Reisen in der Retrospektive – USA 1987 – 2009 – Teil 02

Reisen in der Retrospektive – USA 1987 – 2009 – Teil 02

Ich musste eine ganze Weile darüber nachdenken, wie ich denn nun diesen Artikel beginnen soll um eine Überleitung zu Las Vegas zu bekommen! Nach einigem Hin und Her habe ich mich dazu durchgerungen, es mit dem Faust zu versuchen. Dem Dr. Faust. Da ich ja aus einer Familie komme, in der das Spiel mit den hölzernen Protagonisten (in unserem Fall: Marionetten) weit in die Geschichte zurückreicht und ich zudem seit meinen Kindertagen, in denen die Eltern anfingen darüber zu streiten, ob sie den Faust nun aufführen sollten oder nicht, mit dem Dr. Faust in Berührung gekommen bin, habe ich mich genau dafür entschieden. Es „muss“ bei einem Bericht über Las Vegas unbedingt die Hybris des menschlichen Geschlechtes erwähnt werden! Hybris bedeutet so viel wie Hochmut oder Überheblichkeit. Die Hybris geht nicht selten einher mit Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und gar Rücksichtslosigkeit und wird aus reinem Egoismus gespeist. Maßlosigkeit unter dem Gefühl fehlender Grenzen führt über kurz oder lang aber zum Erreichen dieser Grenzen und oft stößt ein grenzenlos Strebender schnell zu den Unmöglichkeiten vor – mit fatalen Folgen. Es gab schon viele Interpretationsarten von Goethes Faust, es wäre einen Versuch wert, dessen Wesen auf die heutige Menschheit zu übertragen um an Ende zu sehen, wie es uns nach Las Vegas führt. Hatte Fausts Streben nach geistiger Vollkommenheit auch Parallelen zur modernen, westlichen Kultur?

Die absurde Welt von Las Vegas – die Hybris des Menschen – Bild01

Das grenzenlose Streben wurde lange Zeit nur als ein Merkmal der Vertreter der gebildeten Oberschicht verstanden. Die grenzenlos Strebenden einte dabei der Wunsch, den Status eines Genies zu erreichen, eine Art Übermensch zu werden. Als Torheit könnte angeführt werden, dass diese Strebenden alle ihren allzu menschlich gebliebenen Charakter unberücksichtigt ließen. Fausts Streben bestand zum Beispiel in dem Verlangen nach göttlicher Weisheit als auch aus dem Wunsch aller irdischer Genüsse. Goethe ließ ihn die berühmte Frage nach dem „was die Welt im Innersten zusammenhält“ stellen. Das verdeutlicht sein Begehren einer allumfassenden Erkenntnis der Schöpfung. Es ist die Suche nach den Gesetzmäßigkeiten der Welt, die auch heute noch eine enorme Anspannung und Anstrengung unter den Suchenden auslöst. Fausts Leben war ganz der Wissenschaft gewidmet, doch seine Studien auf konventionellem Wege haben ihn nicht zu der Erkenntnis geführt, die er begehrte. So wendet er schließlich sich von der rational-analytischen Methode ab und wendet sich der Magie zu. Seine Wissensgier war im Prinzip verwerflich und kann als eindeutiges Merkmal der Hybris bewertet werden, da Fausts wahres Ziel nicht in der Erkenntnis, sondern in seiner Selbstüberhöhung lag. Fausts Wunsch nach Erkenntnis bestand also nicht nur darin, Wissen theoretisch zu erlangen, sondern er strebte nach einer Vereinigung von Theorie und Wissen, wie sie nur seinem Gott zustehen würde. Er strebte aus Gründen des Eigennutzes danach, die Grenzen des menschlichen Denkens und Wissens zu überwinden, um in höhere geistige Sphären vorzudringen. Sein Wissen war in seinem Ist-Zustand nicht mehr zu steigern. Er war sogar bereit, den Freitod als Mittel zu wählen, um sich von seiner irdischen Existenz, welche er als kümmerlich betrachtete, zu befreien.

Die Herausforderung, die Grenzen seines Wissens zu übersteigen, führt im Stück zu Mephistopheles. Faust will danach dem Teufel beweisen, dass er stärker ist als der und nie genug bekommen kann. Der Pakt, den er eingeht, fußt auf seiner Hybris. Im Stück ist es Mephistos Aufgabe zu verhindern, dass der Mensch genügsam wird und aufhört, nach Höherem zu streben. Somit wird erklärt, dass das Böse nur eine dem Guten untergeordnete Instanz ist. Das Prinzip der Hoffnung? Faust wird als Prototyp eines Menschen dargestellt, der bestrebt ist, alle bestehenden Grenzen einzureißen, sein Denken ist bestimmt durch Maßlosigkeit und Größenwahn. Maßlosigkeit und Größenwahn? Menschliche Grundeigenschaften? Im zweiten Teil der Tragödie lässt Goethe das Schauspiel zu globaler Spannweite anwachsen. Und hat Goethe damit nicht die Wesenszüge des Menschen im 21. Jahrhundert vorweggenommen? Das Streben Fausts ist ein Sinnbild für die Gier und den grenzenlosen ökonomischen Expansionsdrang der modernen Gesellschaften. Der Kapitalismus, das Wirtschaftssystem, welches von den Individuen immer mehr und mehr fordert und kein Ruhen und kein Innehalten duldet, kennt ebenso wenig, wie Faust die Grenzen seines Wissens kennt, die Grenzen der Realisierbarkeit dieses ökonomischen Strebens, die durch die Knappheit der Ressourcen unseres Planeten naturgemäß gegeben sind.

Goethe werden die Worte zugeschrieben, dass sich „in der Beschränkung erst der Meister zeigen würde“. Doch nicht nur Goethe setzte sich in Faust mit der menschlichen Hybris auseinander. Andere Beispiele maßloser Selbstüberhöhung und Missachtung der Natur beschrieben bereits in der Antike diverse Dichter Griechenlands. Die Erzählungen zeigten eines immer sehr deutlich: dass übermäßiges Streben in Selbstzerstörung mündet. Weil vorgegebene Grenzen nicht beachtet werden. Wie ist das dann mit dem dogmatischen Satz des Kapitalismus, dass es grenzenloses Wachstum geben kann? Der Kapitalismus ist die Reinform des Ausdrucks menschlicher Hybris: immer mehr, immer schneller, immer besser, immer weiter. Ein Stillstand kommt einem Rückschritt gleich. Doch der Kapitalismus selbst ist nur eine Erscheinungsform der viel umfassenden modernen Kultur. Entgrenzung ist das Schlagwort, welches in fast allen Lebensbereichen Einzug gehalten hat und die Menschen, die das verinnerlicht haben, müssen mobil und flexibel sein, Bindungen vermeiden und dabei konsequent ihren eigenen Vorteil suchen. Sie müssen jede Gelegenheit nutzen, auch wenn dies anderen zum Schaden gereicht. Die groß angelegten Modelle der Steuervermeidung, das ersinnen von hochriskanten Derivate-Geschäften und die Gründung von Hedgefonds, denen jede Spur von Menschlichkeit abhanden gekommen zu sein scheint, sind nur die Speerspitze einer globalen, krank machenden Entwicklung. Aus dieser Hybris entstehen weltweite Krisen und Probleme. Probleme kann man aber niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Doch der Kapitalismus kennt in seiner Perversion nur eine Antwort als Lösung: mehr und immer mehr. Habsucht, Gier und Maßlosigkeit hat es schon immer gegeben. Aber sie galten gesamtgesellschaftlich als als Laster, heute gelten sie als Tugend. Die langfristigen Kosten, die durch den Schaden dieser Hybris entstehen, – sowohl materieller als auch menschlicher Natur – sind immens und nicht mehr kalkulierbar. Man kann leicht das Gefühl bekommen, der Drang nach Wachstum sei ein Naturgesetz. Ist Wachstum wirklich ein Naturgesetz? Ist Fortschritt ebenfalls ein Naturgesetz? Wachstum und Fortschritt gilt es zunächst als Begriffe näher einzugrenzen. Fortschritt geht einher mit Veränderung, wobei anzunehmen ist, dass jeder Beobachter eines Systems diese Veränderung wahrnehmen kann, jedoch diese Veränderung nur dann als Fortschritt bezeichnet, wenn es sich um Veränderungen zu seinen Gunsten handelt.

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Ein Rückschritt kann auch dann ein Fortschritt sein, wenn dadurch ein geordneter, im Vergleich zu dem Ausgangszustand besserer Zustand erlangt wird. Es ist wohl ein Naturgesetz, dass es niemals innerhalb einer Gesellschaft oder eines Systems zum Stillstand kommt. Denn die einzige verlässliche Größe dieser Welt ist der Wandel. Alles ist immer in Bewegung, immer im Fluss. Ich nehme an, dass auch Gesellschaften nach unserer Zeit, Gesellschaften, die uns hinsichtlich Wissenschaft, Technik und sozialer Organisation (hoffentlich) weit voraus sind, niemals einen stationären Zustand erreichen werden. Fortschritt wird es immer geben. So wie die Erde kann auch das Universum grenzenlos sein, aber nicht unendlich. Ein Reisender wird niemals vom Rand der Erde fallen, denn sie besitzt keinen. Stattdessen wird er, wenn er sich lange genug in eine Richtung fortbewegt, wieder an seinem Ausgangspunkt ankommen, obwohl er niemals einen Schritt rückwärts gemacht hat. So gesehen könnte ein Fortschritt also auch ein Rückschritt sein, der aber jedoch als Fortschritt erkannt wird. Doch wie ist dies möglich? Aristoteles (der alte Grieche) glaubte im politisch-gesellschaftlichen Sinn an Maßlosigkeit und Größenwahn im Kreislauf der Verfassungen. Eine Staatsform entarte und werde in Folge dessen von einer anderen Staatsform abgelöst. Der Übergang von der einen zur anderen Staatsform wird von Aristoteles in der Regel als Fortschritt bezeichnet, denn der neue Zustand ist geordneter als der zuvor entartete, verworrene Zustand. Doch innerhalb eines Kreislaufes ist es gut möglich, dass nach einer gewissen Zeit es zu einer politischen Ordnung kommt, wie es sie bereits lange Zeit zuvor schon einmal gegeben hat. Die Bürger eines solchen Staates wären dann in einer ähnlichen Lage wie der Reisende um die Erde: Obwohl sie niemals umkehrten, sondern immer vorwärts marschierten, kehren sie an ihren Ausgangspunkt zurück. Der Begriff der Revolution bezeichnet jedoch erst seit der Französischen Revolution einen solchen Übergangsprozess von einer Staatsform zu einer anderen. Zuvor stand der Begriff für die Wiederherstellung der alten Ordnungen. Dies scheint dem obigen Gedanken zu widersprechen, doch wenn man bedenkt, dass es auch bei einer Revolution im veralteten Sinne dazu kam, dass ein neuer Zustand dadurch erreicht wurde, indem man eine neue Ordnung eines Systems herstellte, obschon diese auch gleich der alten Ordnung entsprach, so liegt nicht zwingenderweise ein solcher Widerspruch vor. Eine andere Definition des Begriffs der Revolution erfordert auch eine andere Bedeutung des Begriffs Fortschritt. Fortschritt kommt zustande durch Veränderungen. Diese Veränderungen bestehen eben darin, dass die alte Ordnung entartet, sodass sie durch eben eine Revolution erst wiederhergestellt werden muss. Ich glaube, dass Wachstum tatsächlich grenzenlos ist und es immer Fortschritt geben wird. Doch es stellt sich die Frage, aus wessen Perspektive dieser Fortschritt als solcher beurteilt wird und werden kann. Einige Beobachter, eben die, zu deren Ungunsten etwaige Veränderungen stattfinden, werden diese Perspektive sicher nicht einnehmen beziehungsweise mehr einnehmen können.

