feuer eröffnen, sondern sich an die Emus heranschleichen, bis sie so nahe wie möglich waren, bevor sie auch nur eine einzige Kugel abfeuerten. So soll es am zweiten Tag des „Krieges“ gelungen sein, bis zu einem Abstand von nur 100 Metern zu einer Gruppe von mehr als 1.000 Emus unbemerkt vorzudringen. Nach dem Schießbefehl prasselten Maschinengewehr-Salven auf die riesige Gruppe Vögel ein und hörten erst auf, als die Gewehre neu geladen werden mussten. Als sich der Staub gelegt hatte, bemerkten die Soldaten, dass sie weniger als ein Dutzend Emus getötet hatten. Man orakelte, dass etwas, das sich in dieser Art den Salven der Maschinengewehre stellen kann mit der Unverwundbarkeit von Panzern gleichgesetzt werden muss. Die Federn der Emus waren nämlich so dick, dass die Kaliber aus den Maschinengewehren nicht einmal ihre Haut zu durchdringen vermochten. Einer der Soldaten, der genau beobachtete, beschrieb, dass es nur eine Möglichkeit gäbe, einen Emu zu töten. Entweder musste dem Tier durch den Hinterkopf geschossen werden falls sein Schnabel geschlossen war, oder es sollte versucht werden, durch die Vorderseite seines Maules zu schießen, wenn sein Schnabel geöffnet war. Es war also offensichtlich damals sehr schwer, einen Emu zu töten? Also scheiterte auch der zweite Tag im Emu-Krieg an der Überlegenheit der Emus. Der mittlerweile vor Ort anwesende Major gab seinen Männern den Befehl, sich zurück zu ziehen. Der Plan wurde erstellt, den Emus hier, die sie zu töten versucht hatten, den Rücken zu kehren und sich weiter nördlich zu positionieren. Der neue „Emu-Tötungs-Plan“ sah nun vor, die Vögel in rasender Fahrt mit Lastwagen zu verfolgen, sie zu beschießen und wenn möglich auch in Masse zu überfahren. Die Maschinengewehre wurden auf Lastwagen befestigt und der Tross fuhr dem Emus hinterher, wobei es Maschinengewehr-Salven regnete. Aber auch dieser Plan funktionierte nicht. Die Emus sahen die Lastwagen kommen und rasten in Höchstgeschwindigkeit davon. Und so ein Emu kann leicht 50 Kilometer pro Stunde schaffen und das kann er auch ohne eine richtige Straße dabei zu benötigen. Die Emus blieben bei dem welligen Gelände deshalb fast überall weit vor den sie verfolgenden Männern. Wenn die Lastwagen einmal aufholten, wurde es oft noch schlimmer, denn wenn ein Lastwagen einen Emu erwischte, war die Karosserie des Fahrzeugs in der Regel sehr beschädigt und wenn der Emu mit seinen bis zu 40 Kilogramm Gewicht auch noch nach oben gewirbelt wurde und durch die Scheibe brach und sich im Lenkrad des Lastwagens verkeilte, konnte es zur Katastrophe kommen. Die gesamte Vorgehensweise der Verantwortlichen wirkte unbeholfen, verursachte hohe Kosten und stolperte nur mühsam vorwärts. Immer mehr Menschen kamen zu dem Schluss, dass es eine schreckliche Idee war, den Vögeln auf diese Art den Garaus machen zu wollen. Trotz des enormen Aufwandes sind kaum Emus getötet worden. Die Zahlen, die genannt wurden lagen zwischen 20 und 300 Vögeln. International war der Emu-Krieg inzwischen ein Witz. Und in den Funkanstalten und in der Presse wurde berichtet, dass kein Friedensvertrag mit dem Emus geschlossen worden sei und dass die Emus deshalb im Besitz von umstrittenem Territorium bleiben würden. Damals wurde grob geschätzt, dass speziell in den neu besiedelten Gebieten im Westen bis zu 25.000 Emus das Land plagten. Die Zahl der getöteten Vögel war demnach viel zu gering, um einen Schaden von der Landwirtschaft abzuwenden. Die Soldaten gingen nach Hause und die Siedler mussten sich mit der aufgemachten Rechnung befassen.

Stolzer Vogel, groß und mächtig und sehr schnell

Nicht nur deshalb ist es als schlüssig zu verstehen, dass es am Ende die Bauern waren, die den Kampf gegen den großen Vogel am Leben hielten. Manche der Soldaten blieben – weil sie gerade zu dieser Zeit in keinen anderen Krieg ziehen konnten – im Westen, patrouillierten an den schon damals vorhandenen Schutzzäunen und erschossen jeden Emu, den sie sahen. Da die Sache aber insgesamt für die Bauern unbefriedigend blieb, suchte man aktiv in der Regierung nach einem neuen Schutzherren. Die Bauern schickten immer wieder Telegramme zur Regierung in denen sie darüber berichteten, dass sich die „Kanoniere“ zurückgezogen hätten, wobei sie doch hätten bleiben müssen, da die Emus in großer Zahl wieder auftauchen würden. Am Ende fanden die Bauern Gehör und so kam es zum zweiten Emu-Krieg, der etwas besser verlaufen sein soll. Die Maschinengewehr-Fraktion wurde erneut beauftragt zum Weizengürtel nach West-Australien zurückzukehren, um so viele Emus wie möglich zu töten. De facto richteten die Vögel enormen Schaden an den bevorstehenden Ernten an, aber aus der Perspektive der Vögel selbst hatten sie ja gar keine andere Wahl, da ihnen der Mensch den Lebensraum weggenommen hatte. Die beauftragten Männer hatten ein wenig aus ihren Fehlern gelernt. Allein am ersten Tag soll es ihnen gelungen sein, 300 Emus zu töten, was allein schon mehr war, als sie beim ersten „Emu-Krieg“ insgesamt getötet hatten. Aber während sich der Krieg weiter ausbreitete, wurde der Emu vorsichtiger, aber die Jäger konnten noch immer durchschnittlich 100 Emus pro Woche töten. Und da der Emu-Krieg jetzt so gut lief, forderten auch die Bauern aus anderen Regionen Hilfe bei der Bekämpfung der Emus an. Als der zweite Emu-Krieg beendet wurde, hatte man geschätzte 3.500 Emus getötet. Die Stadtzeitungen machten keine Emu-Witze mehr und die Bevölkerung hatte offensichtlich ihr Interesse verloren. Den beteiligten Geschütz-Mannschaften wurde offiziell gratuliert und damit hätte die Sache ja auch zum Ende kommen können? Aber daran war nicht zu denken, denn die Emus blieben nicht für immer weg. Drei Jahre später wurde das Land erneut von einer Dürre heimgesucht. Die Emus kamen aus purem Selbsterhaltungstrieb wieder zurück. Die Bauern wollten sofort einen weiteren Emu-Krieg, aber die Regierung wollte diesen unpopulären Weg nicht wieder einschlagen. Inzwischen hatte sich nämlich die Geschichte des Krieges auf der ganzen Welt verbreitet und Australien war zu einer Witzfigur geworden. Keiner wollte etwas noch schlimmer machen, als es schon war. So erdachte man das wesentlich erfolgreichere Schnabel-Bonussystem. Für jeden Schnabel, der von einem toten Emu abgerissen wurde, gab es eine Prämie. Und da der Mensch so stark an „Boni“ und „Extras“ interessiert ist, hat diese Variante am Ende viel besser funktioniert. Allein in den ersten zwei Monaten starben 13.000 Emus, und am Ende des ersten Jahres wurden 30.000 Schnäbel gezählt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 50er Jahren, baute man in Australien einen 135 Meilen langen Zaun, der hoch und sicher genug war, um die Emus von den landwirtschaftlich genutzten Gebieten fernzuhalten. Seither sind die Tage der Emu-Razzien vorbei. Ja, die vielen, vielen Paralleluniversen! Für die Welt waren diese gegen Emus in den Krieg ziehenden Männer ein Witz, aber für die betroffenen Bauern waren es Helden! Männer, die ihnen ihren Lebensunterhalt gesichert hatten. Es ist nicht bekannt, wie die Emus diese damaligen Vorgänge bewerten und interpretieren. Mir persönlich ist nur bekannt, wie die Aborigines das Vorgehen gegen die Emus in den Emu-Kriegen bewerten. Wie schon beschrieben: das Volk der Aborigines und der übergroße Rest der Menschen dieser Welt haben ein sich diametral voneinander entfernendes Verständnis unseres Planten. Kulturimperialismus schafft Probleme auf so vielen Ebenen, dass wir möglicherweise an deren Folgen ersticken werden.

