Reisen in der Retrospektive – Island 1986 – 2016 – Teil 01

Reisen in der Retrospektive – Island 1986 – 2016 – Teil 01

Das trotzige Ende der Welt

Stille Schönheit gibt es auch auf Island. Aber eher selten!

Ich habe eine Weile überlegt! Eine ganze Weile lang sogar. Ob ich mit den Reiseberichten fortfahren soll oder nicht. Das Leben bietet schließlich auch in der Zeit der Herrschaft von Königin Corona viele Möglichkeiten und Anreize. Wenn man nicht im Automodus verblieben ist und sein Leben auf den Punkt genau so weiterlebt, wie es in der Zeit vorher war, bemerkt man schon, dass man über die Nachdenklichkeit in die Kreativität rutschen kann. Und je nachdem, wie die eigene Persönlichkeit gestrickt ist, tun sich dann viele Felder auf, in denen man tätig werden kann. Die Betonung liegt natürlich auf „kann“! Wenn man sich auf einen Austausch – auch wenn die Zahl der Leser/-innen sicher überschaubar ist – einlässt, dann muss man auch damit rechnen, dass es Reaktionen gibt. In meinem Fall: Reaktionen auf das Geschriebene. Es hat überwiegend Zuspruch gegeben in den letzten Monaten und nachdem ich nun eine längere Kreativpause eingelegt hatte, kamen auch vereinzelt Meldungen, ob ich denn darüber nachdenken würde, mit diesen Geschichten fortzufahren. Im Prinzip: ja! Aber ein bisschen ist das wie Radio Eriwan. Für diejenigen, die mit dem Begriff nichts anfangen können sei erklärt, dass es in der Stadt Erwian einmal einen Radiosender gab, der Witze über die Pannen des Sozialismus machte, wodurch diese um die Welt gingen. Doch der einst sprühende Humor dieses armenischen Senders wird heute durch eine rigide Staatsmacht und kühle Beziehungen zu den eigenen Nachbarn eingehegt.

Es war sicher nicht leicht, in den Zeiten des rigiden Sozialismus, eine Witzkultur zu etablieren. Trotzdem wurden die bei Radio Eriwan erfundenen Witze weltberühmt. Immer folgte auf eine scheinbar naive Frage aus dem Volk eine heikle Spitze auf die Parteikader, die Korruption oder die Mangelwirtschaft. Ein Beispiel war die Frage an Radio Eriwan, „ob man denn in der Sowjetunion sein Leben in vollen Zügen genießen könne?“ Die Antwort des Senders lautete: „Im Prinzip ja, aber es kommt auf die Bahnstrecke an.“ Im Prinzip könnte ich auf die Frage, ob ich denn mit diesen Reise-Geschichten fortfahren könnte, im „Radio-Eriwan-Prinzip“ beantworten: Klar könnte ich fortfahren, wenn ich wüsste wo! Die Welt ist groß und (noch) immer schön. Wer weiß es denn schon so genau, ob zukünftige Generationen die Welt noch so kennenlernen werden „können“, wie es die letzten Generationen tun konnten? Es sind Prozesse der Veränderung in Gang gekommen die auf einer erweiterten Erkenntnis beruhen. Wie sollen wir unsere globale „People-Party-Sause“ denn weiterführen wenn alles darauf hindeutet, dass der Mensch seine Lebensgrundlage, diesen Planeten auf dem alles wächst und gedeiht, zu zerstören im Begriff ist? Werden künftige Generationen dann nur noch vereinzelt und schlimmstenfalls kontrolliert die Welt bereisen können? Dann würde der Reiselektüre eine völlig neue Bedeutung zufallen! Nämlich die, dass man als Autor/-in den nachrückenden Menschen den globalen Zauber authentisch näherbringt, weil diese den Zauber nicht mehr persönlich erleben können.

Welches Thema also würde ich wählen sollen? Wenn man sich in der Ausübung verschiedener Berufe auf der Welt herumgetrieben hat, werden zwangsweise – je nach Erinnerungsvermögen – die Gedanken an das Erlebte zu einem Füllhorn der unerschöpflichen Möglichkeiten. Denn „Welt“ ist ja nicht nur außerhalb der Grenzen Europas, sondern auch gleich um die Ecke, sogar beim Weg zum einkaufen in den Markt im Nachbarort. Und Geschichten und die ach so wichtigen Begegnungen gibt es überall. Jederzeit. Aber als Schreiber hat man das Problem, dass auch die Motivation stimmen sollte. Ich schreibe hier nicht über die oft zitierte Schreibblockade, sondern um die Muße, „es“ überhaupt zu tun. Schreiben oder dichten, ohne der Muse Kuss, ist so ähnlich wie der Gang aufs Klo, ohne dass man muss! Und bitte nicht verwechseln! Die Muse wird heute oft mit der Muße verwechselt. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Muße und Muse. Die beiden Wörter haben eine andere Geschichte und eine ganz andere Etymologie. Die Bezeichnung „Muse“ stammt aus der griechischen Mythologie und klar ist, dass sich hier kein „ß“ im Laufe der Zeit in ein „s“ verwandelt hat. Beide Wörter haben eine andere Wortherkunft. Die Muße wird mit dem Begriff der freien Zeit verbunden und ist eine angemessene Gelegenheit (und bietet den Spielraum) seine Zeit nach Belieben zu gestalten. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes hat sich im Laufe der Zeit ins Gegenteil verkehrt. „Müßig sein“ ist heute eher abwertend gemeint. „Das ist müßig“ bedeutet eigentlich, dass die Sache überflüssig wäre. Muße sollte aber eine heitere, spielerische Gelassenheit beschreiben und sich in einem Spannungsfeld zwischen Konzentration und Entspannung entwickeln.

Muse hingegen erinnert an den Namen der griechischen Göttinnen der Kunst. Jeder kennt die Redewendung „von der Muse geküsst werden“. Und das genau bedeutet, zu künstlerischen Leistungen inspiriert zu werden. Man könnte im übertragenen Sinne auch schreiben, dass es ohne Muße keine Kunst gäbe! Denn für den Kuss der Muse oder die Inspiration brauchen Künstler/-innen Muße. Möglichkeiten, sich in eine Stimmung der Muße zu bringen, gab es in der tatenlosen Corona-Zeit zur Genüge. Und da sind wir wieder bei Radio Erwian! Im Prinzip wäre es möglich, jederzeit wieder in die Tastatur zu greifen und Reiseberichte zu verfassen, aber: die Welt ist doch so groß und der Geschichten gab es so unendlich viele. Italien kam mir immer wieder in den Sinn! Seit 1986 reiste ist regelmäßig als Journalist & Photograph, als Reise- & Studienreiseleiter, als Urlauber, als Busfahrer mit Reisegruppen in dieses an kulturellen Schätzen so volle Land. So viele „italienische Begegnungen“ hatte ich auch in meinem deutschen Alltag, da seit dem 20ten Dezember 1955, dem Tag an dem die die Bundesrepublik Deutschland das erste Anwerbeabkommen für Gastarbeiter aus Italien unterzeichnet hatte, so viele Italiener aus den strukturschwachen Regionen Apulien, Kampanien, Kalabrien und Sizilien nach Deutschland kamen, dass die „italienische Seite Deutschlands“ bis zum heutigen Tage einen festen Verankerungspunkt in den Beziehungen zwischen diesen Ländern darstellt. Das Thema erschien mir zu komplex und zu gewaltig zugleich. Spätestens zu der Zeit, als ich Recherchen über die diversen „Familien“ des Landes einholte und die komplexe Struktur der Mafia, der Cosa Nostra, der Ndrangheta oder der Camorra besser verstand und das Ausmaß der Einbindung dieser Organisationen begriff, wusste ich, dass es ganze Enzyklopädien werden würden, wenn ich Reise-Portraits über Italien schreiben würde. Und über die Mafia zu schreiben, birgt immer eine gewisse Gefahr für Leib und Leben!

Irgendwann vor zwei Tagen entschied ich mich für das „trotzige Ende der Welt“, wie die Wikinger Island bezeichneten. Auch die „Insel aus Feuer und Eis“ genannt, hat Island eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf die Menschen dieser Welt. Und auch wenn das für den sogenannten „Otto-Normalverbraucher“, der sich eine Reise in dieses teure Land, in dem alles gleich dreimal teurer ist als in Deutschland, sehr überheblich klingen mag: ich kenne Island wie meine Westentasche weil mir mein eigenes Schicksal gnädig war und mich seit 1986 immer wieder in der Ausübung verschiedener Berufe dorthin geführt hat. Denn nicht nur die Lebensmittelpreise sind in Island viel höher als in der EU, die gesamte Haushaltsführung ist in Island um 66 Prozent teurer als in Ländern der Europäischen Union. Fisch zum Beispiel ist dort teurer als in Ländern wie Ungarn oder Tschechien, obwohl diese Länder gar keine Küstenstaaten sind. Dabei hat sich die Sache schon etwas gebessert! 1986, bei meiner ersten Tour auf die Insel, habe ich mir in diversen Buchhandlungen neben der üblichen Literatur auch insgesamt fünf Landkarten gekauft, die ich für die Ausübung meines Jobs zu brauchen glaubte. Mit fast 50.- D-Mark pro Karte schlug der Kauf eine mächtige Beule in meinen Geldsäckel! Eine Beule nach Innen wohlgemerkt. Später habe ich diese Landkarten in der Buchhandlung Dausien in Hanau für 17,99 D-Mark pro Stück gefunden. Ein Unterschied von 30.- D-Mark pro Landkarte. Ich wunderte mich zu diesem Zeitpunkt aber schon nicht mehr darüber, weil ich die Selbsterhaltungskräfte eines kleinen Staates mit damals nur knapp über 300.000 Einwohnern verstanden hatte.

Lavawüsten, Mondlandschaft und Gletscher prägen die Insel

Im Vergleich, selbst mit den teuersten Ländern Europas, ragt Island deutlich heraus. Es ist alles noch teurer! Heute sieht es im Prinzip noch immer so aus: die Preise auf Island lagen letztes Jahr 17 Prozent höher als in Dänemark, welches im Jahr 2017 als das teuerste Land der EU ausgezeichnet wurde. Island hat es sogar geschafft, die Norweger zu übertreffen, obwohl Norwegen in der Regel als das teuerste Land auf dem europäischen Kontinent wahrgenommen wird. Island fehlt schlicht die Größe des nationalen Marktes. Viele isländische Unternehmen sind zu klein und in einer Welt, in der nur noch das Kapital zählt, zu unwirtschaftlich. Die Transportkosten allein können jedoch nicht immer dafür herhalten, dass der Preis auf Island höher ist als andernorts. Sogar der schon beschriebene Fisch ist auf Island teurer als in anderen Ländern, obwohl er erst einmal dorthin transportiert werden muss. Ganz offensichtlich stimmt da etwas nicht, wenn man sich bewusst macht, dass der Fisch nicht nach Island transportiert wird, sondern von dort exportiert wird! Wenn man sein Hotel in Reykjavík in der Nähe des Hafens hat und sich nicht als Morgenmuffel versteht, kann man gegen 05.00 Uhr erleben, dass kleine Kutter und Trawler mit dem besten Fisch der Welt in den Hafen kommen. Die Großmärkte und Fischauktionshallen liegen nicht weit davon entfernt, höchstens 500 Meter von den Anlegestellen weg. Trotzdem kostet der Fisch hier mehr als etwa in Ungarn oder Tschechien, beides Länder, die nicht am Meer liegen. Das ist also nicht den Transportkosten oder dem Einfuhrzoll zuzurechnen, sondern etwas anderem.

