Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 01

Reisen in der Retrospektive – Australien 1988 – 2006 – Teil 01

Das Mögliche, das Unmögliche und die Unbekümmertheit

Denkmal für einen Aborigine in Albany

Jeder hat diesen Satz schon einmal gehört – egal ob beim Sieg eines verloren geglaubten Fußballspiels oder bei einem bahnbrechenden Durchbruch in der Wissenschaft. Der Satz wird viel zu häufig und viel zu leichtfertig verwendet. Erst einmal muss ganz klar verneint werden, dass das Unmögliche überhaupt passieren kann. Es ist schlicht unmöglich, dass etwas Unmögliches passiert. Denn wenn etwas passiert ist, dann muss es möglich gewesen sein. Zumindest in dem Moment, als es passiert ist, selbst wenn es zu keinem anderen Zeitpunkt zuvor je möglich war oder jemals wieder möglich sein wird. Etwas, das unmöglich ist, kann nicht passieren. Zu schwer? Ich möchte mich in den nächsten Tagen mit der Aufarbeitung meiner Reisen nach Australien beschäftigen. Bisher dachte ich, dass es unmöglich sein wird, den komplexen Sachverhalt und die feinen Zwischentöne der Erlebnisse dort in einem überschaubaren Rahmen unterzubringen. Bis heute Nacht, als ich in den frühen Morgenstunden den Gedanken hatte, dass es möglich ist, auch das Unmögliche zu beschreiben. Gute drei Jahre Lebenszeit habe ich auf dem fernen Kontinent zugebracht. Das ist in der Summe weitaus mehr Zeit, als ich jedem anderen Land der Welt aufmerksam schenken konnte. Nur so viel: in der Summe war der Aufenthalt dort keine Reise, sondern ein Lebensabschnitt. Als Übertitelung für den ersten Teil wählte ich „Das Mögliche, das Unmögliche und die Unbekümmertheit“ und das aus gutem Grund. In meiner letzten Veröffentlichung, als ich die eskalierten Zustände im Danneröder Wald beschrieb, gab ich auch zu verstehen dass ich denke, dass die dort gegen die Abholzung des Waldes protestierenden Jugendlichen letztlich nicht leidensfähig genug gewesen sind! Dass jemand, der wirklich ohne egoistische Motive für ein höheres Ziel Widerstand (oder Aufklärung) leisten will, extrem leidensfähig sein muss. In Zeiten der Unbekümmertheit das sogenannte Unmögliche zu erklären und es damit möglich werden zu lassen, ist eine enorme Herausforderung, bei der auch ein Wagnis eingegangen werden muss. Zum Beispiel, dass es in unserer schnelllebigen Zeit niemanden interessiert oder sich jemand an die Stirn tippt und sich fragt, was der Redner oder Schreiber denn „geraucht“ habe (Quelle Film Avatar), dass er solche Absurditäten von sich gibt. Vermeintlich absurd!

In der Mathematik, die in unserer modernen Welt neben der Juristerei gerne verwendet wird, um dem Menschen seinen Platz im Universum und auf der Welt in seinen Gesellschaften zu erklären, werden unmögliche Ereignisse natürlich beschrieben und behandelt. Dass zum Beispiel bestimmte Ereignisse, die bei Zufallsversuchen niemals eintreten können, tatsächlich existieren. Wenn man aus einer Schale, die ausschließlich mit roten und weißen Kugeln gefüllt ist, eine davon mit verbundenen Augen ziehen soll, wird niemals eine blaue Kugel erscheinen, egal wie oft man es versucht. Ist die Schale mit blauen und weißen Kugeln gefüllt, wäre es dagegen überhaupt kein Problem, eine blaue Kugel zu ziehen. Der „gesunde Menschenverstand“ und die Mathematik versuchen zu beweisen, dass das Mögliche und das Unmögliche an gewisse Bedingungen geknüpft sind. Dass Menschen ohne Hilfsmittel nicht fliegen können, dass Weihnachten nur einmal im Jahr ist und dass man eben nur dann eine blaue Kugel ziehen kann, wenn auch tatsächlich eine vorhanden ist. Manche Dinge sind nur zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, aber zu jedem anderen Zeitpunkt unmöglich. Ein und dieselbe Sache kann sowohl möglich als auch unmöglich sein, aber niemals zur selben Zeit. Teilweise braucht es um aus etwas Unmöglichem etwas Mögliches zu machen nur minimal andere Voraussetzungen. Trotzdem kann nach dem augenblicklichen Kenntnisstand der Menschheit nicht alles möglich gemacht werden. Oder vielleicht doch? Es gibt immer Übergänge zwischen möglich und unmöglich und wie ich eingangs schrieb, ist wohl jedem Menschen schon einmal etwas passiert, was eigentlich unmöglich hätte sein müssen.

An diesem Punkt bringen viele Menschen dann einen Gott oder ein vergleichbares höheres Wesen ins Spiel. Göttliche Wesen – so haben wir es uns in der Unerklärbarkeit der Welt um uns herum schlicht als unumstößlich gegeben dargestellt – scheinen über allem zu stehen. Somit auch über dem Möglichen und Unmöglichen und sowieso über allem, was man sich nicht erklären kann. Die leidvolle alte Gedankenentstehungs-Geschichte also. In dieser als „gegeben“ dargestellten Situation stellt sich aber die Frage, ob das potentiell existierende göttliche Wesen denn mit seiner göttlichen Macht das Unmögliche wirklich möglich machen könnte? Bei dieser Frage geht es nicht um Dinge, die nur zeitweise unmöglich sind oder unter bestimmten Bedingungen möglich sind, sondern um Dinge, die niemals möglich sein können – egal unter welchen Bedingungen. Eine göttliche Macht muss sich als Erklärungsmodell der eigenen Existenz deshalb von der Macht von etwas Nicht-göttlichem unterscheiden. Das herausragende Merkmal dabei soll sein, dass die göttliche Macht das bedingungslos Unmögliche möglich machen können muss. Ansonsten wäre die Unterscheidung zwischen göttlicher und nicht-göttlicher Macht unnötig und überhaupt nicht erst entstanden. Wie verhält es sich dann bei der Frage, ob ein Wesen mit göttlicher Macht alles möglich machen kann? Um es noch ein wenig stärker zu abstrahieren: wenn es zum Beispiel eine niemals zu stoppende Kraft gäbe: könnte diese dann einen unter keinen Umständen bewegbaren Gegenstand bewegen oder nicht? Wenn es eine niemals zu stoppende Kraft gäbe, dann könnte es keinen Gegenstand geben, der sich von ihr nicht bewegen ließe. Wenn es einen unter keinen Umständen bewegbaren Gegenstand gäbe, dann könnte es keine Kraft geben, die ihn bewegen kann. Eine niemals zu stoppende Kraft und einen unter keinen Umständen bewegbaren Gegenstand kann es also nicht auf einmal geben. Wenn es also ein göttliches Wesen gibt, das absolut alles möglich machen kann, dann dürfte es nichts geben, was bedingungslos unmöglich ist. Wenn es aber Dinge gibt, die unter allen Umständen unmöglich sind, dann kann es nichts geben, was diese Dinge möglich macht. Ob es also etwas Göttliches gibt oder nicht, muss jeder für sich selbst beantworten. Aber es gibt auf jeden Fall Dinge, die immer unmöglich sind.

Bis 1920 gab es in Westaustralien noch Jagden auf Ureinwohner

Woher wollen wir mit unserem eingeschränkten Denkvermögen denn eigentlich wissen, ob etwas unmöglich oder möglich ist? Umgangssprachlich werden ja teilweise auch Dinge, die möglich aber unwahrscheinlich sind, als unmöglich bezeichnet. Manchmal passiert es, dass man etwas als unmöglich bezeichnet (weil man als Person fest davon überzeugt ist, dass es nie passieren wird und damit unmöglich ist) und es aber im Prinzip möglich ist. Ebenso verhält es sich mit Vermutungen darüber, ob etwas möglich oder unmöglich sein wird. All diese Einlassungen von mir beziehen sich auf den momentanen, den flüchtigen, den vorübergehenden Erkenntnisstand der Menschen. Wenn wir die milliardenfache Individualität der Menschen auf diesem Planeten berücksichtigen wollten, kämen wir auch zu einem Punkt, an dem man annehmen würde, dass es nie passieren wird und damit unmöglich ist, dass alle Menschen einen dargebotenen Inhalt im selben Maße aufnehmen und verstehen. Aber das ist eine Schlussfolgerung, die sich auf den Moment bezieht! Es ist zumindest möglich, dass sich der Erkenntnisstand der Menschen global angleicht und Prozesse des Begreifens damit auch global möglich werden könnten! Es gibt Dinge, bei denen man – immer auf den flüchtigen Moment des jetzigen Erkenntnisstand bezogen – nicht wissen kann, ob sie möglich sind, es waren oder es sein werden. Sie liegen an der Grenze zwischen dem Möglichen und Unmöglichen. Bei diesen Dingen ist es unmöglich sie angemessen auf ihre Möglich- oder Unmöglichkeit zu beurteilen. Wir ziehen dann gerne unseren „gesunden Menschenverstand“ aus der Schublade und urteilen nach Bedarf. Möglich ist etwas, was passieren kann und unmöglich ist etwas, was nicht passieren kann.

In einem anderen Artikel empfahl ich einmal, dass wir alle das Leben in seiner Komplexität etwas mehr aus der wissenschaftlichen Perspektive sehen sollten, ohne dabei unseren individuellen Wesenskern zu verwissenschaftlichen. Würde ich als Wissenschaftler die Beziehung zwischen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit in einer Art Fazit zusammenfassen, ergäbe sich in etwa folgender Schluss: a.) Etwas, das passiert ist, muss möglich gewesen sein. Nicht alles, was möglich ist, passiert. b.) Etwas kann sowohl möglich als auch unmöglich sein, aber niemals zur gleichen Zeit. Mögliches und Unmögliches können ineinander übergehen, aber das ist nicht immer möglich. c.) Es kann nur bedingungslos Unmögliches geben, wenn es unmöglich ist, alles möglich zu machen. Es kann keine Kraft geben, die sich dem widersetzt. d.) Die Entscheidung, ob etwas möglich oder unmöglich ist, ist nicht immer möglich. e.) Es gibt Grenzbereiche zwischen möglich und unmöglich. Aber auch bei einer verwissenschaftlichten Betrachtungsweise sind Grenzen vorhanden. Es erscheint mir persönlich zu schlicht, fast wie ein Gesetzbuch (oder eine Scharia, die ja ebenfalls ein Gesetzbuch ist), das das Zusammenleben der Menschen in Recht und Ordnung einzuhegen versucht und denen, die es sich zum Lebensinhalt machen, diese Gesetze zu erlernen, damit automatisch die Deutungshoheit über die Dinge gibt und sie in ihren jeweiligen Gesellschaften nach oben spült. Wissenschaft ist also ein guter Ansatz, was aber, wenn es einen Erkenntnisstand gibt, der über dem der Wissenschaft liegt? Nicht wenige Menschen würden in diesem Fall wohl wieder die religiöse Karte spielen und alles, was jenseits des Erkenntnisstandes der Wissenschaften liegt, einem göttlichen Wesen zuschreiben.

Es ist also unmöglich, die Endergebnisse eines gesamten Fußballturniers einer Weltmeisterschaft schon beim ersten Spiel der eigenen Mannschaft punktgenau vorher zu sagen? In unserer, von monetärem Denken geprägten Welt gäbe es wohl viele Personen, die gerne die Fähigkeit erlangen würden, dies tun zu können. Es ist möglich, die Endergebnisse eines gesamten Fußballturniers vorherzusagen, wenn auch nicht gesteuert und geplant. Kritiker (auch die, die sich absolut an die Erkenntnisse der Wissenschaft halten) würden nun entgegnen, dass der, der von sich behauptet, dass so etwas möglich sei, dem Allmachtparadox und dem Paradox von der unwiderstehlichen Kraft verhaftet wäre. Andere würden den Zufallsbegriff ins Spiel bringen. Das Zufallsprinzip besagt, dass etwas nicht planmäßig geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, sondern auf Zufall beruht. Jemanden nach dem Zufallsprinzip auswählen zum Beispiel. In der Nacht, bevor der damalige US-amerikanische Präsident John Fitzgerald Kennedy im November 1963 ermordet wurde, meldeten sich einige Personen bei der Polizei um mitzuteilen, dass ihnen im Traum mitgeteilt wurde, dass der Präsident ermordet werden würde. Leider muss auch hier das Zufallsprinzip zur Erklärung herangezogen werden! Denn jede Nacht träumen Hunderte von amerikanischen Bürgern/-innen, dass ihr Präsident am nächsten Tag ermordet werden würde. Für die Personen, die in der Nacht zuvor von John Fitzgerald Kennedys Ermordung träumten, wurde ein Vision Wirklichkeit und damit schlicht wahr. Sicherlich träumen auch jetzt, heute, gerade in diesem Moment, Hunderte Amerikaner/-innen davon, dass ihr augenblicklicher Präsident ermordet wird. Wenn es dann so kommen sollte, dass der Präsident morgen sein Leben in einem Attentat verliert, würde die breite Öffentlichkeit diesen „Träumenden“ eine spirituelle Begabung attestieren – je nach individueller Charakter-Disposition. Die „Träumenden“ liefern uns damit keine höhere Erkenntnis, sondern sie hätten im Falls von Trumps Ermordung schlicht nach dem Zufallsprinzip in der richtigen Nacht den richtigen Traum gehabt.

