Reisen in der Retrospektive – Neuseeland 1991 – Teil 01

Reisen in der Retrospektive – Neuseeland 1991 – Teil 01

„Wer sich fürchtet, kann über das Erhabene der Natur gar nicht urteilen, so wenig als der, welcher durch Neigung und Appetit eingenommen ist, über das Schöne. Jener flieht den Anblick eines Gegenstandes, der ihm Scheu einjagt; und es ist unmöglich, an einem Schrecken, der ernstlich gemeint wäre, Wohlgefallen zu finden“.

Immanuel Kant war der Verfasser dieses Gedankens.

Bootsausflug in den Milford Sound

Wo finden wir die Erhabenheit? Wohin müssten wir unsere Aufmerksamkeit richten? Müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf die ästhetische und ethische Komponente des täglichen Lebens richten? Im Verlauf der Moderne haben sich die individuellen Verhaltensschwerpunkte verschoben und der Begriff der Moral wird in schneller Folge immer wieder revidiert. Die ethische Komponente im Bezug des Verständnisses dessen, was das Phänomen der Erhabenheit ausmacht, wird am Beispiel der Technologien für die Entwicklung von Atomwaffen auf den Kopf gestellt. Die Wahrnehmung der Natur als die natürliche Umwelt ist für die menschliche Evolution und kulturelle Entwicklung zwingend notwendig. Der wissenschaftliche Fortschritt sowie der Durchbruch der Zivilisation können über kurz oder lang nicht mehr den Herausforderungen, die sich dem Menschen mit Blick auf das eigene Dasein stellen, entsprechen. In diesem Zusammenhang ist die Suche nach dem Erhabenen im Zusammenhang mit der Identitätssuche und der Entwicklung des eigenen Bewusstseins von großem individuellen Interesse. Kann das Erhabene also nur groß, weit, hoch, mysteriös, düster, furchteinflößend, schrecklich, überlegen, demütigend oder sinnstiftend sein? Schafft es eine quasi übermenschliche Erfahrung? Das Gefühl der Erhabenheit ist eine Empfindung, welche uns im positiven und negativen Sinn bis ins Mark trifft und den Menschen dazu bringen kann die eigene Existenz im Verhältnis zu seiner Umwelt neu zu bewerten. Natürlich immer nur „kann“, denn wir sind Milliarden von Individuen mit unterschiedlichen Charakter-Dispositionen.

In dieser Vorstellung von der Natur des Erhabenen, die uns im positiven Sinne bis ins Mark treffen kann, wird ein metaphysischer Aspekt deutlich. Die Grenzen des vom Menschen Wahrnehmbaren und ein Annähern an eine Art göttliche Sphäre werden der Erhabenheit zugesprochen und diese großen Empfindungen oder diese Stufen der menschlichen Existenz sollen dank des Phänomens erreichbar werden. Aber wodurch werden solche Empfindungen ausgelöst? Oft ist es die unmittelbare Umwelt oder genauer, die ungezähmte Natur, die ein solches Phänomen hervorbringt, welches den Menschen sein bloßes Menschsein zurückwirft. Die vermeintliche Wildheit der Natur ist schlicht nötig, um auf diese Weise ein Gefühl auszulösen, welches uns innehalten lässt und Nachdenklichkeit anmahnt. Das würde aber auch bedeuten, dass die Natur immer in Wildheit auftritt um uns ihre Erhabenheit zu beweisen? Sicher sind tropische Stürme, Hurrikans und Zyklone. Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Tsunamis von unglaublicher Wildheit begleitet, die den Menschen leicht in sein bloßes Menschsein zurückwerfen können. Um nochmals Kant zu bemühen: Wer sich fürchtet, kann über das Erhabene der Natur gar nicht urteilen. Aber nur die unmittelbar Betroffenen, die in solchen Momenten um ihre Leben und ihre Güter kämpfen müssen, können die Ästhetik des Erhabenen nicht begreifen. Doch schon diejenigen, die nicht unmittelbar selbst einer Gefährdung ausgesetzt sind, erkennen die Erhabenheit des Geschehens.

Ein Kea am Bootsstag beim Manapouri Kraftwerk

Der Mensch gerät dadurch in einen massiven Konflikt mit sich selbst, denn er mag keine Vorkommnisse – der Natur entsprungen – die ihm sein über viele Jahrtausende aufgebautes zum Teil göttliches Selbstbild verwässern oder beschädigen. Der Mensch hat auf diesem Planeten so viel geschaffen, er hat sich selbst zum Gott oder bestenfalls zu dessen erstem Diener und Vertrauten gemacht und diese gedanklichen Phantasiegebilde über so viele Jahrhunderte (-tausende) selbst weiter entwickelt, dass er den Bezug zur Realität – und damit auch zum eigentlich Erhabenen – verloren hat. Oft wäre es nötig einen Schritt zurück zu treten, um das ganze Bild zu erkennen. Wären wir eine Kolonie von Spulwürmern und lebten wir im Darm eines Menschen hätten wir keine Chance die Erhabenheit des uns Raum zum Leben gebenden und gedeihenden Organismus auch nur ansatzweise zu erkennen! Wir würden im Dunkel des Darms unsere Spulwurm-Zivilisation entwickeln, Spulwurm-Straßen bauen und so weiter. Beendet werden würde unsere gemeinsam geschaffene Spulwurm-Kultur in dem Moment, in dem der Organismus, in dem wir lebten, den Ausscheidungsprozess beginnen würde. Mit weit aufgerissenen Spulwurm-Augen würden wir die Komplexität des Gesamten kurz erkennen, bevor unser gesamtes Spulwurm-Dasein in einer Toilette gurgelnd verschwinden würde. Wer eine Eintagsfliege, die auf einem 3.000 Jahre alten Mammutbaum sitzt, danach befragt ob der Baum auf dem sie säße lebt, würde ganz klar ein überzeugtes Nein der Eintagsfliege hören. Schließlich hätte sie bereits ihr ganzes Leben auf diesem Baum verbracht und der habe sich nicht einmal einen Millimeter bewegt.

Während es in früheren Zeiten noch leichter war, die ungebändigte Natur zu finden, wird es durch die fortschreitende Urbanisierung, großangelegte landwirtschaftliche Bewirtschaftung oder touristische Nutzung erschwert, die ungebeugte, vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Natur, und somit die Basis für das Erhabene zu finden. Unter diesen neuen Umständen kann es sich als schwer erweisen die Erhabenheit in seiner unmittelbaren Umwelt zu erleben. Man behandelt also ein Phänomen, welches zwar theoretisch verstanden wird, aber nicht mit Herz und Kopf gleichermaßen erfasst werden kann. Diese einseitige Herangehensweise – und keine andere ist zur Zeit möglich – bringt in der Regel eine blutleere Untersuchung des Gegenstands hervor und kann niemals ganzheitlich sein. Zumindest aber der Versuch einer ganzheitlichen Bearbeitung der ausgewählten Aspekte sollte Ziel einer jeden wissenschaftlichen Untersuchung sein. Ruft man sich nun in Erinnerung, dass es sich um ein Gefühl handelt, wird schnell deutlich, dass – wer immer die Untersuchung durchführt – gut beraten wäre, den Gegenstand der Untersuchung empfunden und nicht nur verstanden zu haben. Eine kalte, intellektuelle Analyse kann dem Phänomen Erhabenheit nicht einmal im Ansatz gerecht werden. Als komplexe Erfahrung der Sinne zeigt sich das Extreme zudem selten im Alltag. Wer das Extreme erfahren will ist also herausgefordert, es zu suchen. Jeder, der das Gefühl des Erhabenen erleben möchte wird gezwungen sein, die ausgetretenen Pfade hinter sich zu lassen und sich dem Ereignis, ohne eine zuvor erlernte theoretische Grundlage anwenden zu können, zu stellen. Um die Empfindung dann überhaupt machen zu können, sind bestimmte Bedingungen auf Seiten des Suchenden notwendig. Ein schwieriges Feld da wir doch so viele Individuen mit so unterschiedlichen Charakter-Dispositionen sind.

Üppige Vegetation im Doubtful Sound

Diejenigen, die mit der Erhabenheit konfrontiert werden, können das Erlebnis deshalb nur aus unterschiedlichen Perspektiven aufnehmen. Das Gefühl des Erhabenen wird sich auf Tausend Arten im Suchenden ausbreiten. Die Empfindung, die das Erhabene im Menschen auslöst kann deshalb immer nur unterschiedlich sein. Die Suche nach der Empfindung des Erhabenen überlassen wir heute gerne den wissenschaftlichen Disziplinen. Die Wissenschaft ist fast so eine Art neue Religion geworden. Darin liegen – wie bei der Erschaffung der bekannten Religionstheorien – auch Risiken verborgen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema auf nur theoretischer Ebene kann vergessen lassen, dass es sich um ein echtes Erlebnis handelt, welches jedem Menschen offensteht. Da aber nur die studierten Wissenschaftler/-innen über die vorgeblich nötigen, sehr speziellen Ausbildungs-Bedingungen verfügen, und denen die Menschheit in ihrer Suche nach Sinn der Wissenschaft gestattet hat, sich einen Elfenbeinturm zu errichten, von dem herab sie die Deutungshoheit – neben den Religionen – für sich beansprucht, muss erwähnt werden, dass sich die wissenschaftlichen Disziplinen in der gesellschaftlichen Spitze wiederfinden, während das „Gefühl für die Dinge“ als irrelevant und nur vom einfachen Volk gefühlt, abgewertet wird.

Das soll nicht bedeuten, dass die Völker politisch aktiver werden sollten! Es wäre zwar wünschenswert, führt aber nicht zur Erkenntnis des Erhabenen, schafft höchstens mehr Freiräume zur Erkenntnis, die wir anschließend folgenden Generationen überlassen müssen. Wer denkt schon gerne über seine eigene Lebensspanne hinaus? Das darf doch nicht sein! Natürlich könnten wir verstärkt Methoden zum Einsatz bringen, die ausschließlich auf konstruktive Kommunikation setzen würden. Wenn man eine Gruppe von Menschen aus allen Teilen der Welt, allen Rassen, Nationen und sozialer Herkunft willkürlich zusammensetzt und diesen einen Tag lang Zeit lässt, Entscheidungen zu treffen, würde das dafür sorgen, dass eine ausreichend große Vielfalt an Sichtweisen, Herkünften und Interessenlagen vertreten wäre. Die Gruppe würde sich selbst mit Informationen versorgen und erst einmal alle Probleme und Lösungen, Bedenken und Fakten, ohne zu diskutieren in sich aufnehmen. Alle Teilnehmer würden so Teil eines Stunde um Stunde wachsenden, gemeinsamen Bildes von der Welt. Sie würden nicht streiten und das Trennende würde in den Hintergrund treten. Das Gemeinsame würde überwiegen. Nicht das Ego dominiert, sondern die Fähigkeit zur Kooperation. Es gäbe keine intellektuellen Showkämpfe, kein Gesichtsverlust, keine Verlierer, nur Gewinner. Das funktioniert, ich habe es selber auch schon erlebt.

Eine vollständige Säkularisierung der westlichen Gesellschaft und das Aussterben der Religionen schien lange eines der zentralen Antriebsmomente der Moderne zu sein. Kant hatte die Aufklärung als eine Art Ausweg des Menschen aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit bezeichnet. Als Folge der Aufklärung schien nun die neue Mündigkeit des Menschen darin zu bestehen, dass er sich von religiösen Denkweisen und Lebensformen befreite und sich ein vermeintlich vernünftiges, wissenschaftlich aufgeklärtes Weltbild sowie entsprechende Verhaltensweisen aneignete. Und da wir diesen Weg weiter beschritten und auch noch forciert haben, gleichzeitig aber in einer extremen Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft leben, haben sich durch diesen Weg auch die Möglichkeiten reduziert, das Erhabene an sich zu erkennen. Der Mensch ist eben ein schlechtes Wissenstier. Vor allem, wenn es um uns selbst geht, denken wir grob unwissenschaftlich. Wir neigen prinzipiell dazu, uns zu überschätzen. Als Gruppe, als Kultur und als Individuen. So ist die Mehrheit davon überzeugt, sie sei deutlich klüger als die Mehrheit. Und statt uns die viel zitierte eigene Meinung zu bilden, unvoreingenommen und nach Lage der Fakten, suchen wir oft nur nach jenen Argumenten, die unsere Vorurteile bestätigen. Dabei kommt das Bauchgefühl, das einen letztlich allein einen Weg weisen würde, die Erhabenheit zu erkennen, auf zwei Ebenen unter die Räder.

