Reisen in der Retrospektive – Island 1986 – 2016 – Teil 02

Reisen in der Retrospektive – Island 1986 – 2016 – Teil 02

Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes. Wieder so ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach, das mir in der letzten Zeit als Fragment in mein Denken kam. Warum ist denn eigentlich der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ein Quell des unendlichen Leids? Sind wir als Individuen vielleicht nicht entwickelt genug um zu akzeptieren, dass jede Zeit immer nur eine geliehene Zeit ist? Wie wäre es denn, wenn die Menschen sich darum bemühen würden, das Ende aller irdischen Dinge nicht als Katastrophe, sondern als Erfüllung eines großen Lebensplanes zu sehen? Wenn dies gelingen würde, könnte man auch damit beginnen, jeden Tag des Lebens so zu leben, als ob es der letzte wäre. Dann wäre – bei diesem Grad der geistigen Reife – auch ausgeschlossen, dass dieser letzte Tag wie „im Rausch“ verbracht werden würde, um nochmal alle Annehmlichkeiten dieser Welt zu genießen. Wer sich seelisch-geistig-moralisch über die Angst vor dem Ende erhoben hat, wird auch keine Zeit mehr verschwenden um Party zu machen, sondern ruhig und in Frieden auf die Bedürfnisse dieser Erde sehen und nachfolgende Generationen im Blick haben. Was steht im Weg? In erster Linie der Irrglaube, etwas zu verpassen, wenn man nicht möglichst täglich neue Dinge konsumiert, neue Welten entdeckt, unterhalten wird und so weiter. Natürlich sieht es im Moment so aus, als ob der Personenkreis, der bereit ist, seine Egoismen zurück zu schrauben und lieber nachhaltig und sozialverträglich zu leben, keinerlei Zukunftsperspektiven hätte. Belächelt im günstigsten Fall und bemitleidet in einem mittelschweren Fall sowie bekämpft im schlimmsten Fall. Es sieht zur Zeit noch immer so aus, als könnten nur schwerste Katastrophen den Menschen in solches Leid stürzen, dass er beginnt, nachdenklich oder gar einsichtig zu werden. Das könnte tatsächlich die gute Seite an der Corona-Zeit sein? Könnte, muss aber nicht. Da dieser Artikel den zweiten Teil der geplanten Island-Trilogie abbilden soll, passt das folgende Beispiel ganz gut um verständlich zu machen, wie tief wir uns in unserem eigenen Ego-Sumpf befinden und dadurch im Prinzip ausdrücken, dass wir uns noch immer in der Spirale der archaischen Denk- und Verhaltensmuster der Primaten befinden. Zu Island passt die kleine Exkurs-Geschichte, weil es um den Vulkan Eyjafjallajökull an der isländischen Südküste geht.

Im Hintergrund der Eyjafiellajökull

Der Vulkan ist zwar relativ klein, aber trotzdem kein Winzling! Seine Caldera hat immerhin einen Durchmesser von etwa drei Kilometern und die zum Vulkan gehörigen Spalten erstrecken sich mit ihren Kratern in West-Ost-Richtung über circa 30 Kilometer. Einige weitere Krater bildeten sich im März 2010 während des jüngsten Ausbruchs. Der Ausbruch eines Vulkans an sich wäre schon ein guter Grund, dem Menschen etwas mehr Demut zu bescheren! Bei den isländischen Vulkanen verhält es sich zwar so, dass ihre Eruptionen nicht die Gewalt eines explodierenden Vesuv (Pompeji/Italien) oder die eines medienwirksam explodierenden Mt. St. Helens (USA/Nord) haben, der 1981 vor den laufenden Kameras der Berichterstatter dieser Welt katastrophal eruptierte, aber auf Island sind die Vulkane in der Regel von einer viele hundert Meter dicken Eisschicht bedeckt. Beginnend mit dem 20. März 2010 kam es am Eyjafjallajökull zu mehreren Eruptionen des Vulkans mit einem großen Ausstoß an Asche. Weil keine Vergleichswerte existierten, wurde damals der Flugverkehr über Nord- und Mitteleuropa in weiten Teilen und für mehrere Tage eingestellt. Infolge der Erfahrungen mit dem Ausbruch wurden noch 2010 Grenzwerte festgelegt, die nur in der unmittelbaren Umgebung des Vulkans überschritten worden waren. Die Flugverbote stellten sich also im Nachhinein als unbegründet heraus. Viele Dinge stellen sich im Nachhinein als unbegründet heraus, aber es müssen ja immer erst Erfahrungen gesammelt werden. Wozu das Vorwort? Nun ja, als der Flugverkehr über Deutschland nach dem Ausbruch eingestellt wurde, hatte ich in meiner „letzten“ Heimat, in Altenstadt, ein denkwürdiges Erlebnis, welches durch ein tränenreiches Gespräch der Tochter unserer Nachbarn mit ihrer Mutter unmittelbar vor dem Grundstück, auf welchem wir damals wohnten, ausgelöst wurde. Da ich Frühaufsteher bin konnte ich schon vor der beginnenden Morgendämmerung Geräusche aus dem Nachbarhaus vernehmen, die an lautes Weinen und Schreien und Wehklagen erinnerten. Ich hatte mich nicht getäuscht! Kurze Zeit später kam die junge Frau, die übrigens kein „dummes Mädchen“ sondern sogar sehr intelligent war, weinend vor die Tür gelaufen und sank theatralisch in der Hofeinfahrt – gefolgt von ihrer sie verzweifelt zu beruhigen versuchenden Mutter – in die Knie und schluchzte hemmungslos weiter.

Ich vermutete einen Streit in der Familie, wollte aber doch ein offenes Ohr gewähren um im Notfall schlichtend einzugreifen. Die Mutter hörte ich sagen, dass sie, die Tochter, sich doch nicht so anstellen solle, weil man da jetzt einfach nichts tun könne! So sei das Leben eben: schlicht und einfach kein Wunschkonzert. Was meinte Sie? Wenn junge Mädchen in der Öffentlichkeit – und darin befand sich die Tochter ja nun, nachdem sie die Weinattacke in die Hofeinfahrt verfrachtet hatte – theatralisch in die Knie gehen und hemmungslos schluchzen, haben sie oft das Problem, dass sich ein Objekt der Begierde (ein junger Mann) gerade unverhofft von ihnen getrennt hat um schlimmstenfalls zu einer anderen Blume weiter zu fliegen. Doch hier lag offensichtlich ein anderer Grund vor? Die Mutter verlor langsam die Geduld. Ich hörte sie sagen: „Berlin, Berlin, du und dein Scheiss-Berlin, hör endlich auf zu heulen da kann man nix machen“. Die Tochter stand auf und ihr nächster Satz, begleitet von wütendem Stampfen mit dem Fuß auf die Steine der Hofeinfahrt, brachte mir die Erkenntnis, warum es zu diesem tränenreichen Ausbruch gekommen war. Ich hörte die Tochter klagen, dass sie und ihre Freundinnen den Ausflug nach Berlin seit Monaten geplant hätten. Sie hätten ihr letztes Geld zusammen gekratzt um sich die Tickets zu kaufen, Zimmer dort (in Berlin) gebucht und sich überhaupt wahnsinnig auf diese „Party“ gefreut und jetzt macht dieser (O-Ton) „Scheiss-Vulkan“ alles kaputt. Und dann dieser Satz, der so wie viele andere die ich in meinem Leben hörte, bewies, dass der Mensch im Kollektiv noch weit davon entfernt ist, seinen eigentlichen Platz im Universum zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten. Die Tochter schrie auf, ihre Stimme kippte von weinerlich nach bebend, wütend, schrill. Wie im Stakkato stampfte sie immer wieder schreiend mit dem Fuß auf den Boden und sagte:

„Dieser verdammte Eyjadingsda Vulkan soll endlich damit aufhören, ich will nach Berlin.“

Ohje! Es geht hier nicht darum, den individuellen Reifegrad eines jungen Mädchens unter die Lupe zu nehmen. Dieser Satz hätte Milliarden von Menschen entweichen können. Nicht allen, aber auf jeden Fall der übergroßen Mehrheit, der absoluten Majorität. Was bilden wir uns als Spezies eigentlich ein? Wie kommen wir aus dieser Klemme raus, wenn zum Beispiel die großen monotheistischen Weltreligionen den Planten als „Ressource“ für die Bedürfnisse des Menschen definieren? Ein schnöder Selbstbedienungsladen also? Natürlich gibt es auch in den Religionen vereinzelt Vertreter, die darüber klagen, dass der Umgang mit der Erde Gott wehtun würde. Aber diese sind in der Minderheit und müssen beständig damit rechnen, von ihren religiösen Vorgesetzten für ihre Äußerungen verfolgt zu werden. Der sogenannte Welterschöpfungstag ist nie ein guter Tag für die Erde! Denn dieser Tag beschreibt das Datum, an dem der Mensch bereits alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die von der Erde in einem Jahr produziert werden. Jährlich rückt der Tag weiter nach vorn. Weiter und weiter nach vorn. Ich las neulich die Einlassungen eines Vertreters der (kirchlichen) Arbeitsgemeinschaft Ökologie eines sich selbst als „Grünes Kloster“ bezeichnenden Stiftes. Wenn es in der Bibel heißt, die Natur, sie sei eine Schöpfung Gottes, dem Menschen anvertraut, sie zu bebauen und zu behüten, schließt das einen Kardinalfehler mit ein. Bebauen? Da dachte der Mensch schon immer an die Steigerung seiner Einkünfte und der des inländischen Bruttosozialproduktes, auch wenn er früher den Begriff Bruttosozialprodukte überhaupt nicht kannte. Von Zerstörung steht aber weder etwas in der Bibel, noch im Koran und auch aus anderen Schriften sind mir keine Hinweise bekannt, die die Zerstörung unterfüttern würden.

Gegen die Zerstörung durch sich selbst weiß die Natur ein Mittel

Wenn die Kirche ihre über Jahrtausende hinweg gewonnenen Privilegien (und nur darum geht es letztlich immer) nicht verlieren will, müsste sie beim Umweltschutz eigentlich Vorreiter sein. Da hätte sie im Prinzip nichts zu verlieren, könnte nur an Authentizität gewinnen. Aber den Kirchenoberen geht es ja gut! Sie sind die Karriereleitern ihrer Organisation so weit nach oben gefallen, das sie nicht mehr Druck machen wollen. Auch politisch. War es nicht der Papst höchstselbst, der seinen Untergeben schriftlich mitteilte, dass die Schöpfung in Not sei? 2015 war das glaube ich. Aber es tut sich nichts – noch sind die Herrschaftsverhältnisse der Kirchen nicht gefährdet. Den Anschluss an eine grüne Klientel, die mit Kirche nicht viel am Hut hat, wird somit die Kirche verpassen. An den meisten Orten läuft alles einfach weiter wie es immer war. Dadurch bringen wir die Erde und damit uns selbst in existenzielle Bedrängnis. Die vorgeblich auf das „Wohl“ des Menschen ausgerichtete Kirche verpachtet ihr Land an jeden, der es bezahlen kann. Konventionelle Landwirte sind deutlich in der Mehrheit. Dadurch trägt die vorgeblich auf das „Wohl“ des Menschen ausgerichtete Kirche zur Überdüngung und Ausbeutung der Böden bei. Schmetterlinge und Ackerblumen haben wegen ausgedehnter Monokulturen keine Chance mehr. Dieser Umgang mit der Erde tut Gott doch sicherlich weh? Natürlich auch Allah und auch Vishnu und auch Jahwe und auch allen anderen anderen Gottheiten, die sich der Mensch im Verlauf seiner Geschichte hat einfallen lassen. Da darf man sich nicht wundern, wenn überall auf der Welt junge Menschen empört ausrufen, dass der Scheiss-Vulkan endlich damit aufhören soll. Wie kriegen wir bei all dem ausufernden Wahnsinn die Füße und das Hirn bloß wieder auf den Boden?

