Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 02

Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 02

1984 gab es in Schottland gerade mal 5 Millionen Einwohner! Das klingt erst einmal sehr wenig, auf den zweiten Blick wird aber erkennbar, dass das von einer parlamentarischen Monarchie geführte Land aber auch nur knapp 78.000 Quadratkilometer Fläche hat. Also deutlich kleiner als die BRD. Auch 1984, als von einer Wiedervereinigung Deutschlands noch keine Rede war. Aber schon wenn man die Einwohnerzahl auf die vorhandenen Quadratkilometer umlegt, ergibt sich wieder ein Bild, welches zumindest vermuten lässt, dass es in Schottland auch noch große, zusammenhängende Naturräume geben müsste. 1984 lebten in der BRD bereits 64 Millionen Menschen, die sich eine Fläche von gut 250.000 Quadratkilometer teilen mussten. Ein höllisches Gedrängel würde man meinen? Doch das allein ist nicht der Grund gewesen, warum sich eine so große Zahl an Menschen aus allen Teilen der Welt für Schottland interessierten. Große, zusammenhängende Naturräume finden sich schließlich in noch größerer Ausprägung in den nördlichen Gebieten Skandinaviens oder auf Island. Meiner Erfahrung nach, war es mehrheitlich der „Mythos“ Schottland, die vielen Sagen, Legenden und Geschichten, die das Land bekannt gemacht hatten, die dieses hingebungsvolle Interesse ausgelöst hatten.

Also doch wieder zurück, zum Mythos Schottland? Keinesfalls! Bei dem Thema Mythen und Legenden aus Schottland steigen in den Köpfen der meisten Menschen Bilder herauf, die nebelverhangene Gebirge, raue Küsten, dunkle geheimnisvolle Wälder und düstere Burgen zeigen. Manchen Menschen ist bewusst, dass sich in diesem Hintergrund auch Feen und Elfen, Kobolde, Selkies, Meerjungfrauen, Hexen, Zauberer und allerlei andere Wesen tummeln. Nur wenige Angehörige der unterschiedlichen Völker, die Schottland einst besiedelten konnten schreiben. Aus diesem Grund gibt es so gut wie keine schriftlichen Aufzeichnungen der vielen Legenden und Sagen. Selbst die Legende von König Artus, an der ich mich bei diversen Reisen als Reiseleiter so ausschweifend abgearbeitet habe, ist erst viel später schriftlich überliefert worden. So wissen wir bis heute nichts Genaues darüber, inwiefern es diesen sagenumwobenen König, sein Schwert und seine tapferen Ritter gegeben hat. Erst die Generationen, die ihm folgten, haben sein Leben für uns unvergesslich gemacht. Schottlands romantische Landschaften bilden jedoch eine durchaus glaubhafte Kulisse für diese so geheimnisvolle Welt voller Wesen, die anders sind als wir, andere Fähigkeiten und andere Vorstellungen von Glück oder Liebe haben. Die Ursprünge dieser Erzählungen liegen in einer Zeit in der die Kelten, Nordmänner und die Wikinger Schottland in Besitz nahmen. Die Legenden dieser Völker vermischten sich mit denen der einheimischen Menschen und so wurde ein Netz gewobenen, das seine Wurzeln in einer mythischen Vorzeit hat, als Feen und Kobolde noch Wirklichkeit waren.

Schottland: Land der Sagen und Mythen

Die bekannteste aber auch unglaubwürdigste Sage ist sicher die von Loch Ness. Ich habe dieses „Tier“ immer und immer wieder mit einer wissenschaftlichen Perspektive betrachtet und bin – gegen meinen Wunsch – leider immer wieder bei dem Resultat gelandet, dass das von den Medien gerne verwendete Tier nur eine Täuschung ist. Damit erübrigte sich für mich auch irgendwann die Frage nach der Nahrung und den Fortpflanzungsmöglichkeiten. Der nicht nachlassende „Nessie-Wahn“ ist für mich (subjektiv) eher ein Grund, mit erheiterten Blicken nach Schottland zu schauen. Und Nessie allein würde auch niemals ausreichen, um Scharen von Touristen aus allen Teilen der Welt in die Highlands zu führen! Die Freiheitskämpfe der Schotten gegen die Engländer sind dagegen legendär, gut belegt (mehr durch die englische Geschichtsschreibung) und haben sicher auch vielen eine Art Sehnsuchtsgefühl in die Köpfe gezaubert. Schottlands Freiheit hat aber auch geologische Wurzeln. Sie ist buchstäblich in Stein gemeißelt. Schottland hat nämlich eine ganz andere geologische Vergangenheit als das benachbarte England. Es ist Teil eines anderen Kontinents, und Zeichen dafür finden sich überall im Land. Auch die Highlands selbst sind Zeugen der wilden Vergangenheit. Die Highlands sind das Herz Schottlands und machen den Norden der britischen Insel besonders. Die zehn höchsten Berge Großbritanniens erheben sich in Schottland. Die Highlands sind die Heimat wilder Tiere sowie der Könige der Lüfte – der Adler. Aber auch ein seltenes und scheues Raubtier verbirgt sich in den Wäldern: der legendenumwobene Highland-Tiger (eine recht große Wildkatzenart). Auf dessen Fährte habe ich mich – zugegeben – nie gemacht und bin trotzdem immer in die bewegte Geschichte Schottlands eingetaucht. Die zahlreichen Inseln vor der zerklüfteten Küste beherbergen die größte Basstölpel-Kolonie der Erde und viele archäologische Sensationen. So manches Klischee, das die Anziehungskraft Schottlands ausmacht, verblasst vor den Entdeckungen, die man im Land wirklich machen kann. Die Ausgrabungen auf den Orkney-Inseln, die eine erstaunliche Geschichte erzählen, waren bedingt durch die einst bestanden habende Lebensbeziehung, mehr oder weniger mein Spezialgebiet. Und die megalithische Geschichte der Inseln ist noch lange nicht abgeschlossen, denn bei Untersuchungen sind Forscher auf einen gigantischen Steinzeittempel gestoßen, der zwischen zwei Steinkreisen (Ring von Brodgar und Stones of Stenness) liegt. Viele der Orkney-Monumente sind älter als das berühmte Stonehenge – mache auch größer. Hoch im schottischen Norden hat es wohl einmal ein Kulturzentrum gegeben, das weit in den Süden – nach England – ausstrahlte. Schottland kann also überall beweisen, dass es mehr ist als nur ein Anhängsel Englands. Vieles allerdings, das wir als typisch schottisch wahrnehmen, ist nur ein schöner Mythos. Dass Mel Gibson in Braveheart einen Kilt trägt, ist lediglich eine folkloristische Inszenierung. Die vielen rätselhafte Strukturen in der Landschaft und die Legenden der schottischen Moore steht nur für einen winzigen Bruchteil dessen, was die wahren Geschichten Schottlands ausmacht.

Zurück zur Bevölkerung: heute leben in Schottland 5,4 Millionen Einwohner. Das sind mittlerweile fast 70 Einwohner pro Quadratkilometer. Wenn man sich aber anschaut, in welcher Verteilung die Menschen dort leben wird schnell klar, dass es im Norden des Landes ein anderes Umrechnungsmodell geben muss! Oben im Norden (und auch im Nordwesten) werden die Quadratkilometer pro Einwohner gerechnet und nicht umgekehrt. In den Central Lowlands von Schottland gibt es die höchste Einwohnerdichte. Dort leben fast drei Viertel der Gesamtbevölkerung, während in den Highlands (als Gesamtregion) teilweise nur 8 Erwachsene pro Quadratkilometer leben. Zwei Drittel der Bevölkerung wohnen nämlich in Städten. Die größte Stadt ist Glasgow mit etwa 620.000 Einwohnern und über einer Million Menschen in der Agglomeration. Zu den wichtigsten Städten von Schottland gehören die Hauptstadt Edinburgh mit etwa 455.000 Einwohnern, die Boom-Town Aberdeen (Öl / Fischfang / Granit) mit rund 240.000 Einwohnern, Dundee mit 150.000 Einwohnern und Inverness mit 65.000 Einwohnern. Das industrielle Ballungsgebiet Clydeside, das die Städte Glasgow und Clydebank einschließt, ist das größte Zentrum für Marinetechnik in Großbritannien, obwohl sich die Aktivitäten heute hauptsächlich auf die Erdölförderung vor der Küste konzentrieren und weniger auf den traditionellen Schiffsbau. Die Vorfahren der heute in Schottland lebenden Menschen, waren Nachkommen verschiedener Volksgruppen, die Schottland besiedelt haben. Vor allem Pikten, Kelten, Skandinavier und die Römer haben den größten Einfluss auf die heutigen Bevölkerungsgruppen in Schottland. Schottland hat eine sowohl ländlich orientierte als auch industrialisierte Gesellschaft. In Schottland selbst wird die Bevölkerung in Highlander und Lowlander eingeteilt. Auf den Inseln von Schottland macht sich der Einfluss der skandinavischen Nachbarländer besonders bemerkbar. Das konnte man im Verlauf der drei so genannten Kabeljaukriege besonders gut mitbekommen. Da sich diese „Kriege“ zwischen 1958–1975 entwickelten, war dies natürlich noch lange vor meiner schottischen Zeit, aber das Thema wurde auf den Orkney & Shetland Inseln in den Familien immer wieder aufgewärmt und es wurde deutlich, dass die Bewohner der nördlichen Inseln in diesen „Kriegen“ zum Gegner Island hielten und nicht zum Britischen Heimatstaat. Sie fühlten sich den skandinavischen Isländern näher als der Monarchie im fernen London.