Abendstimmung am Lake Te Anau

Bei der Gründung von wissenschaftlichen Ressorts waren die Namen ja auch immer bereits ein Versprechen – einladend und anmaßend zugleich. Der Begriff des Wissens sollte ja immer freundlich und zugänglich klingen. Im Kern bedeutete es aber, dass Wissenschaft für die jeweiligen Fachleute gedacht sein sollte und das daraus entstehende Wissen wäre danach für alle da. Der Stand von Medizin und Technik, von Bildungs- und Forschungspolitik, von Natur- und anderen Wissenschaften sollte verständlich und dargestellt werden, damit die Völker auch daraus „Wissen“ beziehen konnten. Zum Glück interessieren sich immer mehr Zeitgenossen für die jeweiligen Hintergründe! Interessen und Kontextbezug sind heute wichtiger denn je, da jedes Faktum von irgendeiner Seite angezweifelt wird – auch weil wir gelernt haben, Autoritäten zu misstrauen. In unseren mit Informationen jeder Art vollgestopften Zeit, in der jede Behauptung einen Anspruch auf Gleichwertigkeit zu erheben scheint – wir reden gerne von alternativen Fakten – sollte die Skepsis ebenso ihren Platz wie die Überzeugung haben dürfen, dass eine nachvollziehbare, gemeinsam betriebene und kontrollierte Wissenschaft der beste Weg ist, der Wahrheit näher zu kommen. Es darf dabei aber niemals vergessen werden, dass es sich dabei um eine analytische Wahrheit handelt. Natürlich kann eine kalte, analytische Wahrheit durchaus besser sein, als gefühltes Nicht-Wissen zu propagieren, muss es aber nicht. Bei der Suche nach Erhabenheit wird keine Wissenschaft der Welt der Erkenntnis näher kommen.

Das Beispiel, welches ich dazu geben möchte, spielte sich in Australien ab. Anfang des Jahres 1992 hatte ich einen längeren Aufenthalt in diesem Land und arbeitete als Photograph und Reisejournalist. Ein junger Aborigine, der mich darum gebeten hatte, ihm eine Mitfahrgelegenheit zu geben, hatte es sich während der Fahrt durch die beginnende Nacht auf dem Dachgepäckträger meines Jeeps bequem gemacht. Er saß wohl schon eine gute Stunde dort oben – ich hatte ihn fast vergessen – als er plötzlich mit seiner Hand gegen die Seitenscheibe klopfte und andeutete, dass ich kurz anhalten solle. Nachdem ich mit dem Wagen links der Straße angehalten hatte, kam er zu mir herunter geklettert und wollte nun doch ins Fahrzeug einsteigen. Es deutete sich an, dass es eine sternenklare Nacht werden würde. Ich wollte wissen, ob es ihm denn zu kühl geworden wäre auf dem Oberdeck, aber er lachte nur und meinte „if the frogs talk in this way, it will rain very soon“ und stieg ein. Ich blickte mich um und sah kein Wölkchen am Himmel. Die Frösche, die entfernt in einem Teich ihre Laute von sich gaben, hörte ich wohl, war aber nicht willens, diesem Gequake irgendeine Bedeutung beizumessen. Der junge Kerl hatte wohl einfach keine Lust mehr auf den windigen Platz auf dem Dachgepäckträger?

Als wir keine 20 Minuten weitergefahren waren kam ein für diese Regionen Australiens unerwartet heftiger Regen herab, so dass ich auf der nun schlammig und rutschig gewordenen Piste meine Fahrgeschwindigkeit deutlich reduzieren musste um nicht vom rechten Pfad abzukommen. Ich wollte gerne von ihm wissen, woher er denn diese Sicherheit genommen habe mit seiner Aussage, dass es bald regnen würde. Er zuckte mit den Schultern, deutete auf die Umgebung (frogs), zeigte an, dass er es in der Luft hätte riechen können und das es letztlich einfach so war, so wäre es immer. Nun wären wir mit unseren modernen wissenschaftlich-analytischen Methoden sicher in der Lage, diesen heran fliegenden, später einsetzenden Regen ebenfalls zu erkennen. Wir hätten mit der geballten Kraft unseres technischen Könnens exakt dieselbe Aussage treffen können. Aber wenn es doch auch „aus dem Bauch heraus“ ging? Durch die Erfahrungswerte und die Lebenswirklichkeit der dortigen Menschen seit vielleicht schon 10.000 Jahren gestützt? Wir können also im Umweg über die Wissenschaft Erkenntnissen näher kommen. Wohlgemerkt: näherkommen. Denn natürlich ist die Wissenschaft nicht im Besitz von Wahrheiten. Sie ist im Gegenteil ein Prozess, der davon lebt, scheinbare Gewissheiten immer wieder umzustoßen, Altbekanntes in neuem Licht erscheinen zu lassen. Dabei muss die Wissenschaft auch ihre eigenen, gewonnenen Gewissheiten immer wieder umzustoßen bereit sein. Gewissheiten müssen umgestürzt werden können um neuen Erkenntnissen zu weichen.

Die Mirror Lakes an der Straße zum Milford Sound

In Bezug auf die Erklärung des Erhabenen kommt die Wissenschaft jedoch an ihre Grenzen – ich würde wagen zu behaupten, dass sie nicht das richtige Werkzeug ist. Um die Erhabenheit zu erkennen, suchen wir – das ist der Zielsetzung unserer heutigen Lebensweise geschuldet – dieses Phänomen im Größten, Gewaltigsten. Und tatsächlich taugen die großen Ereignisse, wie tropische Stürme, Hurrikans und Zyklone, Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Tsunamis besser als die kleinen alltäglichen Dinge der Natur dafür, uns eindrücklich die Erhabenheit (und haushohe Überlegenheit) unserer Umwelt vor das Auge zu führen. Es wäre aber fehlerhaft zu glauben, dass diese Empfindungen sich ausschließlich auf von Wildheit und Gewalt begleitete Naturerscheinungen begrenzen lassen würden. Es gibt sicher einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Gesamtheit der Menschen, die die Schönheit und Erhabenheit der Natur auch in den kleinen Dingen erkennen können? Hier wage ich die These, dass es solche Menschen in den nicht industrialisierten Ländern unserer Erde häufiger gibt als in unseren, westlichen Kulturkreisen. Viel zu oft vergessen wir, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Wir verlieren uns zu häufig im Angesicht großer Aufgaben und können gar nicht mehr unterscheiden, ob eine erlebte Situation eigentlich schön war oder nicht. Ein Abend am offenen Feuer im Feld vor der Haustür, den Blick auf die Sterne gerichtet, oder ein Baby vielleicht, das uns irgendwo anlächelt. Gerüche spielen dabei ebenfalls eine große Rolle: der Duft von kaltem Regenwasser auf heißem Asphalt oder das Geräusch von rauem Wind der durch die Blätter pfeift. Oder ein kleiner Vogel, der, benommen vom Zusammenprall mit unserer Fensterscheibe, den wir hochnehmen und der noch einen kurzen Moment auf unserer Hand verweilt, bevor er davon fliegt.

Nach den vielen Reisebeschreibungen der letzten Wochen suche ich nach einem Superlativ, der einem Land gerecht werden soll, dass schon allein durch seine gewaltige Entfernung von unserem Zuhause einen Sonderstatus verdient: Neuseeland. Vieles in meinem beruflichen Leben hat dort begonnen und wird – so sich die Einschränkungen des Coronavirus noch ein paar Monate halten und sich danach das Reiseverhalten der Menschen (hoffentlich) von Grund auf verändert – wohl auch dort enden? Im Jahr 2020 haben wir ganz andere Möglichkeiten, unseren Planeten unter die Lupe zu nehmen. Wir können Daten über das Internet abfragen und so zum Beispiel die Information erhalten, dass es von Deutschlands Mitte bis zur Mitte Neuseelands (geographisch) immerhin bereits 18.500 Kilometer direkte Luftlinie sind. Da keine Airline diese Distanz auf einen Rutsch fliegt, käme noch der Zick-Zack Kurs hinzu, so das mindestens 19.000 Kilometer von Deutschland aus zurück zu legen wären. Allein aus der Distanz entspringt demnach eine gewisse Exklusivität. Kein anderer Platz (auf das Land bezogen) auf der Welt liegt weiter entfernt als Neuseeland. Verständlich, dass man noch immer damit wirbt, dass es das Land am anderen Ende der Welt sei. Wer Lust hat, kann eine Antipodenkarte bemühen und in wenigen Sekunden herausfinden, an welchem Teil der südlichen Hemisphäre man herauskommen würde, wenn man einen Tunnel direkt durch den Mittelpunkt der Erde gräbt. Früher brauchte man dafür einen Globus und viel Geduld, wenn man den korrekten Platz bestimmen wollte.

Rockhopper Pinguine im Milford Sound

Nur so viel: Deutschland hat keine Antipoden! Alles dort unten wäre das Wasser des Pazifiks. Lediglich einige Plätze in Spanien und Portugal haben Entsprechungen auf der anderen Seite der Erde. Am spektakulärsten ist vielleicht die Achse Madrid-Wellington. Zwei Hauptstädte, die sich ziemlich genau gegenüberliegen. Neuseeland hat auf überschaubarer Landesfläche eine beeindruckende Natur zu bieten und ist geprägt von Vulkanen, eiskalten Seen, kochenden Geysiren und kühlen Fjorden sowie von Urwäldern und Schafweiden. Die 187.000 Einwohner zählende Hauptstadt Wellington besitzt einen malerischen Naturhafen und ist umgeben von steilen Hügeln. Aber Neuseeland hat noch mehr zu bieten: Charakteristisch sind die Künstler und Modemacher, die unkonventionelle Stadtplanung sowie die kreative Küche. Die größte und wirtschaftlich bedeutendste Stadt ist Auckland mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern, die größte Stadt der Südinsel ist Christchurch. Neuseeland ist eine ehemalige britische Kolonie und erreichte 1907 den Status einer Dominion. Es ist ein unabhängiger Staat, der die englische Queen als sein Staatsoberhaupt anerkennt, vertreten wird sie durch einen Generalgouverneur. Der neuseeländische Nationalfeiertag ist der 6. Februar, der so genannte Waitangi Day. Er erinnert an den Tag im Jahr 1840, an dem die Briten mit den Maori einen Friedensvertrag in Waitangi schlossen. Die Neuseeländer sind begeisterte Sportler, Nationalsport ist Rugby, aber auch Segeln und Cricket sind sehr populär. Berühmtheit erlangte Neuseeland in den letzten Jahren durch die Filme „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“, die hier gedreht wurden.

