Reisen in der Retrospektive – Island 1986 – 2016 – Teil 03

Reisen in der Retrospektive – Island 1986 – 2016 – Teil 03

Island? Da muss es doch ziemlich einsam sein? Das fragen immer die, die sich zumindest ein wenig mit der Verteilung der Bevölkerungen dieser Welt vertraut gemacht haben. Einsamkeit macht Menschen doch krank! Folgern selbige dann. Wie lebt es sich denn eigentlich in diesem dünnbesiedelten Land aus „Feuer und Eis“ am Rande der Arktis? Der Mensch ist definitiv ein soziales Wesen und Einsamkeit kann belastend für ihn sein, immer abhängig von der Sozialisierung und dem menschlichen Werdegang. Bei einer frühen Reise nach Irland, es war 1984 als Irland auf dem „Beipackzettel“ meiner ersten Reise durch Schottland & England stand, erklärte mir die Stadtführung in Dublin, dass der Ire (wohl auch die Irin) das Alleinsein nicht möge. Es lohnt sich immer, hinzuhören wenn andere etwas sagen, über das Für und Wider des Gesagten kann man danach ja kritisch reflektieren, die Vorbedingung für die Reflektion ist aber das Hinhören! Damals, 1984, war Irland noch weit entfernt davon ein Land zu sein, in dem das Bruttosozialprodukt explodierte und die dortigen Familien das höchste „pro-Kopf-Familieneinkommen“ Europas hatten. Irland war ein armes Land, der Menschen gab es viele und dafür umso weniger Geld. Und auch wenn Irland noch im 21ten Jahrhundert das einzige Land Europas ist, dessen Einwohnerzahl unter der des 19ten Jahrhunderts liegt, war das Land nie unterbevölkert! Die Reiseleiterin erklärte uns das rege gesellschaftliche Leben auf ihrer „Grünen Insel“ und verwies darauf, dass die Iren so sehr an „Gemeinschaft“ gewöhnt seien – historisch gewöhnt seien – dass sie auch keine guten Einzelsportler wären, sondern nur gute Teamspieler! Als Gegenbeispiel nannte sie immer die Lebensart Finnlands. Beschrieb die dortige Einsamkeit und dass diese den Menschen auch innerlich formen würde. Wenn man in unseren, deutschen Breiten über die Einsamkeit spricht, meint man zuallererst immer die eigene, die innere Einsamkeit, die einen Menschen tatsächlich psychisch und am Ende körperlich krank machen kann.

Einsamkeit kennen viele Isländer aus geographischen Gründen nicht
Verlasenes und einsames Anwesen an der Nordküste

Wie also „überlebt“ der Mensch ein Leben auf Island, wenn er nicht getrieben von der Suche nach der Einsamkeit – zum Beispiel als Misanthrop (Menschenverachter) – freiwillig dorthin geht? Die so erwartete Einsamkeit Islands ruht mitten im Meer, genauer gesagt am Rande der Arktis und weit, weit weg von jedem dichtbevölkerten Platz der Erde. Das große Eiland war unbewohnt, öde und schneebedeckt, lag am Rande des Packeises und des Polarmeeres als die ersten Menschen dort ankamen. Durchschnittlich beträgt die Temperatur hier deutlich unter 10° Grad Celsius und der Anblick dieser trostlosen Insel musste doch auf jeden norwegischen Entdecker, der einst mit seiner Familie an diese Gestade kam, sofort schmerzhaft zur Sehnsucht nach Kontakt zu anderen Menschen hingeführt haben. Einsamkeit kannten die norwegischen Erstbesiedler zwar auch aus ihrer Heimat Norwegen, aber keine solche Einsamkeit. Wenn überhaupt, dann hat die Wikinger der Jahre ab 870 dieses quälende Gefühl nur kurz und flüchtig wie ein Lufthauch berührt. Sie ließen sich in einer oft extrem gefährlichen neuen Welt nieder und lebten ihre Wikingerleben fortan dort. Sie vermehrten sich und ihre Kinder erlebten die „neue Welt“ als ihre Welt. Wie schrieb ich an anderer Stelle? Die neuen Leute akzeptieren die neuen Bedingungen. Wir sehen die Sache mit der Besiedlung der Einsamkeit aus einer ganz anderen Perspektive! In unseren Kulturkreisen, wo wir als gute Konsumenten von Kindesbeinen an unterschiedlich stark darauf gedrillt werden, dass es im Leben auch darum geht, viel Spaß zu haben, täglich neue Dinge zu konsumieren und mehr oder weniger unsere Leben im Rausch (ja, der Kaufrausch gehört dazu) zu verbringen, löst allein der Gedanke an die Einsamkeit schwermütiges Nachsinnen aus. Die meisten Menschen erdrückt die Einsamkeit geradezu, beschwört gar Krankheiten herauf oder erstickt jeden Lebensmut. Wie also kann man dann auf Island überleben?

In den Städten gleicht das Leben dem unserer Breitengrade
Suchen um gefunden zu werden wie überall

Vielleicht ist es die kollektive „Nicht-Einsamkeit“ die den Menschen auf Island hilft, die individuelle Einsamkeit zu überstehen? Individuelle Einsamkeit, zutiefst menschliche Einsamkeit gibt es natürlich auch auf dieser Insel. Das Gefühl zeigt sich dort vor allem in den Bereichen, in denen es uns auch überfällt und regelrecht niederwerfen kann. Wenn sich zum Beispiel etwas im Leben grundsätzlich verändert. Zum Beispiel, wenn Menschen erstmals für längere Zeit das Elternhaus verlassen, den Wohnort wechseln, einen Lebenspartner verlieren oder ihren Arbeitsplatz aufgeben. Veränderungen können mit Einsamkeitsgefühlen gekoppelt sein. Je nach Charakterdisposition des Individuums. Natürlich wissen wir instinktiv, wie dann vorgegangen werden muss um die eigene, missliche Situation zu verbessern. Es werden neue, intensive Kontakte geknüpft, auch wenn das dann häufig mehr Zeit in Anspruch nimmt als im gewohnten Umfeld. Viele Menschen sind in solchen Situationen zunächst auf sich allein gestellt, womöglich zum ersten Mal in ihrem Leben. Doch nur wenige reden offen darüber. Wer einsam ist, schämt sich häufig. Auch ich habe ähnliche Prozesse in mir erlebt, als ich kurz nach einer Trennung mein Studium an einem fernen Ort begann, ohne dass die zuvor bestehende Lebensbeziehung schmerzfrei hätte beendet und auskuriert werden können. Ich erinnere mich noch zu gut an die (nur auf meine Person bezogen) letzte Phase der schmerzhaften Einsamkeit, als ich in meiner kleinen Studentenbude auf dem Bett unter der Schrägwand unter dem geschlossenen Klappfenster im Regen, der wie ungeweinte Tränen an der Scheibe schräg nach unten lief, lag und darüber sinnierte, wie ich diese für mich belastende Situation denn weitere vier Jahre würde überleben können. In den Augen vieler scheint der Einsame in der Gesellschaft versagt zu haben und ich weiß noch sehr genau, dass ich das von mir selbst dachte. Ein Leben ohne intensive Beziehungen entsprach doch nicht der gesellschaftlichen Norm? Damals, jung an Jahren, konnte ich aber die entscheidende Frage an mich selbst in diesem Zustand nicht formulieren: welcher gesellschaftlichen Norm!

Der Wunsch nach künstlerischer Betätigung ist ebenfalls vorhanden
Kleinkunst in den Straßen in der Hauptstadt auch

Da es zwei Formen von Einsamkeit gibt, sind auch immer mehrere Problempunkte vorhanden. Die emotionale Einsamkeit zeigt sich dann, wenn ein enger Vertrauter verloren gegangen ist oder schon immer gefehlt hat und man sich dessen bewusst wird. Ein Partner zum Beispiel, mit dem man sich eng verbunden fühlt. Die soziale Einsamkeit dagegen weist darauf hin, dass es grundsätzlich an sozialen Beziehungen mangelt, an Unterstützung durch Freunde, Nachbarn oder Kollegen. So denke ich etwa an Verwitwete aus meinem Bekanntenkreis. Diese – unabhängig davon ob Frau oder Mann – erleben weitaus häufiger als Verheiratete belastende emotionale Einsamkeit, jedoch seltener soziale Einsamkeit. Wir hoch der Prozentsatz der Menschen ist, die sich häufig einsam fühlen, kann zwar durch „repräsentative Umfragen“ angegeben werden, aber da auf der Einsamkeit noch immer das Stigma des Versagens lastet, werden viele Menschen nicht zugeben, dass sie es permanent oder gelegentlich sind. Auf jeden Fall fühlen sich junge Menschen eher allein als ältere und diese nehmen solche Gefühle auch quälender wahr. Vielleicht ist es deshalb auch kein Wunder, dass gerade junge Leute die Frage, wie man denn auf Island leben und emotional überleben könne, stellen. Als Reiseziel für einen Aktivurlaub, bei dem man an seine individuellen Grenzen geführt wird, können sich viele Menschen mit dem Gedanken auf Island zu sein, anfreunden. Aber dort für immer leben? Keinesfalls, sofort kommen Einsamkeitsgefühle hoch, die das schreckhafte Erkennen nach sich ziehen, dass man dort auf keinen Fall für den Rest seines Lebens würde festhängen wollen. Aber wenn wir noch einen Blick zurück auf den Primaten in uns werfen? Die Einsamkeit erfüllt auch eine wichtige Funktion für uns Menschen. Hunger ist ein Signal, dass der Körper nicht genug Nahrung erhält. Einsamkeit ist ein Signal, dass das Individuum nicht genug Schutz durch Artgenossen erhält, wenn wir den Kontakt zu anderen verlieren. Denn der Mensch ist in der überwiegenden Mehrheit ein soziales Wesen. In der Evolution war es für jedes Individuum überlebenswichtig, die Verbindung zur Horde/Herde/Gruppe zu erhalten. Isolation konnte nämlich leicht tödlich enden. Erst in der Gruppe gelang es unseren Vorfahren, sich auf Dauer im Überlebenskampf zu behaupten und die eigenen Gene an eine neue Generation weiterzugeben. Einsamkeit ist deshalb auch sozialer Schmerz. Wenn wir von anderen abgewiesen werden, reagiert der Verstand wie bei körperlichem Schmerz.

