Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 01

Reisen in der Retrospektive – Schottland 1984 – 2019 – Teil 01

Geschichten und Geschichte findet man in dem Land, über das ich nur ansatzweise versuchen kann zu schreiben, hinter jedem Stein, auf jedem Feld, in jeder Stadt. Es ist auf Reisen ohnehin von elementarer Bedeutung, zuzuhören, sich einzufühlen und nachzufragen, wenn man die Zusammenhänge und die Andersartigkeit verstehen will. Doch wie finde ich aus dem Füllhorn der Geschichten die heraus, die es zu erzählen lohnt? Viele Menschen haben gute Geschichten aus ihrer Vita zu erzählen. Manche halten sich aber selbst nicht für wichtig genug, um sie weiter zu geben. Meine Herangehensweise, zuzuhören, sich einzufühlen und nachzufragen hat immer und überall auf der Welt erinnerungswürdige Geschichten in meinem Gedächtnis hinterlassen, besonders viele (auch persönliche) in Schottland. Ich habe in diesem mystischen und trotzdem so falsch gesehenen Land einige geborene Geschichtenerzähler/-innen kennengelernt. Der alte Mann auf den Shetland Inseln, die junge Bedienung in einem Restaurant auf den Orkney Inseln, meine damalige Lebensgefährtin und ihr Vater, der zufälligerweise auch noch eine Professur für Geschichte an der Universität in Edinburgh hatte. So viele individuelle Geschichten in einem an Überlieferungen und Erzählungen so reichen Land. Ich bin von allem Anfang an nie mit einer gewissen Planung oder Vorstellung nach Schottland gereist, auch nicht als ich damit begonnen hatte, meinen Lebensunterhalt als Berichterstatter und Reiseleiter im Norden der britischen Insel zu gestalten. Alles nahm von Anfang an immer einfach so seinen Lauf und gibt mir heute das Gefühl, so das „wahre“ Leben kennengelernt zu haben, auch wenn dies in einer Zeit, die von „systemrelevanten“ Zusammenhängen geprägt ist, offensichtlich bedeutungslos geworden ist.

Die Nationalblume Schottlands: die Distel

Natürlich könnte ich es so aufziehen, dass ich in einem Kurzbericht (der sicherlich viel häufiger gelesen werden würde) eine Reihe von Zahlen und Fakten darstelle und mit gelegentlichen Geschichten und Erlebnisse garniere. Doch immer wenn ich in meinem Kopf eine gewisse Planung angeschaltet hatte, um mich auf den Weg zu neuen Ecken zu machen, kam ich aus dem loslassen dieser Vorgaben gar nicht mehr heraus. Schottland will ich beschreiben, indem ich wenige Fakten, aber viele Geschichten serviere! Es geht nicht anders! Seitdem ich 1984 meine erste Reise dorthin gemacht habe, werde ich jedes Mal von Staunen erfasst, wenn ich die Grenze überschreite. Ich selbst musste in Alba (schottischer Eigenname) immer einfach nur zuhören und mitschreiben, oder mir die Informationen merken. Die Schotten erzählen allgemein viel, interessant, spektakulär und immer ein bisschen persönlich, was sie von den Engländer/-innen wohltuend unterscheidet. Es wimmelt in ihren Geschichten von Archetypen, Problemen, Hindernissen und Konflikten. Ich habe es nie als meinen „Job“ verstanden, diese Elemente in den vorgetragenen oder miterlebten Geschichten herauszuhören, es bemächtigte sich meiner mit einer ungeheuren Wucht, so dass Schottland am Ende ein Teil meines Lebens wurde. Über Jahrhunderte gab es große Gegner des Clan-Landes im Norden, in der Anfangsphase bis in die heutige Zeit. Es gab so viele Wendungen in der Geschichte dieses Landes, dass es im Prinzip auch im Umweg über seine Geschichte für jeden etwas hat.

Jede Rückfrage von mir, die ich meinen Begegnungen stellte, hat weitere Geschichten getriggert. Und so habe ich heute das Problem, dass ich zu viele Geschichten in mir aufgenommen habe. Ein wenig fürchte ich mich fast vor der Aufarbeitung der in Schottland gemachten Erlebnisse! Wird es möglich sein, einen Bogen zu spannen, der den richtigen Einblick gibt und trotzdem Niemanden über- oder unterfordert? Ich bin mir nicht sicher und weißt auch nicht, welche Geschichten ich denn nun nehmen soll! Am meisten interessierten mich persönlich immer die Geschichten der Menschen in den Ländern, die ich bereiste. Wie standen sie in ihren Leben, in ihren Gemeinschaften? Wie waren diese Menschen selbst betroffen von dem stetigen und teils brutalen Wandel der Geschicke auf ihrer Insel? Welche Hindernisse mussten sie überwinden, wie konnten sie ihre hingebungsvolle Leidenschaft für die „schottische Sache“ und ihre privaten Leben unter einen Hut bekommen? Schottland ist für mich immer ein Land geblieben, in das mich die Sehnsucht zurück geführt hat. Immer und immer wieder. Als Reiseleiter, als Photograph und Journalist. Es war am Ende kein Wunder, dass ich den Mut fasste im Jahre 2001 mein eigenes Reiseunternehmen zu gründen, auch weil ich der schottischen Sache intensiver gerecht werden wollte, als dass die Angebote der Reiseveranstalter zugelassen hätten. Ich hatte immer den Vorsatz den Schotten/-innen zu helfen, richtig verstanden zu werden.