Einer der bettelnden Emus kurz vor der Attacke

Doch kehren wir zurück, zu Peggy Rismiller, deren ursprünglicher Name vor vielen Generationen sicherlich einmal „Reismüller“ war, zu dem Jung-Doktor der Biologie und zu Känguru-Island sowie dem Stopp auf einem Parkplatz, der von einem metallenen Zaun zur Abwehr der Wildtiere umgeben war. Und damit kommt auch „mein persönlicher Emu“ ins Spiel. Da der Aufenthalt auch als Snack-Pause gedacht war, nahm ich mir einen Apfel aus meinem Proviant (natürlich nachdem ich meine Photos gemacht hatte), lümmelte mich an den Zaun und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Schon nach dem zweiten oder dritten krachenden Biss in den Apfel tauchte in meinem rechten Augenwinkel dieser Emu auf. Da ich auf der anderen Seite des Zauns stand, musste der Emu seinen Körper gegen den Zaun drücken, um dann – wie eine Handpuppe – um mich herum auf den Apfel zu schielen. In dieser Situation fiel mir mein „fast Schwiegervater“ von den Orkney Inseln ein, der einst zu mir gesagt hatte, dass Respekt vor der Natur und ihren Erscheinungsformen immer richtig wäre, Angst dagegen nicht! Der große Emu belustigte mich in gewisser Weise und ich bemerkte auch, dass diverse Mitglieder aus der Reisegruppe mich mit Erstaunen betrachteten, weil ich nicht Willens war, meinen Platz an dem Metallzaun zu verlassen, nur weil ein Emu mir mal von links und dann wieder von rechts über die Schulter blickte. Je nachdem in welche Richtung ich den Apfel vor ihm verbarg. Im Prinzip hatte ich darauf vertraut, dass der große Vogel irgendwann bemerken würde, dass ich einen schnöden Apfel in der Hand hielt. Einen Apfel! Solch eine Frucht sollte eigentlich nicht zu den Dingen gehören, die ein Emu normalerweise fraß, um seine Existenz zu erhalten? Ich hatte in diesem Fall wohl die Rechnung ohne die „Moderne“ gemacht, in der die Emus sehr wohl bereits gelernt hatten, dass auch ein Apfel nahrhaft und schmackhaft sein konnte. Der Emu ließ nicht locker, egal in welche Richtung ich mich auch drehte und wendete. Am Ende ließ ich es darauf ankommen und wendete mich auch dann nicht mehr ab, als der Vogel nur noch wenige Zentimeter von meinem Mund entfernt rechts um mich herum blickte um zu erkennen, was ich da gerade in mich hinein stopfte. Der Vogel schnappte nach dem vermeintlichen Leckerbissen. Und auch wenn ich in letzter Sekunde noch versuchte, meinen Kopf von ihm weg zu drehen, erwischte er doch meine rechte Wange bei dem Versuch, die Überreste des Apfels zu ergattern. Es gab einen kurzen Schmerz und schon hatte der Emu mit seinem Schnabel die Haut meiner rechten Wange angeritzt. Ich bemühte innerlich – trotz der aufkommenden Schmerzen – den Philosophen „Carlsson auf dem Dach“ und dachte mir, dass das Vorkommnis keinen großen Geist stören würde und wollte diesem kleinen Zwischenfall keinerlei Bedeutung zumessen, hatte aber die Rechnung ohne die in Verantwortung befindliche Reiseleiterin Peggy gemacht! Denn sofort nach der Emu Attacke war erkennbar, dass mir aus dem geritzten Bereich der Haut meiner Wange etwas Blut lief. Entsetzt meinte die wissenschaftliche Reiseleiterin, dass sie nun die Wunde desinfizieren müsste, was auch die Neugier des „Jung-Doktors“ weckte. Als sie den Verbandskasten vom Fahrer des Busses gefordert und erhalten hatte und umständlich in den Weiten dieses Kastens nach einem Desinfektionsmittel zu kramen begann, tauchte der Jung-Doktor plötzlich an ihrer Seite auf und verwickelte sie in eine Fachsimpelei über den Sinn und Unsinn des nun erfolgenden Prozedere. Irgendwie ging es um „Immunität“ und andere Dinge und die beiden Doktoren der Biologie (ja, auch Frau Rismiller hatte einen solchen Titel) gaben sich einer gewissen Fachsimpelei hin, die ich kaum verstand! Als das Pflaster sich endlich auf meiner Wange befand und die Fachsimpelei geendet hatte, wollte ich diese Situation spontan nutzen um in Erfahrung zu bringen, welchen Akzent denn diese Peggy eigentlich sprach! Natürlich war sie US-Amerikanischer Abstammung. Aha? Wieso sie denn so gut die deutsche Sprache sprechen würde? „Ja mein Papa war in der US-Armee und hat seine Dienstzeit in Deutschland absolviert“. Aha? Wo denn überall? „Die meiste Zeit haben wir in Hanau verbracht und da bin ich auch zur Schule gegangen“! Aha? In welche Schule denn? „Erst auf die Eberhard-Realschule und später auf das Karl-Rehbein Gymnasium“. Aha? Wann denn? Da genau diese beiden Schulen „meine“ Schulen gewesen waren, war es für mich natürlich sehr interessant, herauszufinden, wann Frau Rismiller denn dort aktiv war. Es war eben doch irgendwie ungewöhnlich, dass die ferne Person, die in der Beobachtung von australischen Wildtieren ihre Lebensaufgabe am anderen Ende der Welt gefunden hatte und die wirklich nur gefühlt „zufällig“ als Reiseleiterin in unserem Bus gelandet war, jeweils für zwei Jahre in derselben Schule war, teilweise dieselben Lehrer nannte und sicherlich auf demselben Pausenhof herumlief wie ich. Wir konnten uns aber nicht aneinander erinnern, obwohl sicher war, dass wir an denselben Plätzen unsere Schulzeit verbrachten. Allerdings war Peggy zwei Jahrgangsstufen „älter“ als ich und hatte deshalb wohl andere Interessen und Freunde als ich? Außerdem war sie eine sehr gute Schülerin, was sie deutlich von mir unterschied.

Kängurus haben sich an die Besucher ebenfalls gewöhnt
Auch wenn sie auf der Insel noch wild leben
Und Dinge tun, die auch Kängurus gerne zu tun scheinen
In den Bäumen leben Koalas
Und auf dem Boden Peggys Schnabeligel

Ob ihre Eltern denn noch immer in Deutschland leben würden? „Nein, die wären nach dem Ende der Dienstzeit ihres Vaters wieder in die USA zurück gegangen!“. Aha? Und sie selbst? Ging sie auch in die USA zurück? „Nein, sie wäre nach dem Abitur zum Studium nach Marburg gegangen und hätte dort bereits im dritten Semester studiert als die Eltern wieder in die Heimat zurückzogen“. Aha? Marburg?? Der neben uns stehende Jung-Doktor schaltete sich in das Gespräch ein. „Wann sie denn mit ihrem Studium dort begonnen habe?“ „1979!“. Der Jung-Doktor war plötzlich hellwach. „1979 habe auch er in Marburg mit seinem Biologie-Studium begonnen“. Die beiden stellten an diesem Ende der Welt überrascht fest, dass sie beide im selben Jahr und im selben Semester an derselben Uni im selben Fachbereich zu studieren begannen. Sie nannten Namen von Dozenten/-innen und Professoren/-innen, beschrieben diverse Plätze an den Universitäts-Gebäuden und konnten es bald nicht mehr fassen. Dass sie sich niemals gesehen oder bemerkt hatten lag möglicherweise daran, dass zwar beide für ihre Forschung „brannten“ aber Peggy im Gegensatz zum Jung-Doktor damals viele Freunde/-innen hatte und rege am studentischen Leben Marburgs teilnahm. Denn alle Plätze die für die Unterhaltung der Studierenden wichtig waren, kannte der Jung-Doktor nicht. Er brannte wohl noch ein bisschen mehr für die Forschung? Während die beiden so lebhaft miteinander sprachen fragte ich mich, warum er denn nicht über das ihm zugefügte Leid mit seiner Forschungsarbeit über die Immunität von Meerschweinchen mit ihr sprach? Traute er sich nicht? Stimmte an seiner Geschichte vielleicht etwas nicht? Ich beschloss, dem Gespräch eine neue Richtung zu geben und sagte zum Jung-Doktor, dass er doch mal fragen solle ob sie, die Peggy, den Professor kennen würde, der ihn damals von den Forschungen ausgeschlossen hatte. Der Jung-Doktor druckste herum und wollte nicht so recht heraus, mit der Sprache. Aber Peggy war da plötzlich ganz Ohr und insistierte auf mehr Informationen zu dem von mir eingeworfenen Thema. Am Ende rückte er mit der Sprache raus und Peggys Augen wurden immer größer. Als dann der Name des Professors endlich fiel, fiel Peggy mehr oder weniger aus allen Wolken! „Was er denn anderes erwartet hätte als das, was ihm mit diesem Typen (O-Ton) widerfahren war?“. Der beschriebene Professor war in der Uni-Stadt mehr oder weniger bekannt dafür, dass er seine Hilfskräfte ausblutete und seinen weiblichen Studentinnen an die Wäsche ging und zudem seine volle Konzentration auf die Außenwelt, die Pressorgane und auf alles gerichtet hatte, was ihm dienlich erschien, seinen Glanz und seinen Ruhm weiter zu verfestigen. Davon war dem Jung-Doktor nichts bekannt. Ja er brannte wohl doch ein bisschen zu sehr für die Forschung damals und war sicher in vielen Bereichen ein weltfremder Naivling? Zu Peggy Rismiller und ihrem Lebensfährten Mike McKelvey (den ich erst beim ersten Hausbesuch kennenlernte – auch er forschte in der australischen Natur) hat es mich in den folgenden Jahren immer wieder einmal hingezogen. Denn so wie es in der Begleitung von Aborigines leichter möglich war, dichter an die Tiere heranzukommen, so konnte man das Leben der endemischen Tiere besser verstehen, wenn man Peggy oder Mike lauschte. Ihr Schnabeligel (auch Ameisenigel genannt) Projekt ist mehr oder weniger zu ihrem Lebenswerk geworden. Dieses Eier legende Säugetier kommt in ganz Australien vor, aber seine Anpassungsfähigkeit die ihn zum Überlebenskünstler gemacht hat, reicht auf Kangaroo Island zum Beispiel nicht aus, um ihn vor den Attacken mancher „Neu-Einheimischer“ zu beschützen, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Insel von endemischen Tieren zu befreien und nur noch „europäische“ Tiere auf ihrer schönen neuen Welt herumlaufen zu sehen. Peggy Rismiller hatte deshalb viele Ameisenigel mit einem Chip versehen um zu bemerken, wo sie sich gerade herumtrieben. Wenn ein Chip sich plötzlich nicht mehr bewegte, war das fast immer auf einer Straße oder am Rand derselben. Sie konnte dann immer schon ahnen, dass mal wieder jemand mit seinem Auto bewusst über einen „ihrer“ Igel hinweg gefahren war, in voller Absicht, um das Tier zu töten. An einigen Stellen konnte das auch bewiesen werden, wenn zum Beispiel die Spur eines Autoreifens nach links (oder auch einmal rechts) in den Bodenbereich führte und – nachdem das Tier überfahren worden war – wieder zurück auf die Straße, dann konnte man klar ableiten, dass es sich hierbei um die gezielte Tötung eines dieser Igel gehandelt haben muss. Der Mensch in seinem Wahn! Da standen wir nun, die Peggy, der Jung-Doktor und ich am anderen Ende der Welt und mussten feststellen, dass wir eine Dreiecksbeziehung hatten. So läuft das Leben eben mitunter.

