Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 04

Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 04

Was bedeutet denn nun eigentlich systemrelevant? Ist das für das Reisen von Bedeutung? Gibt es vielleicht eine Definition, die zumindest eine Ahnung davon vermittelt? Brauchen wir umfangreiches Vor-Wissen um diesen Begriff richtig zu verstehen? Welche Berufe sind dann relevant und welche Art von Unternehmen profitiert von der „Relevanz“. Wer ist also systemrelevant? Wie ist das System überhaupt zu beschreiben? So viele Fragen, aber am Anfang der Serie „Schottland“ habe ich verlauten lassen, dass ich versuchen werde den Begriff in die Reisebeschreibung zu inkludieren. Reisen ist natürlich systemrelevant, aber nicht unbedingt in dem System, in dem wir leben, welches wir entwickelt haben. Schon allein die Tatsache, dass wir es dem System überlassen müssen, allgemein zu definieren, ob etwas systemrelevant und damit so bedeutsam und wichtig für ein System ist, dass es mit aller Kraft geschützt werden muss, bringt zum Ausdruck, in welche Abhängigkeiten von Systemen wir uns gebracht haben. Bricht nämlich etwas systemrelevantes weg oder reduziert es seine Leistung, so hat dies negative Auswirkungen auf das ganze System und kann die Stabilität des ganzen Systems bedrohen. Doch wer profitiert vom System an sich? Ich verfolge im Internet sehr viele Bewegungen, die im Augenblick von der Auslöschung ihrer Existenz betroffen sind, weil sie eben (im Moment) nicht systemrelevant sind! Der Verband der Schausteller hat kürzlich eine Groß-Demo in Berlin organisiert, welche von den Medien des „Systems“ komplett verschwiegen wurde, so als ob sie nicht stattgefunden habe. Das sorgt auf der einen Seite – verständlicherweise – für Ärger, auf eine solche Art und Weise „ausgeknipst“ zu werden, auf der anderen Seite schürt es aber auch Ängste: wenn ein System solche Möglichkeiten entwickelt hat, große Bewegungen schlicht zu unterdrücken und wirklich nur die Dinge zu thematisieren, die ihm, dem System, unmittelbar dienen, dann sind wir in einer Zeit der Ohnmacht angekommen.

Fragen nach Systemrelevanz stellen sich im Norden Schottlands kaum

Die Kontexte in denen von Systemrelevanz gesprochen wird, sind nicht jedermann verständlich. Es ist faktisch auch vollkommen unmöglich die Bürger/-innen eines Landes gleichermaßen auszubilden, so dass sie die Zusammenhänge in den Systemen, in denen sie leben, verstehen könnten. Um es zu vereinfachen könnte ich die Einlassungen von FDP-Chef Christian Lindner zitieren. Woche für Woche gehen deutschlandweit Tausende Schüler während der Unterrichtszeit bei den „Fridays for Future“-Demonstrationen auf die Straße, um gegen ausbleibende Maßnahmen gegen den Klimawandel zu protestieren. Für den Politiker Lindner, der sich einem speziellen Klientel aus der Wirtschaft verpflichtet fühlt, ist das dann natürlich der falsche Weg, denn er zieht seinen Nutzen aus dem augenblicklich bestehenden System! In einem Interview forderte er, die Proteste in die Freizeit zu verlegen, und sagte, dass man von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten könne, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare verstehen könnten. Er fügte hinzu, dass das vielmehr eine Sache für Profis sei. In der Vorstellungs- und Erlebenswelt von Herrn Lindner hat diese Aussage auch Gewicht! Er zieht seine Vorteile aus dem augenblicklichen System und möchte die Stellschrauben des Systems weiter in die Richtung drehen, in der es ihm weiterhin gutgeht. Wir dürfen es nicht verteufeln, wenn jemand möchte, dass es ihm weiterhin gut geht! Es ist schließlich tief in unserem Denken implantiert worden, dass es zu schaffen sei, dass es einem immer gut gehen kann, wenn nicht sogar noch besser. Mit dieser oben genannten Aussage löste der FDP-Chef einen Sturm der Entrüstung aus. Viele Politiker (natürlich in erster Linie die, die ein anderes „System“ schaffen wollen in dem es dann auch eine andere Definition der „Systemrelevanz“ geben würde) echauffierten sich über Lindners Kritik an den jungen Demonstranten. Denn diese jungen Demonstranten haben für sich und ihre Generation Risiken erkannt, gegen welche sie vorgehen wollen, sie haben schlicht andere Ideen von Systemrelevanz.

Profi oder Experte ist nämlich heute (so wie seit allen Zeiten) nur jemand, der entweder viel Geld aus der Wirtschaft bekommt oder ihr nach dem Mund redet. Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing! Die jungen Menschen wollen aber, dass die Bemühungen zum Klimaschutz spürbar und schnell angekurbelt werden. Das zur Zeit relevante System kann sich aber nicht so schnell umstellen! Somit sind die Forderungen dieser Jugend-Bewegung dem System und seinen Vertretern offiziell nicht wirklich willkommen, auch wenn man weiß, dass diese heute noch Jugendlichen bald schon Erst-Wähler sein könnten und damit die politischen Geschicke ihrer Länder „direkt“ durch Abgabe ihrer Wählerstimme beeinflussen können. Das System würde anders reagieren, wenn seine jetzigen Nutznießer aus einer veränderten Basis-Situation mit veränderten Lebensbedingungen denselben oder – besser noch – noch mehr Profit generieren könnten, dann wäre die Welt bereits begrünt und vollkommen gewandelt. Die Herrschaftsstrukturen bestimmen, wer systemrelevant ist und wer nicht. Um einem politisch motivierten Proteststurm vorzubeugen: diese Einlassungen sind vollkommen unpolitisch, weil humanistisch. Systemrelevanz in der Wirtschaft bedeutet im Klartext, dass Unternehmen, die wirtschaftlich so stark und bedeutsam sind, dass ihnen eine Schlüsselrolle zukommt und eine Insolvenz die Stabilität ihrer Branche oder eines Wirtschaftssystems bedrohen würde. Dient das jeweilige Wirtschaftssystem dem System direkt, dann ist es auch relevant. Ich halte selbst nicht unbedingt viel davon, Filme zu zitieren, da ich in dieser Welt auch sehr viel manipulative Kraft steckt. Ich ließ mich aber zumindest überraschen als ich verstand, dass meine jüngste Tochter, nachdem sie die Bücher „Die Tribute von Panem“ gelesen und die entsprechenden Filme gesehen hatte, viel besser verstand, was „Systemrelevanz“ bedeutet. Natürlich werden die Geschehnisse in den Büchern und vor allen Dingen im Film überspitzt und auf die Erwartungshaltung des Publikums zugeschnitten dargestellt, aber die Kernbotschaft ist schlüssig: Das dort herrschende System hat die Relevanzen auf seine Bedürfnisse zugeschnitten.

