Reisen in der Retrospektive – USA 1987 – 2009 – Teil 01

Reisen in der Retrospektive – USA 1987 – 2009 – Teil 01

Es scheint so, als ob überall auf der Welt die Sehnsucht nach starken Männern an der Spitze der Staaten und Gesellschaften wieder wachsen würde. Umfrageergebnisse legen diesen Schluss zumindest nahe! Und wieder soll es ein „Mann“ sein, so als ob die Menschheit sich noch nicht einmal ansatzweise von den archaischen Elementen in sich distanziert hätte. Wenn es eine Frau werden sollte dann aber nur unter der Bedingung, dass sie „männliche Eigenschaften“ vorweisen kann. Die Menschen sind mit dem Funktionieren der Demokratien unzufriedener als noch vor wenigen Jahren. Auch wenn noch etwa ein Drittel der Befragten mit dem Funktionieren der Demokratien zufrieden sind, sprechen sich gleichzeitig fast die Hälfte der Menschen für einen starken Mann an der Spitze ihrer Länder aus. Ein Viertel der Befragten gab sogar zu Protokoll, dass man gerne einen starken Führer haben würde. Und dieser Trend ist in Deutschland genauso zu spüren wie in den Ländern, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten extrem gelitten haben. Wird die Demokratie in absehbarer Zeit nicht mehr die beliebteste Regierungsform sein? Wird die Zustimmung zu autoritären Systemen weiterhin ansteigen? Die Demokratie als beste Regierungsform verliert an Zustimmung, während es sich mit der Unterstützung für autoritäre Systeme umgekehrt verhält. Ein starker Führer, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss, wird heute nicht mehr in dem Maße abgelehnt, wie das noch vor 20 Jahren der Fall war. Ein starker Führer inklusive Systemwechsel wird mittlerweile von einem Viertel der Menschen befürwortet. Das liegt sicher auch daran, dass der Eindruck zugenommen hat, dass die Demokratie nicht richtig funktioniert und dass die Menschen letztlich wenig Mitspracherecht haben. Der wichtigste Grund für den Rückgang der Zufriedenheit mit der Demokratie besteht wohl vor allem darin, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, keinen Einfluss auf die Aktivitäten ihrer Regierungen zu haben.

Der Mono Lake in der Nähe von Los Angeles

Nun, in der Coronakrise haben sich diese Standpunkte weiter zugespitzt. Die Gesellschaften drohen zu zerbrechen. Es war vor dem Beginn der Corona-Zeit eine gewisse politische Erschöpfung zu spüren. Und diese politische Erschöpfung nährt den Wunsch nach charismatischer und „starker“ Führung. Bürgertugend und Engagement müssten diese Führerpersönlichkeiten im Prinzip in Schach halten können, aber solange es kein globales „Wir“ gibt und die Menschen in ihren Ländern und Kulturen wieder verstärkt den Rückgriff auf das archaische „Ich“ versuchen, wird es auf Dauer mit dem in Schach halten nicht funktionieren. Aber: war nicht auch die Demokratie in Athen schon nur dem Namen nach eine Demokratie? Rein sachlich gesehen war es wohl eher die Herrschaft des ersten Mannes. Historisch erschöpft sich der unmittelbare Einfluss des Volkes auf die Politik im Wesentlichen darin, dass es den Plänen und Vorgaben der Regierungen folgt. Und der Regierende, der so klug und weitblickend ist, dass er sein Volk nicht überfordert, kann auf der Welle der gefühlten Demokratie gut fahren. In einer solchen „Schein-Demokratie“ darf man das Volk, die vollberechtigten Bürger, nicht unterfordern, weil es sonst damit beginnt, sich eigene Projekte auszudenken, und das würde zwangsläufig zu neuen Parteibildungen führen, durch die sich die „scheindemokratischen“ Ansätze abschwächen würden. Der große Glücksfall einer jeden Demokratie besteht darin, dass an der Spitze der Regierung ein Team steht, das das komplexe System von Meinung und Gegenmeinung, Entschluss an einem Tag und Rücknahme am nächsten in der Balance halten kann. Insofern ist das Verhalten der Regierungen in der Coronakrise durchaus als gelungen demokratisch zu bezeichnen!

Aber der wachsende Wunsch nach einem starken Führer schlägt das Vertrauen in das Wechselspiel der Mehrheiten immer deutlicher. Wie kann man verstehen, warum sich die Nationen jetzt wieder einmal in einer Phase befinden, in der viele Menschen den Wunsch nach einem starken Führer höher stellen als das Vertrauen in das Wechselspiel der Demokratie? In diesem Wunsch kommt schlicht der Zweifel an der Selbstführungsfähigkeit eines Volkes zum Ausdruck. Solcherlei Veränderungen gehören ebenso zur Geschichte der Demokratie wie das übergroße Selbstvertrauen von Mehrheiten, die zu wissen glauben, was richtig und falsch ist. Die Betonung liegt auf „zu wissen glauben“. Wenn dann im Ernstfall beides zusammenkommt, die Sehnsucht nach dem starken Führer genauso wie die Überzeugung von der eigenen Unfehlbarkeit, dann führt das zwangsläufig in die politische Katastrophe. Die modernen Demokratien sind einen anderen Weg gegangen als zum Beispiel die der Antike und haben die starken Führer wie die unbeirrbaren Mehrheiten des Volkes einer Verfassung unterworfen, in der die Spielräume dessen, was diese wollen dürfen, festgelegt sind. Aber die Verfassung, zu der die Menschen stehen sollen, ist nicht mehr der Bremsklotz, mit der in der modernen Demokratie ein starker Willen im Zaum gehalten werden soll. Die auseinander gehende Wohlstands-Schere und das egoistische sich selbst bedienen vieler Politiker/-innen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Landes, die kaum noch zu verbergende Verzahnung zwischen Wirtschaft und Politik zum Vorteil einiger Weniger und das immer weiter absinkende Gefühl einer Mit-Bestimmung haben die Grundpfeiler der Verfassung ins Wanken gebracht. Schon seit dem Anbeginn der Kulturen wurden die Menschen darauf eingeschworen, dass sie den „Schriften“ unbedingten Gehorsam schulden. Religiöse Werke wie Tora, Bibel oder Koran waren letztlich der Nährboden für die Idee der Verfassungen. Unbedingte Treue und unbedingter Gehorsam der jeweiligen Verfassung gegenüber wurden vorausgesetzt.

Hotel Coronado in San Diego

Gefährlich für die Demokratie wird es aber dann, wenn starke Führer oder Mehrheiten des Volkes die Verfassung ändern und sie so umgestalten, dass sie ihrem eigenen Willen nicht mehr im Weg steht. Solche Präsidenten gibt es nicht nur in Afrika oder Süd-Amerika! Auch in den zivilisierten Demokratien werden die in den Verfassungen festgeschriebenen Amtszeitbegrenzungen aufgehoben, werden Hoheitsrechte an einzelne Führer vergeben, und nicht selten durch ein Plebiszit des Volkes legitimiert. Politische Parteien oder deren starke Männer haben in Mittelosteuropa, wie zum Beispiel recht deutlich in Ungarn oder Polen, die Hüter der Verfassungen, die jeweiligen Verfassungsgerichtsbarkeiten, ausgeschaltet und das kritische Korrektiv demokratischer Meinungsbildung, die freie Presse, zum Schweigen gebracht. Große Teile der US-amerikanischen Wählerschaft, die Donald Trump zujubeln, der Recht und Gesetz verhöhnt und so tut, als ließen sich die Aufgaben einer Weltmacht nach Art eines Gutsherren erledigen, bestimmen mehr und mehr die Geschicke der Welt. Die Neigung der Völker zu einer Art freiwilliger Knechtschaft wird so deutlich, in der Coronakrise nochmals zugespitzt! Das Ausschalten der Verfassungsgerichtsbarkeiten lässt sich zurzeit überall beobachten. Was aber kommt, wenn die Verfassungen unter die Räder kommen? Die Überlegung der freiwilligen Knechtschaft ist bedrückend, weil sie mit der Vorstellung bricht, dass die Herrschaft des Volkes und die Machtausübung eines Einzelnen in einem unversöhnlichen Gegensatz stehen. Selbst die Ermordung von Verfassungen führt nicht dazu, dass die Bevölkerungen in Ländern, in denen die Gesetze gerade ausgehebelt werden, zur Freiheitsliebe finden, sondern sich lieber auf die Suche nach einem noch stärkeren Führer machen. Über den Untergang des Abendlandes wurden schon viele Bücher geschrieben und Ideen ausgestaltet. Aber: es war immer das Volk selbst, das die Herrschaft des Volkes beendete, weil es überfordert und erschöpft war. Aber der Untergang des Abendlandes muss kommen, wenn die Verfassungen ebenfalls nur noch dafür da sind, in einer rational bürokratischen Herrschaft, die sowohl Individualität als auch Kreativität im Menschen unterdrückt und ihn so seiner eigentlichen Freiheit beraubt, fortgesetzt wird.

Der Begriff des Charismatikers ist vielleicht am Ende doch zu positiv bewertet? Auch Staatenlenker wie Recep Erdoğan, Viktor Orbán, Wladimir Putin oder Donald Trump sind letztlich mit charismatischer Strahlkraft gesegnet, sonst wären sie in ihren jeweiligen Ländern niemals bis zur Spitze der Hierarchie vorgedrungen. Lassen sich solche Charismatiker irgendwelchen Beschränkungen unterwerfen? Im Prinzip wird erwartet, dass die Männer an der Spitze, denen von ihren Anhängerschaften außeralltägliche Fähigkeiten zugeschrieben werden (Trump wird von seinen Stamm-Wählern/-innen oft als neuer Messias bezeichnet), die Nationen gerade nicht aus den Systemen der demokratischen Herrschaft herausführen, sondern diesen neue Kraft zuführen. Sicher ist ein „neuer Charismatiker“ an der Spitze eines Landes ein geeignetes Heilmittel gegen die einschläfernde Wirkung, die von den Routinen des politischen Alltags ausgeht, aber wie lässt sich eine solche Person den Beschränkungen der Verfassung unterwerfen? Das Charisma des Außeralltäglichen lässt sich niemals durch die Verfassung eines Staates oder den bürokratischen Betrieb domestizieren. Die Sehnsucht von Teilen des Wahlvolks nach einem starken Führer, dessen Stärke in der Beherrschung des Außeralltäglichen besteht, setzt auch voraus, dass das Wahlvolk schlicht annimmt, dass der außerirdisch Außeralltägliche sich freiwillig domestiziert und das Wohl seines Volkes am Herzen trägt. Dieser Fehleinschätzung unterlagen auch schon vor den Deutschen andere Völker und niemals ist es auf lange Sicht gut gegangen, mit der ungezügelten Herrschaft der Charismatiker! Nun leben wir in einer Epoche, in der die gesellschaftlichen Konstellationen immer komplexer werden und dadurch die Zukunft ungewisser denn je erscheint. Deshalb wird der Wunsch nach einem Führer, der Komplexität und Ungewissheit beherrscht, immer ausgeprägter. Das Problem ist den Führungskräften der jeweiligen Gesellschaften jedenfalls persönlich anzulasten, da man eine Bildungsoffensive immer vermieden hat, oft aus dem egoistischen Motiv heraus, den eigenen Nachwuchs an der Spitze der Gesellschaften zu halten. Das Tier in uns! Durch immer weiter absinkende Bildung und einen allgemeinen Mangel an Intellekt kommt es schlussendlich dazu, dass die Völker wieder vermehrt nach dem starken Führer rufen.

Die Golden Gate Bridge – “Das” Wahrzeichen Kaliforniens

Die Geschichte Europas ist eine Geschichte der verheerenden Kosten, die von sogenannten starken Männern verursacht wurden. Das muss nicht grundsätzlich so sein, und ist wohl auch nicht immer so gewesen, aber es sollte ein Hinweis der Warnung für diejenigen sein, die im Begriff stehen, sich ihrer politischen Erschöpfung hinzugeben und in die freiwillige Knechtschaft zu flüchten. In jedem Fall ist darauf zu achten, dass die starken Männer und Frauen im Rahmen der Verfassung bleiben und deren Grenzen nicht überschreiten. Aber wie soll das geschehen, wenn die Möglichkeiten zur Mitgestaltung einer Gesellschaft immer weiter beschnitten werden? Die Erweiterung des Europaprojekts, in deren Verlauf neue Länder aufgenommen wurden, war durch die Vorstellung motiviert, diesen Ländern, die sich gerade aus einer Diktatur herausgearbeitet hatten, einen Rahmen zu verschaffen, der sie an einem Rückfall hinderte. Nur ist die Europäische Union offensichtlich zu schwach, um für die Respektierung dieses Rahmens zu sorgen? Bürgertugend ist nun einmal die wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie, aber die Bürger (Wähler) begreifen in unserer modernen Welt immer mehr, dass in der Bürgertugend auch die wichtigste Aufgabe, die Völker schon immer hatten, nämlich dass sie ihr Maul halten sollten, enthalten ist. Die Bürgertugend verabschiedet sich demzufolge, weil immer mehr demokratische Systeme auf die Bevorzugung weniger Eliten setzen (und dafür auch nicht vor Gesetzesbrüchen und Verfassungsänderungen zurückschrecken) und im Volk das Gefühl von Ohnmacht verbreiten.

