Reisen in der Retrospektive – Neuseeland 1991 – Teil 02

Reisen in der Retrospektive – Neuseeland 1991 – Teil 02

Ist es denn wirklich eine unumstößliche Tatsache, dass Unvernunft und Leidenschaft das Denken und Fühlen der Jugend bestimmen und dafür Vernunft und Leiden das Alter prägen? Vielleicht liegt das gelbe vom Ei tatsächlich in der Mitte und trotzdem beschleicht mich in der gegenwärtigen Krise der Verdacht, dass die Jugend gar nicht so hedonistisch ist, wie ihr vorgeworfen wird. Die angeblich so unvernünftigen Jugendlichen halten sich meiner Meinung nach durchaus zurück, viel mehr als sie eigentlich müssten. Doch das, was jetzt mit ihren Leben und ihren Zukunftsaussichten geschieht, kann getrost als „nach mir die Sintflut“ bezeichnet werden. In heller Hysterie wird versucht, die Gesellschaft in den Stillstand zu zwingen, um die Ansteckungsgefahr für die älteren Mitbürger/-innen so gering wie möglich zu halten. Große Menschenrechtsorganisationen wie UNICEF machten immer darauf aufmerksam, dass jedes Kind ein Recht auf Zukunft hätte. Die heutigen Kinder werden ebenfalls bald Jugendliche sein. Haben denn junge Menschen kein Anrecht auf eine Zukunft?

Blühender Pohutukawa Baum am East Cape

Es müsste sich ein neues mentales Modell entwickeln, welches in erster Linie vonseiten der Politik gestaltet werden müsste. Jugendliche werden gesamtgesellschaftlich gesehen, prinzipiell nur als Ressource wahrgenommen, bestenfalls als Investitionsprojekt, wo man etwas hinein investiert und später dann eine ordentliche Rendite dabei herausbekommt. Gerade in der Krise sollte die Jugend viel stärker um ihrer selbst willen betrachtet werden, und nicht nur als Ressource für diejenigen, die die Geschicke einer Gesellschaft bestimmen.

In unserer modernen, verkopften Welt regiert bestenfalls die Vernunft, allerdings auch eher auf Mehrung des Wohlstandes und Absicherung des erreichten Status bezogen. Wir haben dadurch verlernt, auf unser Bauchgefühl zu hören. Vielen ist überhaupt nicht mehr bewusst, dass es solche innere Weisheit gibt. Die Suche nach der inneren Stimme findet heute schlicht nicht mehr statt und die, die es versuchen, werden gesellschaftlich ausgegrenzt, als weltfremde Spinner gebrandmarkt im schlimmsten Fall verfolgt oder niedergeworfen. Wir brauchen dringend ein öffentliches Plädoyer für mehr Achtsamkeit, dass von allen Gesellschaftsschichten getragen wird. Wenn wir den Schlüssel zu unserer Intuition, Empathie und Kreativität verlieren, kann der Mensch nicht mehr Mensch sein und hat jede Chance auf eine Zukunft, die nicht von ökonomischen oder juristischen Zwängen bestimmt wird, verspielt. Da ich zur Zeit meine Reiseerlebnisse aus dem Jahr 1991 und dort speziell auf Neuseeland bezogen niederschreibe, denke ich auch oft an die ersten Berührungen mit den Völkern der Südsee, die mir bis dahin unbekannt waren. Die Polynesier sind in der Lage gewesen, einen Großteil des pazifischen Ozeans nur mit Hilfe ihrer Intuition, ohne jegliche Hilfsmittel zu kartieren. Heute kann so etwas (fast) niemand mehr. Das liegt an den Lastern der modernen Welt! Permanente Reizüberflutung, Natur-Entfremdung und ein ins unfassbar uferlos gestiegenes Ratio dominieren unsere westlichen Industrie-Gesellschaften. Und dieser permanente Dauerbeschuss unserer Sinne hat Folgen. Die Menschen leiden unter Depressionen und Stress dazu toben überall auf der Welt Kriege. Immer mehr Menschen sind vom Burnout-Syndrom betroffen. Es ist mehr als dringend notwendig, wieder zu erlernen, wie wir dem Gefühl Platz neben dem Verstand einräumen und diese Ebenen langfristig zu gleichwertigen Partnern in unserem Ich machen. Was unter Esoterikern und Glaubensanhängern des Buddhismus schon lange kein Geheimnis mehr ist, wird inzwischen auch in der Wissenschaft diskutiert. Auf die Balance kommt es im Leben an!

Morgenstimmung in der Bay of Islands

Die meisten Menschen, die immer nur fokussiert und Vernunft-gesteuert handeln merken irgendwann einmal, dass ihnen etwas fehlt. Sie werden unglücklich. Und auch wenn die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaften und ihre jeweiligen Vertreter/-innen sich nicht einigen können, ob wir nur mit zwei, vier acht oder zehn Prozent (zwei Prozent würden bei einem normal großen Gehirn zwei Esslöffeln voller Flüssigkeit entsprechen) von unserm Gehirn bewusst durch den Alltag gehen, so ist zumindest sicher, dass der mit weitem Abstand größere Teil unseres Denkapparates brach liegt. Ich meine (subjektiv), das es maximal 2% sind, die wir tatsächlich nutzen. Damit wären ganze 98 Prozent übrig. Dieser gewaltige „Rest“ ist für den intuitiven Teil oder die unbewusste Intelligenz zuständig. Und genau hier schlummert alles, was wir mit Verstand nicht erreichen können. Naturverbundenheit, Geistesblitze, Visionen und letztlich der Blick fürs große Ganze. Wenn dieses Rest-Volumen aktiviert werden soll, müssen wir wohl alle die eingetretenen Pfade verlassen und zum Beispiel Achtsamkeits-Übungen machen. Wieder erlernen, nur den Moment wahrzunehmen, nichts zu tun, die vorgebliche Leere in uns aufzuspüren. Das Rauschen der uns umgebenden Umwelt muss ausgeschaltet werden um die eigene innere Stimme hören zu können. In dieser Besinnung liegen nach meiner Erfahrung nicht nur Antworten auf persönliche, sondern sogar globale Krisen. Einzelne Schulen, die sich dem strengen Diktat des Schulzwanges entwunden haben und neben Mathe und Sport auch Achtsamkeit, Gehirnkunde und stille Momente fest im Lehrplan integrierten, erzeugten bei ihren Schülern mehr Spaß und bessere Noten. Die Schüler waren insgesamt viel ausgeglichener und gaben damit dem zukunftsweisenden Modell Recht. In unserer Intuition steckt unglaublich viel Potential und es wäre wichtig zu wissen, wie man es weckt und anschließend nutzt. Aber in Zeiten, in denen Depressionen und Burnout Volkskrankheiten geworden sind und in denen die Hysterie gesellschaftsfähig geworden ist, wird es vermutlich ein schwieriger Weg, die Intuitionen zu fördern.

Dabei hat sicher jeder Mensch so seine Momente, in denen er eine gewisse „Hellsichtigkeit“ an sich selbst diagnostiziert. Die überwältigende Mehrheit der Menschen verwirft diese „Geistesblitze“ in der Regel mit der Begründung, dass man wohl verrückt werden würde. Wenn man sich selbst und seinen Intuitionen nicht mehr vertraut, sie zumindest gelten lässt, wie soll man dann Vertrauen in andere haben? Einen Wegweiser finden wir in der Selbst-Reflektion. Das kann zuhause passieren, doch auf Reisen, wenn sich unsere Umstände verändern und wir bestenfalls nicht unter Urlaubsstress stehen (wie beim Kampf um die besten Plätze am Pool in Mallorca), zudem noch in stillen Landen unterwegs sind, gibt es eine erhöhte Chance, die Kraft der erhabenen Leere zu spüren. Philosophische Untersuchungen über den Ursprung der menschlichen Idee in Bezug auf das Erhabene und Schöne hat es vereinzelt schon gegeben. Es gibt immer einen harten Schnitt zwischen der Wahrnehmung des vom Menschen selbst Gemachten und der Wahrnehmung der Natur. Angesichts von Schnee- und Sandwüsten, von tobendem Meer und wirbelnden Stürmen werden Menschen gezwungen, ihre Maßstäbe zu wechseln, ja jeglichen Maßstab aufzugeben. Menschliches Maß hat nur, was auf den Menschen selbst bezogen ist, also auf das, was er gestaltend verändern kann, Bezug. Ich möchte – da es in dem Artikel um Neuseeland geht – noch einmal auf die Erhabenheit zurückkommen. Die Konfrontation mit dem, was keinem menschlichen Maßstab entspricht, also mit der entfesselten Natur, erzeugt im Menschen zwar Angst, die ihn anleitet, sein Leben zu bewahren. Wer aber nicht die lebensrettende Flucht ergreift, sondern dem Schrecken standhält, erfährt eine bemerkenswerte Verwandlung des Schreckens in das Gefühl der Erhabenheit.

Baumfarn am Cape Reinga

Dieses Gefühl entsteht – zum Beispiel in endlos weiten Wüsten – immer dann, wenn der Mensch seine menschgemachten Begriffe des Weltverständnisses wie unendlich und grenzenlos oder Ewigkeit und Zeitlosigkeit, Dauer und Entwicklung nicht mehr mit entsprechenden Vorstellungen begleiten kann. Wenn jemand sagt, dass etwas „unfassbar“ gewesen sei oder „alle seine Vorstellungen übertroffen“ habe, wird angezeigt, dass das Unfassbare das Unvorstellbare oder Unsichtbare zwar mit Begriffen benannt werden kann, aber die Begriffe bleiben leer, weil Vorstellungen oder Anschauungen nur Teilaspekte, nicht aber das Phänomen als Ganzes zugänglich machen können. Wir beginnen dann zu erahnen, dass selbst das Universum – oder die Universen – sobald es entstanden ist, auch schon wieder Grenzen haben könnte. Sobald wir aber diese Grenzen zu erfassen versuchen, erfordert die Vorstellung, das mit einzubeziehen, was jenseits der Grenzen ist. Denn Grenzen sind nur aus der Unterscheidung von diesseits und jenseits, von innen und außen zu definieren. Aus dieser Unvereinbarkeit von Begriffen und Vorstellungen, beziehungsweise ihren sinngemäßen Vorläufern der Anschauung, wird man durch das Gefühl der Erhabenheit aus seinem Dilemma erlöst. Hatten die auf der Suche nach einer neuen Heimat in den Wüsten von New Mexiko, Nevada oder Kalifornien unterwegs seienden Siedler mit ihren Treck-Wagen (deren Spuren übrigens an manchen Stellen bis heute im Boden sichtbar sind) eine Chance, die Erhabenheit der sie umgebenden Natur zu erkennen? Es ist wohl anzunehmen, denn auch die deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg ihren Dienst in Norwegen versahen, waren in großer Zahl in der Lage, die Erhabenheit der dortigen Natur trotz der Bedrohung für Leib und Leben wahrzunehmen. Für mich stellte sich das Gefühl der Erhabenheit mitunter auch über jenes Gefühl dar, das die ersten Pioniere ergriffen haben muss, als sie sich den Zumutungen der Natur aussetzten. Aber der Pioniergeist des Menschen – sein genetisches Reiseprogramm – und seine erfolgreiche Durchsetzung verführen uns zu der Annahme, wir könnten die Natur und ihre Dynamiken kalkulieren oder gar berechnen. Oder wie es in einigen der bekannten religiösen Schriften steht: vereinnahmen zu dürfen! Der Mensch glaubte in allen Zeiten daran, die Natur beherrschen zu können.

Die Wirkungen dieser Allmachtsphantasie bekommen wir mehr und mehr zu spüren. Dafür steht der von keiner Vorstellung erfassbare Begriff Weltklimaveränderung mit seinem Treibhauseffekt, der Auflösung des Ozonschirms oder der Polarkappenschmelze. Da die so fehlgeleitete Menschheit Maß, Raum und Sinn für den Boden verloren hat, bringt die meisten der touristische Kontakt mit den Wüsten auch kaum noch zum Erstaunen, geschweige denn zum Gefühl der Erhabenheit. Die Menschen sind längst durch Blicke aus Flugzeugfenstern und den Verlust der Erfahrung räumlicher Distanzen daran gewöhnt, die Dimensionen einer Wüste als unerheblich zu empfinden. Erhabenheit vermitteln die Zeichen in der Leere als menschliche Ohnmacht oder diffuse Bedrohung. Sublim werden Dinge und Veränderungen genannt, die nur mit ausgeprägtem Feingefühl wahrgenommen werden können. Doch wer mit ausgeprägtem Feingefühl wahrnimmt und dazu noch „männlich“ ist wird in einer archaischen Affen-Kampf-Kultur sofort als „spinnert“ gebrandmarkt und abgelehnt. Sublim nehme ich wahr, dass wir auf der Erde von einer zunehmenden Vermondung bedroht sind.