Der Mensch zerstört das, was er sucht, indem er es findet

Die Systemrelevanz muss also in erster Linie aus der Perspektive des jeweiligen Staates betrachtet werden um sie zu verstehen. Für das jeweilige staatliche Gemeinwesen und die Gesellschaft bedeutet das, dass nur Berufsgruppen, Einrichtungen, Unternehmen und Verwaltungen systemrelevant sind, bei denen es wichtig ist, dass sie weiter arbeiten und die Versorgung der Bürger sicherstellen, trotz einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder für das Leben vieler Menschen, sowie trotz Ausgangssperren und Ausgangsbeschränkungen. Auf systemrelevante Berufe, Berufsgruppen und Branchen kann dann nach der Definition des Staates nicht verzichtet werden. Nehmen wir – wieder um es verständlicher auszudrücken – den menschlichen Organismus! Wenn der Körper in eine schwere Krise gerät, werden die Lebensfunktionen auf die Bedürfnisse der „wichtigsten“ (systemrelevantesten) Organe zugeschnitten. Herz und Gehirn, als wichtigster Bestandteil eines Organismus, werden bis zum Schluss mit Blutfluss und Sauerstoff versorgt, während alle anderen Organe absterben und nicht mehr versorgt werden. Das System (der Staat) folgt hierbei einem archaischen Muster, indem er dieses Modell des Selbsterhaltes anwendet. So kann man auch die augenblickliche Bedeutungslosigkeit der Schausteller oder der Kunst im Allgemeinen besser verstehen. In „besseren“ Zeiten, in denen es als systemrelevant galt, dass die Bürgerinnen und Bürger eines Landes die Möglichkeit haben sollten, sich zu „zerstreuen“ (egal ob im Theater oder auf dem Rummelplatz) um ihre Alltagssorgen zu vergessen und sich möglichst zu amüsieren, waren diese Berufsgruppen für das System auch relevant. Sie halfen dabei, die Zufriedenheit des Bürgers zu steigern und ihn damit als zufriedenes Mitglied seines Staates selbst systemrelevant zu halten. Aber all diese Nebenorgane verlieren ihren Wert in einer Krise, in der sich das System selbst um seinen Erhalt bemüht. Es ist sicher bitter zu fühlen, dass man im Prinzip bedeutungslos werden kann, wenn das System es will! Aber wir dürfen nicht klagen, denn wir haben – solange es uns gut ging – an diesem System mitgearbeitet und sind mehr oder weniger in sklavenähnliche Abhängigkeit davon geraten. Und was nun?

Systemrelevanz darf somit nicht nur im Singular auf den eigenen Staat betrachtet werden, denn es gibt in unseren modernen, schnellen und global gewordenen Welt ja auch wirtschaftliche Verflechtungen von mehreren Staaten! Systemrelevant sind damit auch alle Mitgliedsstaaten in einem Staatenverbund, einer Union (wie zum Beispiel der EU) oder einer Währungsunion bei denen ein Staatsbankrott oder die Zahlungsunfähigkeit verhindert werden muss, da dies sonst die Stabilität der ganzen Union oder des Staatenverbundes bedroht. Staatsbankrott und Zahlungsunfähigkeit sind nun wieder gleichzusetzen mit dem Herzinfarkt eines Organismus! Da dies – wieder aus der Perspektive des jeweils bestehenden Systems mit den darin enthaltenen Profiteuren – nun zuoberst verhindert werden muss, ist es auch nicht verwunderlich, dass die Systeme gegen jede Vernunft des gesunden Menschenverstandes die Banken retten, während Millionen von Menschen ihre Existenzen verlieren und durch die Maschen fallen. Die Abhängigkeit von monetären Mitteln in der Ausgestaltung eines „Daseins“, wie es uns anerzogen wurde, führt dazu, dass der im Prinzip traurige Spruch, dass das Geld die Welt regiert, unumstößliche Tatsache ist. Der Staat als Träger des herrschenden Systems muss vor allen anderen Aufgaben daran denken, dass er sich selbst versorgt. So ist es zu erklären, das säumige Steuerzahler oder Menschen, die dem Staat etwas schulden, von Steuereintreibern mittlerweile genauso verfolgt und niedergeworfen werden wie die Schuldner von Mafia-Paten. Die Abhängigkeit unseres Denkens und Handelns in Bezug auf unser Einkommen ist so bedeutend geworden, dass man heute als Schuldner nur noch eine Person sieht, die aufgrund eines Schuldverhältnisses einer Leistungspflicht unterliegt. Und der überwiegende Teil der Bevölkerungen glaubt, dass es sich dabei immer nur um eine Geldschuld handeln kann. Dabei sind die Systeme ihren Mitgliedern zu weitaus mehr verpflichtet (im Prinzip) als nur den „Laden am Laufen“ zu halten. Die Generation „Greta“ sieht die Schuld der Systeme zum Beispiel darin, dass die systemisch relevanten Perspektiven ausschließlich auf den Erwerb von Vermögen und Ausweitung der Komfortzone gerichtet wurden, während man den Schutz des Planeten, der darauf lebenden Organismen und der allgemeinen Gesundheit der Lebensumwelt kaum Bedeutung beigemessen hat.

Stromness an der Westküste der Insel Mainland

Und somit tauchen die Kulturschaffenden, die Zirkusleute, die Reiseunternehmen (wenn sie nicht durch Staatsbeteiligungen am Ende systemrelevant geworden sind wie die TUI) auch nicht auf der Liste der systemrelevanten Berufe, der Berufsgruppen oder Branchen auf. Alles nicht systemrelevant! Das kann sich wieder ändern, wenn die Zeiten besser werden und Kultur und Bespaßung wieder dem System dienen können. Je größer der Einfluss eines solchen Spaß- oder Unterhaltungsfaktors, desto schneller wird er wieder als systemrelevant erkannt. Es geht niemals um das Individuum und sein Schicksal! Es geht immer um das System. Und wenn es um den Sport geht? Es gab schon eine Menge mutiger Enthüllungsjournalisten/-innen – von denen so mache/r sein Leben dafür lassen musste – die die Geschichte eines globalen Skandals aufgedeckt haben. Die Skandale reichten beim Sport bis in die Bundesliga und machten auch vor Weltmeisterschaften nicht halt. Die Schattenwelt der Spielmanipulation, die enormen Hintergrundgeschäfte der Beteiligten bei Spieler Transfers wurden schon oft recht genau ausgeleuchtet. Und obwohl es in keiner anderen Sportart mehr Gangster und Glücksspieler gibt, die Milliarden auf Fußballspiele wetten und ihre Vermögen durch Manipulation vergrößern, konnte dem Fußball niemand seinen Platz streitig machen! Wer sich daran macht herauszufinden, was hinter diesen Manipulationen steckt, was diese Leute wollen und welche Bedeutung dem Fußball als „große Volksdroge“ zukommt, der kann sich – klarer Verstand vorausgesetzt – nur schnell davon distanzieren. Aber im Gegensatz zu „Jahrmärkten“, „Rummelplätzen“, Theatern und so weiter ist Fußball ziemlich systemrelevant! Auf der Internetseite „statista“ kann nachverfolgt werden, dass im Jahr 2019 rund 24 Millionen Personen in Deutschland am Fußball ganz besonders interessiert waren. Es hatten lediglich rund 25 Millionen Deutsche kaum oder gar kein Interesse daran, während sich mit rund 47 Millionen Personen mehr als die Hälfte der Menschen in der BRD als Fußball-Fans bezeichnet haben! Das bedeutet, dass sich die Hälfte der Personen unseres Landes für mindestens einen Verein der deutschen Bundesliga interessiert. Es ist dabei auch völlig egal, ob Manipulatoren nach dem Herz des Spiels greifen und Spitzensportler und Schiedsrichter für ihre Zwecke manipulieren. Der Fußball ist – durch seine Suggestivkraft – ein systemrelevantes Teil des Ganzen. Wie im alten Rom sollen die Menschen dazu verführt werden, ihr Denken einzuschränken – möglichst abzustellen – und sich unterhalten zu lassen. So kommen wir also wieder zur Bedeutung des Unterhaltungswertes der Branchen zurück. Schaustellerbetriebe sind nur so lange systemrelevant, wie man sie benötigt, um die Massen zu unterhalten. Wenn sich das „System“ in seiner Gesamtheit bedroht fühlt, werden diese Parameter neu gesteckt. Das klingt bitter und voller Vorwürfe, ist aber nicht so gemeint! Dasselbe gilt für die Welt des Theaters und auch für die Reisewelt. Zu wenig Achtsamkeit in Bezug auf die Entwicklung der Gesellschaften, zu wenig Interesse daran, sich auch einmal ohne Eigennutz in die Entwicklung einzubringen hat dazu geführt, dass wir jetzt in dieser – uns unmittelbar bedrohenden (Corona und damit verbundene Veränderungen) Krise feststecken.

Ich verweise an dieser Stelle noch einmal auf meinen Artikel vom 05. Juni (https://dr-richter-reisen.world/2020/06/05/corona-risiken-und-die-umstrukturierung-der-reisewelt), in welchem die neue Gangart sich bereits abzeichnete. Ich habe gerade einen Satz aus einem Artikel auf der Nachrichtenseite des ARD im Internet entnommen, weil er meine These, dass Tourismus & Reisen zwar in gewisser Hinsicht auch „systemrelevant“ sind, aber leider nicht so, wie sich das viele wünschen würden! Philosophische Einlassungen zum Wert des „Reisens“ kann ich mir an dieser Stelle sparen. Der Kernsatz:

“Der Gesetzgeber macht keinen Unterschied, ob der Urlaub daheim oder an einem anderen Ort genommen wird. Entscheidend ist, dass der Arbeitnehmer von der Arbeit freigestellt wird und sich erholen kann.”