Die Landwirte und ihre Familien sind oft isoliert aber nicht einsam
Und die Menschen leben hier nicht in dörflichen Gemeinschaften

Das Verlangen nach Artgenossen ist also etwas natürliches, welches tief in unseren Genen steckt. Und es ist bekannt, dass Menschen mit sozialem Rückhalt länger leben als jene mit weniger stabilen Beziehungen. Ist Einsamkeit also für die Gesundheit etwa ebenso schädlich ist wie das Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel? Und wenn das Verlangen nach Artgenossen also etwas instinktives ist, wie überlebt dann der Mensch auf der Insel aus Feuer und Eis und wie lebt er so im Allgemeinen? Man muss es ja nicht unbedingt spirituell oder esoterisch beschreiben. Relativ allein waren die Wikinger ja auch schon in ihrer alten Heimat. Nun kam – für´s Erste – eine Steigerung des Alleinseins zu ihnen, die sie aber auf der Suche nach einer neuen Heimat gut überwinden konnten. Sie mussten nicht erst lernen, allein zu sein und brauchten deshalb auch keine innere Glücksquelle finden, die Ihnen Zufriedenheit vermittelte. Sie waren im Überlebenskampf, in einigen Regionen dort im permanenten Überlebenskampf. Um dass Ganze nicht zu martialisch klingen zu lassen um nicht am Ende rechte Elemente der Leserschaft dazu zu verführen dass sie glauben, die Welt sei eben mal kriegerisch: Mann & Frau & Kind & Greis waren davon gleichermaßen betroffen, auch wenn es kaum Greise gab, die man mit auf die Reise zu einem neuen Leben mitgenommen hätte. Die Geschichte der Wikinger ist gut genug ergründet worden und wir sollten es langsam lassen, ständig über die „Axtzeit“, die „Schwertzeit“ und „gespaltene Schilde“ zu reflektieren. Zum Teil nebulös aufgeblasener Schwachsinn, der das „rechte Denken“ befeuert. Die moderne Welt hat ganz andere Probleme wie die „Windzeit, Wolfszeit, bis die Welt zu Grunde geht“ und „kein Mann den anderen verschonen wird“. Der Ragnarök, an den die Wikinger bindend glaubten, die letzten Tage der Götter, der die vollständige Vernichtung der gesamten Welt inklusive aller Schöpfung und Götter und Menschen für immer und absolut auslöschen würde, ist möglicherweise längst gekommen. Wir haben ihn selbst in unsere Welt gelassen und das blutige Spiel der Wikinger war nur ein Drama in etlichen Akten, dass die Welt in eine neue Richtung führte, ohne zu ahnen, dass insgesamt alles falsch gewesen sein könnte. Alles!

Wikinger wie er kamen ab 870 auf die Insel
Und gründeten dort ihre neuen Existenzen

Um wirklich zu wissen, wie man so auf Island lebt, wäre es wichtig, individuell dort unterwegs zu sein. Das Reisen in einer Gruppe kann einen tief in die Landesgeschichte einführen und zusammen mit dem Gesehenen ergibt sich dann ein anderes Bild in der Seele. Geführt von einem kundigen Fremdenführer kann eine solche Reise erfüllend sein. Aber um die Anderen wirklich verstehen zu können, müsste man ein Teil von Ihnen werden. Sprich: im Land bei den Menschen leben, mit ihnen leben. Ein längerer Zeitraum wäre auch nicht irrelevant, da ansonsten die Gefahr besteht, dass das romantisierende Element in uns, dass das Gras an anderen Plätzen grüner, den Himmel blauer und die Wolken weißer erscheinen lässt, nicht im Hintergrund zurücktritt. Doch wer hätte dafür die Zeit? Meine einzige Möglichkeit in all den Jahren, die Menschen auf Island in ihren Leben authentischer kennenzulernen, wäre meine individuelle Reise mit dem eigenen Auto, kreuz und quer über die Insel gewesen. Aber ich war ein Sklave meiner eigenen Bedürfnisse, getrieben vom Glauben, ein Optimum an Photos aufnehmen zu müssen und möglichst durch kurze Gespräche – einem Interview gleich – Erkenntnisse zu erlangen. Doch als ich 1995 mit der Norönna in Seyðisfjörður, im Osten Islands ankam, wusste ich im Prinzip bereits, dass die folgenden vier Wochen gerade einmal ausreichen würden, um das Nötigste zu erfahren um eine glaubhaft moderierte Multimediashow live zu kommentieren. Und trotzdem machte sich ein prägnanter Unterschied sofort bemerkbar: wenn ich hier mit meinen Reisegruppen angekommen war, musste es – der Plan stand und es musste „losbesucht“ werden – sofort losgehen, egal ob eine Reiseleiterin auf uns wartete, oder nicht. Die Fähre spuckte ihre Menschen und Fahrzeuge aus ihrem Innen heraus auf isländischen Boden und in Windeseile hatte sich alles verflüchtigt.

Seyðisfjörður ist immer einen Besuch wert

Um mir selbst das Gefühl zu geben, dass ich es als Individualist nun würde anders machen können, ließ ich den Tross der Autos, LKW, Wohnmobile und der zwei Reisebusse aus der Schweiz (Erinnerung: die Überfahrt mit der Norönna war sehr kostspielig und nur wenige konnten sich das leisten) davonziehen und begab mich erst einmal auf einen Photorundgang durch das nun fast weihnachtlich still daliegende Seyðisfjörður. Wie schnell hier doch wieder Alltag einkehrte! Kaum hatte die Fähre „gespuckt“ und die am Hafen wartenden Autos, LKW, Wohnmobile und dieses Mal keine Reisebusse aus der Schweiz aufgenommen, setzte der Kapitän im übertragenen Sinn die Segel und schipperte wieder aus dem Fjord hinaus. Zeit ist Geld und die Frage nach der Rentabilität stellt sich auch auf Island, jeden Tag und jede Minute. Auch Island ist Teil eines weltweiten Systems und hat damit gewisse Getriebensheits-Relevanzen, die erfüllt werden müssen. Das „System“ ruft! Ich hatte mir ganz am Ende des kleinen Ortes, der 1995 noch vorwiegend aus kleinen, bunten Holzhäusern bestand, an der Strandstraße (Strandavegur) einen Platz gesucht, um die ausfahrende Fähre zu photographieren. Es dauerte etwa zwei Stunden, bis es dazu kam und als ich nach einem Besuch des Endes dieser Strandstraße, welches direkt an der Küste am atlantischen Ozean lag, wieder nach Seyðisfjörður zurück kam, lag der Ort still und stumm wie ein Ort in den Hochalpen zur Weihnachtszeit unter dickem Schnee. Still und tatsächlich (fast) stumm. Nachdem ich das Auto abgestellt hatte, wollte ich sogleich mein erstes Gespräch suchen und strebte dem kleinen Café zu, in welchem vor zwei Stunden noch eine gewisse Betriebsamkeit herrschte. Wie verwundert war ich darüber, dass die Tür verschlossen war! Ich klopfte, drückte die Klinke und rüttelte ein oder zweimal an der Tür. Es kam keine Reaktion aus dem Inneren. Das erste Lebenszeichen in diesem so still und stumm daliegenden Ort gab die ältere Dame im roten Holzhaus gegenüber des Cafés von sich. In für mich natürlich vollkommen unverständlichen Isländisch sagte sie etwas zu mir und ich konnte nicht viel mehr tun als sie zu fragen, ob sie Englisch sprechen würde. Kopfschütteln auf der anderen Straßenseite. Aber der Mensch ist ja befähigt, seine Artgenossen durch Zeichen- oder Gebärdensprache zu verstehen. Sie führte mit der linken Hand eine Bewegung aus die vermuten ließ das sie mir mitzuteilen versuchte, dass ich „um das Haus herum“ nach hinten gehen solle, während sie mit der anderen Hand kunstvoll und zeitgleich eine Wollsocke mit einer Klammer an der Wäscheleine vor dem Fenster befestigte. Ich hatte zwar beim Herrn Professor und seinen Studenten während der Überfahrt ein paar Brocken isländisch vermittelt bekommen, auch wenn diese gar kein Isländer sondern Norweger/-innen gewesen waren, aber das erlernte Dankeschön hatte ich bereits wieder vergessen oder um ehrlich zu sein: ich wollte es wenigstens perfekt aussprechen und dafür hatte ich das Klangbild des Wortes nicht mehr sauber genug im Kopf. Ich dankte auf Englisch und begann, das Haus zu umrunden.

Und die ersten Islandpferde tauchen auf

Und siehe da: im hinteren Gartenbereich saßen tatsächlich zwei junge Frauen, von denen zumindest die eine noch die typische Schürze trug die vermuten ließ, dass sie im Café als Bedienung oder hinter dem Tresen arbeitete. Als ich mich näherte erkannte ich noch einen bärtigen jungen Mann mit Brille, längeren Haaren und einer Pudelmütze auf dem Kopf. Zumindest die beiden Damen bemerkten mich, ließen dabei keine Art von Emotion erkennen. Die, die nicht in einer Schürze steckte fragte allerdings in dem Moment, als ich mich so nah an sie heran begeben hatte, dass klar wurde, dass ich etwas würde fragen wollen, ob ich meine Fähre verpasst hätte. Es konnte für sie ganz offensichtlich nur einen Grund dafür geben, dass jemand außerhalb der Fährzeiten in Seyðisfjörður herumlief: er musste seine Fähre verpasst haben. Ach wie gerne würde ich heute Schreiben, dass der Anfang ganz gut verlief! Aber was folgte war ein Exempel der Bedeutungslosigkeit, welches mich in Gedanken auch in die Einsamkeit trieb. Glücklicherweise kannte ich 1995 bereits keine Einsamkeit mehr und musste mich daran erinnern, sonst hätten die nächsten vier Wochen sicher einen anderen Verlauf genommen? Ich wollte über eine Tasse Kaffee gerne mit meinen ersten Einheimischen ins Gespräch kommen. Das klingt an dieser Stelle etwas zu gewollt oder gestelzt, oder aufgesetzt, aber im realen Leben bei uns in Deutschland aber auch in Island kam man ja oft über eine Tasse Kaffee miteinander ins Gespräch. Warum sollte ich dieses Ur-Bedürfnis nach Kommunikation im Umweg über ein Getränk oder eine Mahlzeit nicht ausnutzen und ins Gespräch kommen? Die isländische Jugend sprach schon damals in der übergroßen Mehrheit perfektes Englisch. Hier würde man mich auch verstehen. Ob ich eine Tasse Kaffee bekommen könne fragte ich, nachdem ich ich die Frage nach der verpassten Fähre verneint hatte. Nö, ging nicht mehr, die Kaffeemaschine sei aus und der Laden geschlossen. Aha? An Umsatzsteigerung dachten die damals wohl noch nicht im Osten Islands? Gab es denn ein anderes Café in Seyðisfjörður? Antwort: Nein! Wo man denn das nächste noch offene Café finden könne? Antwort: in Egilsstaðir! In Egilsstaðir? Das waren schlappe 30 Kilometer und man musste über die Hochebene dorthin fahren! Wo war ich denn hier gelandet? Im zentralafrikanischen Buschland? Die beiden redeten eifrig weiter in der Sprache, die ich nicht verstand aufeinander ein und würdigten mich keines Blickes. Der Bart tragende Wollmützen-Träger in seinem Sessel schaute mich nicht einmal an. Es war an der Zeit, das Weite zu suchen. Gelangweilt oder einsam schienen mir die anwesenden Personen jedenfalls nicht zu sein. Ich ging zum Auto zurück, startete den Motor und verließ, etwa drei Stunden nach dem Blech-Korso der anderen, die Stadt. Ich würde am Ende der Reise ja wieder hierher zurück kommen.

