Die Rettung des kleinen „Hugh“ – Ein ungewöhnlicher Reisebericht aus Wales

Die Rettung des kleinen „Hugh“ – Ein ungewöhnlicher Reisebericht aus Wales

Conwy Castle – der Ort des Geschehens

Wie schrieb es eine Kommentatorin unter meinen letzten Artikel über Schottland? „Es fällt schwer die passenden Worte für diese wunderbare, gefühlvolle und auch realistische Geschichte – Reiseerinnerung zu finden“. Realistische Geschichte bedeutet, dass in der Wahrnehmung der betreffenden Person die anderen (oder viele andere) Geschichten „unrealistisch“ sind? Wer die tiefe Verbundenheit nicht kennt, wird bestreiten, dass es sie gibt, schrieb ich in meinem letzten Artikel. Wer keine Nahtod-Erfahrung gemacht hat, wird bestreiten, dass in diesen winzigen Sekunden tatsächlich das ganze eigene Leben mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen unendlich scheinenden Gefühlen noch einmal an einem vorbei zieht. Wer die nonverbale Kommunikation nicht kennt, wird bestreiten, dass es sie gibt. Wir sind – auch geprägt durch manipulierende Erzählung – heute in einer Zeit angekommen, in der möglichst alles immer auch gleich bewiesen werden muss. Alles sollte mit der Kamera festgehalten und damit beweisbar gemacht werden können. Das hat im Reisesektor dazu geführt, dass speziell die junge Generation jeden Schritt eines Aufenthaltes an einem anderen Ort mit Bildmaterial dokumentiert und dieses auch möglichst „live“ dem Freundeskreis zuhause zur Verfügung stellt. Nun ist es in der Ausübung so mancher Berufe mitunter nicht möglich, jederzeit die Kamera griffbereit zu halten, um Vorkommnisse zu dokumentieren. Ich war selbst immer auch als Berichterstatter unterwegs und habe trotzdem oft die Kamera zur Seite gelegt, wenn es zum Beispiel darum ging, Hilfe zu leisten oder die Schönheit eines Augenblicks nicht zu zerstören. An anderer Stelle ist es schlicht unmöglich, eine Situation durch den Druck auf den Auslöser der Kamera korrekt zu dokumentieren! Ich hätte beim Stopp der vier Wohnmobile an der kleinen Tankstelle in den USA ein Photo von Personen machen können, die vom beißenden Geruch des Stinktier-Sekrets benebelt waren! Aber: hätte es die Situation dadurch beschreiben können?

Ich stehe in meinem Leben oft im Spagat. Den jungen Menschen habe ich zu allen Zeiten geraten, die Dinge in Frage zu stellen. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an ein Gespräch mit der Tochter des damaligen Bundesministers für Forschung und Technologie, Heinz Riesenhuber. Im Rahmen einer Reise zu den Opernfestspielen von Verona war die junge Frau (fast noch ein Mädchen) zusammen mit Ihrer Oma in einer meiner Gruppen gelandet. Aufgeweckt und interessiert an allem schien sie mir zu sein und – was noch wichtiger war – sie hinterfragte die Dinge, auch wenn sie doch die Möglichkeit gehabt hätte, einfach den erfolgreichen Weg ihres Vaters weiter zu gehen und nicht in Frage zu stellen. Auch sie ermunterte ich damals, alle Dinge in Frage zu stellen. Wir sollten im Prinzip alle einen Filter besitzen, der fragwürdige, absurde und einfach falsche Behauptungen davon abhält von unserem Gehirn als richtig und wahr akzeptiert zu werden. Das erfordert mitunter ein wenig Training und Übung, aber das, was dann dabei herauskommen kann, ist es mehr als wert, denn es kann einen buchstäblich hin zu einer höheren Sichtweise führen. Aber wie macht man das? Schon wenn man damit beginnt, darüber nachzudenken, wie (und ob) außergewöhnlich und wichtig eine gerade gehörte Behauptung für einen ist, hat man die richtige Richtung eingeschlagen. Je außergewöhnlicher und je wichtiger diese ist, umso mehr sollte man darüber nachdenken und umso schärfer und rigoroser sollte der Filter im eigenen Gehirn diese überprüfen. Man sollte sich immer fragen, was dafür spricht, dass die Behauptung wahr ist und was spricht dagegen? In dem Zusammenhang muss man sich auch gleich fragen, welche Informationen man dazu hat und welche fehlen, um eine gute Entscheidung treffen zu können. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Behauptung wahr ist und wie wahrscheinlich, dass sie falsch ist? Den wissenschaftlichen Konsens über die Wahrheit dieser Behauptung zu kennen, ist ein guter Ansatz, aber eben nicht das Allheilmittel. Was, wenn es eine Erkenntnis über der der Wissenschaften gibt?

Das Castle liegt einzigartig schön…….
…..in der Conwy Bay.

