Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 02

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 02

Der Nahtod, die Forschung und der Trotz

Wenn wir doch nur alles so genau wissen würden, wie es uns im Allgemeinen verkauft wird! Die Hoheitsrechte an der Deutung der Spiritualität (um nur ein Beispiel zu geben) war in Zeiten, in denen die Religionen die absolute Oberhoheit über die Wahrnehmung der Menschen hatten, immer und unumstößlich eine von Gott gegebene und damit göttliche Spiritualität. Auch früher hatten die Menschen bereits ein grobes Gefühl dafür, was sie, die Spiritualität, ausmachte, doch packen ließ sie sich nicht. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass das Individuum oft vollkommen entrechtet nicht einmal die Möglichkeit hatte, die Interpretationshoheit für das das, was gesprochen wurde, in Anspruch zu nehmen. Der Sprecher (Kirche oder Herrscher) konnte absolut darauf bauen, dass diejenigen, zu denen gesprochen wurde, auch gleichzeitig akzeptierten, dass man ihnen die Deutung zum Gesagten lieferte. In die heutige Zeit übertragen würde das bedeuten, dass die Betreiber eines Unternehmens, welches die Welt flächendeckend mit Atomkraftwerken überziehen möchte, die Ankündigung, dass dies getan wird mit der Deutungshoheit verknüpfen könnte, dass dies der einzig richtige Weg für die Menschheit wäre und es würde ohne Zwischenrufe geglaubt werden müssen. Ein Zustand der perfekten geistigen Sklaverei. Mittlerweile nehmen aber immer mehr Menschen das Recht in Anspruch, die Interpretationshoheit für sich selbst in Anspruch zu nehmen und auf Gehörtes kritisch zu reflektieren. Darin liegen Chancen und Risiken auch wieder dicht beieinander. Inzwischen hat der Begriff der Spiritualität auch Einzug in den Alltag gehalten, wird aber vollkommen unterschiedlich interpretiert. Für die einen ist es schon „spirituell“, in Ruhe am Seeufer zu sitzen und den Sonnenuntergang zu genießen, und dabei vielleicht ein Buch mit Tiefgang zu lesen. Der Begriff „spirituell“ ist heute wirklich fast in aller Munde und so ziemlich jedem bekannt. Aber er wird sehr unterschiedlich interpretiert. Wer den Begriff der Spiritualität aus der nüchternen Überlieferung heraus deuten will, wird lesen, dass es sowohl den Atem, das Leben, die Seele als auch Geist mit einbezieht. Darunter wird dann allgemein abgeleitet, dass es sich dabei um ein Gefühl der geistigen Verbundenheit mit etwas handelt, das über die eigene Existenz hinausreicht. Transzendent, sozusagen. Und nicht wenige menschliche Kulturen schieben in ihrer Unkenntnis alles spirituelle sofort dem Jenseits oder der Unendlichkeit zu. Es stellt möglicherweise ein großes Problem dar, dass das Wort ursprünglich als Synonym für Frömmigkeit und Geistigkeit verstanden wurde, so definiert über die Theologie und die Kirchen. Die Hippiebewegung brachte den Begriff dann so langsam in den Alltag und der Begriff ging immer mehr als „nicht religiös“ um die Welt. Besonders im esoterischen Bereich. Dort wurde die neue Spiritualität zu einer vagabundierenden, weder institutionell noch dogmatisch festgelegten Religiosität. Mittlerweile gibt es so viele verschiedene Spiritualitäten wie es spirituelle Menschen gibt. Wird es kompliziert? Im Alltag ist der Begriff irgendwie diffus. Die einen reden von einer höheren Macht, die sie behütet oder führt, andere geben an zu spüren, dass es da irgendwie noch mehr gibt. Sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen empfahl ja auch schon Hermann Hesse in seinem Siddhartha und löste bei seiner Leserschaft die Frage aus, wie man sich weiterentwickeln und selbst optimieren könnte. Solche Aspekte verstehen Menschen als Ausdruck von Spiritualität. Um die Deutungshoheit nicht aus den Händen zu geben, hat sich die Wissenschaft der Sache angenommen und versucht, sich dem Themenbereich wissenschaftlich anzunähern. Ein Ergebnis das den Punkt trifft, wird es dabei nicht geben, aber die Menschheit kann darauf hoffen, dass im günstigsten Fall etwas mehr Klarheit bei der Definition des Begriffes entsteht.

Australische Pflanzen sind so anders als bei uns

Grundvoraussetzung für die Entstehung des Gedankens, dass es spirituelle Dinge überhaupt geben kann, ist die dualistische Auffassung, dass es Materielles und Geistiges gibt, die miteinander irgendwie in Bezug stehen. Menschen haben das Bedürfnis, Dingen über das Materielle hinaus einen tieferen Sinn zu geben und entsprechend zu deuten. Wer aber zum Beispiel sagt, dass die Welt nicht einfach nur Materie sei, sondern immer auch Schöpfung, der interpretiert bereits etwas hinein. Jede Schöpfung braucht nach dieser Definition auch einen Schöpfer. Religiöse Haltungen sind prinzipiell eine gute Voraussetzung für die Empfindung, dass es Spiritualität gibt, und glücklicherweise unabhängig von einer bestimmten Religion. Spirituell könnte damit auch sein, dass der Mensch beispielsweise versucht, die Schönheit und Einzigartigkeit des Planeten Erde zu erhalten und dessen Schönheit zu bewahren indem er umweltfreundlich handelt und so dazu beiträgt, dass das eigene Handeln einen geistigen und ästhetischen Sinn ergibt. Die Überlegenheitsansprüche und der Absolutheitsanspruch der Religionen hat die Möglichkeit zur Erkenntnis, was denn überhaupt als spirituell bewertet werden könnte, eher erschwert als erleichtert. Alle hätten gerne eine absolute Gegenwart, aber schon allein das Wort Spiritualität bleibt dabei sehr offen und unbestimmt. Die Suche danach, die in diversen Meditationsformen ausgeübt wird, kann höchstens eine mögliche Sicht auf das Phänomen Spiritualität zum Ergebnis haben. Mittlerweile setzt sich aber die christliche Theologie (als Beispiel) nicht mehr konstruktiv mit der neuen Wirklichkeit auseinander und bietet keine zeitgenössische Interpretation auf die bestehende Realität mehr. Stattdessen bleibt man auf dem Stand von vor 800 Jahren stehen und verweist beharrlich auf die eigene Interpretationshoheit aller Dinge. Diese Diskrepanz spüren immer mehr Menschen und kehren der Kirche den Rücken. Aber an anderer Stelle nach spirituellen Erfahrungen zu suchen ist zwar prinzipiell richtig, kann aber auch in die totale Verwirrung führen, so dass man am Ende geneigt ist, den Erklärungsmodellen derer zu lauschen die vorgeben, den Schlüssel zur Erkenntnis in Händen zu halten. Eine Endlosschleife der Bedeutungslosigkeit.

Zumindest dann, wenn sie “native” sind

Exkurs:

Vor dem Beginn der zweiten, wiederum vier Wochen währenden Reise nach Australien, hatte die auf 16 Personen angewachsene Fangruppe ein Vortreffen vorbereitet. Dazu wurden auch die Personen eingeladen, die sich rege an der Planung beteiligt hatten, aber aus unterschiedlichen Gründen an der zweiten Reise nicht teilnehmen konnten. Eine der Damen, die gerne zusammen mit ihrer Freundin teilgenommen hätte, dann aber dieses Vorhaben aus beruflichen Gründen nicht umsetzen konnte, war an diesem Tag ebenfalls anwesend. Sie hatte eine recht interessante Hintergrundgeschichte, die ich mir gerne immer wieder mal detailliert erzählen ließ, auch weil ich darin etwas „witterte“ ohne näher erklären zu können, was es eigentlich war. Im März 1989 war sie nämlich in einer abenteuerlichen „Befreiungsaktion“ aus der damals noch real existierenden DDR unter großer Gefahr in den Westen auf das Gebiet der BRD geschmuggelt worden. Ihr damaliger Retter war ein Monteur, der im Auftrag seiner Firma in der DDR arbeitete. Ob die beiden auch ein Liebespaar waren, kann ich nicht einmal sagen, es wurde aus der Erzählung nicht schlüssig! Jedenfalls hatte der Monteur den Tank seines Wagens in mühseliger Kleinarbeit so umgebaut, dass eine darin befindliche Person ohne in Lebensgefahr zu geraten, für zwei Stunden versteckt gehalten werden konnte. Im März 1989 ahnte im Prinzip noch keiner, dass die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten im November 1989 fallen würde. Sie konnte sehr gut ihre Todesängste beschreiben, als sie während der Kontrolle durch die Grenzbeamten in diesem Versteck festsaß. Alles ging gut und die junge Frau startete später – allerdings nicht als Partnerin an der Seite ihres „Retters“ – zu einem Leben in der BRD durch. Aber eine nicht genau zu definierende Verbindung hatten „Retter“ und „Gerettete“ wohl doch! Denn zu diesem Vortreffen – sie hatte zu dieser Zeit kein Auto und wollte sich zudem auch an alkoholischen Getränken bedienen und benötigte deshalb einen „Fahrer“ – hatte sie sich von dem Mann bringen lassen, der sie einst gerettet hatte. Als ich den für mich zu diesem Zeitpunkt fremden Mann in der Ecke des Raumes auf einem Stuhl sitzen sah, machte ich mich sogleich daran ihn zum Grund seiner Anwesenheit zu befragen. Der „Monteur“ wirkte tiefenentspannt, hatte ein Glas Orangensaft in seiner linken Hand und beobachtete das Treiben der letzten Vorbereitungen für diesen Abend. Als ich mich etwa auf fünf Meter genähert hatte, blickte er mich an und lächelte. Ich könnte seine äußeren Merkmale noch heute sehr detailliert beschreiben, aber diese tun hier nichts zu Sache und können damit vernachlässigt werden. Der Mann hatte etwas von mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau definierbares, Besonderes an sich. Er strahlte Ruhe aus und wirkte so, als ob er komplett mit sich im Reinen war.

Als ich ihn erreicht hatte und meine Hand in seine Richtung streckte um mich als verantwortlicher Organisator zu erkennen zu geben, stand er auf, sah mich an und fragte unverblümt, ob er was gegen meine Kopfschmerzen tun sollte. Das war sehr verblüffend, da ich tatsächlich an diesem Nachmittag Kopfschmerzen verspürte und mich deshalb nicht 100%ig fit fühlte. Ich hatte absolut Niemandem darüber berichtet und nun sagte mir der fremde Mensch, dass ich Kopfschmerzen haben würde. Und selbstverständlich wollte ich gerne wissen, woher er das denn erfahren habe, die Sache mit meinen Kopfschmerzen? Er meinte lapidar, unaufgeregt und vollkommen souverän, dass man das an meiner Aura erkennen würde. Aha? Aura? Klar wusste ich, was eine Aura ist und hatte negative Erinnerungen, die mit meiner Kindheit und Jugend verknüpft waren. Als Kind war ich nicht nur Synästhetiker – es war mir unmöglich, Klänge zu hören ohne dabei Farben zu sehen – sondern sah oft eine Art Licht, welches die Körper der Menschen vor meinem Auge umfloss. Und so wie vielen mit besonderen Begabungen ausgestatteten Kindern, denen ihre von der Natur gegeben Fähigkeiten wieder „abgewöhnt“ werden, damit sie besser in die Rollen und Plätze passen, die die Gesellschaft für sie vorsieht um den Lauf der Dinge zu erhalten, so traf es auch mich. Es wäre aber vermessen zu schreiben, dass die Einlassung des „Monteurs“ zum Thema Aura mich regelrecht und sofort elektrisiert hätte. Er gab mir lediglich einen Impuls der Erinnerung. Ich hatte meine persönliche Sicht auf meine früheren Empfindungen derart tief verdrängt und vergraben und als „unpassend“ für meine Lebensumwelt empfunden, dass es nicht zu einem spontanen Revival kam. Ein Onkel, mit dem ich in kindlicher Naivität einmal über diese Sache sprechen wollte, empfahl mir, bloß niemals mit jemandem darüber zu sprechen, weil man auch Kinder einsperren würde, wenn sie solche Sachen erzählen. Zurück zu dem Monteur. Ich gab zu verstehen, dass ich bereit wäre „etwas“ zu empfangen, was meine Kopfschmerzen lindern würde, aber auch dass ich dachte, dass er das nicht können würde! Er sah mich kurz lächelnd an, nahm meine rechte Hand, drückte seinen Daumen kurz an eine Stelle am Daumenballen, hielt den Druck für etwa fünf Sekunden aufrecht und ließ wieder los. So wie der Druck seines Daumens an der Innenfläche meiner Hand nachließ, im selben Tempo verschwanden die Schmerzen in meinem Kopf. Wahnsinn, dachte ich! Und natürlich fühlte ich dann diesen Drang, zu verstehen. Mir war da etwas widerfahren von dem ich niemals gedacht hätte, dass es möglich wäre. Eine von mir geglaubte Unmöglichkeit also. Wir haben uns nicht lange unterhalten können, meine Pflicht als Organisator des Treffens hinderte mich daran. So erfuhr ich nur, dass er seine Jugend an diversen Plätzen Ost-Asiens verbracht habe, da sein Vater im diplomatischen Dienst für die Bundesrepublik Deutschland tätig war. Er hatte sein Wissen um Zusammenhänge durch seine Neugier und seine Offenheit im Umgang mit diesen fremden Kulturen erworben und meinte dazu, dass wir in der westlichen Welt zwar einen Vorsprung an Technologie hätten, der Osten aber den Vorteil bei dem Verstehen der Zwischentöne alles menschlichen habe.