Wombats sind wie kleine Kinder, egal ob 1992zig
Oder 2001

Zurück nach Hermannsburg, in die heiße Stadt am Finke River im Northern Territory ins Jahr 1992zig. Auf der Bordsteinkante sitzend hatte ich während meines Monologes mit dem kleinen Aborigine Jungen bemerkt, dass immer mehr Kinder über die Straße gelaufen kamen um sich um uns herum zu versammeln. Sie schauten – wie Kinder das auf allen Kontinenten der mir bekannten Welt taten – aus ihren großen Kinderaugen und ab und zu tuschelten sie miteinander. Es ist eigentlich nicht notwendig zu erwähnen, dass diese großen Kinderaugen hier besonders ausdrucksvoll waren? Aber unter den Kleinen gab es zumindest zwei, die blaue Augen hatten. Natürlich können wir anhand der Aborigines auch beweisen, dass die Erkenntnis der Wissenschaften immer nur eine momentane, flüchtige, vorübergehende Kenntnis sein kann die oft genug dem System der herrschenden Klasse diente oder zumindest angepasst wurde. Denn es waren in der Gesellschaft fest etablierte und in der Hierarchie weit oben stehende Wissenschaftler, die die Ideen der Rassentheorie, oder auch Rassenkunde oder Rassenlehre auf die Welt gebracht haben. Wie falsch sämtliche gedanklichen Überbauten in dieser Sache waren, ist mit 1.000 Büchern nicht ausreichend zu beschreiben. Aber darüber habe ich mich schon in meinen Indien-Artikeln befasst und möchte das Thema hier nicht mehr anschneiden. Die Rassentheorie hat unter dem Strich weltweit für mehr Leid, Unrecht, Tod und Vertreibung gesorgt als jede andere Theorie, gleich weltlicher oder religiöser Natur. Sie ist quasi noch immer der Nährboden auf dem die Völker in wilder Hetze aneinander geraten und sich in der festen Überzeugung, zur richtigen Rasse zu gehören, gegenseitig die Schädeldecken spalten. Und die Ideen der Rassenlehre der Wissenschaft gehören auch noch heute, jetzt gerade eben, zu den schädlichen Gedanken die ein friedliches Miteinander der Menschen unmöglich machen. Eine momentane Unmöglichkeit, denn Erkenntnis und Vertrauen können – gestützt auf eine bessere Bildung für alle – ja auch noch wachsen? Und während in den ersten, an Arroganz und Überheblichkeit nicht mehr zu überbietenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema „Rassen“, die Völker der anderen Kontinente wenigstens noch erwähnt wurden, bestand für die Ureinwohner Australiens nicht einmal die Chance, in diesen Wertestatistiken berücksichtigt zu werden. Sie hatten lange nicht den Status erhalten, als Menschen angesehen zu werden und so ist es auch nicht verwunderlich, dass man sie jagte und tötete wie Vieh. Aborigine-Jagden waren überall in Australien bekannt und die letzten wurden in West-Australien noch um 1920 herum von besonders motivierten, nationalistisch und kulturimperialistisch ausgerichteten Neu-Siedlern veranstaltet. Da sie aus der Perspektive derer, die sich den Kontinent unter den Nagel gerissen hatten, Tiere waren, wurden sie in jedweder Rassentheorie auch nicht berücksichtigt. Aber der Mensch trägt ja immer und auch überall das Tier in sich. Unabhängig von seinem Stand in den Gesellschaften und seiner individuellen Bildung. Die ersten Squatter (auf Australien bezogen: Menschen, die sich ohne Rechtstitel auf unbebautem Land ansiedelten und es in „Besitz“ nahmen), die sich ins Hinterland bewegten waren in vielen Fällen alleinstehende Männer ohne weibliche Begleitung und das Tier in uns ruft uns zu (unterschiedlich stark zum Glück), dass es befriedigt werden möchte. Diese weißen Männer nahmen sich neben dem Land auch einfach die Frauen der Aborigines wie eine Ware, um ihre Gelüste an ihnen zu befriedigen. Unabhängig davon, ob diese Menschen als solche klassifiziert waren oder nicht. Vergewaltigungen waren im System der Aborigines vollkommen unbekannt, so dass diese missbrauchten Frauen prinzipiell keine Ansätze für das finden konnten, was ihnen widerfuhr. So wurden viele Kinder dort geboren, die einen „weißen“ Vater und eine Aborigine-Mutter hatten. Und genau diese Kinder waren es, die später, als die Besiedlungsmaschine „europäisches Kulturformat“ sich genug etabliert hatte und auch die diversen Kirchen dort ihre Missionen errichtet hatten, zu Tausenden mit Gewalt aus ihren Familien gerissen und in sogenannten Missionen zu wahren Christenmenschen umerzogen werden sollten. Wer Interesse und ein wenig Zeit hat, dem sei der Film „Long Walk Home“ empfohlen. Der mehrfach preisgekrönte Film beschreibt die Flucht zweier Schwestern und ihrer Cousine aus einem staatlichen Erziehungsheim und ihre anschließende wochenlange und strapaziöse Wanderung entlang des Rabbit-Proof Fence. Nachdem ich diesen in einem der vorhergehenden Artikel erwähnten Vortrag in der Oberstufe einer 10ten Klasse in meiner ehemaligen Heimat gehalten hatte, wollte meine damalige Lebensgefährtin, die an dieser Schule gelegentlich unterrichtete, genau diesen Film zur Vertiefung des Wissens der Schülerinnen und Schüler im Unterricht zeigen. Eines der Mädchen, welches mir wegen seiner „offenen Art“ schon während meines Vortrags aufgefallen war, erbrach sich im Flur vor dem Klassenzimmer, nachdem sie den Film gesehen hatte und kollabierte anschließend. Und? Je nachdem wohin uns unsere persönliche Charakter-Disposition in unseren privaten Paralleluniversen in unserer Gesellschaft, die uns unsere Plätze in unseren Leben anbietet, geführt hat, ist es durchaus verständlich, dass die empfindsamen Charaktere nachdem sie diesen Film gesehen haben, sich erbrechend kollabieren. Zu deutlich wird die Apokalypse der Menschen und das unfassbare Unrecht tritt zutage. Vorsichtigen Schätzungen zufolge lebten bei der Ankunft der Europäer in Australien dort etwa 600.000 Aborigines. Sie lebten als 2.000te oder 3.000te Generation unter den immer selben Bedingungen und hatten ungestört ein perfektes Beziehungsmodell zu der sie umgebenden Welt entwickelt. Sie bekamen nicht mit, wie das Rad erfunden und die Religionen mit Wucht in die Köpfe der Menschen getrieben wurden. Sie lebten einfach ihre Leben und hatten – unbedrängt von den Ansprüchen einer sich für weit überlegen haltenden, waffenstarrenden Kultur der Außenwelt – sowohl die Zeit als auch die Muße, die Zusammenhänge des Lebens tiefer zu erfühlen als jede andere noch existente Kultur dieser Welt. Die erste Zählung der Aborigines fand erst statt, als man sich landesweit dazu durchgerungen hatte, ihnen den Status Menschen zu sein, eingeräumt hatte.

Das Leben der Ureinwohner war von unfassbaren Härten geprägt
Heute geht es vielen von Ihnen besser, aber noch lange nicht gut.

16.000 von Ihnen wurden gezählt! Setzt man diese Zahl in Bezug zu den 600.000 Personen, die dort einmal gelebt haben sollen, dann wäre die Vernichtung der indigenen Bevölkerung Australiens der größte Genozid in der Geschichte der Menschheit, auch wenn es Genozide gegeben hat (und geben wird!), die eine weitaus größere Zahl von Opfern gefordert haben. Und viele waren sich sicher, dass durch die illegale Landnahme und die tausendfach erfolgten Vergewaltigungen der Aborigine Frauen der Squatter, kaum noch ein sogenannter „reinrassiger“ Aborigine übrig geblieben war. Das Blut und die Gene der Europäer hatten sich überall mit dem Blut und den Genen der Aborigines vermischt. So brutal diese Angaben auch klingen mögen: sie zeigen auf, dass es immer und überall auch Möglichkeiten gibt. Die weißen Männer, die teilweise wie in Ehen mit den Aborigine-Frauen lebten nur um ihre sexuellen Bedürfnisse zu stillen und versorgt zu werden, haben sich um ihren Nachwuchs nicht gekümmert. Die eigenen Kinder waren in der Regel eine Art Kollateralschaden der ausgelebten Sexualität. Die Frauen zogen auch die Kinder, die sie von den fremden weißen Männern teilweise mit Gewalt aufgezwungen bekamen wie selbstverständlich als Teil ihrer eigenen Vorstellungswelt auf. Und obwohl diese Kinder europäische Gene in sich trugen, wurden sie – durch die Erziehungsarbeit der Mütter – zu richtigen Aborigines ausgebildet. Die Gene spielten keine Rolle und die Überheblichkeit einer sich überlegen fühlenden Kultur kannten die Ureinwohner Australiens nicht. Und diese Kinder waren ebenfalls zu einem perfekten Teil der sie umgebenden Welt geworden, hatten ihre Wahrnehmungen und ihre Sinne so wie ihre Mütter entwickelt, als die wohlmeinenden Vertreter der Kirchen und des Staates sie mit Urgewalt aus ihren Familien rissen um sie der artifiziellen Wirklichkeit einer von „weißem Denken“ dominierten Welt zuzuführen. Freilich nicht als gleichberechtigte Bürger/-innen! Aber als „Hausmädchen“ (die Mädchen) oder „Knechte“ (die Buben) würde man sie schon verwenden können, wenn man ihnen erst einmal den Christenglauben tief implantiert hatte. Wir haben in Europa auch solche Entwicklungen gehabt, die in der Regel kaum oder nicht wahrgenommen werden, weil die an den Vorfällen beteiligten Kulturen nun beide das Hohelied der Überlegenheit der westlich geprägten Welt singen! Dabei geht es um die Kultur der Wikinger. Im Jahr 911 schloss der Wikinger Rollo mit Karl dem Einfältigen, dem damaligen französischen König, einen Vertrag, der ihm die Hoheitsrechte an der Grafschaft Rouen (die heutige Normandie) zubilligte, nachdem er sich taufen ließ. Der Hintergrund? Die Wikinger waren für Paris zu einer Last geworden, da sie mehrfach in die Mündung der Seine eindrangen und Paris belagerten. Die Kosten, die man als Lösegeld verstehen muss, die entstanden, damit die Wikinger wieder verschwanden und die Belagerung aufgeben sollten, waren so hoch, dass sie den französischen Hof mehr und mehr bedrohten. Also hatte man hier den Einfall, die Gebiete an der Mündung der Seine einem der Wikinger zu übertragen, damit dieser dann dafür sorgen würde, dass es zu keinen weiteren Wikingerüberfällen mehr kommt. Rollo brachte einige Hundert Männer mit in die Normandie und nur wenige waren bereits verheiratete Familienväter. Diese jungen Männer nahmen sich Ehefrauen aus dem neuen Land und reproduzierten sich mit ihnen. Da aber die auf die Männer bezogene Kultur der Wikinger es nicht vorsah, dass ein Mann seinen Nachwuchs aufzog, übernahmen die Mütter diese Rolle allein. Und auch wenn die Kinder zur Hälfte die Gene eines Wikingers in sich trugen, sprachen sie schon nach einer Generation die Sprache ihrer Väter nicht mehr. Sie sprachen die Sprache ihrer Mütter! Innerhalb kürzester Zeit wurden aus den Wikingern Franzosen und das Gebiet konnte später als „rein französisch“ wieder Frankreich zugeschlagen werden. Die Hand an der Wiege!

