Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 05 – Rohet Gar bis Ende

Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 05 – Rohet Gar bis Ende

Was bedeutet eigentlich Lebensleistung?

Typisch indischer Empfang im Samode Palast Hotel

Es gilt im Allgemeinen die Definition, dass der, der Lebensleistung fordert, auch gleichzeitig Leistung fordert, und zwar zu primär und nicht sekundär! In der Coronakrise hören wir nun wieder von allein Seiten, dass die Lebensleistung von Menschen honoriert werden müsse. Ein schöner Ansatz und davon gibt es gleich so viele! Einige spielen damit auf die zunehmende Altersarmut an. Das hört sich – vor allen Dingen für die zahllosen betroffenen älteren Mitbürger/-innen zunächst einmal gut und ist sicher auch fundamentierter als viele Dinge, die von anderen in dieser Sache zu hören sind, derzeit. Aber ist es wirklich gut? Wenn man sich die Forderungen und Inhalte genauer anschaut, ist es dann doch wieder nicht so gut! Vielleicht, an einem fernen Tag, werden auch die Entscheider in der Politik einmal erkennen, dass es nicht Voraussetzung allein sein darf, ob man in seinem Leben etwas geleistet hat oder nicht, und Mensch trotzdem eine Rente jenseits der Altersarmut zu bekommen hat, weil er schlicht Mitbürger ist und damit ein Teil dieser Gesellschaft. Erst wenn dieser Tag gekommen ist, wird das Problem der Altersarmut bei uns zu den Akten gelegt werden können. Viele andere von uns selbst geschaffene Probleme ebenfalls. Solange aber immer erst die Vorausleistung der Individuen erfolgen muss, damit die Gesellschaft auch im Gegenzug für diese etwas „geleistet Habenden“ ebenfalls etwas leisten muss, wird sich dieses Thema, wie alle anderen Themen die zur Zeit massive Probleme bereiten, in einer Endlosschleife drehen.

In Bezug auf die Altersarmut sind andere Nationen im Europaraum längst schlauer. Die Niederländer zum Beispiel. Ich würde jedem raten, in jungen Jahren seine Lebensplanung genau dorthin zu verlegen. Damit käme man auch weg von den Kleingeistern in unserem Land, ob sie nun von Rechts oder von Links sich in die Debatten einmischen. Gesellschaft wird von all denen anders definiert, als ich es tun würde. Wer in den Niederlanden gelebt hat, dem steht es zu, sein Leben dort in Würde zu Ende führen zu können, ganz gleich was er geleistet hat, wie das andere bewerten, ob er genug geleistet hat oder nicht. Aber andere können doch eigentlich gar nicht wirklich objektiv bewerten, wie diese „Leistung“ ausgesehen hat? Und es dennoch tun sie es ständig. Eine solche Gesellschaft würde wirklich reich nennen. Unsere nenne ich deshalb arm! Sie kommt eher einem Konglomerat von Menschen näher als einer wirklichen Gesellschaft. Wir leben in einer Markt- und Wettbewerbsgesellschaft – mittlerweile ausschließlich – in der absolut alles einen Preis haben muss und in der nur der wirklich gedeihen und existieren kann, der den Preis auch zahlen kann. Er muss dazu bereit sein und dann erst kann man seine pure Existenz ein „Leben“ nennen. Oft sind solche Gedanken, wie ich sie denke, fehl am Platz, werden angefeindet, bestraft oder von den Etablierten ins Lächerliche verwiesen, auch, weil sie schlicht nicht erwünscht sind. Ich nehme mir die Freiheit, sie trotzdem zu denken. Im Sinne meiner Mitmenschen handle ich mit großer Leidenschaft auch zuwider. Aber das beschriebene hat im Prinzip nur wenig mit dem eingangs angeführten Gedanken zu tun! Was bedeutet nun eigentlich Lebensleistung? Wie kann man das besser definieren?

Nomadenfrau mit einem ihrer vier Kinder

Viele würden vielleicht die Namen berühmter Ärzte nennen, so wie zum Beispiel Christiaan Barnard, weil er es doch war, der zusammen mit seinem Team die weltweit erste Herztransplantation durchgeführt hat. Dadurch wurde den Menschen in die zivilisierten Ländern eine unerhörte neue Möglichkeit der Lebensverlängerung aufgetan! Und da man immer alles tut, um bloß nicht zu sterben, war das schlicht und ergreifend bahnbrechend. Spätestens seit man in Coronazeiten der weltbekannten Jesusfigur auf dem Berg Corcovado in Rio de Janeiro per aufwändiger Licht-Installation einen Arztkittel samt Stethoskop auf den mächtigen Leib gebeamt hat ist es wohl amtlich: der Arzt, der durch Ausübung seines Berufes Leben retten oder verlängern kann und der durch seine Kenntnisse Schmerzen lindern kann, wird zu einer Art Heiligenfigur erhoben. Seine Lebensleistung kann also nun als vorbildlich herangezogen werden. Für die „Gruppe“, für die Entwicklung oder am Ende doch nur für das Individuum? Eine schwierige Gratwanderung und eigentlich nur von denen zu bejahen die sich daran festhalten, dass unsere kultivierte Gesellschaft das Maß aller Dinge ist. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich bin selbst Vater dreier Kinder und hätte in Ausübung meiner Pflicht, dem Nachwuchs die Chance auf ein Leben zu geben, ebenfalls jeden nur vorstellbaren Weg gewählt, um diese Kinder im Leben zu halten. Die Zuneigung zum eigenen Nachwuchs spielt dabei sicher auch eine Rolle, aber der eigentliche Grund ist dann weniger von archaischen Instinkten geleitet: die Jugend ist immer die nächste Generation, es ist eine hohe Aufgabe und Pflicht, den jungen Menschen einen Weg ins Leben zu ermöglichen, in dem sie Dinge dann eventuell besser machen können als alle anderen Generationen zuvor.

Im Falle von starken Schmerzen, die meine noch vorhandene Leistungsfähigkeit ausbremsen würden (eine Leistungsfähigkeit von der auch die Gruppe der Menschen etwas würde haben können), wäre ich bereit, einen Arzt aufzusuchen. Für alle anderen Dinge aber nicht. Meine 91jährige Mutter ist auch sehr entschlossen, auf keinen Fall ihr Leben verlängernde Methoden anwenden zu lassen. Immer wieder höre ich, dass „jedes Leben“ zu schützen sei? Wie aber definiert man „Leben“? Dazu wurden schon wildeste Debatten geführt und jeder beansprucht die Deutungshoheit über diesen Begriff für sich. Die wundervollste Definition zum Thema „wann beginnt das Leben“ habe ich bei den australischen Aborigines erfahren. In einer gewissen Phase, in der die ein Kind in ihrem Bauch tragende Frau in die Zeit kommt, in der erwartet werden kann, dass bald die ersten Bewegungen zu erwarten sind, fallen diese Frauen in eine Art Erwartungs-Trance. Sie nehmen noch wie selbstverständlich an allen Dingen des täglichen Lebens teil, befinden sich auf eine unerklärliche Art aber trotzdem zeitgleich neben oder über sich um diesen Moment nicht zu verpassen. Wenn es passiert, und das erste Bewegen spürbar wird, kommt die Frau aus dem Zustand der Erwartungs-Trance wieder hervor und gibt bekannt, das es gerade dazu gekommen war, dass das Kind sich in ihr bewegte.

Der einzige Mann der Reise der bereit war, seine Frau mit auf das Bild zu holen

Die Ältesten des Stammes (der Familie weil das Wort „Stamm“ immer geistige oder moralische Unterlegenheit ausdrücken soll) kommen dann zusammen und definieren das Totem, dass diesem noch immer ungeborenen Kind zugeteilt wird. Der vielleicht wichtigste Schritt weg vom nur an Raum- und Besitz- oder Familieninteressen geführten Affen in uns, der der Menschheit einen anderen Spielraum für friedliches Zusammenleben möglich gemacht hätte, folgt als nächstes. Durch die Zuteilung eines Totems ist das noch auf die Welt zu bringende Kind danach den anderen Trägern desselben Totems näher verwandt, als Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester. Der Begriff des Totem wird in den westlichen Kulturen gerne als eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zwischen einer Gruppe und einer bestimmten Naturerscheinung beschrieben. Der Begriff muss immer zusammen mit dem Beiwort „mystisch“ genannt werden, damit sich die in ihrer materiellen und militärischen Übermacht lebenden sogenannten zivilisierten Völker auch weiterhin in ihrem Irrglauben, allen anderen überlegen zu sein, bestätigt fühlen können. Der Begriff Mystik bezeichnet in unseren Tagen oft einen religiösen motivierten Ansatz, wenn möglich reiner Religiosität oder Spiritualität ohne politische Einflussnahme. Der Mystiker unserer Breiten soll angeblich die unmittelbare Erkenntnis des Ursprungs oder der Herkunft der Wirklichkeit anstreben, also eine Erkenntnis, die nicht durch Sinnesorgane oder Lehrmeinungen getrübt oder vermittelt wird. Diesen Urgrund deutet er dann folgerichtig als heilig.