Hohe Niederschläge im Westen erzeugen üppige Vegetation

Natürlich werde ich drumherum die Geschichte des Landes zu erzählen versuchen. Und die der königlichen Geschlechter auch, obwohl ich alles andere als ein Royalist bin! Doch die Monarchie ist in Schottland ein vielleicht noch wichtigerer Kitt der Gesellschaft als in England und muss schon allein deshalb Erwähnung finden. Außerdem habe ich meine „royalen Begegnungen“ vor allen Dingen in Schottland und weniger in England gehabt. Eine Moral von der Geschichte über die Geschichten wird es aber nicht geben, nicht geben können. Erzählenswertes gibt es in diesem Land überall. Geschichten umgaben mich von Anfang an und warten nun darauf, erzählt zu werden. Auch als Reise-Unternehmer habe ich fantastische Geschichten auf Lager, da ich seit 1984 mindestens 100 Mal auf längeren und kürzeren Reisen mit Menschen, die sich meiner Führung anvertraut hatten, im Land unterwegs war. Diese Geschichten kann ich in meinem Erinnerungsraum jederzeit finden und ich traue mich auch, sie zu erzählen. Schon seit ich damit begonnen habe die „Reisen in der Retrospektive“ niederzuschreiben (noch immer Corona- und Lockdown bedingt) kreisen die Gedanken nun wieder um das Thema: Wie bereite ich eine Geschichte über das Erzählen von Geschichten so auf, dass es die Leute auch interessiert? Ich habe schon ein paar Texte dazu geschrieben, die ich aus unterschiedlichen Gründen nicht veröffentlicht habe. Rohfassungen von späteren Texten und schnell herunter geschriebene Gedanken sind immer meine Begleiter gewesen. Auch wenn ich beim Thema Schottland im Prinzip keine Gedanken mehr niederschreiben muss, damit ein noch unbearbeitetes Skript entsteht! Die Geschichten und Erlebnisse haben sich in den letzten 36 Jahren in meinem Inneren manifestiert und sind jederzeit abrufbar. Die schiere Masse davon könnte zu einem Problem werden?

Und so schwirren sie nun, die Gedanken. Ein zusätzliches Problem sehe ich darin, dass oft drei oder mehr Geschichten in einer stecken! Bei diesem Schottland-Projekt habe ich mehrere Strukturen, und die Erzählstränge überschlagen sich geradezu. Vielleicht schaffe ich es, die Struktur hinter den Geschichten zu erklären? Es soll auch deutlich werden, warum Menschen so sehr von Geschichten leben und zehren. Und schließlich soll noch eine große Geschichte in die Gesamt-Geschichte hinein, um die Geschichte über die Geschichten besser zu illustrieren. In einer Zeit, in der Künstler ganz offensichtlich nicht systemrelevant sind und in großer Zahl ihre kleinen und bescheidenen Existenzen verlieren, bietet ein Reisebericht über Schottland vielleicht die Möglichkeit – schonungslos und offen – zu erklären, warum das so ist und warum der Mensch dadurch auf seinem falschen Weg noch schneller falsch voran schreitet. Alles klar? Ich werde versuchen, einen Überblick zu geben – mehr als ihn die „normale“ Reiseliteratur und das Scheinwissen um Schottland liefern können. Ich sehe schon klarer, aber der Umfang bleibt bedrohlich, scheint ein unüberwindbares Hindernis zu sein. Ich weiß, wohin ich die Leser führen möchte: Storytelling ist schließlich nicht nur toll, sondern macht uns auch anfällig für Manipulation. Storytelling ist letztlich auch an Kriegen und grausamen Verbrechen beteiligt. Jetzt weiß ich, wie ich anfangen werde. Und ich habe schon mal eine Idee, wie die ersten drei Geschichten innerhalb der großen Geschichte verlaufen sollen.

Der “Old man of Hoy” – Orkney Inseln

Juli 1996: St. Margarets Hope / Orkney

In den vergangenen Jahren, seit 1991, hatte ich mir als Reise-Berichterstatter in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen guten Namen gemacht. Als sprachliches Hochtalent moderierte ich meine Veranstaltungen stets live und bemühte mich, einen individuellen, möglichst authentischen Blickwinkel auf die fremden Länder, Menschen und Kulturen zu kultivieren. Der damaligen Erfolge gaben mir Recht und in schneller Folge hatten wir nach einem Reisebericht über Neuseeland einen über Australien und über den Westen der Vereinigten Staaten von Amerika auf den Markt gebracht. Es wimmelte damals vor Reise-Referenten auf dem Markt, wobei ich noch immer unterstelle, dass die Vortragenden damals zu 99% entweder von dem Wunsch getrieben waren, sich in diesem gut laufenden Geschäftsmodell zu bereichern, oder dass sie schlicht ihre Profil-Neurosen ausleben wollten um im Rampenlicht zu stehen und die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Publikums genießen zu können. Es gibt weitaus mehr von Profilneurosen Betroffene Menschen als allgemein angenommen! Vermutlich kennt jeder jemanden, der im Verein, auf der Arbeit oder sogar in der eigenen Clique beweisen muss, dass er (oder seltener sie) unbedingt an vorderster Front im Rampenlicht stehen sollte. Menschen mit Profilneurose können anstrengend sein. Es ist ja normal, dass es einen gewissen Konkurrenzkampf auf der Arbeit gibt und jeder ist im tiefsten Inneren davon überzeugt, die Dinge am besten erledigen zu können. Wichtig ist dann aber ein Mindestmaß an Reflexionsvermögen und eine größtenteils entspannte Haltung, die anderen Menschen ebenfalls Raum lässt und Fähigkeiten zugesteht. Beim Profilneurotiker ist das leider nicht so: es gilt das uneingeschränkte ICH.