Die klassische Vorstellung der Bürgertugend – so wird im Heute immer mehr Menschen klar – ist nicht als Alternative geeignet, den starken Führern die Zügel straff anzuziehen, so dass sie sich nicht in Selbstherrlichkeit verlieren. Bürgertugend war bisher die wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie, weil sie auf der Vorstellung begründet war, dass es nicht so sehr darum ging, Ansprüche gegenüber seinem Land geltend zu machen, sondern darüber nachzudenken, was man für sein Land tun könne, zumal dann, wenn es vor besonderen Herausforderungen steht. Es spielt dann auch keine Rolle mehr, dass zum Beispiel die echten Fans der Pegida-Demonstrationen keine Repräsentanten der Bürgertugend sind. Und die vielen freiwilligen Helfer, die bei der Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen einer oftmals überforderten Verwaltung beispringen? Diese mögen Bürgertugend noch leben und werden auch als Vorbilder dargestellt, aber die Menschen beginnen zu erahnen, dass hinter solchen Vorbildern auch wieder nur der Wunsch der Regierenden steht, dass das Volk den Staat entlasten und sein Maul halten solle, damit man sich weiterhin ungestört seinen lukrativen Geschäften widmen kann. Anstatt nach einem starken Führer zu rufen, sollten die Menschen wieder lernen, selbst Stärke zu zeigen. Der Ruf nach einem starken Führer ist nichts anderes als das Eingeständnis eigener Schwäche. Wer aber handelt und tätig ist begründet eine Erfahrung eigener Stärke, die gegen die Sehnsucht nach fremder Stärke immunisiert. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her und wenn die Gesellschaften allgemein von einer Vermondung bedroht sind, ist es auch zum größten Teil der Tatsache geschuldet, dass der Mensch das Tier in sich trägt. Oder Churchill? Zitat: „Uns Menschen ist es zwar gelungen, das Raubtier in uns auszuschalten – nicht jedoch den Esel“. Auch Churchill konnte in seiner Position nicht die ganze Wahrheit sagen, denn gerade das Raubtier haben wir nicht besiegen können – lange nicht.

Das war eine ungewöhnlich lange politische Einlassung für einen Reisebericht. Aber es geht ja auch um ein Ziel, das man getrost als Sehnsuchtsland von vielen umschreiben könnte. Zugleich hat aber gerade dieses Land in den letzten Dekaden Staatenlenker hervorgebracht, die die Geschicke der Welt nachhaltig negativ beeinflusst und den Frieden auf der Welt aus eigennützigem Interesse stark beschädigt haben. Zugleich sitzt in den Vereinigten Staaten zur Zeit ein Mann im Weißen Haus, der zu den fragwürdigsten Menschen gehört, die jemals ein solches Amt bekleidet haben. Als Reiseveranstalter und Humanist habe ich immer sehr darauf geachtet, nur dann eine Reise in die USA anzubieten, wenn dort ein moderater Mann saß, der die Gebote der Menschlichkeit zumindest annähernd achtete. Als Reiseleiter habe ich allerdings auch zu Zeiten in die USA reisen müssen, wenn es dort Präsidenten gab, die getrost als Volksverhetzer oder Kriegstreiber bezeichnet werden konnten. Auch mein humanistisches Grundgefühl war nicht immer so ausgeprägt wie heute! Meine erste Reise in den Westen der Staaten absolvierte ich 1987, als Ronald Regan der Präsident war. Die Verlockung, dieses mit bizarr schönen Landstrichen gesegnete westliche Nordamerika kennenlernen zu dürfen führte mich an der Spitze eines Konvois mit vier großen Wohnmobilen, in denen sich 17 Personen befanden, nach Kalifornien, Arizona, New Mexiko, Colorado, Utah und Nevada. Bei dieser Gelegenheit unternahm ich auch meinen ersten Flug und das gleich mit einer Boing 747 mit fast 400 Menschen an Bord. Nie werde ich den kalten Schweiß in der Innenfläche meiner Hände vergessen, als ich beim abheben des dicken Brummers bemerkte, dass sich die Flügel so weit nach oben zu biegen begannen, dass ich das Gefühl hatte, dass sie bald zerbrechen würden. Meine damalige Freundin, die schon deutlich mehr Flug-Erfahrung hatte als ich, konnte mich nur unwesentlich beruhigen.

Straßenzug in San Francisco

Ein Sehnsuchtsland waren die USA für mich aber nur in Bezug auf die Landschaftsformen. Höchstens die Aussicht, auch San Francisco und das spanisch geprägte San Diego kennenzulernen oder die verrückte Welthauptstadt des Glücksspiels (Las Vegas) sowie einmal auf dem Venice Beach in Los Angeles spazieren gehen zu können, motivierten mich bei der Annahme des Auftrages, mich an die Spitze einer Kolonne aus Wohnmobilen zu setzen um als Ortsfremder die ortsfremden Mitglieder der Reisegruppe zu führen. Diese erste Berührung mit den überwältigenden Landschaften inspirierten mich später dazu, immer wieder einmal mit einem Auge über den großen Teich zu schielen und die eine oder andere Folgereise anzubieten. Als meine damalige Lebensgefährtin und ich 1991 auf dem Wege nach Neuseeland noch mit einer Freundeskreis-Gruppe eine vierwöchige Winterreise durch den Westen der USA absolvierten, saß George H. W. Bush (der Erste) als Präsident im Weißen Haus. Auch einer, den man getrost als Volksverhetzer oder Kriegstreiber bezeichnen konnte. Aber da wir das Land ja nur als „Zwischenstation“ nutzten, konnten wir mit dieser Tatsache umgehen. Danach dauerte es eine Weile, bis ich wieder mit einer Reisegruppe und einem großen Reisebus durch den Westen der Vereinigten Staaten tourte. Im April 2000 war es nun endlich ein moderater Präsident, der Demokrat Bill Clinton, der die Geschicke der Welt aus dem Weißen Haus heraus lenkte. Auch bei dieser Tour waren es die bekannten Bundesstaaten der USA, die wir unter die Räder nahmen. Danach habe ich mich mit Reisen in dieses Land zurück gehalten. Auch der Tatsache geschuldet, dass sich unter republikanischen Präsidenten in den USA die Sicherheitsvorkehrungen bei der Einreise in das Land immer verschärften und die Einreise schwieriger wurde. Zwischen dem 20ten Januar 2001 und dem 20ten Januar 2009 war es nämlich George W. Bush (der Zweite), der das Amt des Präsidenten bekleidete. Ihn kennen ja auch die jüngeren unserer Zeitgenossen und er kann (zusammen mit seinen Vertrauten) mit absoluter Sicherheit als Volksverhetzer und Kriegstreiber bezeichnet werden.

Auf keinen Fall wollte ich in einer Zeit, in der der Weltfrieden von einem geistig minderbemittelten Staatenlenker bedroht wurde, dessen Land auch noch mit einer Reisegruppe beehren! Ja, ich nahm den Teil der US-Amerikaner/-innen, die des freien Denkens noch mächtig waren (etwa die Hälfe der Gesamtbevölkerung) damit sozusagen in „Sippenhaft“. Und trotzdem betrat ich noch einmal den Boden der USA, als jener George W. Bush (der Zweite) noch auf dem dortigen Thron saß! Und zwar am 05ten und 06ten November 2008! Im Prinzip ein historischer Tag, denn am 04ten November hatte Barack Obama seinen haushohen Wahlsieg gegen den Republikaner McCain eingefahren. Damit war Bush der Zweite de facto nicht mehr Präsident der USA, als wir am 05ten November aus Neuseeland kommend US-amerikanischen Boden betraten. Unsere in Hochstimmung befindliche Reiseleiterin, die uns am Flughafen in Empfang nahm, wedelte freudig mit der Zeitung und verkündete die Ergebnisse der Wahlnacht. Das war dann auch der entscheidende Moment in dem ich darüber glücklich war, dass die Prognosen Wirklichkeit geworden waren. Denn alle Voraussagen seit Mitte 2007 hatten verkündet, dass Obama die Wahl gegen seinen Herausforderer klar gewinnen würde. Deshalb hatte ich schon Anfang 2008 eine Reise in die USA konzipiert, die vom 15. Juli bis zum 01. August 2009 geplant war. Da ich ausschließlich auf der 2009er Reise mit digitalem Equipment in den Staaten unterwegs war, wird sich der Reisebericht mehrheitlich auf diese Reise beziehen, da ich meine Erinnerungen mit Bildern begleiten kann. Die anderen USA-Erfahrungen werde ich gelegentlich einfließen lassen. Meine Zeit, in der ich noch in die USA hätte reisen können, wird wohl vorüber sein? Seit dem 20ten Januar 2017 sitzt dort Mr. Trump an den Hebeln der Macht und meine kritischen Artikel über dessen Regime werden mit absoluter Sicherheit vom Überwachungsstaat USA gespeichert worden sein, denn das wahre Ausmaß der Ausspähung unserer Welt durch die USA ist nicht einmal unseren führenden Politikern/-innen bewusst. Man wird mich nicht mehr einreisen lassen. Stellung zu beziehen und kritischen Journalismus zu betreiben, hatte immer seinen Preis. Den bin ich bereit zu bezahlen, denn ich fühle zwar nicht unbedingt die Verpflichtungen der klassischen Bürgertugend in mir, stehe aber doch dazu, dass die Pressefreiheit die Basis-Freiheit darstellt und dass auf der Pressefreiheit jede andere Freiheit fußt. Aus denselben Gründen werde ich wohl auch nicht mehr in die Türkei einreisen können, weil ich Recep Erdoğans Weg zur Machtergreifung und deren Folgen seit 2012 sehr kritisch begleitet habe.

In der Mojave Wüste

Trump also? Wie schaffen es Politiker wie er (obwohl es die in jedem Land gibt, auch bei uns) bloß, einem großen Teil der Bevölkerung des Landes die Kröten so in den Schlund zu drücken, dass sie alles bereitwillig schlucken? Warum können Politiker wie er nach dem Motto, was sie sich um ihr Gerede von gestern heute noch scheren müssten, von sich geben, was gerade ins Konzept passt, ohne dass ein Großteil der Menschen sich mit dem Finger an die Stirn tippt? Es gibt zahllose aus der Psychologie bekannten Manipulationstechniken, die beim Empfänger gezielt zur Desorientiertheit zwischen Realität und Fiktion führen sollen. Man kennt dieses Prinzip aus verschiedenen Hitchcock-Filmen, in denen ein Bösewicht versucht, einen Protagonisten so zu verwirren, dass dieser nicht mehr zwischen Einbildung und Wirklichkeit unterscheiden kann und schließlich am eigenen Verstand zweifelt. Was Hitchcock im Film zeigt, passiert auch alltäglich im realen Leben, wenn narzisstische Persönlichkeiten den eigenen Partner, das eigene Kind oder Mitarbeiter gezielt manipulieren. Das Ziel ist, den Partner, Mitarbeiter oder das Kind so durch Widersprüche zu verwirren, dass der andere instabil wird, an sich selbst zweifelt, die Schuld auf sich nimmt (für was auch immer), sich noch mehr Mühe gibt, alles richtig zu machen und sich schließlich unterordnet und gehorsam folgt. Es geht dabei immer nur um Macht. Das Spiel hat kein Ende. Die Manipulationen führen zur Zerstörung. Ich habe sehr viel Erfahrung in dieser Sache, werde mich aber mit der Nennung von Namen zurück halten, um mich nicht gleich wieder einer Lawine von Prozessen und gerichtlichen Androhungen ausgesetzt zu sehen, wie das in der Vergangenheit in schöner Regelmäßigkeit der Fall war.

Bei den modernen und sich immer weiter verbreitenden Manipulationstechniken gehen die Täter so vor, dass Kritikpunkte oder Krisen herbei konstruiert werden, die ein Eingreifen des vermeintlich Hilfe Gebenden notwendig machen. Dabei werden entweder Probleme erfunden oder Tatsachen so verfälscht, dass sie ein vermeintliches Problem ergeben. Jedweder Vorgang wird, je nach Bedarf, als so fehlerhaft oder unzulänglich dargestellt, dass es angeblich zu negativen Konsequenzen kommen muss. Vermeintlich wohlwollend wird dem Opfer versucht einzureden, dieses habe keine Wahl gelassen und durch sein Fehlverhalten das Ausüben von Sanktionen unausweichlich herbeigeführt. Mit solchen Manipulationen haben schon oft Staaten andere Staaten übernommen. Das Beispiel der Anglonormannischen Herrschaft in Irland, die zu unfassbarem Leid führte, könnte herangezogen werden. Die Opfer dieser Manipulationen werden nicht nur als Verursacher verantwortlich gemacht, sondern auch zu Tätern deklariert. Die Beispiele prügelnder Ehepartner oder Eltern, die sich nach den Handgreiflichkeiten als das Opfer darstellen und dem Geprügelten Schuld und Verantwortung für den Angriff geben, dürften geläufig sein. Mir sind sie mehr als nur geläufig. Die Manipulations-Täter wie Bush I, Bush II oder Trump, erklären emotional und scheinbar verletzt, dass es ihnen im Herzen wehtun würde, bestrafen zu müssen! Sie stellen sich damit als die Enttäuschten, aber Vernünftigen und damit Überlegenen dar, die immer wieder versöhnlich und ruhig auf die anderen zugehen. Doch in in Wirklichkeit handelt es sich dabei quasi um einen weiteren „Vernichtungsschlag“ gegen das eigentliche Opfer, das permanent versucht, alles besser und richtiger zu machen, weil es sich für verantwortlich hält. Es glaubt dem Manipulator, der in Bezug auf die Gesellschaften ja einen hohen Rang beansprucht, vertrauensvoll und hofft, dass dieser aufgrund seiner scheinbaren Stärke die Situation besser überblickt. Doch der Teufelskreis wird mit jeder Manipulationsrunde enger. Angriffe und Übergriffe werden in voller Kehrtwende in Rettung und Hilfe umbenannt. Das Opfer wird immer instabiler. In dem Maß, in dem die Verunsicherung steigt, steigt auch die Abhängigkeit von den Manipulatoren, die sich den Verzweifelten als Fels in der Brandung verkaufen und sich als Führer in der Orientierungslosigkeit anbieten.