Der Mensch wird lateinisch als „Homo sapiens“ bezeichnet. Das steht begrifflich für „Der Verstehende“ oder „Der Verständige“. Aha? Der Mensch sieht sich also als weises, gescheites, kluges und vernünftiges Geschöpf? Nach der biologischen Ordnung sind wir eine Unterart der Gattung Homo aus der Familie der Menschenaffen. Wir gehören zur Ordnung der Primaten und damit zu den höheren Säugetieren. Und wir benehmen uns letztlich auch so! Da ist es zwar löblich, die Eigenschaften der Menschen und die seines Zusammenlebens in Anthropologie, Ethnologie und Soziologie zu untersuchen, wird aber langfristig nichts einbringen, wenn wir nicht in die Selbsterkennungs-Offensive gehen. Komfortzone hin, Komfortzone her. Wer schmähend, brüllend, egozentrisch und vulgär auftritt und so zu höchstem politischen Ruhm innerhalb seiner Gesellschaft aufsteigen kann, hat nichts mit der „Schöpfung“ und mit diesem Planeten am Hut! Er steht exemplarisch für die Tatsache, dass der Mensch mit all der ihm mittlerweile gegebenen Denkfähigkeit (zu etwas befähigt zu sein bedeutet nicht, dass es auch potentiell genutzt wird) im Kern der Affe geblieben ist. Solche dissozialen Staatenlenker zeigen uns im Prinzip ein Horrorszenario auf, in dem es kaum noch einen Silberstreif am Horizont geben wird. Der Mensch sieht sich also als weises, gescheites, kluges und vernünftiges Geschöpf? Er ist nicht mehr als ein von Angst vor dem biologischen Ende getriebener Verwalter seiner Egoismen, seines Besitzes und seines Status. Nur darum ging es in jeder geschichtlichen Epoche. Erbeute, sichere ab, schaffe wenn möglich neue Gesetze und verteidige das, was Du hast und verstecke es notfalls. Und nun werfen die den ersten Stein, die frei davon sind! Um abschließend noch kurz zu religiösen Metaphern zurück zu kehren.

In diesem Kontext zurück nach Island. Im letzten Artikel schrieb ich etwas über die „ähnlichen Einkommensverhältnisse“ auf der Insel. Ja, auch mich beschlich auf meinen ersten Reisen dorthin das Gefühl, dass die Menschen dort, im Kollektiv, ein wenig mehr aufeinander achten würden als bei uns in Deutschland. Es war ja auch kein Wunder! Die wenigen Personen die dort lebten (die Bevölkerungszahl hat sich seither nur wenig weiter entwickelt, wofür der Planet dankbar sein dürfte), ihre Zahl lag 1986 bei knapp über 300.000 Menschen, die zu allem Überfluss auch noch eine gute Geschichtsschreibung und ein damit verbundenes gutes Verstehen der eigenen Herkunft hatten, konnten sich die unsoziale gesellschaftliche Anonymität, in die Menschenreiche Staaten zwangsläufig geführt werden, schlicht sparen. Trotzdem hat sich auch dort in den vergangenen Jahrzehnten ein seliges „Nehmen“ und weniger „Geben“ entwickelt. Island hat gewiss eine traditionsreiche Demokratie und eine moderne politische Kultur, was sich unter anderem darin zeigt, dass die Wahlbeteiligung auf der Insel in der Nachkriegszeit siebenmal über 90 Prozent betrug! Aber ich wehre mich vehement dagegen, die „Nord-Männer“ als Begründer der modernen Demokratie zu verstehen! Zwar war ab dem frühen Mittelalter Island für viele ein Traumland und in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts gelangten Berichte nach Norwegen, die von einem großen, unbewohnten Eiland weit draußen im Ozean erzählten, einer Insel mit üppigen Schafweiden und einem Überfluss an Fischen, Seehunden und Wasservögeln, doch die größeren Landbesitzer betrachteten die Auswanderung dorthin lediglich als Möglichkeit, dem Dasein als Untertanen unter einem aufstrebenden Gesamtkönig in Norwegen zu entgehen. Ob die vielen Kleinbauern wirklich selbst an der Auswanderung interessiert waren, ist zumindest fraglich. Ab 870 segelten Tausende von Pionieren – wie zum Beispiel der legendäre Ingólfur Arnarson – westwärts, und später kamen viele Menschen aus Schottland und Irland hinzu, allerdings als Sklaven, was in der offiziellen Geschichtsschreibung gerne unterschlagen wird. Ja, es ist verbrieft, dass die Wikinger bereits 930 dort ein unabhängiges Staatswesen gründeten, einen Freistaat sozusagen, und zwar ohne König. Die Erhaltung der mit friedlichen Methoden erlangten Souveränität ist für die selbstbewusste Bevölkerung noch heute von größtem Wert.

Leif Eriksson´s Denkmal in der Hauptstadt

Dass es sich bei dem frühen Staat nur um eine Schein-Demokratie gehandelt hat, beweisen die 48 sogenannten Godentümer, in die das Land aufgeteilt war. Dabei war die Bezeichnung Gode für den jeweiligen Führer eines Distriktes schon antidemokratisch, weil dieses Wort im übertragenen Sinne „Priester und König“ zugleich bedeutete und letztendlich mit dem Begriff „Gott“ assoziiert wurde. Die „Führer“, die in der alten Heimat Norwegen ihre Macht verloren hatten und sich nicht beugen wollten, fuhren über See nach Island und gründeten dort ihre neuen Staat und sicherten ihre (da haben wir es doch!) alte Macht. Wenn wir heute auch viele Dinge aus dieser Zeit aus den Sagas der Wikinger kennen, so hat sich doch auf der „Feuerinsel“ sehr früh eine Art Geschichtsschreibung (die am Anfang auch nur der Sicherung der neuen Besitzverhältnisse diente) entwickelt, weshalb viele Isländer/-innen noch heute ihre Herkunft über viele Jahrhunderte zurück verfolgen können. In den Sagas wurde davon berichtet, wie sich mehrere Wikingeranführer verschiedener Clans bei einer Versammlung trafen, dem so genannten „Thing“. Das Thing beschreibt eine Gerichtsversammlung bei der Streitfälle geschlichtet wurden und wenn nötig auch Sanktionen oder Strafen verhängt werden. In jener Zeit präsentierten erst 36 und später bis zu 48 Stammesführer die Things auf Island. In „Thingvellir“ wurde die erste Gesetzgebende Versammlung der Wikinger begründet. Aber es war nicht das erste Parlament! Denn nur die gesellschaftlich auf der Leiter ganz oben stehenden Goden waren Entscheidungsbefugt. Zudem hatten die Wikinger auf Island Sklaven und eine Gesellschaft, in der bei einer gesetzgebenden Versammlung darüber entschieden werden muss, wie viel ein Stamm einem anderen schuldet, weil ein Sklave erschlagen wurde, kann niemals den Anspruch erheben, demokratisch gewesen zu sein. Schein-Demokratisch halt! Vielleicht haben die Bewohner der skandinavischen Staaten – und hier speziell das kleine Island – aufgrund ihrer geringen Bevölkerung schneller gelernt als andere Nationen? Denn auch die Wikinger, die ja für ihre rigorose Art bekannt waren, ihre Ansprüche mit Gewalt gegen alles und jeden durchzusetzen, haben nicht viel vom Schutz der Natur, dafür aber umso mehr von der Ausweitung und Erhaltung der eigenen Macht gehalten.

Islands Springquellen sind weltbekannt

Mann kann es durchaus mit den fatalen Auswirkungen eines Gold-Rausches oder der wundersamen Geldvermehrung an den Börsen dieser Welt vergleichen, dass die nach Island gefahrenen Wikinger, die in erster Linie Bauern waren, fruchtbare Böden und Land im Überfluss fanden und schnellstens legitim in Besitz nehmen wollten! Nach den damaligen Regeln der sogenannten Landnahme konnte jeder Wikinger seinen eigenen und benötigten Boden abstecken. Es durfte natürlich auch gerne etwas mehr sein! Genau soviel Land wie ein Mann an einen Tag umrunden konnte, durfte in Besitz genommen werden. Nach wenigen Jahrzehnten war Island auf diese Art und Weise bis in den letzten Winkel, den Menschen nutzbar machen konnten, besiedelt. Und wie wurde das kontrolliert? So wie auch noch heute, wenn eine Landwirtschaftsministerin die Agrarindustrie zu mehr Verantwortung mahnt oder ein grenzdebiler Verkehrsminister die Autoindustrie hart „in die Pflicht“ nimmt indem er verkündet, dass er Selbstkontrolle eingefordert hätte. Es zogen ganz offensichtlich im alten Island auch schon sehr viele Menschen ihre Hosen morgens mit der Kneifzange an? Diejenigen, die sich nicht an die aufgestellten Gesetze hielten und das Land mal locker drei oder vier Tage lang umschritten um so viel wie möglich „abzugreifen“ an dem neuen Besitz, dominierten und kontrollierten bald darauf die „anständigen“ Bauern, die sich an die Vorgaben gehalten hatten. Kommt das nicht bekannt vor? Es vermittelt nun eben mal leider das Gefühl, das Gesetze immer nur aufgestellt werden, um Mitbewerber davon abzuhalten, sich allzu sehr an dem zur Verfügung stehenden Stückchen Kuchen zu bereichern. Der Affe in uns. Es ist sicherlich auch dem Vulkanismus geschuldet, dass die frühen Isländer/-innen alsbald nahe zusammenrückten weil ihnen die Gewalt der ungezähmten Natur straff die Zügel anlegte in ihrem Wunsch, die Erde zu beherrschen, zu saufen, zu feiern, zu fressen und selbstvergessen fortan nur an sich zu denken. Also Demut ein Weg zur Erkenntnis? Auf jeden Fall, denn dann echauffieren sich auch weniger Menschen darüber, wenn ein Vulkan mal spuckt und der Flugverkehr lahmgelegt wird.