Monumente aus der Eisen- und Bronzezeit zuhauf.

Der Vater meiner damaligen Freundin verwendete gern den Begriff der Doppelrevolution wenn er über eine entscheidende Phase in der Entwicklung seines Heimatlandes sprach. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass erst das Zusammenwirken der politischen Prozesse im Zuge der Radikalisierung der Aufklärung, gipfelnd in der Französischen Revolution 1789, mit den technisch-maschinellen Neuerungen der um 1770 in England, Schottland und Wales beginnenden Industriellen Revolution zu einer bis heute vorhaltenden Dynamik (man kann fast von einer Revolutionierung schreiben) in der Umgestaltung der Lebensverhältnisse und ihrer politisch-sozialen Grundlagen geführt hat. Es waren die Jahrzehnte nach der Schlacht von Culloden, als die Schotten als Nation zu unmündigen Bürgern dritter Klasse degradiert wurden, die den hemmungslosen Siegeszug der Industrialisierung bis hinauf in die Highlands erst möglich machte. Profit ging schon damals über alles und so war es nur passend, dass man den Menschen, die dort oben ihre Arbeitskraft billig wie Dreck zur Verfügung stellen mussten, den Status, vollwertige Menschen zu sein, schlicht absprach. Von diesen Demütigungen haben sich die Schotten als Nation bis zum heutigen Tage nie ganz erholt und so ist das ambivalente Verhältnis der Bewohner in Bezug zu den anderen Briten immer problematisch, spannend und teilweise sehr unterhaltsam.

Der Bruder meiner damaligen Freundin hatte den Orkney Inseln übrigens den Rücken gekehrt. Zwar war er als Besucher noch so oft wie möglich im Haus seiner Eltern, aber seinen Lebensmittelpunkt hatte er nach absolviertem Studium nach Glasgow verlegt. Teils war es seine freiwillige Entscheidung, teils war er gezwungen, diesen Schritt zu gehen. Der Bursche – mit langen, rotblonden Haaren bis zum Hintern – war nämlich nicht nur ein begabter Photograph, sondern auch mit vollem Herzen Musiker und hatte zusammen mit einigen Freuden während der Studienzeit eine Band gegründet, die mehr oder weniger immer ganz dicht vor dem großen Erfolg stand. Wenn man in Schottland Erfolg im Musikgeschäft haben möchte und nicht im lokalen Milieu steckenbleiben will, ist man genötigt, in Glasgow zu leben. Alle wichtigen Musikproduzenten, alle Labels und Kontakte sitzen in Glasgow. Er, der Bruder, war es auch, der mit später zu einem einwöchigen Aufenthalt bei einer „Working-Class Familie“ verhalf, indem er seine Kontakte zu dieser hochspeziellen Bevölkerungsgruppe spielen ließ! Ein Ereignis, über das ich für den Rest meines Lebens gerne referieren werde, aber vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt mehr dazu! Neben der überragenden Stellung als Musik-Metropole steht Glasgow auch in dem Ruf, die besten Pub-Szene Schottlands zu haben. Und ich schreibe nicht von jener Art „bravem“ Pub, in denen die Touristen aus aller Welt (wie zum Beispiel in Edinburgh) ihr Pint schlürfen um sich authentisch zu fühlen, sondern diese dunklen, rauchigen, lauten Pubs, in denen sich gar mancher Tourist aus dem Ausland nicht wirklich wohl fühlen würde ob der schottisch überbordenden Lebensfreude.

Die Auswirkungen der Industrialisierung sind bis in die Highlands spürbar

In einem solchen rauchigen, muffigen, von biergetränkten Teppichen und Holz-Paneelen geruchsbestimmten Pub, trafen wir uns an einem der Abende mit den anderen Mitgliedern der Band, die allesamt einen Haufen Leute im Schlepp hatten. In der Band waren ja nicht nur Schotten! Zwei Engländer waren dabei, ein weiterer Schotte und ein junger Spanier, der zum Studium aus dem Baskenland nach Schottland gekommen war. An diesem Abend ging es heiß her, weil irgendwann einmal jemand das Thema der schottischen Forderungen an England, mehr Profit aus dem Ölgeschäft zu bekommen als es bis dahin üblich war, ansprach. Ich glaube mich zu erinnern, dass es der Spanier war. Er war ja noch recht jung und sich sicher nicht im Klaren darüber, dass solche Themen heikel sein können? Sind die Schotten als Einzelpersonen durchaus in der Lage, Beziehungen (auch Liebesbeziehungen) zu Engländern/-innen zu unterhalten, diese Partner zu heiraten und gar Kinder mit ihnen zu haben, stehen sie allerdings sofort wie das aus früherer Werbung bekannte HB-Männchen, zu jeder Art Krawall bereit, mit dem Gewehr bei Fuß auf, wenn dieselben Engländer/-innen plötzlich auf Themen zu sprechen kommen, die man als „von schottischem Interesse geprägt“ definieren könnte. Nur zur Information: 95% des britischen Öls werden vor der Küste Schottlands gefunden, aber nur 10% des Gewinns fließen wieder nach Schottland zurück. 90% des britischen Fisches werden vor der Küste Schottlands gefangen, aber auch hier fließen nur rund 10% des Gewinns wieder nach Schottland zurück. Forderungen seitens der Schotten nach mehr Beteiligung am Gewinn wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit der Begründung abgeschmettert, dass es schließlich mehrheitlich das Geld der englischen Steuerzahler/-innen gewesen sei, mit dem diese beiden Industrien aufgebaut und entwickelt wurden. Natürlich hat England bei fast 56 Millionen Einwohnern erheblich mehr Steuerzahler/-innen als Schottland! Aber die Tatsache, dass in beiden Industrien schottisches Eigentum abgefischt wird, sorgt nicht nur bei der SNP (der Scottish National Party) immer wieder für Verstimmung: jede/r Schotte/in fühlt dann die Geister einer dunklen Vergangenheit aufsteigen, in denen das Kulturvolk Schottlands kurz vor der Auslöschung stand.