Jeder von uns ist sicherlich empfänglich für das Besondere oder einen Superlativ? Wenn man nirgendwohin weiter reisen kann als nach Neuseeland, weckt das natürlich gewisse Begehrlichkeiten? Als ich 1990 anfing, mich konkret mit einer längeren Reise in dieses Land zu beschäftigen, war die klassische Reiseliteratur noch relativ dünn vertreten. Einige mehr oder weniger bekannte Globetrotter hatten ihre Reiseerlebnisse verschriftlicht und als Buch herausgeben lassen. Durch deren Beschreibungen – auch die über deren Motivation – bekam die Doppelinsel im Südpazifik nochmal einen gewaltigen Bonus: viele der ihre Leben auf Reisen verbracht habenden Weltenbummler gaben an, dass sie sich den Besuch von Neuseeland für das Ende ihrer aktiven Reisezeit aufgehoben hätten, um ihre Weltenbummelei mit einem Höhepunkt zu Ende gehen zu lassen. Ich hatte zu dieser Zeit zwar schon umfangreiche Reisen in den Westen der USA gemacht und auch eine sehr intensive Reise nach Australien im Jahre 1989 absolviert, aber trotzdem hatte Neuseeland einen besonderen Reiz für mich. Alle Welt besang die Schönheit der so unterschiedlichen Landschaften dort und zudem gab es – ähnlich wie in Australien – noch eine endemische Tierwelt, die man sonst auf der Welt nicht mehr finden konnte. Die überschaubare Größe des Landes (271.000 Quadratkilometer) ließ Planungen ohne Inlandsflüge zu, denn die „alte“ BRD, an die wir zugegeben zu dieser Zeit alle noch gewohnt waren, hatte ja auch eine ähnlich große Fläche (249.000 Quadratkilometer). Aber schon allein der Vergleich der Bewohnerzahl machte deutlich, wie viel mehr Naturraum in Neuseeland zur Verfügung stand. Während sich bei uns, in der „alten“ BRD 1990 noch 62 Millionen Menschen gegenseitig die Füße platt trampelten, wurde die Einwohnerzahl Neuseelands grade mal mit 4,17 Millionen Menschen angegeben.

Fast 1.700 Meter senkrechter Anstieg

Das ließ den Rückschluss zu, dass Neuseeland eine komplett andere Welt war, eine an vielen Stellen menschenfreie Zone, in der die Natur den Ton angeben würde. Diesbezüglich wurde ich auf der späteren langen Reise, die vom 01.02. – 21.07.1991 dauerte (171 Tage), auch nicht enttäuscht. Die lange Reisezeit allein gibt schon einen Hinweis darauf, dass es sich nicht nur um eine „Urlaubsreise“ gehandelt haben konnte. Ich habe in Neuseeland auch als Photograph und Reisejournalist gearbeitet, für verschiedene Buchverlage Bilder gemacht und Recherchen betrieben (Vista Point und DuMont Verlag) und das Kernstück meiner Arbeit dort war die Erstellung einer Dia-Multivisionsshow, mit der ich zusammen mit meiner damaligen Lebensgefährtin selbständig werden wollte. Bei der Erstellung dieser Multivisionsshow wurde ich hervorragend vom Neuseeländischen Fremdenverkehrsamt unterstützt. Und trotz der enormen inneren Anspannung, die ein solcher mit Risiken verbundener Schritt in die Selbständigkeit bedeutet, hatte ich im Land niemals das Gefühl, dass mir etwas zu viel werden würde. Trotz der „Arbeit“ war ich jederzeit in der Lage, Ruhe und Entspannung zu finden! Natürlich gab es Momente, wo ich genug Zeit hatte, um zur Ruhe zu kommen, aber mir fiel oft etwas ein, was ich unbedingt noch machen wollte. Und trotz der vielen Aktivität und teilweise ständig auf den Beinen konnte ich das Gefühl der individuellen Freiheit jederzeit genießen.

Da ich diese Beschreibung des Landes in einer Zeit schreibe, in der uns das Coronavirus mehr oder weniger gefangen hält, ist es buchstäblich eine Erinnerung an das verlorene Paradies, wenn ich an die Naturräume Neuseelands und die von ihnen ausgehende Souveränität zurückdenke. In unseren übervölkerten zivilisierten Ländern haben viele Menschen ohnehin Hummeln im Hintern. Viele können einfach nicht still sitzen und fühlen sich unwohl, wenn es still wird – dieses Gefühl kennen immer mehr Menschen, vor allen Dingen die hoch beschäftigte Jugend! Es scheint immer schwerer für viele Menschen zu sein, mit sich selbst allein zu sein und sich zu spüren. Alleine zu sein mag vielleicht noch gehen, aber sich zu fühlen und ohne äußere Reize auskommen zu müssen, ist schon schwieriger. Um uns selbst zu fühlen und in Kontakt mit uns selbst zu kommen, brauchen wir Stille und Nichts-tun. In Neuseelands Natur (oder in Naturregionen allgemein) würde dieses unangenehme Gefühl der inneren Leere sich niemals einstellen. Die Köpfe der modernen Menschen und deren permanente Denk-Arbeit (egal über was da nun im Einzelfall nachgedacht wird) sind inzwischen unglaublich dominant und befehlen konstante Stimulation. In jeder freien Minute werden wir mit Information und Ablenkungen berieselt. Es gibt kaum noch einen Ort, in dem wir nicht erreichbar sind und keine elektronischen Geräusche beim Eingang einer Mitteilung auf dem Smartphone unsere Aufmerksamkeit fordert. Je mehr der Mensch aber im Alltag gefordert ist und je mehr auf ihn einprasselt, desto deutlicher wird der Bruch, wenn es still wird um ihn herum. Je stiller die Umgebung, desto mehr nimmt man die Unruhe in sich selbst wahr. Natürlich wird es in der Zukunft weiterhin sehr kostspielig sein, nach Neuseeland zu reisen und viele Menschen werden sich das schlicht niemals leisten können, aber man kann auch hier, in der Heimat, dem Grundgefühl auf die Spur kommen, was uns die naturbelassene Natur bieten kann, wenn man die Unruhe in sich selbst reduziert oder gar ausknipsen kann. Für den Anfang kann man sich mal für 10 Minuten auf einen Sessel oder eine Couch setzen und nichts tun. Kein Buch, kein Handy, kein Computer, kein anderer Mensch sollte dann um einen herum sein. Das wirkliche Nichts soll sozusagen simuliert werden. Dann sollte versucht werden, einfach da zu sein und zu beobachten, wie man sich in seinem Körper fühlt und welche Gefühle da sind. Man muss nichts damit machen, einfach nur wahrnehmen, wie es einem geht. Das kann man dann auf einem Feld oder einem Acker wiederholen. Oder das sitzen an einem Fluss.

Flug über die Südalpen mit einem Wasserflugzeug

Die wissenschaftliche Disziplin der Physik gibt uns eine herrlich einfache Lösung für die Bemessung der Leistung. Leistung ist dort Arbeit pro Zeit. Benötigt Sisyphus zum Beispiel anfangs eine Stunde, um seinen Stein den Berg hinaufzurollen, so ist seine Leistung geringer, wenn er dafür im fünften Versuch zwei Stunden benötigt. Doch wäre damit wirklich schon alles gesagt über die Leistung des Sisyphus? Wohl eher nicht. Ökonomisch betrachtet leistet Sisyphus gar nichts, denn seine Arbeit ist wertlos, seine Kraft verschwendet, sein Output gleich null. Und doch verweigern wir ihm wegen seines Strebens nicht die Anerkennung und sind geneigt, seiner dauernden Mühe Respekt zu zollen. Zumindest diejenigen, die Sisyphus überhaupt kennen. Denn im sozialen Dauerpower Leben der heutigen Tage ist Leistung eine Zuschreibung. Menschen handeln miteinander aus, was sie unter Leistung verstehen, welchen Wert sie ihr beimessen, welche Art von Leistung hochgeschätzt und honoriert wird. Der französische Philosoph Albert Camus hat sich Sisyphus sogar als glücklichen Menschen vorgestellt, weil er die Sinnlosigkeit seines Daseins akzeptierte und sich zum Herrn seiner eigenen Tage aufgeschwungen habe, wurde er für Camus zum Souverän seines selbstbestimmten Lebens. Es ist merkwürdig, dass wir stillschweigend akzeptieren, Leistung ließe sich objektiv messen, beweiskräftig quantifizieren und allgemeingültig ausdrücken. Zum Beispiel in Lohnsummen und Preisgeldern, Zensuren und Rekordzeiten, Intelligenzquotienten und Bruttoinlandsprodukten. Aber die zu einer Zahl verdichtete Leistung widerspricht der Legitimationsgrundlage moderner Leistungsgesellschaften. Schon seit dem 18ten Jahrhundert angetreten gehört die Leistung zu den Grundpfeilern unserer Sozialordnungen.

Wer aus diesen Zwängen entkommen will, muss das Nichts-tun neu erlernen. Somit gibt eine Reise nach Neuseeland auch ungeahnte Chancen zur Selbstreflexion, da man fast ständig von überwältigender Natur umgeben ist. Und genau dieser Punkt, der unfassbar hohe Erlebnis- und Erholungswert, lässt eine Aufarbeitung meiner Neuseeland-Erlebnisse wie eine kaum zu bewältigende Mammut Aufgabe erscheinen. Da ich aber davon ausgehe, dass sich die Welt nicht so schnell wie viele sich das wünschen wieder auf Normalniveau einpendelt, will ich mir Mühe geben und verschiedene Reisen ins Land skizzieren. 1991 gab es noch keine Möglichkeit, seine Bilder digital aufzunehmen, zumindest nicht für mich! Zwar wurde schon 1981 auf der Photokina in Köln eine erste Kamera vorgestellt, die digitale Bilder erstellte, aber es dauerte dann doch noch gute zwei Jahrzehnte, bevor die Welle der digitalen Bilderstellung die Welt förmlich überrollte. Ich habe damals als einer der Hausphotographen der Firma Rollei aus Braunschweig mit zwei Mittelformatkameras und Rollfilm gearbeitet. Auf jeder Filmrolle standen 12 Aufnahmen zur Verfügung, was schon allein erklärt, warum man bei der Bildplanung und die Umsetzung bis zum Druck auf den Auslöser viel mehr Aufwand betrieb als in der modernen digitalen Bilderwelt, in der manche Photographen den Finger nicht mehr vom Auslöser nehmen und Serienbilder schießen um später am heimischen Computer die besten Schüsse auszuwählen. Einen Teil des 1991 entstandenen Materials habe ich später scannen lassen um diese Photos auch in der digitalen Zeit verwenden zu können. Manche, weil sie einzigartig waren und sich bei allen folgenden Reisen – in denen ich mit einer oder mehreren Digitalkameras dorthin flog – solche Motive nicht mehr zeigten.

Als ich am 01. Februar 1991 zum ersten Mal neuseeländischen Boden betrat wusste ich noch nicht, wie nachhaltig sich die folgenden Reise-Monate in meine persönliche Lebenserinnerung eingraben würden. Erst rund 10 Jahre später entdeckte ich in einem Buch des Du Mont Verlages, der die Geschichte des Geschlechtes der Medici und dessen Beteiligung an der Entwicklung der Stadt Florenz zum Inhalt hatte, einen Spruch, den ich vom Autor für Neuseeland übernahm und leicht abwandelte.

Wenn wir zum ersten Mal etwas erleben, auf was wir lange warteten, worauf wir uns freuten, dann glauben wir, die Intensität des erstmalig Erlebten nie wieder vergessen zu können. Dann aber kehren wir zurück in unseren Alltag und das Erlebte tritt wieder in den Hintergrund. In unserem Alltag springt uns dann irgendwann die Erinnerung an das Erlebnis an und wir suchen in unseren Erinnerungen nach diesem Moment um ihn nochmals vor unser geistiges Auge zu holen und uns daran zu erfreuen. Wir finden über den Gedanken auch das Erlebnis wieder, stellen aber entsetzt fest, dass der Zauber, den wir beim ersten Erleben verspürten, der Erinnerung nicht mehr anhaftet. Der Zauber des erstmalig Erlebten ist für immer dahin.