Uraltes Wissen – unserem möglicherweise weit überlegen?

Dass es möglich ist, die Endergebnisse eines gesamten Fußballturniers einer Weltmeisterschaft schon beim ersten Spiel der eigenen Mannschaft punktgenau vorher zu sagen, weiß ich selbst genau. Und auch wenn solche Aussagen von Menschen, denen genau diese unumstößliche Aussage von mir nicht passt und die teils sehr aggressiv darauf reagieren, nicht geglaubt wird und diese (oft mächtigen Personen die Nutznießer unserer Gesellschaft sind und damit einem gewissen Kontrollzwang unterliegen damit nichts Unerwartetes passiert, das ihre hohe Stellung gefährden könnte) Personen dann Gegenmaßnahmen ergreifen die sich bis zur Inhaftierung in einer Psychiatrie der betreffenden Person ausweiten können, bleibt es unumstößlich wahr, dass es im Bereich des Möglichen liegt, die Endergebnisse eines gesamten Fußballturniers einer Weltmeisterschaft punktgenau vorherzusagen. Prinzip Zufall? Da ergibt sich nun ein Unterschied, der zum einen den Traum teilweise entzaubert. Wenn man in einer ganz normalen Alltagssituation im Buchteil einer Sekunde, während des Öffnens einer Tür zu einem Raum, in dem sich gerade einige Freunde und Bekannte vor dem Fernsehgerät versammelt haben um das Eröffnungsspiel der eigenen Mannschaft zu sehen, plötzlich absolut „weiß“ (nicht ahnt – dazwischen liegt ebenfalls ein beträchtlicher Unterschied), wie die kommenden Ergebnisse der weiteren Begegnungen aussehen werden und noch während man es spricht weiterhin mit absoluter Sicherheit weiß, wie es weitergehen wird, dann war das keine Vision, kein Traum oder Wachtraum sondern etwas, was sich jenseits der Erkenntnis der Wissenschaften, jenseits der Erkenntnis des „gesunden Menschenverstandes“ und jenseits aller bis dahin selbst geglaubten Möglichkeiten befindet. Und in meinem Fall hat es gewaltig mit Australien, den dortigen Aborigines und den Begegnungen zu tun, die ich dort hatte. Ich selbst war der Mensch, der die Endergebnisse eines gesamten Fußballturniers einer Weltmeisterschaft schon beim ersten Spiel der eigenen Mannschaft punktgenau vorhergesagt hat. Und es gibt zum Glück viele Zeugen dafür.

Ein anderes Beispiel: es ist also unmöglich, einem Menschen, den man überhaupt nicht kennt, dem man gerade mal für eine Minute in die Augen gesehen hat, etwas über seine Geburt, seine Kindheit und Jugend, seine tiefsten Ängste und Inkompetenzen zu berichten? Welche Drogen hat denn einer genommen, der das behauptet? Und doch habe ich es als Möglichkeit unmittelbar erfahren. Noch weiter jenseits der Erkenntnis der Wissenschaften, jenseits der Erkenntnis des „gesunden Menschenverstandes“ und jenseits aller bis dahin von mir selbst geglaubten Möglichkeiten. Und in diesem Fall hat es wieder gewaltig mit Australien zu tun. Ich habe, wenn ich in meinen Berufen als Reiseberichterstatter, Journalist, Photograph individuell und ohne Gruppenverantwortung zu tragen unterwegs war, niemals schlechte Erfahrungen mit indigenen Völkern gemacht, die meine Freude an meiner gefühlten Berufung hätten trüben können. Ich habe in solchen Situationen, mit den Indigenen vor Ort nur positive Erlebnisse gehabt und fast ausschließlich Menschen getroffen, die sich auf mich einließen. Sicherlich auch deshalb, weil diese Menschen merkten, dass ich ihnen mit Offenheit, aufrichtigem Interesse und wahrer, fühlbarer Anteilnahme begegnete. Für mich persönlich ist die Fähigkeit zur uneingeschränkten Empathie eine Grundvoraussetzung für gelungene Begegnungen, die im günstigsten Fall eine Erweiterung der eigenen Kenntnisse und Wahrnehmungen auslösen können. Man trägt einen Teil seiner Seelenlandschaft auch immer auf der Haut! Vielleicht haben diese Völker gespürt, dass ich mich immer gegen Unterdrückung und Benachteiligung der Gesellschaften oder Personen eingesetzt habe, die durch Mächtigere und Stärkere unterdrückt und gequält wurden? Ich habe in all meinen Arbeiten auch immer versucht, Missstände aufzuzeigen. Jeder Mensch sollte seine Talente – egal auf welcher Ebene er oder sie sie hat – zum Wohle aller einsetzen. Nicht nur für sich, nicht nur für die eigene Familie, das eigene Land, den eigenen Kontinent, die Menschen aller Länder, sondern für das Ökosystem „Erde“ an sich, je nachdem wie weit er mit seinem individuellen Talent vordringen mag. Ich habe deshalb in meinem Leben sehr viele Erfahrungen, die durch Begegnungen entstanden sind, in mir aufnehmen und ausbreiten können. Manche dieser Erlebnisse waren derart tief und einschneidend, dass sie sich aus einer Erzählung oder einem noch so ausführlichen schriftlichen Bericht nicht erschließen werden. Wenn sich für mich auf meinen Reisen die Möglichkeit ergab, ließ ich mich immer auf das zunächst vollkommen Fremde ein. Das war immer eine große Bereicherung für mich und schloss auch den Wunsch ein, das Erlebte weiterzugeben. Mit dem Weitergeben der Erfahrungen wollte ich natürlich schon immer dazu beitragen, dass sich menschliche Horizonte erweitern, dass sie so wichtige Nachdenklichkeit entsteht. In meinen Präsentationen ging es mir vor allen Dingen darum zu zeigen, dass der Kulturimperialismus, wie er von den zivilisierten Nationen – auch mit Gewalt – ausgeübt wird, eine ebenso fehlerhafte Entwicklung ist wie die „nationale Identitätsbewegung“, die ja nicht nur in Deutschland ein ernstes Problem darstellt. Keine Kultur ist wertvoller als eine andere, wenn sie sich nicht kriegerisch und ausbreitend verhält. In dem Fall ist eine Kultur sogar weniger wert als eine andere und an diesem Punkt, den westlichen Kulturimperialismus zu stoppen, muss jeden Tag aufs Neue angesetzt werden.

Dazu ein kleiner Exkurs. Stadthalle Friedberg, irgendwann im Dezember 1992. Eine Woche zuvor hatte ich einen vielbeachteten Vortrag über Australien aus der „Perspektive eines Aborigine“ auf einem bekannten Vortragsfestival, welches den Namen „Weitsichtfestival“ trug, gehalten. Die Anwesenheit von über 600 Zuschauern im Saal, das spürbare, brennende Interesse an meinen Worten und Bildern sowie der kraftvolle, sehr lang anhaltende Applaus nach dem Ende des Vortrages hatten sich als Erfolgserlebnis in mir eingegraben. War ich also doch auf dem „richtigen“ Weg? Allerdings muss erwähnt werden, dass dieses Weitsichtfestival bekannt dafür war, dass dort neben den ganz großen Namen der Branche (zu denen ich niemals gehörte und auch nicht gehören wollte) auch fast ausschließlich kreative Reiseberichte gezeigt wurden, die ihre Anziehungskraft auf ein bestimmtes, offenes Publikum nicht verfehlten. Wir können also davon ausgehen, dass dort 600 „offene“ Menschen im Publikum saßen, die genau so etwas erwartet hatten und deren Erwartung wohl sogar weit übertroffen worden war? Dieser Erfolg gab mir die Motivation, Teile dieses sehr speziellen Vortrags nun auch in meine „normale“ Präsentation zu übernehmen. Der Zufall (und um einen solchen handelte es sich in diesem Fall, weil die Planung der Tournee eben von mir so festgelegt wurde) wollte es, dass die nächste Veranstaltung in Friedberg war. Als die Präsentation begann, saßen etwa 200 Personen im Saal. Motiviert durch den großen Erfolg beim Weitsichtfestival ging ich etwas länger auf die Kultur der australischen Ureinwohner ein. Einige der Zuschauer gehörten nun aber nicht zu dem beschrieben „bestimmten, offenen Publikum“. Einem Herrn in der Mitte des Saales wurde es irgendwann zu lang. Mit lauter Stimme rief er durch den dunklen Raum, dass er jetzt genug von diesen „Schwarznasen“ habe, er würde darum bitten, dass ich jetzt endlich mit dem Vortrag beginnen solle, da er vorhabe demnächst nach Australien in den Urlaub zu fahren und sich vom Besuch der Veranstaltung erhofft habe, Informationen zu seinem baldigen Reiseziel zu erhalten. Sicher ein kleines Beispiel für Kulturimperialismus, der nichts neben sich duldet? Der rufende Mann bekam für seinen Zwischenruf zwar keine Schelte von den anderen Besuchern, wurde aber wenigstens nicht auch noch lautstark unterstützt. Dennoch wird es viele im Saal gegeben haben, die ihm in Gedanken recht gegeben haben. Wie hätte ich einem Menschen, den sein Lebensweg nun einmal dorthin geführt hatte, wo er mit seinen geschätzten 45 Jahren Lebensalter nun einmal stand, die filigrane Zerbrechlichkeit, die Anmut und Würde, die Kenntnisse und Einstellungen einer so wertvollen Kultur vermitteln können?

Die sogenannte Gruppenlüge wollte ich mir nicht aufbürden! Preaching to the Convinced! Zu den bereits Überzeugten predigen oder sprechen. Hätte ich mein restliches Leben in der Gruppe der Zuschauer aus dem Vortrag beim Weitsichtfestival verbracht, wären Männer wie der Zwischenrufer aus Friedberg irgendwann aus meiner Wahrnehmung entschwunden. Man hält sich ja in einer Gruppe von Überzeugten auf, um sich und andere ständig erneut zu bestätigen. Die pluralistische Gesellschaft, in der wir alle leben, ist aber weitaus komplizierter, was speziell in der Politik deutlich wird. Ich wusste an diesem Abend in Friedberg, dass ich zumindest diesem Zuschauer die Kenntnisse und Einstellungen einer so wertvollen Kultur wie der der Aborigines nicht würde vermitteln können. Aber eine Unmöglichkeit war es nicht! Mitunter brauchen die Dinge Zeit und man muss lernen, zu warten. Vielleicht hätte er nach seinem Aufenthalt in Australien nicht mehr so lautstark dazwischen gerufen? Möglich gewesen wäre es. Ich bin nicht immer allein in Australien unterwegs gewesen! Überwiegend war ich dort mit Reisegruppen oder Freundesgruppen unterwegs. Aber ähnliche Erfahrungen wie die mit dem „Zwischenrufer aus Friedberg“ habe ich auch im Land mit meinen Gruppen & Bekannten gehabt. Das Fremde war ihnen dann doch oft zu fremd, die europäischen Werteverständnisse wohl doch zu dominant? Das ist sogar verständlich, auch wenn es mich teilweise traurig stimmte, aber wenn man nicht eine gewisse Zeit unter den Mitgliedern einer fremden Kultur verbringt, werden sich die mitgebrachten Werteverständnisse auch nicht so einfach auflösen! Ich hatte in der damaligen Zeit die An-, Ein- und Weitsichten der Aborigines derart tief in meine persönliche Lebenseinstellung integriert, den Wertekanon der „alten“ Werte derart geschrumpft, dass es eine Zeitlang fast unmöglich schien, mich wieder in die deutsche Gesellschaft hinein zu resozialisieren.

In Australien leben einige der giftigsten Spinnen der Welt. Diese große Jagdspinne ist allerdings harmlos für Menschen.