Die Preisgestaltung in den Läden, die zu ausländischen Ketten gehören, ist gelinde geschrieben unfassbar und würde dem Teil der Bevölkerung Deutschlands, der sich permanent auf „Schnäppchenjagd“ befindet, einen schweren Schnappatmungsanfall bescheren! Die Preise im Bauhaus oder im HM liegen um etwa 20 Prozent höher als im Ausland. Die Preisgestaltung in isländischen Restaurants ist so gestaltet, dass einen das Gefühl beschleicht, nur die finanziell gut gestellte „upper-class“ würde dort einkehren können. Vor allem für Getränke und Kleinigkeiten wie Cocktailsauce oder Zwiebeln zur Pizza werden extrem hohe Beträge verlangt, ohne dass dies auf den ersten Blick zu rechtfertigen ist. Der Trend, kleine Unternehmen und den lästigen Mittelstand zum Vorteil weniger Groß-Konzerne zu vernichten, der überall auf der Welt beobachtet werden kann, ist auch auf Island in vollem Gange! Bäckereien verlieren wegen als zu hoch empfundenen Preisen ihre Kunden an die Supermärkte, die ihre Backware Millionenfach aus Drittländern beziehen und den isländischen Markt überschwemmen. Bei meiner letzten Reise dorthin (2016) war noch nicht wirklich zu spüren, dass die Einheimischen in geringerer Zahl als zuvor in Restaurants und Cafés zu sehen waren, die Touristen aber konnten sich die Wahnsinnspreise (oder wollten?) bereits kaum noch leisten. Anfang Dezember letzten Jahres wurde ein Preisvergleich für Lebensmittel in den nordischen Ländern veröffentlicht, bei dem sich herausstellte, dass Lebensmittel in Reykjavík um 67 Prozent teurer waren als in Helsinki, und um 40 Prozent teurer als in Oslo.

Solche Statistiken mag ich, denn sie zeigen uns die Willkür auf! Isländer zahlen für Käse etwa 152 Prozent mehr als Menschen in Helsinki! Beim Gemüse lag der isländische Preis gar um 560 Prozent höher. Unterm Strich waren die veröffentlichten Ergebnisse nichts Neues und hatten sich seit 2006 kaum verändert. Island war auch damals schon das teuerste Land! Aber: die Preise lagen im Jahr 2006 nur um 3 Prozent über dem Wert von Oslo! Ein paar „Schock-Momente“ gefällig? Ein vorgefertigtes Sandwich kostet in den Fußgängerzonen Islands immer mehr als 10.- €, ein einzelner Teebeutel (das heiße Wasser dazu gibt es wenigstens kostenlos) kostet um die 4.- €. Eine Mahlzeit für zwei Personen in einem normalen Restaurant schlägt mit 80.- bis 100.- € zu Buche, während ein Bier in einem Pub in der Innenstadt während der regulären Öffnungszeiten für für 12.- € verkauft wird. Wer mit Begleitung in einem sehr guten Restaurant speisen möchte (wie das Fiskmarkaðurinn in der Nähe des Hafens) muss gleich mal mit 200.- € rechnen und dabei noch auf den Wein verzichten. Der Besuch von Island fühlt sich deshalb für viele Besucher so an, als ob man die ganze Zeit bei einem Händler in einem Flughafengebäude einkaufen würde. Aber: der Flughafen-Händler hat keine Vulkane zu bieten! Es gibt keine einzelne Erklärung für dieses Phänomen, es ist eine Kombination aus Politik, Wirtschaft und Geographie. Beginnen wir mit der Geographie: da Island nahe dem Polarkreis liegt, ist das Klima der Landwirtschaft nicht förderlich. Die Vegetationsperiode ist viel zu kurz. Die Isländer produzieren immerhin noch rund 65 Prozent ihrer Nahrungsmittel und Getränke selbst! Der Rest der Nahrungsmittel wird importiert. Das Gleiche gilt für die meisten anderen Waren, wie wir das ja aus den „Ketten“ ebenfalls kennen.

Die Kosten für den Import dieser Produkte – normalerweise aus Großbritannien, Deutschland, den USA und Norwegen – werden an den Verbraucher weitergegeben. Importierte Süßigkeiten und Alkohol unterliegen in Island ebenfalls einem Aufpreis. Die Landeswährung hält auch die Kosten hoch. Island wurde 2008 von einer Finanzkrise geplagt, bei der die drei Banken des Landes versagten und der Wert der Landeswährung, der Króna, abstürzte. Das Land hat – auch durch die Hilfe seiner „skandinavischen Brüder“ – eine wundersame Erholung erlebt. Seit 2009 ist die Krone gegenüber dem Euro um 40 Prozent im Wert gestiegen. Im Jahr 2017 wurde sie doch tatsächlich als die weltweit leistungsstärkste Währung eingestuft. Und die Steuern? Auch die Steuern tragen zu den hohen Kosten bei. Wie die meisten Länder hat Island eine Mehrwertsteuer, welche in Island 24 Prozent beträgt. Die Mehrwertsteuer für Lebensmittel wird mit einem Satz von 11 Prozent angegeben. Deutschland zum Beispiel hat (ohne Corona) eine Umsatzsteuer von 19 Prozent und auf Lebensmittel (auch ohne Corona) 7 Prozent. Der größte Kostenträger oder Kostenverursacher in Island ist aber der hohe erreichte Lebensstandard des Landes! In Island liegt das durchschnittliche Einkommen vor Steuern bei etwa 60.000.- €, das Durchschnittseinkommen liegt immerhin noch bei bei 47.000.- €. Solche fast schon sozialistische Gleichheit gibt es in anderen Ländern – nicht einmal im ansonsten doch sehr auf Brüderlichkeit getrimmten Rest-Skandinavien – nicht. In Island sind etwa 92 Prozent der arbeitenden Bevölkerung des Landes in einer Gewerkschaft organisiert. Besucher (gerade Amerikaner) müssen daher oft entsetzt feststellen, dass Niedriglöhne – insbesondere Arbeitsplätze in der Dienstleistungsbranche – mit viel höheren Löhnen verbunden sind und mehr Vorteile genießen. Der nationale Mindestlohn auf Island wurde mit 300.000 Kronen oder etwa 2.500.- € pro Monat festgelegt. Das entspricht 15.- € pro Stunde. Aber keiner sollte glauben, dass der Mensch mit dem Mindestlohn auf der Feuerinsel würde große Sprünge machen können! Durch das extrem hohe Preisniveau reichen 2.500.- € auf Island zu einem ähnlich üppigen Lebensstil wie der Bezug von Hartz IV in Deutschland. Nur das Klima im Umgang miteinander ist sozialer als bei uns in der BRD. Seit 2010 hat sich der Tourismus in Island verfünffacht. Mit einer wachsenden Anzahl von Menschen, die um ein begrenztes Warenangebot kämpfen, sind die Preise immer weiter gestiegen. Die heimtückische Angebots- und Nachfragekurve hat dort wieder zugeschlagen.

In Reykiavik leben die meisten Menschen

Exkurs: 2008 / Lehmann-Brothers Krise

Viele kleine Nationen wurden während dieser Krise, die uns im Prinzip aufgezeigt hat, das es mit unserem Lebensmodel des „Höher – Weiter – Schneller – Mehr“ nicht mehr so weitergehen kann, an den Rand des Staatsbankrotts geführt. Diese Krise hat Veränderungen in den kleineren Staaten ausgelöst, die – auch wenn uns suggeriert wird, dass diese Krise mit Bravour überwunden wurde – langfristige Veränderungen zum Nachteil dieser Staaten zur Folge hatte. Die Eigentumsverhältnisse an den Betrieben dieser Länder zum Beispiel änderten sich dergestalt, dass kaufkräftige ausländische Investoren dort Anteile oder gar Mehrheitsrechte erwarben. Island konnte den drohenden Bankrott gerade noch abwenden, auch weil die „skandinavischen Bruderstaaten“ wie Schweden oder Norwegen dem angeschlagenen kleinen Bruder mit Hilfsleistungen oder Schuldenerlass unter die Arme griffen. Aber Island war angeschlagen und musste seine Tore für die „Heuschrecken“ öffnen. Während ich bei meinen Touren über und durch das Land zwischen 1986 und 2013 niemals Reisegruppen aus China begegnet war, staunte ich bei der letzten Reise, die uns als Gruppe nicht nur in die entlegenen Westfjorde des Landes sondern auch ins von Lavaströmen (erkaltet) und Gletschern geprägte Inland führte, nicht schlecht darüber, dass die Anzahl der durchs Land reisenden Chinesen in Bussen und Kleingruppen derart groß war, dass man schon von einer Majorität hätte sprechen können. Die Lösung für diese Frage fand ich während eines Aufenthaltes an den Wasserfällen des Hraunfossar am Ende der Kaldidalur Hochlandstraße. Wie üblich hatten wir dort einen längeren Photo- und Spazierstopp eingelegt als mir die drei Busse mit asiatisch anmutenden Menschen auffielen. Da ich immer neugierig bin – und deshalb auch selten politisch korrekt – suchte ich das Gespräch mit einem der Herren aus der Gruppe, nachdem dieser mich gebeten hatte, mit seiner Kamera ein Bild von ihm und seiner Frau vor den Wasserfällen zu machen.

Der Hraunfossar am Ende der Kaldidalur Hochlandstraße

Unumwunden gab ich zu, dass ich darüber erstaunt sei, plötzlich so viele Menschen aus China als Reisende auf Island zu treffen. Der Mann klärte mich auf. Angeschlagene Länder – wie Island, welches frühzeitig in die Insel in den Strudel der Schuldenkrise geraten war, nachdem der aufgeblähte Bankensektor kollabiert war – werden gerne als „leichte Beute“ von den zu Investitionen bereiten Ländern wahrgenommen. Aus Island war nach chinesischer Meinung – Krisland geworden, welches nun auf neue Investitionen angewiesen war. Die Regierung Islands vereinbarte früh mit China einen sogenannten Währungs-Swap über eine halbe Milliarde Dollar. Mit Blick auf die umstrittenen Landkäufe und die teils beträchtlichen Beteiligungen Chinas an diversen Industriebetrieben des Landes teilte das Außenministerium Islands gerne mit, dass grundsätzlich ausländische Investitionen, die eben auch für die Stärkung des Tourismus gut wären, willkommen geheißen werden würden. Aha? Die Schwäche der Europäer ist einfach die Stärke der Chinesen. Das ist ebenso ein offenes Geheimnis wie die Tatsache, dass Investitionen oft mehr als einen Zweck verfolgen. So ist Island für China nicht nur als möglicher Stützpunkt vor Europa interessant – sondern auch ein möglicher Ausgangspunkt in die Arktis, wo zahlreiche Rohstoffe locken. Unter anderem werden dort rund 20 Prozent der noch nicht erschlossenen globalen Ölreserven vermutet. Mein Gesprächspartner – dessen Name ich tatsächlich vergessen habe – gab zu Protokoll, dass es keinerlei strategische Erwägungen für die Investoren aus China gegeben habe! Sein Chef hätte bereits seit den siebziger Jahren eine Verbindung mit Island, als er an der Universität in Peking das Zimmer mit einem Isländer teilte. Der deutsche Mittelständler kauft sich eine Finca auf Mallorca und der Wirtschaftschinese eben einen Industriebetrieb und eine paar Hundert Quadratkilometer Land.

