Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 05 und Ende

Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 05 und Ende

Lebe wohl Schottland!

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Weggehen bedeutet in Klartext, dass wir etwas zurücklassen. Dass können Menschen sein, oder Dinge, Gefühle, den Job oder ein Land. In meinem, zumindest in diesem beschriebenen Fall, Schottland. Es soll der letzte Blog über dieses einzigartige Land werden, über welches ich noch Jahre schreiben und berichten könnte, ohne jemals damit fertig zu werden. So viele Dinge und Ereignisse haben sich dort zugetragen, dass ich auch nicht umhin kann, die persönliche Seite mit einzuflechten. Spätestens nach einem Anruf, mitten in der tiefsten Nacht, den ich leider verpasst habe und der von meiner jüngsten Tochter kam, liegt meine mit aller Kraft gehaltene Welt der Ordnung wieder einmal in Trümmern. Doch im Schmerz liegen bei mir immer auch Erkenntnisse: ich muss diese Schottland-Geschichten beenden und versuchen im letzten Artikel den Nagel auf den Punkt zu bringen. Lebe wohl Schottland! Nur Schottland? Ich frage mich manchmal ob es Menschen gibt, die ein gewisses Talent dafür haben, Abschied zu nehmen. Zum Abschied? Für viele Menschen kommt es einem psychischen Erdbeben gleich, sich von wichtigen Zielen, Menschen oder Orten trennen zu müssen. Tatsächlich sind viele von uns schlecht gerüstet, um Abschiede als einen vollkommen selbstverständlichen Teil unserer Lebensumwelt zu verstehen. Letztlich sind wir Klammeraffen, und zwar von Beginn an. Der Reflex, die eigene Mutter zu umklammern, half Babys vermutlich vor Urzeiten, sich bei Gefahr fest in das Fell zu krallen. Emotional sind wir doch noch heute ähnlich gepolt! Das Gehirn sucht und festigt Bindungen zu unseren Mitmenschen, zu den Plätzen, die uns vertraut sind. Wir wollen dann oft die Dinge so sehen, wie sie für uns bequem erscheinen und merken nicht, dass wir dabei einem archaischen Prinzip nachlaufen, dass im Prinzip eine Fortentwicklung behindert. Das unbedingte Festhalten wollen sorgt dann dafür, dass dieses Ur-Gefühl auf Trennungen genauso intensiv reagiert, wie zum Beispiel auf körperliche Schmerzen.

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Doch es gibt Menschen, die sich leichter als andere damit tun, etwas zurückzulassen. Ein Talent zum Abschied liegt ihnen bereits in den Genen. Wissenschaftliche Studien (auch wenn ich diese nur deshalb verwende um glaubwürdiger zu erscheinen – im Prinzip verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl) gehen davon aus, dass es für jeden von uns ein optimales Erregungsniveau gibt, das zu etwa 70 Prozent die Gene bestimmen. Das regelt unser Unterbewusstsein ziemlich selbständig, hält dabei eine gewisse Balance und damit alles im Fluss. Aber einige Menschen (es soll angeblich jeder Fünfte sein) halten ihr Erregungsniveau gerne künstlich hoch, indem sie häufig neue Reize suchen. Diese nach neuen Sensationen Suchenden lassen sich von Neugierde und der Lust zum Aufbruch zu immer neuen Orten und Menschen treiben, mitunter suchen sie das Abenteuer in riskanten Sportarten oder sind schnell gelangweilt. Die übergroße Mehrheit der Menschen hält die Zahl der neuen Reize jedoch gering und fühlt sich in der Routine wohler als bei Abschied und Neuanfang. Denn nicht nur plötzliche, ungewollte Veränderungen wie eine Scheidung oder eine verlorene Wahl fordern das Gehirn, sondern selbst erwartete Veränderungen wie ein Auslandsjahr im Studium oder ein Jobwechsel oder Umzug kosten Kraft. Um neue Eindrücke zu verarbeiten, verbraucht das Gehirn enorme Mengen an Energie. Schnell versucht es dann, den Energieverbrauch zu drosseln und uns wieder zu Routinehandlungen zu bewegen – wenn der Mensch brav den Vorgaben des Gehirns folgt, belohnt es uns mit körpereigenen Endorphinen, den Drogen die dazu führen, dass wir uns wohlfühlen.

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Loslassen, das müssen die meisten erst lernen. Und wir lernen es unser ganzes Leben lang. Früher ging man von einer einfachen Gleichung aus: Je sicherer sich ein Baby bei seinen Eltern fühlte, desto leichter würden ihm als Erwachsenen nicht nur Bindungen, sondern auch deren Auflösungen fallen. Wer sich also sicher fühlt, der kann sich bei allem Abschiedsschmerz dennoch lösen, wenn es an der Zeit ist. Heute aber hat man erkannt, dass sich die Art, wie wir uns binden, verändert. Das geschieht ein Leben lang, die Art der Bindung unterscheidet sich sogar in den einzelnen Lebensbereichen oder -abschnitten. Unsere Erfahrungen und unser Selbstwertgefühl in diesem spezifischen Bereich prägen die Art, wie wir mit dem Abschied umgehen! Wer in den Bereichen Arbeitswelt, Freundeskreis, Familie oder Partnerschaft eine sehr schmerzhafte Zurückweisung erfahren hat, tut sich danach oft schwer mit dem Abschied. Die stark Angegriffenen und ihr Verhalten könnte man danach als das Tun von Vermeidern bezeichnen. Sie binden sich erst gar nicht wieder oder geben bald auf. Sie werden dann entweder als starke Persönlichkeiten oder als Egoisten gesehen. Durch die Zurücksetzung in der Jugend kann aber auch ein von Ängstlichkeit und ambivalenten Denken gesteuertes Abschiedsverhalten hervorgerufen werden. Die ängstlich gewordenen klammern und harren zu lange in verfahrenen Situationen aus. Es kann zu einem Teufelskreis werden, denn wer bereits viel Zeit, Energie, Liebe oder Geld investiert hat, zögert den Abschied oft zu lange hinaus und zahlt am Ende einen noch höheren Preis. Das hartnäckige Festhalten an blockierten Zielen und unergiebigen Projekten kann so zu erheblichen Fehlentwicklungen führen. So erschütternd die psychischen Erdbeben des Abschieds sein können: sie fördern oft einen großen Schatz zutage, den wir aber erst erkennen können, wenn sich die dabei aufgewirbelte Staubwolke wieder gelegt hat. Die aufgewirbelte Staubwolke, die ein – wenn auch im Moment noch nur theoretischer – Abschied von Schottland für mich bedeutet, schließt ganze Universen an Impressionen und Erkenntnissen mit ein und mehr als die Hälfte meiner Lebensjahre. Dabei kommen die privaten und die beruflichen Dinge zusammen und vermischen sich zu einem Potpourri aus Ideen, Schmerzen, Freude und Hoffnung. Wie drückte es Hermann Hesse in seinem Siddhartha über das Zuhören und den Fluss des Lebens aus?

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„Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, dass er nun das Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all die gehört, diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Leiden des Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluss des Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Fluss, diesem tausendstimmigen Lied lauschte, wenn er sich nicht auf das Leid noch auf das Lachen konzentrierte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alles hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das große Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hieß Om: die Vollendung“

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Wenn ich an Schottland denke, gibt es natürlich auch einige Highlights, die mit dem Prädikat „herausragend“ bezeichnet werden können. Diese gibt es sowohl bei den Reisen, die ich als Reiseleiter oder -veranstalter mit anderen Menschen zusammen erlebt habe, als auch im Privaten. In keinem anderen Land der Welt bin ich als Privatmensch häufiger unterwegs gewesen als in Schottland. Schon in sehr jungen Jahren interessierten sich meine Töchter für das Land jenseits des Tweed, sicher auch motiviert durch den Vater (unsere enge Bindung nicht zu vergessen), der Jahr um Jahr Reisen dorthin unternahm und auf Nachfrage auch gerne darüber berichtete. So führt mich die Erinnerung in zwei verschiedene Leben zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten zurück, in denen ich mit meinen Töchtern dort unterwegs gewesen bin. Ich schreibe gerne über das Thema Erinnerungen. Wer sich Erinnerungen wieder ins Gedächtnis ruft, die sich besonders tief eingeprägt haben, hat manchmal das Gefühl, die Situation nochmal zu durchleben. Das ist auch gar nicht so abwegig. Denn beim Erinnern werden schließlich auch die Hirnbereiche aktiviert, die bei der damaligen Wahrnehmung des Ereignisses beteiligt waren. Wenn ich meine Augen schließe, und mir das Gesicht eines geliebten Menschen vorstelle, habe ich sofort das Gefühl, dass dieser Mensch vor mir stehen würde. Dass ist auch kein Wunder, denn beim Erinnern helfen diejenigen Regionen in meinem Kopf, die für die optische Wahrnehmung zuständig sind. Nachdem meine jüngste Tochter schon sehr früh damit begann, ihren Wunsch, auch einmal nach Schottland reisen zu dürfen, immer wieder einmal auszusprechen, nahm ich Sie – in Ermangelung von Zeit für eine komplett private Reise – im Juni/Juli 2008 einfach im Rahmen einer Gruppenreise mit. Die Kleine hatte sich als „gruppentauglich“ erwiesen, fiel niemals unangenehm auf sondern machte – im Gegenteil – den anderen Teilnehmern/-innen viel Freude.

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Nur zweimal in meinem Leben habe ich es geschafft, meine Töchter, die aus unterschiedlichen Lebensbeziehungen entstanden waren, gemeinsam mit auf eine Reise zu nehmen. 2008 glückte das bei der beschriebenen Reise nach Schottland und dann noch einmal 2010 bei einer längeren Reise durch Skandinavien bis hinauf zum Nordkap. Nachdem also nun die jüngere Tochter Schottland selbst erlebt hatte, wurde sie mehr oder weniger automatisch auch mit dem Virus des Landes infiziert. In den folgenden Jahren war es mehr oder weniger an der Tagesordnung dass sie danach fragte, wann sich denn wieder einmal eine Gelegenheit ergeben würde, dorthin zu verreisen. 2011 war es dann soweit und es sollte eine komplett private Reise werden, eine Reise, die ein besonderes Highlight beinhaltete: die Begehung des West-Highland-Way! Der West-Highland-Way ist „der“ schottische Fernwanderweg schlechthin und führt von Milngavie bei Glasgow nach Fort William. Er beginnt in den Lowlands und führt in die Highlands, vorbei an Schottlands größtem Süßwassersee, dem Loch Lomond, berührt den Taleingang des Glen Coe und endet unweit des höchsten Berges Schottlands, dem Ben Nevis. Die Gesamtwanderlänge beträgt anspruchsvolle 154 Kilometer. In meinen jüngeren Jahren, als ich den Wanderweg zum ersten Mal beschritt, waren es nur wenige Wanderer, die sich an der anspruchsvollsten Wanderroute durch Schottland versuchten. Aber, wie das eben mal so ist, hat sich in der Zeit der Massenbewegung der Weg mehr oder weniger zu einem Massenphänomen entwickelt und heute sind durchschnittlich 50.000 Wanderer pro Jahr auf dem Weg unterwegs. Je nach Etappeneinteilung werden für den gesamten Weg meistens sechs bis neun Tage benötigt. Selbstverständlich wollte ich meiner Tochter die Besonderheiten des Wanderns in freier Natur aufzeigen. Ich selbst hatte seit meiner Zeit in Neuseeland 1991, als ich einige der großen und teilweise sehr schwierigen Routen dort im Land zu Fuß bewältigt hatte, nie die Sehnsucht nach einer solchen Aktivität wieder ablegen können. Tracks zu begehen, tief in die Natur einzutauchen und alles, was man für das Leben und Überleben braucht, dabei auf dem Rücken zu tragen, war meine große Leidenschaft geblieben. Eigentlich bis heute, auch wenn sich die Jahre langsam bemerkbar machen. Meine Tochter war zwar unerfahren, aber mit ihren damals 10 Lebensjahren recht fit und beweglich.