Vielleicht gibt es eine momentan noch als prinzipiell zu bezeichnende Unmöglichkeit, andere wirklich zu verstehen oder wenigstens wahrzunehmen? Es gibt sicher viele Menschen auf dieser Welt, die wenigstens zugeben, sich manchmal selbst nicht zu verstehen? Wie soll es dann möglich sein, die anderen Menschen zu verstehen mit all ihren unterschiedlichen Erfahrungen, Gedanken und Verstrickungen? Dabei sind die, die zugeben, sich manchmal selbst nicht zu verstehen schon einen großen Schritt weiter gegenüber denen die behaupten, immer alles – sich selbst eingeschlossen – im Griff zu haben. So ist das aber in der Regel nicht. Wer behauptet, immer alles im Griff zu haben und sich und andere genau zu verstehen und deshalb immer alles im Griff zu haben, greift oft auf alte Denk-Zöpfe zurück oder bedient sich ohne jede Reflektion den überkommenen Plattitüden und Allgemeinplätzen um seine eigene Unsicherheit, sein eigenes Unwissen zu überspielen. Die meisten Menschen versuchen nicht einmal, toleranter, neugieriger oder offener sich selbst gegenüber zu sein, wie soll das dann bei anderen funktionieren? Wer offen ist vergrößert erst einmal schlicht sein individuelles Wissen und dadurch erst kann sich vieles im Kontext der Millionen Miteinander erschließen und zumindest die Akzeptanz, dass jemand so ist, wie er ist, ohne ihn verstehen zu müssen, würde wachsen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das erlernbar ist?

Die Zahl der menschlichen Individuen auf dem Planeten gleicht der Zahl der Paralleluniversen. Jeder steckt in seiner Haut und hat oft genug, genau damit bereits genug zu tun. Die Realität von jedem von uns ist immer komplett unterschiedlich. Jeder lebt in seiner eigenen Welt, sogar schon innerhalb eines Familienverbandes und die unmittelbaren Nachbarn leben nochmals in einem völlig anderen Paralleluniversum. Jede/r hat unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der Alltag und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ablaufen sollten und wir haben unterschiedliche Auffassungen davon, was gut oder schlecht ist und was wir für richtig oder falsch halten. Es kommt immer auf die Prägung, auf die Sozialisierung durch das Umfeld an. Eltern, Freunde, die Gesellschaft und persönliche Erlebnisse werden in den Gehirnen unterschiedlich prägend aufgenommen und entsprechend denken und verhalten sich die Individuen. Niemand ist im Besitz der Wahrheit, sondern hält immer nur eine handvoll von Erlebnissen und persönlich prägenden Geschehnissen in sich auf Abruf bereit. Wirklich Niemand ist im Besitz der Wahrheit, auch nicht die, die auf den gesellschaftlichen Leitern der Wirtschaft, Politik oder der religiösen Verbände ganz nach oben gekommen sind und dadurch zwangsweise so tun müssen, als hätten sie Zugang zu einer allgemeingültigen Wahrheit. Sie spielen Weisheit und Erfahrung vor, um bestehende Situationen zu erhalten und genau das wird von der überwiegenden Mehrheit der Menschen auch erwartet. Auf dieser Basis wird es immer leicht bleiben, Rassismus verbunden mit Kulturimperialismus zu propagieren und notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Wenn Menschen uns „auf die Nerven gehen“ sollte man nicht verwundert reagieren und sich fragen, warum sich diese Person so verhält und in grüblerische Gedanken verfallen. Die Antwort lautet eigentlich immer, dass diese Person sich so verhält, wie sie sich verhält, weil dies in der Welt dieser Person schlicht Sinn ergibt. Die Dinge nicht alle einfach so hinzunehmen gilt aber trotzdem, denn der Mensch nimmt im Prinzip die Dinge viel zu persönlich! Empathie könnte hilfreich sein, denn sie ist die Grundlage der Selbstwahrnehmung. Je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer deuten. Aber wer das Wissen mehrt, mehrt doch auch die Leiden? Sicher, sonst gibt es aber keine Weiterentwicklung. Ohne Empathie kann es nicht gelingen, fremde Völker und Nationen oder Kulturen zumindest so weit zu verstehen, dass es nicht zu Überheblichkeitstendenzen seitens der vermeintlich überlegenen Kultur kommt. Wenn es eines Tages gelingen würde, die anderen um sich herum ernst zu nehmen und deren Verhalten – wenn es nicht zum Schaden anderer ist – als genauso gerechtfertigt zu betrachten wie das eigene, wäre fast alles gewonnen. Doch wie soll das gehen, wenn große Mehrheiten der Bevölkerungen dieser Welt sich nicht einmal über sich selbst im Klaren sind? Wie soll einer anderen Person uneingeschränkt und ohne innere Ablenkung zugehört werden können, die volle Aufmerksamkeit geschenkt werden können, wenn man seine eigenen Ansichten nicht außen vor lassen kann? Andere Menschen zu verstehen hat nichts damit zu tun, dass man ihre Weltanschauung teilen soll oder sie von der eigenen zu überzeugen hat. Es war immer auch meinen Berufen geschuldet, dass ich stets versuchte, in die Schuhe der Anderen zu treten und die Welt aus deren Augen zu betrachten. Ich konnte das auch bei Personen, deren Denken und Handeln ich nicht guthieß. Mein Interesse war oft komplett neutraler Natur. Nur dann erhält man meines Erachtens Antworten auf seine Fragen.

Sydney ist eine überwältigend schöne Stadt in großartiger Lage
Mit den entsprechenden Konsumtempeln nach europäischem Vorbild

Warum ein so ausführliches Vorwort? Vielleicht möchte ich Neugier oder Achtsamkeit erzeugen, damit diejenigen, die diesen Text irgendwann einmal in die Hände bekommen, bereit sind, in meine Schuhe zu treten und die Welt aus meinen Augen zu betrachten? Es geht hier immerhin um Australien und meine prägendsten, am tiefsten einschneidenden und mich stark verändernden, meinen Horizont unfassbar erweiternden Erlebnisse habe in in Australien gehabt. In Begegnungen mit den dortigen Ureinwohnern, den Aborigines.

Ich wiederhole meine Frage: es ist also unmöglich, einem Menschen, den man überhaupt nicht kennt, dem man gerade mal für eine Minute in die Augen gesehen hat, etwas über seine Geburt, seine Kindheit und Jugend, seine tiefsten Ängste und Inkompetenzen zu berichten? Die Antwort lautet NEIN! Es ist möglich und ich habe es selbst erleben dürfen, und es war eine andere, vollkommen fremde Person, die mir Geschichten aus meiner Kindheit erzählen konnte, obwohl ich niemals darüber berichtet hatte. Die Vorgeschichte dazu klingt trivial. 1988 – da war ich gerade einmal 26 Jahre alt und auf jeden Fall noch ziemlich unvollendet in meiner Entwicklung – hatte ich mir als Studienreiseleiter schon einen recht guten Namen gemacht und im Umweg über meine berufliche Tätigkeit, die ich neben meinem Studium weiter betrieb um die Kosten für mein Leben zu finanzieren, auch schon viele verschiedene Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft kennengelernt. Meinen damaligen Freundeskreis hatte ich deshalb durch Begegnungen auf Reisen innerhalb der Gruppengemeinschaft aufgebaut. Wenn es meine Zeit ermöglichte, trafen wir uns – so wie andere befreundete Gruppen auch – in geselliger Stimmung und redeten über dies und das. Dabei kamen auch diverse Reiseträume zur Sprache und es stellte sich heraus, dass viele Personen in meinem Bekanntenkreis waren, die sehr gerne einmal eine ausführliche und außergewöhnliche Reise nach Australien gemacht hätten. Von mir wurde deshalb erwartet, dass ich eine solche Reise planen und würde koordinieren können, da ich die entsprechende Erfahrung in die Waagschale werfen konnte. Da mich dieser ferne Kontinent ebenfalls interessierte, machte ich mich in meiner Freizeit an die Arbeit und nach kurzer Zeit der Vorbereitung „stand“ die besondere Tour. Warum besonders? Weil innerhalb der Gruppe grundsätzliche Übereinstimmung darin bestand, dass wir neben den unbedingt sehenswerten Plätzen, mit denen Australien seit Jahrzehnten für sich selbst Werbung machte, auch einmal tief in die roten Wüsten würden vordringen wollen um unseren jugendlichen Traum von der ungestörten Freiheit auszuleben. Deshalb mieteten wir uns dort im Land kein Wohnmobil, buchten uns keine Pensionen oder Hotels, sondern einen geländegängigen großen Allradjeep, der der dann insgesamt sechsköpfigen Gruppe bei Bereitschaft zu einer nötigen Einschränkung, was die Erwartungen an den Reisekomfort betrifft, genug Platz bot um ohne entstehenden Druck die Reise zu absolvieren.

Melbourne ist eher etwas biederer – aber auch interessant
Viktorianische Gebäude zeigen auf, wer sich den Kontinent unter den Nagel gerissen hat.

Wir waren jung, wir waren unbekümmert, sorglos in gewissem Umfang aber doch wenigstens im Kollektiv an dem fremden Land und seinem besonderen Charisma interessiert. Der Hauptgrund, der uns nach Down-Under (Eigenbezeichnung der Australier für ihr Land) führte war, dass wir dort in extremer Einsamkeit in den Wüsten etwas erleben wollten, was wir in unserem dichtbevölkerten Europa niemals würden erleben können. Nachdem wir in Sydney diesen Jeep übernommen und uns die berauschende Stadt und ihr Umland angeschaut hatten, blieben wir zunächst noch auf den üblichen Verkehrswegen und setzen die Reise über Canberra, die Great Ocean Road und Melbourne fort. Das Land entsprach unseren Erwartungen und schon bald hatten wir alle bisher bekannten Definitionen in Bezug auf Weite, Entfernung und Größe über Bord geworfen. Eine Neu-Definition in Bezug auf Weite, Entfernung und Größe hatte ich zwar in den USA bereits vornehmen müssen, aber hier war alles noch eine Spur weiter, einsamer und gefühlt größer. Es könnte also nun eine ganz normale Reisebeschreibung folgen und bis wir in der zweiten Woche in das von Deutschen geprägte Adelaide kamen, war der Verlauf im Prinzip wie erwünscht oder erhofft. Der Ausbruch ins weite Unbekannte stand erst nach dem Aufenthalt in Adelaide an! Und tatsächlich: kaum dass wir die letzten Vororte des riesigen Adelaide hinter uns gelassen hatten und auf die nur von einem Allradfahrzeug zu bewältigenden Schotterstraßen des Hinterlandes in die Flinders Ranges abgebogen waren, veränderte ich vieles – auch die Grundstimmung der Mitglieder der Gruppe. Wir wurden spontan ehrfürchtiger, sinntiefer und stiller, ohne allerdings dabei unseren jugendlichen Übermut ganz abzustellen! Das Fahrzeug hatte natürlich auch ein Abspielgerät für Kassetten und jede/r hatte etwas von seiner Lieblingsmusik aus der Heimat mit nach Australien gebracht.

Es gibt ja sehr viele Menschen, vor allen Dingen dann, wenn sie einmal in Amt oder Würden aufgestiegen sind, die entweder garnicht mehr oder nur noch mit vorgehaltener Hand darüber sprechen, dass sie einmal jung gewesen sind. Jung und voller Ideale, aber auch voller Übermut und Selbstbezogenheit. Der erste ganz große Moment passierte dort, in den Flinders Ranges. Ein Moment, der sich tiefer und nachhaltiger in mein Bewusstsein eingegraben hat, weil er mit einem spontanen Gefühl der Erkenntnis, dass sich gerade etwas verändert hatte in meinem Empfinden, zu mir kam. Natürlich war auch der erste Blick auf das weltberühmte Opernhaus von Sydney und die dahinter verlaufende Harbour Bridge ein „großer Moment“. Und selbstverständlich haben wir mit offenen Mündern gestanden und gestaunt, als wir an der Great Ocean Road die legendären 12 Apostel erreichten. Wir hatten die Information erhalten, dass diese 12 Apostel direkt nach dem Ayers Rock die am zweithäufigsten fotografierte Touristenattraktion in Australien waren. Wir hatten dort das Gefühl „dort“ zu sein, es gemacht zu haben, unsere Pläne und Träume realisiert und nicht nur jahrelang darüber gesprochen zu haben! Wir sind noch wie selbstverständlich über die natürliche Kalkstein-Brücke der sogenannten London-Bridge zu einem besonders schönen Felsen gelaufen, nicht ahnend, dass genau dieses Teilstück der weltbekannten Sensation am 15.01.1990 zerbrechen und ins Meer stürzen würde. Bei späteren Reisen habe ich die London-Bridge deshalb auch nie mehr zu Gesicht bekommen. Aber Beispiele für schnelle Erosion durch Wind und Salzwasser an Australiens Südküste gibt es zuhauf. Alles war berauschend und trotzdem war die Einfahrt in die Flinders Ranges „anders“. Wir hatten auf unserem Jeep einen großen Dachgepäckträger anbringen lassen, damit wenigstens der Innenraum des Fahrzeugs für uns als Personen etwas mehr Platz bot. Nachdem das Fahrzeug von einem von uns, der an diesem Tag mit dem fahren des Fahrzeugs beauftragt war, von der Asphaltstraße auf die Schotterpiste gelenkt worden war, musste die Geschwindigkeit des Jeeps deutlich reduziert werden.

