Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 03

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 03

Die Kinder, der Kreislauf, die Kultur

Wie nimmt denn jemand eine Zurückweisung auf? Wie definiert man überhaupt Zurückweisung? Da wir alle in unterschiedlichen Paralleluniversen leben, ist die ungeheure Zahl von rund 7,77 Milliarden Menschen auf der Welt ein schier unüberwindbares Hindernis, wenn hier eine Abgrenzung gezogen werden soll. Die Zahl der Bewohner unseres Planeten wird sich ja laut diverser Prognosen bis 2050 auf 9,74 Milliarden oder bis 2100 auf 10,87 Milliarden erhöhen. Die Frage, wie viele Menschen die Erde tragen kann, wurde ja schon oft gestellt. Wären wir in Nomaden-Kulturen verblieben und wären wir nicht ansässig geworden, die uns umgebende Welt wäre heute eine komplett andere. Eine Zurückweisung, auch wenn sie keine war, sondern eine logische und konsequente Entscheidung, die auf Gegebenheiten basierte, führt immer dazu, dass die Betroffenen (oder „gefühlt Betroffenen“) damit sehr unterschiedlich umgehen! Es kommt immer auf die Charakter-Disposition an. Zurückweisung und Ablehnung sind sicher für den übergroßen Teil der Menschen schmerzhaft? Und mit der erlittenen Zurückweisung umzugehen ist nicht einfach. Ablehnung oder Nicht-Beachtung zu erfahren ist problematisch und nagt unterschiedlich stark am Selbstwertgefühl der Betroffenen. Ablehnung auszuhalten kann aber erlernt werden und eine Zurückweisung anzunehmen ist prinzipiell sehr viel leichter gesagt als getan, aber es ist keine Unmöglichkeit damit vollkommen ohne negative Folgen für die eigene „Ich-Welt“ umzugehen. Tipps, wie das besser werden kann, vermag ich nicht zu geben. Aber erlittenes Leid ist oft ein guter Nährboden für Demut der eigenen Existenz gegenüber und kann hilfreich sein, diese Gefühle in sich selbst einzuhegen und nicht virulent werden zu lassen. Könnte! Aber da sind ja die vielen Millionen Paralleluniversen! Zurückweisung schmerzt auch deshalb so sehr, weil wir noch viele archaische Züge in unserem Wesen tragen. Nur ausgewachsene Misanthropen fühlen den Wunsch nach Zugehörigkeit in einer Gruppe nicht. Vor ewigen Zeiten war es für den sich entwickelnden Menschen in einer feindlichen Umwelt besonders wichtig, zu einer Gruppe zu gehören. Das Alleinsein, ohne den Schutz der Gruppe, hätte schnell lebensgefährlich werden können. Ohne andere menschliche Unterstützung hätte das Individuum sicher nicht besonders lange überlebt. Aus diesem Grund verhalten sich Menschen seit Ur-Zeiten so, dass sie möglichst nicht aus ihren Gruppen ausgestoßen werden. Heute ist Gruppenzugehörigkeit zwar nicht mehr fundamental wichtig für unser Überleben, aber unser Gehirn hat noch immer diesen Ur-Mechanismus und versucht Zurückweisung zu vermeiden. Unsere Gehirne sorgen sogar dafür, dass Schmerzen entstehen und erinnern uns daran, dass wir uns in Zukunft so verhalten, dass diese Zurückweisung nicht mehr vorkommt! Im Zeitalter des „Ich“, gestützt auf die Plattheiten der modernen Medien und auch durch die bornierte Literaturschaffe, in der es immer nur um Beziehungen und Leidenschaften geht, wird heute ein Beziehungsende als die wohl schlimmste Art der Ablehnung verstanden? Emotionen wollen und müssen aber gefühlt werden! Wenn man negative Emotionen fühlt und dabei versucht, diese zu unterdrücken, dann funktioniert dass in der Regel nicht besonders gut. Emotionen funktionieren so, dass sie kurz hochkommen und (in Abhängigkeit vom eigenen Charakter) auch schnell wieder vorbei sein können. Nur wer sich gestattet, seine als negativ empfundene Emotion zu fühlen, der/die stellt sicher, dass sie auch wieder vorbeigehen. Wer aber Widerstand aufbaut, hält die Emotion mit ihren als negativ empfundenen Wirkungen fest.

Aborigine Kinder können wieder unbeschwerte Kindheiten erleben

Als Schreibender reflektiere ich auch ständig auf die Dinge, die bereits zu Papier gebracht und veröffentlicht wurden. Vor allen Dingen dann, wenn ich an einer Fortsetzungsgeschichte arbeite. Wie wird der „Blonde“ Zwilling neben dem „Füchslein“ es aufgenommen haben, dass meine Wahrnehmungen nur die Schwester betrafen? Als Vater von drei Kindern ist es ausgeschlossen, sich in einem komplett auf die eigenen Bedürfnisse reduzierten Paralleluniversum zu verlieren. Ich stelle mir meine eigenen Kinder vor, die mich fragen, ob ich sie nicht lieben würde, weil ich die Aura einer fremden Person sehe und nicht die von ihnen! Nur so viel: wer emotional involviert ist in eine Sache oder eine Person (bei einer Familie geht beides), kann auf der metaphysischen Ebene nicht weiterkommen. Wobei wir es der Wissenschaft verdanken, dass im Heute auch der Begriff Metaphysisch mehr oder weniger negativ konnotiert ist, da uns der Begriff im Alltag vermitteln soll, dass alles, was diesen Bereich betrifft, im Übersinnlichen liegen soll und damit jenseits der Erfahrung und Erkenntnis liegen würde. Damit würde es angreifbar bleiben und zur Not könnte man Probleme, die durch Personen entstehen, die ernsthaft in diesem Feld vorgehen und basierend darauf, Veränderungen einfordern, schlicht Kraft der bestehenden Gesetze in einer Nervenheilanstalt unterbringen. Und auch wenn ich mich weit davon distanziere, dass jede Person, die in diesem Feld „fühlt“ und „denkt“ oder „arbeitet“ eine neue Weisheit in sich trägt (ich denke, dass es sich bei 99% der Personen dieser beschriebenen Gruppe, die teils vehement in Führungspositionen drängen, um Scharlatane und Vorteilsuchende handelt, womit der Anteil genauso hoch wäre wir in unseren real existierenden Gesellschaftssystemen) so stehe ich persönlich doch mit aller mir zur Verfügung stehenden Energie hinter der Auffassung, dass der einzige Weg, die Menschheit so zu verändern, dass sie den Sprung aus dem archaischen Affen-Ich heraus schafft, im Bereich des Metaphysischen liegt. Dazu gehört auch die Verlagerung des Bewusstseins aus dem Körper heraus auf eine höhere (es kann aber auch eine tiefere) Ebene. Natürlich hat uns die Wissenschaft dafür bereits Lösungen angeboten! Sie will uns damit verständlich machen, dass sie, die Wissenschaft, weiß, wie diese Erfahrungen zustande kommen! Man möchte dem Menschen klarmachen, dass er in diesem Feld einem Trugschluss aufsitzt wenn er glaubt, dass außerkörperliche Erfahrungen als Beweis für das Übernatürliche herangezogen werden können, da es inzwischen der Wissenschaft gelungen sei, die Ursachen für dieses Erlebnis präzise beschreiben.

Als Kind habe ich mich niemals gefragt, warum ich ich bin und nicht jemand anderes. Aber die Frage, ob ich nicht mehr bin, wenn mein Körper nicht mehr existiert, habe ich mir schon gestellt. Ich war verunsichert und niemand konnte mir meine Frage beantworten. Aber meine Grübelei, von der ich in meiner „Ich-Welt“ träumte, war alles andere als originell. Sie war ziemlich gewöhnlich und viele Kinder stellen sich diese Fragen. Manche Menschen beschäftigen sich deshalb schon sehr früh mit der eigenen Vergänglichkeit. Ein guter Nährboden für Denkansätze, die jenseits der vorgegebenen Richtungen liegen. Schlicht ausgedrückt hat wohl jeder den Wunsch, dass es einen Beweis für die Existenz einer Seele geben würde? Kern dieser Frage ist im Prinzip die Vorstellung einer unsterblichen, außerkörperlichen Seele, die damit den Wunsch nach ewigem Leben erfüllbar werden lassen könnte. Meine Frage nach der Zeit „nach“ dem Leben war zwar nicht bohrend, aber permanent existent. Personen, die in einen Zustand geraten, in dem ihnen ihr Körper nur noch wie eine Hülle vorkommt, geben nicht unbedingt an, dass sie ihren reglosen Körper von außen betrachten konnten. Sie bezeichnen ihren Zustand als „frei schwebend“ und geben an, dass sie nichts mehr als Hindernis hätten wahrnehmen können. Sie hätten – so diese vor dem Erreichen dieses Zustand vorhanden waren – keine Gebrechen mehr gespürt, keine Sorgen empfunden und keine Objekte wahrgenommen. Es gibt so viele religiöse oder esoterische Glaubensgemeinschaften! Diese haben den „Gottesbegriff“ oder das „Übernatürliche“ so stark entwickelt, dass die beschriebenen Zustände der außerkörperlichen Erfahrung und auch die beschriebenen Gefühlslagen dazu, sie annehmen lassen, wahrhaftiger Zeuge von etwas Übernatürlichem zu sein. Dass die Seele auch ohne Körper existiert. Die außerkörperliche Erfahrung wurde deshalb nur zu gern als Beweis für ein Leben nach dem Tod herangezogen. Und deshalb auch unreflektiert behandelt! In der Wissenschaft werden außerkörperliche Erfahrungen naturgemäß viel nüchterner betrachtet. Neurowissenschaftler klassifizieren die außerkörperliche Erfahrung als dissoziative Störung. Diesen Erklärungen zufolge entsteht lediglich die Illusion des vom Körper getrennten Selbst durch das Unvermögen des Körpers, verschiedene Reize in Einklang zu bringen. Schwindelgefühle sollen dabei eine entscheidende Rolle spielen. Auf des Basis des momentanen, flüchtigen, vorübergehenden Kenntnisstandes der Menschheit und seiner Wissenschaften wurden Patienten mit Gleichgewichtsstörungen nach außerkörperlichen Erfahrungen befragt. Das Ergebnis wurde als Beweis herangezogen, dass es die außerkörperliche Erfahrung nicht gibt, da der Anteil der Personen aus der Gruppe, die regelmäßig „Schwindelgefühle“ hatten, nicht nur deutlich größer war in Bezug auf das außerkörperliche Erleben, sondern diese Personen hatten das Erlebnis gleich mehrmals. Für mich bedarf es auch keiner wissenschaftlichen Untersuchung um zu wissen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, den Menschen in den Zustand der Illusion zu versetzen. Meditation und Hypnose können das, Rauschzustände die durch Drogen hervorgerufen werden ebenfalls. Auch epileptische Anfälle (einen solchen Fall habe ich persönlich erlebt und begleitet) oder Migräne sollen Zuträger dieses Gefühls sein. In der modernen Welt gibt es mittlerweile Simulationen, die die Verarbeitung der Sinne derart fehlleiten, dass das Gefühl der Außerkörperlichkeit entsteht. Wenn wir uns also darauf fixieren wollen, dass mit dem Begriff der Außerkörperlichkeit nur eine Art flirrender Rauschzustand beschrieben werden würde, wäre das Thema längst vom Tisch und jegliche Sinnsuche in dieser Richtung stark beschränkt. Wie formulierte es einmal ein Wissenschaftler?

Was lange Zeit als unumstößlicher Beweis für etwas Übernatürliches, vielleicht sogar Göttliches, für das Leben nach dem Tod galt, sollte demnächst zur Meditationspraxis hinzugefügt werden. Die vorgestellten Ergebnisse unserer Studie rütteln damit an den Grundpfeilern von Religion und Esoterik. Ernüchterung ist schmerzhaft. Sie ist aber auch der beste Weg zur Erkenntnis.