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Nun gab es damals in unserem Haus auch eine weitere Tochter, eine, die meine damalige Partnerin mit in unsere Ehe gebracht hatte. Sie war – so wie meine „Ältere“ – neun Jahre vor der „Jüngeren“ geboren worden. An Natur und allen damit in Zusammenhang stehenden Dingen hatte diese aber – so wie auch ihre Mutter – nur sehr geringes Interesse. Auf keinerlei zivilen Komfort zurückgreifen zu können und sich den Anstrengungen einer Wanderung auszusetzen, kam für die anderen weiblichen Mitglieder unserer Hausgemeinschaft nicht in Frage. Glücklicherweise wurden aber auch nie Bedenken geäußert, wenn ich die jüngere Tochter zu solchen Natur-Exkursionen mitnahm. Man ließ uns machen und wir machten! Trotzdem kam der Zufall Zuhilfe. Meine damalige Partnerin und Mutter unserer Tochter sowie ihre Ältere liebten es, in London (oder in England im Allgemeinen) zu sein. Im Juli 2011 hatten die beiden ein Hotel in der Innenstadt von London gebucht und wären auch für eine Woche dorthin geflogen, wenn wir nicht die Idee von der Begehung des West-Highland-Way gehabt hätten. Es wurde beschlossen, die Sache mit dem eigenen Auto anzugehen, die anderen beiden Damen in London am Hotel abzusetzen und danach die noch fehlenden 650 Kilometer bis nach Milngavie, wo der West-Highland-Way für uns beginnen sollte, in einem Rutsch durchzufahren. Es wurde ein extrem langer Tag! Nachdem wir mit der Fähre von Calais (Frankreich) nach Dover (England) übergesetzt und das Hotel in London gefunden hatten, fuhren wir auf den Autobahnen Englands zügig weiter in nördliche Richtung. Die Tochter auf dem Rücksitz wollte unterhalten werden und lauschte fast die ganze Fahrt über einem Hörspiel, welches auf lustige und kindgerechte Art und Weise die Saga des Schatzes der Nibelungen zum Inhalt hatte. Erst kurz vor der Grenze nach Schottland, als es bereits dämmerte, schlief sie ein. Wir hielten kurz am Gretna Green Famous Blacksmiths Shop weil ich ihr den Unsinn solcher Anlagen erklären wollte, fuhren dann die letzten 150 Kilometer bis zum Hotel Premier Inn in Milngavie, wo wir uns für die Nacht vor der anstehenden Wanderung ein Zimmer gemietet hatten. Erst spät kamen wir dort an, fielen in unsere Betten und schliefen erschöpft ein. Wir hatten nun insgesamt 14 Tage Zeit, um unsere Pläne zu realisieren.

Unser Hotel in Milngavie
Erste Impressionen am Loch Lomond

Nach einem Frühstück am nächsten Morgen fuhren wir nur kurz zum eigentlichen Startpunkt des West Highland Way um am dortigen Schild ein „Beweisphoto“ zu machen, dass wir tatsächlich hier gewesen waren. Da ich den Wanderweg schon einmal komplett absolviert hatte wusste ich, dass von Milngavie eine circa sechsstündige Wanderung von etwas mehr als 19 Kilometern nach Drymen bewältigt werden musste. Diesen Teil des Weges hatte ich als „entbehrlich“ eingestuft, da die Wanderung mit schwerem Gepäck im Prinzip nur in dem kleinen und irgendwie typisch schottischen Städtchen Drymen etwas bietet und man ansonsten den Tag über durch die Vororte Glasgows läuft. Ich war immer sehr achtsam im Umgang mit meinen Kindern und wollte nicht riskieren, dass der Nachwuchs vielleicht doch gleich am ersten Tag die Freude auf die bevorstehenden Ereignisse verliert, weil man in einer Stadt herumläuft und dabei Energie verpulvert. Außerdem wäre es mit dem Auto schwierig geworden! Am Hotel hätte ich den Wagen nicht stehenlassen können, am Bahnhof in Milngavie erst recht nicht. Also hatte ich im Vorfeld der Reise gründlich recherchiert und war zu dem Schluss gekommen, dass ich unser Auto am Scottish Centre for Ecology and the Natural Environment, direkt am Ufer des Loch Lomond würde abstellen können. Hier konnte der Wagen problemlos stehen und wir planten nach dem Ende des Weges in Fort William mit Bussen und einem Taxi wieder hierher zurück zu kommen um das Fahrzeug wieder in Besitz zu nehmen. Im Leben kommt es aber oft anders als man denkt! Aber mehr dazu zu einem späteren Zeitpunkt. Ich sehe sie an dieser Stelle quasi vor meinem geistigen Auge, die bang blickenden Mütter dieser Welt! Ob ich das Kind nicht zu schwer beladen auf diese Wanderung geschickt hätte? So ein zartes Wesen, so verletzlich! Musste es am Ende schwere Lasten tragen die seine Gesundheit aber ganz sicher zum Negativen hin geführt hätten? Väter waren ja solch unzuverlässige Wesen und konnten doch gar nicht abschätzen, was sie ihren Kindern so zumuteten! So etwas konnte nur eine Mutter! So wäre es vielleicht an der Zeit zu erwähnen, dass meine Tochter mich viele Jahre lang „Mama“ nannte! „Mama“ ist nämlich der sprachliche Ausdruck eines tiefen Ur-Vertrauens, der Vertrauen und tiefe Liebe zu einer Person ausdrückt. Und diese Person muss nicht weiblich sein. Es ist das Problem mit den tief in uns eingebrannten Geschlechter-Stereotypen, die uns als Mehrheit eine solche Sonderstellung des Begriffes „Mama“ nicht erkennen lassen. Und es waren am Ende auch diese unverrückbaren Geschlechter-Stereotypen die dafür gesorgt haben, dass meine Welt in Aufruhr gerät wenn ich zu nachtschlafender Zeit einen Anruf meiner Tochter verpasse, weil wir beide dem Druck der Systeme am Ende nicht mehr gewachsen waren, weil staatliche Institutionen sich vehement dagegen sperren, dass das, was seit allen Zeiten der Job der „Mütter“ war, auch von einem „Vater“ erledigt werden konnte. Und zwar mit Bravour!

Schottische Midges können Bestien sein

Die wahre Liebe und die wahre Erkenntnis erreicht aber das Herz der Technokraten, der Juristen oder der Staatsgläubigen nicht! Es ist vielleicht noch nicht an der Zeit? Wenn die Welt wirklich weiblicher werden soll, damit zukünftige Generationen von den Mann-gemachten Katastrophen verschont bleiben und eine Fort-Existenz der Menschheit auf dem Globus zufriedenstellend für alle Lebewesen gesichert werden soll, wäre es an der Zeit, den Männern die volle Hoheit (auch die mentale und emotionale) über ihre Kinder, gleichberechtigt mit der der Mütter, in die Hände zu geben. Aber so lange die Welt an ihrem Dogma festhält und man weiterhin die alleinige Souveränität der Mütter (der Kernsatz „ein Kind gehört zur Mutter“ geistert weiterhin durch alle Köpfe) als eine feststehende Definition oder gar als eine grundlegende, normative Lehraussage, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich gilt, fortsetzt, wird in viel zu Fällen weiterhin ein wunderbares Stück Reflexion sterben. Ich habe tagelang mit meinem Kind herauszufinden versucht, was es denn würde tragen können. Am Ende erstanden für sie einen kleinen Rucksack, der mit Kissen und anderen leichten Dingen befüllt, keine drei Kilogramm auf die Wage brachte. Den Rest der umfangreichen Ausrüstung (das waren dann noch stolze 38 Kilogramm) trug der Vater! So sollte es gelingen. Doch leider wird ja bekanntlich im Alter nichts besser! Als ich 1993 den West-Highland-Way zum ersten Mal beschritt, war ich selbst noch 18 Jahre jünger! 18 Jahre fitter und dynamischer! Auf meinen Wanderungen in vielen Teilen der Welt hatte ich teilweise 40 Kilogramm (gut, auch oft der schweren Photoausrüstung geschuldet) wochenlang durch die Wildnisgebiete dieser Welt getragen und war dabei nur selten an meine körperlichen Grenzen gekommen. Nun aber, nach viel zu vielen Jahren der Unsportlichkeit, begann ich schon nach wenigen Kilometern, als wir noch am Ufer des Loch Lomond liefen, zu ahnen, dass ich mir da am Ende etwas zu viel Gewicht auf die Schultern gelegt hatte. Aber: dem Kind sollte es in den folgenden Tagen an nichts mangeln! Wir hatten nicht vor, die Möglichkeiten eines Bed & Breakfast zu nutzen um an Nahrung zu kommen. Das hätte dem Geist, mit dem wir aufgebrochen waren, widersprochen. Wir wollten uns den gesamten Zeitraum über in der Natur aufhalten und nur dort, wo es unumgänglich war – wenn der Weg zum Beispiel durch Orte führte – die Berührung mit der Zivilisation erdulden.