Maori Kultur auf der Nordinsel

Zum Ort der erhabenen Gefühle werden zunehmend die Schlacht- und Fußballfelder oder die riesigen Müllhalden oder die Konfrontationen mit der Leere in unserem eigenen Inneren. Ich wage weiterhin zu behaupten, dass jeder Mensch mitunter mit seiner eigenen Intuition konfrontiert wird. Das man Dinge einfach „sicher gewusst“ hat, bevor sie eingetreten sind. Dem System dienende Elemente, die ihrer Status und ihrer Vorteile aus der Tatsache beziehen, dass sie das System stützen und damit – ob bewusst oder unbewusst – dem Establishment und der „Nicht-Entwicklung“ des Spektrums der Möglichkeiten der Menschen entgegen arbeiten, hätten dann sicher schnell einige „neuronale Studien“ zur Hand, mit denen sie die Argumente der Gegenseite ins Lächerliche ziehen würden. Wohl fast jede/r kennt in seiner unmittelbaren Umgebung wohl einen Menschen, der über seltsame Begabungen verfügt? Gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir uns zwar panisch-hysterisch, fast schon lüstern den Untergangsszenarien lauschend, auf die absurden Veränderungen der Coronakrise stürzen und dabei vergessen, dass es noch weit größere Probleme (Hunger, Klimawandel) gibt, wäre es wichtig, solche Personen auch zu benennen. Ich habe in meinem Bekanntenkreis eine Dame, die heilende Hände hat. In einer Welt, in der wir den Aussagen von Einzelpersonen (wenn sie nicht systemrelevant wichtig sind) keinen Glauben mehr schenken, wenn nicht sofort ein oder zwei Zeugen zur Verfügung stehen, ist es immens wichtig solche Personen zu benennen und das gemeinsam Erlebte zu beschreiben.

Die genannte Dame hat mir im Lauf der letzten Jahre mitunter sehr geholfen. Sie legt dabei ihre Hände nicht einmal auf die Problemzonen auf, sondern hält Abstand und trotzdem ist die Wirkung sofort positiv zu spüren. In meiner Vergangenheit hatte ich einmal über zwei Jahre Kontakt zu einem sehr erfolgreichen Marketing-Spezialisten, der mit eiserner Hand – fast schon wie ein Vorarbeiter im Baugewerbe – seine Werbefirma mit fast 20 Angestellten führte. Der Mann war derart in seinem Gewerbe aktiv, dass jeder glaubte, er wäre mit seiner Firma verheiratet und würde nur den geschäftlichen Erfolg suchen. Tatsächlich hatte er sich durch Fleiß und Unnachgiebigkeit ein bescheidenes Vermögen verdient, hatte sein Haus im Grünen abbezahlt und fuhr ein schickes Auto. Da ich die Dienste seiner Firma in einer Zeit in Anspruch nahm, in der ich mit einen sehr emotionalen Vortrag über Australien und die Aborigines durch die BRD zog, hatte der Marketing-Spezialist es auch mit einer Variation meines Ich zu tun, das noch ganz beseelt von der Erlebnissen mit den Aborigines war. Meine Multivisionsshow über diesen fernen Kontinent unterschied sich deshalb auch vollkommen von den „Länder-Präsentationen“ anderer Referenten, die vor allen Dingen den geglaubten Erwartungen entsprechen wollten oder einfach nüchterne Geschäftsleute waren, die ihre erfolgreiche Einnahmequelle optimieren wollten. Ich dagegen ließ ständig auch die Perspektive der australischen Ureinwohner in den Vortrag einfließen, was sicherlich manche Zuschauer langweilte oder gar störte. Und genau dieser Vortrag war es, der den Marketing-Spezialisten dazu verführte, sich nach einer Veranstaltung mit mir zusammen zu setzen und über seine eigentlichen Probleme zu reden.

Der Mann wollte raus, aus seinem alten Leben. Er spürte etwas in sich, traute sich aber nicht, dem nachzugehen, da es ihm absurd erschien. Er konnte nicht nur die Aura von Menschen sehen (was mich nicht erstaunen konnte, da ich diese ebenfalls wahrnehme) sondern auch Krankheiten mit dem Auge erfassen. Dass es sich dabei um sein inneres Auge gehandelt haben musste, war ihm schon klar. Ich war – durch die Erfahrungen mit den Aborigines – sehr offen in der damaligen Zeit. Es fiel mir sogar schwer, mich wieder in unsere Gesellschaft zu resozialisieren. Zu dumpf, zu artifiziell, zu hoffnungslos und am Leben vorbei erschien mir meine alte Gesellschaftsform, als ich damals aus Australien wieder nach Deutschland zurück gekommen war. Der Marketing-Spezialist, dessen Namen ich nicht nennen werde, war vollkommen elektrisiert als er erfuhr, dass die Ureinwohner in Australien „Gaben“ hatten, die er auch an sich spürte. Es wurde ein sehr offenes Gespräch in welchem es auch zu einem sogenannten Beweis kam! Ein Vorfall, an dem zwei Personen beteiligt waren. Da ich in Australien als bis an die Haarwurzeln motivierter Photograph und Journalist unterwegs war, habe ich mich dort auch so oft es möglich war, in die Natur verabschiedet. Auf Kangaroo Island war ich mit meiner Ausrüstung für einen Tag und eine Nacht in den Flinders Chase Nationalpark aufgebrochen um Photos von den dort wild lebenden Tieren zu machen. Schon am ersten Nachmittag traf ich in einem Eukalyptuswald auf einen in etwa fünf Meter Höhe auf einem dicken Ast sitzenden Koala. Der Eukalyptusbaum war zudem so beschaffen, dass ich mit Leichtigkeit zu dem Koala hinaufsteigen konnte. Das Tier blieb seelenruhig sitzen und kaute an seinen Eukalyptusblättern.

Moose auf einem Baum im Tongariro Nationalpark

Ich konnte mich immer näher zu ihm hinarbeiten und am Ende lagen noch etwa 50 Zentimeter zwischen mir und dem Koala. Das Tier blieb entspannt, blickte mich aber immer wieder einmal an. Ich wollte noch ein Stückchen näher heran und schob meine Kamera – durch deren Sucher ich den Koala im Blick behielt – in seine Richtung. Als es noch etwa 20 Zentimeter waren, schien eine Reflexion an der Linse des Objektives die Aufmerksamkeit des Koala zu erregen. Er beugte sich langsam zu mir und versuchte dann plötzlich – für meine Begriffe viel zu aktiv – mit seinen Krallen nach meinem Objektiv zu greifen. Ich wich zurück, verlor den Tritt auf dem dicken Ast unter meinen Füßen und fiel fast drei Meter mit dem Rücken voran bis auf den nächsten großen Ast des Baumes, wo ich dann schmerzvoll aufschlug. Mir sofort klar, dass es nun nicht bei einem blauen Fleck bleiben würde – im Prinzip war ich froh, noch am Leben geblieben zu sein. Die folgende Nacht war der Horror! Ich konnte nicht liegen und saß die ganze Nacht vor meinem Zelt und alle jemals begangenen Sünden fielen mir ein. Im Laufe der nächsten Tage besserte sich die Sache etwas, aber ein gewisser Schmerz blieb. Der Schmerz wurde auch noch von einem verdächtigen „Knacken“ begleitet, wenn ich den Arm bewegen wollte. Das Schmerzzentrum saß unter dem rechten Schulterblatt, wo ich am stärksten aufgeschlagen war.

Der Schmerz ging auch in den nächsten vier Wochen nicht weg und in Sydney hatte ich bei einem Bummel durch das dortige Chinatown wenigstens noch die Möglichkeit, einen alten Chinesen, der auf der Straße Massagen anbot, mit meinem Leiden zu konfrontieren. Was der Alte dann machte, war wirklich gut. Er fuhr mit seiner Hand „unter“ (ich wusste nicht, wie er das machte) mein Schulterblatt und werkelte merklich an mir herum. Der Schmerz ließ aber deutlich nach, ohne vollkommen zu verschwinden. Als der alte Chinese fertig war fragte er mich, wann ich wieder in meinem Zuhause sein würde, denn ich sollte dringend weitere Hilfe beanspruchen. Er hätte zwar das Leid gelindert, aber der Schaden, den er erfühlt hätte, wäre zu groß, in etwa drei Tagen würden die Schmerzen wieder zurück kommen. Die Schmerzen kamen wie angekündigt am dritten Tag zurück. Da war ich schon wieder in Deutschland und hatte damit begonnen, die Vorbereitungen für die im Herbst beginnende Tour mit der Multimediashow über Australien voran zu treiben. Die Schmerzen waren lästig, aber nie so sehr, dass ich meine Arbeit nicht hätte tun können. Die Schmerzen blieben auch, nachdem ich bei zwei Ärzten und ebenfalls zwei Physiologen war. Die Schmerzen waren auch noch da, als ich nach einer erfolgreichen Veranstaltung in Stuttgart mit meinem Marketing-Spezialisten noch auf ein Bier zusammensaß und wir uns zu unterhalten begannen. Als er sich ein wenig geöffnet hatte sagte er mir auf den Kopf zu, dass ich Probleme mit meinem rechten Schulterblatt habe und fragte ob er mal versuchen dürfe etwas zu richten?

Maori Schnitzerei auf dem Victoria Lookout in Wellington

Ich war perplex, auch weil ich dieses Problem dem Mann gegenüber nicht erwähnt hatte. Ich ließ ihn gewähren, ich war sehr offen für solche Dinge zu diesem Zeitpunkt. Der Marketing-Spezialist machte ein paar tiefe Atemzüge, fiel dann in eine Art Trance, wobei sich seine Augen ins Weiße drehten, fuhr dann mit seiner Hand ein paarmal über meine rechte Schulter und ließ seine Hand dann auf der schmerzenden Stelle liegen. Das unglaubliche Wärmegefühl, dass von seiner Hand ausging, wird mir bis zum Ende meiner Tage in Erinnerung bleiben. Ich dachte aber: „So? Ist das offensichtlich auch in Deutschland möglich?“. Bei den Aborigines hatte ich eine Vielzahl von solchen Erfahrungen gemacht, viel großartigere noch, aber ich hatte solche Fähigkeiten nicht in Deutschland erwartet. Am Ende war die „Wärme“, die von seiner Hand ausging, fast schon unerträgliche „Hitze“. Die Schmerzen verflogen innerhalb der nächsten 10 Minuten und kehrten nie mehr zurück. Ich habe – nachdem unsere Geschäftsbeziehung zu Ende ging – für etwa fünf Jahre nichts mehr von ihm gehört und auch nichts von ihm wahrgenommen. Irgendwann aber hatte ich das Gefühl, dass ich ihn mal wieder anrufen sollte. Ich tat es und erfuhr auf diesem Wege, dass der Marketing-Spezialist seine Firma seinen ehemaligen Angestellten überlassen und sein Haus verkauft hatte. Er hatte ein komplett neues Leben begonnen, eine Frau gefunden mit der er in schneller Folge zwei Kinder zeugte, ein kleines Holzhaus weit weg von der zivilisierten Welt erstanden und arbeitete unregelmäßig mit seinen heilenden Händen oder seinem speziellen Blick (aus dem Bauch heraus) für entstehende Krankheiten, die kein noch so fein eingestelltes medizinisches Instrument erkennen konnte. Bei diesem letzten Telefonat hat er mir auch sein (und auch mein!) Todesdatum mitgeteilt. Keine Sorge – es ist noch Zeit, aber ich fühle, dass dieser wundervolle Mensch genau weiß, was er sieht. Er will keine Vorteile daraus ziehen, keinen Ruhm anhäufen. Er ist mein deutscher Siddhartha, der die Weisheit gefunden hat. Ich vertraue ihm. Aber allein das benennen eines Todesdatums bewirkt – je nach Charakter-Disposition – ein sich intensiveres Beschäftigen mit er eigenen Vergänglichkeit. Menschen wie jenen Marketing-Spezialisten trifft man übrigens nur dann, wenn man offenen Geistes durch die Gegend läuft.