Perth in Westaustralien war 2006 eine echte Boom-Town

Und nein, er und die Dame, die er aus der DDR unter gefährlichen Umständen „gerettet“ hatte, waren nie ein Paar und hatten auch keine Liebesbeziehung. Er hatte ihr zur Flucht verholfen, weil er erkannte, dass diese lebensfrohe Person kaputt gegangen wäre in diesem System, unter dem sie litt. Angst habe er keine gehabt, er wäre sich sicher gewesen, dass alles funktionieren würde. Ich witterte geballten Altruismus in dem, was er mit dieser Befreiung für eine fremde Person getan hatte, aber er sah es anders. Er hätte immer den großen Weltgedanken in seinem Kopf und dieser Mensch (er zeigte auf eben jene Dame) war dafür bestimmt, in Freiheit zu leben um dann dort seinen höchsten Wert für die Gesellschaft der sie umgebenden Menschen zu entfalten. Er hätte also im Umweg über seinen Dienst für die Allgemeinheit auch sein persönliches Lebensumfeld verbessert. Das war zwar sehr abstrakt, aber ich erkannte den Sinn seines Handelns und seiner Entscheidung. Die Kopfschmerzen sind übrigens an diesem Abend nicht zurück gekommen, auch nicht in den nächsten Tagen oder Wochen. Diese Art von Kopfschmerz ist nie mehr zurück gekommen. Erst später, wenn ich in überschäumender Lebensfreude oder tiefer Trauer einmal zu viel des guten Weines getrunken habe, stellten sich wieder Kopfschmerzen ein. Diese waren aber anders, nicht so diffus sondern direkt und ich konnte dann immer sofort einen Zusammenhang herstellen zwischen Wirkung und Ursache! So sind die meisten Menschen eben mal: der Wunsch, sich zu betäuben, ist so alt wie die Menschheit selbst. So könnten wir wieder zu den Aborigines zurückkommen? Später! Ich möchte nur hinzufügen, dass ich ihn – den Monteur – auch gefragt habe, warum er denn in diesem Berufsfeld gelandet wäre, wo doch sein Vater durch seine Tätigkeit in Amt und Würden eine bessere, finanziell erfolgreichere Laufbahn für ihn aufbereitet hätte. Aber Amt und Würden oder Einkommen und hohe soziale Stellung, die über Kapitalkraft zum Ausdruck gebracht wurde, interessierten den Monteur nicht, da sie nach dessen Meinung jegliches „echte“ Gemeinwohl verhindern würden wenn man dadurch so weit degeneriert wäre, dass man Gemein- oder individuelles Wohl nur an seinem Kontostand festmachen würde. Die Begegnung mit dem Monteur blieb eine kurze Begegnung, hat sich aber tief in meinen Erinnerungsraum eingegraben. Noch heute erscheint sein Gesicht gelegentlich vor meinem geistigen Auge, wenn ich über das bizarr gewordene Verhältnis zwischen Quantität und Qualität nachdenke.

Was passiert denn eigentlich beim Nahtod? Forscher aus aller Welt suchen mit den ihnen zur Zeit gegebenen Mitteln nach möglichen Erklärungen der sogenannten Nahtoderlebnisse. Nur zu gern möchte man vom Elfenbeinturm der Wissenschaft herab den Menschen vermitteln, dass es besondere neuronale Aktivitäten seien, die – wenn das biologische Leben zu Ende geht – die Gehirne der Sterbenden noch einmal auf Hochtouren drehen lässt. Ratten sind beliebte Forschungsobjekte! An ihnen wollen Forscher nachgewiesen haben, dass die Hirnaktivität kurz vor dem Tod stark ansteigt. Und selbstverständlich ist diese Forschung wichtig, denn es wäre prinzipiell gut wenn man Klarheit darüber hätte, dass durch diese starke neuronale Aktivität Nahtoderfahrungen tatsächlich entstehen und damit besser würden erklärt werden können. Nun ist es zum Glück so, dass man selbst nicht erst einmal einen eigenen Herzstillstand haben muss um entweder selbst zu erfahren (oder von anwesenden Wissenschaftlern begleitet diese Erfahrung später übermittelt zu bekommen), dass die Hirnaktivität kurzzeitig deutlich ansteigt. Die Tätigkeit unseres Denkorgans versiegt beim Prozess des Sterbens nämlich nicht langsam, sondern legt an Aktivität deutlich zu. Aber jede/r, der (oder die) schon einmal die Situation eines drohenden Unheils erlebt hat – zum Beispiel ein unausweichlich gewordener Autounfall, bei dem man nur noch auf den Knall wartet und die Augen schließt – wird die Erfahrung gemacht haben, dass in den Momenten vor dem eigentlichen Unfall unser Gehirn zur Höchstleistung aufläuft und Hunderte von Szenarien, wie man dem Unheil noch entgehen könnte, gleichzeitig abgespult werden so als würde man mit zehn Gehirnen gleichzeitig arbeiten. Ist die Bestandsaufnahme der möglichen Rettungs-Szenarien abgeschlossen und kommt das mit aller Kraft denkende Gehirn zu dem Schluss, dass es jetzt wohl zum Unfall kommt, tritt eine gewisse Ruhe – trotz aller Angst, nun gleich verletzt zu werden oder gar sein Leben zu verlieren – ein. Nicht wenige Menschen schließen dann die Augen um sich selbst das Gefühl zu vermitteln, aus der Sache noch unbeschadet heraus zu kommen. Und dann läuft die Zeit plötzlich deutlich langsamer ab als sonst. Der letzte Blick auf den entgegenkommenden Wagen oder den heran fliegenden Baum ließ darauf schließen, dass es nur noch ein Meter bis zum Knall ist und unsere Erfahrungen suggerieren, dass es keine Zehntelsekunde mehr dauern wird, bis ein gewaltiger Schlag uns Aufschluss bringen wird, wie heftig der Unfall werden wird und ob wir verletzt werden oder gar sterben müssen. Doch dann – in all der herrschenden Panik – wird diese erwartete Zehntelsekunde in die Länge gezogen, so als würden diejenigen, die sich in diesen Situationen befinden, für einen kurzen Moment die Relativitätstheorie begreifen in der sich die Struktur von Raum und Zeit anders darstellt als es der Verstand der übergroßen Mehrheit unter den Menschen begreifen könnte. Manche Personen berichten darüber, dass es sich wie Minuten angefühlt habe, bis es knallte. Erfahrung macht schon klug und auch ich war mal ein „junger Wilder“! Zumindest drei heftige Autounfälle habe ich so (unverschuldet oder als Beifahrer) erlebt und überlebt. Für mich wurde diese letzte Sekunde verzehnfacht, in einem Fall, als meine damalige Lebenspartnerin neben mir saß und ich in der letzten Sekunde noch die Zeit hatte mir intensiv auszumalen was mir ihre Eltern erzählen würden wenn sie bei dem unmittelbar danach erfolgenden Zusammenprall ernsthaft verletzt oder gar getötet werden würde, sogar gefühlt verhundertfacht. Gedanken über ein ganzes noch mögliches Leben mit den dazugehörigen Bildern eine halbe Sekunde vor einem Autounfall, der sich nicht mehr vermeiden ließ.

Es ist in höchstem Maße löblich, dass unsere Wissenschaften versuchen, Licht in alles Dunkel zu bringen und zum Verstehen anzuregen. Wer sich nicht in die religiöse Deutung flüchtet und sich offen für neue Erkenntnisse zeigt, findet im augenblicklichen, flüchtigen, vorübergehenden Zustand der menschlichen Kenntnis und Entwicklung keinen besseren Weg. Aber Nachdenklichkeit sollte auch hier erhalten bleiben! Zur Zeit versucht man in einigen Laboren mit der Untersuchung von sterbenden Ratten Berichte von menschlichen Nahtoderfahrungen zu erforschen und möglichst zu bestätigen. Etwa jeder fünfte Überlebende eines Herzstillstands soll angeblich von Nahtoderfahrungen berichten, so er den Vorfall überlebt oder mit medizinisch/technischer Hilfe ins Leben zurück geholt wird. Selbstverständlich ist dies ein weltweit und bei verschiedenen Kulturen zu beobachtendes Erlebnis. Dadurch wird auch durch die Nahtoderfahrung deutlich gemacht, dass alle Menschen gleich sind. Die Erlebnisse im Nahtod werden oft als extrem lebhaft, klar und ungewöhnlich real geschildert. Und da in der Forschung und der Wissenschaft die Diskussion von enormer Wichtigkeit ist, streitet die Fachwelt nun darüber, ob es sich denn tatsächlich um eine bewusste Wahrnehmung handelt. Bedingt durch den augenblicklichen, flüchtigen, vorübergehenden Zustand der menschlichen Kenntnis sind viele Wissenschaftler der Meinung, dass die Hirnaktivität nach einem Herzstillstand und dem Stopp der Nährstoffversorgung endet und absolut keine koordinierten Abläufe mehr möglich sind. Doch das scheint mehr und mehr fraglich zu sein. Hirnforscher vergleichen die Hirnaktivitäten von Ratten im Wachzustand, unter Narkose und nach einem Herzstillstand. Man versucht wissenschaftlich-analytisch zu beweisen, dass die Hirnaktivität von einer Nahtoderfahrung stammt. Man möchte neuronales Bewusstsein bei Menschen oder Tieren nach dem Ende der Blutversorgung des Gehirns identifizieren können. Was aber, wenn es eine Erkenntnis über der der Wissenschaften gibt, die auch nicht in die Schuhe eines religiösen Schöpfers geschoben werden kann? Versuche an den Ratten zeigten, dass alle Tiere in den ersten 30 Sekunden nach dem Herzstillstand auffällig synchrone Muster von Gehirn-Wellen aufwiesen, so als ob ihr Gehirn wach und extrem stimuliert wäre. Das hohe Maß der neuronalen Aktivität überraschte die Wissenschaftler. Die elektrisch messbaren Merkmale des Bewusstseins überstiegen sogar die Werte des Wachzustands. Die Wissenschaftler leiteten deshalb ab, dass das Gehirn im frühen Stadium des klinischen Todes zu gut organisierter elektrischer Aktivität fähig ist. Aber erklärt ist damit noch nichts! Nahtoderfahrungen bleiben ein biologisches Paradox, und sollten (und werden!) weiterhin unser Verständnis vom Gehirn herausfordern. Kann man das alles aber schon als Beleg für ein Leben nach dem Tod und für ein menschliches Bewusstsein, das nicht vom Körper abhängt heranziehen? Alle Studien liefern lediglich einen wissenschaftlichen Erklärungsansatz für Erfahrungen, auch für solche Erfahrungen. Um es Schritt für Schritt zu verdeutlichen: Die beschriebenen wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen vielleicht erstmals eine Art Bewusstsein nach einem Herzstillstand. Man glaubt und vermutet, dass der versiegende Input von außen das Gehirn noch kurz zur Hyperaktivität treibt. Wie simpel diese Erklärungsansätze sind, wird deutlich, wenn die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse in Sprachmuster gießen von denen sie glauben, dass sie die Allgemeinheit besser verstehen würde. In einer der Erklärungen verglich ein Wissenschaftler das Gehirn mit einem Motor, der unter Belastung langsamer dreht als im Leerlauf. Sein Fazit war, dass das Gehirn ohne Input und Anreize von außen, im Leerlauf sozusagen, plötzlich eine etwas höhere Drehzahl drehen würde. Wenigstens sind sich die Wissenschaftler einig, dass diese Erkenntnisse aber noch lange nicht werden schlüssig beweisen können, dass die Hyperaktivität des Gehirns auch die Ursache von Nahtoderfahrungen ist. Für wissenschaftsgläubige Menschen gibt es damit aber vielleicht erstmals einen attraktiven Erklärungsansatz.