Da wir aber in realen Machtverhältnissen leben, wird sich die überwiegende Mehrheit der Menschen, die Schlichtheit und Übersichtlichkeit gepaart mit Einfachheit bevorzugen um ihre Leben zu gestalten, mit solchen Ideen nicht anfreunden wollen. Solcherlei Sinnsuche wird als „spinnert“ gebrandmarkt, wobei die politischen Organe aufpassen müssen, wie sie mit den sogenannten Staatsreligionen umgehen. Denn auch den großen Monotheistischen Weltreligionen liegt zugrunde, dass sie durch Nachdenken unmittelbare Erkenntnis des Ursprungs oder der Herkunft der Wirklichkeit anstrebten oder gar noch immer anstreben. Es gibt demnach die systemkonforme religiös motivierte Suche die durch Nachdenken unmittelbare Erkenntnis anstrebt und die nicht-systemkonforme religiös motivierte Suche. Zweitere wird als fehlerhaft abgelehnt und stigmatisiert. Sind es unbedeutende Naturvölker, wird diese Suche der Lächerlichkeit preisgegeben und als „spinnert“ beschrieben. Wenn Glaube und Macht sich paaren, ist bereits alles verloren. Und selbstverständlich müssen Staaten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Steuerungselementen immer darauf achten, dass ihnen ihre Völker nicht durch die Lappen gehen und am Ende die zum Juniorpartner erhobene Staatsreligion den Laden nicht übernimmt, so wie bei der islamischen Revolution im Iran 1979! Hier hatte das Staatsoberhaupt (Schah Reza Pahlavi) sich als Marionette der Weltmacht Nummer eins am Ende doch zu wollüstig und ordinär an seinem Volk bedient, die Ressourcen des Landes doch zu bereitwillig an andere Länder verhökert, so dass sein Laden am Ende zusammenbrach. Fazit: systemkonforme religiös motivierte Suche & Glauben die dem Herrscher dient = gut, systemkonforme religiös motivierte Suche & Glauben die dem Herrscher nicht dient = nicht gut. Nur der, der den Oberen dient, der darf auch am Leben bleiben oder wachsen. Dieses Grundproblem entspringt dem archaischen aus unserer Mitte und gibt einen Hinweis darauf, dass wir uns als Menschheit vielleicht auch nicht ganz so viel auf das einbilden sollten, was wir erreicht haben. Eine Milliarde Menschen sind von Hunger, Flucht, Krieg und Vertreibung bedroht. Wie formulierte es Albert Einstein: “Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt“.

So lange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt?

Und Albert Einstein meinte damit sicherlich nicht, dass nun jedes Elternpaar seinen Nachwuchs individuell dadurch glücklich machen soll, in dem es für das Kind rote Rosen regnen lässt oder es mit Geschenken bombardiert. Das wären alles nur glückstiftende Dinge, die aus dem „System“ entnommen werden würden. Einstein meinte nicht einmal, dass man sein Kind durch Zuwendung und Aufmerksamkeit glücklich machen soll, weil das in unseren – von Egoismen und monetärem Realitätsdenken geprägten – Tagen nur zu sogenannten Helikopter-Eltern führt, die ihren Nachwuchs erdrücken und in seiner Freiheit beengen. Einstein meinte wohl eher, dass die die Lebensumgebung des Kindes umgebenden Systeme so gestaltet werden müssten, dass es zu einer Art Gesamt-Glück führen würde. Damit wäre die Aussage manifestiert, dass alle Dinge auf der Welt miteinander verbunden sind. Einsteins Aussage ist also nicht einmal nur global, sondern sogar universal zu verstehen. Von solchen Möglichkeiten sind moderne Zivilisationen Lichtjahre entfernt. Sie entfernen sich sogar immer weiter davon, so wie das Universum sich ausdehnt. Abhilfe schaffen könnte der Blick auf Völker, die sich nur bedingt den Zwängen der Welt unterwerfen mussten. Sie haben immer die besseren Ansätze, auch wenn Herz-Transplantationen bei ihnen vollkommen irrelevant sind. Zum Beispiel die Aborigines!

Wenn der Nachwuchs nun nach der Geburt erst in zweiter Linie mit Vater oder Mutter verwandet ist und der erste Verwandtschaftsgrad denen gilt, die demselben Totem zugeteilt wurden, wird es keine Notwendigkeit zu Kriegen um Besitz oder „Volksraum“ für den eigenen Stamm geben. Und auch wenn dieser Aborigine, der meinetwegen – als Beispiel – dem Stamm der Pitjantjatjara im roten Zentrum angehört und seine Verwandten, die im nördlichen Queensland leben, niemals kennenlernen wird, bleibt er diesen doch in erster Linie verwandt. Das entzieht die Gen-Egoismus jede Grundlage. In unseren Kulturkreisen wird dagegen an heimatliche Gefühle appelliert und zugleich die neoliberale Globalisierung gepriesen. Die, die das tun, führen etwas im Schilde, das womöglich für die Bevölkerungen der jeweiligen Länder wenig zuträglich sein wird! Betrachten wir auf der einen Seite die auf die Welt ausgeweiteten hegemonialen Bestrebungen der Länder im Poker um Rohstoffe, um freien Zugang zu Handels- und Versorgungswegen und zur Verteidigung des Wohlstandes sowie zur Durchsetzung des Freihandels. Diese ganzen Vorgänge schüren auch Unsicherheiten und da ist es nur allzu verständlich, dass man für dieses Szenario ein Pendant, ein Gegengewicht zur angstbesetzten Globalisierung braucht. Und da kommt der Heimatbegriff ins Spiel! Wie wäre es mit der These, dass die Menschheit, seit sie sich aus den Savannen Afrikas zum modernen Menschen hin entwickelt hat, alles falsch gemacht hat? Dass sie Fehler auf Fehler aufbaute, kleinere Korrekturen anzubringen versuchte und doch den extrem schädlichen und fehlerhaften Weg des Besitzes und des Wachstums und des erreichten Wohlstands – oft genug aufgebaut auf der irreversiblen Schädigung der Natur und der Zerstörung anderer Völker, die im Gerangel um Macht und Besitz den Kürzeren gezogen hatten, vielleicht weil diese vernünftiger waren? – weiter ging.

Prächtige Räume im Samode Palast Hotel

Dann wären wir im Heute im Prinzip alle unschuldig! Was uns aber nicht aus der Pflicht nimmt, die Dinge erneut zu durchdenken. Auch über die eigene Lebensleistung! Eng damit verbunden wäre dann auch die Frage nach dem Lebenssinn! Ist der Heimatbegriff dabei nicht kontra-produktiv? Mit dem modernen Begriff des Heimatschutzes wird letztlich lediglich eine anthropologisch nachweisbare Eigenschaft des Menschen verleugnet! Der Mensch ahnt seine Fragilität, weiß um seine Zerbechlich- und Endlichkeit. Deshalb strebt er – durch und durch archaisch – eine Existenz in gesicherten sozialen Verhältnissen an. Ein in der modernen kritischen Pädagogik kaum ausgeleuchteter Aspekt ist der des Umgangs mit Emotionen. Gesellschaftskritik bezieht sich fast ausschließlich auf die gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen des Menschen sowie auf seine Rationalität. Wenn er dazu gebracht werden könnte, seine emotionale Heimat in der Welt zu finden, wäre viel erreicht! Wie soll er aber seine emotionale Heimat in der Welt finden können, wenn sich angesichts eines alles in Regie nehmenden Neoliberalismus/Wirtschaftskapitalismus diese Möglichkeit ins unerreichbare verflüchtigt hat? Meiner Meinung nach? Gar nicht! Wir haben uns in unseren individuellen Existenzen und in unseren Gesamtheiten (gesellschaftlich) in Positionen manövrieren lassen, in denen wir, um überhaupt „leben“ zu können, auf viele Dinge angewiesen sind. Jeder Mensch benötigt Luft, Wasser und Nahrungsmittel. Seit vorgeschichtlicher Zeit stellen Menschen Kleidung, Behausungen und Werkzeuge her. Die meisten dieser Güter sind knapp. Das bedeutet, dass sie nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, um die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Oder ihre Herstellung kostet Zeit, die dann nicht für andere Tätigkeiten genutzt werden kann. Und wenn alle ihre kostbare Zeit zwangsweise in Tätigkeiten stecken müssen, die ausschließlich dem „Erwerb“ oder der „Absicherung“ dienen, dann fehlt es schlicht an Raum, um über den Sinn des eigenen Tuns nachzudenken! So dreht sich die Spirale weiter und weiter, als wäre sie eine zumindest mögliche Endlosspirale.

Es gibt aber keine Endlosspiralen. Vielleicht befindet sich das Universum in einer solchen, zumindest gibt uns die moderne Wissenschaft heutzutage eine Idee davon! Der kleine Mensch, der seine Bedeutungslosigkeit einfach nicht wahrhaben will, definitiv nicht. Es geht bei allen Anstrengungen der letzten Jahre, die Umwelt zu schützen doch gar nicht um die Natur! Wenn es uns gelänge, den Ansatz umzukehren? Jetzt in der Coronakrise springen die Völker aus lauter Angst um ihre Leben sofort in die Befehlserfüllung hinein, weil sie sich um sich Sorgen machen! Wir sollten lieber versuchen den Menschen davon zu überzeugen, dass diese Welt, die wir zerstören, uns nicht braucht! Dann wäre die Sorge „direkter“. Nicht die Welt ist bedroht – wir sind es! Diese Welt braucht uns nicht und sie wird sich in einer Million Jahren noch um sich drehen wenn es nicht das geringste Anzeichen mehr dafür gibt, dass es den Menschen einmal gegeben haben könnte. Die Welt schickt ein paar massive Erdbeben, mächtige Vulkanausbrüche und hinterher – sozusagen um den Aufwasch zu machen – eine mehrere Kilometer hohe Tsunami Flutwelle. Dann klatscht sie kurz in die Hände, die Mutter Erde, und es beginnt ein neues Kapitel: ohne uns! Das zumindest haben etliche der gut informierten jungen Menschen begriffen. Diese Erkenntnis kann sich zumindest dort Chancen ausrechnen, in denen ein gutes Bildungsniveau und freier Zugang zu den Informationsquellen möglich ist. Angeblich nutzen heutzutage mehr als vier Milliarden Menschen das Internet. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit Informationszuwachs oder Bildung. Wie viele von den genannten vier Milliarden Menschen die Freiheit des Internet auch in vollem Umfang zur Informationsgewinnung nutzen, ist nicht erfasst.

Besuch eines Marmor Werkes ohne jegliche Sicherheiten für die Arbeitnehmer. We are so many!