Brodelnde Erde im Krafla-Vulkansystem

Gerne würde ich nun „einfach so“ zu den Geschichten Islands zurückkommen. Gerade stand ich mit einer Tasse Kaffee vor dem Haus und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Das ist oft ein guter Ansatz um voranzukommen und siehe da, es formten sich Bilder von schwefeligen, brodelnden Schlammlöchern, dampfenden Erdspalten und Geysiren. Ein Gesicht dazu tauchte ebenfalls auf. Die im letzten Artikel beschriebene isländische Reiseführerin Karen Erlingsdóttir. Als wir in den brodelnden Schlammlöchern rund um den Mývatn (dem Mückensee – sehr aussagekräftig) von ihr durch den noch immer aktiven Bereich des Krafla-Vulkansystems geführt wurden und wir die Kraft der Erde unter unseren Füßen beben spüren konnten, hielt sie inne um ihren Pflichten als Reiseleiterin nachzukommen. Sie erklärte den unterschiedlichen Schwefelgehalt der Stellen, an denen sich heißes Wasser in Form von Dampf seinen Weg an die Oberfläche gebahnt hatte. Ebenfalls erläuterte sie uns den Grund, warum es in diesen schwefelhaltigen Gebieten keine Pflanzen geben würde, weil Pflanzen Schwefel einfach nicht würden leiden können. So weit, so gut. Ich hatte bei dieser 1987 stattfindenden Reise noch keine ähnlichen Stellen auf der Welt gesehen. Alles war neu, einzigartig und zog „felsenfest“ in mein Erinnerungsvermögen ein. Auch die Aussage von Karen Erlingsdóttir, dass es keinerlei Pflanzen im Schwefel geben würde. Wie sehr wunderte ich mich über die geothermalen Erscheinungen, als ich 1990 die Region rund um Rotorua in Neuseeland besuchte und ich dort, zusammen mit meiner damaligen Lebensgefährtin, an einer Privat-Führung durch den Wai-O-Tapu Thermal-Park teilnehmen durfte. Es drängte sich spontan der Verdacht auf, dass nur europäische Pflanzen den Schwefel nicht mögen? Alle Pflanzenwurzeln können (und wollen das auch) Schwefel als Sulfat aufnehmen, oder auch über die Blätter aus der Luft in Form von Schwefeldioxid. Aber was in den Geothermal Gebieten Neuseelands so alles in den Schwefeltöpfen wuchs und teilweise wucherte, machte mich doch nachdenklich. Es gibt sicher unendlich viele Gebiete auf dieser Welt, in denen geothermale Erscheinungen aus den Böden kommen? Ich kenne sie sicher bei Weitem nicht alle. Aber den Vergleich zwischen Island und Neuseeland konnte ich ziehen. Auch wenn die „Erscheinungen“ wie brodelnde Schlammlöcher, dampfende Erdspalten, Geysire oder Fumarolen und andere Dampfaustrittsstellen in beiden Ländern sehr, sehr ähnlich waren, so konnte diese Tatsache aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Umland in diesen beiden Länder gegensätzlicher nicht hätte sein können. Das vom Klima verwöhnte Neuseeland. Wenn man ein paar Meter von dem dampfenden Getöse zurück schritt, konnte man die Geräusche der Vögel in den Bäumen wieder hören, der Wind, der durch die Blätter des immergrünen Waldes strich und sogar die sanften Maori-Gesangs-Rhythmen, die aus dem Besucherzentrum kamen und noch deutlich zu hören waren.

Auf Island? Kein Vergleich. Wenn man aus dem Bereich heraustrat, in dem die Ohren vom Gezische und Getöse der Springquellen und Fumarolen fast schon betäubt wurden, sah man keinen grünen Urwald, man hörte auch keine singenden Vögel, geschweige denn konnte man den sanften Rhythmen einer in Bast-Röcken daherkommenden Bevölkerung lauschen und dabei imaginieren, wie die Damen des Stammes sich lasziv zu der Musik bewegten. Man stand weiterhin mit seinem Füßen auf einem Stück Boden, auf dem gerade Erd-Entstehung gemacht wurde. Der Boden bebte und überall grummelte, dampfte und waberte es aus allen Löchern. Man war noch immer in einer Mondlandschaft, in der einem schnell klar wurde, wie winzig der Mensch sich im Vergleich zu den Naturgewalten fühlen kann. Bedeutungslos. Und wenn an ungünstigen Tagen der Wind pfiff, dann war er zumeist kalt und laut und vermittelte einem jeden Besucher das Gefühl, warum die Wikinger dieses Stück Land „das trotzige Ende der Welt“ nannten. Man kann sich schnell verloren fühlen, in dieser übermächtigen Natur, dieser stets wilden und grandiosen Kulisse Island. Wer hier mit der Absicht antritt, seine Sehnsucht, wieder eins mit sich, mit der Natur, mit dem Leben zu werden, zu erfüllen, sollte ein rechter „Wildlachs“ sein, wie es eine meiner geschätzten Kundinnen einmal formulierte. Als „Otto-Normalbürgerin“ sei sie eben mal nur ein Zuchtlachs und kein Wildlachs und würde deshalb einiges an der Natur anders sehen als der Wildlachs. Ich weiß nicht ob sie nicht vielleicht auf Raimund Harmstorf anspielte? Auf Island ist jedenfalls schnell das Ende aller Spaziergänge gekommen. Aber genau hier entsteht auch Hoffnung. Fast überall auf der Welt hat der Mensch die Natur vollständig unterworfen. In allen Bereichen, in denen die Natur dem Willen zur Zivilisation, der Wert- und Gewinnschöpfung zu nahe kommt, muss die Natur zwangsläufig aufhören, ein Ort ästhetischer Erfahrung zu sein. Das Übermächtige trägt dort längst die Spuren der Verletzung unserer Zivilisationen. Auf Island könnte ich zu jeder Zeit eine hymnische Schilderung von Landbewegungen und Lavakraft, von Moosbewuchs und Mondlandschaften unter dicksten Eis besingen, denn Island ist für mich stets auch Schauplatz der Demut gewesen. Das Kommen und Gehen von Wasserdampf in den Geysiren erzählt zum Beispiel von einem Naturschauspiel, welches uns die Erdgeschichte in ungezählten Akten präsentiert. Hier kann der Mensch die Natur nicht unterwerfen, auch wenn es ihm im Kleinen gelingt, ihr einen Teil ihrer Kraft abzuringen, in Bahnen zu lenken und daraus wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen.

Exkurs: Samstag, 10. August 2013 – Gletscherlagune Jökulsárlón – Südliche Küste Islands

Die Gletscherlagune Jökulsárlón im Jahr 2008

An unseren Kindern können wir im Prinzip am besten erkennen, ob eine Landschaft überwältigend ist, oder nicht. Ich bin noch heute sehr stolz darauf, dass mich meine jüngste Tochter bei einer meiner Reisen dorthin begleitet hat. Im August 2013 war sie gerade erst einmal 11 Jahre alt, hatte aber – wenn wundert es bei den Mobilitätsberufen ihres Vaters – schon einige Reiseerfahrung gesammelt. Sie hatte schon Irland, England, Schottland, Malta, Zypern, Italien und diverse andere Länder bereisen dürfen und war drei Jahre zuvor sogar bei einer langen und intensiven Skandinavien-Rundreise dabei, die sie bis zum nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap führte. Immer hatte sie sich gut angestellt und man konnte auch spüren, dass die Natur sie packen konnte. Aber an jenem 10ten August war plötzlich alles anders, stärker. Wir hatten bereits im Vorfeld die Fahrt mit den Amphibienfahrzeugen durch die dortige Gletscherlagune bestellt. Das war nicht unwichtig, denn während sich 1986 – als ich zum ersten Mal selbst dort war – nur eine handvoll Menschen zu dieser Lagune begaben, hatte die intensive Bewerbung dieses Platzes (an dem auch mal Teile eines James Bond Filmes gedreht wurden) dazu geführt, dass die Zahl der Besucher jedes Jahr wuchs und wuchs. Die Isländer vermarkteten die Lagune als das „Kronjuwel“ des Landes und da ja fast alle Menschen dieser Welt im Sinne einer (völlig unbegründeten) „Hochachtungs-Haltung“ gekrönten Häuptern gegenüber erzogen wurden, ging fortan von diesem wunderschönen, beschaulichen Flecken eine geradezu magnetische Anziehung aus. Jeder wollte das „gekrönte Ding“ sehen. War 1986 nur ein einziger kleiner Kahn dort vor Anker, der gelegentlich zahlungswillige Touristen an damals noch nicht ganz so hohen Eisbergen vorbei schipperte (der See vergrößert sich jährlich und wird immer tiefer und damit die Eisberge immer höher), industrialisierte sich der Betrieb dort in den folgenden Jahren immer stärker. Die Menschen kamen Welle auf Welle und mussten abgefertigt werden. Es ist schön, diese Lagune zu besuchen, aber unübertrefflich, in einem Amphibienfahrzeug über sie gefahren zu werden. Wer nicht im voraus bucht, hat kaum eine Chance dort noch einen Platz zu ergattern. Die Menschenmassen kommen wirklich Welle auf Welle.

Oft erreichten die Eisberge 30 Meter Höhe und mehr

Ich habe meine Tochter auf Reisen immer so gut es ging beobachtet. Wie sie die Dinge aufnahm, was sie interessierte oder im günstigsten Fall bewegte. Der Anblick des großen Buckelwals, der mehrfach direkt neben unserem Schiff auftauchte, als wir im Norden der Insel im Eyjafjörður (Fjord) eine Walbeobachtungsfahrt machten, hatte sie schon sehr elektrisiert. Gebannt starrte sie danach minutenlang auf die Wasseroberfläche und wartete darauf, dass er wieder auftauchen möge. Nun zurück zur Gletscherlagune Jökulsárlón. Da ich den Vorgang der Rundfahrt auf der Lagune ja schon mehrfach erlebt und photographiert hatte, überließ ich meinen freien Platz meiner Tochter und bat eine mit uns reisende Dame darum, kurz „Ersatzmutter“ zu spielen auf auf das Kind zu achten. Ich fand es nicht so schlimm, die eigentliche Fahrt durch die schwimmenden Eisberge hindurch nicht mitmachen zu können, denn als Photograph hatte ich auch so ein paar Vorstellungen von dem, was ich noch gerne photographiert hätte. Zum Beispiel den Moment, wenn das bullige Amphibienfahrzeug mit seinen dicken Rädern über die Schotterstraße zur Lagune kommt und sich dann in ein schwimmendes Boot verwandelt. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass es der Tochter nicht so recht war, dass sich unsere Wege für eine Weile trennen sollten. Aber sie ließ sich überzeugen, auch weil ich ihr etwas Großartiges versprach. Ich eilte auf einen naheliegenden Hügel aus Geröll und machte wie geplant meine Photos. Eine schöne Serie, wie das Fahrzeug zum „Schwimmzeug“ wurde. Dann entschwand die Gruppe samt Kind meinen Blicken und ich nutzte die freien Momente um der isländischen Bodenvegetation und den schwimmenden Eisbergen gleichermaßen gerecht zu werden. Und wie üblich, wenn mich etwas fasziniert, verlor ich mich in meinen Betrachtungen. Ich bemerkte das Amphibienfahrzeug mit meiner Gruppe und Tochter erst in dem Moment, als sie hinter meinem Rücken (dabei johlend und die Daumen in die Luft streckend) vorbei zur Ausladestelle fuhren. Und obwohl ich mich beeilte wusste ich, dass ich es nicht schaffen würde zu Fuß rechtzeitig dort zu sein, um die Tochter wieder in Empfang zu nehmen.

