Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 03

Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 03

Wie die Sache weiterging? Zur Erinnerung, unser Reisegefährt, der ausgewachsene Riesen-Oschi-Bus steckte an einer Metallplatte fest und unsere einheimische Inselführerin war davon geflogen! Auch wenn es ein wenig unglaubwürdig klingt: ich war erheitert und keinesfalls böse. Ein wenig überrascht vielleicht, aber irgendwie auch erheitert! Dass sie „das“ einfach so gemacht hatte! Jeder hat ja so seine Vorstellungen über sich selbst, hat Gefühle für sich, die Zufriedenheit auslösen (natürlich auch das Gegenteil, bei anderen Eigenschaften) und Selbstbestätigung bewirken. Ich war immer sehr stolz auf meine Toleranz Andersdenkenden, -fühlenden und –handelnden gegenüber. Jede/r nach seiner Façon, solange er/sie/es seine Vorlieben nicht zum Schaden anderer anwendet! Dann wird Widerstand zur Pflicht, denn wir leben heute als Gesamtgesellschaft nur deshalb in solch beklagenswerten Zuständen, weil zu viele Menschen einigen wenigen Menschen zu viele Dinge einfach so durchgehen lassen. Da steigen Gedanken auf, die mich zu einem Exkurs zwingen, auch wenn er nichts mit Schottland zu tun hat, aber ein Referenzpunkt ist ja stets willkommen!

Die Clowns des Nordens: Papageieintaucher – Bild 01

Bad Nauheim, 03. Juli 2020

Gestern war ich war gerade in ein kurzes Gespräch mit unserer Nachbarin vertieft. Als Ärztin und dreifache Mutter hat sie nicht immer die Zeit, um sich länger mit ihren Nachbarn zu unterhalten. Als wir eine Weile geredet hatten vernahmen wir die mahnende Stimme der Nachbarin von quer gegenüber, die kaum jemand kennt, die – zusammen mit ihrem Ehemann – keine Bindungen zu den anderen Familien der Straße unterhält und von denen man im Prinzip nur etwas hört, wenn jemand gegen bestehende „Ordnungsprinzipien“ verstößt und zum Beispiel einen Müllsack für die Abholung einen Tag zu früh vor die Tür stellt, weil man vielleicht am Tag der Abholung nicht zuhause ist! Drei Zentimeter über die erlaubte Parkfläche hinaus abgestellte Fahrzeuge waren auch schon Quell der Empörung des namentlich nicht zu nennenden Ehepaares. Letztes Jahr schon – die haben wohl im Lotto gewonnen – begannen extrem umfangreiche Renovierungsarbeiten an Haus und Grundstück genau dieser kontaktscheuen Nachbarn. Große Betonmischer fuhren vor und verstopften die Straße für Stunden! Die lauten Geräte der Bauarbeiter, die vielen Fräsen und Sägen schienen nie zu verstummen. Es war ein ständiges Wuseln von Menschen auf und am Haus (aber niemals darin!) und das Ehepaar wies schon darauf hin, dass es diese Umbauarbeiten geben würde. Wie? Frau „Unbekannt“ – so werde ich sie von nun an nennen – lief jedes Mal, wenn eine neue Lieferung an Frankfurter-Pfannen-Dachziegeln oder Zement mit großen Fahrzeugen angeliefert werden würde – fleißig wie eine Biene von Auto zu Auto und Briefkasten zu Briefkasten der Nachbarn um Zettel anzuhängen oder einzuwerfen auf denen zu lesen stand, dass vor dem Grundstück von diesem bis zu jenem Zeitpunkt nicht mehr würde geparkt werden „DÜRFEN“ (!) weil eine Lieferung mit großem Fahrzeug bevorstand. Das im privaten erteilte Parkverbot bezog sich auch auf die gegenüberliegende Straßenseite und die angrenzenden Grundstücke. Die schweren LKW sollten wohl mit ihrer wertvollen Fracht nicht in Gefahr geraten, festzustecken oder gar nicht mehr aus der Straße hinaus zu kommen? Nun, die Nachbarn der Straße fügten sich, damit die Renovierung störungsfrei würde ablaufen können. Was im letzten Sommer niemand ahnte war, dass diese Renovierungen sich über ein Jahr hinziehen würden! Der Garten wurde umgepflügt und erweitert, die Garage abgerissen und durch eine Doppelgarage ersetzt, mit edlen Toren versehen, der ohnehin schon große Fischteich wurde auf doppelte Größe aufgeblasen und mit neuen Pflanzen begrünt! Neu war auch der Rasen, der im heißen Sommer 2019 in einer Art „Rund-Um-Die-Uhr-Bewässerung“ bewässert werden musste. Der Rasen wurde auch noch „rund-um-die-Uhr-bewässert“, als bereits davor gewarnt wurde, keine Autos mehr zu waschen und den Rasen möglichst nicht mehr zu sprengen. Familie Unbekannt hatte wohl einen Sonderstatus?

Auch hier will ich nicht moralisieren, denn solcherlei Familien sind sicher jedem irgendwie bekannt? Ich habe mich auch bemüht, in der Situation des heißen Sommers 2019 einmal das Gespräch mit der eifrig den neuen Rasen inspizierenden Frau Unbekannt zu suchen um mit ihr zu parlieren! Die beiden Rasensprenger liefen auf Hochtouren und ich fragte – vorsichtig, wie es bis zum Ausbruch eines Konfliktes meine Art ist – nach, ob es denn unumgänglich wäre, den Rasen derart zu wässern? Frau Unbekannt blickte mich kurz an und ich bemerkte, wie es in ihren Hirnwindungen zu rattern begann, da die offiziell ausgesprochene Bitte der Obrigkeit, kein Wasser mehr auf den Rasen zu befördern, auch ihr bekannt war. Sie wendete sich zu mir um und erklärte mir, dass es tatsächlich ungeheure Kosten bedeuten würde, den Rasen, den neuen, am Leben zu erhalten und dass sie und ihr Mann fast 600.- € zusätzliches Wassergeld bezahlt hätten, damit das frische Grün sich nicht in ein trostloses Braun (wie auf allen anderen Grundstücken der Straße) verwandeln würde. Das war´s. Keine Einsicht, kein Einlenken, der pure Egozentrismus trat hier zutage. Ich beließ es dabei, ich war nicht auf Krawall gebürstet. Eine schöne Erinnerung habe ich auch an Frau Unbekannt. Auch ich gehöre wohl mitunter zu den Menschen, die anderen immer wieder eine Chance geben und die trotz des teilweise unsozialen Verhaltens derer nach einer Möglichkeit suchen, etwas positiv zu bewerten. Irgendwann hatte sich einer der sieben Pfauen-Männer, die normalerweise ihre Heimstatt im etwa einen Kilometer entfernt liegenden Hof eines italienischen Restaurants haben, in unsere Straße verflogen. Laut „hupend“ ließ dieser vereinsamte Pfau nun sein Lied zwischen unseren Häusern und Grundstücken erklingen, spazierte dabei majestätisch hin und her und störte sich auch mitnichten an der sich nähernden Nachbarskatze, die – aufgrund ihrer geringen Größe – ihm, dem Pfau, sicherlich nicht hätte gefährlich werden können. Frau Unbekannt war – sie witterte vielleicht einen Verstoß gegen „Recht und Ordnung“ – auf die Straße vor ihr Haus gelaufen und hatte den Pfau erspäht. Wie ein kleines Mädchen, mit glücklich lächelndem Gesicht, lief sie Seite an Seite mit der ältesten der drei Töchter unserer Nachbarin dem Pfau auf der Straße hinterher. Sie hatte fortwährend dieses undefinierbare Mona-Lisa-Grinsen im Gesicht und war tatsächlich – entspannt durch ihre kindliche Freude – zu einem Dialog jenseits von der Definition von Recht, Ordnung und Gesetzbuch bereit. Ich freute mich für sie und wollte eigentlich dieses Bild in meinem Kopf behalten. Es hielt auch lange vor, eigentlich bis zum gestrigen Tag. Herr Unbekannt war mir immer unbekannt geblieben! Manchmal stand er vor der Garage bei einem seiner beiden großen Autos und werkelte auffällig herum. Wenn man ihn grüßte, hatte man darauf gefasst zu sein, dass nicht einmal ein brummelndes Etwas geantwortet wurde. Ich dachte eine Weile, dass Herr Unbekannt möglicherweise stumm sei und insistierte nicht weiter, aber als ich selbst einmal einen schweren Verstoß gegen Recht, Zucht und Ordnung beging und nach einer schweißtreibenden, sich nun ebenfalls über Tage hinweg erstreckenden Gestrüpp und Baumfällarbeit zusammen mit meiner Frau die Überreste der Gewächse punktgenau zum angekündigten Zeitpunkt der Abholung des Grünschnitts auf die Straße vor unser Haus gewuchtet hatte, erfuhr ich, dass Herr Unbekannt keineswegs stumm war!