Ich mache mir immer mehr Sorgen um diejenigen, die schwache Skeptiker sind. Es macht mich traurig zu sehen, wie Menschen straucheln und es macht mich wütend und traurig wenn ich sehe, wie strauchelnde Menschen sich zusammenrotten und aggressiv ihre Unkenntnis – teils flankiert von Gewalt-Exzessen – in die Welt tragen. Es sollte nicht so viele Opfer geben. Ich glaube nicht, dass jeder von uns wie ein Wissenschaftler denken kann, aber jeder sollte es zumindest wollen oder versuchen. Dadurch muss unser Wesenskern, nicht unbedingt „verwissenschaftlicht“ werden, aber eine gewisse Abkehr von der überbordenden Sentimentalität wäre ebenfalls nicht schlecht. Ich hielt mich immer für einen guten Skeptiker und ließ trotzdem nichts unversucht, ein noch besserer zu werden. Ich habe zum Beispiel noch keinen effektiven Weg gefunden, diese Botschaft unter Freunden und Familienmitgliedern, die ein wenig zu leichtfertig in ihren Vorstellungen, ihrem Vertrauen oder ihren Schlussfolgerungen sind, verbreiten zu können. Entweder stand ein prinzipieller Skeptizismus oder ein ungezügelter Egoismus im Weg. Wie ein Wissenschaftler zu denken, garantiert absolut niemandem ein perfektes Leben ohne Fehler und frei von jeder Gefahr, aber es versetzt einen in die bestmögliche Position um erfolgreich einen Weg durch unsere verrückte Welt zu finden. Unzureichender Skeptizismus ist vielleicht die am wenigsten bemerkte globale Krise von allen. Energisch und lückenlos angewandt, könnte der Skeptizismus die Menschheit über Nacht verbessern. Aber dazu muss sich wohl auch erst der Mensch verbessern? Der Skeptizismus ist unsere am stärksten vernachlässigte Verteidigung und am wenigsten genutzte Waffe. Politiker erwähnen sie nur, wenn sie darauf hoffen, die Argumente der Gegenseiten besser widerlegen zu können, motivierte Lehrer bringen den Schülern dieser Welt die Nutzung dieser „Waffe“ nur unzureichend bei, da sie, die Lehrer, dem System dienen und das System gesunde Skeptiker nicht gebrauchen kann. Kein System der Welt übrigens! Ich kenne auch nur wenige Eltern, die den Mut haben ihren Nachwuchs dazu zu ermutigen. Und genau deshalb macht die Welt, Generation für Generation, gegen wenig Widerstand, mit ihren Lügen und Täuschungen weiter wie bisher. Die Kosten dafür, so viele unbewiesene Behauptungen und falsche Ansichten nicht zu hinterfragen, sieht man in unseren beschränkten und teilweise verlorenen Leben. Die meisten Leute unterschätzen, wie einfach gesunde und aufgeweckte Menschen, sich selbst eingeschlossen, von irrationalen Ideen anderer verführt werden oder von den natürlichen Prozessen ihres eigenen Gehirns ins Land der Fantasie geführt werden. Dass wir diesen Fehler weiterhin begehen, ist unumgänglich, aber wir können ihn reduzieren, indem wir dem gesunden Skeptizismus in uns Räume zum wachsen bieten. Ich kann also gut damit leben, wenn jemand meine Reise-Erinnerungen skeptisch sieht und sie vielleicht für unrealistisch hält.

Umso mehr freue ich mich dann, wenn ich Vorkommnisse durch Photos oder Zeugenaussagen „belegen“ kann. Im Prinzip ist dieses kleine Erlebnis auch von geringer Bedeutung für die Welt, vielleicht auch für mich, aber da ich in meinem letzten Artikel über Reiseerlebnisse schrieb, die ich zusammen mit meinen Töchtern hatte, bin ich noch immer ein wenig dieser zauberhaften Welt der Erinnerung an die eigenen Kinder verhaftet geblieben. Wer keine Kinder hat, wird möglicherweise abstreiten, dass es diese Verbundenheit über alle Zeiten hinweg gibt? Skeptizismus, gespeist aus der nur eigenen Erfahrungswelt kann auch gründlich in die Hose gehen! Aber da ich schon über die ungesunden Auswirkungen eines von schwachen Skeptikern geprägten Zeitalters schrieb wäre es durchaus passend, auch die allgemeine Trägheit zu beschreiben, Dinge auch zu tun und nicht immer nur darüber zu reden! Es wird prinzipiell zu viel geredet und zu wenig gehandelt. Um besser verständlich zu sein: ich meine nicht das aggressive Handeln im Sinne eines diktatorischen Staatenlenkers, der seine Einflusssphäre erweitert indem er kurz entschlossen einen Krieg gegen sein Nachbarland beginnt, sondern ich meine die vielen sinnlosen Streitereien über Themen, die mit kurz entschlossenem Handeln aus der Welt geschafft werden könnten. Eine befreundete Psychologin formulierte es einmal so: „Dadurch, dass die Menschen umfangreich über die Dinge reden, geben sie sich das Gefühl, dass sie nicht mehr würden handeln müssen“. Sprüche wie „JEMAND müsste mal den Rasen mähen oder die Wand streichen“ gehören ja auch in diese Sprüche-Welt! Das wohl bedrückendste Beispiel (und nicht nur für die Generation Greta) ist der Klimaschutz. Es wird sehr viel über Klimaschutz gesprochen, aber wenig gehandelt. De facto gibt es zwar eine Klimaschutzpolitik, aber sie ist nicht wirksam, und solange sich die Staaten nicht endlich bemühen, tatsächlich den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken, dann hat all dieses Gerede irgendwie wenig Sinn. Geredet wurde über dieses Thema jetzt wirklich genug, es wäre höchste Zeit, endlich in die Handlungsphase zu kommen. Corona hin und Corona her!

Die gut dokumentierte Eulenrettung beginnt.

In dem Zusammenhang spielt Zivilcourage auch eine wichtige Rolle. Zur Bedeutung des Bürgermutes habe ich schon oft genug geschrieben und ich bin glücklich darüber, dass ich immer wieder mit Beispielen konfrontiert werde, in den Menschen mit ziviler Courage gegen Missstände vorgehen und dabei Verletzungen oder Demütigungen in Kauf nehmen. Zivilcourage ist mittlerweile überall anzutreffen und wird auch gerne in zahlreichen Zusammenhängen erwähnt. Bürger zeigen Zivilcourage im Kampf gegen Rechtsradikalismus oder Rechtspopulismus, Fremde greifen in körperliche Auseinandersetzungen ein, um anderen zu helfen, an Werbetafeln und in Bussen und Bahnen in großen Städten wird die Zivilcourage sogar wohlwollend mit Leuchtreklame beworben. Über die Bedeutung von Zivilcourage könnte ich ellenlang referieren. Der Begriff „courage civile“ tauchte erstmals um 1835 in Frankreich auf und bedeutete den Mut des Einzelnen, sich ein eigenes Urteil zu bilden und dafür einzustehen. Nach dem Ende der Französischen Revolution strebte das Großbürgertum nach immer mehr Macht. Der damalige König füllte aber lediglich eine immer stärker nur auf Repräsentation ausgerichtete Position aus. Die politische Macht geriet dadurch zunehmend in die Hände der in der Restaurationszeit eingesetzten Abgeordneten. Das Volk regierte sich in vielen Belangen damit immer häufiger selbst. Courage civile wurde dadurch ein Ausdruck für das gestärkte Selbstbewusstsein eben jener französischer Bürger, die den Worten und Urteilen ihres Königs nicht mehr blind folgten, sondern für ihre eigenen Überzeugungen eintraten und das politische und soziale Leben selbst gestalteten. Das Wort wurde danach ins Deutsche übertragen. Wörtlich übersetzt handelt es sich um den sogenannten Bürgermut. Aber der Bürgermut hat nicht nur eine politische Dimension. Mit der Zeit weitete sich die Bedeutung des Begriffes. Zivilcourage umfasste zunehmend auch eine soziale Dimension, zum Beispiel das Eintreten für gesellschaftliche sowie ethische Werte und Normen. Aber auch eine auf das Individuum reduzierte Ebene legt der Gedanke der Zivilcourage offen: das Eintreten für eine Person, deren persönliche Integrität angegriffen oder verletzt wird – physisch oder psychisch. Es gibt meines Erachtens keine Definition der Zivilcourage ohne die Erörterung des dazugehörigen Mutes! Sowohl Courage als auch Mut spiegeln im Kern eine Charaktereigenschaft wider, die eine Person befähigen, trotz Widerständen und einer möglichen Eigengefährdung für ein anerkanntes Gut einzutreten. Die Person ist sich dabei des möglichen Risikos bewusst. Ein Mensch mit Zivilcourage entschließt sich dazu, Normen und Werte zu verteidigen, obwohl dadurch auch für ihn selbst eine unangenehme oder gefahrvolle Situation daraus resultieren kann. Die Unterscheidung zwischen einfachem Mut und Zivilcourage ist damit vor allem die zugrundeliegende Motivation.