Das Amphibienfahrzeug wird zum Wasserfahrzeug

Ich kramte also meine sieben Photosachen zusammen und machte mich gemütlich auf den Weg. Nach einer gefühlten Minute hörte ich meine Tochter meinen Namen rufen. Aber wo war sie? Aufgeregt schien sie zu sein, der Stimme nach zu urteilen. Das Rufen kam von der anderen Seite des Geröllberges, der von meinem Standort aus die Sicht auf die Lagune versperrte. Und im nächsten Moment sah ich sie in schnellem Lauftempo über die Kuppe kommen. Sie stürzte regelrecht auf mich zu mit einem Ausdruck im Gesicht! Ein Ausdruck bei Kindern den sie nur im Antlitz tragen wenn sie gerade die mit weitem Abstand glücklichsten Kinder der Welt sind. Da ich ihre Geschwindigkeit, mit der sie sich auf mich zu bewegte, abschätzen konnte und auch ahnte, dass sie mich in „voller Fahrt“ anspringen würde, stellte ich vorsichtshalber mal meine Sachen auf den Boden und nahm die Position eines Quarterback ein und stellte mich wie bei einem American Football Spiel in Bereitschaft. Was war bloß mit ihr los? Hatte ihr die Rundfahrt etwa derart gefallen? Ich gehörte als Vater immer zu denen, die keine Dankbarkeit von den eigenen Kindern erwarteten. Warum auch? Unsere Kinder können ja nichts dafür, dass wir sie in die Welt geschickt haben. Ich war mir auch sicher, dass speziell meine Jüngste auch nicht von mir erwartete, dass ich erwartete, dass sie Dankesbezeugungen aussprach. Als sie mich mit dem zuckersüßesten Lächeln, welches sie wirklich nur selten im Gesicht trug, erreicht hatte, flog sie mir förmlich um den Hals und ich stellte fest, dass es gut war, mich wie ein Quarterback zu positionieren. Sie zitterte sogar und dann brach es aus ihr heraus: Danke, danke Papa dass du mir das ermöglicht hast! Es musste ein unglaubliches Erlebnis für sie gewesen sein? Ihrer Reaktion nach zu urteilen, dass „Größte“, was sie jemals auf Reisen in der Welt erlebt hatte. War wohl doch was dran an der Geschichte mit dem Kronjuwel?

Und schaukelt anschließend durch die Eisberge

Man könnte die Schönheit der Lagune und ihres Umfeldes aber auch wirklich lyrischer beschreiben. Der an die Lagune angrenzende schwarze Strand wird Diamond Beach genannt, weil die Eisblöcke auf dem Sand an Diamanten erinnern die in der Sonne glitzern. Es gibt unzählige phantastische Bilder von ihr. Die Lagune liegt zudem direkt neben dem Vatnajökull, Europas größtem Gletscher. Der Vatnajökull und seine Umgebung bilden Islands größten Nationalpark und den zweitgrößten Nationalpark in Europa – nach dem Yugid Va in Russland. Im europäischen Kernraum gibt es nichts, was solche Größe aufweisen kann. Das Hinterland wird auf der einen Seite von Eis, Gletscherzungen, rauem Hochland und Lavalandschaften geprägt und jenseits des schwarzen Lava-Strandes tost das wilde Meer. Alles so unglaublich dicht beieinander. Die Lagune entsteht auf natürlichem Wege aus dem Wasser, das vom Gletscher abschmilzt. Und da ja leider das Klima immer wärmer wird, wird sie wird Jahr für Jahr größer und immer mehr große Eisblöcke bröckeln von dem schrumpfenden Gletscher ab. Zugegeben wird der See mit wachsender Größe immer eindrucksvoller, was allerdings zu Lasten des benachbarten Gletschers geht. Hier sind die Auswirkungen der Erderwärmung deutlich sichtbar. Doch das macht die Lagune und die Gletscherzunge umso eindrucksvoller! Aufgrund der ständigen Veränderung der isländischen Landschaft dort, sieht der See bei jedem Besuch anders aus – so ist jede Besichtigung einzigartig! Ich habe die Fahrt auf der Lagune sicher schon 10x gemacht und bei jeder Exkursion sah es dort vollkommen anders aus. Die Gletscherzunge, die zur Lagune hinunterführt, befindet sich sehr nahe am Meer und die Lagune ist mit dem Ozean verbunden – das Salzwasser hilft ebenfalls dabei, das Gletschereis zu schmelzen. Die Eisbrocken, die in die Lagune fallen, schmelzen langsam und treiben aufs Meer hinaus und werden dort von den atlantischen Wellen zerborsten und an den schwarzen Vulkanstrand, der sich am Ufer erstreckt, gespült.

Ohne Kommentar

Der schwarze Sandabschnitt wird von kompaktem durchscheinendem Eis bedeckt, das Tausende von Jahren alt ist und – bei entsprechendem Licht – wie Diamanten in der Sonne glitzern kann. So kam der Strand wohl zu seinem Spitznamen: Diamond Beach. Aber in dieser überwältigenden Szenerie gibt es noch mehr zu sehen: Tiere! Hier tummeln sich Robben, die in der Lagune und vor der Küste schwimmen oder sich auf einem der treibenden Eisberge entspannen. Island hat zudem – besonders im Sommer – eine reiche Vogelwelt zu bieten. Direkt an der Lagune kann man Küstenseeschwalben und eine Reihe anderer Vögel beobachten. Papageitaucher dagegen sind in diesem Gebiet seltener. Wozu sollten sie hier auch leben? Die Besucher sind in der Regel so ergriffen von der Faszination des Augenblicks, dass sie sicher keine Lust darauf verspüren, sich an einem tranig schmeckenden Stück Papageitaucher den Appetit und den Rest des Tages zu verderben? Die Papageitaucher findet man nicht weit entfernt, zum Beispiel am Dyrhólaey-Leuchtturm oder am Reynisfjara-Strand. Die Fahrt entlang der Südküste zur Jökulsárlón-Lagune ist bei fast jedem Wetter atemberaubend schön. Es lohnt sich also, etwas mehr Zeit für die Fahrt einzuplanen und immer wieder anzuhalten und das Schauspiel auf sich wirken zu lassen. Ich weiß natürlich nicht, wie hoch der Anteil derer ist, die die Welt nur bereisen um an Plätze zu kommen, an denen berühmte Menschen Filme gedreht haben? Aber genau hier, rund um die Lagune, wurden viele international bekannte und auch erfolgreiche Filme gedreht. Island war schon immer Schauplatz zahlreicher Filme und Drehorte in Island sind wegen der abstrakten Landschaften sehr begehrt. Die eisige Landschaft hat viele Filmemacher inspiriert und im Sommer sind die Dreharbeiten besonders einfach, da relativ warme Temperaturen herrschen, die Umgebung aber dennoch kalt aussieht. Neben den beiden James Bond-Streifen („Stirb an einem anderen Tag“ (das war 2002) und „Im Angesicht des Todes“ (das war 1985 – da war die Lagune noch ein Zwerg)) und Tomb Raider, die an der eisigen Lagune gefilmt wurden, diente Island auch als Kulisse für „Batman Begins“ and „Interstellar“ (mein persönlicher Lieblingsfilm wegen der darin thematisierten Vater/Tochter Beziehung). Diese wurden am nahe gelegenen Svínafellsjökull-Gletscher im Vatnajökull-Nationalpark gedreht. Zumindest den Svínafellsjökull-Gletscher kann man leicht auch mit einem „normalen“ Auto erreichen. Ach Island, was bist du berauschend. Ach Island, warum bist du so voll von Menschen der besuchenden Massen geworden. Nein, früher war nicht alles besser, es war anders. Island auf jeden Fall viel leerer an Besuchern. Aber die „neuen Leute“ akzeptieren die „neuen Bedingungen“. Und es gilt auch hier die Regel: „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“.

Die Küste in der Nähe der Lagune

Nur ein einziges Mal in den letzten Jahrzehnten seit 1986 und meiner Erstlingstour auf die Insel, war ich allein und individuell mit einem Auto dort unterwegs. Wenn die geneigten Leser/-innen sich erinnern mögen, war ich zwischen 1990 und 1997 auch einmal ein recht erfolgreicher Reiseberichterstatter. Mit den zu dieser Zeit sehr beliebten Multivsionsshows hatte ich die Möglichkeit – je nach Größe der Räume – 1.000 Menschen zeitgleich vor einer bis zu 5 x 15 Meter großen (!) Leinwand die Schönheiten dieser Welt näher zu bringen. Bei allem Pathos, welches ich für die Welt und den Menschen im allgemeinen empfand, war diese Aktivität doch ein „Geschäftsmodell“, so dass man Produkte planen, erstellen und anbieten musste, um sein täglich Brot zu verdienen. Und natürlich wollte ich auch gerne eine Eigenproduktion über die „Insel aus Feuer und Eis“ erstellen. An Island-Erfahrung mangelte es mir 1995, als ich die Pläne langsam in die Realität umzusetzen begann, schon nicht mehr. Über üppige finanzielle Polster verfügte ich zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben. Es sollte nicht darüber geschwiegen werden, dass man als professioneller Reiseberichterstatter erhebliche Vor-Investitionen tätigen musste um ein neues Produkt auf die Beine zu stellen. Übernachtungen in teuren Hotels oder die wochenlange Anmietung eines Allrad-Jeeps (man bedenke die isländischen Preise) waren damit ausgeschlossen. Ich besaß zu dieser Zeit neben einem Lieferwagen, in dem ich während der Zeit der Multivisionsshows das Equipment und die Werbemittel transportierte, im Alltag nur einen uralten Opel Kadett Kombi. Ausgestattet mit einem Dieselmotor und bereits über 300.000 Kilometer Laufleistung auf dem Tacho. Später – ein Exkurs – war ich gerade in Schottland mit diesem Wagen unterwegs, als die Anzeige der zurückgelegten Wegstrecke auf 333.333 Kilometer sprang. Das waren noch Motoren! Ich habe damals an der Küstenstraße auf dem Weg zum Mull of Kintyre sogar angehalten und diesen historischen Moment (Auto und Umland) im Bild festgehalten.