Kann das die Pranke der Natur wieder richten? Der Roman Moby-Dick zählt zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Das Geschehen des Romans erzählt von dem mythisch überhöhten Zweikampf auf Leben und Tod zwischen Kapitän Ahab und dem weißen Wal. Die detailreichen Beschreibungen von Proviant, Ausrüstung und Geräten schildern deren Kostspieligkeit und ergeben damit eine subjektiv gefühlte Überlegenheit der Walfänger über die von ihnen gejagten Wale, oder global ausgedrückt: die Überlegenheit des Menschen über die Natur. Wer sich die die Umwelt vernichtenden Bilanzen der Glücksspielstadt Las Vegas einmal genauer anschaut der erkennt die Vorstellungswelt nicht nur des „Moby Dick“ sondern auch die des Faust im Wüstensand von Nevada. Warum sollen wir immer mehr wollen? Wir streben immer stärker nach Selbstoptimierung, das klingt nach vor allen Dingen nach „Mehr“. Mehr Erfolg, mehr Güter, mehr Fitness, mehr Reisen, mehr von allem. Vor allem auch nach mehr Ansprüchen an sich selbst. Wie gut soll ich denn eigentlich noch werden? Wir sollten langsam Schluss machen mit den übertriebenen Ansprüchen an uns selbst. Denn jeder noch so gute Vorsatz, jedes Streben nach Mehr, setzt uns zusätzlich unter Druck. Aber was tun gegen den Zwang zur Selbstoptimierung? Mit Wenig zufrieden zu sein ist eine Kunst, die wir mit fortschreitendem Alter leider oft verlernen. Die Referenzgruppe setzt Standards und mit den neuen Maßstäben an das materielle Leben wollen viele reflexartig mitziehen. Plötzlich will man nicht mehr „leben wie ein Student“, aus dem Charme der Einfachheit wird plötzlich ein Stigma.

Warum auch immer, aber eine sehr breite Masse unserer Gesellschaft ist auf ständiges Wachstum fixiert. Aus der kleinen Wohnung muss eine größere Wohnung werden. Aus der großen Wohnung eine noch größere. Aus der noch größeren Wohnung am Ende ein Haus mit Garten, am besten freistehend. Das ist nicht nur der klassische deutsche Lebenstraum. Nach Holland an den Strand zu fahren oder in den Alpen zu wandern, reicht jetzt auch nicht mehr. Nicht zwei, nicht drei, sondern mindestens vier Sterne sollte das in Flugentfernung liegende Urlaubshotel am besten haben. Und das alte Auto? Weg damit. Jetzt wird es mindestens mal Zeit für einen Mittelklasse Wagen, der später dann vielleicht von der Mercedes-Klasse abgelöst wird. Das einfache Leben erscheint vielen Menschen plötzlich nicht mehr angemessen. Warum? Wie kommt es, dass Menschen irgendwann glauben, sie müssten sich jetzt dieses und jenes leisten? Weil sich nach der Berufsausbildung oder nach dem Studium die Referenzgruppe ändert würde ich meinen. Wir sind nicht mehr umgeben von lauter Menschen, die in WGs leben und beim Pizzaservice bestellen. Die neuen Maßstäbe setzen Freunde, Kollegen und Nachbarn mit ihren scheinbar selbstverständlichen materiellen Ansprüchen. Müssen wir haben, was alle haben? Sich bewusst zu entscheiden, den materiellen Wohlstand der anderen nicht als Maßstab zu nehmen, erfordert ein gewisses Rückgrat. Man muss es schon aushalten können, von anderen vielleicht für etwas bedauert zu werden, womit man selbst eigentlich kein Problem hat. Und dazu passt auch diese den Menschen verachtende Stadt in der Wüste: Las Vegas.

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Das grenzenlose Streben wird heute nicht mehr nur als ein Merkmal der Vertreter der gebildeten Oberschicht verstanden. Die heute grenzenlos Strebenden eint dabei aber nicht der Wunsch, den Status eines Genies zu erreichen, eine Art Übermensch zu werden, sondern das Streben nach mehr Spaß, Besitz, Bedeutung im Allgemeinen. Wenn es noch immer nur das grenzenlose Streben nach dem Genie geben würde, hätten Städte wie Las Vegas kaum eine Chance gehabt, überhaupt zu entstehen! Wer sich den Energieverbrauch in Las Vegas einmal anschaut, kommt nicht drum herum, einmal in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen, ob man das wirklich braucht! Trotz bahnbrechender Erneuerbarer-Energien-Pläne, die seit Anfang des letzten Jahrhunderts in Nevada vorhanden sind, ist die Stadt immer noch ein energiefressender Koloss, der schneller Energie verbraucht, als dass er sie produzieren kann. Die hell beleuchteten Spielautomaten, die gigantischen Video-Werbetafeln und Millionen von Glühbirnen, die so ziemlich jedes Gebäude auf dem Casino Strip zieren, zusammen mit den nonstop betriebenen Klimaanlagen, sind für den extrem erhöhten Energieverbrauch verantwortlich. Dabei hat es sich schon gebessert! Als ich 1987 zum ersten Mal in Las Vegas war, galt noch die ohne schlechtes Gewissen verkündete Regel, dass die Stadt in einer Nacht so viel Strom verbrauchen würde wie eine 20.000 Einwohner Gemeinde in den USA im ganzen Jahr! Es ist nicht wirklich so, dass Nevada erneuerbaren Energien abgeneigt ist. Aber die Gerüchte, dass Las Vegas 100% von erneuerbaren Energien versorgt wird, sind eben nur Gerüchte und teilweise weit von der Wirklichkeit entfernt. In den 1930er Jahren wurde der Colorado River als Standort für einen großen Staudamm ausgewählt, um einerseits Städte an der Westküste mit Strom zu versorgen, und andererseits, um während der großen Depression Arbeitsplätze für Tausende von Menschen zu schaffen. Der Hoover-Staudamm wurde Amerikas großes Programm für erneuerbare Energien und ist bis heute eine bedeutende Touristenattraktion mit spektakulären Ausblicken über das Tal und den relativ jungen Lake Mead. Doch der Damm kann unmöglich acht Millionen Menschen mit Strom versorgen, wenn der Verbrauch so hoch bleibt wie derzeit. Der Energieverbrauch von Las Vegas liegt bei rund 8.000 MW an einem heißen Tag (fast jeden Tag).

Dabei ist in den Wüsten Nevadas genug Solarenergie vorhanden. Wenn es eine Sache gibt, die Las Vegas und Nevada genug haben, ist es Sonnenschein. Die durchschnittlich 294 Tage sonniges Wetter und Wüstenklima sorgen für ideale Bedingungen zur Erzeugung von Solarenergie, und es gibt mittlerweile auch eine der größten Solaranlagen Amerikas in diesem Staat. Mit einem Turmkessel und einer großen Anzahl von Spiegeln liefert die Anlage 392 MW saubere Energie. Um die Dinge jedoch relativieren zu können, wären mehrere hundert dieser Anlagen erforderlich, um den gegenwärtigen und künftigen Energiebedarf des Staates zu decken. In Las Vages machen Casinos heute nur noch 20% des Stromverbrauchs aus, es gibt dort 40 große Casinos mit rund 150.000 Hotelzimmern. Die Casinos sind immer noch die schlimmsten Energieverschwender in Las Vegas. Nach der Klimaanlage, dem schlimmsten Verursacher von Umweltbelastung, sind es die rund 12,5 Millionen LEDs, die die Stadt erhellen, die jedes Jahr acht Millionen US-Dollar an Stromrechnungen kosten. Wann die vorwiegend US-Amerikanischen Casino-Besucher damit anfangen, ausschließlich die Casinos zu besuchen, die Strom aus erneuerbaren Ressourcen verwenden, ist nicht so schnell zu erwarten. Eine weitere umweltfreundliche Lösung wäre der Umstieg auf Online Casinos. Anstatt an einem Spielautomaten zu spielen, der so viel Energie verbraucht wie ein kleiner elektrischer Heizer, können die Spieler Online-Slots spielen, und als zusätzlichen Bonus müssen sie nicht im Casino sein, um den Spaß zu erleben. Nevada erkennt, dass sich die Dinge ändern müssen. Es wurden Gelder für die Modernisierung von Niederspannungssystemen und die Förderung erneuerbarer Energiequellen aufgewendet, um bis 2020 25% der Energie des Landes vollständig erneuerbar zu machen. Angesichts der Weigerung von Präsident Trump, in erneuerbare Energien zu investieren, sieht dieses Ziel jetzt äußerst unwahrscheinlich aus.

Aber Las Vegas ist nicht nur einer der schlimmsten Energie-Schandflecken der Erde, sondern hat seine Geschichte auch stark mit der Mafia verzahnt. Der Superstar Frank Sinatra hatte sein Leben lang eine enge Beziehung zur Mafia. Man kann durchaus sagen, dass er im Herzen ein Gangster war. Über 2000 Seiten dick war seine FBI-Akte und über viele Jahrzehnte hatten es die Behörden offensichtlich als notwendig erachtet, ihn im Auge zu behalten. Zwar wurden ihm nie irgendwelche Verbrechen nachgewiesen, nie wurde er angeklagt oder verurteilt, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war er selbst – und wenn nur im Umweg – in wirklich schwere Verbrechen verstrickt. Seine Fans meinten gerne großzügig, dass Sinatra die falschen Freunde oder schlechten Umgang gehabt habe, wie man so schön sagt. Seine ganze Karriere lang hatte er zum Teil engen Kontakt mit der Cosa Nostra, der amerikanisch-italienischen Mafia. Zwar stritt er bis zuletzt diese Verstrickungen vehement ab, doch wusste man schon mindestens 1941, seit in Las Vegas das erste Casino-Hotel, das El Rancho Vegas, gebaut wurde, dass er mit der Mafia eng paktierte. Es gibt zahlreiche gut dokumentierte Zusammenhänge, die Sinatras Kontakte zur Mafia belegen. Sinatra war ihr Held, das Musterbeispiel eines hart arbeitenden Italieners, der den amerikanischen Traum lebt. Das hätte auch jeder Mafiosi von sich behauptet. Diese Kontakte haben ihm im Laufe seiner Karriere nicht nur einmal genutzt, wenn die Dinge nicht so liefen, wie der ambitionierte Frank sich das vorgestellt hat. Aus schlechten Verträgen sollen ihn seine Kumpels rausgeholt haben, und zwar mit handfesten Argumenten (es kommen schwere Körperverletzung und gar Mord ins Spiel). Angebote, die sich niemand abzulehnen traute, halfen ihm zu Filmrollen zu kommen. Was das im Mafia-Jargon bedeutet, kennt man als Insider. Und dann war da noch Sinatras Persönlichkeit, er schreckte vor nichts zurück und Prügel und Nötigungen gehörten zum Stil seiner Öffentlichkeitsarbeit. Der große Romantiker mit der goldenen Stimme war einfach ein typischer italienischer Gangster. Und er war es, der mit seinem guten ruf und seinem Namen die Menschen in die Wüste Nevadas lockte. Ein einträgliches Geschäft!

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Mit einigen weiteren ranghohen Mafiosi hat Sinatra im Verlauf seiner Karriere gute Freundschaften gepflegt, unter ihnen Lucky Luciano, der oberste Boss der Genovese-Familie und einer der ersten großen Chefs im organisierten Verbrechen. In seinem kubanischen Exil rief Luciano führendes Mafia-Personal zusammen, um Geschäfte zu besprechen. Mit von der Partie war auch Sinatra – sein Konzert in Kuba diente als Vorwand für das Treffen. Frankie Boy ist damals mit zwei Millionen Dollar in einem Aktenkoffer nach Havanna gereist, der für Luciano bestimmt war. Sinatra hatte die Herkunft seiner Eltern immer verschleiert. Später fand man heraus, dass sein Vater, anders als von Sinatra behauptet, aus dem kleinen sizilianischen Ort Lercara Friddi stammte, dort wurde er auf der Straße gemeinsam mit dem Mafia-Boss Lucky Luciano groß. Neben der Tatsache, dass das Management von Las Vegas auf die Bedürfnisse der Natur geradezu spuckt, ist es noch heute das zwielichtige Milieu mit seinen Geldern aus diversen Verbrechen, das in der Stadt den Ton angibt. Menschenhandel und Prostitution im ganz großen Stil. Ich will nicht moralisieren, auch ich war beeindruckt von dieser verrückten Stadt, als wir 1987 mit unseren Motorhomes direkt in der Innenstadt einen sehr günstigen Platz für die Nacht gefunden hatten. Die „Fountains of Bellagio“, die enormen Wasserspiele vor dem Bellagio-Hotel, der künstliche Vulkanausbruch vor dem Mirage Hotel, die komplett nachempfundene römische Welt im und um das Caesars Palace Hotel und die unüberschaubare Menge an Glücksspielmöglichkeiten haben uns mehr als nur erstaunt. Am nächsten Morgen hatten wir die Gelegenheit, für einen US-Dollar ein geradezu unfassbares Buffet Frühstück einzunehmen! Auf den Tischen standen Berge von exotischen Früchten und es gab sogar Hummer und Langusten. Dekadenz pur. Wir waren jung und naiv und haben das System nicht hinterfragt.

