Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 04 – Jaipur bis Rohet Gar

Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 04 – Jaipur bis Rohet Gar

Stimmt es, dass man sich selbst am wichtigsten sein soll, denn den anderen wäre man es nicht? Was passiert denn eigentlich, wenn man sich selbst die wichtigste Person im Leben ist?

Gibt es eine Chance, dass es dann nicht immer gleich um Egoismus gehen muss? Jede/r sollte sich im Prinzip selbst so wichtig zu nehmen, wie er glaubt, es verdient zu haben! Aber führen die vielen unterschiedlichen Charakter-Dispositionen wirklich immer zu einem für alle positiven Ergebnis, wenn sich alle selbst am wichtigsten sind? Die einzelnen Personen in einer Gesellschaft gehen in der Ausübung ihres Gefühls, sich selbst am wichtigsten zu sein, sehr unterschiedlich vor. Es gibt viele Elemente – zu denen ich mich selbst hinzurechnen würde – die mit anderen Menschen freundlicher und großzügiger umgehen als mit sich selbst. Manche sind zu sich selbst sehr streng und sind sich dessen oft noch nicht mal bewusst. Es ist leicht ein Beispiel zu finden, welches viele Personen ansprechen würde. Die äußere Erscheinung zum Beispiel. Wenn andere in diesem Bereich so mit uns umgehen würden, wie wir uns oft selbst sehen und behandeln, dann würden wir sie wohl als gemein, uncharmant oder hinterhältig bezeichnen? Die äußere Erscheinung ist in einer Welt des außer Rand und Band geratenen Schönheitswahns und dem überall stattfindenden Jahrmarkt der Eitelkeiten mittlerweile in allen Bevölkerungsschichten elementar wichtig geworden! Frauen, werden gesellschaftlich immer mehr auf ihr Äußeres reduziert, beugen sich diesen Ansprüchen an sie mehr oder weniger stark (ebenfalls oft unbemerkt).

Würden diese Frauen mit einer guten Freundin so streng wie mit sich selbst umgehen? Würden sie diese bei jedem Kilo mehr so sehr kritisieren und sich dauernd an ihrem Gewicht abarbeiten wie sie es mit sich selbst tun? Wohl kaum. Aber mit uns selbst gehen wir oft streng ins Gericht. Aber leider nicht alle. Hier entsteht ein Grundproblem. Jeder ist für sich die wichtigste Person in seinem Leben. Andere Menschen können wir nicht so direkt und unmittelbar beeinflussen, andere Personen können aus der eigenen Diaspora wieder verschwinden oder sich so stark verändern, dass sie nicht mehr zu uns passen. Die einzige Person, die uns unser ganzes Leben lang erhalten bleibt, sind wir selbst. Ich weiß dass es viele Menschen gibt, die längst „über“ den hier beschriebenen Dingen stehen, die ihre Mitte wenigstens erahnen oder im Idealfall bereits gefunden haben. Diese Menschen würden an dieser Stelle von „kindlichem Denken“ sprechen, aber: so einfach ist das nicht! Viele haben schon allein deshalb einen schlechten Start in den Tag, weil sie beim ersten Blick in den Spiegel die negativen Dinge bemerken. Überflüssige Kilos, ein neues Fältchen, grau werdende Haare. Die letztgenannten Beispiele sind eher für die ältere Generation gedacht, die Kilos betreffen auch ganz junge Menschen. Nach dem ersten Blick in den Spiegel sind diese unzufrieden. Einen Partner oder besten Freund/-in würde man aber nicht sofort auf all diese „Mängel“ hinweisen? Wohl eher nicht. Mit uns selbst gehen wir aber so streng ins Gericht und legen so schon morgens die Grundsteine für einen schlechten Tag.

Man kann sich aber auch darüber zu freuen, gut geschlafen zu haben! Ich distanziere mich in meinen Artikeln weit davon, die Schönfärberei zu betreiben, den Menschen etwas mitzuteilen, dass sie als positiv empfinden um mehr Aufmerksamkeit für mich zu erreichen! Aber die überall vorhandene Negativierung des eigenen Ich erkenne ich schon als ein Basis-Problem unserer Zeit. Da sich diese Artikel mit Indien beschäftigen und ich dort so viele Menschen kennengelernt habe, die nichts haben und trotzdem – auch im Elend – glücklich waren, versuche ich eine Brücke zu schlagen. Eine Brücke, ohne das indische Wesen zu verherrlichen. Denn wenn solche Systeme einmal bei uns Einzug halten würden wäre es – gefühlt – an der Zeit, zu den „Eisen“ zu greifen (Zitat Machiavelli letzter Blog). Aber wer in der Lage ist, gleich beim morgendlichen Blick in den Spiegel etwas Nettes zu sich selbst zu sagen, wird mit positiver Energie in den Tag starten. Das könnte dann der Gesellschaft (der Gruppe) zugute kommen. Es kann auch etwas scheinbar Banales sein, was nach intensiver Lektüre der Zustände in Indien vielleicht sogar als etwas Exklusives erkannt wird? Zum Beispiel dass man ein schönes warmes Bett und ein Dach über dem Kopf hat. Dafür kann man schon morgens dankbar sein, wenn man weiß, welche Zustände woanders herrschen.

Jedenfalls würden die Personen, auf die diese Beschreibung hier zutrifft, nicht monieren, dass eine guter Bekannter etwas in den Sand gesetzt hat. Man sagt dann generös eher so etwas wie “Kopf hoch, nächstes Mal klappt es bestimmt” oder etwas anderes, auf jeden Fall Aufbauendes oder Tröstendes. Wenn uns nahe stehende Personen, für die wir positiv empfinden, etwas erreichen, dann loben sie mehr, als uns selbst. Bestimmt gibt es viele Gründe, warum verschiedene Personen dazu neigen mit sich selber kritischer zu sein als mit anderen. Das könnte zum Beispiel daran liegen, dass wir denken, wir müssten die vollständige Kontrolle über uns, unser Tun, unsere Gefühle und unser Leben haben. Bei anderen haben wir dieses Gefühl nicht und dort sehen wir auch ein, dass dies unrealistisch wäre. Wir können schon eine Menge beeinflussen, aber nicht alles und perfekt können wir schon gar nicht sein. Trotzdem versuchen Viele, ihr Bild der vollständigen Kontrolle aufrecht zu erhalten. Ein Fundament der Selbst-Reflexion ist natürlich die Kritik, die wir in unserem Kindertagen erfahren haben. Ich hatte lange Mühe damit “nichts Schlaues” zu tun. Dies wurde mir in der Jugend mitgegeben, da ich kritisiert wurde, wenn ich einfach nur Spaß hatte, anstatt etwas Gescheites zu tun. So bin ich noch immer manchmal streng zu mir selbst, wenn ich das Gefühl habe, dass ich gerade nichts Schlaues tue. Aber dieser Ist-Zustand hat sich durch die Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, abgeschwächt.

Oft sprechen wir vom Selbstbewusstsein und diagnostizieren, dass einige davon offensichtlich einfach mehr in die Wiege gelegt bekommen haben als andere. Aber Selbstbewusstsein ist nichts anderes, als die Auswirkung unseres Selbstbildes. Dieses können wir tatsächlich beeinflussen und wir können bestimmen, wie wir uns selbst behandeln. Ob das Individuum dann arrogant oder egoistisch wird, hängt von der persönlichen Charakterdisposition ab. Im Regelfall sollte das Gegenteil eintreten, denn wer mit sich selbst großzügig und verständnisvoll umgehen kann, hat mehr Energie und Geduld mit anderen Menschen. Es geht nicht darum sich selbst besser zu finden als die anderen es können um daraus dann wieder seine Ich-bezogenen Vorteile zu ziehen! Es geht darum sich selbst respektvoller und liebevoller zu behandeln. Das hat mit Egoismus erst einmal nichts zu tun. Es wäre aber nun Schönfärberei wenn man verschweigen würde, dass genau diese übertriebene Einschätzung der eigenen Wichtigkeit auch ins Gegenteil umschlagen kann.

Vor einigen Jahren traf ich mich auf einen Kaffee mit einer Jugendliebe, deren Ehemann – den ich nur flüchtig kannte – eine bemerkenswerte Karriere in der Geld- und Bankwirtschaft hingelegt hatte. Es war für mich eindrucksvoll, die Frau – die sich mittlerweile so wie ich in der Mitte ihres Lebens befand – mit einem reinrassigen Sportwagen der 200.000.- € Kategorie vorfahren zu sehen. Ihr Ehemann hatte in der Jugend durch ein mathematisches Hochtalent auf sich aufmerksam gemacht und war später in den Genuss von Stipendien gekommen mit denen er eine Ausbildung an den besten Universitäten Europas machen konnte. Aber? Dessen persönliche Einschätzung der eigenen Wichtigkeit schlug ins Gegenteil um. Sein mathematisches Genie nutzte er später ausschließlich, um hochabstrakte Derivate-Geschäfte zu erdenken, die seine Arbeitgeber in einem namhaften deutschen Bankinstitut mehr als nur beeindruckten, da so der Geldstrom in bisher nie dagewesener Art und Weise beschleunigt werden konnte. Er wurde zum Multimillionär, der am Ende (O-Ton) nicht mehr wusste, wohin mit seinem Geld. Diese Form von egoistischem Denken, dass auf der Einschätzung der eigenen Wichtigkeit basierte, kann dann wohl getrost als extrem asozial beschrieben werden? Mehrfach pro Jahr flog das Ehepaar nach Las Vegas, um die Gelder aus den in den USA platzierten Depots zu verspielen, mehrfach pro Jahr auf die Sychellen, um das dortige Bauherren-Projekt zu inspizieren. In dem konkreten Fall führte die Einschätzung der eigenen Wichtigkeit dazu, dass sich immer mehr Leute an diesen riskanten Geschäften beteiligten, die schlussendlich zur weltweit zu spürenden „Lehman Brothers“ Krise wurden und Millionen von Menschen auf der Welt in den wirtschaftlichen Abgrund stürzte. Aufgearbeitet sind diese kriminellen Machenschaften bis heute nicht! Muss das denn aber bedeuten, dass es immer zu diesem Ergebnis führt, wenn wir uns selbst als die wichtigste Person im Leben erkennen? Nicht dann, wenn man bereit ist, diese Erkenntnis nicht nur zum eigenen Nutzen zu verwenden. Ich denke, dass der weitaus größere Teil der Menschen dazu in der Lage sein dürfte. Nur einige wenige nicht und leider landen diese „Wenigen“ durch ihr Verhalten des ungezügelten Eigennutz-Verfahrens immer in den oberen Rängen ihrer Gesellschaften. Das ist auch in Indien nicht anders und wird auch noch in dem einen oder anderen Beispiel näher beleuchtet werden.