2011 gab es jede Menge umgestürzte Bäume

Aber: im Leben kommt es oft anders als man denkt! In den Wochen zuvor waren mehr als ergiebige Regenfälle über Schottland niedergegangen. Diese heftige Dauerdusche war zwar zu dem Zeitpunkt, als wir uns anschickten den WHW (West-Highland-Way) zu meistern, schon gut eine Woche vorüber, aber die Spätfolgen waren deutlich zu spüren und sorgten am Ende dafür, dass wir unseren ursprünglichen Wanderplan verwerfen und uns neu aufstellen mussten. Schon bei der ersten Pause auf der Parkbank am Rowardennan Youth Hostel bekamen wir die Auswirkungen des vergangenen Dauerregens heftig zu spüren! Es gibt in Schottland leider, leider ein kleines Tier, dass einen unvorbereiteten Menschen derart quälen und in seine psychischen Abgründe führen kann, dass man an den Folgeschäden noch lange zu knabbern hat! Die kleinen Midges! Sie sind Mitglieder der sogenannten zweiflügligen Fliegen, was ja erst einmal harmlos klingt! Sie sind putzig, drollig klein und die Spannweite der Flügel beträgt gerade mal zwei Millimeter! Also die Größe einer Fruchtfliege, zumindest bei den größeren Exemplaren in den Lowlands. Die Highland Midge ist noch putziger, drolliger und kleiner, denn sie hat nur 1,4 Millimeter Flügelspannweite. Wenn die Attacken beginnen interessiert sich absolut niemand mehr dafür, dass sie gepunktete Flügel hat. Angezogen werden die Midges durch den Atem und sie reagieren auf Temperaturdifferenzen. Und so ähnlich wie bei den Bienen, kommunizieren auch die Migdes mit einer Art Signalsystem miteinander, wenn eine was zum Fressen (Beißen!!) gefunden hat. Ein Signalsystem, das immer mehr Midges anlockt. Nur kommunizieren die Midges nicht über schöne Blüten, aus denen sie saftigen Nektar gewinnen wollen, sondern über unser Blut! Leider bietet Schottland die perfekten Bedingungen für die kleinen Monster, denn sie beißen gern im Temperaturbereich von 6° bis 18° C. Schottisches Wetter also! Und es ist auch absolut kein Trost, dass die Blutsauger/-innen nur bis zu einer Windgeschwindigkeit von etwa 8 Kilometer pro Stunde kontrolliert fliegen können und danach den Schutz in der Bodenvegetation suchen. Denn: bei Wanderungen ist man prinzipiell mit seinen Beinen in der Bodenvegetation unterwegs und wird somit auch bei gefühlten 50 Kilometern pro Stunde Wind zum Opfer der kleinen Brut. Natürlich wusste ich um dieses Problem und hatte – um den Nachwuchs bei Bedarf schützen zu können – zwei Fläschchen Gegenmittel (Abwehrduftstoffe) eingepackt und griffbereit verstaut. Zudem hatte ich darauf bestanden, dass meine Tochter ihre Haut verdeckte und – als es begann schlimm zu werden – ein Schutznetz über den Wanderhut vor das Gesicht zog. Ich befürchte, dass dort, auf der Parkbank am Rowardennan Youth Hostel auch eine komplette Imker-Schutzkleidung am Ende nicht ausgereicht hätte? Die erste Hälfte des ersten Fläschchens Insektensprays verwendete ich darauf, es dem Kind möglich zu machen, ein paar Schlucke aus seiner Wasserflasche zu trinken, ohne dabei permanent in die Lippen gestochen zu werden. Es war nervig und ich konnte an dem verzweifelten Blick des Kindes erkennen, dass es der Verzweiflung nahe war. Sollte ihm dadurch am Ende gar die Freude an der bevorstehenden Wanderung vergällt werden? Es hatte den Anschein.

Ein 38 Kilo Rucksack schlaucht auch den Vater!

Wir brachen überstürzt auf, nur weg von diesen Plagegeistern! Wir waren genötigt, schnell zu laufen, da die Vertreter dieses auf Milliardengröße angewachsenen Mückenvolkes uns auch während des Laufens attackierten. Das Wetter war in Ordnung, leicht bewölkt, kaum Wind, wir hätten theoretisch eine Menge von schönen landschaftlichen Impressionen in uns aufsaugen können, aber die nicht enden wollenden Attacken der Midges standen solcher Schwärmerei mit voller Wucht im Wege. Der viele Regen und die trotzdem angenehmen Temperaturen hatten ein Schlüpfen der Mücken in unvorstellbarer Menge möglich gemacht. Es waren so viele, wie ich es erst einmal bei meinen vielen Reisen ins Land zuvor erlebt hatte. Und jetzt traf es ausgerechnet meine Tochter bei ihrem ersten Versuch, das Leben aus der Perspektive eines Tramp zu meistern. Bald darauf endete der asphaltierte Abschnitt der Straße, die am Nordufer verläuft. Der Loch Lomond hat zwei sehr unterschiedliche Seiten! Einmal das ruhige Nordufer, wo es phasenweise nur einen Wirtschaftsweg für die Waldarbeiter gibt (geschottert) und zum anderen die vielbefahrene Strecke am Südufer, wo die von Millionen Besuchern und Einheimischen genutzte A82 verläuft. Es ist mitunter kaum vorstellbar, welcher mobile Wahn am Südufer tobt, wenn man in der Stille und der Einsamkeit des Nordufers wandert. Als es möglich wurde, verließen wir den Schotterweg und stiegen auf steilen Pfaden zum Ufer des Sees hinab, um – nun völlig ungestört und auf unser bloßes Menschsein zurückgeworfen – die Erhabenheit der Szenerie um uns herum auf uns wirken zu lassen. Dort jedoch mussten wir die Erfahrung machen, dass ausgiebige Regenfälle nicht nur das Schlüpfen eines Milliardenheeres von biestigen Steckmücken ermöglichen, sondern dass die Überreste der Wassermassen auch in Form von vielen Pfützen und Schlammlöchern das Vorankommen behindern. Nichts in der Welt um mich herum entsprach noch dem, was ich hier 18 Jahre zuvor kennengelernt hatte. Die 38 Kilogramm auf meinem Rücken machten mir immer dann zu schaffen, wenn ich meine Tochter aus diversen Schlammlöchern bergen musste, in denen sie teilweise bis zur Hüfte versunken war. Ihr entglitt zusehends die Lust an unserem Unterfangen! Mücken und Schlamm in solcher Masse! Hätte es nicht erst nach unserer Wanderung so viel regnen können? Der untere Weg am Nordufer des Loch Lomond verläuft nicht immer direkt am Ufer. Manchmal muss man ein wenig die umliegenden Felswände hinauf klettern. Im Prinzip sollte das eine leichte Übung werden, aber die Regenmassen hatten an viel zu vielen Stellen noch etwas ausgelöst, dass uns vor noch größere Probleme stellte als die Bergung eines Mädchens aus einem Schlammloch: Baumlawinen! An etlichen Stellen hatte der Regen dafür gesorgt, dass die Bäume auf dem teils felsigen Grund nicht mehr genügend Halt gefunden hatten. Und wenn so ein Hang mit Bäumen darauf ins rutschen gerät, gibt es kein Halten mehr. Die oberen Bäume nehmen die unteren mit und mit großen Getöse stürzt eine Lawine aus Erde, Büschen und Bäumen zu Tal.

Nichts schmeckt so gut wie schottisches Quellwasser

Ständig mussten wir gleich am ersten Wandertag diese Baumleichen übersteigen, unterklettern oder in tiefsten Schlamm ausweichen, was dann der Tochter immer wieder zum Verhängnis wurde, da sie in den Schlammlöchern versank und gerettet werden musste. An einer besonders schlimmen Stelle war ich trotz meiner Gelassenheit sogar sehr besorgt. Hier waren etwa 100 große Bäume in einem derartigen Wirr-Warr übereinander getürmt, dass wir – Freikletterern gleich – in einer Felswand das Hindernis umklettern mussten. Da die Sache an sich nicht ohne Gefahren war, legte ich meinen schweren Rucksack ab, sattelte den der Tochter auf und geleitete das Kind in einer etwa 30 Minuten währenden Kletterpartie auf die andere Seite, deponierte die Tochter dort, kletterte wieder zurück zum Anfang, sattelte meinen Monsterrucksack und legte zusammen mit dem den Weg nochmal zurück. Wir wurden ständig aufgehalten und es war klar, dass wir unser Tagesziel, in der Nähe des Inversnaid Hotels, nicht erreichen würden. Ich war verunsichert – wie sollte ein solcher Tag, bei dem wir ständig aufs Äußerste angespannt mit den unerfreulichen Erscheinungen der Natur kämpfen müssend, unseren Weg bahnend, dem Kind etwas vermitteln? Doch als ich nach der dritten Überkletterung des Baum-Hindernisses mit meinem Rucksack wieder bei der Tochter ankam, strahlte sie mit der über den Bäumen aufgegangenen Sonne um die Wette. Ich hatte ihr vor der Wanderung erklärt, dass sie aus fast jedem Bach in Schottland würde trinken können. Anfangs, noch von den „Segnungen“ der Zivilisation beeinflusst, hatte sie lieber auf die mitgeführten Wasservorräte zurückgegriffen, als sich aus einem Bach zu bedienen. Nun aber hatte sie Durst bekommen, ihre Flasche war leer getrunken und der Vater mit der Bergung des großen Rucksacks noch im Geäst beschäftigt. Als sie ein leises glucksen und ein damit verbundenes rieselndes Rauchen vernahm, entdeckte sie einen kleinen Wasserfall gleich hinter sich. Von Durst gepeinigt hatte sie ihren Becher beherzt in den kleinen Fall gehalten und das Wasser getrunken. Es war wohl ein einschneidendes (und wohlschmeckendes) Erlebnis? Jedenfalls hat sie danach keine Gelegenheit mehr verpasst, schottisches Quellwasser aus den sich am Wegesrand anbietenden Bächen zu trinken!

Baumlawinen versperrten immer wieder den Weg

Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits drei Stunden hinter unserer Planung zurück! Somit war klar, dass wir nun bald „gegen das Gesetz“ verstoßen mussten. Es ist nämlich nicht erlaubt, sein Nachtlager einfach so irgendwo am WHW entlang aufzuschlagen. Es gibt verschiedene Stellen an denen es erlaubt ist, wenn man schon nicht auf die Möglichkeiten eines Bed & Breakfast am Wegesrand zurückgreifen will, aber dort gibt es auch keine Garantie, dass man die totale Einsamkeit genießen kann, weil fast alle die hier auf Wanderschaft sind, am Abend zu diesen Plätzen kommen um ihre Zelte aufzuschlagen. Ich wollte es meiner Tochter aber ermöglichen, diese Einsamkeit zu erfahren, so dass mir die Verspätung im Prinzip ganz gut gefiel! Sollte tatsächlich am Abend jemand Kontrolle laufen am Ufer des Loch Lomond um zu überprüfen, ob Recht und Ordnung von allen respektiert wurden, hätte ich mit dem Verweis auf den Erschöpfungsgrad meiner Tochter vielleicht eine schwere Rüge umgehen können? An einer besonders schönen Stelle, als sich der Uferweg wieder einmal anschickte, sich in höhere Lagen zu winden, verließen wir nun auch den letzten Weg und stapften durch das Unterholz auf die schimmernde Fläche des Sees zu. Und das Schicksal meinte es gnädig mit uns: gleich die zweite Bucht, überzogen mit Kieselsteinen, sanft geschwungen mit einem winzig kleinen Sandabschnitt, erschien uns wie das Paradies und damit absolut geeignet um mit den Vorbereitungen für die Nachtruhe zu beginnen. Da ich der Tochter nach den Anstrengungen des Tages den Aufbau des Lagers ersparen wollte und auch ihre Mithilfe nicht in Anspruch nahm, bat ich sie, die grüne Signalweste anzuziehen damit ich während des Zeltaufbaus jederzeit erkennen konnte, wo sie gerade war. Ja, ich kümmerte mich immer gewissenhaft um meine Kinder, ganz so, wie man es normalerweise von einer Mutter erwartete. Aber meine Tochter nannte mich ja auch Mama – meine Welt war in Ordnung!