Sein „Chef“ hätte zwar früher auch im chinesischen Informations- und Bauministerium gearbeitet und enge Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik seien in China die Regel, aber der Verdacht, dass die chinesische Regierung auch Industriespionage fördern würde, sei völlig unbegründet. China setzt seine bereits gewonnene wirtschaftliche Macht schlicht langsam immer offensiver ein. Und da man ja jetzt ein wirtschaftliches Standbein auf Island habe – erklärte mir mein Gesprächspartner – würde die Feuerinsel auch verstärkt in den Fokus des Interesses einer sich das leisten könnenden Mittel- und Oberschicht des Landes rücken! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Die Schwäche der Europäer ist also die Stärke der Chinesen. Jedenfalls verabschiedete sich der Mann samt Ehefrau und Gruppe mit einem freundlichen Lächeln von mir und fuhr davon. Die reisen ja auch ganz anders als wir, diese Asiaten! Ein Pensum, das sich eine deutsche Reisegruppe in 14 Tagen vorgenommen hat, absolvieren die Asiaten in der Regel in einer Woche! „Photoklick an go“ habe ich das immer genannt. Jedenfalls war Island in 2016 so voll wie nie zuvor! Der Anteil der im Land reisenden Chinesen war um mehrere Millionen Prozent gestiegen, was wohl daran liegt, dass es früher überhaupt keine Touristen aus diesem Land dort gegeben hat.

Ja Island ist teuer und es wird so bleiben, dass sich viele Menschen eine Reise dorthin niemals werden leisten können! Allerdings ist der Anteil derer, die ihre letzten Kröten zusammenkratzen um nach Island zu kommen, größer als bei anderen europäischen Reisezielen! Ich erinnere mich gerne an die Anfangsjahre in den mittleren und späteren 80ziger Jahren. Die Reisen dorthin absolvierten wir damals nicht (noch) per Flugzeug und Charterbus mit einheimischem Busfahrer und gegebenenfalls Reiseleiter! So eine „frühe“ Island-Reise dauerte in der Regel 16 – 18 Tage, weil wir mit eigenen Bussen auf dem Seeweg dorthin fuhren. Dazu nutzten wir die alte „Norröna“, die Fähre der Smyril-Line, die in wöchentlichem Rhythmus von Bergen in Norwegen mit Zwischenstation auf den Shetland Inseln (in der Nacht) und den Färöer Inseln (mit unterschiedlich langem Aufenthalt bei Tage) verkehrte. Dazu musste man erst einmal nach Bergen kommen, so dass eine längere Anreise nach und durch Süd-Norwegen nötig wurde. Seefest sollte man dabei schon sein, denn das Schiff war rund 48 Stunden unterwegs, bevor man in Islands Osten, in Seyðisfjörður wieder festen Boden unter die Füße bekam. Dabei erinnere ich mich nicht nur an den unvergleichlichen Blick bis zum Horizont, die Wellen, das Meer und den Himmel, den man vom offenen Deck aus hatte, sondern auch an die vielen Gelegenheiten, Seevögel zu beobachten oder mit etwas Glück vielleicht auch einen Wal zu sehen. Ich erinnere mich auch an die vielen Begegnungen mit Gleichgesinnten Naturfreunden, die individuell mit ihren Autos, Motorrädern oder Wohnmobilen die Überfahrt in Angriff genommen hatten und in der schlichten Bar oder auf dem Oberdeck schnell miteinander ins Gespräch kamen um ihrer jeweiligen Vorfreude Ausdruck zu verleihen. Die „alte“ Norröna wurde leider außer Dienst gestellt und eine „neue“ Norröna angeschafft! Im Inneren hat die neue MS Norröna den Gästen angeblich viel zu bieten, ganz besonders in gastronomischer Hinsicht. Und natürlich gibt es nun auch die verschiedensten Aktivitäten an Bord. Ich muss das vom Hörensagen schreiben, denn ich hatte noch nicht die Gelegenheit, die neue Fähre zu nutzen. Nach der Indienststellung hat die Smyril-Line nämlich die ohnehin schon hohen Preise für die Überfahrt nach Island schlicht verdoppelt, so dass es immer schwieriger werden dürfte Menschen dazu zu überzeugen, sich für 48 Stunden auf eine wackelige Seereise zu begeben, wenn der Preis den eines Flugtickets inkl. Anmietung eines Kleinwagens für 7 Tage bei weitem übertrifft.

Färöer Inseln, Tórshavn

Natürlich gab es auch besondere Erlebnisse auf diesem Schiff, die zu felsenfesten Lebenserinnerungen wurden! Viele davon. Die Norönna fährt ja von Bergen in Norwegen aus für die ersten 24 Stunden relativ moderat durch die Gewässer der Nordsee. Gut, auch die Nordsee kann stürmisch sein. Wer schon einmal eine Schifffahrt durch das Skagerrak gemacht hat (zum Beispiel auf dem Weg von Oslo nach Kiel oder umgekehrt) wird wissen, dass dort Wellen entstehen können, die einem gestandenen Mitteleuropäer die vornehme Blässe ins Gesicht und den Inhalt des Magens nach oben treiben können. Aber die Nordsee ist eine kleine Pfütze im Vergleich zum Atlantischen Ozean! Da sind Steigerungen des Unwohlseins möglich, die man sich kaum vorstellen mag, wenn man nicht über genügend Seefestigkeit verfügt! Bis zu den Färöer Inseln – so die Theorie – kann es demzufolge eine gemütliche Schifffahrt sein. Aber spätestens wenn die Fähre die Hauptstadt der Färöer Inseln, Tórshavn, verlässt und Kurs auf die Ostküste Islands nimmt, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. Wild gibt er sich in der Regel, der Atlantik! Der frühere Fahrplan sah so aus, dass man zur Mittagszeit auf den Färöer ankam, danach einen Landgang genoss oder sogar eine bis zu drei Stunden währende Rundfahrt auf der Hauptinsel in Angriff nehmen konnte. Am Nachmittag verließ die Fähre den Hafen und schipperte (erst einmal im Schutz der teilweise hohen Felsen der Inseln) weiter in westliche Richtung. Zu dieser Zeit mussten alle die das wollten, ihre Bestellung – verbunden mit der Bezahlung – des Abendessens in Buffet-Form abgegeben haben. Das war eine sündhaft teure Sache, dieses echte skandinavische Buffet auf der Fähre. Kostete 1986 bereits 50.- D-Mark pro Person. Trotzdem wollten das alle machen und griffen tief in ihre jeweiligen Geldbeutel. Auf dieser Überfahrt durfte ich etwas lernen, was zukünftigen Reisegruppen zum Vorteil geriet: Nimm niemals das Angebot an, den Kapitän mit deiner Gruppe auf der Brücke zu besuchen! Niemals!!

Natürlich kam dieses Angebot nicht vom Himmel gefallen. Einer der Herren aus der Gruppe bat mich darum zu erfragen, ob es denn möglich sei, der Brücke einen Besuch abzustatten. Als verantwortlicher Leiter der Gruppe habe ich mich natürlich darum gekümmert und unser vorgetragener Wunsch wurde berücksichtigt. Während die Norönna an den Flanken der Insel Streymoy entlang schipperte und fast alle noch auf dem Oberdeck standen um die überwältigende Masse an Seevögeln zu bestaunen, die an den bis zu 750 Meter steil aufragenden Felsen lebten, erreichte uns per Durchsage die Nachricht vom Kapitän, das sich die „deutsche Gruppe“ in einer Stunde für einen Besuch auf der Brücke bereithalten solle. Im Nachgang habe ich mich oft gefragt, ob der gesamte Verlauf der Besichtigungstour auf dem Schiff nicht einen für Viele besseren Verlauf genommen hätte, wenn die Gruppe sofort zur Brücke hätte hinauf gehen dürfen? Streymoy und seine Klippen neigte sich langsam dem Ende zu und am Horizont wurde – wie ein Silberstreif – der Atlantik langsam sichtbar. Kaum dass die Fähre den letzten Zipfel von Streymoy passiert hatte traf das Schiff eine starke Bewegungsenergie: sprich Welle. Entsetzte Blicke bei an anderen. Sollte das ein Treffer eines sowjetischen U-Bootes gewesen sein? War der damals noch existierende „kalte“ Krieg zwischen den Systemen ohne unser Wissen in die „heiße“ Phase gekommen? Es waren Wellen, meterhohe Wellen, so dass der Kahn von links nach rechts und wieder zurück geworfen wurde und gar manche/r fluchtartig das Oberdeck verließ, weil die schiere Körperkraft nicht mehr ausreichte um sich an der Reling festzuhalten. Dabei war prächtiges Wetter! Sonnenschein, blauer Himmel und nur ein leichtes Lüftchen regte sich. Trotzdem kam Welle auf Welle und machte aus dem 100 Meter Schiff offensichtlich mühelos einen Spielball der Elemente.

Die Zahl der Menschen auf dem Oberdeck dünnte sich merklich aus und als wir uns etwas später in der Lobby des Schiffes trafen – besser gesagt hätten treffen sollen – kamen von den insgesamt 22 Mitgliedern der Gruppe nur noch 12 Personen zusammen um den Gang zur Brücke am höchsten Punkt des Schiffes anzutreten. Die anderen hingen in ihren Kabinen bereits schwer in den Seilen und die pastellfarbenen Gesichtstöne der „unverzagten 12“ gaben auch nicht unbedingt Anlass zur Beruhigung. Von elfenbeinfarbenem weiß bis hin zu leichten lindgrün war alles dabei. Doch der inneren Pflicht und deutschen Tugenden folgend ging es trotz alledem hinauf und weiter hinauf. Je höher wir kamen desto geringer wurde die Zahl derer, die die Brücke überhaupt noch erreichen wollten. Würgende Geräusche kamen nun hinzu und ich erinnere mich noch an die Mahnung der uns zur Brücke führenden Dame aus dem Service-Bereich, dass alle auf die Windrichtung achten sollten, falls sie sich übergeben müssten, denn es wäre wenig sinnvoll, gegen den Wind zu kotzen. Im Prinzip ein vernünftiger Ansatz! Es waren noch 6 Personen, die die Brücke erreichten. Auf dem 12ten Deck, weit oberhalb des Meeresspiegels standen hier wohl die wahren Helden dieser Welt? Selbst mir wurde leicht schummrig. Das waren aber auch Seitenbewegungen von Seitenbewegungen einer Seitenbewegung! Wahnsinn. Die Wellen wurden höher, die Schlingerbewegungen der Fähre stärker, der Wind frischte auf und ich dachte, dass wir wohl nun bald alle gemeinsam zum Grunde des Meeres fahren würden.