Der Autor des Buches schrieb dann noch den Zusatz: „Florenz ist anders“. Für mich ist das Neuseeland! Nach fast 30 Jahren kam ich mit meiner Reisegruppe am 14. Februar 2020 wieder einmal in Auckland an. Der Zauber der ersten Begegnung von 1991 war noch immer vorhanden und wird sich definitiv niemals aus meinem Erinnerungsraum verabschieden können. Natürlich ist die simple Ankunft am Flughafen von Auckland (der mit Abstand größten Stadt des Landes) noch nichts Besonderes. Wer sein erstes Hotel in der Wirtschaftsmetropole gebucht hat, wird eine stinknormale, 1,4 Millionen Einwohner zählende Großstadt erleben, die sich lediglich dadurch von anderen Städten abhebt, dass sie an einer Engstelle der Nordinsel zwischen zwei Weltmeeren liegt und die Bewohner mehr als in anderen Großstädten eine innige Verbindung zum Meer haben. Der erste Kontakt mit dem lang ersehnten Traumland könnte also durchaus enttäuschend sein? Doch wer sich mit dem Urbanisierungsgrad (Verstädterung) der Länder dieser Welt ein wenig beschäftigt hat, wird wissen, dass in Neuseeland fast 87% der Bewohner/-innen in den dortigen Städten leben! Damit liegt das Naturland Neuseeland auf dem 35ten Platz in der Liste der Länder der Welt! Generell gilt eine Agglomeration von mehr als 10.000 Einwohnern als urban. 2018 lebten – zum Vergleich – 55,3% der Weltbevölkerung in Städten. Die Urbanisierungsrate kann ein Indikator für die Industrialisierung eines Landes sein, hat aber in Neuseeland auch andere Gründe, über die später zu schreiben sein wird. Wenn also 87% der Bewohner bei einer Bevölkerungszahl von (Stand 2018) 4,7 Millionen Menschen in Agglomerationen von mehr als 10.000 Einwohnern leben, bedeutet das, dass lediglich weitere 610.000 Menschen sich den Rest des Landes teilen, welches immerhin eine größere Landesfläche hat als die „alte“ BRD. Mann kann sich Auckland also getrost antun – sobald man aus der Metropole hinaus fährt, wird es besser werden. Teilweise sogar sehr schnell.

Auckland: die Mega-Metropole Neuseelands

Als ich 1991zig die Doppelinsel zum ersten Mal besuchte, waren viele der modernen Probleme des Landes noch nicht einmal im Ansatz denkbar. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch in Neuseeland immer weiter auseinander. 1991zig gab es bis auf wenige Vor-Orte, in die sich die Reichen des Landes zurückgezogen hatten, noch keinerlei Auswüchse, die an die Jet-Set Plätze der restlichen Welt erinnern würden. 2020 haben wir in Pauanui auf der Coromandel Halbinsel stundenlange Spaziergänge durch eine Geisterstadt machen können, in der sich die „Reichen & Schönen“ des Landes ihre persönliche Spielwiese eingerichtet hatten. Zwischen 1991 und 2020 habe ich Neuseeland noch weitere viermal besucht. Immer als Reiseleiter oder Reiseunternehmer: 2 x 1999zig 1 x 2001 und 1 x 2008. Jedes mal hatte sich die Wirtschaft des Landes in eine andere Richtung entwickelt. Und natürlich waren die Absichten, mit denen ich ins Land gekommen bin, immer leicht unterschiedlich, aber besonders die erste Reise war vollkommen unterschiedlich, weil wir uns sehr lange und komplett individuell der „Nase nach“ treiben lassen wollten. Wir haben damals auch ein eigenes Fahrzeug erworben, mit dem wir dann recht mobil in jeden Winkel des Landes kommen konnten, ohne mit schwerem Gepäck auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Eine solche Reise habe ich in späteren Jahren nie mehr machen können, auch wenn ich mich immer wieder bemühte, individuelle Reisen zu machen, ohne den Komfort einer touristischen Gruppenreise in Anspruch nehmen zu wollen.

Es war also ein relativ großes Zeitfenster vorhanden, als ich 1991 die Reise begann. Meine damalige Lebensgefährtin und spätere Mutter meiner großen Tochter und ich hatten zuvor noch eine vierwöchige Rundreise (eine Winterreise!) durch den Westen der USA zusammen mit einigen Reisefreunden unternommen und hatten deshalb beschlossen, nicht in Auckland zu bleiben, sondern sofort in den Süden aufzubrechen. Da wir mit dem Flugzeug reisten, überquerten wir nicht nur Länder, sondern auch andere Zeitzonen. Ich konnte bei früheren Reisen mit den auftretenden Zeitdifferenzen immer sehr gut umgehen, wusste aber, dass meine innere Uhr unerwartete Zeit-Gefühle würde verkraften müssen. Viele Menschen haben Probleme mit diesen Zeitdifferenzen und dem daraus resultierenden Unwohlsein. Man nennt das einen Jetlag. Die innere Uhr stimmt einfach nicht mit der Zeit des neuen Aufenthaltsortes überein. Die gewohnte Abfolge von Hunger, Wach- und Ruhephasen kann dadurch durcheinander geraten. Anhaltende Müdigkeit und andere Beschwerden sind typisch für einen Jetlag. Ein bisschen müde waren wir deshalb schon nach der Ankunft in Auckland und mussten deshalb gleich auf die Busverbindung ins etwa 125 Kilometer entfernt liegende Hamilton umsatteln, da wir den geplanten Zug schlicht verschliefen! Da wir vorhatten, für die Dauer des Aufenthaltes ein Auto zu kaufen, wollten wir schleunigst raus aus Auckland, denn dort war schlicht alles viel teurer als im Rest des Landes. Das ist ein Nebeneffekt der Urbanisierung, der auch schon vor fast 30 Jahren spürbar war. Kostete damals ein Cappuccino an der Theke des kleinen Ladens am Flughafen in Auckland noch 1,70 NZ$, so zahlten wir beim ersten Stopp an einer Servicestation auf dem Land gleich nur noch 0,90 NZ$. Im Prinzip wie erwartet und deshalb wollten wir unseren Wagen auch in Hamilton und nicht in Auckland kaufen. Wir rechneten uns aus, dass wir dadurch bis zu 2.000.- $ würden einsparen können.

Die “City of Sails” ist ein teures Pflaster!

Wir hatten damals zwar auch schon ein gesund entwickeltes Umweltbewusstsein und die Erhabenheit der Natur war uns bekannt, aber wir stellten uns keine Fragen, ob es zum Erwerb eines Autos eventuell Alternativen gegeben hätte! Welche Bedeutung das Auto wohl in Zukunft noch für die Mobilität haben wird, ist heute ein sehr ernst zu nehmendes Thema. Der Wunsch nach Autobesitz wird auch künftig eine Rolle spielen. Und eine große Unternehmung wie die unsrige wäre auch 2020 nicht ohne eigenes Fahrzeug denkbar gewesen. Damit ist es ja auch erfreulich, dass sich diese Frage mir zumindest nie wieder stellen wird.

Nachdem wir unser Auto in Hamilton erworben hatten, fuhren wir nach Waitomo um die dortigen Höhlen der Glühwürmchen zu inspizieren. Die Höhle ist schon eine globale Berühmtheit und wir hatten darüber auch einiges gelesen. Durch die Höhle fließt nicht nur ein Fluss leise und malerisch durch die Dunkelheit, sondern unter der Decke hängen Tausende von kleinen Glühwürmchen, die die sonst so finstere Höhle mit einem bläulich schimmernden Licht erhellen. Die Höhlen von Waitomo wurden über Jahrtausende hinweg von unterirdischen Wasserströmen aus dem weichen Kalkgestein gewaschen. Es hängen beeindruckende Stalaktiten von den Decken und es wachsen über Jahrhunderte von hinab tropfendem Wasser geformte Stalagmiten aus dem Höhlenboden empor. Die zerklüfteten Höhlenwände werden von Galaxien einheimischer Glühwürmchen geheimnisvoll erleuchtet. Diese Glühwürmchen sind in Neuseeland endemisch und dürfen nicht mit den europäischen Glühwürmchen verwechselt werden! Hier sind es die Larven, die leuchten, um Beute in ihre Fangfäden zu locken. Möglicherweise täuscht eine Kolonie von Larven an der Höhlendecke der Beute einen Sternenhimmel vor. Bei unseren europäischen Glühwürmchen glüht die geschlüpfte Mücke. In den meisten Fällen werden die Leuchtsignale ausgesendet, damit männliche und weibliche Tiere zur Paarung zueinanderfinden.

Kolonie von Glühwürchen-Larven in der Höhle von Waitomo

Ich habe in meinem Leben viele Reisen individuell gemacht. Gruppenreisen dagegen habe ich entweder geleitet oder organisiert. Die Frage, die sich viele Menschen oft stellen, ob sie sich nun einer organisierten Gruppe anschließen sollen oder lieber „auf eigene Faust“ verreisen sollen, war für mich nie von Belang. Dass Beides Vor- und Nachteile hat, liegt auf der Hand. Aber in der Regel entscheidet man sich am Ende für eine der beiden Reisearten. Eine solch gewaltige Unternehmung, wie für 6 Monate in ein fernes Land zu reisen, war natürlich nur individuell möglich. Die Vorteile einer individuellen Reise liegen genauso auf der Hand wie die einer geführten Reise in einer Gruppe. Die Vorteile des individuellen Reisens sind unter anderen darin zu sehen, dass man selbst entscheiden kann, welche Stopps man einlegen will und wie lange man wo bleiben möchte. Noch eine Stunde länger an der Kante der Klippe sitzen und auf´s Meer schauen? Gar kein Problem! Wenn das Wetter am Standort seit Tagen unbefriedigend ist? Dann nichts wie ab zum nächsten Busbahnhof und zu einem anderen Ort, der besseres Wetter verspricht. Der individuelle Reiseverlauf kann jederzeit geändert werden, wann immer man das will. Wer es darauf anlegt, kann seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern, weil man auf einer individuellen Reise ganz auf sich gestellt ist und alles selbst organisieren muss. Man kann sich Touren, Hotels & Restaurants selbst aussuchen und Bewertungen vergleichen. Wer in einem speziellen Viertel unterkommen möchte, hat kein Problem, wer individuell reist, hat die (Qual der) Wahl!

Die Vorteile einer Gruppenreise liegen oft darin, dass man in der Hälfte der Zeit in der Regel mehr erlebt als in einer doppelt so langen Reisezeit als Individualist. Dazu muss man sich vor und während der Reise um nichts kümmern. Gerade wer berufstätig ist oder noch nicht so viel Reiseerfahrung hat, hat hier einen großen Vorteil im Vergleich zur selbstorganisierten Reise. Und für alle, die keinen Reisepartner haben und nicht alleine reisen möchten oder das noch nie gemacht haben, ist eine Gruppenreise perfekt geeignet. Wer generell nicht gerne allein unterwegs ist mag es vielleicht lieber, gemeinsam mit anderen ein Land zu erkunden? Geteilte Erlebnisse sind schließlich die schönsten Erlebnisse! In Sachen Reiseplanung muss man sich um nichts kümmern – perfekt also für alle, die berufstätig sind und in ihrem Alltag eh schon zu viel vor dem Rechner sitzen und mit Planung beschäftigt sind. Der Gruppenreisende profitiert von lokalen Insider-Informationen und Tipps während der Reise durch die erfahrenen einheimischen Guides. Es gibt also ein maximales Erlebnis in minimaler Zeit und in kürzester Zeit werden die schönsten Orte des Reiseziels auf der besten Route erkundet. Alle Programmpunkte können bei guter Vorbereitung nahtlos ineinandergreifen. Perfekt also für alle, die mit wenig Urlaubstagen auskommen müssen und trotzdem viel sehen wollen. Und die individuell Reisenden sind oft darüber verärgert, dass Gruppen bei den Sehenswürdigkeiten in der Regel nicht anstehen müssen. Und die Gruppen bekommen – je nach Sehenswürdigkeit – manchmal sogar Zugang zu speziellen Orten, die nur Gruppen vorbehalten sind. Das war in Neuseeland beim Flug auf den Franz-Josef Gletscher besonders praktisch, wo man sich als Individualreisender schon Monate vorher um die Helikopter-Tickets kümmern muss, wenn man diesen Flug machen möchte. Die örtlichen Guides oder der Reisebegleiter können beim Verhandeln helfen und man kann vor Ort weniger leicht über den Tisch gezogen werden. Das macht das Reisen für viele Menschen viel stressfreier. Manche Ziele auf der Welt kann man nur unter Berücksichtigung von speziellen Sicherheitsgründen erreichen, so dass es sinnvoll ist, mit einem Reiseveranstalter unterwegs zu sein.