Am nächsten Tag sollten sowohl „Biomüll“ (bei uns eine braune Tonne) und „Grünschnitt“ (bei uns ausnahmsweise mal mehrere Kubikmeter Holz in verschiedener Größe und Länge) abgeholt werden. Die Anfang des Jahres an alle Haushalte verteilten Infoblätter wiesen das eben mal so aus! Von einer Verschiebung der Grünschnitt-Abholung um einen Tag hatte ich nichts erfahren und das brachte mir genau die Rüge ein, bei der ich im Nebengleis feststellen konnte, dass Herr Unbekannt durchaus der Sprache mächtig war. Vom Küchenfenster aus hatte ich bemerkt, dass der dunkle Wagen mit Herrn Unbekannt am Steuer schon ein paar Mal an dem Turm der Kubikmeter Holz vor unserem Grundstück vorbei gefahren war. Immer hielt das Fahrzeug kurz an und Herr Unbekannt inspizierte mit eisiger Miene den Stapel. Irgendwann reichte es mir, ich schnappte mir eine Zigarette und trat schwungvoll genau in dem Moment vor die Tür, in dem das Fahrzeug sich erneut näherte. Ich blickte freundlich in den Wagen hinein und spitzte die Lippen zu einem freundlichen Gruß. Herr Unbekannt stoppte den Wagen und ließ mich mit durchaus freundlicher Stimme wissen, dass die Biomüll-Abfuhr diesen großen Stapel Holz nicht mitnehmen würde, dafür müssten wir zu einer speziellen Entsorgungsstelle fahren. Er nannte mir auch eine Adresse. Ich berief mich auf Recht und Ordnung und nannte als Grund für die Errichtung dieses Interims-Palastes aus Holz die Tatsache, dass am morgigen Tag auch der „Grünschnitt“ abgeholt werden würde und dass ich die Stücke (wieder pochend auf Recht, Ordnung und menschlichem Wahn entsprungene Vorgaben) in exakt passende Größe gebracht und stapelnd vorbereitet hätte. Herr Unbekannt wirkte kurz irritiert, hatte dann aber flugs die Antwort (nach einem Blick in seinen Terminkalender im Mobiltelefon) parat, dass dieser Abholtermin doch wegen Corona um einen Tag verschoben worden sei und fragte nach, ob wir die ca. 300 Kilogramm Stückholz bis morgen nicht wieder von der Straße nehmen könnten!

Die Clowns des Nordens: Papageieintaucher – Bild 02

Irgendwann, als ich anfing meine Reiseberichte zu schreiben erwähnte ich, dass mich kaum jemand wirklich kennt! Natürlich habe ich eine Vita, die mich auch durch eine Zeit geführt hat, als ich – als Mitglied der unterprivilegierten Unterschicht einer unterprivilegierten Familie mit viel zu vielen Kindern (auch wenn zwei angenommene darunter waren) – in einer unterprivilegierten Siedlung leben und groß werden musste, in der das Faustrecht regierte und Konflikte mehrheitlich nicht durch Sprache, sondern durch einen gezielten Schlag „auf die Fresse“ (O-Ton) gelöst wurden. Trotzdem habe ich diese Konfliktlösungsstrategien niemals angewendet, auch wenn ich sie oft im Geiste führte! Ich entschloss mich, indem ich mir den körperlichen Zustand des Herrn Unbekannt ins Gedächtnis rief, denn ich hatte ihn ja vor seinem Auto in kurzen Hosen und T-Shirt mehrfach vergeblich zu grüßen versucht, zu einer kleinen Notlüge: dass er das doch hoffentlich nicht ernsthaft erwarten würde, da ich mir fast einen Bandscheibenvorfall zugezogen hätte bei der vielen Schlepperei und das mein angetrautes Eheweib vollkommen erschöpft im Bett liegen würde, dass wir den Stapel nun weg- und in 12 Stunden wieder hinräumen würden? Herr Unbekannt blickte mir kurz an und seine Mimik deutete bereits darauf hin, das er mein Ansinnen nicht abschmettern würde. Vorfallende Bandscheiben und Protrusio-Probleme (Vorwölbung von Hüftpfanne und -kopf in das kleine Becken – zur Erklärung für medizinisch weniger gebildete Leser/-innen), wie mir gerade zweitere oft zu schaffen machen, waren ihm, in seiner schwächlich wirkenden Statur, sicher so bekannt, dass er so eine Art Mitgefühl für mich entwickelte? Zumindest hörte ich ihn noch sagen, dass dann hoffentlich morgen die Müllabfuhr auch alles mitnehmen würde, so als ob er erwarten würde, dass wir eventuell liegengebliebene Reste „subito“ entfernen würden. So ganz ohne Tadel wollte er mich wohl nicht davonkommen lassen? Danach hat er jedenfalls nie wieder mit mir gesprochen, so dass ich mittlerweile annehme, dass er doch stumm ist. Verrückte Welt!

Zurück zum Referenzpunkt, Bad Nauheim, 03. Juli 2020. Die letzten Wochen und Monate waren für die Kinder dieser Welt – bedingt durch die diversen Einschränkungen des neuen Corona-Lebens – ja nicht ganz ohne Probleme. Die drei Mädchen unserer Nachbarn haben aber wohl das Beste aus der Situation gemacht? Viel (und auch lärmend) im Garten, am Haus und auf der Straße gespielt und sich allerlei Unsinn ausgedacht. Als die Schar der Kinder im Verlauf der letzten Tage einmal besonders groß war (es waren Besucherkinder da) spielten die kleinen Racker ausgiebig auf Straße, indem sie diese mit diversen Kreide-Malereien verschönerten. Irgendwann war ihnen der Bürgersteig wohl zu wenig, so dass sie ihre Aktivitäten auf die wenig befahrene Straße ausdehnten. Als auch der zur Verfügung stehende Platz auf der Straße nicht mehr reichte, wurde der gegenüberliegende Bürgersteig ebenfalls „verziert“ und dabei geriet (welch ein Unglück) wohl auch der eine oder andere Kreidestrich auf die Außenmauer des Grundstücks der Familie Unbekannt! Die Mutter der drei Nachbarsmädchen hatte sich zwar bemüht, durch den Einsatz von etwas Wasser die Kunstwerke wieder zu beseitigen, doch bleib eine kleiner, nicht mehr unbedingt als Kinderkunstwerk zu bezeichnender Rest an der Mauer haften und sorgte damit für einen zitierfähigen Disput, der eigentlich keiner war und hoffentlich nie zu einem wird? Frau Unbekannt, die gerade im Garten werkelte und wohl in Gedanken die dieses Jahr zu erwartenden zusätzlichen Geldabflüsse wegen dringend nötiger Bewässerung des Rasens durchrechnete, bemerkte, dass die Mutter der Kinder (Nachbarin / Ärztin) gerade in die Einfahrt des Grundstückes gefahren war und brachte ihre Empörung über den gegen jede „Ordnung“, jedes „Recht“ und jedes „Gesetz“ an ihrer Außenmauer angebrachten Kreidestriche zum Ausdruck, indem sie in schneller Folge Argumente wie „böswillige Verschmutzung“, „muss man dann auch wegmachen“ oder „Kinder sollen nur vor dem eigenen Grundstück spielen“ einbrachte und immer wieder den Kernsatz „Respekt vor fremdem Eigentum“ bemühte. Die Mutter der Kinder bemühte sich freundlich zu bleiben und wollte in Anwesenheit ihrer Töchter (die sich dazu gesellt hatten) auch edukativ tätig sein und vermitteln, dass man auch zu Leuten, die gerade sehr unfreundlich sind, freundlich sein kann.

Aber das ist nicht immer der richtige Weg! Was hatte ich einmal am frühen Morgen von meiner eigenen Tochter hören müssen? „Es gibt nur wenige Dinge, die einen depressiv oder unfreundlich gestimmten Menschen mehr aufregen als gutgelaunte oder freundlich gestimmte Personen die versuchen, den Ball flach zu halten“! Vielleicht war Frau Unbekannt die Wiedergeburt meines im Blog Artikel über Brasilien (https://dr-richter-reisen.world/2020/04/03/reisen-in-der-retrospektive-brasilien-2010) beschriebenen, stets auf Krawall gebürsteten Nasenbären? Je ruhiger die Mutter der Kinder auf die im Stakkato vorgetragenen Vorwürfe reagierte, desto schriller und lauter wurde die Stimme von Frau Unbekannt auf dem Grundstück gegenüber. Ich begann, eine bipolare Störung zu vermuten, da ich recht viel Erfahrung im Umgang mit solchen Personen habe und den Unterschied zwischen Schein und Sein vielleicht deutlich besser erkenne, als der größte Teil meiner mich umgebenden Gesellschaft. Kein Einwand half, Frau Unbekannt wollte sich echauffieren. PUNKT. Dann aber ging sie für mein Empfinden zu weit! Viel zu weit! Ich hörte sie von der anderen Straßenseite aus rufen, dass sie, die Frau Unbekannt, eine Entschuldigung dafür erwarten würde, dass die Kinder ihre Außenmauer mit Kreide verschmutzt hätten. Wenigstens eine Entschuldigung wäre jetzt fällig. Zeit für einen weiteren, erklärenden Exkurs:

Bad Nauheim, im Sommer 2018

Nachdem ich ziemlich unfreiwillig mit meiner jüngsten Tochter zusammen in das neue Domizil, von dem aus ich jetzt schreibe und denke, umgezogen war, hatten wir im Jahr 2016 den ersten, friedlichen Sommer erlebt. Nachts rauschten manchmal die Winde durch den großen Ahorn und den großen Nussbaum, die sich auf den Grundstücken von zwei verschiedenen Nachbarn ein Wettwachsen zu liefern schienen. Man konnte auch das Plätschern der Teichpumpe gut hören, die ich zum Zwecke der Lebenserhaltung der Goldfische und Koi Karpfen (in Japan Nishikigoi genannt) auf dem Grundstück angebracht hatte. Es war eine friedliche Welt, die sich auch durch den Weggang meiner Tochter und dem Einzug meiner jetzigen Ehefrau im Sommer 2016 nicht veränderte. Gelegentlich – wenn die Richtung des Windes es wollte – vernahmen wir die Geräusche von der entfernt liegenden Schnellstraße oder es ratterte hin und wieder ein Zug vorbei. Das Leben lief so seinen Gang und auch der Sommer 2017 ging irgendwann vorbei und machte Platz für den Herbst. Auch der Winter 2017/18 war wie erwartet, fest zementiert für alle Zeiten schienen die Gesetze der Natur zu sein. Auch im Frühjahr 2018, nichts Besonderes, aber dann, urplötzlich und wie aus heiterem Himmel: QQQQUUUUAAAAAAK! Definitiv ein Frosch! Aber was für einer? Aus dem Fenster unseres Schlafzimmers heraus meinte ich die Richtung, aus der das sowohl ungewohnte als auch extrem laute Geräusch kam, erkennen zu können. Schräg gegenüber. Es kam wohl aus dem schon damals recht großen Teich, der auf dem Grundstück der (damals noch unbekannten) Familie Unbekannt lag. War das am Ende ein Ochsenfrosch? Die Lautstärke war, bedingt dadurch, dass die Froschtöne zwischen der Außenwand des Hauses unserer Nachbarn und unserer eigenen Außenwand hin und her geworfen und verstärkt wurden, beträchtlich. Ich dachte kurz an die Closes in Edinburgh oder die schmalen Gassen in Arles in der Provence, wo die Winde durch die Bauart der Häuser immer mehr gebündelt und zu Höchstgeschwindigkeiten aufgepeitscht werden, so dass man sowohl in diversen Closes in Edinburgh als auch auf dem obersten Rang der Tribüne der Arena von Arles schon Windgeschwindigkeiten von 300 Kilometer pro Stunde gemessen hat. Gefühlt kamen die ungewohnten Lautäußerungen des Frosches mit etwa 150 Dezibel im Zimmer unserer Nachtruhe an. Nun gut, ich bin ein naturverbundener Mensch, der Frosch war sicher auf Wanderschaft? So etwas machten ja Frösche im Allgemeinen auch wenn sie an mancher Stelle zu Tausenden dafür ihre Leben lassen müssen, im Kollektiv an Lemminge erinnern und keine Chance haben, in französischen Edel-Restaurants wenigstens teil verarbeitet (Frosch-Schenkel es gibt zu wenige Spenderfrösche) zu werden. Wenn es dem Frosch nicht gelingen würde, ein sexuell attraktives Gegenstück herbei zu quaken, würde er die Stätte der Einsamkeit sicher bald wieder verlassen. Oder? Gibt es Frösche, die das Dasein als Eremiten präferieren?

Er quakte die ganze Nacht über – klagend, um Hilfe bittend auch wenn es nur die sexuelle Abhilfe gewesen sein mag. Irgendwann – der letzte Blick auf die Uhr zeigte 04:12 Uhr – schlief ich ein und träumte von einem übergroßen Frosch, der alle meine mir bekannten und unbekannten Kinder verschlang! Merkwürdig. Am nächsten Morgen war es ruhig. Er war wohl wieder weg und hangelte sich, einem Casanova-Frosch gleich, von Teich zu Teich um endlich die Liebe seines Lebens zu finden und die eigene Art zu erhalten. Ich musste am nächsten Tag als verantwortlicher Reiseleiter und Co.-Busfahrer in Personalunion zu einer längeren Reise nach Irland aufbrechen und hatte den Tag über noch so manche Dinge zu erledigen. Dann, in der zweiten Nacht, dasselbe Spiel: QQQQUUUUAAAAAAK! Über Stunden! Noch immer aber obsiegte der Respekt vor anderen Geschöpfen, der meiner humanistischen Grundhaltung entsprang und auch das Tierreich mit einschloss, und ließ mich denken (Selbsttäuschung erster Teil), dass das Ungetüm nun aber bald verschwinden würde. Die Sinnlosigkeit seiner bloßen Existenz als Frosch, ohne Partner für Vermehrungsaktivitäten, würde dem Dauerbrüller schon bald klar werden und er würde das Weite suchen. Todsicher. Und wenn das Gequake am Ende erfolgreich verlaufen und sich eine Fröschin, aus der weiten, weiten Ferne angelockt durch diese zierliche Stimme (würg) zu ihm gesellen würde? Na und? Mit quakenden Fröschen verhält es sich ähnlich wie mit den schottischen Dudelsäcken. Einer ist fast unerträglich, zwei sind besser, drei noch mehr, ab dem vierten Dudelsack beginnt es sogar angenehm zu klingen und ein alle Sinne berauschendes, großartiges Erlebnis ist es, wenn Hundert Dudelsäcke gleichzeitig dieselbe Melodie dudeln, so wie zum Beispiel beim Military Tattoo auf dem Innenhof der Burg von Edinburgh beim jährlichen Festival. Hätten wir dort erst einmal eine ganze Frosch-Sippe im Teich, würden die Wehklänge sich in Wohlklänge verwandeln. Auch todsicher. Ich war erstmals ziemlich gerädert am nächsten Morgen und brach übermüdet zu einer langen Busreise auf, in deren Verlauf am ersten Tag ich in meiner Funktion als zweiter Busfahrer auch für eine längere Zeit den Bus samt kostbarer Menschenfracht fahren musste. Ich trank noch weitaus mehr Kaffee in diesen zwei Stunden als sonst üblich. Es war das erste Mal, dass ich den verdammten Ruhestörer-Frosch verfluchte. Es sollte nichts das letzte mal gewesen sein!

Die nächsten Wochen und Monate blieben belastend. Der Frosch (und ich war mir zu diesem Zeitpunkt sicher, dass nur ein MANN im sexuellen Notstand so lange dauerhaft nach Partnerinnen brüllen könne) war offensichtlich ein Macho-Frosch? Er bewegte seinen grünen Hintern keinen Zentimeter aus dem Teich und brüllte fortwährend dass es doch jetzt an der Zeit wäre, dass die holde Weiblichkeit sich endlich zu ihm bequemen würde. In mancher Nacht bastelte ich Sprengbomben, sah mich im Froschkostüm zum Teich schleichen oder einen großen, hungrigen Hecht in das Gewässer einsetzen. Getan habe ich nichts davon, ich hatte vor Corona schließlich niemals Zeit und der Frosch quakte weiter. Manche Frösche schaffen bis zu 90 Dezibel und sind damit lauter als ein Presslufthammer! Frösche haben mit ihrem Gequake auch schon andere Leute ganz schön genervt. In Krefeld führte das zum Tod eines Frosches, der den Namen „Knötti“ hatte und dessen gewaltsamer Tod sogar das Gericht beschäftigte. Was aber darf man tun, wenn das Quaken stört? Mittlerweile hatten wir im Internet die verschiedenen Töne der Frösche Europas angehört und kamen zu einem ungünstigen Ergebnis: Das Kerlchen im Nachbarteich war wohl nicht einmal ein Teichfrosch sondern ein Seefrosch. Und die bringen es auf eine Körperlänge von über 15 Zentimetern. Der Seefrosch kann also ein richtiger Brummer werden und ist noch lauter als die anderen. Wie geschrieben: zu unserem Unglück. Viel Lärm um nix – würde der Frosch selbst sagen. Er kann nämlich sein eigenes Gezeter nur sehr gedämpft hören, der Glückliche! Wenn man selbst kein Frosch ist und die Geräusche nicht als Musik, sondern als Zumutung empfindet, hat man es schwer. In Deutschland sind nämlich alle europäischen Arten von Amphibien geschützt, auch Frösche. Es ist streng verboten, sie zu verletzen oder zu töten. Erschossen werden dürfen sie auch nicht, selbst wenn man einen Waffenschein besitzt. Also hat man keine andere Wahl, als sie mit einem Kescher zu fangen und anderswo auszusetzen. Außerdem sind die Tierchen schnell und können gut abtauchen. Der Bundesgerichtshof hat übrigens im Sinne von geplagten Anwohnern wie mir bereits dazu entschieden! Ein genervter Nachbar kann also auf Unterstützung hoffen, wenn die Nachtruhe massiv gestört wird. Übersteigt das Gequake den Richtwert von 35 Dezibel um 20 Dezibel, können Richter eine Ausnahmeregelung treffen. Der Nachbar mit Froschteich kann dazu verdonnert werden, den Lärm zu verhindern und die Frösche umzusiedeln. Das wusste ich bald, aber will man denn so viel Unruhe stiften? Die Familie Unbekannt war sicher schwierig im Umgang mit anderen und ich hatte keine Corona-Pause und damit auch zu wenig Zeit, um mich im Falle eines eskalierenden Streites als Moderator und Schlichter einzubringen. Wir duldeten es den Sommer 2018 über und – weil wir uns daran gewöhnt hatten – auch den Sommer 2019 über und hätten es wohl auch den Sommer 2020 über geduldet, wenn ich nicht Zeuge dieses anfangs geschilderten „Kreide-Kritzel-Gespräches“ geworden wäre.