Kolibri beim Landeanflug

Manipulation lebt von der Nichtübereinstimmung zwischen dem gesprochenen Wort und dem gezeigten Verhalten. Es wird nicht nur das Blaue vom Himmel versprochen sondern auch aus dem Nichts Krisen heraufbeschworen. Es wird gekonnt so dargestellt, als ob diese Krisen vom Opfer verursacht worden wären! So werden auch die Verfehlungen der Manipulierenden umgedreht, ins Gegenteil verkehrt und letztlich aufgehoben. Wer fragt noch nach den immensen Folgekosten des Maut- oder Beraterskandals? Ich habe sehr oft die Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie von einem misstrauischen Manipulator, der keinen Widerspruch duldet, sondern diesen sofort ahndet, nachdrücklich postuliert wurde, dass er voller Vertrauen sei und das offene Wort schätzen würde. Je nach Grad der Verwirrung wird das Opfer bereits im Verlauf innerlich mundtot gemacht, oder es befindet sich in einer Position, in der es die angeblich bestehenden Rechte gar nicht wahrnehmen kann, so als würde man einem Fisch das Recht einräumen, jederzeit auf einen Baum zu fliegen! Im perfekten (konstruierten) Fall, wenn das Opfer seine bestehenden Rechte doch einmal wahrnehmen will, wird dies sofort hart bestraft (und damit wird das Opfer wieder zum Täter gemacht), damit keiner mehr auf die Idee kommt, die verbal eingeräumten angeblichen Rechte tatsächlich einmal nutzen zu wollen. Wurde erst einmal eine sorgfältige Basis der Verwirrung gelegt, kann der Manipulator aus dieser Position heraus jede Lüge, die ihn großartig dastehen lässt, als Wahrheit in den Raum stellen. Eine Internet-Bekannte von mir, die sich in der Corona-Zeit gezielt und geschult mit den Manipulationstechniken in der Krise beschäftigt, hat mir einen Auszug aus einer Rede von Angela Merkel vor dem Bundestag vom 23. März 2020 zukommen lassen und die Ergebnisse mit der Beschäftigung mit dieser Rede skizziert. Sie verwendet dafür den Begriff des „Gaslighting“, sehr bekannt in der Psychologie. Jeder Mensch wird in seinem Leben irgendwann einmal unbewusst manipuliert. Dies kann auch durch die Eltern passieren, in einer Partnerschaft oder auch am Arbeitsplatz. Unterschieden wird dabei zwischen harmlosen Manipulationen bis hin zu psychischem Missbrauch. Eine Form dieser emotionalen Gewalt stellt das sogenannte „Gaslighting“ dar. Das Gefährliche daran: Das Opfer bemerkt die Manipulation häufig erst spät. Was also ist dieses „Gaslighting“, wie erkennt man es und wie kann man sich davor schützen? Ich war selbst fast zwei Jahrzehnte lang „Gaslighting-Opfer“ und konnte die manipulative Kraft, die von diesen Gaslighting-Anwendern ausgeht, im Freundes- und Bekanntenkreis und in den Ämtern verfolgen. Ich werde nie im Leben frei werden von den Folgeschäden, die dieses permanente Gaslighting in meiner Psyche angerichtet hat. Eine Erklärung, wie man Gaslighting erkennt, wage ich nicht zu geben, denn ich war selbst zwar in der Lage, die Gaslighting-Vorgehensweisen zu erkennen, aber nicht, sie zu verhindern. Ich würde meinen, dass im selben Maße, wie die Hysterie gesellschaftsfähig geworden ist, ist auch das Gaslighting ein integraler Bestandteil der Gesellschaften geworden. Ein kaum zu erfassender upgrade des „Selters predigen und selber Sekt saufen“ Prinzips.

Auszug aus der Rede von Frau Merkel vor dem Bundestag:


1. „Ich danke von Herzen dafür, dass der deutsche Bundestag unter schwierigen Umständen die gesetzlichen Maßnahmen äußerst schnell beraten und beschlossen hat“.


2. „Ich verstehe, dass manchen dieses Leben unter Coronabedingungen schon sehr, sehr lang vorkommt. Niemand hört es gern, aber es ist die Wahrheit: Wir leben nicht in der Endphase der Pandemie, sondern immer noch an ihrem Anfang. Wir werden noch lange mit diesem Virus leben müssen. Und die Frage, wie das Virus zu irgendeinem Zeitpunkt unser Gesundheitssystem überwältigt und in der Folge unzählige Menschen das Leben kostet, diese Frage wird noch lange die zentrale Frage der Politik in Deutschland und in Europa sein“.


3. „Eine solche Situation ist nur akzeptabel und erträglich, wenn die Gründe für die Einschränkungen transparent und nachvollziehbar sind, wenn Kritik und Widerspruch nicht nur erlaubt, sondern eingefordert und angehört werden, wechselseitig. Dabei hilft die freie Presse, dabei hilft unsere föderale Ordnung. Dabei hilft aber auch das wechselseitige Vertrauen, das hier im Parlament wie überall zu erleben war.“

Ende des Auszuges aus der Rede von Frau Merkel vor dem Bundestag

Schon dieser kurze Ausschnitt einer langen Rede zeigt, wie Gaslighting funktioniert. Emotional betroffen ist der Gaslighter gezwungen, dem verwirrten Volk mit Maßnahmen zu begegnen. Nein, er tut das natürlich nicht gern, aber er stellt sich dieser Aufgabe, weil er ja muss! Von Herzen bedankt sich Frau Merkel und simuliert damit ein Tun aus Motiven, die aus ihrem Herzen entspringen. Die unverfroren und äußerst schnell über das Land gestülpten Fesseln, trotz der schwierigen Umstände (produziert in vorherigen Gaslight-Runden), werden als knackige Teamwork-Leistung bejubelt. Mit Verständnis wird gelockt, um gleich darauf klarzustellen, dass die Wahrnehmung des ungeduldigen, ja unverständigen Volkes täuscht, denn die Zeit der Maßnahmen komme den Menschen zwar lang vor, ist es aber gar nicht. Das weiß Frau Merkel, deren Zeitempfinden für alle der Maßstab sein soll. Und da geht es auch gleich weiter mit der Hilfestellung, indem sie Verständnis für das kindische Verhalten des Zuhaltens der Ohren zeigt, aber man müsse ja der Wahrheit ins Auge blicken. Was die Wahrheit ist, bestimmt ebenfalls die Regierung. Im vernebelten Gaslicht holt sie aus zur Implantation der neuen Wahrheit: Die Pandemie, die keine war, ist noch lange nicht vorbei! Die Dummerchen, die das geglaubt haben, werden nun aufgeklärt. Aber kein Problem, wer dadurch instabil wird, hat ja zum Glück eine starke Regierung zur Seite. Nicht nur, dass es nicht bald oder bereits zu Ende ist, es geht eigentlich gar nicht zu Ende, solange die Regierung (vertreten durch Frau Merkel) es nicht sagt. So entsteht Verwirrung. Wir werden noch lang mit dem Virus leben müssen. Das verbrüdernde Wir soll zeigen, dass alle sehen sollen, dass Frau Merkel doch auch leidet! Aber sie gibt sich stark und beklagt sich nicht, sondern sorgt für alle anderen! Ihre (möglicherweise hellseherische) Voraussage wird zum Fakt erhoben. Dabei ist die Aussage selbst nicht gelogen, denn wir leben tatsächlich auch weiterhin mit dem Virus, so wie wir auch vorher immer mit Corona-Viren gelebt haben. Doch diese Tatsache wird manipulativ so verdreht, dass es zum Zweck passt. Hier wird gedroht, mit neuen Viren und mit daran sterbenden Menschen, obwohl im Vergleich zu anderen Viren-Wellen deutlich weniger daran sterben. Das ist Gaslighting im gesellschaftlichen Bereich in Perfektion. Und wenn mehr Menschen sterben würden, rein hypothetisch betrachtet, dann wäre das Volk, das den Ernst der Lage nicht erkannt hat und sich undiszipliniert wie die Kinder verhalten hat, daran Schuld. Da kann es doch froh sein, dass ihm, dem Volk, in seinem Leichtsinn eine Regierung beisteht, die den Überblick hat.

Attraktive Wüstengebiete gibt es viele im Westen der USA

Der Satz: „eine solche Situation ist nur akzeptabel und erträglich, wenn die Gründe für die Einschränkungen transparent und nachvollziehbar sind, wenn Kritik und Widerspruch nicht nur erlaubt, sondern eingefordert und angehört werden, wechselseitig“ ist die typische Verdrehung des Gasligthing. Der Satz stimmt nämlich. Man kann ihm nur zustimmen. Aber was hier gesagt wird, wird genau gegenteilig umgesetzt. Es gibt weder Transparenz, es gibt nicht mal Gründe und weder Kritik noch Widerspruch werden geduldet, sondern niedergeknüppelt. Doch der Leser/Bürger stimmt zu, nickt innerlich, denn der Satz an sich stimmt ja, und schon hat man den Bürger wieder zu einem einverstandenen Untertan gemacht und gleichzeitig weiter verunsichert. Die freie Presse ist in unserem Land leider nicht wirklich frei, diese Erfahrung habe ich in 35 Jahren schmerzhaft machen müssen. Heute sind es nur die oft gleichgeschalteten Medien, die man böswillig auch Propaganda-Presse nennen könnte, die frei in die Wohnzimmer und in die zu überwachenden Mobiltelefone spricht und beharrlich dasselbe Lied singt. Die Medien gleichgeschaltet? Da war doch was? Politik spricht gerne vom wechselseitigem Vertrauen. „Vertrau mir!“, sprach die Schlange, die das Eichhörnchen fraß. „Ich vertrau dir auch!“

Zur Erinnerung: Gaslighting dient dem Gefügig machen. Es soll die Manipulationspotenz stärken, verunsichern und Abhängigkeit schaffen. Gaslighting führt nicht, nie, zu einer Problemlösung, denn es geht nicht um die Inhalte, es geht um Macht, um das Dominieren einer Weltbevölkerung. Und das Verhalten ist auch wieder so alt wie die Menschheit selbst! Wer mehr verstehen will, sollte sich das Theaterstück oder eine der Verfilmungen mit dem Titel „Gaslight“ anschauen. „Das Haus der Lady Alquist“ wäre auch hilfreich. Beim Gaslighting handelt es sich schlicht um eine Manipulationstechnik, bei welcher das Opfer gezielt desorientiert wird. Resultat ist die allmähliche Untergrabung, Deformation und Zerstörung des Selbstbewusstseins durch den Manipulierer. Er nutzt demnach ein Vertrauensverhältnis aus, um sich in eine Machtposition zu rücken und das zunehmend verunsicherte Opfer von sich abhängig zu machen. Je mehr es sich selbst misstraut, umso mehr wendet es sich unwillkürlich dem Täter zu und wird zu Wachs in dessen Händen. Gaslighting wird häufig von narzisstischen Persönlichkeiten ausgeübt und kann beim Opfer bis hin zum Realitätsverlust führen. Das derzeit wohl prominenteste Beispiel ist eben jener US-amerikanische Präsident Donald Trump. Dessen Umgang mit Fakten bringt den augenblicklichen Präsidenten der USA auf jeden Fall mit Gaslighting in Verbindung. So wäre es wohl an der Zeit, in die Vereinigten Staaten von Amerika zurück zu kommen? Früher waren die USA wohl so etwas ähnliches wie ein Sehnsuchtsland für die, die die Freiheit suchten? Es hörte sich für mich zumindest immer so an, wenn ich als Kind oder Jugendlicher den knackigen Worten meiner Tante lauschte, die nie müde wurde zu betonen, dass der, der in Deutschland glaube „frei“ zu sein, einmal in die USA würde reisen müssen um zu verstehen, was Freiheit wirklich bedeute!