Und die zugrundeliegende Motivation in dem sogleich zu beschreibendem Fall war sicher nicht nur mein Gefühl für ein verängstigtes Tier, sondern auch der unbedingte Wille, meiner jüngeren Tochter, die mich (es war unsere letzte gemeinsame Reise nach Großbritannien) auf einer Rund- und Studienreise durch Wales und das westliche England vom 27. August – 05. September 2015 begleitete, edukativ vorzuleben, dass es wichtig sei, nicht immer nur über alles zu reden, sondern auch einmal zu handeln, wenn es im Rahmen der Möglichkeiten geraten wäre um Leid zu beenden und Hilfe zu geben. Der Vorfall trug sich am 31. August 2015, einem Montag, zu. Nachdem wir in den Tagen zuvor bereits die Schlösser von Bodelwyddan und Caernarfon besucht hatten, stand an diesem Tag die Visite des wohl bekanntesten walisischen Schlosses, Conwy, an. Conwy Castle ist die Ruine einer mittelalterlichen Burg am Ufer der Mündung des Flusses Conwy, die den Ortseingang der walisischen Stadt dominiert. Die Burg war die erste von neun Burgen, die Eduard I. errichten ließ, um seinen Herrschaftsbereich in Wales zu sichern. Alle Burgen wurden von des Königs damaligen Baumeister konstruiert. Sie diente als Ersatz der 1263 zerstörten Burg Deganwy Castle Henrys III. von England. Conwy Castle erstreckt sich über etwa 90 mal 30 Meter Umfang und ist damit auch eine der größten Burgen in Wales. Sie ist von unregelmäßiger gestreckter Form, da die Mauern dem Gelände folgen. Die noch voll intakte Ringmauer wird von acht nahezu identischen runden Wehrtürmen mit je zwölf Metern Durchmesser unterbrochen, von denen vier im Norden und vier im Süden angelegt sind. Der Burghof ist durch eine Mauer in zwei Abschnitte hintereinander geteilt. Nun ist es nicht so, dass sich nur eine handvoll Besucher in dieses großartige Castle verirrt haben! Während Wales selbst in absoluten Besucherzahlen deutlich hinter dem nördlichen Schottland, dem gegenüberliegenden Irland oder den südlichen Gebieten Englands zurück bleibt, sind wahre Besuchermassen in Conwy Castle immer eher die Regel als die Ausnahme gewesen! Scharen von Besuchern aus aller Welt weilten auch an dem Tag, als es zur Rettung des kleinen „Hugh“ kam in der Stadt und im Inneren des Castles selbst.

Der kleine Hugh steckte in einer misslichen Lage

Photographisch motivierte junge Asiaten/-innen, die allem Anschein nach ebenfalls einen „live“ account in die ferne Heimat geschaltet hatten und die nicht müde wurden, sich permanent vor dem einen oder anderen Mauerrest selbst zu photographieren um die entstandenen Bilder dann sofort per Internet ins ferne China, Japan, Korea oder sonst wohin zu transferieren, erfüllten mit lautem Geschnatter die Innenhöfe. Amerikanische Touristengruppen liefen staunend und „laut“ (weil „leise“ leider gerade bei US-amerikanischen Reisegruppen so gut wie niemals vorkommt) durchs Gefilde und ich kann mich erinnern, dass ich mich auch damals fragte, wie laut das „Staunen“ eigentlich noch werden kann. US-Amerikaner staunen in der Regel einfach anders als Europäer! Es sollte eher als eine Art kommunikatives Hardcore-Staunen verstanden werden. Das kollektive US-amerikanische Hardcore-Staunen verstärkte sich von Burghof zu Burghof, bis es im Inneren des größten dieser Höfe zu einer regelrechten Klangglocke verschmolz. Es wäre also theoretisch möglich gewesen, nun den Siddhartha zu geben und in dem geräuschvollen Treiben nach dem OM, der Erkenntnis zu suchen! Aber hardcorstaunende, lärmende Massen sind dann doch nur bedingt geeignet um die innere Ruhe und Ergebenheit zu finden und haben letztlich auch nur wenig Ähnlichkeit mit dem Geräusch, welches ein still vor sich hin fließender Fluss von sich gibt. Wir hatten uns mittlerweile als größere Gruppe (es waren immerhin 38 Personen) in mehrere kleine Gruppen aufgespalten und machten uns in Teil-Individualität auf den Weg durch das Innere des ehrwürdigen Gebäudes um unseren Wissensdurst zu befriedigen. Um die „Glaubwürdigkeit“ dieses Artikels zu unterstreichen könnte ich erwähnen, dass einige meiner Facebook Bekannten damals auch tatsächlich anwesend waren und als Zeugen/-innen genannt werden könnten! Doch wozu? Ich schere mich im vorgerückten Alter nicht mehr um meine „Glaubwürdigkeit“. Wichtig ist nur, mit sich selbst im Reinen zu sein. Aber neben Astrid waren auch Heinrich-Peter (King Henry) und Silvia in unserer Kleingruppe unterwegs.