Die Definition der Profilneurose lautet schlicht: Selbstbeweihräucherung als Lebensaufgabe! Ich, ich, ich! – Jeder kennt diese Menschen, die immer genau Bescheid wissen und ständig hervorheben müssen, wie klug und wie toll sie doch sind. Obwohl also eine Vorstellung davon existiert, was eine Profilneurose ist, handelt es sich eher um einen Begriff aus der Umgangssprache. Doch was bedeutet das? Hinter einer Profilneurose steckt die geradezu zwanghafte Angst, zu wenig zu gelten, nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, die man glaubt, zu verdienen. Dies vor allem im beruflichen Kontext zu beobachten. Es mündet jedenfalls in entsprechenden Anstrengungen, sich vor anderen Menschen ständig beweisen zu müssen. Es scheinen überwiegend Männer von Profilneurosen betroffen zu sein! Das Streben nach Beachtung durch andere zeigt sich darin, dass die Betroffenen immer wieder betonen müssen, was sie alles leisten und können. Wem der Begriff der Profilneurose nicht passt, kann auch Besserwisserei, Geltungssucht und Selbstinszenierung verwenden. Umgeben von zahllosen Mitbewerbern, denen es um Geld oder Selbstinszenierung ging, musste ich in der Reiseberichterstatter-Branche meinen eigenen Weg finden, um wirtschaftlich zu überleben und neue Projekte in Gang setzen zu können. Da die Themen Neuseeland & Australien sehr viel Aufmerksamkeit und Zuspruch generiert hatten fragten wir uns folglich, welche Themen man dem geneigten Publikum denn in Zukunft anbieten könne, um genügend Einnahmen zu erzielen um fort zu existieren und die hohen Vorlaufkosten für die Erstellung einer solchen Länder-Präsentation auch wieder einzunehmen?

Schottland im Winter: Kurze Lichtphasen – wenig Regen

Im dritten Jahr entschieden wir uns deshalb für den Westen der USA, auch wenn dieses Thema landauf und landab schon ziemlich abgeklappert war. Das war 1994 und mein Lebensweg hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits in eine langfristig geplante Lebensbeziehung mit einer jungen Frau aus Schottland (genauer gesagt: von den Orkney Inseln) geführt. Wir pendelten damals ständig zwischen Deutschland und Schottland hin und her, da keiner von beiden zum damaligen Zeitpunkt seine berufliche Position verändern konnte oder wollte. Die Familie meiner damaligen Lebensgefährtin wohnte auf dem Gelände einer schon seit Jahrhunderten bewirtschafteten Farm auf einer kleinen, der Hauptinsel Mainland vorgelagerten Insel. Die Familie hatte mit hohem Aufwand das alte „Langhaus“ modern ausgestaltet, einen Wintergarten angebaut, von dessen Terrasse man nicht nur das dröhnen der Wellen des Meeres, das sich geräuschvoll an der Steilklippe – keine 20 Meter hinter dem Haus gelegen – brach, sondern man konnte auch das Geschrei der vielen Seevögel und das Piepsen der Austernfischer zufriedenstellend hören. Wann immer es meine Zeit erlaubte, saß ich auf diesem Platz und gab mich meinen Gedanken hin. Der Vater des Hauses hatte seine Stelle als Honorar-Professor für schottische Geschichte an der Universität von Edinburgh vor längerer Zeit aufgegeben, um nur noch für seine Frau und seine drei Kinder auf der Insel da sein zu können. Beide Eltern arbeiteten deshalb nun als Lehrkräfte an einer Schule in der Inselhauptstadt Kirkwall. Die Bewohner der kleinen Inseln südlich der Hauptinsel Mainland waren früher immer nur Landwirte oder Fischer und kamen in der Regel höchstens einmal im Jahr in die Hauptstadt. Viele von ihnen lebten ihre Leben ohne jemals einen Fuß in Kirkwall gesetzt zu haben.

Doch das Leben auf den Südinseln änderte sich vollständig, nachdem dort die Churchill Barriers errichtet wurden. Die vier Dämme ließ der britische Premierminister Winston Churchill im Zweiten Weltkrieg errichten, um die in der Bucht von Scapa Flow liegende britische Flotte besser vor weiteren Angriffen von U-Booten der deutschen Kriegsmarine zu schützen. Am 14. Oktober 1939 hatte dort das deutsche U-Boot U 47 das Schlachtschiff HMS Royal Oak versenkt, wobei 833 Mann ums Leben kamen. Mit dem Bau der Anlage begann man bereits im Mai 1940, wobei die Bauarbeiten erst am 12. Mai 1945 mit der Eröffnung abgeschlossen wurden. Die Dämme verbanden danach die Hauptinsel Mainland über die Inseln Lamb Holm, Glimbs Holm und Burray mit South Ronaldsay. Von nun an war es möglich, einen Arbeitsplatz in Kirkwall zu haben und auf einer der vorgelagerten Inseln zu wohnen und zu leben, da eine Fahrt in die Inselhauptstadt nun nur noch etwa 15 Minuten dauerte. Die Zeit der Halbtagesreisen mit Booten war damit für alle Zeit vorbei. So wurde die Möglichkeit geschaffen, eine neue Bevölkerung auf den südlichen Inseln anzusiedeln, die zum Beispiel als Lehrkräfte in Kirkwall arbeiteten und auf den südlichen Inseln lebten. Die Vorfahren meiner damaligen Lebensgefährtin waren allesamt Landwirte und hatten ihre bescheidenen Leben ausschließlich auf ihrer überschaubaren Heimatinsel zugebracht. Die Generation der Eltern meiner Freundin war die erste, die einen anderen Lebensentwurf planen konnte. Es war eine intellektuelle Revolution auf die Inseln gekommen und in der Person des Vaters meiner Freundin hatte ich einen gütigen und an meinem beruflichen Fortkommen interessierten Menschen getroffen, der die ruhmreiche Geschichte seines Landes stets besang und mit Wissenskompetenz unterfüttern konnte.

Große Raubmöwe – Skua oder Bonxie genannt

Etwas, dass ihn stets umtrieb war die Sorge darum, dass er diesen Planeten eines Tages würde verlassen müssen, ohne der Welt die Augen darüber geöffnet zu haben, um welches Land es sich bei Schottland letztendlich wirklich handelte! Keine Frage: es gibt einen sehr hohen Anteil an gut über Schottland informierten Fans, die etliche Wälzer über das Land gelesen und schon einige Reisen dorthin gemacht haben. Schottische Unternehmen kultivieren dieses starke Interesse der Welt an dem nebeligen Nordland, indem sie ganze Heerscharen von „Pipe & Drums“ Bands um die Welt senden, um die Bedürfnisse und Sehnsüchte nach Schottland zu befriedigen. Doch handelt es sich bei Schottland möglicherweise um das am schlechtesten verstandene Land der Welt! Schottland erscheint der Welt als eine Art Summe von vielen Klischees! Die Welt (und die darin enthaltene große Gruppe der Schottland-Fans und Interessenten) reduziert Schottland auf „Highlands“, „Kilt“, „Tartan“ und „Dudelsack“ und vergisst generös, dass das Land weitaus mehr zu bieten hat als solcherlei Schwärmereien. Doch schon seit dem 7. Juli 1814 (spätestens) sitzen Millionen von Schottland Besuchern aus aller Welt dem Irrglauben auf, dass Schottland das sei, was sie dort erwarten würden. Aber warum ist das noch heute, auch in unserer gut informierten Zeit so?