Die Formationen der 12 Apostel an der Great Ocean Road
Das von Deutschen mitgeprägte Adelaide.

Wir saßen im Inneren und drückten uns die Nasen an den Scheiben platt, weil es so viele exotische Dinge zu sehen gab. Ein großer Schwarm von Correlas, eine australischen Kakadu-Art, flog für eine Weile neben uns her. Wer solche Tiere fliegend in ihrer natürlichem Umgebung einmal gesehen hat wird für alle Zeit Schwierigkeiten haben, sie in einen Käfig zu stecken und sie dieser erhabenen Freiheit zu berauben. Die ersten Kängurus tauchten auf und wir platzten fast vor lauter Vorfreude auf das, was noch kommen würde. Der Mensch hat unterschiedliche Charakterdispositionen und Mut und Unvernunft liegen oft dicht beieinander. Mir wurde es in dem Fahrzeug zu eng, ich hatte das Gefühl, mehr von dem da draußen bekommen zu müssen, näher dran sein zu müssen. Irgendwann bat ich darum, den Jeep kurz zu stoppen, damit ich auf den Dachgepäckträger würde klettern können. Keiner von uns wusste, ob der Dachgepäckträger dieses zusätzliche Gewicht würde stemmen können! Aber ich wollte diesen Schritt unbedingt wagen. Sofort nachdem ich dort oben Platz genommen hatte wurde klar, dass es sich dabei um eine 100%ige Steigerung des Erlebten handelte. Die wabernde Wucht der glühenden Hitze, der Geruch der Akazien und des Staubes, die Geräusche der Zikaden und die Rufe der Vögel. Plötzlich war alles da, alles perfekt, alles im Lot. Dass wir in dieser Isoliertheit von einem Gesetzeshüter erwischt worden wären, war so gut wie ausgeschlossen. Als nach wenigen (holprigen und staubigen) Kilometern der Fahrer kurz anhielt um in Erfahrung zu bringen, ob es denn ginge, auf dem Dachgepäckträger, konnte ich meine Aufregung ob der soeben erlebten Faszination kaum unterdrücken. Wie viele Personen wohl auf so einem Dachgepäckträger würden sitzen können, ohne dass das Teil seinen Geist aufgeben würde? Wir waren jung, voller Übermut, voller Hunger auf Erlebnisse. Ein zweiter junger Mann wagte den Aufstieg. Auch ihn sprang die gesteigerte Faszination sofort an – er war vollkommen begeistert. Nachdem wir uns eine Weile gegenseitig unserer Begeisterung versichert hatten, wurden wir still. Eine ungeheure Authentizität umgab uns und der Dachgepäckträger hielt! Der Fahrer hatte seine Seitenscheibe herunter gekurbelt und seine Lieblingsmusik eingelegt. Als es zu diesem unauslöschlichen Moment kam, lief „Another Day In Paradise“ von Phil Collins und da der Fahrer seinen Lieblingssong offensichtlich gerne hörte, hatte er die Lautstärke des Kassettenspielers auf das maximal Machbare aufgedreht. Mein Dachgepäckträger-Sitznachbar beugte sich zu mir herüber, hob seinen Mittelfinger, hielt diesen in die Luft und meinte: „der hier ist für all die Narren, die hier hätten dabei sein können und es am Ende doch nicht gemacht haben“.

Die Flinders Ranges sind spektakulär aber ohne Komfort für die Massen
Hier leben viele Kängurus und Wallabys
Manchmal mit ihren Jungtieren im Beutel

Wir hatten viele Interessenten/-innen, die sich im Vorfeld gemeldet und starkes Interesse an dieser geplanten Reise bekundet hatten. Teilweise sah es so aus, als ob wir zwei oder vielleicht sogar drei Allradjeeps hätten anmieten müssen. Doch wie der Mensch eben mal so ist, kamen bei den Meisten dann die Bedenken. „Doch etwas zu teuer“ – „In die Wüste auch? Wohl vielleicht doch etwas zu riskant“ und so ähnlich klangen die Argumente. Doch wir hatten „es“ gemacht, realisiert und empfanden es nun als ultimative Belohnung, den Schritt hierher getan zu haben. Dieser Moment, in großer Hitze, nur abgekühlt durch den Fahrtwind des sich bewegenden Fahrzeugs, der grelle Sonnenschein, die Geräusche und Gerüche um uns herum und auch – ja, ich gehöre zu denen die zugeben einmal jung und weniger vernünftig gewesen zu sein – die Musik aus dem Jeep, die wir gut auch noch auf dem Dach hören konnten und die gigantische Staubwolke aus rötlichem, feinen Sand, die der Jeep bei etwas schneller Fahrt – so diese denn möglich war auf diesem Untergrund – aufwirbelte waren gigantisch, extrem authentisch und als dann auch noch im Gebüsch neben der Fahrbahn eine Känguru Mutter ihr Jungtier in den Beutel ließ als wir uns näherten war das Gefühl des „ich bin“ da perfekt. Mit voller Wucht traf mich diese Erkenntnis und ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise, welche inneren und äußeren Wunder auf diesem Kontinent noch auf mich warten würden. Wir waren alle jung und weniger vernünftig damals. Am späten Nachmittag erreichten wir auf dieser Piste die gigantischen Salzwüsten des Lake Eyre, der wieder alles in den Schatten stellte was wir in Bezug auf Größe und schiere Endlosigkeit zu wissen glaubten. Natürlich ist der „See“ im heißen Australien nur selten mal ein solcher! Aber wenn es einmal regnet, kann er zum größten See des Landes mutieren und mit 17 Metern unter dem Meeresspiegel der tiefste Punkt Australiens sein. Als wir dort ankamen breitete sich eine bis zum Horizont reichende weiße Salzwüste aus, deren Fläche bis zu 10.000 Quadratkilometer betragen kann. Das wäre die Fläche Kärntens oder die Hälfte der Fläche Sachsens. Wow!

Es war – aus unserer fast noch jugendlichen Perspektive – eine gute Entscheidung den Schritt in die vermeintliche Freiheit der Wüsten zu wagen. Sofort hatten alle eine innigere Beziehung zueinander, die Erlebnisse in diesen größtenteils noch intakten Naturräumen brachten uns menschlich näher zueinander, als wir das gedacht hätten! Als die Nacht näher kam, mussten wir einen Platz finden, um unsere Zelte aufzubauen. Aber bei jedem Stopp, bei jeder Prüfung des Bodens mussten wir erkennen, dass der Boden viel zu hart war um die Häringe zumindest so tief in den Boden zu treiben, damit die Zelte Stabilität bekommen würden. Auf dem nackten Boden dieser ariden Halbwüste wollten wir nicht schlafen und im Fahrzeug war letztlich nicht genug Raum für uns alle, auch wenn wir den Dachgepäckträger mit zwei Personen belegt hätten. Als wir in dieser Einsamkeit zu einer Brücke kamen – es begann bereits zu dunkeln – erkannten wir ein ausgetrocknetes Flussbett. Der Boden dort unter der Brücke war endlich weich genug, um die Zelte sicher aufzubauen. Natürlich wussten wir alle, dass man sich besser nicht in einem ausgetrockneten Flussbett einquartiert, da gerade ausgetrocknete Flussbetten die Tendenz haben, sich rasch mit Wasser zu füllen, wenn es weit weg geregnet hatte. Aber wir waren den ganzen Tag in glühender Hitze und Staub unterwegs gewesen. Es gab keine Spur, keine Anzeichen von Niederschlag in irgendeiner Form auch immer. Bis zum Horizont war der Himmel den ganzen Tag über azurblau. Es würde schon gutgehen. Die Einrichtung des Nachtlagers ging auch gut, sehr gut sogar. Im Schnellverfahren waren die drei Zelte (wir waren eine Gruppe von 2 weiblichen und 4 männlichen Teilnehmern) aufgestellt, der kleine Gaskocher hervorgeholt und entzündet und das am Tag zuvor gekaufte Bier bereitgestellt. Die Dunkelheit kam und mit ihr neue Geräusche und Gerüche. Und dann der zweite, ganz große Moment, der mich natürlich zu einem Exkurs über die Verschmutzung unserer Umwelt in unseren Breiten verführen könnte! Ich werde es aber unterlassen und lieber das Ereignis beschreiben, so dass jede/r die Möglichkeit erhält, die Interpretationshoheit über das Gelesene auszuüben. Unser Lagerplatz im ausgetrockneten Flussbett wurde nur leicht von einem kleinen Lagerfeuer, welches wir unter (ehrlich, auch damals schon gab es in uns eine gewisse Vernunft) kontrollierten Bedingungen entfacht hatten, erhellt. Im Prinzip war es stockfinster und wir hatten das auch so gewollt. Plötzlich erschien am Horizont, in der Richtung in der die Straße verlief auf der wir hierher gekommen waren, ein gleißendes Licht. Jemand musste dort das Fernlicht an seinem Wagen eingeschaltet haben. Vielleicht war es ein Outdoor gängiger LKW? Mit vielen zusätzlichen Halogenscheinwerfern auf seinem Dach? Das gleißende Licht wurde immer heller, aber es näherten sich keine Geräusche! Beim besten Willen, auch wenn wir gemeinsam vollkommen still waren und in die Richtung des erwarteten LKW lauschten, hörten wir nichts! Wir stellten fest, dass das Fahrzeug einfach nicht näher kam! War es stehengeblieben? Warum? Das Fahrzeug kam also nicht hörbar näher aber seine Scheinwerfer warfen einen immer größer werdenden Lichtkegel, ohne dabei schwächer oder stärker zu werden. Was um Himmels Willen, war dort los? Und dann traf uns alle gemeinsam die Erkenntnis: der Lichtkegel wurde nämlich immer größer und hatte schon fast eine runde Form angenommen, war am Horizont aber noch immer mit dem Boden verhaftet. Und dann ließ das Licht den Boden los und stieg als MOND den Himmel höher hinauf. Ich kämpfe noch heute mit den Tränen wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie tränenreich überwältigt wir damals waren und mit welchem unfassbaren Staunen wir uns in den Armen lagen! Der Mond mit der Kraft eines Fernscheinwerfers, so stark von gleißendem Licht erfüllt, dass man anfangs kaum hineinschauen konnte. Ein Mond, der in einer Wüste, fernab von jeglicher Luftverschmutzung aufging und uns im wahrsten Sinne des Wortes zerschmetterte. Sicher gibt es auch andere Wüsten auf unserem Planeten in denen sich ein ähnliches Schauspiel beobachten lässt. Aber hier wurde die ungebändigte Kraft des Universums mit einem Schlag spürbar. Wir hatten (alle) den Mond mit einem Fernscheinwerfer verwechselt. Und? Jede/r der nicht dabei gewesen ist wird bestreiten, dass es so sein kann.