Ich selbst habe dieses „todsichere Bauchgefühl“ auch hin und wieder in meinem Leben gehabt. Auch hier stünden teilweise Zeugen zur Verfügung, die sich aber sicherlich nicht alle an diese Situationen werden erinnern wollen? 2014 hatten wir eine sehr intensive Reise nach Schottland im Programm, bei der auch die Äußeren Hebriden komplett auf dem Programm standen. Die Reise fand aber zu einer Zeit statt, als ein viel größeres Event die Menschen auf der Erde faszinierte: die Fußball WM 2014. Ich war ein wenig verärgert, dass einige der Teilnehmer/-innen nicht aufhören wollten zu fragen, wann wir denn im Hotel ankommen würden und dass ich – als Reiseleiter – dafür Sorge tragen sollte, dass das Abendessen auf jeden Fall so früh serviert werden würde, dass danach das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft (der Gegner am 16. Juni war Portugal) angeschaut werden könnte. Da sich die Reise-Gemeinschaft untereinander gut kannte, war bald eine lustige (inszenierte) Auseinandersetzung in Gange. Und „irgendwie“ wusste ich, wie das Spiel ausgehen würde, wollte aber meine Mitreisenden lieber ärgern und drehte das Ergebnis einfach um! Ich fragte, warum sie sich denn darüber würden ärgern wollen, dass die Portugiesen schon zur Halbzeit 3:0 führen würden und dass es am Ende nur zu einer kläglichen 0:4 Niederlage der deutschen Mannschaft kommen würde. Wie gesagt: ich hatte das Ergebnis richtig gesehen, es aus Inszenierungsgründen aber umgedreht.

Als ich zur Halbzeit – beim prognostizierten 3:0 – in den Gesellschaftsraum des Hotels kam, wurde ich ausgelacht! So nach dem Motto, dass meine prophetischen Gaben ja im Prinzip ganz gut wären, nur hätte ich wohl die falsche Mannschaft erwischt. Da die Pause zwischen den beiden Halbzeiten fast vorüber war und die Fans sich anschickten, ihre Aufmerksamkeit wieder dem Fernseher zuzuwenden, fügte ich noch hinzu, dass ich das schon richtig gesehen hätte, aber dass ich das richtige Ergebnis nicht nennen wollte, weil ich mich über meine Reisegruppe geärgert habe, da diese – in einem der schönsten Länder der Welt unterwegs – nur noch Interesse am Fußball gezeigt hätte. Alle lachten laut auf und ich war im Begriff die Tür zum Gesellschaftsraum schon wieder hinter mir zuzuziehen als ich es plötzlich mit absoluter Sicherheit wusste. Niemand kann dieses Gefühl der absoluten Sicherheit beschreiben, keine wissenschaftliche Untersuchung ihm gerecht werden. Es ist schlicht eine absolute Sicherheit, eine unumstößliche Gewissheit. Man weiß es einfach! Ich weiß heute nicht mehr, ob meine Bekannten, mit denen ich auf Facebook noch heute in Verbindung bin, damals alle in diesen Gesellschaftsraum gesessen haben? Iris Neußel, Martina Puls, Zita Nahm, Doris Goede? Auch das Ehepaar Thomas und Aurelia Beierle war zugegeben und auch Karin Brückner, mit der ich erst kürzlich darüber gesprochen habe. Sie erinnerte sich noch daran.

Die Huka Falls in der Nähe von Taupo

Als ich im Begriff war, die Tür zum Gesellschaftsraum schon wieder hinter mir zuzuziehen, rasselten die Ergebnisse der folgenden Spiele in meinen Gedanken herunter. Ich öffnete die Tür erneut und sagte, dass man mir schon glauben werde, wenn das deutsche Team im nächsten Spiel gegen Ghana nach einem 0:0 zur Pause noch ein 2:2 zustande bringen würde und dass man mir erst recht glauben würde, wenn Deutschlands Fußballer sich zu einem blamablen 0:0 zur Pause noch zu einem mühevollen 1:0 Sieg gegen die USA durcharbeiten würden und das das kleine Algerien in der ersten Finalrunde nur mühevoll 2:1 nach Verlängerung würde bezwungen werden können und dass es erst beim 1:0 gegen Frankreich ein überzeugendes Spiel der deutschen Mannschaft geben würde und dass…… ich geriet ins stocken! Mein rationaler Verstand weigerte sich plötzlich vehement dagegen, dass mein inneres Auge weiterreden durfte. Nie hatte ich etwas ähnliches erlebt, wenn ich etwas mit absoluter Gewissheit wusste. Ich sah ein Ergebnis, dass ich nicht sehen konnte! Oder doch? Es war dieses legendäre 7:1 der Deutschen gegen Brasilien im Halbfinale. Ich wurde zu meinem Selbstbeweis dafür, dass das rationale Denken für die kleinen Dinge im Leben gut ist, aber nie das große Ganze erfassen kann. In solchen Situationen fließen so viele Gedanken in solcher Geschwindigkeit, dass man das Gefühl hat, ein ganzes Leben in Bruchteilen von Sekunden zu erleben. 7:1? Das konnte nicht sein! Brasilien war der große Favorit, niemals würde das deutsche Team in solcher Höhe gegen diesen Fußball-Giganten gewinnen können! Niemals sagte der rationale Verstand und das innere Auge fügte sich.

Ich sagte nichts mehr, zog die Tür hinter mir zu und ging, begleitet von teilweise höhnischem Gelächter, welches mir hinterher gelacht wurde, zur Bar des Hotels – wo sich die Nicht-Fußball-Fans versammelt hatten – zurück. Dieses Vorkommnis fand am Ende der Reise statt, so dass wir beim nächsten Gruppenspiel der Deutschen Mannschaft schon wieder in Deutschland waren. Nach dem 2:2 gegen Ghana gingen noch einige anerkennende SMS oder WhattsApp Botschaften auf meinem Mobile ein. Beim 1:0 gegen die USA wurde es schon weniger. Beim 2:1 gegen Algerien in der Verlängerung verstummten sie dann. Erst nach dem ebenfalls korrekt vorhergesagten Ergebnis des Frankreich Spiels erhielt ich zwei Anrufe mit der Bitte, auch das kommende Spiel gegen Brasilien vorherzusagen, da man etwas Geld bei einem Wettbüro würde wagen wollen. Mit meinen Ahnungen sollte aber keinesfalls Geld verdient werden! Ich verweigerte die Angabe – ich musste sie auch verweigern, da ich mich zu diesem Zeitpunkt an nichts mehr erinnern konnte. Ich hatte dem Ratio gestattet dem Gefühl reinzureden und hatte das nicht ausgesprochene komplett ausgeblendet oder vergessen. Erst als ich nach dem 7:1 gegen Brasilien das Ergebnis sah, wusste ich wieder, dass ich auch das gesehen hatte, aber meinen Instinkten misstraute. Ich bin kein Fußballfan, diese Ergebnisse waren nicht wichtig für mich. Aber es war in einem öffentlichen Raum mit vielen Zeugen geschehen. Es war demzufolge nicht (ganz) bedeutungslos. Es ist wichtig in einer Zeit wie der jetzigen, in der die Menschen von Ängsten, Sorgen und Nöten durch ihre Leben gepeitscht werden, jeden noch so kleinen Aufhänger zu liefern, der zum Umdenken und Nachdenken anregt. In Bezug auf Fußball hatte ich ein solches Gefühl der „absoluten Sicherheit“ jedenfalls nie mehr.

Aber reden wir über die Fortsetzung der Neuseeland-Geschichte. Im letzten Teil waren wir zum größten Teil auf der Südinsel unterwegs. Da wir angenommen hatten, in eine Art neuseeländischen Winter zu kommen, waren wir ziemlich flott von der Nordinsel zur Südinsel gefahren. 99 Tage waren wir dann auf der Südinsel unterwegs. Doch bevor wir zur Nordinsel zurückkehren, möchte ich noch ein besonderes Erlebnis erwähnen: eine Wahlbeobachtungsfahrt zu den Pottwalen bei Kaikoura. Kaikoura liegt noch auf der Südinsel und seit 1987 kommen die Touristen vor allem, um Wale, Delphine, Seeelefanten, Seeleoparden und Seebären zu beobachten und zugleich den Artenreichtum an Seevögel an der Küste und auf dem Meer bewundern zu können. Whale Watching und Schwimmen mit den Delphinen zählen zu den zahlreichen touristischen Angeboten von Kaikoura. Das Schwimmen mit den Delphinen hätte mich im Prinzip auch interessiert, aber da ich jeden meiner Schritte mit der Kamera begleiten wollte und ich keine Unterwasser Ausrüstung hatte, muste ich verzichten. Als Kind war ich eine Leseratte und speziell die Tiere hatten es mir angetan. Besonders die großen und mächtigen (und damit aus meiner kindlichen Perspektive “erhabenen”) Wale hatten es mich begeistert. Ich kann noch heute die maximale Größe, die eine Walart erreichen kann, herunterbeten. Das Blauwale und Finnwale die größten unter ihnen waren, war mir schon bekannt, trotzdem hatte ich einen anderen Favoriten: den Pottwal. Dieser riesige Räuber hatte es mir schon vor der Lektüre des Buches “Moby Dick” angetan. Seine enormen Tauchgänge, bei denen er Jagd auf Riesenkraken machte und dabei bis zu 4.000 Meter tief tauchen musste, beflügelten meine Phantasie. Nun galt Kaikoura als die “Pottwal Welthauptstadt” und es sollte im Rahmen einer Beobachtungsfahrt möglich sein, die riesiegen Meeressäuger hautnah zu erleben. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Ich habe wohl auch deshalb so eine perfekte Erinnerung an diese lang zurückliegende Reise, weil ich damals gründlich Tagebuch geschrieben habe. Auch weil ich diesen Schritt in die Selbständigkeit mit den Multimediashows plante und als Referent auf der Bühne wollte ich möglichst genau und bunt bebildert über meine Neuseeland Erfahrungen berichten. Die folgenden Zeilen entnehme ich deshalb einfach aus meinem Tagebuch. Zu meiner Entschuldigung muss ich anfügen, dass ich damals noch ein gewisses Vorrecht der Frechheit der Jugend in mir verspürte. Meine Anschauungen und mein Schreibstil haben sich seither verändert. Aber: ich war auch damals schon ich.