Was bringt es denn dann überhaupt über eine Verbesserung der Wichtigkeit der eigenen Wahrnehmung nachzudenken? Sehr viel! Jeder wird wohl selbst wissen, wie er auf Kritik oder Komplimente von außen reagiert. Diese Dinge sind aber komplett unzuverlässig, darum müssen im Internet eingestellte Photos oder der Beitrag auf Facebook immer ausgefallener sein, damit die Reaktion aus dem Außen auch ja kommt. Aber jede dieser positiven (oder negativen) Kritiken kann unzuverlässig sein! Der bedeutungsvolle Sinnspruch, dass nur ein Freund dich in Frage stellt, ist im Heute fast vollkommen aus dem Bewusstsein der Menschen entschwunden. Wir wollen permanent Bestätigung für das was wir tun und abweichlerische Meinungen werden ignoriert. Dabei ist der, der unsere auf Eigennutz ausgerichteten Lebensweisen in Frage stellt, um (hier nur als Beispiel) zu verhindern, dass wir unsere Lebensgrundlage – unseren Planeten – zerstören, eher ein Freund, weil er uns und unseren nachfolgenden Generationen etwas Gutes tun möchte. Aber der, der uns ohne viel Federlesens Zustimmung gibt, was sich auch in einem simplen „gefällt mir“ bei Facebook ausdrücken kann, muss nicht zwangsweise unser Freund sein! Er kann sogar unser Feind sein und möchte die positive Wahrnehmung beim anderen fördern, damit er später etwas von ihm haben kann. Wer dir ständig Honig um den Mund schmiert, ist ganz sicher nicht dein Freund, auch wenn er nicht zwangsweise dein Feind sein muss.

Für jüngere Menschen ohne wirkliche Lebenserfahrungen muss sich diese Einlassung hoch-abstrakt anhören (-lesen). Es ist schon von Vorteil, wenn das Leben einem ein paar Jahre gegeben hat, in denen man die Zusammenhänge im zwischenmenschlichen Bereich auf sich hat wirken lassen können. Auch hier kommt es wieder auf die Charakter-Disposition an! Die einen wenden sich dieser Möglichkeit ganz offen zu und lassen die Eindrücke (auch wenn sie sehr schmerzhaft sind – zumindest teilweise) auf sich wirken, analysieren und versuchen zu einem Schluss zu kommen, andere leben schlicht ihre Leben, in die sie hineingeboren wurden, weiter und kümmern sich nicht um Erkenntnisse. Die Gründe dafür sind dann wiederum sehr vielschichtig und niemand hat das Recht mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und zu meinen, er wäre besser oder wertvoller als die. Die Einschätzung der eigenen Wichtigkeit darf sich hier nicht zur Überheblichkeit oder Blindheit hin entwickeln. Im Sinne der „Gruppe“ Mensch, sollte zurückgesteckt werden können. Beispiele für den oben genanten Fall, das es Menschen gibt, die mit böser Absicht den Mitmenschen ständig Honig um den Mund schmieren, hätte ich genug. Wenn man mit Fallbeispielen kommt, kann man die Inhalte mitunter auch einem jüngeren Menschen vermitteln, der noch keine Fülle an Erfahrungen gesammelt hat.

2002, als wir unsere erste komplette Saison mit unserer Reisefirma absolvierten, fand auch ein verschollen geglaubter Bekannter aus Jugendtagen seinen Weg in eine unserer Reisegruppen. Er war nicht verschollen im Sinne von „vermisst“, er war ab einem gewissen Alter schlicht nicht mehr auf den üblichen Wegen dabei und irgendwann ging das Leben ohne ihn weiter. Wir trafen uns – zufälligerweise – auf der Straße unserer Heimatstadt wieder. Ich war überrascht, welche charismatische Aura er mit sich trug. Er hatte einen schicken Anzug an, eine teure Uhr am Handgelenk und stand neben seinem teuren, sportlichen Auto. Wir kamen ins Gespräch und er nannte als Grund, warum er sich nicht mehr mit den gemeinsamen Jugend-Bekannten abgegeben hatte, dass diese einfach nicht mehr sein Niveau haben würden. Er hatte es als Geschäftsmann zum mehrfachen Millionär gebracht, was seine neue, von Selbstbewusstsein strotzende Aura zur Genüge erklärte. Als er erfuhr, dass ich es um die Welt geschafft und am Ende zum Reiseunternehmer gebracht hatte, fing er an, sich für mich zu interessieren.

Da er keine Freunde mehr habe, wolle er gerne einmal auf eine dieser von mir angebotenen Reisen mitkommen und buchte auch prompt eine Tour – schon am nächsten Nachmittag, nachdem er seine Termin für diesen Zeitraum geprüft hatte. Er war sehr daran interessiert, unsere alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen und fragte nach, ob wir uns auf der Tour nicht ein Doppelzimmer teilen könnten. Dann wären die Möglichkeiten besser, sich einander wieder zu nähern und die alte Bekanntschaft vielleicht in eine neue Freundschaft unter Männern – er war keinesfalls homosexuell – münden zu lassen. Ich willigte ein und musste schon bald feststellen, dass er wirklich einsam war. Und auch wenn ich mich ihm geistig überlegen fühlte, war ich doch hin und wieder irritiert (und sicher auch ein wenig entsetzt), wie vorurteilslos freundlich unsere Gruppen-Mitglieder ihm gegenüber waren. Er hatte mich spätestens nach drei Tagen als einen „Geschäftsmann“ eingeordnet, auch deshalb weil ich meine journalistische Zeit ihm gegenüber verschwiegen hatte. Und da er mich als Geschäftsmann einordnete und mir damit auch gleich die Denk- und Verhaltensweisen überstülpte die man in seinen Kreisen wohl von einem Geschäftsmann erwartete, vertraute er mir so Einiges an, was mich sehr beunruhigte. Ich bohrte nicht nach, wollte seinen Informationsfluss nicht zum versiegen bringen.

An einem der Tage hatte ich einen Disput mit einem Kunden, der sich über Tage unkorrekt verhalten hatte. Der Kunde hatte vielleicht ein nicht genauer zu definierendes Problem mit mir – jedenfalls pöbelte er immer häufiger lautstark im Bus, so dass der Rest der Gruppe dessen unkontrollierte Impulse mitzutragen hatte. Da ein Gespräch unter vier Augen als auch eine Bitte, sich im Sinne der anderen etwas zurückzunehmen, nicht gefruchtet hatten, sah ich mich zu einer sehr deutlichen Stellungnahme vor allen anderen genötigt. Im Kleinen zeigte es Wirkung und der „Störenfried“ hielt sich nach meinem öffentlichen Vortrag auch deutlich zurück. Am Abend dann, als der Bekannte aus Jugendtagen und ich in unserem Doppelzimmer lagen, war ihm nach einem Gespräch. Er wollte mir wohl Nachhilfe-Unterricht geben, wie man zu noch größerem Erfolg würde kommen können? Die folgende Gesprächs-Stunde hat sich mit großer Wucht nachhaltig in meinen Gedanken eingenistet, weil sie vieles bestätigte, was ich bisher erlebt hatte, mir aber noch zusätzliche, schon ziemlich brutal kriminelle Informationen vermittelte, die nur flossen, weil der Bekannte glaubte einen Geschäftsmann im selben Zimmer zu haben, der sicherlich genauso tickte wie er selbst.

Er begann damit mir zu erklären, dass ich alles falsch machen würde! Ich würde nicht weiterkommen, wenn ich Kunden so ansprechen würde wie ich es vorhin im Bus getan habe. Er empfahl mir, sein eigenes Modell zu übernehmen, denn das habe ihn schließlich zum mehrfachen Millionär gemacht und er hätte kein Problem damit, wenn ich auch einer werden würde, da meine geschäftlichen Aktivitäten und die seinen nicht in Wettbewerb miteinander stehen würden. Sein Kernsatz als erfolgreicher Geschäftsmann war, dass er den Leuten prinzipiell genau das sagte, von dem er glaubte, dass sie es hören wollen würden. Auf diese Art würde er sich das Vertrauen der Leute erschleichen und könnte dann, wenn er sie für sich eingenommen haben würde, „Alles“ (überzeugter O-Ton), alles von ihnen haben. Wenn er seine Geschäftspartner nicht mehr würde „absaugen“ können (ebenfalls O-Ton) dann würde seine Freundlichkeit eben anderen Leuten, von denen er etwas haben wolle, entgegenbringen. Nach der Begegnung mit ihm habe eine eigene Definition für dieses Verhalten erdacht, die mich bis heute begleitet: „Die hassende Zuwendung im geschickt moderierten Kleid“. Ich dachte dabei an Mephistopheles und seine honigsüßen Versuche, den Faust zu betören um ihn danach, als er ihn auf seine Seite gezogen hatte, auszuweiden und in die Hölle zu stoßen. Wenn alle Menschen in der Lage wären die „Die hassende Zuwendung im geschickt moderierten Kleid“ von aufrichtigem Interesse an der eigenen Person zu unterschieden, würden wir in einer paradiesischen Welt leben.

Kindheitserlebnisse und die extrem übertriebene Einschätzung seiner eigenen Wichtigkeit hatten aus ihm einen Misanthropen, einen den Menschen verachtenden Mann gemacht. Der Erfolg gab ihm ja auch recht? Er konnte sich auch dümmer als ein Dummer stellen um am Ende auch dort zu bekommen, was immer er wollte. Gepaart mit einem gefälligen Äußeren und der Souveränität eines Millionärs wurde er nie in Frage gestellt, obwohl er ein Krimineller war, über dessen Taten ich später auch dir Behörden informierte. Ich musste das tun! Er hatte früh erkannt, dass die Zahlung von Provisionen seine Auftragslage verbessern konnte. Provisionen weisen immer in die Richtung der Korruption und die damit verbundenen Mehrkosten werden immer und überall auf die Schultern der kleinen Leute gelegt. Vollkommen gleichgültig, ob das gigantische Summen sind, wie sie sicherlich beim Abschluss von Beraterverträgen oder beim Abschluss von Mautverträgen oder beim Verkauf der Werte die die Treuhand AG zum Schleuderpreis an Investoren an aller Welt verscherbelt hat zustande kommen, oder in der Reisebranche, wenn ein Reiseleiter oder Busfahrer seine Gäste in Paris zu einem überteuerten Lokal oben am Montmartre in Paris chauffiert um dort dann seine 5.- € Provision pro Person zu kassieren, weil er seine Gäste dort abgesetzt hat. Es gibt dann dort schlechteres Essen für höhere Bezahlung.