Reisen in einer Gruppe kann Vorteile bieten

Durch die besonders intensiven Erlebnisse, die ich während der ersten, 6 Monate währenden Reise hatte, haben sich die Dinge besonders intensiv in meinem Gedächtnis eingeprägt, so dass ich später perfekte Routen für Reisegruppen organisieren konnte. Natürlich möchte man – gerade in Neuseeland – an fast allen Plätzen und Orten gerne länger bleiben, aber wenn man so individuell reisen möchte, geht es im Prinzip nur als Individualist. Es ist vollkommen unmöglich, eine halbjährige Reise auf wenigen Seiten Text zusammen zu fassen! Ich habe Ende 2019 zu dieser Reise ein eigenes Buch verfasst und mein altes Skript von 1991 aufgearbeitet. Es geht in diesem Artikel eher darum verständlich zu machen, dass auch 6 Monate Reisezeit nicht ausreichend sind, um ganz Neuseeland zu besuchen, vor allen Dingen dann, wenn man auch noch die dritte neuseeländische Insel – Stewart Island – besuchen möchte. Wir hatten zum Beispiel keine Zeit um auf den Mount Taranaki zu wandern! Der Nationalpark wurde rund um den riesigen Vulkan Taranaki (früher war der als Mount Egmont bekannt) angelegt und bietet beeindruckende Wasserfälle, Regenwälder und moosige Sümpfe. Der Mount Taranaki ist der am perfektesten geformte Vulkankegel Neuseelands. Er ist rund 120.000 Jahre alt. Der letzte Ausbruch war schon im Jahr 1775 und Vulkanologen sind sich darin einig, dass der Vulkan nur schläft und nicht etwa erloschen ist. Wir hatten uns natürlich auch im Rahmen der Möglichkeiten informiert und hatten es deshalb eilig, auf die Südinsel zu kommen. In Neuseeland gehen zwar die Uhren rund 12 Stunden anders, aber die Lage des Landes in der südlichen Hemisphäre bedeutet, dass der Norden eher warm und der Süden eher kalt ist. Und da wir auf der kühleren Südinsel noch deutlich mehr vorhatten als auf der Nordinsel und zudem befürchteten, in eine Art frühen Winter zu geraten, waren wir schon am 10ten Tag der Reise in Picton, auf der Südinsel.

Picton ist ein verschlafenes kleines Nest am Ende der Marlborough Sounds im äußersten Norden der Südinsel, das 1991 noch knapp über der 2.000 Einwohner Marke lag. Und dort, in den Marlborough Sounds haben wir dann die Vorzüge des individuellen Reisens zum ersten Mal so richtig genutzt und sind mit unserem Fahrzeug bei Linkwater auf eine mörderisch buckelige Staubpiste abgebogen und dann fast 100 Kilometer in die Einsamkeit unterwegs gewesen. Die Marlborough Sounds geben auch photographisch so einiges her und ich dachte mir schon, dass es dort für das geplante Projekt der Multivisionsshow einiges an guten Bildern zu holen geben würde. Wir haben uns dann unserer freiwilligen Robinsonade hingegeben und waren überrascht, wie entspannend es war, einmal ohne Zeitdruck unterwegs zu sein. Aber ohne Zeitdruck unterwegs zu sein kann auch bedeuten, dass man sich – unerfahren – in der Zeit verschätzt und am Ende den einen oder anderen Tag „verplempert“, den man an anderer Stelle gerne gehabt hätte, denn auch 6 Monate sind am Ende nicht die Ewigkeit. Am tiefsten in Erinnerung geblieben sind mir die Begegnungen mit den diebischen Weka-Hühnern. Korrekt müsste es eigentlich Wekarallen heißen. Diese einem Kiwi nicht unähnlichen Vögel schienen keinerlei Respekt vor der Überlegenheit der Menschen zu haben! Drehte man ihnen den Rücken, fingen sie sofort damit an, die Utensilien zu durchforsten, die sie erreichen konnten.

Weka Hühner sind “diebische Elstern”

Anfangs fanden wir das ganz amüsant, aber als wir ab dem dritten Tag jeden Abend geradezu neurotisch peinlich unsere Siebensachen sicher verstauen mussten fingen es doch an, ein wenig zu nerven. Wekas leben ausschließlich in Neuseeland, sind also dort endemisch. Wekas lebten früher nur im kalten Regenwald Neuseelands, scharrten dort auf dem Boden und suchten nach Nahrung. Wekas sind sehr neugierig und frech. Sie sind keineswegs dumm, auch wenn man den Vogel mit der Hand fangen kann. Mittlerweile leben die Wekas überall und halten sich besonders gerne dort auf, wo regelmäßig Besucher vorbei kommen. Sie kennen fast keine Scheu und darin ist auch der Grund zu sehen, warum Wekas sie so leicht gefangen werden können. Die ersten Siedler Neuseelands, die Maori, haben sie gerne auf dem Speisezettel gehabt, und heute sind hauptsächlichen Feinde Füchse und Wildkatzen, die von den ersten Siedlern Neuseelands unvorsichtigerweise dort eingeschleppt wurden. Wekarallen waren eine Weile vom Aussterben bedroht und standen auf der berühmten roten Liste. Doch glücklicherweise hat das Volk der Wekas diese Hürde genommen. Neben den großen Papageienarten, wie dem Kea oder dem Kaka, sicher der frechste Vogel Neuseelands. Wenn wir unsere Siebensachen nicht am Abend ordnungsgemäß wegräumten konnten wir sicher sein, dass wir am nächsten Morgen unseren Töpfen, Tüten und anderen Gefäßen hinterher laufen und sie finden mussten. Selbst vor Mundraub waren wir bei den Wekas nicht sicher! Am Abend gefangene, ausgenommene und filetierte Fische, die zum Schutz vor den Wekas in 1,50 Höhe an der Dachreling des Autos festgebunden waren um an nächsten Tag als Mittagessen zu dienen, wurden von den diebischen Wekas in einer konzertierten Aktion gestohlen und widerrechtlich verspeist. Trotzdem haben wir rückwirkend die Zeit in den Marlborough Sounds als paradiesisch bezeichnet.

Und natürlich hatten wir auch vor, so viele Tracks wie möglich in Neuseeland zu laufen, nicht nur den weltberühmten Milford Track, den ja nun wirklich fast jeder Naturfan mal ablaufen will. Die erste Wanderung unternahmen wir im Abel Tasman Nationalpark. Das war sozusagen ein sanfter Einstieg. In der Bundesrepublik Deutschland oder in anderen Industrieländern leben wir heute in einer weitgehend vom Menschen gestalteten Umwelt. Unberührte Natur ist nur noch in unzugänglichen Extremlagen oder in wenigen Schutzgebieten zu finden. Der Mensch hat in unserer ursprünglich vorrangig bewaldeten Heimat über Jahrhunderte hinweg eine Kulturlandschaft mit einer Vielfalt von neuen Lebensräumen geschaffen. Auch das Spektrum der früher in Deutschland lebenden Arten hat sich damit erweitert. Leider hat sich der Mensch aber inzwischen gewandelt und die menschliche Tätigkeit entfaltet eine entgegengesetzte Wirkung. Kulturlandschaften werden ausgeräumt, ihre vielfältige Binnenstruktur weicht gesichtsloser Eintönigkeit. Schlimme Beispiele dafür liefern die Land- und Forstwirtschaft mit großflächigen Monokulturen oder die Wasserwirtschaft mit begradigten Flussläufen. Der Mensch zerschneidet Lebensräume, wenn er neue Verkehrswege baut, oder er beschneidet sie, wenn sich Städte in ihr Umland hinein fressen. An diese Szenarien sind wir „zuhause“ gewöhnt, ist es da nicht verständlich, dass sich eine Vielzahl von Menschen gerne einmal wieder in die Natur zurück begeben würde? Die Wanderwege Neuseelands bieten eine solche Flucht in eine längst vergangene Welt.

Urlandschaften am Dusky Track

Neuseeland macht es all denen nicht leicht, die die Schönheit (Erhabenheit) der Orte und Plätze dort noch erkennen. Überall würde man eigentlich viel mehr Zeit benötigen, als man hat. Mit seinen goldenen Sandbuchten, dem blitzblauen Wasser und dem unberührten, üppig bewachsenen Hinterland ist der Abel Tasman Nationalpark zurecht einer der meist besuchten Nationalparks in Neuseeland. Und natürlich haben wir bei dem großen Zeitpolster im Jahre 1991 den gesamten Abel Tasman Coast Track gemacht, waren vier Tage und drei Nächte unterwegs. Solche Unternehmungen kann man aber als „normale“ Reisegruppe mit breitem Schwerpunkt nicht machen, das wäre dann speziellen Wanderreisen vorbehalten. Ich bin erst 2020 wieder in den Abel Tasman Park zurück gekommen und habe – da hatte sich viel verändert – meine Reisegruppe für einen halben Tag auf den Abel Tasman Coast Track geschickt. Früher war definitiv nicht alles besser, aber der Tourismus in Neuseeland hat sich seit 1991 gefühlt verzehnfacht! Seit auch die asiatischen Länder auf den Zug des Turbo-Kapitalismus aufgesprungen sind und immer mehr Menschen in diesen Ländern Wohlstand generieren, tauchen verständlicherweise auch Menschen aus Asien im Land auf. Meistens als Gruppen, doch manche auch als Individualisten.

Der Vorteil der Individualreise, dass man sein Zeitkontingent jederzeit neu managen kann hat uns bei der beschriebenen 1991er Reise in die Lage versetzt, Leute kennenzulernen und die Bekanntschaften zu vertiefen. Da ich ja nur teilweise privat sondern auch beruflich unterwegs war, hatte ich bis zur Ankunft an der legendären Westküste der Südinsel des Landes schon mindestens 20 neue Kontakte und Visitenkarten in meiner Reisetasche. Im Buller Tal haben wir ein englisch/deutsches Ehepaar mit vier Kindern kennengelernt, die uns teilweise tief in verborgene Ecken der Region geführt haben. Bevor ich also endlich am 31ten Tag der Reise auf den Landschafeindruck stieß, für den ich diesen Reisebericht schreibe. Ich hatte mich vorbereitet und dachte zu wissen, was kommen würde. Zudem war ich zwischen 1986 und 1989 schon dreimal auf Island unterwegs gewesen. Ich hatte schon Gletscher in den Alpen oder Norwegen oder eben auf Island gesehen. Der unfassbare Vatnajökull, der mit weitem Abstand größte Gletscher Europas hatte mich mehr als beeindruckt. In der Gletscherlagune Jökulsárlón an der Südküste Islands war ich – damals noch mit einer kleinen Nussschale im Vergleich zur Größe der heutigen Boote – zwischen haushohen Eisbergen in allerlei Farben herumgefahren worden. Ich war im Prinzip vorbereitet. Aber alle Theorie, alle Betrachtung von Photos ist nicht genug, wenn man dem Original gegenübersteht. Am Anfang dieses Artikels verwendete ich die Bezeichnung des „auf sein Menschsein zurückgeworfen Werdens“. Ich denke heute, wo ich mein aktives Reiseleben durchdenke und darüber berichte, dass der dann folgende Moment zu den Top 3 Dingen meines Reiselebens zählt. Wenn ich mich irgendwann einmal würde festlegen müssen, welcher Moment der Größte war, hätte der Moment an der Westküste der Südinsel gute Chancen, den Titel des „absoluten Highlight“ für sich zu beanspruchen. Ich möchte mich aber nicht festlegen!