Was aber, wenn es eine Erkenntnis über dem momentanen, flüchtigen, vorübergehenden Kenntnisstand der Menschheit und seiner Wissenschaften gibt? Die „Schwebezustände“ und deren wissenschaftlich analytische Beurteilung stelle ich keinesfalls in Abrede, aber sie greifen zu kurz. Dass Drogen jeder Art das Bewusstsein stark öffnen und damit erweitern und verändern können, sehe ich als gegeben an. Auch Naturvölker nutzen Drogen, um sich in spirituell motivierte Rauschzustände zu begeben, in denen sie sich ihren Göttern näher fühlen. Die Droge ist aber immer eine Sackgasse und kann nicht zur Erkenntnis führen. Die Realität ist die heftigste Droge, die der Mensch zu sich nehmen kann. Was aber, ist Realität? Gibt es eine kontinuierliche Realität oder wandelt sie sich, so wie sich der Brustkorb bei jedem Atemzug unterschiedlich hebt? Die Diagnose der Wissenschaft greift schon deshalb zu kurz, weil die vielen Erfahrungsberichte mit den Personen, die außerkörperliche Erfahrungen in Verbindung mit Beobachtungen der Alltagsszenerie um sich herum erlebten, nicht berücksichtigt worden sind. Da ich als Betroffener weiß, dass es außerkörperliche Erfahrungen gibt, die weit über einen flirrenden Bewusstseinszustand hinausgehen, habe ich auch Kontakte zu Personen gesucht, denen solche Erlebnisse widerfuhren. Diese Beschreibungen zeichnen ein vollkommen anderes Bild von der Außerkörperlichkeit. Die Personen in diesen Zuständen beobachteten und zeichneten auf. Ihre Beschreibungen von Plätzen und Orten, an denen sie – oft durch einen Unfall, wie im letzten Artikel beschrieben – ihre Leben erst verloren und dann entweder durch fremde Hilfe oder durch Selbsthilfe wieder in ihre Körper zurück kamen, waren so detailliert, dass sie teilweise bis hin zur Beschreibung der Farbe der Socken der Rettungskraft reichten. Eine geschätzte ehemalige Arbeitskollegin, die in der Badewanne einen Herzanfall erlitt, konnte zum Beispiel beschreiben, dass sie in dem Zustand, in dem sich ihr Bewusstsein auf eine höhere Ebene verlagert hatte und sie sich selbst in der Wanne liegen sah, den Staub auf dem Badezimmer-Schrank erkennen konnte. Eine Stelle, die sie aufgrund ihrer Körpergröße sonst niemals sehen konnte. Sie beschrieb das Eintreffen der Tochter im Bad, die ihr Hilfe leistete und auch die Präsenz des Freundes der Tochter im Bereich des Eingangs zum Badezimmer und dass der junge Mann „Scham“ fühlte und lieber den Notruf wählte als zu der „nackten“ älteren Dame ins Badezimmer zu kommen um aktiv Hilfe zu leisten. Es ist der einzige mir bekannte Fall, in dem drei Personen dazu befragt werden konnten. Und auch wenn das Vorkommnis das Verhältnis der drei Personen, die ihre Erfahrungen ja gegenseitig bestätigen konnten, veränderte, vertiefte, ging das normale Leben weiter. Die Tochter und der Freund trennten sich später und als ich mit ihm sprechen konnte, waren die beiden schon ein paar Jahre getrennt und hatten neue Lebenspartner. Trotzdem bestätigte er das Erlebnis und gab auch zu, dass ihn das „verfolgen“ würde, dass er deshalb manchmal keine Ruhe finden würde, weil er das Erlebte nicht verarbeiten könnte. Bei so viel Unsicherheit ist es leicht zu sagen, dass der am Vorfall Beteiligte wohl was falsches „geraucht“ hätte?

Und sehr langsam kehrt ein gewisses Selbstbewusstsein zurück

In einer Welt, in der die Stärksten und Mächtigsten das Wort haben und vermitteln, dass sie das „Wissen“ in Händen halten würden und ausschließlich Machtverhältnisse und nicht Vernunft das Miteinander bestimmen, wird es schwer werden Personen zu finden, die sich trotz des Gegenwindes aus den Reihen der Mächtigen und ihrer Netzwerke dazu entschließen, diese Themen beharrlich einzubringen um so auch ihren eigenen Klärungsbedarf voranzutreiben. Und sicher hat das alles hier mit dem Reisebericht über Australien zu tun, denn meine persönliche Sicht auf die Dinge (fast ALLE Dinge) hat sich durch die Berührung mit der Kultur der Aborigines sehr verändert. Ich habe bis auf den alten John in Broome nie wieder an einem Ureinwohner dort eine Aura bemerkt! Aber das Zusammensein mit ihnen, die Teilnahme an dem Teil ihres Lebens, der mir gestattet wurde, ließ – bedingt durch die Erweiterung meines eigenen Erkenntnis-Horizontes – den Rückschluss zu, dass zum Beispiel außerkörperliche Erfahrungen bei ihnen zum Alltagsgeschäft gehören. Immer wieder bin ich versucht, die Phantastereien von Frau Morgan einfließen zu lassen! Es ist für einen Menschen, der nicht zur Kultur der Aborigines gehört, quasi ausgeschlossen dort Kontakt mit einem Mitglied des anderen Geschlechtes zu bekommen. Zumindest dann, wenn der Kontakt auf der spirituellen Ebene stattfinden soll. Allein dass sie angab, dort mit einem „Mann“ durch die Wüsten gelaufen zu sein, entzieht ihrem Machwerk jede Grundlage! So freundlich ich auch von den Männern der Pitjantjatjara aufgenommen und behandelt wurde, war es doch allezeit ausgeschlossen, dass mich die weiblichen Mitglieder der Familie auf einer anderen als der körperlichen Ebene wahrgenommen hätten. Meine einzige Begegnung mit einer Aborigine Frau, die ich hätte vertiefen können, verstörte mich ob der fremdartigen Verhaltensweisen doch so sehr, dass ich mich verschüchtern ließ. 1995 war ich für drei Monate allein in Australien unterwegs, da ich das starke Gefühl verspürte dort meine in unserer Gesellschaft entstandenen Probleme auszukurieren und gleichzeitig meinen Weg weiter zu beschreiten und eine modifizierte und deutlich verbesserte Australien-Präsentation zu recherchieren und zu photographieren. Nach mehreren Tagen, die ich allein im Bereich der wüstenhaften Gebiete rund um Miniyeri im Northern Territory verbracht hatte, wollte ich vor meiner Weiterreise in den Kakadu Nationalpark noch einmal den Alltag der australischen „Weißen“ Bevölkerung erleben und blieb für eine Nacht in Darwin. Dort, in einem Pub, der durchaus auch in Schottland, England oder Irland hätte sein können, wenn die Außentemperaturen auch am Abend nicht deutlich über 30° Celsius bei gefühlten 99% Luftfeuchtigkeit gelegen hätten, hatte ich diese verstörende Begegnung. In dem Pub befand sich auch eine jüngere Aborigine, die deutlich alkoholisiert war. Eine kräftige junge Frau, die mich immer dann, wenn meine Augen ihre streiften, mit ihren Blicken durchbohrte. Sie kam immer wieder einmal durch die Kneipe gelaufen und rempelte mich mit ihrer Schulter an meiner Schulter an. Ich konnte ihr Verhalten nicht einordnen und bat einen neben mir am Tresen stehenden weißen Australier darum mir zu erklären, was die Dame denn bezwecken würde mit ihrem Verhalten! Der weiße Kerl lachte auf, nahm mich an der Schulter und sagte, dass sie schlicht hinter mir her wäre – ich würde ihr gefallen! Nun gibt es für mich nur wenige Dinge die ich unangenehmer finde als betrunkene Männer: betrunkene Frauen gehören dazu! So viel gewaltsame Zuneigung konnte ich nicht ertragen und – nachdem sie ein weiteres Mal „rempelnd“ an mir vorübergegangen war und der „Weiße“ mich mit Gesten und Mimik aufforderte, nun darauf einzugehen und das Angebot anzunehmen, wurde es mir schlicht zu viel. Ich verabsentierte mich und verließ den Pub und die Stadt um irgendwo am Wegesrand in meinem Jeep zu übernachten. Es liegt mir fern, hier das Bild der edlen Wilden zu bemühen. Die edlen Wilden sind nämlich auch nur ein Produkt der aus unserem Kulturimperialismus gespeisten Vorstellungswelt. Es war aber auch das einzige Problem, das ich bei all meinen Besuchen dort mit betrunkenen Aborigines hatte. Und selbst da kommt es wohl auf die Lesart an? Überzeugte Männer-Machos, die es auch in meinem Bekanntenkreis zwangsläufig geben muss (weil es diese Spezies Mann einfach überall und in viel größerer Zahl gibt als allgemein angenommen) und denen ich dieses Vorkommnis berichtete, hätten das Angebot wohl ganz anders gehandhabt als ich? Zumindest hörte es sich immer so an! Aber bellende Hunde beißen ja oft nicht. Vielleicht sollte man es so einordnen?

Der Ort Kalgoorlie bietet eine gewisse touristische Infrastruktur

Zurück zu der im letzten Artikel skizzierten Reise mit Freundeskreis im Jahr 1992zig. Der bereits grob skizzierte Verlauf der Tour ist natürlich noch lückenhaft! Wir sind damals nicht in Broome, wo ich den alten John traf, geblieben. Es war eine extrem bewegungsintensive Reise, auf welcher wir in jugendlichem Übermut auch große Distanzen überbrückten und – um so viel wie möglich zu sehen und zu erleben – auch mehrere Inlandsflüge nutzten. Von Broome aus setzten wir unsere „Jeep-Reise“ noch bis nach Perth, der Boom-Town in Westaustralien fort, besuchten die dortigen Regionen und machten auch einen Abstecher in die Tagebau Regionen von Coolgardie und Kalgoorlie, wo man die Reserven des Planeten in unvorstellbarer Weise ausplündert. Ich bin nie wieder dort gewesen, aber der Grund, warum wie diese Ecke Welt sehen wollten dient mir heute als Indiz, dass tatsächlich sehr viele höherrangige Personen ihre Jugend (und damit ihre teilweise vorhandene Unvernunft oder schlicht die Tatsache, dass sie Zusammenhänge nicht schon immer verstanden haben) zurecht biegen und Geschehnisse lieber verschweigen. Als bei der Vorbereitung der Reise unser Jüngster bemerkte, dass wir auch nach Perth kommen würden, brachte er ein paar Photos von den damals weltweit größten Landfahrzeugen der Welt mit zum Vortreff. Diese Fahrzeuge waren alle in den Städten Coolgardie und Kalgoorlie im Einsatz und eines der Bilder beeindruckte auch unsere Damen so sehr, dass diese es ebenfalls interessant fanden, dort einmal vorbei zu schauen, um diese Welt in Natura zu sehen. Eines der Bilder zeigte einen Erwachsenen Arbeiter der dortigen Mienen, der vor einem unfassbar großen Rad eines LKW stand, der für den Abtransport des Gesteins verantwortlich war. Und da wir in Australien ja ohnehin schon mehrere Erweiterungen bezüglich unserer Perspektiven auf Weite, Größe und Distanz erfahren hatten, schien es quasi logisch, auch einmal diese touristisch damals wenig frequentierten Gebiete im Hinterland zu besuchen. Und ich kann heute mit Sicherheit behaupten, dass mich der Anblick der zerstörten Erde nicht so berührt hat, wie das später der Fall wurde. Ich hatte ein gewisses mulmiges Gefühl, aber lebten wir nicht in der Welt in der wir eben lebten? Hatten uns die Systeme der Welt, in der wir aufwuchsen nicht vermittelt, dass es das Recht des Menschen sei, die Ressourcen des Planeten zu nutzen? Der Abbau von Bodenschätzen zerstört Lebensräume in einer Form, dass wir bereits ahnen, dass die angerichteten Schäden nicht mehr auszubügeln sind. Heute ist mir klar, dass ich dort Zeuge war, wie Lebensraumverlust im großen Stil verursacht wird. Zwar sucht man in den oben genannten Städten Australiens nicht nach Braunkohle, die ja nicht nur in ihrer Verwertung schädlich ist, sondern nach Gold, aber die Folgen für die Umwelt sind so drastisch, dass einem die Worte dafür fehlen. Der Abbau des Goldes führt zu tiefgreifenden Umweltproblemen. Der hohe Flächenverbrauch zerstört wertvollen Lebensraum. Die Folge der Bodenzerstörung ist dann zusätzlich der unwiederbringliche Verlust der Biodiversität auf den beanspruchten Flächen. Das aktuelle, prominente Beispiel ist der Hambacher Forst. Der Jahrhunderte alte Wald bietet Lebensraum für zahlreiche Tiere, darunter auch seltene und europaweit bedrohte Tierarten. Trotz diverser Richtlinien der Europäischen Union, die die Zerstörung und Beschädigung von Fortpflanzungs- und Ruhestätten von bedrohten Tieren klar regelt und verbietet, wird diese Autobahn wohl am Ende gebaut werden. In Australien gibt es kaum vergleichbare Richtlinien und deshalb kann hier ungestört das Unterste nach Oben gekehrt werden. Kalgoorlie ist heute die größte Stadt im Outback von Westaustralien. Sie wird Goldgräberstadt von Australien genannt, weil hier die größte Goldmine des Landes und die viertgrößte der Welt ansässig ist. Photos können den Grad der Zerstörung, den gewaltigen Raubbau, der zulasten der Natur geht, nur lückenhaft wiedergeben. Es gibt im westaustralischen Outback zahlreiche verlassene und aktive Goldminen. Die in Kalgoorlie ist neben der Tatsache, die Größte zu sein, auch noch eine aktive Miene. Heute zieht das Gebiet jährlich Tausende Touristen an, die sich am Einsatz chemisch-physikalischer Verfahren zur Gesteinslösung nicht zu stören scheinen. Die großen Verlierer der Goldförderung sind neben der Natur jedoch die Aborigines.