16. April 1746 fand zwischen britischen Regierungstruppen und aufständischen Jakobiten auf dem Schlachtfeld von Culloden Moor (in der Nähe von Inverness) die Schlacht bei Culloden statt. Prinz Charles Edward Stuart (genannt Bonnie Prince Charlie) und seine etwa 5.000 Mann zählende Armee, die vor allem aus Männern aus den schottischen Highlands bestand, war durch Krankheiten, Hunger und schlechte Bewaffnung geschwächt und demoralisiert. Nach Monaten der Erfolge zogen sich die schottischen Resttruppen, als die militärischen Erfolge sich in Misserfolge gewandelt hatten, wieder über die Grenze nach Alba zurück. Zu Beginn der Schlacht eröffneten die weit überlegenen Geschütze des englischen Befehlshabers, Lord Cumberland (der zweitälteste Sohn von König Georg II. und damit niemals Prince of Wales) ein destruktives Feuer auf die Linien der Jakobiten, das deren schwächere Artillerie nicht effektiv erwidern konnte. Angesichts der steigenden Verluste gab Prinz Charles seinem General Lord Murray die Anweisung, den Angriff zu befehlen. Doch die Schlacht war verloren und dadurch verlor Schottland für fast 100 Jahre seine Identität. Wer das Land nicht verlassen konnte, musste sich den strengen Gesetzen der Engländer beugen. Die Bevölkerung wurde zunehmend zu einer unterprivilegierten Schicht, die in ständiger Bedrohung lebend ihre eigene Geschichte vergaß. Die schottische Sprache wurde verboten, der Dudelsack durfte nicht mehr gespielt werden das Clan-Wesen wurde zerschlagen. England hatte nach der Schlacht von Culloden Moor die Schotten im Sack und begann damit, sie sukzessive zu vernichten.

Schottland ging durch schwere Zeiten

Die Schotten verloren ihre nationale Identität. Erst als der Schriftsteller Walter Scott 1814 seinen noch anonym veröffentlichten Roman „Waverley“ herausgab, dessen Handlung in exakt jenem letzten Aufstand der Jakobiten angesiedelt war, erwachte schnell ein internationales Interesse an diesem an Geschichten so reichen Land. Der Roman machte auf Anhieb Furore und Scott hat damit den neuzeitlichen historischen Roman begründet (zumindest für den englischen Sprachraum). In rascher Folge schrieb er in den folgenden 10 Jahren eine in den Annalen der Literaturgeschichte kaum überbotene Fülle von weiteren historischen Romanen und Erzählungen mit schottischen Themen: Guy Mannering, Old Mortality, Rob Roy und viele mehr. Auch diese wurden ohne seinen Namen veröffentlicht, nur mit der Angabe, dass der Autor von Waverley diesen Roman geschrieben habe. Der Grund dafür dürfte in der Furcht Scotts gelegen haben, seinem Ansehen als solidem Juristen zu schaden. Denn Prosa galt seinerzeit als zweitklassig, wenn nicht gar als unseriös. Obwohl es nach und nach zum offenen Geheimnis wurde, wer der Autor war, hielt Scott bis 1827 an der Anonymität fest. Insbesondere nach seiner Erhebung in den Adelsstand 1818 betrachtete er das Romanschreiben als einen wenig angemessenen Broterwerb für einen Gentleman. Erst anlässlich eines öffentlichen Dinners in den Assembly Rooms in Edinburgh 1827 wurde das Geheimnis seiner Verfasserschaft offiziell gelüftet.

Hat also ein neuer Schreibstil dazu geführt, dass Schottland noch heute ein so falsch verstandenes Land ist? Scott wählte die Darstellung der Geschehnisse aus der Sichtweise eines mittleren Protagonisten im Sinne eines neutralen Helden. Damals war das eine komplett neue Erzählperspektive. Um die Wiedergabe der Vergangenheit gleichermaßen authentisch wie imaginativ eindringlich zu machen, griff er vornehmlich auf eine szenische Darstellungsmethode mit einem hohen Anteil an Dialogen zurück, die dazu beitrugen, die in den Romanen jeweils thematisierte entwicklungsgeschichtliche Etappe des Landes zu dramatisieren. In dem Zusammenwirken dieser verschiedenen Strukturelemente seiner historischen Romane ist Scotts grundlegende literarische Intention erkennbar, sich die Vergangenheit erinnernd anzueignen, um sie so in das Gegenwartsbewusstsein seiner Leser zu integrieren. Scott pflanzte seine Romane so sehr so in das Gegenwartsbewusstsein seiner Leser, dass diese begannen, auf „seinen“ Spuren durch Schottland zu reisen um das Schottland zu erleben, welches Scott in seinen Romanen für sie aufbereitet hatte. Und die Schotten? Diese waren dringend auf der Suche nach einer eigenen, nationalen Identität und man wollte den ins Land kommenden (Einkommen generierenden) Besuchern gerne das bieten, wofür sie gekommen waren. Und so stülpte man Schottland einen gigantischen Teppich aus Kilt, Tartan, Dudelsack und kitschigen Romangeschichten über, der die Würde dieses Landes geradezu karikierte. Schottland hat so unendlich viel mehr zu bieten als Whisky und Highlands und doch reisen noch heute über 95% der Schottland-Besucher dorthin, um sich auf den überlieferten Wegen und Geschichten eines Walter Scott oder Theodor Fontane dort zu bewegen. Ein Albtraum für einen Geschichts-Professor und bekennenden Nationalisten wie den Vater meiner damaligen Lebensgefährtin. Er wollte der Welt – möglichst noch zu seinen Lebzeiten – die Augen öffnen und wurde nie müde, die Fülle und die unbekannte Vielfalt seiner Heimat zu besingen. Und: er erwartete auch von mir, seinem damals geglaubten „baldigen Schwiegersohn“, dass ich diese Sichtweise übernehmen und mithilfe meiner verschiedenen Berufe in die Köpfe der Menschen in Deutschland bringen würde.