Glasgow: die Wirtschaftsmetropole Schottlands

Damit hätten wir wieder einen Fixpunkt:

September 1995: Glasgow / Pub in der Byres Road

Als die Mitglieder der Band so nach und nach zu uns stießen, wurde mir mal wieder gewahr, dass Minnesänger beim Weibsvolk schon immer hoch im Kurs standen! Die zum Teil noch pubertär wirkenden jungen Männer waren allesamt kein Ausbund an Schönheit oder Wuchs. Soweit es mir bekannt war, handelte es sich bei den jungen Männern auch nicht um die Söhne aus schwerreichem Elternhaus. Wenn sie über die Straße liefen, hätte wohl kaum jemand Notiz von ihnen genommen? Aber da die Burschen ja recht erfolgreiche Rock-Musiker waren, konnten sie offensichtlich aus einer Vielzahl von attraktiven Frauen das am besten zu ihnen passende Modell auswählen (gerne auch im wöchentlichen Wechsel). Schon als ich zum ersten Mal die Freundin des Bruders meiner ehemaligen Lebensgefährtin in seiner Wohnung in Glasgow kennenlernte, war ich überrascht! Die hoch gewachsene junge Frau, die den Bruder sicherlich um einen halben Kopf überragte, konnte problemlos mit jedem international erfolgreichen Supermodell mithalten. Ein trainierter Körper, edle Züge im Gesicht und unglaubliche, große, blaue Augen, mit denen sie mit Paul Newman durchaus um die Wette hätte strahlen können. Offensichtlich standen junge Musiker bei den Damen hoch im Kurs? Und sie liebte den Kerl abgöttisch, was viele Photographien, die die beiden zusammen zeigten, bewiesen. Einmal nur trafen meine ehemalige Freundin und ich uns “ohne Bruder” mit der aparten Schönheit in Glasgow. Und bei dieser Gelegenheit brachte sie auch ein paar Töne der Sorge wegen ihres Liebsten zur Sprache. Sie war sich nämlich nicht mehr sicher – ach Gott, die arme Frau – ob er sie noch so lieben würde wie früher und vergoss auch ein paar kleine Tränen dazu. Ja, manchmal kommt man im falschen Moment mit solchen Sorgen an die falsche Person! Eines war meine damalige Lebensgefährtin nämlich nicht: gefühlsduselig! Sie packte das Leben pragmatisch an und hatte deshalb auch nur einen Vorschlag für die aparte Schönheit: „dump him“! Wenn er dir Probleme macht, schmeiß ihn raus und such dir einen Neuen, ihr Bruder sei ja nun wirklich nichts Besonderes!

Mit solchen Vorschlägen kann man aber – auch wenn sie noch so lebenstüchtig unterfüttert sind – einer Frau, die einfach gerne mal Probleme mit ihrem Kerl haben möchte, nicht kommen. Und außerdem: wie hat es meine längst verstorbene Großmutter einmal formuliert? „Wenn eine Frau glaubt, einen schönen Mann gesehen zu haben, dann hat diese Frau einen schönen Mann gesehen und der Rest der Welt wird sie nicht mehr von diesem Eindruck abbringen können“! Punkt! Aha? Es dauerte nach dem Ableben meiner Oma Jahrzehnte (und dauert zum Teil noch heute an), bis ich die tief verborgene Weisheit in ihren Sprüchen auch wirklich verstanden hatte. In dem Bruder meiner Ex hatte die aparte Schönheit nun eben mal einen schönen Mann gesehen. Niemals würde sie ihn „dumpen“! Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass die Schönheit plötzlich etwas mehr Tränen vergoss als eigentlich nötig und dachte schon, dass es diese Art Frau wohl auch ganz offensichtlich in Schottland gibt, als sie mit wilden Bewegungen ihrer Hände erklärte, dass ihr offensichtlich eine Fliege ins Auge geflogen sei. Pragmatismus kann genauso ein Segen wie ein Pest sein! Zumindest für die, die sich schlicht nicht mit ihm anfreunden können. Meine damalige Freundin stellte das praktische Handeln immer über die theoretische Vernunft. Die großblauäugige, aparte Schönheit wurde mitten im Café rücklings auf den Tisch gepackt und ihr betroffenes Auge einer Inspektion unterzogen. Nach wenigen Sekunden erhielt ich eine Lektion im typischen, britischen (ja, auch schottischen) Humor: meine Ex blickte eine Weile ins Auge der Dame, dann zog sie den Kopf einen halben Meter zurück und sagte, dass die Aparte ihr Auge wohl verlieren werde, da es sich bei der Fliege um einen dicken, bläulichen Fleischbrummer handeln würde (die eigentliche Verursacherfliege der Matchboxgröße Fruchtfliege hatte sie bereits flink aus dem Auge entfernt und mit schnipsenden Bewegungen ihrer Finger auf den Boden befördert). Und im Umweg über diesen „Big blue Bummer“ (dicke blaue Fleischfliege) begannen die Damen mit einem an Absurdität nicht mehr zu überbietenden Wortwechsel, der von Lachsalven bestimmt am Ende dazu führte, dass beide – sich die Bäuche haltend – auf dem Rücken lagen und vor lauter Lachen kaum noch Luft bekamen! Der Rest des im Café anwesenden Publikums erlebte solcherlei Dinge wohl jeden Tag? Zumindest gab es kaum eine Regung, als sich meine Begleiterinnen laut lachend über den Boden rollten und die Bedienung mit ihrem Tablett sogar mehrfach über die Damen hinweg steigen musste. Schwarzer Humor ist für mich nach wie vor ein signifikantes Merkmal der Briten, wobei in diese Gruppe das Volk der Schotten nun definitiv mit hinein gerechnet werden muss.

Wurde in der victorianischen Zeit groß: Glasgow

So freudig emotional froh an Sinnen ging die Gesprächsrunde im Pub in Glasgow, als die jungen Musiker mit ihren Vorzeigefrauen zusammengekommen waren und der junge Spanier diese von ausgeprägter Infantilität geführte Frage nach der Verteilung der Gewinne des britischen Öls ansprach, leider nicht ab. Der etwas weniger in die grausamen Geschicke der schottischen Geschichte eingeführte Leser muss an dieser Stelle wissen, dass nach der Vereinigung der schottischen und der englischen Krone 1603, als Jakob VI. den englischen Thron erbte (nach dem Tod von Elisabeth I. Am 24. März 1603) und den königlichen Hof von Edinburgh nach London verlegte, die Krone Schottlands mit den übrigen „Honours“ noch eine Weile zu den Sitzungen des schottischen Parlaments gebracht wurde, um die Anwesenheit des Monarchen und die königliche Zustimmung zur Gesetzgebung zu symbolisieren. Das eigene schottische Parlament regierte dagegen noch ein Weile so vor sich her. Aber diese Krone wurde nur noch für die Krönungen von Karl I. (1633) und Karl II. (1651) benutzt. Seitdem ist kein Monarch mehr mit der Krone gekrönt worden. Die Krone Englands hatte die Krone Schottlands schlicht verdrängt oder verschluckt. Das Parlament von Schottland bestand insgesamt über mehr als vierhundert Jahre, bis es 1707 dann durch den Act of Union aufgehoben wurde. Dadurch wurden die Königreiche Schottland und England zum Königreich Großbritannien fusioniert. Das Parlament von Schottland wurde dabei aufgelöst und das Parlament von England um schottische Abgeordnete erweitert als Britisches Parlament neu konstituiert. Der geringe Anteil an schottischen Abgeordneten sorgte danach dafür, dass in Abstimmungen stets gegen die Interessen und Wünsche Schottlands gestimmt wurde. Eine Art Zwei-Klassen Gesellschaft wurde dadurch etabliert, in der die Interessen Englands immer weiter über die Interessen Schottlands gestellt wurden. Am Ende waren Krone und eigenes Parlament futsch und Schottland versank im Strudel der Bedeutungslosigkeit. Solcherlei „Sklaverei“ oder „Ungemach“ vergisst ein Volk nicht, vor allen Dingen dann nicht, wenn es sich um ein so stolzes Volk wie die Schotten handelt!