Pottwal Beobachtung in Kaikoura

Auszug aus dem Tagebuch Neuseeland 1991 / Freitag 17.05.1991

Um 3.00 Uhr nachts werde ich wach und kann nicht mehr einschlafen. Das Wetter hat gewechselt, die Sterne sind plötzlich weg und es geht ein mächtiger Wind. Mist!!! Es beginnt sogar zu regnen, aber dabei ist es auch wärmer geworden, das Eis auf dem Auto, welches gestern Abend gegen halb elf noch dort war, ist jetzt abgetaut. Um 6.15 Uhr wecke ich Manuela, heute besser kein Frühstück, die See könnte rau werden und ohne Frühstück kotzt sich’s leichter. Um 6.40 Uhr fahren wir mit den anderen Teilnehmern von der Zugstation ab. Hier sind offensichtlich alle Beschäftigten Maori oder zumindest Südseeinsulaner. Der Busfahrer sogar. Und alle wirken sehr sympathisch ohne dabei gestelzt zu erscheinen. Ich blicke mich irritiert um, das Schlauchboot fasst doch nur zwölf Leute, aber achtundvierzig sind im Bus? Zur Antwort liegen am Hafen vier der kleinen Miniflitzer zur Abfahrt bereit, besser gesagt, sie hängen an einem Trecker. Zwei der Bootsführer sind Maori, zwei andere weiße Neuseeländer, dazu haben wir vier Mädchen als Reiseleiterinnen, allesamt Maori. Auf mich wirken sie irgendwie wie die Stimmungsgirlies bei den Baseball-Spielen der Amerikaner! Entschuldigung dafür! Es gibt eine kurze Einweisung, dann kriegt jeder eine Schwimmweste und los geht’s. Die Boote werden rückwärts ins Wasser gelassen, die anderen drei Boote werfen ihre beiden Außenbordmotoren an und preschen los. Unser zweiter Motor springt nicht an! Dann klappt es aber doch. Die See soll sehr rau sein dort draußen, sagt unser Skipper. Die letzten Tage wüteten schwere Stürme auf dem Pazifik und die Wellen kommen jetzt hier an. Draußen hüpfen schon zwei der Schlauchboote und machen meterhohe Sprünge. Ohje!! Das Wasser unter uns ist hellblau, bis zu einer Meile Entfernung von der Küste ist es nicht sehr tief, nur so um die fünfzig Meter. Auch hier in diesem flachen Wasser gibt es manchmal Wale. Der Skipper macht einen Stopp und hängt das Sonargerät raus, aber der sogenannte „Hauswal” ist nicht da. Das sind aber auch Wellen hier um uns herum, schon hier, schon jetzt und ein hübsches Tempo macht es auch, unser Boot, schon hier, schon jetzt, und die nette alte Dame hinter mir ist bereits am Kotzen, schon hier, schon jetzt. In ihrer Aufregung kotzt sie nicht aus dem Boot, sondern in selbiges hinein, was den neben ihr sitzenden jungen Mann dazu verführt, es ihr gleich zu tun. Doch wenigstens schafft er es, auf den Rand des Schlauchbootes zu kotzen, so dass nur die Hälfte des abgegebenen Mageninhaltes nach innen, der Rest glücklicherweise nach außen zur Fütterung der Fische fließt. Nahrungskettenprinzip!! Die anfangs lächelnde Maori-Reiseleiterin lächelt nun nicht mehr so doll und putzt und putzt und putzt. Der coole Skipper lächelt auch nicht mehr so cool und bittet die Insassen des Bootes, möglichst aus dem Boot zu kotzen und nicht hinein. Dafür sind ihm alle sehr dankbar. Fast hätten wir die Wale vergessen. Die erste Stunde fährt der Skipper immer an der Küste entlang und immer im Wechsel gibt es einen Stopp, Sonargerät raus, horchen, der Skipper horcht nach dem Wal, die Bootsinsassen nach den Würg-Geräuschen der beiden Kotzenden – nein, jetzt sind es schon drei! Dann wird wieder gefahren, dann wieder gehorcht. Ohne Erfolg fürs Erste. Und dann geht’ s erst richtig los! Wenn die ältere Dame gewusst hätte, was diese Tour bedeutet, sie hätte wohl die Finger genauso davon gelassen, wie ich vom Bungee-Sprung. Jetzt lenkt der Skipper das Schlauchboot von der Küste weg, plötzlich verändert sich die Wasserfarbe von hellblau in tiefstes Schwarz. Unter uns reißt im wahrsten Sinne des Wortes der Boden auf, so ähnlich als wenn man mit dem Helikopter über den Rand des Grand Canyons fliegt. Die Tiefe des Wassers unter uns beträgt plötzlich tausend fünfhundert Meter, dann bis zu dreitausend Meter und das alles knapp vier Meilen von der Küste entfernt, die immer noch gut zu sehen ist, jedenfalls ab und zu, denn nun schiebt sich immer wieder mal ein Gebirge aus Wasser vor das Gebirge aus Stein. Bin ich eigentlich seefest? Eines der anderen Boote meldet über Funk einen kleineren Wal, wahrscheinlich ein Minkwal. Alle anderen Boote stürzen dorthin und die Passagiere stürzen übereinander. Diese geologische Besonderheit ist es, die die Wale hierher treibt. Flaches und tiefes Wasser nebeneinander sowie das Zusammenprallen von zwei verschiedenen Meeresströmungen, eine kalt, die andere warm, sorgen für ideale Aufzucht-Bedingungen für die Walbabies und für eine ideale Nahrungsgrundlage für Wale. Als wir nur noch ein paar hundert Meter von dem zu erwartenden Wal weg sind, meldet Boot eins über Funk, dass er abtaucht, die Schussfahrt dorthin war vergeblich! Über Sonar hört unser Bootsführer einen Wal. Das Geräusch, das die jagenden Wale von sich geben, lässt erkennen, ob ein solcher ab- oder auftaucht und so weiter. Nur in welcher Tiefe er sich gerade befindet, kann keiner so genau sagen, es können bis zu viertausend Meter sein. Dort unten finden die Pottwale, und um die geht es uns heute, ihre Nahrung, die riesigen Tiefseekraken, die es an Größe und Kraft mit den Pottwalen durchaus aufnehmen können. Manchmal, wenn ein kleinerer Pottwal an einen Krakengroßvater gerät, kann das Ergebnis auch andersherum ausgehen, denn die Wale können durch ihr Ortungssystem nicht abschätzen, wie groß die Kraken sind, die sie sich als Beute gesucht haben. Ich höre deutlich die „Klicklaute” des Wales, aber plötzlich sind sie verschwunden. Wieder nichts. Also weiter geht die Jagd. Wieder macht das Boot haushohe Sprünge und es gibt Schläge gegen die Wirbelsäule, vor allen Dingen ins Genick, denn wir sitzen ganz vorne, weil ich ja Photos machen soll. Unser Skipper unterhält sich manchmal mit mir und ist deshalb wohl ein bisschen unaufmerksam, dann bei einer frontalen Riesenwelle von vorne kippt unserer Nuss-Schälchen fast nach hinten um. Das ist ja fast wie Jetboot fahren. Jetzt kotzen schon fast alle im Boot, Maorimaus kommt mit dem Putzen nicht mehr nach und der ersehnte Wal kommt gar nicht erst. Leider gab es auch den erhofften Traumsonnenaufgang nicht. Die Bergspitzen der Kaikoura Alpen sind im Nebel und die Küste ist nur unscharf zu erkennen. Der Wellengang hier ist echt pervers. Die Wellen überschlagen sich nicht, das Wasser ist ja viel zu tief, aber ich denke, dass unser Boot gut und gerne zwanzig Höhenmeter überwindet, wenn es von Wellenkamm zu Wellental läuft. Manchmal sehen wir rundherum nur Wasser, dann wieder von der Spitze eines Wasserberges zur Küste hinüber. Mit an Bord ist ein älterer deutscher Herr, der den Namen Swoboda trägt. Außer Herrn Swoboda, der den Walen beständig zulächelt als sei er völlig vergeistigt, Manuela, dem Bootsführer, dem Maori Mädchen und mir kotzen jetzt alle. Die alte Lady hängt mittlerweile schwer in den Seilen und wird gerade von der Bootsfee in Alufolie gehüllt. Die wird uns doch hoffentlich nicht sterben? Ach so, den letzten Rest von Körperwärme nicht entweichen lassen! Dann hören wir wieder einen Wal. (,,it might be, that he’s 1.500 Meter or more below us”). Plötzlich hören wir über Funk die Jubelschreie auf einem anderen Boot. Dann kommt auch gleich der Funkspruch, ein großer Pottwal sei gerade aufgetaucht. Wieder legt unser Skipper eine rasende Fahrt über haushohe Wellen hin und dann sehe ich ihn schon von weitem, ja, ich sehe ihn, ich sehe ihn, warum jubelt denn keiner außer mir? Als ich mich umdrehe um Manuela an meiner Freude teilhaben zu lassen fährt mir der Schreck in die Glieder, sie kotzt zwar nicht, hat aber eine Gesichtsfarbe, wie ich sie noch nie bei einem Menschen gesehen habe! Irgendwie zwischen gras- und olivgrün. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Menschenantlitz eine solche Farbe annehmen kann. Und Herr Swoboda kotzt nun auch. Aber der Anblick des Wales motiviert bei schwerer See die letzten Kräfte der sich die Seele aus dem Leib Kotzenden, sie erheben sich schwer von ihren Sitzen und lächeln sogar beglückt. Der Pottwal ist circa fünfzehn bis achtzehn Meter lang und bläst mehrere Fontänen nacheinander ab. Ich will photographieren, doch komme ich nicht zum Zuge, ich kann froh sein, dass ich die Kamera festhalten kann. Dieses etwa vierzig Tonnen schwere Exemplar ist aber bereits wieder am Abtauchen, für nur zehn wirkliche Sekunden konnte man ihn sehen, dann taucht er, ein majestätisches Bild, wie sich die ungefähr sechs Meter breite Fluke, die Schwanzflosse, hebt und dann abtaucht. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass sich diese sanften Riesen, die angeblich nichts erschüttern kann, durch die ständige Präsenz der Beobachtungsboote doch gestört fühlen, zumindest kann man beweisen, dass ihre Ruhezeiten an der Wasseroberfläche deutlich zurückgehen und weniger Luft zum Atmen bedeutet weniger Tiefe und Zeit beim Tauchen, bedeutet weniger Futter. Ich will die Kette der Zusammenhänge gar nicht erst zu Ende denken. Ich kann Manuela dazu motivieren, sich kurz zu erheben, damit sie den Wal auch sieht, sie hält sogar ihre Kamera mit letzter Kraft in Richtung Wal, das war es dann für sie! Unendlich ruhig und langsam macht der Wal den Buckel krumm, bevor er sich anschickt, abzutauchen. Trotz mehrerer Versuche, ein brauchbares Photo zu schießen komme ich wegen des Seegangs nicht mehr zum Zuge. Dann sucht unser Skipper noch weitere neunzig Minuten vergeblich nach einem anderen Wal. Die alte Dame in ihrer Aluhülle ist jetzt bestimmt tot und auch die anderen bauen mehr und mehr ab. Nur Herr Swoboda hat sein Lächeln wiedergefunden. Ich bemühe mich, Manuela gegenüber so wie immer aufzutreten, damit sie sich nicht noch mehr beunruhigt, immerhin kotzt sie noch nicht, aber wenn sie jetzt in einen Spiegel schauen könnte, würde sie sofort tot umfallen denke ich. Die Gesichter um mich herum haben noch immer alle möglichen Grün- oder Gelbtöne. Mir geht es aber gut, ich habe mich nach Kräften abgelenkt und mich auf die Photos konzentriert. Nun sind wir auf dem flotten Ritt zurück. Resultat: zwanzig Sekunden Wal in dreieinhalb Stunden! Ich persönlich würde dieses Erlebnis trotzdem in die Kategorie phantastisch und wertvoll einordnen, aber ich habe ja auch nicht gekotzt! Manuela kann kaum laufen. Die alte Dame sitzt jetzt im Büro des Betreibers auf einem Korbstuhl und wird von drei Heizlüftern angepustet, damit die Lebensgeister wieder kommen. Interessant, zu dieser Vorgehensweise würde ich gerne mal eine medizinische Erklärung hören. Nun, jedenfalls ist sie doch nicht gestorben während der Waljagd. Wir fahren erst mal zum Wohnwagen und geben uns für eine Stunde der Augenpflege hin. Da Manuela nicht mehr aufstehen kann, fahre ich allein nochmal zum Steg und versuche unsere Nahrungsgrundlage zu fangen – wieder ohne Erfolg. Der Fisch fällt also aus. Ich erneuere im örtlichen Angelgeschäft meine Ausrüstung und fahre zurück um nach Manuela zu sehen. Sie liegt noch immer im Bett und kommt nicht mehr hoch, ihr ist wirklich hundeelend zumute. Ich fahre nochmal zum Veranstalter und frage wegen der Nutzung einiger gelungener Bilder für die Diashow nach. Der dicke, nette Maori verspricht mir, einige für mich zu klauen! So ein böser Kerl. Ich mache erst mal ein paar Reproduktionen von den dortigen Plakaten und der Manager bringt mir dann noch ein paar Dias, die er selbst gemacht hat. Nicht professionell, aber die wesentlichen Dinge sind drauf. Dann photographiere ich den heute etwas laschen, pastellfarbenen Sonnenuntergang. Manuela geht’ s noch immer schlecht. Sie war Wechselduschen, doch nur eine minimale Verbesserung hat sich eingestellt. Wir diskutieren die Möglichkeit das Photo eines abtauchenden Wales als Plakatbild zu nehmen. Barbara Todd, die das beste der Walbilder machte, lebte früher in Kaikoura, jetzt lebt sie in Nelson, weiß der Verwalter unseres Campingplatzes. Er will mir ihre Nummer besorgen. Der Besitzer des Campingplatzes ist Fischer, er bietet mir an, mal mit ihm raus zufahren, einen ganzen Tag lang mit seiner Nuckelpinne. Sie würden jeden Tag Wale sehen, wenn sie draußen in der Bucht ihre Netze auslegten oder einholten. Er hat auch ein Hausmittel für Manuela, damit es ihr besser geht und gibt uns die Wettervorhersage für morgen, das Wetter soll sich bessern, es soll sogar wieder warm werden!! Morgen früh um 6.00 Uhr fährt er mit seinem Boot raus und bleibt den ganzen Tag, wenn ich will, kann ich mitkommen. Ich überlege es mir. Jetzt aber erst mal in die Federn, wir sind hundemüde und kaputt und bei Manu dreht sich immer noch alles im Kreis – armes Ding!