Gletscher und neuseeländischer Urwald berühren sich

Ich wusste, dass es dort an der Westküste der Südinsel eine von zwei Möglichkeiten unserer Welt zu bestaunen gibt, in den zwei Landschaftsphänomene zusammen kommen, sich berühren und miteinander verschmelzen, die es im Prinzip nicht zusammen oder auch nur nebeneinander geben dürfte. Die Wälder Neuseelands wirken nur auf den ersten Blick wie ganz gewöhnliche Wälder, wie sie auch an der Westküste der USA oder Kanadas vorkommen. Doch auf den zweiten Blick sind sie komplett anders. Fast die gesamte neuseeländische Vegetation in den ursprünglich gebliebenen Waldgebieten ist endemisch und existiert somit nur dort. Hier gibt es Regenwälder, riesige Baumfarne, noch nie gesehene Palmen, Flechten, Moose und Lianen und uralte Kauri-Bäume. Ein neuseeländischer Urwald fühlt sich an, als ob pure Lebensenergie aus ihm strömen würde. Diese extrem dicht aufeinander wuchernden Pflanzen erwecken das Gefühl, dass man sich in einen Abschnitt des brasilianischen Amazonas Regenwaldes verirrt hätte. Nie zuvor sah ich einen Wald, der mir im dem Moment, in dem ich ihn betrat, tiefer unter die Haut wuchs, wie der in Neuseeland. Immer wenn ich die größten der darin wachsenden Bäume gesehen habe, mögen es Kauris oder Rimus oder andere endemische Bäume gewesen sein, spielte wie von Zauberhand der Song von Alexandra aus dem Jahr 1967 in meinem Kopf: Mein Freund der Baum.

Text?

Ich wollt dich längst schon wieder seh’n
Mein alter Freund aus Kindertagen
Ich hatte manches dir zu sagen
Und wusste du wirst mich versteh’n
Als kleines Mädchen kam ich schon
Zu dir mit all den Kindersorgen
Ich fühlte mich bei dir geborgen
Und aller Kummer flog davon
Hab’ ich in deinem Arm geweint
Strichst du mit deinen grünen Blättern
Mir übers Haar mein alter Freund
Mein Freund der Baum ist tot
Er fiel im frühen Morgenrot


Du fielst heut früh ich kam zu spät
Du wirst dich nie im Wind mehr wiegen
Du musst gefällt am Wege liegen
Und mancher, der vorüber geht
Der achtet nicht den Rest von Leben
Und reißt an deinen grünen Zweigen
Die sterbend sich zur Erde neigen
Wer wird mir nun die Ruhe geben
Die ich in deinem Schatten fand
Mein bester Freund ist mir verloren
Der mit der Kindheit mich verband
Mein Freund der Baum ist tot
Er fiel im frühen Morgenrot
Bald wächst ein Haus aus Glas und Stein
Dort wo man ihn hat abgeschlagen
Bald werden graue Mauern ragen
Dort wo er liegt im Sonnenschein
Vielleicht wird es ein Wunder geben
Ich werde heimlich darauf warten
Vielleicht blüht vor dem Haus ein Garten
Und der erwacht zu neuem Leben
Doch ist er dann noch schwach und klein
Und wenn auch viele Jahren geh’n
Er wird nie mehr der selbe sein
Mein Freund der Baum ist tot
Er fiel im frühen Morgenrot

Der Mensch lernt leider nichts dazu! 2020 war einer der schockierendsten Momente die Fahrt von Picton nach Kaiteriteri, von wo aus wir den Abel Tasman Park besuchten. Ganze Berghänge waren vom Urwald befreit und mit schnell wachsenden amerikanischen Kiefer-, Fichten- und Pinienarten bepflanzt worden. Unser Freund der Baum? Bleibt tot! Und auch das eigentlich Sensationelle der im Folgenden beschriebenen Begegnung werden die Reisenden der heutigen Tage nicht mehr erleben können. Da hilft es auch wenig, dass die neuen Reisenden die Bedingungen akzeptieren, die sie vorfinden. Es hallt ja nach wie vor einen staunendes Raunen um die Welt, wenn alte Zeitzeugen von der Begegnung und Verschmelzung des Eises mit dem Urwald sprechen. Ich war gespannt und wartete auf diesen Moment. Als er dann kam, hob es mich förmlich aus der Verankerung. An einer Biegung der einzigen Straße an der Westküste – wir waren vorher schon viele Kilometer durch diesen unfassbaren Urwald gefahren – blitzte plötzlich ein helles Blau durch das Grün hindurch. Wir hielten den Wagen an und gingen etwa 500 Meter in den Urwald hinein und durften eines der großen Wunder dieser Welt bestaunen. Das hellblaue Eis des Franz Josef Gletschers kam in seiner Gletscherzunge bis zum Urwald hinab. Das Eis berührte das Grün des Urwaldes. Es war ein magischer Moment. Unvergessen bis zu meinem letzten Atemzug. Das war sie – die pure Erhabenheit, die jeden feinsinnigen Menschen derart in den Bann schlug und ihn auf sein pures, kleines Menschsein zurück warf! Aber auch weniger Feinsinnige wurden davon stark berührt. Nur die ganz harten Hunde, die sich leider fast ausschließlich in den Spitzen von Politik und Wirtschaft befinden, wären davon unberührt geblieben und hätten höchstens gefragt, was der, der da so viel empfand, denn geraucht hätte!

2020 hatte sich der Gletscher weit zurück gezogen

Leider sind es gerade diese Personen, die die Geschicke unserer Welt bestimmen. Ein Establishment, dass unseren Planeten an den Rand des Abgrunds geführt hat und munter immer weiter macht! Der Klimawandel hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Fahrt aufgenommen und die Gletscher dieser Welt schmelzen dahin. Während die Gletscherzungen der kleineren Gletscher um etwa 5 Jahre verzögert auf klimatische Änderungen regieren, beträgt die Verzögerung der großen Talgletscher bis zu 100 Jahre. Um 1900 unterschied sich die Länge der meisten Gletscher in Neuseeland kaum von der der Kleinen Eiszeit. Und auch in den ersten drei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts gab es keine nennenswerten Änderungen. Über das ganze letzte Jahrhundert haben die neuseeländischen Gletscher aber ähnlich an Länge verloren wie andere Gletscher in der Welt. So sind die kleineren Kar- und alpinen Gletscher nahezu auf die Hälfte ihrer Ausdehnung während der Kleinen Eiszeit geschrumpft, während die Talgletscher nur etwa ein Viertel ihrer ursprünglichen Länge verloren haben. Insgesamt wurde die vergletscherte Fläche um ca. 32% reduziert. Die Gletscherzunge des Franz-Josef Gletschers hat sich in den letzten 30 Jahren um fast 5 Kilometer zurückgezogen. Der Gletscher ist dünner und kleiner geworden und 2020 mussten wir einen langen Weg wandern, um überhaupt zu einem Aussichtspunkt zu kommen, der einen Blick auf die Gletscherzunge möglich machte. Von diesem Aussichtspunkt wären es aber noch immer 2 Kilometer bis zum Gletscher gewesen. Da aber das Gelände wegen bestehender Stein- und Baumlawinengefahr gesperrt wurde, mussten es die Teilnehmer der Gruppe bei einem Blick belassen. 2008 befand sich das Gletschertor unterhalb des Aussichtspunktes, also 2 Kilometer weiter vorne. Es ist anzunehmen, dass künftige Besucher dieser Region keine Gletscher mehr sehen werden – geschweige denn die Berührung von Eis und Urwald.

Wir hatten 1991 ja viel Zeit und sind deshalb nicht gleich über den Haast-Pass ins Landesinnere gefahren sondern haben auch Wanderungen im Mount Aspiring Nationalpark unternommen. Dieser Nationalpark wurde nach dem Mount Aspiring, einem der höchsten Berge Neuseelands, benannt und ist ein landschaftliches Paradies voller Berge, Gletscher, Flusstäler und Bergseen. In Queenstown, der neuseeländischen Abenteuerstadt haben wir mehrere Tage verbracht um alle schönen Ecken um die Stadt herum einmal besucht zu haben. Und natürlich – wir waren damals ja noch jung und Abenteuern gegenüber offen – haben wir auch an diversen „Aktivitäten“ teilgenommen, an denen ich heute nur noch über meine Leiche teilnehmen würde. Auch zu dem damals weltweit bei jungen Leuten sehr begehrten Queenstown Combos, genannt Awesome Foursome habe ich mich breitschlagen lassen. Ich habe es definitiv nicht genossen, denn ein Helikopterflug durch die Schluchten hindurch, eine 60 minütige Fahrt mit einem Jetboat, ein Sprung von der 72 Meter hohen Skippers Canyon Bungee Brücke und eine Schlauchbootfahrt auf einem der gefährlichsten Wildwasserflüsse Neuseelands in sechs Stunden waren einfach zu viel für mich. Es ist schön, dass das älter werden auch bedeuten kann, dass man solcherlei Unternehmungen als sinnfrei erkennt. Solche Unternehmungen sind dann letztlich nur zu akzeptieren, weil ein Teil der Erlöse in den Schutz der neuseeländischen Natur und den alten Gebäuden zugute kommt.

Die bekannteste Bungee Brücke Neuseelands: die Kawaru Suspension Bridge

Sehr lang haben wir uns 1991zig im Fjordland Nationalpark aufgehalten. Die Region ist nicht nur eine der schönsten und beeindruckendsten Gegenden Neuseelands, sondern der gesamten mir bekannten Welt. Die Pracht der landschaftlichen Kulissen des Fjordland National Parks ist schwer zu beschreiben. Die bemerkenswerte Landschaft bietet atemberaubende Fjorde, spektakuläre Wasserfälle und schneebedeckte Gipfel. Uralte Regenwälder schmiegen sich an die Berghänge, Wasserfälle stürzen Hunderte Meter tief in gewaltige Fjorde, Seen glitzern in der Sonne und die Granitgipfel sehen heute noch genauso aus wie vor tausend Jahren. Die gewaltige Urlandschaft der Fjordlands hat in der Eiszeit ihre Prägung erhalten, als die Täler von mächtigen Gletschern ausgehobelt wurden. Wegen ihrer Unzugänglichkeit und des extremen Niederschlags von bis zu 7.000 Millimetern pro Jahr ist die Region die größte Wildnis Neuseelands geblieben und bis heute fast unbesiedelt. Nur der Milford Sound ist per Fahrzeug erreichbar und damit direkt zugänglich. Er ist natürlich der bekannteste neuseeländische Fjord. 15 Kilometer lang, sehr eng und von majestätischen Bergen umgeben. Eine wunderschöne – in der Hochsaison aber auch recht befahrene – zweieinhalbstündige Bergstraße führt von Te Anau zum Milford Sound erschließt die Fjordland Regionen. Wer aber noch ein bisschen tiefer eintauchen möchte macht von Te Anau aus Exkursionen zu den anderen Fjorden, wobei nur noch der Doubtful Sound noch per organisiertem Tourismus erreichbar ist (und schon 1991zig war). Die anderen Fjorde kann man nur individuell erleben.

Wie finde ich mich selbst? Das ist wohl eine Frage, die nicht wenige Menschen beschäftigt? Und es ist eine gute Frage, die sich die Menschen oft nur dann stellen, wenn sie zur Ruhe gekommen sind. Durch Stress, zu wenig Zeit für uns selbst und das andauernde sprichwörtliche unter Strom stehen gibt es im Alltag oft zu wenige Möglichkeiten sich diese Frage überhaupt zu stellen. Und durch die vielfältigen Medien wie Fernseher, Internet, Mobiltelefonen kann man sich auch ganz schön selbst verlieren. Man könnte auch sagen, die Welt steht Kopf und die Menschen verlieren den Kontakt im miteinander ebenso wie zu sich selbst. Es geht aber auch der Kontakt zur Natur mehr und mehr verloren. Die Natur, die eigentlich unser bester Verbündeter ist, wenn es um Selbstfindung oder Heilung geht. Die Natur ist der beste Wegweiser zu sich selbst. Die Natur bietet eine Konstante im Leben, welche immer wieder zur Mitte zurück führen kann. Nicht selten, findet Selbstfindung und Selbstheilung daher draußen in der Natur ihren Anfang. Mögen die einen zur spirituellen Selbstfindung nach Indien pilgern, mögen andere Seminare für viel Geld bei Motivations-Coaches bezahlen: wer einmal nur mit dem, was er zum Leben braucht, viele Tage oder Wochen lang durch die Wälder Neuseelands gelaufen ist, erspäht – trotz aller Strapazen – einen Wegweiser zu sich selbst. Wir haben wegen einer lang anhaltenden Schlechtwetter-Periode nicht all unsere Vorhaben im Fjordland umsetzen können, aber den Dusky-Track und den Milford-Track haben wir uns erlaufen.