Unser Zeltplatz am Rand des Loch Lomond

Ich war zwar ein wenig aus der Übung, aber doch noch in der Lage ein Zelt aufzubauen, dort wo es ging mit Häringen im Boden zu verankern und dort, wo das an diesem kiesigen Abschnitt nicht möglich war, mit Schnüren an den umliegenden Bäumen zu befestigen. Die Tochter tollte derweil am Ufer des Sees, auf den Steinen und im Unterholz umher und hatte ihre Lebensfreude sichtlich wiedergefunden. Ab und zu kam sie vorbei und fragte nach, wann ich denn fertig sei. Ich hatte ihr versprochen ihr noch etwas aus der schottischen Märchenwelt zu erzählen und ihr Gedanke, hier im Land, auf dem Schoß des Vaters am Ufer eines schönen Sees eine dieser Geschichten zu hören, hatte sie einigermaßen „kribbelig“ werden lassen. Wir konnten uns – der Artikel soll ja bei der Wahrheit bleiben – übrigens nur deshalb dort so „frei“ bewegen, weil ich den Rest des ersten Fläschchens mit Mückenschutzmittel auf uns verteilt hatte. Die Biester waren zwar auch hier, an Ufers Rand, aber auf keinen Fall mehr in derart großer Zahl wie im Wald in den Stunden zuvor. Als ich mit meiner Arbeit fertig war, besah ich mein Werk und war zufrieden. Nun konnte ich mir meine persönliche Belohnung für den Tag abholen und noch eine gute Stunde Zeit an diesem wundervollen Ort mit meiner Tochter verbringen. Ich hätte nicht gedacht, dass es nur noch wenige Gelegenheiten für uns geben würde, wenigstens einmal noch in die Nähe der dort erlebten Intensität zu kommen! Eigentlich gab es niemals mehr eine solche Möglichkeit! Doch wenn es stimmt, dass Menschen die Kinder haben, diese Kinder als letztes sehen, bevor sie diese Welt verlassen und sterben, dann wird es dieser Moment sein, diese folgende Stunde, die ich vor meinem geistigen Auge führen werde, wenn meine eigene Stunde dereinst schlägt.

Verbundenheit kann auch mal zu Ende gehen…..

Meine Tochter und ich hatten schon immer eine sehr spezielle Verbundenheit. Zwischen uns gab es immer einen Zustand, in dem wir mehr als nur in einer Beziehung, in einer Verbindung standen. Es war von Anfang an sogar weit mehr als nur das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Menschen können stärkere oder weniger intensive Verbundenheit fühlen und die, die tiefste Verbundenheit nicht kennen, werden bestreiten, dass es sie gibt. Aber jeder Mensch hat das tiefe Bedürfnis nach Verbundenheit, speziell die Kinder. Nicht umsonst gilt Einsamkeit für die überwältigende Mehrheit der Menschen als eines der schlimmsten Gefühle. Aufgrund meiner Vita, meiner persönlichen Lebenserfahrungen würde ich sogar sagen, dass tief im Inneren alle Menschen miteinander, mit der Schöpfung und mit einer höheren Wirklichkeit verbunden sind. Alle Menschen spüren das unterschiedlich stark tief in ihren Inneren – und manche streben daher danach, diese tatsächlich dauerhafte Verbundenheit auch emotional wirklich einmal zu erfahren. Wer sich nicht verbunden fühlt, hat zwangsweise das Gefühl, das Irgendetwas nicht stimmt. Diese suchen dann Halt in der sogenannten Realität. Dadurch verschwinden die inneren Spannungen aber nicht – sie werden lediglich beerdigt was zu weiteren Spannungen führt. Wer die Erfahrung echter Verbundenheit machen möchte, muss sich aus den vorgegebenen Bahnen seiner Existenz lösen können. Nicht durch einen radikalen Ausstieg, sondern durch Übungen. Verbundenheit wäre ein Weg hinaus aus jeder bekannten Form der Depressivität. Sie ist ein wichtiger Begriff, der die Sehnsucht der Seele ausdrückt. Ist man zu sehr Sklave und Gläubiger des Systems in dem man lebt, wird es mühsam, echte Verbundenheit herzustellen. Verbundenheit beschränkt sich dann auf das erreichen von gemeinsamen Zielen welche – wen wundert es – in der Regel monetäre Ziele sind. Der Mensch will von seiner Natur her verbunden sein. Abgekapselt, getrennt von anderen zu sein, schafft bei vielen Depressionen und und erzeugt Depressivität. Verbundenheit zu erfahren ist das Geburtsrecht eines jeden Menschen, sozusagen seine wahre Natur, das ganz Natürliche. Die Verbundenheit zwischen meiner Tochter und mir musste nicht erst erzeugt werden: sie war von allem Anfang an da. Schon bei ihrer Geburt kam es so, dass ich mich in den ersten zwei Stunden ihres Lebens um sie kümmern musste, da die Mutter noch ärztlich versorgt werden musste. Es gab Phasen, in denen wir nicht reden mussten, sondern nur unsere Gedanken laufen lassen mussten um zu wissen, was in dem jeweils anderen vorging. Ich hatte verstanden, dass das eigene Leben aufhört, wenn man Kinder hat und war bereit, es auch so zu gestalten dass ich dieser Erkenntnis gerecht werden konnte, aber die Umstände in denen wir leben, diese außer Rand und Band geratene Welt in der die Hysterie salonfähig geworden ist, hat mir in meinem aufrichtigen Bemühen mitunter Stöcke zwischen die Beine geworfen, die die Größe eines Baumstammes hatten!

Die intakte Natur machte Eindruck auf meine Tochter

Das Leben bestand also oft aus Kompromissen, aber jetzt, hier am Ufer des Loch Lomond, konnte ich ungehindert meine tiefsten Gefühle der Verbundenheit mit meiner Tochter ausleben. Nach kurzem Geschichten erzählen fanden wir einen Baumstumpf, von dem aus man die leicht vom Wind gekräuselten Wellen auf der Oberfläche des Sees beobachten konnte. Das leise Rasseln, das die Wellen am Ufer erzeugten, wenn sie ein kleines Stück die Kieselsteine hinauf und wieder zurück liefen. Der Wind erzeugte zusätzlich ein zur Ruhe führendes Geräusch in den Baumkronen. Die Sonne war aufgegangen, wir saßen einfach so da, die Tochter auf meinem Schoß, geschützt in meinem Arm und ließen die Dinge geschehen. Oft schon hatten wir das gemacht! An Rand eines Feldes haben wir uns im Abendlicht einmal derart an den im Wind wehenden Ähren des Weizens festgeschaut, dass wir gar nicht bemerkten, dass es dunkel geworden war. Auf der 2008er Reise nach Schottland saßen wir auf der Rückfahrt von den Orkney Inseln zum schottischen Festland bei frischen Temperaturen aber blendendem Sonnenschein auf einer der Treppen, die auf das Oberdeck führen und betrachteten gemeinsam die funkelnden, goldenen Flächen, die die Sonne auf der Wasseroberfläche malte. Wir saßen die ganze Zeit über dort, fast 45 Minuten, wir redeten nicht sondern waren einfach gemeinsam versunken. Alle die in der Zwischenzeit vom Oberdeck zum Unterdeck (oder umgekehrt) wollten, nahmen die andere Treppe. Mitglieder unserer Reisegruppe haben uns dort zuhauf photographiert, weil – wie es eine geschätzte Reisekundin ausdrückte – eine Art Heiligkeit von diesem Bild ausging, welches wir auf der Treppe als Vater/Tochter Gespann abgaben. Aber es war keine Heiligkeit, es war tiefste Verbundenheit. Wir waren eins.

Schottische Impressionen Bild 08

Als wir uns am Loch Lomond dann zum am mitgeführten Gaskocher zubereiteten Abendessen zurück bewegten, brauchten wir noch immer nicht zu sprechen! Doch die stärkste Erinnerung ist die Erinnerung an die Liebe meiner Tochter, als sie in dieser Nacht – es war schon fast ein bisschen nervig da ich als Erwachsener natürlich um die Härten des nächsten Tages wusste und im Prinzip gerne geschlafen hätte – nicht aufhören wollte, meine Haare zu streicheln. Wir lagen nebeneinander in unseren Schlafsäcken und sie hatte sich zu mir gedreht (ich irgendwann von ihr weg, damit auch sie Ruhe finden würde) und streichelte unaufhörlich meine Haare. Ich spürte, dass sie glücklich war, wir waren eins. So hätte es eigentlich bleiben können, nicht wahr? Aber das Leben ist leider kein Zuckerschlecken und nach Jahren des Kampfes gegen Behörden, die im Umgang mit mir selbst klare Rechtsbrüche begingen, der Einschüchterung (teilweise Bedrohung) meiner Anwälte durch die Justiz landeten wir dann irgendwann hier, in der neuen Wohnung und wollten gemeinsam einen Neustart versuchen. Am Ende scheiterte es an der Last der Nachwehen vergangener Ereignisse. Ich bin noch heute – nicht nur aus egoistischen Gründen – empört darüber, das es auch damals zu viele Menschen gab, die einigen wenigen Menschen zu viel durchgehen ließen. Mangelnde Zivilcourage, die Hörigkeit gegenüber den staatlichen Organen (die werden doch sicher immer alles richtig machen!!!) und die Komfort-Zone, die viele Menschen damals nicht verlassen wollten und sich dadurch unbequemen Wahrheiten hätten stellen müssen, gaben den Ausschlag. Es wird wohl immer leichter bleiben jemanden zu betrügen als ihm klar zu machen, dass er betrogen wurde! Oder wird? Zurück nach Schottland, zum Loch Lomond, in eine glücklichere Zeit.

Am nächsten Morgen war ich wie gerädert. Die kleinen Midges waren immer noch da und attackierten uns wie besessen! Die zweite Flasche mit Mückenschutzmittel wurde angebrochen und der Inhalt großzügig auf unserer Haut verteilt. Und die Beschwerlichkeiten, immer wieder zwischen den Haufen der Baumlawinen hindurch unseren Weg finden zu müssen, blieben uns erhalten, sofort nach dem Aufbruch. Als wir gegen Mittag – und nun schon einen halben Tag hinter der geplanten Zeit zurück liegend – am Inversnaid Hotel ankamen, dachten wir bereits darüber nach, mit dem Schiff auf die gegenüber liegende Seite zum Loch Lomond Holiday Park zu fahren, einen Bus zu nehmen und wieder zu unserem Auto zurück zu fahren. Es erschien – bei den uns aufgebürdeten Strapazen – einfach irgendwie sinnlos, noch weiter auf dem Wanderweg zu bleiben. Aber das schöne Wetter motivierte uns dann doch, auf Kurs zu bleiben und nach einer üppigen Portion Fish & Chips aus der Küche des Hotel-Restaurants bewegten wir uns am Nordufer in nördliche Richtung weiter. Andere Wanderer sind uns kaum begegnet, aber ein Vorfall hat sich doch tief in meine Schatzkiste der Erinnerungen eingegraben: als wir mit schwerem Gepäck gerade mal wieder in einer Steilwand kletterten, kam eine Gruppe junger Menschen angeflogen. Sie trugen keine Rucksäcke, hatten jeweils einen kleinen Plastik-Kanister mit etwa 5 Liter Wasser auf dem Rücken festgeschnallt und waren mit Walking-Sticks bewaffnet. Erst im „The Drovers Inn“, am Nordende des Sees gelegen, erfuhr ich am nächsten Tag, als wir beschlossen hatten, eine Auszeit zu nehmen und danach wieder in den WHW einzusteigen, was es mit diesen rasenden jungen Leuten auf sich hatte! Der schottische Königsweg schien ganz offensichtlich zu einem Spektakel verkommen zu sein? Es hatte sich die Unsitte verbreitet, den gesamten Track auf 154 Kilometer Länge an „einem Tag“ (möglichst von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang) zu schaffen. Welch ein Wahnsinn in einer Welt, in der nur das höher, weiter und immer schneller noch eine Rolle zu spielen scheint! Es soll sogar einige Leute gegeben haben, die dieses Vorhaben erfolgreich abschließen konnten. Ich will auch hier wieder nicht moralisieren! Auch ich war einst jung, sportlich, dekadent und wollte mich in meinen körperlichen Leistungen mit anderen messen. Vielleicht hätte ich es auch versucht, wenn mir dadurch viel Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre? So aber, als verantwortlicher Vater mit meinem Kind unterwegs, der daran interessiert war, dass der Nachwuchs so viel Intensität wie möglich aufnimmt, erschien mit das Treiben der Jugend geradezu idiotisch. Wir nehmen eben immer alle nur die Plätze ein, die uns unsere Gesellschaften anbieten!