Formationen im Nambung Nationalpark – Bild 01

Ich bleibe dabei, dass es in höchstem Maße löblich ist, dass unsere Wissenschaften versuchen, Licht in alles Dunkel zu bringen und zum Verstehen anzuregen. So werden attraktive Erklärungsansätze für die geboten, die bereit dafür sind, sich damit zu beschäftigen. Das sind – dem Prinzip des wachsenden Wissens geschuldet – langsame Schrittchen im kleinsten Bereich, so als ob die Wissenschaft uns gerade bewiesen hätte, wie das Wachstum eines Grashalmes funktioniert. Aber wie steht es mit den Verbindungen im Universum? Wie würde die Wissenschaft erklären, dass es eine nonverbale Kommunikation über große Distanzen hinweg gibt, die zum Beispiel für die Mitglieder der Aborigines gelebte Alltagswirklichkeit ist? Wie können zwei in ihrem Gemüt erhitzte Männer, wie ich es in einem Camp der Aborigines in Australien erlebt habe, ihren Konflikt dadurch beilegen, indem sie sich in die Augen schauen und ihre Pupillen im Gleichklang größer und kleiner werden? Welchen Ansatz würde die Wissenschaft liefern wenn sie eine Aborigine-Familie in ihrem Alltag begleiten würde und dadurch erleben könnte, dass die im Dorf gebliebenen Mitglieder eines Stammes, eine Weile nachdem andere auf die Jagd gegangen sind, kurz innehalten, gleichzeitig in die Richtung blicken, in der der „jagende“ Teil der Familie unterwegs ist und nach einem Moment der Ruhe plötzlich alle gleichzeitig wissen, welches Beutetier dort gemacht wurde? Welche Erklärungsansätze würde die Wissenschaft liefern wenn sie den Versuch begleiten dürfte, in welchem eine Person dort einer anderen, dafür offenen Person, in die Augen sehen würde und aus diesem flüchtigen Moment würde ableiten können, welche persönlichen und tiefgreifenden Dinge dieser Person in Kindheit, Jugend oder im Leben allgemein widerfuhr? Im momentanen, flüchtigen, vorübergehenden Erkenntnisstand der Menschheit könnte dafür (noch) keine Erklärung gegeben werden so wie für viele andere Phänomene, die man unter den Ureinwohnern des Kontinentes Australien beobachten kann. Die Wissenschaft würde im momentanen, flüchtigen, vorübergehenden Erkenntnisstand der Menschheit nichts beweisen können und im schlimmsten Fall alles in den Bereich der „Phantasie“ oder der Unmöglichkeit verweisen. Wissen ist Macht und Glaube entfaltet ebenfalls dann seine stärkste Wirkung, wenn er auf Macht fußt. Oder um ein Beispiel zu verwenden, welches auch in unseren Alltagswelten mitunter vorkommt und schon allein weit über dem Erklärungsversuch der Gehirnaktivität im Nahtodbereich hinausgeht: Wie ist es möglich, dass Personen, die (als Beispiel) gerade an den Folgen eines Unfalls gestorben sind, deren Lebensfunktionen aufgehört haben zu existieren und die am Ende doch durch heraneilende Hilfskräfte wieder ins Leben zurück geholt werden, ohne dass ihre wichtigsten Organe durch die Mangelversorgung mit Sauerstoff bereits beschädigt wurden, die gesamte Szenerie aus einer höheren Perspektive exakt beschreiben können? Wie? Allein diese Fälle bezeichnen ein Szenario, in dem es um weit mehr geht als um die wissenschaftliche Erklärung zum Ablauf der biologischen Prozesse im Gehirn in den Sekunden nach dem Ende eines Lebens. Der Wechsel der Perspektive, aus dem Körper heraus in eine höhere Position, in der die Wahrnehmung auch noch deutlich gestärkt ist und manche Personen – nachdem sie wieder ins Leben zurück geholt wurden – bis hin zu der Farbe der Socken der Rettungskraft, die sich gerade über ihren Körper beugte um sie zu reanimieren, alles in Perfektion beschreiben konnten. Der Wechsel der Perspektive, aus dem Körper heraus würde ja zumindest beweisen, dass es außerkörperliche Erfahrungen gibt und dass es damit auch zu einer Trennung von Körper und Geist kommen kann. Und wenn es zu einer Trennung von Körper und Geist kommen kann, dann haben wir den Ansatz eines Beweises, dass der Tod nicht das Ende ist! Es sollte nicht denen, die in unseren Kulturkreisen die Deutungshoheit mit Gewalt an sich gerissen haben, überlassen werden, auch diese Dinge zu erklären. Die großen monotheistischen Weltreligionen, die zumindest unsere Lebenswirklichkeit beeinflussen, wurden alle erst in den letzten drei Jahrtausenden ersonnen. Die Kultur der Aborigines ist sehr viel älter und diese Menschen dort lebten ihre Leben über möglicherweise 100.000 Jahre als Kulturvolk nach dem immer selben Muster. Am Ende wurden sie zu einem perfekten Teil der sie umgebenden Welt. Die Menschheit diskutiert im Moment viel über Artensterben und die damit verbundenen Gefahren. Mindestens genauso heftig wäre es, wenn wir diese nur noch zuckenden, archaischen Kulturen verlieren würden. Schlimmer, möchte man meinen. Die Erklärungsansätze für das Leben im Universum nur noch in den wissenschaftlichen oder religiösen Ansätzen suchen zu wollen kommt einer Bankrotterklärung einer ganzen Spezies nah, weil die innere Weisheit und das tiefe innere Wissen nicht mehr hinzugerechnet werden. So als würde ein Mediziner nur nach Möglichkeiten suchen, den Schmerz zu lindern und nicht wissen wollen, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung gibt. Sprich: der Schmerz wird bekämpft, der Tumor in der Leber aber nicht einmal gesucht, weil man ihn nicht in der Wahrnehmung hatte. So ähnlich wirkt die Suche nach Erkenntnis in unseren Kulturkreisen und vollkommen anders verhält es sich mit dem tiefen Wissen der indigenen Völker dieser Welt, bei denen ich solcherlei Fähigkeiten erleben konnte. Am stärksten und tiefgreifendsten bei den Aborigines.

Formationen im Nambung Nationalpark – Bild 02

Zeit für einen weiteren Exkurs.

Trotzige Lügen, aller Forschung zum Trotz, sind etwas, das wohl jeder mit Betrug, List und Manipulation verbindet? Lügner – so heißt es – sind nirgends gern gesehen, weil sie in der Regel nur Schaden anrichten. Trotzdem ist das Lügen weit verbreitet. Sogar Menschen, die es angeblich nicht tun, tun es doch! Staatspräsidenten zum Beispiel. Wir können nur grobe Lügen erkennen, umgehen und entsprechend damit umgehen und auch nur dann, wenn wir entsprechende Kenntnisse haben, die einen gewissen Alarm in uns auslösen, dass hier gerade gelogen wird. In jedem Gespräch lügen die meisten Menschen mindestens ein Mal, manche kommen sogar auf zwei bis drei Lügen in wenigen Minuten Gesprächsdauer. Das ist zwar ein Pfund, wird aber erklärbar wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir unser Modell des Zusammenlebens auf der Welt zu einem weitaus größeren Teil auf der Lüge und nicht auf der Wahrheit aufgebaut haben. Fairerweise sollte man die Arten von Lügen differenzieren. Fast alle Lügen sind manipulative Lügen. Sie dienen nur dem Lügner und sollen ihm mehr Macht geben, oft etwas moralisch Verwerfliches vertuschen oder jemandem gewollt Schaden zufügen. Die gut gemeinten Lügen, bei denen man zum Beispiel eine Peinlichkeit übersieht oder so tut, als ob man sich über ein Geschenk freut, auch wenn man in Wirklichkeit etwas anderes wollte, sind vernachlässigbar aber auch kontraproduktiv. Wenn man „nette Lügen“ aufdeckt, bleibt man doch innerlich recht gelassen. Man kann sich Beratungen ersparen, in denen Wege vermittelt werden sollen, wie man mit Lügnern umgehen sollte. In diesem Teil des Artikels geht es darum, manipulative Lügen zu erkennen und besser mit ihnen umzugehen. Nicht jedem Menschen ist eine scharfe Wahrnehmung gegeben. Wozu auch? Das ständige im Auge behalten des Umfeldes ist kräftezehrend und wird als unnötige Anstrengung empfunden. Lieber im Auto-Modus sein Ding machen und mit möglichst viel Spaß durchs Leben kommen. Aber um Lügen zu erkennen, muss man seine Wahrnehmung trainieren und auf Zeichen achten. Das funktioniert vielleicht in einem Gespräch, bei dem man dem Lügenden direkt gegenüber steht oder sitzt. Ist aber mit Risiken behaftet, da jeder Mensch auch so seine eigenen Verhaltensweisen hat.  Nicht jede/r, der sich nach einem bestimmten Satz ins Gesicht oder an den Hals fasst, lügt auch! Und auch nicht alle Personen, die ausführliche Erklärungen für unbedeutend erscheinende Fragen haben müssen lügen! Es kann auch sein, dass diese Personen gerne mehr Tiefe im Gespräch oder mehr Nähe zum Gegenüber haben würden. Ehrliche Menschen – so heißt es – seien eher offensiv und blieben ihren Aussagen treu. Das bringt ihnen zwar im augenblicklichen, flüchtigen und vorübergehenden Bewusstseinszustand der Menschheit oft Ärger ein und ist in einem Zeitalter, in dem die Hysterie salonfähig geworden ist, mitunter sogar mit nicht unerheblichen Bedrohungen verbunden, aber es ist schon so, dass ehrliche Menschen ihren Aussagen über lange Zeit treu bleiben, weil sie sich an nichts „Erfundenes“ oder „Gelogenes“ erinnern müssen. Schwammige Formulierungen beim Gegenüber bemerkt man im Gespräch genauso wie im Schriftlichen. Beim Geschriebenen kann man in Ruhe genauer hinschauen und nachhaken, so man überhaupt zu kritischem, reflektierendem Interesse befähigt ist. Im Buch verrät sich der Lügner selbst viel schneller. Es sei denn? Der Lügende baut auf einem angenommenen Erwartungsmodell seiner Leserschaft auf und bedient diese Erwartungen mit Allgemeinplätzen und Plattitüden die er mit einer Handlung garniert. Zur Not wird ein ganzes Volk dafür missbraucht, so wie in dem schlimmsten Lügenbuch, welches mir jemals in Bezug auf die australischen Aborigines unterkam: der Traumfänger von Marlo Morgan. Der Traumfänger ist nicht viel mehr als ein Bauernfänger und gehört schlicht in den Bereich des Schaffens eines „Karl May“, der unser abendländisches Denken um die USA bis heute prägt. Wie erklärt sich aber der Erfolg eines Buches, das weltweit mittlerweile in der 20ten Auflage verkauft wird und sicher mehr als 300 Millionen mal über den Ladentisch ging? Ein Buch, welches von allen mir bekannten Aborigine Organisationen angeprangert wird und von dem diese möchten, dass es wieder vom Markt verschwinden soll! Es liegt wohl daran, dass die Autorin in der Einleitung der ersten Auflage schrieb, dass alles was in diesem Buch stehen würde, authentisch von ihr selbst erlebt wurde. Und da wir – über alle Kulturkreise hinweg – darauf konditioniert sind, die vorgebliche Wahrheit von „heiligen Schriften“ als unumstößlich zu akzeptieren, verfehlte diese handfeste Lüge wohl ihre Wirkung nicht. Frau Morgan wurde die seltene Ehre, eine dreimonatige rituelle Wanderung durch den australischen Busch als Gast der Aborigines machen zu dürfen, niemals zuteil ist. Die Kraft und die Überwindung die sie dafür angeblich benötigte waren Teil eines ausgeklügelten Masterplans der infamen Lüge. Dass sie im Laufe der strapaziösen Tour eine ungeheure emotionale Bereicherung und spirituelle Wandlung erfahren haben kann, ist ausgeschlossen. Ihr Aufenthalt in Australien wurde nach dem Erfolg des Buches gründlich recherchiert. Sie machte dort eine komfortable Rundreise und hatte höchstens aus der Ferne Begegnungen mit den Aborigines. Und auch wenn ab der dritten oder vierten Auflage der Hinweis auf Seite 1 fehlte, dass es sich dabei um „authentische Erlebnisse“ gehandelt hätte, war der Erfolg des Buches nicht aufzuhalten. Frau Morgans Lügen waren schlicht wahr geworden. Und welche Chance hat das kleine Pflänzchen Wahrheit denn gegen eine Millionenfach wiederholte Lüge?

Aborigine Kinder in einer Raststätte

In Bezug auf die Wirkung dieses Buches konnte ich nie wirklich gelassen bleiben. Sicherlich hatte auch die Lüge von Frau Morgan einen emotionalen Hintergrund. Vielleicht wollte sie gemocht werden oder sich in einer Gruppe integriert fühlen? Es kann aber auch sein, dass sie schlicht schlechte Absichten hatte und nur den monetären Erfolg ihres Fanatasy-Romans in ihren Gedanken trug. Der Erfolg des Buches war so groß, dass sogar Vorlesungen in Volkshochschulen gehalten wurden. So zum Beispiel in einer mittelgroßen Stadt Hessens im östlichen Bereich dieses Bundeslandes. Kurz zuvor war ich mit meiner damaligen Familie in einen Ort gezogen, der nicht weit von der beschriebenen mittelgroßen Stadt entfernt lag. Es war das Jahr 2001 und ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon wesentliche Erfahrungen mit der Kultur der australischen Ureinwohner gemacht und trug diese, mich stets inspirierend, durch mein Leben und mit mir herum. In einer Wurfzeitung wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Leiterin der dortigen Volkshochschule eine zweite „Lesung aus dem Traumfänger“ ankündigte, weil der Erfolg der ersten Lesung so unfassbar groß gewesen sei. Nie werde ich die aufgeregte Vorfreude der vorwiegend weiblichen Zuhörer/-innen vergessen. Wie sie im Flur vor dem Vorlesesaal miteinander schnatterten, sichtlich aufgeregt über die „Weisheiten“, die ihnen die Vorsitzende aus dem Buch gleich wieder vortragen würde. Mir fehlte es nie an Mut, aber in diesem konkreten Fall wusste ich nicht, wie ich es anstellen sollte, mir Gehör zu verschaffen! So viel schnatterndes Glück! Die – ich denke dass es 90% Frauen gewesen sein dürften – Damen schienen auf ihrer Suche nach Sinn zu erwarten, dass über die Zeilen von Frau Morgen, gesprochen von der Leiterin der Institution, die Erweiterung ihres Horizontes nun gleich in sie hineinspringen würde! Und auch wenn ich mich in meinen Texten mit Schimpf- oder Fäkalworten gerne zurückhalte (wenn ich nicht O-Töne wiedergebe) so konnte ich schon bald nicht mehr an mich halten da ich in ein entrücktes Gesicht nach dem anderen blicken musste. Dass der Traumfänger in jeder Hinsicht eine reine Verarschung sei, erwiderte ich bei einem Kurzgespräch, als eine der entrückten und in totaler Vorfreude befindlichen Damen mir meine eigenen Kompetenzen in Bezug auf diese Kultur absprechen wollte. Die Erstauflage kam 1998 auf den Markt und von allem Anfang an gab es Plagiatsvorwürfe. Diese wurden aber durch den enormen Erfolg dieses Lügen-Buches mit anwaltlicher Hilfe und viel Geld schnell hinweg gefegt. Frau Morgan setzte nach meinem Empfinden der systematischen und geplanten Täuschung zum Zwecke der eigenen Bereicherung gefühlt die Krone auf. 