Walter Scotts Haus und Garten

Und so kommen wir zurück, zum Juli 1996. Auf einer Farm nahe des Städtchens St. Margarets Hope auf den Orkney Inseln. Nach längeren Diskussionen hatte mich die Familie meiner damaligen Freundin überzeugt, einmal eine Präsentation mit dem Thema Schottland aufzunehmen. Ich hatte Bedenken, große Bedenken! Gut, Schottland war ein wundervolles Land und hatte in Deutschland viele Bewunderer. Aber: es lag ja quasi vor der deutschen Haustür und warum sollte ein Zuschauer Eintrittsgeld für einen Reisebericht über dieses Land (im Großformat) bezahlen, wenn er oder sie doch einfach mal so dorthin würde fahren können? Weit entfernt liegende Traumziele waren da meines Erachtens sicher ergiebiger! Wir mussten ja auch darauf achten, dass wir genügend Einkommen mit dem gewählten Thema würden generieren können, um den Betrieb aufrecht zu erhalten! Wenn die Zuschauer ausbleiben würden, wäre der monetäre Strom versiegt und die Zukunft verschlossen. Am Ende ließ ich mich überzeugen, es zu versuchen. In den vergangenen Monaten hatte ich eine Vielzahl von aussagekräftigen Bildern gemacht, war zu allen Jahreszeiten einmal an fast allen Orten den Landes gewesen, um möglichst perfektes Bildmaterial zusammen zu bekommen. Schließlich verband mich zu dieser Zeit bereits eine seit längerem bestehende intensive Liebes-Beziehung zu Land und Leuten, so dass ich alles gegeben hatte, um es bestmöglich photographisch zu präsentieren. Da der Vater des Hauses wusste, dass ich damals meine Präsentationen immer live kommentierte und mit kraftvoller Stimme und Wortwitz kurzweilig gestaltete, wollte er gerne noch vor der Premiere wissen, was ich denn da von der Bühne herunter zum Publikum zu sprechen gedenken würde.

Mir war schon klar, dass er und seine Familie von mir erwarten würden, dass ich die Vorgaben des „anderen Schottland-Bildes“ präsentieren sollte. Aber mir gefiel dieser Gedanke nicht unbedingt. Es gilt stets, gewisse Markt-Mechanismen zu berücksichtigen. Die Zuschauer brachten gewisse Erwartungshaltungen mit, die man nicht allesamt brüskieren sollte! Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits negative Erfahrungen mit einer Länder-Präsentation mit dem Thema Australien gemacht, als ich einen Vortrag über den roten Kontinent aus der Perspektive der dortigen Aboriginals zusätzlich zum „klassischen“ Reisevortrag gestaltete und dem Publikum servierte. Die Menschen waren vollkommen überfordert mit dem Angebot, reagierten ablehnend und empört und der Gipfelpunkt wurde bei einem Vortrag in der Stadthalle in Friedberg/Hessen erreicht, als mich ein Mann mit kräftiger Stimme nach 10 Minuten der Einführung in die Kultur des Ureinwohner barsch unterbrach und mich wissen ließ (O-Ton) „dass er jetzt genug von den Schwarznasen gehört habe und dass ich endlich mit Bildern und Informationen zu dem Reiseziel rüberkommen solle, da er demnächst dorthin in Urlaub zu fahren gedenke“. Und nun verlangte man allen Ernstes von mir, dass ich die sinngemäße Vorgabe eines emeritierten Geschichts-Professors befolgen und den zukünftigen Zuschauern ein Bild kredenzen sollte, dass nur sehr wenig mit dem zu tun haben würde, was man so im Allgemeinen von einem Bericht über Schottland erwartete. Ich schrieb mein Gedanken-Skript nieder und fühlte mich beim Gang ins Wohnzimmer, wo der emeritierte Geschichts-Professor vor dem Fenster saß, nach draußen blickte und dabei genussvoll einen 18jährigen Macallan Whisky in sich hinein schlürfte, wie jener römisch-deutsche Königs Heinrich IV. bei seinem Gang zum Papst Gregor VII., als er diesen in der Burg von Canossa aufsuchen musste um sich demütigen zu lassen.

Das Dach / innen der St. Giles Kathedrale in Edinburgh

Mit sichtlicher Freude nahm Professor L. das Skript entgegen, setzte sich auf seinen Lehnstuhl auf der Terrasse und begann mit der kritischen Lektüre. Je weiter er kam (und seine Stirn legte sich sicherlich nicht nur wegen meiner orthographischen Fehler in Falten) desto unruhiger und brummeliger wurde er. Nach einer Stunde war er fertig und fasste seine Eindrücke in einem vernichtenden Fazit zusammen. Also war es doch der Gang nach Canossa? Er war enttäuscht, hatte er sich in den letzten Monaten so viel Mühe gegeben, um mich zu einem rechten Schotten umzuerziehen! Hatte er mir durch seine persönlichen, guten Kontakte bei Reisen durchs Land nicht Tür und Tor geöffnet, damit ich bestmögliche Bilder machen und Recherchen würde betreiben können? Ich war ihm ja schon entgegen gekommen und hatte diverse Einfälle, wenn ich sie für passend hielt, in den Ablauf integriert. Aber es reichte ihm nicht! Seine folgenden Worte werde ich niemals vergessen können.