Wanderung auf dem Milford Track

Speziell der Dusky-Track ist mir in besonderer Erinnerung geblieben! Er war der erste Track, den meine damalige Lebensgefährtin und ich nach dem relativ „geschmeidigen“ und sanften Abel Tasman Coastal Track gemeinsam in Angriff nahmen. Dass es recht hohe Anforderungen geben würde hatten wir gelesen. Aber wir waren damals 22 und 29 Jahre alt, bei bester Kondition und uns ziemlich sicher, das „Ding“ locker zu schaffen! Aber der „Dusky“ ist auch noch heute ein ausgewachsener Wildnis-Track, den nur erfahrene und konditionsstarke Wanderer, denen es gefällt, ein paar Strapazen auf sich zu nehmen und an ihr Limit zu gehen, begehen sollten. Regenfälle können die Route unpassierbar und unter Umständen Wartetage in den Hütten erforderlich machen. Entsprechende Zeit- und Proviant-Reserven sollten eingeplant werden. Die Strapazen waren im Regenrekordjahr 1991 gewaltig und ich habe manchmal befürchtet, dass meine damalige Partnerin den Track nicht überleben würde. Aber am Ende ging alles gut, sonst wäre ich wohl kaum in der Lage, diese Zeilen zu schreiben. Aber das Fjordland und auch die diversen Flüge mit einem Wasserflugzeug über die Gipfel der Südalpen werden wir immer in Erinnerung bleiben.

Zu einer magischen Insel bin ich aber seit 1991 nicht mehr gekommen. Es wird sich wohl auch keine Gelegenheit mehr ergeben, dies noch einmal nachzuholen? Da Vergänglichkeit für mich nicht gleichbedeutend ist mit Schmerz (Ausnahmen bestätigen die Regel), klammere ich mich auch nicht verzweifelt an die Dinge, da sie sich sowieso ständig ändern. Diejenigen, die Angst haben loszulassen, haben im Prinzip Angst, wirklich zu leben, weil leben lernen loslassen lernen bedeutet. Es liegt eine tragische Komik dem emotionalen Festhalten vieler Menschen, denn es ist nicht nur vergeblich, sondern es beschert ihnen letztlich genau den Schmerz, den sie um jeden Preis vermeiden wollten. Die Absicht hinter dem Festhalten ist nicht unbedingt schlecht. Es ist an sich nichts falsch an dem Wunsch, glücklich zu sein! Weil aber das, wonach viele greifen, es festzuhalten versuchen, oft von Natur aus nicht greifbar ist, schaffen sich solche Menschen immer nur Frustration und Leiden. Wenn es doch nicht so einzigartig gewesen wäre! Ich meine die dritte neuseeländische Insel: Stewart Island. Wir hielten uns vom 13.- 30. 04. 1991 auf der Insel auf und ich habe dort mit der Begehung des „Northern Circuit“, des „Southern Circuit“ und der „Tin Range“ in 15 Tagen des (fast) allein Wanderns meinen Meisterbrief in Bezug auf Track Begehung gemacht. Stewart Island ist Neuseelands drittgrößte Insel und liegt 30 Kilometer südlich der Südinsel an der Foveaux Strait.

Die Mason Bay auf Stewart Island

In der Maori Sprache heißt die Insel Rakiura, was das „Land des glühenden Himmels“ bedeutet. Wer das Polarlicht am südlichen Horizont leuchten sieht, der versteht, weshalb dieser Name so treffend ist. Über 85 Prozent der Insel sind Nationalpark und die meisten Besucher kommen zum Wandern hierher. Der dreitägige Rakiura-Track präsentiert alle Einblicke in die Schönheit und Besonderheit der Insel. Nahe der Küste liegt Ulva Island, ein Vogelschutzgebiet, in dem seltene einheimische Vögel vor natürlichen Feinden sicher sind. Schon einmal einen frei lebenden Kiwi gesehen? Auf Stewart und Ulva Island ist es mit ein bisschen Glück möglich, die Nationalvögel in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen. Meine große „Kiwi-Stunde“ schlug an der Mason Bay, als ich dort im Schein meiner Taschenlampe fünf Kiwis sah, von denen ich zumindest zwei brauchbar photographieren konnte. Und auf Stewart Island war es auch, wo ich beschloss, in Zukunft auch ein Photograph zu werden, der digitale Bilder produziert. Meine Mittelformatkamera Ausrüstung wog immer zwischen 15 und 25 Kilogramm, je nachdem wie viele Kameras und Objektive ich mitnahm. An der entlegenen Westküste von Stewart Island traf ich einen der wenigen Menschen, die mir in den 15 Tagen begegneten. Ich war sehr von den Strapazen mit meinem schweren Rucksack gezeichnet und er hatte nur eine kleine Digitalkamera bei sich. Er zeigte mir auf dem Display der kleinen Digitalkamera (sie wog vielleicht 300 Gramm?) durchaus brauchbare Bilder. Diese Begegnung geht in meiner persönlichen Lebensgeschichte als die ein, die den Wandel zur digitalen Bilderschaffe hin eingeläutet hat. Einmal noch nach Neuseeland habe ich mir bei der Vorbereitung zu der am 05. März 2020 zu Ende gegangenen Reise dorthin immer wieder gedacht. Einmal noch nach Neuseeland ist in Erfüllung gegangen, aber einmal noch nach Stewart Island wird ein Traum bleiben müssen. Ein Traum, den ich losgelassen habe. Trotzdem bleibt er präsent, aber ohne Schmerzen zu verursachen.

Nach diesen üppigen Tagen im Fjordland wechselten wir noch zur Ostküste. Wir hatten noch immer viel Zeit und besuchten nicht nur die Stadt Dunedin, sondern vor allen Dingen die unweit gelegene Otago-Halbinsel wegen des Royal Albatross Centre. Albatrosse leben ausschließlich in der südlichen Hemisphäre unserer Erde. Lediglich die auf den Galapagos Inseln (die mir 1991 aber noch nicht bekannt waren) fliegen vielleicht mitunter ein paar Tiere in nördliche Gefilde, da sie ja unmittelbar auf dem Äquator zuhause sind! Es war immer ein Traum von mir, einen fliegenden Albatros abzulichten, doch gelang er mir beim Besuch an diesem Tag nicht, auch nicht bei den beiden Reisen 1999 und auch nicht bei den beiden weiteren Reisen in den Jahren 2001 und 2008. Erst fast 30 Jahre später, am 02. März 2020 konnte ich endlich fliegende Albatrosse in Neuseeland photographieren. Allerdings war der eigentliche Traum schon im Jahre 2012 auf den Galapagos Inseln in Erfüllung gegangen. Beim betrachten der gigantischen Royal Albatrosse stellt sich auch ein Gefühl der Erhabenheit ein. Der Royal Albatros, der bei uns Königsalbatros genant wird, gehört zu den größten Langstreckenfliegern der Welt. Diese Albatros Art wird zwischen bis zu 130 Zentimeter groß und erreicht eine Flügelspanne von 370 Zentimetern. Er wird etwa 7 Kilogramm schwer. Im Flug kann man die dunkle Hinterkante des Unterflügels gut beobachten. Der Schnabel ist leicht rosa gefärbt und hat eine schmale, schwarze Schnabelscheide.

Fliegender Königsalbatros bei Dunedin

Auch die unweit gelegene Kolonie der Gelbaugenpinguine hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei uns. Der Gelbaugenpinguin gehört gemeinsam mit dem Galápagos-Pinguin und dem Dickschnabelpinguin zu den seltensten Pinguinarten der Welt. Er wird als stark gefährdet eingeordnet. Der Grund dafür ist nicht nur die geringe Zahl von 4.400 geschlechtsreifen Individuen, sondern auch das verhältnismäßig kleine Brutgebiet mit verhältnismäßig wenigen Brutkolonien. Der Gelbaugenpinguin erreicht eine Körpergröße von bis zu 76 Zentimetern. Wie bei vielen anderen Pinguinarten variiert das Gewicht während des Jahres sehr stark. Männchen wiegen zwischen 4,4 und 8,5 Kilogramm. Weibchen wiegen zwischen 4,2 und 7,5 Kilogramm. Im Vergleich zum eleganten, größeren aber nur bis maximal 7 Kilogramm schweren Albatros wirkten die Gelbaugenpinguine wie kleine Pummelchen, als sie so durch das Gelände watschelten. Dunedin hat mir persönlich von allen Städten Neuseelands am besten gefallen. Wohl auch deshalb, weil ich Vorlieben für Schottland habe? Dunedin gilt deshalb nicht ganz ohne Grund als ein Highlight der Südinsel. Wegen des schottischen Ursprungs wird die Stadt auch oft als „Edinburgh“ Neuseelands bezeichnet. Dunedin thront im langen Hafenbecken am Fuße von dramatischen Bergformationen. Seine bestens erhaltene viktorianische und edwardianische Architektur macht die Stadt zu einer Perle der südlichen Hemisphäre. Die Unterkünfte sind so vielfältig wie die natürlichen Attraktionen in Stadt und Umland.

Und auch wenn in diesem Kurz-Bericht nur etwa 10% der Erlebnisse skizziert wurden, möchte ich den Artikel langsam zum Abschluss bringen. Da wir 1991 (ich wiederhole es sehr gerne) viel Zeit hatten, sind wir nicht von Dunedin aus auf schnellstem Wege nach Christchurch gefahren, sondern haben nach dem Besuch der Moeraki Boulders eine fünftägige Exkursion in das Hinterland gemacht. Moeraki ist wohl nur wegen seiner Boulders bekannt? Das sind mysteriöse, kugelförmige Felsen, die über einen Strand verteilt sind. Jeder Fels wiegt mehrere Tonnen und ist bis zu zwei Meter hoch. Wissenschaftler erklären, dass die Steine in Wahrheit vor etwa 65 Millionen Jahren entstandene Calcit-Konkretionen sind. Maori-Legenden besagen hingegen, dass die Steine vom großen Reisekanu Araiteuru an Land gespülte Flaschenkürbisse sind, als dieses vor hunderten Jahren vor Neuseeland Schiffbruch erlitt. Es war auf jeden Fall ein mystisches Erlebnis, am frühen Morgen durch diese Kugeln zu laufen und das schöne Licht zum photographieren zu nutzen. 1991 gab es dort weder ein Informationszentrum noch einen Souvenirladen, noch ein Café mit angeschlossenem Restaurant. 2020 gab es das alles und es bestand auch keine Möglichkeit mehr, eine Stunde lang allein durch die Kugeln zu schlendern um sie auf sich wirken zu lassen, da wir uns den Strand mit mindestens 100 anderen Personen geteilt haben. Wenn auch der Mensch ein genetisches Reiseprogramm haben mag, so hängen wohl auch andere Gen-Kräfte in ihm fest?