Als wir 2000 mit unserer großen Reisegruppe dort waren, bezogen wir Quartier in dem dortigen Pyramide-Hotel, welches im Oktober 1993 eröffnet worden wurde und welches ich deshalb noch nicht kannte. Nun gab es also neben der römischen auch noch eine ägyptische Welt in Las Vegas! Geld spielte keine Rolle in der Stadt. Die Stretch-Limousinen mit den darin auf Kundenfang unterwegs seienden Prostituierten waren noch etwas länger und luxuriöser geworden, die Zahl der großen, internationalen Sportveranstaltungen war nochmals gestiegen. Aber mir fielen auch erste Veränderungen auf! Es waren deutlich mehr Familien in der Stadt als 1987, auch wenn die Zahl der Glücksritter noch überwog. Ein Frühstück für nur einen Dollar gab es auch nirgendwo mehr und trotzdem brodelte die Stadt wie zu allen Zeiten davor. 2009, als ich zum bisher letzten Mal in Las Vegas war, hatten sich die Veränderungen fortgesetzt. Unser Busfahrer erklärte uns, dass dadurch Las Vegas nicht mehr Las Vegas sei und für ihn seinen Reiz verloren habe. Er zeigte uns bei der Durchfahrt einige VIP-Bereiche der dortigen Hotels und erzählte, dass er als „Botenjunge“ die „großen Spieler“ nicht nur mit Informationen, sondern bei Bedarf auch mit Prostituierten versorgt habe. Jedes Hotel habe im Oberschoß mindestens 4 Suiten, die für die größten der „großen Spieler“ frei gehalten und nie an andere Gäste vergeben wurden. Die Kosten für eine Übernachtung betrugen laut ihm bis zu 8.000.- $, was aber für die illustren Gäste mehr oder weniger nur Peanuts gewesen sein sollen. Im vertuschen von Verbrechen ist übrigens auch die Polizei von Las Vegas noch heute Weltmeister. Nichts in dieser über alle Maßen ordinären Stadt ist „normal“. Die Welt scheint Kopf zu stehen, alles ist möglich!

Der letzte Mord der Mafia in der glitzernden Wüstenoase wurde am Abend des 6. Januar 1997 durchgeführt. Das war dann sozusagen das Ende einer Ära. Ein halbes Jahrhundert lang hatte das organisierte Verbrechen in Las Vegas das Regiment geführt, hatte Milliarden von Dollars beiseite geschafft, hatte unzählige Abtrünnige eliminiert, Politiker und Polizisten bestochen, Steuern hinterzogen, Unsummen an Geld gewaschen und dieses „Paradies voller Trottel“, wie die Mafiabosse Las Vegas gerne nannten, mit Glücksspiel und Prostitution bis auf den letzten Cent gemolken. Las Vegas, der Bundesstaat Nevada und die Mafia – alle drei waren verschmolzen zu einem Amalgam aus Korruption, Gier, Sünde und Verbrechen. Dieser absurde Ort im Nirgendwo der Mojave-Wüste, geschaffen von Gangstern und von Milliardären zur modernen Geldmaschine aufgeblasen, lebt bis heute vom Ruf des Verruchten. Es ist ein Ort, der Sex, Vergessen, Flucht, Besinnungslosigkeit und Erlösung gleichermaßen verspricht. Und er liebt seine Schufte, trotz allem. Bis heute. Der Anwalt Oscar Goodman, der bis heute sinnbildlich für die Widersprüchlichkeit von Las Vegas steht, hatte 35 Jahre als Strafverteidiger versucht, Mafiabosse vor dem Gefängnis zu bewahren. Zweieinhalb Jahre nach dem letzten Mafia-Mord in Las Vegas wurde er 1999 zum Bürgermeister der Stadt gewählt – mit 64 Prozent der Stimmen. Somit wurde ein Mobster-Anwalt oberster Stadtvater! „So etwas gäbe es nur in Vegas“, sagt man in den USA. Später wurde seine Frau Carolyn Goodman Bürgermeisterin.

Solche Karrieren stehen symptomatisch für die Hassliebe, die Las Vegas mit der Mafia verbindet. Italogangster in Nadelstreifen, die Hüte tief im Gesicht, Koffer voller Dollarscheine, schweigende Mobster der jüdischen Kosher Nostra in feinem Zwirn, hunderte anonyme Gräber in der Mojave-Wüste rund um die Stadt, feist grinsende Bosse mit Showgirls auf den Knien – das alles gehört zur Folklore dieser Stadt, die sich mit Milliarden LED-Lichtern als Entertainmentzentrale der Erde inszeniert, aber ihre Schuftigkeit nie ganz verbergen kann. Das Gangstertum steckt tief in ihrer DNA. Den Gangstern hat die Stadt ein pompöses Denkmal gesetzt: 2012 eröffnete das Mob Museum an der Stewart Avenue, untergebracht in einem Gerichtsgebäude von 1932, das später ein Postamt war. Das wäre vielleicht ein Grund, noch einmal in diese von menschlichem Wahn geschaffene Wüstenstadt zu reisen? In diesem „Museum“ soll die Stadt mit Liebe ihr kriminelles Erbe pflegen und verherrlichen. Den Besuchern wird die Möglichkeit gegeben, mit wohligem Grusel einen elektrischen Stuhl zu betrachten. Im Museumsshop soll es Bierdeckel mit Lucky Luciano, Socken mit Fadenkreuz-Motiv, Al-Capone-Gummifiguren, Schnapsbecher in Patronenform und Mafia-Kochbücher geben. Als ob die Cosa-Nostra-Jungs jemals etwas anderes gegessen hätten als Spaghetti mit Fleischbällchen bei Mamma. Ich war seit 2009 nicht mehr in Vegas und gehöre ja auch nicht zu den Gesellschaftsschichten, die ihre versteckten Vermögen in der Stadt verjubeln müssen, um als Geldsäcke nicht allzu vulgär in ihren Alltagsleben aufzufallen.

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Las Vegas soll angeblich tief gespalten gewesen sein über der Frage, ob man Gangstern ein Museum errichten soll oder nicht. Das kommt ja in gewisser Weise einer Glorifizierung gleich. Aber es soll eine kluge, ausgewogene und sehenswerte Ausstellung sein, die Aufstieg, Bekämpfung und Untergang der Glücksspielmafia in Las Vegas sauber eingebettet haben soll in eine Darstellung des globalen organisierten Verbrechens. Dort geht es dann offensichtlich doch nicht um Heldenkult? Jüngst wurde das Mob Museum zu einem der besten 20 Museen in den USA gekürt – auch für die gelungene Gratwanderung. Vielleicht sieht man es sogar in dem Turbokapitalismus Land USA so, dass es eine gewisse Pflicht gibt, darüber aufzuklären, welche Rolle das organisierte Verbrechen in der Welt spielt? Doch die Verantwortlichen wissen, dass das junge Museum vor allem wegen der Kraft der Marke Mafia ein Besucherhit in Downtown Las Vegas ist. In einer nachgebauten Flüsterkneipe im Museumskeller wird Moonshine und anderer Schnaps ausgeschenkt. Warum aber ist Las Vegas ohne Mafia nicht denkbar? Wie wurde die Mafia so mächtig in Vegas? Der Tag, an dem der Aufstieg der amerikanischen Mafia zur heimlichen Macht im Staate begann, war der 16. Januar 1920. An diesem Tag gaben die Amerikaner mit einem letzten Glas Alkohol in der Hand einen finalen Toast aus und es begann die Zeit der Prohibition. 13 Jahre lang sollte Alkoholkonsum in den USA verboten bleiben. Vom selben Tag an galt für die Mafia, den Menschen das zu geben, was sie wollten. Der Verkauf von illegalem Fusel direkt an Privatleute wurde zum Milliardengeschäft. In Chicago baute der Kleingauner Al Capone sein bescheidenes Reich dank der Prohibition zu einem landesweiten Imperium aus. Der illegale Alkohol floss in Strömen in alle Winkel Amerikas. Capones Motto: „Mit einem guten Wort und einer Waffe kommt man weiter als mit einem guten Wort allein.“

In New York nutzten zwei Brüder im Geiste die Gunst der Stunde, um die Macht an sich zu reißen: Lucky Luciano, geboren 1897 auf Sizilien, und Meyer Lansky, geboren 1902 in Weißrussland. Sie hatten in den blutigen Bandenkriegen der düsteren Hinterhöfe von New York gelernt, wie sich der mühsame Weg zum amerikanischen Traum abkürzen lässt. Lansky lieferte Whisky an Nachtclubs in Manhattan, Luciano betrieb Schutzgelderpressung und Mädchenhandel. Noch folgten die italienische Cosa Nostra und die jüdisch dominierte Kosher Nostra ihrer jeweils eigenen Agenda. Und Las Vegas? War um 1830 herum noch ein staubiges Wüstenkaff. Um Weihnachten 1829 herum hatte ein junger mexikanischer Scout namens Rafael Rivera westlich des Flusses Colorado seine Expedition verlassen, um in der unerforschten Wüste eine Abkürzung auf der Handelsroute von Santa Fe nach Los Angeles zu suchen. Von einem Hügel aus erblickte er inmitten der Wüste ein grünes Tal, gespeist aus unterirdischen Quellen. Rivera nannte den Ort „Las Vegas“ – die Wiesen. 1855 errichteten Mormonen ein kleines Fort und versuchten, Indianer zu bekehren. Die hatten wenig Interesse am Christentum und vertrieben sich die Zeit gelegentlich mit Glücksspiel. Sie ließen Knochen über den staubigen Boden rollen – das erste Glücksspiel in Las Vegas. Lange war die Stadt eine öde Wasserstelle voller Pferdediebe, dann eine einsame Bahnstation im Nichts an der Strecke zwischen Chicago und Los Angeles. Um das Jahr 1900 lebten nur 30 Siedler im Tal. 1921 waren es rund 3000. Es gab mehr Schafe als Bewohner. Doch dann geschahen im Jahr 1931 drei Dinge gleichzeitig, die sich als dreifacher Urknall für das moderne Vegas erweisen sollten: Die Verhaftung von Capone in Chicago schreckte die verzweigten Mafiaclans heftig auf. Sie reagierten mit einem Zusammenschluss aller jüdisch-italienischen Mobster – zum berüchtigten Syndikat, dessen bewaffneter Arm als Murder Inc. bekannt wurde. Das zweite Ereignis: Als erster und lange Zeit einziger Bundesstaat der USA legalisierte Nevada 1931 das Glücksspiel. Und zog Glücksritter und Desperados an wie ein golden leuchtender Magnet. Das dritte Ereignis schließlich war 1931 der Bau des Hoover-Damms – jenes gewaltigen Staudamms, der die gesamte Region veränderte, den Colorado zum riesigen Lake Mead anschwellen ließ.

Tausende Männer begannen, das Gestein des Black Canyon zu sprengen und zu brechen. Zwei Jahre lang wurde so viel Beton angerührt, dass er für eine fünf Meter breite Straße von der Ost- zur Westküste genügt hätte. Und abends entspannten sich die Arbeiter im kleinen Vergnügungsviertel des 40 Kilometer entfernten Las Vegas, diesem rauen Wildwest-Loch voller Huren, Maulesel und Glücksritter. Sägemehl auf dem Fußboden, Schüsse in die Luft, Rüschenröcke. Wild West in Vegas. Die absurde Welt des gesetzlosen Mafia-Kosmos wuchs und gedieh. Doch der Staat begann irgendwann zurück zu schlagen. 1960 begannen landesweit Anhörungen, um das Netzwerk der Mafia zu enthüllen. FBI und Mobster lieferten sich einen harten Kampf – bis tief in die Achtzigerjahre hinein. In den Neunzigerjahren übernahmen dann Großkonzerne wie MGM das Regiment. Neue Geld-Mogule errichteten riesige Luxusresorts. Auch ohne Mafia bleibt Las Vegas ein Fluchtort für zivilisationsmüde Glücksritter und in Teilzeit eskalierende Familienväter. Vegas würde gern vom Sündenpfuhl zum Familienreiseziel werden. Aber Sex, Glücksspiel und Kinderteller sind nur schwer zu vereinen. Millionen LED-Lichter machen Vegas zum hellsten Ort der Milchstraße neben der Sonne. Aber eines bleibt unverändert, auch ohne Mafia, denn hinter der schillernden Fassade verbirgt sich weiterhin ein krimineller Kapitalismus. Es ist das späte Erbe der Mobsterjahre und es fühlt sich dort so an, als ob der Glanz der Stadt sich aus ihren Schatten speisen würde. Es ist, als habe die Mafia in Vegas die Gesetze der Physik aus den Angeln gehoben: Es ist der einzige Ort der Welt, an dem das Licht den Schatten folgte, nicht umgekehrt. Unserem Busfahrer, der uns mit nachdenklicher Miene durch die Innenstadt fuhr, war jedenfalls die Lust auf Las Vegas vergangen. Er verknüpfte seine „besten Jahre“ mit dem grell beleuchteten „Spieler- und Hurenhaus“ (O-Ton) und konnte dem modernen Las Vegas nichts mehr abgewinnen. Sehr viele seiner Informationen waren definitiv nicht jugendfrei und finden in diesem Text deshalb auch keine Erwähnung. Wenden wir dem Sündenpfuhl als den Rücken und reisen wir – zumindest virtuell – weiter durch den Westen der USA.