Später kam tatsächlich noch ein Fahrzeug vorbei. Es hielt oben auf der Brücke und ein einzelner Mann stieg aus. Da wir alle sehr gut englisch sprachen konnten wir ohne Umschweife verstehen was er meinte, als er ein „bloody Tourists“ zu uns hinunter rief! Ich ahnte was er meinte und gab zu verstehen, dass es unserer Meinung doch nicht gefährlich sei, in diesem ausgetrockneten Flussbett unser Lager für die Nacht aufzuschlagen, da es doch den ganzen Tag über nicht geregnet hätte und wir hätten ja bis zum Horizont nichts erkennen können, das nach Niederschlag ausgesehen hätte! Der fremde Mann erklärte uns kurz, aus welchen Gebieten dieses trockene Flussbett mit Wasser gespeist werden würde und erwähnte auch den Namen einer weit, sehr weit entfernt liegenden Bergkette und dass es genau dort heute heftig geregnet hätte. Er würde nicht weichen, bis wir unser Lager nach oben an den Rand des trockenen Flusses verlagert hätten, denn er würde sich verantwortlich fühlen und begann dann wieder über die „bloody tourists“ zu schimpfen! Wir gaben murrend nach, räumten unser Lager und bauten die Zelte ab und – wie gewünscht – am Rande des trockenen Flussbettes in erhöhter Position wieder auf. Der Mann hatte natürlich recht! Auch damit uns als „bloody tourists“ zu beschimpfen. Bei späteren Reisen habe ich erleben können, welche ungeheuren Wassermassen wie aus dem Nichts in der trockenen und heißen Einöde angerauscht kommen, wenn es 300 Kilometer weiter heftig geregnet hatte. Tatsächlich fuhr der Mann erst weiter als er sicher war, dass wir keiner unmittelbaren Gefahr mehr ausgesetzt waren. Es ist ja auch eine Tragödie, dieser partiell auftretende Wagemut der Touristen in fremder Umgebung. Sie bauen ihre Zelte in trockenen Flussbetten auf, steigen in Berge, in denen sie umkommen oder kostenintensiv gerettet werden müssen, laufen ohne Wasser durch Wüsten oder auf den Ayers Rock bei 70° Grad Temperatur (so wie wir das später ebenfalls taten). Neben dem exzessiven „Billich-Willich“ Massentourismus und der Kreuzfahrtindustrie sind es wohl diese unbedachten Touristen, die sich voller Wagemut und in totaler Unkenntnis in Gefahr bringen, die zu den drei Geißeln des Tourismus gezählt werden können? Aber diese Verfrachtung unseres Lagers in höhere Lagen hatte auch etwas sehr Gutes! Wir waren danach noch wacher als zuvor und saßen auf Decken vor dem erneut entfachten Lagerfeuer vor unseren Zelten. Es war für uns alle die erste Reise in die südlichen Hemisphären unseres Planeten. Auf der Südseite der Erde laufen manche Dinge anders! Nicht nur das Wasser im Ausguss, welches sich in die entgegengesetzte Richtung dreht wie ablaufendes Wasser auf der Nordhalbkugel. Auch der Mond steht Kopf und die Phasen zwischen Vollmond und Neumond laufen umgekehrt. Was aber besonders Astronomen und Hobby-Astronomen erfreut ist der Umstand, dass der südliche Sternenhimmel viel intensiver, heller und reicher an Erscheinungen am Firmament ist als der in unseren Breiten. Nachdem wir das Lagerfeuer gelöscht hatten (sollten die vielen giftigen Schlangen doch kommen – war uns doch egal) wurden die Sternbilder immer deutlicher und nachdem sich unsere Augen an die neue Situation angepasst hatten gab es dort oben ein richtiges Festival für die Augen. Wir saßen noch lange, sehr lange schweigend dort und bewunderten die Schönheit des Alls. Erst gegen 02:00 Uhr wurde eine unserer Damen müde und endlich gegen 03:00 Uhr waren alle zur Nachtruhe in ihren Zelten und Schlafsäcken verschwunden. Was für ein Tag!

Australiens Zentrum ist eine endlos scheinende Rote Halbwüste

Diese ganzen Erzählungen sind noch immer als Vorwort zu verstehen. Diese erste Reise nach Australien stand keinesfalls unter dem Motto „Sinnfindung“ oder „Horizonterweiterung“. Wir waren eine Gruppe von sechs noch immer recht jungen Leuten die einen exklusiven Plan in die Tat umgesetzt hatten. Die beschriebenen Vorkommnisse mit dem Mond, der Fahrt auf dem Dach des Jeeps durch die Flinders Ranges oder der Betrachtung des südlichen Sternenhimmels verfehlten ihre Wirkung nicht, sind aber keinesfalls dafür verantwortlich, dass sich in Australien mein gesamtes Dasein veränderte, präzisierte, meine Sinne schärfte und mich zu einem großen Teil zu dem machte, was ich heute bin. Es waren auch zutiefst normale Erlebnisse dabei und ich vergesse den flehenden Blick einer unserer beiden Damen nicht, als wir in Alice Springs auf dem dortigen, auch in der Nacht glühend heißen Campingplatz, unser Quartier bezogen hatten und sie nach einem Bummel über die Einkaufsstraße der Wüstenstadt, der Todd Mall, viel zu viel Geld für Souvenirs ausgegeben hatte und den Rest der Truppe darum bat, ihr die Kreditkarte wegzunehmen und gut zu verwahren. Auch der Aufstieg auf den Ayers Rock zur Mittagshitze, als wir dort vollkommen allein waren und unbedacht handelten, ist in Erinnerung. Nur zwei Jahre später wäre es für mich absolut ausgeschlossen gewesen, auf diesen den Aborigines höchst heiligen Felsen hinauf zu steigen. Kulturimperialist war ich zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben, sonst hätte ich mitten unter anderen Völkern und Nationen nie den Grad der Erfüllung erfahren können, der mir im Lauf der Jahre förmlich zuflog. Aber ich war auch einmal uninfomiert und meinem persönlichen Erlebnishunger verhaftet. Ein Aufstieg auf den Uluru (wie die Aborigines den Felsen nennen) wurde doch in der australischen Eigenwerbung als ein „must do event“ beschrieben? Was also sollte falsch daran sein? Die Hitze dort, die durch die Speicherung der Sonnenglut auf dem uralten roten Steinen noch angefacht wurde, erreichte während unseres Aufstiegs tatsächlich die 70° Grad Marke! Trockene Hitze und nicht zu vergleichen mit der schweißtreibenden feuchten Hitze in einer Sauna oder den Küstenregionen der Tropen in der Nähe des Äquators. Wir erreichten jedenfalls alle problemlos den höchsten Punkt, trugen uns dort ins Gipfelbuch ein und erreichten den Boden wiederum ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Und so wie ein guter Psychologe (eine gute Psychologin) durchaus einen gewissen Eigen-Dachschaden haben darf um kompetent die psychischen Probleme seiner Patienten/-innen besser zu verstehen, darf auch der, der den tieferen Sinn und das Wesen einer fremden Kultur ergründet hat, einmal ein bornierter Idiot gewesen sein und darf trotzdem – gewachsen und gereift an der Erkenntnis – seinen Finger symbolisch heben um zu mahnen. Vielleicht lügen deshalb so viele auf der gesellschaftlichen Leiter ganz oben stehende Menschen sich die Anfänge ihrer Leben zurecht? So als wären sie im Prinzip bereits als vollkommene und würdige Wesen geboren worden um damit glaubhafter erscheinen zu lassen, dass ihnen der Platz, den sie ergattert haben, einfach zusteht? Es ist zumindest ein erklärendes Szenario dafür, warum es so viele höherrangige Menschen gibt, die sich und die Welt schlicht belügen. Ich kenne einige berühmte „Abenteurer“, die sich ihre Vita zusammen mit einer sie begleitenden Marketing-Agentur komplett selbst geschrieben haben.

Nur spezialisierte Lebewesen können hier existieren

Wir ließen uns im Sixpack von den Schönheiten des roten Zentrums Australiens verzaubern. Wir wussten zwar, dass es dort eine einheimische Bevölkerung gab, hatten diese aber nicht in erster Linie im Fokus. Aber wenigstens wussten wir, dass es neben den sich selbst gut promotenden „weißen“ Australiern/-innen auch noch diese Aborigines gab. Viele Jahre später, als ich in einer Schule für einen Jahrgang 10 der Oberstufe in meiner damaligen Heimatstadt einmal einen Vortrag mit Bildern über Australien hielt, musste ich betrübt feststellen, dass die Wahrnehmung auch der gebildeteren jungen Menschen so stark durch mediale (dämliche mediale) Inhalte geprägt war, dass diese die Welt nicht mehr als solche erkennen, sondern die ihnen durch die Medien vorgeführte Wirklichkeit als einzig real betrachten. Die jungen Menschen in dieser 10ten Klasse gaben bei meiner Einführung zu, alle das „Dschungelcamp“ im Fernsehen zu sehen. Einer von den Jungs meinte noch, dass er dort nie hinwollen würde, weil es dort außer undurchdringlichem Urwald, giftigen Schlangen und Spinnen nichts geben würde. Die jungen Leute hatten dem charismatischen Kontinent schlicht die „Dschungelcamp-Glocke“ übergestülpt. Diese Unwissenheit und Ignoranz stimmte mich kämpferisch und ich habe diese jungen Menschen berührt und aufgeklärt. Aber woher sollten sie denn ihr Wissen um die Welt nehmen, wenn die Quellen immer dürftiger werden? Auch ich habe mich im Erdkunde-Unterricht (ja, so heiß es damals tatsächlich) stark darüber gewundert, als unser Klassenlehrer ein großes Rollbild mit den Kontinenten an der Tafel herunter ließ, auf welchem auch in einem runden Bild ein Vertreter der jeweiligen Rasse (ja, so heiß es damals tatsächlich) Mensch, der auf dem Kontinent lebte, abgebildet war. Auf dem afrikanischen Kontinent lächelte mich ein schwarzer Mensch an, der Asiate wurde asiatisch dargestellt, auch der Inder gehörte dorthin, wo er abgebildet war. Schön dass es in den USA neben dem „weißen“ Mann auch noch einen „Indianer“ zu sehen gab. Ein „schwarzer Mensch“ lächelte damals aber nicht vom Plakat herunter! Und wir stellten dazu auch keine Fragen, waren ja nur (fast noch) Kinder. Auf dem australischen Kontinent lächelte mich ein freundlicher Mann mit dem typischen australischen Hut an, so wie ihn „Crocodile Dundee“ später im Film trug. Ich betrachtete mir die Verteilung der Rassen (ja, so heiß es damals tatsächlich – der Begriff Ethnie war noch nicht eingeführt) auf den Kontinenten und alles ergab einen Sinn. Auch die Tatsache, dass dort, in den USA Weiße und Indianer sich das Land teilten. Aber eine Frage drängte sich trotzdem auf: warum hatte sich ausgerechnet dort unten in Australien eine weiße Rasse entwickelt? Das erschien mir fragwürdig aber gestellt habe ich die Frage nicht, auch weil unser Lehrer berüchtigt dafür war, dass er sehr ungehalten reagieren konnte, wenn er eine Frage für dumm hielt! Dann setzte es für uns Jungs auch mal eine Ohrfeige (ja, so war es damals tatsächlich). Ich legte diese Frage zu den Tausend anderen, die ich zu diesem Zeitpunkt bereits mit mir spazieren trug. Es würde sich irgendwann, irgendwo schon eine Antwort finden.

Der Uluru ist das bekannteste Monument und extrem stark besucht
Auch wenn es idyllischere Ecken gibt

Viele Antworten wurden mir tatsächlich gegeben in den folgenden Jahrzehnten. Aber in Australien gab es darüber hinaus Erkenntnisse, von denen ich zuvor nicht einmal geträumt hatte. Um die Vorgeschichte zur Geschichte noch deutlicher zu präzisieren: bis zur Ankunft im Roten Zentrum des Kontinents hatte sich noch nichts Entscheidendes verändert. Wir setzten unsere Reise auf der A87 via Alice Springs fort und konnten in diesen menschenleeren Weiten des Northern Territory, das schon damals fünfmal größer war als die noch nicht wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland und dabei lediglich etwas mehr als 215.000 Einwohner hatte, fort und konnten so nochmals eine Erweiterung des Begriffes „Weite und Endlosigkeit“ erfahren. Begegnungen mit Aborigines hatten wir dabei nicht, auch wenn sie uns in den Straßen von Katherine und Darwin auffielen. Was uns damals aber als schneidende, olfaktorische Erinnerung mit auf den Weg zurück nach Deutschland gegeben wurde, war der bestialische Gestank, der schon immer – je nach Richtung des Windes – zwei oder drei Kilometer bevor das optisch passende Ereignis dazu eintrat, durch unsere Nasenhöhlen waberte. Wir fuhren nämlich auch auf dem Stuart Highway, dem auch Highway No. 1 genannten Asphaltband, noch immer auf dem Dachgepäckträger unseres Jeeps! Wir wollten diese Intensität nicht lassen. Die auf dem Dach sitzenden bekamen den Geruch der verwesenden Großtiere immer zuerst in die Nase. Die australischen LKW, die damals noch rege verkehrenden Road Trains, die bis zu 50 Meter lang waren und auf bis zu 72 Rädern durch die Welt gefahren wurden, bremsten nämlich nicht für Tiere! Die großen Fahrzeuge hatten stattdessen eine sogenannte „Bull-Bar“ vor ihrem Kühler, eine metallene Konstruktion mit hervorragender Stoßwirkung, und schoben die sich ihnen in den Weg stellenden Tiere schlicht aus dem Weg. Da diese LKW prinzipiell mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs waren, überlebten die Tiere den Zusammenprall niemals. Hunderte von toten Kängurus und Kühen sind uns auf diese Weise begegnet. Natürlich haben auch die meisten privaten Fahrzeuge und Familienkarossen eine solche Bull-Bar, allerdings in kleinerer Ausführung. Den einzigen (toten) Wombat, den wir zu sehen bekamen, hatte offensichtlich in der Nacht zuvor ein PKW auf einer Straße durch die Snowy Mountains vom Leben zum Tode gebracht.