Und dieses alte Vehikel sollte nun mein einziger Begleiter auf Island werden! Ich weiß deshalb auch ein Lied davon zu singen, welche Unsummen es kostete, mit einem eigenen Auto die Fähre „Norönna“ von Bergen aus nach Island zu nehmen. Eine Einzelkabine wollte ich mir wegen der horrenden Kosten nicht nehmen und auch auf einen unbekannten Schlafpartner in einer Doppelkabine hatte ich keine Lust. Ich habe mir damals die Kabine gespart und in einen deutlich weniger komfortablen Schlafsessel investiert. Wer wollte, konnte trotzdem in der Gemeinschaftsdusche duschen. Ja, auf der „guten, alten Norönna I“ war es noch ein bisschen mehr wie in einer Jugendherberge. Wie im letzten Artikel schon skizziert, gibt es seit 2003 eine „neue“ Norönna, auf der alles gleich nochmal um ein Vielfaches teurer ist als auf der „Alten“. Eine besondere Begegnung hatte ich auf der Überfahrt zu den Färöer Inseln auch, und zwar eine Massenbegegnung! Natürlich kann man bei guter Bonität auch Alkohol an Bord der Fähre kaufen. In der Bar kostete dann so ein Bierchen gleich mal um die 14.- D-Mark! An Bord war auch eine Gruppe junger Studenten/-innen, die in Oslo studierten und mit ihrem Professor zu einer zweiwöchigen Exkursion zu den Färöer Inseln aufgebrochen waren. Wir kamen in der Bar ins Gespräch und ich bemerkte schnell, dass die „Studies“ wohl gerne auch ein zweites Bier getrunken hätten, sich diese Ausgabe aber trotz ihrer norwegischen Abkunft wohl nicht leisten konnten oder wollten. Der spindeldürre Professor – ich schätzte ihn auf 45 Jahre – saß samt seiner bereits stark prägnanten Glatze und einem kanadischen Holzfällerhemd mitten unter seinen Studenten und becherte kräftig mit. Er gab sich verwundert als er von mir erfuhr, was ich so vorhabe und was ich beruflich so trieb, dass ich nicht mindestens eine Woche auf den Färöer Inseln bleiben wollte. Die hätten doch so viel zu bieten. Das dachte ich im Prinzip auch, aber wenn man ein Top-Thema einem interessierten Publikum im deutschsprachigen Raum anbieten möchte, wären „nur“ die Färöer Inseln wohl ein bisschen zu wenig gewesen?

Die Färöer Inseln wären wohl einen längeren Besuch wert gewesen?

Der Professor war gut drauf und in bester Erzähl-Laune und seine Studenten waren jedenfalls sehr aufmerksam. Wenn ich mich richtig erinnere waren das alles angehende Geologen oder Geographen. Irgendetwas mit Geo war es auf jeden Fall. Mir wurde noch erklärt, dass die Studenten – obwohl sie allesamt in körperlicher Bestform schienen und zudem noch jung an Jahren waren – Angst vor den kommenden zwei Wochen haben würden, da der Herr Professor derart geländegängig wäre, dass er wie eine Bergziege jeden seiner Studenten abhängen würde. So? So ein spindeldürrer Mann? Die Begegnung war eigentlich vor allen Dingen deshalb interessant, weil ich irgendwann im Laufe des Abends erwähnte, dass ich einen Teil meiner Whisky-Sammlung in meinem Auto haben würde. Klar, ich wollte doch nicht an den Rand des Bettelstabes geraten und auf keinen Fall Alkohol auf Island kaufen. So ein das Herz erwärmende Schlückchen Whisky erschien mir gerade recht, um nach einem langen Phototag den Sonnenuntergang zu genießen und sich dann zur Nachtruhe im Auto oder notfalls auch im Zelt niederzulassen. Erprobt war ich in dieser Sache auf jeden Fall. Die Studenten und der Herr Professor wollten nur allzu gerne mal meine mitgeführte Whisky-Sammlung persönlich in Augenschein nehmen. Das Auto stand aber im Unterdeck und das war doch wohl ganz sicher hermetisch abgeriegelt? So war meine Hoffnung! Aber der Herr Professor war wohl auf der Norönna bekannt wie ein bunter Hund? Er sprach kurz mit dem Mann am Tresen, woraufhin der zum Telefon griff und jemanden anrief. Der Angerufene erschien keine Minute später in schicker Uniform, sprach kurz mit dem Professor und dieser danach zu mir und den Studenten. Kein Problem, das Auto-Deck wäre offen und wir könnten gerne nach unten gehen. Mist! Aber versprochen war versprochen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es möglich werden würde, tatsächlich ins Unterdeck zu kommen als ich versprach, wenigstens eine Flasche meines Lieblings-Whiskys (Lagavulin – dunkel, torfig, schwer) mit der Gruppe zu teilen. Was ein Norweger nicht alles anstellt um an Alkohol zu kommen!

Drei Flaschen hatte ich an verschiedenen Stellen im Auto versteckt. Wissend, dass es eine empfindliche Strafe nach sich gezogen hätte, wenn man die beiden nicht angegebenen Flaschen gefunden hätte. Aber wer sucht schon im vorher ausgeräumten Werkzeugkasten? Dort hatte ich die zweite Flasche deponiert. Welchen Zöllner würde es denn schon interessieren, was ich hinter der Türverkleidung transportierte? Es war ja nur mein Whisky und keine Drogen, die hätte eine gewiefte Zoll-Dogge sicher aufgespürt? So verfügte ich über drei Flaschen Lagavulin und war mir sicher, dass diese drei Flaschen ausreichen würden, um die verbleibenden 26 Tage auf Island gut zu überstehen. Gut, diese eine Flasche würde ich wohl opfern müssen? Im Stillen hoffte ich darauf, dass einer der Mechaniker, die sich zu Zweit oder zu Dritt im Unterdeck zu schaffen machten, uns sofort wieder auf das Oberdeck komplimentieren würde. Später kam auch einer von den Jungs mit seinem Helm und seiner gelben Signalweste zu uns rüber, allerdings nicht, um uns nach oben zu schicken! Alle saßen locker und frohen Mutes zwischen den geparkten Autos herum. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Studenten das genau waren, aber ich denke, dass es 8 – 10 Personen plus Professor waren. Als der Mechaniker in seiner gelben Signalweste zu uns rüber kam, hatten wir nämlich gerade die zweite Flasche geöffnet. Niemand kann sich vorstellen, wie Norweger/-innen gucken können, wenn sie noch auf ein zweites Gläschen Schnaps hoffen dürfen! Dackelblick ist nichts dagegen sage ich nur. Und, da waren ja auch vier bildhübsche, typische Norwegerinnen dabei! Eine blauäugiger und blonder als die andere. Die guckten auch so „dackelmäßig“. Da war ein zweites Glas ja vielleicht eine gute Investition in die Zukunft oder zumindest in die nächste Nacht? Also die zweite Flasche aufgemacht und alle Anwesenden damit beglückt. So eine Flasche Lagavulin ist ja selbst in Deutschland nicht gerade günstig! Kostete 1995 auch schon über 35.- D-Mark. In Norwegen allerdings viel, viel, viel unvorstellbar viel mehr! Damals mussten die gut betuchten Norweger/-innen schon an die 300.- D-Mark für so eine Flasche berappen!!

Der Preis spielte für viele in diesem ach so wohlhabenden Land nicht einmal die größte Rolle! Die Verfügbarkeit war das Problem. In Nord-Norwegen musste so eine armer „Sami“ (auch noch heute) mitunter 200 Kilometer weit fahren, um überhaupt an Alkohol zu kommen. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass die jungen Studenten/-innen mich allesamt für einen sehr, sehr reichen Deutschen hielten, weil ich – es war unausweichlich – für umgerechnet 1.000.- D-Mark Whisky spendiert hatte. Mittlerweile war einer der jungen Männer nach oben in seine Vierbettkabine geschlichen und hatte eine Kiste mit Dosenbier angeschleppt. Gut, als Bier hätte ich es nicht unbedingt bezeichnet, denn das günstige norwegische Lettöl (Leichtbier) hat gerade mal 2,4 % Alkohol! Da hätte ein gestandener oberbayrischer Quartal- oder „Wies´n-Säufer“ hundert Büchsen in sich hinein schütten müssen, um auf das Besäufnis-Niveau seines Wies´n Besuchs zu kommen. Die dritte Flasche habe ich übrigens nur hergegeben, weil der Mensch, der uns in schicker Uniform nach unten in den Bauch des Schiffes geführt hatte, ebenfalls auf der Bildfläche erschien und so drollig und lieb guckte als man ihm mitteilte, dass der Deutsche noch eine dritte Flasche im Gepäck hätte! Aber ich habe mir einen Spaß gemacht und die Truppe danach suchen lassen! Es war die in der Tür, hinter der Türfüllung! Die würden die nie finden! Niemand kann sich vorstellen, zu welchen Spürhund-Fähigkeiten ein Norweger (oder eine -in) fähig wird, wenn ihm ein drittes Gläschen Whisky aus Schottland der gehobenen Kategorie angeboten wird und er es nur finden muss. Der Professor wusste sofort, wo er sie findet: entweder angeklebt unter der Stoßstange (viel zu gefährlich für den Whisky fand ich) oder in einer der Türfüllungen. Es machte das ja auch immer so, wenn er mit seinem Wohnmobil von Auslandsreisen wieder nach Norwegen zurück kam. Ja, und damit die nicht anfingen, sämtliche Türverkleidungen abzubauen, habe ich das Versteck eben am Ende doch verraten. Drei Flaschen Lagavulin waren damit Geschichte. Aber: ich wurde unglaublich gemocht für meine edle Tat, auch wenn die norwegische Dankbarkeit nicht dazu führte, dass die Investition in eine Beziehung, geschweige denn in eine angenehme Nacht mit einer der vier Blauäugigen geführt hätte. Gedurft hätte ich, denn zu der Zeit war ich Single! Einer der jungen Männer machte so etwas ähnliches wie ein Angebot, mit zu denen in die Kabine zu kommen. Ich lehnte ab, weil ich nicht offen war für eventuelle neue Erfahrungen. Drei Flaschen Lagavulin waren und blieben für immer Geschichte. Irgendwann, so kurz vor dem Sonnenaufgang war die große Sause zu Ende. Ich hatte keine Lust mehr auf meinen Schlafsessel und blieb lieber in meinem Auto liegen. Damals, 1995, ging auf so einer Fähre noch Vieles, was heute nicht mehr möglich ist. Ich kann es ja verstehen, denn heute ist ja mindestens jeder zweite Mensch so etwas ähnliches wie ein Terrorist und bedroht unser aller schönes System.