Wasserfäle gibt es auch im Osten Islands

Wie habe ich mich gefreut, dass bei meiner vorletzten Reise nach Island im Jahre 2013, als meine jüngste Tochter an meiner Seite war, genau dieses Café zu einer Zeit geöffnet hatte, als es überhaupt keinen touristischen Besuch hier gab. Ich hatte nämlich unseren einheimischen Busfahrer überzeugt, dass es für die Gäste durchaus von hohem Erlebniswert sei, einmal diese rund 30 Kilometer über die Hochebene von Egilsstaðir aus nach Seyðisfjörður hinunter (und später wieder hinauf) zu fahren um ihnen die Gelegenheit zu geben den Ort zu sehen, der sonst nie von den Reisegruppen angefahren wurde wenn sie nicht mit der Fähre auf Island ankamen. Denn Seyðisfjörður lag auch 2013 noch unwirklich schön am Ende eines Fjordes, dessen Wände sich über 700 Meter hoch erhoben. Am Umland hatte sich seit 1986 definitiv nichts verändert, wohl aber an der Infrastruktur, wie ich alsbald mit Erstaunen und auch ein wenig Schrecken feststellen konnte. Die Isländer sind ein kleines Volk und der Boom der vergangenen Jahre war offensichtlich auch bis in diese isoliert liegende Gemeinde vorgedrungen? Alle Isländer sollten am neuen Reichtum teilhaben, auch wenn große Teile dieses Reichtums aus riskanten Wertpapiergeschäften und Derivaten stammte, die ja später fast den Kollaps des Staates ausgelöst haben. Es war leider ein sehr regnerischer Moment, als wir im August 2013 hier ankamen. Keiner wollte allzu lange durch den Regen laufen und am Ende saßen alle in diesem kleinen Café und versuchten die Zeit totzuschlagen. Zeit in einem isländischen Café totzuschlagen ist aber ein kostspieliges Unterfangen! Als ich samt Tochter den Rundgang durch den Ort beendet hatte, spülte uns das Schicksal nämlich auch in dieses Café, in dem zumindest ein Großteil der Mitglieder der damals recht großen Gruppe (29 Personen + meiner Wenigkeit + Tochter + isländischer Busfahrer) Unterschlupf gefunden hatte. Und nun wollte der Vater dem Kinde, welches eine gute halbe Stunde lang ohne zu murren mit ihm gemeinsam durch den Regen gelaufen war, auch etwas gönnen. Ein Stückchen Schokoladenkuchen und einen frisch gepressten Orangensaft? Natürlich, mein Schatz. Der Vater? Ach, vielleicht nur einen Kaffee? Aber der Creme-Kuchen sah so lecker aus, also doch noch ein zweites Stückchen Kuchen! Die 50.- €, die das ganze dann gekostet hat, hätten durchaus ein paar Schmerzen verursachen können, aber der Vater drückte das Gefühl beiseite, wollte edukativ sein um den Nachwuchs damit verdeutlichen, dass das auf Island eben so seinen Sinn habe, die Sache mit den extremen Preisen! Wir oft habe ich mir gewünscht, die Sparfüchse und Geizhälse, die „Billich-Willich-People“ unserer Breitengrade mal für eine Weile nach Island strafzuversetzen! Oft genug! Die würden einen solchen Aufenthalt an des Basis natürlich ähnlich empfinden wie eine deutscher Kriegsgefangener einen sibirischen Gulag nach dem zweiten Weltkrieg, aber eine unmittelbare Gefahr für das Leben hätte für diese Personen auf Island ja nicht bestanden. Oder vielleicht doch? Vielleicht erleiden Menschen, die durch und durch nicht auf Krawall sondern auf „Geiz ist Geil“ getrimmt sind im Umweg über heftiges Schnapp-Atmen am Ende gar einen Herzinfarkt wenn sie gezwungen werden, den Sinn ihrer Leben (Geld) in solcher Masse für so wenig Sache ausgeben zu müssen?

Nicht nur die Hauptstadt ist teuer.

Als ich 1995 mit dem eigenen Auto auf der zu dieser Zeit schon gut asphaltierten Straße in die Berge fuhr (in den ersten Jahren gab es hier nur eine abenteuerliche, teils mörderische, unbefestigte Piste), hatte ich sogleich am ersten Aussichtspunkt meine erste Begegnung. Allerdings nicht mit einem Einheimischen, sondern mit einem jungen, italienischen Individualtourist, der Island mit seinem eigenen Motorrad (einer nagelneuen Cross-Maschine) erkunden wollte. Auf den ersten Blick kam es mir so vor, als ob er von Island aus nach Grönland und dann weiter in die Arktis übersetzen wollte. Klar sind Italiener anders, leben in einer anderen klimatischen Zone, aber ich hatte schon bei anderen Reisen individuell unterwegs seiende Italiener/-innen getroffen, die immer derart üppig ausgestattet waren, als planten sie die letzte und ultimative Expedition zu den noch unerforschten Stellen dieses Planeten. Der junge Mann trug einen derart dicken Expeditionspulli über seiner dreifach gewickelten Fleece-Jacke und hatte offensichtlich zwei paar Wollsocken und mehrere Hosen an, dass ich zum meinem Rückschluss auf seine geplante Reise-Richtung einfach kommen musste. Aber weit gefehlt! Er hatte lediglich vor, in den nächsten sieben Tagen, bis die Norönna wieder in Seyðisfjörður ankommen würde, einmal auf der gut ausgebauten Nationalstraße Nummer 1 – welche erst 1974 fertig wurde und Rundreisen durch Island ermöglichte – um Island herum und dann wieder in die warme italienische Heimat zurück zu fahren. Mamma Mia! Ein Isländer hätte dieselbe Tour auf dem Motorrad in T-Shirt, kurzen Hosen und Sandalen absolviert! Ein Deutscher wenigstens noch in Motoradkluft! Aber vielleicht hatte er ja vor, im Freien, im Zelt zu übernachten? Wieder weit gefehlt! Er hatte schon seine Hotels und Herbergen fest gebucht und allein die Vorstellung, in dieser „arktischen Wildnis“ einmal nicht am Ende des Tages in der Komfortzone eines Beherbergungsbetriebes verschwinden zu können, bereitete ihm Gefühle der Angst. So ähnlich wie in dem Film „Willkommen bei den Sch’tis“, in dem beschrieben wird, dass alle Südfranzosen das nördliche Frankreich als lebensfeindliche Eiswüste wahrnehmen, sehen Italiener/-innen Island eben schlicht als Polarregion an. Auch wenn während unseres kurzen Dialoges die Wildblumen im Straßengraben bei etwa 16° Grad Celsius und Sonnenschein in Blüte standen. Die Welt bleibt unverstanden!

War es das, was der Italiener erwartet hatte?
Oder das?
Oder jenes?
Bestimmt aber dieses hier?

Die wenigen Isländer/-innen die ich bei meiner Individualreise näher kennenlernte, waren Menschen wie Du und ich! Der Bauer Flóki, der mit seiner Frau und seinen vier Kindern einen kleinen Hof in der Nähe des kleinen Vulkans Grábrók betreibt, war noch einer von den wenigen Personen, die mir etwas Licht in Bezug auf die Frage verschafften, wie es denn den Isländer/-innen im Alltag so gehen würde. Nicht zu vergessen, dass es auch im kleinen, unterbevölkerten Island signifikante Unterschiede zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung gibt. Auch in diesem offensichtlich so gleichgeschalteten Land, in welchem soziale Gerechtigkeit eminent bedeutsam ist, gibt es die typisch menschlichen Sticheleien zwischen den „Großstadtneurotikern“ (so von der Landbevölkerung genannte Stadtmenschen) und den „Landeiern“ (so umgekehrt gesehen). Bauer Flóki hatte zumindest neben fast perfekten Englisch-Kenntnissen auch ein paar Erklärungen parat, warum er das Leben auf seinem Hof jedem anderen Leben vorziehen würde. Wie wir das Glück im Alltag finden können ist eine häufig gestellte Frage! Menschen wie Flóki, die einfach leben, machen es im Prinzip vor – denn jede Art von schlichter Lebensart schafft Platz für mehr Freude in allen Lebenslagen, wenn es nicht von existenziellen Ängsten geleitet wird. Denn auch der somalische Bauer am Horn von Afrika lebt eine schlichte Lebensart. Dort sind aber Dürren die Regel, die Regenzeiten bleiben aus. Und auch wenn die Bauern und Viehhirten in Somalia und Somaliland versuchen, damit umzugehen, gelingt ihnen das nicht. Die Angst um die eigene Existenz zerstört dort die Möglichkeiten, einfache Leben zu leben und dabei glücklich und erfüllt zu sein. Es kommt wohl wie bei allen Dingen auf die Lesart an? In unseren heimischen Gefilden wird diese Suche nach dem Glück (ich assoziiere Herrn Rossi womit wir wieder in Italien wären!!) immer nur von Ratschlägen flankiert, dass wir uns überlegen sollen, wie viel wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein. Da wird mal die große Wohnung mit viel Deko thematisiert oder der Luxus-Wagen mit allen Extras. Oder es wird über die kleinen Dinge geschrieben, die unsere Herzen doch angeblich aufgehen lassen. Wer einfach leben möchte, hat sich nach unserer gängigen Meinung dazu entschieden, dass er nicht viel Schnickschnack benötigt, wenn er / sie / es glücklich werden will. Aber das ist viel zu kurz gedacht. Wenigstens ein Ansatz. Smartphones waren 1995 ja nicht nur auf Island noch vollkommen unbekannt. Bei uns sorgen diese „Segnungen der Zivilisation“ ja mittlerweile täglich für Diskussionen zwischen Eltern und Kindern. Wie lange Flóki´s Kinder damals Fernsehen schauen durften? Diese Frage stellte sich für ihn und seine Frau nicht. Einen Fernseher gab es, aber die Kinder waren derart in die sie umgebende Natur eingebunden und wurden ihren Fähigkeiten entsprechend auch an der Arbeit beteiligt, dass die Abends einfach nur „ins Bett plumpsen“ würden (O-Ton Flóki) Unter welchen Bedingungen isländische Kinder der heutigen Tage sich im Klassenchat beteiligen dürfen, welche Fotos sie ins Netz stellen dürfen und an welcher Stelle am besten für die Hausaufgaben recherchiert wird, sind sicher auch in Island aktuelle Themen in den Familienbeziehungen geworden. Trotz alledem bleibt die Wildheit der Natur um sie alle herum. Das Basisklima auf der Insel ist ein komplett anderes und die Umwelt prägt den Menschen, der in ihr lebt.