Und wenn auch das Internet von der Hälfte der Menschen der Welt genutzt werden kann, gibt es sicher Länder, in denen das Verhältnis ganz anders aussieht! Wie sieht das in Indien aus? Jeder 5,6te Mensch dieser Welt lebt in diesem extrem überbevölkerten Land. 70 Millionen Menschen sollen es laut einer Statistik sein. Das würde bedeuten, dass Indien auf Platz 4 der absoluten Nutzer liegt. Nur in drei anderen Ländern der Welt nutzen noch mehr Menschen das Internet. Auf indische Verhältnisse umgerechnet ist diese Zahl aber längst nicht mehr so beeindruckend: lediglich jede/r 20te Mensch dort hat Zugang zum Internet und nutzt es auch. In Deutschland sollen es 30 Millionen Menschen sein, die die Möglichkeiten des Internet nutzen (zu was auch immer). Das bedeutet, dass jede/r 2,8te Bewohner der BRD das Internet nutzt. Eine gewaltige Macht mit steigendem Potential. Diese Möglichkeit kann nun für sinnvolle Dinge genauso genutzt werden wie für blödsinnige Phrasen. Mehrheitlich sind es blödsinnige Phrasen. In Indien haben die Möglichkeiten, Informationen aus dem Internet zu beziehen, also nur marginale Effekte. Der weitaus größere Teil der dortigen Menschen lebt sein Leben so als wäre diese Entwicklung niemals in den Markt eingeführt worden. Das bedeutet natürlich auch, dass sich sowohl rückständige als auch traditionelle Verhaltensweisen wie zu allen Zeiten dort halten können. Wobei traditionelle Dinge nicht immer negativ sein müssen, wenn auch mehrheitlich gesagt werden kann, dass Traditionen für diejenigen, die sich daran klammern, zur Geißel werden können. Und zwar individuell als auch für die Gruppe. Traditionen zu bewahren bedeutet in der Regel, dem Stillstand zuzuarbeiten. Wer aber eine positive Lebensleitung erreichen möchte, muss dies in der eigenen Entwicklung, in einem wie auch immer gearteten Reifeprozess tun. Ich habe heute Morgen beim Frühstück meine 91jährige Mutter danach befragt, wer denn nach ihrer Meinung eine „echte“ Lebensleistung erbracht hätte.

Da sie als Mädchen und junge Frau noch direkt die Wirren und den Wahn des zweiten Weltkrieges miterleben musste, überraschte mich ihre Antwort nicht: „nur der, der sich für den Erhalt des Friedens selbstlos eingesetzt habe, hätte eine echte Lebensleistung erbracht“. Das klingt dann wieder nach Mahatma Gandhi, und das würde uns wiederum nach Indien zurück führen. Ist denn von Mahatma Gandhi in Indien noch etwas übriggeblieben? Vor etwas über 70 Jahren wurde Mahatma Gandhi in Neu-Delhi ermordet. Der Täter stand der ideologischen Dachorganisation der jetzigen Regierungspartei Indiens sehr nahe. Zwar ist Gandhi als Symbol überall präsent und den meisten Indern/-innen bekannt, aber der Freiheitskämpfer würde sein Land heute kaum wiedererkennen. Indien war im August 1947 unabhängig geworden, und Gandhi starb fünf Monate später. Für die meisten Menschen in diesem Land war das so, als ob ein Kind, das gerade geboren wurde, nach wenigen Monaten seinen Vater verliert. Als Gandhi ermordet wurde, herrschte noch Chaos in dem jungen Staat. Die Teilung des britischen Vizekönigreichs in Pakistan und Indien hatte unvorstellbares Leid und Gewalt hervorgebracht. Millionen Menschen waren auf der Flucht, Hunderttausende wurden auf der Flucht von religiösen Extremisten umgebracht, Hindus, Muslime und Sikhs. Indiens verantwortliche Politiker hatten damals stets betont, dass alle Religionen eine Heimat würden finden können. Aber das reichte nicht. Auch Gandhi hatte das Morden nur zwischenzeitlich stoppen können. Sein Traum von einem vereinten Indien war längst begraben. Aber seine Idee vom friedlichen Zusammenleben der Religionen noch nicht. Am 30. Januar 1948 wollte Gandhi mit seinen Anhängern im Garten seines Hauses, in dem er nur als Gast weile, beten. Gandhi war zwar ein gläubiger Hindu, aber in seine Gebete mischte er stets auch Verse aus dem Koran und buddhistische Gesänge. Das passte nicht allen. Und so war es am Ende ein Hindu-Extremist, der Gandhi erschoss.

Tempelanlage bei Rohet Gar

Man könnte der aktuellen indischen Regierung vorwerfen, sich ein paar Rosinen wie die Säuberung der indischen Flüsse, heraus zu picken und mit Gandhi zu verbinden, aber seine moralischen Botschaften völlig zu ignorieren. Doch der jeweilige Premierminister, gewinnt eine Wahl nach der anderen, indem er den „totalen Sieg“ des Hinduismus propagiert. Viele Inder verehren ihre politische Führung, weil dies ein archaisches Macht-Affen-Instrument einsetzt und im Umweg über die Religion ein „wir Gefühl“ geschaffen hat. Also alles beim alten, alles wie immer? Ist Mahatma Gandhi also nur noch eine Symbolfigur, die Plakate ziert und für politische Botschaften genutzt wird, die aber nur wenig mit ihm und seinen Idealen zu tun haben? Gandhi ist mehr ein abstraktes Ideal für die Inder geworden. Es gibt nur noch wenige Anhänger die so leben wie er es getan hat. Es gibt zwar überall Gandhi-Gesellschaften, es gibt Leute, die ihn verehren, die über ihn schreiben oder seine Bücher lesen, aber wer sich die Meldungen aus Indien anschaut, wird keine Geschichte finden, die direkt von Gandhis Idealen getragen werden würde. Indien hat darin versagt, die großen Ideale und die Beispiele, die Gandhi für das Land gesetzt hat, auch zu verinnerlichen. Auch Indien lebt in dem zerstörerischen Sog der Versprechungen einer vom Kapitalismus geprägten Zeit. Alle kümmern sich nur um die Mehrung des eigenen Wohlstandes.

Gab es denn bei dieser von mir so kritisch reflektierten Indienreise auch einmal einen Moment, in dem ich mich brav weg träumte und nur noch das Indien sah, dass ich sehen sollte? Im Prinzip nein, aber als wir im zweiten Teil der Tour nach Udaipur kamen, waren schon einige Stunden am Stück dabei, in denen man auch mich an der Nase herumführen konnte. Man könnte wie in einem schlechten Reiseführer nun per „copy and paste“ den Text aus den anderen Stadtbeschreibungen einfügen! Denn auch Udaipur zählt zu den Highlights einer Reise durch Rajasthan. Es gilt als besonders romantisch und in der Tat unterscheidet sich die Atmosphäre rund um die Altstadt von anderen Orten Indiens. Es ist wohl in keiner anderen Stadt Indiens leichter, die unerwünschten Sinneseindrücke wie Armut, Elend oder den teilweise unerträglichen Gestank auszublenden. In Udaipur wären arglistige Täuschungsmanöver jedenfalls leichter möglich. Udaipur ist schlicht ein schöner Ort. Die Atmosphäre rund um den See und den City Palast ist sehr entspannt, für indische Verhältnisse fast schon idyllisch, auch wenn es genauso viele Menschen zu viel wie in den anderen Städten gibt. Aber 450.000 Menschen leben trotzdem in der Stadt und damit auch viele Probleme die es überall gibt, sie sind lediglich ein bisschen besser verborgen und die Luft ist eine bisschen besser. Aber an wirklich jeder Ecke gibt es interessante Ausblicke und viele Sehenswürdigkeiten liegen nah beieinander. Der City Palast ist das Wahrzeichen der Stadt. Er liegt am Ufer des Lake Pichola und gilt als der größte Palast Rajasthans. Durch seine Hanglage am See bietet er einen imposanten und unvergesslichen Anblick. Die Besichtigung lohnt sich eher als die des City Palastes von Jaipur. Durch viele kleine, verschachtelte Gänge kommt man immer wieder zu neuen Räumen und Innenhöfen. Die Ausblicke durch die unzähligen kleinen Fernster und von den vielen Balkonen waren photographisch sehr ergiebig, aber – auch wenn das der B. gerne von uns hören wollte – hinterließen bei mir keinesfalls den Wunsch, einen Tag lang Maharadscha zu sein.

City Palast in Udaipur

Das Leben in Udaipur – auch wenn es mehrheitlich ein von Touristen bestimmtes Leben ist – spielt sich in erster Linie rund um den schon vor rund 500 Jahren künstlich angelegten See ab. Viele Hotels und Restaurants werben mit einem Ausblick auf den Pichola See. In der Mitte des Sees befinden sich zwei kleine Inseln mit Palästen. Vom Ersten sind nur Ruinen übrig geblieben, der andere ist heute ein Luxushotel. Das Taj Lake Palace Hotel auf der Insel im See ist dann aber auch das ultimative Märchen, für mich das schönste Hotel, das ich in Indien sehen und wenigstens zum Teil erleben durfte. Der ganze Zauber Indiens dringt diesem geschichtsträchtigen Palast aus allen Poren. Der Service ist perfekt, die Zimmer sind wunderschön eingerichtet, alles ist aus Marmor und die unzähligen Springbrunnen im verwachsenen Innenhof duften nach Rosen. Das Ambiente ist für alle die dort wohnen dürfen, ein Traum. Wir haben den edlen Schuppen leider nur im Rahmen einer Bootsfahrt auf dem See mit einer Kaffeepause im Taj Lake Palace Hotel erlebt, aber ich muss schon sagen, dass man sich hier durchaus verlieren kann. Wir waren in Udaipur ebenfalls in einem sehr guten 4**** Sterne Hotel (das Trident Udaipur), aber da ich meine Reisen niemals als „ultra-hochpreis-deluxe“ Touren verstanden wissen wollte, haben wir auf die Buchung der jeweils besten zur Verfügung stehenden Hotelkategorie bewusst verzichtet. Es hätte den Reisepreis nochmals um mindestens 1.000.- € pro Person nach oben getrieben. Da überlassen wir dies Häuser lieber denen, bei denen der Preis keine Rolle spielt.