In Darwin war die Welt plötzlich tropisch und feucht
Und die Vielfalt der Pflanzen noch gewaltiger als zuvor

Bei der Niederschrift der Erinnerungen fällt mir auf, dass es vielleicht doch schon einen kleinen Hinweis gegeben hat, dass auch in diesem Land etwas nicht stimmt? Der Anteil der Aborigines im australischen Bundesstaat Nortern Territory ist – bezogen auf die geringe Zahl an Menschen die dort lebt – extrem hoch. Und natürlich haben wir einige Vertreter dieses Volkes im tropischen Darwin unter den Schatten spendenden Bäumen im Bicentennial Park gesehen. Wirklich Lust darauf, von unserer Seite den Kontakt zu ihnen zu suchen, bekamen wir nicht, aber wenigstens gab es innerhalb unserer kleinen Reisegemeinschaft die Übereinstimmung, dass wir uns diesen Menschen nicht als heimliche Gaffer oder aufgesetzt dämliche Frager/-innen würden nähern wollen. Bei der nächsten Reise mit Freunden, nur zwei Jahre später und um 12 Personen größer, hatten wir hier, im Bicentennial Park in Darwin ein zumindest denkwürdiges Erlebnis. Aber soweit war es bei dieser Reise noch nicht. Wir ließen uns im Kollektiv nun von den tropischen Regionen Australiens verzaubern und fühlten uns teilweise in die Welt des brasilianischen Regenwaldes am Amazonas versetzt, auch wenn keiner von uns zuvor jemals dort gewesen war. Aber eine gewisse Veränderung machte sich ab Darwin bemerkbar: die von den weißen Australiern dominierte Lebenswelt der Ureinwohner lebte hier oben offensichtlich nicht schlecht davon, auch Bücher oder Kunstwerke der Aborigines zu verkaufen. Ein sehr üppiger Bildband ließ uns erahnen, wie wertvoll die in großer Zahl im nicht weit entfernt gelegenen Kakadu-Nationalpark und im dahinter liegenden, für normale Touristen unerreichbaren Arnhem-Land, an den Wänden der Felsen angebrachten Kunstwerke der Ureinwohner sein mussten. Diese Eindrücke würden wir auf jeden Fall gerne photographisch festhalten wollen. Da ich mir den Erwerb des sündhaft teuren Bildbandes sparen wollte, fragte ich den Mann an der Kasse nach den Möglichkeiten, wie es denn mit den Besuchsrechten im Arnhem-Land aussehe, wenn wir dort hinein wollen würden um die Malereien der Aborigines zu photographieren. Und so erhielt ich den kleinen Hinweis, der mir heute und damit viele Jahre später, den Gedanken vermittelt, dass das bereits ein Wegweiser war, auch wenn ich diesen – in Urlaubsstimmung befindlich – nicht sofort erkannt habe. Der Mann in der Buchhandlung hinter seinem Tresen lächelte über so viel fragende Dummheit und Unkenntnis eines Touristen und er meinte – zurecht – mich! Da die weißen Australier aber eine sehr nette Art von Menschen sind, setzte er trotzdem zu einer Erklärung an. Ich hatte nämlich auch gefragt, welchen Aborigine ich würde fragen müssen um mein Ansinnen vorzutragen! Also einen Aborigine! So ergab es für mich einen Sinn, denn die Aborigines im Arnehm-Land lebten dort allein und ohne Besucher (so dachte ich damals – so wurde es mir vermittelt durch die australischen Quellen die zur Verfügung standen) und war es da nicht vernünftig, auch einen Vertreter dieser Volksgruppe zu befragen, ob es ein Besuchs- und Photographier-Recht geben würde? Weit gefehlt! Das Leben der australischen Ureinwohner wurde komplett von den weißen Nachfahren der Europäer/-innen gelenkt, geleitet und geführt. Bei allen Entscheidungen, die das Leben der Ureinwohner betraf, wurde denen damals ein nur sehr geringes, kaum spürbares Mitspracherecht eingeräumt. Und auch nur dann, wenn es den Konsens der vorgefassten weißen Entscheidung nicht allzu deutlich gefährdete. Ich wurde von dem Buchhändler an das Amt für „Aboriginal Affairs“ verwiesen und auch darauf, dass der nötige Papierkram mehrere Monate in Anspruch nehmen würde, bevor eine rechtskräftige Entscheidung gefunden und einem Besuchswunsch stattgegeben werden könnte. Ein aussichtsloses Unterfangen für jemanden wie mich, der sich bereits am Ende seiner vierwöchigen Urlaubsreise auf diesem Kontinent befand. Dass ich mich mit einem kompletten „System“ würde anlegen müssen, um meine Ziele zu verfolgen, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, auch wenn diese Auseinandersetzung später Fahrt aufnahm und am Ende sogar beinahe ein Einreiseverbot gegen mich durchgesetzt wurde.

Kakadus wie Spatzen bei uns auf allen Bäumen
Und Krokodile im Schlamm auf dem Weg zum Kakadu Nationalpark

An allen Sinnen berauschend für unsere Reisegemeinschaft wurde der Besuch des Kakadu Nationalpark trotzdem. Er ist nicht nur der größte Nationalpark Australiens, sondern steht bei der UNESCO gleich zweimal auf der Liste! Einmal für seine natürlichen Besonderheiten und wegen der kulturell wertvollen und uralten Felsmalereien der Aborigines. Und auch wenn man bei der Abarbeitung der in der Reiseliteratur erwähnten Highlights des Nationalparks voll auf seine Kosten kommt, war es doch ein anderes Erlebnis, welches sich besonders tief in unsere Erinnerung eingegraben hat. In einem anderen Artikel beschrieb ich schon einmal die jeweiligen Vorzüge einer Gruppenreise mit Hotel oder wenigstens fester Unterkunft und den Reiz der individuellen Reise mit Rucksack und ohne Komfort. Unsere damalige Reise war eher im Bereich der Individualreise angesiedelt, auch wenn wir zu sechst unterwegs waren. Der Campingplatz in Jabiru, dem touristischen Hauptort des Parks, war sehr dicht an der Busch & Waldvegetation. Da wir zwei Nächte dort verbrachten wurden wir am ersten Abend regelrecht angetörnt von den vielen Geräuschen, die aus dem nahen Busch in Form von Gezwitscher, Gezirpe und knackenden und raschelnden Tönen bis zu unserem Nachtlager durchdrangen. So fassten wir am zweiten Abend den Entschluss, nach Einbruch der Dunkelheit mit Taschenlampen in dieses Buschland zu schleichen, aufmerksam nach tödlich giftigen Schlangen und Spinnen Ausschau zu halten, und dann vielleicht irgendwo in diesem undurchdringlich scheinenden Geflecht von Ästen und Wurzeln eine Lichtung zu finden, auf der wir uns der Betrachtung der Sterne und den Geräuschen in völliger Gesprächsstille hätten hingeben können. Mit jedem Meter in den Busch wuchs die Lautstärke der uns umgebenden Natur. Als wir nach etwa einer halben Stunde tatsächlich eine Lichtung fanden, hatten wir aber nur eine Tier-Begegnung: eine Rotte von verwilderten Hausschweinen flüchtete in grandioser Manier, als sie in den Lichtkegel unserer Taschenlampen geriet. Wir ließen uns nieder, knipsten unsere Taschenlampen aus und konnten nach wenigen Minuten feststellen, dass die Erscheinungen am Himmel stärker und stärker wurden. Aber die eigentliche Sensation waren die Geräuschquellen! In völliger Stille unsererseits bemächtigte sich diese Geräuschkulisse mehr und mehr unserer Wahrnehmung. Am Ende klang es so, als hätte man uns eine Haube mit tausenden Lautsprechern übergestülpt, so sehr wurden wir mehr und mehr teil unseres pfeifenden, raschelnden, zirpenden und gelegentlich knackenden und quietschenden Umfeldes. Und dann hatten zumindest drei Personen dasselbe Erlebnis: die gefühlt übergestülpte Klangglocke drang in unsere Köpfe ein. Plötzlich kamen die Geräusche nicht mehr von außen, sondern es breitete sich das Gefühl aus, dass diese nun direkt aus unseren Köpfen kamen! Bei weiterem Zuhören in entspannter und vollständiger Eigenruhe war es am Ende so, dass die Wahrnehmung uns suggerierte, als ob unsere Gehirne schrumpfen würden und die alles umfassende Klang-Kulisse in unseren Schädeln das Universum darstellte. Ein elementares Erlebnis, über welches man auch als mutiger Schreiber vielleicht nicht schreiben würde, wenn man dieses Erlebnis allein gehabt hätte? Aber so, mit Reisegefährten und Zeugen, ist es sozusagen eine Verpflichtung, dieses Erlebnis zur Verfügung zu stellen. Sonst käme doch recht schnell wieder die Frage, was der denn wohl „geraucht“ habe, der diese Zeilen schrieb.

In solchen Felsen haben die Ureinwohner vor ewigen Zeiten ihre Kunst angebracht
Und erzählen in Bildern das Leben vor 50.000 oder mehr Jahren
Es gibt in Australien einige der giftigsten Schlangenarten der Welt. Diese hier – ein Teppichpython – war harmlos für Menschen

Wir wurden also alle offener und offener für die Dinge, die uns umgaben. Unabhängig vom Alter, dem sozialen Stand oder der beruflichen Tätigkeit zuhause in Deutschland war spürbar zu erkennen, dass sich alle verändert hatten. Doch noch immer war bis zu diesem Zeitpunkt nicht das passiert, was in den folgenden Jahren mein eigenes Leben derart veränderte, dass ich heute mit vollem Bewusstsein schreibe, dass ich der wurde der ich bin, weil es diese den Horizont unfassbar erweiternden Erlebnisse in Australien gegeben hat. Dieser erste Moment, noch ohne tiefere Ahnung, ohne tieferes Erkennen, kam erst fast am Ende dieser hier in groben Zügen beschriebenen ersten Reise nach Down Under. Nach einem erfüllenden Aufenthalt am Great Barrier Reef im Bundesstaat Queensland, bei dem wir alle zum ersten Mal die überwältigende, bunte Vielfalt des Lebens an einem Korallenriff zu Gesicht bekamen, mussten wir uns der Tatsache stellen, dass diese Reise bald vorüber sein würde. Immer wieder thematisierten wir diesen drohenden Moment des Abfluges aus Sydney zurück in die Heimat. Mit drohendem Ungemach geht jeder Mensch individuell um. Während ich es vorzog, das Erlebte noch in meinen Träumen erneut zu durchleben, wollten die anderen Mitglieder der Gemeinschaft lieber wieder den Zugang zur von Zwängen geprägten Systemwirtschaft Deutschlands proben. Ja, auch der eine oder andere Gedanke voller Wehmut mag dabei gewesen sein. Noch etwas mitnehmen aus dem fernen Kontinent um sich das Gefühl geben zu können, dass man noch dort sei, in diesem wundervollen Australien. Ein weiteres Souvenir vielleicht? Wir kamen zwei Tage vor dem Ende der Reise in Brisbane an und der Rest der Truppe beschloss, einen von Konsumgedanken geführten Aufenthalt in den Shopping Tempeln der Stadt zu machen. Mir persönlich war das am Ende einer derart umwerfenden und an Erkenntnissen und Erlebnissen so reichen Tour einfach etwas zu platt. Ich gliederte mich aus der Gruppe aus und durchstreife Brisbane auf eigene Faust. Es war heiß an diesem Tag und leider war es nicht die trockene Hitze Zentralaustraliens, sondern eine feuchte, niederwerfende, die Lebenskraft schwächende Hitze. Ich ging weite Wege um möglichst viel zu Fuß von der Stadt zu erkunden. In den Brisbane City Botanic Gardens habe ich noch eine gute Stunde – extrem ermattet – nach Flughunden, Papageien und Kakadus Ausschau gehalten um diese möglichst schön zu photographieren. Als ich danach am Brisbane River entlang zum Stadtzentrum zurück ging, überfiel mich eine derart bleierne Müdigkeit dass ich bereits fürchtete, das letzte eingeplante Objekt der photographischen Begierde, die Brisbane City Hall (Rathaus) nicht mehr zu erreichen. Aber mit letztem abrufbarem, eisernen Willen schaffte ich es, machte meine Bilder und schlief danach umgehend auf einer Außenmauer, die die Wiesenfläche vor dem Rathaus umgab, felsenfest ein. Ich weiß nicht einmal ob ich den „eisernen Klammergriff“ mit dem ich meine Kameras üblicherweise umschloss um zu verhindern, dass sie mir gestohlen wurden, noch angewendet habe? Ich fiel trotz der feuchten Hitze in einen komatösen Schlaf.