Der junge Spanier – ich lege mich jetzt fest, er war es ganz sicher – hatte von diesen sozioökonomischen Zusammenhängen sicherlich nicht genug Kenntnis oder aber er hatte Lust einer Massenprügelei beizuwohnen und dadurch vielleicht seine Begleiterin (auch Marke aparte Schönheit) zu beeindrucken? Diese Begleiterin ist für mich übrigens als Person unvergesslich geblieben, denn sie hatte in einer Zeit, als kaum jemand daran gedacht hätte, dass uns der Jahrmarkt der Eitelkeiten einmal Sendungsformate wie „Germanys next Topp-Modell“ bescheren würde, dicke Knie! Mir wären diese dicken Knie überhaupt nicht aufgefallen, da mir die Extremitäten eines Individuums nicht so stark auffallen, aber es war wieder mein Ex-Freundin, die mein Wissen um die Zusammenhänge bereicherte: die junge Frau, die Begleitung des Spaniers, konnte getrost als „Hungerhaken“ bezeichnet werden. Schrammte wohl ganz dich an der Magersucht entlang? Sie war sicher fast 1,80 Meter groß, brachte aber wohl kaum mehr als 50 Kilogramm auf die Waage. Deshalb waren ihre Knie-Gelenke so unförmig dick, zumindest in Relation zum Rest des Körpers. Ich habe lange geglaubt, dass „dicke Knie“ eine selbstverschuldetes Bild wären, da sich die jungen Mädchen in unserer heutigen, von Geisteskrankheiten durchzogenen Welt, oft fast in den Tod hungern, um den geglaubten Ansprüchen der Gesellschaft zu genügen und dadurch die Möglichkeiten der Partnerwahl (Modell „schön“ und „reich“ gehören doch zusammen) zu optimieren. Lange dachte ich so! Bis zu dem Tag, als meine jüngste Tochter mit ihrer Freundin auf der Terrasse unseres Hauses spielte und plötzlich weinend zu mir kam und schluchzend mitteilte, dass ihre Freundin gerade gesagt habe, dass sie, die Tochter die meinige, „dicke Knie“ habe und mal zum Arzt gehen müsse! Okay, so wie manche Menschen nichts für ihre Fettleibigkeit können, so können manche nichts dafür, dass sie dicke Knie haben! Meine jüngste Tochter konnte schon im Alter von 10 Jahren ein 500 Gramm Rumpsteak mit Beilage verdrücken. Im Prinzip konnte sie den ganzen Tag über essen und naschen – aber sie nahm nicht zu und war immer spindeldürr. Das wird wohl noch heute so sein? Ich kann es nicht beurteilen, da ich sie schon seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen habe. Wer mich kennt weiß, um welche Katastrophe es sich dabei für mich handelt? Aber lassen wir das: das Leben ist kein Zuckerschlecken und ein Ausflug über die Erscheinung eines dicken Knies an einer jungen Frau soll damit auch zur Genüge abgehandelt sein.

Die St. Mungos Kathedral in Glasgow

Zurück zur nun beginnenden standesgemäßen Prügelei unter Männern ins Pub in der Byres Road in Glasgow. Die in den ersten Minuten noch zivilisiert geführte Unterredung der beiden unterschiedlichen Parteien (Schottische und Englische Fraktion) wurden schnell handfest, als einer der Engländer aus der Band mit genau diesem Argument kam, welches jedem Schotten (und auch jeder Schottin) die Zornesröte ins Gesicht treibt! Nämlich: „dass es doch ökonomisch betrachtet vollkommen in Ordnung sei, dass Schottland nur diesen Betrag als Gewinn erhalte, da der Anteil der schottischen Steuergelder am Aufbau dieser viel Geld einbringenden Industrien (zur Erinnerung Öl und Fisch) ja sogar deutlich unter 10% gelegen hätte und was sie denn eigentlich noch alles für sich würden haben wollen, diese undankbaren Schotten!“. Die erste Faust, die ich in ein anderes männliches Gesicht fliegen sah, kam tatsächlich von dem zweiten jungen Schotten, der mir als Mitglied dieser Band vorgestellt wurde. Ziel war das Antlitz eben jenes Sprechers, der den fatalen Satz gerade von sich gegeben hatte. Der fühlte sich ob dieser heftigen körperlichen Zuwendung nun ebenfalls verpflichtet, seine Fäuste zum Einsatz zu bringen. In der sich nun entwickelnden Massenschlägerei konnte ich alsbald alle Tricks und Kniffe erkennen, die mir als nachdenklichem Teenager in der Siedlung, in der ich mit meinen vier Geschwistern aufwachsen musste, zuteil geworden waren. Stoßen, beleidigen, Faustschläge, Ohrfeigen und der allseits bekannte Schwitzkasten wurden angewendet. Die Damen machten indes kaum Anstalten, ihre Lieblinge von ihrem Tun abzuhalten! Manche verdrehten entnervt die Augen (sie waren wohl an solcherlei Dinge gewohnt?), nahmen ihre Gläser und entschwanden an einen sichereren Ort der Bar in die Nähe des Tresens.

Die Prügelei, die sich anfangs nur auf das Hoheitsgebiet unseres Tisches bezog, weitete sich in dem Moment aus, als einer der englischen Kontrahenten von einem heftigen Stoß gegen seine Brust getroffen, rückwärts in einen kräftigen jungen Mann mit Tattoos auf den Oberarmen katapultiert wurde, wobei dieser den Inhalt seines Pint verschüttete! Nun, Gründe für eine Prügelei gibt es viele, aber der kräftige junge Mann mit Tattoos entsprang meiner groben Einschätzung nach der Working-Class. Und in eben dieser Working-Class ist das gewaltsame Verschütten (wenn auch unbeabsichtigt oder im Eifer des Gefechtes geschehen) eines alkoholischen Getränkes immer ein Grund, die Hand zur Faust zu ballen und sie als Waffe gegen andere Gesichter einzusetzen. Nun war kein Halten mehr! Die anderen Besucher der Bar verstanden die Einmischung eines der Ihren als ausgesprochene Einladung, nun ebenfalls zum Faustrecht zu greifen und ich kann mich nur an meine eigene Überraschung erinnern, dass die Frauen dieser Working-Class Männer von ihren Plätzen in der Lounge der Bar gesprungen kamen um entweder (sie wirkten ziemlich unentschlossen dabei) laut schreiend ihre Männer dazu zu bringen, sich der Prügelei fernzuhalten, oder selbst die Fäuste schwangen um Schläge in andere Körper auszuführen. Wenn mich die unkontrolliert scheinende, explosionsartig sich erweiternde Prügelei nicht auch unmittelbar bedroht hätte (ich war schließlich der einzige Deutsche in dem Laden und Glasgow wurde während der Kriegszeiten im zweiten Weltkrieg mehrfach von Einheiten der Luftwaffe des Reiches bombardiert), wäre ich sicherlich in der Lage gewesen, noch viel mehr feine Details zu bemerken, die es wert gewesen wären, darüber zu berichten. Aber nachdem die Männer der Working-Class in Ermangelung anderer Gegner (die Mitglieder der Band waren schnell zu Boden gestreckt und wurden von ihren jeweiligen Hungerhaken an die frische Luft geführt) sich nun in blindem Eifer gegeneinander stellten um ihre Kampfeslust ausleben zu können und auch deren Weiber, in blinde Raserei geraten, sich immer mehr in den Tumult mischten, suchten meine damalige Lebensgefährtin und ich die Sicherheit der Straße draußen. Ist sicher auch ein Grund, warum man in britischen Kneipen sein Bier immer sofort bezahlen muss? Dann gibt es wenigstens keine Zechprellerei wenn mal wieder was eskaliert und die Unterlegenen sich aus dem Staub machen. Immer mehr Leute kamen auf die Straße und überließen die zur Arena des Kampfes umfunktionierte Inneneinrichtung des Pubs denen, die noch Kampfeslust hatten. Die Mitglieder der Band waren leicht demoliert, aber am Leben. Aber sie waren verstimmt und wollten Fraktionsübergreifend nun nicht mehr miteinander reden und machten sich in unterschiedliche Richtungen davon. Ich fragte mich noch, wie diese Typen denn am nächsten Wochenende gemeinsam auf der Bühne ein Konzert würden geben können, nachdem sie sich in den letzten Minuten gegenseitig bis aufs Blut beleidigt hatten und sich gegenseitig an die Gurgel gegangen waren? Künstler halt!