Da weckt natürlich Interesse in einem aufmerksamen jungen Menschen, war vielleicht auch einmal recht dicht an der Wahrheit, aber diese Zeit war bei meinem ersten Besuch in den Staaten auf jeden Fall bereits lange vorbei. Vielleicht wenn man den Freiheitsgedanken auf die Möglichkeiten des Geld Verdienens anwendet? Dann sind die USA auf jeden Fall noch heute ein Sehnsuchtsland. Die Geschichten vom Tellerwäscher zum Millionär, die Storys vom Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“ galten in der Regel nur für die, die bereit waren, den dortigen Spielregeln zu folgen und an den Schrauben der Macht mitzudrehen. Konzernchefs in Betrieben in den Staaten verdienen durchschnittlich 330 Mal mehr als ihre Arbeiter/-innen! Und das ist nur der Mittelwert und auch nur der, den der Konzernchef wirklich angibt. Die Dunkelziffer der schwarz eingenommenen Gelder dürfte diesen Wert auf das bis zu 1000fache Gehalt aufstocken. Natürlich verstehen deutsche DAX-Konzern Aufsichtsräte auch deshalb die USA als Sehnsuchtsland. In Deutschland überwacht zwar eine Schutzvereinigung die Gehälter der DAX-Vorstände und setzt sie ins Verhältnis zu den Einkommen der einfachen Arbeitnehmer/-innen, aber auch hier dürfte die Dunkelziffer der schwarz eingenommenen Gelder diesen Wert deutlich aufstocken. Im vergangenen Jahr bekamen die Dax-Chefs im Durchschnitt nämlich nur 54 Mal so viel Geld wie ihre Angestellten. Aber Deutschland holt auf: die besten Vertreter ihrer Zunft kommen bereits auf das 200 fache Jahresgehalt eines Arbeitnehmers! Wie tröstlich!

Indianerhäuser im Mesa-Verde Nationalpark

Alles, aber wirklich alles dreht sich in den Staaten in einer Form um den Erwerb von Wohlstand, dass einem durchschnittlichen Mitteleuropäer schnell der Kopf zu schwirren beginnt! Nehmen wir als Beispiel das Lächeln! Ja, auch in anderen Ländern (wie am Beispiel Peru beschrieben) musste man mitunter das Lächeln in den Gesichtern der photographierten Personen durch eine kleine Geldspende „anknipsen“. In den USA ist das aber durch und durch in der dortigen Gesellschaft implantiert – fast schon reflexartig weiß man dort, dass für das freundliche Lächeln am Ende auch würde bezahlt werden müssen! Zugegeben war ich 1987, bei der Reise mit den Wohnmobilen, noch deutlich weniger kritisch und habe mich durch meine Aufgabe und die mich teilweise erschlagenden Landschaftseindrücke doch zu sehr beengen lassen in meiner Wahrnehmung, aber schon im Juli 1991, als ich zusammen mit meiner damaligen Lebensgefährtin aus Neuseeland zurückkam und wir zur Erholung (und zum aufwärmen!) noch eine Woche in Kailua-Kona auf der Insel Hawaii (wir waren nur auf Big Island) blieben um den Hawaiʻi-Volcanoes-Nationalpark zu besuchen und möglichst einen aktiven Lavastrom zu sehen, fiel mir die negative Seite des „Landes des künstlichen Lächelns“ deutlich auf. An einem der Tage aßen wir in einem Restaurant an der Heeia Bay und mussten (der Andrang war groß) eine Weile anstehen, bis wir einen Platz zugewiesen bekamen. Ich bemerkte, dass das jugendliche Personal komplett sehr attraktiv wirkte – Männlein gleichermaßen wie Weiblein – und dass es mit perlweißen Zähnen geradezu um die Wette lächelte. Als wir endlich an die Reihe kamen und uns ein Tisch zugewiesen wurde, konnten wir das Lächeln aus nächster Nähe in Augenschein nehmen. Vielleicht lag es auch daran, das wir aufgrund der langen Reisezeit – es waren schon sieben Monate – zuvor, ein wenig ermattet waren, selbst nicht mehr in der Lage, derart professionell zu Lächeln, dass wir es so stark empfunden haben?

Das Essen kam schnell, der Service war perfekt, sowohl der junge Mann als auch seine Gehilfin an unserem Tisch rochen nach gutem Parfum und auch der abschließende Wein mundete köstlich. Dass es in den Staaten üblich ist, dass die Bedienungen einen großen Teil ihres Monatseinkommens aus Trinkgeldern beziehen, war uns bekannt, auch die sogenannte erwartete „Höhe“ des Trinkgeldes. Der junge Mann – weiterhin professionell lächelnd – erwähnte dies bei Vorlage der Rechnung auch indem er hinzufügte: „Please pay me – service is not included“. Da wir in guter Stimmung waren gaben wir ein Trinkgeld, welches das „Erwartete“ noch um ein paar Prozentpunkte übertraf. Das Lächeln wurde noch strahlender! Dummerweise hatten wir unseren köstlichen Wein noch nicht ganz ausgetrunken und gedachten, den schönen Platz am Meer noch eine Weile weiter zu belegen, zumindest so lange, bis wir unsere Gläser geleert hätten. Wir hatten den teuren Stoff schließlich bezahlt. Draußen vor dem Einlass standen noch immer Gäste und der junge Mann begann schon nach drei Minuten – noch mit einem Hauch eines Lächelns im Gesicht – uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir nun würden gehen müssen. Unsere Gläser waren fast leer! Nach fünf Minuten kam er frei von jedem Lächeln wieder zu unserem Tisch und forderte uns barsch auf, den Platz nun zu räumen, da er weitere Kunden bedienen wolle, er müsse ja schließlich von etwas leben! Als wir dann gingen schauten er und seine Helferin an unserem Tisch uns recht grimmig nach, bis ich den Einzug seines alten Lächelns wieder in seinem Gesicht bemerkte, und zwar in dem Moment, in dem er das nächste Paar an seinem Tisch begrüßte. Damals hatte ich schon die Idee, diesem Verhalten einen Namen zu geben! Später habe ich eine Bezeichnung dafür gefunden: „Die hässliche Zuwendung im geschickt moderierten Kleid“. Sie ist kein Phänomen der USA, sondern grassiert in allen oberen Gesellschaftsschichten der Welt. Das ist auch eine Art Gaslighting, zumindest aber Vortäuschung falscher Tatsachen. Aber auch die Primaten (Schimpansen, Bonobos) grinsen ja, wenn sie etwas wollen, ohne wirklich freundlich gestimmt zu sein. Das Tier in uns.

Der Balancing Rock im Arches Nationalpark

Als ich im April 2000 mit einer großen Gruppe in Los Angeles ankam, begrüße uns ein einheimischer Reiseleiter, den ich nicht bestellt hatte. Ich hatte mich in den Wochen zuvor so gründlich wie möglich auf diese anstehende Reise vorbereitet und war mit der Gruppe überein gekommen, dass ich die Reiseleitung übernehmen würde. Da der junge Mann aber nun eben mal da war, wollten wir ihm eine Chance geben und ließen uns von ihm vom Flughafen zum Hotel begleiten. Während der Fahrt erklärte er nichts zur Stadt, sondern breitete lediglich umfassend seine Pläne darüber aus, was er wo mit der Gruppe alles „zusätzlich“ machen werde und welche „Kosten“ dabei auf die Teilnehmer/-innen zukämen. Als er erwähnte, dass er eine Abendtour durch Las Vegas anbieten würde und diese auch zum „Vorzugspreis“ von nur 35.- US$ den Kunden verkaufen würde, riss mir der Geduldsfaden. Ich sagte ihm am Abend im Hotel, dass wir seine Dienste nicht benötigen würden, da er ja offensichtlich nur des Geldes wegen die Gruppe begleiten würde. Er war betroffen, erklärte noch dass er jedes Jahr in seinen Semesterferien aus Belgien in die USA geflogen käme um hier Geld zu verdienen, da es ja wohl um nichts anderes gehen würde. Ich blieb hart – auch wenn mir der junge Kerl leid tat – und übermittelte der Agentur, dass wir den Reisebegleiter nicht benötigen würden. Ja, der junge Kerl tat mir auch deshalb leid, weil ich ihn seiner Einkünfte berauben würde, denn er wurde für seine „Dienste“ an der Gruppe vom der Partner-Agentur in den USA nicht bezahlt! Er sollte sein Geld über die Provisionsgeschäfte und Vermittlungen verdienen. Er hatte mit 5.000 – 6.000.- US$ Dollar gerechnet, was er denn jetzt machen solle, hatte er mich noch gefragt. Da ich meine Gruppe aber nicht als Milchkuh verstehen wollte, blieb ich bei meiner Einstellung. Aber das ist nur die Vorgeschichte einer anderen „Welt des bezahlten Lächelns“ Geschichte!

Am nächsten Morgen kam der Busfahrer mit seinem großen Bus am Hotel vorgefahren. Viel zu früh und ich ging zu ihm, um nach dem Grund zu fragen. Er schaute mich sehr mürrisch an und gab zu verstehen, dass er einen Anruf von der Agentur erhalten habe, dass ich den Reiseleiter wieder nach Hause geschickt habe und dass er deshalb nicht wisse, wie es jetzt weitergehen würde. Auf meine Einlassung, dass ich mich selbst für kompetent genug halten würde, die Reise zu leiten, reagierte er ausweichend und meinte – wobei sich sein Gesicht noch mehr verfinsterte -, dass das nicht das Problem sei sondern die Tatsache, dass er mich nicht kennen würde. Er legte nach: bei dem belgischen Reiseleiter konnte er sich sicher sein, das dieser ihm am Ende der Tour auch das „erwartete“ Trinkgeld beschaffen würde. Bei mir wäre das ein zu großes Risiko. Er sei selbständig, der Bus gehöre ihm und er wäre zwingend auf die 3.- US$ Trinkgeld pro Person und Tag angewiesen – schließlich sei das so Sitte und er würde dieses Geld brauchen. Er blickte mürrisch in meine Augen als er sagte, dass er nicht losfahren würde, bevor ich ihm dieses erwartete Trinkgeld von der Gruppe eingesammelt und ausgehändigt hätte. Ich war perplex, wusste aber, dass ich so schnell keinen Ersatz für ihn finden würde. Die Gruppe war sehr groß und bestand aus den Mitgliedern von zwei Vereinen, die sich über zwei Jahre auf diese Reise gefreut hatten. 48 Personen groß! Die Reise war auch sehr umfangreich konzipiert und wir würden 20 Tage auf den Straßen der USA unterwegs sein. Ich rechnete hoch: 3 $ pro Tag x 20 Tage = 60.- US$ pro Person und 120.- US§ pro Ehepaar? Wahnsinn. Ich sollte ihm also möglichst umgehend 2.880.- US$ beschaffen? Als die Gruppe kam, lud er noch die Koffer in seinen Bus und erinnerte mich – nachdem er die Kofferklappen geschlossen hatte – daran, dass ich ihm jetzt sein Geld besorgen solle, sonst würde er nicht losfahren.

Der Busfahrer hieß „Jo“, war klein an Wuchs, kam aber ansonsten wie ein Stereotyp eines Cowboys daher. Hatte einen Stetson Cowboyhut auf dem Kopf, verzierte Stiefel dazu, eine Jeans an den Beinen und er trug ein schneeweißes und offensichtlich frisch gebügeltes Hemd. Ich klärte den Sachverhalt mit dem Vorsitzenden der Vereine und am Ende einigte man sich – schweren Herzens – darauf, den Forderungen des Cowboys nachzugeben. Unter Protest wurden die fälligen 60.- $ pro Person eingesammelt und in einer Tüte dem wartenden Jo überreicht. Der verschwand samt Tüte und Inhalt im Inneren der Lobby des Hotels, setzte sich dort an einen Tisch und zählte sein im voraus bezahltes Trinkgeld. Als er schnell wie ein Straßendealer und sehr professionell das Geld zu Ende gezählt hatte, verpackte er es wieder in seiner Tüte, stand auf und trat vor die Tür. Und da sah ich es: das perfekte, bezahlte Lächeln. Es muss nicht einmal ein künstliches Lächeln gewesen sein, aber der Umstand, wie es zustande kam, war für mich beschämend, für Jo offensichtlich die normalste Sache der Welt? Es sollte erwähnt werden, dass dieses Lächeln in den nächsten 20 Tagen auch nicht mehr ausging! Ich war zufrieden, die Gruppe vergaß irgendwann die Erpressung des ersten Reisetages und der Cowboy und ich freundeten uns sogar ein bisschen an. Ich empfand es als erfrischend, ihn zu interviewen und so seine subjektive Sicht auf Staat und Gesellschaft zum Vorschein zu bringen. Er hatte auch eine irgendwie romantische Seite, auch wenn diese nur anklang, wenn es wieder um das Geld ging.

Schlangenbegegnungen – jederzeit möglich

Der junge belgische Reiseleiter, den ich abgesetzt hatte, gab mir am Ende unseres Gespräches noch seine Visitenkarte und ließ verlauten, dass ich ihn würde anrufen können, falls ich irgendwann mal einen Tipp benötigen würde. Ich dachte immer wieder mal an ihn und daran, dass ich ihn um sein Geld gebracht hatte! Als Reiseleiter, der die Geschichte oder die Zusammenhänge in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft darstellen konnte, war ich mit meiner Leistung zufrieden. Aber ich war natürlich nicht auf dem aktuellen Stand, was man wo noch würde machen können und hatte ein paar Defizite bei der Abwicklung (zum Beispiel bei der Bestellung der Helikopter beim Flug über den Grand Canyon) der touristischen Unternehmungen. Da die Bereitschaft in der Gruppe wuchs, auch noch etwas zusätzlich zu machen, kontaktierte ich ihn aus unserem Hotel in Phoenix um zu erfragen, ob er einen Vorschlag hätte, was hier noch „Zusätzliches“ gemacht werden könne. Er empfahl eine Fahrt mit dem Fesselballon über die morgendliche Sonora-Wüste und bot auch sogleich an, sich um die Abwicklung zu kümmern. Er bat mich darum, den Briefumschlag, den mir der Betreiber des Unternehmens der Fesselballone am Ende zustecken würde, nicht zurück zu weisen, sondern entgegen zu nehmen. Darin wäre dann eine Anerkennung in Geldform (sprich Provision) die er, der junge Belgier, sich dann bei mir abholen würde. Er hätte ja durch den Ausfall seiner geplanten Tätigkeit nun viel Zeit (und wenig Geld). Da er seine Sache aus der Ferne gut machte, ließ ich ihn auch noch die Helikopterflüge über den Grand Canyon bestellen.