Prunk und Protz in einem 5***** Sterne Hotel in Udaipur

Die große Überraschung für mich war die, dass die Innenstadt Udaipurs längst nicht so viele Müllberge aufzuweisen hatte wie Neu-Delhi, Jaipur oder Jodhpur. Nach der Besichtigung des Palastes haben wir uns nämlich wieder frei in Udaipur bewegen dürfen, nachdem uns Reiseleiter B. diverse wichtige Gebäude und Märkte gezeigt hatte. Und bei dieser Gelegenheit habe ich auch die beste „Kuh-Geschichte“ erlebt, die Indien mir bieten konnte. Des Menschen Wille ist ja bekanntlich sein Himmelreich und wenn man auf andere Völker, deren Sitten, Gebräuche und Glaubenssätze nicht mit dem Finger zeigen will muss man schlicht und ergreifend akzeptieren, dass die Kühe den Hindus heilig sind. Punkt! Aber es regt sich schon mitunter ein gewisser Unwille wenn man als Europäer dabei zusehen muss, was diese Rindviecher so alles treiben dürfen! Kühe versorgen die Menschen auch in Indien mit vielen lebensnotwendigen Dingen. Die Lehre der Inder erzählt außerdem davon, dass schon manche Hindu-Gottheit in den Körper eines Rindes geschlüpft und sich in ihm gezeigt haben. Daher kommt es wohl, dass diese Tiere heilig sind und das ist auch der Grund, warum die Inder ihre Kühe fast immer sehr respektvoll behandeln. Eine besonders enge Beziehung zu Kühen hatte – wenn wir B´s. Geschichten einfach mal so hinnehmen wollen – der Hindu-Gott Krishna. Er wuchs laut Legende nämlich bei Kuhhirten auf. Die Mutter aller Kühe nennen die Hindus Kamadhenu. Sie soll Wünsche erfüllen können und heißt deshalb auch Wunschkuh. Die lebenswichtigen Dinge, die Kühe den Menschen spenden, sind die sogenannten Fünf heiligen Gaben. Zum einen das Butterschmalz, das aus der Milch der Kuh gewonnen wird. Hindus brauchen es zum Kochen. Der Mist der Kuh ist in diesem teilweise noch sehr rückständigen Land auch von großer Bedeutung. Die getrockneten Kuhfladen dienen als Brennmaterial. Zudem bietet die Kuh noch etwas delikat Leckeres: ihren Urin den viele Hindus als Heilmittel verwenden. Klar und die Milch kommt in Indien genauso aus der Kuh wie bei uns! Die Milch wird in Indien oft mit Tee vermischt getrunken. Und aus der Milch wird dann auch die fünfte heilige Gabe hergestellt: Joghurt.

Kühe in den Straßen der Altstadt von Udaipur – Bild 01
Kühe in den Straßen der Altstadt von Udaipur – Bild 02
Kühe in den Straßen der Altstadt von Udaipur – Bild 03

Auch anderen Tieren fügen viele Hindus möglichst kein Leid zu. Nicht wenige verzichten sogar auf Wurst, Fleisch und andere Nahrungsmittel mit Bestandteilen von Tieren. Menschen, die sich so ernähren, heißen bei uns Vegetarier und deren Zahl steigt! Mal sehen ob Kühe auch bei uns in näherer Zukunft tun und lassen können was sie wollen? Viele Hindus sind übrigens Vegetarier! Sie glauben, dass Gott in jedem Lebewesen wohnt und das auch die Seele mancher Menschen in einem Tier wiedergeboren werden kann. Diese Menschen müssen in ihrem vorherigen Leben allerdings etwas sehr Schlimmes angestellt haben. Meine Frage, warum ein Mensch denn etwas Schlechtes getan haben müsse um als Kuh wiedergeboren zu werden, konnte der B. nicht beantworten. Kühen geht es im Land auf jeden Fall besser als der Unterschicht der Unberührbaren! Es wäre also im Prinzip eine Status-Verbesserung, wenn man in seinem Folge-Leben die Welt aus großen Kuhaugen würde betrachten dürfen? Es fiel auf, dass in Udaipur mehr Kühe auf den Straßen der Innenstadt unterwegs waren als in den anderen Städten, die wir zuvor besucht hatten. Die Kühe waren überall und behinderten im Prinzip oft den Verkehr. Doch was geschah? Dieselben Inder, die ihre Impulse im Straßenverkehr anderen Menschen gegenüber nicht im Griff hatten und laut schimpfend und wild gestikulierend aufeinander los gingen, waren beim selben Verstoß – wenn ihn nur eine Kuh beging – sanft wie Lämmer, lächelten verständnisvoll, warteten oder machten einen großen Bogen um das Rind. Kühe waren offensichtlich wirklich sehr, sehr heilig.

Protagonistin 1

Mitten in der Altstadt, in den von Menschen vollen Gassen liefen immer wieder Kühe umher. Manche lagen einfach so herum und warteten wohl darauf, dass sie jemand aufheben und nach Hause tragen würde? Andere Kühe standen einfach nur so rum und behinderten – ich nehme an böswillig – den Verkehr. Andere Kühe wiederum spazierten einfach so langsamen Schrittes durch die Stadt, schwangen ihre Hüften, wackelten mit den Po-Backen wie eine hochbehackte Dame auf Shopping Tour auf der Frankfurter Zeil. Als ich mitsamt meiner Kamera nach dem touristischen Pflichtprogramm in die Altstadt Udaipurs verabschiedete, bemerkte ich aufgrund meiner “Höhe“ (nicht Größe) – weil ich weit über die zu 99,9% kleineren Inder/-innen in die Straßen hineinschauen konnte, dass sich eine „Leerstelle“ auf mich zubewegte. Die Straße war komplett mit Menschen angefüllt, nirgends war ein freier Platz zu sehen.. Aber dort, mitten unter ihnen war ein freier Platz, um den die Menschen offensichtlich herum fluteten! Kurz danach konnte ich die Hörner erkennen! Deshalb machten alle Platz! Ein Kuh war dort hinten unterwegs! Ich befand mich in diesem Moment in einem Bereich, in dem viele Obstverkäufer ihre Stände mit viel Fürsorge und Hingabe für den Verkauf ihrer Waren hergerichtet hatten. Gut, Udaipur war zwar auf den ersten Blick etwas „sauberer“ als die anderen Städte, aber der Boden war trotzdem mit Staub und Schlamm bedeckt, weil die Obstverkäufer offensichtlich ihre Waren noch mit Wasser reinigten, bevor sie sie auf die Auslagen legten. Unter einem unprofessionell über einen Kanal gelegtes Brett konnte ich auch eine riesige Ratte erspähen. Entweder haben die Inder ihre Ratten genetisch so verändert, dass diese Tiere das vier oder fünffache Volumen unserer europäischen Durschnittsratten erreichten, oder es war eine andere Art? Eine Bisamratte vielleicht?

Wettlächeln auf dem Markt in Udaipur 01

Der Obststand links von mir verkaufte lecker aussehende grüne Äpfel. Die Kuh kam langsamen Schrittes näher. Im Prinzip wissen die gläubigen Hindus von Udaipur schon, dass so eine heilige Kuh machen darf was sie will. Mitunter machte sie es ja auch. Keiner stellte sich dem Tier in den Weg. Das Rind war eindeutig auf Einkaufstour und beäugte die Früchte mal dieses und mal jenes Ladens. Die lecker aussehenden grünen Äpfel des Verkäufers zu meiner Linken schienen ihr besonders zu behagen. Sie näherte sich dem Stand. Der Junge, der bis dahin an diesem Stand war um kaufwilligen Kunden die Äpfel der Familie zu verhökern bemerkte schnell, dass die Kuh die Äpfel seiner Familie ins Visier genommen hatte. Er wusste auch, dass dir durchschnittliche indische Kuh niemals gewillt ist, für ihre Einkäufe zu bezahlen und das Kreditkartenwesen ist den indischen Kühen vollkommen unbekannt. Der Junge lief in Panik in das Haus hinter dem Stand, wohl um seine Erzeuger zu informieren, dass Ungemach bevorstand? Es eilten daraufhin die Protagonisten 3 (der „Vater“), 4 (die „Mutter“) 5 (die „ältere Schwester) und 6 (jüngere Schwester) aus dem Haus herbei. Die beiden anderen Protagonisten waren ja bereits auf der Bühne: 1 (mit den Äpfeln liebäugelnde Kuh) und 2 (der „Junge“). Die Äpfel lagen auf ein paar schlicht zu so einer Art Verkaufsstand zusammen gezimmerten Brettern. Ich schätze, dass der 2 die Aufsicht über etwa 800 – 1000 grüne Äpfel hatte, als 1 hinzukam und das ausliegende Angebot zu beäugen begann. In fünf bis sieben Reihen lagen die grünen Äpfel so perfekt aufeinander aufgetürmt, dass man den Protagonisten 2 – 6 einen gewissen Ordnungswahn hätte unterstellen mögen. Aber Restindien hätte eher praktische Lebenshilfe zu dem schwierigen Thema Ordnung gebraucht, nicht aber die udaipurianische Äpfelverkäuferfamilie 2 – 6. Bei den grünen Äpfel war es kein Ordnungswahn und damit auch keine Art Zwangsstörung. Vielleicht hatte die 1 eine? Vielleicht setzte das Rindvieh voraus, dass alles zwanghaft in Ordnung gehalten werden müsse und regte sich tierisch darüber auf, wenn etwas nicht aufgeräumt war oder wenn sich etwas nicht an der richtigen Stelle sich befand? Protagonist 3 rezitierte mit erhobener Stimme wohl eine Art Gebet? Die Protagonistinnen 4 – 6 hielten sich noch im Hintergrund, hatten aber die Hände bereits wie zu einem „Namaste“ gefaltet. Wollten sie die Kuh etwa willkommen heißen?