Die Bedingungen prägen die Menschen die hier leben.
Ingólfur Arnarson, der angebliche Erst-Siedler

Wie sehr staunte der legendäre Erst-Siedler und Gründer des Staates, Ingólfur Arnarson, als er zum ersten Mal in die große Bucht kam, in der er seinen Hof errichten wollte. Überall dort steig Rauch aus der Erde auf und deshalb nannte er den Ort dann auch Reykjavík – Rauchbucht. Wie oft in den vergangenen Jahrhunderten stand das fragile Gemeinwesen auf dem Prüfstand? Von unzähligen gewaltigen Vulkanausbrüchen und gewaltigen Lavastömen ist in der Überlieferung berichtet? So entstand im Jahr 934 mit der Eldgjá die längste Vulkanspalte der Welt. In den Jahren 1783 und 1784 gab es den gewaltigen Ausbruch des Laki, welche bis heute die größte und lavareichste Eruption in historischer Zeit geblieben ist. Bis zu 10.000 Isländer/-innen verloren damals ihre Leben. Und das auf so kleiner Fläche, bei so geringer Gesamtbevölkerung! Oft genug mussten ganze Regionen aufgegeben werden und gar mancher Bauer ging freiwillig wieder zurück nach Norwegen. Vulkane wie die Katla oder die Hekla, der Grímsvötn, die Vulkane unter dem Gletscher Öræfajökull, die Askja, die Insel Surtsey oder der aktuell bekannte Eyjafjallajökull waren (und sind!) eine ständige Bedrohung des menschlichen Lebens und Überlebens. Wer sich für die vulkanische Geschichte Island interessiert wird feststellen, dass speziell die Katla und die Hekla immer und immer wieder verheerende Katastrophen in den Leben der Siedler angerichtet haben. Wen es auf der Feuerinsel hielt und wer dort bleib, musste ein spezielles Gerüst an Sinnen entwickeln. Ich habe zwischen 1986 und 2016 niemals persönlich eine größere vulkanische Aktivität erleben können (auch wenn es in diesem Zeitraum einige Vorfälle gegeben hat), aber die dortigen Geschehnisse sehr aufmerksam in den Medien verfolgt. Das Island wirklich eine Feuerinsel aus Eis ist, konnte die Welt am größten Gletscher Europas, dem Vatnajökull, erleben. Der gut 8.100 Quadratkilometer große Gletscher (1986 wurde er noch mit 8.800 Quadratkilometern angegeben) bedeckt etwa 8 % der Landesfläche Islands. Unter seinem bis zu 1.000 Meter dicken Eis liegt der Vulkan Grímsvötn und der hat die Eigenschaft, etwa alle 10 Jahre einmal auszubrechen. Die typischen Gletscherläufe in vulkanischen Gegenden entstehen entweder durch stetiges Auftauen des Gletschers über einem Hochtemperaturgebiet oder wenn ein von einem Gletscher bedeckter Vulkan ausbricht.

Die Kraft der Erde tritt überall zutage

Der letzte große Gletscherlauf auf Island ereignete sich 1996 am Fluss Skeiðará wegen eines Ausbruchs im Vulkansystem der Grímsvötn. Der Ausbruch hatte viel Eis geschmolzen, welches dann in die unterhalb der Oberfläche gelegenen Seen floss. Die Wissenschaftler hatten den Wasserstand der Grímsvötn-Seen genau gemessen und konnten den Zeitpunkt der Flutung darunter gelegener Ebenen relativ genau voraussagen. Die über diese Ebenen verlaufende südliche Ost-West-Verkehrsverbindung, die Ringstraße 1, konnte rechtzeitig komplett gesperrt werden, so dass keine Menschen zu Schaden kamen. Der Gletscherlauf von 1996 erreichte immerhin ein Volumen von bis zu 45.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde und riss Teile der Ringstraße sowie eine Brücke mit sich fort. Bis zu zehn Meter hohe Eisblöcke wurden so mittransportiert und lagen nach dem Ende des Gletscherlaufes in der Sanderebene Skeiðarársandu. Erst 1998 hatte ich wieder als Reiseleiter einen Auftrag mit einer kleinen Gruppe in Island (8 Personen) und konnte so unser Fahrzeug selbst fahren und den Tagesplan kreativ gestalten. Die Ringstraße war mit Interimsbauten wieder geflickt worden und es gab keine Einschränkungen mehr. Lange haben wir damals an den noch ausgestellten Trümmerteilen der Brücke und den meterhohen Findlingen gestanden und versucht uns vorzustellen, wie das zwei Jahre zuvor hier ausgesehen haben mochte. Fernsehbilder und Videodokumentationen gab es natürlich zuhauf, auch von dem Moment, als die unterirdischen Wassermassen wie bei einer Explosion eine 70 Meter breite und 15 Meter hohe Eiswand heraussprengten und mit ungeheurem Getöse über die Sandflächen schossen. Jede psychologische Untersuchung des menschlichen Hochmuts kann man sich in solchen Situationen sparen. Hochmut und Stolz der menschlichen Rasse brachten auch die Wikinger mit nach Island, aber Hochmut und Stolz in der Form, in der sie ihn in ihren Köpfen führten, wurde ihnen genommen. Die hochmütigen Menschen betrachten sich als Mittelpunkt der Welt? Im Menschen vereinigen sich Egoismus, Gier, Frechheit und Rücksichtslosigkeit miteinander so dass sie den Boden der Realität mehr und mehr verlieren. Wie kommt es überhaupt zu diesem menschlichen Hochmut (als biologische Rasse)? Fühlen sich Hochmütige in ihrem Inneren nicht fast immer minderwertig? Der Hochmut stellt also einen Selbstschutz des Hochmütigen dar? So ist es doch kein Wunder, dass sich bei den betroffenen Menschen ein gestörtes Selbstbild entwickelt hat? Der Hochmut wird letztlich zu den sieben Todsünden gezählt. Island kann kurieren, wer nach einem Besuch dieser Insel noch den Hochmut in sich trägt, hat alle Erlebnisse verdrängt.

Isländer/-innen nutzen ihre Energie-Ressourcen

Die Isländer sind zumindest nicht so hochmütig dass sie glauben, sie könnten die sie umgebende Natur in irgendeiner Form beherrschen! Aber so wie der Mensch in seinem Hunger nach mehr und mehr Energie bereits bereit ist, Kriege zu führen um seinen Zugang zu den Ressourcen zu sichern, so haben die Isländer auch versucht, aus den gegebenen Möglichkeiten Nutzen zu ziehen und sich diverser Techniken angenommen, die ihnen helfen, ihr eigenes Energie-Problem in den Griff zu bekommen. Für eine möglichst saubere Umwelt war die Nutzung der geothermalen Energien zwingend erforderlich. Fast 25% der benötigten Primärenergie in Island kommt heute bereits aus Erdwärme. Außerdem liefert die geothermale Energie Wärme für Heizung und Warmwasser für etwa 90 % aller isländischen Haushalte. Eine andere umweltfreundliche Art der Energiegewinnung ist die Nutzung der Wasserkraft. Die zahlreichen Flüsse Islands, die an den großen Gletschern des Landes entstehen, bieten enorme Wassermengen, die mittels Wasserkraftwerke in Strom umgesetzt werden können. Etwa 6,4 Milliarden Kilowattstunden Strom wird auf diese Weise in Island jährlich erzeugt. Hier liegen die Kosten der Elektrizitätsgewinnung äußerst niedrig. Eine Kilowattstunde kostet daher in Island weniger als drei Cent. Insgesamt produziert Island über 70 Prozent seines Energiebedarfs im eigenen Land. Der größte Anteil der importierten Energie findet sich im Öl oder Benzin für Kraftfahrzeuge und Schiffe. Im Laufe der letzten Jahre ist jedoch der Anteil der importierten Energie leicht zurückgegangen, während die Produktion im Inland zunahm. Der günstige Strom macht Island aber für jene Industrien attraktiv, die aufgrund ihrer Produktion einen hohen Energiebedarf haben.

Günstige Stromgewinnung für günstigen Strom
Aluminiumhütte in Hafnarfjörður

Zu den energieintensiven Industrien gehören vor allem Unternehmen der Aluminiumproduktion. Unternehmen dieser Art sind in Island aufgrund der günstigen Produktion bei geringen Strompreisen sesshaft geworden, obwohl der zur Aluminiumherstellung nötige Rohstoff Bauxit von Australien und Brasilien nach Island gebracht werden muss. Dieser logistische Aufwand zeigt, wie attraktiv die günstige Energie Islands für diese Branche ist. Es ist deshalb auch eine Aluminiumhütte, die die Besucher Islands, die vom Flughafen in die Hauptstadt fahren, zuerst zu Gesicht bekommen. In Hafnarfjörður bei Reykjavík steht diese von weitem sichtbare Anlage seit 1990 und produziert bei besten „Strombedingungen“ Aluminium. Soweit es den Isländern/-innen also möglich ist, versuchen sie auch Kapital aus den Natur-Bedingungen um sie herum zu schlagen. So gibt es auch im ganzen Land verteilt Thermalbäder. Am bekanntesten ist sicherlich die weltberühmte „Blaue Lagune“ (auf Island Bláa Lónið genannt), aber solcherlei Bäder gibt es wirklich überall dort, wo warmes Wasser aus der Erde kommt. Die Temperatur dieser warmen Töpfe kann aber stark variieren. Sie kann sich auch im Laufe der Jahre verändern! So hatte ich 1987 bei meiner zweiten Rundreise durch Island noch das Vergnügen, in einer unterirdischen Grotte, in die man erst einmal ein paar Meter gebückt hineinklettern musste um dann in der zwielichtigen Dunkelheit einen Natur-Pool zu erreichen, dessen Wasser stets angenehme 36° Grad Celsius hatte, zu baden. Als ich Jahre später wieder einmal mit einer Gruppe in dem nicht weit davon entfernt liegenden Hotel übernachtete, wies ich meine Reisegefährten darauf hin, dass man dort wundervoll würde baden können. Glücklicherweise unternahm ein Ehepaar vor dem Abendessen (danach erst sollte gebadet werden) noch einen Spaziergang dorthin und stellte fest, dass es dort ein Warnschild gab! Das auf keinen Fall hier gebadet werden dürfte, weil sich die Temperatur in den letzten Jahren immer weiter erhöht hätte. Mittlerweile war sie mit 63° Grad Celsius angegeben!! Das wäre ein heiterer Badespaß geworden nehme ich an? Für solcherlei Sachen wäre es natürlich immens wichtig, einheimische Reiseleitungen dabei zu haben! Die kennen sich da gut aus und wissen zudem immer genau, wo sich die nächste Toilette befindet.

Naturpools können heiß sein!!
Besser unter kontrollierten Bedingungen baden

Da wäre es wohl mal wieder an der Zeit, eine besondere Geschichte aus dem Nähkästchen der Reise-Erinnerungen hervor zu holen? Ich wundere mich beim Schreiben selbst darüber, dass ich mehr Erinnerungen an meine zweite Reiseleiterin, Karen Erlendsdóttir, habe, als an meine erste Reiseleiterin Jona! Jona und ich waren wirklich gut befreundet, hatten dasselbe Verständnis von Humor und verstanden uns wirklich sehr gut. Wir haben uns auch viele Jahre später – als ich mit einer meiner Gruppen zum Abendessen in Reykjavík weilte – getroffen und uns viel zu erzählen gehabt (20 Jahre und zusammen sieben Kinder später gab es natürlich auch eine Menge Gesprächsstoff). Mit Karen Erlendsdóttir verstand ich mich gut, aber nicht so gut wie mit Jona ein Jahr zuvor. Wohl auch, weil wir keinen gemeinsamen Humor gefunden haben? Aber es war nun eben mal Karen im Jahr 1987, die uns am Hafen in Seyðisfjörður empfing und sich als Reiseleiterin vorstellte. Nachdem sich die Gruppe im Bus versammelt und sie ihre Rede gehalten hatte, hielt sie noch einen Moment inne und fügte dann hinzu: „Ich werde ihnen, meine Damen und Herren, auf dieser Reise auch mindestens einmal beweisen, dass sie typische Deutsche sind, auch wenn ihnen das dann gar nicht gefallen wird“. O-Ton Ende! Ich saß am Lenkrad des Reisebusses und überlegte, was sie damit meinen würde? Meine Neugier vergaß ich aber ungefähr in Höhe des Aussichtspunktes, an dem ich 8 Jahre später den vereinsamten italienischen Motorradfahrer (Polarforscher) traf. Alle vergaßen im Lauf der nächsten Tage, „dass“ Karen das gesagt hatte. War ja auch gut so, denn sonst hätte man die Wunder der Natur dort nicht einsaugen können.