Ich wurde damals sofort auf dies Buch aufmerksam, weil es mir eine Bekannte zum Geschenk machte. Nie werde ich das glückliche Strahlen in ihrem Gesicht vergessen, als sie das Werk in der Pause einer meiner Australien-Präsentationen auf den Tisch legte und ging. Sie glaubte wohl, mir damit Bestätigung zu verschaffen? So nach dem Motto: siehst Du, es gibt noch weitere Personen die diese Kultur und ihren Wert erkannt haben! Ich las es am Abend und stellte mit purem Entsetzen fest, dass in dem Machwerk reine Fiktion als eigener Erfahrungs- und Tatsachenbericht eines monatelangen Walkabout mit den australischen Aborigines herausgegeben wurde. Und es ist auch verständlich, dass die Aborigines selbst sich dagegen gewehrt haben, als ihnen die fatalen Schmierereien des Buches bekannt wurden. Erst auf den dadurch entstehenden juristischen Druck hin musste die Autorin später – und definitiv nicht freiwillig – eine Seite einfügen lassen auf der sie zugab, dass „dieses Buch frei erfunden“ ist. Hat das noch jemanden interessiert? Wohl kaum! Das Buch ist unfassbar arrogant, unmoralisch und grenzenlos respekt- und skrupellos! Es zeigt aber leider den Grad der Unvoreingenommenheit und Uninfomiertheit auch der gebildeteren Schichten auf, die dieses Machwerk als Offenbarung verstehen „wollten“. Wohl auch deshalb las die Leiterin der Volkshochschule mit Inbrunst und Überzeugung aus dem Lügenwerk vor und half so mit, ein vollkommen falsches Bild von der Wirklichkeit der Ureinwohner Australiens zu verbreiten. Wie selten dämlich allein ist denn schon die Wahl des Buchtitels? Traumfänger gehören in die Kultur der nordamerikanischen Indianer und eignen sich schon deshalb nicht als Titel für das deutschsprachige Buch. Das Buch strotzt förmlich vor Fehlern und auch hier ist die Unvoreingenommenheit und Uninfomiertheit der vorwiegend weiblichen Leserschaft kritisch als Grund dafür heranzuziehen, warum dieses „Werk“ nicht schon früh einer öffentlich-rechtlichen Verbrennung zugeführt wurde. Der Wahrheitsgehalt des Buches geht gegen NULL und die Dinge, die man allgemein als „Wissen“ anzapfen hätte können, waren auch noch schlecht recherchiert. Das alles machte mich sprachlos und ich fragte mich, welche Beweggründe die Autorin hatte, so etwas zu schreiben? Es ist geradezu wiederlich respektlos, dass die Autorin damit auch noch versucht hat, sich mit ernsthaften Literaturschaffenden auf eine Stufe zu stellen und die Sinnsuche der Menschen schamlos auszunutzen. Und das auf Kosten einer ganzen Kultur, die unendlich viel tiefsinniger, schöner und wahrhaftiger ist! Aber kaum jemand, der das Buch gelesen hat, kam sich verarscht vor.

Sie sind vollkommen anders als im Traumfänger beschrieben

Die unmoralische Respektlosigkeit Naturvölkern gegenüber hat ja – bedingt durch unseren Kulturimperialismus – eine lange Tradition! Aus der Romantisierung der Lebensart von Naturvölkern Profit zu schlagen, ist nicht nur mehr als fragwürdig, sondern eine Beleidigung und ein Schlag ins Gesicht, angesichts dessen, dass alle Naturvölker der Welt seit Jahrzehnten verzweifelt versuchen, die zivilisierte Bevölkerung, die ihnen ihren Lebensraum nimmt, zur Einsicht bezüglich ihres Umgangs mit der Umwelt zu bewegen. Wir haben uns längst selbst über andere Zivilisation erhoben und sind dadurch nichts anderes, als ein überhebliches, arrogantes Volk von Barbaren, das sich besonders durch die Ausbeutung des Planeten, Völkermord, Sklaverei, Macht- und Profitgier und Unmenschlichkeit hervorgetan hat. Und in der überwiegenden Mehrheit wird dieses Einsichtsmodell in uneinsichtiger Weise noch immer so praktiziert. Und das Schlimmste: wir sind auch noch stolz darauf. Nicht alle, aber die überwiegende Mehrheit. Als Journalist oder Reiseberichterstatter habe ich immer versucht, die indigenen Bevölkerungen dieses Planeten unterstützen, immer wieder Vorträge in Wort und Bild gehalten und berichtet. Es war mir ein Anliegen, diesen Völkern damit eine Stimme zu geben, die oft genug ungehört verklang oder sogar angefeindet wurde. Wohl auch deshalb habe ich im letzten Artikel zu diesem Thema den „Zwischenrufer“ aus Friedberg erwähnt, der genug von den „Schwarznasen“ hatte! Gefährliche, egoistische, blinde Macht- und Profitgier waren und sind die Initiatoren für unser weltweites Umweltdesaster. Naturkatastrophen häufen sich, Corvid 19 hält die Welt in Atem, der Klimawandel wird die mit weitem Abstand größte Herausforderung für alle Menschen dieser Welt. Doch kaum einer spricht die Erfahrung der indigenen Völker an und und keiner hört sie! Stattdessen wird ein Lügenbuch, welches unsere Weltvorstellungen, Träume und Phantasien bestätigt, millionenfach verkauft und durchseucht die ohnehin fragwürdige Grundhaltung der „Kultur-Menschen“ weiter und weiter. Genug davon, dass der Traumfänger ein Bauernfänger ist, war für mich deshalb persönlich verletzend, weil ich über ein tieferes Verständnis für diese Kultur verfügte und bereit war, darüber zu berichten um andere an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Als ich in der „erhabenen Vorlesung“ der Leiterin der Volkshochschule auch im Saal meinen Mund nicht halten konnte, wurde ich des Raumes unter Androhung von Polizeigewalt verwiesen. Ich hätte es nun damit begründen können, dass es sich dort, bei diesem Raum, eben um eine intellektfreie Welt gehandelt habe, so dass es nicht mehr möglich war, Reflexion zu erzeugen. Aber wo, um Himmels Willen, soll denn noch reflektierender Intellekt gefunden werden wenn nicht in einer Vorlesung, bei der Ärzte, Professorinnen, Juristen, reiche Kaufleute neben dem „normalen“ Volk sitzen und lauschen? Spielverderber waren schon immer wenig geschätzt!

Exkurs Ende.

Nach dem diese erste „besondere“ Reise nach Australien im Jahr 1988 endete, waren die Spuren in Form von grenzenloser Euphorie bei uns, dem Sixpack, natürlich fortwährend spürbar. Ich vertrat immer die Meinung, dass eine Reise immer erst dann gemacht ist, wenn man darüber berichtet hat. Dabei muss es sich nicht unbedingt um einen an Ödnis und Langeweile nicht mehr zu überbietenden Dia-Abend auf dem heimischen Sofa handeln! Ein Gespräch, eine Erzählung, bei der man die eigene Begeisterung an weitere Personen vermittelt, sind ebenfalls ausreichend. So kam eine gewisse „Bewegung“ in Gang und die Schar derer, die ebenfalls gerne einmal eine solche Reise mit so hohem Erlebniswert mitgemacht hätten, wuchs und wuchs. Aber wir wollten als Gruppe nicht wieder sofort nach Australien aufbrechen! Die Welt war groß und der Reiseziele mit potentieller Anziehungskraft gab es schließlich noch viele! Da sich der Rest der Freundesgruppe komplett in beruflichen Verpflichtungen befand und damit nur über ein gewisses Zeitfenster verfügte, war ein Aufenthalt jenseits der vier Wochen Grenze nicht realisierbar. Erst Anfang 1991 wurde wieder eine Reise nach diesem Muster realisiert. Allerdings war die Gruppe da bereits auf 18 Personen angewachsen, so dass wir in den wunderschönen westlichen Staaten von US-Amerika gleich vier Wohnmobile anmieteten um allen Teilnehmern/-innen genügend Platz und Komfort zu bieten. Allerdings haben meine damalige Lebensgefährtin und ich diese vierwöchige Winterreise durch die Vereinigten Staaten nur als „Sprungbrett“ nach Neuseeland verstanden, wo wir für ein halbes Jahr zu bleiben gedachten und am Ende auch blieben. Der Kern der Gruppe (also dieser „Sixpack“) wollte bei dieser Winterreise durch die USA nämlich gerne herausfinden, ob denn die neuen Teilnehmer überhaupt in der Lage sein würden, eine extreme Jeep-Tour durch Australien zu überstehen. Wir wussten schon, dass man eine Gruppe auch kaputt machen kann (und damit auch das eigentliche Erlebnis) wenn man Teilnehmer/-innen dabei hat, die dem Verlauf aus welchen Gründen auch immer, nicht gewachsen sind. Und tatsächlich selektierten wir – natürlich auch im Umweg über Gespräche – einige Personen aus der Gruppe aus, bei denen wir uns sicher waren, dass sie noch weniger Komfort als den eines Wohnmobils nicht ertragen würden. Ich war zu dieser Zeit noch immer eingeschriebener Student an meiner Uni in Mannheim und hatte auch die Kurse der Fachhochschule im gegenüberliegenden Ludwigshafen noch absolviert. Aber in der Zwischenzeit hatte es Veränderungen gegeben. Veränderungen die mir klar machten, dass ich nicht die richtige Person für ein Studium war, in dem vorwiegend betriebswirtschaftliche Inhalte vermittelt wurden, auch wenn – zur Entspannung – die Fächer Psychologie und Sinologie für Abwechslung sorgten. Nach dem Ende der ersten Reise nach Australien hatte ich – motiviert durch einen sehr schlechten Reisevortrag über die Vereinigten Staaten für den ich auch noch Eintrittsgeld bezahlen musste – für meine Mit-Studenten einen Vortrag über die gerade zu Ende gegangene Reise durch Australien gehalten. Etwa 300 Studenten saßen dabei im Audimax und ich hatte über die Studentenvertretung vermitteln lassen, dass der Besuch kostenlos sei. Für Reisebüros hatte ich zuvor schon Reiseberichte in kleinerem Rahmen gehalten, aber noch nie auf einer so großen Leinwand (die im Audimax maß etwa 4 x 6 Meter) und auch nicht vor so vielen Zuschauern. Aber die Reaktionen der Studenten waren beflügelnd. Stehender Applaus und etwas zitierfähiges aus dem Mund eines Kollegen. Er – O-Ton – hatte ja überhaupt nicht kommen wollen, weil der Vortrag ja von einem Mitstudenten und auch noch kostenlos gezeigt wurde, aber da ein anderer Termin geplatzt wäre, sei er nun doch gekommen und vollkommen von den Socken. Es wäre der beste Vortrag gewesen, den er je gesehen hatte. Auch deshalb hatte ich im Prinzip bereits beschlossen, mein Studium spätestens nach dem Vordiplom zu beenden und mich mit aller Kraft in die Selbständigkeit zu stürzen. Das erste Projekt, welches ich realisieren wollte, war dann aber Neuseeland und nicht Australien. Deshalb der lange Aufenthalt im „Land der langen, weißen Wolke“.

Die Schluchten des Nordwestens.

Aber 1992, sofort nach dem Ende der ersten Tournee durch Deutschland mit einer Multimedia-Präsentation über Neuseeland zog es uns wieder nach Australien. Die Reise dorthin war ja ohnehin zu einer Art Pflichtprogramm für uns geworden, nachdem wir mit unserer überschäumenden Begeisterung so viele Leute motiviert hatten, sich uns anzuschließen. Und natürlich hatten meine damalige Lebensgefährtin und ich vor, nach dem üblichen, vierwöchigen Aufenthalt mit der Gruppe noch drei weitere Monate dranzuhängen um unsere Kenntnisse zu vertiefen und weiteres Bildmaterial zu erstellen, da wir ab Herbst 1992 mit dem Folgeprojekt „Australien“, dargeboten in einer Multimediashow das Publikum in Deutschland und erstmals auch der Schweiz und Österreich zu beglücken gedachten. Und da wir als „Six-Pack“ bei der Vorbereitung der anstehenden Reise ein gewisses Vorrecht hatten, den Verlauf der Tour zu bestimmen, wählten wir natürlich in erster Linie die Regionen aus, die wir noch nicht kennengelernt hatten. Die „Neulinge“ vertrauten uns und ließen uns machen. Natürlich war uns klar, dass wir den Neuen einige der absoluten Highlights, die uns ja ebenfalls verzaubert und tief beeindruckt hatten, nicht vorenthalten durften und so kamen zum Beispiel die Regionen rund um die heiligen Felsen der Aborigines, die Kata Tjuṯa Berge (die Olgas) und der Uluru (Ayers Rock) sowie die pulsierende Metropole Sydney und der Kakadu-Nationalpark erneut ins Programm. Der Rest der Reise, der dieses Mal mit vier geländegängigen Jeeps + einem kleinen Suzuki Swift, den wir als „Küchenwagen“ benötigten, absolviert wurde, führte uns in eindrucksvoll langen Autofahrten von Darwin im Norden über den Litchfield-Nationalpark und dann immer in schönem Wechsel über Outdoor-Pisten und den Highway No.1 via Fitzroy Crossing und die Regionen der Kimberleys nach Broome am westlichen Rand des Kontinents, direkt am indischen Ozean gelegen. Im Fokus hatten wir auch in der größer gewordenen Gruppe natürlich die einsamen Pisten, die nun auch den anderen das Gefühl vermitteln sollten, wie es sich (auf dem Dachgepäckträger reisend) anfühlte, wenn man so intensiv durch eine entlegene Region fuhr. Deshalb verließen wir mit unserem Konvoi einige Kilometer hinter dem kleinen Landestreifen für Flugzeuge bei Barradale auch den Highway und folgten einer kaum erkennbaren Piste zuerst durch ein bis zum Horizont reichendes Geröllfeld in einer ariden Halbwüste um nach etlichen Kilometern Schleichfahrt zu den ausgedehnten weißen Wanderdünen der nördlichen Westküste zu kommen. Die gesamte Halbinsel rund um den Golf von Exmouth war 1992 noch fast unbewohnt. Die Straße durch die großen Dünen war deshalb auch nur ein immer wieder verschwindender Pfad, der oft genug mit Mühe gesucht und mit Glück auch wieder gefunden wurde. Sehr schnell hatte sich auch in dieser vergrößerten Gruppe wieder das Gefühl für die Einzigartigkeit des Erlebten eingestellt. Und auch damals fanden die Mitglieder der Gruppe schnell und intensiv zueinander. Gerade bei dieser Tour hatte ich später oft das Gefühl, dass es sich um ein verkapptes rollendes Eheanbahnungsinstitut gehandelt haben könnte, das gesamte Unterfangen! Als sich – erst heimlich, später öffentlich – Pärchen bildeten, dachte ich noch, dass es sich dabei wohl um eine Liebelei, einem Urlaubsflirt gleich, handeln könnte. Diese aufeinander Bezogenheit würde sich sicher schon bald nach der Reise wieder verflüchtigen?