Denn als nun Frau Unbekannt, deren Frosch mich schon seit einigen Sommern gequält hatte, so energisch eine Entschuldigung von der sich moderat um Schlichtung bemühten Mutter der drei Töchter forderte, gelang es mir nicht mehr, meine Contenance zu wahren! Durch die Büsche hindurch konnte ich sehen, dass Frau Unbekannt ihre Hack-Arbeiten unterbrochen und sich zum Zwecke der Einforderung von Entschuldigungen (möglichst mit verbundenen Demutsgesten nehme ich an) zu der Nachbars-Mutter umgedreht hatte. Als sie zum dritten Mal eine Entschuldigung forderte, brach es aus mir heraus und ich rief laut durch die Büsche, dass es eine Entschuldigung erst dann geben würde, wenn der Frosch in ihrem Teich, der die Anwohner schon seit Jahren um den Nachtschlaf bringen würde, verstummt wäre und zwar für immer. Kurze Pause. O-Ton Frau Unbekannt: „Ach da höre ich also eine Stimme aus dem Hintergrund?“ – Kurze Pause, dann: „sie können den Frosch ja rausfangen wenn er sie stört!“. Da wusste ich doch gleich, was ich zu erwidern hatte, denn Familie Unbekannt wäre sicherlich nicht willens gewesen, jemanden auf ihren eigenen Grund und Boden zu lassen um einen renitenten Frosch zu fangen, was ich der Dame auch zurief. Kurze Pause, dann (weiter im O-Ton): „außerdem sind diese Tiere geschützt!“. Ich: „mein Schlaf ist auch geschützt, es gibt auch Menschenrechte“. Frau Unbekannt: „Das ist mir egal“. Punkt. Ende des Gespräches. Gibt es eine Moral, nach der wir noch kurz Ausschau halten sollten, bevor wir uns endlich dem friedlichen Kontrastprogramm in Schottland widmen können? Nun, bipolare Störungen sind in unseren Gesellschaften viel weiter verbreitet als allgemein angenommen. Wenn es sich dort gegenüber um eine solche Störung handeln würde, wären Hopfen und Malz verloren. Solche Menschen handeln nie schuldhaft, weil sie Impulse nicht kontrollieren können. Auch wenn sie es wollen, sie können es nicht. Ich werde die Sache auch nicht weiter verfolgen oder gar eskalieren lassen – vielleicht gehe ich die Tage einmal mit meinem Kescher (als ehemaliger Angler habe ich natürlich auch einen sehr großen (Kescher)) zu den Unbekannts rüber und frage nach, ob ich dem Ruhestörer zuleibe rücken dürfte! Na, die werden dann aber Augen machen! Vielleicht stirbt er ja auch noch an Altersschwäche, der Frosch? Auch wenn die bei guter Pflege und stressfreiem Leben 15 Jahre alt werden können. Ich denke auch oft an den Frosch „itself“. Warum verlässt er seinen Teich nicht? Er leidet doch sicher an Einsamkeit und auch ganz sicher an einem gewissen „Druck“ (körperlich und seelisch), seine Gene weitergeben zu müssen? Manchmal stelle ich mir vor, dass der Frosch aus Frankreich kommt und dort einem Spezialitätenrestaurant seine Schenkel gespendet hat, damit ein dekadenter Franzose sich daran laben kann. Dann hat man dem Frosch im Gegenzug sicher einen Rollstuhl gegeben mit dem er sich durch die Welt bewegt? Vielleicht hat man ihm den Rollstuhl geklaut und er ruft im Prinzip um Hilfe und nicht um Sex? Das Leben, auch das eines Frosches, steckt voller Chancen und Unmöglichkeiten. Und wer glauben sollte, dass das gefiederte Viechzeugs wie Reiher oder Störche, von denen es hier in der Umgebung einige gibt, diesem Desaster ein schnelles Ende bereiten würden, muss enttäuscht werden. Die Vögel fressen lieber die Kois und die Goldfische aus den Teichen drum herum und sie trauen sich auch allesamt nicht auf das Grundstück von Familie Unbekannt. Vielleicht haben die Vögel Angst, festgesetzt zu werden und sich dann stundenlange Referate über „Recht“ und „Ordnung“ anhören zu müssen? Aber was soll es denn? Ich habe Corona-Pause, alle Räder stehen still. Wenn er blöken will, der dämliche Frosch, dann soll er halt blöken. Meine Frau hat einen von reiner Seele geführten Schlaf – sie bemerkt den Kerl nicht. Vielleicht stirbt er ja dieses Jahr? Wäre eigentlich ganz schön!

Zurück nach Shetland.

Das “Manager-Hotel” im Jahre 2005

An dem Tag, an dem wir uns mit unserem Reisebus in einer Senke festgefahren hatten, haben wir keine weiteren Versuche unternommen, noch in den Norden der Hauptinsel Mainland zu kommen. Wir haben einfach ein paar kleine Straßen ausprobiert und mussten tatsächlich das eine oder andere Mal rückwärts wieder aus der Gasse heraus, da es keine Wendemöglichkeit für unser großes Fahrzeug gab. Am Ende war es recht abenteuerlich und alle waren mit den Erlebnissen zufrieden, als wir Quartier in dem großen 4**** Sterne Hotel für die Manager (weil gerade kaum Manager da waren) bezogen. Am nächsten Tag haben wir uns noch Lerwick (die Hauptstadt) angeschaut und um 11:00 Uhr fuhren wir mit der Fähre wieder ab. Nun müssen zwei Geschichten erzählt werden! Die eine hat kaum etwas mit der anderen zu tun, aber vielleicht tut ein bisschen leserische Erheiterung ganz gut, wenn man über Seiten von den belastenden Grundeinstellungen deutscher Bürger zum Thema „Recht“, „Gesetz“ und „Ordnung“ gelesen hat?

O4. Juli 1990 / P&O Fähre zwischen Lerwick / Shetland Inseln und Kirkwall / Orkney Inseln