Was der Kapitän nach seinen Begrüßungsworten noch so gesagt hat, weiß von unserer Mannschaft sicher keiner mehr. Wenn diese Worte überhaupt ihren Weg über die Gehörmuschel zum Stammhirn fanden. Alles im Inneren war im Überlebenskampf angekommen. Nach nur fünf Minuten unterbrachen wir unsere gut gemeinte Aktion, als die letzte der Damen, die ihren Weg bis nach oben unter Brechreiz genommen hatte, sich spontan und ausgiebig erbrach und mit dem übel riechenden Sekret nicht nur ihren ihr Zuhilfe eilenden Mann von oben bis unten mit Gülle verzierte, sondern auch noch das kleine Tischchen neben ihr unschön beckleckerte. Das war gegen 17:00 Uhr und um 19:00 würde das Restaurant, dessen Betreiber ja bereits allen Personen die 50.- D-Mark Teilnahmegebühr abgeknöpft hatten, seine Pforten öffnen. Ich war fest entschlossen und zum Glück auch kein bisschen seekrank. Im vorgerückten Alter denke ich oft darüber nach, welches Geschenk ich da von der Natur erhielt. In wildesten Wassern und größter Schaukelei einfach sein Leben so weiterleben zu können als stünde man zuhause auf felsenfestem Grund erscheint mir heute eine treffliche Gabe zu sein. Offensichtlich wirken da starke Gene in meinem Inneren? Denn diese „Gabe“ habe ich auch an meine Töchter vererbt. Wie oft standen wir lachend im Sturm am Oberdeck eines Schiffes und belustigten uns über die vielen grünen und weißen Gesichter. Mit meinem Sohn bin ich allerdings noch nie auf einem Schiff gewesen. Hier sollte demnächst herausgefunden werden, ob er dieses schaukel-resistente Gen ebenfalls empfangen hat.

Als um 18:59 Uhr noch niemand aus der Gruppe am Restaurant erschienen war, dachte ich mir meinen Teil. Auch unter den anderen Mitreisenden gab es wohl hohe Verluste zu beklagen? Auf jeden Fall hatten sich nur etwa ein Dutzend Leute vor dem Lokal versammelt um sich bald darauf an den gereichten Köstlichkeiten zu laben. Im Inneren des großen Speisesaales herrschte eine schon fast gespenstische Stimmung. Da warteten geschätzte 300 Plätze darauf, von schnatternden, gut gelaunten Island-Reisenden belegt zu werden. Von dem Dutzend, das den Weg ins Innere des Restaurants gefunden hatte, gaben zumindest zwei schnell wieder auf und eilten mit unterschiedlichen Gesichtsfarben zu ihren Kabinen zurück. Den Selbsterhaltungstrieb dabei auf Nahkampfmodus geschaltet. Meine Gäste taten mir leid, sie hatten unanständig viel (ich wusste noch nicht, wie teuer Island schon damals war) Geld für die Teilnahme bezahlt, sollten sie nicht fairerweise etwas zurück erstattet bekommen? Ich fragte nach (höflich) und mir wurde übermittelt (ebenfalls höflich), dass das leider nicht möglich sei, da das Buffet ja genau auf die Zahl der Gäste die bestellt hätten abgestimmt worden wäre. Da könne man leider nichts machen. Man gab mir noch zu verstehen, dass das Leid des einen die Freud des anderen wäre. Ich wäre ja jetzt sozusagen „des anderen“ und könnte mich für 22 Personen am Buffet bedienen. Schöner Versuch, aber auch in meinen besten Zeiten konnte ich maximal für vier Personen essen, lediglich beim Nachtisch reichte es mitunter für 10 und wenn er sehr gut war, der Nachtisch, dann auch mal für 12 Leute. Aber diese Zeiten sind schon sehr, sehr lange vorbei. Leider!

Für mein persönliches Buffet-Erlebnis hatte ich mir so einiges vorgenommen! Nicht wenige Menschen haben ja Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Etliche haben auch Angst, aus gewohnten kulinarischen Bahnen auszubrechen und etwas auszuprobieren, das sie nicht kennen. Die meisten Menschen wollen doch stets auf Nummer sicher gehen. Für mich ist der Wandel das einzig beständige in unseren Leben. Da muss man auch offen für neue Dinge sein! Wenn Veränderung etwas ist, wovor man zurückschreckt, hat man wesentliche Impulse für ein befreiendes und erfülltes Leben ausgeblendet. Ich kenne viele Leute die immer nur die gleiche Art Bücher lesen oder immer nur die gleiche Art von Musik hören. Meistens haben sie diese Vorlieben in der Jugendzeit entwickelt und leben diese Vorlieben noch heute aus. Steckt da vielleicht eine irrationale Angst zu versagen dahinter? Dem Neuen, dem anderen nicht gewachsen zu sein und untergebuttert zu werden? Solche Leute probieren auch nie neue Speisen aus. Nicht weil sie das fremdartige Essen nicht mögen. Nein, weil das Unbekannte bedrohlich für sie ist. Ich persönlich habe mich niemals dazu entschlossen, ein erfülltes Leben zu führen, auch weil ich nicht wusste, wie so ein erfülltes Leben aussehen soll. Aber ich war immer auf der Suche nach dem Neuen und Unbekannten um mich selbst zu vervollkommnen. Für mich lag auch in den Gerüchen dieses Bordrestaurants etwas Neues und Unbekanntes, gar etwas Faszinierendes und Spannendes. Ich war – natürlich nie komplett unvoreingenommen – von dem Neuen begeistert und immer bereit, es auszuprobieren. Wenn wir nicht außerfahrplanmäßige Wege gehen, die die Möglichkeit neuer Erfahrungen in sich bergen, dann ist unser Leben doch fade und eintönig? Wer nicht offen ist für neue Erfahrungen, der lebt dann zwar genau nach Fahrplan, dieser geht jedoch am Leben vorbei. Da schimmert die Systemrelevanz hindurch!

Ich wollte all diese neuen Köstlichkeiten probieren und war sehr auf den gebratenen Papageitaucher gespannt. Die lebten ja zu Millionen an den Küsten Islands und auch der Färöer Inseln und die dortigen Bewohner aßen die possierlichen Tierchen seit Generationen mit Begeisterung. Und nur weil sie putzig aussehen und die Lieblinge der Besucher aus aller Welt sind soll man sie nicht essen dürfen? Das hätte ich für nicht gerechtfertigt gehalten! „All beauty must die“ und wenn es in meiner Magengrube endet. Ich hätte allerdings in umgekehrter Reihenfolge verfahren sollen: erst die Massen an Lachsgerichten und Meeresfrüchten verspeisen, später zu dem Rentier-Braten wechseln und die Elch-Salami verkosten um mich dann eines kompletten Papageitauchers anzunehmen. Aber ich war so neugierig auf meinen „ersten“ Papageitaucher den ich verspeisen würde, dass nichts und niemand mich aufhalten konnte. Gebraten sehen die Teile übrigens nicht einmal ansatzweise mehr so schön aus wie lebend im Federkleid! Wie eine zu klein geratene Ente oder ein Huhn wirkte er auf mich. Er guckte mich nicht an, seine Augen waren entfernt. Sonst aber war alles da: Beinchen, Flügelchen, Köpfchen und so weiter. Aber einen irritierenden Geruch verströmte der zu seinen Lebzeiten sicher sehr anschauliche Kerl. Nun ja, Leichen riechen selten gut, auch wenn sie gebacken sind. Aber ich konnte die immer wiederkehrende Imagination einer Petroleumlampe nicht abstreifen, während ich mit meiner „Beute“ zu meinem Platz zurück ging. Petroleumlampe? War da nicht auch eine Spur Öltanker dabei? Ich wurde stutzig! Wenn man aber kein fades und eintöniges Leben leben will, muss man seine olfaktorischen Bedenken auch mal beiseite schieben! Ich hielt die Luft an und biss in das Tierchen! Und was machte das Tierchen? Es biss mich umgehend zurück!

Auch tote Papageitaucher können gefährlich werden.

Natürlich nicht so, als dass es seinen Schnabel vor Schmerzen und Entsetzen geöffnet hätte. Es spreizte auch nicht seine gebackenen Flügelchen oder strampelte gar wild mit den Beinchen! Nein, der kleine Papageitaucher war definitiv tot und gebraten. Sein „Biss“ ist im übertragenen Sinne zu verstehen! Er spülte mir eine Ladung Petroleum oder wenigstens Lampenöl derart tief in den Mundraum, dass augenblicklich Brechreiz einsetzte. Behend entfernte ich das Stückchen Beinfleisch aus meinem Mund, indem ich es in weitem, geschweiften Bogen im Halbrund auf den Tisch zurück spuckte. Bäh! Was für ein widerlicher Brocken! Es war mir vollkommen egal, ob mich jemand bei meinem Tun beobachtete. Ich wollte schlicht überleben und Island noch bei guter Gesundheit erreichen. Gut, man hatte mir gesagt, dass das Fleisch eines Papageitauchers ein „wenig“ tranig schmecken würde. Ich hatte in meiner Unerfahrenheit aber dieses „tranige“ im Bereich von Walfleisch verortet, welches ich wenigstens schon in Norwegen zuvor einmal probiert hatte. Das schmeckte schon scheußlich! Aber das hier war der Gipfelpunkt der kulinarischen Unverträglichkeit. Es grenzte förmlich an Körperverletzung. Und der Geschmack des Öls wollte und wollte nicht vergehen, egal wie viele Gläser köstlichen Wassers ich meine Kehle hinunter laufen ließ. Mit dem Versuch, einen Papageitaucher zu essen, verhagelte ich mir für diesen Abend die kulinarischen Finessen dieses Buffets! Dem Ozean getrotzt, die Wellen ausgeblendet, sich dann in einem fast leeren Fress-Saal zur Orgie eingefunden und dann von einem kleinen Papageitaucher ausgebremst. So kann das Leben laufen. Appetit auf andere Speisen hatte ich danach jedenfalls nicht mehr und fühlte mich auch mehr als je zuvor anfällig dafür, am Ende doch noch von der Seekrankheit heimgesucht zu werden.