Wasser: der absolute Lebensquell in diesen Regionen

Weit gefehlt! Heute laufen nach meinen Kenntnissen zwölf junge Menschen auf dieser Welt herum, die als Spätfolge der erfolgenden Paarbindungen auf dieser Reise zu verstehen sind. Die Pärchen blieben zusammen und nicht alle wurden später wieder geschieden! Sie blieben zusammen und taten das, was alle Paare tun und was gemeinhin als die „schönste Sache der Welt“ bezeichnet wird. So vermehrten sie sich! 12 „australische Kinder“ könnte man argumentieren! Doch lassen wir das an dieser Stelle und bleiben wir auf der Sandpiste, die wir nur in Schritttempo mit den vier großen Jeeps und dem ebenfalls geländegängigen kleinen „Küchenwagen“ bewältigen konnten. Vor kurzem sah ich einen Bericht im Fernsehen über diese Region und konnte feststellen, dass die touristische Entwicklung in dieser Einöde gewaltig an Fahrt aufgenommen hat in den letzten Jahrzehnten! Der komplette Norden der sandigen Halbinsel war 1992zig noch menschenleer, nur an der Westküste, direkt am indischen Ozean, gab es ein wildes Camp von Menschen, die allerdings kein Interesse daran hatten – aus welchen Gründen auch immer – dass Besucher zu ihnen kommen würden. Überall dort, wo ein kaum erkennbarer Pfad aus den Dünen zur Küste hinab führte, hatten sie diese wohlmeinenden Personen Schilder aufgestellt, auf denen zu lesen stand, dass man weg bleiben solle (Keep out) oder das man sich auf Boden begeben würde, der einem nicht gehört (private property). Als ich vor den Jeeps durch den weichen Sand lief um doch noch einen Abzweig hinunter zum Strand zu finden, bemerkte ich, dass die Bewohner des wilden Camps Glasscherben im weichen und ebenso weißen Dünensand verbuddelt hatten! Warum das? Wenn man doch derart aggressiv darauf bestand, dass niemand es wagte zu diesem Camp zu kommen, wieso sollten Fahrzeuge denn dann ausgerechnet hier oben in den Dünen einen Reifenschaden erleiden? Die einzig mögliche Hilfe, die dann hätte gegeben werden können, hätte aus dem Camp kommen müssen. Das erschien mir nicht schlüssig und auch ein wenig gefährlich! Wir befanden uns weit weg von jeglicher Zivilisation! Sollten dort unten in diesem Camp vielleicht gedungene Mörder, Haftanstalten entsprungene Psychopathen und Kinderschänder leben? Ich war deshalb froh, dass wir so viele waren und auch, dass ich damals noch recht fit war und längere Zeit im Dauerlauf durchhalten konnte. Die Zahl der weiter auf diesem Weg im Sand vergrabenen Glasscherben nahm nämlich nicht ab, sondern zu. Da ich mich für das Wohl der Gruppe verantwortlich fühlte, lief ich auf den nächsten 15 Kilometern vor dem Konvoi her und ertastete in unregelmäßigen Abständen immer wieder neue Glasscherben. Eine der wenigen negativen Erinnerungen an meine Aufenthalte in Down Under. Einen Zugang zum Strand haben wir später doch noch gefunden und konnten eine unvergleichliche Nacht unter freiem Himmel am Strand erleben.

Die Rotrücken-Spinne ist in der Relation zu ihrer Körpergröße die giftigste Spinne der Welt.

Kontakte zu Ureinwohner hatten wir in diesem Teil Australiens nicht. Ich hatte bei der ersten Reise von dem älteren Aborigine in Brisbane vor dem Rathaus ja einen Zettel mit Namen und Adressen von Aborigines in Darwin und Broome bekommen und da wir auf dieser Reise in Darwin, in Nordaustralien ankamen, haben wir natürlich auch versucht, diese Kontakte herzustellen. Dabei hatten wir auf dem Gelände des Flughafens bereits eine erste, unvergessliche Begegnung. Nicht mit einem australischen Menschen, sondern mit einem deutschen Touristen. Was aber das besondere daran war: der junge deutsche Tourist stand mitten in der Halle des Flughafens und besah sich – mit einem verzweifelten Blick – eine Landkarte. Ein Stück davon entfernt war ein Fahrrad an einer Bank angelehnt und ein Rucksack sowie zwei Fahrradtaschen standen drum herum. Ich wollte gerne wissen, ob er ein Problem habe und sprach ihn deshalb einfach an. Er sah kurz von seiner Landkarte auf, zuckte mit den Schultern und antwortete mit einem unentschlossen klingenden „nu“! Über Dialekte lässt sich trefflich streiten. Welcher schön und welcher eher nicht so schön klingt, muss jeder für sich selbst beantworten. Das, was der junge Mann aber gerade von sich gegeben hatte, war eindeutig sächsisch! Ich benötigte zu dieser Zeit bereits in Sachen Sächsisch keinerlei Hilfestellung mehr, da ich in der Zeit der „Wende“ und in den ersten Monaten danach sehr oft in der Region zwischen Leipzig, Chemnitz und Dresden unterwegs war um dortige Reiseunternehmen (oder die, die es werden wollten) beratend zu unterstützen! Dabei lernte ich auch schnell, dass Sachsen das einzige Land der Welt war, in dem man heiraten konnte, ohne JA zu sagen! Ein „nu“ reichte völlig aus. Da der junge Kerl weiterhin sehr überfordert mit seiner Situation schien und auch weil ich ahnte, dass er des englischen nicht mächtig genug war um selbst bei den Einheimischen um ihn herum nachzufragen, entschloss ich mich dazu, ihm unter die Arme zu greifen! Wo er denn hin wolle? „Nu, mit dem Rad uff der Straße hier fahrn“. Sächsisch ist einfach eine geniale Sprache! Ich glaube, dass Sächsisch die einzige Sprache ist, in der es für Gorgonzola und Gurkensalat dasselbe Wort gibt! Gorgonzola wird in etwa wie Görgönsöla ausgesprochen und der Gurkensalat wird Görgönsölad genannt. Da ist nur noch ein kleiner, feiner Unterschied herauszuhören. Der Umgang mit Sachsen kann aufgrund der Sprachbarriere für viele Menschen deshalb ein ernstes Problem darstellen! Da ich es für unmöglich halte, den Wortlaut im Schriftlichen wiederzugeben, werde ich darauf verzichten und an die Erfahrung und die Phantasie der Leser/-innen appellieren. Möge sich jeder die entsprechenden Töne zum Gelesenen dazu denken! Welche Straße er denn meine, der junge Mann? Er zeigte mir auf der Landkarte die dicke Linie des Stuart Highway, der auf einer Länge von rund 2.700 Kilometern in Süd-Nord-Richtung quer durch das heiße rote Zentrum des Kontinents verläuft und dabei die Städte Darwin, Alice Springs im Roten Herzen und Port Augusta in Südaustralien verbindet. Und diese Strecke wolle er mit dem Fahrrad fahren? „Nu“! Ach du meine Güte, wie infantil hatte der Kerl denn seine Planung gemacht? Dass es 2.700 Kilometer waren, hatte er nicht bedacht. Dass es dazwischen auch mal für 400 Kilometer keinen Ort, keinen Rasthof und – wohl wichtig in seinem Fall – kein Erste-Hilfe-Zentrum gab, war ihm sicherlich vollkommen unbekannt? Gut, ich habe schon viele verrückte Menschen kennengelernt, vielleicht war das ein Lebenstraum vom ihm? Mit dem Fahrrad einmal quer durch Australien zu fahren? „Näh“, es war ihm spontan eingefallen als er „aus´m Westen“ (ehemalige BRD) die Nachricht bekam, dass einer seiner Onkel in Detmold verstorben sei und ihm, dem fernen Verwandten aus dem Osten (ehemalige DDR) einen erklecklichen Betrag hinterlassen habe, den er sich würde abholen können. Den Onkel aus Detmold kannte er nicht persönlich, aber der Nachlassverwalter hatte ihn, den fernen Neffen aus dem Osten gesucht, gefunden und ihn von der Erbschaft in Kenntnis gesetzt.

Der asphaltierte Highway No.1 auf dem Weg nach Westen
Die Bungle Bungle Berge erreicht man nur über Schotterpisten

Wie viel er denn geerbt habe? Nicht einmal 10.000.- D-Mark, wäre aber gerade viel genug gewesen um sich ein Tourenrad samt Ausrüstung und ein Ticket nach Australien und wieder zurück zu kaufen. Er hatte keine Pläne gemacht, sondern aus dem Bauch heraus entschieden. Und nun stand er in der Ankunftshalle des Flughafens im feucht-tropischen Darwin, hatte noch nicht einmal einen Fuß vor die Tür gesetzt um eine Ahnung davon zu bekommen welche Temperaturen und welche Luftfeuchtigkeit dort draußen herrschten, war sich aber sicher, diese Straße da quer durch zu finden und zu befahren! Mit dem Fahrrad und geschätzten 40 Kilogramm Gepäck! Ich dachte mir nur dass, wenn er das ganze Geld vom Onkel aus Detmold nicht für seine Reise ausgegeben hätte, auch bald ein Nachlassverwalter nach seinen Erben würde suchen müssen, weil er nicht einmal die etwa 15 Kilometer bis zum Beginn des Stuart Highway geschafft hätte! Nun gut, vielleicht hatte er viel Zeit mitgebracht und war eine leidensfähige Person? „Nö“, leider nur 14 Tage, dann müsse er wieder „uff“ de Arbeit sein! 14 Tage? „Nu“. Und bis runter und auch wieder zurück? „Nu“. In 14 Tagen? „Nu, nu“! Ein doppeltes „nu“ bedeutet in Sachsen, dass der, der es ausspricht, etwas mit besonderer Intensität bejaht. Ich überließ den jungen Mann, nachdem ich eine ernste Warnung ausgesprochen hatte, der Beratung durch meine anwesende Gruppe. Ich musste mich um den Empfang der 5 Allradjeeps kümmern (inklusive Küchenwagen), mit denen wir von nun an weiter zu reisen gedachten. Ich sah den jungen Mann nie wieder und wurde von meinen Reisegefährten später lediglich darüber informiert, dass sie ihn alle (auch die, die noch nie in Australien gewesen waren) ausdrücklich davor gewarnt hätten. Sie hatten am Ende das Gefühl, dass er sich ein Busticket kaufen und erst einmal die knapp 2.000 Kilometer bis zum Uluru mit dem Bus fahren würde. Wir waren im Verlauf der nächsten vier Wochen nicht sonderlich aufmerksam, welche Neuigkeiten von der großen weiten Welt nach Australien geschwappt kamen, aber besonders unsere mitreisenden Damen äugten bei Kontakt mit Plätzen der menschlichen Besiedlung gerne mal in die Zeitung, ob denn der Leichnam eines jungen Mannes auf seinem Fahrrad am Rande des Stuart Highway gefunden worden war oder ob ein junger Mann aufgetaucht sei, der eine derart unverständliche Sprache sprach, dass ihn auch der herbeigerufene Dolmetscher, den das deutsche Konsulat dann wohl geschickt hätte, ihn nicht verstand! Mit dem Fahrrad, in 14 Tagen, quer durch Australien von Darwin nach Adelaide und zurück, 6.000 Kilometer. Mit dem Fahrrad! Bei Tagestemperaturen von oft über 50° Grad Celsius und Nachttemperaturen, die auf 0° Grad runtergehen können? Nu!