Nach der Ankunft in Tórshavn war die Gruppe der jungen Leute samt ihres Ausbilders verschwunden. Die nächste Nacht auf der Fähre würde damit eine ganz andere werden. Wie schon beschrieben, je nach Fahrplan konnte man auf bis zu drei Stunden Aufenthalt auf den Färöer Inseln hoffen. Bei einer der Anreisen nach Island mit der Fähre konnten wir deshalb sogar eine Rundfahrt mit einer deutschsprechenden einheimischen Reiseleiterin und einem Färöer-Bus machen. Für mehrere Inseln hat so ein relativ kurzer Aufenthalt dann natürlich nie ausgereicht, aber einige Küstenstreifen und der Besuch des maximal erreichbaren Südens bis Kirkjubøur waren schon drin. So kam man auch mal von der Landseite her bis zu den Vogelklippen auf der Westseite der Insel. Aber von der Wasserseite gesehen waren die wesentlich interessanter. Lediglich die Annäherung an die ach so beliebten (warum eigentlich? Nur weil sie so schön sind?) Papageitaucher war von oben besser. Die vielen Tausend Papageitaucher flogen auf die steilen Hänge zu, die mit Erdhöhlen übersät waren, und landeten zwischen unzähligen Artgenossen. Wenn sie ein Jungtier zu versorgen hatten konnte man beobachten, das viele der Eltern mehrere Sandaale im großen bunten Schnabel hatten. Danach verschwanden sie in ihren Erdhöhlen, um die Jungtiere zu füttern. Rund um seinen Bau bot sich hunderttausendmal das gleiche Schauspiel. In einer Papageitaucher-Kolonie brummt das Leben. Ein Bild, das an anderen Küsten Europas immer seltener zu beobachten ist. Die Erfahrung mit der Verkostung eines solchen Vogels trug ich damals ja schon in mir und warnte meine Mitreisenden eindringlich davor, es ebenfalls zu versuchen. Aber nein – beteuerten alle – niemals würden sie auch nur daran denken, ein derart putziges Tier zu verspeisen, dass könne doch nicht mein Ernst sein? Es ist wohl die Tragödie des Haushuhns, dass es nicht über ein solch drolliges Äußeres verfügt, wie der Papageitaucher! Es gibt ja auch Zierhühner, die regelrecht aufgemotzt daher kommen und das Auge ihrer Besitzer/-innen erfreuen. Einer der Mitbewohner hier bei uns im Ort, hat einen großen Teil seines Gartens der liebevollen Aufzucht seiner Federfüßigen Zwerghühner (nein, sind die süß) und seiner noch protzigeren Seidenhühner gewidmet. Ich komme zwar nicht regelmäßig zur Zählung dort vorbei, aber jetzt, in der erzwungenen Zeit des Nichtstuns in der Corona-Zeit, bin ich bei meinen Spaziergängen dort oft vorbei gekommen. Da fehlte nie ein Huhn! Alle liefen stolz und aufgemotzt wie immer durch ihre Welt. Muss den Besitzer des Gartens demnächst mal fragen, ob er die nur anschaut oder ob er sie auch isst! All beauty must die – habe ich ja schon mal geschrieben.

Küstenlandschaft auf den Färöer Inseln

Und weil ich an dem Tag, als ich das einzige Mal in meinem Leben als Individualist zu den Inseln kam, nur ein Zeitfenster von rund 90 Minuten hatte, bin ich in Tórshavn geblieben und habe einen Schaufensterbummel gemacht. Allzu viele Schaufenster gibt es dort zwar nicht, aber die Bewohner der Stadt versuchen schon, ihren Anteil an der Beute „Tourist“ zu sichern. Die Fähre legt ja wirklich mitten in der Stadt an und wenn man losläuft, ist man in wenigen Minuten am Dom zu Tórshavn! Ja, da gibt es einen Dom! Auch wenn er nur unwesentlich größer ist als eine kleine Pfarrkirche hierzulande. Was ich nicht mehr richtig mitbekommen habe war der Anstieg der Besucherzahlen, die mit den Kreuzfahrtschiffen gekommen sind. Da lagen schon hin und wieder kleinere Schiffe mit kleinen Menschenmassen vor Anker, aber so ab dem Jahr 2000 soll sich das wie eine Atombomben Explosion weiterentwickelt haben. Jeden Tag kamen einem Bericht über die schädlichen Auswirkungen des Kreuzfahrttourismus zufolge bis zu drei Schiffe mit ihrer schnatternden, desinteressierten und bis zur vollkommenen Apathie verblödeten Massen hierher, um diese dann in die wenigen Altstadtstraßen zu fluten. Der Betreiber der „Excursions in the Faroe Islands“ hatte 1988 nur einen Bus vor seiner bescheidenen Hütte stehen, mit dem er gelegentlich Menschen über die Inseln karrte. Die Zahl seiner Busse hatte er inzwischen verdreißigfacht um dem Ansturm der Kreuzfahrer gerecht werden zu können und seinen eigenen Geldsäckel aufzublasen bis er platzt. Es ist schon so, dass in der großen Literatur von teilweise großen Literatur-Schaffenden (natürlich oder gerade auch weiblich) Sätze formuliert wurden, die offensichtlich so geschickt gewählt wurden, dass sie buchstäblich bis zum Untergang und dem Verschwinden der Menschheit von diesem Planeten Geltung haben werden. Schiller zum Beispiel, in seinem Lied von der Glocke. Ist kein Lied liebe unerfahrenen Leser/-innen, ist ein Gedicht. Zwar eines, das man zu 90% in die Tonne kloppen kann, weil die Zeilen nicht mehr zur Realität der heutigen Tage passen, aber manche Zeilen schon, wie zum Beispiel die:

Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn, Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Ich war ja nicht dabei, als die Kreuzfahrer Kreuzrittern gleich kamen und die schlichte Schönheit dieser Inseln mit ihrer menschlichen Leibern platt walzten! Es ist nun mal leider nicht die emotionale oder geistige Elite, die sich auf den Kreuzfahrtschiffen versammelt, um bei dreimal Buffet täglich und oft genug freien alkoholischen Getränken, allabendlicher Bordunterhaltung und nie enden wollendem Komfort über diese Welt schippert, um auch noch den entlegensten, anmutigsten und charismatischsten Naturräumen den Garaus durch Massenbesuch zu machen. Es ist nun mal leider nicht die emotionale oder geistige Elite, sondern es ist das Reiseproletariat, die Sparfüchse und Schnäppchenjäger die sich aufmachen, auf diese Art die Welt zu bereisen. Ich will im Fall der Färöer-Inseln nicht ungerecht sein, da ich die Entwicklung dort nicht „live“ und anwesend mitbekommen habe. Aber ich habe Bilder gesehen auf denen drei Kreuzfahrt-Bomber nebeneinander im Hafenbecken lagen und ein Photo, welches in diesem Bericht veröffentlicht wurde, erschütterte mich wirklich: die kleine Straße Tórsgøta, von der aus es in Stufen zum Dom hinauf ging in der sich bei meinen beiden Aufenthalten dort ein paar Touristen und Einheimische tummelten, sah auf diesem Photo aus, als wäre es in der Rüdesheimer Drosselgasse gemacht worden! Dicht gedrängt, wie die Pinguine in der Antarktis standen dort die Besuchermassen in wilder Unordnung herum. Das Bild erinnerte mich auch an ein Vorkommnis in der Fußgängerzone von Köln an einem Samstag in der Vorweihnachtszeit. Ich war dort in meiner Eigenschaft als selbständiger Reiseberichterstatter unterwegs um zu überprüfen, ob die örtliche Werbeagentur denn auch meine für viel Geld in Auftrag gegebene Werbung korrekt platziert hatte (Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser – wird Lenin zugeschrieben, ist aber nicht gesichert). Es ging nur noch im Kriechgang voran, weil die schiere Masse Mensch sich bereits gegenseitig zu erdrücken drohte. Und dann kam es zu einem Vollstopp, so dass es für geschlagene 10 Minuten keinerlei Möglichkeit mehr gab, sich zu bewegen. Wenn damals dort Panik ausgebrochen wäre, hätte es Hunderte von Toten zur Folge gehabt. Daran auch dachte ich, als ich das Bild sah! Das ist der Mensch in seinem Wahn! Im Hintergrund des anstößigen Photos (humanistisch anstößig) war ein Schiff der TUI Flotte zu sehen. Ja, genau die TUI die im Moment die Gemüter einer ganzen Branche erhitzt, weil dieses Unternehmen Milliarden an Fördergeldern einstreicht, während das Hundertfache Sterben der kleinen Reisebüros und Reiseunternehmer bereits begonnen hat. Eines der ganz großen Schiffe übrigens! Geschätzte 4.000 Menschen an Bord. Und von einem weiteren Kreuzfahrtbomber konnte man noch die Spitze erkennen. Mamma mia! Wenn es die Einschränkungen und Veränderungen des Corona-Virus bewirken sollten, dass dieser von nach stetigem Wachstum getriebene Wahnsinn von Menschenhand endet, dann ist dieses kleine Virus – ungeachtet der Tatsache dass es individuell für Leid, Verluste und Schmerzen gesorgt hat – ein Held! Ein echter Avenger!

Das 2008 noch unfertige INTO THE ARCTIC Gebäude
Husavik liegt unweit von Akureyri

Und auch wenn ich mich tendenziell immer darum bemühe, einen versöhnlichen Abschluss in meinen Berichten zu finden, inspiriert mich diese Beschreibung zu einem Abschluss, des heutigen Artikels, der recht wenig mit Versöhnlichkeit gemeinsam hat. Aber wird sind nun eben mal in einer Zeit angekommen, in der Veränderungen unausweichlich geworden sind, auch wenn uns Beharrungskräfte und Demagogen einreden wollen, dass alles ruhig so weitergehen kann wie bisher. Es war bei einer der Flugreisen nach Island, auf der wir mehr als 10 Teilnehmer/-innen zusammen bekommen hatten und deshalb einen etwas größeren Bus samt Fahrer für die Tour angemietet hatten. Es waren immerhin 16 Personen & meine Wenigkeit. In Akureyri, der Hauptstadt des isländischen Nordens, hatten wir nach einer Stadtbegehung noch eine gute Stunde zur freien Verfügung um uns zu verpflegen oder um dort einzukaufen. Der Bus war unten am Hafen, neben dem damals noch nicht ganz zu Ende gebauten „INTO THE ARCTIC“ geparkt. Dort trafen wir uns alle wieder um die Reise gemeinsam fortzusetzen. Der Eyjafjörður (Fjord) lag still und kaum ein Lüftchen regte sich. Doch bevor wir losfuhren konnten wir noch bemerken, dass eines von den russischen Kreuzfahrtschiffen einfuhr. Die waren selten wirklich groß und auch das nun in den Hafen einlaufende Schiff war – so glaubte ich – mit maximal 300 oder 400 Gästen bestückt. Wir fuhren los und vergaßen den Vorfall. Wir hatten uns als nächsten Besuchspunkt den Goðafoss, den Wasserfall der Götter vorgenommen. Zu diesem Zweck mussten wir den Fjord umrunden und auf der anderen Seite in die Lava-Berge hinauf fahren. Es ist wirklich immer wieder bewegend wenn man feststellt, wie schnell auf Island die Segnungen der Zivilisation enden und der überwältigend gewaltigen Natur weichen. Auf der anderen Seite des Eyjafjordes musste der Bus samt wertvoller menschlicher Fracht Meter für Meter an Höhe gewinnen, um über die Berge zu kommen. Wir hielten an einem besonders schönen Platz um Bilder zu machen und die Impressionen auf uns wirken zu lassen. Dabei sahen wir auch, dass der „Russe“ sich anschickte, am Hafen anzulegen. Aber spätestens bei der Weiterfahrt rutschte uns dieses Vorkommnis wieder aus dem Sinn.