Gold, die Triebfeder unseres von Wahnvorstellungen und Selbstüberhöhungen begleiteten Lebensstils, der durch den Kulturimperialismus noch befeuert wird, hat so viele Regionen dieses Planeten komplett zerstört. Der ewige Griff nach dem „Bonus“ oder dem „Mehr“ kommt an nur wenigen Stellen der Welt in seinen negativen Erscheinungsformen besser zum Ausdruck als in Kalgoorlie. Leider wird für viele Menschen das Gold nie seinen Wert verlieren, auch wenn es seinen Glanz längst verloren hat. Als die Europäer nach Australien kamen und die indigene Bevölkerung von ihrem Land vertrieb, um – zum Beispiel im Outback – nach Gold zu suchen, muss das für die Aborigines wie ein Stich mitten ins Herz gewesen sein. Es ist unserer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung geschuldet dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die die Bergbauindustrie lieben. Sehen wir die Welt aus den Augen eines Minenarbeiters, der seinen Lebensmittelpunkt dorthin verlegt, ein Haus gebaut, ein Auto gekauft und die Vorzüge seines wirtschaftlich optimierten Lebens genossen hat, so werden wir erkennen, dass es für viel zu viele Menschen undenkbar ist, über ihr schädliches Verhalten angemessen nachzudenken und eventuell logische Konsequenzen folgen zu lassen, die eine weitere Verschlechterung der Situation verhindern würden. Er würde Umweltschützer, die sich an seinen Bagger ketten, ohne mit der Wimper zu zucken verprügeln und sie als weltfremde Idioten beschimpfen. Dabei haben die Demonstranten dann wenigstens noch die Freiheit, ihren Unwillen auf diese Art zum Ausdruck zu bringen, die indigene Bevölkerung hat diese Möglichkeiten nicht einmal mehr ansatzweise. Die Aborigines, mit denen ich im Verlaufe meiner Reisen darüber sprach, hielten das Vorgehen insgesamt für eine unfassbare Vergewaltigung der Natur. Und? Die offizielle Website der Tourismus Behörde von Kalgoorlie verweist mit Stolz darauf, dass Kalgoorlie im letzten Jahr (vor Corona) von 150.000 Touristen aus aller Welt besucht wurde. Und alle wollen die Super Pit Mine sehen!! Die allermeisten Menschen, die heute in der Stadt leben sind stolz darauf, viele Jahre selber in der Mine gearbeitet zu haben. Die Mine liegt an der südöstlichen Stadtgrenze liegt hinter einem Erdwall versteckt. Es ist eine so unfassbar riesige Wunde in der rostroten Erde, ihre Ausmaße derart gewaltig, dass man sie vom Weltall aus sehen kann. Die zerstörte und wahrhaft vergewaltigte Erde dort hat eine Wunde von fast vier Kilometern Länge, ist fast zwei Kilometer breit und mit über 620 Metern Tiefe viermal so tief wie der Kölner Dom hoch ist. Dort wird eine Art archaischer Kampf um Tonnen von Gestein gefochten, über 365 Tage des Jahres hinweg, im Zweischicht-Betrieb zu je 12 Stunden Arbeitszeit. Mit der romantischen Vorstellung von Schaufel, Spitzhacke und Schüttelsieb – eine Aktivität die in Massen ausgeführt einen ebenso großen Schaden anrichten kann und angerichtet hat – hat das nichts zu tun. Überall sind Minenarbeiter in orangenen Overalls unterwegs. Profiteure und Netzwerk-Beteiligte werden dabei nicht müde, den allgemeinen Wert der Mine zu beschreiben! Dass es die Goldminenindustrie gewesen wäre, die Australien zu einer Nation gemacht hätte zum Beispiel. Dass erst während des Goldrausches in Westaustralien alles erschlossen wurde. Aber auch, dass es ohne die 600 Kilometer lange Pipeline von Perth dort kein Wasser geben würde, da es in der Stadt und im Umland nur 200 Millimeter Regen im Jahr gäbe. Ohne Wasser gibt es natürlich auch keine Goldförderung. Allein diese Wasser-Pipeline hatte bei ihrer Fertigstellung 1902 einen kompletten Jahresetat des Staates Westaustralien verschlungen. Das war eine wirtschaftlich gesehen riskante Entscheidung, weshalb man danach wohl auch alles auf eine Karte setzte um die Goldförderung zu unterstützen, damit Westaustralien wachsen konnte.

Die dortige Goldmine zeigt uns aber unseren Wahn auf

Gold ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Region und die Bergbauindustrie Westaustraliens ist allgemein hinzuzurechnen. In einem Gebiet von der Größe Griechenlands werden dort neben Gold auch Nickel, Kobalt und andere wertvolle Stoffe gefördert um sie auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Jede Woche werden dort so gewaltige Löcher ins Gelände gesprengt, dass in den Gebäuden der Stadt die Scheiben scheppern. 15 Millionen Tonnen Gestein werden jährlich von Schaufelbaggern und Lastkippern aus dem Bauch der Grube nach oben transportiert. Mächtige Trommeln zermahlen es zu immer kleineren Brocken. In einer Anlage aus Tanks, Röhren, Ventilen und Öfen wird das Gold schließlich in einem chemisch-physikalischen Verfahren vom Gestein gelöst und eingeschmolzen. Dass bei diesem Prozess giftige Stoffe entstehen, die in der Natur nicht leicht zersetzt und abgebaut werden können, dass die entstandenen großen Abraumhalden aus Cyanid durch Wind und Wasser bearbeitet, unkontrolliert in die Umwelt gelangen und ökologische Schäden verursachen können, halten die Nutznießer der Minen eher für Schwarzmalerei. Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing! Und die Aborigines? Die Aborigines machen sich nicht viel aus Gold, genauer gesagt: sie machen sich überhaupt nichts aus Gold! Überall in Westaustralien erheben sich Steinhaufen und Erdplateaus, die von weitem wie Hügel aussehen. Beim Näherkommen zeigt sich dann aber, dass hier schon mal jemand den Boden umgewühlt hat – auf der Suche nach Gold oder anderen Bodenschätzen. Die einzigen, die sich vom Schein des Edelmetalls nicht blenden lassen, sind die Aborigines. Es waren die Europäer, die Ende des 18. Jahrhunderts nach Australien kamen, für die das Edelmetall einen Wert besaß. Die Aborigines haben Gold später nur benutzt, um bei den Weißen für Essen und Alltagsgegenstände zu bezahlen. Sie kannten die Orte, wo das Gold lag und brachten die Goldgräber an diese Orte. Die Ureinwohner sind auch heute noch die großen Verlierer der Goldförderung. Sie wurden vom Ansturm der Goldsucher überrannt und Unterdrückung, Rassismus, Benachteiligung, Zwangsadoption und soziale und kulturelle Entwurzelung waren die Folge nach der Ankunft des weißen Mannes. Heute wird das Leben der Aborigines auch in Westaustralien vom Staat subventioniert. Ihnen, die durch Zwangsmaßnahmen an den Rand der Auslöschung gebracht wurden, denen Land als heilig und daher unantastbar galt, wurde ihr Stillhalten beim Raubbau abgekauft. Die angebotenen Möglichkeiten können klar definiert werden: fresst (das Angebot) oder sterbt. Das Tier in uns!

Natürlich haben sich die Ureinwohner im Rahmen ihrer Möglichkeiten an die neue Situation angepasst. Einigen geht es persönlich dadurch recht gut, manche machen eine gute Ausbildung oder studieren sogar. Aber es ist unmöglich, dass es allen Aborigines so gehen könnte, zumal sie dann erst einmal ihre Instinkte verlieren müssten um die sie umgebende artifizielle Wirklichkeit annehmen zu können. Wer in die dörflichen oder städtischen Gemeinden des Hinterlandes blickt wird schnell erkennen, dass alles schlimmer geworden ist als in vergangenen Jahren. Es gibt in ganz Australien nur wenige Personen, die – wenn es um deren Interessen geht – die sie kompetent oder einflussreich vertreten können. Viel zu wenige Aborigines sind Politiker oder Berater geworden.

Als ich meine ersten Reisen nach Australien machte, waren die Zustände unter den Aborigines schockierend. Sie lebten in extremer Armut, wurden in Ghettos gehalten wie Vieh, es gab Gewalt gegen sie und durch den weit verbreiteten Alkoholismus auch unter ihnen selbst und Drogen aller Art waren zu einem ernsten Problem geworden. Sie hatten riesige soziale Probleme, die daher rührten, dass sie umgesiedelt und vom Rest der Gesellschaft getrennt worden waren. Und das alles zu einer Zeit, als australische Regierungen Milliarden Dollar für deren Unterstützung ausgaben. Aber wie das bei solchen „Hilfsleistungs-Netzwerken“ leider üblich ist, kamen auch dort im Schnitt nur wenige Cent bei den Bedürftigen an. Das wirft ein Schlaglicht auf die blamable Verschwendung aller Gelder innerhalb solcher Förderungssysteme, auf die Versäumnisse, obwohl doch eigentlich Gutes hätte getan werden sollen. Um das Problem an der Basis wenigstens ansatzweise zu verstehen, müssen alle „Nicht-Aborigines“ begreifen, dass wir eine komplett unterschiedliche Vorstellung von der Erde haben! Es gibt eine diametral entgegengesetzte Einstellung dem Land gegenüber, das die einen seit 60.000 Jahren (moderne Forschungen gehen mittlerweile von 100.000 möglichen Jahren aus) bewohnen, die anderen hingegen erst seit gut 200 Jahren nutzen und „benutzen“. Und auch wenn wir uns die Welt schönreden und an unsere Sicht der Dinge anzupassen versuchen, gibt es gar keinen Zweifel, dass die Europäer (und dabei leider viel zu oft die Briten), die in anderen Regionen der Welt ankamen, die simple Vorstellung vom Land mitbrachten, dass es dazu da war erobert und ausgebeutet zu werden. Während das Land für die Aborigines vor allem eines ist: heiliges Land. Es ist für sie wie eine Mutter, die sie gehütet und ernährt hat seit Tausenden von Jahren. Die Ureinwohner haben zeremonielle Stätten, die für sie die Erschaffung der Welt repräsentieren. Es ist fast unmöglich, es anderen zu erklären. Es ist so, als käme der eine vom Mars, der andere von der Venus. Es sind einfach komplett unterschiedliche Vorstellungen von der Erde. Ich habe nie einen ausführlichen Walkabout mit Aborigines gemacht, wurde aber in die Lage versetzt, an ihrer Seite Exkursionen in ihre Welt zu unternehmen. Es ist eine verblüffende – eigentlich überwältigende – Erkenntnis gewesen als ich begriff, wie so ein Aborigine läuft! Simpel geht, sich bewegt! Ihre Füße bewegen sie mit einer derartigen Hochachtung für ihre „Mutter“ (Erde) über die „Schöpfung“ (Traumzeitpfade / Werk ihrer Vorfahren) durch das Gelände, mit einer solchen achtsamen Intelligenz und Verbundenheit, dass es am Ende wohl im Bereich des Unmöglichen liegt, diese Art zu laufen zu beschreiben. Seit der Zeit der Kolonialisierung taten australische Regierungen alles dafür, sich dieses Problems zu entledigen. Der Aboriginal Protection Act von 1869 übertrug dem Staat das Recht, zum Beispiel über Aufenthaltsort und Arbeitserlaubnis der Ureinwohner zu entscheiden. Gemischtrassige Kinder wurden aus indigenen Gemeinschaften entfernt und in kirchlichen Missionen aufgezogen. Familien wurden mit äußerster Brutalität zerrissen. Das Gesetz wurde zwar inzwischen aufgehoben, aber die australische Variante der Apartheid zeigt bis heute fatale Auswirkungen. Was der australische Staat im Moment versucht ist, sich die Ansprüche der Ureinwohner mit Geld vom Leib zu halten und sie so ruhigzustellen. Sie bekommen Geld fürs Nichtstun und erregen damit den Unmut vor allen Dingen der Australier, die aus diversen Ländern Europas erst in den letzten Jahren als Erst-Generation dorthin gegangen sind um sich ein Leben (nach den Vorgaben der mitgebrachten kulturimperialistischen Werte) aufzubauen.