Auszug aus dem Tagebuch Neuseeland 1991 / Samstag 18.05.1991

Die Berge der Südalpen bei Kaikoura

Da Manuela die ganze Nacht über Beschwerden hat und tatsächlich zweimal die Bettstatt verlassen muss um den nun doch nach oben kommenden Inhalt ihres Magens vor die Tür zu kübeln, beschließe ich noch mitten in der Nacht, dass wir eine weitere Übernachtung hier in dem Campingwagen buchen und ich doch zum Hafen gehe um mit dem Bekannten des dicken Maori auf Fischfang & versteckte Walbeobachtungstour Tour zu gehen. Manu scheint mehr als froh über meine Entscheidung zu sein, sorgt sich aber trotzdem um mich, weil sie glaubt, dass ich einen ganzen Tag auf einem schwankenden Fischerboot nicht überleben würde. Hah! Das wäre doch gelacht! Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann eben tun muss. Zum Beispiel sich auf einem von Maori geführten Fischerboot sie Seele aus dem Leib kotzen. Als ich um 05:30 Uhr am Hafen bin, sind die „dicken Jungs” auch schon da. Kein großes Hallo oder so, sie winken mich einfach aufs Boot und drücken mir einen Becher mit Kaffee in die Hand. Ich nehme den gerne, trinke ihn auch aus und vergesse, dass ich eventuell Magenschmerzen davon bekommen könnte! Das Wetter ist nicht wirklich toll, aber der dicke Bootsführer, der sich als Piripi vorstellt, meint, dass wir Wale sehen würden, ich solle Geduld haben, wir „pakehas” wären immer so ungeduldig. Na der hat gut reden! Der kriegt ja jeden Tag eine Schwanzflosse eines Pottwales um die Ohren gehauen. Ich musste darauf bis gestern warten und am Ende war es dann doch nur eine mickrige Schwanzflosse. Das kleine Boot hüpft schon ganz gut auf den Wellen. Ich hatte in meinem Leben nur einmal und das auch nur ganz kurz, mit einer Art Seekrankheit zu kämpfen. Da war ich am Ende eines langen Tages erschöpft auf die Fähre nach England gekommen und in der Nacht wurde ich wach und sah im Spiegel mein grünes Gesicht. Aber nach einem Schluck Sekt war das dann auch schnell wieder weg. Aber was passiert, wenn ich hier so seekrank werde wie die alte Dame von gestern? Die Maori werden mich dann wohl über Bord kippen und die nun übrig gebliebene Manuela in ihren Stamm eingliedern? Die sehen das Leben recht locker und entspannt, diese Maori. Also Traumwetter ist das nicht und ein Sonargerät wie die Touristenboote hat Piripis Boot auch nicht. Die Jungs singen miteinander! Cool! Diese Völker der Südsee sollen froh sein, niemals einen Kaiser Wilhelm oder einen Adolf in ihrem Kulturbereich gehabt zu haben. So was verdirbt den Charakter eines Volkes für immer. Jetzt ist es schon hell geworden. Die Jungs machen ihre Arbeit auf dem Boot und ich gehe ihnen aus dem Weg wo immer ich kann. Und natürlich bin nicht ich es, der den ersten Wal in der Ferne sieht, sondern einer der Maori-Jungs. Jetzt macht es sich negativ (für mich) bemerkbar, dass ich nicht auf einem Touristenboot bin! Die Fischer-Buben denken nicht mal im Traum daran, ihren Platz zu verlassen und sich dem Wal zu nähern! Der Wal soll sich gefälligst dem Boot nähern wenn er photographiert werden will. Mich zerreißt es fast, aber da kann ich jetzt nix machen. Nach zwei oder drei folgenden Wellenbergen verliere ich ihn aus den Augen. Soll ein Pottwal gewesen sein. Die Jungs werden das wissen, die kennen sich aus. Zu weit weg um photographiert zu werden! Merde! Ich bin sehr froh, dass ich nicht seekrank werde. Scheine in einer guten Verfassung zu sein. Ab und zu haben die Bootsführer der anderen Boote, die, die heute morgen zusammen mit uns ausgefahren sind, mal gefunkt, dass es bei ihnen einen Wal gäbe. Als die dann bemerken, dass mich das jedes mal in eine Art Schockzustand versetzt, treiben sie ihre Scherze mit mir. Über das eine Boot sei gerade ein Pottwal samt Jungtier gesprungen oder ,,schickt doch euren Photographen mal hierher, wir sind von Walen eingekreist” und so weiter. Die nehmen es locker und haben nicht die Spur einer Ahnung, was es für mich bedeuten würde. Und dann, in den frühen Stunden des Nachmittag klappt es doch noch. Keine hundert Meter von unserem Boot entfernt taucht er auf, der Wal meines Lebens. Das reicht mit dem 280er Teleobjektiv. Der Winkel stimmt nicht, aber der wird ja wohl noch eine Weile dort liegen bleiben, oder? Fünfundvierzig Minuten meint Piripi und er sagt noch, dass die Wale viel früher abtauchen würden, wenn die lauten Bootsmotoren der Touristen Boote sich nähern. Aha? Also doch eine Beeinflussung des Rhythmus’ der Natur? Nach quälenden Minuten liegen Boot und Wal im richtigen Winkel. Klack, Klack und zur Sicherheit nochmal Klack! Im Kasten! Liebe Güte, ich will endlich meine gemachten Bilder sehen können. Diese hier nun ganz besonders! Mein erstes, gelungenes Walrücken- und Walrückenabtauchphoto. Nicht so doll wie das von Barbara Todd, aber ich bin schlicht happy. Weitere Wale gab es nicht an diesem Tag, seekrank wurde ich auch nicht und jetzt liege ich schon wieder im bestens geheizten Wohnwagen auf dem Campingplatz in Kaikoura und erzähle lebhaft von meinem Tag und meinen Bildern. Manu lebt, ich auch. Mal sehen, ab wann sie wieder Reisefähig ist!

Tagebuchaufzeichnungen Ende

Der Aufenthalt in Kaikoura ist nicht nur wegen der beiden Fahrten zu den Walen so besonders intensiv in meiner Erinnerung haften geblieben! Der Ort liegt phänomenal schön und hier kommen die hohen Berge der südlichen Alpen auch bis an die Ostküste. An keinem anderen Platz des Ostens der Südinsel ist es so gewaltig wie dort in Kaikoura. Am 21. Mai fuhren wir mit der Interislander Fähre wieder nach Wellington – und damit auf die Nordinsel – zurück. Schon seit einigen Tagen hatten wir wieder Bilderbuchwetter gehabt. Zum Glück, denn die extrem lange Schlechtwetter Phase von der Westküste der Südinsel hätte sich sonst erheblich intensiver unserer Erinnerung bemächtigt. Aber es ist im Prinzip so, dass die Nordinsel schlicht die Wärmere von den beiden Inseln ist. Wellington, die Hauptstadt Neuseelands, hat uns damals nicht wirklich gefallen. Aber zu einer Zeit, als die Wirtschaftsmetropole Auckland im Norden noch keinen echten Hochhaus Citykörper zu bieten hatte, war Wellington schon eine Ausnahme. Die vielen Hochhäuser standen dicht zusammen und wenn man in Neuseeland überhaupt irgendwo das Gefühl haben konnte, sich in die USA verirrt zu haben, dann in Wellington. Wir hatten schon zuvor in diesem Land die Erfahrung gemacht, dass die Neuseeländer/-innen offensichtlich glauben, dass Deutsche Reisende in ihrem Land auch immer die dort bereits lebenden Deutschen treffen wollen! Aber Deutsche wollen im Prinzip im Urlaub keine Landsleute treffen! Zumindest ist es nicht eines ihrer wichtigsten Ziele! Andere Nationen, wie die Inder, die Brasilianer oder die Rumänen, tauschen sich im Urlaub leidenschaftlich gerne mit Landsleuten aus. Sie suchen diese geradezu.

Hafenstädtchen Picton

Manchmal ist es schon ein Problem, dass, sobald man es sich am weißen Sandstrand an einem schattigen Plätzchen gemütlich gemacht hat, oder mit seinem Jeep im Serengeti Nationalpark an einem Aussichtspunkt eingefunden hat, lauscht man auch schon ungewollt den Gesprächen seiner Landsleute nebenan. Wenn es dann wenigstens etwas mit Inhalt zu besprechen gibt, sollte es kein Problem sein, denn Freiheit ist immer die der Anderen, auch auf Reisen! Ich verweigere mich aber prinzipiell den spannenden Themen wie beispielsweise die mangelnde Qualität des Hotelrestaurants, die unzureichende Beschaffenheit der Hotelbettwäsche oder die Tatsache, dass trotz Satelliten-Empfang nicht alle heimischen Fernsehsender empfangen werden. Für zahlreiche Urlauber ein echter Graus, für andere eine willkommene Einladung, um sich ausführlich auszutauschen. Welche Nationen im Urlaub von Landsleuten eher genervt sind und diese folglich meiden und welche Länder sich im Urlaub gerne besonders patriotisch zeigen und keine Scheu vor Mitbürgern haben, vermag ich nicht 100%ig zu beurteilen. Aber gravierende Unterschiede gibt es schon!

In Wellington erhielt ich vom obersten Executive des Neuseeländischen Fremdenverkehrsbüros die Erlaubnis, von zwei Hochhäusern aus in die Straßenschluchten zu photographieren. Und der oberste Exekutive war erfreut mir mitteilen zu können, dass mich auf dem Dach des einen Hochhauses ein Deutscher namens Adolf Männchen begleiten würde. Adolf sei seit 8 Jahren Neuseeländer und seine Arbeitskraft sei sehr deutsch? Der Blick von den Hochhausdächern auf Wellington war sehr inspirierend, ich hatte solche Bilder von der Hauptstadt bisher nicht gesehen und mutmaßte einfach, das es wohl noch keinem einheimischen Photographen in den Sinn gekommen war, auf die Dächer der Hochhäuser zu steigen um kreative Wellington-Bilder zu machen? Auf dem Dach des zweiten Hochhauses wurde ich dem Hausmeister Adolf Männchen vorgestellt und er mir! Das wurde dann auch wieder zu einer Begegnung, die ich nur schwer werde wieder vergessen können. Attraktive Menschen kommen bei der Partnerwahl immer in das Töpfchen, unattraktive ins Kröpfchen. Das ist zwar eine ungeliebte Tatsache, aber das Aussehen ist und bleibt das erste und wichtigste Kriterium bei der Partnerwahl. Klingt zwar ziemlich oberflächlich, ist aber ein effektives Selektionsinstrument bei der Partnersuche. Adolf Männchen wurde sicher niemals als attraktiv wahrgenommen! Die unbewussten Attraktivitätsgesetze, denen alle „Sehenden“ unterliegen, sind eine Konstante im Miteinander der Menschen.

Das zweitgrößte Holzgebäude der Welt

Das Äußere wird in unserer teilweise politisch korrekten Welt zwar gerne kleingeredet, bleibt aber dennoch eminent wichtig. Dabei gilt im Allgemeinen, dass für Frauen die äußere Erscheinung des Partners sogar wesentlich wichtiger wäre als für Männer. Wenn Adolf Männchen sein Bild bei einem Online-Dating-Profil als Profilbild eingestellt hätte, wären wohl nur Blinde Frauen auf seine Offerte eingegangen. Zum Glück für Leute wie Adolf gibt es auf der Welt aber auch Kulturen, in denen Beziehungen langfristig gedacht werden und die Attraktivität an Relevanz oder für eine gesicherte Versorgungsleistung gar komplett an Bedeutung verliert. Eine optisch ansprechende Erscheinung als den ausschlaggebenden Grund für ihre Partnerwahl hätte Adolf Männchens Ehefrau nicht vorgebracht! Adolf war ein kleiner, mit einem Sprachfehler behafteter, von den Vorzügen einer „stattlichen“ Erscheinung weit entfernt liegender Mann aus dem Ruhrgebiet. Es hatte in seiner alten Heimat schlicht und ergreifend keine Frau abbekommen und zusammen mit seinem Leid, ein Langzeitarbeitsloser zu sein, einen Masterplan entworfen. Er wollte nach Neuseeland auswandern. In Deutschland hatte er den Beruf des Elektrikers erlernt und hatte so durchaus Chancen, in den neuseeländischen Markt eingegliedert zu werden. Doch sein Masterplan war breiter aufgestellt, als es den Anschein hatte! Auf dem Weg nach Neuseeland gönnte er sich – seine letzten Ersparnisse aufzehrend – einen dreimonatigen Aufenthalt in Thailand, wobei ihn sein Weg nicht in die mit professionellen Prostituierten gepflasterten Gebiete wie Bangkok oder Ko Samui führte, sondern in die entlegenen Bergregionen des nördlichen Thailand, wo es noch bettelarme und anständig gebliebene Frauen im heiratsfähigen Alter gab.