Emeritierter Geschichts-Professor (O-Ton / übersetzt)

Junger Mann, das, was ich da in deinem Skript gelesen habe, das, was du in deiner Präsentation zu den Leuten wirst sagen wollen, entspricht doch zu 90% dem Müll, den die Literatur bis zum heutigen Tage über unser wundervolles Schottland verbreitet! Wie sollen wir denn die Sache zum Guten hin wenden, wenn sogar du unter der Erwartungshaltung des Marktes, von dem du glaubst, dass er keinen Platz für eine höhere Wahrheit hat, in die Knie gehst? Ich kann dich nicht zwingen, deine geplante Rede nochmal zu überdenken, aber ich empfehle mit Nachdruck, dass du das, was dir hier an Gastfreundschaft in meinem Haus in den letzten Monaten zuteil wurde, neu überdenkst. Lass dir von meiner Tochter helfen, sie ist sicher die richtige Person, wenn du es mich schon nicht machen lässt!

Emeritierter Geschichts-Professor (O-Ton / ENDE)

Ich war hin und her gerissen! Auf der einen Seite verstand ich mich schon als eine Art kreativer Kopf und nichts hätte mich mehr begeistert, als etwas vollkommen anders zu machen als alle anderen, die ja doch nur die eingeführten Plattitüden bemühten und die Allgemeinplätze verwalteten. Andererseits wollte ich meine Existenz auch nicht einbüßen! Ich hatte Pläne, wollte in diesem Beruf noch lange arbeiten und möglichst auch neue Akzente setzen. An diesem Abend berieten wir uns. Meine damalige Lebensgefährtin war ebenfalls zwiegespalten, gab dem Vater zwar prinzipiell recht, wusste aber auch nicht 100%ig, ob denn ein abweichen von meinen Plänen nicht am Ende zur Vernichtung meiner Existenz führen würde. Sie wollte mich sicherlich auch nicht als Wirtschaftsflüchtling an ihrer Backe kleben haben! So etwas reduziert die Attraktivität eines Mannes sicherlich ganz erheblich. Am Ende fassten wir einen Entschluss, auch wenn mir unwohl dabei war. Sie und ihr Vater sollten den Text zu den Bildern schreiben und ich würde das Ganze – ins Deutsche übertragen -, indem ich über die Bilder hinweg moderieren wollte, dem Publikum unterbreiten. Zur Not hatte ich ja noch die ursprüngliche Idee im Kopf und hätte bei beginnenden Unruhen im Zuschauersaal wieder zu den erwarteten Plattheiten zurückfinden könnten. Mit diebischer Freude im Herzen schlief ich an diesem Abend alleine ein, meine Freundin hatte es vorgezogen, zusammen mit ihrem Vater (und später wurden auch die Mutter und der Bruder hinzugezogen) mit der Arbeit an dem Skript zu beginnen, damit die Welt im Umweg über mich und meine Länder-Präsentation würde in Kenntnis darüber gesetzt werden können, dass Schottland etwas ganz anderes war, als allgemein vermutet.

Schottland: mehr als Kilt und Dudelsack

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war sie noch immer nicht zurück. Stattdessen hörte ich lebhafte Gespräche aus der Küche, wo sich die gesamte Kernfamilie nach getaner Arbeit zusammengefunden hatte. Sie hatten tatsächlich die Nacht über an dem Skript gearbeitet und es in den frühen Morgenstunden fertiggestellt. Mit einem Mona-Lisa-Grinsen im Gesicht überreichte man mir das (vermeintliche) Pamphlet. Nun war ich es, der sich zur Lektüre an die Klippenkante zurückzog um die Ergüsse auf sich wirken zu lassen. Erst stieg meine Verunsicherung, wich dann aber einer gewissen Gelassenheit bis ich zu dem Schluss kam, dass die in diesem Skript enthaltenen Ideen und Konzepte so gut seien, dass eine dadurch entstandene Insolvenz oder ein längerer Krankenhausaufenthalt (weil die Zuschauer laut buhend ihr Geld zurückfordern würden) akzeptabel wären. Damit hatte ich meinen inneren Frieden gemacht und konnte mich ab diesem Moment um die Ausgestaltung einer Präsentations-Tournee durch die deutschsprachigen Länder Europas machen, die Ende Oktober beginnen sollte. Heute bin ich nicht nur dieser Familie von den Orkney Inseln dankbar! Nein, ich danke auch mir selbst, dass ich damals kein störrischer oder besserwisserischer Esel war, der darauf bestand, dass die Dinge so gesagt werden sollten, wie sie erwartet wurden! Durch die Einlassung auf die Ideenwelt (und Erfahrungswerte) der Orkney-Familie entstand ein Produkt, welches geradezu wie ein Erdbeben einschlug. Bis zum Ende meiner Karriere als freiberuflicher arbeitender Reise-Journalist habe ich diese Präsentation sicher über 150 mal gezeigt. Die einsetzende Mund zu Ohr Propaganda sorgte dafür, dass ausgerechnet die Schottland-Produktion erfolgreicher war, als alle Vorgänger Produkte. Auch wenn es sich um die sogenannten Traumziele „Neuseeland“, „Australien“ oder „Westen der USA“ gehandelt hatte. Den Vortrag habe ich noch heute 1:1 im Kopf und könnte ihn jederzeit wieder reaktivieren. Allerdings gibt es die dafür notwendige Technik und die großen Mittelformatdias nicht mehr! Das Leben macht oft unverhoffte Wendungen und so blieb nur die Erinnerung.