Die Fähre zwischen Orkney und Shetland – Bild 01

Diese Fährverbindung ist ein bisschen schwierig! Ich habe im Verlauf der nächsten Jahre sowohl die Verbindung von Aberdeen nach Lerwick, als auch die nach Kirkwall und umgekehrt genutzt. Für eine „orrrrdentliche“ (ohje, ich bin infiziert) Überfahrt mit genug Nachtschlaf kann nur die Verbindung zwischen Aberdeen auf dem schottischen Festland nach Lerwick auf Shetland oder in umgekehrter Richtung genannt werden! Nur diese Tour dauert 12 Stunden und 30 Minuten. So fährt man zum Beispiel um 17:00 Uhr in Aberdeen ab, hält kurz in Kirkwall um 23:00 Uhr (was aber nie einer mitbekommt, da um diese Uhrzeit alle schlafen und Frösche auf der Fähre nicht erlaubt sind) und kommt morgens um 07:30 Uhr am nächsten Tag in Lerwick an. Die Verbindung zu den Orkney-Inseln ist dadurch immer zu kurz, um von einer zufriedenstellenden Über-Nacht-Fahrt zu sprechen. Aber es war auf genau dieser Verbindung die ich oben nannte, wo ich am 04. Juli 1990 etwas vernahm, dass ich meine persönliche Geschichtsschreibung eingegangen ist. Ich selbst gehöre ja nicht mehr zur „Kriegs-Generation“, nicht einmal echte „Nachkriegs-Generation“ würde ich meinen! Aber als Deutscher Mensch bin ich auf die Welt gekommen, habe einen solchen Personalausweis, auch einen Reisepass und drücke damit deutlich aus, dass ich als Person dem deutschen Staat gehöre. Man muss nur eine kurze Reise machen, die deutsche Grenze hinter sich lassen, schon begegnet man einem Phantom: den Deutschen. Viele Nationen haben ein Image im Ausland, das sich aus diffusen Zuschreibungen und Stereotypen zusammensetzt. Gründlich, präzise, vernünftig sollen wir Deutschen sein und so gewissenhaft, dass wir sogar den Humor ernst nehmen. Zugleich wirken wir auf andere Nationen oft pedantisch und reserviert! Aber es gibt Hoffnung: die Bürger vieler Nationen schätzen an uns, dass wir treue Freunde fürs Leben werden können. Ich fragte mich oft ob die Bürger/-innen anderer Länder die „Deutschen“ nicht am Ende mit einem „Deutschen Schäferhund“ verwechseln? Was hat das aber mit einer Kriegs-Generation zu tun? Die Schotten haben einen hohen Blutzoll zahlen müssen, um an der Seite der Engländer als Teil Großbritanniens die Freiheit des United Kingdom zu erhalten und das Expansionsstreben der Nationalsozialisten zu stoppen. Das war in Weltkrieg II. Aber auch in Weltkrieg I. mussten sich Schotten gegen Deutsche stellen. In den Schlachten von Le Cateau und Gallipoli haben Tausende Schotten ihre Leben verloren. Edinburgh wurde im ersten Luftangriff in Schottland von zwei deutschen Zeppelinen bombardiert. In 35 Minuten wurden 24 Bomben über der Hauptstadt abgeworfen, dabei wurden 13 Menschen getötet und 24 verletzt. Im Zweiten Weltkrieg gelang es dem deutschen Unterseeboot U 47 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Günther Prien, am 14. Oktober 1939 durch den Kirk Sound in die Bucht von Scapa Flow einzudringen. Er konnte das britische Schlachtschiff HMS Royal Oak mit 833 Mann Besatzung versenken, es gab Luftangriffe auf Glasgow. Als The Blitz werden im englischen Sprachgebrauch die Angriffe der deutschen Luftwaffe auf Großbritannien während der Luftschlacht um England bezeichnet und wegen der bedeutenden Werften in Clydebank (Nachbarort von Glasgow) wurde die ganze Region zum Angriffsziel der deutschen Luftwaffe und in den Nächten des 13. und 14. März 1941 massiv bombardiert. Eine gewisse Ablehnung haben alle Deutschen in der Nachkriegszeit in Großbritannien erfahren müssen, zu tief waren die Verletzungen, die man den Menschen (auch dort) zugefügt hatte. Die Narben, die sich die Menschen – auch in Schottland – in den beiden letzten Kriegen gegen Deutschland eingefangen haben, sind noch heute zu spüren, speziell im Sprachgebrauch! Das war die Vor-Geschichte zur Vor-Geschichte.

Die Fähre zwischen Orkney und Shetland – Bild 02

Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Bord-Restaurant der Fähre, machte ich mich auf, auch die letzten Winkel des Schiffes zu inspizieren. Ich hatte schon vor längerer Zeit damit begonnen, mir eine umfangreiche Sammlung an Landkarten des Verlages Ordnance and Survey zuzulegen, da diese Landkarten an Detailreichtum und Übersichtlichkeit alles schlugen, was damals an Landkarten auf dem internationalen Markt zur Verfügung stand. Im Laufe der vielen Jahre habe ich es geschafft, alle Landkarten der Landranger Serie zu erwerben. Leider hat diese umfangreiche Sammlung in einer Zeit, in der alles immer weiter digital archiviert wird, nur noch einen geringen Wert. Aber im Juli 1990 fehlten mir noch fast alle Exemplare und ich hatte im kleinen Shop der Fähre einige dieser Karten entdeckt und mich an eine gründliche Lektüre gemacht. Ich trug eine wetterfeste „Jack Wolfskin“ Jacke, deren untere Rückseite ich mir an einer Feuerstelle angekokelt hatte. Das entstandene Loch hatte ich mit einem großen Schottland Emblem mit „britischer“ Flagge überklebt und versiegelt. Ich stand mit dem Rücken – auf welchem der Aufkleber zu sehen war – zur Verkäuferin an der Kasse, die in ein Gespräch mit zwei jungen Damen vertieft war. Plötzlich bekam eine der beiden jungen Damen einen sehr intensiven Nies-Anfall! Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit und ein ums andere Mal konnte ich in meinem Rücken die Abfolge von tiefem einatmen und kräftigem Niesen hören. Nach dem gefühlt 20ten Nieser war die junge Frau offenbar mit ihrem Geschäft zum Ende gekommen. Stille trat ein, man hätte dazu zählen können: 21, 22, 23 und so weiter. Plötzlich hörte ich die Verkäuferin sagen: „What´s up? There are no germans in here!“. Ich drehte mich mit dem erfreutesten Grinsen, das ich grinsen konnte zu den drei Damen um und blickte die Verkäuferin erwartungsfroh an, so als ob sie sich jetzt verpflichtet hätte, mir eine Erklärung für den Spruch zu liefern! Die sah mich an, erkannte den „Deutschen“ in mir (den sie wegen meiner Jacke rückseitig nicht hatte erkennen können), ihre Gesichtsfarbe wechselte ins puterrote und sie hielt sich mit weit aufgerissenen Augen die Hand vor den Mund! „Was ist los? Hier sind doch gar keine Deutschen“ hatte sie zu dem niesenden Mädchen gesagt und damit zum Ausdruck gebracht, dass Horrorerlebnisse wie Krieg oder Gewalt in den Völkern noch lange weiter leben und auch ihren Niederschlag in der jeweiligen Landessprache finden. „What´s up? There are no germans in here!“, war nämlich ein Spruch, den die Briten sich in den Kriegen ausgedacht hatten, wenn jemand einen Nies-Anfall hatte. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass man den deutschen Gegner, auch wenn er es noch so geschickt anstellen würde, immer „riechen“ oder „spüren“ könnte und das durch kräftiges Dauerniesen ausdrücken würde. Mein Tag war damit gerettet und die letzten vier Stunden bis zur Ankunft auf den Orkney Inseln vergingen wie im Flug.

Shetland Ponys gibt es überall auf den Inseln

Exklusivität hat ihren Preis.

Ich habe bei der Vorbereitung auf diese Schottland Berichte keinen Plan verfolgt, nichts in chronologischer Abfolge aufbereitet um es dann Stück für Stück niederzuschreiben. Schottland ist so sehr zu meiner zweiten Heimat geworden, dass ich wie aus dem Nähkästchen plaudern möchte, auch wenn ich hier nicht plaudere, sondern schreibe! Diejenigen die mich kennen werden froh sein, dass sie mir nicht zuhören müssen, denn mit der Sprache gelte ich als fleißig, viel fleißiger noch als mit dem Stift oder der Tastatur. Jeder von uns befindet sich mehr oder weniger intensiv im Bann seiner persönlichen Erinnerung. Schließlich macht uns die Fähigkeit, uns zu erinnern, zu dem, was wir sind! Sie ruft magische Momente hervor und trügt uns doch manchmal. Achtsamkeit in Bezug auf die Bilder, die uns unsere Erinnerung schenkt, ist durchaus anzuraten! Ich bemerke diese Wandelbarkeit der Erinnerung gerade an meiner (wegen Corona-Schutz) hier bei uns im Haus befindlichen, 91jährigen Mutter. Sie hatte immer lebhafte und sehr detaillierte Erinnerungen an ihr Leben und hat diese auch oft wiedergegeben. Über viele Jahre immer gleich, nun kommt es manchmal dazu, dass ihr die Erinnerung Streiche spielt. Im Alter soll ja im Allgemeinen nichts besser werden! Wenn ich im Stakkato an Schottland denken soll, ergäbe sich – nur als Beispiel – folgende Gedankenkette: Das Meer, das Geräusch eines piepsenden Austernfischers, Schnitt. Der Fischer bei seinen Hummerkörben in der Latzhose, das blaue Boot. Schnitt. Das Propellerflugzeug, auffliegende Vögel auf der Start- und Landebahn. Schnitt. Plötzlich wird die Vergangenheit zur Gegenwart. Mit Absicht sehe ich mich genau in diesem Moment wieder in dem kleinen Flugzeug über dem weiten Meer auf dem Weg zur Insel Foula, als wären 26 Lebensjahre einfach getilgt. Ich höre das zweimotorige Propellerflugzeug, obwohl keine Maschine irgendwo am Himmel ist, sehe mich mit meiner schweren und umfangreichen Photokiste, in der mehrere Mittelformatkameras der Firma Rollei und noch mehr Objektive von Zeiss und Schneider-Kreuznach untergebracht waren, auf dem Weg zu dieser einzigartigen Klippe, obwohl ich weder die Kameras noch die Objektive mehr habe und weit und breit keine Klippe in Sicht ist. Und etwas Wohliges durchflutet mich, die Nackenhaare stellen sich auf. Schnitt. Dann sehe ich plötzlich das lockige Mädchen, wie es am Geländer der einfachen Hütte lehnt und rüber zu dem großen Meer blickt. Ich sehe ihr Lächeln vor mir und die dicke, ockerfarbene Wollmütze auf dem Kopf. Dann höre ich das poltern von Hufen auf dem festen Grund vor der Hütte und eine Gruppe von halbwilden Shetland Ponys nähert sich. Schnitt. Obwohl ich mich jetzt hier auf meinem Sessel mitten in meinem Wohnzimmer befinde, faltet sich die ganze landschaftliche Schönheit der Insel von damals auf, auf der wir so unerhörte Glück stiftende Momente der kaum zu überbietenden Einsamkeit in Zweisamkeit genießen durften. Die mit Grasnelken überzogenen Wiesen am Rand der Klippen. Die Hütte, die nur noch sporadisch von Vogelbeobachtern genutzt wurde mit den schlichten Holzpritschen darin. Es ist, als reagierte mein Körper gerade auf direkte Sinnesreize – doch es gibt eigentlich keine.

