Corona-Risiken und die Umstrukturierung der Reisewelt

Corona-Risiken und die Umstrukturierung der Reisewelt

Ich beziehe mich heute im Wesentlichen auf einen Artikel, der frei verfügbar im Internet auf der Seite der aktuellen Nachrichten im Ersten Deutschen Fernsehen einzusehen war. Auch weil mich die Befürchtung beschleicht, dass zu viele Menschen diesen Artikel vielleicht lesen, aber geneigt sind, ihm keinerlei Bedeutung beizumessen bzw. zu resümieren, dass doch offensichtlich alles gut werden kann. Wir erleben viel „um den heißen Brei drum herum Rederei“ im Moment und es werden beinahe im Sekundentakt Kompetenzen abgesprochen. In diesem Fall werden einige vielleicht darauf aufmerksam werden, weil ich als Reisejournalist, Reiseleiter und Reise-Unternehmer seit fast 40 Jahren meine Berufung im Reisebereich gefunden habe. Es geht um die Rettung des Reisekonzerns TUI und die damit verbundene fragwürdige Großzügigkeit der Bundesregierung.

In der Corona-Krisenzeit ist das Geschäft der Reisebranche vollkommen eingebrochen. Der TUI-Konzern hat aber bereits (öffentliche Zahlen sind bekannt und erstaunen sehr – die „nicht-öffentlichen“ Hilfen dürften noch einmal deutlich höher sein) Milliardenhilfen erhalten! Bei den kleineren Betrieben der Branche ist bislang kaum Geld angekommen. Wer Hilfe möchte muss umfangreiche Fragebögen ausfüllen und wird am Ende doch abgewiesen. Sicher ist dieses Vorgehen der Regierung in jedem Bereich sichtbar, was es aber bedeutet, wird nicht wirklich ernst genommen. Es ist an der Zeit die Augen zu öffnen und ein wenig Bürgertugend an den Tag zu legen. Der Original Artikel wurde übrigens von Fabian Mader und Sabina Wolf recherchiert. Man kann es durchaus als mutig bezeichnen, das zwei junge Journalisten, die in Lohn und Brot eines „systemrelvanten“ Informationssystems stehen, solcherlei kritische Aspekte überhaupt veröffentlichen! „Na also, geht doch“, werden jetzt sicher viele aus der noch vorhandenen Komfortzone heraus sagen? Aber die Zusammenhänge sind weitaus kritischer als in dem Artikel dargestellt. Zu viel Kritik würden die Autoren nämlich nicht durchbekommen. Es gilt nach wie vor „wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“.

Vielen Reisebüros droht in der Corona-Krise die Insolvenz. 100.000 Arbeitsplätze stehen deshalb in Deutschland auf dem Spiel. Dass ausgerechnet der TUI-Konzern mit deutschlandweit rund 10.000 Mitarbeitern einen Milliardenkredit bekommt, die kleineren Betriebe mit insgesamt weitaus mehr Beschäftigten aber viele Wochen lang auf ein eigenes Hilfspaket warten mussten oder noch immer warten, liegt nach Recherchen des ARD-Politmagazins report München an einem Versäumnis der Bundesregierung. Die Bundesregierung hat nämlich keine – auch wenn das immer so dargestellt wurde – ausreichende rechtliche Grundlage für die Absicherung von Kundengeldern durch Reiseveranstalter geschaffen. Im Prinzip hatten wir eine ausreichende rechtliche Grundlage, aber das Wachstum der großen Konzerne hat die gesteckten Sicherheitsziele am Ende geradezu überrollt. Die sogenannten Reisesicherungsscheine, die jeder Reise-Veranstalter seinen Kunden bei Buchung einer Reise aushändigen muss, damit dieser im Falle der Insolvenz des Veranstalters sein Geld wieder bekommt, wurden im deutschen Reiserecht schon 1994 verankert. Der Grund für die Einführung waren mehrere, teilweise spektakuläre Insolvenzen von Reiseunternehmen, die dazu führten, dass Urlauber am Urlaubsort „strandeten“ bzw. geleistete Anzahlungen verloren waren.