Australiens Straßen, mitunter ein Aspaltband – aber eher selten

Geweckt wurde ich durch einen heftigen Schlag auf meinen rechten Oberschenkel. Ich öffnete die Augen und sah, keine 10 Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, in zwei unfassbar große dunkle Augen eines Aborigine. Was passiert in unseren Köpfen wenn wir an einem fremden Ort derart aus dem Schlaf geweckt werden? Schutzinstinkte setzen automatisch ein, das Tier in uns will uns auf eine mögliche Bedrohung hinweisen. Den ersten Gedanken den ich hatte (und ich weiß es beschämender Weise noch ganz genau) war der, ob ich meine Kamera samt dem daran hängenden Objektiv noch in meiner Hand spüren konnte. Ich spürte sie noch, so weit, so gut. Zweiter Gedanke? Was will der Kerl, zu dem diese unfassbar eindrucksvollen großen schwarzen Augen gehören von mir? Will er mich berauben oder verprügeln? Schlimme Gedanken, aber man muss seinen Frieden damit machen denn jeder von uns trägt noch den Affen in sich. Erst danach fing ich an, den Kerl aus einer erweiterten Perspektive zu betrachten und mir fiel neben seiner Schnapsfahne auf, dass er mich mit einem breiten Grinsen, wobei seine perlweißen Zähne gut sichtbar wurden, anlächelte. Er lächelte? Also führte er wohl nichts Schlimmes im Schilde? Ich begann mich zu beruhigen, auch weil der Gedanke aufkam, dass ich mich im Prinzip recht gut würde wehren können, wenn dieser Mensch es wagen sollte, mich zu attackieren. Der Aborigine richtete sich auf, bot mir seine Hand um mir behilflich zu sein, aus der liegenden in die sitzende Position zu gelangen, was ich annahm. Er lächelte permanent weiter und wunderte sich wohl darüber, dass ein Weißer hier in der Öffentlichkeit einfach so eingeschlafen war? Ich bedankte mich höflich für die helfende Hand und fragte ihn prompt, was er denn von mir wolle. Er deutete auf eine Gruppe weiterer Aborigines, die auf dem Rasen dicht am Rathaus zusammensaßen. Ihr Platz war von leeren Bierdosen flankiert und mir wurde schlagartig klar, dass hier eines der üblichen Aborigine-Besäufnisse stattgefunden hatte, oder noch stattfand. Es ist leicht, diese Menschengruppe ob ihres Alkoholkonsums zu verdammen und sie als die „schlechteren Menschen“ darzustellen. Es war damals überall im Land traurige Realität, dass man in den Städten und Dörfern die Aborigines eher liegend (betrunken) als stehend zu Gesicht bekam. War es also nicht richtig, dieses Volk zu entmündigen und seine Autonomie auf ein Minimum zu beschränken? Wer versteht, dass die Völker der Aborigines den Sprung von der Steinzeit in die Atomzeit in nur 200 Jahren durchlaufen mussten und ihnen bis zum Jahr 1920 der Status, Menschen zu sein, nicht zugebilligt wurde, nur der kann auch verstehen, warum dieses Volk jede Art von Rauschmittel nutzt, um sich aus einer ihnen vollkommen fremd gewordenen Realität heraus zu katapultieren. Der eigentliche Grund saß also auch hier, so wie immer und überall, an einer ganz anderen Stelle. Der mich unsanft geweckt habende Aborigine erklärte mir, dass er und seine Familie dort drüben auf der Wiese vor dem Rathaus seit Wochen einen Sitzstreik veranstalten würden um darauf hinzuweisen, dass das Land, auf welchem das Rathaus heute stand, ureigener Grund mit hohem Heiligkeitswert seiner Familie sei. Dieser Punkt elektrisierte mich, auch wenn ich mich damals keinesfalls bereits als Kämpfer für Minderheiten oder Menschenrechte verstanden hätte. Er beschrieb noch ein bisschen die Einschränkungen, unter denen das Leben der Aborigines litt und fragte mich dann umgehend nach einem Dollar, weil sich die Gruppe noch etwas Alkohol würde kaufen wollen.

Und auch wenn ich einen Dollar in der Tasche gehabt hätte, dafür hätte ich ihm dieses Geldstück nicht gegeben. Nun war es aber so, dass ich völlig ohne Barschaft auf die Photopirsch durch die Stadt gestartet war, wusste aber auch, dass ich dem Aborigine eine gute Geschichte dazu würde auftischen müssen. Ich log ihm vor, dass mich meine Ehefrau lediglich hier an der Wiese abgestellt hätte um shoppen zu gehen und dass es bei uns üblich sei, dass die Ehefrau das ganze Geld habe und ich – wie eine Art Bittsteller – darum würde bitten müssen etwas eigenes Geld zu erhalten. Um meine Worte zu unterfüttern, legte ich die Kamera auf die Wiese, stand auf und drehte bedeutungsvoll die Innentaschen meiner Hosentaschen nach außen und machte dazu ein betroffenes Gesicht. Diese Story gefiel dem Ureinwohner, er lachte herzhaft und schlug sich auf die Schenkel. Dann nahm er mich beim Arm und deutete an, dass er mich seinen anderen Familienmitgliedern vorstellen wolle. Ich dachte, dass er verlangen würde, dass ich meine Geschichte wiederholen würde, damit auch die anderen etwas zum lachen haben würden. Vielleicht war ich für sie spontan eine Person mit hohem Unterhaltungswert geworden? Als wir die etwa 50 Meter zu der Aborigine-Gruppe hinüber gingen fiel mir auf, dass der wohl älteste Mann mit ungepflegtem grauen Bart zwar seine Gespräche mit den anderen nicht einstellte, mich aber ständig ansah, als ich zu ihm hingeführt wurde. Ich war mir absolut nicht klar, warum ich denn dort vorgestellt werden musste! War es vielleicht so, dass diese Menschen sonst prinzipiell nur Ablehnung erfahren und waren sie froh und neugierig, weil ich anders war? Spätestens fünf Meter vor dem Ziel wurde der Geruch von Urin und Alkohol, der diesen Platz umwehte, so stark, dass ich dachte, dass ich eine weitere Annäherung nicht ohne Kollaps überstehen würde. Doch der Älteste blickte mich weiter an – mitten in die Augen und ich hatte das Gefühl, dass er mich zu lesen begonnen hatte! Welch eine elende Situation: da saßen also diese Menschen auf ihrem ureigenen Grund und Boden vor dem Rathaus in einer Ecke der Wiese, urinierten in die nahen Büsche, betranken sich und warfen die leeren Dosen einfach um sich herum auf den Boden. Der Geruch wurde infernalisch unangenehm und ich wahrte mit Mühe die Kontenance. Aber der Blick des ungepflegt grauhaarigen Alten zog mich weiter magisch an. Und als ich nun mit meinem Begleiter mitten unter den anderen stand, erklärte dieser den anderen genau diese Geschichte, die ich ihm zuvor erzählt hatte. Dass meine Frau mich ohne Geld an der Wiese geparkt hätte um einkaufen zu gehen. Ich hatte danach allgemeines Gelächter erwartet, doch nichts dergleichen geschah. Der Alte bat mich, näher zu kommen und da er so einen ungekannt charismatischen Ausdruck hatte, tat ich ihm den Gefallen und die unangenehmen Gefühle der olfaktorischen Belastung ließen langsam nach. Als ich vor ihm stand, griff er nach meiner Hand und zog diese sanft in Richtung Boden. Er wollte, dass ich mich hinsetzte. Das erste was er sprach, geht mir noch heute immer wieder durch den Kopf. Ich verzichte auf den englischen Wortlaut um es denen einfacher zu machen, die damit ihre Schwierigkeiten haben. Der alte Aborigine sagte, dass ich ein guter Kerl sei, ein freundlicher Mensch und dass ich mich ruhig zu ihnen setzen könne, da es nicht so oft vorkäme, dass sie einen so freundlichen Menschen treffen würden.

Moment mal! Wie wollte er wissen, dass ich ein freundlicher Mensch war? War das manipulativ gemeint? Wollte man mich vereinnahmen um zu erreichen, dass meine Frau, die mich nach ihrer Meinung später abholen würde, doch noch den einen oder anderen Dollar lockermachen würde, damit sie Alkohol kaufen konnten? Ich war verunsichert, aber neugierig. Und diese unfassbaren Augen, die der Alte hatte. Als er sich zu mir herüber beugte und mich an den Schultern sanft noch etwas näher an sich heranzog, war ich letztlich auch wieder nur 10 Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Mir fiel auf, dass er nicht nach Schnaps roch, was ich eigentlich erwartet hatte. Er blickte mir einfach in die Augen und ich hatte zu meinem eigenen Glück die Größe, dies zuzulassen. Meine Augen in seinen Augen, seine Augen in meinen Augen. Wie schwer ist es zu beschreiben, dass ich damit mehr meine als das bloße sich liebevoll „in die Augen sehen“ oder „böse blicken“, wie es zum Grundverständnis der Verhaltensweisen unserer Kultur gehört? Der Mann war „in“ meinen Augen, ich hatte das Gefühl, dass er „in“ meinen Augen war. Das war berauschend und verunsichernd zugleich. Zumal sich zeitgleich ein Minderwertigkeitskomplex in mir auszubreiten begann. Wie unbedeutend waren meine kleinen Schweineaugen im Vergleich zu der charismatischen Strahlkraft der Augen dieses Mannes? Sie waren ein Nichts! Aber: was wollte er von mir? Er zog sich zurück und begann nun, ebenfalls etwas von dem Kampf seiner Familie gegen die Obrigkeit zu berichten. Er deutete auf diverse Stellen und gab an, dass hier und dort dieses oder jenes ihrer verschiedenen Totem gewirkt habe. Von der fein verästelten Vorstellungswelt der Ureinwohner hatte ich zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Ahnung und verstand deshalb im Prinzip auch nicht, was er mir da zu erklären versuchte! Es stieg der Gedanke in mir auf, dass ich jetzt einfach mal zuhören und mitspielen solle, da ich dieser Gruppe offensichtlich ein positives Gefühl vermittelt hatte, weil ich mich zu ihnen gesetzt hatte und sie mit mir sprechen konnten. Wie armselig. Doch dieser „gewollte“ Gedanke trat immer wieder in den Hintergrund wenn der Alte wieder mit seinen Augen in meinen Augen landete. Hier lag etwas in der Luft, ich spürte eine nie gekannte Ernsthaftigkeit, die von diesen Blicken ausging. Erst viele Jahre später, als ich längst meinen eigenen Weg der Erkenntnis weit beschritten hatte, wurde ich durch einen Film geradezu elektrisiert. Das Mammutwerk „Avatar“, das im Dezember 2009 in die Kinos kam und von den Systemen dieser Welt und der überwiegenden Mehrheit der Menschen auf dem Planeten Erde als amerikanischer Science-Fiction Film verstanden wird, bedient sich an etlichen Stellen der Sichtweise und Lebenseinstellung der australischen Aborigines. In einer Szene erklärt die Hauptdarstellerin dem Hauptdarsteller was es bedeuten würde wenn sie sagt, „ich sehe Dich“. Ein weit über das bloße Sehen hinausgehender Zustand der das komplette Wesen des gegenüber, jede Faser und jeden Gedanken mit einschließt. 1988, auf der Wiese auf dem Vorplatz in Brisbane, mitten unter den leeren Bierdosen bei diesen Aborigines wäre mir dieser Gedanke nicht gekommen. Aber ein Gefühl stellte sich ein, dass es mehr zwischenmenschliches geben könnte, als ich bis dahin angenommen hatte.