In der Mojave Wüste – Bild 01

2009 übernachteten wir zweimal im Hotel Hampton Inn Tropicana. Die Beherbergungsstätte liegt etwa 4 Kilometer von den bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Las Vegas entfernt. Wie dicht Wahnsinn und Schönheit in den USA beieinander liegen können, erlebten wir eindrucksvoll an dem beiden Übernachtungen vom 22. – 24. Juli 2009: auf der einen Seite das vulgäre, an ordinärem Charme nicht mehr zu überbietende Las Vegas, und auf der anderen Seite das etwa 250 Kilometer westlich gelegene „Death Valley“. Da wir in der heißesten Zeit des Jahres in Vegas gelandet waren, gestaltete sich ein Besuch des „heißesten Platzes der USA“ auch nicht so leicht, wie wir das erwartet hatten. Da immer wieder unvorsichtige Touristen in diesem sagenhaften Wüstental in der Gluthitze zu Tode kommen, wurden die Einreisebestimmungen – schon lange vor Corona – verschärft. Das kalifornische Death Valley (Tal des Todes) hat einen neuen Hitzerekord aufgestellt. Nach Angaben der Parkverwaltung und des Wetterdienstes war der Juli 2019 der heißeste Monat aller Zeiten seit Beginn der Temperaturmessungen im sogenannten Tal des Todes. Demnach lagen die Durchschnittstemperaturen dort bei 41,9 Grad Celsius. Nachts fallen die Juli-Temperaturen bis auf 35 Grad ab, dafür klettern die Tageswerte im Schnitt auf 48,6 Grad hoch. Der höchste Wert 2019 wurde am 7. Juli gemessen, als das Thermometer auf 52,7 Grad anstieg. Ich habe diese Daten frisch für diesen Artikel recherchiert, aber das Death Valley hat auch den Weltrekord für den heißesten Platz der Erde inne. Am 10. Juli 1913 wurden dort 56,7 Grad registriert. Der Eingang zum Tal des Todes liegt rund anderthalb Autostunden von Las Vegas entfernt. Der Nationalpark bietet atemraubende Naturphänomene und die Badwater-Salzpfanne ist mit 86 Metern unter dem Meeresspiegel der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre.

Fahrt zum Death Valley

Natürlich wollte ich meinen Mitreisenden gerne die (subjektiv) Highlights des Parks allesamt zeigen! Der Zabriskie Point zum Beispiel, der unübertreffliche Aussichtspunkt im Gebiet des Gebirgszugs der Amargosa Range, der für seine bizarren Erosionslandschaften um den ehemaligen Lake Manly bekannt ist. Er wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Christian Brevoort Zabriskie aus Wyoming benannt, dem Vizepräsidenten und Geschäftsführer der Pacific Coast Borax Company, die mit dem Boraxabbau in dem Gebiet beauftragt war. Die Gesteinsformationen, auf die man von diesem Punkt sieht, sind die Sedimente des ehemaligen Furnace Creek Lake, der vor fünf Millionen Jahren ausgetrocknet ist. Oder den Ort Badwater, eine Senke im Death Valley und der tiefste Punkt Nordamerikas mit einer Höhe von 85,5 Metern unter dem Meeresspiegel. Badwater ist auch ein Überbleibsel des vorzeitlichen Lake Manly. In der Senke gibt es ein quellengespeistes Becken neben der Straße, aber das umgebende Salz macht das Wasser ungenießbar – daher kommt auch der Name Badwater. Im Becken leben Tiere und Pflanzen, wie Wasserinsekten und die Badwater-Schnecke. In der Umgebung des Beckens, die nicht ständig von Wasser bedeckt ist, bildet die Kruste des Bodens sechseckige Strukturen aus. Das Becken soll zurzeit nicht mehr der tiefste Punkt der Senke sein? Der liegt nun mehrere Kilometer westlich und verändert weiter seine Position. Die Salztonebenen zu durchqueren ist gefährlich, oft ist die Salzkruste über dem Schlamm nur dünn und nicht tragfähig.

Der Pläne hatte ich viele, aber sie wurden größtenteils durchkreuzt. Das extreme Wetter bedeutet, dass man verstärkt an die eigene Sicherheit denken muss. Unser Fahrer versammelte uns deshalb am Tag vor der geplanten Abfahrt in der Lobby des Hotels, um die sich ergebenden Möglichkeiten des Ausflugstages zu besprechen. Man kann den Besuch ohne Bedenken, auch mit Kindern, ohne Weiteres wagen, muss aber diverse „Sicherungen“ beachten. Tagestemperaturen von 45° C oder mehr sind im Sommer möglich. Zwei Sicherheitsvorkehrungen sollten unbedingt getroffen werden: Zum einen das Auto (oder Wohnmobil oder gar Reisebus) unbedingt einmal volltanken, zum anderen genügend Wasser mitnehmen – eine Gallone pro Tag und Person ist das Minimum. Speziell darauf schwor uns unser Fahrer ein. Solange man sich auf den Hauptstraßen bewegt, ist selbst das aber nicht als Lebensversicherung zu verstehen, denn tagsüber begegnet man oft genug anderen Autos. Wir wollten ja keine langen, untypischen Wanderungen unternehmen und konnten es deshalb bei den klassischen Sicherheitsvorkehrungen bewenden lassen. Aber: die Gesellschaft, die uns den Miet-Omnibus dort zur Verfügung gestellt hatte, wies im Mietvertrag deutlich darauf hin, dass wir bei Temperaturen von über 40° Celsius nicht mehr mit diesem Bus im Tal des Todes würden unterwegs sein dürfen. Sollten wir es doch tun und es dadurch zu einem Störfall am Bus kommen, wäre der Fahrer für die entstehenden Kosten zur Verantwortung zu ziehen.

Am Zabrisky Point im Death Valley

Das wollten wir unseren ehemaligen Deutschen Chauffeur nun wirklich nicht zumuten und machten uns mit Blick auf die zu erwartende Temperatur-Entwicklung dort am Abend zuvor in der Lobby unseres Hotels daran, einen straffen Zeitplan zu erstellen, um möglichst viel dort zu sehen und dabei nicht in Gefahr zu geraten, den Mietvertrag zu brechen. Da die Temperaturen im heißesten Teil des Nationalparks bereits ab 10:00 Uhr über die 40° Grad Marke steigen sollten, mussten wir umdisponieren und schon um 05:00 Uhr aufbrechen, um unsere Reisewünsche zu realisieren. Es hatte unüblich viel geregnet in den Wochen zuvor, so dass wir um Vegas herum etwas erlebten, was mir bis heute als eines der „Top 10“ Erlebnisse meines Reiselebens in Erinnerung geblieben ist: die Wüste um Las Vegas herum war mit großen und kleinen „Pfützen“ (fast schon Gewässer) verziert. Der Wüstenboden dort ist ja nicht zu vergleichen mit dem weichen Dünensand in der Sahara. Er ist knochentrocken und steinhart wie Beton. Der letzte Regenguss (ein heftiger!!) war schon zwei Wochen zuvor niedergegangen und trotzdem war das Wasser noch nicht eingesickert und auch noch nicht verdunstet. Ein bizarres Bild und auch unser Fahrer konnte sich nicht dran erinnern, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Ich mutmaßte, dass er in seiner „Vegas-Zeit“ einfach nie aus der Stadt hinaus gekommen war. Natur hatte ihn damals sicher nicht interessiert? Alles ist im Wandel. Jedenfalls staunte auch er mit uns um die Wette ob so viel unerwarteter Pracht.

Über den Wüstenhighway 95 kamen wir flott nach Amargosa und Death Valley Junction. Dort hatten wir eine kurze Möglichkeit, das Amargosa Opera House anzuschauen. Ein skurriles Theater mitten in der Wüste! In dem abgelegenen Ort befindet sich nämlich eines der kleinsten Theater der USA. Die inzwischen verstorbene Künstlerin Marta Becket hatte sich mit dem Amargosa Opera House vor 50 Jahren einen Traum erfüllt und ist selbst als „Wüstendiva“ zu einer Legende geworden. Noch immer in den Morgenstunden ging es dann über den Hwy 190 in den eigentlichen Nationalpark. Beim Furnace Creek Visitor Center konnten noch einmal die Segnungen der Zivilisation (Toiletten) genutzt werden, bevor wir zu dem einzigen an diesem Tag für uns erreichbaren Höhepunkt des Parks kamen, zum Zabriskie Point. Weltweit bekannt wurde der Platz durch den gleichnamigen Hollywood-Thriller von Michelangelo Antonioni aus dem Jahre 1969. Der Aussichtspunkt bietet einen einzigartigen Blick auf das unterhalb liegende Badwater und Artist’s Palette und ist umgeben von einer wirklich atemberaubend schönen Kulisse aus markanten erodierten Furchen und ockerfarbenen Schlammablagerungen. Diese Dünen entstanden vor rund 5 Millionen Jahren, als der damals dort vorhandene Furnace Creek Lake austrocknete. Das Sediment, bestehend aus Salzkrusten, Geröll von den nahen Bergen und Asche des damals aktiven Black Mountain Vulkanfelds, versteinerte und wurde von Wind und Wasser im Laufe der Zeit geformt. Dem Wasser kam dabei die Hauptarbeit zu. Im Death Valley regnet es nur sehr selten, dann aber heftig. Der ausgehärtete Boden nimmt das Wasser nicht auf, das folglich abfließt. Sind nun kleinste Risse in der Oberfläche dringen die abströmenden Wassermassen direkt massiv in den darunter liegenden weicheren Boden ein und tragen ihn ab. Die Furchen sind übrigens die optimale Lösung der Natur, große Wassermengen schnell abfließen zu lassen. Die Landschaft wirkt dadurch jedenfalls irreal und unwirtlich, doch gerade das macht die besondere Faszination dieser Stelle aus. Den Shoshone Indianern der Region ist dieser Ort heilig. Wir hatten bei der Tour auch einige künstlerisch tätige Menschen unter uns. Diese haben allesamt die Eindrücke an diesem Morgen später in Bildern und Gemälden verarbeitet. Aber leider mussten wir uns wieder nach Las Vegas zurück begeben, da unser Chauffeur mit Blick auf die steigenden Temperaturen darauf drängte, dass wir den am Abend zuvor gefassten Plan auch umsetzen würden.

Im Death Valley

Gerne wären wir alle noch länger in dieser bildschönen, aber heißen Einöde geblieben.