Das waren vorwiegend Reise-Unternehmer, die unsauber arbeiteten und teilweise mit kriminellen Mitteln Gelder aus dem Geschäftsbereich abzogen und in Steueroasen deponierten. Durch dieses kriminelle Verhalten (oft durch Lockangebote mit günstigen Reisen unterfüttert) kam es zum Kollaps einzelner Unternehmer und die Bundesregierung musste mit den Steuergeldern der Steuerzahler einspringen und Tausende von gestrandeten Touristen aus dem Ausland zurückholen. Reiseveranstalter dürfen seitdem vom Reisenden Voraus- oder Anzahlungen vor Reiseantritt nur unter bestimmten Voraussetzungen verlangen. Schon bei der Gründung meines Unternehmens im Jahr 2001 bestand die Pflicht, zusammen mit einem Versicherer und einer Bank die nötige Bonität vorzuweisen um überhaupt an Reisesicherungsscheine zu kommen und das Unternehmen in Gang zu setzen. Die anständigen Teile der Reisebranche wurden sozusagen in Sippenhaft dafür genommen, dass es mancher unanständige Unternehmer mit dem abzweigen der Gelder übertrieben hatte. Die Bereitstellung von Reisesicherungsscheinen kostete unser kleines Unternehmen damals bereits einen vierstelligen Eurobereich, der nicht einfach so auf die Kundschaft umgelegt werden konnte. Die Versicherungssumme eines jeden Unternehmens betrug danach 110 Millionen Euro! Egal ob das Unternehmen 100 oder 100.000 Menschen pro Jahr in den Urlaub schickte.

Und da die Bundesregierung keine ausreichende rechtliche Grundlage geschaffen hat, muss sie nun die finanziellen Risiken des TUI-Konzerns übernehmen. Bei der TUI hatten Kunden Hunderte Millionen Euro für Reisen an- oder vorausbezahlt. Der Konzern hat dadurch (wissentlich!!!) nicht die volle Summe versichert, sondern lediglich die für alle Unternehmen bestehenden 110 Millionen Euro. So sieht es das deutsche Recht eben mal vor. Wenn nun die TUI in die Insolvenz rutscht, wird es dazu kommen, dass die Bundesregierung den Kunden das Geld zurückzahlen muss – und das wieder einmal aus Steuergeldern. In Deutschland wird – und es ist mehr als nur anzunehmen dass es hierzulande eine effektivere Lobby-Arbeit und Klüngelei zwischen Politik und Wirtschaft gibt – EU-Recht schlicht mangelhaft bis unbefriedigend umgesetzt. Und das vollkommen unbemerkt von der Öffentlichkeit. Es gibt seit vielen Jahren eine EU-Richtlinie, die vorschreibt, dass Reisende bei der Insolvenz des Veranstalters in vollem Umfang geschützt sein müssen. Die Bundesregierung hat die Richtlinie nicht so umgesetzt, wie sie hätte umgesetzt werden müssen! Sind nun Versäumnisse oder Lobbyismus daran schuld? Wenn es eine vollumfängliche Absicherung der Reisekunden geben soll, dann müssten Reise-Konzerne wie die TUI nicht mit 110 Millionen, sondern mindestens mit 1 Milliarde Euro versichert sein, weil diese Konzerne so unfassbar groß geworden sind.

Es steht zu befürchten, dass – wenn diese Regelung umgesetzt werden sollte – die Konzerne nicht bereit sein werden, einen Teil ihres Geschäftsgewinnes für die Absicherung ihrer Reisekunden bereit zu stellen. Damit würden die Reisen verteuert und man könnte den weit verbreiteten „billig – will ich“ Wahn nicht mehr zum Zwecke der Ausweitung des Geschäftes missbrauchen. Weiter will ich garnicht denken, denn es könnte auch so kommen, dass die Bundesregierung – getrieben durch die Lobbyarbeit der Reisekonzerne – die neuen Gesetze so ausgestaltet, dass wieder alle anderen (anständigen und sozial verantwortlichen) Unternehmen in Sippenhaft genommen werden und pauschal ihre Unternehmen mit 1 Milliarde Euro absichern müssen. Die dafür notwendigen finanziellen Mittel würden kleine Unternehmen zusätzlich gefährden und eine weitere Welle der Insolvenz hervorrufen. Und wie in jedem Lebensbereich hat diese Entwicklung ihre Karriere dem mangelnden Konsum-Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu verdanken. Die „Billig“ Unternehmen haben ihre Geschäftsbereiche unfassbar schnell ausgeweitet und haben dadurch Wachstumsraten generiert, die in der Reise-Branche nicht vorstellbar waren. Und gerade in diesem Bereich gibt es bereits wieder etliche Reise-Unternehmer, die unsauber arbeiten und teilweise mit kriminellen Mitteln Gelder aus dem Geschäftsbereich abziehen. Die Geschichte lehrt uns, dass uns die Geschichte nichts lehrt (Gandhi).