So sind wir noch immer unterwegs, noch immer nicht auf Island angekommen. Dabei gäbe es so viel zu berichten und Geschichten zu erzählen. Beeindruckende Länder im Norden gibt es ja viele, je nachdem ob man sich eher selbst als „südlichen“ oder als „nördlichen“ Typ bezeichnet. Nicht auf Ethnie oder Herkunft bezogen, sondern auf die innere Einstellung dem Reisen gegenüber. 1986 folgte auch ich dem Ruf der „Insel aus Feuer und Eis“, als welche Island zum größten Teil auf der Welt vermarktet wurde (und wird). Ich müsste also nun ein Land vorstellen, dass mich ganz besonders verzaubert hat. Anders als alle andere skandinavischen Länder, anders auch als Schottland oder Neuseeland. Dass ich als relativ junger Mann bereits damit beauftragt wurde, diese extrem exotische Insel als verantwortlicher Reisebegleiter und Busfahrer mit einer Reisegruppe zu besuchen, lag auch sicher daran, dass ich mich dem „Neuen“ gegenüber immer gut angestellt hatte und zudem noch der englischen Sprache mächtig war. Im Vorfeld hatte ich fleißig Literatur gewälzt und wusste, dass Island mit rund 103.000 Quadratkilometern der zweitgrößte Inselstaat Europas war und eine atemberaubende, einzigartige Natur und Landschaft zu bieten hatte. Dass Island im Prinzip eine Vulkaninsel war und in übergroßer Mehrheit aus Lavawüsten und Ödland bestand, wusste ich ebenfalls. Das es dort die größten Gletscher Europas gab, neben denen selbst die Riesen-Gletscher Norwegens wie Zwerge wirken, war mir ebenfalls bekannt. Aber dass das Zusammenspiel all dieser Erscheinungen einen regelrecht aus den Socken hauen konnte, ahnte ich nicht einmal ansatzweise. Als ich mich später zu einem Island-Vortrags-Referenten entwickelt hatte, verwendete ich gerne den Spruch, dass die Natur in Norwegen möglicherweise ihren Meisterbrief bereits „gemacht“ hat, dass dieselbe Natur diesen Meisterbrief auf Island aber gerade „machen“ würde.

Islands Hochlandstraßen sind nur für geübte Fahrer/-innen

Traumhafte Fjorde, beeindruckende Wasserfälle und viele schöne Seen gehören genauso zu den außerordentlichen Naturkontrasten wie die Lavalandschaften mit dampfenden heißen Quellen und Geysiren. Die Hauptstadt Reykjavik liegt im Südwesten, wo etwa zwei Drittel der isländischen Bevölkerung lebt. Schon die ersten Momente, in denen unsere „Norönna“ Fähre durch den an dieser Stelle etwa 10 Kilometer langen Fjord fuhr, können als „magisch“ bezeichnet werden. Der Erhabenheit der Natur näher zu kommen wird in den übervölkerten Gebieten Europas immer schwieriger. Hier aber, im extrem dünn besiedelten Island ist diese Begegnung noch fast überall möglich. Unvergessen diese Schleichfahrt der Fähre mit gedrosseltem Antrieb, so dass man den Wind streichen hören konnte. Das Echo der Klippenvögel, die weit oben in den Bergen ihre Nester hatten drang bis zu uns hinunter. Welch eine Erhabenheit. Ach wenn Friedrich Schiller doch nur in vollem Umfang Recht gehabt hätte und verstanden worden wäre als er über das Erhabene schrieb! Fatalerweise glaubte Schiller, dass die gesamte Natur, und damit auch der Mensch, von der Vernunft geprägt sei und dass nur der Wille den Menschen vom Rest der Natur unterscheiden würde. Das Erleiden von Gewalt, das den freien Willen aufhebt, würde deshalb den Keim des Menschseins gefährden. Ein interessanter Aspekt in Zeiten der Umweltzerstörung durch gerade diesen menschlichen Willen, der den Menschen vom Rest der Natur unterscheidet. Aber wer liest schon Schiller, geschweige denn, versteht ihn noch?

Landschaft im Osten Islands

Sicherlich werde ich noch ein oder zwei Artikel zu Island schreiben müssen. Auf den ersten beiden Rundreisen hatten wir jeweils eine einheimische isländische Reiseleitung dabei. Beide Damen warteten in Seyðisfjörður darauf, das die Fähre ankommen und sie ihre Gäste würden in Empfang nehmen können. Auf der ersten Reise stand dort ein isländisches Bilderbuch-Mädel, so wie man sich eine typische Isländerin vorstellte, obwohl es gar keine typischen Isländer/-innen gibt. Jóna Friðriksdóttir war ihr Name und sie prägte mein Island-Verständnis in den folgenden 8 Tagen so sehr, dass es mich bis heute bewegt. Ein Jahr später war es Karen Erlingsdóttir die unsere Gruppe begleitete und danach habe ich nie wieder eine einheimische Reiseleitung gebraucht. Ich lerne schnell und wenn sich ein Land meiner so schnell bemächtigt wie Island das tat, dann sauge ich Fakten und Informationen, Geschichten und Geschichtchen sowie Begegnungen förmlich auf. Deshalb will ich den ersten Teil der möglichen „Island-Trilogie“ auch mit einer besonderen Geschichte abschließen. Eine Geschichte, die durch die isländischen Medien ging, weil sie einzigartig und nicht ganz ungefährlich war.

Die langen und umfangreichen Reisen mit Fähre und „deutschem“ Bus nach Island waren irgendwann vorbei. Auch Island war – so weit das bei der teuren Insel möglich war – in den Sog des alles vernichtenden „Billich-Willich-Wahns“ geraten. Günstige Flugreisen mit vier Übernachtungen im Flughafen-Hotel von Reykjavík und täglichen Ausflügen ins das unmittelbare Umland gab es um 1985 bereits für unter 1.000.- D-Mark. Im Vergleich zu einer dreimal so teuren Busreise gab es da natürlich viel Erregungspotential für Sparfüchse und nachdem wir 1989 zum vierten und bis heute letzten Mal eine umfangreiche Bus-Schiffs-Tour nach Island zusammen bekamen, wurde die Buchungssituation ab 1990 so schlecht, dass die erste Flugreise dorthin erfolgte. Die Flugreise mit angemietetem Kleinbus (den ich dann auch selber fahren durfte) bot zwar auf der Insel selbst ein paar kleine Vorteile (man konnte dann auch 10 oder 11 Tage dort bleiben während man bei der Fähre im Umweg über Norwegen immer nur 8 oder 15 oder 22 Tage hätte bleiben können/müssen), aber durch den Verlust der Anreise mit den Inseln im Atlantik blieb mir immer ein fader Beigeschmack. Gerne würde ich noch einmal intensiv nach Island Reisen. Ob das aber möglich sein wird? Die Hoffnung stirbt auch in diesem Fall zuletzt. Das in ganz Island heiß diskutierte Ereignis spielte sich 1998 in Form eines Dramas mit romantischen Anklängen an der Südküste ab und nicht nur meine Reisegruppe (17 Personen / Flugreise) war involviert, sondern weitere 62 Personen waren Teil dieses Dramas, welches ich von allen Island-Erlebnissen sicher an die erste Stelle stellen würde. Auch weil es uns zeigt, wie klein, wie schwach und wie im Prinzip unbedeutend wir Menschen sind. Trotz unseres Größenwahns!

96% aller Island Reisen beginnen in der Hauptstadt

Die Reise an sich war nicht mehr und nicht weniger spektakulär als die Rundreisen vergangener Jahre. War die Gruppe kleiner als 10 Personen, mieteten wir am Flughafen in Keflavík immer einen Mini-Bus, den ich selbst fahren und die Reise danach kreativ gestalten konnte. War die Gruppe größer als 10 Personen musste ein größerer Bus samt Fahrer angemietet werden. So war es auch in jenem August 1998. Natürlich lernen sich die Mitglieder einer solchen Reisegruppe besser kennen, wenn sie gemeinsam durch ein solches Land fahren und von der exotischen Natur geradezu benebelt werden an Sinnen. Es war seit einiger Zeit Sitte, dass die Mitreisenden am letzten Tag des Aufenthaltes auf Island einen Tag zur freien Gestaltung hatten. Entweder blieben sie in Reykjavík, shoppten oder bummelten, oder sie fuhren für verdammt viel Geld mit dem öffentlichen Bus zur weltberühmten „Blauen Lagune“ (ein Thermalfreibad bei Grindavík) oder sie gaben noch viel mehr Geld aus und buchten eine Exkursion zu den vor der Südküste gelegenen und nicht minder bekannten Vestmannaeyjar Inseln. Dort konnte man aufgrund der Kürze der Zeit natürlich nur die Hauptinsel Heimaey besuchen, aber in der Verbindung mit einer Flug-Anreise, einer geführten Bustour über die Insel, einem Bootsausflug um die Insel herum und dem Rückflug nach Reykjavík erlebte man schon höllisch viel für sein „verdammt viel Geld“. In dieser beschriebenen Reisegruppe befand sich auch ein Ehepaar aus Franken mit seiner einzigen Tochter. Der Mann war Bauunternehmer und konnte es sich wohl leisten, sowohl für sich und seine Frau als auch für seine erwachsene Tochter diese Reise zu bezahlen? Manchen Bauunternehmern soll es ja garnicht so schlecht gehen? Die junge Frau war mehr oder weniger immer im Schatten ihrer Eltern, sehr schüchtern, was sicher auch daran lag, dass ihre äußere Erscheinung nicht dazu dienlich sein konnte, sie als „Traumfrau“ oder „Sex-Symbol“ zu verstehen. Beim Gespräch, welches ich immer wieder suchte, blickte sie nie in meine Augen und wirkte auch ansonsten komplett verschüchtert. Ich kann mich auch daran erinnern, dass sie ein Sprach-Problem hatte, aber was sollte es denn? Für mich haben alle Menschen den absolut selben Wert! Jenseits von individueller Sympathie oder Antipathie haben alle den absolut selben Wert.

Wunschbrunnen im Thingvellir-Nationalpark

Im Thingvellir-Nationalpark hatten wir ein lustiges Erlebnis, als wir an einem Wunschbrunnen standen und am Grund des etwa drei Meter tiefen Wasser die silbernen und goldenen Münzen schön mit dem Blau des Wassers und dem Grün der Algen und Gewächsen an den Rändern kontrastierten. Die Tochter des Bauunternehmers wollte wissen, ob das denn wirklich so sei, dass sich Wünsche erfüllen, wenn man eine Münze hineinwirft und danach fest daran glaubt? Ich bejahte es mit der Begründung, dass alle Isländer/-innen das glauben würden und dass dann, wenn die Einheimischen so verfahren würden, ja auch was dran sein müsse an der Geschichte. Ich erinnere mich noch, dass ein Lächeln über ihr Gesicht huschte als sie nach ihrer Geldbörse zu kramen begann um nach einer Münze zu suchen. Der Vorfall geriet mir im Laufe der folgenden Tage natürlich wieder aus dem Gedächtnis. Am vorletzten Tag der Reise nahm ich die Bestellungen der Gäste für die verschiedenen Ausflugsoptionen auf. 14 Personen wollten sich trotz des stolzen Preises den Ausflug zu den Vestmannaeyjar Inseln gönnen. Der Ausflug war im Prinzip nur aus einem Grund riskant: die Wettersituation in Island kann sehr schnell wechseln und wenn man dann auf einer vorgelagerten Insel fest saß, weil es keinen Rückflug in die Hauptstadt gab, würde man auch den in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages erfolgenden Heimflug verpassen. Nicht wirklich dramatisch, aber es wäre mit nicht unerheblichen Unkosten verbunden gewesen. Da ich aber diesen Ausflug am letzten Tag der Island-Reise schon mehrfach begleitet hatte und niemals etwas schief gegangen war, riet ich dazu, den Schritt zu wagen und die Exkursion zu buchen.