Es geht also um den „systemrelevant“ gewordenen Urlaub zum Zwecke der Steigerung der Zufriedenheit des Lebensgefühls? Auffassung des Systems ist, dass der Arbeitnehmer von der Arbeit freigestellt wird um sich erholen zu können? Damit ist das System ja nicht allein! Ich bin in der letzten Zeit Mitglied in einigen Reiseforen im Internet geworden um direkt an der „Front“ zu erfahren, welche erdbebenartigen Verwerfungen die Corona-Einschränkungen auf diese Branche haben. Natürlich auch aus Eigeninteresse, da ich in den letzten 35 Jahren in dieser Branche aktiv gewesen bin und im Prinzip auch noch eine Weile bleiben möchte. Nach Fußball (durch seine unmittelbare Suggestivkraft) ist auch das weitere verreisen können dem System wichtig. Das zeigt auch die heutige Tagesmeldung der öffentlich rechtlichen Informationsquellen im Internet. An erster Stelle (wow!) ist die Überschrift zu lesen: „Wenn Corona die Urlaubspläne durchkreuzt“. Für den Gesetzgeber ist die Planungssicherheit offensichtlich wichtig? Allerdings nur in Bezug auf die „Arbeitskraft“ (weil systemrelevant) des jeweiligen Arbeitnehmers, damit er (dem System letztlich noch wichtiger, weil es dem Erhalt dient) seinem Arbeitgeber weiter mit frischen Kräften zur Verfügung stehen kann und will. So haben alle daran mitgewirkt, dass der Mythos vom Badeurlaub entstanden ist. Fast alle machen ihn – wenn man die Vergleichszahlen zu den Reisen heranzieht, die sich mit Rund- oder Studienreisen beschäftigen – aber im Prinzip braucht ihn niemand. Und jetzt ist endlich der Sommer da und erfreut die Menschen mit warmen Sonnenstrahlen und angenehmen Temperaturen. Automatisch steigt die Lust, mehr Zeit im Freien zu verbringen, was durchaus als „archaisch“ beschrieben werden kann. Schon unsere Vorfahren blieben nicht in ihren Höhlen hocken wenn es draußen warme Tage mit Sonnenschein gab. Heute ist es in unserem Denken implantiert (durch den Werdegang der systemischen Zusammenhänge, die wir akzeptiert und so hingenommen haben) dass die meisten Menschen dann ins kalte Wasser springen möchten um sich abzukühlen (gut, auch noch archaisch, das machen Tiere auch) und etwas Bräune zu bekommen. Spätestens bei dem Begriff „Bräune“ zu bekommen sind wir dann aber mitten in unserer Zivilisationen und deren Manipulationen gelandet. Mittlerweile ist es Usus, schon ein Jahr vor der geplanten Abreise nach Angeboten Ausschau zu halten. Nach der Buchung werden die verbleibenden Tage gezählt und freudig darauf gewartet, dass die Tage bis zum wohlverdientem Badeurlaub vorbei gehen. Im Prinzip ist das alles nur ein Mythos und der weitaus größere Teil der Menschen macht das, weil es sich in den Erwartungshaltungen so eingebürgert hat. Der Organismus braucht diese Art von Erholung im Prinzip „so“ nicht. Und trotzdem warten Millionen über Millionen Menschen sehnsuchtsvoll auf den Moment, in dem sie in immer entfernter liegende Ecken unseres Planeten verreisen um sich dort an diversen Traumständen zu tummeln. Die entstehende Verzweiflung und Hysterie die entsteht, wenn dieser „wohlverdiente“ Badeurlaub nicht stattfinden kann ist im Prinzip gleichzusetzen mit der Verzweiflung eines Teenagers, der wegen eines elterlichen Hausverbotes nicht in seine Stamm-Diskothek oder seinen Club gehen darf. Nun wird aus manchem Teenager aber mitunter ein recht passabler, erwachsener Mensch, der die eigene Idiotie seiner Jugendtage dann auch begreift und sich fragt, warum er seine Lebenszeit nicht für etwas besseres verwendet hat, aber diese Entwicklung erreicht den immer wieder neu angefachten Badetourismus nie, weil immer weiter angefacht durch wirtschaftliche Interessen, aufgeblasen zu nie dagewesener Größe, immer mehr Möglichkeiten schaffend, dass immer mehr Menschen dadurch immer mehr Geld verdienen, so lange, bis auch das letzte Fleckchen Erde einen „Traumstrand“ anbietet, Gesellschaften, die sich mit dem Transport ihrer Touristen immer weiter vergrößert haben, derartig „Umsatzstark“ werden, dass sie den Sprung in die Systemrelevanz schaffen.

Friedhöfe in schöner Lage und immer etwas außerhalb

Wie sieht er denn aus, der Prototyp Badeurlauber? Gibt es denn einen? Ich denke schon! Je nachdem in welcher Sozialisierung wir groß werden, wird uns schon als Kinder beigebracht, dass man im Sommer schön in den Urlaub zu fahren hat und dort dann möglichst den ganzen Tag faul auf der Liege oder dem Badetuch in der Sonne liegen soll. Schön mit Sonnencreme überzogen um ein paar Sonnenstrahlen abzubekommen und dann die Seele baumeln zu lassen. Dabei – so wird uns suggeriert – können wir ruhig noch eine Extra-Portion leckeres Eis essen, auch ein paar Kilo zunehmen (ist ja der wohlverdiente Urlaub) und sich etwa alle halbe Stunde mal umdrehen! Das gehört sich halt so. Zwar ändern sich Grundeinstellungen auch mal und Sprüche wie „Mein Gott, bist du braun geworden“ werden dann verworfen, weil breite Bevölkerungsschichten begriffen haben, dass dieses in der Sonne liegen auch Hautkrebs verursachen kann, aber einen gewissen Status hat man doch erreicht, wenn nach dem Urlaub endlich die Komplimente abzählen konnte, was für eine schöne Farbe man bekommen hat, die man sich dank dem stundenlangen faul in der Sonne liegen hart erkämpft hat. Die Bräune ist aber nach ein paar Wochen bereits wieder verschwunden und es interessiert niemanden mehr, wie knackig man kurz zuvor noch ausgesehen hat. Dazu kommt, dass im Alltag der Kopf bereits wieder so voller neuer Gedanken ist, dass jeder am liebsten sofort wieder in den Flieger steigen möchte um erneut in die Ferne abzuhauen. So soll es immer wieder ein neuer Badeurlaub sein. Es sprechen natürlich mehrere Gründe dafür, warum wir jedes Jahr aufs Neue das Ganze nicht nur über uns ergehen lassen, sondern dem Ereignis regelrecht entgegen fiebern. Wir haben es – abhängig von der individuellen Sozialisierung – doch bereits im Kindesalter vermittelt bekommen. Es hat sich die Einstellung durchgesetzt, dass man das ganze Jahr hart arbeitet um sich dieses Bonbon dann auch mit bestem Gewissen einzuverleiben. Viele gehen nach der Arbeit sogar noch ins Fitnessstudio, um für diese Urlaubszeit ihre Körper vorzubereiten und sie der Welt besser präsentieren zu können. Wer kritisch reflektiert und nicht aufgehört hat, Dinge zu hinterfragen, wird schnell dahinter kommen, dass er/sie das alles überhaupt nicht benötigt. Wenn es uns gelingt, mit dem Mythos Badeurlaub aufzuräumen, kommen wir den Bedürfnissen einer realen Welt vielleicht besser auf die Spur? Viele kennen vielleicht die Studie, in der beschrieben wird, dass verpasster Schlaf mit dem längeren Ausschlafen am Wochenende nicht aufgeholt werden kann? Entweder gibt man dem Körper täglich die Erholung, die er benötigt, oder wir müssen etwas ändern, wenn man die Aussage der Studie wahr haben „möchte“. Wenn also das Ausschlafen am Wochenende zwar großartig ist, verpasster Schlaf aber dadurch nicht einfach so nachgeholt werden kann: Müssen wir dann überhaupt in einen Badeurlaub fahren um uns erholen? Die benötigte Erholung, die ein Körper braucht kann nicht in der kurzen Zeit während der Badeferien erreicht werden! Was der Körper wirklich braucht, sollte ihm im Alltag gegeben werden. So gut es geht. Am besten regelmäßig.