Schottische Impressionen Bild 09

Wie geschrieben: am Nordende des Sees angekommen gaben wir auf, warteten geduldig fast zwei Stunden auf den Linienbus, der uns vom The Drovers Inn nach Balloch am Südende des Gewässers brachte und fuhren von dort mit einem Taxi zu unserem Auto zurück, welches glücklicherweise noch genau so dort stand, wie wir es drei Tage zuvor abgestellt hatten. Doch was sollte nun getan werden? Es war mir schon klar, dass meine Tochter großes Interesse an Schottland hatte! Ich wollte überprüfen (Eltern versuchen ja immer, edukativ zu sein), was sie so alles von den Regionen des Landes wusste und befragte sie nach ihren Wünschen, was sie denn gerne sehen würde in den nächsten zwei oder drei Tagen, bis wir uns so weit erholt hätten, um den Wanderweg an anderer Stelle erneut zu beginnen. Die Inseln im Westen, von denen ich ihr schon so viel erzählt hatte, waren ihr offensichtlich in guter Erinnerung geblieben? Die Papageientaucher auf Staffa und diese „heilige Insel“ (Iona) wollte sie gerne besuchen und – falls es noch Zeit dafür geben würde – auch diese besonders schöne Straße, von der ich ihr immer vorgeschwärmt hatte. Diese besondere Strecke zu den Inseln, wo alle Superlative Schottlands nebeneinander liegen. Tiefe dunkle Wälder, üppig mit grünem Moos überzogene Steine, überwältigende Küstenstreifen mit gewaltigen Klippen die immer wieder durch gelbe oder gar weiße Sandstrände unterbrochen werden, kleine Dörfer und der Blick auf die Highlands und die gegenüberliegenden Islands! Sie meinte die legendäre Route zu den Inseln, die Straße, die auch den nüchternen Namen A830 trägt und welche zwischen Fort William und Mallaig durch eine der schönsten mir bekannten Ecken dieses Planeten verläuft. Ich erfüllte ihr ihre Wünsche, denn ich genoss diese entspannende Auszeit aus einem stressigen Alltags- und Familienleben ja auch. Und mit einem eigenen Auto ist es ja auch leicht, in dem relativ kleinen Schottland schnell von einer Ecke zur anderen zu kommen. Wir fuhren an diesem Abend noch bis nach Oban und nahmen uns in einem B&B Haus (das Maridon House) ein Zimmer um am nächsten Morgen mit der Fähre zur Insel Mull und von dort aus nach Staffa und Iona zu fahren.

Abendliche Impressionen in Oban
Das Maridon House war immer blau
Highland Cattle auf der Insel Mull
Felsen klettern auf Iona
Inselhauptstadt Tobermory / Mull

Gerne kam ich wieder einmal mit einer Tochter in dieses immer blau gestrichene kleine Maridon House! Das letzte Mal, als ich hier mit einer „Tochter“ war, lag zu diesem Zeitpunkt schon 15 Jahre zurück. Am nächsten Morgen fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein mit der Fähre der Caledonian MacBrayne nach Mull und weiter zum kleinen Hafen von Fionnphort, von dem aus wir die Inseln Staffa (ja, mit vielen Papageitauchern) und Iona erreichten. Zuvor hatten wir uns noch das Vorzeige-Schloss von Mull, Duart Castle, angeschaut. Wir waren ja nicht als Reisegruppe unterwegs, sondern konnten unsere Route individuell wählen und die Zeiten selbst jederzeit neu festlegen. Deshalb wurde es – nach einem sehr intensiven Aufenthalt auf Iona mit stundenlangem gemeinsamen in die Welt schauen – auch zu spät, um noch nach Oban zurück zu fahren! Die letzte Fähre war weg! Also suchten wir uns in der kleinen Inselhauptstadt Tobermory ein weiteres B&B (dieses Mal ein rot gestrichenes Haus), das Carnaburg Guest House und fuhren einfach am nächsten Morgen zum Hafen von Craignure zurück, um die Fähre nach Oban zu nehmen. An diesem Tag habe selbst ich einige Ecken von Mull kennengelernt, die ich nie zuvor besuchen konnte. Wir hatten uns durch diese Auszeit auch gut von den Strapazen der Wanderung am Loch Lomond entlang erholt und dachten, dass es vielleicht besser wäre, wieder in den West-Highland-Way einzusteigen, bevor wir vor lauter Komfort die Lust auf die durchaus zu erwartenden Anstrengungen wieder verlieren würden! Also planten wir um, fuhren nach Kinlochleven, stellten das Auto auf einem großen Parkplatz an der Foyers Road ab und stiegen wieder in den Track ein. Gerne hätten wir auch noch den Abschnitt des Rannoch Moor begangen, da meine Tochter eine glühende „Harry-Potter“ Verehrerin war und einige Bereiche dieser schönen Ecke Welt in den Filmen als landschaftliche Kulisse verwendet wurden. Aber dann wären wir in Zeitverzug geraten und hätten möglicherweise das Ende des Weges in Fort William nicht mehr erreicht. Die letzte Etappe des WHW, von Kinlochleven nach Fort William ist nicht so einfach wie es scheinen mag! Denn es wartet sofort ein steiler Anstieg von etwa 300 Höhenmetern auf die teilweise schwer bepackten Wanderer. Aber einmal oben angekommen wartet ein wunderbar grünes, schottisch-karges Hochtal wie aus dem Bilderbuch. Erst die restlichen Kilometer nach Fort William sind dann ein sogenanntes Kinderspiel. Zunächst ging es langsam in das Glen Nevis hinunter. Wir hatten gutes Wetter, wenige Wolken und immer wieder strahlenden Sonnenschein. Somit hatten wir auch Glück und konnten den Ben Nevis, den höchsten Berg Schottlands (und von ganz Großbritannien) in voller Pracht bewundern. Die abschließenden, letzten Meter führten uns dann durch die Fußgängerzone von Fort William und wir erreichten nach zwei Tagen den offiziellen Zielstein des West Highland Way.

Wiedereinstieg in den West Highland Way
Und Ende des Weges in Fort William

In den folgenden Jahren, in denen ich noch Umgang mit meiner jüngsten Tochter hatte, drängte sich mir gelegentlich der Verdacht auf, dass meine edukativ geplante Maßnahme, dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich einmal selbst zu entrücken und den Wert und die Schönheit einer intakten Natur bewusst erleben zu können, Früchte trug! Immer wieder einmal fragte sie nach, wann wir denn endlich mal wieder nach Schottland fahren würden. Es hat nie mehr geklappt! Leider. Und ich weiß auch nicht – da sich unsere Lebenswege getrennt haben – ob die Erlebnisse noch in ihr wirken? Aber natürlich gab es ganz am Ende, nachdem wir das Auto in Kinlochleven abgeholt und uns für zwei letzte Nächte nochmals in einem B&B Haus in Fort William eingemietet hatten, noch einen absoluten Höhepunkt für sie! Aber auch in meine Erinnerung ist dieser Ausflug mit dem sogenannten Jakobiten-Expreß von Fort William nach Mallaig in besonderer Erinnerung geblieben. Vielleicht gehöre ich zu den – im Prinzip beneidenswerten – Menschen, die die magische Phase – das Reich der Phantasie – nie verlassen? Wenn ein teilweise ausgeprägtes Realitätswissen mit eigenen Vorstellungen und phantastischen Überlegungen ausgefüllt wird, scheint nichts unmöglich! Bei Kindern spricht man gerne von der magischen Phase, einer Zeit, in der Elfen und Geister genauso möglich scheinen wie die Möglichkeit zu fliegen und als Superheld die Welt zu retten. Das Denken in magisch-phantastischen Dimensionen ist nichts Ungewöhnliches für Kinder, sondern ein altersbedingter Prozess der Entwicklung. Durch die Ergänzung von gesichertem Wissen mit eigenen Phantasievorstellungen versucht das Kind Ordnung und Struktur in sein Leben und seine Umwelt zu bringen. Diese Phase war bei meiner Tochter sehr ausgeprägt und ihr Denken in Phantasien erschien mir manchmal wie ohne Grenzen. Harry Potter und sein Leben hatte ich quasi zweimal zu durchleben. Tochter 1 genauso wie Tochter 2 waren absolute Fans, hatten alle Bücher gelesen und alle Filme mehrfach angeschaut! Der liebende Papa (ich) saß teilweise brav neben seinen Töchtern auf dem Sofa und wurde so ebenfalls zu einem Harry-Potter Spezialisten. Allerdings hatte ich den Vorteil, dass mich mein Beruf in eben jene schottischen Landschaften geführt hatte, in denen viele Szenen dieser weltweit erfolgreichen Verfilmung gedreht wurden. So waren die eindrucksvollen Landschaften an der bereits genannten A830 ein ums andere Mal einem staunenden Publikum offeriert worden. Auch bei der szenischen Einblendung des Hogwarts Express, dem imaginären Zug, der die Schülerinnen und Schüler in ihre Schule bringt, wurde auf die teilweise erschlagend schönen Regionen zwischen Fort William und Mallaig zurückgegriffen. Im realen Leben (aber was spielte denn das für eine Rolle?) heißt der Zug Jacobite Steam Train und genau mit diesem wollte meine Tochter so gerne noch eine Fahrt machen!