Ultimative Einsamkeit an den weißen Stränden des Westens
Am Ningaloo Riff nicht mehr so leicht zu finden

Bei dieser 1992er Tour blieben wir in der ersten Nacht in Darwin! Da wir ein Angebot von einer exklusiven Hotelkette hatten, dort eine Nacht zu verbringen um dann später in der Multivisions-Präsentation genau diese noble Hotelkette zu erwähnen (ich hatte meine Hausaufgaben gemacht und es kam ja der gesamten Gruppe zugute), hatten wir einen sehr bequemen und luxuriösen Einstieg in die Reise. Ein bisschen fremdelten unsere Jeeps zwischen den vielen Limousinen der Oberklasse, die auf dem Parkplatz teilweise zusammen mit ihren sie waschenden und blank putzenden Chauffeuren standen. Aber sie hielten sich ganz wacker – hatten ja wenigstens sich selbst und schmutzig waren sie zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht. Nicht ohne Grund und Hintergedanken überzeugte ich die Gruppe, zuerst einmal mit den Fahrzeugen zu den botanischen Gärten in der Nähe des Meeres zu fahren. Dort würden wir genug Parkplätze finden und zudem extrem exotische Pflanzen und sicher auch die ersten Tiere zu Gesicht bekommen. Ich hatte mir die Namen der Aborigines, die mir der Alte aus Brisbane auf einen Zettel schrieb, fein säuberlich abgetippt und das Papier mit Folie heiß versiegelt. Den Zettel trug ich in meiner Tasche, als wir dort ankamen und aus den Jeeps heraus in die Wunderwelt der exotischen Gärten strömten. Es dauerte nicht lange, bis wir die ersten Aborigines unter den Bäumen bemerkten. Frauen saßen da zusammen, Männer an einem anderen Platz. Die Kinder spielten irgendwo zwischen den Bäumen und eine gewisse Gelassenheit drang von dort zu uns herüber. Ich hatte meinen Reisegefährten angekündigt, dass ich verstärkt Kontakt zu den Aborigines suchen würde, da ich ja nun – im Vergleich zur letzten Reise – geradezu aufgefordert worden war, diese in Aussicht gestellten Kontakte zu vertiefen. Ein bisschen blöd fühlte ich mich dann aber doch, als wir in einem Tross von 17 Personen Kurs auf die beiden Gruppen nahmen. Ich bemerkte auch, dass einige aus der Gruppe Schwierigkeiten damit hatten, sich diesen so komplett anders aussehenden Menschen zu nähern. Und obwohl ich Dialoge mit Frauen gut „konnte“, entschied ich mich aus dem Bauch heraus dazu, die Gruppe der Männer anzusteuern. In den Jahren zwischen den Reisen hatte ich mehr über die Vorstellungswelten der Aborigines gelesen und einiges verstanden! So sollte es einem fremden im Prinzip absolut unmöglich sein, mit einer Aborigine-Frau in Kontakt treten zu können. Aber die Männer dieses Volkes hatten mich damals ja selbst angesprochen und mich in ihre Mitte gebeten? Was also sollte falsch daran sein, auf die Gruppe der Männer zuzusteuern? Und es gab ein Dejavu! Auch in dieser Gruppe saß ein älterer Mann, der mich anblickte als wir uns näherten. Auch er unterbrach sein Gespräch mit den anderen Männern nicht, sah mich aber unentwegt an. Als wir noch etwa 20 Meter von den Männern entfernt waren, kamen einige der Aborigine Frauen auf uns zu, nahmen unsere Damen am Arm und führten diese von uns weg zu der Gruppe der Frauen hin. Aha? Einigen der Damen fiel es nicht leicht, sich so pardauz am Arm gegriffen und weggeführt zu fühlen. Der eine oder andere hilflose Blick über die Schulter wurde den männlichen – vermeintlichen – Beschützern schon zugeworfen. Die erste Dame aus unserer Mitte, die sich gleich die erste Aborigine Frau gegriffen hatte, übte offensichtlich eine besondere Faszination auf sie aus? Sie hatte sehr lange, gelockte dunkelrote Haare und einen sehr hellen Teint! Gleich drei der Frauen aus der Gruppe der Aborigines waren aufgestanden und hatten sich an ihren Haaren zu schaffen gemacht und ein Gespräch mit ihr begonnen. Mit den anderen Frauen aus unserer Gruppe unterhielt sich jedoch keine der Einheimischen. Bei uns Männern war es kurz darauf ähnlich, die Gruppe der im Schatten einer großen Würgefeige sitzenden Männer beendete ihr Gespräch, als wir unmittelbar bei ihnen standen. Aber Kontakt suchten sie ausschließlich zu mir! Erst später habe ich erfahren, dass sich die Aborigines genau aussuchen, mit wem sie Kontakt haben wollen und mit wem nicht. Dass jeder Mensch einen Teil seiner Seele auf der Haut trägt und dass sie, die Ureinwohner, diese Seele würden wahrnehmen können. Und sicher war ich aus der Gruppe unserer Männer der einzige, der wirklich offen war für die Begegnung mit ihnen. Aber warum dann diese dunkelrothaarige Frau aus unserer Gruppe? Zuhause in Deutschland übte sie einen sozialen Beruf aus, stand mit Hingabe den Schwächsten unserer deutschen Gesellschaft zur Seite und war sich nicht zu schade, ihren Job in heftigen Diskussionen mit ihren Vorgesetzten aufs Spiel zu setzen, wenn es ihr um die gute Sache ging. Ich kannte ihre genaue Vita vor dem Antritt der Reise nach Australien nicht, forschte aber nach dem „warum“ und suchte auch deshalb das Gespräch mit ihr. So erfuhr ich sukzessive Dinge aus ihrem Leben bis mir klar wurde, warum überall und immer wo wir auf Aborigine Frauen stießen, diese den Kontakt zu ihr und nicht zu den anderen Frauen unserer Gruppe suchten.

Rote Riesenkängurus sind im Westen häufig anzutreffen

Ich für meinen Teil war schnell bedient. Ich zeigte dem Alten den Zettel mit dem darauf befindlichen Namen und erwähnte, dass mir ein Aborigine aus Brisbane diesen Namen genannt habe, dass es deshalb wichtig für mich sei, diese Person nun zu treffen. Aber keiner der Männer unter dem Baum konnte mit diesem Namen etwas anfangen. Ich war enttäuscht und fragte zur Sicherheit nach, ob es denn sinnvoll wäre, in Broome nach der zweiten Person zu fragen, wenn wir den entfernten Platz dann irgendwann erreichen würden. Auch der zweite Name sagte niemandem aus der Männergruppe etwas. Mittlerweile hatten sich meine Mit-Männer aus der Gruppe mit ihren Photoapparaten und Kameras davon gemacht. Zu sinnlos mochte ihnen dieses hier stehen und nach Personen forschen, die es offensichtlich gar nicht gab, vorgekommen sein. Nein, auch der zweite Name sagte niemanden hier etwas. Aber der älteste Mann, der mich mit seinem aufmerksamen Blick an die Begegnung in Brisbane erinnerte meinte, dass er selbst Verwandte dort habe, diese allerdings noch nie zu Gesicht bekommen hätte. Wie gesagt, meine Erfahrungen mit der Welt der Aborigines waren zu diesem Zeitpunkt noch immer als maximal rudimentär zu verstehen. Ich wusste lediglich, dass sie die Organisation ihres sozialen und natürlichen Lebensraumes auch im Umweg über Totemismus und Verwandtschaftsgruppen pflegten und hegten. Jede Gruppe besaß ein Territorium, wobei allein der Begriff des „Besitzes“ eine komplett andere Bedeutung hat als in unserer Lebenswelt in den abendländischen Kulturen. Überall in den Territorien der Aborigine Familien befinden sich totemistische Orte, an denen es Spuren von Traumzeitwesen gibt, die in grauer Vorzeit die Welt durchstreiften. Der Alte erklärte mir, dass es der Riesenwaran gewesen sei, der an den Stellen wirkte, denen er sich zugehörig fühlt. Und seine Verwandten in der Region West-Australien in der Nähe der Stadt Broome hätten dasselbe Totem, so dass er sie als Verwandtschaft ersten Grades ansehen würde. Ich solle nach Kerlen fragen, die den Familiennamen Tchakamarra tragen würden. Es gäbe dort einen Larry und einen Nebo. Wenn ich sie treffen würde sollte ich Grüße von ihm ausrichten. Allgemeines Gelächter! Ich sollte also ernsthaft nach einem Aborigine mit Namen Larry oder Nebo Tchakamarra Ausschau halten, im Tausende von Kilometern entfernten Broome und denen Grüße von einem in Darwin lebenden Aborigine ausrichten – so ich sie denn fand –, der diese beiden noch nie zuvor gesehen oder gesprochen hatten? Nur weil sie dasselbe Totem hatten? Dieser erste Teil der Reise, zusammen mit meiner Gruppe, brachte noch keinen inneren Durchbruch in Bezug auf diese uralte Kultur. Aber auch die ersten vier Wochen waren gut dafür, weitere Neugier zu wecken und diese unbestimmte Spannung in mir, dass da vielleicht etwas Besonderes für mich verborgen lag, zu vergrößern. Aber im Prinzip habe ich später zusammen mit meinen Reise-Gefährten Darwin verlassen und dabei gedacht, dass es wohl nichts einbringen wird. Ich sollte mich enorm getäuscht haben.

Die Küstenstreifen bei Broome sind oft erdfarben und schroff

Wir waren auch 1992zig noch eine Truppe von ziemlich jungen Leuten. Unser Jüngster war gerade mal 22 Jahre alt und ich hatte – was ihm hochnotpeinlich war – vor der Reise einen Besuch bei seinen Eltern machen müssen, bei dem ich den Verlauf der Reise und die eventuell enthaltenen Gefahren explizit darstellen musste. Er war das einzige Kind des Elternpaares und sie mögen sich in seiner Abwesenheit – denn wir konnten aufgrund unserer Reiseroute oft eine ganze Woche lang nicht telefonieren – derart gegrämt haben, dass ihnen vielleicht am Ende sogar graue Haare wuchsen? Unser „Senior“ war 39 und dazwischen waren in zwei Geschlechtern alle Altersgruppen vertreten. Diese beschriebene Nacht am Strand der Exmouth Halbinsel in der Nähe des mittlerweile sehr bekannten Ningaloo Riffes hatte auch etwas Erinnerungswürdiges zu bieten. Ja, auch ich war einst jünger und ungestümer als in der heutigen Zeit. Um unsere Reise noch stärker an den „Busen der Natur“ zu verlagern, hatte ich auch eine Angelausrüstung mit nach Australien genommen. Es war geplant, dort wo es erlaubt war – zum Beispiel in den Meeren – zu versuchen, sich einen Teil unserer Lebensmittel selbst zu organisieren. Und wer einmal in seinem Leben, einen frisch gefangenen und umgehend zubereiteten Fisch zu sich genommen hat, wird diesem kulinarischen Erlebnis der Extraklasse für den Rest seines Lebens nachtrauern. Denn der sogenannte „frische“ Fisch auf unseren Märkten und hinter unseren Theken, ist niemals frisch genug, um wirklich frisch zu sein. Höchstens dann, wenn der Deutsche Mensch an den Küsten der Nord- oder Ostsee lebt und sich seinen Fisch direkt vom Kutter holt und in die Pfanne haut. Da wir in entlegener Natur die Nacht verbringen wollten, keimte in mir die Idee, es mit der Angel zu probieren. Ich hatte schließlich einige Jahre dieser Leidenschaft gefrönt und war auch im Jahr zuvor, bei der langen Reise durch Neuseeland, immer wieder einmal mit der Angel erfolgreich. Also? Die Brandung war heftig und ich wusste, dass die Ausläufer des gewaltigen, in seiner Gesamtheit etwa 250 Kilometern langen Korallenriffs auch schon dort draußen, in Wurfweite des Köders ihr Unwesen trieben. Also watete ich so weit es ging in die Brandung hinein und warf das schwere Blei mit dem daran hängenden Köder ebenfalls so weit es ging ins Meer hinaus. Schon nach wenigen Sekunden zappelte der erste Fisch an der Angel. Es war eine Art Dorade, etwa ein Kilogramm schwer, was bedeutete, dass nach dem ausnehmen und entgräten höchstens 400 Gramm Fisch übrig bleiben würden. Ich hatte aber eine 17köpfige Familie zu füttern und musste es deshalb weiter versuchen. Fisch 02 und Fisch 03 (von der selben Gattung) waren ebenfalls schnell gefangen, aber bei Fisch 04 endete das Anglerglück. Er biss brav und genau so wie es sich für einen Fisch der sich fangen lassen will, in den dargebotenen Köder. Auch wehrte er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten so wie es ihm eben zustand. Ich kurbelte ihn heran und war schon in freudiger Erwartung, ihn sogleich als Beute in die Hände unseres Küchenchefs zu legen, der auch die drei anderen Fische bereits in seinem Beutel trug. Plötzlich und vollkommen unerwartet wuchsen dem sich bis dahin nicht mehr als die anderen Kollegen gewehrt habenden Fisch gigantische Kräfte zu. Es gab einen Schlag an der Angel, der mir fast die Rute aus den Händen schlug. Ganz kurz nur und auch keine drei Meter von dem Platz entfernt, an dem ich bis zum Bauchnabel im Wasser stand. Hatte ich erwähnt, dass es bereits dunkel geworden war? Ich holte die Schnur weiter ein, konnte dabei zwar keine Gegenwehr mehr feststellen, aber noch immer hing „etwas“ am Haken. Ich bat den „Koch“ mit der Taschenlampe ins Wasser zu leuchten weil ich nicht wusste, was da gerade mit geglaubtem Fang und Beute geschehen war. In genau dem Moment, in dem ich eines Fischkopfes gewahr wurde (der wohlschmeckende Teil ab den Kiemen bis zur Schwanzflosse fehlte bereits) und diesen enttäuscht aus dem Wasser zu heben gedachte, gedachte der etwa 1,5 Meter lange Riffhai, der sich seinen Teil der Beute bereits geholt hatte, dass ihm dieser blutende Fischkopf doch sicherlich auch noch schmecken würde! Bei seinem Zugriff schraubte er sich samt Fischkopf so stürmisch aus dem Wasser, dass er mit seinem Körper gegen meinen Bauch und meine Beine prallte. Den Fischkopf hatte er nun auch und Angler & Koch beschlossen, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Riffhaie verspeisten in der Regel keine Menschen, aber ein Haifisch-Gebiss hatten sie auch! Aber wer hatte den Film „Der weiße Hai“ in meiner Generation nicht gesehen? Wir wussten, dass es sehr oft „große Weiße“ vor den Küsten Australiens gab und mit diesen bis zu dreieinhalb Tonnen schweren und möglicherweise bis zu sieben Meter langen Ungetümen wollten wir ganz bestimmt nicht am Ende noch Bekanntschaft machen. Wir durchpflügten Seit an Seit die tosende Brandung und ich bin mir sicher, dass uns auch bekannte Spitzensportler wie Usain Bolt nicht hätten überholen können. Wagemut und Unverstand! Aber wir waren erfolgreich und die Gruppe musste an diesem Abend jedenfalls nicht verhungern, auch wenn sie von dem bisschen Fisch nicht satt wurde!