Was das Versäumnis der Bundesregierung bedeutet, ließ sich bereits vor der Corona-Krise bei der Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook beobachten. Die Versicherung des Konzerns zahlte den Kunden nur Geld zurück, bis die gesetzliche Grenze von insgesamt 110 Millionen Euro erreicht war. Für die verbleibende Summe von mehr als 200 Millionen Euro musste der deutsche Steuerzahler einspringen. Die Zahlungen an die geschädigten Kunden des Thomas Cook Konzerns wurden über den Staatshaushalt abgesegnet, um Klagen von Kunden zuvorzukommen. Wenn die Bundesregierung ihre Arbeit schlecht macht und sich falsch beraten lässt, gibt es immer eine gewisse Gefahr eines Staatshaftungsanspruchs. Aber lernt die Bundesregierung denn aus den gemachten Fehlern? Das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz erklärte auf Anfrage von report München, dass die derzeitige Obergrenze von 110 Millionen Euro ausreichend bemessen sei! Der Gesetzgeber könne keine undurchführbare und unerreichbare Deckungsvorsorge vorschreiben. Dennoch teilt das Ministerium weiter mit, es sei eine Neuregelung der Insolvenzsicherung im Reiserecht geplant. Die Eckpunkte dazu werde man in Kürze vorlegen. Na dann?

Beim Verband unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR) ist man der Auffassung, dass dies spätestens nach der Thomas-Cook-Pleite hätte geschehen müssen. Bereits im November und Dezember habe es dazu Anhörungen von Verbänden gegeben, sagte die VUSR-Vorsitzende Marija Linnhoff. Doch bislang wurde kein funktionierendes Absicherungssystem für Kundengelder eingerichtet, obwohl dies längst möglich gewesen wäre. Und so versucht die TUI, das Geld für die Rückzahlungen über das Darlehen der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zu bekommen. Der Konzern teilte mit, dass die Rückzahlungen ein wesentlicher Grund für die Beantragung des KfW-Kredits gewesen seien. Während also die verwöhnten Groß-Konzerne weiter mit ihren Pfunden protzen können, bangen Reisebüros und kleinere & mittlere Reise-Veranstalter um ihre Existenz, stehen quasi vor dem Aus. Für die kleineren Reisebüros, die von der Vermittlung von Reisen leben, ist es besonders hart, dass die TUI und andere große Veranstalter die Provisionen für stornierte Reisen zurückforderten, die seit vergangenem Herbst von den Reisebüros verkauft worden waren. Rein rechtlich gesehen hat die TUI dazu die Möglichkeit. Empörung über diese Rückforderungen sind zwar aus politischen Gründen mitunter aus den Reihen der Bundesregierung zu vernehmen, aber es steht zu befürchten, dass dies nur ein politisches Ränkespiel bleiben wird. Dass das Ganze eigentlich nicht wahr sein kann, erschließt sich dem gesunden Menschenverstand im Prinzip von alleine und es erinnert an große Auto-Konzerne, die ihren Aktionären gewaltige Dividenden ausschütten und gleichzeitig bei der Bundesregierung um Hilfsgelder für ihre Konzerne bitten. Aber der gesunde Menschenverstand ist nicht systemrelevant.

Ausländische Investoren dürften sich über die großzügigen deutschen Staatshilfen außerordentlich freuen – zum Beispiel in Russland und Spanien. Denn die TUI gehört, so steht es im aktuellen Geschäftsbericht des Konzerns, zu 24,9 Prozent der Firma Unifirm Limited. Diese hat ihren Sitz auf Zypern (steuerbegünstigt) und wird von Familienmitgliedern des russischen Oligarchen Alexej Mordaschow kontrolliert. Mordaschow wurde 1992, in der Anfangszeit der Privatisierung der russischen Staatsbetriebe, Wirtschafts- und Finanzdirektor des metallurgischen Kombinates, das bald darauf in die Aktiengesellschaft Severstal umgewandelt wurde. Der Generaldirektor des Kombinates, Juri Lipuchin, beauftragte Mordaschow mit der Durchführung der Privatisierung des Unternehmens. Der damals 27-jährige Mordaschow gründete daraufhin ein Tochterunternehmen mit dem Namen Severstal-invest, das zu 24% dem Kombinat gehörte und zu 76% ihm selbst. In dessen Namen kaufte er anschließend die Aktien des Metallurgiewerkes auf und erlangte so die Kontrolle über das gesamte Unternehmen. Das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzte sein privates Vermögen bereits 2017 auf 17,5 Milliarden US-Dollar, womit er den zweiten Platz auf der Liste der reichsten Russen einnimmt. Wer einmal in unbequemen journalistischen Berufen gearbeitet hat – so wie ich – und den Erwerb von unfassbaren Vermögenswerten durch die russischen Oligarchen kennt, der weiß, dass man vor allen Dingen den Widerstand des Mittelstandes brechen will. Die Bundesregierung spannt sich damit quasi vor den Karren von Personen, die neue Rechtssysteme schufen um sich ungeniert an dem Volkseigentum ihrer jeweiligen Länder bereichern zu können. Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing?