Wettlächeln auf dem Markt in Udaipur 02

Protagonist 1 äugte noch eine Weile und wedelte dabei entspannt mit dem Schweif hin und her. Die Gebete von Protagonist 3 wurden heftiger und nun eindeutig in Richtung Kuh gerichtet. Für meinen scharfen Verstand war zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass Protagonist 1 Appetit auf grüne Äpfel hatte und die Protagonisten 2 – 6 etwas dagegen oder vielleicht sogar dafür hatten? Die Szene war voller Widersprüche. Protagonist stand nun ganz dicht vor den Äpfeln, so dicht, dass man in Coronazeiten hätte diagnostizieren können, dass das Rind nun in der Lage war, die Äpfel zu infizieren. Alle anderen Protagonisten waren nun bei Protagonist 1 und schienen gemeinsam zu beten. Keiner kam auf die Idee, dem unverfrorenen Rindvieh einen beherzten Tritt mit dem beschuhten Fuß in die Weichteile zu verpassen. Als die Protagonistinnen 5 und 6 dem Protagonisten 3 zu nahe kamen, ließ er seine innere Anspannung an den beiden Damen aus und verpasste ihnen in seiner Aufregung einen Schlag mit der flachen Hand gegen den Kopf! Es muss zu seiner Entschuldigung geschrieben werden, dass er diesen körperlichen Verweis der Protagonistin 4, die offensichtlich seine Gattin war, nicht zuteil werden ließ und auch der von Anfang an dabei gewesene Protagonist 2 (der SOHN) wurde nicht behelligt. Warum schlug der Alte seine Töchter und nicht seinen Sohn und nicht das Rind? Die Sachlage war vermutlich zu komplex für mich!

Als die Kuh den Hals reckte, um sich ihren Apfel zu nehmen, kniete Protagonist 3 inbrünstig vor ihr, so als wolle er die Kaufentscheidung von Protagonistin 1 irgendwie beeinflussen? Protagonist 1 hatte sich entschieden. Aber welche Faktoren beeinflussten die Kaufentscheidung der Kuh? Auf den Preis doch wohl eher nicht, denn die Kuh dachte nicht im Traum daran, für die Ware auch zu bezahlen! Waren es die Produktmerkmale? Da hätte Protagonist 1 ober sehr gute Augen haben müssen, denn die in der Auslage befindlichen grünen Äpfel glichen einander wie ein Ei dem anderen. Wenn es Unterschiede gab, waren diese nur marginal und kaum zu erkennen. Die Marke? Die Äpfel waren Einheitsprodukte und wenn die Marke bei der Auswahl von Protagonist 1 eine Rolle gespielt haben sollte, dann nur darin zu erkennen, dass sich Protagonist 1 genau diesen Stand ausgesucht und alle anderen gemieden hatte! Protagonist 3 ahnte wohl, dass er die Kaufentscheidung seines tierischen Kunden nicht beeinflussen konnte, auch wenn er sich als Verkäufer große Mühe in der Kommunikation mit der Kuh gab. Er betete unentwegt das hinduistische Vaterunser! Die Kuh legte beim Raub von Gütern des täglichen Bedarfs wohl am meisten Wert auf die Qualität. Auch die vorbereitende Dienstleistung des Verkäufers (Protagonist 3) schien ihr zu gefallen. Protagonist 1 (Kuh) erkannte traumwandlerisch sicher die Besonderheiten der Produkte von Protagonist 3 und auch, wie diese sich von der Konkurrenz abhoben. Alle Merkmale der grünen Äpfel waren für den Protagonisten 1 interessant und sprachen seine Bedürfnisse an. Protagonist 1 wusste um den Nutzen, den er von dem Produkt haben würde. Jegliches Nachdenken über Preis-Leistungs-Verhältnisse konnte ich mir sparen, denn auch die höchste Höhe des Preises konnte hier nicht über den Kauf entscheiden. Die Kuh hätte auch einen höheren Preis akzeptiert, weil sie ohnehin nicht vorhatte zu bezahlen.

Wettlächeln auf dem Markt in Udaipur 03

Ich denke, dass der emotionale Faktor die größte Rolle bei diesem Schauspiel gespielt haben mag? Protagonist 1 hatte schlicht Vertrauen und Sympathie für diesen Apfelstand. Die Beziehung zwischen Kunde und Anbieter habe ich nicht zur Gänze durchblickt, nahm aber an, dass die bisherigen Treffen zwischen Protagonist 1 und Protagonist 3 intensiv die bisherige Zusammenarbeit unterstrichen. Versuchten die Protagonisten 2-6 durch Gebete ihrem Kunden Kuh Sicherheit zu vermitteln und eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen? Vielleicht hofften sie so, als Rinder wiedergeboren zu werden um endlich mal so richtig „die Sau“ rauslassen zu können im nächsten Leben? „Die Sau“ als Kuh rauslassen zu können klingt doch schon einmal sehr vielversprechend? Vielleicht kaufte Protagonistin 1 gerne Produkte, und suggerierte dadurch eine gute Tat? Die Produktpräsentation der Äpfel war ja auch spitze und begeistere die Kuh zusammen mit dem aufmerksamem Service und der guten Betreuung durch die Protagonistenfamilie 2 – 6. Um das Ranking der Entscheidungsfaktoren von Protagonist 1 habe ich mir viele Gedanken gemacht, aber trotzdem nicht verstanden, warum die heilige Kuh nicht einen der oberen Äpfel nahm? Sie hätte einen von diesen oberen Äpfeln ohne zusätzliche Mühen aufnehmen, entwenden und danach genießen können! Das tat sie aber nicht, sondern bückte sich umständlich zur untersten Apfelreihe hinunter, wählte – nun sehr zielstrebig – ihr Produkt der Begierde aus und zog den Apfel unter allen anderen mit einem Ruck heraus.

Dass alle anderen grünen Äpfel (und ich denke dass es etwa 200 Früchte waren die unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen wurden), die weiter oben lagen, nun durch die fehlende Abstützung der unter ihnen liegenden Apfelkollegen der Schwerkraft folgend in den Schlamm der Straße rutschten und durch eine Art losgetretene Apfellawine auch noch weitere Früchte mitnahmen, ist leicht verständlich. Die Protagonistenfamilie 2 – 6 stimmte zwar ein – so habe ich es interpretiert – Protagonistenfamilie Protestgeschrei an, was aber die Kuh nicht daran hinderte, samt Apfel in geruhsamen Schritten die Straße weiter entlang zu schlendern. Tänzelnd fast, zog sie an mir vorüber, kokett mit ihrem Schwanz wippend verschwand sie bald im Hintergrund der rauschend, flutenden Menschenmassen. Warum machte niemand wenigstens aus diesem kokett wedelnden Schwanz der Kuh eine gute Suppe? Es waren eben andere Sitten und andere Gebräuche in diesem Land. Protagonist 3 (Vater) hatte mittlerweile Protagonistin 4 (Mutter) ins Haus gebellt um allerlei Lumpen und Lappen zu besorgen. 3 schlug weiter seine 5 und auch die 6 während der 4 nur blöde schauend daneben stand und das Glück seiner männlichen Geburt kaum fassen konnte. Nachbarschaftshilfe gab es an diesem Tag auch in Indien! Nachdem die 4 die Lappen und Lumpen herbeigeschafft hatte, beteiligten sich alle Nachbarn bei den Aufräumarbeiten der Protagonisten 2 – 6. Die Äpfel mussten aus dem Schlamm geholt und wieder blitzblank geputzt werden bevor sie erneut auf der Ablage zur Auslage kommen konnten. Langsam beruhigte sich die Szenerie. Von Protagonist 1, dem Rindvieh, habe ich nie wieder etwas gesehen oder gehört.

Wettlächeln auf dem Markt in Udaipur 04

Auf dem großen örtlichen Markt, auf dem ich wieder allein unterwegs sein durfte, hatte ich dann noch einen weiteren „Indien-Höhepunkt“ in Bezug auf diese wundervollen Lächeln, die den Menschen dort ins Gesicht fahren, wenn man ihnen freundlich klar gemacht hat, dass man gerne ein Photo von ihnen machen würde. Nachdem ich die ersten freundlichen Lächeln samt den an diesen Lächeln hängenden Personen im Kasten hatte, sprach es sich offensichtlich herum, dass da ein europäischer Photograph unterwegs war, der es auf indische Lächeln abgesehen hatte? Die dortigen Frauen und Mädchen, die „fast“ männerfrei tätig waren und nur ein paar kleine Söhne oder Brüder zwischen sich duldeten, begannen in die Offensive zu gehen und mich direkt anzusprechen, ob ich den bitte nicht auch ein Bild von ihnen würde machen können. Das waren fast schon tumultartige Szenen und der Menschenklumpen wuchs und wuchs. Udaipur war dann eben doch eine Stadt und nicht zu vergleichen mit den Gepflogenheiten auf dem Land, wo ich körperlich angegangen wurde, als ich Mädchen photographiert hatte. Kein Mann trat hinzu um mir meine Kamera oder wenigstens die darin befindliche Speicherkarte zu rauben! Die Frauen lächelten ungestört! Lächeln gilt ja ohnehin als gesund. Es war auch deutlich zu erkennen, dass es sich hier nicht um das Lächeln eines „Verkäufers“ handelte. Dieses schlichte und doch so einfache Lächeln bewirkte, das all diese Frauen und Mädchen durch ihr Lächeln sympathisch wirkten, was wiederum eine entsprechend freundliche Reaktion von mir auslöste. Der Zauber des kostenlosen Gebens und Nehmens!

Alle Menschen haben doch die genetische Verankerung, dass ein Lächelnder grundsätzlich Gutes im Sinn hat und positiv auf andere zugeht. Dies macht ihn sympathischer und es ist viel einfacher, mit einem lächelnden Menschen in Kontakt zu kommen. Natürlich wirkt sich das auch dahingehend aus, dass ein Lächelnder nur eines im Sinn haben kann: uns zu betören, um etwas von uns zu bekommen. Aber das war hier ganz sicher nicht der Fall. Ich wurde auf diesem Marktplatz so oft angelächelt, dass ich den Reflex, zurück zu lächeln, nicht unterdrücken hätte können! Ich wollte das ja auch gar nicht, weil ich selbst sehr gerne lächle! Dieses nun gegenseitig gewordene Anlächeln schuf eine freundliche Atmosphäre. Natürlich waren am Rande des Marktes auch einige Männer, doch die – was mich völlig von den Socken holte – lächelten ebenfalls wenn sie bemerkten, dass ihre Frauen und Töchter gerade so glücklich darüber waren einen fremdländischen Photographen dazu gebracht zu haben, sich intensiver mit seiner Kamera um deren lächelnde Bedürfnisse zu kümmern. Das diebische Rind war vergessen, hier war meine eigene Spezies freundlich zu mir! Keiner wollte Geld, keines der Mädchen (die sicher über die Möglichkeit verfügten, das Internet zu nutzen) schob mir einen Zettel mit einer E-Mail Adresse zu um dann später die entstandenen Bilder zugeschickt zu bekommen. Der ganze Spaß war nur für diesen einen Moment gedacht!