Eine Witchetty grub, Leibspeise der Aborigines

Und zwei dieser Kinder, die uns umstanden als wir in Hermannsburg am Straßenrand saßen, hatten eindeutig blaue Augen! Aber sie blickten aus diesen blauen Augen keineswegs weniger eindrucksvoll als ihre Spielgefährten mit den dunklen, fast schwarzen Augen. Wenn die Augen die Spiegel der Seele sein sollen, dann konnte ich in diesem Moment feststellen, dass dem so war. 1992zig war die Situation der Aborigines in Australien keineswegs mit der der heutigen Tage zu vergleichen. Auch wenn viele der alteingesessenen (ein Hohn schon dieses Wort beanspruchen zu dürfen) Australier/-innen in dieser Zeit schon sehr offen darüber sprachen, dass man für das erlittene Unrecht, das man den Ureinwohnern zugefügt hatte, Kompensation würde betreiben müssen, so war ihr Status noch immer sehr weit unten in der Gesellschaft angesiedelt. Etwa 10 kleine Aborigines und zwei davon mit blauen Augen. Es war schon einer der großen Momente mit ihnen, weil der Blick in diese Augen auf mich damals irgendwie artifiziell wirkte, ich aber gerade in diesen beiden blauen Augenpaaren auch die Möglichkeiten sah, die das Miteinander der Menschen auf der Welt verbessern könnten. Und dann tauchte sie auf: Ruby. Ruby war eindeutig ebenfalls eine Aborigine-Person, die in ihren Genen europäische Anteile trug. Sicher wirkte ihr Habitus wie der einer Ureinwohnerin, aber die Optik war es die darauf schließen ließ, dass in den vergangenen Generationen auch der eine oder andere Europäer mitgemischt hatte. Ihren Aborigine-Namen habe ich fast vergessen, weiß aber noch, dass er so ähnlich klang wie das Wort der Ureinwohner dieses Stammes für Schlange: Mbantalah. Ruby war so etwas ähnliches wie die Oma vom Dienst. Schon als sie um die Ecke bog liefen ein paar der Kinder auf sie zu um Körperkontakt zu suchen. Sie lächelte, streichelte Köpfe und kam inmitten der sie nun umgebenden Kinder auf uns zu. Ich denke dass ihr die Kinder – wieder in der Sprache der Ureinwohner – erzählten, was mir mit der Kamera im Fluss der Krokodile widerfahren war? Der kleine Menschentross kam näher und wir blickten freundlich in Rubys Richtung. Als sie uns erreicht hatte wechselte sie noch ein paar Worte mit den Kindern die es vorgezogen hatten, bei uns zu bleiben und sprach uns dann – zum Glück in englischer Sprache – direkt an. Die üblichen Fragen würde ich meinen? Wie lange wir schon unterwegs seien, ob es uns in Hermannsburg gefallen würde, wohin wir noch fahren würden und so weiter. Anfangs blickte sie immer zwischen meiner damals schwangeren Lebensgefährtin und mir hin und her, aber ich konnte bald bemerken, dass ihr Augenmerk immer mehr in Richtung meiner Lebensgefährtin ging. Am Ende sprach sie nur noch mit ihr und es wurde deutlich, dass sie bemerkt hatte, dass diese schwanger war. Sie bat sie, aufzustehen und sagte noch dass sie es bisher nicht erlebte habe, dass eine Touristin schwanger durch Australien reisen würde und dass es wohl einen besonderen Grund dafür gäbe, dass wir nun hier wären. Und dann dieser Moment: sie hatte die werdende Mutter an den Händen gefasst und sah ihr in die Augen, blickte zu deren im 5ten Monat schwangeren Bauch hinunter, berührte diesen sanft und meinte lapidar, dass wir wohl wissen würden, dass wir eine wundervolle Tochter bekommen würden? Wie bitte? Wie ich bereits schrieb, hatten wir keinerlei Voruntersuchungen machen lassen um herauszufinden, welches Geschlecht unser Nachwuchs einmal haben würde! Wir hatten uns deshalb auch keine Namen ausgedacht oder gar Babykleidung in entsprechender Farbe angeschafft. Wir waren tiefenentspannt in dieser Sache und wollten einfach abwarten, bis es soweit war. Ich gebe zu, dass ich nicht so einfach bereit war, Rubys Aussagen Glauben zu schenken! Aber: Ich hatte zuhause in Deutschland auch eine Mutter (!) die bekannt dafür war, durch diverse Übungen (das auspendeln gehörte dazu) das Geschlecht eines Kindes im Bauch einer Schwangeren mit 100%iger Sicherheit korrekt vorhersagen zu können. Sie irrte sich nie und meine Mutter hatte nichts von einem Kräuterweib oder gar einer Hexe. Im täglichen Leben war sie eine kompetente, hoch beschäftigte Frau, die ihre Familie durchbringen musste. Lediglich in den Momenten, wenn sie gebeten wurde das Geschlecht eines Kindes im Bauch der Mütter vorherzusagen, wirkte sie ungewöhnlich entspannt und bat sich dann in der Regel auch absolute Ruhe aus. Sofort nach ihrem „Urteil“ war sie dann aber immer wieder die lebenslustige Frau, die zum Beispiel voller Freude an den Feierlichkeiten eines Familientreffs teilnahm. Sie irrte sich zum ersten Mal bei der Vorhersage des ersten Kindes ihres eigenen Nachwuchses! Als Erklärung hatte sie parat, dass das wahrscheinlich nicht funktionieren würde, wann sie emotional in eine Sache verwickelt sei. Und welche werdende Oma ist nicht emotional verwickelt wenn sie zum ersten Mal Großmutter wird?

Zentral-Australiens Einsamkeit kann tief entspannen
Auch wenn Neubürger gelegentlich nervig sein können

Nachdem ich meine Überraschung bezüglich der gesprochenen Worte Rubys überwunden hatte, kam auch das rational denkende Ich in mir wieder zum Vorschein. Wenn die Dame schon so offen mit uns Umgang pflegte wäre es vielleicht möglich, etwas mehr über die Lebensweisen und Vorstellungen ihrer Familien zu erfahren? Nach ein paar kurzen weiteren Wortwechseln bat ich darum, eine Frage stellen zu dürfen und erzählte ihr die Geschichte meiner Lebensgefährtin und ihrer kleinen Privatreise durch den Norden des Landes und auch dass diese in den Kathrin Gorges zum ersten Mal die Bewegung unseres Kindes in sich gespürt hätte. Dass das doch eine große Bedeutung für die Vorstellungswelt der Aborigines habe und was das in ihrem konkreten Fall bedeuten würde. Rubys Interesse wuchs schlagartig. Sie erklärte, dass es für den Platz im Universum, den unser Kind einmal einnehmen würde, von großer Bedeutung sei dass wir herausfinden würden, in welche Richtung die werdende Mutter in diesem Moment geblickt hätte, welche „Dinge“ sie in diesem Moment sah. Aus dieser spartanisch wirkenden Erklärung können so unendlich viele Dinge abgeleitet werden, die zu einem besseren Verständnis der Kultur der Ureinwohner beitragen könnten. Wir – in unseren Kulturen – haben ja bereits unterschiedliche Auffassungen davon, wann genau das Leben beginnt. Die einen sagen, es wäre der Moment, in der sich die weibliche Eizelle und die männliche Samenzelle miteinander verbinden und die Zellteilung beginnt. Die anderen vertreten die Auffassung, dass das Leben erst in dem Moment beginnt, in dem das Kind geboren wird um seinen ersten Atemzug zu tun. Die juristische „Zwischenlösung“, die einen Schwangerschaftsabbruch bis zum dritten Monat gestattet, ist dabei lediglich als hilfloser Ausdruck zu verstehen, die Welt im Zaum zu halten und Recht und Ordnung in einen zeitlichen Rahmen zu pressen, so als ob de jure festgehalten werden könnte, was Leben ist und was nicht! Für die Aborigines liegt der Beginn des Lebens aber exakt in dem Moment, in dem sich das Kind im Bauch der Mutter zum ersten Mal spürbar bewegt. Die Frauen fallen tatsächlich in eine Art Trance, auch wenn sie weiterhin am gesellschaftlichen Leben ihrer Familien teilnehmen, wenn sich dieser Moment nähert. Hoch aufmerksam und komplett nach Innen gerichtet erwarten sie genau diesen Moment. Wenn es geschieht, „erwachen“ diese Schwangeren und prägen sich die Stelle ein, an der dies geschah. Später kommen die Weisesten und Ältesten der Familien zu dieser Stelle und betrachten (oft lange) die Umgebung. Die Traumzeitpfade, die Wege und Plätze an denen ihre geglaubten Vorfahren schöpferisch über das Land zogen und die Welt schufen, in der sie heute leben, sind so fein verästelt und ziseliert, dass es für Nicht-Aborigines absolut unmöglich ist, die Tragweite des gedanklichen Konstruktes auch nur annähernd zu verstehen. Ein gedankliches Konstrukt, das über viele Jahrzehntausende ungestört von der Außenwelt entwickelt werden konnte. Es wird dann versucht zu ermitteln, welches Totem, welcher Vorfahre denn nun an dieser Stelle, an der das Kind im Bauch der Mutter erstmals durch eine Bewegung auf sich aufmerksam machte, gewirkt habe. Sind sich die Ältesten einig, wird diesem Kind – das natürlich auch erst noch durch Geburt auf die Welt kommen muss – ein Totem zugeteilt. Die Zuteilung dieses Totems verbindet nun dieses neue Leben mit vielen anderen Leben auf australischem Boden, die ebenfalls dasselbe Totem haben. Und auch wenn dieses Kind später in Zentralaustralien das Licht der Welt erblickt, wird es in erster Linie mit den Aborigines verwandt sein, die dasselbe Totem haben. Diese können dann in Nord- oder West- oder Ostaustralien leben und fast alle seine in erster Linie mit ihm verwandten Brüder und Schwestern wird dieses Kind niemals kennenlernen, aber der Wert der verwandtschaftlichen Verbindung steht an erster Stelle! Noch vor der Verbindung zu Mutter, Vater oder Geschwistern. Es ist eine den Frieden unter Ihnen sichernde Maßnahme, von der wir, in unserer Ich-bezogenen Kulturwelt, die die Verbindung zu dem, was der Planet auf dem wir leben spricht, alles vollkommen vergessen oder niemals erlernt haben.