Am selben Abend kam er mit seinem Auto zu unserem Hotel im Grand Canyon Village gefahren! Gute 800 Kilometer bewältigte der junge Mann um sich die beiden Umschläge abzuholen, die ich entgegengenommen hatte. Ich hatte – da sie unverschlossen waren – auch einen Blick auf den Inhalt geworfen und erkannt, dass sich 720.- US$ Dollar in dem Umschlag der Ballon Firma und 1.400.- US$ in dem Umschlag der Helikopter Firma befanden. Insgesamt also 2.120.- $. Ich hatte den Inhalt nicht angerührt und war irgendwie froh, dass ich etwas für den nun sicher am Hungertuch nagenden jungen Kerl tun konnte. Als er die Umschläge von mir erhielt, war Busfahrer Jo mit mir am Tisch. Jo sah, dass ich dem jungen Mann die Umschläge gab, wie der den Inhalt zählte, wie der sich höflich bei mir bedankte, dass Hotel verließ um mit seinem Wagen wieder 800 Kilometer nach Los Angeles zurück zu fahren. Der Vorgang musste Jo sehr beschäftigt haben, denn als wir am nächsten Morgen in Richtung Glen Canyon unterwegs waren wandte er sich während der Fahrt zu mir und meinte, dass ich das Geld doch nicht an den jungen Mann hätte weitergeben müssen! Er wäre ja schließlich nicht mehr im Geschäft! Dass ich es trotzdem getan habe könne nur zwei Gründe haben: entweder ich wäre ein weltfremder Idealist oder einfach nur ein guter Kerl und er, der Jo, wolle dabei bleiben, dass ich ein guter Kerl sei. Danach kehrte er mit seiner Aufmerksamkeit wieder zur Straße zurück. Das war sehr romantisch und voller Poesie! Ein US-amerikanischer Cowboy hatte mich als einen guten Kerl eingestuft! Der Weltfrieden war dadurch wohl gerettet?

Ich will nicht moralisieren! So wie uns unsere Gesellschaften lediglich ein paar Plätze innerhalb der Gesellschaft anbieten, die wir einnehmen und im Rahmen der durch die Platzwahl entstandenen Möglichkeiten ausgestalten können, so sind auch die USA nur das Produkt ihrer Entwicklung. Bedenkt man, wie viele Millionen Menschen aus bitterer Armut, drohendem Hungertod und nicht in Worten auszudrückender Knechtschaft aus dem „alten Europa“ in die neue Welt immigrierten, um dort ein neues Leben zu beginnen, dann wird einem klar, warum die Bewohner der USA so sehr an ihren Besitztümern hängen. Nachdem sie unter schwersten Opfern, oft mit letzter Kraft ihre neue Heimat erreicht hatten, wollten die meisten nur noch eines: in Sicherheit leben und endlich etwas Wohlstand erreichen um nicht jederzeit wieder zum Spielball der Mächte der Obrigkeit zu werden. Ein Basisklima aus Euphorie, Angst um die neue Existenz und noch zu verarbeitenden Traumata aus der Zeit der Vertreibung schufen ein gesellschaftliches Miteinander, dass offensichtlich ausschließlich aus monetären Beweggründen fort existiert. Später kamen die versklavten Menschen Afrikas hinzu, die neue Traumata sowie alte Ängste mit in das neue Land brachten. Deshalb kommen die US-Amerikaner eher vom Mars und viele Europäer eher von der Venus. Geschichten zum „Land des künstlichen Lächelns“ hätte ich noch viele, aber kommen wir zu der angekündigten Reisebeschreibung des Jahres 2009 zurück.

Im Joshua Tree Monument Nationalpark

Wie bei den großen, transkontinentalen Reisen üblich, waren es am Ende nur 13 Teilnehmer/-innen + meiner Wenigkeit, die sich am 15. Juli 2009 auf den Weg in die Vereinigten Staaten der USA machten. Es mag auch daran gelegen haben, dass es einen nicht zu unterschätzenden Anteil in der deutschen Bevölkerung gibt, der das Verhalten der USA als (vielleicht doch noch immer?) Weltmacht No.1 nicht gutheißt und deshalb auch keine Reise in dieses Land machen möchte? Die Einreisebestimmungen wurden nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center am 11. September 2001 ja nochmals erheblich verschärft und der am 14. September 2001 in den USA ausgerufene Ausnahmezustand ist weiterhin in Kraft! Bis zum heutigen Tage, was ein gutes Bild darauf wirft, ob denn Ausnahmezustände irgendwann auch einmal enden, oder ob sie zum Wohle weniger Personen in einer Endlosschlaufe weitergeführt werden? Das könnte uns wieder zur Coronakrise zurück führen, aber ich würde es bevorzugen, in den USA zu bleiben. Der Direktflug nach Los Angeles dauert immerhin 11 Stunden und 25 Minuten, so dass man auch auf dem Wege in die USA recht lange in der Luft sein kann, zumindest wenn man sich den Westen des Landes vorgenommen hat. Und natürlich muss man vieles von dem, was man über Größe, Weite und Distanz in Deutschland erlernt hat, schnell wieder vergessen, wenn man sich anschickt durch die USA zu reisen!

Mit fast 10 Millionen Quadratkilometern Fläche sind die Staaten fast 28 Mal größer als die wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland. Allein der Bundesstaat Kalifornien ist noch einmal um ein gutes Viertel größer als Deutschland, auch wenn dort nur knapp unter 40 Millionen Menschen leben (Vergleich BRD: über 83 Millionen). Fast schon absurd wird das Ganze, wenn man nach Arizona kommt, wo in einem Bundesstaat, der lediglich geringfügig kleiner ist als die BRD, lediglich 7 Millionen Menschen leben, davon fast 5 Millionen im Großraum der Hauptstadt Phoenix. Aber eine Reise durch Arizona ist möglicherweise nur zum Eingewöhnen an die große Einsamkeit? New Mexico ist ebenfalls nur unwesentlich kleiner als Deutschland, aber dort leben nun nur noch knapp über 2 Millionen Menschen und davon dann wieder fast 200.000 in der Metropolregion von der Hauptstadt Santa Fe. Colorado, auf welches ich bei meiner ersten Reise besonders gespannt war, mit seinen extrem abwechslungsreichen Landschaften, ist ungefähr so groß wie die alte BRD vor der Wiedervereinigung (269.601 Quadratkilometer) und hat doch nur 5,6 Millionen Einwohner vorzuweisen. Gut die Hälfte dieser Bewohner drängelt sich um die Hauptstadt Denver herum, nämlich 2,85 Millionen. Utah, der überraschend schöne Mormonenstaat, ist in der Regel der kleinste Bundesstaat auf einer Reise durch den Westen der USA. Seine Landesfläche wird mit 220tausend Quadratkilometern angegeben, bei nur 3,1 Millionen Einwohnern, die in größter Dichte (1,1 Millionen) um die Hauptstadt Salt Lake City herum wohnen. Und natürlich noch Nevada – ebenfalls fast genauso groß wie die alte BRD – mit seinen unter drei Millionen Einwohnern, von denen lediglich etwas über 50.000 Personen in der kleinen Hauptstadt Carson City leben.

Nun gut, die Vereinigten Staaten haben ja nun auch so ihre „must have seen“ Ziele. Kalifornien hat mit San Francisco und der Golden Gate Bridge „das“ Wahrzeichen Kaliforniens zu bieten. Der Yosemite-Nationalpark verspricht atemberaubende Naturerlebnisse und Hollywood in Los Angeles ist wohl eine Art Mekka für Kinofans? Aber wenn man an der Big Sur Küste unterwegs ist, erlebt man spektakuläre Zusammenkünfte von Pazifik und Land. Das gilt speziell für den 17-Mile-Drive auf der Monterey-Halbinsel, wo internationale Kunst, Jet-Set und beeindruckende Landschaften zusammen kommen. Mein Favorit in Kalifornien ist aber der Death-Valley-Nationalpark, mit seinen Landschaften wie auf dem Mond und seinen in allerlei Sandfarben schillernden Plätzen. Arizona hat den Antelope Canyon, der bekannt ist für seine Lightbeams am Vormittag sowie den südlichen Rand des Grand Canyon. Wer das erste Mal den Grand Canyon erblickt, dem stockt unweigerlich der Atem. Da spielt es keine Rolle, ob man Bilder oder Filme über diese beeindruckende Schlucht kennt, die der Colorado River in Jahrmillionen in die Erde gewaschen hat. Und natürlich das Monument Valley – gelegen aber auch zu einem Teil in Utah – welches wie kein anderer Ort für den Wilden Westen steht. New Mexiko steht für Einsamkeit und sensationelle Landschaften und Städte im Pueblo Stil. Auf dem Colorado-Plateau gibt es gigantische Sanddünen auf einem Gipsfeld zu bestaunen und das wüstenhafte Gebiet erstreckt sich über vier Bundesstaaten. Colorado hat neben dem Rocky Mountain National Park – der definitiv einer der Hauptanziehungspunkte für Colorado-Reisende sein dürfte – auch den Mesa-Verde-Nationalpark zu bieten, wo man viel über die Kultur der Indianer-Völker erfahren kann. Utah – die große Überraschung für viele USA-Reisende, hat neben dem Zion Nationalpark, dem Canyonlands Nationalpark, dem Arches Nationalpark, dem Bryce Canyon Nationalpark und dem Cathedral Valley noch eine unüberschaubar große Zahl an landschaftlichen Besonderheiten zu bieten. Nevada ist dann ein Bundesstaat, durch den man bis auf einen Stopp in Las Vegas häufig nur hindurchfährt. Zum einen, weil viele Menschen eben diese Stadt sehen wollen, zum anderen, weil der Bundesstaat auf dem Weg von Kalifornien nach Utah – und damit auf einer typischen Rundreise durch den Südwesten der USA – eben durchquert werden muss. Auf dem Weg zum Death Valley National Park kommt man zum Beispiel nur am Red Canyon vorbei. Das Besondere liegt im nördlichen Arizona, wo man viel Wüste vorfindet. Kein Wunder, dass man hier mit dem Highway 50 auf „The Loneliest Road in America“ trifft. Ebenso liegt die sagenumwobene Area 51 in diesem Nichts, wo in der Vergangenheit, wenig verwunderlich, ohne viel Kopfzerbrechen zudem Atombomben getestet wurden.

Im Monument Valley

Es gab also in schneller Folge immer sehr viel zu sehen in diesem westlichen Teil der USA. Ich war (und bin) ja auch leidenschaftlicher Australien-Fan, aber dort, in Australien, dachte ich mitunter, dass sich nach gefühlten 1.000 Kilometern die Landschaft mal langsam wieder verändern könnte! Dieses Problem hat man bei einer Rundreise, wie sie im folgenden beschrieben wird, in den Staaten nicht! Sie leben in einem mit unterschiedlichsten landschaftlichen Schönheiten gesegneten Stück Welt, die Amerikaner, die diese Staaten bevölkern. Da wir nach einem langen Flug erst gegen Nachmittag in Los Angeles ankamen und die Stadt richtig erleben wollten, blieben wir zwei Nächte dort, damit wenigstens ein kompletter Tag für Besuche, Besichtigungen und Freizeit zur Verfügung stehen würde. Nach – wie erwartet – umständlicher Einreise, die unsere Geduld gleich über Gebühr strapazierte, fuhren wir mit dem für unsere Reise gemieteten Bus zu unserem Hotel Crowne Plaza Los Angeles Harbor im Stadtteil San Pedro, wo wir auch sofort mit dem speziellen Komfort eines amerikanischen Hotelzimmers konfrontiert wurden. Los Angeles an sich ist sicher einer der Plätze in Kalifornien, die man durchaus einmal meiden kann. In der Metropolregion leben fast 14 Millionen (legale) Einwohner und es kommen nochmal mindestens 3-4 Millionen Illegale dazu! In dieser Mega-Stadt sind 26 Millionen Fahrzeuge angemeldet und es drängt sich der Verdacht auf, dass Fußgänger und Radfahrer bei der Konzeption der Stadt niemals eine Rolle gespielt haben dürften. Eine der hässlichen Seiten eines Landes, in dem sich alles um Besitz, Geld und Komfort zu drehen scheint.