Wettlächeln auf dem Markt in Udaipur 05

Ich wäre gerne noch ein oder zwei weitere Tage in Udaipur geblieben, aber so ist es eben mit den pauschalen Gruppenreisen! Auch wenn sie noch so individuell und kreativ vorbereitet wurden: die Teilnehmer folgen einem festen Plan und nach der zweiten Übernachtung mussten wir unsere Zelte in dieser – phototechnisch gesehen – ergiebigen Stadt abbrechen. In den letzten Tagen hatte unser Reiseleiter B. keine besonders schlimmen Böcke mehr geschossen. Er wurde war nicht müde, das Hohelied des sauberen und edlen Indien zu singen, aber bis auf den Besuch einer Schule auf dem Land, in der er offensichtlich als gelegentlicher Spender auf den Plan trat und sich dort den Respekt aller Kinder und der Lehrer einforderte, waren keine dumpfen, vom tief verankerten Männerwahn gesteuerte Äußerungen mehr dabei. Wir begannen uns schon Sorgen um ihn zu machen! Hatten wir ihn am Ende gar zum Guten hingeführt? Doch glücklicherweise schwamm er bald wieder elegant in seinen Vorstellungswelten, dass der Mann das göttliche Geschöpf sei. Bei einer längeren Überführungsetappe aus den westlichen Gebieten Rajasthans, als wir aus den Regionen rund um Jaisalmer wieder in zivilisierte Gebiete zurückfuhren, gab er mir dann doch wieder eine schwere Aufgabe! Und zwar die, meine Impulse unter Kontrolle zu halten und meine Faust nicht in sein Männergesicht fliegen zu lassen. Auf dieser Etappe erinnerte sich eine unserer Mitreisenden Damen an den Aufenthalt bei ihm zuhause. Als er gerade von den hinteren Reihen des Busses in seinem weißen Kaftan durch die Reihen spazierte um zu seinem angestammten Reiseleiterplatz ganz vorne zu gehen, richtete diese Dame das Wort an ihn und fragte – völlig ohne böse Hintergedanken, da bin ich mir sicher -, ob er, der B., denn nur einen Sohn habe!

Auch die Männer lächelten ein wenig!!

Er drehte sich mit einem Gesicht zu ihr um, in dem man die Züge der „Verärgerung“ und „Fassungslosigkeit“ zugleich gut erkennen konnte. Dann sagte er mit bebender Stimme, was sie denn mit „nur“ einen Sohn meinen würde? Es wäre ein von Gott gesegneter Mann, weil man ihm einen Sohn geschenkt habe. Ich saß beim Beginn des Gespräches unmittelbar neben ihm auf meinem Platz worin wohl auch der Grund zu sehen war, warum er plötzlich mich und meine ihm bekannte Reproduktions-Quote als Negativbeispiel heranzog. Von der Tatsache, dass auch ich einen „Sohn“ aus erster ehe hatte, der allerdings nicht in meinem Haushalt lebte, wusste er nichts. Dies kann zu seiner Entschuldigung angebracht werden. B. nahm die frech fragende Frau fest in seinen Blick und sagte, dass ich ein armer Mann sei im Vergleich zu ihm, denn ich habe „nur“ zwei Töchter. Und nur das sei ein Grund „nur“ zu sagen wenn man einen Mann nach seinen Nachkommen fragen würde. „Nur“ Töchter zu haben sei ein Grund zur Trauer, ein Sohn könne niemals „nur“ ein NUR sein. Damit – so dachte er – könne er es belassen, drehte sich wieder nach vorne und wollte zu seinem Platz gehen. Er hatte nicht bemerkt, dass sich während seiner Rede meine linke Hand wie die Kralle eines Raubvogels in sein weißes Gewand gearbeitet hatte. Seinen Kaftan hielt ich fest wie mit einer Schraubzwinge. So würde er mir nicht davonkommen, meine Toleranz war ohnehin sehr gebeutelt und soeben hatte er dem Fass den Boden ausgeschlagen.

Als er merkte, dass er nicht vom Fleck kam, drehte er sich zu mir um. Er verstand einfach nicht, warum ich ihn festhielt! Ich musste also deutlicher werden! Mit beiden Händen ergriff ich ihn nun an seinen Hüften, zog ihn mit Bestimmtheit auf meinen Schoß und gab ihm zu verstehen, dass er nicht mehr lebend würde aufstehen können, wenn er uns nicht mit sofortiger Wirkung erklären würde, wie es das jetzt gemeint habe! Er machte ein entnervtes Gesicht, so als ob er uns absprechen wolle, die Schöpfung überhaupt je verstehen zu können, setzte aber dann doch zu einem längeren Vortrag an, der uns alle miteinander über alle Maßen traf, verstörte und uns die Hoffnungslosigkeit der indischen Frauen vors Auge führte. Der Sohn!!! Immer wieder dieser Hype um die Söhne!! Da wir gerade in der Coronazeit leben und viele Menschen vor lauter Angst um ihre eigene Sterblichkeit vollkommen an die Grenzen ihrer Fassung gebracht werden denke ich das man schreiben sollte, dass die Hindus zumindest keine Angst vor dem Tod haben. Zumindest nicht so, wie wir das haben. Für Hindus ist eine Art ewiger Kreislauf des Lebens in Gange. Etwa gleich groß wie die Angst der Menschen in den westlichen Nationen vor dem Tod selbst, ist die Angst des Hindus, nicht korrekt bestattet zu werden, denn nur die korrekte Bestattung sichert ihm die Wiedergeburt in einer höheren Daseinsform. Es ist also die Wiedergeburt und die Gedanken daran, die vom Wahnwitz getriebene Stilblüten des Denkens und Hoffens in die Hirne der Hindus zementieren.

Die Tempelaffen leben auch besser als die unteren Schichten Indiens

Der Tod ist für die Hindus immer gleichzeitig auch ein Neubeginn. Denn er bedeutet für sie nicht das Ende, sondern den Übergang in ein neues (besseres) Leben. Hindus glauben an den Kreislauf des Lebens. Mit dem Tod geht für sie nur ein Abschnitt des Daseins zu Ende. Danach wird die Seele, Atman genannt (kennen viele aus dem Siddhartha), in einem anderen Lebewesen wiedergeboren – in welcher Gestalt, ob als Mensch, Tier, Pflanze oder sogar Einzeller hängt vom Karma ab – also seinen Taten, aber auch Gedanken, Absichten und Sehnsüchten. Je mehr gute Taten ein Mensch während seines Lebens anhäufen kann, desto besser steht es um seine Wiedergeburt. Als Mensch wiedergeboren zu werden, gilt als besonders erstrebenswert. Denn nur dann besteht die Möglichkeit, dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entkommen. Und diese Befreiung von allen irdischen Lasten ist das Ziel des menschlichen Lebens. Es gibt keine Bestattungsrituale, die für alle Hindus gelten. Die Zeremonie kann sich je nach Kaste oder Region unterscheiden. Doch immer wird der Tote zunächst gereinigt. Das ist extrem wichtig, weil nach dem hinduistischen Glauben die Reinigung des Körpers mit der Reinigung der Seele einhergeht. Dafür wird der Leichnam auf einen Stuhl gesetzt und unter fließendem Wasser gewaschen. Danach wird der Tote gesalbt und in schmucklose weiße Tücher gewickelt.

Schließlich wird der Verstorbene auf einem Scheiterhaufen auf einem öffentlichen Platz (in sehr seltenen Fällen auch in einem Krematorium) verbrannt. Hier beginnt sich der eigentliche Grund zu zeigen, warum Indien im Umweg über seine Religion zum frauenverachtenden Staat Nummer 1 der Welt aufstieg! Es muss nach dem Glauben der Hindus nämlich ein Sohn sein, der Erstgeborene am besten, der das Feuer – bei Frauen am Fußende, bei Männern am Kopfende – entzündet. Dann wird der Kopf zerschlagen, um das Atman, die Seele, herauszulösen. Das ist die wichtigste Handlung der Zeremonie. Nur durch die Spaltung des Schädels kann das Atman zum Gott Brahma zurückkehren. Außerdem verdeutlicht es, dass die Seele bereit zur Wiedergeburt ist. Und der Idealfall tritt dann ein, wenn der Sohn den Schädel des Verstorbenen in genau dem Moment zertrümmert, wenn der Körper in der Glut zu Asche zerfällt. Ist dann so eine Art hinduistisches Bingo würde ich meinen. Bis zu zwei Tage dauern die Rituale wenn man einen besonders hohen gesellschaftlichen Stand und viele Söhne hat. Sobald das Feuer entfacht ist, singt ein Priester Gebete. Die Angehörigen umrunden – als Sinnbild für die fünf Elemente – den Scheiterhaufen fünf Mal im Uhrzeigersinn. Spätestens ab dem dritten Tag wird die Asche des Toten in einen Fluss gestreut oder vergraben. Die Zeremonie ist öffentlich, doch Frauen müssen stets etwas abseits stehen. Frauen müssen auch dann etwas abseits stehen, wenn eine Frau auf diese Weise bestattet wird. Für Hindus ist es selbstverständlich das größte Glück, am heiligen Fluss Ganges in der Stadt Varanasi bestattet zu werden. Ob die zu Asche zerfallenen Verstorbenen dieses „Glück“ auch spüren, ist nicht 100% bestätigt, eilt aber durch die Wahrnehmung der Hindus ungefähr so wie der Gedanke an das Paradies bei den Christen oder Muslimen! Die Hindus haben ja wenigstens den konkreten Ganges! Dort wurde ihrem Glauben nach nämlich das Universum erschaffen und dort erlangt die Seele der Hindus Frieden. Wenn der Ganges nicht zur Hand sein sollte, tut es aber auch eine andere Pfütze.