Tenement Houses in Glasgow

Als wir am Ende der Byres Road angekommen waren und die verkehrsreiche und laute A82 (die an anderer Stelle durch einige der schönsten Landschaften Schottlands führt, zum Beispiel am Loch Lomond entlang) erreichten, konnten wir die von Sirenengeheul untermalte Ankunft von drei Streifenwagen der Polizei vor dem Ort des Geschehens erblicken. Der Bruder meiner Ex-Freundin meinte noch, dass die Polizei sicherlich gekommen wäre um mitzumischen, da sich auch die uniformierten Beamten einer standesgemäßen Prügelei nicht wirklich entziehen konnten. Britischer Humor? Der September bietet im oft regenreichen Schottland (aber längst nicht überall) auch noch schöne, warme Tage und Abende. Wir liefen zu viert noch eine Weile durch die Glasgow Botanic Gardens. Angezogen hatte mich der Palast aus Glas in dem bekannten Gartenparadies schon immer, aber ich hatte noch nie die Zeit gefunden, den Garten auch zu besuchen. Gut, diese viktorianischen Hallen in den Glasgow Botanic Gardens bieten Besuchern und Pflanzen gleichermaßen einen Punkt der Entspannung und Erholung im lauten und geschäftigen Glasgow, aber an einem warmen Septemberabend hat man das Gefühl, dass alle Bewohner der Stadt, oder zumindest die, die sich nicht grade in Prügeleien befanden, dort spazieren gehen! Fast wie in der Drosselgasse in Rüdesheim! Aber das werden junge Leser/-innen nicht kennen? Außerdem leben wir in der Corona-Zeit und der nur auf den Augenblick ausgerichtete Mensch hat vielleicht schon wieder vergessen, was Massenansammlungen an Menschen eigentlich sind? Wege ziehen sich im Park zwischen grünen Flächen hindurch, uralte Bäume recken sich zum Himmel hoch und dazwischen flitzen flinke Grauhörnchen zwischen den Parkbänken herum. Ja, es sind dort leider nur die grauen Hörnchen! Die roten Hörnchen (die eigentlich einheimisch sind) gibt es nicht mehr, sie wurden von den „Grauen“ vertrieben und ausgerottet. Vielleicht haben sich die ums „Deutschtum“ besorgten Mitglieder der AFD ihre Vorstellungswelten über den drohenden Bevölkerungsaustausch und die damit verbundene „Umvolkung“ (ohje, dieses Wort, jetzt wird sicher der BND auf mich aufmerksam) bei den Eichhörnchen in den Botanischen Gärten von Glasgow abgeschaut? Ist aber eher unwahrscheinlich, denn der rechte AFD-Mensch reist nicht ins Ausland, er reist in Deutschland, so wie die Mitglieder der Working Class in Britain ihr Geld lieber im Land lassen, weil sie das Ausland (mangels Intelligenz nicht kennen und resultierend daraus: nicht mögen) meiden. Aber wer mal nach Glasgow kommt, sollte einen Blick in diese Gärten werfen! Sie bestehen bereits über zweihundert Jahre. Der beeindruckende Glas-Palast allerdings ist etwas jünger. Erst im Jahr 1873 wurde der “Kibble Palace” dort aufgestellt – zuvor gehörte er dem reichen Exzentriker John Kibble, der ihn am Loch Long westlich von Glasgow hatte errichten lassen. Und der Tipp für unsere Sparfüchse: wie es so oft bei Museen und öffentlichen Gebäuden in Schottland Brauch ist, kostet der Eintritt in die Gärten nichts. Besucher sollen sich hier erholen können von der hektischen Großstadt und in Ruhe die vielen tausend Pflanzen kennenlernen können. Aber wen interessieren denn schon die vielen tausend Pflanzen, wenn es um die Ecke rum in den Pubs der Byres Road standesgemäße Prügeleien zu erleben gibt? Ich war jedenfalls froh, den Tag unverletzt überstanden zu haben. Zeit für einen Exkurs, gehen wir in den äußersten Norden Schottlands, zu den bis 1469 zum Königreich Dänemark/Norwegen gehört habenden Shetland Inseln. Die kamen nämlich erst in dem genannten Jahr als Sicherheitsleistung für die Mitgift der Tochter des dänischen Königs Christian I. unter die Kontrolle Schottlands, als diese König James III. von Schottland heiratete. Eine Art „Mitgiftsunterpfand“, erklärt aber auch die Sonderstellung, die sowohl die Orkney- als auch die Shetlandinseln bis heute im Königreich Schottland haben. Schottland ist (fast) immer und überall mehr als „Kilt“ und „Tartan“, besonders auf den nördlichen Inseln.

Eins meiner Lieblingshotels dieser Welt: Busta House Hotel / Shetland

O3. Juli 1990 / Lerwick / Shetland Inseln

Nach meinem ersten Besuch Schottlands im Jahre 1984 hatte ich in schneller Folge einige Reisen ins Land absolviert. Noch nicht in meiner Eigenschaft als Reiseberichterstatter oder Photograph, sondern als busfahrender Reiseleiter in Personalunion. Es waren damals auch viele Kurz- oder Städtereisen dabei und in einem Jahr hatte ich acht Mal die Ehre, die zur Legende gewordene Kurz-Tour nach Edinburgh zu leiten. In der Folge lernte ich Edinburgh so gut kennen, dass meine Auftraggeber mich noch lieber einsetzten, da ich die einheimischen Reiseleitungen, die viel Geld kosteten, substituierte und lieber meine eigenen Führungen in der schottischen Hauptstadt machte. Im Prinzip waren diese Kurzreisen viel zu oberflächlich und zu kurz, aber da mich zu diesem Zeitpunkt das Schottland-Virus bereits erfasst hatte, füllte ich – so gut ich es eben konnte – die Kürze der Tage mit Informationen über Land und Leute aus. Der Verlauf dieser Kurzreise war im Prinzip immer gleich und trotzdem stellte sich viele Jahre lang nicht das Gefühl ein, dass ich repetitiv arbeiten würde. Zu überwältigend war jedes Mal der Moment, in einer verantwortungsvollen Stellung mit Gästen in ein Land gekommen zu sein, welches mir mehr und mehr etwas bedeutete. Für alle, die noch nie eine solche Reise gemacht haben, will ich einen kurzen Verlauf beschreiben.

Am ersten Tag ging es immer nach der Anreise von den Heimatorten mit der Fähre nach Kingston upon Hull. Auf der Fähre wurde übernachtet und gegessen und auch am zweiten Tag gefrühstückt. Nach der Ankunft in England ging es kurz zur Stadtführung nach York und dann weiter durch Northumberland zur Grenze bei Carter Bar nach Schottland. In Jedburgh und Melrose gab es kurze Photostopps an den dortigen Abtei-Ruinen und gegen Nachmittag kam man in Edinburgh an, wo ich mit meinen Gästen noch eine Stadtrundfahrt unternahm. In Edinburgh (damals gab es noch Hotels im Zentrum der Stadt zu erschwinglichen Preisen) hatten wir dann immer ein Standort-Hotel für zwei Nächte mit Abendessen und Frühstück. Der dritte Tag führte tief in die schottische Geschichte hinein, wobei Linlithgow (Schloss der Geburt von Maria Stuart), Stirling, Bannockburn und die Regionen der Trossachs am Lake Katherine besucht wurden. Zum Schluss (natürlich) auch immer der Besuch einer Whisky Destillerie. Meistens war das die von Glengoyne, gelegentlich aber auch mal eine andere. Nach der zweiten Nacht ging es morgens schon wieder zurück in Richtung Fähre. Ich habe meine Gäste dann immer tief in die Borders geführt und das hübsche Städtchen Peebles und das Tweed Valley besucht. In Melrose gab es dann die Möglichkeit, die dortige Abtei-Ruine zu besuchen, was aber längst nicht alle gemacht haben. Am Ende dann wieder auf alternativen Wegen durch Northumberland zurück zur Fähre nach Kingston upon Hull. Am fünften Tag war die Reise dann zu Ende, kostete aber auch nur um die 400.- D-Mark pro Person. Klar fliegt man in der heutigen Zeit (Vorsicht: flog! Wir haben Corona) für dreihundert Euro für zwei Wochen nach Malle mit Vollpension, aber wir lebten die letzten beiden Jahrzehnte auch in einer Wahnwelt, in der wir auf Kosten unserer Zukunft die Ressourcen dieses Planeten auf Kosten unserer Nachfahren bereits aufgefressen haben. Vielleicht hilft Corona wirklich dem einen oder anderen, alte Verhaltensweisen neu zu überdenken? Schön wäre das! Ich habe diese Touren damals ja auch nicht aus der Perspektive der Risiken gemacht sondern aus der Perspektive der Möglichkeiten. Ich studierte zu dieser Zeit noch und hatte – der Tatsache geschuldet, dass ich einen Führerschein hatte der mich berechtigte, Omnibusse zu fahren – die Gelegenheit, mein Einkommen als Student zu verbessern ohne mich durch die Zuhilfenahme von Fördermitteln (das gute alte BaFög) zu verschulden.