Doch, gab es ein infernalisches Ereignis, dass die Beziehung zu Schottland von allem Anfang an zementierte? Im Prinzip nicht und irgendwie doch. Es geht dabei – wie in vielen Fällen – auch um die Bestätigung! In vielen Fällen kann man eine solche Selbstbestätigung von außen erhalten. Der Freundeskreis und die Familie etwa haben enorme Auswirkungen auf die Selbstbestätigung. Hier gibt es meist ein sehr direktes Feedback darüber, welche eigenen Handlungen und Entscheidungen auf Zustimmung stoßen – und welche mit Kritik oder Ablehnung behandelt werden. Gleiches gilt aber auch für den Arbeitsplatz, wo Kollegen, Vorgesetzte und auch Kunden die entsprechende Rückmeldungen zum eigenen Verhalten liefern, die entweder zur Selbstbestätigung beitragen können oder bewirken, dass man sein eigenes Handeln hinterfragt und gegebenenfalls ändert. Die wichtigste Selbstbestätigung kommt aber von innen. Wer sich selbst regelmäßig versichert, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet, tut eine Menge für sein Selbstbewusstsein und stärkt die Motivation, um weiterhin am Ball zu bleiben. Meine allererste Reise nach Schottland unternahm ich 1984. Zu dieser Zeit hatte ich als junger Mann schon eine Menge Erfolge als Reiseleiter für Kultur- und Studienreisen gesammelt und mein Ego gestärkt. Schottland stand weder auf meinem Reiseplan, noch hatte ich irgendwelche Gefühle der „Sehnsucht“ für dieses Land. Ich wusste, wo es lag, hatte Kenntnisse über die Geographie, Geologie und Geschichte, hatte Bücher über schottische Könige und Königinnen gelesen, war aber nicht unbedingt motiviert, dorthin aufzubrechen. Eine Art neutrale Zone wie viele andere Plätze der Welt auch.

Reiterstatue des Robert de Bruce in Bannockburn

Dann kam der Zufall ins Spiel. Bei einem meiner gelegentlichen Auftraggeber, der pro Jahr drei oder vier kürzere und längere Rundreisen durch Schottland im Programm hatte, erkrankte der Mann, der diese Touren als sein Spezialgebiet als Fahrer des Busses und Reiseleiter in Personalunion stets durchgeführt hatte, ernsthaft. Eine große 14tägige Kombinationsreise mit Besuchen von England / Schottland und Irland musste dringend neu besetzt werden. Da ich der Einzige aus der Gruppe der infrage kommenden Personen war, der des englischen fließend mächtig war, wurde ich gebeten, diese Tour zu übernehmen. Zu meiner Verstärkung sollten in Edinburgh, Glasgow, Dublin, Cardiff und Bristol einheimische Stadtführungen verpflichtet werden. Die Reiseleitung über Land & Leute allgemein wurde hingegen von mir erwartet. Da mir einer meiner Auftraggeber, der sehr daran interessiert war, mich langfristig an sein Unternehmen zu binden, den Erwerb eines Busführerscheins finanziert hatte, konnte ich nun ebenfalls als busfahrender Reiseleiter in Personalunion tätig werden. Es war – so jung an Jahren – schon ein erhebendes Gefühl, mit einer solchen Aufgabe – 30 Personen durch drei Länder zu kutschieren, von denen ich bisher nur London kennengelernt hatte – betraut zu werden. Die Fährüberfahrt von Zebrügge nach Kingston upon Hull war spannend, aber nicht außergewöhnlich. Mit Staunen lief ich durch die mir bis dahin ebenfalls unbekannte Stadt York und erkannte, dass auch England durchaus schöne Landschaften zu bieten hat, wenn man aus den flacheren Gebieten des Süd-Ostens herauskommt.

Der Übertritt nach Schottland, am alten Grenzstein bei Carter Bar, war dann doch irgendwie etwas Besonderes, da ich nun zumindest ein Land erreichte, das für mich gefühlt doch recht weit entfernt lag. Die schönen Borders und der Anblick des ersten geschichtsträchtigen Gebäudes, der Abteil von Jedburgh, können durchaus als exklusiv betrachtet werden. Am zweiten Tag sollte ich meinen Treffpunkt mit dem Stadtführer in Edinburgh finden. Ich war ein wenig angespannt: Edinburgh war eine große Stadt mit viel Verkehr und auch wenn ich einen Reisebus sicher steuern, fahren und lenken konnte, dachte ich mit Unbehagen an den zu erwartenden Großstadtverkehr. Satelliten gestützte Navigation gab es damals nicht und ich hatte in den Abendstunden noch eingehend die Landkarten und Stadtpläne studiert, um mich auf meinem weg zum Treffpunkt in der Innenstadt nicht zu verfahren. Natürlich haben sich die Verkehrsführungen heute deutlich verändert, aber 1984 konnte man ohne große Probleme noch der vorhandenen Beschilderung „City Center“ folgen. Man überließ sich seinem Schicksal und hoffte, dass einen die Route irgendwann zum gewünschten Ziel führen würde. Zur Not hätte man am Ende, wenn das Zentrum erreicht war, sich durch einen Blick auf den Stadtplan Klarheit darüber verschaffen können, wo man sich gerade befand und wohin man sich wenden musste. Die beschilderte „City Center“ Strecke führte damals erst einmal bis zum kleinen Vorort „Leith“ und dann in schnurgerader Linie den Berg hinauf in Richtung Zentrum. Der Verkehr wurde nun deutlich dichter und die Spannung stieg. Die Zahl der uns umgebenden wunderschönen georgianischen, viktorianischen und edwardianischen Gebäude stieg sprunghaft an und sorgte dafür, dass ich so eine Art erhebendes Gefühl in mir ausbreitete. Eine neue Welt, ich ganz allein in jungen Jahren mit einer großen Gruppe Menschen, die mir vertraute. Ein Hochgefühl stellte sich ein – so kann man es ausdrücken und auch besser erklären, warum einer der folgenden Momente einer der Momente wurde, die ich als eines der drei Reisehighlights meines Lebens bezeichnen würde.