Der “Russe” kommt

Unter den vielen Gruppen, die ich seit Beginn meiner Tätigkeit als Reiseleiter durch die Welt geführt habe, gab es immer unterschiedliche Entwicklungen. Jeder Mensch bringt seine Persönlichkeit und seinen individuellen Esprit mit in eine solche Unternehmung ein. Und wie der Wassertropfen, der über den Handrücken läuft, jedes Mal eine andere Richtung wählt, auch wenn man den Versuch millionenfach wiederholt, so entwickelt sich eine Reisegemeinschaft auch immer unvorhergesehen in Abhängigkeit von den anwesenden Personen mit ihren individuellen Persönlichkeiten. Es war vielleicht dieser Umstand, der mich immer wieder in die Touristik zurück geführt hat? Menschen zueinander zu führen (am besten auf Reisen) war schon immer eines meiner Hauptanliegen. So wollte ich der Individualität des Individuums Respekt zollen. Zu 98% hat das auch immer funktioniert, wenn auch mitunter einige Personen unter dem Gruppen-Volk waren, die ihren Egoismus nicht abschalten konnten und dadurch in meinen Augen „gruppenuntauglich“ waren, auch wenn sie es selbst ganz anders gesehen haben mögen. Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung klaffen eben bei jedem Menschen ein Stück weit auseinander. Das beziehe ich auch auf mich, als Teil der Menschheit. Die Gruppe in diesem Jahr war großartig. 16 Menschen die in der Lage waren, sich fallen zu lassen und in der unvergleichlichen Natur zu verlieren. Oft saßen wir am Abend – ohne den teuren Alkohol benötigen zu müssen – zusammen und ließen in philosophischen Gedanken die Ereignisse des Tages Revue passieren. Alle verstanden sich gut und es wurde immer gemeinschaftlich der nächste Tag besprochen und nach Plätzen gesucht, an denen wir – einfach so – durch die Natur laufen und unser Inneres nach Außen hätten kehren können. So planten wir auch den dem weiter oben beschriebenen „Götterfall“ eine erheblich längere Auszeit zu nehmen, als das im Normalfall die Regel war. Blieben die asiatischen Gruppen an diesem Platz in der Regel nur 5 – 10 Minuten um ihre Selfies vor dem Halbrund des Wasserfalls zu machen, hielten sich auch die europäischen oder amerikanischen Besucher in Gruppe wenigstens maximal 15 – 20 Minuten dort auf, machten neben den obligatorischen Selfies vor dem Halbrund des Wasserfalls auch noch einige normale Photos, spazierten ein bisschen in der Gegend herum und fuhren dann weiter, weil es auf Island ja so viel zu sehen gab.

Der Götterfall 01

Als wir am Parkplatz für Busse ankamen, stand dort – und wir nahmen es wirklich erfreut zur Kenntnis – nur ein vereinsamtes Wohnmobil. Das Ehepaar, welches mit dem Reisegefährt hier angekommen war, stand unten an der Klippe, eng umschlungen und genoss offensichtlich den Moment. Dass eine relativ kleine Gruppe von 16 Personen einem individuell reisenden Ehepaar im Wohnmobil schon als lästig erscheinen konnte, war im Prinzip jedem von uns klar. Aber: wir würden sie eines besseren belehren und still und leise durchs Gefilde schleichen. 2 Stunden wollten wir bleiben, wobei sich viele aus der Gruppe auch darauf freuten, einfach so für vielleicht eine Stunde an der Klippe zu sitzen und dem Spiel des Wassers mit den Augen zu folgen. Wir schlichen uns an. Das Ehepaar bemerkte nach wenigen Minuten die Anwesenheit der „Neuen“, aber da wir umwelt- und sozialverträglich durch die Gegend pirschten – da gab es kein hasten und kein rennen – arrangierten sie sich wohl innerlich mit unserer Anwesenheit und liefen nicht davon, sondern blieben, noch immer eng umschlungen, dort stehen wo sie standen. Bei einer solchen Reise obliegt dem Reiseleiter immer eine gewisse Verantwortung. In der Tat habe ich nur selten in der Ausübung dieses Berufes jemanden retten müssen. Eher hätte ich selbst einige Male einer Rettung bedurft, konnte mir mit eisernem Willen aber am Ende immer selbst helfen um mir die Peinlichkeit einer solchen Situation zu ersparen. Aber solcherlei Spaziergänge an – so wie hier am Goðafoss – schöner Stelle, machen sonst nur die individuell reisenden Menschen. Man lernt sich auf einer gemeinsamen Reise gut kennen und die Person, die Verantwortung trägt, prägt sich gewisse innere und äußere Merkmale seiner Schutzbefohlenen gut ein. Ich hatte zum Beispiel nach wenigen Tagen „drauf“, die Jackenfarben und Kleidungsstücke meiner Gäste zu kennen. Bei einer solchen Naturreise ist es ja zum Glück nicht nötig, permanent gesellschaftliche Erwartungshaltungen zu erfüllen und sich möglichst zweimal täglich in neuem Beinkleid zu präsentieren.

Wir machten uns individuell auf den Weg und jeder tat dan das, was er glaubte tun zu müssen. In den ersten Minuten wurden natürlich viele Photos geschossen und das eine oder andere Selfie – zugegeben – war natürlich auch dabei. Danach aber, setzte Entspannung ein und ich konnte von dem Platz ganz vorne an der Klippe, den ich nicht ohne Bedacht gewählt hatte, erkennen, wie sich die anderen aus der Gruppe an verschiedenen Stellen niederließen um sich der inneren Entspannung hinzugeben. Die erste halbe Stunde war schnell verflogen und das Ehepaar war irgendwann auch fort. In dem Rauschen des Falles hatte ich nicht einmal bemerkt, wie sie den Motor ihres Fahrzeugs starteten und davon fuhren. Ich war im Fluss, zumindest im übertragenen Sinn. Durch die Wahl des Platzes, ganz vorne auf der Klippe, waren meine Wahrnehmungen natürlich eingeschränkt. Das Wasser hatte begonnen, seine Geschichten zu erzählen und mir tun persönlich all die Menschen bis zum heutigen Leid, bei denen sich die beruhigenden Geräusche eines Wasserfalls nicht zu einer Erzählung verdichten, in der menschliche Stimmen hörbar werden. Es herrschte eine unfassbare Ruhe und es mochte wohl fast jedem aus der Gruppe so gegangen sein. Plötzlich eine Bewegung. Eine Bewegung, die ich aus dem Augenwinkel wahrnahm. Dort lief eine Person und die Farbe der Jacke passte nicht in das Schema, welches ich von den Kleidungsstücken meiner Mitreisenden abgespeichert hatte. Ich drehte den Kopf leicht zur Seite. Da war ja noch eine zweite Person und dahinter stolperte eine dritte Person durchs Gelände. Den „Russen“ hatte ich vergessen. Als ich eine meiner Mitreisenden in den Blick bekam, die in meine Richtung schaute, den Kopf schüttelte und immer wieder in die Richtung hinter mir wies, erhob ich mich und drehte mich um. Und da war er der Schock, schockhaftes Erkennen auf jeden Fall. Das komplette Gelände hinter mir wurde von flutenden Menschenmassen ausgefüllt. Wie auf einem Rummelplatz liefen Hunderte von Menschen durcheinander und ganz hinten, wo vor kurzer Frist nur unser kleiner Bus stand, hatte sich eine regelrechte Lawine aus Bus-Blech entfaltet. Ich zählte die Dächer, denn mehr konnte ich von den Fahrzeugen hinter dem Hügel nicht erkennen. Ich zählte 23 Busdächer! Und es waren keine kleinen Busse, wie der unsere, es waren die klassischen 12 Meter Gefährte mit 40 – 48 Sitzplätzen. Siedendheiß fiel mir ein, dass mir die Busflotte unten am Hafen in Akureyri zwar aufgefallen war, ich hatte diese Busse aber als Überlandbusse eingeordnet, da ja der gesamte Personenverkehr in Islands Norden mit Bussen abgewickelt wird.

Der Götterfall 02

Aber die Busse hatten dort nur auf die Ankunft des relativ kleinen russischen Kreuzfahrtschiffes gewartet um ihre menschliche Ladung aufzunehmen und zum „Götterfall“ zu transportieren. Hochrechnung: wenn in jedem dieser großen Busse wenigsten 40 Personen saßen, dann waren hier gerade 920 Menschen ausgeladen worden!! Um Himmels Willen. Jeder Zauber war verflogen und das laute Geschnatter übertönte nun, da die Massen näher zur Klippenkante strebten, auch die Geschichten des rauschenden Wassers. Warum nur zerstört der Mensch eigentlich immer das, was er sucht, indem er es findet? Ich hatte mich offensichtlich in der Größe des Russen-Schiffes verschätzt? Oder war gar noch ein zweiter Kahn im Hafen angekommen um sich seiner Massen zu entledigen? Ich war schlicht fassungslos. Für diesen Moment und für die unbekannte Dauer, die diese Menschen nun hier verweilen würden, gehörte der Götterfall für mich auch zu den Orten, die der Tourismus zerstört hatte. Diese immer absurder werdende Welt, die damals noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte. Billigairlines und Fernbusse, Last-Minute-Angebote und Schnäppchenjägerei. Durch die Welt zu reisen wurde immer einfacher und so zog es jedes Jahr für Jahr immer massenhafter Touristen an die schönsten Orte dieses Planeten. Orte wie Venedig, Barcelona oder Edinburgh werden heute von schieren Massen zersprengt oder zerquetscht. Wer mehr Geld ausgeben kann wird sich wie die anderen Sardinen freiwillig in die Dose auf Bali legen. Klar bringt das Geld in die Kassen der Urlaubsorte, doch gleichzeitig schadet es ihnen. Es gibt mittlerweile viele Plätze, die der Tourismus zerstört hat. Tipps, was besser gemacht werden könnte, kann aber auch ich nicht wirklich geben. Zu unterschiedlich entwickelt in ihren Sinnen sind die Menschen. Ein genereller Verzicht auf fast alles wäre eine Richtung (Corona?), aber wie soll das gehen wenn wir uns eingeredet haben, Gottes bester Einfall zu sein und dass unsere Leben nur aus Spaß, Spiel und Zerstreuung bei höchstem Komfort bestehen sollten? Schon seit dem Anbeginn der Kulturen wurde immer nur an „Upgrade“ (mehr) gedacht und niemals – oder nur mit Schrecken – an „Downgrade“ (weniger).