Stille Momente auf Island

Nach einem längeren Reisetag kamen wir in unserem Hotel im Mývatn Gebiet an. Das Icelandair Hotel Myvatn ist zwar heute eine Anlage mit Komfort, hatte aber 1987 noch unter dem Namen „Edda“ Hotels für Schlichtheit und den aparten Charme einer Jugendherberge gestanden. Nach der Ankunft war es immer so, dass die Reiseleiterin mit ihren Unterlagen zur Rezeption ging, um die Zimmerschlüssel ausgehändigt zu bekommen und die Zeiten für das Abendessen und das Frühstück am nächsten Morgen abzusprechen. Erst danach kam sie zur Gruppe zurück und gab die Informationen weiter. Normalerweise hatte danach der Chauffeur des Busses nur noch sein Fahrzeug zu parken und konnte dann den Feierabend genießen. Normalerweise! An diesem frühen Abend zischelte mit Karen noch zu, dass ich warten solle, bis alle Gäste im Hotel verschwunden sind, danach würden wir noch ein kleines Stück fahren müssen weil sie mir einen Platz zeigen wollte, an dem sie etwas vorbereiten müsste und ich meinen Weg samt Bus und Gruppe dorthin dann ohne sie würde finden müssen. Sie würde uns dann dort erwarten. Wir alle waren von ihr instruiert worden, dass wir nach dem Abendessen noch zu einer unterirdischen Höhle mit dem Namen Stóragjá fahren würden, um den Komfort eines warmen Bades zu nehmen. Die Grotte war tatsächlich nicht weiter als 2 Kilometer entfernt und ich ahnte, dass ich das alleine schon würde schaffen können. Sofort nach dem Abendessen verabschiedete sich Karen und wartete auch nicht mehr auf den Nachtisch. Als wir etwa 30 Minuten später an der Grotte ankamen (alle wie gewünscht umgezogen mit Badekleidung und einem Morgenmantel als Überwurf), begrüßte sie uns – ebenfalls im Morgenmantel an der Höhle und führte ihre Schafe in die Tiefen der Unterwelt. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben! Überall auf den natürlichen Simsen aus Stein hatte sie Kerzen entzündet und den Innenraum der ansonsten komplett dunklen Höhle damit vortrefflich illuminiert. Nach einigen Ah´s und Oh´s überwanden die Teilnehmer der Exkursion so langsam ihre Furcht und tasteten sich ins warme Nass. 36° Grad Celsius klingen ja erst einmal nach nicht viel, unsere Körper sind schließlich wärmer, aber es war nicht so leicht, sich hinein zu bequemen und auf einem der vielen unter Wasser liegenden Steinen eine Sitzfläche zu finden. Aber alles lief unfallfrei ab. Als endlich alle im Wasser waren zog sie aus einer dunklen Ecke einen Sektkübel mit Eis und darin einer Flasche Sekt hervor. Sekt auf Island? Dafür musste ihre Agentur aber ein Heidengeld vorgestreckt haben. Alle bekamen ihr Gläschen Sekt und eine ungeheure Entspannung trat ein.

Als es dann – nach einer Weile – still geworden war und alle damit begonnen hatten, den Augenblick zu genießen, drehte sie sich langsam um. Nicht heimlich, oder verstohlen. Sie tat es ganz öffentlich und jeder, der den Blick zu ihr wenden wollte konnte sehen, was sie da gerade machte. Sie griff nach einem Päckchen Streichhölzer, welches direkt hinter ihr auf dem Stein lag. Sie nahm es und drehte sich mit der Packung wieder zu uns um. Sie schaute uns an und sagte kein Wort. Alle schauten zurück und dachten sich ihren Teil. Es wurde weiter geschwiegen. Sie öffnete die Streichholzschachtel und zog ein Zündholz heraus, sah erst auf das Zündholz und dann wieder zu uns. Sie schien überprüfen zu wollen, ob ihr auch die volle Aufmerksamkeit zuteil wurde. Ein süffisantes Lächeln umspielte ihre Lippen. Und ihr wurde wegen ihres bedeutungsvoll tuenden Tuns auch die volle Aufmerksamkeit zuteil. Was führte sie im Schilde? Dann führte sie das Zündholz an die dafür vorgesehene Reibefläche, an der es entzündet wird, hielt inne und blickte nochmals in die Runde. Noch immer Schweigen aber noch immer gepaart mit der vollen Aufmerksamkeit aller Personen, die dort in der von Kerzen erleuchteten Höhle saßen. Dann rieb sie das Zündholz fest an der Packung und tatsächlich entzündete es sich wie erwartet. Aber dann: sofort nachdem das Zündholz loderte, bildeten sich um die Flamme herum konzentrische Kreise aus Nebel! Diese Kreise wuchsen rasant und in wenigen Sekunden lag die gesamte Höhle in dichtem Nebel, einem Nebel der weder roch noch schmeckte. Wie aus dem Nichts und in Sekundenschnelle hatte sich der Raum mit Nebel gefüllt. Nur Bruchteile von Sekunden später kamen die ersten Ah´s und dann wurde sofort eine Frage in den Nebel hinterhergerufen: „Warum?“ oder „Wie geht das denn“ oder ähnlich. Auf jeden Fall immer mit fragendem, wissenwollenden Unterton. Als eine gewisse Ruhe eingekehrt war – wohl weil die Frager auf die Antwort hofften – hörten wir sie kichern! Wir konnten sie in dem dichten Nebel nicht sehen, wir sahen ja kaum die Hand vor unseren Augen. Sie kicherte und sprach dann, noch immer aufs Höchste vergnügt: „Sehen Sie? Ich hatte ihnen bei ihrer Ankunft versprochen, dass ich ihnen im Verlauf der Tour möglicherweise mehrmals beweisen werde, dass sie Deutsche sind“. O-Ton Ende. Erneute Fragen „Warum?“, „Wieso deutsch?“, „Weshalb?“ und so weiter. Karen kicherte durch die Dunkelheit und ließ uns wissen, dass nur die Deutschen Gruppen auf dieses eben erlebte Wunder mit diesen Fragen nach dem „Warum“ reagieren würden. Italiener würden höchstens „Madonna“ rufen, Franzosen „Oh, welch ein Zauber“ und Isländer/-innen würden seit Jahrhunderten garnichts dazu sagen! Sie würden es still und ruhig genießen, weiterhin fest an Feen, Kobolde und Elfen glauben und sich immer und immer wieder benebeln lassen. Egal wie sie es aufnahmen, diese Isländer, es war vielleicht ein besonderer Zauber, aber DEUTSCH reagierten sie darauf auf keinen Fall.

Im Verlauf der weiteren Reise hat sie uns noch zweimal dabei erwischt, typisch deutsch zu sein, weil wir typisch deutsch auf Dinge reagierten. Jedes Volk hat so seine Begabungen und seine Makel, aber eines ist allen Völkern dieser Welt gemeinsam: sie glauben alle, der beste Einfall der Schöpfung zu sein. Appropos Schöpfung: wer hat denn dem Menschen eigentlich vermittelt, dass er Straßen bauen soll? Das fing ja alles irgendwann mit den Römerstraßen an! Die Straßen, die damals erbaut und unterhalten wurden, zogen sich über tausende Kilometer kreuz und quer durch Europa. Ihr wichtigster Daseinsgrund ist wohl darin zu sehen, dass Rom seine Allmachtsansprüche besser durchsetzen konnte. Also ein kriegerischer Beutegreifer Impuls stand Pate, als die modernen Straßen aus der Taufe gehoben wurden. Von Island wussten die Römer aber nix, auch wenn sie weit herumgekommen sind in ihrer Suche nach mehr und mehr und nochmals mehr. Wie erwähnt: die Ringstraße, der „Highway No. 1“ Islands, wurde erst 1974 fertiggestellt. 1985 war damit bereits die Zeit der Erinnerungen angebrochen, die von einer Zeit berichteten, als große Teile Süd- und Ostislands mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten waren. Ich persönlich kenne einige extrem neurotische Menschen, die beim Autofahren schon Ängste entwickeln, wenn die Tachonadel sich über der 30er Marke eingependelt hat und die darum fürchten ihre Leben zu verlieren, wenn sich neben der Straße Gräben befinden, die eine messbare Tiefe von einem Meter haben. Es gibt keinen Grund, sich über derart geplagte Menschen zu belustigen, denn meistens schleppen sie traumatische Störungen durch ihre Leben, aber belastend für eine Reisegruppe kann ein derart überzogenes Verhalten schon sein. Ich habe bei meinen ersten Reisen nach Island in den Jahren 1986 – 1989 noch keine Menschen gekannt, die unter solchen Störungsbildern litten, vielleicht war ich auch nur zu jung und zu dumm und zu überheblich? Aber Frechheit war doch schon immer ein Vorrecht der Jugend?