Edinburgh vom Calton Hill aus gesehen

Man muss auch immer die inneren und äußeren Umstände berücksichtigen wenn man ein Gefühl beschreiben will. Und so wurde dieses unbestimmte Gefühl zu meiner ersten eigenen „Schottland-Geschichte“. Unsere Umgebung deutete immer mehr darauf hin, dass wir schon fast im unmittelbaren Zentrum angekommen sein mussten. Wuselnde Menschen auf den Straßen, immer höhere alte Häuser aus einer längst vergangenen Zeit, zur Schau gestellte Pracht in immer schnellerer Folge. So kamen wir an einen schönen Platz, von dem ich damals noch nicht wusste, dass es der St. Andrew Square war. Heute beherbergen die den Platz umgebenden Büros die Chefetagen renommierter Firmen, Banken und Versicherungen, was den Bereich zu einem der Finanzzentren Schottlands macht. Unter dem Asphalt liegt ein großer Teil der Goldreserven Schottlands. Ich hielt an um einen Sicherungsblick auf den Stadtplan zu werfen: ich hatte mich nicht getäuscht, denn wenn wir nun auf der St. Andrew Street weiterfahren würden, kämen wir „um die Ecke“ zum vereinbarten Treffpunkt mit dem Fremdenführer auf der Waverley Bridge. Ich war komplett fokussiert auf meine Aufgabe, als ich mit dem Bus das Ende der St. Andrew Street erreichte. Was ich in dem Moment vor mir sah, übertraf alle Erwartungen die ich je an die eindrückliche Schönheit einer Innenstadt gehabt hatte. Im Licht der Sonne konnte ich auf der gegenüberliegenden Seite die Häuser, Kirchen und Türme der Edinburgher Altstadt erkennen. Vom sanften Licht der Sonne geflutet sah es aus, als hätten Tausende Bühnenarbeiter und Regisseure in jahrelanger Arbeit ein perfektes Ensemble aus Häusern geschaffen. Dieser erste Anblick auf die Edinburgher Altstadt war der Beginn einer stürmischen Beziehung zu einem Land, dessen Geschichte ich bald besser kennen sollte als die meiner Heimat. Ein Land, in dem ich irgendwann – sprichwörtlich zu verstehen – jeden Straßenpfosten persönlich und jeden Tankwart beim Namen kennen würde.

Nach Corona sicher gleich wieder übervoll von Touristen

Von all dem ahnte ich in diesem Moment natürlich nichts. Ich stand noch immer am Ende der Straße und staunte mit offenem Mund nicht schlecht über dieses perfekte Bild einer Stadt, fast schon so, als ob ich sie mir so schon immer erträumt hätte. Erst viel später fand ich in einem Studienreise-Führer des Buchverlages Du Mont die passenden Worte für diesen Augenblick. Sie standen in einem Buch über das Leben der Familie der Medici in Bezug zur städtischen Entwicklung von Florenz in der Renaissance. Der Autor erfand diese Worte für „sein“ Florenz, ich habe sie immer für Edinburgh verwendet:

Wenn wir etwas erstmalig erleben, sind wir sicher, dass wir die klare Erinnerung und die Gefühle, die diesem Moment anhafteten, niemals werden vergessen können. Wir sind eins mit dem Augenblick. Dann aber kehren wir irgendwann in unseren Alltag zurück und gehen unseren individuellen Verpflichtungen nach. Dann, irgendwann, erinnern wir uns an den großen Moment und suchen in unseren Gedanken nach ihm. Doch wenn wir ihn gefunden haben stellen wir bestürzt fest, dass das Gefühl des erstmalig Erlebten dieser Erinnerung nicht mehr anhaftet und für immer dahin ist.

Im Buch schreibt der Autor: „Florenz ist anders“. Ich meine „Edinburgh ist anders“. Wohl an die 150 Mal bin ich schon von verschiedenen Seiten in diese großartige Stadt, in der die Geschichte wie an keinem anderen mir bekannten Platz der Welt lebendig atmet, gekommen. Jedes Mal, unabhängig von der Jahreszeit, dem Wetter oder der Verkehrssituation stellte sich irgendwann beim ersten Anblick des Zentrums das Gefühl des ersten Erlebens sofort wieder ein. Immer und immer wieder und immer mit derselben Intensität. Edinburgh ist anders! Schottland selbst auch!

Eilean Donan Castle – das wohl bekannteste Castle Schottlands ausserhalb von Edinburgh

Ich werde kürzere Artikel schreiben, damit Interessierte sich wöchentlich in die Materie einlesen können. Vielleicht werden viele Menschen nicht mehr nach Schottland reisen können? Wer weiß, wie lange die Einschränkungen durch Corona unsere Leben noch beeinträchtigen und wer weiß, welche Möglichkeiten unseren Gesellschaften noch verbleiben, wenn diese Krise in ein paar Jahren überwunden ist?

Nächste Woche wieder ein Artikel. Schottland zu beschreiben und seine Geschichten zu erzählen ist eine Lebensaufgabe.

3 Comments
  • Maria Gassner
    Posted at 20:16h, 25 Juni Antworten

    Great! I can understand this wonderful feelings for this great country and I think everyone who has ever been there must love this country. I am looking forward to read the next story.

  • Flory
    Posted at 11:50h, 26 Juni Antworten

    Wunderschön… spannend… Ich muss mich in Geduld üben, bis die Fortsetzung folgt… Danke 🥰

  • Dagmar
    Posted at 16:51h, 26 Juni Antworten

    …auch wenn es kein Macallen …ist…und schon gar kein 18jähriger…
    so genieße ich gerade den Rest meines Glases Laphroaig…..und denke mich ein in das für mich noch nicht selbst erlebte Schottland,
    das ich in einer Reise mit Dr.Richter Reisen und Roland Richter herbei wünsche und das nun im Juni nicht erlebt werden konnte…

    Deine begonnene Retrospektive ist für mich eine Zukunftsperspektive, also bitte Corona: sail away…

    Aber für mich Lesende und hoffentlich (viele) weitere Neugierige und Schottlandreiselustige erfüllen Bild und Text eine neue eigene Ansicht dieses Landes.
    Garnicht so weit entfernt aber momentan unerreichbar und von Zauber im Anblick und in der Historie durch die Schilderungen zum Leben erweckt.
    Freue mich schon auf die Fortsetzung, wann immer es dem Schreiber Roland danach sein wird – mit oder ohne dem passenden Glas Whiskey in Begleitung

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