Es gibt weder den festen Grund vor der Hütte noch ein Meer, geschweige denn eine Insel. Es gibt nur das Klappern der Tastatur meines Computers und den süßlichen Duft eines frisch gebackenen Zitronenkuchens, den ich gestern gebacken habe und der jetzt – köstlich duftend – auf dem Tisch in der Küche darauf wartet, gegessen zu werden. Aber ich sehe auch meine ehemalige Lebensgefährtin am Terminal zum Check Inn am Frankfurter Flughafen, wie ich ihr zunicke und fühle mich plötzlich so schwach und traurig wie damals, als wir nach zwei Jahren unsere Trennung beschlossen hatten und sie mich verließ. Es wäre falsch anzunehmen, dass diese Person die „Liebe meines Lebens“ gewesen sei! Es war aber die Person, die durch ihre Herkunft eine gewisse Exotik in mein Leben spülte und die an meiner Seite stand, als ich mich mit ungeheurer Geschwindigkeit weiter entwickelte, persönlich, beruflich, spirituell und mental. Der Geruch von gemähtem Gras ist – als Beispiel – jedem vertraut, der nicht von Anosmie geschlagen ist. Jeder assoziiert dann automatisch eine Wiese und manche vielleicht noch einen Sonnentag im Sommer dazu? Mein Leben aber ist anscheinend deutlich geprägt durch mehrere existenzielle Erfahrungen mit dem rauschenden Meer, dass sich brüllend und rasend an einer Klippenkante bricht. Die Erinnerungen versorgen mich mit Gefühlen von Sicherheit, endloser Weite, Jugend, Stärke und trotzdem irgendwie Heimat. Das Glück der jungen Jahre, in denen man voller Kraft und Selbstvertrauen in die Welt hinaus ging um sich zu finden und gleichzeitig zu erweitern. Wenn die Vögel an den Klippen sich bei ihren Alltagsgeschäften an wüstem Geschrei gegenseitig überboten und sich beim Blick auf das unter einem Gischt versprühende Meer ein wohliges Urvertrauen in die Welt einstellte. All diese Erinnerungen verbinde ich mit Hoch, Tief, Anfang und Ende, der Liebe und dem Streit. Alles da, alles enthalten in einem mikroskopisch kleinen Gedanken, der doch das Tor zum Universum aufstößt.

Alle Szenen an die ich mich erinnere, sind Schlüssel zu meiner subjektiven Biografie, obwohl sie längst in den Tiefen meines Gedächtnispalasts verschwunden gewesen zu sein schienen. Jeder hat einige, vielleicht viele solcher Schlüssel, die in die vielen Schlösser dieses Palasts passen und die Türen zur eigenen Identität öffnen. Manchmal reicht schon ein Wort, ein Stadtname, ein Timbre, der Duft eines Parfüms, der Fetzen einer Melodie oder eben der Geruch des Meeres aus, um in die Ströme der Phantasie des eigenen Märchenreichs in Gang zu setzen und darin einzutauchen. Auf einmal steigen aus den Tiefen wundervolle Details auf – weder weiß man, von wem, noch, aus welchem Teil des Selbst sie kommen. Es ist einer dieser rätselhaften und magischen Momente, wenn den Menschen eine affektiv besetzte Sinnesempfindung erneut überwältigt. Plötzlich verlassen wir Raum und Zeit und reisen zurück in die Vergangenheit. Wir machen uns dann das Verinnerlichte selbst zugänglich. Wir erinnern uns. Der Vorgang des Erinnerns ist derart komplex, dass darin so gut wie alles spezifisch Menschliche involviert und aneinandergekoppelt ist: Emotion, Bewusstsein, Geist, Verstand, Poesie. Erinnerung ist nicht einfach gleichzusetzen mit Gedächtnis, obwohl Erinnerung und Gedächtnis sich nicht trennen lassen. Erinnern ist vielmehr das Plündern des Gedächtnisses als Tätigkeit des Geistes mithilfe des Gehirns. Man könnte sagen, dass das ganze Leben aus Erinnern besteht, das Leben nur ist, weil wir die Kraft der Erinnerungen haben. Ohne Erinnerung ist eine persönliche Identität nicht möglich und das Leben wäre höchstens ein flaches Brett, niemals aber ein fein verästelter Kosmos mit unendlich scheinenden Zu- und Abgängen. Alles fließt darin. Im Prinzip sind wir nur, weil wir Erinnerung sind. Jener kurze Moment gerade eben, der in fünf Minuten niedergeschrieben war, aber maximal die Zeitspanne eine Nanosekunde in meinem Denken hatte, wird genauso Konsequenzen für meine Existenz haben wie jede Erinnerung zuvor und auch jede, die noch kommen wird. Die Frage, ob ich meine Erinnerung beherrsche oder die Erinnerung mich beherrscht, lässt mich immer wieder – oft parallel zu meinem Alltagsleben – zu einer Art doppelten Reise aufbrechen. Auf der einen Seite der Reise durch mein Leben, zurück zu den Momenten, in denen die Ereignisse geschahen, und der Reise zu den Möglichkeiten des Erinnerns, auch zu seinen den Mechanismen beschäftige ich mich dabei. Je länger ich mir bewusst bin, dass ich in doppelter Hinsicht reise, desto klarer wurde mir, dass Erinnern kein Buch mit sieben Siegeln ist. Das Erinnern ist vielleicht der einzige Mechanismus, mit dem die Gesetze der Natur überlistet werden können. Die Lebensreise soll mich schließlich zu einer verblüffenden Erkenntnis führen. Ich denke und erinnere mich, also bin ich!

Nochmal Lerwick / Shetland Inseln im Mai 1994

Auf Foula sind die Tiere halbwild

Schon zweimal war meine damalige Lebenspartnerin im Office der Fluggesellschaft um zu klären, ob es eine Möglichkeit geben würde, einen bezahlbaren Flug zur westlich gelegenen Insel Foula buchen zu können. Foula ist eine wirklich sehr abseits gelegene Insel der Shetlands und ihren Namen hat sie, wie viele andere schottische Inseln auch, von den Wikingern, die sie Fugley (Vogelinsel) nannten. Die am weitesten westlich gelegene Shetlandinsel ist lediglich 12,65 Quadratkilometer groß. Die Insel ist zwar dauerhaft bewohnt, die nächste Siedlung liegt aber in 35 Kilometer entfernt und deshalb gilt Foula als die abgelegenste aller bewohnten Britischen Inseln. Da wir uns nun bereits zum dritten Mal für zwei Wochen auf den anderen Shetland Inseln herumgetrieben hatten, wollten wir mal etwas Exklusives erleben, auch weil damals der Gedanke, einmal eine Multivisionsshow über Schottland zu produzieren, Gestalt angenommen hatte. Foula hatte – je mehr wir darüber sprachen – eine magnetische Anziehungskraft für mich entwickelt. Die Insel war bekannt für ihre Kliffs auf der Westseite, die bis zu 400 Meter hoch sind, und die Vielzahl ihrer Vögel, darunter die Küstenseeschwalbe und Sterntaucher und alles andere Federvieh. Foula reicht aus dem Wasser heraus, und seine fünf Gipfel ragen steil empor. Die Klippen gelten zusammen mit denen von St. Kilda als die höchsten in Großbritannien. Sie türmen sich rund 400 Meter über den Meeresspiegel auf. Da erwarteten mich doch gleich mehrere Superlative auf einmal! Mit verschiedenen Gruppen habe ich bei sehr speziellen Schottland Reisen auch die Orkney Insel Hoy besucht und stets auf die Exklusivität verwiesen, dass man dort eine fünfstündige Wanderung zu den höchsten Klippen bei St. Johns Head machen könne. Nun liegt diese Klippe auf der Insel Hoy schon recht einsam und wird nur selten besucht, wie einsam aber würden die Klippen auf Foula sein? Wenige Menschen bedeutet immer viele Tiere! Die Oberfläche von Foula bestand zu großen Teilen aus einem Torfmoor über dem Fels und auch dort gab es eine große Zahl vor- und frühgeschichtlicher Strukturen. Die oft von stärksten Winden gepeitschte Insel versprach so viel und heute kann ich sagen: sie hielt noch viel mehr! Ein ganzes Universum an Sinneseindrücken.