Der von mir genannte Jugendfreund war aber noch einen Schritt weitergegangen und hatte die „aktive Bestechung“ und ihre Möglichkeiten entdeckt. Zielgerichtet ging er mit seiner Idee zu den Entscheidern. Er hatte eine Reinigungsfirma mit ungefähr 500 Angestellten, wobei der größte Teil der Angestellten im extremen Niedriglohn-Bereich angesiedelt war. Seine Wunschvorstellungen, wie man schnell noch mehr Geld würde machen können, führten ihn in die Richtung, dass er den vor ihm sitzenden Entscheider direkt ansprach. Seine Firma reinigte Büros, Schulen, öffentliche Einrichtungen und auch Krankenhäuser. Die Summen, die er mir nannte, waren beträchtlich. Wenn die Zahlen stimmten, ging mit einem Portfolio von 300.000.- € zu diesen Entscheidern um über Jahresverträge für Reinigungsarbeiten zu verhandeln. Nachdem der Bestechungsversuch unter Dach und Fach war, soll immer folgende Aufteilung vereinbart worden sein: 100.000.- € sollten dem Bestochenen zukommen, 100.000 € sollten in der Tasche des Bestechenden verbleiben und die restlichen 100.000.- € wurden verwendet, um die Putzkolonnen zu bezahlen. Abgerechnet wurden die Reinigungskräfte aber so, als ob sie für 300.000.- € geputzt hätten. Er ließ noch verlauten, dass es ihm eine geradezu erotische Freude machte zu beobachten, wie der Bestochene mit sich rang, wenn er zum ersten Mal bestochen wurde. Wenn der einzusteckende Batzen dick genug war, soll die Bestechung meines Bekannten angeblich immer funktioniert haben. Jeder hätte seinen Preis, fügte er noch hinzu.

Viele Menschen wissen oder ahnen zumindest, dass es dort, wo das große Geld verdient wird, immer so abläuft? Aber sie zeigen eine Schutzreaktion, indem sie diese Dinge einfach verdrängen. Es schlägt ihnen auf die Lebensfreude. Meine persönliche Charakter-Disposition hat aber dazu geführt, dass ich diesen Dingen nach der Reise mit investigativem Eifer nachgegangen bin. In Krankenhäusern wird oft die mangelnde Hygiene bemängelt, dass sich dort immer wieder Keime bilden würden und es zu Todesfällen durch mangelnde Hygiene kommen würde. Ich recherchierte, soweit mir das ohne Hilfe möglich war, in welchen Krankenhäusern seine Firma Reinigungsdienste leistete und konnte einen Zusammenhang herstellen. Dass es dort besonders häufig zu Problemen wegen mangelnder Hygiene gekommen war, auch zu offensichtlich unnötigen Todesfällen. Erst danach übergab ich den Stand meiner Erkenntnisse den Behörden mit dem Hinweis, das dies doch sicher ein Vorfall sei, der nachverfolgt werden müsse. Zum Schutz meiner Kinder bestand ich darauf, anonym zu bleiben. Ich habe danach keine Informationen zu dem Verlauf irgendwelcher Ermittlungen bekommen, da ich ja nicht zu den systemrelevanten Ermittlungsorganen gehörte. Erst Jahre später erfuhr ich, dass er wegen Finanzschiebereien dran genommen und bestraft wurde. Sein aufgehäuftes Imperium wurde deutlich kleiner, weil der Staat sich im Umweg über das Finanzamt seinen Teil an der Beute von ihm zurückholte. Die eigentlichen Verbrechen wurden demzufolge nicht geahndet, wohl aber der monetäre Nachteil, den der Staat erlitten hatte. Money makes the world go around – auch in Indien, wenn auch gut verborgen unter den flutenden Massen Mensch, die diesen Kontinent bevölkern.

Zurück zum Selbstbewusstsein, bevor wir uns wieder nach Indien versetzen. Für das Selbstbild ist es einfach zuverlässiger, wenn wir uns selbst die nötige Bestätigung geben. Wenn wir von uns selber wissen, dass wir gut genug sind und dazu nicht auf die Menschen in unserem Umfeld angewiesen sind. Von anderen Bestätigung zu erwarten, kann schlechte Stimmung oder Konflikte in unsere zwischenmenschlichen Kontakte bringen. Mit einem stärkeren Selbstbewusstsein fällt vieles leichter und man kann großzügiger mit seinen Mitmenschen umgehen. Im Umgang mit den Herausforderungen, die gerade jetzt, in der stressigen Lebenssituationen mit dem neuen Virus herrschen, ist es trotzdem sehr wichtig, dass wir uns selbst am wichtigsten sind. Wenn wir liebevoll mit uns und unseren Gefühlen umgehen, uns selber zuhören und versuchen herauszuhören, was wir in diesem Moment am meisten brauchen, können wir Schicksalsschläge viel besser bewältigen und mehr Verständnis für andere und deren Standpunkte aufbringen. Durch die dann sich einstellende veränderte Sichtweise kann mit Konflikten besser umgegangen werden. Klar, gibt es noch viel zu tun, doch es ist schon eine wunderbare Veränderung zu fühlen, auf dem richtigen Weg zu sein. Dies alles geht natürlich nicht einfach so von heute auf morgen, sondern muss täglich geübt werden, bis man es verinnerlicht hat.

Heute Morgen, als ich in den ersten Tagesminuten mit meinem Kaffee auf der Terrasse stand, hatte ich bei der Betrachtung meiner Thujahecke plötzlich das Gefühl, mich schuldig gemacht zu haben! Warum? Da ich ja im Moment viel Zeit habe, konnte ich in dem Garten unseres Hauses auch endlich mal nach dem „Rechten“ sehen und für „Ordnung“ sorgen. Die Efeu-Hecke, die das Nachbargrundstück von unserem trennt, war in den letzten 5 Jahren – seit wir hier eingezogen waren – schon beträchtlich in die Thujahecke hinein gewuchert und die ersten beiden Thujas, die direkt an dem Efeu standen, waren bereits stark überwuchert und schienen in ihrem Überlebenskampf bereits um Hilfe zu rufen! Schon länger! Mein bisheriges Leben gab mir aber nicht die Zeitfenster die nötig gewesen wären, der Sache einmal gründlich auf den Grund zu gehen. Die Thuja gilt doch als Lebensbaum? Das Efeu war aber stärker und definitiv dabei dem Lebensbaum das Leben zu nehmen. Wenn ich konsequent meine Vorgaben befolgt hätte, der Natur ihren Lauf zu lassen, dann hätte ich nicht eingreifen dürfen! Aber wir leben in so vielen Zwängen! Mensch und Tier im Einklang – das könnte ein echter Naturgarten durchaus bieten! Besonders bei dem Siedlungsaufkommen gilt es ja prinzipiell, der Natur mehr Platz zu schaffen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass dem Menschen mehr Erholung möglich gemacht wird. In einem Naturgarten würde das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier auf eine andere Ebene gehoben werden. Aber wenn ich die natürliche Dynamik der Umwelt zu bewahren versuche und gleichzeitig einen Lebensraum für Mensch, Tier und Pflanzen schaffen will, dann habe ich als Mensch irgendwann das Nachsehen, da die Natur (gnädig) ihren grünen Teppich irgendwann auch über mich legen würde. Das Grün dürfte selbstständig und ohne Eingriffe wachsen und gedeihen. Dies würde zwar die Artenvielfalt von einheimischen Blumen und Tieren fördern, mich aber in Konflikt mit unseren Nachbarn, den Vermietern und so weiter bringen. Ich hätte Stress. Wer will das schon? Also habe ich die Abteilungen des wild um sich wuchernden Efeus an der Basis mit einer Säge durchtrennt und mich dadurch – getrieben von Vorstellungen der Zivilisation, zum Mörder an dem freien Willen des Efeus gemacht. Dem freien Willen der Natur kann der moderne Mensch also nicht einfach so und überall den Lauf lassen, weil er dann von der Bildfläche der Welt verschwinden müsste oder aber nur in einer neuen Daseinsform weitermachen könnte. Wie sollte das gehen? Wir sind doch so viele! Diesen Spruch habe ich in Indien übrigens oft gehört, wenn ich zu etwas kritisch Stellung bezog und mein Missfallen an Umständen ausdrückte. We are so many!

We are so many!

Reit-Elefanten am Amber Fort

Das galt im wahrsten Sinne des Wortes auch für den Besuch im Fort von Agra. Nicht nur den Reichtum einzelner Inder betreffend wurde unser Weltdenken bei dem Besuch im Land auf den Kopf gestellt, auch das, was wir an Vorstellungskraft über Größe und Pracht aus unserem Europa mit nach Indien getragen hatten, wurde eine Belastungsprüfung unterzogen. Schloss Versailles oder die Alhambra in Granada lehrten uns das Staunen ob ihrer schieren Größe und Pracht. Aber Amber Fort war letztlich viel größer als die beiden genannten Anlagen in Europa. Vieles in Indien war größer, nicht nur die Armut und das Elend, nicht nur der selbstverständliche Stolz der Männer über ihr Geschlecht an sich, auch der Reichtum und der zur Schau gestellte Luxus übertrafen an vielen Stellen dass, was wir aus Europa kannten. Nachdem wir Amber Fort intensiv besucht hatten stand ein echter Höhepunkt auf dem Programm: der Besuch des Hauses unseres Reiseleiters B. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt die Frage, ob er denn jede seiner Gruppen zu sich nach Hause einlädt, nicht gestellt. Es war so abgesprochen und ich dachte, dass das der Regelfall sein würde. Wir hatten zwar während der Rundreise immer wieder einmal darüber gewitzelt – die Gruppe war in die Eheanbahnungsversuche des B. mittlerweile eingeweiht -, aber ich hatte aufgrund der vielen Eindrücke glatt vergessen, diese „Komödie“ langsam aber sicher zu entwickeln. Auch hier will ich nicht mit dem Finger auf Menschen aus anderen Kulturen zeigen!