Sind Badeferien wenigstens für die Psyche die ultimative Lösung? Können wir nur so wirklich abschalten? Nein! Analysen zufolge braucht unser Denkapparat zwar Abstand vom Ganzen um die täglichen Sorgen und Gedanken des Alltags zu verarbeiten, doch ist dieser nötige Abstand auch möglich, ohne in der Sonne zu braten. Bei einer Reise, weg von Zuhause lässt es sich wunderbar abschalten und auf andere Gedanken kommen, ohne dass man sich dafür an einen Strand legt. In meiner jüngeren Lebensphase war ich ebenfalls davon befangen, mir mindestens ein Mal pro Jahr eine Woche “faulen” Urlaub gönnen zu müssen. Bis ich das Ganze hinterfragt habe. Es bringt überhaupt nichts! Wenn wir den archaischen Teil in uns betrachten, reisen Menschen schon seit allen Zeiten. Wir sollten deshalb reisen, um fremde Länder und Kulturen kennenzulernen und dabei dann die Seele baumeln zu lassen. Während der Badeferien, in denen viel Sonne getankt wird und am Abend ein paar vom Hotel organisierte Animateure angeschaut werden, hat man weder etwas vom Land gesehen noch kennengelernt. Systemrelevant ist diese Art des Reisens nie geworden. Dabei entgehen dem Reisenden viele wunderschöne Dinge, solange er seine Bewegungen auf regelmäßiges wenden des Körpers zur Sonne beschränkt. Systemrelevanz bedeutet in diesem Fall, dass es durchaus gewünscht wird, dass man die einheimischen Menschen, die einem zeigen können, was authentisches Reisen wirklich bedeutet, nicht erst kennenlernt. Dadurch verpassen die Urlauber es ebenfalls, die lokale Kultur kennenzulernen und einen Eindruck davon zu bekommen, was die anderen Menschen zu dem macht, was sie sind. Völkerverständigung soll nämlich vom jeweiligen System angeordnet und gesteuert werden, damit keine Alleingänge entstehen und am Ende Herrschaftsstrukturen in Gefahr geraten und am Ende erneuert werden.

Der Old man of Hoy von der Wasserseite aus

Es gibt so viele wundervolle Orte außerhalb des Tourismus-Bade-Chaos. Orte, die zwar nicht darauf warten, endlich entdeckt zu werden, aber es sind Ecken, die unvergessliche Erinnerungen schaffen und die Erinnerung an die Zeit und das besuchte Land ein Leben lang prägen können. Um die bestehenden Probleme, die durch den modernen Tourismus erst geschaffen wurden, wieder in den Griff zu bekommen müssen sich alle Beteiligten neu aufstellen und nicht nur darüber sinnieren, wie sie die vorhandenen Strukturen am besten zu ihrem eigenen (natürlich finanziellen) Vorteil zu nutzen! Der moderne Tourismus hat mehr Schattenseiten als bekannt! In den letzten Jahren hat die Tourismusbranche Jahr für Jahr ihre eigenen Rekorde gebrochen. Mittlerweile reisen jährlich gut 1,3 Milliarden Menschen um die Welt. Doch vielerorts ächzen Bewohner und Umwelt unter der Last der Menschenmassen. Normalerweise wäre es jetzt wieder die Zeit, in der sich in vielen Teilen der Welt besonders viele Menschen auf Reisen tummeln würden. Egal ob auf „Malle“, in Bangkok, am Mittelmeer oder auf einem Kreuzfahrtschiff. Jeder Dritte Deutsche machte in den vergangenen Jahren sogar zwei Urlaubsreisen im Jahr. Jeder Sechste machte sogar noch mehr solcher Urlaube (Quelle ADAC). Die enormen Zuwächse im Tourismus ergaben sich aus immer mehr Flügen zu immer niedrigeren Preisen sowie mehr Menschen, die sich Urlaub leisten können. Denken wir etwa an Indien oder China! Die Welt ist wirklich ein Dorf geworden! Und es geht nicht nur um den „Badeurlaub“ dabei! Egal ob es eine Tour durch Südamerika per Anhalter ist, einem Tauch-Urlaub auf den Philippinen oder All-Inclusive-Urlaub in der Türkei: dank Billigfliegern ist heutzutage fast alles möglich. Dass Freunde auf Instagram nahezu live mitverfolgen können, wer gerade welche Destination aufsucht, spielt für die von den Flachbildmedien geprägte Jugend eine wichtige Rolle. Es ist eine Entwicklung, vor der ich bereits vor 20 Jahren warnte! Reisen ist zum wesentlichen Bestandteil der Selbstdarstellung geworden. Nicht wenige Urlauber, so sie der jüngeren Generation angehören, suchen sich ihre Reiseziele nach ihrer Instagram-Tauglichkeit aus. Permanent Photos und Videos ihren Freundeskreisen zur Verfügung zu stellen wird dann zur Hauptbeschäftigung. Das Ziel an sich wird nebensächlich. Die Touristifizierung in den Top-Destinationen hat dafür gesorgt, dass die auswärtigen Besucher der einheimischen Bevölkerung oft auf die Nerven gehen – so war es zumindest in Barcelona, oder Venedig und prinzipiell überall dort, wo von Kreuzfahrtschiffen stündlich tausende Passagiere von Bord gehen. Dieser Tourismus ohne „Rand und Band“ geht in erster Linie aber auf Kosten der Umwelt! Tourismus für etwa fünf Prozent der globalen Emissionen verantwortlich und treibt somit den Klimawandel voran. Da die Reisen (Anreisen und Abreisen) immer häufiger mit dem Flugzeug bestritten wurden, gab es einen stetig wachsenden CO2-Ausstoß. Ausgleichszahlungen, die man als Fluggast tätigen konnte, wurden kaum genutzt.

Vor Ort richten Touristen-Massen natürlich ebenfalls ökologische Schäden an. Durch Müll, übermäßigen Wasserverbrauch, Skifahren oder unvorsichtiges Tauchen. Der Kreuzfahrt-Tourismus ist alles andere als nachhaltig, von den damit verbundenen Problemen brauche ich gar nicht erst zu schreiben. Im Prinzip müsste sich jeder schämen, der eine Kreuzfahrt in der heute präferierten Form, bucht, bewirbt oder verkauft. Doch: wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing? Den Traum vom sanften Tourismus träume ich schon eine Weile nicht mehr, wie sollte das auch funktionieren? Es kann kaum noch etwas gegen die Folgen des Massentourismus getan werden kann, auch weil manche Bereiche dieses Wirtschaftssektors „systemrelevant“ geworden sind. Politik und Reiseveranstalter haben zwar Kenntnis davon, wo und wann kritische Obergrenzen eines Ortes erreicht sind, versuchen aber beide nicht, die Nebensaison zu stärken oder die Anzahl der Quartiere zu beschränken. Warum denn auch? Der Rubel rollt und Geld regiert die Welt! Wenn die Corona-Probleme nicht gekommen wären, hätte es diesen Stillstand, der im Besten Fall zu neuer Nachdenklichkeit führt, nicht gegeben. Die Handlungsmöglichkeiten des „Systems“ waren absolut begrenzt und das hätte sich in der Zukunft weiter verheerend ausgebreitet! Wenn die Prognosen (ohne Corona) Wirklichkeit geworden wären, dann würden im Jahr 2030 noch einmal doppelt so viele internationale Touristen unterwegs sein wie heute. Das wäre dann ein unlösbares Problem geworden, auf das niemand eine Antwort gehabt hätte. Die neuen Urlaubsziele, die hinzukommen wären (Prinzip Überdruckventil) hätten die wachsende Zahl von Touristen nicht auffangen können. Also Corona doch am Ende ein Segen für die Reisebranche, auch wenn jetzt viele Existenzen kaputt gehen? Der Gedanke ist noch nicht zu Ende formuliert, aber es soll so schnell wie möglich wieder um Schottland gehen, versprochen! Nur für die, die in der Reisebranche ihr Geld verdienen: warum ist die TUI mit 10.000 Arbeitsplätzen wichtiger als die anderen, die zusammen 130.000 Arbeitsplätze bieten? Zum einen bessere Übersicht für das System über einen Wirtschaftszweig wenn alles nur von einem großen Unternehmen abgewickelt wird, an dem der Staat im günstigsten Fall auch noch beteiligt ist. Warum ist die TUI „systemrelevant“? Der Arbeitnehmer soll sich von der Arbeit erholen können und muss dazu freigestellt werden. Das ist im Sinne des Systems, denn der Arbeiter soll „baden“ können (weil es so tief in unserem Bewusstsein implantiert wurde) um seinen Alltag zu vergessen. Deshalb soll er auch ins Fußballstadion gehen dürfen. Ablenkung nicht Aufweckung ist das Ziel eines Systems, dass für sich selbst sorgen muss, weil es nicht anders kann: wie ein richtiger Organismus könnte man sagen!