Nach zwei derart intensiven Tagen war es unumgänglich, wieder einmal einen knackigen Fahrtag einzuschieben. Wir waren ja als Reisegruppe mit fest gebuchten Arrangements unterwegs und hatten zudem noch vor, den Yosemite Nationalpark, San Francisco, Monterey, den 17-Mile-Drive und Santa Barbara zu besuchen. Also wurden an dem Tag stolze 640 Kilometer auf perfekten Highways „abgearbeitet“. Wir haben einen Stopp in der Mojave Wüste gemacht Die Mojave Wüste ist ein geologisch äußerst vielfältiges Gebiet, was schnell für jeden sichtbar wird. Die Gebirgszüge, die den Park durchziehen, lagerten sich vor etwa 245 Millionen Jahren ab. Dort gibt es aber nicht nur Wüste, sondern auch Kiefern-Wälder, Josua-Bäume, zahlreiche Kakteen und Yucca-Buschland, große Dünen und Salztonebenen. Aber 640 Kilometer bleiben eben 640 Kilometer! Mit Rücksicht auf das Folgeprogramm haben wir die Photopausen bewusst kurz gehalten. Via Barstow und Bakersfield kamen wir in die Südfrucht-Regionen der USA. Wir übernachteten im schönen Best Western Village Inn in Fresno und standen an diesem Abend vor dem Problem, dass wir uns nach einem Restaurant umschauen mussten, da es ein solches in der Hotelanlage damals nicht gab. Wir entschieden uns letztlich für einen Besuch des „Sizzlers“. Die Kette wurde am 1958 gegründet und ist in den USA auch als Sizzler’s Family Steak House bekannt. Das Unternehmen hat mehr als 270 Standorte in den USA, ist aber auch international vertreten. Sizzler gibt es in Deutschland nicht, aber auch wenn die Hervorbringungen der US-Amerikanischen Küche oft suspekt erscheinen: Steaks können die, die US-Amerikaner!

In der Mojave Wüste – Bild 01

Wir hatten die Übernachtung bewusst nach Fresno gelegt, um am nächsten Tag keine so weite Anreise mehr in den Yosemite National Park zu haben. Trotzdem mussten gute 150 Kilometer gefahren werden, bis wir im bekanntesten Teil des Parks, dem eigentlichen Yosemite Valley angekommen waren. Da wir einen kleinen Bus für unsere kleine Gruppe hatten, konnten wir auf dem „Schleichweg“, der 41 via Sugar Pine und Fish Camp in den Park einreisen, was ab einer bestimmten Fahrzeuggröße nicht mehr möglich gewesen wäre. Aber der stetige Wandel trifft auch diese Region: heute ist diese landschaftlich eindrucksvolle Fahrt nicht mehr möglich, nur noch Autos bis zu einem gewissen Gewicht dürfen passieren, der große Rest muss außen herum fahren! Nun hatten wir bis zu diesem Tag viel Wüste und trockene Regionen gesehen, waren oft heißen Temperaturen ausgesetzt und hatten teilweise Staub schlucken müssen (im Sandsturm bei Phoenix zum Beispiel). Nun stand aber wieder eine vollständige Veränderung der Landschaft bevor. Der Yosemite-Nationalpark liegt in der kalifornischen Sierra Nevada. Er ist berühmt für seine alten Riesenmammutbäume und den Tunnel View, den bekannten Aussichtspunkt über den Bridalveil Fall sowie die Granitberge von El Capitan und Half Dome. Im Yosemite Village gibt es die üblichen Geschäfte, Restaurants, Unterkünfte sowie das Yosemite Museum und die Ansel Adams Gallery mit Drucken seiner bekannten Landschaftsfotos der Gegend in Schwarzweiß. Ansel Adams war auch kein ausgebildeter Photograph, sondern ein begabter Autodidakt, schaffte es aber trotzdem zu seiner Zeit als der herausragende Naturphotograph der Welt zu gelten. Kein Wunder übrigens, begann doch seine Schaffensphase im Yosemite National Park, wo sich bestechende Bilder (fast) von alleine machen!

Impression aus dem Yosemite Nationalpark

Die Gründe, einmal im Leben eine Reise hierher zu machen zu beschreiben, ist zeitlich unmöglich! Ein ganzes Buch könnte ich verfassen wenn dies dem Umfang entsprechend gemacht werden sollte. Nur so viel: Yosemite ist wunderbar und für viele Besucher ein absolutes Highlight ihrer Reise durch diesen Teil der Staaten. Zudem ein Ort, der jeden aufgrund der unbeschreiblichen Natur wirklich packt. Der Yosemite Fall ist der größte Wasserfall der USA aber um dies wirklich zu bemerken, muss man auf die Jahreszeit achten! Das Yosemite Valley ist nämlich umgeben von hohen Bergen, die ab November bis in den späten Frühling mit Schnee und Eis bedeckt sind. Das Schmelzwasser fließt ins Yosemite Valley und speist die Wasserfälle mit frischem Gletscherwasser. Wenn es heiße und trockene Sommer gegeben hat, führt der Yosemite Fall wenig Wasser und wirkt dann nicht so beeindruckend. Der Granitmonolith El Capitan ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten des National Parks. Knapp 910 Meter erstreckt sich der Kapitän der (halben) Berge senkrecht aus dem Yosemite Valley in den Himmel. Durch seine Beschaffenheit ist er besonders bei erfahrenen Bergsteigern beliebt. Zum Mirror Lake, der etwa 5 Kilometer vom Yosemite Village entfernt liegt und ein beliebtes Wanderziel darstellt, sind wir 2009 nicht gekommen. Ich habe den Platz aber 1987 besucht (seither nie wieder) und er hat mich vollkommen in seinen Bann geschlagen. Den Namen Mirror Lake verdankt der See natürlich seinem glasklaren Wasser, in dem sich die Berge und Wälder spiegeln. Ganz oben auf meiner Yosemite Favoritenliste stehen die Mammutbäume. Das Naturschutzgebiet Mariposa Grove im südlichsten Teil des National Parks beherbergt eine Vielzahl der über 2000 Jahre alten Giganten, die sich bis zu 90 Meter in den Himmel strecken. Leider sind die Wege durch Mariposa oft überlaufen (die Amerikaner lieben ihren Yosemite Park förmlich zu Tode). Deshalb haben wir 2009 zusätzlich die Toulumne Grove besucht. Der etwa 4 Kilometer lange Trail zu den Mammutbäumen lohnt sich auf jeden Fall. Der Tunnel View ist eines „der“ Wahrzeichen des Yosemite National Parks. Die Aussichtsplattform liegt am östlichen Ende des Wawona-Tunnels zieht in der Hochsaison bis zu 8.000 Besucher an. Von hier aus hatten wir einen wunderbaren Blick auf den El Capitan, die Bridaveil Falls, den Half Dome und in das Yosemite Valley. Man schaut quasi wie durch einen Tunnel ins Tal, das von Bergen umgeben ist. Daher der Name Tunnel View. Wobei uns unser Busfahrer auch erzählt hat, dass der Aussichtspunkt einzig und allein aufgrund des Wawona-Tunnels, Tunnel View genannt wird. Uns war das aber egal – die Aussicht war spitze! Was die Aussichtspunkte anbelangt, ist der Glacier Point wohl das Highlight Nummer 1? Von dem 2.200 Metern hohen Aussichtspunkt blickt man sogar auf den ansonsten so riesig wirkenden Half Dome hinunter. Man hat von dort oben einen phantastischen Blick auf die Vernal und Nevada Falls. Der Glacier Point ist sowohl mit dem Auto, dem Bus oder zu Fuß zu erreichen und die kurvenreiche Fahrt zum Gipfel hinauf macht auch noch wirklich Spaß, wenn einem bei dem vielen Geschaukel nicht schlecht werden sollte.

Wasserfälle prägen das Bild im Yosemite NP

Aber ich habe eine ganz andere, persönliche Erinnerung an den Yosemite Nationalpark. Natürlich auch eine, die sich auf die 1987er Reise bezieht, weil wir damals mit Wohnmobilen unterwegs waren und unsere Übernachtungsplätze so gut es ging immer mitten in der Natur gebucht hatten. Wenn man heute in der Haupt-Reisezeit einen Stellplatz für ein Motorhome im Park haben will, muss man schon lange vorher buchen! Wenn die Plätze voll sind, werden alle weiteren ankommenden Camper von den Rangers wieder aus dem Park hinaus komplimentiert und müssen die Nacht auf den Überlauf-Plätzen verbringen und dürfen erst mit Anbruch des nächsten Tages wieder in den Park zurück kommen. 1987 hatten wir Glück (da war der Park aber auch noch nicht derart überlaufen) und konnten inmitten dieser Wunderwelt mit unseren insgesamt vier Wohnmobilen bleiben. Die wundervolle Kulisse um uns herum ist schon allein Erinnerungswürdig gewesen! Aber ein anderes Erlebnis, eine Begegnung, eine tierische, hat sich meines Erinnerungsraumes noch stärker bemächtigt. Wieso können wir Menschen eigentlich nicht mit den Tieren sprechen? Ich meine jetzt nicht die teilweise nonverbale Kommunikation zwischen Mensch und Haustier, sondern eher so allgemein, so wie bei dem Franz, dem von Assisi! Franz von Assisi gilt als Tierliebhaber. Seine Liebe zu den Tieren hat nach den strengen Auslegungen der Vertreter seiner Religion allerdings weniger den Charakter von sentimentaler Kuscheltier-Mentalität, sondern soll seiner Gottesbeziehung entsprungen sein. Gut, aber reden konnte er doch wohl mit denen? Wenn wir das könnten, wären wir zum Beispiel in der Lage, einem in einer Fußfalle festsitzenden Wolf klar zu machen, dass wir ihm nicht an seinen schönen Pelz wollen, sondern gedenken, ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien! Der Wolf würde uns dann sicher nicht in Stücke zu reißen versuchen, weil er glaubt, dass wir es waren, die ihn in diese Situation gebracht haben, sondern artig still halten und sich nach der Befreiung höflich bedanken? So zumindest die Idealvorstellung!

“Mein” Tier bei der Bodenpflege

„Mein“ Tier, über das hier im Folgenden geschrieben werden soll, hatte ganz sicher wenig Empathie um sich über meine wahren Absichten im Klaren zu sein! Oder nahm es mich nach dem Ende der Aktion einfach in „Sippenhaft“ (als der Gruppe Mensch = Übeltäter zugehörig)? Wer weiß das denn schon so genau? Empathie bedeutet doch Einfühlungsvermögen! Damit sollte eine gewisse Fähigkeit und Bereitschaft zu verstehen einhergehen? Das Gefühl, verstanden zu werden, hat auf jeden gesunden Menschen eine erstaunliche Wirkung. Gerade in Stress- und Konfliktsituationen wirkt es entlastend, entkrampfend, befreiend, sogar versöhnend. Derselbe Mensch, der eine Minute zuvor noch aggressiv und störrisch war, sich eingeigelt und seine Stacheln ausgefahren hatte, der misstrauisch jedes Wort auf die Goldwaage legte und jederzeit bereit war, negative Absichten hinter einem Satz zu vermuten, wird durch das Gefühl, verstanden zu werden, plötzlich offener, zugänglicher, erreichbarer, kooperativer. Und ich Narr dachte an diesem schönen, warmen Abend im Yosemite Tal, dass ich dem „Tier“ dieses Gefühl durch gutes Zureden und volle Konzentration auf seine Bedürfnisse, es wahrgenommen zu haben, gegeben hätte. Aber die Qualität unserer Beziehung verbesserte sich dadurch nicht merklich! Aus einem Gegeneinander wurde kein – wenigstens vorsichtiges – Miteinander. Das „Tier“ verstand mich nicht und behandelte mich auf eine Art und Weise, wie es mit einem Aggressor gegen seine tierische Würde hätte verfahren sollen, aber doch nicht mir mir!

Wir hatten also auf diesem schönen Campingplatz unsere Fahrzeuge abgestellt, an den Strom angeschlossen und draußen auf den Bänken miteinander zu Abend gegessen. Da eine Wohnmobilreise nicht zwangsläufig bedeutet, dass man die Aspekte der Hygiene komplett außer Acht lassen kann (da würden einem die anderen Insassen des Fahrzeugs irgendwann mal gehörig die Meinung sagen), machte ich mich nach dem Abendessen bestückt mit Hygiene-Artikeln und einem großen Handtuch auf dem Weg zur Gemeinschaftsdusche. Sicher wüsste ich heute nicht mehr so genau, welche Schuhe ich an diesem Tag getragen habe, wenn es nicht zu der tierischen Begegnung gekommen wäre, aber da es dazu kam, blieben mir die Turnschuhe (weiß und markennamhaft) bis heute in Erinnerung. Der Anfang ging ganz gut, auf dem Weg zogen zahlreiche Zelte, Fahrräder, Autos und andere Wohnmobile an mir vorbei. Der Platz war auch 1987 schon gut besucht und ich denke, dass auch die anderen Personen auf dem Platz ihre Leben sehr genossen haben? Als ich mit der Körperpflege geendet hatte und die Duschräume wieder verließ, dämmerte es bereits und nur die Spitzen der uns umgebenden Berge bekamen noch ein paar Sonnenstrahlen ab. Ich machte mich daran, wieder zu meiner Reisegruppe zurück zu gehen, als mir – etwa fünf Meter vom nächsten Zelt entfernt, eine große Kiste auffiel, in der etwas geräuschvoll in Bewegung war. Hätte ich doch nur ein wenig mehr Erfahrung mit dieser Spezies gehabt! Oder einfach etwas mehr Verstand? Ich wage kaum daran zu denken! Irgendetwas in dieser Kiste war offensichtlich höchst unzufrieden damit, dass es darin eingesperrt war. Ich machte mir weder Gedanken um den Grund, „warum“ das Tier den eingesperrt war, als darum, ob es denn eventuell ein Haustier sein konnte, welches sich schlecht benommen hatte und deshalb zur Strafe in diese Kiste gesetzt wurde. Andere Menschen äugten auch zu der Kiste hin, aber niemand schritt zur Tat, um das gefangene, vermeintlich hilflose Tier, das wohl schon einem Herzstillstand nahe war vor lauter Aufregung, zu befreien.