Die Schlucht der Ormiston Gorge im grellen Mittagslicht

Vielleicht haben wir Menschen recht wenn wir glauben, die wichtigsten biologischen Phänomene auf der Erdoberfläche zu sein? Mit Sicherheit ist unsere Spezies aber auch die komplizierteste und in dieser Kompliziertheit auch noch vielfältigste Erscheinungsform auf dem Planeten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Menschen sehr unterschiedliche Spektren an Kulturmerkmalen entwickelt haben die dafür sorgen, dass sich eine ethnische Gruppe von der anderen sowohl in Tiefe als auch Breite zum Teil vollkommen voneinander unterscheidet. Nur so ist es zu erklären, dass die Welt, in der wir leben, so unterschiedlich aussieht und sich so unterschiedlich anfühlt. Das größte aus dem Affen-Ich resultierende Problem – auch wenn oft verneint und ins Reich der Träumerei verwiesen – ist die Tatsache, dass der Mensch territorial veranlagt ist und deshalb in überwältigender Mehrheit dazu tendiert, die Oberfläche unserer Welt aufzuteilen, zu verwalten, Länder zu erschaffen und die dazugehörigen Bildungseinrichtungen zu implantieren die den Weg hin zu Nationalgefühlen, die wiederum politische Einheiten hervorbringen, ebnen sollen. So wird das Bild des Miteinander immer weiter theoretisiert, juristisch charakterisiert und dadurch bis ins Unermessliche verkompliziert. Durch die Inbesitznahme der Erde haben die Menschen auf ihren irdischen Heimaten ein so reichhaltiges Mosaik an „erdachten“ Eigenschaften gefördert, ein so unterschiedliches Mosaik an Werten geschaffen, dass man schon gut geographisch informiert sein muss, um diese Prozesse wenigstens annähernd zu verstehen. Dass jedes Lebewesen auf der Welt die Möglichkeiten „nutzen“ muss, um seine eigene Art zu erhalten ist – nach augenblicklichem Kenntnisstand – ein unumstößlicher Fakt. Auch die Aborigines „nutzen“ die Möglichkeiten der sie umgebenden Welt um als Spezies fortexistieren zu können. Aber sie „benutzen“ diese Möglichkeiten nicht. Wenn wir uns die Merkmale und die daraus resultierenden Konsequenzen der menschlichen „Nutzung“ der Erde näher betrachten erkennen wir, dass es die natürlichen Gegebenheiten sind, die den menschlichen Umgang mit seiner Umwelt charakterisieren. Zum Beispiel die Form des Landes oder klimatische Gegebenheiten formen die menschlichen Eigenschaften. Menschen bewohnen den Planeten schlicht nicht nur, sie nutzen ihn auch. In unseren Kulturen ist es selbstverständlich, dass wir unsere Häuser bauen, dass Siedlungen Städte und Mega-Städte entstehen, wir bestreiten aus dem von uns entworfenen und entwickelten Lebensmodell unseren Lebensunterhalt, erzeugen unsere Lebensmittel, beuten aber auch (speziell auf die die Kulturoberhoheit beanspruchenden Abendländischen Kulturen) unsere Umwelt aus und produzieren Müll, den wir achtlos wegwerfen. Die Erde ist in ihrer Gesamtheit aber eine natürliche Einheit, die wir durch unser Verhalten beeinflussen und stetig verändern. Jetzt, wo wir die Gefahren eines Armageddon (biblisch gesprochen: Das jüngste Gericht) zumindest in Teilen erkennen, beschäftigen wir uns in zunehmendem Maße mit der Rolle des Menschen und seiner „Kulturen“ bei der Veränderung des Gesichtes der Erde und des Zustandes unserer gemeinsamen Umwelt. Verschiedene Menschen beeinflussen verschiedene Regionen auf wiederum verschiedene Art und Weise. Und obgleich es unter den Mitgliedern der entwickelten, auf Kulturimperialismus aufgebauten Völker ungleich schwieriger ist, Konzepte zu entwickeln, die ihr Verständnis der Natur gegenüber verbessern und ihnen einen Ansatz bieten, die Ergebnisse ihres Tuns auf der Welt zu beleuchten, ist es keine Unmöglichkeit. Zur Zeit stünde aber zu befürchten, dass dann, wenn sich Möglichkeiten am Horizont zeigen, welche Strategien angewendet werden könnten, um den Umgang mit unserem Planeten besser in den Griff zu bekommen, auch nur wieder die bereits bestehenden Kräfte des sogenannten Establishments Maßnahmen ergreifen würden, um ihre materielle Situation zu verbessern. Alle denkbaren Szenarien würden demnach in eine Sackgasse führen. Solange der Mensch von Allmachtsphantasien getrieben, nur denen Gehör schenkt, die bis an die Zähne bewaffnet als „Stärkere“ (Affen-Ich-Prinzip) auf der Weltbühne erscheinen um als Hegemonialmacht alles an sich zu reißen, bleibt jeder Versuch der verändernden Verbesserung ein schöner Traum.