Gelegentlich haben die Elefanten auch einmal eine Pause

Denn Millionen Inder mögen im Kino bei rührenden Bollywood-Romanzen von der großen Liebe träumen. In der Realität spielt Liebe bei der Partnerwahl dagegen fast keine Rolle. Bis heute werden die allermeisten Ehen, Schätzungen sprechen von 90 Prozent, in Indien arrangiert. Für unsere, von der freien „Liebesheirat“ träumenden jungen Menschen wäre dies sicher ein nicht hinzunehmender Eingriff in ihre persönliche Freiheit! Indien schießt zwar eigene Sonden zum Mars und baut Atomwaffen, aber den Partner lassen die meisten Inder bis heute von den Eltern aussuchen. Dabei suchen die Eltern im Freundeskreis, unter Verwandten oder über Heiratsbörsen. Am Wochenende sind die Zeitungen voller Anzeigen in denen die Wunschvorstellungen der Eltern der jungen Leute zum Ausdruck kommen. Der Prozess kann wenige Tage dauern, aber auch Monate. Nicht nur die Kandidaten selbst werden unter die Lupe genommen, auch ihre Familien. Die Horoskope müssen passen – ebenso wie Kaste, Bildungsstand, Beruf, Einkommen, Hautfarbe oder Essensvorlieben. Man glaubt, dass gemeinsame Werte und Interessen ein besseres Fundament für eine Ehe bilden als schnell vergängliche Verliebtheit. Im Westen rümpft man gerne die Nase, hält arrangierte Ehen für archaisch. Dabei ist die Liebesehe ein eher neues Phänomen. Auch in Europa waren arrangierte Ehen lange verbreitet, sind es in bestimmten Schichten teils bis heute. Erst mit Aufklärung und Romantik wurde die freie Partnerwahl üblich. Dabei ist nicht ausgemacht, was glücklicher macht: Laut einer Studie unter indischstämmigen Paaren in den USA gab es nach zehn Jahren keine Unterschiede mehr in der Zufriedenheit zwischen Liebes- und arrangierten Ehen.

Tatsächlich soll die arrangierte Ehe einige Vorteile bieten! Bei Hochzeiten aus Liebe schauen die Partner ja oft mehr auf das Äußere als auf die inneren Werte. Bei arrangierten Ehen dagegen prüfen die Eltern die jeweiligen Kandidaten ohne rosarote Brille. Verträglichkeit und Sicherheit seien wichtiger als romantische Gefühle. Deshalb seien solche Ehen auch stabiler. Allerdings gibt es auch Auswüchse. Die Grenze zur Zwangsehe ist fließend. Während in modernen Familien die Mädchen zwischen mehreren Kandidaten wählen können und das letzte Wort bei der Wahl haben, haben Frauen aus ärmeren Schichten und konservativen Familien oft kein Mitspracherecht. Sie müssen den Mann nehmen, den ihnen die Eltern vorsetzen. Basta! Gerade diese Frauen sind aber besonders gefährdet, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Unklar ist aber, ob dies an der arrangierten Ehe liegt – oder vielmehr dem Umstand geschuldet ist, dass die Frauen insgesamt aus rückständigen Milieus stammen. Im Prinzip hätte ich mich geehrt fühlen können, dass der B. noch immer auf einer Aussprache mit mir bestand, da er doch wusste, dass sein Objekt der Begierde nicht meine leibliche Tochter war und deren Erzeuger irgendwo in den Weiten Russlands weilte. Bei einem flüchtigen Gespräch hatte er mir zu verstehen gegeben, dass er trotzdem mich als seinen Ansprechpartner sehen würde, da die Tochter in „meinem Haus“ wohnte und ich als Herr des Hauses dann auch über ihre künftige Ehe würde entscheiden können.

Baustelle in Jodhpur

Er gab zu verstehen, dass er seine Ehefrau angewiesen habe, sich um das Wohl der Gruppe zu kümmern, so dass er mit mir Verhandlungen über die von seiner Seite aus noch immer gewünschte Verbindung zwischen meiner Stieftochter und seinem Sohn würde führen können. Als der Bus sich endlich durch die viel zu engen Straßen der Stadt zu seinem Haus hin gekämpft hatte, staunten wir nicht schlecht! Der Dreck der Realität hörte an seiner Grundstücksgrenze genauso auf, wie an den Eingangspforten zu den Palästen, die wir schon gesehen hatten. Einer seiner Angestellten verscheuchte gerade noch eine Ratte (gefühlt von der Größe eines mittelgroßen australischen Springbeutlers) mit dem Besen in die Kanalisation. Und vor dem Haus standen neben seiner Frau und seinem Sohn natürlich auch seine Angestellten. Vier Frauen und zwei Männer! Beachtlich! Das Anwesen selbst war auch beachtlich und ich dachte mir sofort, dass es doch bewundernswert sei, was so ein aus dem Hinterland stammender Ziegenhirte, der vorgab der Nachfahre eines Maharadscha zu sein und der Kaste der edlen „Krieger“ entspringen würde, so alles zusammen raffen konnte. Vor unseren Augen erhob sich ein schönes, vierstöckiges Haus, welches von einer großen Dachterrasse gekrönt wurde. Es gab an, dass sein Anwesen 22 Zimmer habe, dass er aber noch darüber nachdenken würde, den Bau zu vergrößern.

Blick von der Dachterrasse des Hauses unseres Gastgebers

Und so einem großkotzigen Angeber sollte ich (wenn auch nur zum Spaß) meine Tochter überlassen? Selbst wenn es nur die „stiefige“ war? Doch war ich gespannt wie ein Flitzbogen. Ein geräumiger Garten, fast schon ein Park, umgab das Haus und es standen viele exotische Pflanzen darin die Zeugnis davon ablegten, dass auch er, der B. davon träumte, einmal einen Garten Eden rund um sein Haus zu besitzen. Seine Ehefrau war eine sehr gepflegte Erscheinung und erschien mir sehr selbstbewusst und im Vergleich zu ihm auch recht attraktiv! Mit meinen europäischen Augen, die ja oft mehr auf das Äußere als auf die inneren Werte schauen sollen, hätte ich die Erscheinung der Ehefrau eher beim Bruder des B. verortet. Sie begrüßte – zusammen mit ihrem Sohn – alle Gäste mit dem indischen „Namaste“ und ihr Sohn tat dasselbe. Der Sohn? Achja, ui, das würde problematisch werden! Meine Stieftochter war definitiv ein europäisches Mädchen, das mit seinen europäischen Augen, ausschließlich auf das Äußere fixiert war. Wenn sie innere Werte jemals interessiert haben sollten, dann habe ich das nicht mitgekommen oder fehlinterpretiert, weil das Mädchen sich bei der Übergabe von Geschenken schon dafür interessierte, was denn nun wertvolles im inneren der Verpackung zu finden sei. Das war dann ja auch eine Art Suche nach den „inneren Werten“. Der Sohn? Achja, ui! Ja, Frechheit ist ein Vorrecht der Jugend und ich hätte auch nichts Negatives dazu zu sagen gehabt, auch weil ich in meiner Jugend nicht nur von später Entwicklung gepeinigt, sondern dann, als die Entwicklung endlich begann (ca. 3 Jahre nach allen anderen) auch noch von einem mein gesamtes Gesicht (sozusagen flächendeckend) verunzierenden Pickel-Teppich begleitet wurde. Ich war damals kein Ausbund an Schönheit!

Der Sohn des B. war das auch nicht, aber ihn verunzierte wenigstens kein Pickel-Teppich. Der Sohn? Achja, ui! Nun hatte die Stieftochter vor meiner Abreise zumindest angedeutet, dass sie bereit wäre über eine Ehe nachzudenken, wenn der „Bursche“ Alleinerbe eines gewaltigen Goldschmuck und Silberbarren Imperiums wäre. Jeder hat so seinen Preis. Sie machte es aber zur Vorbedingung, dass ich ihr möglichst noch von Indien aus ein Bildnis zukommen lassen würde, auf welchem sie den jungen Kerl würde in Augenschein nehmen können. Das hatte ich dem B. auch gesagt und flugs nachdem die Gästeschar in einem extra für sie aufgestellten Zelt zum Mittagessen verschwunden war, wurde der Junior herbeizitiert und musste sich als Photo-Modell zu Verfügung stellen. Und natürlich – ohne den Wert des jungen Mannes dabei angreifen zu wollen – ahnte ich schon, dass es schwierig werden würde, ihn so zu photographieren, dass es am anderen Ende der E-Mail Leitung nicht sofort einen Sturm des Protestes nach sich ziehen würde. Der B. war ganz versessen darauf, die dabei entstandenen Bilder von meiner Speicherkarte auf seinen Computer zu ziehen (und ich habe aufgepasst wie ein Luchs, dass er ausschließlich die besprochenen Sohn-Bilder auf seine Festplatte überträgt und auch keines von den Müll-Bildern, die ihm so gar nicht gefielen, löschte) und sie dann an unsere Geschäftsadresse per Mail zu senden. Mit berauschtem Lächeln stand er nach dem Befehl „senden“ noch eine Minute vor dem Bildschirm, so als ob er erwarten würde, dass die hellhäutige und dazu noch blonde Schwiegertochter in spe jetzt vor lauter Begeisterung über das Angebot durch den Bildschirm gesprungen käme. Er bekam das das dämliche Mona-Lisa Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Zelt auf dem Grundstück unseres Gastgebers

Der Sohn? Achja, ui, er hätte doch auch die Möglichkeit gehabt, seine Gene so zu wählen, dass er der Mutter ähnlicher geworden wäre als dem Vater! Warum nur hatte er in seiner Entwicklung im Bauch seiner Mutter bloß für die Variante „Papa“ entschieden? Das verkomplizierte die Ehe-Anbahnung mit einer mit europäischen Idealen um sich blickenden jungen Dame, die ausschließlich auf das Äußere eines potentiellen Partners sah und bei der sich zu diesem Zeitpunkt der „Wert des Inneren“ noch auf einem Neben- oder Abstellgleis befand, erheblich. Später erfuhr ich, dass die Auserwählte tatsächlich einen hysterischen Anfall erlitt und immer wieder fragte, ob man sie denn umbringen wolle mit einem solchen Vorschlag! Frechheit, seit Ewigkeiten ein Vorrecht der Jugend! Danach saßen wir noch eine gute Stunde auf der Dachterrasse und B. präsentierte mir seine Promotionsmappe. Der Sohn solle nach seinem indischen Abitur in England studieren. Er hatte bereits einige Universitäten geprüft und auch schon die Verkaufspreise für die dortigen Wohnungen eingeholt. Er favorisierte natürlich Cambridge – wegen des Status und des guten Namens. Er ging davon aus, dass der Sohn, nachdem er das Studium beendet hätte – dort in England weiter an seiner Karriere basteln und nur in unregelmäßigen Abständen nach Inden zurück kommen würde. Er betonte nochmals, dass er von seiner europäischen Schwiegertochter nicht erwarten würde, dauerhaft in Indien zu leben, weil er im Sinne des Lebensglücks seines Sohnes auch eine glückliche Schwiegertochter würde haben wollen, denn nur dann würde sein Sohn aus vollem Herzen glücklich werden können.