Die Straßen Islands: immer eine Herausforderung

1986 war die Straße an der Südküste jedenfalls fertig, aber die abrutschenden Klippen (weil aus Vulkanasche und Sand bestehend) ließen immer wieder mal Strecken ins Meer absinken oder sie verschütteten sie. Auch deshalb (und noch mehr wegen der alles zerstörenden Gletscherläufe) verzichtet man dort auf die Errichtung von stabilen zweispurigen Brücken aus Stein. Nicht einmal einspurig sind sie aus Stein! Sie sind immer aus Holz, gestützt auf Stahlträger, und führen in zum Teil beträchtlicher Länge über die schwarzen Sanderflächen, die an einigen Stellen bis zu 10 Kilometer Breite erreichen. Die Skeiðarárbrú (Brücke) im Südosten ist deshalb mit deutlichem Abstand die längste Brücke im Land. Erst mit ihrer Fertigstellung konnte die Ringstraße im Jahr 1974 überhaupt erst eröffnet werden. Ursprünglich war sie 904 Meter lang, wurde aber nach dem Schaden des Gletscherlaufes von 1996 auf 880 Meter verkürzt wiederhergestellt. Auch wegen der Straßen ist Island eine Herausforderung! Aber auch in Bezug auf die Straßen hat sich Island in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wenn der Italiener mit seinem Motorrad schon um 1950 auf isländischem Boden aufgeschlagen wäre und vorgehabt hätte, die Insel zu umrunden (ohne Straße auf der Südseite der Insel) und einige Male über die Pisten ins innere Hochland hätte fahren wollen, wäre seine Ausrüstung exzellent und angemessen gewesen. Doch auch noch zu meinen „isländischen Kindertagen“ 1986 und danach, waren die Exkursionen tief ins innere der Insel, wo man über fürchterliche Geröllpisten durch Eis und Wasser in einer sprichwörtlichen Mondlandschaft für Tage fahren musste, ohne den geringsten Komfort erleben zu dürfen und jederzeit auf sich allein gestellt zu sein, den „harten“ Jungs und Mädels mit ihren Allradfahrzeugen oder umgebauten Armeefahrzeugen vorbehalten. Geradezu mystisch wurde eine Durchquerung Zentral-Islands über die Sprengisandur Hochebene beschrieben. Die Sprengisandur-Piste ist mit etwa 200 Kilometern die längste der isländischen Hochlandpisten in Nord-Süd-Richtung. Sie führt quer durch die Mitte des Hochlands von Island und war immer der Traum meiner mit Träumen gefüllten schlaflosen Nächte. Einmal mit einem geeigneten Fahrzeug die Sprengisandur befahren! Das wäre es gewesen. Als wir 1986 beim Besuch des Hjálparfoss recht dicht am südlichen Ende der bekannten Piste waren, fragte ich Jona nach den Möglichkeiten, diese Strecke zu befahren. Natürlich nicht mit dem Bus, aber als Vollblut-Touristiker liebäugelte ich damit, vielleicht einmal eine Gruppe zusammen zu bekommen und die Piste mit 2 oder 3 Jeeps gemeinsam zu durchfahren. Aber Jona meinte nur, dass die Touristen prinzipiell ihre Finger von der Sprengisandur lassen sollten und dass es Isländer/-innen geben würde, die einfach keine Lust hätten auf der Ringstraße weit außen herum zu fahren um in die Hauptstadt zu kommen, diese würden auch mit „fast“ normalen Autos da durchfahren und nur selten würde es Probleme geben. Die Einlassung von Reiseleiterin Jóna Friðriksdóttir saß und ich zementierte sie als „Wissen“ in meinen Gehirnwindungen. Auf den ersten Island-Reisen hatten wir auch immer eine fahrerische Herausforderung im Programm: die Fahrt auf der kleinsten isländischen Hochlandpiste! Der Kaldidalur Hochlandsweg war bis zum Januar 2020 gute 54 Kilometer lang und führte über eine extrem schlechte Schotter- und Schlaglochpiste vom Þingvellir-Nationalpark zu den Wasserfällen von Hraunarfoss. Leider hat man in diesem Jahr damit begonnen, den südlichen Teil der Straße zu asphaltierten. Aber die restlichen Kilometer sind noch immer spektakulär und geradezu perfekt geeignet, den einen oder anderen asiatischen Touristen charmant loszuwerden, da sich speziell Asiaten nicht um das Verbot scheren, dass Fahrzeuge ohne Allradantrieb dort oben nicht erlaubt sind.

Es ist auf jeden Fall eine gewaltige logistische Meisterleistung, in einem so dünn besiedelten Land eine Infrastruktur zu entwickeln, die jeden Teil des besiedelten Landes mit einschließt und auch für funktionierende Straßensysteme sorgt. 1995, als ich mit dem eigenen Auto in Island unterwegs war, habe ich den Schritt einfach gewagt. Gespräche mit verschiedenen Isländern ergaben eine Art innerer Patt-Situation: die eine Hälfte beschwichtigte, die andere ermutigte mich es zu tun. 1995 konnte man schon sicher sein, dass man auf dem langen Weg über die längste der Hochlandpisten nicht mehr allein war. Auf Hilfe war im Falle des Achsbruchs als zumindest zu hoffen. Wenn ich als Photograph unterwegs war, habe ich immer die jeweilige Wettersituation im Blick gehabt. Island ist ja nicht so groß, hat aber an seinen nördlichen und südlichen Küsten zwei Meere, die unterschiedlicher nicht sein könnten! Aus dem Süden bringt der Golfstrom warmes Wasser nach Norden und von Norden drängt das kalte Wasser der Arktis nach Süden. Die beiden so unterschiedlichen Meeresströmungen treffen sich rund um Island und verursachen eine regelrechte Wetterküche. Wenn man auch in Schottland oder Irland gerne über die Wechselhaftigkeit des Wetters witzelt, so sind die Geschwindigkeiten, mit denen sich das Wetter auf Island neu einkleidet und vollkommen verändert daherkommt, wesentlich höher und damit ist es dort noch wechselhafter. Längere Gutwetterphasen sind auf Island eher selten, aber während meiner 95er Visite war ein solcher dreitägiger Minisommer mit Sonnenschein angekündigt worden. Ich vertraute darauf und bog an der Nordküste beim Goðafoss ins Landesinnere ab um zu überprüfen, wie weit ich kommen würde. Der Anfang ging ganz gut, aber nach einigen Kilometern wurde die Piste gnadenlos. Erfahrungen mit ellenlangen und genauso einsamen Wüstenpisten hatte ich zu dieser Zeit schon. Bei einem längeren Aufenthalt in Australien wagte ich mich ganz allein mit Jeep und einem Funkgerät, mit dem ich mich jeden Abend beim Ranger meldete um zu vermelden, dass ich noch am Leben war, auf die sogenannte Canning Stock Route. Ursprünglich war diese australische Piste ein alter Herdenweg, der für den Viehtrieb von Rindern genutzt wurde. Heute gilt sie als eine der härtesten und abgelegensten Outbackpisten Australiens. Mit knapp 2.000 Kilometern Länge ist sie auch die längste von Ihnen. 10 Tage durch die Einsamkeit. Aber australische Schotterpisten unterscheiden sich deutlich von isländischen Hochlandpisten! In Australien sind diese Pisten an den Stellen, an denen man sich nicht über viele Kilometer durch Sand hindurch arbeiten muss, wie Wellblech! Schnelleres fahren kann dort von Vorteil sein, weil der Wagen besser auf der Straße liegt.

Erstes Teilstück der Sprengisandur

Auf der Sprengisandur kann man diesen Versuch, das Fahrzeug schneller zu bewegen, nur mit einem LKW versuchen. Die zum Teil Fußball großen Steine verhindern dort für normale PKW eine höhere Geschwindigkeit. Man wird immer wieder durch sein Fahrzeug katapultiert und muss darauf achten, sich am Dach nicht irgendwann das Genick zu brechen. Dazu schlagen die Steine immer wieder gegen das Unterbodenblech und derjenige, der weiß, dass sich dort unten auch irgendwo eine Ölwanne befindet, wird vorsichtig versuchen einen Totalschaden zu verhindern. Denn: ist das Öl erst ausgelaufen, geht es schon bald keinen Millimeter mehr weiter! Es sei denn, man schiebt sein Auto durch das Hochland. Der Wagen war zwar alt, trotzdem achtete ich darauf, das Leben meines fahrbaren Untersatzes nicht ausgerechnet hier oben in dieser Mondlandschaft zu beenden. Aufgrund der unerwarteten Verzögerung durch die teilweise notwendig gewordene Schleichfahrt gab ich meinen Plan, die 200 Kilometer durch die Sprengisandur in einem Tag zu absolvieren, bald auf. Es würde mindestens zwei vielleicht auch drei Tage dauern. Ich richtete mich an einer Stelle, an der das große Schaufelfahrzeug, welches einmal im Jahr über die Piste fährt und die Steine beseitigt, eine Art Ausfahrt geschaufelt hatte, für die kommende Nacht ein. Klein zwar, aber groß genug um meinen alten Klapperkasten an genau dieser Stelle gefahrlos abzustellen. Nur für den Fall, dass in der Nacht eventuell ein rasender LKW vorbei gekommen wäre. Nun, so eine Nacht allein in einer Mondlandschaft, die man in dieser Ausdehnung an keinem anderen Platz der mir bekannten Welt so findet, zu verbringen ist nicht ganz einfach. Aber ich war zufrieden, da ich mit dem langen Tele wenigstens ein paar schöne Aufnahmen gegen die untergehende Sonne von den Gletschern machen konnte. Besser gesagt: von „dem“ Gletscher. Der entfernt liegende Hofsjökull war zumindest gut erkennbar, während die oberen Bereiche des gigantischen Bruders, des Vatnajökull, schon wieder eine durchgehende Wolkenmütze trugen. Und auch wenn die Gletscher um mich herum, auf ein Minimum ihrer Größe geschrumpft waren in den letzten 10 Jahrtausenden, konnte man hier die Spuren der grossen Eiszeit noch hautnah erleben. Immer wieder holte ich mir den Größenvergleich zwischen dem Vatnajökull und dem Bodensee ins Gedächtnis. Das „Schwäbische Meer“, wie der Bodensee auch genannt wird. Er war mit seinen knapp über 530 Quadratkilometern für deutsche Verhältnisse groß, doch ein echter Winzling im Vergleich zum isländischen Riesengletscher.

Vor ungefähr 100 Millionen Jahren soll Island durch vulkanische Aktivität entstanden sein. Die Insel befindet sich ja noch immer in der Wachstumsphase! Ich fand Geologie immer spannend, was natürlich mit meinen Berufen zu tun hatte, die mich in die Welt geführt haben. Die fundierte Meinung der Geologen war für mich Gesetz, da ich annehmen konnte, dass deren Publikationen auf fundiertem Wissen beruhten. Die Geschichte der Welt ist so alt und die des Menschen so kurz! Vor ungefähr 3 Millionen Jahren soll der Beginn der Eiszeit gewesen sein. Die Kälteperioden dauerten dann immer ungefähr 100.000 Jahre und ganz Island war von Gletschern bedeckt und die Durchschnittstemperatur betrug gerade mal 3 Grad im Juli. Brrrr, viel wärmer war es damals in der Nacht im Auto im isländischen Hochland gefühlt auch nicht. Einer der absolut eindrucksvollsten Plätze, die unsere Welt auf Island zu bieten hat, ist das – leider schon immer stark besuchte – Þingvellir, die alte Thingstätte, in der die Goden der Insel ihre Treffen abhielten und Politik gemacht wurde. Verstanden haben die guten, alten Goden sicherlich nicht, in welcher Ecke des Landes sie sich da zum jährlichen Treffen niedergelassen hatten. Im Þingvellir kann man tatsächlich mit einem Bein auf der europäischen Kontinentalplatte und mit dem anderen Bein auf der amerikanischen Kontinentalplatte stehen. Island durchzieht ein tiefer Riss. Und diesen Riss kann man zwar überall auf der Insel erkennen, nirgendwo aber besser als dort. Wenn wir in ein paar Hundertmillionen Jahren nochmal dort vorbeischauen würden, wäre Island vielleicht der größte Kontinent der Welt? Die Insel wächst, sie wird auseinander gedrückt. Deshalb gib es dort ja so viel vulkanische Aktivität und deshalb hat der Besucher dort das Gefühl, dass er gerade mitten drin steht in der Erdentstehung. Wenn man – zusammen mit den vielen anderen Besuchern – einem Spaziergang durch das historische Tal unternimmt, läuft man zwischen 30 Meter hohen Lavawänden hindurch, die ebenfalls je zur Hälfte zu Europa und zu Amerika gehören. Auch ein Ort um in Demut zu versinken. Wenn nur die vielen Besucher nicht wären! Aber was soll man machen? Viele Menschen die hierher kommen machen keine Rundreise. Speziell die Jäger/-innen des Schnäppchenschatzes lassen sich gerne vier Tage in der Hauptstadt nieder und machen dann alle die Ausflüge zu den erreichbaren touristischen Sensationen des Landes. Die Massen, die ich im letzten Artikel am „Goðafoss“ beschrieb sind zu jeder Jahreszeit am Gullfoss normales Tagesprogramm. Dieser Wasserfall liegt nämlich nur etwa 120 Kilometer von Reykjavík entfernt und ist damit im Rahmen eines Tagesausfluges auch leicht erreichbar.