Es gibt auch freundlichere Tiere im Yosemite Park

Ich wollte immer schon gerne ein Held sein! Also ging ich die fehlenden Meter zu unseren Motorhomes zurück, legte meine Pflegeartikel in das dafür vorgesehene Behältnis und informierte meine Gruppe darüber, dass wie vielleicht alle zusammen nochmal zu dem eingesperrten Tier hingehen sollten, da es sich dabei offensichtlich um ein sehr wildes Tier handelte, dass aber leider in einer unkomfortablen Situation feststeckte. Alle kamen mit und beim „Tier“ angekommen konnten wir sehen, dass immer wieder mal jemand in die Nähe des Behältnisses trat und versuchte, die die Gitter hindurch einen Blick auf das eingesperrte arme Wesen zu erhaschen. Aber keiner trat entschlossen an die Kiste um sie zu öffnen und dadurch zu verhindern, dass ich den Held hätte geben können. Einer aus der Gruppe (selbst mit der Hege und Pflege eines Waldes betraut) erkannte sofort, dass es sich dabei um eine Falle handelte. Das fand ich unerhört! Welches Tier, das darin Platz fand, hätte denn einem Menschen gefährlich werden können? Da es immer dunkler wurde wollte ich schnell zur Tat schreiten, ging in die Knie, legte mich auf den Bauch und robbte langsam an den Gefangenen heran. Ich erkannte schwarze und weiße Farben und einen Umriss im noch halbdunkleren Halbdunkel der Falle, der mich an einen Waschbär erinnerte. Einer der uns umstehenden Amerikaner sprach mich an und meinte, dass er schon vorgehabt hätte, die Tür zu öffnen, aber in diesem speziellen Fall von seiner Absicht wieder zurückgetreten wäre. Aha? Warum denn zurückgetreten? Wenn man der geschundenen Kreatur schon helfen will und das auch vollmundig ausdrückt, dann sollte man keinen Rückzieher machen sondern kraftvoll zu Taten schreiten. In der Kiste wummerte es – geräuschvoll – weiter. Das Tier war ganz ohne Zweifel außer sich!

Die US-Amerikaner lieben ihren Yosemite NP zu Tode

Das amerikanische Wort für Waschbär ist Racoon, das war mir bekannt. Ich richtete das Wort an den Amerikaner, der so vollmundig über die Freisetzung des Tieres gesprochen hatte. Was denn an so einem Waschbären (Racoon) so gefährlich sein könnte wollte ich wissen! Mit einer Körperlänge bis zu 70 Zentimetern und einem Gewicht bis zu 9,0 Kilogramm sind Waschbären ja nun nicht unbedingt mit einem Chihuahua (Hunderasse) zu vergleichen. Aber diese Tiere gelten ja im Allgemeinen als sehr intelligent und dass doch davon ausgegangen werden könnte, dass der Racoon sich nicht gegen seinen Retter würde stellen wollen? Racoons haben ja bekanntlich einen IQ von 45 – 65 und heben sich dadurch wohltuend vom durchschnittlichen „Germany-next-Topmodell“ Zuschauer ab, der in der Regel (wenn er mit der Dummheit nicht sein Geld macht) deutlich unter diesem Wert liegen dürfte. Der Ami schaute mich ungläubig an und meinte dann nur, das es kein Waschbär wäre sondern ein Skunk, ein Stinktier und dass das der Grund wäre, warum er dem Kerl nicht in die Freiheit verhelfen wollte. So? Warum denn? Stinktiere sind ja auch nicht blöd, auch wenn ihr IQ sicher etwas unter dem eines Waschbären liegen dürfte. Aber so ein kleiner Skunk wäre doch sicher auch froh, wenn er die Freiheit wieder erlangen würde, oder? Schulterzucken bei dem Amerikaner. Der mit der Hege und Pflege eines Waldes betraute Mitreisende meinte noch, dass die Parkverwaltung das Stinktier sicher nicht ohne Grund gefangen habe, dass sie es vielleicht von den Leuten wegbringen wollten, damit keine Gefahr von ihm ausgehen würde.

Ach nein? Wie süß! Eine Gefahr von einem süßen, kleinen Stinktier? Nach meiner damaligen Auffassung zog der, der so etwas glaubte, morgens auch die Hose mit einer Kneifzange an! Das sich Auffassungen ändern können sollte mir wenig später mehr als nur deutlich bewusst werden. Einer aus dem Volke der Amerikaner rief mir noch zu, dass ich vorsichtig sein sollte, da diese Tiere nicht ohne triftigen Grund „Stinktiere“ genannt werden. Ja und? Hatten wir nicht als Buben in der Schule im Unterricht in der Klasse bei unserem nicht wirklich geschätzten Chemie- und Physiklehrer „Frank“ gerne mal Stinkbomben hochgehen lassen? Danach hatte sich zwar für kurze Zeit ein abscheulicher Geruch im Klassenraum ausgebreitet, so dass die Fenster geöffnet werden mussten, aber es waren doch im Prinzip immer nur die Mädchen darüber entsetzt – wir Buben lachten höchstens drüber. Es war also an der Zeit, zu Taten zu schreiten. In den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass die gesamten die Szene umstehenden Amerikaner mehrere Schritte zurück gingen und meine „deutsche“ Gruppe es ihnen gleich tat, nachdem diese den Rückzug bemerkt hatte. Ein Vater brachte noch schnell seine beiden Kinder ins Wohnmobil, danach wurde es still. Ich robbte in dem dämmrigen Licht zur Kiste hin und konnte dadurch auch ein Augenpaar erkennen, welches mich ansah. Ich wollte in diesem Blick Hoffnung auf baldige Rettung erkennen und hielt unbeirrbar daran fest, dass so ein Wildtier eine edle Gesinnung haben müsse, sprach man doch so oft von den „edlen Wilden“.

Auch die gigantischen Redwood-Bäume sind freundlicher als Skunks

Geschickt fingerte ich an der Verriegelung der Kiste nach der Öse und dem darin befindlichen Stift. Ein kurzer Ruck und die Klappe ging auf. Durch den Stift gesichert, schlug die Klappe der Falle nun nicht mehr zu. Im Prinzip hatte ich erwartet, dass das edle wilde Tier nun vor Freude erregt aus der Kiste gesprungen käme, um mich an sein befelltes Herz zu drücken. Ich machte einen Schritt zurück, doch nichts geschah. Sollte ich dem verängstigten Tier klarmachen, dass es würde kommen können? Der Amerikaner rief mir zu, dass ich viel weiter zurückgehen müsste, Skunks seien unberechenbar und keiner hier auf dem Platz würde wollen dass der Skunk das täte, was Skunks nun mal so im Allgemeinen tun. Ich ging also noch einen Schritt zurück und dachte mir, dass hier wohl nur „Mädchen“ auf dem Campingplatz seien! Die sollten sich mal alle nicht so anstellen, wegen eines möglichen bisschen Skunk-Gestank! Endlich äugte das süße Tier unter der Klappe hervor. Zu meiner Überraschung trug es nicht diesen Ausdruck von Verängstigung mit sich. Klar und präzise schnüffelte es in alle Richtungen und entschloss sich dann, den Weg an der Außenwand der Kiste entlang von mir weg zu nehmen. Es hatte offensichtlich eräugt, dass sich dort keine Menschen befanden, die es an der Flucht hätten hindern können. Geschmeidig und sanft ruckelte es (Skunks laufen so süß!!) an der Kiste entlang, bis es das Ende derselben erreicht hatte. Ohne jedes Anzeichen von Panik trottete es weiter, mal schnüffelnd nach rechts und mal schnüffelnd nach links. Seinen plüschigen süßen Fellschwanz zog es hinter sich her. Nach etwa drei Metern blieb es stehen und hob den Schweif.

Die sich ausbreitende Panik unter den Amerikanern (aber nur unter denen mit Erfahrung in der Sache) befand ich als extrem übertrieben und ich wollte denen schon zurufen, dass es sich hier doch nicht um einen Luftangriff der NS-Streitkräfte handeln würde, als ich einen kleinen Tropfen auf meiner rechten Hand erspürte. Ich bin mir sicher, dass ich den Tropfen zuerst gespürt habe, bevor mich das grausamste olfaktorische Erlebnis meines Lebens förmlich an allen Sinnen überreizte. Ein ganzes Leben passt offensichtlich in zehn Sekunden? So wie es Menschen berichten, die nach einem Unfalltod von den Rettungskräften wieder ins Leben zurückgeholt wurden, schien mein ganzes Leben wie ein Film und in rasendem Tempo, in Bruchstücke zersplittert an mir vorbei zu rasen. Immer wieder tauchten neue Bilder und Szenen auf, blitzen regelrecht auf und entwickelten eine ungeheure Stahlkraft. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass das mein Leben war, das da vorbeirauschte. Ich empfand Liebe, die sonst eingebettet in den sperrigen Alltagsmüll, in die Ängste, Freuden, Sorgen, so nicht zutage treten konnte. Welcher meiner jugendlich unbekümmerten Idioten-Freunde aus meiner Schulzeit hatte denn eigentlich erzählt, dass der Geruch einer Stinkbombe das Fürchterlichste sei, was die Welt hervorgebracht hatte? Die Geruchsintensität dieses kleinen Strahls, den der kleine Wicht gerade abgelassen hatte, war – um einen Vergleich zu finden – wie die zehnfache Sprengkraft einer Hiroshima Atombombe im Vergleich zu einem kleinen Silvester Böller. Und der Silvester Böller entsprach der Stinkbombe aus dem Klassenraum. Ich sah auch nochmal – von schierer Panik getrieben – zu dem Skunk hin. Er stand noch immer mit erhobenem Schweif etwa drei Meter hinter der Kiste, aus welcher er nur dank meines Edelmutes überhaupt entkommen war, und schaute über seine Schulter zu mir hin. Es lag eine Art freudige Verachtung in seinem Blick so als wollte er sagen, das wir ihn doch alle mal am…….. könnten oder so ähnlich. Dann trollte er sich und entschwand unseren Blicken.

Als Freizeitgebiet hoch geschätzt – der Yosemite Nationalpark

Es war eine denkwürdige Betriebsamkeit rund um meinen Standort herum entstanden! Lautes Stöhnen drang von überall her und das Menschen alle gleich sind und wir keinerlei rassistisch motivierte Unterscheidungen machen sollten, zeigte sich auch an diesem kollektiv ausgebrochenen Stöhnen. Wilde Fluchtbewegungen in alle Himmelsrichtungen waren ebenfalls zu erkennen, auch egal, ob es sich dabei um amerikanische oder um deutsche Menschen handelte. Die Attacke des Stinktieres einte die Völker. In einem blauen Zelt neben dem Tatort, welches zuvor unbewohnt schien, regte sich plötzlich lautstarker Protest und ein bärtiges Studentengesicht erschien zwischen den Tüchern und es fragte was denn geschehen sei. Und immer wieder und von überall her begann es zu klingen, unisono in verschiedenen Sprachen! Oh no – oh nein – oh god – oh gottogotto und so weiter. Mit einem olfaktorischen Paukenschlag war ich um eine Erkenntnis reicher: befreie niemals, zu keinem Zeitpunkt, nirgendwo auf der Welt ein Stinktier, wenn es durch eine wenn auch unfreiwillige Haft bereits eine große Portion Frust in sich hatte aufsteigen lassen. Wie soll man wem beschreiben, der nicht dabei war, in welchen Wellen der bestialische Gestank immer wieder und wieder vorbeizog, ohne an Intensität zu verlieren. Die ganze Szene hatte schnell etwas gespenstisches, alles menschliche Leben war gewichen und hatte sich in Sicherheit gebracht. Der Skunk hatte mich getroffen, den Peststrahl direkt gegen mich gerichtet und mich von oben nach unten mit seinem mörderischen Sekret betropft. Ich stank bestialisch, was mir auch sofort mitgeteilt wurde, als ich meinen Weg zurück zu meinem Wohnmobil antrat, um mich meiner Sachen zu entledigen und mich erneut zu reinigen. Das Duschen zuvor hätte ich mir – gelinde gesagt – schenken können.