Die Neu-Australier haben Nationalstolz, aber wenig Interesse an den Aborigines

Wie negativ diese Hilfsleistungen bei den Neu-Australiern ankamen wurde uns auch bei der ersten Reise im „Sixpack“, 1988 deutlich. Wir hatten am Tage in einem der Vororte von Adelaide in einem relativ geschmacklosen Restaurant „italienisch“ gegessen und der Besitzer des Etablissements, der erst ein paar Jahre zuvor aus der Region Neapel nach Australien umgesiedelt war, hatte ein sehr intensives Auge auf eine unserer beiden Damen geworfen. So intensiv, dass er uns als Gruppe am Abend zu sich ins Restaurant erneut einlud, um für uns zu kochen. Er machte dabei deutlich, dass es für uns ein großartiges Erlebnis (kulinarisch) werden würde, wenn er am Abend „wie für seine italienische Familie“ für uns kochen würde, denn den Fraß (O-Ton!!), den er uns am Mittag serviert hätte, würde er seiner Familie nicht anbieten dürfen ohne dafür gelyncht zu werden. Es war eine schöne Erfahrung, die sich später bei diversen Reisen durch Italien weiter bestätigte: wenn die Italiener für die „Ihren“ kochen, dann packen sie in Bezug auf die Qualität des Essens nochmal ganz schön eine Schippe drauf! Der Abend wurde lustig und Grappa (kostenlos) sowie Wein (ebenfalls kostenlos) selig. Der italienisch-stämmige Besitzer des Ladens blieb auch noch fröhlich und freundlich, als ihm unsere Gruppen-Dame mit einem Verweis auf seinen Ehering (den er wenigstens offen sichtbar am Finger trug) klarmachte, dass sie für ein Techtel-Mechtel nicht zur Verfügung stehen würde. Der Italiener versuchte zwar noch zu retten, was nach seinen Wünschen noch rettungswürdig erschien indem er vorgab, heute Nacht ganz sicher nicht verheiratet zu sein, aber auch dieser an Aufrichtigkeit nicht mehr zu überbietende Satz brachte die Wendung hin zu seinen Gunsten nicht. Viel von den Aborigines hatten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht gesehen, geschweige denn etwas mit ihnen erlebt. In den Straßen oder Vororten von Sydney & Melbourne waren uns einige wenige aufgefallen – mehr aber auch nicht. Auf die Frage hin, was er, der Besitzer des kleinen Restaurants, denn von den Aborigines halten würde, verfinsterte sich allerdings seine Miene und er war kurz nicht mehr der auf Freiersfüßen wandelnde Mann auf der Suche nach einem blond/blauäugigen One-Night-Stand. Wie oft er in den folgenden Minuten dieses gerade unter italienischen Männern oft verwendete Schimpfwort, welches auch gleichzeitig als Mahnmal für den dortigen Männerwahn herangezogen werden könnte (Cazzo!!) verwendete, kann ich nicht genau sagen, aber er wiederholte es gebetsmühlenartig immer und immer wieder. Dass er dieses „Lumpenvolk“ (Aborigines) am liebsten aus dem Land werfen würde, weil sie nichts täten außer herum zu sitzen und Alkohol zu trinken, dass sie die Siedlungen, die der Staat von seinem Steuergeld für dieses „Drecksvolk“ bauen würde, kaputt gehen lassen würden und es um ihre Siedlungen herum wie in einem Saustall aussehen würde, weil das Pack seinen gesamten Dreck einfach so auf die Erde schmeißen würde. Er kramte – sozusagen um seine Einlassungen mit einem Beweis zu krönen – einen Zeitungsartikel hervor, in dem der Bericht über genau diese „Siedlung“ zu lesen war über deren Verfall er sich kurz zuvor so lautstark echauffiert hatte! Cazzo aber auch! Der Artikel war keinesfalls eine Bestätigung seiner Einlassungen, weil er zumindest kritisch damit umging, dass die Regierung den Aborigines einen Platz zugewiesen und ihnen dort einfach Holzhäuser gebaut hatte, obwohl der Platz für die Ureinwohner keinerlei Bedeutung hatte. Die Aborigine Familien bezogen auch diese Häuser, rissen dann aber Stück für Stück die Seitenwände des Gebäudes heraus, bis nur nach das Dach, gestützt auf die vier Eckpfeiler übrig war. Dort saßen sie dann – wenigstens ansatzweise ihrer eigenen Tradition folgend – auf dem Boden und hatten nur noch das einen Schatten spendende Dach über dem Kopf. Und natürlich gab es auch in Australien nationale Identitätsbewegungen (auch heute noch – warum auch nicht – die Welt darf an allen Plätzen gleich krank sein), die solche Vorkommnisse populistisch auszuschlachten versuchten und danach darauf drängten, dass man die Ureinwohner doch besser in einem Zoo unterbringen sollte, dann würden sie auch keine derart hohen Kosten mehr verursachen. Aborigines ertragen keine Wände! Ein Dach über dem Kopf ist kulturell bedingt noch in Ordnung, auch wenn es sich dabei um ein „Zwangsdach“ handelt. Sie stehen derart intensiv im Austausch und Kontakt mit der sie umgebenden Welt, dass es für sie eine Folter wäre, in einem rundherum geschlossenen Raum eingesperrt zu sein. Arbeiten durften sie damals nicht und den Müll, den sie wie selbstverständlich überall dort wo sie saßen, gingen oder standen, fallenließen so als ob er nicht zu ihnen gehören würde, GEHÖRTE ja auch nicht zu ihnen! Ihre Kultur kannte kein Plastik, keinen Müll! Es war der letzte stumme Protest dieser Menschen, die Tausende von Jahren lang keinen Müll kennengelernt hatten und auch niemals ein Gesellschaftssystem entwickelt hätten – aus Respekt vor ihrer Mutter Erde – welches Müll überhaupt entstehen lässt! Später erst bekam ich aus dem Mund von Larry Tjakamarra die entsprechende Erklärung, welche ich aber im Prinzip schon vor dessen Information verstanden hatte:

„Ihr Europäer habt in eurem grenzenlosen Wahn, dass die Erde euer Eigentum ist, den Müll in unser Land gebracht. Wir können nun nicht mehr leben oder überleben wenn wir nicht eure Lebensart annehmen. Dabei produzieren wir Müll! Es ist schon schlimm genug, dass wir nun Müll produzieren und unsere Mutter beschädigen. Es ist nicht unser Müll – es ist euer verdammter Müll und ihr habt euch auch darum zu kümmern“.

Nun, diese Einlassungen dürften den Besitzer des kleinen italienischen Restaurants nicht erreicht haben? Kulturimperialismus, eben doch die Basis für kulturelle Überheblichkeit, Ignoranz und Rassismus. Fatal! Und deshalb versucht die australische Regierung noch immer, „das Geld für Nichtstun Prinzip“ anzuwenden! Diesen Ausdruck erdachten sich die Aborigines übrigens selbst, als sie in den 1970er Jahren zum ersten Mal Sozialhilfe bekamen. Als diese Mittel eintrafen, sahen die Ältesten, dass diese die Gemeinschaften zerstören würden, da die Mitglieder ihrer Familien zum Leben nicht mehr arbeiten mussten. Und da sich dieses Volk so derart in der Abwärtsspirale befand führte es leider auch dazu, dass sie das Geld für Alkohol und Drogen aller Art ausgaben um das Elend ihres Status zu verdrängen. Überall im Land und bis zum heutigen Tag sieht man das Resultat dieses sozialen Fehlverhaltens. Tatsächlich trifft man im australischen Outback, egal, ob dort Bergbau betrieben wird oder nur Ansiedlungen nach westlichem Ideal entstanden sind, so gut wie nie auf die australischen Ureinwohner. In Kalgoorlie sahen wir gelegentlich einige von ihnen auf Bänken, in Parkanlagen, hinter Supermärkten – und zumeist angetrunken. Dass diese beiden so grundverschiedenen Welten zusammenkommen sollten, ist sicher jedem klar, auch, dass die Aborigines ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen sollten. Aber das ist noch ein weiter Weg, denn die Verführungskünste einer außer Rand und Band geratenen kapitalistischen Welt korrumpieren auch die Generation der jungen Aborigines. Vielleicht muss sich Mutter Erde am Ende selber helfen? Und da standen wir 1992zig mitten in einer dieser gewaltigen Wunden, die der raffgierige Mensch dort geschlagen hatte, bemerkten weder von der einen, noch von der anderen Tragödie etwas und machten staunend unsere Bilder – ja auch vor einem dieser unfassbar großen Reifen an einem der dortigen Lastenkipper. Nur die im letzten Artikel bereits beschriebene dunkelrothaarige Frau aus unserer Gruppe nicht. Sie stand dort mit offenem Mund und weinte. Heute schäme ich mich fast dafür, dass ich nicht früher verstand, warum die Frauen der Aborigines den Kontakt nur zu ihr suchten und zu keiner anderen weiblichen Person aus unserer Gruppe. Man trägt eben einen Teil seiner Seelenlandschaft immer auch auf der Haut. Ich selbst hatte maximal ein nicht genau zu definierendes, mulmiges Gefühl, über das ich mir aber keine tieferen Gedanken machte. Ich war der Organisator und Leiter dieser Exkursion und hatte deshalb mein Augenmerk auf die Gruppe zu richten. Ja, man darf auch dann, wenn man den Anspruch erhebt, über die Zustände dieser Welt zu klagen, einmal ein komplett bornierter Vollidiot gewesen sein, der glaubte, dass schon alles gut so wäre wie es war. Es war niemals gut! Wir haben an diesem Abend übrigens in Kalgoorlie gegessen und die Mitglieder des ehemaligen „Six-Pack“ hatten dabei auch ein kollektives Déjà-vu. Schon bei unserer ersten Reise, als wir die Opalminen von Coober Pedy besuchten und am Abend in einem unterirdischen Restaurant aßen, bewunderten wir das extrem auffällige günstige Verhältnis von Preis und Leistung dort. Die Portionen waren für relativ wenig Geld gigantisch groß und sehr wohlschmeckend. Als wir dort unsere Freude und die damit verbundene Überraschung der Bedienung gegenüber zum Ausdruck brachten, wurde uns lapidar mitgeteilt, dass die „Digger“ (also die, die tagsüber in Schwerstarbeit nach Opalen schürfen und im Nebengleis die dortige Welt verwüsten) eben hungrige Leute seien und dass sie ihm das Lokal zerschlagen würden, wenn dort keine großen Portionen aufgetischt werden würden. Wir nahmen das – als hungrige junge Leute – erfreut zur Kenntnis. Und genau das wiederholte sich abends im Restaurant in Kalgoorlie: gigantische Portionen für wenig Geld und auch noch sehr wohlschmeckend. Die Erklärung aus Coober Pedy kann demzufolge hier nochmals eingefügt werden: dass eben die „Miners“ (also die, die tagsüber in Schwerstarbeit nach Gold schürfen und im Nebengleis die dortige Welt extrem verwüsten) hungrige Leute seien und dass sie ihm das Lokal zerschlagen würden, wenn dort keine großen Portionen aufgetischt werden würden. So fügte sich der Kreis und wir wurden papp satt.

In der Nullarbor-Ebene ist nochmals alles weiter und größer als sonst
Den “Wave Rock” besuchten wir 1992zig ebenfalls