Es gibt Millionen notleidender Frauen und Mädchen im Land

Und wie sieht es aus, wenn kein Sohn zur Verfügung steht? Patriarchat und religiöse Hindu-Traditionen gehen in Indien Hand in Hand. Die Frau wird als dienende Gattin geachtet, sonst aber in ein unterwürfiges Leben gepresst. Frauenemanzipation und Hindukultur sind absolut nicht vereinbar. Nach der Geburt gehört die Frau ihren Eltern, nach der Hochzeit ihrem Ehemann, wenn der Ehemann vor ihr verstirbt und sie nicht aus freiem Willen mit ihm gemeinsam ins Feuer geht, gehört sie bis zum Ende ihrer Tage ihren Söhnen. Diskriminierung der Frau ist ein wichtiger Teil des religiösen Selbstverständnisses der Hindus! Dieses Traumland/Albtraumland ist voller Widersprüche. Es ist Wirtschafts- und Atommacht und unterhält ein ambitioniertes Weltraumprogramm. Frauen sind im modernen Indien durchaus als Managerinnen, Ärztinnen, Ministerinnen, Diplomatinnen, Richterinnen oder Journalistinnen aktiv. Schon vier Jahrzehnte bevor in Deutschland mit Angela Merkel erstmals eine Frau als Bundeskanzlerin antrat, wurde Indira Gandhi Regierungschefin Indiens. Dies ist die eine Realität auf dem Subkontinent; doch eine andere lässt Hunderte Millionen Frauen in Unterdrückung und Sklaverei verharren.

Hindu-Traditionalisten verehren Frauen zwar als dienende Gattinnen und respektieren sie in ihrer Mutterrolle, verweigern ihnen aber jegliche Anerkennung als eigenständige Individuen. Dabei berufen sie sich auf eine Basisschrift der Hindu-Religionen, das auf mündlichen Überlieferungen (männlichen Überlieferungen), die von mehreren Autoren zwischen 200 vor und 200 nach Christus zusammengetragen wurden. Diese Gebote/Basisschrift, die als Wegweiser im Dickicht religiöser, ethischer und sozialer Fragestellungen dienen, haben sich tief in die Psyche der Hindu-Gesellschaft eingebrannt. Zu tief? Jeder kennt den Spruch Geiz frisst Hirn? Wie wäre es mit Religion verbrennt Hirn? Angeblich hat ein gewisser Manu die Basisschrift der Hindus erdacht! Dem großen Manu zufolge ist die Frau schwach, es sei ihre Natur, dass sie die Männer verdirbt. Frauen sollen nicht selbständig handeln dürfen, nicht einmal in den eigenen vier Wänden. Es gilt das Vormundschaftsprinzip: Das Mädchen wird vom Vater kontrolliert, die Frau vom Gatten, die Witwe von den Söhnen. Einem Ehemann wird göttlicher Status zugesprochen: Die Frau hat den Dienst an ihm als ihren persönlichen Gottesdienst zu verstehen – auch dann, wenn er keine guten Eigenschaften besitzt, sie schlägt, betrügt, ausnimmt, vergewaltigt, ihren Besitz mit jungen Huren verschleudert. Nach dem Tod des Ehemannes sollte sie fortwährend Trauer tragen (laut Religionsgründer Manu) oder dem Gatten bei der Verbrennung in die Flammen folgen.

Warum sollte sie ihrem Mann ins Feuer folgen?

Religiös mündig kann eine Frau nicht sein, Mädchen werden deshalb von der Upanayana, einer Art Jugendweihe, ausgeschlossen. In der Kastenhierarchie wird die Frau auf der Ebene der Knechte eingruppiert. Die der Frau zugewiesene Rolle der Dienerin wird auch in anderen für die Hindu-Religiosität bedeutsamen Schriften hervorgehoben. Die Gita zum Beispiel zeigt Wege zur Erlösung der Männer auf und ignoriert die Frau vollständig. Indien ist ein Land, in dem ein religiös-kultureller Raum entstanden ist, in dem Frauenfeindlichkeit gedeiht und trotz der Moderne weiter wächst. Im Umfeld der Hindu-Religionen sind Denkweisen entstanden, nach denen der Mann im Mittelpunkt steht und die Frau nur wenig oder gar nichts zählt. Unzählige Inder haben diese Vorstellungen tief verinnerlicht. Seit Jahrhunderten werden auf dem Subkontinent Frauen diskriminiert, von Bildung ausgeschlossen und aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Ein männlicher Kontrollwahn ließ gerade in ländlichen Regionen das Heiratsalter immer weiter sinken. Obwohl die indische Verfassung die Gleichheit aller Personen garantiert und Gesetze zur Besserstellung der Frau existieren, werden diese von Dorfpotentaten, unteren Ebenen der Justiz und Polizisten immer wieder unterlaufen. In allen traditionell ausgerichteten Familien gelten Mädchen als Bürde. Vor allem in den ärmeren Teilen der Bevölkerung betrachtet man sie als Belastung, denn sie verursachen hohe Kosten (Mitgift). Viele Mädchen bekommen weniger zu essen als ihre Brüder, bei Krankheit dürfen sie nicht zum Arzt gehen, entsprechend niedrig ist ihre Lebenserwartung. Oft werden weibliche Föten abgetrieben, manchmal kann sich eine Hebamme etwas dazuverdienen, wenn sie ein weibliches Baby gleich nach der Geburt umbringt.

Ob auch er einmal dem Männer-Wahn anheim fällt?

Ein fortgesetzter Femnizid!

Und wenn eine Familie nun keinen Sohn hat? Wenn die Familie „nur“ Töchter hat? Indien ist ein Land in dem männliche Überlegenheitsphantasien konsequent und über den Tod hinaus ausgelebt werden! Wenn kein Sohn zur Verfügung steht, der die Asche der Verstorbenen – nachdem diese noch einmal mit allen Elementen in Berührung gekommen ist – sondern nur eine Tochter, dann wird nicht nur der Kreislauf der Wiedergeburten unterbrochen, sondern die gesamte Vor-Existenz der Familie wird ausgelöscht, so als hätte niemals etwas existiert. In einer Gesellschaft, die Frauen als Dienerinnen des Mannes betrachtet, Söhne verhätschelt und Töchter vernachlässigt oder tötet, ist es kaum verwunderlich, dass Frauen, die es wagen, den häuslichen Schutzraum zu verlassen, als Freiwild betrachtet werden. Sexuelle Belästigung, Bedrohung und Vergewaltigungen – oft verbunden mit der Tötung der Frau – sind Mittel, um Frauen zu disziplinieren und sie aus dem öffentlichen Raum herauszuhalten. Männliche Machtpositionen sollen so gesichert werden. Im ländlichen Raum bekommen die Täter noch immer Rückendeckung von Polizei und Justiz. Spektakuläre Fälle wie die Vergewaltigung und Ermordung einer ausländischen Studentin im Jahr 2012 oder steigende Übergriffe auf Touristinnen haben weltweit für Aufsehen gesorgt und in Indien Massenproteste ausgelöst. Vor Gericht gaben die Täter Einblicke in ein – aus westlicher Sicht – abstruses Wertesystem, das Frauen die Schuld an einer Vergewaltigung selbst zuweist. Traumland und Albtraumland zugleich! Oder doch eher ein Albtraumland?

Besuch eines Tempels mit Tempelaffen und Hohepriester

Ganz ruhig ganz souverän und ohne Scham erläuterte uns Reiseleiter B., nachdem ich ihn unsanft dazu gezwungen hatte, endlich den wahren Grund für den indischen Wahnsinn! Es waren diese Einlassungen von ihm, die mir am tiefsten in die Glieder fuhren. Nachdem er geendet hatte, stellte er sich – befreit von meinem Klammergriff – wieder auf die Füße und blickte seine Gruppe mit einem Blick an der uns zu verstehen gab dass er dachte, dass wir es jetzt endlich alle kapiert haben müssten? Drehte sich um, setzte sich und fuhr mit seiner Reiseleitung so fort, als ob nichts geschehen wäre. Wir hatten es begriffen – jeder auf seine Weise. Ich war noch recht angeschlagen von dem Gedankenwirbel der seit diesen Erklärungen des B. meine Sinne erfasst hatte, als wir an einer Tempelanlage hielten, in der ein international Bekannter hinduistischer Mönch seine Dienste versah. Nachdem wir im Vorhof des Tempels die dortigen Tempelaffen gefüttert und photographiert hatten, wurden wir von einem sehr jungen Mönch durch den Tempel geführt. Der junge Mönch blickte während der Übersetzungspausen, in denen uns Reiseleiter B. seine Erklärungen verständlich machte, immer wieder so salbungsvoll zu mir hinüber. Mir kamen die Einlassungen meines Adjutanten wider in den Sinn. Sollte der junge Mönch etwa dasselbe meinen? Wollte er mir ein unmoralisches Angebot machen?

Ein charismatischer Geistlicher! Wer könnte ihm einen Wunsch abschlagen?
Ich wagte es.