Der Jakobiten Express in Fort William

Eisenbahnen haben ohnehin eine gewisse Faszination, aber Joane K. Rowling hat seit dem Jahr 1997, als ihr erster Harry Potter Roman herausgegeben wurde, die Faszination noch verstärkt, speziell bei ihren Lesern/-innen. In ihrem Buch stellt der Hogwarts Express den Übergang zwischen der normalen Muggelwelt und der geheimnisvollen Zaubererwelt dar. Meine Tochter wollte da unbedingt einsteigen und etwas von der Magie spüren, die von dieser speziellen Eisenbahn ausgeht. Allein als sie den beeindruckenden Zug das erste Mal sah, lief ihr einen Schauer über den Rücken. Aber wenn diese „Fans“ das erste Mal vor der großen, schwarzen Lok stehen, haben sie für einen kurzen Moment das Gefühl, sie würden wirklich an Gleis 9 3/4 stehen, denn die Lok sieht genauso aus, wie in den Filmen. Auch die roten Waggons, die dahinter aufgereiht sind, machen die Harry Potter Erfahrung noch realer, genauso wie der dichte weiße Dampf und das laute Zischen zwischendurch. Im Zug hängt das Zauberflair dann aber davon ab, welches Abteil gebucht wird. Es kann zwischen der Standard-Class, der First-Class und der First-Class im Harry Potter Waggon gewählt werden. Für welche Variante ich mich – in Begleitung eines echten Harry-Potter-Fans – entschieden habe, liegt natürlich auf der Hand. Aber nicht nur in diesem Wagen, sondern im gesamten (ausgebuchten) Zug waren die Fans in der nicht zu übersehenden Mehrheit! Und? Die Mehrheit dieser „Fans“ waren solide junge Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren (so schätze ich). Sie trugen fast alle Kostüme aus den Filmen, so dass man von einer Lawine der Albus Dumbledores, Hermine Grangers, Ron Weasleys und natürlich Harry Potters umflutet wurde. Einige Luna Lovegoods waren darunter, ich sah auch einen Severus Snape sowie einen Sirius Black! Es waren wahrscheinlich alle Charaktere der Verfilmungen im Zug unterwegs? Ich musste aufgrund der flutenden Massen verkleideter junger Menschen irgendwann aufgeben, sonst hätte es mich überfordert. Zum Leidwesen meiner Tochter war kein Dobby, der Hauself im Zug (wie auch – schwierige Verkleidung) und ich fand es beklagenswert, dass sich niemand in das Kostüm Lord Voldemort, Gellert Grindelwald oder Bellatrix Lestrange geworfen hatte. Wohl deshalb, weil die beschriebenen letzten drei Charaktere das BÖSE in den Filmen verkörpern! Dabei wäre eine paritätische Aufteilung realistischer gewesen, denn GUT und BÖSE halten sich ja auch in der realen Welt die Waage! Meiner Tochter wurde es dann irgendwann zu viel und sie empfand das teils hysterische Gequietsche der jungen Erwachsenen um sie herum nur noch als peinlich! Die magische Phase – das Reich der Phantasie! Manche kommen da niemals raus und….

Spaziergang bei Bestwetter in Mallaig
Abschied von Schottland
Unsere Kabine auf der Fähre auf der Rückreise

….ich finde das gut so!

Das war eine schwierige Rückbetrachtung eines Abschnitts meiner vielen Reisen nach Schottland! Und es war nicht die erste Reise in dieses Land, die ich zusammen mit einer „Tochter“ unternommen habe! Ich habe fast immer versucht, das Leben quer zu denken, auch in Bezug auf die festgefahrenen Einstellungen zu den Geschlechtern im Umgang mit dem Nachwuchs. Ich war meinen Kindern auch immer „Mama“ und nicht nur „Papa“. In einer früheren Lebensbeziehung kam es auch deshalb zu einer legendären Situation, in der die Rede von den „two gentleman, travelling with a baby“ in Schottand die Runde machte. Das war nur möglich, weil ich meine Verantwortung meinen Kindern gegenüber nicht nur aus der wirtschaftlichen Perspektive, sondern auch aus der Herzens- und Gefühlsperspektive gesehen habe. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich mit einer Partnerin verbunden war, die ihr Studium noch nicht abgeschlossen hatte. Trotz alledem (auch wenn sie mich nicht heiraten sondern nur mit mir zusammen sein wollte) hatten wir eine gemeinsame Tochter. Ich hoffe sehr, dass wie sie noch „haben“ und nicht nur „hatten“? Ich weiß es nicht genau, da sie seit fast 10 Jahren verschwunden ist aus meinem Leben und ich keinerlei Informationen darüber bekomme, ob sie überhaupt noch existiert! Vielleicht muss ich auch deshalb diese Blog-Geschichte unbedingt noch heute fertig bekommen, da sie heute – am 22. Juli – Geburtstag hat! Aber auch diese traurige Geschichte des Heute hat wundervolle Erinnerungen an das „war einmal“ zu bieten. Sie war noch keine zwei Jahre alt, die verschwundene Tochter, als ich beruflich in meiner Funktion als Reiseberichterstatter nach Schottland aufbrechen musste. Ich war damals selbständig und musste dafür sorgen, dass auch Einnahmen in die Familienkasse kommen würden. Kurz zuvor hatte ich meinen ersten Angestellten in die Firma aufgenommen und dieser sollte mich bei der geplanten achtwöchigen Exkursion durch Schottland begleiten. Die damalige Lebensgefährtin machte Druck, dass sie ihr Studium niemals würde abschließen können, wenn sie sich neben den Erfordernissen des Studiums auch noch um unsere Tochter würde kümmern müssen. Also wurde beschlossen, dass ich die Kleine einfach mit nach Schottland nehmen würde. Ich war ja ohnehin auch ihre Mama und es sollten keine Probleme dabei entstehen. Die Mutter des Kindes stimmte am Ende zu und so brachen wir zu dritt nach Schottland auf. Sicher war es nicht immer einfach, ein noch nicht einmal zwei Jahre altes Mädchen in den Reiseplan zu integrieren, zumal es eine sehr umfangreiche Reise durch das Land werden sollte, aber ich tat mein Bestes und kam für mich am Ende auch zu einem positiven Ergebnis in der Rückbetrachtung in dieser Sache.

Two Gentlemen travelling with a baby – Wintereinbruch in Schottland

Als Mann, mit der für Männer seltenen Fähigkeit Multi-Tasker zu sein, habe ich nicht nur meinen Job gemacht, sondern mich auch liebevoll um meine Tochter gekümmert und dabei gelernt, dass auch so kleine Kinder schon von der eigenartigen Faszination Schottlands berührt werden können. Allein diese Reise mit ihrer Vielzahl an Eindrücken und Geschichten wäre es wert, in einem Buch zusammengefasst zu werden. Aber das lesen fällt doch immer mehr Menschen immer schwerer? Wozu sollte es gut sein, wenn immer mehr Menschen immer stärker in aller Ausschließlichkeit ihren eigenen Bedürfnissen und Egoismen Raum geben und blind und blinder werden für die Verbindungen dieser Welt? Wer keine Kinder hat – und das ist kein Vorwurf, denn Kinderlosigkeit ist ja mitunter auch ungewollt – kann kaum nachvollziehen was es bedeutet, mit photographischen Arbeiten am Mull of Kintyre Lighthouse beschäftigt zu sein, dem Angestellten den Umgang mit der Kamera zu vermitteln, dem Kind auf dem Gaskocher den Brei zu erwärmen und sich gleichzeitig um den Wechsel der Windel zu kümmern und nebenbei noch die Schönheit des Augenblicks zu erfassen. Wo immer es einen Spielplatz gab, haben wir angehalten und der „großen“ Tochter die Möglichkeit gegeben, sich auszutoben. Wir waren Anfang April – Ende Mai dort unterwegs und wer Schottland kennt, der weiß, dass es in dieser Jahreszeit speziell in den Highlands noch zu Wintereinbrüchen von ungeahnter Heftigkeit kommen kann? Dieses Schicksal ereilte uns in Braemar, als wir dort eigentlich nur für eine Zwischenübernachtung ein Zimmer in einer Pension genommen hatten. An ein Weiterkommen war für drei Tage nicht zu denken, wir mussten Nacht um Nacht verlängern und blieben dort in dieser kleinen, viel zu kalten Pension. Die Tage waren nicht das Problem, die Tochter konnte ja warm verpackt, bewegt, beschäftigt und damit gut am Leben erhalten werden, es waren die Nächte! Die kleine Heizung im Zimmer konnte gegen die auf Minus 25 Grad abgesunkene Außentemperatur nichts ausrichten! Die Innentemperatur fiel auf den Gefrierpunkt. Letztlich auch kein Problem, man konnte das Kind ja auch für die Nachtruhe dick einpacken, aber meine Tochter hatte die Tendenz, sich frei zu strampeln und sich störende Textilien von Leib zu ziehen wenn sie schlief. Ich wollte nicht, dass sie mir am Ende erfror! In zwei Nächten schloss ich kein Auge, saß an ihrem Reisebettchen und achtete darauf, dass sie unter der Decke blieb. Und in dieser von Achtsamkeit erfüllten Ruhe breitete sich eine ungeheure Nähe zu dem Kind in dem Bettchen in mir aus. Ja, meine Testosteron gesteuerten Mit-Männer werden dafür nur ein inneres (verachtendes) Lächeln übrig haben. Aber genau an diesen Testosteron gesteuerten Mit-Männern krankt das gesamte Leben auf dem Planeten Erde. Ich war immer stolz darauf, dass ich so fühlen, denken und handeln konnte.

Grenzstein bei Carter Bar – damals noch ohne Dudelsackspieler

Aber wie kam es zur „two gentleman, travelling with a baby“ Geschichte? Wir hatten zu keinem Zeitpunkt vor, in einem Zelt zu übernachten, sondern wollten von Anfang an in Bed & Breakfast Pensionen unterkommen. Auf dem Weg nach Norden hatten wir in Ardchronie am Dornoch Forth ein Zimmer bei zwei reizenden älteren Damen bezogen, die absolut verzückt von meiner Tochter waren. Die beiden Schwestern, die nach dem Tod ihrer Männer wieder zusammengezogen waren, waren es auch, die den Begriff prägten: „Two gentleman, travelling with a baby“! Sie konnten es kaum fassen, dass Männer so etwas machten und fragten tatsächlich mehrfach nach, ob denn die Mutter des Kindes verstorben sei? Es war wohl der Höhepunkt des Jahres im Leben der beiden älteren Damen? Sie bestanden darauf mit dem Kind spielen zu dürfen und konnten ihre Finger nicht mehr von ihr lassen. Meine ältere Tochter war ein pflegeleichtes Kind. Sie hatte eine gewisse innere Ausgeglichenheit und konnte sich auch sehr gut einmal mit sich selbst beschäftigen. Aber wenn es um sie herum noch etwas zu erleben gab, war sie nicht müde zu bekommen, sie wollte nichts verpassen, selbst wenn es das Gespräch ihrer beiden mit ihr reisenden Männer im Zimmer war. Einige Tage zuvor hatten wir herauszufinden versucht, wie sie reagieren würde, wenn sie in der Zeit des Einschlafens allein im Raum war. Zuhause war das ja üblich und wir hofften, sie so früher dazu zu bringen, ins Reich der Träume hinüber zu gleiten. Bei den ersten Versuchen ließen wir sie natürlich nicht allein, sondern setzen uns leise vor die Tür zum Zimmer und warteten – bei einem Pint Bier – ab, was geschehen würde. Es geschah nichts, sie erzählte noch eine Weile vor sich hin und schlief dann ein. So machten wir es auch an dem Tag bei den beiden älteren Damen in Ardchronie. Wir gingen zu den Ladies ins Wohnzimmer und unterhielten uns dort. Auf der einen Seite waren die beiden verzückt, dass wir so viele Umstände in Kauf nahmen um dem Kind den Nachtschlaf zu ermöglichen, andererseits – dann wohl doch typisch Frau – sorgten sie sich doch darum, dass dem Kind dort oben in der geschützten Isolation seines Raumes etwas Schreckliches würde zustoßen können. Es geschah – wie an allen Tagen zuvor – jedoch nichts! An diesem Abend fragten mich die beiden Damen, ob wir Interesse daran hätten, dass sie uns weiter vermitteln würden. Sie hätten so viele Freunde im Norden, die würden sich sicher auch darüber freuen die „Two gentleman, travelling with a baby“ bei sich zu beherbergen! Gut, dachte ich, warum nicht! So eine freundliche Empfehlung konnte doch nur positiv sein. Und sofort setzte sich die eine von den beiden ans Telefon, um die Kunde von den „Two gentleman, travelling with a baby“ zu verbreiten und herauszufinden, wo wir als nächstes im Rahmen einer B&B Unterbringung zu Gaste würden gehen können.