Dort angekommen machte Adolf Männchen kurzen Prozess und „erwarb“ eine der jungen Frauen als seine Gemahlin. Die holte er schon bald nach seiner Ankunft in Neuseeland nach und gründete mit ihr in Wellington eine Familie. Da Adolf Männchen mich und meine damalige Lebensgefährtin zum Abendessen zu sich nach Hause einlud, nachdem ich die Photoarbeit auf dem Dach „seines“ Hochhauses beendet hatte, wollten wir nicht unhöflich sein und nahmen die Einladung an. Es ist immer wichtig, sich ein Bild vom „Ganzen“ zu machen und sich nicht nur durch die manipulativ entstandenen Erwartungen von Etwas führen zu lassen. Ich hatte in meinem Reiseberichterstatter-Leben auch einmal die Chance erhalten, eine Woche bei eine Working-Class Familie in Glasgow leben zu dürfen. Die damals gemachten Erfahrungen hatten mir eine komplett neue Schottland-Welt eröffnet und mein Bild von dem Land vervollkommnet. Ich erwartete mir von dem Besuch bei den „Männchens“ etwas ähnliches und wurde letztlich auch nicht enttäuscht. Nachdem er uns an der Tür zu seiner Drei-Zimmer Wohnung begrüßt hatte, wurden wir ins Wohnzimmer geführt und der „Dame des Hauses“ vorgestellt. Die kleine thailändische Ehefrau des A. saß mit einem freundlichen Lächeln auf dem Sofa und wurde dabei von vier lärmenden Kindern unterschiedlichen Alters – geschätzt zwischen 2 und 7 Jahren – umlagert, die sie als die ehelichen Kinder des Paares vorstellte. Ein weiteres Kind befand sich ganz offensichtlich in ihrem Bauch und ich fragte mich, ob denn die Männchens das Problem mit dem Mangel an Population in Neuseeland ganz alleine lösen wollten? Orgelpfeifen wäre wohl das richtige Wort?

Wellingtons Hochhauskomplex

Das Gespräch während des Abendessens verlief wie erwartet komplett frei von intellektuellem Anspruch! Adolf berichtete lebhaft über seine „beschissene“ (O-Ton) Existenz als Langzeitarbeitsloser in Deutschland und führte uns quasi visuell durch verschiedene Kneipen des Ruhrgebiets, in denen er mit seinen Kumpels über Fußballergebnisse diskutierte. Uns fiel auf, dass er auch nach Jahren in seiner neuen Heimat die englische Sprache nicht wirklich gut beherrschte. Seine Ehefrau noch viel weniger und die beiden wurden ständig von dem laut lärmenden, ältesten Sohn unterstützt, wenn sie im Gespräch miteinander die richtigen Worte nicht fanden! Absurd! Es wurde wohl nicht viel geredet im Hause der Männchens? Nun, dafür hatten sie viele Nachkommen produziert und so zumindest dafür gesorgt, dass das dritte Zimmer mit Bettchen und Kindern komplett vollgestopft war. Und sicher hatte Adolf M. seine Gattin etwas zu jung „erworben“, denn das, was die Frau als Abendessen gerichtet hatte, schmeckte in etwa so wie die Mischung aus einer ausgeschweißten Socke und einer holländischen Tomate. Die Kinder lärmten unentwegt und es war bereits zu erkennen, dass die Männchens das eigentliche Erziehungsziel verfehlen würden. Zumindest war es ergiebig zu erkennen, dass Neuseeland nicht nur von stolzen Maori und gebildeten Menschen besiedelt war, sondern dass dieses kleine Land mit seiner kleinen Industrie auch eine kleine Industriearbeiterproletariats-Schicht vorzuweisen hatte. Auch die Karriere, die Adolf bis zum Job eines Hausmeisters in einem Hochhaus geführt hatte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er und seine Familie der untersten Gesellschaftsschicht angehörten. Aber wenigstens hatte er sich reproduziert: und wie!

Solche Begegnungen sind natürlich nur im Rahmen einer langen und individuellen Reise möglich. Genauso wie das spontane Abändern eines geplanten Reiseverlaufes. Wir mussten uns damals länger als geplant im Großraum Wellington aufhalten, weil wir nach dem vorübergehenden Verlust meiner Kreditkarte in eine finanziell angespannte Situation gerieten und für Abhilfe sorgen mussten. Solange wir auf Bares und einen Ersatz für die verloren gegangene Kreditkarte warteten, konnten wir spontan die südlichen Regionen der Nordinsel rund um den Lake Wairarapa intensiver besuchen. In der Ruhe liegt ja angeblich die Kraft? Für das ausprobieren diverser Entspannungsmethoden hätten wir durchaus zahlreiche Gelegenheiten gehabt, gehörten im Prinzip aber doch zu den Menschen, die gewisse Probleme mit Stress hatten! Der Schritt in eine ungewisse, selbständige Zukunft, das Warten auf den Eingang liquider Mittel aus der Heimat waren wohl Gründe genug, der Entstehung von Stress nicht frühzeitig entgegenwirken zu können? Aber in den folgenden Tagen haben wir ohne Entspannungstechniken mächtig viel Stress abgebaut. Wir haben auf Wohlfbefinden umgeschaltet. Nur wer sehr lange unterwegs ist kann sich den Luxus erlauben, einfach mal so, der Nase und der Landkarte nach (damals – heute wäre es Google Maps) zu einem Ziel aufzubrechen. Die Putangirua Pinnacles zum Beispiel waren so ein Ziel, das sonst von den Besucherströmen verschont blieb. Diese außerirdisch anmutende Landschaft wurde später zum Drehort für den Pfad der Toten in dem Film „Die Rückkehr des Königs“, dem dritten Teil der Der Herr der Ringe Trilogie von Peter Jackson. Ich habe den Ort bei der Betrachtung des Films auch sofort erkannt.

Cable Car in Wellington

Unser in Neuseeland erworbenes Fahrzeug hatte die letzten Monate relativ gut gearbeitet und außer der Tatsache, dass es nur in unregelmäßigen Abständen ansprang (wir hatten uns angewöhnt, es an einem leichten Gefälle abzustellen, damit das Anschieben leichter fallen würde) waren wir nur gelegentlich dazu verdammt, kleinere Reparaturarbeiten durchzuführen oder durchführen zu lassen. Wir fühlten uns durch die Möglichkeit, mit einem eigenen Transportmittel komplett individuell und kreativ unterwegs sein zu können, mitunter sehr privilegiert. So konnten wir im Osten der Nordinsel unsere Tage frei bestimmen und in Ecken gelangen, in die ein zu Fuß oder Fahrrad oder öffentlichem Verkehrsmitteln unterwegs seiender Reisender niemals hingekommen wäre. Wir hatten oft das Gefühl, auf den Spuren der Entdecker unterwegs zu sein, auch wenn wir in den sechs Monaten sicherlich keinen Zentimeter neuseeländischen Boden unter unseren Füßen hatten, den nicht schon andere Menschen zuvor betreten hatten. Dennoch hatten wir immer eine Art Entdecker-Gefühl bei unseren Unternehmungen. Vielleicht ging es darum, sich selbst zu entdecken? Da wir mittlerweile schon fast in den Juni geraten waren und damit unumstößlich neuseeländischen Winter hatten, war die Zahl der anderen im Land umher Reisenden gegen Null zurück gegangen. Also hatten wir zu dieser Zeit doch ein paar Zentimeter neuseeländischen Boden unter unseren Füßen, den andere Menschen nicht betraten. Zumindest nicht zu dieser Zeit.

In der Bay of Plenty und am East Cape waren wir als Touristen jedenfalls definitiv allein unterwegs. 1991 gab es noch keine regelmäßige Verbindung zur Vulkaninsel White Island. Wir hätten sonst sicher darüber nachgedacht, an einer solchen Exkursion teilzunehmen, denn einen aktiven (geglaubt sicheren) Vulkan zu erreichen und dort möglichst aussagekräftige Bilder machen zu können, wären zu verführerisch gewesen. Der Vulkan war ja immer schon aktiv gewesen und seine in unregelmäßigen Abständen erfolgenden Ausbrüche hatten zumindest für Aufsehen, niemals aber für Todesopfer gesorgt! Zwischen 1975 bis 2000 war die Vulkaninsel permanent aktiv und auch wir konnten die Wolke aus Asche, die vom Vulkan ausging, gut über der Insel sehen. Erst der Ausbruch vom 9. Dezember 2019 machte die Vulkaninsel international bekannt. Dieser fatale Ausbruch forderte samt den an Verletzungsfolgen gestorbenen und zwei für tot erklärten Personen 21 Todesopfer und mehrere Verletzte. Allerdings hatte sich die Anwesenheit von Menschen auf der Insel auch exponentiell erhöht. Speziell durch den Kreuzfahrt-Tourismus, der die Insel als exotisches „must have seen“ Ziel verkaufte, war es zu einer Art Massentourismus auf White Island gekommen. Vulkanausbrüche kann man nicht wirklich genau vorhersagen, auch wenn viele der erhabenen Feuerspucker unter Beobachtung stehen. Ein Vulkanausbruch ist und bleibt eine Naturgewalt, gegen die wir absolut machtlos sind. Nichts kann ihn verhindern oder stoppen. Trotzdem gibt der Mensch sein Bestes und stellt die Vulkane dieser Welt unter Aufsicht, um so bestmöglich auf bevorstehende Ausbrüche zu reagieren. Es wird uns aber trotzdem nichts anderes übrig bleiben, als mit der Gefahr zu leben, sich für den Ernstfall zu rüsten und so wenigstens die Folgeschäden zu begrenzen. Die Untersuchungen von Vulkanforschern haben gefährdete Gebiete ausgewiesen, Evakuierungspläne sind ausgearbeitet und Katastrophenschutzübungen werden gelegentlich trainiert. Auch Pläne, wie man im Ernstfall Lavaströme und Schuttlawinen ablenken kann, sind vorhaben, aber all diese Anstrengungen und Überlegungen werden bedeutungslos sein, wenn die Vulkane ausbrechen. Der Mensch kann die Natur nicht beherrschen, er wird von ihr beherrscht.

Der Ngauruhoe im Morgenlicht

Wegen dieser majestätischen Vulkane ist die Nordinsel Neuseelands auch ein erste Klasse Ziel für Menschen, die sich von diesen Bergen faszinieren lassen. Neben dem schon einmal erwähnten Mount Taranaki, der sich im Westen der Nordinsel als „Solo-Vulkan“ befindet, gibt es im Zentrum der Nordinsel auch noch den Tongariro National Park. Das fast 80.000 Hektar große Gebiet umfasst die Vulkane Tongariro, Ngauruhoe und Ruapehu und weist eine der kontrastreichsten Landschaften Neuseelands auf. Der Park war ein Geschenk des Maori-Häuptlings Te Heuheu, der den Park 1887 an das neuseeländische Volk übergab. Gut hundert Jahre später wurde der Tongariro National Park von der UNESCO sowohl zum Weltkultur- als auch zum Weltnaturerbe ernannt. Smaragdgrüne Seen, blühende Bergwiesen und heiße Quellen umgeben die größten Vulkane der Nordinsel und bieten eine verblüffende landschaftliche Vielfalt. Die drei Vulkane sind recht aktiv, erst im August 2012 brach der Mount Tongariro zum letzten Mal aus. Aber das hält niemanden davon ab, seine Hänge auf Skiern hinunterzufahren oder den Krater zu besteigen – ein Kontrollsystem sorgte bis zum tödlichen Ausbruch auf White Island dafür, dass alle glaubten, rechtzeitig vor einer Eruption gewarnt zu werden. Die beliebteste Aktivität im Park, das „Tongariro Alpine Crossing“, (eine Ganztagestour, bei der man das außerirdisch anmutende Gelände entlang der Hänge aller drei Berge durchquert) haben wir aufgrund des einsetzenden Winters mit den dazugehörigen Schneemassen nicht machen können. Diese Wanderung ist aber derart attraktiv und abwechslungsreich, dass ich sie sicher noch versuchen würde, wenn das Schicksal es erlauben sollte, dass ich noch einmal „individuell“ nach Neuseeland kommen sollte. Rauchende Krater, erloschene Lavaflüsse und heiße Quellen machen die Wanderung zu einem unvergesslichen Erlebnis. Mit 2.797, 2.291 und 1.968 Meter Höhe sind der Ruapehu, der Ngauruhoe und der Tongariro recht beeindruckende Vulkanberge. Das riesige Massiv des Tongariro erstreckt sich über 18 Kilometer Länge. Der Schönste der Vulkane, der klassisch kegelförmige Ngauruhoe, ist genau genommen einer der Ausbruchkanäle des Tongariro. Dem Ruapehu kam die Ehre zuteil, in der Film-Trilogie „Der Herr der Ringe“ Mordor und die Emyn Muil darzustellen, und die fast perfekte Kegelform des Ngauruhoe bildete die Grundlage für den Schicksalsberg.