Nachdem meine Tochter und ich die ehemalige königliche Kapelle verlassen hatten, die in einem privaten Turm der Burg untergebracht war (sie hat sehr schöne Bleiglasfenster und Eduard I hatte einen extra Raum für sich mit Blick in diese Kapelle, da er immer Angst um sein Leben hatte und nicht mit den Anderen in einem Raum sein wollte – typisches Verhalten eines Herrscher-Psychopathen eben), gelangten wir auf die Außenmauer, von der aus sich ein schöner Blick über die Umgebung genauso wie auf die wuselnden Massen im Innenhof bot. Es ist schwer zu beschreiben, welches Gedränge dort auf schmalem Steg, gut 10 – 15 Meter oberhalb des Burghofes herrschte und in welcher (teilweise) Unverfrorenheit sich mache Besucher ihr Wegerecht gegen entgegen kommende Besucher bahnten. Aber es war ein schöner Tag, meine Tochter war durchaus willens, den Erklärungen ihres Vaters zu lauschen und vermittelte zumindest das Gefühl, dass sie das, was ihr offeriert wurde, auch interessierte. Wohl zu diesem Zeitpunkt fiel mir zum ersten Mal ein huschender Schatten auf. Erst einmal war es nicht mehr als ein huschender Schatten. Als wir eine Weile an einer sicheren Stelle (mit Geländer) gestanden hatten, überflog mich der huschende Schatten ein zweites Mal. Ich forschte nach dem Grund und konnte eine kleine Eule erkennen, die sich in dem Mauerwerk gegenüber niedergelassen hatte. Eine Eule am helllichten Tag? Das war zumindest ungewöhnlich. Auch andere hatten den Vogel erspäht und freuten sich an seinem Anblick. Aber etwas an dem Vogel stimmte nicht! Er saß nicht eulenmäßig entspannt auf der Mauer sondern blickte sich ständig um. Er wirkte so, als wäre er unter Stress! Als der Vogel zum nächsten Kurzflug ansetzte um von seinem Platz hin zu einem alten Fensterdurchbruch zu fliegen konnte ich es erkennen: ein längerer Lederriemen hing von einem seiner beiden Beinchen herab und zeigte damit auf, dass der Vogel entflogen war. Aber woher war er wohl gekommen? Vielleicht war er hier im Schloss zuhause? Aber dass es in Conwy Castle eine Falknerei geben würde, war mir unbekannt. Immer mehr Menschen wurden auf den verstört umher fliegenden kleinen Flattermann aufmerksam. Bald schon machte die Erkenntnis die Runde, dass es sich bei dem Eulentier wohl um einen entflogenen Vogel handeln müsse. Der Lederriemen an seinem Bein hinderte ihn offensichtlich weder beim Starten, noch beim Flug oder bei der Landung. Aber Eulen waren doch lautlose Nachtjäger? Sie können im Dunklen super sehen, enorm gut hören und auch noch lautlos fliegen. So wurden sie zu perfekten Nachtjägern.

Der grelle Sonnenschein ist nichts für Nacht-Eulen

Eulen kann man ja auch richtig in die Augen schauen! Bei den meisten anderen Vögel geht das nicht, denn die haben ihre Augen an der Seite des Kopfes. Dazu kommt noch der Eulenschnabel, der wie eine Nase wirkt und deshalb haben wir den Eindruck, ein richtiges menschliches Gesicht vor uns zu haben. Das ist sicher ein Grund, warum viele Menschen Eulen so faszinierend finden. Der kleine Wicht hatte aber vor lauter innerem Stress gar keine Zeit, um in ein Gesicht zu schauen. Immer wieder blickte er sich verstört um, blinzelte mit den Augen und schien dabei etwas zu suchen oder auf etwas zu hoffen. Da Eulen so ein menschliches Gesicht haben wirkte es auch so, als ob Verzweiflung aus den Blicken des Tieres sprach. Ständig verdrehte der kleine Flattermann seinen Kopf. Eulen können ihre Köpfe bis zu 270 Grad drehen! Bei uns Menschen wäre das so, als könnten wir unseren Kopf so weit nach rechts drehen, bis wir unsere linke Schulter sehen würden! Eulen können das, weil sie 14 Halswirbel haben. Alle anderen Wirbeltiere, auch wir Menschen, haben nur 7! Im Dunkeln sehen zu können, dieser perfekte Supersinn der Eulen war zwar in der Nacht ein unschätzbarer Vorteil, weil Eulen so auch bei wenig Licht jagen können, aber die riesengroßen, sehr lichtempfindlichen Augen, wurden dem Tier jetzt mehr und mehr zum Verhängnis. Hätten wir im Verhältnis zu unserem Gesicht solche Augen, dann wären sie so groß wie Äpfel! Sicher kein schöner Anblick. Es war der hilflos wirkenden kleinen Eule zu diesem Zeitpunkt sicherlich schnurz-piep egal, ob sie nun von einer stetig wachsenden Zahl von Besuchern der Anlage bemerkt und auch bewundert wurde. Dem Vogel ging es schlecht, es war ihm viel zu hell und mehrfach versuchte er (erfolglos) in eine mit einem Gitter verbarrikadierte schattige Nische des Schlosses zu gelangen. Jedes Mal brach er nach wildem Flügelschlag wieder ab und kehrte immer wieder zu seinem Platz auf der sonnigen Seite der Außenmauer zurück.