Baby-Brei kochen und Windeln wechseln mitten in den Highlands

Das ganze Projekt wurde danach zu einem Selbstläufer! Als wir am nächsten Tag uns Auto bepackt und das kleine Reisebett der Tochter in den übervollen Kofferraum gequetscht hatten, überreichten uns die Damen zum Abschied einen dicken Stapel mit Adressen, Telefonnummern und Notizen, auf denen diejenigen vermerkt waren, die nicht nur über die Möglichkeiten der Beherbergung eines Bed & Breakfast verfügten, sondern die nun auch darauf brannten, dass wir mit dem Kind zu ihnen kommen würden. Ich glaube dass die pure Anwesenheit meiner Tochter in den diversen Häusern bei (immer älteren Herrschaften) den Menschen dort ein unerwarteter Quell der Freude wurde? Unsere verschiedenen Gastgeber, die sicherlich alle schon gestandene Großeltern waren, zeigten sich derart beglückt, dass wir bei ihnen zu Gast gingen, dass uns manche von Ihnen nicht mehr fortlassen wollten. Das Vertrauen zu den Gastgebern wuchs von Übernachtung zu Übernachtung weil wir immer und überall auf die gleichen Reaktionen stießen: totale Freude! In Durness, ganz oben im Nordwesten Schottlands, gab es Ende April noch überhaupt keinen Tourismus. Trotzdem hatten wir dort einen Kontakt bekommen und auch brav angerufen, ob wir würden kommen können. Bei der Ankunft wurde uns schnell klar, dass es unter der angegeben Adresse kein Zimmer für uns würde geben können, zu klein war das schlichte Haus. Aber der ältere Herr kümmerte sich in den Wintermonaten um das kleine Hotel seines Sohnes, der in Glasgow lebte und arbeitete. Das „Hotel“ hatte damals nur acht Räume, hieß aber schon „Mackay’s Rooms“, so wie auch heute noch. Der freundliche ältere Herr gab uns einfach den Schlüssel für die Eingangstür und meinte, dass wir uns ein oder zwei Zimmer nehmen sollten, die Schlüssel würden in den Zimmertüren stecken. Wir waren baff! Und tatsächlich konnten wir so zwei Räume beziehen, in denen nach kurzer Wartezeit auch die Heizung (wieder sehr bescheiden) ansprang und Temperaturen um die 5° Celsius erzeugte. Das schönste Erlebnis hatten wir dann in Lairg, schon wieder auf der Rückreise nach England befindlich. Auch hier wurden die „Two gentleman, travelling with a baby“ bereits freudig erregt von zwei älteren Damen an der Tür erwartet. Schon während wir das Zimmer bezogen (da musste immer ganz schön viel Baby-Kram bewegt werden) spielten die beiden mit der Tochter auf dem großen, orientalisch wirkenden Teppich im Wohnzimmer des Hauses. Als es Abend wurde fragte ich freundlich nach, ob ich denn mit meinem „Freund“ (der Angestellte) für eine Stunde um die Ecke in die Kneipe eines guten Bekannten aus früheren Jahren würde gehen dürfen und ob die beiden Damen so lange die Aufsicht übernehmen würden! Die beiden waren in vollem Umfang begeistert und die eine meinte noch, das es ja wohl auch mal an der Zeit wäre, ein Bier unter Männern zu trinken, denn das sich um ein Baby kümmern wäre ja nun auf keinen Fall „Männersache“. Sie würden selbstverständlich auf das Kind achten, das wäre ja eben mal „Frauensache“! So viel zum Thema Geschlechter-Stereotypen!!

Die “größere Tochter” war immer unerschrocken.

Da sich das Gespräch in der Kneipe dann doch etwas länger hinzog als geplant, hatte ich nach der angekündigten Stunde auch kein schlechtes Gewissen, eine zweite Stunde dranzuhängen. Als wir dann aber gegen 22:30 Uhr wieder zum B & B zurück kamen, bot sich uns ein überraschendes Bild: die beiden Damen hatten pflichtbewusst aufgepasst und wohl – um dieser Aufgabe optimal gewachsen zu sein – Quartier direkt vor der Tür zu unserem Raum bezogen. Sie hatten sich dort zwei Stühle aufgestellt und waren fest entschlossen, auf das Kind zu achten. Als meine Tochter ein „brabbelndes Geräusch“ (Erklärung der einen Dame) von sich gab, stürmten die zwei voller Sorge ins Zimmer um nach dem Rechten zu sehen. Meine Tochter war wohl hocherfreut, um diese Zeit noch zwei Ansprechpartnerinnen zu Gesicht zu bekommen? Und da die Damen auch noch das Licht eingeschaltet hatten wollte sie nun die Gunst der Stunde nutzen und mit den beiden spielen. Als wir kamen waren alle drei auf dem Teppich vor dem Bettchen versammelt und schoben sich eine gelbe Quietsch-Ente zu. Ein berührender Anblick! Und die beiden Damen bestanden darauf, dass das Kind von „hoher Intelligenz“ sei, weil es so schnell Englisch lernen würde! Zur Erklärung: immer wenn die Tochter nach dem gelben Quietsche-Entchen verlangte, deutete sie darauf und sagte „DA“. Das klingt natürlich ein wenig nach dem englischen Wort Duck für Ente. Offensichtlich waren alle drei Damen im Zimmer traurig darüber, dass die Spielstunde nun vorbei war? Wir betteten uns zur Nachtruhe. Die eine der beiden Damen führte mich aber noch an ihrer Hand vor die Tür, umarmte mich, drückte mich ganz fest und begann zu schluchzen. Sie hatte ihren einzigen Sohn zusammen mit ihrem einzigen Enkelkind vor langer Zeit bei einem schweren Autounfall verloren. Jetzt, dieses Kind in ihren Armen halten zu dürfen, hatte sie mit Schmerz und Freude gleichermaßen erfüllt. Ich bin leider nie mehr zu diesem gastlichen Haus zurück gekommen, aber vergessen werde ich diese Momente nie. Ganz sicher nicht. Der wahre Wert eines Lebens misst sich in der Anzahl der echten Begegnungen, die man gehabt hat. Er misst sich nicht an Titeln oder Vermögen, selbst der reichste Mensch der Welt bleibt arm, wenn er keine echten Begegnungen hatte.

Für ein Photo aus dem Schlaf gerissen!

Schottland, ein Füllhorn der Erinnerungen! Am Ende machte die Geschichte von den „Two gentleman, travelling with a baby“ derart die schottische Runde, dass wir von einer Vertreterin der lokalen Presse zum Gespräch gebeten wurden. Die junge Frau kriegte sich kaum ein vor lauter Begeisterung und verfasste einen durchaus anspruchsvollen Artikel zu dem Thema. Wir wurden zu Dritt – Hand in Hand – photographiert und gelangten auf diese Weise in die schottischen Provinz-Geschichte!

An den Shin-Falls bei Lairg beim Lachse photographieren

Ich werde die Bilder, auf denen meine Töchter zu sehen sind und welche ganz ohne Zweifel in diesem Artikel untergebracht werden müssen, verschlüsseln – zumindest teilweise. Warum? Ich habe in Abgründe des menschlichen Miteinanders blicken müssen, die all denen, die ihre normalen Leben einfach so Leben immer verschlossen bleiben werden. Alle diejenigen, die sich nie bewegt haben und deshalb ihre Fesseln niemals spürten, all diese vielen glücklichen Sklaven die die größten Feinde der Freiheit sind und die Systeme in denen wir leben, die immer schlechter sind als wir selbst, so am Leben erhalten und zum Schaden der Welt gedeihen lassen. Ich habe ab einem gewissen Zeitpunkt als Mensch und Humanist, als Querdenker und Kämpfer immer Stellung bezogen, beziehen müssen. Dadurch erst, erschließen sich tiefere Kenntnisse von den systemischen Zusammenhängen und verursachen Schmerzen, die man nicht mehr los wird. Warum also nicht einfach weiter mit dem Strom schwimmen und alles als gut und wichtig und richtig besingen? Weil nur tote Fische mit dem Strom schwimmen – wer im Fischvolk lebt und gesund ist, stellt seinen Kopf gegen den Strom. Wir leben in einer absurden Zeit, in der systemische Zusammenhänge und systemische Relevanz zum Maß aller Dinge erklärt werden. Es gibt viele Menschen, die eine andere Wahrnehmung zu der Entwicklung, die im Moment Millionen an den Abgrund führt, haben. Es sind nicht genug, die Mehrheit, in Angst und Schrecken verfangen, will nichts wissen, nichts hören nichts tun nur warten, bis es wieder besser wird. Hoffend darauf, am Ende nicht zu den Betroffenen zu gehören. Das ist frommes Wunschdenken: alle sind mittlerweile betroffen und es wird schlimmer werden. So will ich es mit einer Einlassung des bekannten Comedian Serdar Somuncu zum Thema des Sterbens der Künstlerszene enden lassen, auch wenn ich einige seiner Aspekte so nicht ausdrücken würde. Wie so oft stimmt aber auch hier die Richtung.

Zeit, wirklich nur eine Illusion?

Corona tötet die Kultur, schreibt Somuncu! Natürlich nervt der neue Alltag der Maßnahmen fast jeden auf der Welt. Aber diejenigen, die um ihre zukünftige Existenz bangen, sind über alle Maßen betroffen von diesem Umstand. Betroffen in der doppelten Bedeutung des Wortes würde ich meinen. Dass das Verschwinden der Kunst in der bisher bekannten Form Auswirkungen auf den Rest der Gesellschaft hat, ist für mich keine Frage. Klar sind Schutzmaßnahmen und Vorsicht weiterhin geboten, und es ist gut, dass viele sich daran halten. Wir dürfen die Alten, Schwachen und Kranken unserer Gesellschaften nicht vernachlässigen. Noch gehen die meisten ihrer Arbeit nach und in gewissem Umfang kann man auch wieder reisen oder ein Bier in der Kneipe trinken. Die Medien jonglieren mit einzelnen Zahlen hin und her. Die Politik lobt ihre Bürger und vermittelt Zuversicht. Die große Panik, die zu Anfang des klare Rest-Denken vernebelt hat, scheint vorbei zu sein. Man hofft jetzt verstärkt auf ein baldiges Ende des Albtraums. Es muss ja einfach nur ein Impfstoff oder ein Medikament gefunden werden, und schon sind alle auf der sicheren Seite und alles geht weiter wie bisher. Daran halten sich die Menschen fest, daran wollen sie glauben. Irgendwie ziemlich unbemerkt geht dabei aber eine ganze Branche zu Grunde. Schauspieler, Theaterleute, Solo-Selbständige in vielen Sparten vor allen Dingen, wenn sie etwas mit Kunst zu tun haben und Musiker sind der Perspektivlosigkeit ausgeliefert. Der absoluten Perspektivlosigkeit. Unsere Kreativität als Lebenselixier wird wie durch ein schleichendes Gift gelähmt und manch einem ging bereits sprichwörtlich die Puste aus. Einige haben sich sogar das Leben genommen und es werden nicht die letzten bleiben. Es wirkt deshalb zynisch, wenn die systemtreuen (und damit relevanten) Presseorgane, die sich gerne als Hüter der relativierenden Gerechtigkeit aufspielen, die leise vonstatten gehende Katastrophe des Niedergangs der Kunst nicht in die Öffentlichkeit durchdringen lassen wollen und den Künstlern suggerieren, dass sie ihr selbstgewähltes Schicksal brav erdulden müssen, statt sich über ihren Untergang zu beklagen.