Zur Begrüßung gab es wieder Blumenkränze

Ich fragte nach, ob er sich seine Pläne auch würde leisten können und erhielt die Antwort, dass er für indische Verhältnisse ein reicher Mann sei und dass er sofort eine Viertelmillion Dollar aufbringen könnte um das Start-up-Paket zu bezahlen. Außerdem würde er gute Geschäfte machen und könnte davon ausgehen, dass sein Imperium noch wachsen würde. Er nannte die Zahl von einer Million Dollar die notwendig werden würde, um den Sohn in die gesellschaftliche Position zu hieven, die er sich für ihn vorgestellt hatte. Er hatte ehrgeizige, klar umrissene Pläne der B.! Ich sprach die Mitgift an. Es war ja so Sitte, dass die Familie der Frau eine eindrucksvolle Mitgift zu zahlen hatten, damit sich die Familie des Sohnes überhaupt erbarmte, ein so weit unten stehendes menschliches Wesen (die Frau) bei sich aufzunehmen. Da würde ich mir überhaupt keine Sorgen machen müssen, hörte ich ihn reden, er sei ja auch schon viel mit Europa und europäischem Denken konfrontiert worden und würde wissen, dass es diese Regelung bei uns nicht gäbe, fügte trotzdem noch hinzu, dass ich doch froh sein müsse meine Stieftochter kostenlos verheiraten zu können. Um die Komödie abzurunden fragte ich ihn nun meinerseits nach den Zuständen seiner Familie. Mir war nicht entgangen, dass es gewisse Spannungen zwischen ihm und seiner Ehefrau gab, als wir dort angekommen waren.

Er, wohl in dem festen Glauben dass die Ehe nun kurz vor ihrer Anbahnung stand, war erstaunlich offen! Dass er am Tag zuvor mit seiner Frau einen Streit am Telefon gehabt habe weil diese ihm ankündigte, dass sie niemandem aus der Gruppe die Hand geben würde. Das war weit vor der Zeit der Coronakrise und ich wollte deshalb natürlich wissen, warum sie niemandem aus der Gruppe die Hand geben wollte. Seine Antwort fand ich lustig, aber auch nachdenkenswert: der B. meinte, das seine ungezogene Frau das nicht machen würde weil sie wüsste, dass Europäer/-innen sich auf der Toilette den Hintern mit der Hand abputzen und dass das unrein sei. Er arbeitete schon seit langem darauf hin, dass seine Ehefrau dieses Verhalten ändern würde, aber sie tat es einfach nicht, begrüßte die Europäer nach wie vor mit einem freundlichen Namaste. Als wir zur Gruppe zurückgingen, schaute er noch flugs in seinem Computer und im dortigen E-Mail Postfach nach, ob denn schon eine Reaktion auf die gesendeten Bilder seines Sohnes eingegangen war. Er wurde enttäuscht. Sollte er etwa bis zum heutigen Tage dort warten? Bei näherer Betrachtung und einem in englischer Sprache geführten Kurz-Gespräch mit dem Sohn befand ich, dass es keine gute Idee gewesen wäre, den Kerl zu ehelichen, auch wenn ich die Stieftochter sagenhaft günstig zum Nulltarif mit ihm hätte vermählen können.

Was in Indien vielleicht für Anerkennung sorgt, stößt im guten, alten Europa doch eher auf Ablehnung! Er gab vor, dass ihm die Mutter (er war 16 Jahre alt) jeden morgen den Schulranzen packen und das ein Angestellter des Hauses diesen Schulranzen für ihn bis zu Bushaltestelle tragen würde. Mit Stolz in Blick verkündete er, dass er noch nie gezwungen war, einen Besen zu schwingen oder gar aufzuräumen und dass ihm die Mutter jeden Morgen in seine Kleider half und Abends wieder heraus. All das, was vielleicht im Land der Inder ein Statussymbol war, galt in europäischen Kreisen aber eher als dekadent oder lebensuntauglich. Ich befürchtete, dass dieser so gewünschten Ehe wohl von Anfang an kein Glück beschieden war. Zu verschieden, diese Welten. An diesem Nachmittag – wir wollten gerade aufbrechen um nach Jodphur zu fahren, schoss der B. noch den schlimmsten Bock den er überhaupt schießen konnte. Immer wieder hatte er bei seiner Reiseleitung die Bedeutung des Wortes Mensch betont, dass nur ein Mann & eine Frau zusammen einen Menschen ausmachen würden. Aus welcher esoterisch orientierten New Age Bewegung er diese Philosophie ableitete, konnte ich nicht klären.

Indische Realität rund um das Haus unseres Gastgebers

Von den imaginären Hochzeitvorbereitungen noch ganz von Sinnen kam er noch vor seinem Haus auf die Idee, dass wir nun ein Gruppenphoto nur mit „Menssen“ (O-Ton) machen würden. Zielgerichtet zog er alle Ehepaare zu sich hin, befahl seiner Ehefrau sich ebenfalls mit aufs Bild zu stellen und redete unentwegt von einem Gruppenbild nur mit „Menssen“. Eine Dame aus unserer Reisegruppe, die einige Jahre zuvor den Ehemann und kurz zuvor den Sohn, das einzige Kind, verloren hatte und immer sich wieder in Phasen der Depressivität und Trauer befand, hatte seine wortreichen Einlassungen zum Thema Gruppenbild mit „Menssen“ nicht mitbekommen, da sie mit ihrer Videokamera um die Ecke herum das Leben hinter B´s. Palast gefilmt hatte. Nun kam sie zurück, stellte sich mit freundlichem Lächeln zu der Ehepaar Gruppe dazu und wurde prompt von B. des Platzes verwiesen. Er drängelte sie aus dem Bild und sagte immer wieder, dass das nun ein Bild nur mit „Menssen“ werden solle und sie – er wusste dass sie Witwe war – wäre ja kein „Menss“ weil sie keinen Mann mehr habe! Ihr entsetztes Gesicht, in dem zu lesen war, dass ihre Schmerzen neu aufzusteigen begannen und sein „Menss“ Geschwafel im Hintergrund sorgten dafür, dass ich meine Impulse sehr stark unter Kontrolle halten musste. Nach drei tiefen Atemzügen hatte ich mich beruhigt und rekurrierte in meinen Gedanken einfach auf die Tatsache, dass das hier ein anderes Land mit anderen Sitten und anderen Gebräuchen war. Aber nach diesem Vorfall würde ich zu einem glühenden Verfechter der „Nicht-Eheanbahnung“ zwischen seinem Sohn und meiner Stieftochter werden. Er war nicht ungehobelt, er war nicht kalt, er war schlicht ein Mann der in die gesellschaftliche Stellung gesprungen war, dem ihm seine Gesellschaft angeboten hatte. Aber sollte sich ein solcher Vorfall wiederholen (und er wiederholte sich) dann würde ich keine Garantie mehr geben können meine Impulse noch kontrollieren zu können. Immer wieder sah ich meine linke Faust in sein Gesicht fliegen, auch wenn mir klar war, dass er lediglich das größenwahnsinnige Produkt einer im Größenwahn befindlichen Männer-Kultur war. Aber manchmal muss der Mensch auch einfach mal Dampf ablassen dürfen.

Jodphur – die Blaue Stadt

Wir besuchten Jodphur. Bei einer Reise durch Rajasthan darf ein Aufenthalt in Jodphur natürlich nicht fehlen. Die Stadt wird die „blaue Stadt“ genannt und hat zahlreiche kulturelle Highlights zu bieten. Also Jaipur war die Pink City und Jodphur die Blue City. Solche Bezeichnungen machten die Orientierung in den besuchten Städten einfach! Man wusste immer, wo man war! Jodphur ist die zweitgrößte Stadt Rajasthans, sie trägt den Beinamen „Blue City“, wegen der vielen blau gestrichenen Häuser. Wir hatten von Anfang an vor, neben einem Spaziergang in der Innenstadt nur das Mehrangarh Fort und und das dazugehörige Museum zu besuchen. Die Festung liegt auf einem 125 Meter hohen Berg. Übersetzt bedeutet der Name des Bauwerks passenderweise „Festung der Sonne“. Der Bau der Anlage soll Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen haben. Der Großteil der erhaltenen Festung stammt allerdings aus dem 17. Jahrhundert. Von den sieben kunstvoll verzierten Eingangstoren, die zu den Highlights zählen, sahen wir aber nur zwei. Eines beim hinein- und eines beim hinausgehen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon ein bisschen Maharadscha-müde und wollten lieber in der Innenstadt etwas Freizeit haben, was der noch immer in Hochzeitsstimmung befindliche B. aber brüsk zurückwies. Er wurde nicht müde zu betonen, dass zwar in Indien keine Prostitution, keine Homosexualität, keine Drogenprobleme, keinen Sex vor der Ehe und keine Taschendiebe gab, meinte aber trotzdem uns ständig von individuell gestalteter Freizeit abhalten zu müssen. Der Missmut der Reisegemeinde wuchs und ich hatte ihm irgendwann in den letzten Tagen einmal zugeraunt, dass er den Leuten etwas mehr Freizeit gönnen müsse, damit sie in Deutschland nichts Negatives über Indien berichten würden. Das wäre doch schlecht für zukünftige Geschäfte. Er solle sich mal nicht so anstellen, sein Indien sei doch ein sicheres Land?