Landschaft im Süden 01
Landschaft im Süden 02

Alles lief prächtig am nächsten Morgen. Bei Bilderbuchwetter wurden wir mit einem Transferbus am Hotel abgeholt und zu dem kleinen Flugzeug gebracht, welches auf dem Stadtflughafen von Reykjavík starten konnte. Etwa 40 Sitzplätze hatte das Flugzeug und war damit erheblich größer als die Flieger vergangener Jahre, in denen nur etwa 5 oder 6 Personen Platz gefunden hatten. Ein Start wie aus dem Lehrbuch und bald schon zogen die einzigartigen isländischen Lava-Landschaften unter uns an unseren Augen vorüber. Dann ein kurzer Moment, im dem das Blau des Meeres den Ton angab, als der Überflug über das Wasser begann und nur wenige Minuten später konnte man die Erhebungen der Hauptinsel Heimaey erkennen und beim Landeanflug auf den kleinen Flughafen auch einen Blick auf die erst am 14. November 1963 in einer Ausbruchsserie entstandene Vulkaninsel Surtsey erhaschen. Nach der Landung kam der Bus mit deutschsprachiger, einheimischer Reiseleitung und schon ging es bei bestem Wetter und Windstille über die Insel mit einigen Stopps und Spaziergängen. Nach dem Ende der Bus-Tour durften sich alle für eine Stunde im Hauptort verpflegen und dann ging es auf das relativ kleine Ausflugsboot – wohlgemerkt im Sonnenschein. Die tägliche Einnahme durch die Ausflugsgäste ist für die Bewohner dort natürlich von großer Bedeutung. Aber wie groß diese Bedeutung war, konnte ich in den nächsten Stunden erst erfahren. Den Betreiber/Besitzer des kleinen Bootes kannte ich seit Jahren. Er hieß Pal und war auch so ein typischer Isländer, auch wenn es gar keine typischen Isländer gibt. Pal war auch in den Jahren zuvor schon immer unser Skipper und auch wenn ich die gewaltige Natur die sich auf dieser Umrundung der Insel bot, schon kannte, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, auch nur einen winzigen Moment davon zu verschlafen. Ich wurde aber bei dieser Fahrt das Gefühl nicht los, dass Pal es etwas eiliger hatte als normalerweise üblich! Das Boot war zwar ein neues, aber der Motor lief lauter als ich es in meiner Erinnerung gespeichert hatte und die Plätze, an denen wir bei früheren Exkursionen länger verweilt hatten, zogen im Schweinsgalopp vorbei.

Blick auf die Hauptstadt der Inseln

Mir passte das nicht, da ich das Gefühl hatte, dass den Gästen etwas verloren ging bei dieser Hetzerei, auch wenn niemand klagte, denn alle anderen hatten ja den Vergleich nicht und waren zum ersten Mal hier. Als ich meine Frage nach der gefühlten Eile geendet hatte, sah mich Pal kurz an und meinte nur, dass er sich etwas beeilen müsse, weil eine Schlechtwetter-Front aufziehen würde und er gerne gewährleisten wolle, dass alle die Insel umrunden, rechtzeitig zum Flugzeug kommen und auch noch ausgeflogen werden können. Aha! Deshalb also die Eile! Gut, diese Entscheidung ergab Sinn, also weiter im Schweinsgalopp um die Insel herum. Ganz im Nordwesten der Hauptinsel liegt ein großartiger landschaftlicher Höhepunkt, die Halbinsel Stafsnes. Dort sind die Lava Formationen besonders bizarr und in der Regel fliegen Tausende von Seevögeln umher. Normalerweise hielt Pal das Boot dort immer kurz an, damit die Insassen den Blick auf die steil aufragende Klippe, die vielen Tausend Vögel und die Fernsicht über die spektakuläre Mini-Inseln zum Festland hin genießen konnten. Normalerweise! Aber heute war ja irgendetwas nicht normal! Wir huschten an all der Pracht vorbei und das kleine Boot machte mächtige Bocksprünge dabei. Als wir um die Ecke fuhren und erstmalig einen Blick an der Westküste entlang in Richtung Surtsey hatten, fuhr mir ein Schrecken in die Glieder. Dort am Horizont – und ich werde nie müde zu betonen, dass mich dieser Moment an das Gedicht „Rungholt“ erinnerte in dem es an einer Stelle heißt „Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen kommen wie rasende Rosse geflogen“ – war alles rabenschwarz! Nicht nur dunkel, es war schlicht schwarz. Und wer gute Augen hatte (hatte ich damals noch) der konnte die gischtenden Wogen unter dem Schwarz erkennen. Pal drehte den Kahn sofort um und ließ noch kurz über die Lautsprecheranlage verkünden, dass wir leider umdrehen müssten, da das Wetter schneller kippen würde als vorausgesagt. Und obwohl es nur etwa 15 Minuten bis zum Hafen waren, holten uns die „langmähnigen Wogen wie rasende Rosse“ ein. Als wir im Hafen das Boot verließen war der Himmel Schwarz wie die Nacht und es fluteten die Regenmassen vom Himmel herab, die von heftigsten Winden begleitet wurden. Der Flughafen wurde umgehend geschlossen und alle Flüge storniert!

Da saßen wir nun, gefangen in der kleinen Eingangshalle des Provinzflughafens und warteten auf unser Ende. Wann hatte sich hier die Erde zum letzten Mal geöffnet? Am 23. Januar 1973 war das und bis heute waren ja schon wieder 25 Jahre vergangen! Wäre doch ein schönes Jubiläum, wenn genau jetzt die Natur die Sau wieder rauslassen würde? Da auch einige Amerikaner/-innen und Briten in der Gruppe der Gefangenen waren, die wohl allesamt wegen dringender Termine am nächsten Tag die Heimreise antreten wollten, wurden Rettungspläne diskutiert und wieder verworfen. Die einzige Möglichkeit, wieder rüber auf das isländische Festland zu kommen, wäre eine Bootsfahrt gewesen. Sicherlich eine stark unangenehme Bootsfahrt, denn mittlerweile tobten 10 Meter hohe Wellen draußen auf dem Meer. Was also, sollte getan werden? Die Rettung nahte in Form von Pal, dem Eigner des kleinen Bootes. Nach kurzer Diskussion verkündete er in der Eingangshalle, dass er bereit wäre, die festsitzenden Passagiere gegen Zahlung von 200.- D-Mark pro Person auf´s Festland zu bringen. Er hätte aber nur 40 Plätze zu vergeben, da aufgrund des stürmischen Wetters alle Passagiere im Unterdeck bleiben müssten. Heissa, war das eine Goldgrube für Pal! Er hatte sein flottes neues Boot ja erst zwei Jahre zuvor gekauft und sicher noch nicht ganz abbezahlt! Es war ihm ein leichtes, die 40 Plätze zu verkaufen und so generierte der Mann einen schönen Gewinn von 8.000.- D-Mak – so glaubte er zu diesem Zeitpunkt gewiss.

Aktiver Vulkanismus auf den Inseln ist noch heute spürbar

Pal war aber kein gewissenloser Geschäftsmann! Auf Nachfrage erklärte er auch gerne, dass die Überfahrt „stürmisch“ werden würde und das mit akuten Anfällen von Seekrankheit gerechnet werden müsse. Trotzdem zog keiner seine „Rettungsbuchung“ zurück. Vielleicht hätte Pal erwähnen sollen, dass seine kleine Nussschale für die Umrundung der Hauptinsel und immer in der Nähe der rettenden Küste geeignet war, nicht aber für eine Überquerung der Wasserstraße zwischen Island selbst und der Insel Heimaey? Damals gab es den neuen Hafen in Landeyjahöfn noch nicht und breite schwarze Strände machten es an vielen Stellen unmöglich, mit einem Fahrzeug über den Sand zum Wasser zu fahren. Pal musste also „quer“ fahren um mit dem Boot eine feste Stelle nahe dem kleinen Ort Stokkseyri zu erreichen. Dort hätten Busse für den Weitertransport bis zum Wasser kommen und die Passagiere aufnehmen können. Anstelle von 10 Kilometern bis zur gegenüberliegenden Seite mussten demzufolge stolze 40 Kilometer durch haushohe Wellen, pechschwarze Nacht (war es mittlerweile) und stärkste Winde zurückgelegt werden. Das erklärte natürlich die 200.- D-Mark pro Person! Alle wurden in das Untergeschoss beordert, alle mussten Schwimmwesten anlegen und versprechen, die bereitstehenden Eimer zu verwenden und abgegebenen Mageninhalt dort hinein zu entsorgen. Schon als der kleine Kahn aus der Hafeneinfahrt in die dunkle Nacht hineinfuhr wurde jedem schlagartig klar, was da nun bevorstand. Im Dämmerlicht konnte man durch die kleinen Fenster des Untergeschosses gerade noch erkennen, dass die uns umgebenden Wellen deutlich höher waren als unser Kahn. Vom Wellenkamm zum Wellental sicher 15 Meter oder mehr. Aber irgendwie vertraute ich dem Pal! Er wirkte wir ein richtiger Seewolf auf mich, so wie ein richtiger Raimund Harmstorf eben und er sah dem Raimund auch ein bisschen ähnlich. Was also sollte da schon passieren?