Kleine italienische Kapelle auf Lamb Holm

Beenden wir die Suche nach der Systemrelevanz! Nur noch kurz: Es ist im Prinzip unmöglich, alle Berufe und Berufsgruppen zu nennen, die systemrelevant sind. In unserem jetzigen „System“ wären alle Energieversorger (das Blut muss zum Hirn) wichtig, die Wasserwerke sind relevant weil ein Körper ohne Flüssigkeit kollabiert (würde dann auch das System tun), Ernährung und Lebensmittel sind eminent wichtig, weil das System ohne Essen kollabiert. Informationstechnik und Telekommunikation auch, wobei dass System dies auch nutzen kann, um seine Vorstellungen zu verbreiten und das Meinungsmonopol zu erhalten (wie die Nervenbahnen im Körper die Befehle des Gehirns an die Arme und Beine leiten können). Gesundheit und Gesundheitswesen ist auch systemrelevant, da die Zellen des Körpers (wir Menschen) ja den Körper (das System) abbilden und erhalten werden müssen. Finanz- und Wirtschaftswesen ist in einem materialistisch orientierten System wichtiger als alle anderen Bereiche, das die quasi das Herzstück eines „abstrakten“ Systems darstellt. Versorgung mit Bargeld muss sein, damit die Bürger weiter Spaß haben „könnten“ (Roberto Blanco – Ein bisschen Spaß muss sein), auch wenn sie das Geld wegen der Einschränkungen nur bedingt ausgeben können. Mit einem Satz Zahlungsverkehr, Wertpapier- und Derivatgeschäfte und Versicherungen sind absolut systemrelevant, weil sie im Prinzip den Kern des Systems darstellen. Wenn sich die Situation weiter verschlechtert, wird auch der Bereich Gesundheit und Gesundheitswesen abgeschaltet damit der Bereich Zahlungsverkehr und Werterhalt gesichert werden kann. Im Transport und Verkehr sind dem System nur die Dinge wichtig, die zur Wartung und Aufrechterhaltung der Infrastruktur herangezogen werden. Öffentlicher Personennahverkehr, öffentlicher Personenfernverkehr, Güterverkehr. Das Personal zur Aufrechterhaltung des Bahn-, Flug- und Schiffsverkehrs wurde auch mal als relevant beschrieben, gilt aber nur noch mit Einschränkungen. In den Medien sind nur Nachrichten- und Informationswesen sowie die Risiko- und Krisenkommunikation wichtig. Also kein „Germanys next Toppmodell“ und auch kein „Tatort“. Wichtig ist nur, was das System seinen Bürgern zu sagen hat. An die Wichtigkeit der Banken und der Sicherstellung des Zahlungsverkehrs kommen in der Bedeutung im Prinzip nur die staatlichen Verwaltungen heran. Alles was zur Sicherstellung, der Kernaufgaben der staatlichen Verwaltung gehört dient dem Systemerhalt und ist damit von außerordentlicher Bedeutung, auch wenn das nicht jeder Bürger, jede Bürgerin nachvollziehen kann! Die öffentliche Verwaltung, die Polizei, die Justiz, die Feuerwehr, der Katastrophenschutz, der (sehr wichtig) Justizvollzug, das Veterinärwesen, die Lebensmittelkontrolle, das Asyl- und Flüchtlingswesen, die Abschiebehaft, der Verfassungsschutz, alle Aufgaben die etwas mit Aufsicht zu tun haben, wissenschaftliche Einrichtungen die der Krisenbewältigung dienen, absolut alle sicherheitsrelevanten Einrichtungen, selbstredend die Parlamente, die zuständig für die Gesetzgebung sind. Es ist ein selbsterhaltendes System! Für alle die jetzt traurig sind, weil sie noch nicht genannt wurden! Wichtig sind auch die Schulen, die Kinder- und Jugendhilfe, weil hier die Generation der nächsten „Zellen des Systems“ herangebildet werden und wenn sich Zellen nicht mehr teilen, stirbt der Organismus! Die notwendige Betreuung in Schulen, Kitas und der Kindertagespflege ist systemrelevant und stellt das System vor größere Probleme als in den Medien dargestellt, denn: hier die werden die Generation der nächsten „Zellen des Systems“ herangebildet. Corona stellt unser System wirklich vor große Probleme.

Wir haben als Gesellschaft diesen Weg entweder gewählt oder aber zumindest geduldet. Wer sich nur die Zusammenfassung durchliest kommt schnell dahinter: Ihr lieben Zirkusleute, ihre lieben Schausteller, ihr lieben Theaterbetreiber, ihr lieben Reiseveranstalter:

Zur Zeit seid ihr nicht systemrelevant!

Wenn es gut läuft, werdet ihr es wieder! Man versucht ja, Euch wahrzunehmen, aber wenn ihr große Demonstrationen macht, die dem System so nicht passen, dann dürft ihr euch auch nicht darüber wundern, wenn die System-Medien darüber nicht berichten! Es tröstet dabei wenig, zu wissen, dass der Mensch als Gruppe in seiner Gesellschaft immer „besser“ ist als das jeweilige System, in dem er lebt! Egal ob es sich um eine Demokratie oder eine Diktatur handelt. Das kann aber nicht Grund genug sein, dass System zu verteufeln, denn jede/r hat auf seine Art daran mitgewirkt, dass es entstehen und gedeihen konnte. Machen wir doch alle das Beste draus, hinterfragen wir in Zukunft die eine oder andere Entscheidung und tragen wir dazu bei, dass es sich sukzessive verbessert. Keiner wird mit Sicherheit sagen können, dass es dadurch besser wird. Aber so entstehen zumindest neue Möglichkeiten, die sonst allesamt keine Wirksamkeit entfalten würden.