Weg zur Ormiston Gorge

In unseren Kulturkreisen wird trotz der Krisen, in denen sich Familienverbände teilweise befinden, noch immer gerne der Spruch verwendet, dass Blut dicker als Wasser sei. Diese Redewendung wird als Erklärung dafür verstanden, warum sich Menschen ihren Familien, den Eltern und Geschwistern verbunden fühlen oder verbunden fühlen müssen. Die familiären Beziehungen sind ja auch sehr nah und emotional. Aber schon diese Interpretation ist falsch! Der Spruch, dass „Blut dicker als Wasser sei“ wird heute genau gegenteilig zu dem wie er ursprünglich gemeint war, interpretiert. Ursprünglich bezeichnete dieser Begriff nämlich eine Verbindung, die durch einen sogenannten „Blutvertrag“ rechtlich abgesichert wurde. Demnach war die durch den Blutvertrag entstehende Bindung stärker als die Bindung an einen Bruder. Das Blut der Bruderschaft wurde damit als dicker dargestellt, als das Wasser des Mutterleibes. Das Sprichwort bezieht sich auf den Abschluss von Blutverträgen zuzeiten des Alten Testaments, zu denen ein Tier geschlachtet wurde. Wasser verwendeten die Menschen lediglich bei der Taufe oder Geburt eines Kindes, auch das Fruchtwasser ist hiermit gemeint. Ein Blutvertrag wurde also als sehr viel verbindlicher betrachtet. Leider führten diese Blutverträge in unseren, von Besitzstand und Machtphantasien geleiteten Überlegungen, nicht hin zu einer neuen Offenheit, die letztendlich dazu hätte führen können, dass man territorialen Besitz aus einem weniger egoistischen Licht betrachtet, sondern sie verstärkten den Zulauf zu den Organisationen, die durch diese Verträge neue Mitglieder hinzu gewinnen konnten und – auf deren nun vertraglich geregelte Treue dem Vertragspartner gegenüber – ihre Ansprüche und ihre Macht über neue Gebiete ausweiten konnten. Niemand auf der Welt sucht sich – nach augenblicklichem Kenntnisstand der Menschheit – seine Geschwister aus! Sie sind einfach da, ob man das will, oder nicht. Dabei ist es ein unglaubliches Geschenk, sich jemandem nah und verbunden zu fühlen, es ist nicht selbstverständlich. Geschwister und Familien können – wie bei Freundschaften allgemein – etwas dafür tun, um die Beziehungen positiv zu gestalten. Aber die positiv gestalteten Beziehungen münden in unserem Denk-System fast ausschließlich darin, dass man sich in seinem System Vorteile verschafft und das Wohl der Beteiligten zu mehren versucht. Das im Prinzip positive Gefühl, verbunden zu sein, endet oft genug damit, dass man wie in Urzeiten auch (das Affen-Ich) seine Wasserstelle gegen andere verteidigt, weil man selber trinken will. Das in uns schlummernde, allzeit zum Ausbruch bereite Gefühl des sich „eingrenzen“ müssens um andere „auszugrenzen“. Das es aus dieser Perspektive einen Ausweg geben könnte, glaubt wohl nur ein verschwindend geringer Anteil der Menschen unserer Welt? Vielleicht auch, weil den meisten Menschen Erfahrungen fehlen, wie es anders laufen könnte? In vielen Artikeln zuvor habe ich mich mit dem Elend des Heimatbegriffes auseinandergesetzt und mich dafür auch einigen zum Teil vehementen Aggressionen stellen müssen. Nach dem augenblicklichen Kenntnisstand – der auch diverse Gefühle mit einschließt – der Menschen unserer Regionen, wird Heimat niemals nur als Region verstanden werden, der als Raum für die Kategorisierung des Gemütes verstanden wird. Jeder Raum wird vom Menschen nicht nur als objektiv messbar verstanden, sondern auch mit subjektiven Wahrnehmungen belegt. Das Hauptwort solcher „Beziehungen zu Räumen“ wird allgemein als Heimat definiert. Über die Raumbezogenheit entsteht das regionale Bewusstsein, später die geographisch zugeordnete Identität, Nationalität und am Ende die teilweise aggressiv ausgelebte Territorialität. Wir versimplifizieren diesen wichtigen, unser aller Dasein bestimmenden Begriff, wenn wir nur der Lyrik folgen in der es da so wohltuend heißt, dass Heimat dort wäre, wo die Gefühle liegen würden. So einfach ist es aber leider nicht, denn der Begriff ist nur ein Gefühlsfeld. Wenn wir dieses durchpflügen und analysieren kommen wir schnell zu ganz anderen Motivationen. Wer von Heimat spricht, meint in der Regel einen bestimmten Ausschnitt der Erdoberfläche, die er dann „seine Heimat“ nennt. Die Probleme, die dadurch ausgelöst werden, lassen sich weder in einem geographi­schen Umriss noch dem Inhalt nach kurz und verbindlich definie­ren. Im kulturethologischen Sinn hat der Begriff der Heimat schlicht eine Entwicklung durchlaufen. Dabei wurden Schritt um Schritt neue Bedeutungsschichten aufgetragen. Der Boden der Heimat wurde mehrfach mit neuen Bedeutungsdefinitionen überschüttet, auch wenn nichts von den älte­ren Horizonten verloren ging. Es entstand zur Gegenwart hin ein Wort von buchstäblich großer Vielschichtigkeit. Unser heutiges Verständnis, was Heimat ist, wurde auch deshalb so kompliziert, weil sich darin eine große Summe geschichtlicher Erfah­rungen versammelt hat. Im Grunde ging es dabei allezeit immer nur um die Absicherung des angehäuften Besitzes, der erworbenen Vorteile und der Sicherheit im täglichen Leben „sicherer“ vor den anderen, den Ausgrenzten zu sein. Am Ende ist Heimat, so wie unsere Kulturen diesen Begriff real leben, nicht viel mehr als eine Art Immobilienbesitz. Wer Heimat hat, unterschied sich früher von den Landlosen, gehörte einer Gesell­schaftsklasse an, die sich weniger Existenzsorgen zu machen brauchte und eine gefühlte Sicherheit verspürte. Wer im Mittelhochdeutschen nach dem Gegenbeg­riff zu Heimat sucht, findet sich in dem Wort Elend wieder, was damals ungefähr so zu übersetzen war, dass sich der, der über keine Heimat verfügte im Elend und damit in einem anderen Land befand. Und dieses In-der-Fremde-Sein hatte oft schlimme Folgen. In der Vorzeit wie zum Beginn unserer Kulturen, wie im Mittelalter wie in der Gegenwart. Die in der „Heimat“ befindlichen Personen konnten jederzeit auf ihren aus dem Frieden der angeborenen Rechtsgemeinschaft basierenden Selbstverständnis heraus die, die bei ihnen in der Fremde (im Elend) waren ausweisen oder verbannen und in diesem Sinn heimatlos machen. Unver­kennbar schwingen also Gefühle der Angst vor Anderen in dem Heimatbegriff mit. Der moderne Mensch, der seine ihm von Anbeginn gegebenen Fähigkeiten zur Täuschung seiner Umwelt ebenfalls auslebt, gibt zumindest vor, den Heimatbegriff in einem neuem nicht mehr so materiellem Licht zu sehen. Heimat scheint durch diese neue Betrachtungsweise plötzlich zu einem Ort der Ge­borgenheit und familiären Wärme zu werden, als Ursache für pures Glück sozusagen. Der Begriff Heimat dehnte sich in unserer Zeit also erneut aus und beschreibt nun, über den bloßen Gegenstandsbereich hinaus, auch eine emotionale Heimat-Komponente. Und da die überwiegende Mehrheit der Bevölkerungen nicht gerne selbst denkt, sondern das Denken (und Handeln) lieber Führern überlässt, ist es auch nicht verwunderlich, dass man die so an die Heimat Glaubenden in wüste Kriege führen kann, die alles menschliche vernichten.

Wie sollte ich einem Aborigine, der in Vollkommenheit seine persönliche Sicht auf den Begriff der Heimat hatte, eine persönliche Sicht in der alles Materielle herausgenommen und die Konflikte der unterschiedlichen Gruppen beseitigt worden waren, erklären können, wie es in Deutschland unter den Nationalsozialisten (in diesem Fall wirklich nur ein Beispiel von unendlich vielen Kriegstreibenden Entwicklungen auf der Welt) einen Vernichtungskrieg gab, in dem ein Volk gegen andere zu Felde zog um mehr „Lebensraum für das Volk“ zu gewinnen? Der Begriff des „Lebensraums im Osten“, der mit der germanischen (Abgrenzungsbegriff 01) oder arischen (Abgrenzungsbegriff 02) Besiedlung von Gebieten außerhalb der deutschen Grenzen in Osteuropa, verbunden ist, wurde schon im wilhelminischen Kaiserreich geprägt aber erst von den Nationalsozialisten rassenbiologisch interpretiert. Die Suche nach „mehr Raum fürs Volk“ lieferte den ideologischen Hintergrund für den Generalplan Ost, der die Vertreibung der rassisch unerwünschten Bevölkerung aus den eroberten Gebieten in Osteuropa vorsah und die dortige später zu erfolgende Germanisierung zum Ziel hatte, wobei die wirtschaftliche Ausbeutung der gewonnen Territorien gleich zu Beginn des Plans ebenfalls skizziert wurde. Wie hätte ich einem Aborigine, der kriegerische Konflikte auf Basis eines familiären oder heimatbezogenen Systems nicht kannte, vermitteln sollen, dass im Zuge des darauf einsetzenden Zweiten Weltkrieges schätzungsweise mehr als 70 Millionen Menschen getötet und Hunderte von Millionen ins Elend getrieben wurden? Hätte er jemals verstehen können, dass es der Heimat-Begriff war, der diese kaum zu übertreffende humane Katastrophe auslöste? Ich möchte nicht in den Alltag Deutschlands oder anderer Völker Europas am heutigen Tage vordringen, aber wie hätte ich es einem Aborigine klarmachen sollen, dass es Menschen gibt, die nationalen Stolz verspüren und die, die ihn nicht verspüren sogar angefeindet, beleidigt oder körperlich angegriffen werden? Und wenn er es verstanden hätte, wäre seine Schlussfolgerung wohl gewesen, dass auch bei uns die Ungebildeten und Voreingenommenen noch immer den Ton angeben weil sie – kulturell bedingt – nicht verstehen könnten, dass es keine Nation geben darf, die Ansprüche auf Gebiete aus nationalem Interesse heraus begründet. Denn so wie wir bei der Betrachtung der Erde eine diametral auseinander laufende Ansicht haben, so verhält es sich auch auf die Beziehung der verwandtschaftlichen Grade der Personen des Volkes untereinander.

Die Aborigines, denen ein Totem zugeordnet wird, sind danach in erster „Linie“ (nicht Bluts-Linie bitte!) mit den Aborigines verwandt, die dasselbe Totem haben, auch wenn sie diese niemals persönlich kennenlernen. Ihre Verantwortung diesen fremden (aus unserer Perspektive) Personen gegenüber ist höher, als die Verantwortung den Eltern oder Geschwistern gegenüber. Deshalb gab es dort keine Ausgrenzungs- oder Ausweitungskriege. Diese Konflikte konnte man sich sparen, da man ja überall im Land seine engsten Verwandten hatte. Auch Aborigines haben ein Gefühl für den Raum, in den sie hineingeboren wurden. Sie schätzen, achten und respektieren diese Lebensräume in denen sie sich auskennen und wo sie ihre Nahrungsressourcen finden und die heiligen Stätten der Vorfahren befindlich sind. Aber sie besitzen diesen Flecken Erde nicht! Sie sind überzeugt, dass sie der Erde gehören und nicht umgekehrt. Wir richten gerne unsere Blicke in den Himmel, heben – in unterschiedlichen Religionen – die Hände zu Gebeten zu einem imaginären Gott und sind nicht Willens zu Boden zu blicken um die Folgen unseres Tuns auf der Welt zu erkennen und entsprechende Handlungen folgen zu lassen, damit es zu einer Verbesserung der allgemeinen Situation kommt. Wir handeln wie kleine Kinder, unverantwortlich für unseren Lebensraum und überhöhen in theoretischen Abstraktionen unsere eigene Existenz derart, dass wir am Ende glauben, mit unserem Verhalten im Recht zu sein. Aborigines – wie einige andere Naturvölker, aber nie in einer solchen kompromisslosen Perfektion – haben den Blick nach unten gewendet. Ihre Religiosität ist zu ihren Füßen, zu ihrer Mutter gerichtet. Deshalb wurden sie auch keine Bauern, denn für ihre Kultur und für ihre Auffassung war es unmöglich, die Erde zu besitzen oder zu beackern oder ihr auch nur mit dem Speer eine Wunde zuzufügen. Unsere Gesellschaften bieten uns immer und überall lediglich Plätze an, die wir einnehmen sollen. Wenn wir sie eingenommen haben, sind wir ein Teil davon und damit immer auch ein Teil der Probleme. Wer nichts mehr infrage stellt, ist dann ein Teil des Mechanismus und kann – wenn es gut läuft – sein Leben in heimatlicher Verbundenheit leben. Ob wir aber nicht am Ende die Vögel im goldenen Käfig sind, die ihre Leben in Luxus verbringen und am Ende sterben, obwohl sie niemals gelebt haben, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Viele Regionen im Hinterland sind wüstenhaft und rot
Andere Regionen erlauben landwirtschaftliche Nutzung