Einfach so ein ganzes Flugzeug zu buchen, auch wenn es nur eine kleine Propellermaschine war, erschien uns einfach zu kostspielig. Andere Besucher gab es nicht, zumindest keine die Interesse an einem Flug nach Foula gezeigt hätten um die Kosten zu reduzieren. Am Ende half ein Telefonat mit dem Vater meiner damaligen Freundin. Professor L. hatte ja nicht nur ein Faible für schottische Geschichte, sondern war auch einer der führenden Köpfe der Vereinigung der Ornithologen auf den Inseln. Jede freie Minute verbrachte er damit, in die Klippen zu steigen und die Vögel zu zählen und die Küken zu beringen. Seine Frau, stets in großer Sorge wenn er das tat, meinte einmal: „if there will happen a fatal accident one day, it will be over a fish or a bird“. Sie war sich sicher, dass ihr Mann eines Tages einen schweren Unfall haben würde, der ihn möglicherweise sogar das Leben kosten könnte, weil er ständig zum Zwecke des Angelns oder des Vögel Beringens in den eindrucksvollen Klippen der Inseln herum kletterte. Aber der Mann hatte beste Kontakte und schon bald bekamen wir die Mitteilung, dass am nächsten Tag ein Mitarbeiter der Provinz-Regierung nach Foula fliegen würde und wir zum Selbstkostenpreis würden mitkommen können. Allerdings müssten wir dann zwei Nächte auf der Insel bleiben, da der Rückflug des Ministerialen Beamten erst zu diesem Zeitpunkt erfolgen würde. Wir waren glücklich, auch wenn der ursprüngliche Plan so aussah, dass wir gerne eine ganze Woche auf Foula geblieben wären. Doch besser so als garnicht! Gleich am nächsten Morgen in der Früh ging es los. Passagiere und Gepäck wurden verladen und die kleine Maschine hob vom Tingwall Airport (wo die Manager des Öls in ihren Maschinen ankommen) ab. Es war ein wenig windig, aber die Fernsicht war exzellent. Die Flugzeit betrug nicht einmal 20 Minuten und der Ministeriale Beamte erkundigte sich höflich danach, welche Art Arbeit wir denn auf der Insel vorhätten zu tun. Er wäre gerne mit uns gegangen, musste aber am Ende seinen Ministerialen Beamten-Tätigkeiten nachgehen, wobei ich nie in Erfahrung bringen konnte, was denn Ministeriale Beamte so alles tun?

Wir hatten sogar zwei Piloten! Der eine sollte sich diese Route aneignen und lernen, der andere war der alte Hase der bei Bedarf immer und überall hin flog. So nun nach Foula. Etwa fünf Minuten vor der geplanten Landung griff er zu seinem Mikrophon, um einen Mitarbeiter darüber zu informieren, dass er im Anflug sei. Der Mitarbeiter auf Foula musste informiert werden, damit er mit lauten Schüssen aus seinem Gewehr die mehreren tausend Möwen aufscheuchte, die sich gerne auf der Landebahn niederließen um ihre Möwenleben zu leben. Ein bizarrer Anblick, als wir dann doch etwas zu früh über dem Flugfeld ankamen – die hohen Gipfel waren bereits zum greifen nah – und der Mann mit dem Gewehr zu den Piloten nach oben grüßte und erst danach mehrfach Salven abfeuerte. Die auf diese Weise aus ihrem Schlaf gerissenen Möwen flogen allesamt auf und gingen in eine Art Warteschleife. Sie kannten die Spielregeln und wussten, dass der kleine Flieger recht bald wieder verschwinden und damit ihre Liegeplätze wider frei geben würde. Mehrere Tausend Möwen aller Gattungen stiegen auf, als der Pilot die Maschine auf der nun frei gewordenen Landebahn sicher zu Boden brachte. Der Ministeriale Beamte und wir wurden gebeten, schnell auszusteigen, da sonst die Möwen wieder das Flugfeld belegen würden. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass Möwen nicht nur beim Futtererwerb sehr ungeduldig sein können. Also husch, husch, raus aus dem Flieger, Gepäckstücke abgestellt und schon startete die kleine Maschine wieder für den Rückflug. Der Ministeriale Beamte ging seines Weges und wir standen noch eine Weile stumm mit vor Begeisterung offen stehenden Mündern, als die Möwen in so großer, nie zuvor gesehen großer Zahl, schreiend zurück kamen um sich sofort nach der Landung intensiv um die besten Liegeplätze auf der Landebahn zu streiten. Möwen eben!

Landung auf der Piste auf Foula

Übernachtungsmöglichkeiten gab es damals in der bekannten Form nicht. Kein Hotel, kein Motel, keine Jugendherberge. Aber oben an den Klippen hatte der Verband der Vogelschützer eine kleine Holzhütte mit vier Schlafplätzen errichtet. Dort durften wir – nachdem der Vater-Professor L. ein gutes Wort für uns eingelegt hatte – für die nun anstehenden zwei Tage übernachten. Es war wie der Einzug ins Paradies und ich unkte nicht als ich zu verstehen gab, dass ich dieses hier sicher nicht noch einmal erleben würde. Die Zahl der Klippen und Seevögel war schier überwältigend. Draußen vor der Hütte verstanden wir im Lärm der schreienden Vögel kaum unser eigenes Wort. Deshalb ist es als verständlich zu sehen, dass wir die Hufe der sich neugierig nähernden Mini-Shetland-Ponys nicht hörten! Denn plötzlich standen sie bei uns, besser gesagt wir mitten unter Ihnen. Jungtiere waren dabei, manche nicht größer als ein kleiner Hund. Es blieben bis zum heutigen Tag die neugierigsten Pferde, die mir jemals untergekommen sind. Eines davon wollte unbedingt wissen, was es in meiner großen Photokiste aus Aluminium zu sehen geben würde. Und obwohl diese Pferde halbwild waren hatten sie keinerlei Scheu vor uns. Das eine, besonders neugierige Tier versuchte sogar, die Verschlüsse der Kiste mit der Nase zu öffnen, es hatte offensichtlich schon so seine Erfahrungen mit glänzenden Kisten aus Aluminium gemacht? Für mich gab es nun kein Halten mehr, ich wollte in die Klippen, wollte die Gunst der Stunde nutzen. Das Wetter war gut und ich hatte schon bei den ersten Annäherungen an die Vögel direkt an der Hütte bemerkt, dass diese deutlich weniger Fluchtreflexe hatten als angenommen. Manche von Ihnen ließen sich sogar berühren, wenn auch unter Protestgeschrei.

Wir “überflogen” den Dore Holm

Bei den Reisen nach Schottland, die ich mit meinen Reisegruppen unternommen habe, tat es mir für meine Gäste immer ein bisschen leid, dass solche Touren immer in den wärmsten (und kulturell ergiebigsten) Monaten des Jahres durchgeführt wurden. Aber im späten Juni, im Juli oder im August ist das Brutgeschäft der Klippenvögel längst vorüber. Lediglich die in der Hackordnung ganz unten stehenden Eissturmvögel sitzen dann noch auf ihren Gelegen, in denen sich dann aber schon zu 99% fast ausgewachsene Jungvögel befinden. Der Höhepunkt der wilden Hatz der Kinderaufzucht an der Klippe ist im April und bis zur Mitte des Mai. Und wir waren genau zum richtigen Zeitpunkt hierher gekommen. Papageitaucher, die direkt neben einem landeten, oft mit einem Sandaal zur Fütterung ihrer Jungen im Schnabel, und die dann mit einem indifferenten Seitenblick auf mich in ihren Höhlen verschwanden bleiben für alle Zeit unvergesslich. Wir stiegen unter großer Vorsicht immer weiter in die Steilklippen hinein, bald waren wir hundert, dann zweihundert Meter über dem Meer. Unten zog eine Schule von Delphinen vorbei, später sahen wir Minkwale, die sich vollkommen unbeobachtet fühlten und sich deshalb ganz anders verhielten als ich das je zuvor bei einem Minkwal hatte beobachten können. Als wir schon gute zwei Stunden in den Klippen geklettert waren sah ich in einiger Entfernung das neugierige Shetland Pony, welches so energisch versucht hatte, meine Photokiste zu öffnen. Es war nicht nur nicht viel größer als ein mittelgroßer Hund, sondern ganz offensichtlich genau so treu und anhänglich wie ein solcher es sein konnte.