Der nächste Morgen begann mit einem sehr umfangreichen, typisch amerikanischen Frühstück. Das bedeutet, dass man sogar die opulenten Frühstücks-Fressereien, die diverse Luxus-Hotels in Europa ihren Kunden anbieten, vergessen kann. Das amerikanische Frühstück hat ein Merkmal, das es von einem europäischen beziehungsweise kontinentalen Frühstück unterscheidet: warme Speisen. Des Weiteren kann es sehr herzhaft, fettig, aber auch süß sein. Mit einem amerikanischen Frühstück kann man auch das „Full breakfast“ in den britischen Ländern nicht vergleichen. Es ist wesentlich üppiger und tut denen gut, die eine ungeheure Menge an gutem Essen in sich hinein stopfen können, ohne danach gleich viele Kilogramm Gewicht zuzulegen. Ich war auch einmal so einer – aber die Zeiten haben sich verändert! Alt werden ist eben nichts für Feiglinge. Wir lernten Los Angeles bei einer vierstündigen Stadtrundfahrt kennen und der eigens gebuchte deutsch sprechende Reiseleiter machte seinen Job so gut wie möglich. Unter anderem sahen wir das berühmte „Mann’s Chinese Theater“, wo die, die es wollten, die Hand- und Fußabdrücke der Stars bewundern konnten. Ich kannte das alles bereits und war froh, niemanden in der Reisegruppe auszumachen, dem dieser Kult am Ende gefallen hätte. Der sogenannte Star-Kult mit seiner nicht enden wollenden „Wieder- und Neuerzeugung“ erzeugt weltweit ein brennendes Interesse an Personen, deren Lebensleistungen oft gegen Null tendieren. Somit schafft der Starkult den Nährboden für Realitätsfremdheit und sorgt dafür, dass eigentlich seriös wirkende Leitmedien immer weiter trivialisiert werden. Die Regenbogenpresse, die ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf möglichst populäre Personen des öffentlichen Lebens richtet und dabei Mitteilungen von geringem Informationswert streut, sorgt dafür, dass die Popularität der Personen über die berichtet wird, weiter steigt. Auch ein Teil des menschgemachten Wahnsinns und nirgendwo besser zu beobachten als in LA! Wirklich überrascht war ich von dem Besuch von Downtown, als wir die Gelegenheit hatten, die Olvera Street entlang zu laufen. Dort hatte also Los Angeles seinen Anfang genommen? Der mexikanische Einfluss war hier deutlich sichtbar und die kleinen Gebäude wirkten etwas unwirklich neben den dahinter aufragenden Wolkenkratzern. Und natürlich haben wir uns auch den Sunset Boulevard und die Villenstadt Beverly Hills angeschaut. Zahlreiche Filmgrößen haben dort ihre luxuriösen Wohnsitze. Auf dem Sunset Strip (mittlerweile ein Vergnügungs- und Unterhaltungsviertel der unteren Kategorie) gab es dann endlich Freizeit für den Nachmittag, den wir kreativ und individuell gestalten konnten.

Starkult auf dem Sunset Strip

Mit unserem Busfahrer hatten wir bei der 2009er Tour wirklich Glück! Es war auch kein „richtiger“ Reisebus so wie der, den ich mit meiner 48 Personen Gruppe nutzen durfte, sondern eher so ein Zwischending zwischen einem Lieferwagen und einem Bus! Es war ja eine kleine Gruppe von nur 14 Personen und so war es möglich, auch mit einem kleinen Fahrzeug mit nur 23 Sitzplätzen durch die USA zu reisen. Unser Fahrer war eine ehemaliger Deutscher, der in den 60er Jahren in die USA ausgewandert war. Er hatte die „deutsche Enge“ satt und wollte sein Glück im gelobten Land versuchen. Er war zum Zeitpunkt der Reise bereits 72 Jahre alt, beherrschte aber sein Fahrzeug wie aus dem Lehrbuch und konnte uns zudem über sehr viele persönliche Erlebnisse in seiner neuen Heimat berichten. Was besonders positiv hängen blieb war, dass er nach vier Jahrzehnten keine Lust mehr auf den „american way of life“ hatte. Er hatte mehrfach Vermögen erworben und wieder verloren und seine „goldenen Jahre“ in Las Vegas verbracht, was uns dann vor Ort zu einer Fülle von zusätzlichen Informationen verholfen hat. Er wollte im Prinzip zur Ruhe kommen und wer sich mit dem Mann unterhielt, konnte sogar philosophische Ansätze in seiner Rede erspüren. Er fuhr auch los, ohne vorher sein „erwartetes“ Trinkgeld von uns einkassiert zu haben! Er hatte – mehr oder weniger – am Ende seine Liebe für seine „alte“ Heimat Deutschland wieder gefunden und wollte – ohne die Absicht zu haben wieder nach Deutschland zurück zu kehren – gerne deutsche Tugenden in seinem Leben re-aktivieren. Er schien keine Sekunde lang dem Geld hinterher zu laufen, was von den 328 Millionen Einwohnern der USA alle zu machen scheinen, die bereits laufen können. Gut, etwas überspitzt aber schon irgendwie wahr.

Nach der zweiten Nacht reisten wir von Los Angeles nach San Diego. Nach Ankunft trafen wir unsere gebuchte, lokale, deutsch sprechende Reiseleitung um zu einer möglichst informativen Stadtrundfahrt aufzubrechen. Trotz der Lage am Rande der USA hat sich San Diego nämlich zu einem bedeutenden Kultur- und Wirtschaftszentrum entwickelt. Für Besucher bietet die Metropole zahlreiche Sehenswürdigkeiten. San Diego ist zwar im direkten Vergleich mit LA eine kleine Stadt, aber dort leben auch schon über 3 Millionen Menschen in der sogenannten Metropolregion. Die neue Innenstadt bietet trotz einiger architektonisch interessanter Ansätze nicht wirklich etwas Berauschendes! Die vielen Convention- und Shopping-Center tangierten uns nur peripher. Doch auch bei unserer Tour 2009 war ein Besuch von San Diego Old Town, der mexikanischen Altstadt, vorgesehen. Das ist ein wirklich schönes Stück der Stadt, wenn auch zu den Stoßzeiten hoffnungslos überlaufen! Achja, Coronado, die gemütliche Halbinsel in der Bucht von San Diego, mit dem historischen Hotel Del Coronado, welches durch den Film „Manche mögen’s heiß“ berühmt wurde, war bei dieser Tour auch dabei. Das war Neuland für mich, da ich mich aus den bekannten Gründen bisher noch nicht hierher verirrt hatte. Ich bekomme einfach keinerlei Erregungsgefühle, wenn ich an einer Stelle stehe, an der vielleicht schon Marilyn Monroe den Tony Curtis und den Jack Lemmon gleichzeitig geküsst hat, bevor sie sich wieder zu ihrem Präsidenten begab, um diesen dann auch noch zu küssen! Und ja, Asche auf mein Haupt! Ich war im Prinzip 2009 schon ziemlich so gestrickt wie heute. Tierschutz, Schutz des Planten und so weiter, waren schon damals wichtig für mich. Trotzdem habe ich den Teil meiner Gruppe, der Sea World am Nachmittag besuchen wollte, begleitet und bin auch mit hinein gegangen. Der stolze Eintrittspreis (Stand 2009) von 69.- US-Dollar pro Person erschien mir leicht überhöht? Aber alle zahlten brav und freuten sich, nun dort hinein zu gelangen.

Shows mit Orca Walen gehören wohl bald zur Vergangenheit?

Wenn es eine Hölle für Orca-Wale gäbe, dann würde diese in Sea World liegen. Hier tobt der blanke Orca-Horror und man müsste im Prinzip jedem Menschen dringend davon abraten, solcherlei Vergnügungsparks zu besuchen und dadurch das Leid der Tiere zu fördern! In diesen mit viel zu kleinen Becken ausgestatteten Parks sterben immer wieder Schwertwale nach jahrelanger Gefangenschaft. Die Tiere werden eingeschläfert, nachdem sie schon länger an bakteriellen Lungen-Infektion gelitten haben. Die Lebensbedingungen der Wale in den Themenparks kann nur unzureichend beschrieben werden. Was dort läuft, kann getrost als „Schande für die Menschheit“ bezeichnet werden. Die Schwertwale leben im Elend, in grausamen, teilweise entsetzlichen Verhältnissen, und sie sterben qualvoll. Alle! Sie verbringen ihre Leben in einem Horror-Haus und alle die, die dabei helfen, die Lügen darüber in der Öffentlichkeit zu verkaufen, tragen eine Mitschuld daran. Auch die Zuschauer. In der Wildnis werden diese prachtvollen Geschöpfe bis zu 100 Jahre alt. Und in unserer „Kultur“ zahlen die Leute Eintritt für einen Park, in dem Orcas gequält werden, um Zirkustricks vorzuführen. Tierschützer kritisieren seit Jahren die schlechten Lebensbedingungen der Schwertwale in den Sea World-Parks. Kurze internationale Aufmerksamkeit erfuhr das Thema durch die Dokumentation Blackfish aus dem Jahre 2013, nachdem ein Orca-Männchen seine Trainerin im SeaWorld-Park Orlando bei einer Live-Show in die Tiefe gezogen und ertränkt hatte. Viele Vorfälle wurden von den Funktionären der Parks mit einem Lachen abgetan oder gar nicht erst gemeldet. Money makes the world go around. Nach Angaben von Sea World befinden sich jetzt nur noch wenige Orcas in den drei Anlagen in San Diego, Orlando (Florida) und San Antonio (Texas). Sein Killerwal-Unterhaltungsprogramm versprach das Unternehmen bis 2019 nach und nach abzuschaffen. Die Proteste von Tierschützern – und dadurch sinkende Einnahmen – gaben den Ausschlag. In Zukunft sollen die Tiere noch Forschern zur Verfügung stehen, die ihr Verhalten studieren. Sea World will statt Walen und Delphinen dann andere Attraktionen bieten. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Kurs durchgehalten werden kann. In vielen Ländern ist das Halten wilder Schwertwale mittlerweile verboten. Leider werden in Russland und China die Tiere immer noch gejagt und in Gefangenschaft genommen. Es ist noch ein langer Weg, bis die Würde eines jeden Tieres erkannt werden wird.

Wir verabschiedeten uns am nächsten Tag von San Diego und fuhren in Richtung Phoenix, wo wir unsere nächste Übernachtung gebucht hatten. Die extrem großzügig angelegte Hauptstadt Arizonas (Platz spielt keine Rolle), Geburtsstätte der Klimaanlagen, liegt inmitten einer eindrucksvollen Landschaft. Der Name Phoenix ist der ägyptischen Mythologie entlehnt und soll daran erinnern, dass diese Stadt genau wie der berühmte Vogel aus Sand und Asche emporstieg. Phoenix entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als kleine Siedlung an der Stelle am Salt River, wo sich bis zum 11. Jahrhundert die Hohokam-Indianer niedergelassen hatten. Die Siedlung gewann schnell an Bedeutung, als sie 1887 Anschluss an das Eisenbahnnetz fand. Bereits zwei Jahre später war Phoenix Hauptstadt des Territoriums Arizona. Heute ist die Stadt ein großer Anziehungspunkt. Die Touristen kommen wegen des schönen Wetters, des deutlich spürbaren Einflusses der indianischen Kultur und wegen der zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Region. Wir übernachteten im Hotel Four Points Metro Center, welches ein wenig außerhalb der Stadt lag, so das wir am Abend von unserem Fahrer noch in die Innenstadt gefahren werden mussten. Es wirkte alles ein bisschen artifiziell dort! Meine „prägende“ Phoenix Erfahrung hatte ich aber bei der Winterreise mit Freunden im Jahr 1991! Von Winterreise konnte aber zumindest in Phoenix nicht die Rede sein, denn die Temperaturen steigen dort auch im Januar schon oft auf 30° Celsius! Wir suchten – damals auch mit mehreren Wohnmobilen unterwegs – einen Stellplatz für die Nacht und fragten an einem besonders schönen und gepflegten Campground nach, ob man Platz für uns habe. Die Dame an der Rezeption fragte sogleich nach, ob wir Kinder dabei hätten, was ich verneinen konnte. Dann wäre es gut und wir könnten hier übernachten, wenn wir Kinder dabei gehabt hätten, wären wir abgewiesen worden. Warum? „We never take kids“ hörte ich sie sagen. Es war ein riesiger Campground auf dem sicher einige Tausend Wohnmobile standen. Es waren zu 99% wohlhabende Rentner, die ihre Ruhe haben wollten und Kinder hätten diese paradiesische Ruhe ja am Ende stören können! So tickte die Welt? Heute, in der Coronakrise, würden dieselben Alten von den Jungen sicher verlangen, dass sie zuhause bleiben sollen, damit keine Ansteckungsgefahr von ihnen ausgeht? Würde wohl so sein, oder?

Auf dem Weg nach Phoenix

Am folgenden Tag, einem Sonntag, war es dann endlich so weit, dass wir den ersten überwältigenden Nationalpark besuchten. Den Grand Canyon. Am frühen Morgen hatten wir eigentlich vor, eine Ballonfahrt in der Sonora Wüste zu unternehmen. Die (Stand 2008) 195.- US-Dollar pro Person hätten auch einige aus der Gruppe gerne bezahlt, aber die Natur macht sich aus solchen Entscheidungen nichts! Wenn die Natur die Winde wehen lassen will, dann lässt sie die Winde wehen! Am Tag zuvor waren wir in einen bemerkenswerten Sandsturm geraten und das Wetter hatte sich auch am nächsten Morgen noch nicht beruhigt. Die Ballonfahrt fiel zwar nicht ins Wasser, aber zumindest aus. Die Weiterfahrt brachte uns zum Montezuma Castle, einer Ansammlung von verlassenen Felsklippen-Wohnungen, die vor Jahrhunderten von den Sinagua Indianern bewohnt wurden. Man konnte 2009 die Ruinen wegen Einsturzgefahr zwar nicht mehr besuchen, aber von der Felsklippe hatte man einen hervorragenden Blick auf die Ruinen. 1987 waren wir noch zwischen den Originalen spazieren gegangen und keiner dachte zu dieser Zeit darüber nach, dass die bloße Präsenz von zu vielen Besuchern die Siedlung zerstören könnte. Aber der Wandel hat auch das Bewusstsein der Verantwortlichen dort ergriffen, so dass man nun nur noch aus der Ferne schauen kann. Die Stadt Sedona haben wir danach auch besucht. Sie liegt am Fuße des farbenprächtigen Oak Creek Canyon und genau dieser Canyon war der Schauplatz unzähliger Wildwestfilme. Aber das eigentliche Highlight des heutigen Tages war eine der mächtigsten Naturschönheiten dieser Erde, der Grand Canyon. Das gigantische Werk des Colorado River ist mit seinen gewaltigen Bergmassen und kilometerlangen Schluchten ein Naturwunder, dessen imposante Schönheit unbeschreiblich ist. Wir gingen ein Stück am Südrand entlang spazieren. Von dort aus hatten wir einen wirklich atemberaubenden Blick auf den etwa 1.400 Meter tiefer fließenden Colorado River.