Das Zentrum von Dunedin am Octagon

Das sieht man ja auch in der aktuellen Situation. Zu Beginn der Corona-Krise haben sich sehr viele Menschen an die die Freiheit einschränkenden Maßnahmen gehalten. Manchmal sogar mehr als gefordert. Das beginnt sich gerade zu ändern. Die Angstforschung spricht von einer Vier-Wochen-Regel, die bedeutet, dass kurz nach einem schweren Ereignis wie einer Naturkatastrophe, einem Terroranschlag oder eben auch einem Virusausbruch stets eine Art Panikreaktion herrscht. Der überwiegende Teil der Menschen hat dann Angst davor, selbst Opfer dieses schrecklichen Ereignisses zu werden. Die Angst ist dann teilweise sogar übertrieben hoch. Nach vier Wochen beruhigt sich das dann wieder und in dieser Phase befinden wir uns gerade. Die Menschen nehmen wieder soziale Kontakte auf. Das menschliche Gehirn steht schlicht unter dem Einfluss des Vernunft-Systems (das das rationale Denken steuert) und einem Angst-System (wie bei den Tieren auch). Das Angst-System dominiert am Anfang einer als gefährlich eingestuften Situation, es nimmt sogar Überhand. In dieser Phase kommt es dann zu Überreaktionen. Das Gehirn schaltet in einen Überlebensmodus. In den ersten Tagen der Corona bedingten Hysterie hat man das Phänomen der Hamsterkäufe beobachten können. Das Hamstern war vor 100.000 und mehr Jahren ja auch ein wichtiger Überlebensmechanismus und der steckt noch immer in unseren Genen. Das „muss man gesehen“ haben höre ich immer wieder bei meinen Mitmenschen. Das aus immer mehr Mündern (jeder will ja in Bezug auf das Erlebte im Leben etwas vorzuweisen haben) immer lauter und schneller wiederholt, unterstützt von den Reise-Veranstaltern und den jeweiligen Zielen (Fremdenverkehrsämter) sprechen dann auch wieder das archaische in uns an! Der Mensch hat Angst, etwas verpasst zu haben, wenn er nicht wenigstens die Hälfte der sogenannten „must have seen“ Ziele gesehen hat.

Fremde Bewegungen stecken fast immer an. Wenn zum Beispiel ein paar Wanderer wie auf ein Kommando hin ihre Rast beenden, dann folgen den Vorläufern in aller Regel die Mitläufer. Dieses Phänomen lässt sich in den unterschiedlichsten Umgebungen beobachten. Angenommen, man schlendert über eine Computermesse. Irgendwo tauchen zwei Verkaufsstände für Computer auf. Vor dem einen Stand stehen zwei Menschen und lassen sich vom Verkäufer etwas vorführen. Vor dem anderen Stand, der unmittelbar daneben liegt, drückt sich eine vielköpfige Traube von Messebesuchern, und jeder in den hinteren Reihen versucht auf Zehenspitzen, einen Blick auf das zu erhaschen, was ganz vorne am Stand vor sich geht. Die zu stellende Frage empfinde ich als eine rhetorische Frage: Wohin würden sich die meisten Menschen wohl wenden? Nur der, der nicht im Gedränge stehen will würde sich für den fast menschenleeren Stand entscheiden. Der überwiegende Teil der Besucher würde die besseren Computer aber am Stand mit dem Gedränge vermuten. Vielleicht sogar 99,9%? Eben, da liegt das Problem! So hat auch Neuseeland eine ungesunde, touristische Massenentwicklung genommen. Auch ich könnte hier als Schuldiger daran gebrandmarkt werden, da ich in unterschiedlichen Berufen stets die Einzigartigkeit dieses Landes besungen und Menschen aktiv dazu gebracht habe, sich dieses Ziels anzunehmen. Aber wir nehmen doch alle nur unsere Plätze ein, die uns unsere Gesellschaften anbieten! So wie viele andere auch habe ich mein berufliches Auskommen im Reise-Sektor gefunden, meine Lebensgrundlage so erwirtschaftet. Kann es also schlecht sein, so zu verfahren? Vielleicht ja, wenn man auf einer erweiterten Ebene des Bewusstseins angekommen ist und bereits bemerkt hat, dass der Mensch immer das zerstört, was er sucht, indem er es findet!

Impressionen

Am Stand der Moeraki Boulders hatte ich so ein Gefühl, dass ich aufhören müsse, den Menschen das Reisen als Teil der Sinnsuche zu verkaufen. Aber wie soll das in einer von wirtschaftlichen, ökonomischen und statistischen Zwängen getriebenen Welt funktionieren, wenn man nicht bald darauf auf der Straße schlafen will? Wer erst auf der Straße schläft, dessen Stimme niemand mehr hören will, auch wenn Erfahrung und zum Teil Weisheit daraus spricht. Was hat es mir persönlich gebracht, dass ich seit 2012 keine Flugreisen mehr angeboten habe, weil ich das Flugzeug als einen der schlimmsten Klimakiller erkannt habe? Nichts, denn diejenigen, die zum meinem Kunden- oder Bekanntenkreis gehörten haben die gewünschten Ziele einfach mit einem anderen Unternehmer erreicht. Es gilt also in der Zukunft das Bewusstsein für das Problem zu schärfen. Ich bin seit 35 Jahren auf dem Globus unterwegs und habe die Veränderungen überall dort mitbekommen, wo ich mich im Abstand von mehreren Jahren aufgehalten habe. Ich habe zwischen 1991 und 2020 das Größenwachstum des Katamarans, der die Gäste auf dem Lake Manapouri zum Doubtful Sound bringt, im Abstand von jeweils etwa 8 Jahren erlebt. Wir müssen wachsen, wachsen, wachsen? Spätestens als ich 2020 am Strand von Moeraki wieder zum Parkplatz der Busse zurück gekommen bin und dort neben unserem Reisebus für die Gruppe, vier weitere Busse standen, dazu noch etwa 50 Autos und mindestens 10 Campmobile war mir klar, dass die Reise-Hysterie wohl nicht mehr anzuhalten ist. Keiner will sein Geld verlieren. Die Schwäche eines ausschließlich von monetärem Denken geprägten Systems zeigt sich auf vielen Ebenen, auch am Strand der Moeraki Boulders.

Stand der Moeraki Boulders

1991 waren wir bereits 98 Tage unterwegs, als wir die Regionen des höchsten Berges Neuseelands – des Mount Cook – von der Ostseite her erreichten und 102 Tage als wir nach Christchurch, dem größten Ort der Südinsel kamen. Der Gedanke an die Vergänglichkeit der Dinge hat sich besonders in dieser einst so schönen und lebhaften Stadt meiner bemächtigt. Der Schriftsteller Thomas Mann wurde einmal gefragt, woran er glaube und was er am höchsten stelle. Er gab diese Antwort:

„Sie werden überrascht sein, mich auf Ihre Frage, woran ich glaube oder was ich am höchsten stelle, antworten zu hören: es ist die Vergänglichkeit. – Aber die Vergänglichkeit ist etwas sehr Trauriges, werden Sie antworten. – Nein, erwidere ich, sie ist die Seele des Seins, sie ist das, was allem Leben Wert, Würde und Interesse verleiht, denn sie schafft Zeit, – und Zeit ist, wenigstens potentiell, die höchste, nutzbarste Gabe.“

So könnte ich dieses Zitat auch für die teils von Hysterie geleiteten Verhaltensweisen der modernen Menschen als auch für die Beschreibung von Christchurch gleichermaßen verwenden. In den Jahren zwischen 1991 und 2008 war ich viermal in dieser so sympathisch wirkenden Großstadt (für neuseeländische Verhältnisse). 1991 habe ich einen halben Tag auf dem Cathedral Square verbracht und – obwohl ich bei der Einteilung meiner zu machenden Photos gut aufpassen musste – es gab damals keinen einzigen Rollfilm für Mittelformatkameras in ganz Neuseeland zu kaufen – ganze fünf Filme von den bunten, und glücklichen Menschen gemacht, die aus aller Herren Länder zu kommen schienen und wo ich viele Ethnien und Nationen ausmachen konnte. Ein Schmelztiegel für alle Menschen. Dazu war Christchurch eine wohlhabende Stadt und erinnerte mich auf eine irgendwie berührende Art an das ebenfalls von mir geschätzte England! Christchurch galt als die „englischste Stadt außerhalb Englands“. Die wunderbar illuminierten Plätze und Gebäude. Wir hatten nach den Wochen des Regens im Westen der Südinsel endlich wieder sonnige Tage mit warmen Abenden. Die Menschen saßen in den Cafés auf der Straße. Es war eine friedliche Stimmung und in einer gewissen Weise auch erhaben! Die großen Gärten, wie zum Beispiel die „Christchurch Botanic Gardens“ waren in herbstlicher Pracht und man konnte stundenlang darin spazieren und sich an den exotischen Gewächsen dort kaum satt sehen. Am Abend spazierten wir Händchenhaltend über den Cathedral Square und die dortige Kathedrale hatte es mir aufgrund ihrer Bauart und der Tatsache, dass sie so weit weg von den Ursprungs-Gebieten des Christenglaubens wie ein Leuchtturm des Abendlandes wirkte, sehr angetan. Mit Stativ und Langzeitbelichtung habe ich dort 1991 viele Aufnahmen gemacht, die mich sehr zufrieden stellten. So war es auch 1999, 2001 und 2008.

Die Kathedrale von Christchurch vor dem 22. Februar 2011
Die Kathedrale von Christchurch nach dem 22. Februar 2011

So war Christchurch bis zum 22. Februar 2011 um 12:51 Uhr Ortszeit! Dann brach dort die Hölle los. Die bis dahin sich als „erdbebensicherste Stadt Neuseelands“ dargestellt habende Ansiedlung wurde Opfer eines Erdbebens der Stärke 6,3 auf der Richter-Skala und alles fiel in sich zusammen. Nochmal Thomas Mann? Die Vergänglichkeit ist die Seele des Seins, sie ist das, was allem Leben Wert, Würde und Interesse verleiht, denn sie schafft Zeit. Als wir 2020 nach Christchurch kamen, war von den Gebäuden, die mich in all den Jahren zuvor begeistert hatten, fast nichts mehr zu sehen. Die wundervolle Kathedrale ein einziger Trümmerhaufen und viele der anderen „englisch wirkenden“ Gebäude waren abgerissen worden. Die Seele des Cathedral Square war heraus gerissen worden und mit ungläubigem Staunen liefen zumindest die drei Personen aus der Gruppe (inklusive meiner Wenigkeit), die schon in Christchurch gewesen waren, durch die Innenstadt. Tand, Tand ist das Gebild von Menschenhand (Theodor Fontane) oder doch die Vergänglichkeit ist die Seele des Seins, sie ist das, was allem Leben Wert, Würde und Interesse verleiht, denn sie schafft Zeit (Thomas Mann). Es ist ein wenig schade, dass die Menschen nicht in der Lage sind, sich von den Vorgaben der Gesellschaften zu emanzipieren. Wie viele kluge, einfache Menschen habe ich kennengelernt, die Dinge von sich gaben, die durchaus mit der Erkenntnis der beiden oben genannten Herren Schritt halten konnten. Aber wer würde sie hören? Nur wenn die Führer einer Gesellschaft jemanden legitimieren, etwas Großes von sich zu geben, darf dies geschehen und es bleibt das Grundproblem, dass nur der, der den Oberen dient, am Leben bleiben darf. Das archaische Prinzip ins uns.

Schönes, verlorenes Christchurch. Tand ist das Gebild von Menschenhand

RR

1 Comment
  • Dagmar Ulsamer
    Posted at 17:59h, 26 April Antworten

    Vergangene Eindrücke und gegenwärte Eindrücke der Erde – beständiger Wandel – auch in uns selbst!
    Noch verweile ich im Lesen deines Buches ” 6 Monate Neuseeland ” mit all dem Gefühlten und Gesehenen deiner Reise 1991.
    Selbst noch nicht dieses weit entfernte Land erlebt, machen mich die Texte deines Buches und nun dein neuer Artikel nachdenklich über die ursprüngliche Natur und die Veränderungen durch uns Menschen!
    Das Entstehen und Sein der Erde und wir Menschenkinder, die einen winzigen Zeitteil auf der jetzigen Welt verbringen dürfen: Dankbarkeit im Tun und Rücksicht durch Nichttun.

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