Gibt es ein reales Prinzip der Hoffnung? Ich will den Ball nicht flach halten und durch das Besingen von guten Taten die Realität verwässern, aber ich habe zumindest bei meiner ersten Reise nach Schottland, in der ich auch auf die Orkney Inseln gekommen bin, erlebt, dass der Zusammenhalt der Menschen tatsächlich bewirken kann, dass schädliche Entwicklungen, die sich nur zum Wohl eines Einzelnen auf Kosten der Gesamtheit auswirken, durch Boykott verhindern lassen. Damit kriege ich auch den Bogen zu den Schottland wieder hin. Es ist an der Zeit, wieder dort einzutauchen! Normalerweise (außerhalb von Corona und sicher auch jetzt?) sind die Orkney Inseln viel stärker besucht als die weiter nördlich gelegene Inselwelt von Shetland. Orkney besteht nicht nur aus der Hauptinsel Mainland, sondern aus noch etwa 70 kleineren Inseln. Wenn man alle einer Insel ähnlichen kleinen Felsen hinzurechnet, wären es über 100. Da diese Inselgruppe nur knapp 10 Kilometer nördlich von Caithness in Sichtweite der schottischen Nordküste liegt – nur durch den Pentland Firth getrennt – kann man diese Inselgruppe auch im Rahmen eines Tagesausfluges von John o’ Groats (ohne Auto) oder Gill’s Bay (mit Auto) aus besuchen. Landschaftlich besonders attraktiv ist die Anreise von Scrabster, an der schottischen Nordküste gelegen, aus. Dabei kommt man mit der Fähre auch an der attraktiven Klippenlandschaft der Insel Hoy vorbei und kann den 137 Meter hohen Old Man of Hoy sehen, der normalerweise den Besuchern verborgen bleibt. Die Inseln sind zwar nicht so rauh (Rechtschreibung bis 1996) wie Shetland und auch landschaftlich gesehen nicht so abwechslungsreich, aber sie bieten ein ganzes Füllhorn an interessanten Plätzen und interessanter Geschichte. Es gibt dort prähistorische Steinkreise, Klippen, Paläste, eine einzigartige Kathedrale und eine sehr spezielle Bevölkerung mit besonderen Sitten und Traditionen. Kurz: die Orkney Inseln bieten eine ganz eigene Schönheit. Hier haben nicht nur die Wikinger tiefe Spuren hinterlassen, sondern auch längst verschwundene Völker der Jungsteinzeit. Das Meer hat diese Inselwelt geformt und Meer und Steine, ihr mal wildes, mal zärtliches Zusammenspiel bestimmen noch heute die Orkneys. Hier treffen die manchmal azurblauen Gewässer der Nordsee und des Atlantiks aufeinander und schleifen große und kleine Inseln aus dem weichen roten Sandstein heraus. Auf fast allen Insel liegt ein Teppich aus saftigem Grün. Die wichtigste Unterscheidung zwischen den Bewohnern hier und denen auf den Shetland Inseln lernte ich sofort nach meiner ersten Ankunft: die Orkney Bewohner sind Bauern, die ein Fischerboot besitzen – die Bewohner Shetlands sind Fischer, die eine Kuh im Stall stehen haben. So einfach kann es sein!

Typische Ornkey Mauer bei Skara Brae

Das Orkney-Archipel hat meistens flache Inseln, lediglich Hoy bietet einige ernsthafte Hügel. Ansonsten erstrecken sich fruchtbare Ebenen mit Heide und Gras über die Inselwelt, die zum Meer hin oft steil abfallen, so dass sich zerklüftete Schönheiten ergeben, wie die Klippen von Yesnaby oder die am Marwick Head Nature Reserve. Berühmt – und leider heute auch gerade dadurch stark besucht – sind die Inseln aber für ihr geschichtliches Erbe. Mit dem Ring of Brodgar und den Standing Stones of Stennes, sowie dem Steinzeitdorf Skara Brae bieten die Nordinseln bedeutende und großartige Belege für die Baukunst der Völker aus der Jungsteinzeit. Diese Funde sind heute Teil des UNESCO Welterbes. Nicht weniger beeindruckend sind die Hinterlassenschaften der Wikinger und später der Norweger. Sie haben hier Paläste und Kathedralen geschaffen. Die Orkneys lohnen sich auf jeden Fall für einen ausgedehnten Besuch, der einen in vergangene Jahrtausende entführt und das noch in erstaunlicher Landschaft. Offizielle Stellen sprechen seit einiger Zeit gerne von nur noch 62 Inseln. Aktuell sollen nur noch 16 von ihnen bewohnt werden. Als ich 1990 zum ersten Mal auf diese Inselgruppe kam, waren es noch 21 bewohnte Inseln! Die wichtigste und mit Abstand größte Insel heißt ist Mainland. Aber auch diese misst nur 40 Kilometer in der Länge und etwa 26 Kilometer in der Breite. Der Name kommt entweder aus dem nordischen und bedeutet wie Seehundinseln, oder, was nach Meinung „meiner“ Orkney-Familie wahrscheinlicher war, bezeichnet der Orc-Anteil des Namens einen piktischen Stamm, dessen Zeichen der Keiler war. Viel zu sehen und zu erleben und nichts davon hat etwas mit Kilt, Tartan, Clan oder Dudelsack zu tun. Während also die meisten Besucher in der heutigen Zeit mit dem Kreuzfahrtschiff dort ankommen (1990 gab es fast noch keinen Kreuzfahrt-Tourismus) nimmt die weitaus größere Gruppe der Besucher die Fähren von John o’ Groats oder von Gill’s Bay aus. Die wenigsten kommen mit der größten der zur Verfügung stehenden Fähren von Scrabster aus hierher. 98% aller „nicht“ mit dem Kreuzfahrtschiff ankommenden Besucher unternehmen eine geführte Tour mit einem Orkney-Bus und einer einheimischen Reiseleitung, wobei er explosionsartige Anstieg der Besucher auf den Inseln dazu geführt hat, dass immer mehr Fremdenführer/-innen benötigt wurden, die dann zum Teil von ihren Heimatländern kommend, auf Orkney ansässig wurden. Zumindest sind mir drei Personen mit „deutschem“ Migrationshintergrund bekannt, die seit Jahren auf den Inseln leben.

Seit etwa 1995 hat sich der Besucherstrom auf den Inseln jedes Jahr verdoppelt und mitunter sogar verdreifacht. Während 1990 noch keine 30.000 Personen pro Jahr die Inselwelt besuchten, kamen 2000 bereits über 180.000 Menschen zum Zwecke eines Besuches hier an. Mehrheitlich waren es Kreuzfahrer und es wurden in den nächsten Jahren mehr und mehr, so dass von einem individuellen Besuch dort nur noch gesprochen werden konnte, wenn man dem Hauptstrom der Besucher aus dem Weg ging und alternative Routen befuhr. Als ich zum ersten Mal auf den Inseln ankam, war das im Prinzip antizyklisch! Denn wir hatten auf dieser Reise zuerst Shetland angesteuert und waren von dort mit der (damals noch dort operierenden) P&O Fähre nach Orkney gefahren. Damals gab es auch den neuen Hafen in Kirkwall noch nicht, so dass die Fähren in Stromness anlegen mussten, etwa 24 Kilometer von der Hauptstadt entfernt an der Westseite der Hauptinsel gelegen. Um die großen Zusammenhänge machte ich mir damals ganz sicher noch keine Gedanken! Alles war neu und wurde von mir mit Spannung erwartet. Das Gefühl der Vorfreude war immer eine tragende Säule in meinem Leben und so war es klar, dass ich diese positive Emotion auch in meine diversen Berufe mitnahm. Die Vorfreude generierte immer positive Gefühle und Gedanken auf das, was bald auf mich zukommen würde. Aber auch hier gilt, dass dieses Gefühl nur durch bewusstes Hinschauen auf ein sich in näherer oder weiterer Zukunft befindendes Ereignis, Vorhaben oder Ziel erreicht werden kann, wenn Kopf und Herz bereits im Hier und Jetzt Freude und positive Gefühle empfinden oder wecken in freudiger Erwartung auf das, was kommt. Natürlich gibt es auch immer das Risiko der Enttäuschung, wenn ein Ereignis nicht so eintrifft, wie man es sich vorgestellt hat. Außerdem stellt sich die Herausforderung, wie man sich schöne und erfüllende Ereignisse aus der Vergangenheit bewahren und auch im Rückblick wieder als positiv empfinden kann. Deshalb bin ich mir auch immer der Gegenwart bewusst und schwelge nicht nur in der auf die Zukunft gerichteten Vorfreude oder hänge in der Bewertung von positiven Ereignissen in der Vergangenheit fest. Denn ganz sicher hätte ich das das Risiko der Enttäuschung auf den Orkney Inseln als bestätigt erlebt, wenn die beiden Inselführer aus den Jahren 1990 (erster Besuch) und 1992 (zweiter Besuch) die Plätze getauscht hätten.