Nach Nahrung suchende Ferkel in einer Seitenstraße

Er willigte ein und nachdem er uns durch den ehemaligen Palast geführt und das im Inneren befindliche zum Museum erklärt hatte, gab er uns noch tiefe Einblicke in die prunkvolle Lebenswelt der Rajput-Maharadschas, die sich in dieser edlen Hütte auf dem Berg lange wohl gefühlt hatten. In der prunkvollen Bettkammer des Maharadscha Takhat Singh, sie zählt zu den Höhepunkten der Ausstellung, hatte er fast Tränen in den Augen vor lauter Rührung und Begeisterung für einen Lebensstil, der den einfachen Indern und Inderinnen noch weit mehr Opfer abverlangt hatte als dies heute vorstellbar gewesen wäre. Danach führte er uns zurück auf einen lebhaften Platz in Jodhpurs Altstadt und ließ zu, dass wir uns eine Stunde lang frei bewegen durften. Die anderen Mitglieder der Gruppe hatte ich vorbereitet, dass es etwas komplett anderes sei, allein oder als Ehepaar durch die Straßen einer indischen Stadt zu laufen, als als Gruppe. Sie hatten ihre Wertsachen im Bus gelassen und stürzten sich nun hinein, ins pralle indische Straßenleben. War das wieder ein Gegensatz! Hoch droben auf dem Berge der Palast, kaum zu überbieten an Luxus und Pracht und dann hier unten eine Verelendungswelle nach der anderen.

Indiens Bevölkerung wächst und wächst und dadurch auch die Abfallberge. Die Straßen sind verdreckt, die Flüsse verseucht. Der Staat versagt komplett. Es riecht selten gut in Indien und wenn, dann nur in den paradiesischen Gärten der Sehenswürdigkeiten. Es stinkt in den Städten überall. Die Straße vor dem Gebäude, welches mir von keinem B. erklärt wurde und welches ich deshalb heute auch nicht kenne, war übersät mit Müll und Fäkalien. Ziemlich mitten in der Stadt. Vor den Hauseingängen türmte sich der Dreck meterhoch. Die Leute hier mussten also jeden Tag durch den Dreck? Mit Schuhen oder ohne Schuhe! Offiziell gibt sich die Regierung ja angeblich Mühe! Mit Stolz verweist man heute darauf, dass die Menschen in Indien inzwischen wissen, was Recycling ist. Sie wissen aber nicht, wie es funktioniert, sie wissen lediglich, dass es so etwas gibt. Für manche in der indischen Politik ist das schon ein Erfolg. Aber wenn man sich die Straßen ansah?? Tausende Tonnen Müll entstanden jeden Tag in den indischen Städten. In Jodphur hatte ich das Gefühl, dass die Hälfte davon von hier stammte. Papier, Plastik, Speisereste, Bauschutt, tote Hunde und Katzen, alles lag da in den Straßen beieinander. Gegenüber des Hauses an dem ich gerade noch nach einem Photomotiv suchte, wühlten sich streunende Hunde durch Speisereste, einige Straßenzüge weiter waren es Schweine und auch die heiligen Kühe mischten neben den auf der sozialen Leiter ganz unten stehenden Menschen mit. Überall loderten kleine Feuer, neben denen Kinder spielten und die schmissen das Plastik in die Feuer und sprangen um die Flammen herum. Schwarzer Rauch stieg auf, den Kindern war das egal.

Auch die heiligen Kühe müssen teilweise im Müll leben

Kaum jemandem schien es etwas auszumachen, dass das Land im Müll erstickte. Die Straßen waren fast überall übersät von Abfällen, auf den Flüssen bildeten sich weiße Schaumkronen, und die Luft in den Großstädten war trüb vom Smog. Diese Beobachtungen aus dem Jahre 2005 haben sich bis heute nicht verbessert, eher verschlechtert! Die Leute wissen nicht, was sie mit ihrem Müll machen sollen! Also landet er auf der Straße. Er stapelt sich, stinkt und irgendwann landet er bei den Müllfrauen Indiens. Die Frauen hocken zwischen Bergen von Müll am Stadtrand der Städte. Rund um die großen Städte – die Größe der Stadt lässt sich leicht an der Größe der Müllberge ablesen – sitzen die Müll-Sammlerinnen, so wie Generationen von Frauen vor ihnen. In Indien sammeln die Menschen zwar schon seit Jahrhunderten Müll, aber Plastik, Metall und Elektroschrott waren früher nicht dabei. Das Sammeln und Sortieren des Mülls ist Aufgabe der niedrigsten gesellschaftlichen Schicht, der sogenannten Unberührbaren – und da vor allem der Frauen. Auch heute noch sind diese es, die an den Straßenrändern hocken und mit den Fingern Speisereste und Plastikmüll durchwühlen. Sie sind es, die mit Steinen das Metall aus weggeworfenen Radios herausbrechen oder Cola-Dosen pressen und in Beuteln verstauen. Laut der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit arbeitet ein Prozent der städtischen Bevölkerung in Indien im informellen Recycling-Geschäft. Ein schönes Wort.

Das informelle Recycling-Geschäft beginnt schon den den Straßen Jodhpurs

Gehen wir lieber vom Albtraumland wieder zurück zum Traumland. Der B. war hocherfreut, dass sich „seine“ Gruppe offensichtlich daran erfreut hatte, Freilauf zu bekommen. Zur Belohnung wies er dann noch seinen Busfahrer an, zu einem besonders schönen Aussichtspunkt auf einem Felsen gegenüber des Mehrangarh Forts zu fahren. Kaum waren wir dort ausgestiegen eilte „sie“ heran. Ein Mädchen mit einem Musikinstrument in der Hand das mit aller Kraft (nicht immer schön, aber zumindest selten) diverse Gesänge zum Besten gab. Sie sang mit solcher Hingabe, dass wir schnell vom Zustand des amüsiert Seins ins Stauen gebracht wurden. Und als sie dann auch noch ein paar Rupien zugesteckt bekam, zog sie das volle Programm durch, mit Gestik und Mimik und vollen Körpereinsatz. Sie mochte vielleicht 11 oder 12 Jahre alt gewesen sein. Ich dachte an die Recherchen zum Thema Kindersklaverei meines Kollegen und dass er beobachtet hatte, dass gerade die Mädchen im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen bei uns viel kleiner wären? Vielleicht war sie auch schon 16 Jahre oder älter? Wir ließen sie einfach spielen und schauten ihr eine Weile zu.

“Sie”, singen, spielen und voller Körpereinsatz

Als sie schon so gute 10 Minuten für uns gesungen und gespielt hatte, kam auch ihr Vater dazu. Zumindest gab er sich unserem B. gegenüber als ihr Vater aus und – nachdem sie weitere Rupien bekommen und mit dem Spiel aufgehört hatte – nahm ihr den gerade erhaltenen Lohn wieder ab! Wir nahmen das teilnahmslos zur Kenntnis, sicher würde die Familie wieder irgendeinen Sohn haben der von der Schwester ernährt werden musste. Zumindest so ähnlich war es auch, denn der Vater gab an, vier Kinder zu haben, zwei Söhne und zwei Töchter, aber nur die Mädchen würden arbeiten und diese Tochter hier – wobei er ihr über den Kopf fuhr – sei sein ganzer Stolz und sie würde viel mehr Geld verdienen mit ihrem Gesang als er. Ja klar, konnte ich nachvollziehen. Wenn der erwachsene Mann mit denselben Liedern aufspielen würde, wäre das Interesse sicher nicht so groß, wie bei diesem lebhaften Mädchen. Sie war sichtlich stolz ob des Lobes ihres Vaters. Wohl auch nur ein typisches indisches Mädchen aus den unteren Schichten der Gesellschaft, das noch nicht die Spur einer Ahnung hatte, dass es gewissen Unterdrückungsmechanismen ausgesetzt war? Ich hab die Kleine als eines der TOP 10 Highlights der Rundreise durch Rajasthan in Erinnerung behalten.

Der Vater der Kleinen machte weniger Eindruck

An diesem Tag hatten wir nicht mehr weit zu fahren, denn das nächste Hotel – wieder mal einem Maharadscha-Palast sehr ähnlich – lag in Rohet Gar, nur knapp 40 Kilometer in südlicher Richtung von Jodhpur entfernt. Das Anwesen lag am Bagela See und war außerhalb der Stadt. Das bedeutet konkret, dass wir nicht bis zu der Eingangspforte zum Hotel durch vermüllte Elendsquartiere fahren mussten. Die Landschaft auf dem Weg zum Hotel war sogar sehr ansprechend und zum ersten Mal seit über einer Woche hatten wir das Gefühl, so etwas ähnliches wie eine menschenfreie Zone erreicht zu haben. Aber eben nur so etwas ähnliches. Denn immer wenn der Bus angehalten wurde und sich dadurch das Fahrgeräusch in ein Standgeräusch veränderte, tauchten hinter den Büschen und Bäumen Menschen auf, die wohl neugierig waren zu erfahren, warum denn das Fahrzeug angehalten hatte. Wir hatten ja immer viele Photo-Enthusiasten in unserer Gruppe und da der B. auch in Zukunft gute Geschäfte mit mir machen wollte, war es ihm jedes Mal eine „Ehrensache“ den Bus zum anhalten zu bringen. Also nicht er selbst, aber er öffnete dann immer die Glastür zwischen uns und dem Fahrer und bellte die Order nach vorne durch, so dass seinen Wünschen immer umgehend entsprochen wurde.