Der kleine Dornenteufel bewegt sich nur langsam

Demut ist ein wunderschönes Wort. Wohl aber nur für die, die nicht etwas Negatives darin gespiegelt sehen wollen! Denn immer wenn ein Zustand oder eine Haltung in unseren komplizierten Gesellschaften, von anderen erzwungen wird, hat Demut einen faden Beigeschmack. Wenn sie eingefordert wird aus der Demut eine Demütigung. Sicher haben wir uns – in guter Laune und Verbundenheit gemeinsam unterweg zum größten Teil keine Gedanken um die Demut gemacht. Niemand war unterworfen worden und wir achteten darauf, dass Niemand Unterlegenheitsgefühle entwickelte, da Abläufe und Aufgaben immer sehr demokratisch verteilt wurden. Trotzdem hatte ich bei der Beobachtung meiner Reise-Gefährten das Gefühl, dass sie über den eigenen Mut, die Dinge zu tun, die wir gerade taten, in eine Art Demut der Welt um sich herum gegenüber geraten waren. Zumindest manchmal, wenn sie in Gedanken und sichtlich versonnen irgendwo saßen und mit einem Lächeln in die Welt blickten. Mut lässt die Menschen einfach etwas wagen. Ich glaube heute, dass der größte Motivationsfaktor darin zu finden war, dass wir eine Weile alles sein ließen, was alle anderen machten. Es war ja keine klassische Urlaubsreise sondern eine gemeinsame Herausforderung. Wir standen zu keinem Zeitpunkt unter Druck, sondern gönnten uns eine Pause, in der unsere Seelen tatsächlich zu baumeln begannen. Die „baumelnden Seelen“ werden ja so oft in der Werbung verwendet, dass man zwar ein Gefühl dafür entwickelt hat, dass es diesen Zustand gibt, aber beim Urlaub am Strand stellt sich dieses Gefühl dann trotz der offenen Erwartung so nicht ein. Und dennoch gab es eine gewisse Gruppendynamik, die sich deutlich von der des alten „Sixpack“ unterschied. Dies soll ja auf keinen Fall ein „Friede-Freude-Eierkuchen-Bericht“ werden! Wir hatten natürlich unterschiedliche Charaktere in unserer Gruppe, von denen manche auch ein bisschen toxisch waren. In dieser Situationen, in der wir uns befanden, hatten sich ja gerade neue Leute kennengelernt, auch wenn man sich von diversen Treffen aus dem Vorfeld oder von einer gemeinsamen Reise in den Westen der USA bereits kannte. Ich für meinen Teil kann heute in Ruhe schreiben, dass ich toxische Menschen wie ein Magnet anziehe. Es gibt keine eindeutige und prägnante Definition für das, was ein toxischer Mensch eigentlich ist, aber typische Eigenschaften und Verhaltensweisen, die toxische Menschen auszeichnen, gibt es im Überfluss. Natürlich kann hinter dem toxischen auch immer eine ernsthafte Erkrankung stecken, eine Bipolarität oder eine Stoffwechsel-Erkrankung des Gehirns, aber die meisten Personen die mir begegnet sind und die ich diesem Menschenschlag zurechnen würde, logen! Sie logen und manipulierten ihre Umwelt bewusst. Einem toxischen Menschen ist jedes Mittel recht, um die eigenen Ziele zu erreichen, Meinungen durchzusetzen oder einen Vorteil zu erzielen. Solange es den eigenen Zwecken nutzt, nutzen toxische Menschen das ihnen entgegengebrachte Vertrauen aus, verdrehen die Wahrheit oder lassen wichtige Informationen einfach weg. Besonders perfide sind Intriganten, Klatschtanten und Gerüchteverbreiter, die versuchen, dem Ruf eines anderen zu schaden. Hier wird das Image eines anderen bewusst durch den Dreck gezogen, um den eigenen Status hervorzuheben oder sich durchzusetzen. Toxische Menschen überschreiten Grenzen und es ist ihnen oft egal, ob sie etwas dürfen oder ob andere ihr Verhalten für richtig oder falsch halten – sie tun es einfach, auch auf die Gefahr hin, anderen damit zu schaden. Ein klassisches Beispiel ist etwa, ein Nein nicht als solches akzeptieren zu können. Stattdessen wird immer weiter gemacht und gedrängt. Dabei merken sie oft gar nicht, in welche Situation sie ihren Gegenüber bringen und auch Entschuldigungen kennen toxische Menschen nicht. Sie sehen sich mit ihrem Verhalten immer im recht und lassen sich von dieser Meinung auch nicht durch Diskussionen oder Fakten abbringen. Während der Tour durch Down Under wurde dieses beschriebene „toxische“ gut eingehegt, aber Stück für Stück setzte sich das Gift doch durch und nach dem Ende der Reise – als meine damalige Lebensgefährtin und ich noch in Australien waren – löste sich diese Gemeinschaft auf und zerfiel in Grüppchen oder die neu gebildeten Paare zogen es vor, sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Phytonschlangen dagegen können sehr schnell sein.

Vorboten, dass die Gruppe auseinanderfallen würde, gab es nicht, aber Ahnungen schon. Als wir nach Tagen des Reisens durch unbewohnte oder kaum bewohnte Regionen nach Broome kamen, traf ich dort den charismatischsten Menschen, der mit jemals begegnet ist. Allein die Begegnung mit ihm – auch wenn sie auf den Moment dort bezogen und auch in den Wochen und Monaten danach nicht zu einer Erweiterung meiner Sinne führte – war inspirierend und motivierend zugleich. Nach der Ankunft in dem kleinen Städtchen waren wir ja sozusagen nach längerer Pause wieder an einem Platz gelandet, an dem wir die sogenannten „Segnungen der Zivilisation“ genießen konnten. Drei unserer Damen sprachen schon seit zwei Tagen davon, dass sie dort, in Broome, zuerst einmal in ein Café gehen würden um endlich mal wieder einen „richtigen“ Kaffee zu trinken. Der lösliche Kaffee, den wir uns über den Gaskochern zubereiteten, schmeckte – zugegeben – wie eine ausgeschweißte Socke. Nachdem wir die Fahrzeuge abgestellt und uns in Grüppchen auf den Weg durch die Stadt gemacht hatten, fiel uns der hohe Anteil der Aborigines auf, die dort an den Hauswänden lehnten, auf der Straße saßen oder – ebenfalls in kleinen Gruppen – miteinander umher liefen. Nachdem ich eine Weile – es war ja mein erster Aufenthalt an diesem fernen Ort und ich fühlte die Verpflichtung, zu dokumentieren – mit der Kamera unterwegs war und diverse Objekte des Interesses abgelichtet hatte, kam ich zur Ruhe. An einem der größeren Plätze dort bemerkte ich aus der Ferne einen sehr alten Aborigine, der ein rot-weiß kariertes Hemd trug, das ein wenig an die kanadischen Holzfäller-Hemden erinnerte. Da ich ja noch meinen Zettel mit dem Namen eines mir unbekannten Aborigine in der Tasche mit mir trug dachte ich, dass es eine gute Idee wäre, den Alten zu fragen, er würde mir vielleicht helfen können? Ist es eine Unmöglichkeit die Aura eines Menschen zu sehen? Gelegentlich spiele ich ganz gerne die Rolle des Kritikers, insbesondere im Zusammenhang mit esoterischen Themen. Mein Weltbild ist heute vor allem durch die Kontakte mit indigenen Völkern keineswegs esoterisch geprägt, aber ich weiß, dass es viele Dinge gibt, die von Durchschnittsbürgern und Fans der Naturwissenschaften unter dem Begriff der Spinnerei abgetan werden würden. Dazu zählt auch die menschliche Aura. Es ist mehr oder weniger ein komplexes Energiefeld, welches unseren Körper umgibt und durchdringt. Zumindest ist man in der Forschung in den Naturwissenschaften bereits so weit, dass man diese „Hülle“ durch eine spezielle Aufnahmetechnik sichtbar machen kann. Ich stelle sämtliche gängigen Anleitungen, die vorgeblich zum Sehen der Aura herangezogen werden können, absolut in Frage! Ich tue das keineswegs, um die Existenz der Aura in Abrede zu stellen. Es geht mir darum, Wahrheit und Illusion zu trennen. Im esoterischen Bereich, wo wissenschaftliche Methodik nicht allzu etabliert ist, kursieren naturgemäß jede Menge Unsinn und Halbwahrheiten nebeneinander. Aber so wie mit dem Schandwerk-Buch „Der Traumfänger“ verhält es sich auch in der Spiritualität: die Mehrheit der Esoterik-Interessierten will das Beschriebene nur allzu gerne glauben. Als Aufklärer kann ich nicht dienen, da auch mir eine gewisse Kontinuität fehlte in Bezug auf die Erscheinungen, die ich als „Aura“ interpretieren würde. Ich war also nie jemand, der permanent von gleißendem Licht der menschlichen Aura umgeben wurde. Aber manchmal, in unregelmäßigen Abständen, wohl dann, wenn es für mich wichtig war, konnte ich sie sehen. Heute kämpfe ich für diese Erkenntnis durch Einsicht, auch wenn ich mich dabei manchmal wie Don Quijote bei seinem Kampf gegen die Windmühlen fühle. Aber ich habe immer schon gerne gegen Windmühlen gekämpft!

Der alte Aborigine hatte einen Schimmer aus Licht um sich herum. Allein diese Erscheinung reichte schon aus um mich in eine Art Schock-Zustand zu versetzen. Und zu allem Überfluss blieb das, was ich an ihm sah, nicht konstant vor meinem Auge stehen. Es floss und bewegte sich, verschwand, kam zuckend zurück um wieder zu vergehen. Damals ahnte ich zwar, dass ich hier etwas Neues erlebte, gebe aber zu, dass ich damit nur schlecht umgehen konnte. Auf Gespräche und Diskussionen mit den anderen Mitgliedern meiner Gruppe durfte ich nicht rechnen und mir kamen die Erinnerungen an Brisbane hoch, wo ich ja auch versucht hatte, meinen Reise-Freunden zu erklären, dass es da „irgendetwas“ mehr gegeben habe bei dem Gespräch mit dem dortigen alten Aborigine und nur in den Augen der Anderen nur Verwunderung oder – schlimmer noch – Belustigung sah, so als ob sie mich fragen wollten, welche Drogen ich denn genommen hätte. Mit dieser Wahrnehmung hätte ich keinem von den anderen aus dem Reise-Tross kommen können, das war sicher. So dachte ich! Ich stand eine Weile unentschlossen auf der anderen Seite des Platzes und beobachtete. Hin und wieder kamen jüngere Aborigines bei dem Alten vorbei, setzten sich kurz zu ihm, redeten ein paar Worte, berührten sich und gingen weiter. Kurze Zeit später kamen zwei unserer Reise-Männer über den Platz gelaufen, sahen den Alten, sahen mich und riefen mir zu, dass ich fragen solle ob ich den Alten photographieren dürfe, der sähe „SUPER“ aus und würde sich als Titelbild für das Plakat, welches ich noch für die Australien-Präsentation entwerfen musste, doch phantastisch eignen! Nachdem sie das gesagt hatten, setzten sie ihren Weg fort.

Solche Landschaften sind seit vielen Tausend Jahren die Heimat der australischen Aborigines

Nachdem ich den Alten noch eine Weile beobachtet hatte, geriet ich – gefühlt – unter Zeitdruck. Wir hatten als Gruppe vereinbart, am sogenannten „Eighty Mile Beach“ wieder ein Camp in der Wildnis, möglichst am Strand aufzuschlagen. Bis dahin waren aber noch gute 300 Kilometer zu fahren, auch wenn es auf der Landkarte so aussah, als ob das Ziel gleich um die Ecke liegen würde. Alles ist in Australien eben etwas ferner! Ich fasste Mut und bewegte mich auf den Alten zu. Ein jüngerer Aborigine saß gerade neben ihm, als ich dort ankam. Die beiden blickten zu mir auf und ich bemerkte, dass die Augen das Alten sehr trüb waren. Im Alter nehmen ja die Augen bei den meisten Menschen eine andere Farbe an. Auch mein altes „Paul Newmann Blau“ hat sich irgendwann in den letzten Jahren verflüchtigt, so dass meine Augen heute eher als Blau-Grau beschrieben werden. Aborigines haben sehr dunkle, fast schon schwarze Augen, aber dadurch, dass die Augen des Alten so extrem trüb waren, wirkten sie so, als ob er ein blauäugiger Mensch gewesen wäre in seinen früheren Jahren. Ich stellte mich vor und gab zu verstehen, dass ich nach einem Mann suchen würde, der mir von einem entfernt lebenden Aborigine aus Brisbane vor Jahren als Kontaktperson empfohlen worden war. Der junge Mann nahm den Zettel, las den darauf stehenden Namen, lächelte und gab ihn mir mit einem Achselzucken zurück. Wohl unbekannt? Ich bat ihn, den Alten zu fragen. Der Jüngere gab zur Antwort, dass das keinen Sinn ergeben würde, da der Alte sich in der inneren Vorbereitung auf seinen letzten Walkabout befinden würde. Letzter Walkabout? Plötzlich begann der Alte mit mir zu sprechen, allerdings nicht in englischer Sprache, sondern er rollte diese kehligen Laute der Sprache der Aborigines und sah mich mit seinen trüben Augen dabei an. Der jüngere Mann lächelte, sicher auch weil er wusste, dass ich diese Sprache nicht verstehen würde. Natürlich haben die jüngeren Generationen der australischen Ureinwohner die Sprache der Besatzer erlernt und setzen sie heute – auch für die Durchsetzung ihrer Interessen ein. Denn Sprache ist auch Macht und wer sprachlich nicht an der Gesamtgesellschaft teilnehmen kann, fällt die soziale Leiter immer weiter nach unten durch. Freundlicherweise übersetzte der Jüngere mir die Worte des Älteren. Der Alte wurde in seinen Kreisen schlicht „John“ genannt und seinen wahren Aborigine Namen habe ich nie erfahren. Er hatte das Wort an mich gerichtet und – wenn ich der Übersetzung des Jüngeren glauben darf – folgende Botschaft übermittelt:

„Es ist egal was Du auf der Welt tust, egal, in welchem Beruf du arbeitest. Es ist wichtig, dass du immer alles mit Würde, Tiefe und Liebe zu dem was du tust, machst. Dann wird dein Leben erfüllt sein“.