In eine weitere Region, die sich an die endlosen Weiten Westaustraliens in noch größerer Weite anschließt, die sogenannte Nullarbor-Ebene, führte uns die 92er Reise ebenfalls. Eine flache, weit ausgedehnte wüstenähnliche Landschaft direkt an der Großen Australischen Bucht. Mit rund 200.000 Quadratkilometern ist sie das größte Stück Kalkstein der Welt und misst immerhin über 1.200 Kilometer in Ost-West-Richtung. Dort gibt es neben einer Bahnlinie, die mit dem Superlativ aufwarten kann, dass ihre Trasse über 800 Kilometer ohne die kleinste Kurve oder Biegung schnurgerade aus verläuft, auch noch eine fast 1.000 Kilometer lange Straße, die ebenfalls (fast) ohne Kurven von Norseman im Westen auf dem Highway No.1 bis nach Yalata im Bundesstaat South Australia verläuft. Und da wir ja innerhalb der Gruppe die Entscheidung getroffen hatten, unseren jugendlichen Übermut auch in den „Weiten“ des Landes auszutoben, wollten wir diese gigantische Strecke auch mit unseren Autos bewältigen. Wir standen deshalb am nächsten Morgen früh auf und begannen damit, die für diesen Tag geplanten 1.200 Kilometer zu bewältigen. Fazit? Ja, war schon was „Besonderes“ aber im Prinzip auch irgendwie doof, weil man ja kaum optische Veränderungen in der Landschaft hatte und in dieser Einöde auch keine Tiere zu leben schienen und dass das fahren auf dem Dachgepäckträger – wir waren dazu übergegangen, zu dritt oder zu viert auf dem Dach zu sitzen und den Fahrdienst jeweils den beiden Personen zu überlassen, die an diesem Tag dafür zuständig waren – bei langsamer Fahrt im Hinterland ebenfalls viel mehr Input bringt. Wir durchbretterten also die Nullarbor-Ebene mit der maximal erlaubten Höchstgeschwindigkeit mit vier „erwachsenen“ Jeeps und dem kleinen „Küchenjeep“ und als Highlight dieses Tages könnte das Erlebnis mit dem schwergewichtigen Polizisten genannt werden, der uns kurz vor der Einfahrt in eines der wenigen Dörfer an der Strecke (Madura hieß das verschlafene Nest) doch erwischte, wie wir auf den Dachgepäckträgern sitzend angefahren kamen. Er winkte uns an den Straßenrand und wollte erst einmal ein bisschen mit uns plaudern! Fragte, wo wir schon überall waren, was uns gefallen hätte, wo wir hinwollen würden und der übliche Smalltalk. Dann lenkte er das Gespräch auf Personen, die Eindruck auf uns gemacht hatten oder irgendwie in unserem Gedächtnis hängengeblieben waren und immer wenn wir eine Person genannt hatten, gab er seinen Senf dazu und meinte: „Aha, dann war das also der Mann, der dass und dass (Beispiel) gemacht hat?“ Am Ende meinte er, dass er ab jetzt wohl auch zu den Personen gehören würde, die uns in Erinnerung blieben, weil „er der Mann sei, der uns den Strafzettel gegeben hat“. Wow, das nannte ich damals echt gute Polizeiarbeit! Zeit für einen Smalltalk, Interesse an den Fremden, kleines Schauspiel und dann die Strafe! So sollte es immer sein! Er hielt uns keine Vorträge über unser Fehlverhalten sondern sagte nur dass er glaube, dass wir wissen würden, dass das fahren auf dem Dachgepäckträger auch in Australien verboten sei? Dann gab er uns unseren Strafzettel und fügte hinzu, dass der Tourismus in dieser Ecke Australiens sehr wichtig sei und das ja überhaupt kaum je einer hier vorbei kommt. Er würde darauf setzen, dass wir überall bei uns zuhause dafür Werbung machen, dass es sich lohne, mal die Nullarbor-Regionen zu besuchen. Und deshalb würde er uns keine vier Strafzettel geben (stimmte, denn der kleine Küchenjeep hatte keinen Dachgepäckträger) sondern nur einen. Und diesen einen würde der erhalten, der für das Schlamassel verantwortlich wäre. Er hielt den Strafzettel hoch, blickte suchend in die Runde und erkannte aufgrund der mit den Fingern zeigenden Hinweise der anderen, dass er mir das Ticket geben musste. Am nächsten oder übernächsten Tag haben wir den Strafzettel natürlich gerne auf einem Postamt am Wegesrand bezahlt. Waren ja nur 20.- australische Dollar für alle und die Show war wirklich, wirklich gut.

Auf Tasmanien kann man eine Flora finden, die der von Neuseeland sehr ähnlich ist

Einen ganz besonderen Höhepunkt hatten wir uns für das Ende der Reise aufgehoben. Nachdem wir die Metropolen Adelaide, und Melbourne besucht hatten, gaben wir am nationalen Airport von Melbourne unsere liebgewonnenen Jeeps ohne neue Kratzer und Beulen ab, stiegen ins Flugzeug und flogen knapp zwei Stunden lang nach Hobart auf die australische Insel Tasmanien. Dort benötigten wir keine „Jeeps“ mehr, da wir in den verbleibenden fünf Tagen ausschließlich auf normalen Straßen unterwegs sein wollten. Am Flughafen zog deshalb die gesamte Truppe in drei Kleinbusse mit jeweils neun Sitzplätzen um und die Reise ging unter anderen Voraussetzungen weiter. Nicht nur die Zeit auf den Dachgepäckträgern reisend war damit vorbei! Auch die Gruppengröße veränderte sich, denn am Flughafen von Hobart stieß meine damalige Lebensgefährtin zu uns, was die Reise-Gemeinde um eine Person vergrößerte. Meine damalige Lebensgefährtin hätte natürlich auch gleich zum Beginn der Tour, als wir in Darwin die Jeeps übernahmen um die Reise zu beginnen, dabei sein können. Sie war auch sehr naturverbunden und die Erlebnisse hätten sie auch interessiert, aber sie wusste auf welche „Art“ wir reisen würden und fasste den Entschluss, erst dazu zu stoßen, wenn der „wilde Teil“ der Unternehmung beendet wäre. Sie war nämlich Ende des letzten Jahres schwanger geworden und trug unser Kind unter dem Herzen. Die kilometerlangen Wellblechpisten des australischen Hinterlandes wollte sie dem Kind lieber ersparen und deshalb fassten wir den Entschluss, unsere Wiedervereinigung erst auf Tasmanien zu feiern. Sie war schon kurz vor der Gruppe am Flughafen angekommen und wartete dort, in einem weißen Kleid mit einem schon sichtbaren Schwangerschaftsbauch auf uns. Deshalb ist es mir auch möglich, einen komplett unerwarteten, absoluten Reise-Höhepunkt meines Lebens als gemeinsames Erlebnis zu beschreiben! Nachdem wir uns einen Tag lang die Inselhauptstadt zu Gemüte geführt hatten zog es uns am zweiten Tag in die ehemalige Gefängnisstadt Port Arthur. Ursprünglich befand sich an der Stelle von Port Arthur eine Holzfällersiedlung, aber beginnend mit dem Jahr 1833 war es der Ort an den Großbritannien diejenigen Sträflinge mit den höchsten Strafen schickte. Außerdem wurden aufsässige Häftlinge anderer Gefängnisse hierher entsandt. Die gesamte Anlage hatte eine derart erschreckende Aura! Und es war natürlich unserem Selbstverständnis geschuldet, welches sich auf dem Kulturimperialismus aufbaute, den jeder von uns in sich trug – da wir noch nichts wirklich in Frage gestellt hatten – dass uns die Einzelschicksale der Sträflinge sehr bewegten. Dass hier Menschen eingepfercht waren, die in der alten Heimat ein Brot gestohlen hatten und dafür zu sieben Jahren Gefängnis in den zuvor erbeuteten Kolonien des britischen Weltreiches inkl. Schwerstarbeit in den Gruben dort verurteilt worden waren. Wer sich renitent verhielt, wurde noch stärker bestraft und am Ende landete man in diesem menschenunwürdigen Hochsicherheitsgefängnis. Es war schlicht und ergreifend so, dass das „Mutterland“ seine unteren Gesellschaftsschichten loswerden musste und Australien war nun – nachdem die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Selbstständigkeit erkämpft hatten – in den Fokus der herrschenden Klasse in England geraten, weil man das „schmierige Pack“ (O-Ton aus mehreren Schriften) so endlich entfernen könnte. Die bornierten Aristokraten, die sich auf Kosten der Allgemeinheit der Völker dieser Welt, in teilweise unfassbaren Verbrechen gewaltige Vermögenswerte zusammen gerafft hatten, diese parfümierten Perückenträger, die neue Gesetze schufen um ihre Untaten in rechtliche Rahmen zu gießen, die weit weit weg von den realen Bedürfnissen unserer Welt residierten und alle Macht auf sich selbst konzentrierten, befüllten nun den fernen Kontinent mit Menschen, die sie als Schwerverbrecher stigmatisiert, viele Jahre für sich schuften ließen. Ich habe immer gedacht, dass solcherlei Entwicklungen sich zumindest in dieser gewaltvollen Kraft nicht so schnell wiederholen würden, aber wer kritisch schaut wird erkennen, dass auch die Moderne die Züge der damaligen Zeit trägt. Ein Artikel über eine 70jährige Frau aus Russland, die auf dem Markt in schierer Not ein Pfund Fleisch gestohlen hatte und dafür 7 Jahre ins Gefängnis ging, war zum Beispiel ein solches Zeichen, dass dieser von Menschen gemachte Wahnsinn noch immer in unseren Köpfen wurzelt. 7 Jahre Haft für ein Pfund Fleisch, während die oligarchische Führungselite das eigene Volk komplett ausblutet, morden lässt und plündernd durchs Leben streift und trotzdem hofiert wird wie solche Personenkreise alle Zeit zuvor. Das Leben aus der humanistischen Perspektive zu sehen und danach zu handeln, ist für jedes Individuum eine enorme Herausforderung. Ja, wir bemerkten das Unrecht und das Leid, dass den meisten Menschen in Port Arthur widerfuhr, aber wir hatten zeitgleich nicht die Spur einer Vorstellung davon, welches Leid den Ureinwohnern Australiens zugefügt wurde. Dass es 1996 ausgerechnet in Port Arthur zu einem Massaker kam, bei dem 35 Menschen getötet wurden, verwunderte mich im Prinzip nicht. Der Ort hatte eine derart dunkle Aura.

Die Gefängnissiedlung Port Arthur hat eine sehr dunkle Aura
Teil der Gedenktafel für das Massaker von 1996zig

Aber zu schöneren Momenten. Nachdem wir die zweite Nacht auf einem Campingplatz bei Hobart verbracht hatten, packte uns wieder die Sehnsucht nach der Natur. Und meine damalige Lebensgefährtin wollte sich auch aus einem weiteren Grund erst auf Tasmanien mit uns treffen. Ein Jahr zuvor hatten wir eine sehr lange Zeit gemeinsam in Neuseeland verbracht und dieses an Besonderheiten der Natur so unfassbare Land zu lieben gelernt. Australien hat nur eine Region, die es in Bezug auf Wildheit und Schönheit der Natur mit Neuseeland aufnehmen kann und das ist Tasmanien. Bevor wir uns als Gruppe aufmachen würden, wieder in den zivilisierten Teil des Landes zurück zu fahren und damit das gefühlte Ende der Reise einzuleiten, wollten wir es noch einmal direkt am Busen der Natur versuchen. Als Abschiedsdroge sozusagen. Es gibt viele Straßen auf Tasmanien, die irgendwo ins Nirgendwo führen. Der westliche Teil der Insel ist auf einer Fläche, die dem Bundesland Hessen gleichkommt, vollkommen unbesiedelt und wäre auch frei von Menschen, wenn dort nicht die Holzindustrie bedeutend geworden wäre. Eine recht vernünftige Wegstrecke, mit Asphalt versehen und allem Schnick-Schnack der zu einer guten Straße hinzugerechnet werden muss, führte über die B61 von Hobart in die Wildnis nach Strathgordon. Und irgendwo hinter Strathgordon war das Ende der Straße angegeben. Wirklich irgendwo im Nirgendwo. Nun wollten wir gerne herausfinden, wie weit wir noch in das Nirgendwo würden vordringen können und fuhren deshalb auf dem Asphaltband noch einige Kilometer an Strathgordon vorbei. Die Straße begann sich nach oben zu winden, bis wir an eine Stelle kamen, an dem es zwar einen großzügig angelegten Wendeplatz gab, aber keinerlei weitere Straßen. Nichts, nicht mal ein Waldweg für die Forstwirtschaft hätte uns weiterbringen können. Da es bereits dunkelte beschlossen wir, unsere Zelte am Rand dieses Wendeplatzes zu errichten und einfach da zu bleiben wo wir waren. Wir richteten uns für das Nachtlager ein, entzündeten unsere Gaskocher um das Essen zuzubereiten und es muss angemerkt werden, dass wir am Ende dieser ausgiebigen Tour doch zu einer gut funktionierenden Truppe geworden war. Jeder Handgriff saß, jeder wusste, was zu tun war und niemand stand einem anderen im Weg. Später kam dann das obligatorische Bier dazu und Gespräche setzten ein. Der Abendhimmel mit seinen vielen Sternen war an diesem Platz besonders gut zu erkennen, auch wenn erst einmal noch die Lichter der Feuerstelle ein wenig störten. Meine damalige Lebensgefährtin war gerade dabei, sich ins Zelt zu bequemen, als mir etwas zuckend am Horizont auffiel. Ein grünliches Zucken. Als das zuckende Licht zunahm und größer wurde, bat ich darum, die Feuerstelle zu löschen und die schlagartig einsetzende Dunkelheit, in der man sprichwörtlich die Hand nicht mehr vor dem eigenen Auge sehen konnte, selbst dann nicht wenn man die Stirn damit berührte, hüllte alles ein und das Zucken war noch besser zu erkennen. Wir befanden uns zwar recht weit südlich auf unserem Planeten, aber diese Erscheinung am Horizont konnten doch keine Polarlichter, die legendäre Aurora Borealis sein? Die Polarlichtsaison in unseren Breitengraden beschränkt sich bekanntermaßen auf das Winterhalbjahr, weil nördlich des Polarkreises die Sonne wochen- oder monatelang nicht aufgeht. Aber nicht nur die ganz dunklen Monate November bis Januar, sondern auch September, Oktober, Februar und März sind eine gute Zeit um Polarlichter zu beobachten. Und wenn wir uns auf der südlichen Seite der Erde befinden, müssten dann die besten Monate für Polarlichterscheinungen im Mai – Juli sein, wenn dann im Bereich der antarktischen Regionen die Sonne wochen- oder monatelang nicht aufgeht. Warum das aber nicht immer so ist, wissen auch die Experten noch nicht so ganz genau. Mitunter gibt es „Ausreißer“, Polarlichterscheinungen die viel weiter südlich (auf den Norden bezogen) oder nördlich (auf den Süden bezogen) zu sehen sind. Selbst in London sind schon einmal kräftige Polarlichter beobachtet worden.