Da ich etwa 100 Meter durch die Anlagen des Campingplatzes laufen musste um zu „unseren“ Motorhomes zu kommen, waren Begegnungen mit Menschen aller Rassen, Nationen und Hautfarben vorprogrammiert. Überall wurde mir dieselbe abweisende Geste zuteil. Wischende Bewegungen mit den Händen vor dem Gesicht, überstürztes von mir wegdrehen oder simples zuhalten der Nase. Ein Kind fing an zu weinen, eine ältere Dame erbrach sich schwungvoll. So viel Aufmerksamkeit, aus dem Nichts heraus generiert, hatte ich in meinem ganzen Leben zuvor nicht erhalten. Es war allerdings eher ablehnende Aufmerksamkeit. Ein älterer Herr rief mir zu, das ich meine gesamte Kleidung ausziehen und wegwerfen, besser noch verbrennen solle, denn der Gestank würde niemals weichen! Nun hatte ich zwar ein billiges T-Shirt am Leib, aber meine ebenfalls besudelte Trainingshose gehörte zu einem Anzug, den ich für viel Geld zu meinen sportiven Zeiten (die damals noch nicht so lange vorbei waren wie heute) erworben hatte. Ich war nicht bereit, diese Hose nun einfach so zu entsorgen! Meine damalige Freundin und ich teilten uns unser Wohnmobil (wegen der Kosten) mit einem Geschwisterpaar. Die drei Damen standen bereits vor der Tür zum Innenraum und verweigerten mir schlicht den Zutritt. Der Schauplatz des Ereignisses lag ja über 100 Meter von unserem Wohnmobil entfernt, so dass sich bei allen ein Gefühl der Sicherheit ausgebreitet hatte, ein Gefühl, der unmittelbaren Todesgefahr durch „erstinken“ entronnen zu sein. Diese Sicherheit verflüchtigte sich in dem Moment, in dem ich mich noch etwa 10 Meter von unseren rollenden Häusern entfernt auf diese zu bewegte, um mich darin von dem erlittenen Übel zu befreien.

Kein Argument zog, ich wurde nicht eingelassen. Man schob mir mit zugehaltener Nase neue Kleidung durch den um eine Haaresbreite geöffneten Türschlitz ins Freie und wies mich barsch an, mich sofort unter die Dusche zu bewegen und alle Kleidungsstücke zu entsorgen. Menschen, die zufällig des Weges kamen und nichts von der terroristischen Attacke des Skunk mitbekommen hatten, sprangen – irgendwie entsetzt – mit geweiteten Augen zur Seite! Manchmal in die falsche Richtung weil sie nicht verorten konnten, woher genau der bestialische Gestank kam. Aber irgendwann hatten sie mich alle als Quelle der Unerfreulichkeit ausgemacht. Manche spendeten mir sogar Blicke des Mitleids, bevor sie eilends das Weite suchten. Wie schon beschrieben, der Campingplatz war gut gefüllt, aber auf dem erneuten Weg zur Dusche hatte ich eine prächtige Schneise für mich allein. Wie von Zauberhand wichen die Menschen vor mir zurück, bis ich endlich die Duschen erreicht hatte und im Inneren verschwunden war. Allerdings brach sofort nach meiner Ankunft in der Dusche hektische Betriebsamkeit in den Duschen aus und Männlein wie Weiblein (obwohl durch eine Holzwand, brav nach Geschlechtern voneinander getrennt) strömten unter Stöhnen und gelegentlichem Fluchen ins Freie und suchten das Weite! Nun, so allein in der Dusche und es wollte wirklich niemand mehr mit mir etwas zu tun haben, konnte ich eine erste Schadensbilanz ziehen. Die leichten Verfärbungen auf dem weißen T-Shirt in Tropfenform zeigten deutlich auf, wo ich getroffen wurde. Wenn ich meine damals noch sehr langen Haare zu meiner Nase zog, musste ich nicht gründlich inhalieren um festzustellen, dass auch meine Haare betroffen waren. Die Trainingshose? Oh ja, die war auch betroffen. Ich zog mich komplett aus und unterzog meinen geschundenen Leib der Dusche meines Lebens. Die Intensität des Geruches schwächte sich während des Dusch-Marathons nur marginal ab. Es war der blanke Horror! Kurz hatte ich den Gedanken, mir ein Brecheisen zu suchen, dem stinkenden Ungetüm nachzustellen und es mit kräftigen Hieben ins Jenseits zu befördern. Ich verwarf den Gedanken, auch weil ich eines Tages als echter Tierliebhaber in die ewigen Jagdgründe eingehen wollte um mich „auf der anderen Seite“ mit Franz von Assisi anzufreunden und dann mit dem gemeinsam zu den Tieren zu sprechen. Ich würde dann dem Franz sicher auch mal auf die Möglichkeiten der Kommunikation mit nordamerikanischen Skunks hinweisen! Ehrlich!

Blick vom Tunnel view im Yosemite NP

Jeder der in der Zwischenzeit in den Dusch-Trakt kam, nahm entweder sofort wieder Abstand von seinen Gedanken an Körperpflege (morgen war ja auch noch ein Tag) oder beschränkte sich unter Würg-Geräuschen auf das Nötigste. Der Geruch wollte nicht vergehen. Ich duschte auch das T-Shit mit, rubbelte es kräftig durch, spendete dem Teil auch einen kräftigen Schuss Duschgel, auch einen zweiten und einen dritten Schuss! Nichts tat sich, das T-Shirt musste aufgegeben werden. Da ich mich mit feiner Nase nun meinen anderen Kleidungsstücken zuwenden wollte, entsorgte ich das Shirt kurzerhand durch ein Fenster in den Bereich hinter der Dusche, aber nur kurz, denn schnell wurde es unter Protestgeschrei wieder durch das Fenster in die Dusche zu mir zurück befördert. Ich hörte noch etwas wie „burn“ (brennen) und hoffte, dass ich nicht höchstselbst damit gemeint und die Zeit der Hexenverbrennungen schon lange vorbei war. Irgendwann, so nach einer gefühlten Stunde des „Rubbelns“, als ich bereits eine Hauttönung hatte, die als klassisch „elfenbeinfarben“ beschrieben werden konnte, meinte ich eine Verbesserung der mich umgebenden Umluft zu bemerken. Es gab wohl doch ein mittel gegen Stinktier-Attacken? Stundenlanges duschen! Die teure Trainingshose wollte sich auch nicht aus ihrem bedenklichen Geruchszustand herauslösen lassen. Gut, dass Shirt würden wir nachher verbrennen, aber nicht die Trainingshose! Ich wollte aber guten Willen zeigen und mich später bereit erklären, diese mir teure Hose in zwei Plastiktüten zu wickeln und mit Klebeband zu versiegeln.

Irgendwie roch ich aber noch immer nach Stinktier, als ich zu meiner Gruppe zurückkam, um nun endlich Einlass in meinen eigenen Interims-Lebensraum zu finden. Kurz wurde mir die Bitte gewährt – aber diese Entscheidung bereuten meine Reise-Gefährtinnen schon bald und komplimentierten mich erneut vor die Tür. Ich war komplett neu eingekleidet, hatte eine Stunde lang orgiastisch geduscht und trotzdem müffelte ich noch immer! Also draußen schlafen? Es gibt wilde Tiere im Yosemite Nationalpark! Wölfe, Bären, Schakale, Pumas und allerlei anderes Ungetier. Dazu giftige Schlangen und Vogelspinnen! Ein vorbeilaufender Ami, der den noch immer durch die Lüfte ziehenden Geruch bemerkte meinte lapidar, dass kein Wildtier so blöd sei, sich einem Skunk zu nähern und da ich riechen würde wie eines, wäre ich „save“ (auf der sicheren Seite). Amerikaner können ja ganz schön blöd daher reden! Meine Socken rochen auch stark und wurden zusammen mit dem T-Shirt aufgegeben und verbrannt. Selbst der aufsteigende Rauch hatte noch eine gewisse Stinktiernote. Meine Luftmatratze und mein Schlafsack wurden von den dabei sehr energisch wirkenden Mitbewohnerinnen vor die Tür gerollt. Die Trainingshose war in drei Plastiktüten eingewickelt und mit Panzerband umwickelt worden. Trotzdem konnte man an der äußeren Tüte noch diesen speziellen Unwohlgeruch wittern! Ich wappnete mich für die Nacht unter freiem Himmel, wohl behütet durch den Raubtiere abweisenden Geruch, der sicher allen Wesen des Tierreiches einen anderen Weg weisen würde als hin zu einem meiner Körperteile? Aber was wäre, wenn es hier einen Puma oder einen Bären geben würde, die an Anosmie litten? Dann wäre ich wohl geliefert? Trotzdem fiel ich bald darauf in einen unruhigen Schlaf.

Kojoten mögen keinen Stinktiergeruch

Am nächsten Morgen dann der Schock: irgendwie war während der Nacht immer wieder einmal – abhängig von den Bewegungen des Windes – der Geruch mal stärker und mal weniger stark in meine Nase gestiegen. Aber ich vertraute darauf, dass sich das bis zum nächsten Morgen erledigt haben würde. Als wir am nächsten Tag aufbrechen wollten, nahm ich meine teuren „weißen“ Turnschuhe, die die Nacht unter dem Wohnmobil verbringen mussten, zur Hand und wollte sie gerade anziehen, als mich ein Würgreflex befiel. Oh Nein!! Das Stinktier hatte auch meine Schuhe getroffen und in das weiche Leder war der grausliche Saft nun tief eingezogen. Was war zu tun? Ich beschloss, die teuren Treter hinten am Reserverad in den Wind zu hängen, sie dadurch zu lüften und wieder in einen funktionsfähigen Zustand zu versetzen. So weit der Plan. Wir fuhren los und da ich die Führung des Trosses übernommen hatte, war es auch mein Wohnmobil, mit mir am Steuer, das vorneweg fuhr. Die anderen drei folgten nach. Aber heute war etwas anders! Der Abstand des zweiten Wohnmobils zu unserem war größer als sonst! Deutlich größer! Immer wieder verlangsamte ich die Fahrt, damit die anderen würden aufschließen können. Sie taten es nicht. Als wir nach etwa 100 Kilometern zum kollektiven Tanken an einer kleinen Tankstelle in der Provinz anhielten, folgten die anderen nicht sofort nach, sondern blieben an der Einfahrt zur Tankstelle stehen. Ich öffnete schwungvoll die Wagentür um in Erfahrung zu bringen, was dieses seltsame Gehabe denn solle und da wusste ich es! Sofort! In der stehenden Hitze waberten Stinktier Gerüche durch die Welt, so als wären zwischen dem Vorfall auf dem Campingplatz und dem jetzigen Moment nur Sekunden vergangen. Im Stillen verbeugte ich mich vor der Natur – aber nur widerwillig. Der Tankwart, der gerade vor die Türe getreten war, hielt sich augenblicklich die Nase zu und fragte, ob wir einen Skunk dabei hätten. Ich zeigte auf meine am Reserverad zum Zwecke der Durchlüftung angebundenen Schuhe und fragte, was man denn da tun könne, wann der Geruch denn nun nachlassen würde. Einer aus der Gruppe (aus dem zweiten Wohnmobil) kam hinzu und sagte, dass ich mir mit den Schuhen was anderes würde einfallen lassen müssen. Der Geruch wäre unerträglich.