Die Realität sieht anders aus. Faktisch haben auch die Künstler Corona weder bestellt, noch verursacht, so wie alle anderen Menschen der Welt (so die Hoffnung). Dafür erdulden die Künstler und die Solo-Selbständigen das einschneidendste Arbeitsverbot, das es je in ihrer Geschichte gegeben hat. In anderen Artikeln schrieb ich schon über die Ungeheuerlichkeit, wie offensichtlich systemrelevante Unternehmen, wie die Lufthansa oder die TUI, mit Milliarden vollgepumpt werden, reiche Konzerne wie Apple und Amazon weiter extreme Gewinne machen dürfen, während Künstler sich anhören müssen, dass sie welt- und lebensfremde Hallodris seien, die doch gefälligst etwas Anständiges hätten lernen sollen. In der Vorstellung so mancher Mitmenschen führen Künstler immer ein Leben in Saus und Braus und seien nur zu faul oder zu gierig, um sich von den Pfründen zu lösen, die sie sich im Laufe der Jahre ergaunert hatten. In einem Leben nach Corona ohne Kunst gäbe es (für die schlichteren Gemüter) kein Kino, kein Theater, keine Comedy, keine Konzerte, keine Festivals, kein Circus und kein Varieté (und für die weniger schlichten Gemüter) keine Opern und so weiter. Es gäbe auch keine Podcasts, keine Hörspiele, Zaubershows, Ballett, Lesungen und Kabarattabende. Oder – was noch viel schlimmer wäre – alles nur noch vorgesetzt und zum doppelten Preis. Und wem das zu teuer ist, für den gäbe es dann Serien und TV Sendungen nur noch als Wiederholung. Dafür aber kostenlos und jederzeit. Es ist für mich verständlich, wenn Künstler wie Serdar Somuncu es so empfinden, dass es an Ignoranz nicht zu überbieten sei, wenn Menschen die tagtäglich die Dienstleistungen von Künstlern wie selbstverständlich in Anspruch genommen haben, ihnen jetzt vorwerfen, sie hätten lange genug wie die Maden im Speck gelebt und sollten zur Bescheidenheit zurückkehren oder auf Alternativen zurückzugreifen. Den Begriff „Unverschämtheit“ würde ich aber nicht verwenden, denn der Mensch weiß im Allgemeinen nicht immer so genau, was er tut! Und: viele Künstler, die in den Bereichen Kino, Theater, Comedy und Circus arbeiten, sind ja auch keine „echten“ Künstler. Ich spreche denen deren Leistung nicht ab, einen Drahtseilakt zu erlernen und zu beherrschen ist eine schwierige Sache, aber Kunst im eigentlichen Sinne ist es nicht! Viele der Comedy-Shows, in denen zum Beispiel auch Serdar Somuncu arbeitet, wurden eigens dafür geschaffen, die Menschen zu bespaßen, abzulenken und in der Komfort-Zone zu halten. Deshalb ist es genau diesem Publikum auch recht egal, ob der Künstler nun in Ungewissheit zu leben hat! Der Künstler ist in solchen Fällen schlicht ein Konsumgut, auch wenn seine Intuition oder sein Talent ihn zu mehr hätten führen können. Ein richtiger Künstler ist ohnehin von ständigen Selbstzweifeln begleitet und hat kein festes Gehalt am Monatsende, keinen Krankenschein, keine Altersvorsorge, keine automatische Absicherung durch Hartz 4. Wenn es schief läuft, sind beim Lebensmodell „Kunst“ schlicht keine Absicherungen enthalten. Nur bei den ganz Großen! Die gesellschaftlichen Akzeptanz des Niedergangs der Kunst geht auch deshalb gegen Null. Die Gesellschaften wissen schließlich auch, dass manche Künstler Millionen verdient haben und in unvorstellbarem Saus und Braus leben können!

Feigheit ist es nicht, wenn einer seinem Erdenlos misstraut

Aber Somuncu hat Recht wenn er schreibt, dass Künstler „die Nutten der Anspruchslosigkeit“ seien. Es geht letztlich nicht nur den Künstlern so, dass, wenn man sie gebrauchen kann, sie benutzt und bejubelt werden, wenn man auf sie verzichten kann, werden sie beschimpft und/oder belächelt. Das, was Künstler für den Aufbau unserer Gesellschaften haben ist aber elementarer als man glaubt.

Wie lasse ich es meinen sterbenden Heinrich VIII. von England in meinem Stück „Ein Leben – Drei Perspektiven“ auf der Bühne sagen?

Gerne hätte ich Theater gespielt, auch wenn ich immer vor den subversiven Elementen aus den Reihen der Künstler warnte. Diese Künstler waren stets gefährlich, sie sangen und spielten von neuen Dingen und kümmerten sich nicht um die Verherrlichung von etwas schon bestehendem. Diese Kunst durfte es nicht in die Öffentlichkeit schaffen, weil sie mir und den anderen Herrschenden nicht zusagte. Ich ließ Künstler zur Strecke bringen wenn sie es wagten, meinen Macht- und Besitzanspruch in ihren Künsten anzugreifen. Die wichtigste Bürgerpflicht für das Volk war schon immer, dass es sein Maul halten sollte. Wenn solche Künstler, egal ob sie musizierten, malten, dichteten oder schauspielerten, das gemeine Volk dadurch bereicherten und dessen Denken zu prägen begannen und ihm neue Impulse gaben, dann war es an der Zeit solche suspekten Elemente zu entfernen, damit sie nicht dafür sorgen würden, dass sich etwas veränderte! Denn alles sollte immer so bleiben wie es immer war, damit wir die Oberen in Ruhe unsere Pfründe fressen konnten. Das Volk darf nicht auf seinen eigenen Geist reflektieren. Kunst und Innere Haltung müssen vorgegeben werden! Der Herrscher muss, wenn er sein Wohl sichern will, den anderen Abläufe und Regeln auf diktieren. Nur der Künstler, der den Oberen dient, der darf auch am Leben bleiben. Ich hatte viele Männer an meinem Hofe, die recht tief in meinen königlichen Hintern gekrochen sind. Sie beurteilten für mich ob ein Kunstwerk für den König nützlich, weniger nützlich oder gar gefährlich war. War die geprüfte Kunst gefährlich, wurde der Künstler hingerichtet und seine Kunst vernichtet. So habe ich mit meinen Vertrauten das freie Denken ausgeschaltet! Das war gut so! Wozu denn Veränderungen? Es war doch vollkommen bedeutungslos dass die wundervollste Musik nie gehört werden würde, die atemberaubende Gemäldevielfalt nie gesehen werden würde und die wundervollste Literatur nie gelesen werden würde. Durch die Gleichschaltung des Denkens zu meinem Wohl verbrannte ich viel menschliche Kreativität. Die Ideen verbrannten gemeinsam mit dem Künstler und jedes Mal verlor die Welt ein wundervolles Stück Reflexion. Die Kontrolle über den Geist des Volkes war wichtig und richtig! Es ging mir immer nur um meinen Vorteil.

Mehr als drei Viertel der Branche der Kunst liegt am Boden. Und auch die Zuschauer fragen sich, wie es weitergehen kann, ob Veranstaltungen verschoben oder abgesagt werden. Großverdiener und Profiteure, wie der Ticketmonopolist Eventim halten mit Duldung des Gesetzgebers ihre Hand auf die Erlöse der bereits verkauften Karten. Die Künstler sind die Gelackmeierten. Alarmstufe Kultur! Wenn nicht schon sehr bald eine Lösung gefunden wird, Veranstaltungen wieder stattfinden zu lassen, ist Schluss mit lustig und auch mit ernst. Denn dann werden wir nach Corona bei Null anfangen müssen und können unsere Unterhaltung aus dümmlichen Konversationen in sozialen Netzwerken beziehen. Das ist nun mal leider „systemisch gewünscht“ und eine intellektuelle Auseinandersetzung über das, was uns bewegt oder eine Verarbeitung unserer Ängste und Sorgen der Gegenwart, aber auch die Antwort unserer Dichter und Denker auf die Fragen der Vergangenheit werden wir dann vergeblich suchen.

Hier O-Ton Serdar Somuncu

Denn dann sind wir nur noch ein Torso einer einst hochentwickelten Gesellschaft, die von der Hand in den Mund lebt und nicht vom Verstand in die Vernunft.

Hier O-Ton Roland R.:

Aber hochentwickelte Gesellschaften sind immer dann hinderlich, wenn ein „System“ sich zum Nutzen einiger Weniger umzugestalten beginnt.

Wach werden!

RR

Juli 2020

3 Comments
  • Flory
    Posted at 21:47h, 22 Juli Antworten

    Ein mit Gefühl, Wehmut, süß-trauriger Vergangenheit, voller Liebe zu den Tochtern wie auch für den Menschen, aus dem wahren Leben Reise Artikel! Eigentlich eine Kunst von Artikel.

    Lieben Dank!

  • Maria Gassner
    Posted at 10:34h, 23 Juli Antworten

    Es fällt schwer die passenden Worte für diese wunderbare, gefühlvolle und auch realistische Geschichte – Reiseerinnerung zu finden. Sie enthält so viel womit man sich 100% identifizieren kann, soviel aus dem man lernen kann , weinen und auch schmunzeln kann. Tragik und Komik liegen nahe beieinander und das Land wird einem immer bekannter, auch wenn man nicht dort gewesen ist. Ob der Autor, ich weiß er hat wenig Zeit, schon an ein Projekt “Memories”, also an ein Buch über sich und sein Leben, gedacht hat, oder vielleicht ist es schon in Arbeit? Er schlägt sich wacker, auch in Coronazeiten und ich wünsche ihm weiterhin Kampfgeist und viel Glück! Herzlichen Dank!

  • Dagmar
    Posted at 23:47h, 24 Juli Antworten

    ,,,auf der hier beschriebenen Reise waren wohl nicht nur 38kg Gepäck auf des Schreibers Rücken….
    …und wir wissen und fühlen – je nach Lebensumstand – auch kleineres bis zu sehr schwerem Gewicht auf dem Rücken…und in uns!

    Um so erleichternder sind die Zeilen die uns von der Schönheit Schottlands und den positiven Begegnungen von Menschen berichten.
    Allerdings ist die aktuelle Zeit – Coronazeit – eine eigene Herausforderung vor allem für die Freiberufler und da hat der Schreiber leider völlig recht dass uns allen Wesentliches verloren geht.
    Lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen, dass mit diesem nun vom Verfasser gedacht letzten Schottlandartikel zwar Vergangenes berichtet und erlebt ist,
    aber nach Corona dieses verzaubernde Land wieder erkundet werden kann.

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