Und natürlich hatte ich auch fest vor, auf der viel stärker von Maori besiedelten Nordinsel auch Kontakte zu dieser Bevölkerungsgruppe zu bekommen. Die Maori besiedelten lange eine der letzten unbewohnten Gegenden der Erde und es ist heute ziemlich sicher, dass sie von Polynesien aus ihre Kanus gezielt Richtung Neuseeland navigierten, so dass sie auf der Inselgruppe im Südwestpazifik landeten. Der genaue Zeitpunkt ihrer Ankunft steht nicht sicher fest, man weiß eigentlich nur, dass die Völker der Polynesier und Mikronesier ziemlich zeitgleich von sieben verschiedenen Inselgruppen im Pazifik aufgebrochen sind um ihre neue Heimat – Neuseeland – zu finden. Etwa acht Jahrhunderte lang lebten die nun zu Maori gewordenen Völker allein in Neuseeland bis dann europäische Siedler kamen und versuchten, den Maori ihre Lebensweise aufzuzwingen. Da ich noch sehr von meinen Erfahrungen mit den Aborigines Australiens berührt war, hoffte ich darauf, dass es beim Kontakt mit den Maori zu ähnlichen Erweiterungen meiner Sinne kommen würde wir zwei Jahre zuvor in Australien. Diesbezüglich wurde ich teilweise enttäuscht, denn als die Maori-Siedler – einmal angekommen in der neuen Heimat – herausgefunden hatten, welche Regionen des neuen Landes die fruchtbarsten waren, gab es Kämpfe um diese Gebiete. Die so ausgelösten Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen zogen sich zum Teil über mehrere Jahrhunderte in einem Kreislauf aus Gewalt und Rache hin. Denn für die Maori galt nichts mehr als ihre individuelle Ehre.

Die ersten Kontakte mit den Europäern mussten deshalb zwangsläufig von heftigen Problemen begleitet werden. Die Maori lebten in einer Gesellschaftsform, die von kriegerischen Handlungen dominiert wurde. Alle anderen Aspekte des Lebens richteten sich danach. Der Lebensraum der Maori war so weit entfernt von anderen Gesellschaftsformen, dass es nicht zu einem Erfahrungsaustausch oder zu einer Art Technologietransfer kommen konnte, solange sie in Neuseeland unter sich waren. Dass dadurch das Aufeinandertreffen mit Fremden Probleme mit sich bringen würde, war abzusehen. 1642 war der niederländische Seefahrer Abel Tasman der erste Europäer, der neuseeländischen Boden betrat. Der Engländer James Cook bereiste und kartografierte im Jahr 1769 die Nord- und Südinsel und beschrieb die dort lebenden Menschen als intelligent und verwegen. Die Folgen der europäischen Besiedlung waren deshalb für die Maori drastisch, als immer mehr europäische Siedler nach Neuseeland kamen. Es waren vor allem Briten. Zum einen profitierten die Maori vom Kontakt mit der westlichen Welt, sie bekamen einen Eindruck eines anderen Lebensstils, lernten neue Technologien und nützliche Gegenstände kennen, wie beispielsweise Nägel. Doch die europäische Besiedlung Neuseelands hatte auch gravierende Nachteile für die Maori: Die Neuankömmlinge schleppten ihre Krankheiten ein, gegen die die Einheimischen keine Abwehrstoffe besaßen und an denen sie in großer Zahl starben – beispielsweise an Grippe oder Masern. Darüber hinaus bekamen die kriegerischen Auseinandersetzungen der Maori untereinander völlig andere Dimensionen, weil sie nun die von den Europäern mitgebrachten Gewehre einsetzen konnten. Schätzungsweise ging die Zahl der Maori in dieser Zeit um mindestens zehn Prozent zurück. Dadurch machte sich eine im Prinzip von den britischen Besatzern des Landes gewünschte Gesetzlosigkeit im Land breit – worauf die britische Krone im Jahr 1840 reagierte. Sie sandte einen Gouverneur nach Neuseeland, und am 6. Februar wurde der Inselstaat durch den Vertrag von Waitangi zu einer britischen Kolonie. Er gilt als das Gründungsdokument Neuseelands. Längst nicht alle Maori sind heute glücklich mit diesem Schritt.

Hier wurde der Vertrag von Waitangi unterzeichnet

Wir hatten uns 1991 besonders intensiv in den exotischen Geothermal-Gebieten rund um Rotorua umgesehen. Solcherlei Sulfatare, Springquellen und Geysire, wie sie in den Broschüren beschrieben wurden, hatte ich zuvor auch schon auf Island gesehen, erwartete aber trotzdem eine Steigerung, da in Neuseeland dickstes und üppigstes Grün bis in die Thermalgebiete hinein wucherte und damit – so ähnlich wie auf der Südinsel, wo das blaue Eis der Gletscher sich durch den grünen Urwald schob – auch eine Art „Unmöglichkeit“ verkörpert wurde, da diese beiden landschaftlichen Erscheinungsformen eigentlich nicht nebeneinander existieren durften. Hatte uns bei der letzten Island-Reise nicht unsere einheimische Reiseleiterin Jana Fredriksdottir erklärt, dass die Pflanzen den Schwefel nicht mögen würden und es deshalb kein Grün in den Geothermalgebieten geben würde? In Neuseeland schienen die Pflanzen den Schwefel regelrecht zu lieben, so sehr verbanden sie sich dort mit den diversen Ausstoßungen der Erde. Besonders intensiv ist mir der Besuch des 1991 noch Whakarewarewa Village genannten Dorfes in Erinnerung geblieben. Heute wird dieses Springquellen Paradies unter dem Namen Te Puia Thermal Park vermarktet, erfreut sich aber weiterhin großer touristischer Beliebtheit. Die Begegnungen mit den Maori waren immer erfreulicher Natur. Wer gerne Gelassenheit erlangen möchte und innere Ruhe finden will, sollte sich auf einen intensiven Austausch mit Südsee-Insulanern begeben. Auch deren Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren auf rasante Art und Weise verändert. Durch das Internet und die sozialen Medien prasselt auch den Maori eine nie dagewesene Flut an Informationen auf den Kopf. Doch deren Lebensanschauung hat wenig mit unserem Arbeitsalltag zu tun! Hohe Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit, bei uns gerne als Ideale beschworen, tangieren die Maori nur peripher. Eine innere Anspannung, wie sie bei den Völkern der zivilisierten westlichen Welt mittlerweile zum Normalzustand gehört, bleibt den Maori zumindest teilweise fremd. Sie können trotz der genannten Faktoren ihre Leben entspannt und mit innerer Gelassenheit meistern.

Der griechische Philosoph Epiktet ließ uns wissen, dass es nicht die Dinge an sich sind, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben. Das würde auch den Verlauf der Corona-Hysterie in der aktuellen Zeit gut beleuchten! Das Zitat deutet an, das Gelassenheit im Kopf passiert. Wenn wir ein Ereignis negativ und für uns gefährlich bewerten, fühlen wir uns gestresst. Wenn wir jedoch versuchen, dasselbe Ereignis in einem positiven oder neutralen Licht zu betrachten, erspart uns das eine Menge psychischen Drucks. Es ist daher lohnenswert, sich mit seiner inneren Einstellung zu befassen oder einfach die Maori zu befragen, wie sie das hinbekommen. 1991 hatten wir eine bemerkenswerte Privatführung in dem Dorf und dem sich anschließenden Thermalgebiet. Da wir uns mit einem Schreiben des neuseeländischen Fremdenverkehrsbüros ausweisen konnten, ließ es sich der Manager von Whakarewarewa nicht nehmen, uns persönlich zu begrüßen und durch einen Teil der Anlage zu führen. Nie werde ich die Erscheinung des Herrn Kuri vergessen! Ich war ja schon recht hoch an Wuchs, aber der smarte Manager überragte mich mindestens noch um einen halben Kopf. Ich gab ihm etwa 2,10 Meter Körperlänge. Zudem führte er sein charismatisch und gut aussehendes Gesicht noch auf einem Körper eines Modell-Athleten spazieren. Er trug feine Kleider und ein weißes Hemd und beantwortete jede unserer Fragen mit ausgesuchter Höflichkeit. Alle Maori im Dorf schienen ihn zu kennen, zu lieben und zu respektieren. Er war das Gegenteil des Hausmeisters Adolf Männchen aus Wellington. Ein überragend gut aussehender Mann – ein Prachtkerl würde ich meinen. Er führte uns auch persönlich in die als „heilig“ betrachtete Werkstatt der Familie, in der immer nur ein Mann – der alte Meister – begleitet von nur einem Lehrling – dem zukünftigen alten Meister – das Holz bearbeitete und die aussagekräftigen Figuren und Platten erschuf, für die die Kultur der Maori international steht und bekannt geworden ist.

Maori Schnitzereien in Te Puia

Ich bin erst im Februar des Jahres 1999 wieder ins das Dorf Whakarewarewa zurück gekommen. Eine Gruppe war mir anvertraut und ich wagte zu hoffen, dass der Manager noch immer dort tätig war. Ich hatte den Damen meiner Reisegruppe einen außergewöhnlich attraktiven Mann versprochen und hoffte deshalb, das er nun auch auftauchen würde. Sofort am Eingang, als ich meinen Voucher für die Gruppe abgab, fragte ich nach Kuri. Aber? Es gibt nur eine einzige Sicherheit im Leben, nämlich die, dass alles sich im stetigen Wandel der Veränderung befindet. Alle irdischen Dinge sind vergänglich. Wir sterben alle eines Tages und die Natur wandelt sich ständig im Kreislauf des Lebens. Erschaffenes fällt in sich zusammen und Neues wird geschaffen. Unsere Liebsten werden irgendwann sterben – und es kann jeden Moment so weit sein. Das ganze Leben ist geprägt von einem ständigen Werden und Vergehen. Vergangen war auch Manager Kuri, wie mir mit betroffenem Gesicht mitgeteilt wurde. Schon 1993 erlag er im Krankenhaus einem Gehirntumor. Wenn Menschen wirklich ehrlich mit sich selbst sind, geben sie zu, dass sie die Tatsache der eigenen Vergänglichkeit einfach verdrängen. Das Anerkennen der eigenen Vergänglichkeit macht fast allen Menschen eine Heidenangst. Und so wird fleißig verdrängt, bis etwas im eigenen Leben geschieht, was es unmöglich macht, länger wegzuschauen. Bei dem erneuten Kontakt mit den Bewohnern des Dorfes hatte ich allerdings nicht das Gefühl, dass diese die Vergänglichkeit verdrängen würden! Schon bald bemerkte ich, dass eher die Freude überwog, diesen wundervollen Menschen „Kuri“ eine Weile unter sich gehabt zu haben.