Nun ist der Mensch ja im Allgemeinen nicht frei von Mitgefühl für die Nöte der geschundenen Tier-Kreaturen dieser Welt. Auch andere hatten mittlerweile bemerkt, dass der Vogel wohl ein entflogenes Tier war. Gute gemeinte Ratschläge machten die Runde: dass man die Feuerwehr würde rufen müssen, zumindest aber am Eingang zum Schloss Meldung machen, dass alsbald Hilfe herbei geführt werden könne. Von geworfenen Netzen war vereinzelt die Rede. Am Ende waren es etwa 50 Personen, die um uns herum auf der Außenmauser stehengeblieben waren, um dem Tier mit den Augen zu folgen. In meinem durchaus zu funktionalem Denken befähigten Gehirn begann es zu rattern: der Vogel wirkte bereits geschwächt, es war aber nicht anzunehmen, dass er zu einem der Besucher geflogen kommen würde, diesen um sein Mobiltelefon bitten und seine Besitzer selbst anrufen würde. Er würde vielmehr so lange sinnlos durch die Gegend flattern, bis dass der Tod ihn ereilen würde. Selbst ernähren konnte sich der angeleinte Tropf sicher auch nicht. Wenn er also nicht bald an einem Hitzschlag sterben und im gleißenden Sonnenlicht für immer erblinden würde, dann hätte er sich wohl irgendwann und irgendwo mit seinem Lederriemen (ein solcher gehört einfach nicht an ein freilebendes Vogelbein) verfangen und wäre selbst zur leichten Beute geworden. Das Geschnatter um uns herum schwoll weiter an – jeder wollte dem Tier helfen und hatte mehr oder weniger passende Ideen, was nun zu tun sei. Aber: selbst helfen wollte keiner! Eine körperlich recht umfangreiche Dame, der Herkunft ich irgendwo im spanisch sprachigen Teil Südamerikas verortet hätte, meinte noch, dass sie – wenn sie nicht so dick wäre – selbstredend zu dem Tier hinauf geklettert wäre auf die Mauer, die an dieser Stelle etwa 10 Höhenmeter hatte. So? Wäre sie also?? Das war aber auch eine Mauer von einer Mauer von einer Mauer! Das bröckelige Etwas hatte sicher schon 1283, als der Grundstein zu diesem Gebäude gelegt wurde, eine „tragende“ Rolle gespielt! Wer aber seit 732 Jahren einfach so in der Gegend rumsteht und zudem über Jahrhunderte bei Banketten von übel riechenden walisischen und englischen Aristokraten vollgekotzt wurde und überhaupt seit gut 450 Jahren kein Dach mehr über dem Kopf hat, kann auch keine „tragende“ Rolle mehr spielen. In meinem Kopf ratterte es weiter und diverse Rettungsmöglichkeiten nahmen Gestalt an. Den Ausschlag gab am Ende die Präsenz meiner Tochter, ich muss aber zu meiner Ehre (zu dieser sollte es mir gereichen) anfügen, dass ich ab dem Beginn der Rettungsaktion neben meiner eigenen Unversehrtheit nur noch den Vogel und sein ihm drohendes Elend in meinen Gedanken mittrug und keinesfalls mehr an das eigene Kind, die umstehenden (zahlreichen) Zuschauer/-innen oder an irgendeine Form von Ruhm dachte, den mir die Sache einbringen würde.

Gut dokumentierte und damit authentische Rettungsaktion

Natürlich wollte ich auch schon immer ein Helt sein (und wenn es einer mit t am Ende war) und die Welt retten und all so ein Zeugs, aber von diesen Gedanken distanzierte ich mich für´s Erste. Ich distanzierte mich noch ein Stückchen weiter davon, als ich meine Bekannten, die ebenfalls den Vogel vom Boden des Castle aus beobachteten, in meine Pläne einweihte! Blankes Entsetzen in den Augen von Reisegefährtin Silvia und Reisegefährte Heinrich-Peter konnte sich den Querverweis nicht verkneifen, dass ich ja nicht mehr der Jüngste sei und dieses Wagnis besser nicht eingehen sollte. Kurz hielt ich inne, wendete meinen Blick zu meiner Tochter und glaubte in ihren Augen lesen zu können das sie meinte: „Papa, du wirst dich doch nicht von so einem alten Sack (sie meinte dann sicher den Heinrich-Peter) davon abhalten lassen, dem Tier zu helfen! Du bist doch mein Papa“. Heinrich-Peter war übrigens nur unwesentlich älter als ich, so dass er durchaus wusste, was es bedeutete, vor der geplanten Rettungsaktion auf mein Alter zu sprechen zu kommen. Der Blick meiner Tochter gab den Ausschlag. Ich beäugte die sich vor mir auftürmende Mauer und versuchte, schon vor dem Akt der Freikletterei zu erkennen, ob es Wagnisstellen geben würde. An zwei oder drei Passagen wollte ich meinen Griff und meine Füße lieber an anderer Stelle wirken lassen, so porös schien das ganze zu sein. Außerdem machte ich mir Gedanken darum, ob nicht gleich ein Wächter des Tempels mit drohend geschwungener Keule auf mich zukommen würde, um mich von meinen Plänen abzuhalten und mir längere Vorträge über den Wert der Ruine und meine gegen jede Autorität verstoßende, verbrecherische Kletterei zu halten. Egal, los ging´s. Die dicke Amerikanerin aus dem mutmaßlich spanisch sprachigen Teil Südamerikas feuerte mich an und verwies nochmals darauf, dass sie das in ihren jungen Jahren (ich schätzte sie auf 40 Jahre – kann aber auch daneben gelegen haben) ebenfalls so gehandhabt hätte. Nun sind manche Menschen zwar doof oder wenigstens naiv oder im besten Fall schlecht informiert, aber die Zahl der Schaulustigen, die sich nun am Boden und oben auf der schmalen Gangway auf der Außenmauser versammelt hatten, war sicherlich gut im Bilde darüber, dass es gleich unterhaltsam werden könnte. So ein Absturz aus 10 Metern Höhe wäre ja nicht schlecht für die Erzählungen wieder zuhause bei den Lieben überall auf der Welt. Es waren wohl auch einige dabei, die den Atem anhielten? Die Mobiltelefone mit den darin befindlichen Kameras waren jedenfalls Dutzendweise gezückt und in Bereitschaft gebracht.