Weitere 3,6 Prozent der Aktiengesellschaft sind dem Geschäftsbericht der TUI zufolge in Besitz der spanischen Riu Hotels.

Was kann getan werden? Die Antwort ist simpel: Boykott gepaart mit Aufmerksamkeit. So wie es sinnvoll wäre, sein Brot beim kleinen Bäcker, seine Wurst beim kleinen Metzger, seinen Fernseher beim kleinen Elektrofachhandel zu kaufen, so sinnvoll wäre es, seine Reise beim kleinen Unternehmer zu buchen. Es sind die Konzerne, die uns als Gesellschaften in die Katastrophe führen. Die Corona-Krise werden sie nutzen! Wenn die Bundesregierung im Falle von Firmenpleiten wie Thomas Cook oder in anderen Fällen nicht großzügig mit Steuergeldern eingesprungen wäre, dann hätte das schmerzhafte Gefühl, sein Geld verloren zu haben, bei dem einen oder anderen Reisenden vielleicht bereits ein Umdenken eingeleitet? Solange aber der finanzielle Schaden immer wieder ausgeglichen wird, kann sich die Erkenntnis nicht durchsetzen. Die Erkenntnis, dass ein Reisekunde bei einem kleinen Unternehmen, wie es zum Beispiel das meine ist, immer voll abgesichert wäre, da die Versicherungssumme von 110 Millionen Euro ganz sicher immer ausreichen würde um im Falle einer Insolvenz wieder an sein Geld zu kommen. Weg von alten Konsum-Verhaltensweisen und hin zu neuer Einsicht. Das wäre mal ein positiver Aspekt, der in der Corona-Krise und danach zum Tragen kommen könnte.

Es gilt wach zu werden.

Roland Richter

Dr. Richter Reisen

1 Comment
  • Dagmar Ulsamer
    Posted at 15:36h, 26 Juni Antworten

    Diesem Artikel kann und muss man zustimmen und die Gedanken mit all diesen genannten Problemen treiben mich und viele Mitmenschen um.
    Nun , nachdem nur wenig weitere Zeit verstrichen ist, erreichen uns wieder fatale Meldungen aus der Finanzwelt ( wirecard…),
    die das grenzenlos egoistische Tun eines unstillbaren Hungers nach Geld und Macht weiter aufzeigen.
    Auch dies wohl wieder nur die Spitze des Eisbergs und die ehrlichen geradlinigen gutgläubigen Menschen unter uns stehen dem Geschehen – das unserem Erdball zugemutet wird – fassungslos gegenüber.
    Aber wir sollten uns alle an die eigene Nase fassen was den Glauben an “billig, billiger…und ich bin der Schlauste auf diesem Weg dabei…” angeht.
    Denn würde das billige Fleisch nicht gekauft, der Höchstrendite nicht geglaubt oder der Run auf die Billigstreise nicht gewählt werden, würde endlich ein neuer Weg eingeschlagen werden,
    ein Weg der Annäherung unter uns und nicht der Abgrenzung und des Wunsches das eigene “ich” zu füttern!
    Mit dem Ergebnis innerlich immer ausgelaugter und damit “einsamer und seelisch arm” zu sein und weiter zu werden.
    Ob wir die Kehrtwende für uns und Mutter Erde noch schaffen – ich zweifle stark.
    Trotzdem gibt es doch unter uns noch Unbeugsame, die ihren eigenen Weg verfolgen und Herz und Verstand in die richtige Richtung lenken.
    Unerschrockene zu unterstützen, Kenntnisse umzusetzen und sich nicht beirren zu lassen – macht mit!

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