Personenfähre von John o´ Groats nach Orkney

Ich machte mir keine Gedanken, als wir in den späten Abendstunden auf Orkney ankamen und ich mit Bus und Gästen noch die Kilometer bis nach Kirkwall fahren musste, da unsere schottische Agentur das Hotel dort und nicht in Stromness gebucht hatte. Der einheimische Reiseleiter, den ich namentlich nicht voll nennen werde und von dem ich nicht weiß, ob er überhaupt noch auf dieser Welt herumläuft, stellte sich mit Angus vor. Er war Lehrer auf den Inseln und hatte zwei Semester Deutsch studiert und war deshalb der deutschen Sprache auch ganz vernünftig mächtig. Zur Erinnerung: es war eine andere Zeit und Fremdenführungen wurden auf den Inseln so gut wie nie benötigt. Aber im Vergleich zur zaghaften (und am Ende davon geflogenen) Margarete auf Shetland, wirkte Angus entschlossen und kompetent. Er war mit seinem eigenen Auto nach Stromness gekommen und bot mir nun an, dass er dem Bus voraus bis zum Hotel fahren würde, damit die Gäste ins Bett kommen würden, es gäbe schließlich viel zu tun am nächsten Tag. Später hat er mir diese Begleitfahrt in Rechnung gestellt und da die Agenturen in Deutschland und Schottland sich dafür nicht zuständig erklärten, blieb ich als verantwortlicher reiseleitender Busfahrer in Personalunion am Ende auf den Kosten sitzen. Gut, es war alles neu, ich war voller Vorfreude, gab ihm die geforderten 20.- Pfund und ging zu Bett. Da wir bereits auf der Fähre gegessen hatten, benötigte keiner mehr ein zusätzliches Abendessen. Am nächsten morgen stand Angus mit seinem angenehm wirkenden Vollbart pünktlich vor unserem Hotel, setzte sich auf den für ihn reservierten Reiseleiterplatz und wir fuhren nach Kirkwall in die Innenstadt. Schon bei seiner ersten Mikrophon-Arbeit verwies er darauf, was alles im Programm inklusive sei und was nicht. Der Besuch der St.-Magnus-Kathedrale, der im Reiseverlauf ausgewiesen war, sollte sich laut ihm nur auf eine Außenbesichtigung beschränken, da für den Eintritt Geld würde bezahlt werden müssen! Ich erfuhr erst zwei Jahre später, dass das spirituelle Zentrum der Inseln, die St.-Magnus-Kathedrale, dem Volk und nicht der Kirche gehört! Darum war der Eintritt dort schon immer kostenlos – bis zum heutigen Tage! Die Kathedrale ist nicht nur wunderschön, sondern spiegelt auch viele Eckpunkte der Geschichte wieder. Alle Mitglieder der Reisegruppe gaben ihm die geforderten 3.- Pfund pro Person und niemand dachte in diesem Augenblick daran, dass er oder sie hier gerade abgezockt wurde! So ging es im Prinzip den gesamten Tag über weiter. Seine Erklärungen zu den Inseln und ihrer Geschichte waren im Prinzip auch sehr dürftig, aber wenn er anhob, über mögliche zusätzliche Besuchspunkte zu reden, verbesserten sich sowohl seine Sprache als auch seine Grammatik deutlich und sein Redefluss nahm zu. Und wir unerfahrene Narren freuten uns auch noch darüber weil wir dachten, das die Vorfreude des Inselführers Angus, uns eine zusätzliche Freude machen zu können, ihm sprachlich Flügel verlieh. Dabei freute er sich lediglich über den baldigen Zufluss von monetären Mitteln, die in seiner privaten Schatulle landen würden. Es ist eben leichter, die Menschen zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht wurden. Diesen Spruch, der Mark Twain zugeschrieben wird, verwende ich seit Jahrzehnten gerne. Damals, so begeistert bei schönem Wetter über Neuland gefahren zu werden, hätten wir uns auch von niemandem erzählen lassen, dass wir gerade abgezockt wurden! Leider ist dieses „abzocken“ in der Reisebranche sehr verbreitet und schafft mitunter negative Erlebnisse für wenige unter deren Folgen dann später viele leiden müssen. So tickt die Welt!

Blick über die Orkney Inseln vom Marwick Head aus

Der nächste Besuchspunkt war das „schönste Dorf“ Orkneys, St. Margaret’s Hope auf der Insel South Ronaldsay (mit Dämmen mit der Hauptinsel verbunden) wo die dreijährige Königin Margaret, (bekannt als Maid of Norway) 1290 starb. Dabei fährt man aus Kirkwall in südliche Richtung hinaus und kommt dabei an der nördlichsten Distillery Schottlands, Highland Park, vorbei. Und natürlich schwatzte Angus der Gruppe einen Besuch dort auf, obwohl wir dafür eigentlich keine Zeit gehabt hätten! Eintritt kostete das Ganze natürlich auch ohne dass Angus etwas inszeniert hätte, aber der Bursche wollte Geld machen und sammelte im Bus einfach den doppelten Eintrittspreis ein und führte uns danach durch die Anlage! Wir waren wie die Kinder und konnten – in Ermangelung von Wissen oder wenigstens ausgehängten Preisangaben für die Eintrittsgelder – nicht erkennen, dass wir gerade nach Strich und Faden weiter abgezockt wurden. Es scheint so zu sein, dass ich später einen amerikanischen Reiseleiter (beschrieben in meinem Artikel https://dr-richter-reisen.world/2020/05/13/reisen-in-der-retrospektive-usa-1987-2009-teil-01/) gleich nach der Ankunft in Los Angeles aus dem Bus warf, weil er – ähnlich wie Angus – zu viel von dem erzählte, was gegen Aufpreis noch gemacht werden könnte und zu wenig von Land & Leuten sprach! Für den Besuch der südlichen Gebiete von South Ronaldsay (auch an der kleinen italienischen Kapelle auf der Insel Lamb Holm fuhren wir vorbei, wohl auch deshalb weil er uns hier nicht schlüssig hätte erklären können, warum es Eintrittsgeld kostet) hatten wir danach keine Zeit mehr! Zur Mittagszeit führte er uns in ein zwar schön gelegenes, aber recht teures Restaurant am Loch Harray, wo er für jede verkaufte Mahlzeit eine Provision in Höhe von 10% auf den Verkaufspreis einstrich. Der längere Besuch, der eigentlich so angekündigt war, an den bekannten Klippen von Yesnaby, wurde von einer Stunde auf einen kurzen Photostopp reduziert, weil wir ja noch das Corrigall Farm Museum, das von meinem späteren Freund Harry Flat geführt wurde, besuchen mussten. Das kostete natürlich Eintritt und ich nehme an, dass Angus den kompletten Betrag für sich behalten durfte, da Harry Flat an diesem Tag tiefe Trauer trug! Am Abend zuvor war ihm eines seiner beiden North Ronaldsay Seaweed Schafe ausgebüxt und wurde von ihm am Morgen unseres Besuches tot aufgefunden. Das Schaf war unförmig dick und Harry meinte, dass wir Abstand halten sollten weil die Gefahr bestünde, dass das Schaf „platzen“ könne. Es hatte zwar keine Unmengen von Hefe gefressen, sondern ganz normales Gras, war aber – was das dumme Schaf zu seinem persönlichen Unglück aber nicht wusste – nun leider einmal ein North Ronaldsay Seaweed Schaf und die fressen schon seit zig Generationen kein Gras mehr, weil sie auf der Isel, die ihnen den Namen gab (North Ronaldsay – die nördlichste der Orkney Inseln), von den dortigen Landwirten mit Mauern von den Grünflächen der Insel ausgeschlossen nur noch an den Küsten leben und sich dort auf den Verzehr von Seegras und Seetang spezialisieren mussten. Die Natur gab dem Schaf (Darwin hätte seine Freude daran) zur Verbesserung seiner Lebensumstände immer längere Beine, was diese Schafrasse deutlich von anderen Wollträgern unterscheidet, damit sie besser zwischen den großen Steinen an der Küste herumlaufen konnten, aber die Tatsache, eine langbeinige Schaf-Schönheit zu sein, hatte dem Tier am Ende nichts gebracht! Nachdem es ausgebüxt war und sich die ersten Hungergefühle einstellten, fraß es das grüne Zeug vor sich auf der Wiese, was es nicht kannte, nicht vertrug und am Ende mit dem Leben bezahlte. Deshalb gilt für Schafe: sei brav, du Schaf!