Pal steuerte seine Nussschale in höchster Konzentration. Keiner der Passagiere im Untergeschoss wagte es, das Wort an ihn zu richten. Gelegentlich wurde sich freudig erregt erbrochen, aber eine wahre Lawine des Erbrochenen entwickelte sich nicht, auch wenn „Erbrechen“ auf engstem Raum so ansteckend sein kann wie Corvid 19. Die meisten der Mitfahrer waren wohl zu sehr angespannt um zu bemerken, dass ihnen ihr Magen signalisierte, dass es besser wäre, wenn er – der Magen – sich jetzt einmal schwallartig entleeren würde. Nach einer halben Stunde des extrem wilden Ritts entspannte sich Pal´s Mimik. Er winkte seinen jungen Begleiter heran und überließ dem das Steuerrad. Das Schlimmste – so hofften viele – war damit wohl überstanden? Pal meinte nur, dass er jetzt kurz mal auf das hintere Freideck gehen würde um eine Zigarette zu rauchen, denn die habe er sich jetzt seines Erachtens nach verdient. Beim Gang durchs Unterdeck nach hinten lächelte er freundlich in die angespannten Gesichter um Zuversicht zu vermitteln. Oder war er am Ende zuversichtlich? Er schnappte sich auf dem Weg nach hinten noch zwei Eimer mit Erbrochenem, öffnete die Tür (gleich neben mir) und ging hinaus, nicht ohne mir noch mitzuteilen, dass er auch mir nicht gestatten würde, mit ihm auf das Deck zu gehen. Alles wirkte plötzlich sehr entspannt. Der junge Mann am Steuerrad lächelte nett, wirkte aber ebenso kompetent wie sein „Ziehvater“(?) Pal. Auch einige Herren in den vorderen Reihen entspannten sich sehr. Vielleicht etwas zu sehr? Sie erhoben sich von ihren Sitzen um ihre Anspannung endgültig durch ein Gespräch mit dem nun am Steuerrad kurbelnden jungen Mann zu beseitigen. Den alten Pal hätte niemand anzusprechen gewagt in seiner eisernen Konzentration, aber bei dem jungen Kerl war das was anderes. Der lächelte ja so freundlich so dass es den Eindruck machte, dass er förmlich darum bettelte, angesprochen zu werden!

Der Blick zurück zum Festland bei besserem Wetter

So standen sie, die drei Männer von denen ich bis heute die Namen nicht kenne. Der junge Skipper, rechts daneben ein Mann der wohl deutscher Abstammung war aber auf Englisch mit dem Erstgenannten redete, ein zweiter Mann auf dessen anderen Seite der einen starken amerikanischen Akzent hatte und ebenfalls mit dem jungen Mann am Steuer sprach. Draußen tobte das Meer und die Höhe der Wellen um uns herum hatte nicht nachgelassen. Nachgelassen aber hatte die innere Anspannung, vielleicht auch die Angst bei vielen der im Boot sitzenden Personen. Nachgelassen hatte damit auch die Konzentration aller genannten Beteiligten, von Pal ganz zu schweigen, der mitten in dieser schwarzen Hölle auf dem hinteren Deck stand und eine Zigarette schmauchte. Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen kommen wie rasende Rosse geflogen. Das heißt eigentlich waren sie ja bereits geflogen gekommen und hatten uns schon länger brüllend umgeben. Es war kein Rauschen, es war ein Tosen und im Prinzip verspürte man so die ungeheure Kraft, die von den Wellen ausging in jedem Moment. Aber die Situation hatte sich ja beruhigt. Verderblich ist´s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der Schrecklichste der Schrecken, das ist der MENSCH in seinem WAHN. Ich ahnte was kommen würde und warf noch einen Blick auf das Display meines Mobiltelefons. Gut, noch einen Balken Kontakt, ich würde also in der Lage sein, um Hilfe zu rufen falls es in dieser sich beruhigt habenden Situation doch noch zu einem Störfall kommen sollte. Noch immer kann niemand wissenschaftlich erklären, warum zwischen all den „normalen“ Wellen auch „Superwellen“ unterwegs sind. Die drei Männer vorne miteinander im Gespräch, vereinzelt waren auch Gespräche im Boot in Gang gekommen, Übervater Pal hinten auf dem Deck, an seiner Zigarette ziehend. Und dann war sie da: die Superwelle.

Wie aus dem Nichts hob es unseren Kahn plötzlich viel steiler in die Höhe als bei den gefühlten tausend Wellen zuvor. Und so wie bei einem Flugzeug, welches von einem über motivierten Piloten extrem steil nach oben gezogen wird, so dass einige der Passagiere kollabieren, setzte augenblicklich eine angstvolles Geschrei unter den Insassen ein. Ich beobachtete den Steigungswinkel des Bootes auf der Welle, hatte gleichzeitig meine Hand an die Türklinke gelegt um wenigstens noch den Versuch meiner Eigenrettung zu starten und gleichzeitig bemerkt, dass der junge Mann seine Gesprächspartner zu Seite gestoßen hatte um sich nun wieder in vollem Umfang seiner Tätigkeit als „Zweit-Skipper“ zu widmen. In den Augen des jungen Mannes glaubte ich Verwunderung und gleichzeitig Entsetzen in einem gesunden Mischungsverhältnis zu sehen. Alles lief wie in Zeitlupe ab. Wer schon einmal mit seinem Auto auf ein unausweichliches Hindernis aufgefahren ist und im Vorfeld die Augen schloss und wartete bis es knallte, der weiß, dass sich das wie eine Ewigkeit anfühlen kann. Sekunden werden zu Minuten. Als der Scheitelpunkt der Welle erreicht war kippte das Boot nach vorne, wieder in einem viel stärkeren Winkel als bei den Wellen zuvor. Wenn man großes Pech hat, folgen auf eine Superwelle zwei weitere. Dieses Pech war uns an diesem Tag vergönnt. Das kleine Boot brauchte garnicht erst bis zum Wellental zu stürzen, weil es auf halber Strecke frontal und mit unfassbarer Wucht in die nächste Superwelle krachte. Erst war da diese Vollbremsung. Das Boot kam innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zum Stillstand und dann brachen die Wassermassen durch alle Frontscheiben das Bootes, rissen die Instrumente aus den Verankerungen und fluteten den Innenraum des Bootes.

Da war kein Schreien! So als würden die Menschen in diesem Boot allesamt auf einmal ihr Schicksal nun sterben zu müssen, akzeptieren. Noch immer steckte des Boot in der Welle und bevor ich mich innerlich bei meinen Gästen entschuldigte, weil ich absolut nichts mehr für sie tun konnte in dieser Situation und nur noch in den Selbsterhaltungs-Modus schalten würde, wollte ich noch warten, ob sich der Bug vielleicht doch noch hob, oder ob der Kahn gleich mit Mann und Maus senkrecht in die Tiefe stürzen würde. Denn in diesem Fall hätte ich mich nicht sofort dem Tod übereignet, sondern noch versucht, die schmale Lichterkette, die am Horizont erkennbar war, zu erreichen. Nach etwa drei weiteren Sekunden richtete sich unser Kahn wieder auf! Die unmittelbare Gefahr, die des senkrechten Absturzes in Neptuns Unterwelt, war damit gebannt. Aber das würde nicht lange gut gehen, denn mit jeder neuen Welle fluteten weitere Wassermassen durch die herausgebrochenen vorderen Scheiben und Hektoliter um Hektoliter begann sich im Inneren zu verteilen. Ich blickte erneut auf das Display meines Mobiltelefons weil ich glaubte, dass es jetzt wohl an der Zeit wäre, Hilfe herbei zu rufen. Doch leider hatte sich der kleine Balken, der mir kurz zuvor noch Zuversicht vermittelt hatte, inzwischen verflüchtigt. Es gab keinen Empfang mehr und damit auch keine Rettung. Sicher waren erst 20 Sekunden seit dem Aufprall in die Superwelle vergangen und plötzlich dachte ich reflexartig, dass die einzige Person, die jetzt kompetent die Selbsterhaltung aller Passagiere organisieren könnte, der dem Raimund Harmstorf so ähnelnde Pal sein würde. Aber mein Gott, wie sollte der diese mörderische Welle, die ja schließlich das gesamte Boot hoch überflutet hatte, überlebt haben? Den hatte es sicher samt seiner feucht gewordenen Zigarette von Bord gewischt? Das Boot schlingerte immer mehr und bei jeder neuen Welle wurde neues Wasser in den Innenraum geflutet. Noch ein paar Wellen mehr und der Kahn würde doch noch kentern.

Wellen vor Islands Küste – immer ein Spektakel

Ich beschloss, Pal´s Anweisung, dass ich ihm auf keinen Fall auf das hintere Deck würde folgen dürfen, zu ignorieren. Ich musste mich doch wenigstens überzeugen, dass er von Bord gegangen war. Als ich die Tür öffnete und in die durch die kleine Bordleuchte schemenhaft erhellte Szenerie blickte sah ich etwas, dass ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Ich werde es beim besten Willen und gutem Vorsatz nicht vergessen können! Pal war nicht über Bord gegangen, sondern stand – triefend nass von oben bis unten – an der Reeling, hielt sich mit einer Hand fest und hatte die andere auf seinen Bauch gelegt und…..lachte! Er lachte leicht vornüber gebeugt und den Stummel der Kippe hatte er tatsächlich noch in seinem Mundwinkel, obwohl diese Zigarette aufgrund der Feuchtigkeit garantiert nicht mehr zu gebrauchen war. Die Überraschung, dass er noch lebte und die Verwunderung darüber, WIE er noch lebte ließen mich kurz stocken. Dann aber wand sich der eigentliche Grund für meine Anwesenheit auf dem Deck mahnend wieder in mein Bewusstsein. Wir hatten einen echten Notfall und es bestand ganz sicher noch immer Gefahr, dass der Kahn absaufen würde. Ich brüllte ihm so laut ich konnte zu, dass keine Zeit für Freude und Lachen wäre, weil wir ein Loch im Boot hätten, das Wasser einlaufen würde und wir ganz sicher alle sterben müssten wenn er nicht käme um zu retten was noch zu retten war. Nun stutzte Pal diese Sekunde zu lang, sein Lachen hatte er aber augenblicklich abgeschaltet und eine Sekunde später stürmte er an mir vorbei, in das Innere seines Bootes, durchschritt den Raum wie ein Spitzensportler und erkannte dabei das Ausmaß der Verwüstung. Er stieß den nun recht hilflos wirkenden jungen Mann vom Steuerrad weg und bellte diesem Befehle zu. Da noch immer Wassermassen durch die Löcher – dort wo sich bis zum Aufprall auf die Welle insgesamt sechs Scheiben befanden – ins Boot flossen mussten zuerst diese undichten Stellen verschlossen werden. Eilig wurden Bretter aus den Wänden und dem Boden entfernt und vor die Scheiben geklebt. Kleben half nicht, den weitere Wassermassen begehrten Einlass und die ließen sich in ihrem stürmischen Drängen nur schlecht durch mit Panzerband angeklebte Bretter von ihrem Ansinnen abhalten. Ein Akkuschrauber erschien auf der Bildfläche, Schrauben dazu und am Ende hatten die beiden es geschafft, fünf der sechs Fenster zu verbarrikadieren. Das sechste und kleinste Fenster auf der rechten Seite ließ Pal offen. Hier tröpfelte mehr oder weniger nur etwas Wasser herein. Während dieser Aktion hatten aber weder Pal noch sein jugendlicher Adjutant das Steuer im Griff. Damit das Boot sich während der Not-Reparatur nicht schräg in die Wellen drehte (denn das hätte dem Kahn und uns ganz sicher den Garaus gemacht) musste jemand ans Steuerruder und glücklicherweise hatte einer der Männer, der den jungen Mann kurz zuvor so abgelenkt hatte, dass es überhaupt zu diesem Unfall kam, Erfahrung mit Segelbooten und wusste ein Schiff zu steuern. Wie ein Klammeraffe hing der Amerikaner nach der Übernahme der Steuereinheit am Ruder und ließ tatsächlich nicht zu, dass die Elemente unser Schiffchen zum kentern brachten.