Silvia und Reisegefährte Heinrich-Peter blieben zur Sicherheit mal in der Nähe, um einen eventuell erfolgenden Absturz ein Stück weit abzufedern? Schon auf den ersten beiden Höhenmetern bröckelte es gewaltig und die beiden streckten sinnlos die Arme nach oben, so wie ein Mensch, der auf der gegenüberliegenden Seite einer tiefen Schlucht steht, wenn auf der anderen Seite gerade jemand hineinfällt. Sie waren aber wenigstens hochmotiviert dabei! Nach drei Metern brach der erste Stein aus der Mauer und kollerte an mir und den weiter unten stehenden vorbei zu Boden. Aber jetzt galt nur noch die kleine Eule. Sie hatte ihren Sitzplatz so gewählt, dass ich sie von unten nicht mehr sehen konnte! Aber der Lederriemen verriet sie, weil er gute 1,5 Meter von ihrem Bein herab baumelte und dadurch gut zu erkennen war. In fünf Metern Höhe hatte ich längst den Pseudo-Schutz der mich eventuell von unten abstützenden Hände verloren. Ich war auf mich allein gestellt, war eins geworden mit der Mauer und dem Gedanken, diesem kleinen Vogel das Leben zu retten. Nach etwa sieben Metern Mauerkletterei hatte ich – auch meiner Länge von fast 2 Metern geschuldet – die Gelegenheit, das Ende des Lederriemens zu erwischen. Ganz vorsichtig führte ich meine Hand in dessen Richtung, nur den gestressten Vogel jetzt nicht verschrecken, wo doch bereits so viel gewagt worden war und seine Rettung (was der Vogel höchstselbst sicher nicht so gesehen hätte) kurz bevorstand. Wie der schnelle Biss einer Kobra in ihr Beutetier ließ ich meine linke Hand nach vorne schnellen und packte das Ende des Riemens. Nun hätte ich erwartet, dass die Eule die Veränderung ihrer Situation bemerkt und wild flatternd davon zu fliegen versucht, aber nichts dergleichen geschah. Irgendwo, etwa einen Meter oberhalb der Stelle an der ich den Riemen erwischt hatte, verschwand das braune Band um die Ecke und nichts deutete zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass sich am anderen Ende eine extrem gestresst wirkende Jung-Eule befand, die sicher nicht nur um ihr Augenlicht (man bedenke den prallen Sonnenschein) kämpfte, sondern ganz sicher auch Heimweh und Hunger hatte (oder in umgekehrter Reihenfolge).

Sollte der kleine Piepmatz etwa in der Lage sein, einfach seinen Platz dort oben zu behaupten, ohne dass ich in der Lage gewesen wäre, ihn zu befreien? Hatte sich der Riemen am Ende verfangen? Noch höher hinauf wollte ich nämlich nicht, da sich meine Selbsterhaltungsinstinkte wieder zurück gemeldet hatten, nachdem ich das Ende des Riemens ergriffen hatte. Ich zog an der Schnur und das musste auf die Eule wie ein „Klopf-Klopf“ an der Haustür gewirkt haben. Plötzlich erschien ihr Kopf über dem Mauerwerk und sie äugte irgendwie missmutig zu mir hinab. Ich zog noch einmal an dem Faden, aber anstatt sich mit Freuden ihrem Retter in die Arme zu schwingen drehte sie ihren Kopf zurück und verschwand wieder aus meinem Blickfeld! Hatte sie vielleicht einmal eine politische Schulung mitgemacht und dabei gelernt, dass man Probleme auch einfach aussitzen kann? Gesund an Sinnen bemerkte ich, dass sich das zu lange an derselben Stelle Festhalten an einem über 700 Jahre alten Mauerwerk irgendwann als kritisch herausstellt. In den letzten 20 Sekunden hatte ich meinen Schraubzwingengriff an derselben Stelle wirken lassen und das wollte sich die altehrwürdige Mauer offensichtlich nicht mehr länger bieten lassen. Sie gab Geräusche von sich und bröckelte – so als ob sie ihren Unmut dadurch besser zum Ausdruck hätte bringen können – so ein bisschen herum. Es war höchste Zeit, entschlossen zu handeln. Ich zog fester an dem Riemen und bemerkte sogleich, dass sich am anderen Ende etwas tat. Zuerst wurde ich eines sich schüttelnden Vogelbeines gewahr (das, an dem der Riemen angebunden war, mit dem zweiten versuchte der Vogel wohl seine Stellung zu halten?) um anschließend den Vogel erstmals aus dieser Nähe komplett zu erblicken. Er war sichtlich „not amused“, dass nach all der erlittenen Pein, durch die er sich in den letzten Stunden oder Tagen hindurch gekämpft haben musste, nun auch noch ein blödes Seil an seinem Bein eine andere Richtung vorgab als er, der Vogel höchstselbst. Als es noch stärker zu bröckeln begann vergaß ich für kurze Frist mein fühlend Herz und dachte nur: „du dämlicher Vogel kommst jetzt sofort her“, zog mit aller Kraft an der Schnüre, brachte den Vogel zum Absturz worauf der – nun an einem Seile, kopfüber in der Luft hängend – das tat, was alle Lebewesen dieser Welt tun, wenn sie noch nicht zum sterben bereit sind. Er zog das volle Programm der Flucht- und Abwehrbewegungen durch.

Rettungsaktion geglückt!

Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein: der hochgewachsene Mensch dort oben in der alten Mauer, an seiner linken Hand ein dünner brauner Lederriemen, an dessen anderem Ende sich etwas wie ein Propeller drehte und drehte. Es bröckelte weiter und die mich in dieser Aktion begleitenden Personen (freilich vom schützenden Boden aus, mit motivierenden Ratschlägen und „Vorsicht“ Rufen) gaben Warntöne von sich und fürchteten wohl, dass ich ihnen gleich samt der an mir dran hängenden Propeller-Eule entgegenstürzen würde. Die Eule war ob dieser gewaltsamen Aktion wohl ein wenig aus der Fassung? Laut Brehms Tierleben und Lexikon sollte diese Vogelart doch recht anmutig und elegant durch die Lüfte gleiten können? Gar vollkommen lautlos fliegen können? Dieser am Ende der Schnur hängende Vogel konnte in seiner Situation nichts mehr davon! Er flatterte wie von Sinnen, drehte sich immer wieder um die eigene Achse, prallte gegen die historische Mauer (die daraufhin verstärkt bröckelte) und lautlos war das ganz sicher nicht. Ich wagte – nun nur noch mit einer Hand / die andere hatte ich dem Vogel gewidmet – den Abstieg. Auf halber Strecke, als meine Füße noch immer gute drei Meter vom rettenden Boden entfernt waren und ein möglicher Absturz ganz sicher nicht schadenfrei abgelaufen wäre, brach ein weiterer historischer Stein von der Größe eines Apfels aus dem Mauerwerk heraus und kullerte, der Schwerkraft folgend, zu Boden. So schnell, dass meine drei am Boden gebliebenen Motivations-Hilfskräfte große Mühe hatten, dem Geschoss zu entgehen. Irgendwann – die Eule rotierte nicht mehr ganz so stürmisch um sich selbst – fühlte ich eine helfende Hand an meiner Schuhsohle! Es war also fast geschafft? Nur wenige Sekunden später fühlte ich die helfende Hand am meiner rechten Gesäßbacke, so dass ich schon Überlegungen anstellte, wie weit der (oder die?) Retter/-in denn noch gehen würde in seiner/ihrer Sorge um mich. Wenigstens hatte die Eule inzwischen ihren Kampfgeist verloren und hing schlaff wie ein Preisboxer nach dem Knockout kopfüber im Seil. Ich war aber nicht in der Lage zu überprüfen, ob sie die Augen geschlossen oder offen hatte dabei. Ich hätte auch nicht sagen können, ob sie noch am Leben war oder nicht! Zärtlich begleitete mich die Hand an meinem Po so weit (ja, es war Heinrich-Peter und es war nur eine Handlung zur Absicherung meiner Person und kein homosexuelles Angebot), bis der Besitzer der Hand erst meine Taille und später meine Arme umfassen und sicher zu Boden leiten konnte. Es war geschafft, aber der erste Gedanke galt nun der geretteten Eule! Noch war kein Platz für euphorische Glücksgefühle, auch wenn ich am Rande den Applaus von der Außenmauer (ich meine mich zu erinnern, dass die von mir in Südamerika verortete kräftige Frau besonders laut applaudierte, weil ich sie bestimmt in diesem Moment sehr an sie selbst erinnerte) Beifallsbekunden vernehmen konnte.