Skara Brae, die ältesten Möbel Großbritanniens

Die beiden gewaltigen Steinkreise von Ring von Brodgar (Mit einem Durchmesser von 104 Metern ist er größer als Stonehenge.) und die Stones of Stenness (noch älter als Brodgar und damit auch älter als die Pyramiden von Gizeh) durcheilten wir im Schweinsgalopp bevor wir zu einem weiteren, kostenpflichtigen Kurzbesuch nach Skara Brae, der bekanntesten jungsteinzeitlichen Siedlung auf Orkney, kamen. Sie liegt unmittelbar an der Westküste der Hauptinsel und enthält die ältesten Möbel Großbritanniens. Natürlich verdoppelte Angus auch hier das Eintrittsgeld! Trotzdem: als er uns – nach einem letzten, schnellen kostenpflichtigen Kurzbesuch in der Grabanlage von Maes Howe (eine in der Jungsteinzeit etwa 3000 v. Chr. errichtete Megalithanlage) – wieder zum Hotel für die zweite Übernachtung zurückbrachte, war niemand unzufrieden! Wir hatten viel gesehen, steckten nicht an Metallplatten an Baustellen fest, wurden auch durch diverse Anlagen geführt und der Reiseleiter Angus hatte zufriedenstellend geliefert. Das es Gründe genug gegeben hätte, sich über das unerhörte, sich an uns bedienen, aufzuregen, erfuhr ich erst im August 1992, zwei Jahre später, als ich mit der kleinen Personenfähre von John o’ Groats nach Burwick am südlichsten Zipfel von South Ronaldsay gefahren war, dort unter drei Bussen den für unsere Gruppe fand, eine junge Frau mit rotblond-gelockten Haaren in den Bus stieg, sich nicht vorstellte (nicht sofort zumindest) sondern zum Mikrophon griff, die Mitglieder der Gruppe freundlich anlächelte und fragte: „Und? Hat jemand gekotzt?“

Skaill House lgeich neben Skara Brae……..
…….wirkt ungewöhnlich herrschaftlich

Wow, dachte ich mir! Die traut sich was! Danach stellte sie sich vor und es begann eine bis heute für mich persönlich andauernde Beziehung zu der Inselwelt vor der Küste Schottlands. Die Frage, ob denn jemand gekotzt habe, hatte übrigens durchaus Berechtigung! Denn die Überfahrt zwischen John o’ Groats nach Burwick führt auf einer Strecke durch den Pentland Firth, an der dieser Gezeitenstrom beträchtliche Strudel vorweisen kann. Aber? Aus dieser Gruppe hatten alle die stürmische Überfahrt ohne sich zu Erbrechen überstanden. Es folgte ein ganztägiger Besuch der Inselwelt ohne Abzocke auf allerhöchstem Niveau, so dass ich – trotz eines hervorragenden Gedächtnisses – bald schon glaubte, dass ich diese Inseln nie zuvor gesehen hatte! Ich komme zurück zu meinem Satz: Gibt es ein reales Prinzip der Hoffnung? Ich fragte unsere neue Reiseleiterin während des Tagesausfluges natürlich auch, wie es dem „guten, alten Angus“ gehen würde, der uns zwei Jahre zuvor über die Insel geschleift hatte. Angus war in seiner Heimat in Ungnade gefallen. Er hatte wohl nicht nur bei der Arbeit mit den Touristen ausschließlich den schnellen Dollar im Kopf, sondern auch im Umgang mit seinen Mitbewohnern auf den Inseln? Nach immer schnellerer Suche war er ins Maklergeschäft eingestiegen um an immer größeren (finanziell gesehen, denn es gilt der Spruch: mit einer einzigen Immobilie, ernährt der Makler die ganze Familie (für 100 Jahre)) finanziellen Möglichkeiten zu spielen. Er hatte versucht, eine Tourismus-Agentur zu gründen, einheimische Führungen angestellt um denen dann keinen Lohn zu zahlen und seine Leute darauf hinzuweisen, dass sie sich ihr Geld aus den Provisionsgeschäften holen müssten. Ja, viele Menschen die in unserer Gesellschaft weit gekommen sind (zum Glück nicht alle) haben genau diese Tricks angewendet um sich auf dem Rücken und dem Unglück ihrer Mitmenschen Vorteile zu verschaffen und, wenn möglich, ein großes Vermögen zu verdienen. In den Ländern mit vielen Einwohnern, in denen zwangsläufig eine gewisse Anonymität herrscht, ist dieses Handeln voll akzeptiert. Man erfindet Begriffe und Gesetze die nur einen Zweck haben: zu verschleiern, dass der Mensch sich ganz und gar unartig an anderen Menschen bedienen kann. Die wundervolle alte Geschichte, dass man sein persönliches Glück niemals auf den Schultern des Unglücks eines anderen würde aufbauen können, darf guten Gewissens auf die Müllhalde der Geschichte der sinnlosen Sprüche befördert werden. So gut ist der Mensch dann auch wieder nicht, egal wie perfekt er das Instrument der Sprache bedient um die Täuschung seiner Mitwelt zu verschleiern. Auf den Orkney Inseln war ein solches Verhalten am Anfang der 90er Jahre noch nicht möglich. Angus fiel derart in Ungnade bei den anderen, dass sie sich zusammenschlossen und jede Kooperation mit ihm boykottierten. Am Ende musste er gehen, niemand wusste genau wohin, aber er hat sicher an anderen Stellen weiter Menschen übervorteilt und abgezockt? Vielleicht auf einem besseren Acker? In der Anonymität einer Großstadt vielleicht? Viele „systemtreue“ Menschen, denen ich diese Geschichte erzähle, schauen mich ungläubig an und fragen mit entsetztem Gesicht, ob die Orkney Inseln denn kommunistisch wären! Wie traurig. Damals waren die Inseln noch „humanistisch“! Nicht jeder der 20.000 Einwohner der dortigen Inselwelt kennt jeden anderen! Aber: die Bewohner fühlten vor dreißig Jahren auf jeden Fall noch die Verbundenheit mit den Mitmenschen um sie herum. Leute wie Angus waren damit Störenfriede, weil sie ihren Egoismus ungezügelt ausleben wollten. Er scheiterte damals dort mit seinen Absichten. Andere dagegen haben es millionenfach geschafft, sich durch Tricks und Täuschung einen Weg an die Spitze ihrer Gesellschaften zu bahnen, dadurch „systemrelevant“ zu werden. Es hat mich damals sehr beeindruckt, die Geschichte des Scheiterns des Angus zu hören.

Die St. Magnus Kathedrale in Kirkwall

Gibt es also ein reales Prinzip der Hoffnung, oder ist bereits alles in systemischen Relevanzen verloren?

Für heute genug – wie es weiterging ist klar – wie es weitergehen wird dagegen nicht. Alles steht schon – aber auf einem ungeschriebenen Blatt.

Roland Richter

an einem kalten Julitag 2020

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1 Comment
  • Dagmar
    Posted at 19:25h, 10 Juli Antworten

    …relevant für mich – und hoffentlich genügend/viele weitere Natur-und Studienreisenfreudige – ist das gangbare System
    bald wieder einen Reisebus bei einem Reiseveranstalter mit einem Reiseführer/Reisebusfahrer erreichen zu können.
    Wenn es sich dann um eine Schottlandreise mit Roland handelt
    und wir einige der oben beschriebenen Festland-und Inselplätze sehen, erleben und verinnerlichen können –
    wird das Staunen, Erholen und Bereicherung für uns alle sein.
    Also gilt es den Sonnenanbetungshunger unter Millionen und den eitlen Meilen zu widerstehen, ja ihnen zu entgehen und der momentan widerspenstigen Zeit zu trotzen
    – ein nettes Wort und Lächeln
    für den ( wenn auch oft schwierigen) Mitmenschen und für sich selbst im Gepäck.
    Deine Artikel rütteln dabei auf – nur nicht unterkriegen lassen ihr Leser/Innen und Herr Verfasser …

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