Ich habe dann noch versucht, die Mitglieder der Reisegemeinschaft zu überzeugen, dass wir die Schuhe an das Reserverad des vierten und damit letzten Wohnmobils würden anbinden können, dann gäbe es auch keine weitere Geruchsbelästigung mehr. Doch der Tankwart meinte nur, dass das aussichtslos sei, die Schuhe würden auf ewig stinken, da das Sekret nun seinen Weg tief ins Innere des Schuhwerks gefunden hätte. Ich solle die Dinger wegschmeißen, das wäre die einzig möglich Alternative. Und so wanderten, runde 18 Stunden nach der eigentlichen Attacke, meine wunderbaren weißen Marken-Turnschuhe (umhüllt von zwei dicken Plastiktüten, die uns der Tankwart zur Verfügung stellte) in den Mülleimer. Was für eine Erfahrung! Und? Sie war noch nicht vorbei! Die Trainingshose fand ihren Weg zusammen mit der Schutzhülle aus drei Plastiktüten am Ende der Reise in meinen Koffer. Welch freudige Überraschung als wir den Koffer zuhause öffneten!! Alle Kleidungsstücke hatten zumindest ein oder zwei Geruchtsatome Stinktierduft in sich aufgenommen. Erst nach dem zweiten Waschgang trat eine Verbesserung ein. Also ihr lieben jungen Menschen, die ihr da „Stinkbomben“ hochgehen lasst und euch in dem Gefühl sonnt, den schrecklichsten aller Geruchs-Schrecken auf die Welt losgelassen zu haben: ihr habt nicht die Spur einer Ahnung! Aber Ahnungslosigkeit kann auch ein Segen sein!

Citykörper von San Francisco

Zurück zur 2009er Reise. Da wir möglichst viel Zeit im Yosemite Nationalpark verbringen wollten, fuhren wir an diesem Tag nicht mehr durch bis nach San Francisco. Wir schlugen unsere „Zelte“ (wie sinnig – natürlich Hotelzimmer) im Hampton Inn Modesto-Salida nördlich von Modesto auf und hatten dadurch am nächsten Tag nur noch etwa 150 Kilometer bis nach San Francisco zurück zu legen. Früher habe ich mich gerne auch mal durch Bewertungen festgelegt. Ich wurde ja oft gefragt, wo ich es denn „am schönsten“ finden würde auf der Welt, weil ich ja schon so viel unterwegs gewesen bin. Heute hätte ich philosophisch angehauchte Antwortsätze parat, aber das war nicht immer so! Wenn ich nach meinen Lieblingsstädten auf der Welt gefragt wurde, nannte ich nicht London oder Paris (weil die ja vor der Haustüre liegen – zumindest vor Corona) sondern Sydney, Kapstadt und San Francisco, weil die weit weg, wunderschön und exotisch waren! Also San Francisco. Die Stadt ist gar nicht so groß! Hat nicht mal eine Million Einwohner. Aber durch seine Geschichte und seine Lage ist sie weltbekannt geworden und gleichermaßen beliebt. Vielleicht auch, weil sie an vielen Stellen so unamerikanisch wirkt? Sie ist eine hügelige Stadt und liegt an der Spitze einer Halbinsel zwischen dem Pazifik und der Bucht von San Francisco. Die Stadt ist berühmt für ihren ganzjährigen Nebel, die legendäre Golden Gate Bridge sowie ihre Straßenbahnen und bunten viktorianischen Häuser. Der bekannteste Wolkenkratzer der Stadt, die Transamerica Pyramid, steht im Finanzviertel. Die in der Bucht gelegene Insel Alcatraz war einst eine berüchtigte Gefängnisinsel. Da wir um die Mittagszeit in Frisco ankamen, machten wir erst einmal einen Mittagstop im viertel Fisherman’s Wharf. Am Fisherman’s Wharf sind viele der beliebtesten Sehenswürdigkeiten beheimatet. Etwa das Pier 39 oder The Cannery, eine alte Konservenfabrik der Firma Del Monte. Ebenso dort vertreten sind ein Wachsfigurenmuseum und der Ghirardelli Square, eine alte Schokoladenfabrik, sowie Ripley’s Believe It or Not!, eine Kuriositätenausstellung. Am Pier 45 liegen die beiden Museumsschiffe USS Pampanito und Jeremiah O’Brien vor Anker. Das Hafenviertel ist geprägt von Restaurants, die bekannt sind für ihre Fisch- und Meeresfrüchte-Spezialitäten. Daneben haben sich viele Geschäfte, Galerien und Museen niedergelassen. Von Fisherman’s Wharf aus starten auch die Fähren nach Alcatraz. Außerdem liegen weitere beliebte Ziele wie Chinatown, der Cable-Car-Turn-around am Ende der Powell-Hyde-Line, der Maritime National Historical Park oder die Lombard Street in unmittelbarer Nähe. San Francisco ist nur die viertgrößte Stadt Kaliforniens, zieht aber durch seine einzigartige landschaftliche Lage, seine kosmopolitische Atmosphäre und die Erinnerungen an eine vergangene Zeit, wie z.B. die Cable Cars, jedes Jahr viele Touristen an. Die bekannteren Sehenswürdigkeiten wie Union Square, die Twin Peaks, Golden Gate Park und das Golden Gate haben wir uns im Rahmen einer geführten Besichtigung angeschaut. Am Nachmittag sind wir nach Sausalito gefahren, das ist eine Künstlerkolonie, deren Atmosphäre schon fast mediterranen Charakter hat. Dieses ehemalige Fischerdorf ist ein beliebter Ausflugsort. Verwinkelte Gassen gibt es dort und zahlreiche Boutiquen, Galerien, Bistros und Straßencafes.

Die Seelöwen am Pier 39

Wir haben 2009 zweimal in San Francisco übernachtet und einen komplett freien Tag eingeschoben. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob einige aus der Gruppe das genutzt haben, um die Alcatraz Gefängnisinsel zu besuchen? 2009 war ich nicht dort, aber bei der Reise mit der großen Gruppe in 2000. Wer auf einen Besuch von Alcatraz verzichtet, kann auch die Überbleibsel der einstigen Gauner-Hochburg in der Bucht von San Francisco nicht sehen. Für einige gelten sie als „das“ Highlight unter den San Francisco Sehenswürdigkeiten. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts diente das Fort auf der Insel als ein Gefängnis für Kriegsgefangene, bis sie im Jahr 1933 komplett als Gefängnisinsel für Schwerverbrecher genutzt wurde. Berühmte Verbrecher wie Al Capone und Robert Franklin Stroud verbrachten ihre Haftstrafe in dem Hochsicherheitsgefängnis. Durch ihre Lage in der Bucht, umgeben von eisigem Wasser und einer starken Strömung, nahm man an, dass die Gefangenen hier nicht entkommen könnten. Dennoch gab es über die Jahre zahlreiche Fluchtversuche. Dass einer von ihnen tatsächlich glückte, ist jedoch nicht bekannt. Viele Geflohene verschwanden spurlos – vermutlich durch Ertrinken, eine Sicherheit gibt es jedoch nicht. Frisco ist bezaubernd schön, nicht nur die bekannte Lombard Street. Dass San Francisco sehr hügelig ist, wissen die meisten Besucher. Die deutlichste Ausprägung findet man auf der Lombard Street, zumindest auf einem etwa 150 m langen Abschnitt dieser Straße zwischen der Hyde und der Levenworth Street. Hier befindet sich die wohl kurvenreichste Straße der Welt. Ursprünglich verlief die Lombard Street wie alle anderen Straßen gerade. Bald jedoch kam es zu Problemen aufgrund der 27% Steigung. Dies resultierte 1922 in dem Bau der acht Kurven, in denen die Straße sich heute den Hügel hinunter schlängelt. Befahren werden kann sie nur in eine Richtung, nämlich von oben nach unten. Mein „stiller Favorit“ sind die Painted Ladies bei Nacht, zu denen ich auch jedes Mal, wenn ich in die Stadt gekommen bin, mit Kamera und Stativ hin geschlichen bin. Diese einzigartigen Häuser befinden sich am Alamo Square. Die klassische Kulisse, die aus verschiedenen US-Serien der 80er und 90er Jahre bekannt ist, kennt irgendwie jeder, ohne genau zu wissen, was es ist! Die viktorianischen Häuser, die in bunten Farben bemalt sind, stammen aus dem 19. Jahrhundert. Damals gab es noch weit mehr viktorianische Häuser in San Francisco, die jedoch zum Teil vom Erdbeben im Jahr 1909 zerstört wurden. Heute sind die Painted Ladies eine berühmte Anlaufstelle für Touristen, die sich die für San Francisco typischen Häuser anschauen wollen. Vom gegenüberliegenden Alamo Square hat man den besten Blick auf die hübschen Bauwerke, die sich auf etlichen Postkarten, aber auch in vielen Filmen als klassisches Bild der Stadt wiederfinden. Leider ist man tagsüber nie allein – nicht einmal in den Wintermonaten. Aber in der Nacht klappt es. Wenn es jemals wieder möglich werden sollte zu reisen, dann kann ich den Platz nur jedem empfehlen.

Blick vom Alamo Square nach San Francisco

Und dann mussten wir ja auch wieder zurück nach los Angeles um das Flugzeug nach Deutschland zu bekommen. Wir hatten aber noch ein paar Tage dafür Zeit und sind größtenteils an der Küste entlang gefahren. Monterey haben wir angesteuert, das liegt auf einer Halbinsel und ist ein vielbesuchter Küstenort. Oft hört man, es sei das meist besuchte Gebiet Kaliforniens. Einst wichtigster Sardinenhafen des Westens, wurde das ruhige kleine Städtchen später durch John Steinbecks Roman “Die Straße der Ölsardinen” weltbekannt. Monterey ist außerdem die ehemalige Hauptstadt des spanischen Kaliforniens. Wegen der vielen landschaftlichen Reize haben wir uns auch einen halben Tag lang über den pittoresken 17-Mile-Drive bewegt. Er führt direkt an der Pazifikküste entlang, teilweise durch den Del Monte Wald. Der beeindruckt durch seinen reichen Bestand an Zypressen und sogenannten Monterey-Pinien. Man kommt an schönen Stränden, einsamen Felsen und Aussichtspunkten vorbei. Der grandiose überhaupt ist der „The Lone Cypress“. Die vielen Luxusvillen und Golfplätze haben wir nicht bewundert. Dafür aber Robben- und See-Elefanten Kolonien, Pelikane und jede Menge Seevögel. Natürlich waren wir auch in dem Künstlerstädchen Carmel, dessen Bürgermeister Clint Eastwood eine Zeitlang war, einen Besuch abgestattet. Aber getroffen haben wir den guten Mann nicht! Nach dem Erdbeben in San Francisco 1906 wurde Carmel Zufluchtstätte für Schriftsteller und Künstler. Das reizvolle Städtchen hat ziemlich viel von seinen ursprünglichen Charakter bewahrt.

Aufdringliche Pelikane in Monterey

Ja und zum Schluss waren wir natürlich auch noch in Santa Barbara. Die Stadt, die auf die 1786 gegründete Mission Santa Barbara zurückgeht, hat ihren spanisch-mexikanischen Charakter beibehalten. Die Altstadt steht deshalb komplett unter Denkmalschutz. Santa Barbara ist heute, da man auf eine Industrialisierung bewusst verzichtet hat, in erster Linie Seebad und Kulturzentrum. Hier leben viele super reiche und gleichermaßen dekadente Leute und sogar die Studenten pflegen größtenteils ihren „expensive lifestyle“. Nun, wer es sich leisten kann! Die Welt ist im Wandel und ich glaube, dass es eine deutlich längere Zeit als erwartet dauern wird, bis das Reisen wieder möglich ist. Es gäbe auch in den USA Plätze, die ich mir noch gerne anschauen würde! Den Yellowstone-Nationalpark zum Beispiel. Dorthin haben mich meine Reisen nie geführt. Auch den Arches Nationalpark im an landschaftlichen Schönheiten reich gesegneten Bundesstaat Utah würde ich mir noch ein drittes Mal anschauen. Aber ich kann auch verzichten, so wie auf alle anderen Ecken dieser (noch) so schönen Welt. Jede Reise endet nämlich in uns selbst. Das habe ich begriffen um bin verstärkt bereit, mich in mich selbst umzuschauen. Da gibt es sicher noch viele interessante Ecken. Ich habe es begriffen.

Der Delicate Arch im Arches Nationalpark

Einen schönen Tag noch.

Roland Richter

03. Juni 2020

1 Comment
  • Flory
    Posted at 09:38h, 04 Juni Antworten

    Eine sehr schön geschriebene Retrospektive. Mit Witz, aber auch viel Tiefsinniges dabei. Man wird zum Nachdenken angeregt…und kann auch erst bildlich alles Geschriebenes erleben. Vielen Dank und bis zu der nächsten Retrospektive!

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