Die phantastisch schön gelegene Craddle Mountain Lodge – Bild 01
Die phantastisch schön gelegene Craddle Mountain Lodge – Bild 02
Wombats durchstreifen die Landschaft
Kängurus und Wallabys ebenfalls
Schnabeligel sind zu sehen
Major Mitchell Kakadus auch
Diverse große Sittich-Arten
Die Fuchskusus (Possums) kommen bis in die Zimmer
Nur die Beutelteufel wird man nur in den Parks antreffen?

Plötzlich waren alle still. Das gigantische grünliche Zucken am Himmel dehnte sich immer weiter aus. Ab uns zu gab es Blitze aus Licht, die bis zu uns und in den Himmel hinter uns vordrangen. Aber im Gegensatz zu Gewitter-Blitzen, die auch sofort wieder vergehen, blieben diese grünlichen Formationen fast dort stehen, wo sie hingeblitzt hatten. Manche davon sahen wirklich aus wie Vorhänge und deshalb verfestigte sich bei uns die Meinung, dass es sich dabei um ein Polarlicht, in unserem Fall ein Südlicht handeln würde. Nach etwa 10 Minuten war das komplette Firmament in grünliches Licht getaucht. Die Lichter standen vor, über und hinter uns. Manches Licht, das wie ein Vorhang wirkte, bewegte sich leicht, aber auf keinen Fall so, wie ich es in diversen Filmen zum Polarlicht des Nordens bereits gesehen hatte. Andere Bereiche dieses Lichtes standen still und bewegten sich nicht. In unterschiedlicher Intensität wurde uns klar, dass wir hier etwas Besonderes, möglicherweise Einzigartiges erleben würden. Ich habe heute kaum noch Kontakt zu den Mitgliedern der damaligen Reise-Gruppe, aber für meinen Fall kann ich sagen, dass ich nie mehr in meinem Leben ein Polarlicht gesehen habe. Weder auf der Nord- noch auf der Südhalbkugel unserer Welt. Wir schauten und staunten mindestens noch eine Stunde auf das Spektakel aus Licht, das einfach nicht vergehen wollte. Ach wie erfreulich ist es, dass auch der sich kulturell so überlegen fühlende Europäer die Natur mittlerweile nicht mehr nur als Objekt wissenschaftlicher Betrachtung sieht. Hätte mir meine Gesellschaft, in der auch ich meine Plätze finden musste, nicht den Eindruck vermittelt, dass die Natur auch als beseelt verstanden werden „kann“ – muss aber nicht, sonst würden wir sie nicht fortgesetzt barbarisch vergewaltigen – hätte ich wohl keine Naturbegeisterung entwickeln können die am Ende dazu führte, dass ich die wilde Natur der kultivierten Natur gegenüber bevorzugte.

Dingos werden im Outback recht häufig gesehen
Diese Bienenfreser-Arten ebenfalls

Dass Naturerkenntnis auch gleichzeitig Selbsterkenntnis sein kann, musste ich aber selbst herausfinden. Der moderne Mensch hat ja inzwischen gewisse Abgrenzungstendenzen gegen die in den Naturwissenschaften zunehmende Abstrahierung von der sinnlichen Erfahrung einzelner Naturphänomene entwickelt, aber bis es zu einer innigen Verbindung zwischen Mensch und Natur kommt, wird wohl noch viel verlangt werden müssen? Die Natur spricht zu uns. Wir müssen nur wieder lernen, ihre Sprache zu sprechen oder zu verstehen. Für die Natur ist es leichter, den Menschen ihre eigene Innerlichkeit aufzuzeigen, die sich ihr wesensverwandt fühlen. Sehnsucht nach Harmonie zwischen Mensch und Natur ist nicht allen Menschen gegeben. Auch wir waren sehr unterschiedliche Personen als wir in diesem Moment das Zusammenkommen von Makrokosmos und Mikrokosmos spüren konnten! Unsere zweckrationale und zerrissene Gesellschaft, wie heilsam ist da eine kurze Flucht in die Einsamkeit der Natur. Schrittchen für Schrittchen. Es hat sich doch schon viel getan! Welche Motive haben denn heute Menschen, die Wandern gehen? Welche Motive hatten sie vor 200 oder 300 Jahren? Na also! Naturbegeisterung hat sich in unserer modernen Gesellschaft bereits entwickelt. Wem die Chance dazu gegeben wird, die Natur zu erleben, dem wird sie auch nie mehr gleichgültig sein. Das Polarlicht auf Tasmanien, im späten März 1992, viel weiter nördlich als je gedacht. Kann man so etwas vergessen? Ja und deshalb hebe ich auch nicht den Finger mahnend, weil mein Leben mich mitunter derart heftig durch unsere zweckrationale und zerrissene Gesellschaft geprügelt hat, dass mir die Erinnerung daran für eine Weile entglitt. Ich würde mich also nicht darüber wundern wenn 50% der Personen, die damals als Mitbeobachter dieses Wunders an meiner Seite standen, bereits wieder vergessen haben dass ihnen die uns umgebende Welt dort einen unerwarteten Höhepunkt ihres kleinen und kurzen Lebens gegönnt hat.

Die Kinder

Warum werben Kinderhilswerke nie mit kleinen Aborigines? Gefallen sie vielleicht nicht?

Wie kläglich unsere Chancen zur Wahrnehmung einer übergeordneten Realität sind, bemerken wir – so wir dazu in der Lage und Willens sind – schon bei der Betrachtung der Grundhaltung der Erwachsenen den Kindern gegenüber! In unseren Breiten gibt es zum Beispiel Kinderrechtskonvention die darauf verweisen, dass alle Kinder das Recht auf Bildung auf Grundlage von Chancengleichheit erhalten sollen. Und wenn diese Basis nicht vorhanden ist, spricht man von einem unfairen Start ins Leben. Selbst Kinderhilfswerke wie die UNICEF arbeiten gerne mit Ranglisten und versuchen die Bildungsungleichheiten für Kinder Industrieländern darzustellen. Deutschland wird dabei großes Optimierungspotenzial beurkundet, weil es nur im unteren Mittelfeld der Rangliste liegt. Rangliste? Rangelei! Wenn man in unseren Breiten von frühkindlicher Förderung für jedes Kind spricht meint man damit ausschließlich die Bildungschancen von Kindern und ob durch deren Schlechter-Stellung bereits ihre Ausgangspositionen negativ beeinflusst werden. Es wird orakelt, dass theoretisch ein höheres Bildungsniveau und auch mehr Chancengleichheit möglich seien. Und solange wir uns noch in unseren festgefahrenen Denkmustern des Leistungs- und Wohlstandprinzips verfangen halten müssen benachteiligte Kinder natürlich auch besser gefördert werden. Es werden sogar schon für das Kindergartenalter Ungleichheiten beim Zugang der Mädchen und Jungen zu frühkindlicher Förderung untersucht und im Grundschulalter werden Ungleichheiten bei der Lesekompetenz dokumentiert. Die Lesekompetenz am Ende der Pflichtschulzeit ist natürlich ein Schlüsselfaktor, weil sie eine entscheidende Rolle für den zukünftigen Lebensweg spielt. Und der zukünftige Lebensweg in unseren Denk-Dekaden kann nur bedeuten, dass das Kind die besten Möglichkeiten erhält um sich den Platz am weitesten Oben auf der Rangliste der Gesellschaft zu erobern. Die ewige Rangelei um die Rangliste. Im Prinzip haben wir in unseren Gesellschaftssystem auch die Verantwortung für die kommenden Generationen immer weiter theoretisiert und abstrahiert und damit von den wirklichen Bedürfnissen einer weltweiten Wertegemeinschaft entfernt. Ich habe in Australien sehr viel mit Kindern zu tun bekommen. Ich habe es nicht darauf angelegt, auch um sie nicht als „Schlüssel“ zu missbrauchen. Aber immer wenn es in einem Camp, oder Dorf oder auch nur im Schatten der Bäume in den Parks der großen Städte irgendwo Kinder gab, waren sie an mir „dran“. Wenn denn schon alle Kinder der abendländisch europäischen Welt das Recht auf Bildung auf Grundlage von Chancengleichheit erhalten sollen, warum sollen sie dann nicht das Recht erhalten, den gesamten Überbau unserer Gesellschaften zu hinterfragen? Wer hilft ihnen, sich dagegen zu wehren, schon von Anfang an auf die Bedürfnisse der sie umgebenden Gesellschaft hin gedrillt zu werden? Was wenn der Kanon der Werte, die wir ihnen überstülpen gar keine Werte enthält? Das Thema Kinder & Australien ist für mich aber nicht nur wegen der unterschiedlichen Kindheiten, mit denen Kinder durch ihre Leben gehen interessant, sondern auch weil zwei meiner Kinder – die beiden Töchter – auf die eine oder andere Art eng mit Australien verwoben sind.

Der Stuart Highway ist durchgehend asphaltiert
Und auch so kann ein Pub in Australien aussehen!