Die Eule hing noch immer kraftlos im Seil, kein Zucken, keine Regung. Nach kurzem, prüfenden Blick konnte ich aber feststelle, dass sie ihre Eulenaugen weit geöffnet hatte. Ich meinte, Entsetzen darin gesehen zu haben. Sie vermutete wohl, dass die gesamte Aktion nur dafür dienlich war, dass sie mir nun als Speise dienen würde? Wer weiß es denn schon so genau, was im Kopf einer kleinen, gestressten Klitze-Eule so vorgeht. Da sie an einem Lederriemen hing, wie er in Falknereien verwendet wurde, dachte ich mir, dass sie mein Angebot, auf dem angehobenen und angewinkelten Arm Platz nehmen zu dürfen, nicht ausschlagen würde? Von allein machte das dem Herztod nahe Vieh allerdings keine Anstalten, sich dorthin zu bequemen. Erst als ich sie am Seil immer weiter zum Arm zog und sie am Ende mit ihren Krallen meinen Unterarm spürte, besann sie sich darauf, was Eulen, die in diesem Leben an einem ledernen Faden hängen, so für Pflichten haben. Sie flatterte noch einmal kurz auf, ertastete den sicheren Platz und ließ sich nieder. Und jetzt kam der eigentliche, unvergessliche Höhepunkt. Die Eule drehte sich zu mir um, sah mir voll in die Augen und im nächsten Moment schimpfte sie los. Ohne ironische Interpretationen zu verwenden: ich hatte in diesem Moment das Gefühl zu verstehen, was das Tier da sprach, auch wenn der Vortrag auf eulisch gehalten wurde! Sie protestierte ob der Umstände, wie sie gerade vom Sockel gezogen worden war, sie schimpfte auch, weil sie mich in diesem Moment für ihren Falkner hielt und machte mir Vorwürfe, dass ich nicht genug auf sie aufgepasst und sie losgelassen hätte, sie erklärte mir Vogel-Wort reich, dass sie schlimmste Dinge erlebt hätte, Hunger, Hitze, Sonnenschein, vor allen Dinger Hunger! Dass sie das ganz außerordentlich rücksichtslos von mir fand, dass ich ihr all diese Dinge zugemutet hatte. Sie verwechselte mich als ihren Retter einfach mit ihrem Falkner und ich verstand und ließ die kleine Eule meckern. Während ihrer gesamten Beschwerde-Litanei ließen ihre Augen meine Augen keine Sekunde los. Sie wollte sicher sein, dass sie gehört wurde. Ich war so von den Socken vor Begeisterung (die spontan entdeckte Fähigkeit eine Eule zu verstehen haut einen eben mal von den Socken), dass ich dem Vogel den Irrtum verzieh und mich mit einem verzauberten Grinsen im Gesicht komplett von ihr vereinnahmen ließ. Nach etwa 30 Sekunden hatte sie ihre Beschwerdeführung beendet, setzte sich entspannt auf meinen Unterarm und schlief erschöpft ein! Sie musste wirklich am Ende ihrer Kräfte angekommen sein, nach dem letzten Beschwerdeton schlief sie schlicht ein.

Nach 30 Sekunden Gemeckere schlief die Eule einfach ein!

Natürlich war ich nun bereit, meiner Tochter, die damals kurz vor ihrem 14ten Geburtstag stand, die kleine Eule ausführlich zu zeigen und wollte auch gleich edukativ dabei sein. Ich erklärte ihr, dass sie nun mal live hätte miterleben können, dass es in gewissen Situationen durchaus sinnvoll sein könne, zu handeln und nicht immer nur über die Dinge zu reden. Damit hatte ich meine Erziehungs- und meine Retterpflichten in einem Aufwasch erfüllt. Nach dem Ende der Aktion kamen natürlich alle Kinder herbei geeilt, die die Vorgang mit angesehen hatten. Bereitwillig ließ sich die schlafende Eule betrachten und wurde dabei nicht müde, weiter zu schlafen. Dann kam auch die kleine Romy, Tochter einer unserer Mitreisendinnen aus der Gruppe. Vor fünf Jahren war sie ja noch ein kleines Kindergartenmädchen und sie betrachtete das schlafende Tier voller Freude. Es war immer selten, dass bei diesen relativ kostspieligen Rund- und Studienreisen auch Kinder mitgenommen wurden. Ich glaube mich zu erinnern, dass die kleine Romy die Jüngste Person überhaupt war, die ich einmal in meiner beruflichen Reiseausübung dabei hatte. Ihr hat man in der Schule mittlerweile sicher beigebracht, dass Eulen nachtaktiv sind? Dann wird sie sicher sogleich mitgeteilt haben, dass sie das weiß, weil sie vor Jahren in Wales mal eine Eule länger anschauen durfte und dass diese die ganze Zeit über schlief. Es war ja Tag und da schlafen Eulen nun einmal. Nachdem auch die von mir aus dem südlichen Amerika (sozusagen das Ursprungsland) verortete kräftige Frau ihren schwierigen Weg von der Außenmauer bis in den Innenhof bewältigt und die gerettete (schlafende) Eule in Augenschein genommen hatte, beschlossen meine Tochter und ich, dass wir den Vogel nun am Eingang (der Kasse) zum Castle abgeben sollten. Die hätten dann die Pflicht herauszufinden, von wo der Vogel entflogen war. Die Eule wurde zwischendurch immer wieder mal wach, konnte sich aber kaum länger als 10 Sekunden in diesem Zustand halten. Erst als wir in den Souvenirshop kamen, der dem Kassenbereich angegliedert war, erwachte sie zu neuem Leben.