Rohet Gar Hotel – Innenhof

Auf dem Gelände des Hotels erfolgte dann das übliche Prozedere: wir wurden von weiß gekleideten, mit einem roten Turban auf dem Kopf verzierten Reitern samt ihren weißen Pferden begrüßt, dann folgten Tänze und Musik (ja, Frauen durften da auch mitmachen), dann gab es ein Begrüßungsgetränk und dann wurden die Zimmer verteilt. Die Anlage gehörte wieder zu den Top-Hotels dieser Reise aber es soll auch nicht verschwiegen werden, dass wir zumindest eine Übernachtungsstätte hatten, die dieses Prädikat nicht verdient hatte. Allerdings trug ich daran die Schuld, wie ich hören musste! Den dadurch, dass ich darauf gedrängt hatte, eine besondere Reise zusammen zu stellen, wurde B. genötigt, auch in Regionen vorzudringen, in die ihn seine Tätigkeit bisher nicht geführt hatte. Und da ihm ein Verwandter dieses Haus, das ihm selbst, dem B., völlig unbekannt war, empfohlen hatte, konnte er keinen Rückzieher mehr machen, denn dann hätte er Gesicht verloren. Die Zimmer hatten teilweise nicht einmal Fenster und das gesamte Nachtleben in tierischer Form konnte sich ungehindert Zutritt zu den Schlafgemächern verschaffen. Ich nehme an, dass in diesem „Hotel“ seit Jahren keine Gruppe mehr übernachtet hatte? Als Dusche fungierte ein Rohr, welches einfach so aus der Wand kam. Beim drehen des Wasserhahnes gab es erst einmal mörderische Geräusche, bis dann brauner Schlamm aus dem Rohr kam. Dann für etwa 10 Minuten braunes, später etwas hellbraunes Wasser, welches aber nie warm wurde. Der Name dieses Hotels war Roopangarh Fort Hotel, damit alle die das lesen und vielleicht in vielen Hundert Jahren nach Indien reisen können, dort keinesfalls ein Zimmer bestellen!! Zum Glück mussten wir im Rohet Gar Hotel, wo wir gerade aufgeschlagen waren, solcherlei Ungemach nicht erdulden.

Das bemerkenswert schlechte Roopangarh Fort Hotel

Am nächsten Tag war eine Jeep-Safari in ländliche Gebiete mit inkludierter Wüstentour gebucht. Da wir alle Mitreisenden samt R. und meinem Adjutanten darin unterbringen mussten, standen am Ende 5 Jeeps vor der Türe, die mit 4 – 6 Personen besetzt wurden. Überraschend schnell änderte sich die Landschaft und es waren nach längerer Pause wieder einmal Sichtungen von Wildtieren möglich. Diverse Hirschziegenantilopen kamen immer wieder einmal ins Blickfeld und wir sahen sogar zwei der deutlich dunkler gefärbten männlichen Tiere, die in Indien natürlich schon deshalb verehrt wurden, weil sie männlich waren! Am Ende kamen wir immer mehr in ein steppenhaftes Gebiet, in welchem auch immer wieder größere, zusammenhängende Sandflächen zu sehen waren. Der Tag kann durchaus als der Tag der Erkenntnis, der Tag der beinahe Prügelei und der Tag der heiß gelaufenen Speicherkarte aufgefasst werden. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt das ländliche Indien, wo die Männer noch ein bisschen selbstverliebter und die Frauen noch ein bisschen unterdrückter sein sollten, noch gar nicht kennengelernt! Schon das erste Dorf war – von der Möglichkeit die Kamera zum Einsatz zu bringen – der absolute Wahnsinn. So viele Motive und solche Authentizität! Diese Menschen waren Tourismus unerfahren, was man sofort bemerkte. Das klassische „ein Lächeln ins Gesicht zaubern“ funktionierte hier nicht. Die Menschen wirkten verstört und irritiert, wenn man durch Gesten anzeigte, dass man ein Bild würde machen wollen.

Auf dem Land sind die Menschen oft noch Tourismus unerfahren
Hart arbeitende Frauen

Es folgte Dorf auf Dorf und wir sahen auf den Feldern in der mittlerweile glühenden Hitze immer nur Frauen. Schwer beladen und bepackt. Zur Entschuldigung dieser Region kann man hinzufügen, dass wir wenigstens keine kleinen Mädchen auf den Feldern gesehen haben. Die Menschen hier lebten nach altem Rhythmus, sie lebten nicht als Lohnsklaven in der Stadt, versorgten sich selbst und konnten es so ihren Kindern (Mädchen) ersparen, sich auf den Feldern zu betätigen. Wir sahen aber nicht nur keine Mädchen auf den Feldern: wir sahen überhaupt keine Mädchen! Eine unserer Damen fragte den B., wo denn die ganzen Männer seien, weil man doch nur Frauen würde arbeiten sehen. Die Männer – so wurden wir umgehend belehrt, würden sich um diese Zeit in einem kühlen Gebäude aufhalten und ihre Opiumpfeifen rauchen. Da klingelte etwas: hatte der freche Kerl bei seinem Besuch in Deutschland in unserem Haus nicht unser Wohnzimmer zu einer indischen Opiumhöhle umgestaltet? Die Idee kam auf, als Gruppe einmal eine solche Höhle zu besuchen. Schon im nächsten Ort fragte der B. in einem Gebäude nach, ob die Gruppe kurz würde reinschauen können. Die allesamt prächtig gekleideten und herausgeputzten männlichen Sapiense fühlten sich quasi geehrt und als der B. noch (lügenderweise) hinzufügte, dass er ein Presseteam dabei habe, war die Freude groß und der Einlass wurde gewährt.

Die selbstgefälligen Herren der “Opiumhöhle” – rechts der spätere Mr. Scum

Es fällt mir noch heute schwer zu beschreiben, welche tiefen Einblicke ich in den nächsten 60 Minuten in die Psyche des Menschen und seinen auf die bis zum erbrechen getriebene Spitze des Männerkultes gewährt bekam. Was diese Momente aus mir machten und dass diese bis heute in meinem Kopf sind. Als Horrorvision, jederzeit abrufbar, mich noch immer grenzenlos empörend, zum Kämpfer machend, das elend der Menschheit vor mein Auge führend. Da ich lieber Photos machen wollte anstatt an einer Opiumpfeife zu rauchen, trat ich erst einmal nur widerwillig in die – natürlich blau gestrichene (göttliche) – Männerhöhle ein. Zu meiner Überraschung saßen dort ein paar wirklich vorzeigbare indische Männer. Sie waren fein angezogen, hatten prächtige Turbane auf dem Kopf und schienen in dieser wie klimagekühlt wirkenden Atmosphäre sehr entspannt. Sie hatten dort auch zwei kleine Jungen auf ihrem Schoß sitzen, wobei die kleinen Knaben aber nicht an den Opiumpfeifchen ziehen durften. Die stolzen Männer baten die gesamte Gruppe herein und störten sich auch nicht daran, dass „Frauen“ (minderwertige Lebewesen) ihren von Opiumdämpfen durchzogenen Versammlungsraum betraten. Sie schienen sich zu benehmen, weil ja ein Fernsehteam dabei war?

Der größere der beiden Buben.
Der kleinere der beiden Buben

Ich sah, das der kleinere der beiden Buben immer wieder von Mann zu Mann gereicht wurde. Er war prächtig geschminkt, der Kleine Bursch und die Männer schienen große Freude daran zu haben, den Kleinen zu nehmen, zu liebkosen und weiter zu reichen. So ging das Runde um Runde. Ich bat um die Erlaubnis, photographieren zu dürfen, was mir umgehend gewährt wurde. Als der Kleine Bub gut im Bild war, machte ich ein Photo von ihm. So als hätten die erwachsenen Männer nur darauf gewartet, verstummte das Gespräch und alle sahen voller Spannung zu mir herüber. Der älteste der Männer richtete daraufhin das Wort an den B., was der mir – da ich keinen der vielen Hindi Dialekte sprach – übersetzen musste. Es war der Großvater des Kleinen und er wollte wissen, ob er einen Blick auf das Bildergebnis würde werfen dürfen. So weit waren sie in ihrem technischen Grundverstand also schon? Sie wussten, dass man bei einer digitalen Kamera das Bildergebnis sofort betrachten konnte. Ich rief das Bild auf, drehte das Display zu dem alten Herrn und werde nie diesen verblüfften und gleichzeitig gerührten Blick das Alten vergessen. Er war vollkommen versunken in der Betrachtung des Bildes seines Enkels. Es hob ein großes Zustimmungsgemurmel an und meine Kamera wurde dann von Mann zu Mann gereicht, damit jeder dieses Bild würde bestaunen können. Sie sangen ein Hosianna nach dem anderen! Ich sollte weitere Bilder von dem Knaben machen. Ich machte es, er war ja auch schön anzuschauen in seiner geschminkten und herausgeputzten Erscheinung. Jedes Mal musste ich das Bild zeigen und jedes Mal erklang ein Hosianna nach dem anderen. Ich hatte keinen Grund, über dieses Vorkommnis verärgert zu sein. An den indischen Männer-Wahn (das war alles andere als ein Kult) war ich bereits gewöhnt und erhielt hier nur die Bestätigung. Als sie nach der 10ten Runde Hosianna langsam ihre Fassung wieder gefunden und meine Gäste doch tatsächlich vereinzelt an der angebotenen Opiumpfeife zu ziehen begannen (sie hatten schnell erweiterte Pupillen) verzog ich mich langsam in den hinteren Teil des Anwesens. In einem der Innenhöfe stand eine junge Frau. Perfekt bildete sich ihre Kontur vor der dahinter liegenden Mauer ab. Selbst die Farben ihres Kleides verschwammen wunderbar mit dem Hintergrund. Ich legte die Kamera an und machte mein erstes Bild. Eigentlich hatte ich vor, noch weitere folgen zu lassen, aber dazu kam es nicht mehr.

Mein “One-Million-Dollar” Photo der Emotionen

Nachdem die junge Frau das Klack meiner Kamera vernommen hatte, drehte sie ihren Kopf zu mir und unter dem Schleier konnte ich erkennen, dass sie lächelte. Immer wieder blickte sie sich um, dann aber auch wieder zu mir. Ihr Lächeln trug sie noch immer im Gesicht. Ich wollte sie motivieren, den Schleier wenigstens so weit zu heben, dass ich dieses Lächeln hätte photographieren können und machte die entsprechenden Gesten. Wieder blickte sie sich kurz um und begann dann tatsächlich, ihre Hand zum Schleier zu bewegen. Höchstens noch eine Sekunde würde vergehen und ich könnte das Photo machen, das ich machen wollte. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, kam eine alte Frau in die Szene geflogen. Laut schreiend schwang sie einen Besen in der Hand und drosch nun mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft auf die junge Frau mit dem Schleier ein. Laut schreiend und keifend flogen die Hiebe. Die Junge duckte sich weg, was aber die Raserei der Alten nicht bremsen konnte. Ich dachte, sie hätte ihr das Rückgrat zerschlagen wenn sie den Kräften nach dazu noch in der Lage gewesen wäre. Die Junge ging auf die Knie und kroch, noch immer die Hiebe der schreienden und tobenden Alten auf ihrem Rücken spürend zu der geöffneten Tür hin, in welcher sie dann verschwand, ohne die Alte loszuwerden. Das schreien und toben, das klatschen und verfluchen ging noch im Haus weiter.