Er tat es nicht, verabsentierte sich aber während einer kurzen Übersetzungspause von der Gruppe und kam mit dem international bekannten hinduistischen Mönch wieder zur Gruppe zurück. Reiseleiter B. hob es ob dieser Tatsache förmlich von den Füßen und er wurde nicht müde uns zu erklären, wie dankbar wir alle sein müssten, dass dieser bekannte Mann (der international bekannte hinduistische Mönch) zu uns sprechen und uns höchstpersönlich durch die Anlage führen würde. Am Ende der Gruppenführung gab es noch eine halbe Stunde Freizeit für die Gruppe und der international bekannte hinduistische Mönch wollte mir noch etwas Besonderes zeigen. Nur widerwillig folgte ich ihn in ein für die Öffentlichkeit gesperrtes Abteil des Tempels. Als er die Tür zu der kleinen Kammer hinter uns zugezogen hatte, kam der charismatisch wirkende Priester mit genau dem Angebot, welches zu erhalten befürchtet hatte! Er lobte meine Erscheinung, die Größe, die helle Haut, die blauen Augen, die seiner Meinung nach etwas göttliches in sich trugen und erklärte mir die Vorzüge der Männerliebe! Ich lehnte ab, freundlich aber bestimmt und vermied es auch, ihm meine Faust ins charismatische Gesicht fliegen zu lassen. Auch zu meinem Schutz, denn vielleicht hatte der international bekannte hinduistische Mönch (oder Priester) ja am Ende Hexen- oder Verwünschungskräfte? Vielleicht hätte er mir nach dem Hieb die Beulenpest an den Hals gewünscht?

Dörfliche Impressionen

Zur Erklärung für alle diejenigen, die diesen Artikel einmal lesen und vielleicht selbst eher die Homosexualität bevorzugen: ich werte niemals die sexuelle Ausrichtung eines Menschen! Ich war durch die Erlebnisse in Indien einfach innerlich derart in Rage, dass ich dieses Angebot aus dem Munde eines Mannes, der auch noch wie ein heiliger Mann verehrt wurde, einfach nur ablehnen konnte! Ich konnte mich gegen aggressive Gedanken in meinem Kopf schlicht nicht mehr wehren. Angewidert und überstürzt verließ ich den Ort des Grauens und hoffte nur, dass der Mann nicht innerlich derart in Wallung gekommen war, dass es zu einer standesgemäßen Rauferei zwischen zwei Männern kommen würde.

Nomadenfamilie im Anmarsch

Wir entkamen der Tempelanlage unbeschädigt! Alle. Es wäre nun wirklich an der Zeit, diese Indien Erlebnisse und deren Aufarbeitung abzuschließen. All diese Geschehnisse, die ich hier veröffentlicht habe, waren letztlich nur ein Bruchteil dessen, was mir dort im Land im positiven wie negativen Sinn ins Gemüt sprang. Ich war während des Schreibens fast permanent wieder in diesem Land und erkannte, dass ich dieses Indien nicht aufarbeiten kann. Es ist schlicht unmöglich. Nur wer bereit ist, zu reduzieren, kann zu einem Abschluss kommen. Mir dagegen wird das nicht gelingen. Heute bin ich glücklich darüber, dass wir am Ende der Tour in den weniger bevölkerten Gebieten im Westen Rajasthans noch teilweise ursprünglich gebliebene Naturgebiete und Nomadenkulturen kennenlernen durften. Doch auch dort hatte ich ein bemerkenswertes Erlebnis welches man erwähnen könnte um zu beweisen, dass der Mensch – nicht nur in Indien – seine Bevölkerungs-Wachstumsrate nicht im Griff hat! Wir waren auf einsamer Straße in den Wüstengebieten rund um Bikaner unterwegs. Erstmals seit wir in Indien unterwegs waren, fühlten wir uns allein. Es gab nur eine spärliche Vegetation, viel Sand aber immer wieder kleine grüne Oasen, wenn dort einmal ein paar Büsche oder Bäume beieinander standen.

In dieser Einsamkeit plagte mich und einen anderen Herren aus der Gruppe plötzlich ein menschliches Bedürfnis! Als dieses „Bedürfnis“ so stark wurde, dass uns fast die Sinne schwanden, baten wir den B., das Gefährt kurz zum Stillstand zu bringen, damit wir uns hinter den nächsten Busch verziehen und für Abhilfe würden sorgen können. Gesagt, getan, der B. war auch nach über zwei Wochen noch jederzeit bereit, seinem „Geschäftspartner“ möglichst jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Da wir das Notprogramm nicht in Blickweite unserer Reise-Gemeinschaft absolvieren wollten, verdrückten wir uns in Richtung eines etwas größeren Busches, der etwa drei Meter an Höhenwuchs aufzuweisen hatte. Niemals hätten wir in die gefühlten Einsamkeit damit gerechnet, dass es dort in dieser Wüste menschliches Leben geben würde! Niemals! Und doch? Kaum das wir den Busch erreicht hatten schoben sich über die anderen Büsche um uns herum leuchtende Turbane. Überall dort waren Menschen! Sie hatten bemerkt, dass ein Fahrzeug stehengeblieben war und wollten nun wissen, was es damit auf sich hatte. Es waren sicher Hundert Menschen, die da neugierig ihre Hälse reckten um Neues in Erfahrung zu bringen. Dabei hatten wir auf den letzten 10 Kilometern keine Menschen mehr am Rand des Weges gesehen und doch waren sie da! Es machte auf mich den Eindruck, als würden wir gleich von Zombies, von lebenden Toten angefallen werden. Doch diese Menschen blieben still, sie schauten nur, ohne Regung. Der perverse Populationsdruck Indiens treibt die menschlichen Massen immer weiter in die entlegensten Gebiete des Landes hinein. Der Wahnsinn der Überbevölkerung – nie zuvor (und nie mehr danach) habe ich ihn so erlebt wie auf dieser einsamen Piste in der Wüste des westlichen Rajasthan.

Wenig Besitz, immer mobil aber arm und ohne Einfluss

Und in diesen Regionen hatten wir dann auch noch eine Begegnung mit einer nomadisch lebenden Großfamilie. Seit meinem Aufenthalt bei den australischen Aborigines sieben Jahre zuvor, war ich der Meinung, dass unsere außer Rand und Band geratenen Gesellschaftssysteme der westlichen Welt von Nomaden lernen können. In unseren kaputten Kulturen herrscht permanent die Zeit des Anhäufens und des Übermaßes. Die Nachwirkungen zeigen sich häufig in Form von übervollen Schränken, Regalen und Kellern. Das rechte Maß zu finden, das ist das Luxusproblem der heutigen Zeit. Nomadische Kulturen müssen seit jeher mobil und beweglich bleiben. Den materiellen Ballast in Form eines vor Gerümpel vollen Kellers kann sich in einer nomadischen Lebensweise niemand leisten. Die lähmende Über-Fülle an Dingen in unserer zivilisierten Welt der ansässig Gewordenen kennt noch immer keine erfolgreiche Gegenbewegung zum Übermaß an Konsum und Gütern. In Nomadenkulturen fragt man sich permanent, was man denn wirklich zum Leben braucht und wie kann der Besitz auf das Wesentliche beschränkt werden. Bekannt ist vielleicht die Einfachheit des griechischen Philosophen Diogenes, der in einer Tonne hauste? Während Diogenes mit seiner Weisheit in seiner Zeit und seiner Kultur weitgehend alleine war, haben nomadische Gesellschaften von jeher die Einfachheit gepflegt. Jede Ansammlung von materiellen Gütern, die nicht unmittelbar einen Nutzen für das Überleben bringen – gefährdet das Überleben der Kultur. Jeder unnütze Ballast verlangsamt das Fortkommen und wirkt lähmend. Während sesshafte Kulturen Artefakte sammeln – quasi die geronnenen Erfahrungen der Kultur – konzentrieren sich nomadische Kulturen in erster Linie auf die Einhaltung von Ritualen, zu denen auch die Weitergabe von Erfahrungen durch das Geschichtenerzählen hinzugerechnet werden muss. Nomadische Kulturen kennen auch das Verständnis von Mutter Erde, doch sie lassen das rechte Maß walten um ihre Lebensumgebung zu erhalten. In der modernen Zivilisation ist es so, als würden die meisten Menschen durch die Anhäufung von materiellen Dingen ihr persönliches Glück finden wollen? Leider steht dem Überfluss des Materiellen immer eine geistige oder emotionale Armut gegenüber. Eines der Grundprobleme der menschlichen Existenz. Die kurzfristige Befriedigung aus dem materiellen Gewinn verpufft meistens sehr schnell.

Die Nomaden, die wir auf unserer Route trafen, sollen nach den Angaben von B. die letzten Nomaden Indiens gewesen sein? Nicht ganz, zwischen den Städten Jaipur und Jodhpur gab es noch die Hauptstadt der Kamelzüchter, Pushkar. Die Mitglieder dieses Stammes waren auch noch als Halbnomaden unterwegs. Die letzten Nomaden Indiens leben in abgeschiedenen Regionen des Landes, Kontakte zur Außenwelt gibt es kaum. Mitten auf der Straße kam uns eine Großfamilie mit Ziegen, Kamelen und einigen Wagen entgegen. Alles was diese Menschen zum leben brauchten, führten sie auf ihren Kamelen mit sich. Ganz kleine Kinder, die vermutlich noch nicht einmal laufen konnten, waren auf den Kamelrücken festgebunden worden. Und in der Mitte der vorüberziehenden Karawane kam dann auch mein letztes „One-Million-Dollar“ Photo auf mich zu. Ein struppiges kleines Mädchen, das mich wieder an die Recherchen meines Journalisten Kollegen zum Thema Kindersklaverei in Indien erinnerte. Fast schon majestätisch saß das Kind dort auf seinem hölzernen Thron und war offensichtlich geübt darin, die schwankenden Bewegungen, die das Kamel verursachte, rhythmisch auszugleichen. Ich konnte ihr kein Lächeln entlocken. Missmutig blickte es auf seine Umgebung, zog an uns vorbei und war bald darauf unseren Blicken entschwunden.

Die kleine Nomadenprinzessin

Es ist an der Zeit die Aufarbeitung dieser Reise, die im Prinzip keine war, abzuschließen. Hunderte von kleinen oder großen Freuden und Ärgernissen, Überraschungen und Erwartetes könnten noch beschrieben werden. Aber es soll genug sein. Falls das Reisen nach der Herrschaft des Coronavirus wieder möglich werden sollte, würde ich durchaus empfehlen, einmal eine Reise durch Indien zu versuchen! Aber Vorsicht, denn es besteht die ernste Gefahr, dass sich die Erlebnisse dort dauerhaft in den Köpfen der Besucher verankern. Traumland und Albtraumland zugleich. Wo denn sonst, wenn nicht in Indien?

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