Wir haben Ruby und ihre Familie an diesem Tag noch besuchen dürfen. Ja, sie gehörte schon zu dem Teil der Aborigines, die ihre Leben an die erdrückende Macht der neuen Besitzer dieses Kontinents angepasst hatten. Sie selbst war als kleines Mädchen noch den Vorgaben der Immanuel-Synode ausgesetzt, die die Anlage von den deutschen Evangelisch-Lutherischen Geistlichen übernommen hatte als diese bereits 1891 aufgegeben hatten. Die Immanuel-Synode unterhielt die Hermannsburger Mission für die nächsten 88 Jahre. Erst im Zuge der Gesetzesänderungen der Landrechte wurde das Areal der Mission 1982 an die traditionellen Besitzer zurückgegeben. Die Aranda, zu denen auch Ruby gehörte, können nun ansatzweise wieder zu ihren alten Leben zurückkehren. Aber sie sind auch verpflichtet, dass Erbe der Mission zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Ruby hatte auch keine so negativen Erinnerungen an die Zeit, in der sie selbst dort unterrichtet wurde. Sie nahm als Kind die Welt die sie umgab einfach so an, wie sie war. Auch die Kinder der Aborigines lebten in einer Welt, in der es eine Gesellschaft gab, die ihnen ihre Plätze zuwies. Auf ihr Alter befragt gab sie an, dass sie 68 Jahre alt wäre. 1992zig, als wir sie an diesem Ort trafen. Demzufolge musste sie Jahrgang 1924 sein? Dann hatte sie als Kind sicher auch noch die Veränderungen in der Zeit des zweiten Weltkrieges mitbekommen? Ihre Antwort war überraschend, denn sie hätten als Kinder in der Mission absolut nichts von den Veränderungen der Welt mitbekommen. In der totalen Abgeschiedenheit des Outback sei nicht einmal ein Flugzeug über die Siedlung geflogen. Ich war ja schon froh, dass sie auf die Frage nach ihrem Alter nicht wieder mit „vielen Sommern“ antwortete, so wie der alte John aus Broome! Sie hatte auch ihren Frieden mit der Vergangenheit gemacht. Sie ließ durchblicken, dass sie die Zeit, in der die Kirche versuchte, ihr ein neues Denken und ein neues Weltbild einzuhauchen, durchaus positiv wahrgenommen hätte. Das Leben der Ureinwohner der Mission war ja offensichtlich besser als das derer, die weiter ihren ursprünglichen Lebenswegen folgten und sich dadurch in Konflikt mit den neuen Machthabern im Land brachten. Die Immanuel-Synode, die das Gebiet rund um die Mission übernommen hatte, war auch als Besitzer des Landes eingetragen und Ruby konnte lebhaft erzählen, wie ihre Ausbilder sich bemühten, den Kindern das neue „Recht“ und „Unrecht“ zu erklären. Dass einmal vier Aborigine-Männer für drei Tage in einem Raum auf dem Gelände der Mission festgehalten wurden, bis eine Gruppe aus Justizbeamten kam um sie in ein Gefängnis weiter zu transportieren, war ihr in guter Erinnerung. Auch dass ihre „Ausbilder“ den Kindern zu erklären versuchten, dass diese Männer gegen das Gesetz verstoßen hatten und auf dem Eigentum der Mission gejagt und Beute gemacht hätten. Das war für die junge Ruby vielleicht der härteste Konflikt zwischen den Kulturen, dem sie ausgesetzt war? Sie wusste, dass es einige Aborigines vorzogen, weiter durch das Land zu ziehen wie alle Zeit zuvor. Aber plötzlich sollte es gegen das Gesetz verstoßen, dass man dort seine Beutetiere erlegte um seine tägliche Nahrung zu beschaffen? Gesetze werden naturgemäß nur von Gewinnern geschrieben und an die Bedürfnisse der Machthaber angepasst. Und so wie ein Lord während der Hungernot in Irland Männer hinrichten ließ die es wagten, aus seinen an Forellen übervollen Gewässern einen Fisch zu entnehmen, so setzten sich die Missionare der Immanuel-Synode dafür ein, dass vier Aborigines zum Tode verurteilt wurden, nur weil sie Beute auf dem Gelände der Mission gemacht hatten. Zur Entschuldigung der eifrigen Missionare muss hinzugefügt werden, dass keinerlei Tötungsabsicht bestand! Aber diese Männer wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt und nichts ist für einen Aborigine schlimmer als eingesperrt zu sein in einem rundherum geschlossenen Raum. Von keinem der vier Männer hörte jemals wieder jemand etwas in Hermannsburg, so dass alle sicher sein konnten, dass sie in den Gefängnissen ums Leben gekommen waren. Als die Rückübereignung des Gebietes – 1982 – an die Aborigines gesetzlich beschlossen wurde, mussten diese sich verpflichten, Stillschweigen über alle Vorkommnisse zu bewahren. So konnte man auf Seiten der Behörden (und auch der Kirche) sicher sein, dass keine Missbrauchsskandale, wie sie in unseren Breiten in die Medien kamen und wenigstens thematisiert wurden, die Runde machten. Der Sieger nimmt sich alles, auch in der Zeit nach der Rückgabe von Gebieten oder Objekten an die Völker der Ureinwohner.

In immer mehr Regionen blüht die Nutzung durch den Kultur-Menschen

Ruby und ihre Familie wohnten in einem netten Haus, auch wenn sie sich dort hinein nur zum Schlafen begaben. Den Tag über saßen die meisten erwachsenen Mitglieder im Schatten der Bäume vor der Veranda und einige hatten partiell auch wieder den Lebensstil ihrer Vorfahren angenommen. Einer der Cousins von Ruby war zu der Zeit als wir dort zu Besuch waren, auf einem Walkabout unterwegs. Damals begannen die Ureinwohner langsam wieder daran zu glauben, dass sie sich vielleicht doch irgendwann wieder als Hüter ihres Landes betätigen könnten. Über die Rituale und Traditionen der Aborigine-Kultur hatte ich mir selbstverständlich viele Gedanken gemacht, aber nie damit geliebäugelt, einmal so nah an diese Menschen heranzukommen, dass ich diese fremde Kultur in Ansätzen würde miterleben können. Dass das Augenmerk in meiner westlichen Welt auf Materialismus, Wissenschaft und Kapitalismus lag, war mir bekannt. Ich war ein Teil des ganzen Systems und musste – um meinen Platz zu behaupten – zumindest mitspielen, wenn ich in diesem System überleben und neue Konzepte vorstellen wollte. Wie sehr die Aborigines das Leben aus einem spirituellen Blickwinkel betrachten und wie vollkommen fremd ihnen die kapitalistische Denkweise ist, wusste ich nicht wirklich, aber die Unterhaltung mit Ruby – die beim Rundgang durch ihren Garten gleich von sechs Kindern und uns begleitet wurde – die uns mit ihrer naturverbundenen Weltanschauung begeisterte, war letztlich der Anfang eines neuen Verstehens. Das alles in einem ewigen Kreislauf miteinander verbunden sei, von der Pflanzenwelt über die Tiere bis hin zum Wetter, dem Nahrungskreislauf und den Menschen, hörte ich in dieser Ausführlichkeit zum ersten Mal von ihr. Und immer wieder einmal streichelte sie den Schwangerschaftsbauch meiner damaligen Lebensgefährtin, so als wolle sie unterstreichen, dass sie auch zu dem Kind im Bauch sprechen würde. Auf den Cousin, der sich auf Wanderschaft befand befragt erklärte sie uns, dass die Traumzeit schlicht bedeutet, dass die Kultur der Aborigines untrennbar mit der Natur verbunden ist. Und diese Natur zu bewahren und sich um ihren Erhalt zu kümmern, würde im Weltverständnis der Ureinwohner ganz oben stehen. Einige der Rituale der Aborigines, die einen hohen Stellenwert einnehmen, durfte ich in späteren Jahren selbst erleben. Ihre Traumzeit steht für die Schöpfung und die Zeit, in der nach ihrem Glauben die Erde und Menschheit entstanden sind. Die Aborigines glauben nämlich, dass sie zum Ursprung der Schöpfung zurückkehren, wenn sie schlafen. Die Traumzeit-Geschichten werden in den Familien seit jeher mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, aber auch durch Musik und Felsmalereien zum Ausdruck gebracht. Und das Didgeridoo, das vielleicht bekannteste Musikinstrument, welches uns recht gut bekannt ist, wird auch gerne verwendet um sich in stundenlangem Spiel in eine Art Trance zu versetzen.