1987 habe ich am Grand Canyon etwas bestätigt bekommen, was ich als Synästhetiker schon immer ahnte oder gar wusste. Wir waren damals von Süden her relativ spät zum Grand Canyon gekommen und hatten von der gigantischen Schlucht noch nichts gesehen, als uns die Angebote der Helikopterfirmen ins Auge fielen. Spontan fassten wir damals den Entschluss, einen solchen Flug zu buchen. Wir hatten Glück und konnten im späten Licht noch alle berücksichtigt werden. Nachdem wir im Helikopter verstaut worden waren, startete der Pilot die Maschine und hob – quasi in Zeitlupe – vom Boden ab. Die Distanz vom Landeplatz bis zum südlichen Rand des Canyon betrug etwa 3 Kilometer Luftlinie. Der Helikopter flog dicht über die Bäume hinweg und ich erkannte die Klänge aus „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Ich kannte das Stück, kannte den Verlauf und wusste auch, bei welchem Takt die Musik zu etwas Epochalem anschwellen würde. Ich generierte augenblicklich eine Gänsehaut. Und tatsächlich: genau in dem Moment, in dem der Boden unter uns förmlich weggerissen wurde und die unglaubliche Tiefe und Ausdehnung des Grand Canyon geradezu überwältigend wurde, hatte auch die Musik ihren Höhepunkt erreicht. Wenn der Genuss auf mehren Ebenen gleichzeitig zum Gehirn gelangt, wenn Augen und Ohren in Harmonie etwas Großes erleben, dann brennt sich diese Erinnerung für alle Zeiten zusammen mit dem Zauber des erstmalig Erlebten in die Erinnerung ein. Beim Schreiben allein schon habe ich die Gänsehaut des Jahres 1987 wieder auf den Armen und dem Rücken. Ein Erlebnis, schlicht “ohne Worte”!

Flug über den Grand Canyon

Nachdem die letzten Takte verklungen waren und das Luftgefährt nun über Tausend Meter über dem nächsten Boden und fast 1.500 Meter über dem Fluss, dem Colorado River flog, endete der Zarathustra und ein mir bis dahin unbekanntes Stück des griechischen Musikschaffenden Vangelis aus seinem Album „Chariots of fire“ setzte ein, welches ebenfalls wie die sprichwörtliche „Faust auf´s Auge“ zu der Szenerie passte. Natürlich habe ich auch 2009 darauf hingewiesen, wie einzigartig ein Flug über den Grand Canyon sein kann und 11 Personen entschieden sich für den Helikopter (ich natürlich auch) und drei wählten die etwas weniger dramatische Variante mit einem kleineren Flugzeug. Aber egal welche Variante man wählt, Erlebnisse dieser Art machen einfach glücklich. Man sollte sein Geld ohnehin für Erlebnisse ausgeben anstatt für Gegenstände. Erlebnisse sind uns buchstäblich näher und bleiben deshalb länger im Gedächtnis. Wir gewöhnen uns auch viel schneller an Gegenstände, aber ein Erlebnis bleibt länger im Gedächtnis, und – nicht zu unterschlagen – teilen wir es häufig mit anderen Menschen – und Gemeinschaft ist eine der größten Glücksquellen überhaupt. Wenn wir jemanden auffordern würden, sich an Anschaffungen oder Einkäufe zu erinnern, die er oder sie in den vergangenen Jahren getätigt hat wäre das wohl prinzipiell für viele machbar, aber der Wert der „Erfahrung“ wäre dabei nur noch in Rudimenten vorhanden. Wenn man Menschen darum bittet, ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben, fallen den Befragten deutlich mehr Erlebnisse ein als Gegenstände. Wenn ich in Erfahrung bringe, was mein Gesprächspartner erlebt hat, dann weiß ich mehr über ihn als wenn er mir auflisten würde, was er alles besitzt oder besessen hat. Schon länger beschäftige ich mich damit, was unser Selbstbild prägt. Eine große Rolle spielen dabei die Erinnerungen, denn diese machen uns zu dem, was wir sind. Erlebnisse tragen erheblich zu unsren Erinnerungen bei, viel stärker als Gegenstände. Erlebnisse führen auch seltener zu Reue – weil der Mensch dazu neigt, selbst negative Ereignisse zu verklären. Über einen verregneten Urlaub kann rückblickend gelacht werden und daran erinnern, wie das Mistwetter überbrückt wurde. Das fällt bei Gegenständen, mit denen wir im Nachhinein unzufrieden sind, schon erheblich schwerer. Ich bin mir sicher, dass jeder meiner mir anvertrauten Gruppenreisenden, egal ob per Bus oder Wohnmobil zum südlichen Rand des Grand Canyon gebracht und dort einen Flug gemacht habend, dieses besondere Erlebnis noch griffbereit hat um sich daran zu erfreuen. Eine gute Investition!

Für manche Menschen ist es vielleicht ratsam, den Besuch des Grand Canyon an das Ende ihres Aufenthaltes in den USA zu legen? Es ist schwer, etwas zu finden, das ähnlich monumental die Sinne raubt. Ich persönlich habe mein Augenmerk immer lieber auf die weniger bekannten und ebenso schönen Dinge gerichtet. Für Begeisterung dieser Art gab es bereits am nächsten Tag genug Raum! Wir besuchten das Monument Valley, welches der bekannteste Abschnitt einer etwa 2600 Quadratkilometer großen, bezaubernden Landschaft im Nordosten Arizonas und Südosten Utahs ist. Das Tor im Süden ist die Stadt Kayenta. Bekannt wurde das Monument Valley auch durch die verschiedenen Wildwestfilme, die hier gedreht wurden (z.B. Kit Carson, Stagecoach, Das war der Wilde Westen). Der Monument Valley Tribal Park ist kein Nationalpark, gehört aber zu den 6,4 Millionen Hektar des Navajo-Indianerreservates. Hier wird vom Besucher ausgesprochen gutes Benehmen erwartet. Nahaufnahmen von Navajos sind nur mit deren ausdrücklichem Einverständnis bzw. gegen Entgelt gestattet. Die Monolithen, Kuppeln und Mesas im Monument Valley wurden von der Erosion bearbeitet und wirken in der flachen Landschaft bizarr. Am besten sieht man dies während einer Geländewagentour. 2009 haben wir eine 2,5 stündige Fahrt mit kundigen indianischen Führern tief in das Innere von Monument Valley gemacht. Dort ist auch eine besondere Erinnerung der Zwischenmenschlichkeit hängen geblieben. Auf dieser 2009er Reise hatten wir – der Zufall wollte es wohl – zwei alleinerziehende Mütter mit zwei 18jährigen Töchtern in der Gruppe. Beide Mütter hatten diese besondere Reise ihren Töchtern zum bestandenen Abitur geschenkt. Weder die Mütter noch die Töchter kannten vorher einander. Es war schlicht ein besonderer Zufall.

Ausschnitt des Grand Canyon

Beide waren hübsche und intelligente Mädchen, mit denen ich mich gerne unterhielt. Ich habe sie quasi beide „adoptiert“, auch weil ich auf Reisen meine eigenen Töchter oft schmerzlich vermisste. Als wir die Tour in das Monument Valley machten fiel mir auf, dass einer der dortigen Indianer sich sehr für das eine der beiden Mädchen interessierte. Er – obwohl sicher schon jenseits seiner eigenen Jugend – umschwärmte sie wie eine Biene das Blümchen und bestand am Ende sogar darauf, mit ihr gemeinsam für ein Photo zu posieren. Nahaufnahmen von Navajos sind – wie geschrieben – nur mit deren ausdrücklichem Einverständnis gestattet! In dem Fall gab er mir das ausdrückliche Einverständnis auf jeden Fall, mehrfach sogar. Ich hab das Bild von dem Mädchen & dem Indianer noch immer in meiner Datenbank und kann jederzeit darauf zurückgreifen. Aber ich hab auch hier eine prägendere Erfahrung gemacht. Eine die leider aufzeigt, dass auch die Indianervölker der USA, die sich dort übrigens nur noch Native Americans oder American Indians nennen lassen, die Vorstellung, dass Geld allein glücklich macht, auch bereits in ziemlichem Umfang übernommen haben! Es war während der „Winterreise 1991“. Da wir eine mehrheitlich junge Gruppe im Alter zwischen 25 und 40 Jahren waren, wollten wir gerne unter der Aufsicht der Indianer mit Pferden ins Monument Valley reiten. Nicht alle konnten reiten, aber bei früheren Unternehmungen solcher Art hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Anbieter sich darauf einstellen. Im Prinzip war also noch nie jemand aus meinen Gruppen vom Pferd gefallen.

Im Monument Valley

Um dies zu realisieren, riefen wir schon am Vortag aus Kayenta bei den Indianern im Monument Valley an, um die entsprechende Anzahl an Pferden und Führern zu bestellen. Wir setzten natürlich darauf, dass es in dieser „Saure Gurken Zeit“ genügend Pferde für uns geben würde, so dass wir das Abenteuer hätten starten können. Bei dem Telefonat zeigte sich der Indianer am anderen Ende der Leitung zwar etwas überrascht darüber, dass eine Gruppe um diese Jahreszeit einen Ausflug zu Pferde machen wollte, war aber im Prinzip an dem Geschäft interessiert. Bevor er allerdings in unserem Sinne tätig werden würde, wollte er meine Kreditkartennummer haben, damit er meine Bonität prüfen und ein Pfand für den Ausflug würde einbuchen können. Ich war perplex! So etwas hätte ich von einem Indianer aber wirklich nicht erwartet. In meiner heroischen Phantasie streiften diese Federn tragenden Jungs und Mädels nämlich noch immer – den edlen Wilden gebend – wie Winnetou durch die Weiten Amerikas. Immer auf der Jagd nach Büffeln und im Zweikampf mit Wölfen befindlich. Und jetzt wollte der zur Sicherheit meine Kreditkartennummer! Ich gab sie ihm, beantwortete brav seine Fragen und stellte klar, dass ich der Ansprechpartner innerhalb der Gruppe sei. Es war ja auch meine Kreditkarte! Mit durchaus gemischten Gefühlen kamen wir am nächsten Tag zu den in der ganzen Welt berühmten Felsen, die vielleicht mehr als jeder andere Platz in den USA für den Begriff des „Wilden Westens“ stehen, an. Der Parkplatz war leer und von den Indianern erst einmal keine Spur. Wir hatten trotzdem noch Hoffnung, da an einem Balken zumindest vier gesattelte Pferde angebunden standen. Das war ja schon mal ein Anfang.

Im Office brannte zumindest ein Licht. Nach höflichem Klopfen kam dann auch das erwartete Indianer-Gesicht um die Ecke und – nachdem ich meine Kreditkarte abgegeben hatte – das Geschäft nahm Fahrt auf. Von überall her kamen schwere SUVs angefahren, die jeweils einen kleinen Anhänger hinter sich herzogen, in denen sich ganz offensichtlich die Pferde befanden? Die Zahl der angelieferten Rösser nahm zu, bis am Ende nur noch ein Tier fehlte: meines! Es ist nun leider so, dass die Veranstalter wissen, dass man den Touristen auch etwas „bieten“ muss. Nicht nur auf die korrekte Erfüllung der bestellten Leistung bezogen, sondern gerne auch darüber hinaus. Bei Aktivitäten versuchen dann die Veranstalter zum Beispiel eine lustige Anekdote hinzuzufügen um Gelächter zu produzieren und zum Beispiel den Reiseleiter (als Bezugsperson für die Gruppen) schlecht dastehen zu lassen. Bei einem Eselsritt in Ägypten hatte man mir einmal einen derart kleinen Esel verpasst, dass ich – obwohl ich der Längste in der Gruppe war – mich erst weigerte aufzusitzen weil mir das Tier leid tat und dann, nachdem man mich überzeugt hatte es zu probieren, nicht wirklich auf dem Rücken des Tieres sitzen konnte, weil meine Füße noch den Boden berührten. Allgemeines Gelächter. Bei einem Ausritt mit einer Gruppe am Rand des Grand Canyon 1987 gab man mir ein Pferd, das prinzipiell machte was es wollte und deshalb seinen Reiter wie einen grenzdebilen Trottel aussehen ließ. Ja, solche Vorkommnisse waren immer gut für allgemeines Gelächter und einem Anstieg des Spaßfaktors innerhalb einer Reise-Gemeinschaft. Ich war also in gewisser Weise innerlich vorbereitet, dass wohl etwas passieren würde, da ausgerechnet mein Pferd noch fehlte.