Foula hat gewaltige Steilklippen zu bieten

Schrittchen für Schrittchen trippelte es auf steilen Wegen durch die Klippe so dass man hätte meinen können, dass es sich dabei um eine Gebirgsziege und nicht um ein Shetland-Pony handeln würde. Ich staunte nicht schlecht. Wir hielten die Stellung und das Matchbox-Pferd kam näher und näher und näher, bis es und schlussendlich erreicht hatte. Es hatte zwar keinen Hundeschwanz zum wedeln, aber es hüpfe so freudig erregt auf seinen Hufen auf und ab, dass es und wieder eher an einen Hund als an ein Pferd erinnerte. Die Sache an sich, hier so in den Klippen, zweihundert Meter über dem Meer, erschien mir für einen Gaul prinzipiell gefährlich, aber ich dachte mir, dass das Pferd schließlich hier leben würde, es würde am Ende auch wissen, was es tat. Es begleitete uns den ganzen Tag über, kletterte an Stellen, an denen wir alle Greifhände und Füße einsetzen mussten um voran zu kommen, nur auf seine zierlichen Hufe gestützt elegant hinter uns her. So wäre es wohl „die“ Erinnerung an diesen Aufenthalt geworden, wenn nicht noch etwas anderes, unerhörtes passiert wäre. Nach etwa vier Stunden in den Klippen klettern und Vögel photographieren begann uns der Hunger zu plagen. Wir begannen den Aufstieg zur an dieser Stelle etwa 300 Meter hohen Kante der Klippe und wollten dort – gefolgt von unserem Hauspferd – unser Mittagessen einnehmen. Der Platz war perfekt, keine Menschenseele weit und auch nicht breit. Wir setzten uns in Gras, umringt von den ersten zarten, rosafarbenen Grasnelken und meine Ex warf den kleinen Gaskocher an um darauf das vorgefertigte Mittagessen zu erwärmen. Ich wollte die verbleibenden Minuten noch nutzen, um weitere Bilder von fliegenden Seevögeln zu schießen und wechselte den Platz. Und dort geschah es.

Und die Vogelwelt ist einzigartig.

Mit fiel bald ein Papageitaucher auf, der für meine Begriffe unerhört dicht an mir vorbei flog. Manchmal war es weniger als ein Meter. Er flog an mir vorbei und – was die Sache noch eindrucksvoller machte – schaute mich an! Der Vogel, dessen Schnabel gefüllt war mit köstlichen Sandaalen, die er an sein Jungtier zu verfüttern gedachte. Der Papageitaucher ist ja ohnehin der Liebling aller Personen, die sich die Vögel des Nordens näher anschauen wollen. Er sieht mit seinem großen dreieckigen Schnabel wie ein kleiner Clown aus. Im Volksmund wird er Papageientaucher genannt. Auf Shetland wird der kleine Kerl mit seinem farbenfrohen Schnabel nur Puffin genannt. Papageitaucher sind aber keine guten Flieger, aber umso besser können sie schwimmen und tauchen. Sie brüten übrigens nicht in einen Nest, sondern ziehen ihre Jungen in einer Bruthöhle auf. Wenn sie keine geeignete Bruthöhle finden, graben sie sich eine. Die Brutröhre ist etwa 1,5 Meter tief und hat einen Durchmesser von gut 14 Zentimetern. Der Eingang zur Brutröhre kann schon mal 50 cm groß sein. Die Nestkammer am Ende der Röhre hat in der Regel einen Durchmesser von 40 Zentimeter. Die Eingänge zu den Nestern der Papageientaucher sehen aus wie Kaninchenbauten. Und mit den Kaninchen konkurrieren sie auch kräftig um die Nutzungsrechte an diesen Bruthöhlen. Wieder flog genau dieser Papageitaucher an mir vorbei, wieder sah er mich an, ich konnte fast die Anzahl der Sandaale in seinem Schnabel zählen. Er flog an mir vorbei und ging in eine Schleife, wobei er ständig seinen Kopf so drehte, dass er mir einen Blick zuwerfen konnte. So ging das eine ganze Weile und ich wollte der Sache auf den Grund gehen und ignorierte deshalb auch die Aufforderung meiner Ex, zum Essen zu kommen. Der kleine Flattermann war sichtlich erschöpft, seine Runden wurden immer kleiner und er flog immer und immer wieder an mir vorbei. Dann verließen ihn schlagartig die Kräfte, er geriet ins Trudeln und sein hilfloses Geflatter, während er fast im Sturzflug in Richtung Wasseroberfläche abschmierte, waren wie die Bewegungen eines Clowns. Deshalb also die „Clowns des Nordens“.

Die Papageientaucher sind eine Sensation für sich – Bild 01

Ich folgte ihm mit den Augen bis er auf die Wasseroberfläche aufschlug. Erkennbar war er nur noch als kleiner Punkt, aber wenn ich dass 300er Tele vors Auge nahm konnte ich erkennen, das es ihm gut ging. Er schwamm jetzt mit Hunderten seiner Art dort unten herum. Aber im Gegensatz zu diesen anderen Hunderten schaute „dieser“ Papageitaucher zu mir hinauf! Was um alles in der Welt bedeutete das? Ich rief aufgeregt nach meiner Begleiterin. Sie, als Kind der Natur, aufgewachsenen an der Kante einer Klippe und Tochter eines renommierten Vogelkundlers sollte doch wissen, was das bedeutete! Warum hatte sich der Vogel so seltsam verhalten? Als sie mich erreichte sprudelten meine Worte aufgeregt wie aus dem Mund eines Kindes hervor. Ich erzählte ihr jedes Detail, ließ sie durch das Teleobjektiv zu dem Vogel hinunterschauen um zu beweisen, dass er noch immer in meine Richtung sah. Sie tat sehr interessiert aber ich kannte sie zu gut um nicht zu merken, dass ihre Aufregung gespielt war. Was war hier los? Hatte sie ein Abkommen mit dem Puffin geschlossen? Sollte ich ausgebootet werden? Als sie ihr Lachen nicht mehr zurückhalten konnte und rücklings ins Gras fiel um sich zu wälzen vor lauter Freude reichte es mir. Ich forderte Klärung und gab zu verstehen, dass ich es nicht dulden würde wenn sie Geheimnisse vor mir habe, auch wenn es sich dabei um ein undefinierbares Verhältnis zu einem Papageitaucher handeln würde. Zwischen zwei Lachsalven bat sie mich, aufzustehen, was ich tat. Als ich noch immer nichts begreifen konnte, weil ich nur ein blödes Loch im Boden sah, welches ich mit der Präsenz meines Gesäßes verstopft hatte, wurde ich unsicher: was war hier los? Sie geriet von einem Lachanfall in den nächsten bis es endlich aus ihr hervorbrach: ich hatte mich genau auf dem Eingang zur Bruthöhle dieses Papageitauchers niedergelassen! Sein Jungtier wartete darin auf Futter und deshalb war er bis zur Erschöpfung immer wieder dicht an mir vorbei geflogen, hatte Augenkontakt gesucht um mir mitzuteilen, dass ich meinen Hintern von seinem Nest nehmen solle, da er sein Junges würde füttern müssen. Eine wunderbare Welt tat sich da vor mir auf. Sie wird mich wohl erst verlassen, wenn ich eines Tages diese Welt verlassen muss. Aber sicher bin ich mir nicht, solche erlebte Intensität nimmt man wahrscheinlich für immer und überall hin mit, egal wann man wohin geht.

Die Papageientaucher sind eine Sensation für sich – Bild 02

Das Pony und der Papageitaucher auf der einsamen Insel. Trotzdem waren die beiden Erlebnisse nicht intensiv genug, um als „das“ Ereignis in meine Vita einzugehen. Es war ein anderer Moment, aber der steht wieder auf einem anderen Blatt.

Das nächste Mal.

Roland Richter

Juli 2020

2 Comments
  • Flory
    Posted at 17:17h, 05 Juli Antworten

    … Dein Erinnerungsvermögen moechte ich haben :-() ?

  • Dagmar
    Posted at 18:28h, 09 Juli Antworten

    …es gibt Menschen – female and male – die Kenntnis und Zustand von ZEN kennen und praktizieren…..
    vielleicht kann man dieses Wissen und Verhalten einem male Frosch angedeihen lassen….:-)))
    aber: Roland is “waken up”…..no longer sleeping in ZEN….
    this means an female….wobei mir erstere im Artikel oben genannte sometimes mehr Probleme machen Mr. Richter…. .:-((((((( or :-))))))) ?????? !!!!!!! ………….
    Nein, dieser 3. Artikel über Retro Schottland zeigt einen Humor, den ich seit Mai 2019 vermisse…….schön ihn hier heute wiedergefunden zu haben.
    Im Lesen von Schottland und vielen Erinnerungen des Schreibenden:
    ich wundere mich oft dass auf den Reisen wir Deutschen nicht auch heute noch unbeliebt sind nach allem was in der Vergangenheit in all den Kriegen geschehen ist, oder ist der Reisegast als Geldbringer im Vordergrund? Aber die meisten Menschen hier und dort denken nicht so viel wie mir scheint und ein freundliches Miteinander – durch eigenes Entgegenkommen ausgelöst – rettet den schönen Augenblick.
    Auch mir geht es wie dem Schreibenden: ich wandere vom Jetzt in das Erlebte zurück und finde mich in all den Ländern wieder die ich berrisen durfte! Dies möchte ich nie missen, all die Besonderheit und auch das Gemeinsame das uns dort begegnet.
    Reisen ist Eintauchen in Leben und Staunen, das sich verinnerlicht.
    Nun muss ich ledier den Artikel für heute verlassen….und bin froh und heiter über das bis jetzt Gelesene, außer das negative Deutschsein, das auch mir immer wieder begegnet ( aber auch ich bin nicht immer ohne negatives Sein wie wir alle – oder? )
    mit Grüßen an den Nachbarsfroschkönig
    und:
    noch bin ich und möchte das auch noch sein, hier und auf neuen Pfaden der Welt

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