Trephina Gorge Nature Park
Und die dazugehörige Schlange

Und was machte jetzt ihr Cousin auf seinem persönlichen Walkabout? In der Verteilung der Rollen im täglichen Leben als auch im Bereich des Spirituellen haben die Geschlechter bei den Aborigines recht klar umrissene Aufgabengebiete. Es ist den männlichen Aborigines vorbehalten, sich mit Hilfe eines gesungenen Liedes auf den Weg zu machen, um sein Land auf einem festgelegten Pfad zu durchwandern. Der Aborigine kann – wenn er den Text seines Liedes wirklich gut kennt – darauf vertrauen, dass er sich auch in Gebieten zurechtfinden wird, in die er zuvor noch nie einen Fuß gesetzt hatte. Diese Traumzeit-Lieder weisen mittels markanter Beschreibungen der örtlichen Landschaft immer den korrekten Weg. Auf diese Weise verbinden sich Aborigines mit ihrem ureigenen Traumpfad und ihrem Land. Diese traditionelle Wanderung begann bei Rubys Cousin vor über einer Woche ganz spontan. Es soll plötzlich aufgestanden sein, hätte sein Lied zu singen begonnen und ging fort. Kein Drama für den Rest seiner Familie! Alle wussten, dass diese Walkabouts immer spontan beginnen und dass sie Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern können. Zeit ist für Aborigines eine Illusion und sie verbinden sich und die Schöpfung und ihre Vorfahren, während sie auf den Spuren der Vorfahren wandeln. Auch heutzutage ist der Walkabout noch immer ein Ritual, durch das die Identität der Aborigine-Kultur bewahrt wird. Aber aufgrund der dramatischen Veränderungen in der Landschaft und der Natur, die in den letzten Jahrzehnten durch die Gier der weißen Bevölkerung entstanden sind, wird es zunehmend schwer, diesen Brauch aufrecht zu erhalten. Wenn beschriebene markante Stellen in der Natur wie Bäume, Felsen oder Wasserlöcher nicht mehr vorhanden sind, gleicht das einem Heimatverlust und einem Verlust der kulturellen Identität, der an heiligen Stätten besonders intensiv zum Tragen kommt. Aborigines sehen sich seit jeher als Teil der Natur. In ihren Augen muss der ewige Kreislauf respektiert, gehütet und bewahrt werden. Sie wären nie auf die Idee gekommen, sich spirituell und theoretisierend von ihren Plätzen der Schöpfung zu entfernen. Aber als Ruby meine vorsichtige Frage, ob es mir denn möglich werden könnte, einen Aborigine zu begleiten, der auf einen Walkabout geht, mit einem entschiedenen vielleicht beantwortete, war ich elektrisiert und enttäuscht zugleich! Ruby meinte nämlich, dass sie es sich durchaus vorstellen könne, dass mich mal einer aus der Reihe der Männer in das Outback mitnehmen würde, ich wäre schließlich eine freundlicher Mensch (Aha?), aber dass auch die „geschwätzigen Männer“ (O-Ton Ruby) schon eine gewisse Zeit verstreichen lassen würden, bevor sie eine solche Zusage geben würden. Und da, sagte sie, würde sie ein Problem sehen, dann ich würde ja bald Vater eines Mädchens werden und sicher kaum eine Gelegenheit finden, so schnell nach Australien zurück zu kommen, da meine Vaterpflichten bald gefordert wären! Sie hatte natürlich recht und sie hätte es mir auch nicht erst sagen müssen. Ich wusste immer, dass das eigene Leben mit seinen individuellen Sehnsüchten erst einmal endet, wenn man Kinder hat. Uncharmant formuliert: wenn Du Kinder hast, ist die Party nicht zu Ende! Sie geht weiter – nur halt eben ohne dich! Ich war prinzipiell bereit, mich in den Dienst meiner Kinder zu stellen. Aber zeitgleich war ich auch eine Person, die offen war für andere Ansätze und auch meine damalige Lebensgefährtin und baldige Mutter unserer Tochter hatte andere Schwerpunkte in ihrem Leben gesetzt. Vielleicht könnten wir als Familie wieder nach Australien zurückkehren? Wir haben wirklich viel gelernt in den Gesprächen mit Ruby und den Kindern um sie herum. Über die Pflanzen und welche Bedeutung welche Pflanzenart für die Ureinwohner hatte und auch, gegen welches Gebrechen welche Art Pflanze helfen konnte. Da wir nicht eingeladen wurden, auf dem Gelände zu bleiben, fuhren wir am späten Nachmittag noch ein Stück weit auf dem Larapinta Drive in westliche Richtung weiter. Wir wollten gerne noch die beeindruckenden Schluchten der Ormiston Gorge erreichen, mussten dieses Vorhaben aber nach wenigen Kilometern wieder abbrechen, da die mittlerweile gut asphaltierte Straße über den Namatjira Drive, damals doch noch eher eine Schlaglochpiste war. Nicht geeignet für eine Schwangere. Da wir aber aus uns nicht genau schlüssigen Gründen unbedingt machen wollten, fassten wir den Entschluss, es im langsamst möglichen Tempo doch zu versuchen. Ohne das Kind zu gefährden bewältigten wir am ersten Tag noch gute 30 Kilometer im Kriechgang, suchten uns am Wegesrand einen Platz für die Nacht und nahmen die noch verbliebenen 100 Kilometer gleich am nächsten Morgen in Angriff. Wieder im Kriechgang. Aber wir schafften es bis zum späten Nachmittag auf dem etwa zwei Kilometer von der Schlucht entfernt liegenden Parkplatz anzukommen, unsere Siebensachen zu schultern und uns höchst exklusiv direkt an dem dortigen Wasserloch genau gegenüber der roten Schluchten niederzulassen. Dort, an der Schlucht von Ormiston Gorge entstand ein überwältigend ausdrucksstarkes Bild, welches wir später als Titelbild für unsere geplante Multivisions-Show auswählten. Bald schon war dieses Bild an infrage kommenden Werbeflächen in ganz Deutschland, Teilen Österreichs und der Schweiz zu sehen. Ich bin nie wieder in die Ormiston Gorge zurückgekommen. Ich werde nie mehr dorthin zurückkommen! Aber das ist auch nicht wichtig, wichtig ist nur, dass man die Erhabenheit der Natur an machen Plätzen dieser Welt in derartiger Eindrücklichkeit erlebt, dass es einem wahrhaftig den Atem rauben kann. Vielleicht sollten die Berührungen mit diesen Plätzen einzig bleiben? Ich bin mir nicht sicher! Sicher aber bin ich mir, dass ich die größte freilebende Pythonschlange meines Lebens dort gesehen habe. Gleich als ich früh den Verschluss des Zeltes öffnete um die Lichtverhältnisse (noch weit vor dem Sonnenaufgang) zu prüfen, fiel mir im bläulichen Morgenlicht diese gewaltige, etwa vier Meter lange Schlange auf. Sie lag – wie eine Feder gespannt – auf einem Ast direkt am Wasserloch und keine 5 Meter von uns entfernt, direkt an einer Stelle an der man an dem dort befindlichen Vogelkot erkennen konnte, dass dort wohl regelmäßig Vögel zur Aufnahme von Wasser vorbei kommen würden? Ich erspähte die Schlange und die Schlange erspähte mich. In den folgenden 30 Minuten konnten wir ein unvergessliches Schauspiel erleben. Denn die Schlange hatte weitaus mehr Angst vor uns als wir vor ihr! Sie begann in einer solchen Langsamkeit ihren Kopf zu drehen, dass man ihre Bewegungen nur erkannte, wenn man alle zwei bis drei Minuten eine Aufnahme von ihr machte! Aber nicht gleich, sondern später zuhause auf dem Lichttisch, denn 1992zig war die digitale Photographie noch nicht im Siegesrausch um die Welt gezogen. Beinahe wären wir vor lauter Begeisterung über die Schlange zu spät zum gewählten Platz an der Schlucht gekommen um „das“ Photo unserer gemeinsamen Reise 1992zig zu schießen.

Aborigine John aus Broome – der blinde Mann mit der Aura

Ich habe lange in meinen teils verstaubten Kisten gewühlt um das alte Dia von John aus Broome zu finden! Am Ende war es meine Ehefrau, die es fand. Das Photo von der Ormiston Gorge und das Bild vom Aborigine John drückten mein persönliches Empfinden für diesen charismatischen Kontinent am besten aus. Deshalb wurden auch diese beiden Bilder auf den Werbeträgern, Plakaten und Flyern vereint und in den öffentlichen Raum gestellt. Es gibt aber noch so viel zu erzählen und der sogenannte „Kern des Pudels“ liegt noch immer recht weit fern. Also?

Wird fortgesetzt werden müssen.

RR aus BN am 15.11.2020

Tags:
, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
2 Comments
  • Maria Gassner
    Posted at 16:18h, 18 November Antworten

    Tief unter die Haut geht Dein Bericht, vor allem was die Vernichtung der indigenen Bevölkerung Australiens betrifft. Es ist etwas anderes ob man es durch Bücher erfährt bzw. erfahren hat, in Büchern ist alles weit weg und unwirklich, oder ob man es durch einen Bericht von einem Menschen erfährt, der mit der dortigen Bevölkerung hautnah Kontakt hatte. Durch Deinen Bericht bekomme ich eine leise Ahnung von diesen Menschen und kann mich in ihre Lebensweise bzw. Wertschätzung der Erde hineinfühlen und kann nicht und nicht verstehen, warum der weiße, seiner Meinung nach so kluge Mensch, nichts anderes kann, als die Erde, seinen Lebensraum so brutal zu zerstören.

  • Flory
    Posted at 14:29h, 29 November Antworten

    Schon als Kind musste ich feststellen, dass in Gott glauben und religiös sei zwei unterschiedliche Dinge sein müssen. Die Religion war für mich sehr unflexibel, nur an Bräuche orientiert, keineswegs feministisch, aber immer besser-wissend, altertümlich geblieben, egoistisch, erdrückend, blut- vergießend und belehrend. Dagegen war Gott das gütigste Wesen, das alles vergeben kann, immer eine helfende Hand hätte, immer verständnisvoll, nie böse, nie gemein, so wie alle Menschen nach Seinem Bildnis sein sollten oder so versuchen zu werden. Die Aborigines haben es “gute Menschen zu sein” aber ohne einem Gott oder Religion Glaube schenken zu müssen geschafft!

    Ich kam viel später zu dem Entschluss, dass Gott in mir wohnt, dass er das Gute in mir ist und dass die religiöse Menschen sich verloren haben und an was Falsches beten, anstelle die Mutter Erde zu vergöttern, die uns alles was wir brauchen gibt, was Gott uns geben soll, die Sonne zu vergöttern, da ohne sie die Erde so wie wir sie kennen, nicht existieren würde, das Universum zu vergöttern, weil ohne es sonst alles durcheinander kommen würde.

    Würden wir diese Ferne Verwandtschaft durch das Totem spüren, welch stärker sein sollte, als die der eigenen Familie, so würden keine Kriege mehr stattfinden, kein Egoismus, nur Austausch und Verbundenheit mit Allem und Alles!

    Wunderschönen Menschen diese Aborigines, deren Lebensweise uns eigentlich zeigt, was wir alles verloren haben :-(.

    Danke für die wunderbaren geteilten Erlebnisse und Weisheiten!

Post A Comment

You don't have permission to register