Als wir Ende März 1992 die Gruppe am Flughafen von Sydney verabschiedeten, blieb neben meiner damaligen Lebensgefährtin auch noch mein damaliger Geschäftspartner an meiner Seite. Ich hatte ihn bei der Gründung meines Unternehmens mit ins Boot geholt, weil ich dachte, dass sich eine solche riskante Unternehmung besser auf vier Schultern gelagert, stemmen lassen würde. Doch schon in der ersten Woche kapitulierte der Partner und flog in sein ihm bekanntes und vertrautes Leben nach Deutschland zurück. Fortan waren wir nur noch zu Zweit unterwegs und hatten so auch die Chance, tiefer in das einzutauchen, was uns das Land, seine Tiere und Menschen noch so bescheren würden. Meine damalige Lebensgefährtin war nicht von Deutschland aus direkt nach Hobart auf Tasmanien geflogen, sondern hatte einen Zwischenstopp in Nordaustralien eingelegt. Auch mit einem Schwangerschaftsbauch – auch wenn er noch klein war – war es ja möglich, dort zu reisen und sich die Wunder des tropischen Nordens anzuschauen. Wichtig war, dass man das Reisetempo selbst vorgeben konnte um keine Gefahren für den noch im Bauch befindlichen Nachwuchs aufkommen zu lassen. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu verstehen, dass ich nie ein typischer Mann in meiner patriarchalisch geprägten Gesellschaft war. Ich hatte auch niemals den sogenannten Gebärneid. Es ist im Allgemeinen ein Problem für das Miteinander der Menschen, dass Männer schon seit dem Anbeginn des Werdens der Kulturen versucht haben, die Gebärfähigkeit der Frau zu tabuisieren oder zu dominieren. Das alles spricht für die Annahme, dass der männliche Geist schon immer von der Macht des Gedankens gequält wurde, für das Leben überhaupt abhängig zu sein von einer Frau. Und dieser Satz führt uns nun wieder zu den Abermillionen Paralleluniversen, die in den Herzen und Hirnen der Menschen vagabundieren. Es kommt wohl auf die Prägung an? Wie es im Moment aussieht bekommen die Vereinigten Staaten von Amerika wohl doch einen neuen Präsidenten? Der alte, der den Macho-Kult des Mannes breit grinsend propagierte, fand viel Zustimmung unter den „harten Kerlen“. Selbst in Bundesstaaten, in denen die hispanisch-stämmige Minderheit unter der Politik der Weißen leidet, waren die Zustimmungswerte für den „Ober-Macho“ so groß, dass er zum Beispiel den Bundesstaat Florida gewinnen konnte. Die dortigen Latino-Macho-Männer, als Wähler registriert und zugelassen, haben ihn trotz der ungerechten Politik ihrer Gruppe gegenüber gewählt. Sie wollen dass sich in ihrem Macho-Kosmos nichts verändert! Für mich war seit ich denken kann absolut klar, dass alles auf der Welt, alles was für die Wesen auf dem Planeten nötig ist, alles was für das Leben überhaupt nötig ist, abhängig zu sein von einer Frau bedeutet. Es gibt unter den australischen Ureinwohnern absolut nichts, dass auf eine ungerechte Art des Verständnisses der Rollenverteilung unter den Geschlechtern hinweisen würde. Bei anderen Naturvölkern, die den Weg der „Herrschaft des Mannes“ eingeschlagen haben aber schon! In Guinea gibt es indigene Volksstämme bei denen die Schwangere bis kurz vor ihrer Niederkunft auf dem Feld arbeitet. Wenn die Wehen einsetzen, zieht sie sich mit einigen Frauen zurück und gebiert ihr Kind. Während sie dann aber dazu verpflichtet ist, schon wenige Stunden nach der Entbindung wieder zu arbeiten, ruht der Vater mit dem Kind in einer Hängematte, rührt keine Waffen an und lässt sich von den Frauen seines Stammes versorgen. Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob unsere Vorfahren, die Primaten, diese allein auf die Bedürfnisse des körperlich überlegenen und damit stärkeren Männchens zugeschnittenen Verhaltensweisen in sich trugen oder ob es durch die Entwicklung von Kulturen – gleich welcher Art – dazu kam, dass „Männchen“ erlernen mussten das emotionale Vakuum auszufüllen, das durch die Unfähigkeit, Kinder zu gebären, entstand. Nur bei tief verwurzelten, uralten Kulturen besteht eine Chance, dass keine rituellen Handlungen anzutreffen sind, die den Frauen aufzeigen sollen, dass sie minderwertig sind. Überall in den schlichten Kulturen gibt es Initiationsriten. Auf einer indonesischen Insel lebt ein indigener Stamm, bei dem die geschlechtsreif gewordenen Jungen der Gruppe vorgeblich getötet werden und erst nach Tagen den trauernden Müttern und Schwestern von ihren männlichen Rettern erneut und lebend übergeben werden. Dabei muss nun der geschlechtsreif gewordene junge Mann den Akt des Gebärens imitieren! Er verhält sich als Wiedergeborener nun so wie ein frisch geborener Säugling. Er stolpert umher, tut so als könne er nicht selbständig essen und ist – wie einst als Neugeborener auf die Mutter – nun als Wiedergeborener auf die Hilfe seines männlichen Retters angewiesen. Ich war immer gerne in Ägypten, auch wegen der dortigen Götter, die sie sich schufen: männliche Götter, die beides in sich vereinten, die Fähigkeit zu zeugen und auch zu gebären. Der weibliche gebärende Schoß wurde mit der Vergöttlichung der Zeugungsfähigkeit des Mannes schließlich gar zum Sitz der Sünde schlechthin erklärt. Und dieses Verlangen, die Frau zu entmündigen und zu kontrollieren, ist auch darin zu sehen dass auch in den modernen Kulturen Männer auf religiösem und politischen Parkett darüber bestimmen, ob eine Frau ein Kind abtreiben darf oder nicht! Über die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen in Indien habe ich mich in fünf früheren Artikeln stark echauffiert. Auch dort ist es bei einigen Stämmen üblich, die Frau, die geboren hat, für unrein zu erklären! Sie muss sich strengen Waschriten unterziehen und sich für einen bestimmten Zeitraum von der Familie fernhalten. Dieser Brauch hat nicht nur hygienische und gesundheitliche Gründe, er ist auch als Strafe gedacht. Die Tabu-Zeit verkürzt sich nämlich um die Hälfte, wenn statt einer unwerten Tochter der erwünschte männliche Stammhalter geboren wird. Der absurde, heimliche und durch die Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit entstandene Wunsch, nicht nur an der Zeugung, sondern auch an der Schwangerschaft und Geburt beteiligt zu sein, hat die Mediziner des späten Mittelalters in unseren Breiten dazu gebracht, in ihren anatomischen Darstellungen der weiblichen Geschlechtsteile die Gebärmutter in der Form eines Phallus abzubilden. Sie konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass die Frau bei der Reproduktion ihrer Nachkommen ohne diesen männlichen Körperteil auskommt. Und bei den Aborigines habe ich diesbezüglich nur eine reine und tiefe Ruhe kennengelernt. Vielleicht habe ich mich deshalb dort so wohl gefühlt? Jeder hat nur seine Erfahrungswerte die er (oder sie) in die persönliche Erkenntnis einbringen kann. Meine persönliche Prägung – für die ich speziell meinem Vater unendlich dankbar bin – war so, dass der Vater der Mutter nicht nur prinzipiell Gleichberechtigung gestattete, sondern darüber hinaus auch dann ihren Anspruch, die Familie zu führen, akzeptierte, wenn sie dies in die Hände genommen hatte. Unvorstellbar für die Machos in unseren Gesellschaften: er überließ meiner Mutter auch die gesamte Finanzhoheit und auch in den Zeiten, in denen er der Alleinverdiener war, gab er die Hoheit über die Finanzen an seine Frau ab und bat freundlich um etwas „Geld“, wenn er für sich selbst mal etwas anzuschaffen gedachte. Und selbst diese „Anschaffungen“ wurden zwischen den beiden noch besprochen, bis aus dem Geldtopf der Familie etwas in seine Hände zurückfloss.

Hier in Hermannsburg befand sich eine Umerziehungs-Station, die die Aborigines zum “rechten Glauben” führen sollte.
Und so wurden ihre Seelen vergewaltigt.

Da ich meine Sicht auf die Dinge hatte, vertraute ich der damaligen Lebensgefährtin auch absolut, dass sie wissen würde, was sie dort oben im Norden Australiens tat, als wir als Gruppe noch auf dem Weg nach Tasmanien waren. Nachdem wir nun allein zu Zweit unterwegs waren, erklärte sie mir, dass sie bei dem Besuch der Katherine Gorges (heute heißt das Gebiet Nitmiluk National Park um die Rechte der Aborigines zu stärken) auf dem dortigen Campingplatz zum ersten Mal die Bewegung des Kindes in ihrem Bauch gespürt hätte. Wir hatten im Vorfeld viel Literatur über die Aborigines gewälzt und auch die Bedeutung des Totemismus für ihre Kultur verstanden. Wie konkret aber eine Aborigine-Frau, die ein Kind in sich trägt, sich verinnerlicht und erst eins wird mit ihrer inneren Welt um genau in dem Moment, in dem das Kind in ihrem Bauch zum ersten Mal bewegt, zu erwachen und die Umwelt zu sondieren, stand in keinem Buch. Wir wussten zumindest auch im April 1992 schon, dass die ersten Bewegungen des Kindes im Bauch einer Frau wichtig für sein gesamtes weiteres Leben sind. Wir beschlossen – so sich die Gelegenheit ergeben sollte – bei den Ureinwohnern nachzufragen, welches „Totem“ denn auf diesem Campingplatz in den (damals noch so genannten) Katherine Gorges gewirkt habe, damit wir unserem für Anfang August erwarteten Kind später würden sagen können, welches Totem für „es“ Gültigkeit habe. Wir wussten nicht, welches Geschlecht unser Kind haben würde und ich stand voll hinter der Entscheidung meiner damaligen Partnerin, dass wir das nicht wissen wollen würden, weil uns beiden die Sehnsucht nach einem stolzen Stammhalter vollkommen am Allerwertesten vorbei ging. Es würde eben kommen, was eben kommen würde! Punkt! Da wir vorhatten, möglichst viel von der Kultur der Aborigines zu verstehen, planten wir den weiteren Verlauf der Tour natürlich so, dass wir ohne die Schwangerschaft zu gefährden, möglichst auf normalen Straßen durch die Gebiete fahren würden, in denen wir auf Begegnungen mit Ureinwohnern hoffen konnten. Natürlich sollte die damalige Lebensgefährtin auch die Plätze kennenlernen, die zu den sogenannten „Must have seen“ Zielen gehörten, wie zum Beispiel die weltweit bekannten Felsformationen des roten Zentrums. Dass wir aber auf Schotterstraßen oder Wellblechpisten dort fahren würden, war absolut ausgeschlossen. Wer schon einmal auf einer Wellblechpiste gefahren ist weiß, welche Rüttel-Bewegungen und Stöße es von unten dabei gibt. Diese Kräfte wären dem Verlauf einer Schwangerschaft nicht zuträglich gewesen! Das war auch der Grund, warum wir gegen Ende der Tour, als der „Bauch“ schon deutlich gewachsen war, auf die Fortsetzung unseres Versuchs, das „Cape York“, den abgelegenen Kopf der gleichnamigen Halbinsel im tropischen Norden des Bundesstaates Queensland zu erreichen, aufgaben. Die Straße war für eine Schwangere einfach zu schlecht. Gleich zu Anfang der Tour verzichteten wir deshalb darauf, verlockende Seitenstraßen zu befahren, wenn sie nicht mit einem Überzug aus Asphalt versehen waren. Unsere ersten Kontakte zu den Ureinwohnern hatten wir dann in Hermannsburg, in der Nähe des heiligen roten Zentrums im Northern Territory. Dort, in Hermannsburg, erfuhren wir auch etwas über Albert Namatjira, der heute als der berühmteste australische Aborigine-Künstler des 20. Jahrhunderts gehandelt wird. Wir hofften darauf, dass uns in dem Städtchen, das anfangs eine lutherische Mission war, die 1877 von norddeutschen Pastoren gegründet wurde und sich im Gegensatz zu anderen „Umerziehungs-Haftanstalten“ gleicher Art, in ein interkulturelles Dorf weiterentwickelte, das sowohl europäische als auch Aborigine-Kulturen willkommen hieß, Einheimische begegnen würden, mit denen wir uns hätten austauschen können. Dieser Albert Namatjira lebte natürlich lange vor unserer Zeit, er wurde 1902 in Hermannsburg geboren. Obwohl er getauft worden war, hielt er an seinen spirituellen Ureinwohner-Überzeugungen fest und ging mit seinen Verwandten im Outback oft auf Walkabouts, die manchmal mehrere Wochen dauerten. Er gehörte zum Stamm der Arrernte, von denen wir nur einige Vertreter in Hermannsburg trafen. Aber auch der Maler Namatjira wurde nur bekannt, weil er die Erwartungshaltung der westlichen Welt bediente. Er malte schon sehr früh Aquarelle und diese Bilder verwirrten und überwältigten die australische Kunstwelt. Die sich mit der Kunst der Ureinwohner beschäftigenden Menschen konnten nicht verstehen, warum ein Aborigine-Künstler in einem derart europäischen Stil malte, anstatt die traditionelle Punktmaltechnik zu verwenden. Und da er sich in seinem künstlerischen Ausdruck so „regelkonform“ – für westliche Begriffe – verhielt, waren er und seine Frau im Jahr 1957 die ersten Ureinwohner Australiens, denen volle Bürgerrechte zugesprochen wurden. 1957! Solche Rechte bekamen die anderen Aborigine-Bürger und ihre Kinder erst zehn Jahre später. Alberts Leben fand jedoch ein genauso tragisches Ende wie das vieler anderer Ureinwohner. Er hatte mit Herzproblemen und übermäßigem Alkoholkonsum zu kämpfen da er sich der Vergewaltigung des Seele seines Volkes immer bewusst blieb. Nur ein Jahr, nachdem ihm seine vollen Bürgerrechte zugesprochen wurden, wurde er verhaftet und zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt, weil er einem Stammesbruder Alkohol gab. Namatjira war es durch den Erhalt der Bürgerrechte nämlich nun gestattet, Alkohol zu erwerben, allen anderen Aborigines des Landes dagegen nicht! Deshalb war der Akt der Weitergabe von Alkohol an Mitglieder seiner Familie nach australischem Recht zu jener Zeit illegal. Er kam ins Gefängnis, verlor seine Leidenschaft fürs Malen und verfiel in eine tiefe Depression. Er starb kurze Zeit später. Wie viele begabte Menschen gehen jedes Jahr auf der Welt verloren, weil systemische Gesetze und Beschränkungen sich wie eine Würgefeige um die Bedürfnisse und Rechte der Individuen ranken und sie nach und nach zum absterben bringen? Die Geschichte dieser Welt ist voll davon.