Durch das Geschrei der Alten waren einige der Männer und auch Reiseleiter B. herbei geeilt. B. musste mir umgehend übersetzen, dass ich hier nicht zu photographieren habe, ich solle wieder nach vorne kommen und könne dort gerne die Männer ablichten. Es war spontan eine angespannte Stimmung entstanden. Da ich keine weiteren Photos von den Männern mehr machen wollte, ließ ich den B.noch fragen, ob es denn erlaubt sei, überhaupt ein Mädchen zu photographieren und fragte in meiner grenzenlos scheinenden Naivität auch noch, wo diese Mädchen denn überhaupt seien! Die abfällige Handbewegung, mit der einer der Männer diese Anfrage beantwortete benötigte keine Übersetzung für mich. Einer der Männer, der mich plötzlich nicht mehr so freundlich ansah wie noch vor ein paar Minuten sprach offensichtlich ein wenig Englisch und setzte wohl voraus, dass ich das ebenfalls tun würde. Er formte mit seinen Händen und seinem Körper eine weibliche Erscheinung nach und sagte dazu immer wieder „scum – scum“! Das englische Wort für Abschaum. Dieser Kultur-Crash war selbst für mich, einen der schon viel gesehen und erlebt hatte, zu viel. Viel zu viel! Hier schlug mir Indien nicht in meine Magengrube, hier hatte mich Indien bis ins tiefste Mark erschüttert und mich auf ewig zu einem Kämpfer für die Befreiung der unterdrückten Frauen dieser Welt gemacht.

Arbeitende Männer kommen von der Feldarbeit nach Hause

Warum kriegen Frauen es nicht hin, einander zu unterstützen, zusammenzuhalten, Seilschaften zu bilden? War die allgegenwärtige Stutenbissigkeit auch in dem Angriff der Alten auf die Junge zu erkennen? Die mangelnde Solidarität der Frauen ist das eigentliche Problem. Wenn man beginnt, über die Frauen und ihre Unfähigkeit zu gegenseitiger Unterstützung nachzudenken, hat man sich schon eingereiht in den Chor der Denunzianten/-innen, der in den vergangenen Jahren immer lauter geworden ist. Dieses Vorkommnis in diesem unbekannten Dorf in Indien hat mich in so vielen Denkweisen und Denkansätzen bestätigt. Ich hatte die Schnauze voll von diesem „Männerladen“ und verzog mich grollend nach draußen. Die dörfliche Atmosphäre beruhigte mich wieder. Am Ende der Straße kam ein Traktor um die Ecke gefahren. Darauf viel zu viele Männer, die offensichtlich gerade von der Arbeit vom Feld kamen. Wie? Die Männer arbeiteten doch irgendwo? Und dann sah ich endlich ein paar Mädchen. Struppig und zerzaust spielten da einige von ihnen im Schatten eines Baumes. Als ich mich näherte, bemerkten sie mich und liefen schreiend davon. Sie hatten Angst vor mir, das konnte ich erkennen. Nach zwei weiteren Versuchen, die Mädchen zu photographieren gab ich auf, ging zum Jeep zurück und bat den Fahrer, der im Wagen geblieben war, meine langes Teleobjektiv herausnehmen zu dürfen. Ich wollte „Mädchen“ photographieren und wenn es auch nur aus dem einen Grund war, mir selbst das Gefühl zu geben, dass sie mindestens gleichwertig waren.

Dort hinten, in einer Entfernung von etwa 250 Metern stand wieder ein Gruppe von ihnen. Beim Blick durch das Teleobjektiv konnte ich erkennen, dass auch zwei zerlumpte Jungs bei ihnen standen. Waren das Jungs aus den unteren Kasten? Ich machte grade mein zweites Bild, als ich einen energischen Griff auf meiner Schulter bemerkte. Es war einer der Männer aus der Opiumhöhle, der mir nachgegangen war. Wohl um zu überprüfen, ob ich am Ende nicht Mädchen (scum) photographieren würde. Da es sich auch noch um den edlen Herrn handelte, der immer wieder das Wort „scum“ verwendet hatte, er zudem mindestens einen Kopf kleiner war als ich wies ich seine Geste, mein Display überprüfen zu wollen, schroff ab. Er wurde tatsächlich handgreiflich und wollte mir meine Kamera mitsamt dem daran hängenden riesigen Teleobjektiv aus der Hand winden. Jeder der das versucht, spielt mit seinem Tod. Ich rangelte zurück und gab ihm einen heftigen Stoß mit meinem Becken, so dass der Angreifer zu Boden fiel. Er war aber sofort wieder auf den Beinen und hangelte erneut nach meiner Kamera. Aber dieser unverfrorene Frauenhasser, dem ich bereits in dem Disput den Namen „Mr. Scum“ gab und ihm diesen neuen Namen auch mehrfach ins Gesicht sagte, hatte offensichtlich einen gefühlt göttlichen Auftrag zu verhindern, dass ich Photos von den Mädchen mit nach Hause nahm.

Die Mädchen hatten Angst und versteckten sich

Das Gerangel wurde heftiger und ich bin mir sicher, dass es mit einem Tötungsdelikt geendet hätte, wenn nicht plötzlich der besorgte B. um die Ecke gekommen wäre. Ich hätte Mr. Scum sicher ins Reich des schwarzen Fürsten der Schatten überstellen können, denn er trug keine Waffe, aber was wäre mir nach der erfolgreichen Tötung eines Frauenhassers und -verächters passiert? Das Dorf hielt sicher zusammen? Am Ende gelang es B. tatsächlich die Wogen zu glätten. Mr. Scum wollte nur dass ich ihm bestätige, keine Photos von den Mädchen gemacht zu haben. Ich log dreist und gab ihm die gewünschte Bestätigung. Wir wollten den Vorfall vor der Gruppe nicht auswälzen, da waren sich B. und ich einig. Das Opium hatte seine Wirkung entfaltet und die, die es probiert hatten waren mehr oder weniger kampfunfähig. Den letzten Schlag in die Magengrube erhielt ich aber als der B. mir sagte, dass der Mann (Mr. Scum), der mich eben so bedrängt hätte schlicht nicht wollte, dass die Bilder von den Mädchen auf der Speicherkarte der Kamera neben den Bildern des hübschen Knaben aus der Opiumhöhle liegen würden. So viel Wahnsinn, auf so kleiner Fläche.

Es zählen nur die Männer

Indien ist das Land der Gegensätze und sein Aufschwung ist mit dem Elend der unteren Schichten und der Frauen bezahlt. Natürlich liegen Welten zwischen den Metropolen und den ärmsten Regionen des Landes! Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in diesem Land Jahr für Jahr vertieft. Es sind aber vor allem die Frauen der Unterschichten, die die Folgen tragen. Über 80 Prozent der indischen Bevölkerung lebt auf dem Land und dort von der Landwirtschaft. Überall herrscht die nackte Not. Und in dieser nackten Not gedeiht der Männer-Wahn weiter und weiter und wächst wie ein Krebsgeschwür, das den Menschen, die ein weibliches Geschlecht tragen, zum Verhängnis wird. In diesem Traumland – Albtraumland gibt es mittlerweile einen gewaltigen Männerüberschuss! Schätzungen gehen von 63 – 200 Millionen Frauen aus, die in Indien fehlen. In Indien wird schlicht nur die Geburt eines Jungen gefeiert, die eines Mädchens nicht – dort schämt sich die Familie. Auch werden Schwangerschaften mit Mädchen überwiegend abgetrieben, was zu einem Mangel von Frauen in der Gesellschaft geführt hat. Die Inder sind Weltmeister darin, das Geschlecht eines Fötus schon ab der 8ten Woche einwandfrei zu bestimmen. Weibliche Föten werden abgetrieben, männliche ausgetragen. Mittlerweile gibt es Frauen-Händler-Ringe die den dringend benötigten Nachschub an Frauen aus angrenzenden Ländern stehlen! Die Ware Frau.

Trotz alledem habe ich an diesem Tag ein „One-Million-Dollar“ Photo gemacht. Ein „One-Million-Dollar“ Photo der Emotionen. Die junge Frau im Innenhof des Hauses, kurz bevor sie sich zu mir drehte und die Alte sie mit einem Besen niederknüppelte. Sind es doch die Frauen, die die Frauen verraten weil sie sich nicht emanzipieren können? Geben sie erlittenes Leid einfach unreflektiert an die nächsten Generationen weiter? Den perversen Traditionen folgend? Ein Besuch dieses Landes führt jeden, der mit offenen Sinnen über den Subkontinent reist, an seine Grenzen. Deshalb ist es auch niemals nur eine Reise! Es ist immer ein Schritt an den Abgrund. Dort, im Abgrund, liegt aber die Chance! Denn nur die Fülle führt zur Klarheit und im Abgrund wohnt die Wahrheit. Die Fülle der Beschreibung dieser Indien-Erfahrung ist noch nicht vorbei, aber ich werde damit beginnen zu reduzieren, sonst sitze ich in meiner Empörung noch mehrere Wochen an der Aufarbeitung fest. Ich hatte es – wie beschrieben – schon geahnt, dass das ein Mammut-Projekt werden würde. Zu tief ist mir dieses Traumland, dass zugleich auch immer nur ein Albtraumland sein kann unter die Haut gefahren. Am Beispiel Indien können wir erkennen, dass es ums Ganze geht. Jeden Tag auf´s Neue, ums Ganze. Corona wird vorübergehen und auch wenn das Virus eine veränderte Welt hinterlassen wird, die eigentlichen Probleme werden bleiben.

Ein Dorf, dessen Sitten und Gebräuche nur zu Lasten der Frauen gehen.

Bleibt wachsam & mutig.

RR

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