Am Sumburgh Head / Shetland Insel Mainland

Also viele kurze und nur wenige lange Reisen nach Schottland. Bis 1990 allerdings mehr oder weniger immer auf der sogenannten (von mir so genannten) „Theodor-Fontane-Route“. Wie ich im letzten Artikel schrieb, haben Sir Walter Scott und Theodor Fontane das Reiseverhalten in Schottland bis zum heutigen Tage stark beeinflusst. Das bedeutet, dass 95% der Reisenden einer „ewig gleichen Route“ folgen. Über Edinburgh bis nach Inverness, weiter am Loch Ness entlang nach Fort William und dann via Glen Coe nach Glasgow und wieder zurück nach England. Natürlich super schön und alle glaubten, damit das „wahre“ Schottland kennengelernt zu haben. Auch die großen Literatur Schaffenden waren nur Menschen mit ihren Vorlieben und Eigenarten. Jenseits des Tweed nannte Fontane zum Beispiel seine Geschichten, die auf seiner Reise nach Schottland, die er mit einem Freund im Sommer 1858 unternahm, entstanden sind. Dabei schildert Fontane den Verlauf der Reise chronologisch. In Inverness angekommen schrieb Fontane in sein Reisetagebuch, dass man (O-Ton) „nicht weiter nördlich reisen müsse als bis nach Inverness, weil alles was nördlich davon käme, eine Wiederholung des schon Gesehenen sei“. Und fast alle halten sich noch heute daran. Dabei verpassen sie aber das aus Sozial-Ökonomischer Sicht „eigentliche“ Schottland und einige der schönsten Landschaften des Landes. So viel zum Thema „Wert des geschriebenen Wortes!“

Zurück nach Lerwick und auf die Shetland Inseln.

Abreise aus Aberdeen, der Ölmetropole

Es war für mich aufregend, nun in „meinem“ mir so vertraut gewordenen Schottland endlich in neue Gefilde zu kommen. Diese 1990er Reise war vom Verlauf her außergewöhnlich und hatte nach den Shetland auch die Orkney Inseln und – als zusätzliches neues Highlight für mich – auch die Inneren Hebrideninseln Mull, Staffa und Iona im Programm. Die Fähre, die uns über Nacht in geräumigen Kabinen von Aberdeen nach Lerwick auf den Shetlands brachte, wurde damals noch von der traditionsreichen Reederei P&O Ferries betrieben. Jahre später hat diese Reederei dann diese Verbindungen mangels Erträgen eingestellt und hätte damit zwei komplette Inselwelten von der Außenwelt abgeschnitten. Die auf den Inseln lebenden Menschen waren den nach Profit strebenden (und es ging schon immer mehrheitlich nur ums liebe Geld) Unternehmern und Anteilseignern der Gesellschaft herzlich egal – es ging darum Renditen zu erwirtschaften. Was ist schon ein fremder Mensch im Vergleich zum gut gefüllten Bankkonto auf Jersey? Um die Fährverbindungen zu erhalten musste der britische Staat einspringen und die „Northlink“ Gesellschaft unterstützen, damit diese die beiden Linien übernahm und fortführte. Diese Fähren sind – auch heute noch – längst nicht so groß, wie die zwischen Rotterdam oder Zeebrügge nach England fahrenden Fähren, aber größer als ich es vermutet hatte, waren sie schon. Und obwohl die Ankunft auf den Shetland Inseln erst für 10:00 Uhr am nächsten Tag geplant war, stand ich schon um 06:30 Uhr auf dem Oberdeck, um ja keine der vielen neuen Inseln zu verpassen. Denn etwa auf halber Strecke zwischen den Orkneys und den Shetlands liegt die Insel „Fair“, die aufgrund ihrer isolierten Lage nur ganz selten besucht wird (oder werden kann). Aber an Fair Isle waren wir um 06:30 Uhr bereits vorbei gefahren! Leider. Aber kurze Zeit später tauchte bei morgendlichem, goldenen Licht die hohe Südspitze der Hauptinsel Mainland auf und man konnte den Leuchtturm am Sumburgh Head gut erkennen. Die Einfahrt in das geschützte Hafenbecken von Lerwick, die Zeichen städtischen Lebens waren von einem besonderen Gefühl meinerseits begleitet. Der Zauber des erstmalig Erlebten. Hier war er wieder!

Die Shetland Inseln liegen gute 270 Kilometer nördlich vom nördlichsten Punkt Schottlands (John o’ Groats) entfernt. Es sind etwa 100 größere und kleinere Inseln, von denen 1990 zumindest noch 21 besiedelt waren. Heute sollen es nur noch 18 Inseln sein, auf denen Menschen nach den modernen Erfordernissen und Wünschen überleben können. Die Shetland-Inseln sind damit die äußerste Inselgruppe des Vereinigten Königreichs, liegen aber nur rund 80 Kiometer nordöstlich der nördlichsten Orkney-Insel North-Ronaldsay am Übergang der Nordsee zum Atlantischen Ozean, entfernt. Die kleine Inselgruppe, obwohl scheinbar weit abgelegen, hat sehr wechselhafte Zeiten erlebt – so hinterließen sowohl die Pikten als auch später die Wikinger ihre Spuren dort. Kilt, Tartan und Dudelsack gehören nicht zum kulturellen Erbe der Inseln, auch wenn die moderne Zeit mit den damit verbundenen Erwartungen der Besucher, den einen oder anderen Dudelsack auf die Inselgruppe gespült hat. Heute sind es nicht mehr die Wikinger, die die Inseln prägen, sondern die Ölindustrie mit all ihren Folgen. Man muss ein wenig hart im Nehmen sein, wenn man dort leben oder auch nur reisen will – selbst im Hochsommer geht das Thermometer selten über 15 Grad Celsius. Die Winde sind rau und häufig; regenfreie Perioden sind meist kurz. Dennoch haben die kargen Inseln mit ihren Steilküsten und den noch immer in Herden umherziehenden Shetland-Ponys, die sie in aller Welt bekannt gemacht haben, für wetterfeste Reisende ihren Reiz, und man muss auch kaum mehr als 5 Kilometer aus der Hauptstadt Lerwick hinausfahren, um die Einsamkeit der braunen Hügel zu erleben. Egal in welche Richtung. Ich erinnere mich auch noch lebhaft an den kleinen Beagle Hund, der nach der Ankunft im Hafen von Lerwick in der Ankunftshalle des Terminals über alle Gepäckstücke sprang und daran schnüffelte, so als ob er einen Wettbewerb im Wettschüffeln gewinnen wollte! In jede kleine Ritze steckte das Kerlchen seine feine Nase. Drogen fand er an diesem Tag jedenfalls nicht.

Ankunft in der Inselhauptstadt Lerwick

Und sogleich beginnen sich die Geschichten sich zu überschlagen! Wieder mal ein Füllhorn davon! Gleich am Hafenbüro stand (und steht noch heute) ein für die Verhältnisse riesig oder gar gigantisch wirkendes Hotel der 4**** Kategorie. Damit hatte ich so nicht gerechnet, auch wenn ich wusste, dass die Shetland Inseln zu den wohlhabendsten Regionen Schottland gehörten, weil man hier seine Vorteile aus dem Öl-Geschäft bezog. Das luxuriöse Hotel wurde für die „Öl-Kongresse“ gebaut, um den einfliegenden Managern aus allen Teilen der Welt eine komfortable Schlafstätte zu kredenzen. Vor dem Hotel war der Treffpunkt mit unserer einheimischen Inselführerin ausgemacht. Dort stand auch eine ältere Dame, aber ich hätte sie eher am heimischen Herd verortet, oder damit beschäftigt, ihren Enkeln Geschichten aus dem Märchenbuch vorzulesen. Sie trug – passend zu ihren grauen Haaren – eine graue Wolljacke über einer Schürze! Zumindest wirkte es so, denn als sie sich Bus und Gruppe näherte wurde erkennbar, dass es sich um ein Kleid handelte, welches einer Schürze frappant ähnelte. Sie stellte sich als Margarete vor, erklärte, dass sie die einzige deutschstämmige auf den Inseln sei und dass sie nun eine Führung mit uns über die Inseln machen würden und alle freuten sich darauf. Aber? Nicht mehr lange darüber!! Ich hatte mir natürlich detaillierte Landkarten zur Reiseroute besorgt und verfolgte jeden unserer Schritte auch auf der Karte. Nach wenigen Minuten waren wir in südliche Richtung fahrend schon wieder aus Lerwick hinaus gefahren und rollten nun auf der Inselhauptstraße, der A970 in Richtung Sumburgh, wo sich auch der Flughafen der Shetlands befindet, an dem die Manager der Öl-Konzerne zu 100% ankommen. Links von uns konnten wir bei blendendem Sonnenschein (von wegen Dauerregenloch) den am besten erhaltenen piktischen Broch ganz Groß-Britanniens erkennen, den Broch of Mousa auf der Insel Mousa. Ich nahm mir in diesem Moment fest vor, diese Insel irgendwann einmal zu besuchen. Das habe ich dann aber erst zusammen mit meiner schottischen Lebensgefährtin drei Jahre später geschafft. Dann war ich 2011 und 2017 nochmal mit einer Gruppe dort. Es ist eine magische Insel, ein magischer Ort, weshalb ich mich auch noch an jeden einzelnen Besuch heute noch erinnern kann.