Ursprünglicher Malstil der Ureinwohner und…….
….viel erfolgreicherer Malstil von Albert Namatjira

Doch zurück nach Hermannsburg im Jahr 1992. Nachdem wir uns eine Ausstellung über die Gräuel der zumeist evangelischen Versuche, die Ureinwohner Australiens in religiösen Zentren zu sammeln, zu entwurzeln, zu entrechten angeschaut hatten und den Infostand gründlich nach Material abgesucht hatten wollten wir es wagen: einfach auf die Straße gehen und schauen, ob wir Kontakt zu den Einheimischen bekommen. Und da waren sie, die reinen Seelen: die Kinder! In ihr Spiel vertieft bemerkten sie uns erst nicht, aber nachdem wir uns auf einem Bordstein niedergelassen und ihr Treiben eine Weile beobachtet hatten, wurde einer der Jungs auf uns aufmerksam. So an die 10 Jahre alt wird er wohl gewesen sein? Auf jeden Fall war er eines der größeren spielenden Kinder. Sie hatten Äste in ihren Händen, eines der Mädchen auch eine Puppe nach europäischem Muster. Ich hatte einfach mein immer am Verhalten von Kindern interessiertes Gesicht aufgesetzt und der Junge kam langsam näher. Immer wieder drehte er sich mal zu seinen Spielgefährten um, setzte aber Schrittchen für Schrittchen seinen Weg über die staubige Straße in unsere Richtung fort. Er hatte etwas erspäht, dass sein Interesse geweckt hatte: die große Mittelformatkamera, die ich neben mich auf den Bordstein gelegt hatte. Mit einem typischen „ich hätte da mal eine Frage Kindergesicht“ stand er irgendwann vor mir und äugte immer zwischen mir und der Kamera hin und her. Ab und zu schaute er auch in das freundlich lächelnde Gesicht meiner damaligen Lebensgefährtin, aber eben auch immer wieder auf die Kamera. Ich sprach ihn an und hoffte, dass er des englischen mächtig war, denn beim Spiel hatte er sich nur in der Sprache der Ureinwohner mit den anderen Kindern unterhalten. Er sprach unsere Sprache, zum Glück für den weiteren Verlauf aller Dinge in diesem Land und in meinem Leben. Er wollte wissen, ob das eine Kamera wäre und schob – so als ob er es im Prinzip wissen würde, dass es eine Kamera war – die Frage nach, warum sie denn derart groß sei! Ich dachte mir, dass ich mir Erklärungen über den Unterschied zwischen einer normalen Kamera und einer Mittelformatkamera würde sparen können und entschied mich stattdessen dafür zu sagen, dass ich im Leben immer genau hinschauen würde und dass man mit einer so großen Kamera viel besser und mehr würde sehen können als mit einer normalen Kamera. Er stand nun ganz dicht an mir dran und berührte mit seinem Körper bereits meine Knie. Ich zog ihn einfach in meinen Schoß, was er duldete, und erzählte ihm eine ziemlich aktuelle Geschichte, die sich zusammen mit der Gruppe, die wir kurz zuvor am Flughafen von Sydney verabschiedet hatten, zugetragen hatte. Mit dieser Gruppe waren wir ja auch im Kakadu Nationalpark, im tropischen Teil Australiens. An zwei Tagen zuvor, bevor wir unseren Campingplatz dort ansteuerten, hatte es ziemlich heftig geregnet und jeder, der schon einmal in Nord-Australien war wird wissen, dass es dort ganzjährig an einigen Stellen der Fall ist, dass man mit seinem Fahrzeug durch Flüsse fahren muss um die Straße auf der anderen Seite zu erreichen. Als wir dann zu diesem Fluss kamen, von dem wir wussten, dass er kommen würde und den wir in der „Six-Pack“ Gruppe schon einmal bei normalem Wasserstand überquert hatten, ankamen, war sehr viel mehr Wasser im Fluss als angenommen! Es würde ein Wagnis werden, mit den Jeeps dort hindurch zu fahren. Vielleicht würde es mit den vier großen Jeeps funktionieren, aber der kleine „Küchen-Jeep“ machte uns Sorgen. Da ich mich für die Gruppe verantwortlich fühlte schlug ich vor, dass ich zu Fuß und nur mit einer Badehose bekleidet, den Fluss durchwaten würde um die richtige Furt zu finden und dann – sozusagen als Bonus für den Photographen in mir – auf der anderen Seite die Fahrzeuge ablichten würde, während sie diese gefährlich erscheinende Durchquerung des Flusses machen würden. Ein bisschen Aktion durfte ja durchaus in der für später geplanten Präsentation enthalten sein! Ein Weile standen wir dort am Ufer und hofften darauf, dass vielleicht gleich ein Einheimischer mit seinem Jeep um die Ecke kommen würde und uns durch seine Kenntnis den richtigen Weg durch den Fluss weisen würde! Aber es kam keiner vorbei. Also tat ich wie angekündigt, entledigte mich meiner Kleidung und behielt zum Zwecke der Wahrung der Etikette, meine Badehose an, schnappte mir die Kamera und machte mich tastend auf den Weg durch den an dieser Stelle etwa 20 Meter breiten Fluss.

Einer der großen Krokodilflüsse Nord-Australiens
Fragwürdiges Vergnügen aber auf jeden Fall eindrucksvoll
Bis zu 5 Meter lange Exemplare haben wir beobachten können

Schon bevor ich mich in die Fluten wagte, hatte eines der männlichen Mitglieder unseres Reise-Trosses die anderen mit vorgehaltener Hand und flüsternd zu einer Schandtat überredet, die mich kurze Zeit später beinahe über einen kurzfristigen Schnappatmungsanfall zu einem Herzinfarkt geführt hätte! Wir waren 1992zig ja im Prinzip alle noch recht jung und Spaß musste wohl einfach hin und wieder mal sein? Die am Ufer zurückgebliebene Gruppe sprach sich heimlich – während ich mich in voller Konzentration auf die Durchquerung des Flusses vorbereitete – ab, gemeinsam einen Warnruf abzugeben, wenn ich mich genau in der Mitte des Flusses befinden würde. Jedem von uns war bekannt, dass in den Flüssen Nord-Australiens die bis zu sieben Meter langen Leistenkrokodile – auch Salzwasserkrokodile genannt – lebten. Diese Krokodile hatten wir bei einer Beobachtungsfahrt auf dem South Alligator River kurz zuvor auch sehen und nach Futter aus dem Wasser springen bewundern können. Wer zwischen diesen Kiefern landete, war definitiv verloren. Und es gibt diese Krokodile in allen Flüssen Nordaustraliens, teilweise bis zu 250 Kilometer von der Mündung ins Meer entfernt. Bei meiner Pirsch durch das Wasser auf der Suche nach der Furt musste ich natürlich auch ein Auge auf diese Krokodile haben, war mir aber im Prinzip sicher, dass es sie hier nicht geben würde. Und als ich mitten im Fluss stand, die Kamera am Griff in meiner rechten Hand führend, gab der Aufrührer aus der Gruppe das Zeichen und alle miteinander schrien mit gespieltem Entsetzen: „Achtung, ein Krokodil“! Es klang glaubhaft und ich stand fast bis zum Bauchnabel wie ein Appetithappen genau in der Mitte des Flusses! Doch was geschah im dem Moment unmittelbar nach den Warnruf? Es hatte „Wetten“ gegeben in der Gruppe, wie ich reagieren würde, wenn man mich derart zum Narren hält! Einige meinten gar ich würde schreien und um Hilfe rufen, andere wiederum glaubten, ich würde wie ein Hürdenläufer aus dem Wasser springen. Aber die, die am Ende Recht behielten wetteten darauf, dass ich still – mich umblickend – stehen bleiben würde uns dass meine erste Reaktion die sein würde, dass ich meine Kamera nach oben reißen werde. So nach dem Motto: friss mich, liebes Krokodil, nicht aber meine Kamera. Das schallende Gelächter dieser infamen Idioten klingt mir noch heute in den Ohren, auch der laute Ruf des „Aufrührers“, dass jetzt alle sehen könnten, dass ich nicht ganz dicht sei! „Der rettet seine Kamera, aber nicht sich selbst der Idiot“ (O-Ton Ende). Ich lebte und lebe gerne und kann auch bis heute nicht erklären, warum ich mich so verhielt. Fakt aber ist: ich tat es! Diesen Fluss hatten wir auf dem Weg zu einem abgelegenen Campingplatz also auf dem Plan. Aber den nächsten, der nicht einmal als Fluss in Erscheinung trat wenn dort oben die trockene Jahreszeit war, hatten wir nicht eingeplant. Durch die Verzögerung am letzten Fluss war es mittlerweile dunkel geworden. Der Campingplatz nur noch 10 Kilometer entfernt und jetzt dieser etwas schmalere (nur etwa 10 Meter breit) Fluss im Weg. Ich glaubte mich zu erinnern, dass hier die Furt keinesfalls tiefer unter der Oberfläche des Wassers liegen konnte als beim letzten Manöver. Also beschloss ich, erneut durch den Fluss zu waten um die Furt zu suchen. Da es dunkel geworden war musste ich meine Kamera garnicht erst mitnehmen, da ich ohnehin keine Bilder machen konnte. Schon im ersten Drittel des Testlaufs wurde klar, das das Wasser höchstens 30 Zentimeter über der Straße stehen würde. Ich kehrte um, setzte mich als Verantwortlicher wieder an das Steuer des ersten Jeeps und fuhr los. Den anderen hatten ich als Sicherheitsvorkehrung vorgeschlagen, dass ich mit dem ersten Jeep nur etwa 30 Meter auf der anderen Seite weiterfahre und dann würden wir alle warten, bis auch der letzte Jeep, der Küchenwagen, durchgekommen wäre um die letzten Kilometer bis zum Campingplatz gemeinsam zu fahren. Also die Fernscheinwerfer angemacht und durch, durch das nicht so gefährliche Flüsschen. Wie angekündigt fuhr ich den Wagen auf der anderen Seite 30 Meter weiter auf der Straße in die Dunkelheit hinein. Ich stoppte und wollte gerade aussteigen als ich im Fernlicht die Umrisse eines etwa drei Meter langen Krokodils erkennen konnte. Ich schloss sofort wieder die Tür und brüllte dem Fahrer des zweiten Jeep, der mittlerweile ebenfalls hinter mir angekommen war und angehalten hatte zu, dass alle in den Autos bleiben sollten, weil es hier Krokodile auf der Straße vor uns gäbe! Und „Krokodile“ war korrekt, denn meine Beifahrerin hatte im Licht der Fernscheinwerfer ein weiteres ebenso großes Exemplar neben der Straße entdeckt. Die Straße stand nämlich auch hier noch wenige Zentimeter unter Wasser und die beiden Krokodile schienen sich pudelwohl zu fühlen? Der Fahrer des zweiten Wagens dachte wohl, dass ich die Gruppe nun meinerseits verarschen wollte? Trotz meiner Warnrufe kam er nämlich zu Fuß näher an meine geöffnete Seitenscheibe heran. Ich brüllte aus Leibeskräften, dass er wieder in den Jeep einsteigen solle, weil diese Krokodile hier vorne groß genug wären um eine echte Gefahr für ihn darzustellen. Er hörte nicht, grinste breit und kam auf die Höhe meiner Seitenscheibe. Und dann sah er sie endlich. Auch hier würde ich meinen, dass seine rasante Flucht zurück in die Sicherheit seines Jeeps von derartiger Geschwindigkeit geprägt war, dass ihn wohl kein Spitzensportler der Welt dabei hätte überholen können? Zumindest funktionierte die Kette der Warnrufe jetzt, denn alle die mit ihren Jeeps auf der anderen Seite angekommen waren schickten eine Person auf den Dachgepäckträger um die Nachrückenden zu warnen. Als auch der kleine Küchenwagen sicher auf der anderen (unseren) Seite war, setzten wir die Fahrt fort und die beiden Krokodile machten erst Platz, als ich mit dem ersten Jeep – laut hupend – bis auf etwa drei Meter an sie herangekommen war. Jugend, Mut und Unvernunft liegen oft so dicht beieinander.

Überall – auch auf Tasmanien – haben sich die Sichtweise und die Lebensart der Europäer durchgesetzt.

Nicht die zweite, sondern nur die erste der beiden Jeep-Geschichten erzählte ich dem Aborigine-Jungen in meinem Schoß. Er hörte in völliger Ruhe zu, auch wenn sich während der Erzählung immer mehr seiner Spielgefährten um uns herum versammelten. Die ganze Zeit lag er mit seinen Augen in meinen Augen und wenn er kurz zur Seite blickte dann immer nur auf die Kamera, so als ob er erwarten würde, dass dieses Technik-Teil nun ebenfalls zu sprechen beginnt und meine Geschichte bestätigt. Nein, der Junge hatte nichts „geraucht“. Auch ich erfuhr erst in den Jahren danach bei weiteren Reisen was es in der Bewältigung des Alltags der Ureinwohner bedeutet wenn sie sagen, dass alles Lebende mit allem Lebenden in Verbindung steht. Sie kommunizieren wie selbstverständlich mit Tieren, Bäumen, Gräsern und sogar Steinen, Bergen, Felsen. Da die Erde für sie ihre Mutter und damit in aller Deutlichkeit ein Lebewesen ist, ist es für sie natürlich vollkommen normal, auch mit den von uns als „nicht mit biologischen Lebensfunktionen ausgestatteten Dingen“ sprechen. Warum also, sollte dann nicht auch eine Kamera sprechen können? Vielleicht kann sie es und wir, die Kulturimperialisten/-innen, wissen es nicht?

Wird fortgesetzt – sicher!

Roland Richter – Bad Nauheim – 10.11.2020

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1 Comment
  • Maria Gassner
    Posted at 17:30h, 17 November Antworten

    Sehr eindrucksvoll und spannend erzählt. Immer hat man das Gefühl selbst dabei gewesen zu sein.

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