Es hatte nichts mit meiner Frage zu tun und hätte auch eine Plattitüde sein können, abgedroschene Redewendung oder eine belanglose Aussage. Aber der Alte machte einen derart tiefgründigen Eindruck auf mich, dass ich auch ohne Übersetzung fühlen konnte, dass er das was er sagte, bewusst an meine Person gerichtete hatte. „John“ war übrigens blind, wie ich erfuhr und was auch die seltsame Farbe seiner Augen erklärte. Auf die Frage, wie alt er denn eigentlich sei erhielt ich die Antwort „viele Sommer“! Ich hatte damals noch keine Ahnung davon, dass Zeit für Aborigines tatsächlich eine Illusion ist, dass ihr persönlicher Schöpfungsgedanke und ihre Vorstellung von Zeit diametral zu den Vorstellungen unserer Kulturen steht. Alle Zeiten standen für sie über alle Zeiten hinweg für immer miteinander in Verbindung, so wie alles Lebende mit allem Lebenden in Verbindung steht. Und die Vorgabe und Definition von Zeit in unseren Breiten sieht sie ausschließlich als etwas lineares, wie einen Zeitstrahl. Deshalb unsere Hetze, unsere Getriebenheit. Immer am Strahl der Zeit entlang der linear von unseren Geburten zu unseren Gräbern führt. Wie oft betrachten wir uns vor dem inneren Auge unsere zur Verfügung stehende Zeit? Drehen uns – gefühlt auf dem eigenen Zeitstrahl stehend – immer wieder um um zu sehen, wie viel Zeit schon abgelaufen ist, wie viel wohl noch bleibt, wo wir das Ende unserer Leben doch mit dem verschwindenden Zeitstrahl am Horizont gleichsetzen. Wie viel ruhiger ist das Grundempfinden der Aborigines! Hier trifft der Zeitstrahl am Ende eines individuellen Lebens immer wieder auf seinen Anfang. Ein ewiger Kreislauf des Lebens entsteht so, über alle Zeiten hinweg. Am Ende des Gespräches – aus der Ferne von meinen Reisegefährten durch Zurufe aufgefordert jetzt endlich zu den Jeeps zu kommen, da die „Zeit“ (Zeitstrahl) knapp werden würde – bat ich darum, ihn photographieren zu dürfen und diese Bitte wurde mir gewährt. Wenn ich auch sonst in der Ausübung meines Berufes oft viele Bilder von Menschen machte (auch in der vor-digitalen Zeit) oder heute mache, um unter dem entstandenen Bildmaterial des Beste auszusuchen, vermochte ich es in diesem Moment nicht. Der Alte saß still und blickte mit einem freundlichen Gesicht in meine Richtung. Einmal konnte ich den Auslöser leicht drücken, das zweite Mal nur mit viel innerer Überwindung und ein drittes Mal vermochte ich es nicht. Irgendetwas war anders! Beschämt und irritiert verabschiedete ich mich und ging zu meiner Gruppe zurück um die Reise gemeinsam fortzusetzen. Ich habe „John“ nie wieder gesehen. Drei Jahre später erst kam ich wieder nach Broome um nach ihm zu fragen. Er war auf seinen letzten Walkabout gegangen, irgendwo auf den fein verästelten Traumzeitpfaden seiner Vorfahren hatte er seine letzte Wanderung durch den Busch gemacht und an einem Platz, der ihm für das Ende seiner Lebensreise wichtig erschien, seine Lebensfunktionen ausgeschaltet. So wie es viele indigene Völker dieser Welt machen. Darin liegt eine Weisheit, die uns wohl für immer verborgen bleiben wird? Ist es möglich oder unmöglich, die alte Weisheit früherer Menschen und ihrer Denkweisen in unserer außer Rand und Band geratenen, überbevölkerten Konsumgesellschaft wieder in unsere Köpfe und unser Handeln und die wichtigen Entscheidungen einziehen zu lassen? Wohl eher eine Unmöglichkeit, aber möglicherweise temporär begrenzt?

Auch bei der zweiten Reise nach Australien waren wir im Kakadu Nationalpark

Das „sehen“ einer menschlichen Aura hat nicht erst mit dem alten Aborigine begonnen. Schon als Kind hatte ich oft diese Wahrnehmungen, aber sie wurden mir aberzogen! Aberzogen so wie alles, was nicht der Norm entsprach. Darin liegt die größte Gefahr systemisch funktionaler Gesellschaftsmodelle. Sie töten die dringend nötige Reflexion. Die letzte Aura die ich klar und deutlich sehen konnte, war die eines gerade 18 Jahre alt gewordenen Mädchens. Und wie ich eingangs des letzten Artikels schrieb, gehört eine große Portion Mut dazu, diese Dinge zu benennen! Trotz meines Mutes bin ich froh, dass es oft auch „Zeitzeugen“ gegeben hat. Vor vielen Jahren einmal hatte ich ein junges Ehepaar, welches damals mit seinen Eltern/Schwiegereltern eine große Rundreise durch Schottland unter meiner Leitung machte, in einer Busgruppe dabei. Wir verstanden uns gut und bei einem ersten kurzen Stopp auf schottischem Boden unterhalb der beiden Brücken über den Firth of Forth, wo es eine besonders schöne Stelle gibt um beide Brücken gemeinsam aufs Bild zu bringen, kamen die beiden jungen Leute, die fast im selben Alter waren wie ich, mit mir ins Gespräch. Schnell stellte sich heraus, dass wir alle drei unsere Kinder vermissen würden und die junge Frau erzählte mir, dass dies ihre erste Reise seit der Geburt ihrer Zwillinge sei. Sie hätten nämlich zwei Mädchen: eine Blonde und ein „Füchslein“. Bei der Erwähnung des „Füchsleins“ stellten sich bei mir die Nackenhaare auf und ich hatte das Gefühl, als ob ich die Kinder kennen würde, obwohl das absolut ausgeschlossen war. Und auch wenn sich die Wege des jungen Ehepaares und meiner dann wieder für längere Zeit trennten, blieben diese Kinder in meiner Erinnerung – manchmal so intensiv, als ob es meine eigenen wären! Auf solche Instinkte zu hören, ohne gleich nach dem Sinn zu fragen und zu forschen, habe ich bei den Aborigines gelernt. Ich wusste nicht, ob ich dieses junge Ehepaar (welches heute ja auch nicht mehr so jung ist, das sich die beiden noch immer ungefähr in meinem Alter befinden) je wiedersehen würde. Ich sandte brav Jahr für Jahr meinen Katalog mit Reiseangeboten und es dauerte bis 2013, ehe ich das Ehepaar im Rahmen einer Busrund- und Studienreise wieder begrüßen durfte. 13 Jahre nach dem letzten Kontakt. Und das besondere daran: sie hatten ihre beiden Töchter dabei, die mittlerweile kurz vor dem Abitur standen und zur „Belohnung“ von ihren Eltern auf diese Reise nach Irland mitgenommen wurden. Und als ich die Mädchen (eher schon junge Frauen) auf dem Parkplatz erstmals kennenlernte, bestätigte sich das Gefühl von vor 13 Jahren: dass die beiden so etwas ähnliches wie „meine“ Kinder waren, besonders das „Füchslein“. Und ich hatte mich nicht getäuscht in meinen Überlegungen, die ich mitunter anstellte, wie sie denn wohl aussehen würde, das „Füchslein“ welches ich noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Um das richtig zu stellen: ich hatte selbst Kinder die immer im Fokus meines Interesses waren – die Mittelpunkte meiner kleinen „Ich-Welt“ sozusagen, – und zudem ein extrem stressiges Leben, welches von anderen Zeitgenossen sicher nicht so einfach „überlebt“ worden wäre ohne Schaden an Geist oder Körper zu nehmen. Aber neben der kleinen „Ich-Welt“ gab es auch immer noch das große Ganze, welches ich hin und wieder durchdachte. In diesen Situationen kam dann auch sporadisch immer wieder mal der Gedanke an das „Füchslein“ in mir auf.

Ein über Seerosenblätter laufendes Wasserhuhn
Und überall freundliche Geckos – in unseren Zelten und auch in unseren Zimmern im Hotel.

Und als die junge Frau mir brav die Hand entgegen streckte um mir guten Tag zu sagen, konnte ich erkennen, dass ich ihre Züge voraus gewusst hatte! Nicht geahnt! Gewusst! Zudem konnte ich an ihr eine überwältigend starke Aura erkennen. Kraftvoll und stark. Ich stand immer hinter meinen Wahrnehmungen und habe unterschiedlich intensiv versucht, meine Mitwelt an meinen Beobachtungen teilhaben zu lassen. Denn nur die Einbeziehung meiner Mitwelt gibt dem Begriff meiner eigenen Existenz einen Sinn, so wie ich es meinen hölzernen Protagonisten in meinem Theaterstück „Ein Leben – Drei Perspektiven“ sagen lasse. In den folgenden Tagen suchte ich deshalb vorsichtig das Gespräch mit ihren Eltern. Zum Glück für uns alle waren genau diese Eltern sehr offen für Erklärungsansätze, die jenseits der vorgegebenen Richtschnur von Glaube oder Wissenschaft waren und hatten auf diesem Weg auch viele Probleme erkannt und teilweise geklärt, die sonst allen Beteiligten verborgen geblieben wären. Ich sah die Lasten, die dieses junge Mädchen trug, ihre Nachdenklichkeit, die sie deutlich von der Zwillingsschwester unterschied. Ich wusste nicht nur ihre Züge voraus, sondern auch einen großen Teil ihres Wesens. Die sichtbar gewordene Aura blieb unverändert bestehen, so dass ich den Entschluss fasste, ihr dies mitzuteilen. Den Eltern hatte ich meine Beobachtung bereits offenbart und diese hatten das in völliger Ruhe und unaufgeregt akzeptiert. Am letzten Tag der Reise, kurz bevor die Familie samt „Füchslein“ uns verlassen würde, nahm ich die junge Frau zur Seite und sagte ihr Dinge, die ich ihr sagen musste. Was das gewesen ist wird von meiner Seite aus immer ein Geheimnis bleiben, sie wird es aber wohl in ihrer Familie besprochen haben? Das entzieht sich bereits wieder meiner Kenntnis, ist aber auch vollkommen unwichtig. Wichtig war nur, dass ich meine Wahrnehmungen an sie weitergegeben habe. Das ganze spielte sich im Mai 2013 ab und seither habe ich auch keine Aura mehr wahrgenommen. Und wenn ich bis zu meinem ableben keine weitere Aura mehr wahrnehmen sollte? Dann ist es auch nicht schlimm, denn Zeit ist tatsächlich eine Illusion.

In diesem Artikel sind wir noch immer nicht an des „Pudels Kern“ angekommen. Wird also fortgesetzt werden müssen!

RR

05.11.2020

3 Comments
  • Flory
    Posted at 21:41h, 06 November Antworten

    Berührend, zum Nachdenken angeregt, bildhafte schöne Darstellung, zur Offenheit eingeladen… Die Welt und das Leben aus der Perspektive eines Menschen erleben, der sich durch das Musterleben, welches uns schon als Kinder vorgestellt wird, nicht drauf eingegangen ist. Oder sich verführen ließ, sondern von der Ruhe der Natur… Danke!

  • Dagmar
    Posted at 15:45h, 09 November Antworten

    wenn ich mich mit deinen Artikeln – Gedanken/Erleben/metaphysischem Geschehen…- beschäftige
    braucht es für mich Zeit – diese deine persönlichen offenen weitreichenden und so anders gesehenen Welterfahrungen –
    aufzunehmen, durch-und mitzudenken und mitzufühlen…

    dabei erlebe ich immer wieder Augenblicke die ich selbst so fühle oder lebe…
    ob von der eigenen Auraarbeit die ich seit vielen Jahren pflege und mit begleitender Chakraaktivierung und Präsenz begleite
    und das aus gewonnener Erkenntnis und dem Wundern und Freuen über diese erlebten Vorgänge…
    bei mir und auch ansatzweise mit Menschen die sich öffnen wollen und können …

    dabei entsteht dieses Strahlen, durch den tiefen Atem aufgenommen, hineingeleitet in die Chakrenzentren des Körpers und beim Ausatmen abgegeben in die Aura die uns umgibt…
    es gäbe da viel zu berichten, würde aber an dieser Stelle zu weit führen.

    Ich wünsche uns allen dass deine Artikel von vielen Menschen gelesen werden um von all dem Weltgeschehen zu erfahren
    das auf, über und in diesem Erdball geschieht
    und zuzulassen offen zu sein für all das was dir begegnet ist und noch wird
    und von uns allen selbst bereits erlebt wurde und noch wird
    ohne Furcht sondern mit Staunen, Vertrauen und Freude.

    Auch von den Ureinwohnern Australiens ist viel davon zu lernen.

    Auch heute wieder “Dank von Herzen” für deine Zeit und Kraft uns mitzunehmen auf immer neue Reisen dieser erstaunlichen Welt

  • Maria Gassner
    Posted at 12:08h, 17 November Antworten

    Da ist so Manches in diesem 2. Teil das sehr nachdenklich macht, und möglicherweise, nach einiger Zeit des Absinkens, alte Denkmuster verändert. Beneidenswert der Mensch, der so viel Erfahrung mit Menschen, außergewöhnlichen Menschen in fremden Ländern machen durfte. Durch Deine Berichte dürfen wir wenigstens ein wenig teilhaben. Bemerkenswert, dass Du AURA sehen und wahrnehmen konntest. Ich habe meine, aufgezeichnet von einem Gerät gesehen und das nicht ernst genommen, darüber gelächelt und es einfach abgetan. Vielleicht weil ich schon sehr abgestumpft bin und wohl auch aus irgendwelchen Ängsten heraus. Jedenfalls bewegt Dein Reisebericht einiges, und ich denke das ist erst der Anfang, denn Teil 3 und Teil 4 liegen noch vor mir. Danke.

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