Wunschbrunnen im Þingvellir
Hier driften Europa und Amerika auseinander
Isländische Wasserfälle haben Charakter!

Nein, Früher war nicht alles besser, aber es war ruhiger und würdevoller am Gullfoss. Die Photos von Island, die vor 2006 entstanden sind, habe ich nicht mehr. Damals war ich noch mit Diafilm und Mittelformat-Kameras unterwegs und nach dem „Ende des Rollfilms“ und dem beginnenden Zeitalter der Digitalisierung habe ich irgendwann um 2010 auch damit aufgehört, die alten Dias aufzubewahren. Der Mensch muss loslassen können. Aber ein von Reiseleiterin Jóna Friðriksdóttir dort aufgenommenes Bild hat sich tief und akkurat in mein Gedächtnis eingegraben. Wohl auch weil ich sie mochte? Am Gullfoss ließ sie uns eine Stunde frei in der Gegend spazieren und verabsentierte sich. Bei der Photopirsch habe ich sie dann versonnen und nachdenklich an einer versteckten Klippenkante entdeckt. Die aufsprühende Gischt des oberen Falles machte sie immer wieder kurz unsichtbar. Dann entdeckte sie mich und lächelte zu mir herüber. Ich hatte selten in meinem Leben so sehr das Gefühl, gerade einen Menschen zu sehen, der dort hingehört, wo er sich gerade befand. Sie schien mit dem Boden, der Luft und dem Sprühnebel verwachsen zu sein. Und tatsächlich: als wir uns 20 Jahre später mal wieder trafen sagte sie mir in dem Gespräch, dass sie versucht habe, in anderen Ländern Fuß zu fassen, auch um die Bindungen zu ihren Partnern zu stärken, dass es aber nicht geklappt hätte. Sie würde sich mit Island so stark verbunden fühlen, dass sie nur hier leben wolle. Was so ein kurzer Moment, so ein schnell gemachtes Photo doch für eine Authentizität haben kann.

Gibt es denn in diesem wilden Land auch beschauliche, sanfte oder berührende Ecken? Natürlich! Überall, auch wenn man seine Augen gut geöffnet haben muss um die Schönheit im Detail zu sehen. Seit mindestens 3 Milliarden Jahren gibt es Leben auf der Erde, auch wenn sein Ursprung ist noch unbekannt ist. Photosynthese und Energiegewinn geht auch auf Island. Mitten in den noch warmen Schlammflächen dort habe ich Bilder von aufkeimenden Pflanzen, von zartem Grün gemacht, welche für mich die Evolution des Lebens in Reinform darstellten. Pastellfarben gibt es auf Island genauso wie knackige Erdfarben, die dominierenden Farbtöne über Gelb, Orange bis hin zu Rot und Ocker. Und auch wenn die Insel von Feuer & Eis geprägt wurde, hat das Leben auch überall grüne Oasen entstehen lassen. Die Wasserfälle Norwegens sind – zugegeben – sehr beeindruckend, aber die Wasserfälle Islands sind alle derart unterschiedlich, dass man jedem von ihnen einen eigenen Charakter zubilligen möchte. Wo auch immer man durch die unglaubliche isländische Landschaft fährt, wird man definitiv von den kraftvollen und wunderschönen Wasserfällen begeistert sein. Wasserfälle sind immer etwas besonderes! Viele der bekanntesten Wasserfälle der Insel liegen in Schlagdistanz zu Reykjavik. Deshalb werden sie viel häufiger besucht und sind in der Welt auch dadurch bekannter geworden als die, die in den isolierten Gebieten des Landes liegen. Doch überall hört man sie tosen, die Gischt ist oft schon lange bevor man den Fall erreicht zu sehen. Überall wo Wasser über Kanten stürzt passiert etwas voller Kraft. Mal mehr und mal weniger. Wer sich traut, kann die Gischt des Wassers auf seinem Gesicht spüren und wenn man Glück hat – was oft passiert denn auf Island scheint die Sonne häufiger als man denkt – sieht man sogar einen Regenbogen. Der Gullfoss ist zum Beispiel bekannt für seine Regenbogen.

Östlich von Reykjavik liegt der Seljalandsfoss. Erst einmal könnte man meinen, dass er nichts besonderes wäre, dieser schmale, dünne Schleierfall? Dann sollte man den Weg hinter dem Vorhang aus Wasser ausprobieren. Nur ein Stück weiter in Richtung Osten liegt der Skogafoss! Wer über genügend Kraft, Energie und Muße verfügt, kann die 527 Stufen hinauf bis zur Kante der Klippe gehen, um das tosende Wasser von oben zu sehen und die unglaubliche Aussicht auf das Land bis hin zu den Westmänner Inseln zu genießen! Mein persönlicher Favorit war immer der Dettifoss, auch weil er uns mit seiner Ur-Gewalt immer wieder aufzeigt, wie klein der Mensch im Vergleich zur Natur ist. Er liegt sehr isoliert im Nordosten Islands und ist, knapp vor dem Rheinfall von Schaffhausen, der leistungsstärkste Wasserfall Europas. Die grau-braunen Wassermassen stürzen über 44 Meter in die Tiefe. Hoch ist er also nicht, aber gewaltig. Erdbeben oder Vulkanausbrüche sind als Naturgewalten grausam und faszinierend zugleich. Die Isländer/-innen beobachten und überwachen die gefährdeten Regionen, doch beherrschen und verhindern können sie Katastrophen nicht. Aber diese Gewalten sind auch eine Kraft, die Neues schafft und ohne die Kräfte, die solche Desaster auslösen, gäbe es die Menschheit überhaupt nicht. Wie bei einem quasi ewig existierenden Wesen zeigt sich unser äußerst dynamischer Planet, der ständig in Bewegung ist, auch mal von seiner gewaltvollen und aus unserer Perspektive grausamen Seite. Die sich über die Erdoberfläche bewegenden Kontinente erzählen auch auf Island die Geschichte von sich öffnenden oder schrumpfenden Meeren, von ständig neu wachsenden Gebirgen, die von erodierenden Kräften wie Wasser, Wind und Frost auch wieder zerbröselt, fortgeschwemmt und letztlich eingeebnet werden. Gelegentlich erleben wir auch eben die Urgewalten, die unseren Planeten formten und formen. Diese Kräfte sind mit nichts vergleichbar, was der Mensch je geschaffen hat. Mit nichts, was er je wird schaffen können. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Island so eine eigenartige Faszination ausstrahlt? Wir werden dort wieder daran erinnert, wie es begann und wie es wohl auch einmal enden wird. In etwa 3,5 Milliarden Jahren wird die Sonne um 40 Prozent heller scheinen als heute. Die Hitze wird dann alles Wasser verdampfen lassen und spätestens dann die verbliebenen Reste des Lebens auslöschen. In fünf bis sieben Milliarden Jahren schließlich beginnt sich unsere Sonne in ihrem Todeskampf zu einem Roten Riesenstern aufzublähen. Er wird die Erde erst aufschmelzen und sie vielleicht am Ende gar verschlingen. Demut bedeutet zum einen das Akzeptieren einer höheren Instanz, die Bereitschaft zur Unterordnung. Klar dass die Religionen dieser Welt, die den Anspruch haben die absolute Wahrheit zu besitzen, uns einreden wollen, dass am Ende alles gut wird.

In den Westfjorden

Zum anderen ist auch das Wort Mut enthalten! Denn es ist mutig, sich freiwillig unterzuordnen. Dieser Mut befreit vor der Anmaßung der eigenen Wichtigkeit. Demut ist Glauben und Vertrauen und Sicherheit. Wenn es dem Menschen gelingt, über alle Täuschungsversuche hinweg, die Demut zu finden, dann erst wird er auch seinen Platz erkennen und annehmen. Demut bedeutet für mich, sich in völliger Übereinstimmung mit dem eigenen Sein zurückzunehmen. Demut ist keine Geste sondern eine innere Haltung. Aber in unseren trickreichen und manipulativen Tagen soll Demut bedeuten, dass wir uns einem „Dienstherren“ quasi dem Chef, dem Alpharüden unterwerfen sollten, oder der Kirche, oder dem Staatenlenker. Aber all diese Wege sind falsch. Nur Demut vor den Naturgewalten, die wir nicht kontrollieren können kann ein wertfreier und nicht manipulativer Wegweiser zur eigenen Mitte, zur eigenen Erkenntnis sein. Und auch etwas mehr Demut vor den Grenzen unseres eigenen Geistes wäre anzuraten. Nicht weil jemand besser denken als wir! Nein, weil wir so unser eigenes Scheinwissen entlarven und lernen zu erkennen, dass wir höchstens wissen, dass wir nichts wissen. Demut erzeugt auch Dankbarkeit und kann im besten Fall zur Hingabe führen. Zur Hingabe die dann wiederum zu einem verbesserten Handeln gegenüber unserem Planeten führt. Der Hochmütige kommt auf Island sehr schnell an seine Grenzen.

Ich muss diesen Artikel auch irgendwie zum Ende bringen, auch wenn es noch viele Geschichten zu erzählen und Plätze zu beschreiben gäbe. Durch die Corona Zeit sind wir auch in einer Epoche der Neubewertung von Möglichkeiten angekommen. Es ist möglich, dass wir uns die Welt demnächst wieder anschauen können, es ist aber auch möglich, dass sie uns verschlossen bleibt. Noch für eine lange Zeit. Ich habe auf meiner einzigen Individualreise auf die Feuerinsel mein Pensum nicht geschafft. Die Durchquerung des Landes auf der Sprengisandur hat mich damals drei zusätzliche Tage gekostet. Das Wetter war so typisch isländisch wechselhaft, dass ich mich permanent bewegen musste um die vielen eingeplanten Plätze mit ihren nicht enden wollenden Motiven zu erreichen und zu photographieren. Für Muße war damals keine Zeit. Traurig musste ich erkennen, dass ich meinen alten Traum, einmal in die legendären Westfjorde zu kommen, noch würde aufschieben müssen. Aber das Leben ist weder ein Wunschkonzert noch ein Ponyhof! Ich musste lange warten, bis zum Jahr 2016. In diesem Jahr erst gelang es mir, ein Truppe von Island Begeisterten zusammen zu bekommen, die nicht unbedingt immer nur auf den ausgetretenen Pfaden des Tourismus bleiben wollten. Viele aus der Gruppe hatten den anderen Teil Islands schon besucht und waren – ähnlich wie ich – von dem Gesehenen elektrisiert worden. Aber die Zeiten auf Island hatten sich verändert. Schon am Flughafen, als die recht große Gruppe mit 32 Personen (+ meiner Wenigkeit + isländischem Busfahrer) ankam und ich dem einheimischen Fahrer sagte, dass ich plante eine Präsentation über Island anzufertigen und dazu gute Bilder machen möchte um neue Interessenten für diese wundervolle Insel zu finden hörte ich, dass Island auf keinen Fall noch mehr Besucher gebrauchen könne. Die Insel sei mittlerweile „ekelhaft“ (O-Ton einheimischer Busfahrer) überfüllt. Anfangs hoffte ich, dass der Strom der Besucher auf den immer gleichen Wegen rund um Island bleiben und nur die weltbekannten Sensationen rund um die Hauptstadt mit Menschenleibern verstopfen würde. Aber leider hatte sich die Masse Mensch aus Gründen der geringen Hotelkapazität in die Westfjorde verschieben lassen.