Straße über die “Sander” im Süden Islands

Als Tourist oder als Reisender (hier gibt es nicht unerhebliche Unterschiede) möchte man bestenfalls die Kultur eines Landes, seine Bewohner, die schönsten Sehenswürdigkeiten, die Landschaften, das Authentische eines Ortes kennenlernen – und verhält sich deswegen Mensch und Umwelt gegenüber respektvoll. Ich schreibe bewusst bestenfalls weil ich annehmen muss, dass die übergroße Mehrheit bei Besuchen in anderen Regionen dies nicht im Schilde führt, sondern das Verreisen an sich längst zum Selbstzweck geworden ist. Aber selbst wenn wir den Idealfall konstruieren und wohlmeinend annehmen, dass alle dem Schema „bestenfalls“ folgen würden, hätten wir unüberwindliche Probleme: selbst dieser beste Fall schadet dem Ort, wenn sehr viele Touristen ihn als Reiseziel auserkoren haben. Mehr Menschen bedeutet auch mehr Müll, mehr Verkehr, Verdrängung der Einheimischen, steigender Trinkwasserverbrauch und so weiter und als Ergebnis kommt heraus, dass das, was den Ort eigentlich ausgemacht hat, verschwindet. Zerstört und weggefegt vom Tourismus. Sogar von einem bestenfalls Tourismus. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei. Um diesen Sachverhalt kritisch zu reflektieren, brauchen wir garnicht unbedingt nach Island zu schauen. Es reicht, wenn wir die „deutsche Kolonie“ Mallorca betrachten. Die Insel der Balearen bietet neben viel Kultur jede Menge sanfte Hügel, fruchtbare Ebenen und ganze Felder, die sich im Frühjahr in ein duftendes, weiß-rosa Blütenmeer verwandeln. Tausende rote Blüten bilden impressionistische Tupfer zwischen dem Grün der Olivenhaine und dem zarten Rosa der Mandelbäumchen. Die Inselmitte Mallorcas ist berühmt für ihre Klatschmohnpracht. So üppig wie in dieser Region wächst der Mohn nirgendwo auf den Feldern. Aber die Inselmitte liegt ziemlich abseits von Touristenströmen. Hier wird noch mallorquinischer Alltag gelebt. Mallorcas Inselmitte ist eine ungeschminkte Schönheit mit verschlafenen Orten und beachtenswerten Sehenswürdigkeiten. Wenn wir den reißerischen Slogan: Mallorca – Ballermann versus Qualitätstourismus – verwenden wollen, sieht es für den Qualitätstourismus eher schlecht aus, nicht nur weil wir uns falsche Vorstellungen von dem Begriff „Qualität“ machen. Gerade in Bezug auf Mallorca. Beim Stichwort Mallorca denken vor allen Dingen die Vertreter der „Party-People“ (egal ob Party-People der letzten oder der heutigen Generation) an Sangria-Eimer am Strand, Jürgen Drews und betrunkene Partytouristen. Am berühmten Ballermann 6 gibt es keinerlei traditionelle mallorquinische Kultur mehr. Absolute Fehlanzeige. Hier gibt es Currywurst und Schnitzel und schon morgens um 10:00 Uhr (so spät war es bei meiner bisher einzigen Stippvisite an diesem Ort) derart viele betrunkene, gröhlende und schunkelnde Massen, dass es einem die Innenwände des Magens nach außen zu stülpen beginnt.

Einsamkeit an Islands Ufern

Der Tourismus ist der mit weitem Abstand wichtigste Wirtschaftszweig der Insel. Er macht 45 Prozent aller Einnahmen aus. Die negativen Folgen sind Süßwassermangel, ein immer dichter werdendes Autobahnnetz, Hotelanlagen und graue Betonklötze, die die Sandstrände säumen. Er zerstört die Natur – und dafür ist in erster Linie nicht einmal ausschließlich nur der Ballermann-Tourist verantwortlich. Vor allem der Qualitäts-Tourismus hinterlässt Spuren. Es sind derart viele luxuriöse Villen und Luxushotels entstanden, die von türkisfarbenen Süßwasserpools, parkartigen Gärten und weitläufigen Golfanlagen umrankt werden. Sie verdrängen die natürliche Umwelt der Insel immer stärker. Der sogenannte Qualitätstourist verbraucht erhebliche Mengen an Trinkwasser. Einem Bericht zufolge, den ich auf meiner bisher einzigen Bus-Wander-Reise auf diese Insel im Jahr 2018 gelesen habe, sollen es 1.200 Liter pro Person und Tag sein. Ein Einheimischer verbraucht nur etwa 60 Liter am Tag. Die Folgen dieser Übernutzung sind ernstzunehmende Probleme mit der Wasserversorgung. Mit Meerwasseraufbereitungsanlagen könnte man dem entgegenwirken, letztendlich wäre es aber nur eine Verlagerung des Problems: solche Anlagen sind enorme Energiefresser und blasen große Mengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre. Ein aktiv betriebener Umweltschutz auf der Insel würde eine starke Reduzierung der Touristenzahlen voraussetzen – und das wiederum wäre mit enormen Wirtschaftseinbußen verbunden. Da stellt man sich in Mallorca natürlich zweimal die Frage, ob sich Umweltschutz lohnt! Die teilweise kriminellen Machenschaften der Beharrungskräfte dort tun jedenfalls alles, um den Ausverkauf und die Zerstörung der Insel voran zu treiben. Und diese Kreise haben die Macht, ihre Wünsche gegen jede Vernunft durchzusetzen.

So weit ist es auf Island natürlich bisher nicht gekommen. Aber bei meiner letzten Reise dorthin im Jahre 2016 waren auch die entlegenen Regionen der Westfjorde, in die in früheren Jahren nur selten ein Tourist sich verirrte, über und übervoll. Die Hotels dort Monate im voraus ausgebucht und eine Schwemme von Bussen, Autos, Motorrädern und Wohnmobilen wälzte sich in die Einsamkeit hinein, die dadurch natürlich keine mehr war. Hier also brauchte der Mensch nicht mehr damit zu beginnen, etwas zu suchen, das er hätte zerstören können, nachdem er es fand. Das Gesuchte war bereits zerstört, auch wenn diese Entwicklung der Erhabenheit der Region im Prinzip nichts anhaben konnte. Dieses Ereignis am Goðafoss ist einer der wichtigsten Momente meines Lebens im Tourismus geworden, auch weil ich danach auch meine eigene Position in diesem Geschäft kritisch hinterfragte. Dieses Geschrei, diese Ignoranz dem Erhabenen gegenüber. Typisch Mensch halt? Wirklich? Ich hatte nicht das Gefühl, dass die dort in Massen ausgekübelten Menschen etwas mitnehmen konnten außer den Photos (Selfies) die sie gemacht hatten und dem Wissen, einen Haken auf der Landkarte hinter das Gesehene zu setzen und bei Bedarf zu Hause vollmundig zu verkünden, dass man dort schon gewesen sei, den Ort kenne. Typisch Mensch halt? Wirklich? Der auf dem „Russen“ mitreisende Bord-Photograph bellte ständig etwas in die Gegend, weil man ihm wohl aufgetragen hatte, von jedem Mitglied der gigantisch großen Reisegruppe ein persönliches Bild an der Kante der Klippe mit dem Fall der Götter im Hintergrund zu machen. Person um Person geleitete er zu diesem Platz. Die Lautstärke der menschlichen Stimmen beherrschte die Szenerie. Überall auf dem Gelände liefen junge Damen und wenige junge Herren umher und hielten Schildchen hoch, auf denen Nummer zu erkennen waren. Ja, so wusste in dieser außer Rand und Band geratenen Reisegesellschaft wenigstens jeder schnell wohin er gehörte. Ich schaue in solchen Situationen gerne nach dem positiven Rettungsanker! War denn irgendwo eine Mutter, die ihrem Kind die Blickrichtung zum Wasserfall wies? Vielleicht ein älteres Ehepaar, welches sich tastend den Weg nach vorne bahnte, eng umschlungen auch vielleicht? Irgend etwas Berührendes? Ich fand nichts davon. Nur wuselnde Hektik, lautes Geschnatter und totale Selbstvergessenheit, im Augenblick rauschhaft (und schnell) ersaufen, es überleben und weitereilen zum nächsten Event, zum Event, zum Event. Typisch Mensch halt? Wirklich? Nach etwas mehr als 30 Minuten war der ganze Spuck vorbei und es wäre sicherlich noch schneller gegangen, wenn die Zahl der Freiwilligen, die sich in einer Warteschlange beim Photographen für das Photo mit dem Wasserfall im Hintergrund angestellt hatten, nicht so groß gewesen wäre. L’apocalypse de l’homme, the apocalypse of man, l’apocalisse dell’uomo, die Apokalypse der Menschheit. Ich werde einen neuen Artikel anfangen müssen. Island hat mich offensichtlich mehr bewegt als es mir lieb gewesen ist? Die Erinnerung an meine jüngste Tochter und deren Ausbruch übergroßer Lebens- und Erkenntnisfreude an der Gletscherlagune Jökulsárlón weisen ja nun in dieselbe Richtung? Ich werde nun in meinen unermesslichen Archiven nach ein paar aussagekräftigen Bildern suchen. Die Welt dort draußen ist schön, aber offensichtlich sollten wir für eine ganze Weile aufhören, sie so zu besuchen wie in den letzten Jahrzehnten. Doch „wer“ darf denn dann noch reisen? Nur noch das Establishment, die upper Class? Es wird eine spannende Geschichte bleiben, die des Menschen sowie diese Abhandlung über Island. Ich werde meine Bestes geben. Demnächst geht es weiter.

3 Comments
  • Flory
    Posted at 08:09h, 18 Oktober Antworten

    Die Welt ist mehr als wunderschön und einzigartig!!!
    Leider denken zu wenige Menschen an die Aufbewahrung der Natur und schaden ihr sehr, sei es durch den Konsum, touristisch gesehen oder auch nur als Lebensstil…
    Es geht mehrheitlich um sich zu vergnügen und nicht um zu erkennen, dass das was uns beschert wird durch unser egoistisches Verhalten für alle Zeiten schaden.
    Die zukünftige Generationen werden es nicht mehr live erleben können, wie die Erde einmal aussah. Und wenn, dann wahrscheinlich auch nur virtuell.
    Durch solche wunderbaren Erzählungen werden sie vllt. dazu bewegt, das zu retten was noch gerettet werden kann
    Vielen Dank für die Nachdenklichkeit!!!
    Die Erde ist ein wunderbares Wesen, wie uns durch deine wunderschönen Bilder bewiesen wird.
    Ob ich diese unvergessliche Landschaft noch zu sehen bekomme n werde? Das würde ich mir wünschen!

  • Dagmar
    Posted at 18:40h, 25 Oktober Antworten

    …wie Du so richtig schreibst Roland:
    alles ist vergänglich, nichts bleibt wie es im Moment ist
    denn so ist das Universum und damit auch die von uns genannte “Erde”…
    aber wir schaffen es nicht darauf Frieden zu halten – gar diesen Lebensraum für Natur und darin uns Mensch zu bewahren
    und gleichzeitig die Überbevölkerung in den Griff zu bekommen –
    das dringendste Ziel unseres Verstandes!
    Gerade die Moderne mit all ihren Möglichkeiten schafft den Anreiz zur Überspannung und dahergehenden schleichenden und auch schnellen Vernichtung.
    Es ist auch mir oft nicht leicht Bewahren und Wollen in Einklang zu bringen…
    und so fühle auch ich dass das Stillhalten und Verlangsamen durch den Coronavirus uns ( zum Wohl der Erde )zwingt umzudenken…
    doch in mir glüht weiterhin die Schönheit der Erde im Erlebten und im mir ( bewußt egoistischen ) Wunsch ein möglichst rücksichtsvoller Reisender zu bleiben
    aber dabei begleiten mich

  • Dagmar
    Posted at 18:42h, 25 Oktober Antworten

    (…sorry…)
    sorgenvolle Gedanken!

Post A Comment

You don't have permission to register