Der Broch of Mousa auf der Insel Mousa

Die ersten Unstimmigkeiten zwischen der Schürze tragenden einheimischen Reiseleitern und mir gab es, nachdem wir an einer der bekanntesten Touristen-Attraktionen der Shetland Inseln ankamen. Ganz unten im Süden, schon am Rand der Südspitze gelegen, liegt der sogenannte Jarlshof. Er ist die bekannteste prähistorische archäologische Stätte auf den Inseln. Die dicht konzentrierten Bauten umfassen Gebäude, die schon in der Bronzezeit dort gestanden haben und die denen von von Skara Brae auf Orkney sehr ähnlich sind. Eines davon wird als Heimstatt eines irischen Bronzeschmiedes angesehen. Die Anlage umfasst einen durch Erosion halb zerstörten Broch aus der Eisenzeit und Gebäude aus der Zeit der Pikten. Zudem finden sich hier Langhäuser der Wikinger sowie ein mittelalterliches Bauernhaus. Das Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert wird dann allerdings in Walter Scotts Novelle „der Pirat“ erwähnt, so dass man vor lauter Scott-Roman-Geschichten-Leserei die prähistorischen Stätten ganz übersehen hat. Sie wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt beziehungsweise verstanden. Der Name der Anlage kann getrost als fiktiv bezeichnet werden und geht – wie viele Dinge im so oft falsch verstandenen Schottland – auf Walter Scott zurück. Ein Besuch der Anlage war natürlich im Reiseprogramm inkludiert und ich erwartete – basierend auf meinen bisherigen Erfahrungen – dass unsere Führerin nun auch eine Führung durch die Anlage machen würde! Doch sie wies uns nur den Weg zum Kassenhäuschen, machte dann kehrt und steuerte auf die Eingangstür des daneben liegenden Cafés zu. Was sollte das denn? Ich eilte ihr nach und fragte, ob sie uns denn nicht durch die Anlage führen würde. Mit erstaunten Blicken sah sie mich an und ließ verlauten, dass das nicht ihre Aufgabe sei, sie würde die Anlage ja auch gar nicht kennen.

Gebäude auf dem “Jarlshof” / Sumburgh

Und so lüftete sich ihr Geheimnis: unsere schottische Agentur hatte lange und gleichermaßen vergeblich nach einem qualifizierten Fremdenführer auf den Inseln gesucht, der der deutschen Sprache mächtig war. Die gab es aber nicht, so das man kurzerhand Frau Margarete ansprach, ob sie den Job würde übernehmen wollen. Sie tat das nur ungern, wollte aber eine Gruppe aus ihrer alten Heimat nicht führungslos auf der Hauptinsel umher springen lassen, so dass sie am Ende einwilligte. Das erklärte auch den dürftigen Schwall ihrer Erklärungen zu Land und Leuten auf den Inseln, den sie uns auf der Fahrt hierher hatte zukommen lassen! Na gut, alte Steine anschauen, sich ein Bild machen und später die notwendigen Informationen in der Broschüre (die gab es zum Glück auch in einer deutschen Fassung) nachlesen würde schon mal gehen! Die Gruppe willigte ein und so verbrachten wir die nächsten zwei Stunden damit, uns die Anlage anhand der Broschüren zu erschließen. Es funktionierte ganz gut! Jeder entdeckte irgendwo irgendwas, über das er oder sie dann den Rest der Gruppe informierte. Am Ende waren wir voll des neuen Wissens und Margarete hatten inzwischen sicherlich drei bis vier Tassen Tee getrunken. Nun war ich vorgewarnt und auch etwas vorsichtiger! Vom Jarlshof führte eine sehr, sehr (wirklich sehr) schmale Straße windungsreich hinauf zum höchsten Punkt, dem Leuchtturm am Sumburgh Head. Dort sollte es die größte Kolonie von Papageitauchern auf ganz Shetland geben, zudem überwältigende Ausblicke auf das Meer. Ob denn die Straße für den Bus machbar sei, hörte ich mich fragen. Es war ja kein Kleinbus, sondern ein ausgewachsener Riesen-Oschi mit 12 Metern Länge, 2,5 Meter Breite (ohne Spiegel), 13 Tonnen Leergewicht und 3,80 Metern Höhe. Ich hatte dort oben nur ein Wohnmobil gesehen, welches nach dem Ende unserer Besichtigung des Jarlshofes an uns vorbei gerattert war. Ihre Antwort war eindeutig: klar, das würde auf jeden Fall gehen, weil es ja auch eine Busverbindung zwischen Lerwick und dem Leuchtturm gäbe! Aha? Also los und auf einer Strecke, deren Asphaltdecke nicht mehr so breit war die die Achsbreite des Busses, den Berg hinauf gefahren. Im Rückspiegel konnte ich erkennen, dass die Räder meines Fahrzeuges zur Hälfte die Grünfläche neben dem Asphalt zerfurchten. Das Gras sah dann nach der Berührung mit meinem Bus gerupft aus! Vorher war es aber tadellos in Ordnung. Das bedeutete, dass hier nicht viele Busse fahren würden! Wenn überhaupt!

Auf den folgenden drei Kilometern habe ich die Nerven meiner Fahrgäste stark strapaziert. Einige von Ihnen wollten dann doch lieber hinauf laufen, weil sie nicht mehr daran glaubten, dass unser Reise-Ungetüm es schaffen würde, oben anzukommen. Plastisch dargestellt sah es an einigen Stellen so aus, als ob Godzilla in einer Ameisenstadt den Eingang zur Bahnhofsmission würde finden wollen. Die Hälfte der Reisetruppe verabschiedete sich damit aus dem Fahrzeug und strebte per Pedes dem fast 300 Meter hoch gelegen Ziel zu. Ich war bis an die Haarspitzen motiviert, galt als Naturtalent was das Bewegen großer Fahrzeuge anging und wollte es unbedingt beweisen. Margarete schien sich darüber zu wundern, dass ich solche Probleme hatte, das Ziel zu erreichen, da es doch eine Linienbus Verbindung zwischen Lerwick und dem Leuchtturm gab. Es war wohl ihrer Weisheit des Alters geschuldet dass sie sich nicht dazu verstieg zu sagen, dass es die einheimischen Busfahrer aufgrund ihrer Erfahrung wohl schlicht besser können würden als ich! Dann das einzige Gebäude auf dem Weg nach oben: ein verlassenes Wohnhaus, die Straße im 45° Grad Winkel drum herum, links eine steile Böschung. Das Ende? Nicht für das jugendlich übermotivierte ICH! Im Schleichgang vor und zurück, vier Männer aus der Gruppe an allen vier Ecken des Busses auf den Boden gelegt um darauf zu achten, dass das Fahrzeug nicht festgefahren wurde. Nach etwa 10 Minuten und gefühlten 100 vor und zurück Stößen gelang es mir, das große Fahrzeug bis auf einen Zentimeter an der noch vorhandenen Regenrinne des verlassenen Hauses entlang in die richtige Richtung zu bugsieren. Der Rest der Straße war zwar wieder schmaler als der Bus, aber Hindernisse dieser Art gab es nicht mehr. Wir erreichten sogar noch zeitgleich mit den Fußgängern der Gruppe den Parkplatz an des Meeres Rand. Und der Parkplatz war dann überraschenderweise so groß, dass ich den Bus dort bequem wenden und für die Anstrengungen der Rückfahrt bereitstellen konnte. Und? Tatsächlich, Margarete hatte Recht! Hier oben war eine Haltestelle für Linienbusse. Ein paar Minuten später kam dann auch einer! Ein umgebauter VW-Lieferwagen von stolzen 5,70 Meter Länge und 2 Meter Breite mit 8 Sitzplätzen! Der Fahrer kam staunend angelaufen nachdem er seinen einzigen Gast heraus gelassen hatte und meinte nur, dass er es nicht für möglich gehalten hätte, dass ein so großer Bus hier oben ankommen könnte. Ich verwies ihn auf die Führungs-Fähigkeiten unserer Reiseleiterin, schnappte mir die Kamera und machte mich in Richtung Klippe von dannen.