Früher war nicht alles besser – aber alles leerer! Neue Leute akzeptieren aber bekanntlich neue Bedingungen. 2016 haben wir auch die Geröllpiste der Sprengisandur mitten durch das isländische Hochland gemacht. Mit einem speziellen Reisebus. Nun, so speziell war er dann doch nicht, aber im Vergleich zu anderen Bussen des Landes hatte der Fahrer eine Lizenz, mit dem Gefährt auch auf den Hochlandpisten zu fahren. Ich hegte schon bald den Verdacht, dass es sich nicht um einen typischen Hochlandbus handeln würde, da „unser“ Bus keinen hohen Radstand hatte um zum Beispiel bei notwendig werdenden Flussdurchquerungen besser gerüstet zu sein. Der Bus war einfach alt! Ich denke dass der isländische Bus-Unternehmer genau dieses Fahrzeug geschickt hat, weil es starken Belastungen ausgesetzt war. Während der rasenden Fahrt durchs Hochland rüttelte und schüttelte es im Inneren derart gewaltig dass wir schon glaubten, die Scheiben würden heraus gesprengt. Aber außer einem kleinen Riss in der Frontscheibe, der sich Kilometer für Kilometer vergrößerte und auch Anlass zur Sorge bereitete, tat sich nichts. Vielleicht doch noch etwas Schmerzhaftes (subjektiv) und etwas Heiteres (allgemein) zum Abschluss? Als wir tief im isländischen Hochland fuhren machten wir ungefähr an derselben Stelle einen Stopp, an der ich 21 Jahre zuvor eine wirkliche einsame Nacht in meinem Auto verbracht hatte. Als wir dort standen und die Welt ansahen, kam erst der erste, dann der zweite und am Ende noch ein dritter Reisebus vorgefahren um seine Gäste für einen Stopp zu entladen. Ich war fassungslos, schlicht fassungslos. Alles war früher sicher nicht besser, manches aber schon und die Piste durch die Sprengisandur gehört definitiv in den Bereich, der besser war.

Der Busfahrer 2016 war ein untersetzter, kleiner und ziemlich lustiger und schlagfertiger Mann. Sein Gefährt beherrschte er mit Bravour und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er im Gegensatz zu seinen Kollegen von früheren Reisen, tatsächlich mit den Mitgliedern der Reisegruppe sprach! Andere isländische Busfahrer schienen mitunter vor dem Antritt der Reise ein Schweigegelübde abgelegt zu haben? Und ständig erzählte er uns, wie sehr er seinen Hund vermissen würde, seinen Bully! Bully? Da steigen doch schon die ersten Assoziationen an die Rasse Bullterrier auf, oder? Und tatsächlich hatte er einen solchen Hund. Er „skypte“ jeden Abend mit dem Hund, den eine Nachbarin für ihn betreute, während er mit Reisegruppen durch Island bretterte. Ich wollte es ihm einfach nicht glauben. Als wir an einem der Tage zur Übernachtung nach Varmahlíð fuhren, dort angekommen waren und die Gäste sich zu ihren Zimmern begeben hatten, nahm mich der Busfahrer zur Seite und lud mich ein, an einem „Skype-Gespräch“ mit seinem Hund teilzuhaben. Und tatsächlich, kaum war die Verbindung hergestellt (ein Hoch auf die neuen Medien) und die Kameras auf Senden und Empfang, sprang ein weißer Bullterrier mit schwarzen Flecken freudig erregt auf den Küchenstuhl und sah erwartungsvoll aus das Display. Er freute sich sichtlich, mit seinem Herrn (der sich im weiteren Verlauf des Gespräches als leichter Misanthrop outete und sich gar nie mehr eine Frau nehmen wollte) reden zu können und schien tatsächlich eine eigene Meinung zu haben. Als Herrchen mich dem fernen Hund am Bildschirm vorstellte und mit Gesten auf mich deutete, sah der putzige Kerl auch tatsächlich zu mir rüber und legte den Kopf schief. Beinahe hätte ich auch mit ihm gesprochen.

Was würde ich Island für die Zukunft wünschen? Dass immer mehr Menschen außerhalb der Insel den Weg der Erkenntnis beschreiten mögen und mit anderen Sinnen nach Island kommen! Das Leben der Menschen stellt nicht nur in unserer Zeit ein unaufhörliches Streben nach Glück, Reichtum und Gütern dar, sodass viel zu viele fest daran Glauben die richtige Richtung zur Erreichung des Glücks zu beschreiten! Der Weg der Erkenntnis, vor allem der Selbsterkenntnis, stellt jedoch ganz andere Anforderungen um den Weg zum unbeschränkten Glück zu finden. So viele Wege! Doch wer weiß schon etwas Genaues? Ich für meinen Teil weiß, dass ich nichts weiß und bin im Prinzip mit 30 Jahren Island-Reisen ganz gut dabei gewesen. Dann war die 2016er Tour wohl doch so etwas wie eine Abschiedsreise? Und wenn es so wäre, dann wäre es gut, aber Nachhaltiges Reisen wird wohl in der Zukunft an Bedeutung gewinnen? Warum? Damit man uns nicht mehr vorwerfen kann, dass der Mensch immer zerstört, was er sucht, indem er es findet. Und welche Alternativen zu dieser Zerstörung gibt es? Solange wir noch ständig auf der Suche nach den Geheimtipps, den abgelegenen Stellen, den Orten der Einheimischen suchen um bei anderen damit zu punkten, wird sich das Grundproblem nicht verbessern. Alle suchen den noch nicht ausgelatschten Touristenpfad. Die am wenigsten besuchten Orte der Erde schaffen es nicht ohne Grund in die Medien. Wenn man diese Gedanken konsequent zu Ende denkt, müsste das Reisen im Prinzip abgeschafft werden! Um Himmelswillen! Aber was soll Reisen dann überhaupt noch einbringen, wenn die überwiegende Mehrheit in der Masse der Bewegungen die Kultur und Natur, nach der sie suchte, nicht mehr finden kann? Der Mensch findet mittlerweile überall auf der Welt nur noch seinesgleichen. Wäre es da nicht logisch und konsequent, das Reisen komplett zu vermeiden? Dies vielleicht sogar gesetzlich zu verbieten? Bisher hat Reisen oftmals einen Statusaspekt. Wer viel und weit reist, hat es scheinbar zu etwas gebracht. Kann es sich leisten. Was, wenn wir das Ganze umkehren. Wenn der, der reist, einen Makel bekommt. Sozusagen den Stempel des Umweltsünders. Das ist provokativ, zugegeben. Aber nur, wenn ich eine These aufstelle und vielleicht dem eine Antithese gegenüber stelle, kann ich zu einer sinnvollen Lösung kommen. Weiter so wie bisher geht nimmer, auch nicht in der Touristik. Ja, der Tourist zerstört oft die Urlaubsregionen, auch wenn einige „bestenfalls Touristen“ darunter sind. Aber kenne durch meine Berufe so viele Menschen, die das Reisen lieben und eine Art Grundbedürfnis darin sehen! Was, wenn es diese Menschen unglücklich macht, diesem Ur-Bedürfnis nicht mehr nachgeben zu können? Eine Alternative? Nachhaltiges Reisen wird schon von einigen betrieben, aber es ist noch eine kleine Flamme im Vergleich zu dem Flächenbrand des unkontrollierten Hyper-Tourismus. Und genau dieser unkontrollierte Hyper-Tourismus hat ja nun letzten Endes sogar Island erreicht. Ein großer Schritt wäre die Reduktion von Flugreisen. So kämen demnächst vielleicht wieder mehr Menschen mit der Fähre im Umweg über die Färöer Inseln nach Island? Da wäre ich dann gerne noch ein letztes Mal dabei!

Roland Richter

Bad Nauheim, 21.10.2020

3 Comments
  • Flory
    Posted at 18:46h, 21 Oktober Antworten

    ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ Und noch tausende dazu… Danke!!!

  • Dagmar
    Posted at 16:16h, 28 Oktober Antworten

    Der Wunsch der Reisenden das Besondere des jeweiligen Ortes/Landes… zu finden
    wird wohl – wenn irgend möglich – wieder möglich werden
    wenn Corona uns wieder atmen lässt und das Reisen – wohl mehr in kleiner gewordenen Gruppen – wieder erlaubt sein wird.

    Dann wünsche ich uns allen dass wir uns des Reisens bewußter werden und all das Eigene im Fremden
    mit unserem inneren Auge sehen ,im Herzen fühlen und bewahren werden.
    Dazu kommt die Hoffnung dass wir Verantwortlichen die einzelnen Länder nicht überlaufen, sondern erkennen “dass weniger mehr ist”….
    so will ich daran glauben und in Gesprächen für Offenheit in diese Richtung werben –
    ein Weg die Erde in all ihrer wunderbaren Natur und auch Menschenwerk möglichst lange zu erhalten.

  • Maria Gassner
    Posted at 09:13h, 01 November Antworten

    Ich habe mich durch diesen langen Reisebericht, der Erinnerungen, Fakten, Wünsche und Träume enthält, durchgekämpft und eine kleine Ahnung von diesem Land bekommen. Vor dem Lesen dieser Lektüre wollte ich auch “unbedingt einmal dahin”. Jetzt hat meine Faszination, kann nicht näher beschreiben warum, etwas abgenommen und derzeit wäre es wegen Corona ohnehin nicht möglich und niemand weiß, ob wir je wieder reisen können wie bisher. Was heißt nun nachhaltiger Tourismus? Für mich klingt das nach Privileg, nach Auslese – nur Menschen, die die Natur schätzen und lieben dürften in Zukunft z.B. nach Island, oder sonst wohin, reisen? Wer würde die Auswahl treffen bzw.. entscheiden, wer darf und wer nicht? Und diese Reisen müssten zwangsweise sehr lange dauern, wenn man nicht Flugzeuge benutzt. Wer von den arbeitenden Menschen hätte die Zeit dazu?
    Man kann die Uhr nicht zurückdrehen, weder im Tourismus noch in anderen Bereichen und so lange die Erde überbevölkert ist (möglicherweise wird sie durch Corona oder andere Ursachen wie Katastrophen, oder andere Krankheiten, die sicher noch kommen werden) wird und kann sich nichts ändern.

Post A Comment

You don't have permission to register