Die kleine Romy begutachtet die Eule
Abgabe der Geretteten im Besucherzentrum

Erstaunt beäugte sie die vielen Auslagen in dem Geschäft und auch die drei Angestellten, die sie mit staunenden Blicken umstanden. Und siehe da: eine der Damen hatte in der Zeitung gelesen, dass der nahegelegenen Falknerei eine Jung-Eule entflogen war. Sie konnte sich sogar an den Namen der Eule erinnern, wobei ich mutmaße, dass sie den gleichnamigen, gut aussehenden englischen Schauspieler Hugh Grant gut fand: HUGH! Das Kind, die Eule hatte nun einen Namen. Hugh wurde in eine Kiste gepackt und sollte dort, im Dunkel verborgen, auf seinen Besitzer warten. Die Dame versprach, so schnell wie möglich dort anzurufen und Bescheid zu geben, dass die Eule nicht nur lebend gesehen sondern sogar gefangen worden war. Da meine Tochter den Rest der imposanten Burganlage und noch überhaupt nichts von dem schönen Städtchen Conwy gesehen hatte, beschlossen wir, unseren Rundgang durch Castle und Ort zu Ende zu bringen (ein Wales-Besuch besteht ja nicht nur aus Eulenrettung) und danach hierher zurück zu kommen um zu nachzufragen, ob der Hugh schon abgeholt wurde. Und leider hatten wir nach zwei Stunden keine Möglichkeit mehr uns von „unserem“ Hugh zu verabschieden! Der Besitzer war nach dem umgehend erfolgten Telefonat sofort aufgebrochen um den Vogel wieder in Empfang zu nehmen. Neben einem dicken Dankeschön an das gesamte Retter-Team ließ er uns auch noch die Information zukommen, dass er noch sehr jung sei, der kleine Hugh und dass er bei einem Probetraining einfach nicht auf den Unterarm seines Trainers zurückgekommen wäre sondern – immer dem Schnabel nach – es vorgezogen hätte, das Weite zu suchen. Der dumme kleine, freiheitsliebende Kerl wäre nach wenigen Tagen zugrunde gegangen, aber so hatte er die totale Freiheit wenigstens einmal kennengelernt, auch wenn diese kurze Zeit später kopfüber an einem Seil baumelnd schnell wieder zu Ende ging.

Im Prinzip ein guter Platz für Eulen: Conwy Castle

So ist das eben mit den glaubwürdigen Geschichten! Zeugen da, Bilder da. Alles gut! In manchen Situationen kann man einfach keine Bilder machen! Mein Kampf mit dem Nasenbären aus meinen Brasilien Blog (https://dr-richter-reisen.world/2020/04/03/reisen-in-der-retrospektive-brasilien-2010/) war genauso authentisch, aber es waren keine Bekannten dabei und ich war in ernsthafte Kampfhandlungen verstrickt, die durchaus mein Leben hätten fordern können (so wie ein Sturz aus 10 Metern Höhe von einer historischen Mauer). Seid nicht zu skeptisch oder lernt, dort skeptisch zu sein, wo es angebracht wäre. Ich kann aber verstehen, dass der (oder die), der solche Erlebnisse aufgrund seiner Vita nicht haben konnte dazu tendiert zu behaupten, meine Erlebnisse wären nicht authentisch. Wales ist übrigens wirklich sehr schön und wenn es die Zeiten irgendwann wieder möglich werden lassen, dann fahrt ruhig einmal dorthin. Egal ob in Gruppe oder allein! In der dortigen Natur gibt es viele Plätze, an denen man noch recht alleine sein kann, auch wenn die touristischen Hotspots ebenso überlaufen sind wie in England, Schottland oder Irland.

Gesund bleiben und keinen Hitzschlag bekommen!

Roland Richter

August 2020

2 Comments
  • Dagmar
    Posted at 09:21h, 19 August Antworten

    frohe Nachricht heute:
    Abkühlung verhindert Hitzschlag

    Guter Vorschlag:
    gesund zu bleiben
    dabei Vorsicht und Rücksicht walten lassen
    aber die Rettungsaktion von Roland war das Risiko wert – da gutgegangen

    so galt und gilt für diese tierliebende aber auch sehr gefährliche Aktion:
    Eule nicht ein Unglücksbringer oder gar Todesvogel
    ist wohl eher Symbol für fortlebende Weisheit von Vogel und Roland
    gar von Eleganz des Vogels und des Mauerkletterers Roland…

    Grüße an den eigenwilligen Helden und alle mitfühlenden Leser/Innen
    Dagmar

  • Dagmar
    Posted at 09:33h, 19 August Antworten

    Nachtrag:

    zudem kann und will ich ebenfalls alle zum eigenständigen Denken und Handeln auffordern –
    das braucht unsere Gesellschaft und Welt!
    Wir sind alle Weltenbürger auf dieser einen Erde
    und tragen gemeinsam die Verantwortung – daraus muss Handlung folgen!
    Aus eigener lebenslanger Erfahrung kenne auch ich die Schwierigkeiten,
    die einem von rechts, Mitte, links in den Weg gelegt werden
    wenn man eigene Meinung vertritt und nicht dem leicht gängigen Strom/ Herde folgt!
    Aber wir dürfen nicht aufgeben zu denken, zu fühlen und zu handeln
    je mehr Menschen das tun um so mehr erreichen wir zusammen

    auch deshalb Dank für Deine Artikel Roland
    auch wenn sie sicherlich oft viel Kraft und Zeit erfordern
    gib nicht nach oder auf!

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