Papageitaucher an der Klippe von Sumburgh Head

Margarete unterhielt sich die gesamte Zeit über mit dem Fahrer des einheimischen Mikro-Linien-Busses. Sie sollte uns ja den Tag über führen und holte sicher ein paar Informationen zu dem weiteren Streckenverlauf ein. Zumindest tat sie bei der Weiterfahrt so, als hätte sie persönlich an der Brustwarze der Erkenntnis die Straßenpläne von ganz Shetland in sich aufgesogen. Die Kolonie der Papageitaucher war überwältigend, das gute Wetter und die Fernsicht auch. Ich vergaß schnell meinen Kummer, denn ich hatte – fahrtechnisch gesehen – neue Erkenntnisse gewonnen und schaffte deshalb auf der Rückfahrt den neuralgischen Punkt mit dem verlassenen Haus und der 45° Kehre auch in der halben Zeit. Erfahrung macht schon klug. Und wie ging die Geschichte aus? Nun ja, mit gemischten Gefühlen. Es ist mir in meinem Leben als Gruppenleiter nur zweimal passiert, dass eine mit Aufgaben betraute Person den Anforderungen des Berufes spontan nicht mehr gewachsen war und den Bus fluchtartig verließ und nie mehr gesehen wurde. Einmal war es ein Busfahrer, mitten in Rom, der an einem Kreisverkehr mit einem Nervenzusammenbruch aus dem Bus sprang, seinen Koffer schnappte und nie mehr gesehen wurde und die andere Person war Margarete! Schon auf dem Weg zurück nach Lerwick führte sie mich zweimal in eine Abzweigung, aus der der Bus nur mühsam rückwärts wieder hinaus kam. Und obwohl sie in Lerwick lebte und sich dort angeblich gut auskannte, leitete sie den Bus und uns nicht über die gewünschte Umfahrung der Stadt um nun auch dem Norden der Hauptinsel einen Besuch abstatten zu können, sondern mitten in die Stadt hinein, bis wir vor einem Fish & Chips Laden mitten in der Fußgängerzone standen und uns den peinlichen Fragen des herbei geeilten Dorfpolizisten stellen mussten. Von den mitleidigen Blicken der anderen Bewohner ganz zu schweigen.

Trotz aller Schwierigkeiten schafften wir es mit nur zwei Stunden Verzögerung, endlich die Straße in den Norden zu erreichen. Wir hatten viel vor, da wir letztlich nur diesen einen Tag für Besuche auf den Inseln zur Verfügung hatten. Morgen schon, um 11:00 Uhr sollte uns die Fähre zu den Orkney Inseln bringen. Wir wollten viel sehen und wurden von Margarete ein ums andere Mal in die Irre geführt. Mein Unmut wuchs, der der Gruppe auch. Sie lebte doch hier, sie sollte die Straßen kennen? Höhepunkt des noch immer sonnigen Tages sollte der Anblick der sagenhaften Insel Dore Holm sein. Bis dahin hatten wir aber von Lerwick aus noch ein paar gute Kilometer zu fahren! Über 60 Kilometer um genau zu sein. Auf kleinen, schlechten Straßen wohlgemerkt mit einem dafür im Prinzip viel zu großen Bus. Aber „geht nicht – gibt’s nicht“ hatte ich gelernt. Dann, auf einer relativ überschaubaren Strecke zwischen Girlsta und Voe sah ich in der Ferne eine Baustelle. Ich bat Margarete, einen entgegenkommenden Autofahrer zu fragen, ob wir mit dem Bus da durch kommen würden. Sie folgte meiner Bitte, das nächste Auto hielt an und sie erhielt die Antwort: der Mann hatte keine Ahnung und wollte deshalb lieber zu der Frage nichts sagen. Aber Margarete! Hier auf dieser Strecke würden nun aber definitiv die großen Linienbusse fahren, weil die von Lerwick aus die Öl-Arbeiter nach Sullom Voe bringen mussten. Und zwar jeden Tag. Sie wirkte dabei sehr energisch und verwies darauf, dass auch ihr angetrauter Ehemann viele Jahre lang mit den Bussen dorthin zu seinem Arbeitsplatz gefahren war. Die großen Busse, die durchaus das Format meines eigenen hatten, hatte ich gesehen, in Lerwick! Also weiter! An der Baustelle war die Straße nach längeren Regenfällen weggespült worden, man hatte eine Interimspiste gebaut, die sich bedenklich steil absenkte und sich auf der anderen Seite ebenso bedenklich steil wieder erhob, bevor man wieder die alte Straße erreichte. Ich hatte Bedenken, wollte aber auch so gerne noch den wilden Norden der Hauptinsel sehen. Wer wusste denn schon, ob ich jemals wieder hierher kommen würde. Margarete motivierte mich, es zu versuchen. Sehr langsam ließ ich den vorderen Teil des Busses in die Senke rollen. Leider konnten mir auch die zur Verstärkung im Außenbereich des Fahrzeugs postierten Mitreisenden nicht genau sagen, ob der Bus schon Gefahr lief, den Boden zu schrammen, da in der Senke ja noch der wieder auf normalen Pegel abgesunkene Fluss floss.

Und Margarete flog davon…….

Margarete motivierte mich weiter, bis es dieses etwas zu laute Kratzgeräusch gab, welches davon Zeugnis ablegte, das der vordere Teil des Busses den Boden erreicht hatte. Nun, nicht alle werden sich mit den Feinheiten des Fahrens eines Busses auskennen? Wenn man nach dem aufsetzen wieder zurücksetzen will und es ein noch lauteres Kratzgeräusch und auch das Gefühl des Festhängens gibt, dann sollte man es vermeiden, durch brachiale Gewalt den Bus sofort wieder zu befreien, sondern sich erst einmal einen Überblick über die Gesamtsituation verschaffen. Ich bat Margarete, ihren Platz zu räumen (gut, vielleicht ein wenig zu brüsk? Aber angeschrien habe ich sie nicht) damit ich nachprüfen könne, was sie denn jetzt wieder verbockt habe. Als ich zum Flussbett hinunter gestiegen war konnte ich erkennen, dass sich eine Metallplatte aus der Baustelle hinter der Stoßstange des Busses verklemmt hatte. Da war Arbeit zu tun und als ich bemerkte, das hinter dem Bus ein Fahrzeug aus Richtung Lerwick angefahren kam (der hätte jetzt ohnehin hier nicht mehr vorbei fahren können), bat ich Margarete, diesen Mann zu bitten uns ein wenig Hilfe zu leisten. Das letzte, was ich von Margarete sah, waren ihre entsetzt blickenden Augen als sie die Beifahrertür des Wagens öffnete, einstieg, kurz mit dem Fahrer sprach, der den Wagen wendete und über die einsame Straße durch die schöne Wildnis der Shetland Inseln davon brauste. Mit ihr! Auf Nimmerwiedersehen.

Wie es dann weiterging? Das steht auf einem anderen Blatt.

Das nächste Mal dann.

RR

Juni 2020

2 Comments
  • Flory
    Posted at 12:46h, 30 Juni Antworten

    Ja… Schottland ist in meiner Erinnerung geblieben, als das Land wo man ausschalten kann, die stille Ruhe nirgendwo bis jetzt wieder füllen konnte, wie auch das Raue… Es ist spannend, vielen Dank und bis demnächst…

  • Dagmar
    Posted at 19:50h, 03 Juli Antworten

    Ob mit ähnlichen oder neuen Puberlebnissen, Busabenteuern, Ferries mit all ihrem Komfort, sicher mit frühen Blicken auf Wasser und Land zu und von den Orkney Inseln
    und all dem wohl Geplanten der neuen Klassik Schottlandreise….

    Vorfreude wird immer größer auf 2021 im Juni …?..

    .wenn uns Corona hoffentlich aus seinem Würgegriff entlassen hat und wir mit Roland
    Schottlands Geschichte, Gegenwart, Landschaft, Tieren, Menschen und……erleben können.
    Dabei sind diese kurzweiligen intensiven Einblicke – die Du uns hier gibst – die beste Vorbereitung auf einekommende Reise
    und in dieser momentanen “fesselnden” Zeit eine Möglichkeit des geistigen Reisens ” am Heimatort – danke!
    und gerne wieder hier, wenn Du Deine Gedanken-und Gefühlsreise weiter vortragen wirst…

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