Wildlife im Monument Valley

Als endlich der letzte Jeep mit seinem Anhänger vor dem Office stand war klar, dass sich das Geheimnis bald lüften würde. Seltsam? Die anderen Jeeps waren samt Anhängern vorgefahren, ohne dass eine gewisse Unruhe unter den Indianern ausbrach. Bei den anderen Fahrzeugen war es – nachdem sie den Motor abgestellt hatten – auch augenblicklich ruhig geworden. Nicht so bei diesem Gefährt. Als der Fahrer den Motor ausschaltete begann ein wüstes Klopfen und Schnauben im Pferdewagen und ein Ross schlug eindrucksvoll mit seinen Hufen gegen die Innenwände des Anhängers. Was war da drin? Ein Bär? Aber Bären wieherten im Allgemeinen nicht und dieses noch immer unseren Blicken verborgene Tier wieherte. Und wie! Hatte das Pferd vielleicht einen schlechten Tag? Der Chef-Indianer, der mir meine Kreditkarte abgenommen, hatte kam nun zu der den schwankenden Wagen umstehenden gemischten Gruppe aus Touristen und Indianern hinzu und befahl, dass alle ein wenig Abstand würden halten müssen, er würde nun die hintere Bordwand öffnen und bei diesem Gaul würde keiner genau wissen, was dann passieren würde. Ich fragte nach, ob das da drin, dieses gegen die Wand hämmernde Ungetüm, wirklich mein Pferd werden sollte, was der Indianer bejahte. Ich wollte noch wissen, wie ich das Pferd denn ansprechen müsste, um keine Fehler im Umgang zu machen. So erfuhr ich wenigstens schon einmal den Namen des Tieres, was aber meine Verunsicherung, der Sache gewachsen zu sein, noch verstärkte. Das Pferd hieß „Red Pepper“!!

Nachdem die Indianer die hintere Tür geöffnet hatten, sprangen sie aus reiner Vorsicht gleich zwei Meter zurück. Der Anblick, der sich unseren Augen dann bot, bleibt unvergesslich: im Inneren des Hängers stand ein schwarzes, langmähniges Pferd, das uns über die Schulter mit flammenden Blicken ansah. Mir fielen sofort die entsprechenden Zeilen aus dem Gedicht Schillers, Pegasus im Joche, ein, in denen zu lesen stand:

Hell wieherte der Hippogryph

Und bäumte sich in prächtiger Parade;

…….

Und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken.

Kaum fühlt das Tier des Meisters sichre Hand,

So knirscht es in des Zügels Band

Und steigt, und Blitze sprühn aus den beseelten Blicken,

Nicht mehr das vorge Wesen, königlich,

Ein Geist, ein Gott, erhebt es sich,

Entrollt mit einemmal in Sturmes Wehen

Der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan,

Und eh der Blick ihm folgen kann,

Entschwebt es zu den blauen Höhen.

Also der Reihe nach: „Und bäumte sich in prächtiger Parade“. Bingo, das konnte auf jeden Fall Pegasus sein, auch wenn die Flügel fehlten. Der bäumte sich gewaltig! „Nicht mehr das vorge Wesen, königlich, ein Geist, ein Gott, erhebt es sich“. Japp, auch dieses Indiz wies darauf hin, dass es sich bei dem mittlerweile von drei Indianern am abheben gehinderte Pferd um jenes Pegasus-Pferd aus dem Schiller-Gedicht handeln könnte. Aber „Entrollt mit einemmal in Sturmes Wehen, der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan“, war mir dann doch zu gewagt. Dieser feurige Gaul, der den Namen Red Pepper absolut zu recht trug, wäre am Ende wirklich mit mir auf seinem Rücken abgehoben? Und schlussendlich: „Und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken. Kaum fühlt das Tier des Meisters sichre Hand….“? Ja das mit dem Jüngling wäre gerade noch so gut gegangen, aber des „Meisters sichre Hand“? Nein, hier kam der Prozess in Stocken. Diesen Gaul würde ich vermutlich nicht überleben. Ich war ja nicht Alwin Schockemöhle (ein bekannter Dressur-Reiter aus meinen Jugendtagen) sondern nur ein minderbegabter Reiter. Red Pepper tobte indessen munter weiter auf dem Platz vor dem Indianer-Office herum. Ich gab zu verstehen, dass ich es als ein persönliches Risiko einstufen würde, auf dem Rücken dieses irgendwie unausgeglichen wirkenden Tieres in das berühmte Valley hinab zu reiten. Die Indianer hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihren Spaß, weil sie realisiert hatten, dass mich die Sache überforderte. Auch meine Freundeskreis-Gruppe lachte bereits bei der Vorstellung, mich auf dem Rücken dieses pechschwarzen Derwischs zu sehen. Irgendwie – auf die Details konnte ich wegen massiv einsetzender innerer Unruhe nicht mehr achten – schafften es die Indianer, auch diesem offensichtlich zu allem entschlossenen Gaul einen Sattel aufzuzwingen, denn plötzlich stand er da, noch immer leicht unruhig, der Gaul, und man erwartete von mir, auf seinen Rücken zu klettern und mit Würde und Eleganz – so wie es Winnetou und Old Shatterhand immer in den Filmen taten – an der Seite eines auf die Entgegennahme von Kreditkarten spezialisierten Indianers in das Monument Valley hinein zu reiten. Nur so viel: es war alles inszeniert – für die Bespaßung der Gruppe. Als die Indianer merkten, dass ich meinen Verstand nicht an der Zufahrt zum Monument Valley abgegeben hatte, weil ich mich weigerte die Reit-Offerte anzunehmen, führten sie ein bereits hinter der nächsten Hütte wartendes Zweit-Pferd herbei, welches mich gutmütig und friedvoll dann doch eher an die Rosinante aus Don Quichotte erinnerte, auch wenn ich mich nach dem aufsitzen eher wie dessen Begleiter, der naiv scheinende Schildknappe Sancho Pansa fühlte. Weitere Vorfälle gab es nicht, lediglich der schwarze Feuerblitz Red Pepper verlangte dem auf die Entgegennahme von Kreditkarten spezialisierten Indianer, der nun an meiner Stelle es mit dem Gaul aufgenommen hatte, alles ab. Der sich aufbäumende, hell wiehernde, göttergleiche schwarze Gaul wird deshalb immer meine stärkste Erinnerung an das Monument Valley bleiben.

Im Bryce Canyon

Bei der 2009er Tour übernachteten wir in Kayenta und reisten dann weiter in Richtung Bryce Canyon. Dieser Nationalpark ist mit Sicherheit einer der Höhepunkte einer jeden Reise in den Westen der USA! Wind, Sand und Wasser haben dort eine Welt aus bizarren, aber anmutigen Säulen und Felstürmchen in das Gestein geformt. Angeordnet wie ein Amphitheater, schillert es in verschiedenen Farbtönen von zartgelb bis hin zu tiefem Rot, je nach Tages- und Jahreszeit. Man benötigt nur ein wenig Phantasie, um in den Formen märchenhafte Stadtlandschaften, Kathedralen und Türme zu erkennen. Der Canyon wurde übrigens nach einem der ersten Mormonensiedler, Ebenezer Bryce, benannt. Ein Geheimtipp ist der naheliegende Zion Nationalpark heute nicht mehr, aber beeindruckend – und vollkommen anders gestaltet als der Bryce Canyon – ist er allemal. Die Schlucht ist ein Werk des Virgin Rivers, etwa 800 Meter tief und etwa genauso breit. Zu beiden Seiten der den Fluss begleitenden Parkstraße befinden sich Felstürme, Monolithen, Bergmassive und Seitencanyons, deren Wände die unterschiedlichsten Farbschattierungen aufweisen. An mehreren Abschnitten der Straße laden verschiedenen Aussichtsplätze zu einem Stopp ein. 1987 hatte ich hier ein erinnerungswürdiges Erlebnis, als ich mich in der warmen Nacht – wir standen mit unseren Wohnmobilen auf dem Campingplatz mitten im Nationalpark – zum Ruhe finden und genießen ganz allein an den Fluss zurückgezogen hatte. In der Stille hörte ich erst weit entfernt, dann immer näher kommend, eine große Katze schreien. Dass es sich dabei keinesfalls um einen Stubentiger handeln konnte, war mir klar, ich diagnostizierte einen Puma. Der Puma gilt immerhin als die viertgrößte Katze der Welt und seine Kopf-Rumpf-Länge kann bei den Männchen bis zu 195 Zentimeter betragen. Die in den Gebieten Nordamerikas lebenden Pumas (und genau da waren wir zu diesem Zeitpunkt) gelten als die größten Vertreter ihrer Art und manche der Kampf-Katzen können bis zu 100 Kilogramm wiegen, was sie dann am Ende deutlich von den Stubentigern unterscheidet. Das Tier kam laut schreiend immer näher. Vielleicht suchte es nach einem Date? Oder – was beunruhigender gewesen wäre – nach Futter?

Im Zion Nationalpark

Ich blickte mich zur Vorsicht einmal kurz zu den Lichtern am Campingplatz um. Die Distanz war nicht allzu groß und in der Ferne konnte man noch das Stimmengewirr der Leute hören, die noch nicht zur Nachtruhe in ihren Betten verschwunden waren. Der Puma kam immer näher, bis man – zum Glück auf der anderen Seite des Flusses – zwischen seinen Schreien hören konnte, dass sich dort drüben etwas Großes durch die Büsche bewegte. Ich hatte keine Taschenlampe dabei und konnte in der Dunkelheit den Puma auch nicht sehen, es war trotz alledem schlicht atemberaubend zu hören, wie das Tier seinen Weg durch das Unterholz auf der anderen Seite des Flusses genau in dem Moment, als es die exakt mir gegenüberliegende Stelle erreicht hatte, verlangsamte und schließlich stehenblieb. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor und ich konnte den Moment auch nicht so ganz auskosten, da ich vor meinem geistigen Auge meinen Fluchtweg durchspielte, falls es auf der anderen Uferseite plötzlich zu einem lauten „Platsch“ gekommen wäre. Denn – so war meine Vorstellung – wenn der Puma mich würde haben wollen, würde er durchs Wasser müssen und das sollte – wieder meine Vorstellung – nicht ohne Geräusche abgehen. Das wilde Tier stand ganz sicher auf der anderen Seite und starrte zu mir herüber, denn – wieder meine Vorstellung davon – der Puma konnte mich auch in der Dunkelheit mit Sicherheit sehen, ich ihn dagegen nicht. Um ihn vielleicht doch von seinen Puma-Beutegreif-Phantasien abzuhalten, richtete ich mich vorsichtshalber zu meiner vollen Länge auf. Pumas sind ja nicht blöd und der Kerl (wenn es denn einer war) sollte erkennen, dass er es mit einem ebenbürtigen Gegner zu tun bekommen würde, falls er den Versuch des Beutegreifens würde wagen wollen. Er wagte es nicht und am Ende unserer nächtlichen Begegnung hörte ich, wie die Geräusche eines sich durch die Büsche bewegenden großen Körpers wieder einsetzten. Als er sich in gebührender Distanz befand, begann er auch wieder damit sein Pumaklagelied in die Welt hinaus zu schreien.

Ich war sehr berührt und kann nur sagen, dass sich solche Begegnungen natürlich leichter realisieren lassen, wenn man relativ individuell mit einem Wohnmobil reist und zur Übernachtung in der Natur bleibt und sich nicht zu demselben Zweck in ein komfortables Hotel zurück zieht.

Die Reiseberichterstattung zum Thema USA ist damit aber noch nicht zu Ende. Ich habe während des Schreibens bemerkt, dass es über dieses wundervolle Land doch weitaus mehr zu berichten gibt, als ich ursprünglich dachte. Ich werde die Beschreibung deshalb in zwei Teile splitten und muss mir noch überlegen, wie ich den nächsten Artikel beginne. Er beginnt nämlich mit der Stadt, in die uns unsere 2009er Reise als nächstes führte. Wie ich den Bogen hinbekomme, einen der schlimmsten Auswüchse menschlichen Miteinanders so zu beschreiben, dass man sich als Mensch nicht von Scham gebeugt, am liebsten aus dem Leben zurückziehen möchte, ist mir noch unklar. Sicher bin ich mir aber in einem Punkt: wenn es der Menschheit tatsächlich gelingen sollte, irgendwann eine höhere geistige und mentale Entwicklung zu nehmen, wenn alle Menschen zu dem geworden sind, was ich „planetenverträglich“ nennen möchte, dann werden die Menschen die Vergangenheit und die dort gemachten Fehler untersuchen und dann wird Las Vegas sicher zu einem Meilenstein der künftigen Wissenschaften werden. Ein Meilenstein der dann aufzeigen wird, wie man die Verwirrungen und Verfehlungen einer ganzen Spezies an einem einzigen Ort bündeln kann. Und dieser Ort wird Las Vegas sein.

Las Vegas – der menschgemachte Wahnsinn

Der menschgemachte Wahnsinn.

RR

13. Mai 2020

1 Comment
  • Flory
    Posted at 08:10h, 18 Mai Antworten

    Bin gespannt auf die Fortsetzung und freue mch mich auf neue bewundeswerte Zeile Deiner Erinnerung und Auffassung 🙂 ?

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