Er war nicht der Mensch, der mir im Umweg über einen langen Blick in meine Augen meine Ängste aus Kindheit und Jugend beschreiben konnte. Aber er war der Zündfunke für eine Entwicklung, die mich gemacht hat und – gegen alle Widerstände – noch heute macht und ausmacht. Am Ende des Gespräches sagte er noch, dass ich wiederkommen müsse. Er würde verstehen, dass ich noch mehr von Australien würde sehen wollen – ich hatte ihm erzählt, wo wir überall gewesen waren – und deshalb von meiner Seite auch kein Interesse bestehen würde, noch einmal ins feuchte und heiße Brisbane zurückzukehren. Er kramte einen Zettel hervor, fragte nach einem Stift und schrieb mir einige Kontakt-Adressen anderer Aborigines auf. Eine Adresse war in Darwin, auch ein Name dazu und eine andere in Broome, in Westaustralien. Noch ein letztes Mal wanderten seine Augen „in“ meine Augen und danach trennten sich unsere Wege. Meine damaligen Reisegefährten, denen ich mich am Ende dieser vier Wochen so unglaublich nah fühlte, lauschten zwar meiner Geschichte mit regem Interesse, verstanden aber die Zwischentöne nicht. Auch wenn ich mutig versuchte, diese zu thematisieren, bestand offensichtlich auf Seiten der anderen kein Interesse daran, der Sache auf den Grund zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt waren sie wohl schon gedanklich wieder zuhause in Deutschland? Auch wenn der Abschied noch Schmerzen bereiten würde, waren sie in ihren Gedanken wieder bei ihren Familien, Arbeitskollegen und hatten einen unsichtbaren Riegel vor die Erlebnisse in Australien geschoben. Trotzdem spürten wir als Sixpack noch lange danach die eigentümliche und bis dahin ungekannte Faszination der aufrichtigen Verbundenheit untereinander. Wir „mussten“ uns danach, wieder zurück in Deutschland, fast schon wie von einem Zwang getrieben wieder und wieder treffen. Wenn wir zusammen kamen, lagen wir uns oft minutenlang in den Armen und das ewige Spiel der Zuneigung zwischen den Geschlechtern spielte keine Rolle. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass wir uns auf eine besondere Art und Wiese zu lieben gelernt hatten. Doch diese Gedanken durchdachte ich allein, zu abstrakt erschien mir das, was ich empfand. Ja, auch ich war mal ein zumindest teilweise bornierter Mensch der glaubte, den Erwartungen entsprechen zu müssen. Die Sache mit der Liebe wurde uns doch schon seit Kindertagen romantisch und mystifiziert nähergebracht? Das schmachtende Sehnen nach dem Objekt der Begierde, die Auseinandersetzungen auf Tod und Teufel um das Weib! Gleichgeschlechtliche Liebe war verpönt und alles musste (so wurde es vom „System“ verlangt) seine Ordnung haben. Ich hatte immer das Gefühl, dass Menschen wie der schottische Schriftsteller Robert Burns, den eine unstillbare Liebe zu seinen leidenden Volksgenossen zur Feder und in die Dichtung führte, ein viel besserer Liebender war, als jede/r, der es nur in Eigeninteresse auf einen Partner abgesehen hat.

Das Rathaus in Brisbane – wo alles begann

Zeigt sich in meinem Leben, auch noch heute, das „Wissen“, welches sich in mir durch intensive Kontakte zu den Aborigines ausgebreitet hat, in irgendeiner Form? Ja, täglich, jede Stunde und jede Sekunde meines Daseins. Ich lebe auch mein Leben unter Zwängen aber oft genug schimmert dieses „absolut sichere Wissen und nicht Ahnen oder Hoffen“ durch mich hindurch. Anfang des Jahres 2020 haben wir mit einer größeren Reisegruppe eine Reise nach Neuseeland gemacht. Irgendwann im Jahr 2018/19 stellten wir einen Reise-Wunsch-Plan auf der vorsah, dass wir im August 2020 eine intensive Expeditionsreise nach Spitzbergen und im Herbst 2021 diese angesprochene Reise nach Neuseeland machen würden. Aber dann kam plötzlich dieses „Wissen“, das mich vor eine Entscheidung stellte: was war wichtiger für mich? Wollte ich der Gruppe die einzigartigen Schönheiten der fernen Doppelinsel im Pazifik (Neuseeland) zeigen oder doch nach Spitzbergen fahren? Spitzbergen mit der dortigen (noch) vorhandenen Welt des Eises und der Eisbären wäre Neuland für mich gewesen, Neuseeland kenne ich seit langem und sehr genau. Doch mit einem Seitenblick auf meine Ehefrau, die selbst noch nicht viel von der Welt gesehen hatte, sprang es mich mit Urgewalt aus meinem Innersten an: „Mach Neuseeland, wenn du es ihr noch zeigen willst und nimm die Gruppe mit dorthin“. Es war nur dieser eine klare Gedanke des Wissens, er war nicht selbsterklärend! Und deshalb tat ich etwas, was ich normalerweise niemals tun würde: ich veränderte eigenhändig und ohne Rücksprache mit der Gruppe den Zeitpunkt der geplanten Reisen. Neuseeland musste am besten „sofort“ gemacht werden, Spitzbergen wurde auf das Jahr 2021 verschoben. Dann brannte Australien und Neuseeland wurde zeitgleich von ungeheuren Niederschlägen gepeinigt, bei denen Berghänge weggerissen wurden und manche Gebiete dadurch unerreichbar. Es war mir alles vollkommen egal! Mit einer nicht zu übertreffenden Absolutheit egal, weil ich wusste, dass alles funktionieren würde. Absolut alles! Künftige Mitglieder der Reisegruppe ließen sich verunsichern, schickten mir ständig aktuelle updates mit den diversen Katastrophen dort auf der Südseite unserer Welt. Die Reise würde wohl nicht stattfinden können? Das war mir alles absolut egal, weil ich wusste, dass wir es hinbekommen würden. Ende des Jahres kam Königin Corona auf die Welt und sogleich ins das Weltbewusstsein! Nun aber, hörte ich einige aus der Gruppe klagen, würde die Reise aber wohl endgültig abgesagt werden? Das war mir alles absolut egal, weil ich es schlicht wusste, dass alles gut werden würde. Ich wusste sogar, dass das Wetter mitspielen würde und dass bei einem kleinen bisschen Flexibilität alles perfekt verlaufen würde. Es war wichtig, ich hatte den Ablauf ständig vor dem geistigen Auge, obwohl wir noch nicht einmal abgeflogen waren.

Dann riss eine gewaltige Stein-, Baum und Geröll-Lawine einen ganzen Hang im Fjordland Nationalpark zu Tal und verschüttete die Zufahrtsstraße zum Milford Sound. Ersten Berichten zufolge würde der Tourismus dort über Monate nicht mehr aufgebaut werden können. Das war Mitte Januar 2020, am 11ten Februar sollte unser Abflug sein. Wieder kamen sorgenvolle Meldungen seitens der künftigen Gruppe, dass uns dort wohl einige besondere Plätze durch die Lappen gehen würden und der Milford Sound wäre doch das Highlight einer jeden Neuseelandreise! Auch das war mir absolut egal, weil ich es schlicht wusste, dass die Straße kurz vor unserer Ankunft dort wieder geöffnet werden würde. Und als wir am 23ten Februar mit der Fähre auf der Südinsel Neuseelands ankamen begrüßte uns unser Busfahrer dort mit der guten Nachricht, dass die Straße zum Milford Sound in zwei Tagen unter Einschränkungen wieder geöffnet werden würde. Ich wusste es. Als wir am 29ten Februar dorthin kamen, war es möglich samt Bus und Gruppe den Milford Sound zu erreichen. Eine Woche vor dem Abflug kam es zu verheerenden Überflutungen im südlichen Teil der Südinsel, wobei ganze Städte fast ersoffen und gewaltige Gebiete so stark überflutet wurden, dass wochenlange Aufräumarbeiten angekündigt wurden. Wieder gab es Verunsicherung seitens der Gruppe aber ich wusste, dass es funktionieren würde. Als wir in der Region Lumsden ankamen war die Straße frei und nichts mehr von den Katastrophen zu sehen. Auch dass wir einen für den Nachmittag geplanten Helikopterflug, auf den sich alle extrem gefreut hatten, auf den Gletscher des Franz-Josef unbedingt auf den Vormittag verschieben sollten, wusste ich. Denn am Nachmittag zogen Wolken auf uns verhinderten diese Exkursion. Und als gegen Ende der Reise, als wir noch auf neuseeländischem Boden waren, die Nachrichten über die Corona-Katastrophen in Europa Fahrt aufnahmen und die Tragödie in Oberitalien voll angelaufen war und auch schon in Deutschland erste Hotspots in den Hochburgen des Karnevals gemeldet und örtliche Lock-Downs verhängt wurden, regten sich Ängste in der Gruppe! Ob wir noch einmal nach Hause kommen würden? Es war mir egal, ich wusste es einfach. Am 05ten März kamen wir auf dem Rückflug aus Neuseeland am Flughafen von Singapore für einen Zwischenstopp an. Ja, es war deutlich eine gewisse Nervosität dort zu spüren und wir mussten mehrfach durch Areale laufen, die von Wärmebildkameras überwacht wurden. Es war alles anders als am 12ten Februar, als wir auf der Anreise hier ankamen. Wir flogen noch am selben Tag weiter nach Deutschland und einen Tag später wurden der Stadtstaat Singapore und sein Flughafen geschlossen. Aber unsere Gruppe war da bereits in Deutschland gelandet. Ich wusste das – ja, auch das!

Für heute will ich diese besonders wichtige und umfangreiche Einführung zu Ende bringen.

Appropos: die ursprünglich einmal für den August 2020 vorgesehene Expeditionsreise auf einem Schiff der Hurtigruten war genau die, die unter reger Teilnahme der Weltöffentlichkeit abgesagt wurde, weil das Schiff kurz vor der Küste Spitzbergens einige Corona-Fälle hatte und wieder nach Norwegen zurück musste. Es wäre das Schiff „unserer Gruppe“ gewesen. Mit diesem Beweis dass ich es „gewusst“ habe, habe ich aber nicht wirklich gerechnet. Welche Hintergründe hinter diesem „absolut gewusst haben“ liegen, vermag ich aber nicht zu sagen. Ich denke oft darüber nach. War es ein Vorgefühl auf das Ende meiner Zeit auf diesem Planeten dass meine Entscheidungen trieb? War es das Ende der Reisemöglichkeiten für die meisten Menschen durch die unmittelbare Bedrohung durch Corona und die sicherlich entstehenden wirtschaftlichen Folgeschäden, die die Menschheit möglicherweise an den Rand ihrer Existenzen bringen, so dass für lange Zeit erst einmal das „systemische“ beherrschend wird und keine Reisen mehr möglich sein werden? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass ich es „mit absoluter Sicherheit“ wusste. Ansonsten tendiere ich dazu zu sagen, dass ich noch immer weiß, dass ich nichts weiß.

Das ist immerhin etwas.

Fortsetzung folgt.

Roland Richter

30. Oktober 2020

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3 Comments
  • Irmgard
    Posted at 13:42h, 30 Oktober Antworten

    Danke, dass du das so Private, Tiefe und Unglaubliche mit uns teilst…

  • Flory
    Posted at 08:09h, 31 Oktober Antworten

    Ja, das was Du noch so offen in Dir hast, habe ich leider auch noch, aber tiefer vergraben. Das Leben, was wir führen raubt vielen Menschen ihrem Ursinn den Planeten so wahrzunehmen wie die Uranwohner es noch, zum Glück, noch fühlen… Lebend und nicht als Objekt des Vergnügens.
    Den gewaltigen leuchtenden Mond würde ich gerne auch erleben und den schönen Sternenhimmel auch, wobei so einen Neuseeland auch zu bieten gehabt hat. Danke Dir für diesen wunderschönen und sich ineinfuehlenden Beschreibungen der Welt, wie man sie erleben sollte… Danke tausend mal dafür…

  • Dagmar Ulsamer
    Posted at 18:31h, 08 November Antworten

    Unbekümmert das momentan Unmögliche sich jetzt und wohl noch lange möglich wünschen – unmöglich
    das in den USA gewünschte Mögliche – aber von vielen unmöglich Gewünschte – nun durch die Wahl zu lange als “möglich” Erreichte zu feiern
    aber wie in vielem nicht zu wissen ob das Erreichte möglicherweise sich auch als unmöglich in der dann erfolgenden Sicht und Wirklichkeit erweisen wird…
    der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten viel zu viele und meist vom Menschen erdacht, umgesetzt und erzielt…
    nun nach einer Glaubensrichtung ” der Mensch mache sich die Erde untertan” ermöglicht…

    sorry der Gedankentiefe nun genug und das Naturschauspiel Neuseeland in all deinen Bildern und Gedanken möglich gemacht
    ebenfalls mit dem Gefühl ” ob das Erleben dieses Landes/Staates wieder und wenn wann möglich sein wird”…
    für die Natur selbst – ohne an uns Menschen und ihre Notwendigkeit durch Verdienst zu überleben – eine hohe Möglichkeit bewahrt zu bleiben.

    Deine übergreifenden Gedanken im Zurückliegenden lieber Roland wundern bei all deinen Lebenserfahrungen, Weitblicken und Kenntnissen nicht…
    und der Wissende und Erkennende lebt mit diesen eigenen Erfahrungen – trage sie denn anders ist es ( dir und allen die so etwas erleben ) unmöglich

    danke für diese deine tiefgreifende Ausführungen…

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