Das allerschlimmste war mit der Versiegelung der Scheiben durch Bretter geschafft. Wie die Kaninchen die Schlange hatten während der letzten Minuten alle Insassen dem Treiben dort vorne im Cockpit zugeschaut. Nun drehte sich Pal zu den Leuten, die im vorderen, tiefer gelegenen Teil des Bootes bereits bis zu den Knien im Wasser saßen, um und forderte alle auf nun mitzuhelfen und Eimer zu füllen und diese nach hinten zu transportieren und aus dem Boot zu kippen. Er selbst schaufelte eine Pumpe hervor und ich war froh, dass das Wasser nicht auch noch die gesamte Elektrik des Schiffes lahmgelegt hatte. Mir wurde in der kollektiv ausgeführten Rettungsaktion nun die Ehre zuteil, die angereichten Eimer mit Wasser nach hinten aus dem Boot zu kippen, was mir auch mühelos gelang. Die ängstlicheren Gemüter hatten sich wohl noch immer nicht ganz beruhigt und ich erinnere mich noch an den Engländer, der sich geradezu manisch getrieben an der Rettungsaktion beteiligte und mit seinem kleinen Plastikbecher wie im Rausch Wasser in den Eimer füllte. Er schaute ganz verbissen dabei und reagierte kein bisschen auf die Zurufe seiner Frau. Er hatte wohl eine Angst-Neurose? Pal hatte das Schiff mittlerweile wieder im Griff. Seine Instrumente konnte er allesamt vergessen. Alles was in so einem Boot vorne rumsteht, Monitore und andere Anzeigegeräte, war zerstört und lag in traurigen (nassen) Trümmern im inneren des Schiffes. Ich dachte mir, dass ihm das jetzt als Geschäftsmann sicher das Herz zerreißen wird! 8.000.- D-Mark hatte er eingenommen aber der Schaden belief sich im teuren Island sicher auf 40.000.- D-Mark. Armer Pal. Aber er rechtfertigte meinen Vergleich mit Raimund Harmstorf! Seinen Kopf hatte er durch das noch offene kleine Fensterloch in die wilde Welt hinaus gestreckt und navigierte durch die tosende See in völliger Dunkelheit – mit nur einer handbreit Hand am Steuer – auf die schmale Lichterkette zu, die am Horizont darauf hinwies, dass sich hier das rettende Ufer befand. Nachdem die Pumpen ganze Arbeit geleistet und die Passagiere Hunderte Eimer Seewasser aus dem Schiff befördert hatten, fühlte sich das Boot auch plötzlich wieder wie ein Boot an. Es glitt wieder elegant durch die Wellen, auch wenn es weiterhin 10 Meter hoch und gleich wieder runter ging.

Zum Glück kein “rasendes schwarzes Ross” das geflogen kommt

Am Ende kehrte Ruhe ein. Nein, noch nicht ganz: der verängstigte Engländer hatte noch seinen großen Auftritt. Als keine unmittelbare Gefahr mehr für seinen Leib und das darin befindliche Leben bestand, erlangte er seine Fassung wieder. Nun stand er ganz vorne im Schiff von seinem Platz auf, was seine Frau zu verhindern suchte. Dann blickte er so lange umher bis er sicher war, dass ihm die volle Aufmerksamkeit zuteil geworden war und hob an zu sprechen. Er sprach natürlich englisch, aber da es möglicherweise vereinzelt Leser/-innen gibt, die dieser Sprache nicht mächtig sind, füge ich die Übersetzung in Klammern hinzu. „Ladies and Gentleman, I´m really very, very sorry, but I have to change my trousers“. (Sehr geehrte Damen und Herren, es tut mir leid, aber ich muss meine Hose wechseln). Woraufhin er sich vor allen Leuten die Hose auszog um eine trockene Hose, die er aus der Hutablage gekramt hatte, anzuziehen. Ich hätte ihm empfohlen, auch die nasse Unterhose zu wechseln, aber so weit wäre er sicher nicht gegangen? Jedenfalls war seine „neue“ Hose sofort an der Stelle wieder nass, an der die Unterhose saß. Auch die Aussage seiner Ehefrau ist mir hängengeblieben! Nachdem er zu den anderen Mitfahrern gesprochen hatte drehte sie sich von ihm weg und sagte laut: „you sausage“ (du Würstchen). Aber immerhin, wir glaubten zu diesem Zeitpunkt jedenfalls alle wieder daran, die Sache an sich zu überleben. Nun war es an der Zeit, ein paar Worte mit den Mitgliedern meiner Reisegruppe zu wechseln um mich nach deren Zuständen zu erkundigen. Ich parlierte ein wenig hier, redete dort und kam plötzlich zu dem Platz, an dem die Tochter des Bauunternehmers saß. Sie schaute mir mit einem kaum zu deutenden, indifferenten Blick in die Augen. Sie, die die ganzen Tage zuvor keinen Augenkontakt suchte. Sie wirkte keinesfalls verschüchtert! Etwas arbeitete in ihr und zwar mächtig.

Ich setzte mich kurz zu ihr und fragte, ob sie noch Angst habe, was sie verneinte. Dann deutete sie mir an, dass sie mir etwas ins Ohr würde flüstern wollen und ich beugte mich näher zu ihr. Als sicher war, dass niemand, auch nicht die eine Reihe vor uns sitzenden Eltern von ihr etwas verstehen würden, flüsterte sie mir zu, dass sie nach all dem hier und wirklich erst dann wenn das ganze vorüber ist und wir sicher im Hotel angekommen sind und keine Verluste mehr drohen oder Gefahren, dann MÜSSE sie mir unbedingt etwas sagen. Also nicht gleich? Nein, erst im sicheren Hotel! Sie wirkte extrem aufgekratzt so als würde sie fast zerplatzen. Aber sie hielt dicht! Merkwürdig, aber meine Neugier war geweckt. Der Rest ist schnell erzählt: je näher die Nuckelpinne (unser Boot) der Küste kam, desto ruhiger wurde das große Meer. Unmittelbar an der Küste war der Wellengang erträglich geworden und niemand glaubte nun noch daran, dass er bald würde sterben müssen. Am Ufer angekommen konnten wir schon aus der Ferne ein Blaulichtgewitter erkennen, so ähnlich wie am Flughafen, wenn ein Flugzeug in einer Notsituation zu Boden geht (andere Geschichte, anderes Land, ein anderes Mal). Viele Helfer standen parat um die Personen vom Boot auf den Steg und von dort aufs sichere Land zu bringen. Busse standen ebenfalls parat denn der junge Adjutant hatte mit seinem Mobiltelefon ein Netz gefunden und um Hilfe gebeten. So kamen wir in dieser Nacht erst um 03:00 Uhr wieder am Hotel an. Auch das Hotel war informiert, hatte die Angestellten zur Frühschicht einbestellt und ein üppiges Frühstück bereitet. Es war ja ohnehin sinnlos, noch einmal ins Bett zu gehen, da der Shuttle Bus, der uns zum Flughafen bringen würde, bereits um 05:00 Uhr vor dem Hotel auf uns warten würde. An den Engländer mit der nassen Hose kann ich mich erinnern, weil er lebhaft und mit intensiver Mimik über das Geschehene sprach. Als seine Frau plötzlich neben mir am Frühstücksbuffet stand, sprach ich sie an und ließ durchblicken dass ich glaubte, dass es ihrem Mann jetzt aber wieder sehr gut gehen würde.

Ehen können so etwas desillusionierendes an sich haben! Sie drehte sich kurz zu ihrem Mann um, der ein paar Meter weiter noch immer referierte und sagte dann zu mir, dass sie den Feigling satt habe und dass sie sich scheiden lassen würde, wenn sie wieder in England wären. Nun gut, ich hatte noch zu klären, was die Tochter des Bauunternehmers zu sagen hatte. Als sie einen Moment allein am Tisch war, ging ich zu ihr und fragte nach, was es denn gewesen sei, was sie mir würde sagen wollen. Da sprudelte es förmlich aus ihr heraus: sie gab sich die Schuld an dem, was dort auf dem Meer vorgefallen war. Sie fühlte sich schuldig und es wirkte glaubhaft, weil ihr Tränen über die Wangen liefen. Ich war irritiert, wie konnte das sein? Wie konnte sie eine Verbindung zwischen sich und der Superwelle herstellen? Ich drängte auf Klärung. Sie fragte mich, ob ich mich noch daran erinnern würde, was ich ihr im Thingvellir Nationalpark gesagt hätte, als wir an dem Wunschbrunnen standen. Ja, diese Erinnerung konnte ich noch abrufen, es waren seither ja auch erst 8 Tage vergangen. Aber ich verstand noch immer nur Bahnhof. Dann klärte sie mich vollends auf und ich konnte spüren, dass sie dafür all ihren Mut zusammen nehmen musste. Wir schrieben damals das Jahr 1998! Im Jahre 1997 lief der Film „Titanic“ mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen. Neben all den Dramen, die es vom Untergang der Titanic zu erzählen gab, handelte der Film auch von der sich anbahnenden, sich nicht gehörenden Liebesbeziehung zwischen Rose & Jack, die in einer legendären Szene gipfelte, als DiCaprio seine Partnerin an die Spitze der Titanic führt um ihr das Gefühl zu geben, dass sie fliegen könne. Als nun die Tochter des Bauunternehmers ihre Münze in den Wunschbrunnen im Thingvellir Nationalpark warf, wünschte sie sich – und glaubte fortan fest daran – dass sie auf dieser Reise einmal ein „Titanic-Gefühl“, ein richtiges “Titanic-Gefühl” erleben würde. Sie meinte sicher mich und sich. Wie wunderbar das Leben doch sein kann.

Aber nachdem sie diese für sie sicher schwer auszusprechenden Dinge endlich ausgesprochen hatte, nahm sie meine Hand, sah mir in die Augen und sagte unter Tränen (O-Ton): „Aber sooo, habe ich das nicht gemeint“.

Heimflug und Ende gut – alles gut.

Fortsetzung folgt. Island ist zu schön um schon jetzt aufzuhören.

2 Comments
  • Flory
    Posted at 11:51h, 17 Oktober Antworten

    Spannend und sehr schön erzählerisch.Die wunderschönen Bilder dazu zeigt uns Island immer noch malerisch wie man es sich vorstellt, rau und doch wunderschön farbig!

  • Dagmar
    Posted at 17:57h, 25 Oktober Antworten

    …von der Kreativität in die Nachdenklichkeit,
    … von der Vergangenheit in die Gegenwart,
    vom Menschsein in der Gewalt der Natur
    und das erzählt in den Zeiten der Coronawellen….

    so ermutige ich den Denker und Schreiber Roland
    uns weiter teilnehmen zu lassen
    an Erlebtem von Islands Küsten, Land und See

    und Gedanken zu spinnen für zukünftige Weiten dieser Welt…

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