Alexander von Humboldt, für mich einer der großen Weltversteher der Geschichte, schrieb einmal, dass er glaube, das alles auf der Welt mit allem zusammenhängen würde. Als ich im Februar 2020 zum wohl letzten Mal nach Whakarewarewa kam, kam ich am Eingang zum Thermalgebiet mit dem Kontrolleur der Eintrittskarten und einer neben ihm stehenden Dame meines Alters ins Gespräch. Ich erklärte den beiden, dass es für mich immer ein besonderes Erlebnis wäre, nach Whakarewarewa zu kommen, weil ich hier die Berührung mit einem gewissen Herrn „Kuri“ gehabt habe, der mich so beeindruckte und den ich gerne einmal wiedergesehen hätte, dass das ja aber nicht mehr möglich sei, da er 1993 verstorben war. Auch dass er meine „Höhe“ gehabt habe, fügte ich noch hinzu. Die ältere Dame blickte mich freundlich an und meinte dann, dass er deutlich mehr an Höhe gehabt habe als ich, mindestens einen halben Kopf. Ich blickte sie erstaunt an und gab zu, dass ich untertrieben habe und das es stimmen würde, dass er nochmal einen halben Kopf höher gewesen sei als ich. Ich wollte wissen, woher sie das denn so genau wisse, woraufhin sie zur Antwort gab, dass es ihr erster Ehemann gewesen sei. Dabei blickte sie mich so voller Freude an, dass ich gerne den Rest des Tages mit ihr verbracht und über das Leben geredet hätte. Doch hat man sich als Reisebegleiter und -leiter einer Studienreise mit seiner Gruppe zu beschäftigen. Aber diese erneute Begegnung mit „Kuri“, auch wenn es 27 Jahre nach dessen Tod im Umweg über seine Witwe geschah, ließ mich schon recht nachdenklich werden.

Brodelnde Schlammlöcher in Te Puia

Im Februar 1999 wurde uns als Führerin durch die Anlage eine hochschwangere und bildschöne junge Maori-Frau zugeteilt, mit der wir uns bald alle blendend verstanden. Sie hatte so viel Witz und Charme und natürliche Anmut, dass sich sicher die Hälfte aller Männer der Gruppe irgendwie in sie verliebte! Und das mit einem dicken Schwangerschaftsbauch – das sollte ihr erst einmal eine andere Dame nachmachen. Im November 1999 hatte ich erneut eine Reisegruppe nach Neuseeland zu begleiten. Wieder kamen wir nach Whakarewarewa und ich fragte nach der jungen Maori und ob sie denn nach der Geburt ihres Kindes wieder als Guide durch die Anlage zur Verfügung stehen würde. Da es sich bei den Menschen im Dorf um eine Familie handelt, wussten natürlich alle sofort, wen ich meinte. Aber die junge Frau war nach der Geburt ihres Kindes zusammen mit ihrem Ehemann nach Auckland gezogen, wo man sich eine bessere Zukunft erhoffte. Da nun aber keine schwangere Frau als Führungskraft zur Verfügung stand, wurde uns ein „schwangerer Mann“ an die Seite gestellt. Dessen Frau war nämlich im siebten Monat schwanger, was wir auch deutlich an ihrem Bauch erkennen konnten, als er sie uns vorstellte. Alexander von Humboldt: alles hängt mit allem zusammen.

Doch bleiben wir im Jahr 1991: die vielen Thermalgebiete, die es rund um Rotorua gibt, konnten wir auch bei den vielen zur Verfügung stehenden Reisetagen auf der Doppelinsel nicht alle anschauen. Wir besuchten neben Te Puia auch die Anlagen von Wai-O-Tapu, Waimangu und die Regionen rund um den ehemals sehr aktiven Vulkan Mount Tarawera. Mittlerweile war es bereits Juni geworden und wir hatten auch im Zentrum der Nordinsel mitunter Nächte, in denen das Thermometer in der Nacht deutlich unter Null Grad fiel. Da wir oft im Zelt unterwegs waren, fühlten wir uns am nächsten oft wie gefangen in einem Iglu, weil die Dämpfe – gerade in den Geothermalgebieten – sich auf unserem Zelt abgelagert und durch die Kälte eine Eiskruste gebildet hatten, die man nur unter Zuhilfenahme von Werkzeugen zerbrechen konnte um den Reiseverschluss des Zeltes wieder öffnen zu können. Wir brachen deshalb auf, um in den wärmsten Teil Neuseelands zu kommen: in die nördlichsten Regionen der Nordinsel. Mittlerweile hatten wir das Gefühl, die letzten Reisenden in Neuseeland zu sein. Nur noch sporadisch trafen wir bei Wanderungen durch die Natur noch andere Wanderer. Besucher das Landes waren allerdings nicht mehr dabei – es handelte sich immer um Einheimische, die die Natur nutzten. Nachdem wir wundervolle Tage auf der Coromandel Halbinsel erlebt und uns auch noch einen intensiveren Besuch der Wirtschaftsmetropole Auckland „gegönnt“ hatten, kamen wir in die Gebiete Neuseelands, in denen wir uns noch einen letzten Superlativ erhofften: in die Regionen der letzten Kauri-Riesen des Landes. Die letzten Kauri-Bäume in Neuseeland haben nicht nur bei Maori, sondern auch bei den Besuchern Kult-Status. Der Baum gilt als „Gott des Waldes“ und 2020 strömten regelrechte Touristenmassen zu Neuseelands größtem Kauri-Baum. Der Baum ist Jahrtausende alt, was wegen der Beliebtheit von Harz und Stämmen ein Wunder ist, dass er noch steht. Für die Maori haben die Kauri-Bäume eine große spirituelle Bedeutung. Sie sind für sie die Urväter aller Lebewesen.

Der Gott des Waldes – der Tane Mahuta

1991 musste man noch sehr lange durch den Urwald laufen, bis der Tane Mahuta vor einem stand. Der Gott des Waldes macht seinem Namen spätestens bei der ersten Begegnung alle Ehre. Er ragt 51 Meter hoch in den Himmel, hat einen Umfang von 13,8 Metern und ein Volumen von 244 Kubikmetern. Er ist sicher über 2000 Jahre alt, stammt also aus der Zeit, in der Jesus Christus geboren wurde. Vielleicht sogar am selben Tag? Der Tane Mahuta war auch schon groß und mächtig, als Captain James Cook 1769 die Nordinsel entdeckte. Dieser ließ damals Teile seines Schiffes mit dem haltbaren und gerade gewachsenen Holz der Kauri-Bäume ausbessern. Später folgten immer mehr Bootsbauer seinem Beispiel. Die Stämme eigneten sich wie keine anderen als Masten für Segelschiffe, wurden aber wegen der feinen Maserung auch gern für die Herstellung von Möbeln verwendet. Und hier sollten wir am Ende des Artikels zum Thema Erhabenheit zurückkommen. Kauri Bäume sind Zeitgeschichte, sie können so alt werden, dass wir bei der bloßen Betrachtung wieder auf unser bescheidenes Menschsein zurückgeworfen werden. Der älteste noch lebende Baum ist – so vermutet man – der Te Matua Ngahere, der um die 2.800 Jahre alt sein soll. Bevor der Mensch die beiden großen Inseln im Pazifik entdeckte, war Neuseeland über und über mit Wald, Pflanzen und eben diesen Kauri Bäumen bedeckt. Mit der Ankunft der Europäer war auch die Zeit der großen Giganten zu Ende. Die Entdecker und Siedler fanden schnell heraus, dass sich aus diesem festen und geraden Holz wunderbar Schiffe und Möbel herstellen ließen. Somit viel der Kauri Baum der Axt und später den Sägewerken zum Opfer. Heute gibt es nur noch eine traurig kleine, übersichtliche Zahl von Kauri Bäumen. Diese stehen natürlich unter Naturschutz. Es gibt einige generationsübergreifend denkende Initiativen, die den Baum wieder anpflanzen. So wurde der Kauri Samen schon wieder ganz gezielt in Gebieten ausgestreut in denen der wunderbare Baum schon lange nicht mehr vorhanden ist. In 2.000 Jahren können Einheimische wie Touristen sich das Ergebnis dann einmal anschauen.

Wer sich die Erinnerungsstücke im Kauri Museum von Matakohe anschaut wird dabei auch zwangsläufig mit den an der Wand skizzierten Riesenbäumen und deren Umfang konfrontiert werden. Die größten Exemplare hatten fast den doppelten Umfang der heute noch im Land zu sehenden Giganten. Manchen geben die Wissenschaftler bis zu 4.000 Jahre Lebensalter. Im selben Museum kann man auch eine typische Wohnstube der damaligen Oberschicht, die durch den Handel mit Kauriholz zu schillerndem Vermögen kam, bestaunen. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft war immer die Geschichte von Klassenkämpfen. Seit dem Beginn der Industrialisierung ist aber eine Epoche des Establishments angebrochen die sich dadurch auszeichnet, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen, der des Establishments und der des Volkes. Speziell in England waren diese Strukturen schon weit entwickelt, als das neue Land, Neuseeland, in Besitz genommen wurde. In den über Jahrtausende gewachsenen Bäumen sahen die Vertreter der Bourgeoisie lediglich ein neues Terrain, aus dessen Nutzung sie sich weiteres Vermögen versprachen. Man möchte es mit einem Zitat aus Schillers „Glocke“ beschreiben: Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.

Leben von den Leichen der Kauri Bäume

Aus den Baumleichen formten die weltfremden Berserker der Oberschicht ihre neue Oberklasse. In dem Raum, in dem es sich eine neue Oberschicht-Familie bequem gemacht hatte, konnte die ganze Lächerlichkeit ihres Klassen- und Standesdünkels abgelesen werden. Am Beispiel des Massenmordes und der „fast“ Ausrottung der Kauribäume lässt sich ablesen, dass Adel (auch wenn es neuer Geldadel ist) nicht verpflichtet, sondern vernichtet. An der Vernichtung des Lebensraumes der Kauribäume können wir ablesen, dass radikal rücksichtslose Menschen einfach weiter kommen als sanfte Zeitgenossen. Man nennt die Kombination aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie die „dunkle Triade“. Wer sie verkörpert, kommt bestens durchs Leben – auch, weil niemand ihn oder (seltener) sie aufhält. Ihre Ziele stellen solche Menschen vor das Wohl anderer, sie setzen sie, einmal gefasst, ohne Rücksicht auf Verluste um. Das gelingt ihnen im Vergleich zu anderen Menschen oft spielend leicht – nicht nur, weil sie es clever anstellen, sondern auch, weil niemand sie aufhält. Der fehlende Anstand weniger Menschen führt gerade deshalb zum Erfolg, weil alle anderen so anständig, zu anständig sind. Doch wer hätte die Holz-Barone der Kauri-Gesellschaft damals aufhalten sollen? Der Rest der Siedler folgte in blindem Gehorsam den Anordnungen seiner Führer! Zudem hatten die Menschen keinerlei Bewusstsein für die Natur. Es gilt also, die Szene im kaurigetäfelten Wohnzimmer auf sich wirken zu lassen, die feinen Herren in Anzügen aus Samt und Seide wahrzunehmen, die adrett herausgeputzten Frauen und Kinder zu bemerken um verstehen zu können, welcher Narzissmus sich da durch ausgeprägte Anspruchshaltung und Selbstüberhöhung zeigt. Diese neuen Geldadeligen gierten nach Bewunderung und reagierten empfindlich auf alles, was ihren Selbstwert infrage stellte.

Es muss zudem angenommen werden, dass diese Männer eine hohe Ausprägung in Machiavellismus hatten! Sie waren Manipulatoren, durchsetzungsstark und ohne Mitgefühl für andere. Weil der Zweck die Mittel heiligte, stellten diese neuen Provinzadeligen ihre eigenen Regeln auf und gingen problemfrei über moralische und gesetzliche Grenzen hinweg. Nicht alle von ihnen müssen zwangsweise Psychopathen gewesen sein, auch wenn diese die dunkelste der drei Facetten wäre. Die Menschen sind im Prinzip immer besser als die Systeme, in denen sie leben. Aber unsere Gesellschaften bieten uns schlicht nur eine begrenzte Möglichkeit, Plätze in derselben zu finden und einzunehmen. Und viel zu viele Dekaden lang war der Schutz der uns umgebenden Natur, der im Prinzip nicht mehr ist als ein Selbstschutz, im Jahrmarkt der Eitelkeiten, im Wahn der Selbsterhöhung und in der Vorstellungswelt einer göttlichen Ekstase untergegangen. Deshalb war die Begegnung mit den „Göttern des Waldes“ am Ende unserer Neuseelandreise eine sehr wichtige Zusammenkunft, die meine Berichterstattung über dieses Land inspirierend in eine veränderte Richtung führte. Ich wurde bei der Betrachtung der Bäume auf mein schlichtes, kleines Menschsein zurückgeworfen und so hallt diese letzte „große“ Begegnung bis zum heutigen Tage in mir nach.

Der Champagner Pool in Wai-O-Tapu

RR

Mai 2020

1 Comment
  • Flory
    Posted at 12:33h, 03 Mai Antworten

    ❤ Genau auf dem Punkt!
    Der Mensch lernt wohl nicht aus seiner Geschichte ? ?

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