Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 03 – Agra bis Jaipur

Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 03 – Agra bis Jaipur

Ich bin noch immer im alten Modus! Wird sicherlich Vielen so gehen? Morgens aufstehen und die Computer anschalten. Auch den seit Monaten im Sterben liegenden alten Computer. Er hat immer wieder mal Aussetzer, aber er hält sich im Leben. Hängt er an seinem Computerleben? Das wäre dann ja schon fast menschlich? Alles bitte, alles, aber nicht sterben. Damit ist er sicherlich kein hinduistischer Computer, weil er dann keine Probleme mit dem Tod hätte. Er würde nur sicherstellen wollen, dass er nach hinduistischem Ritus verschrottet werden würde um als brandneuer, verbesserter, leistungsstärkerer Computer erneut geboren zu werden. Ich habe ihm letztes Jahr, als er begann erste Anzeichen von Altersschwäche von sich zu geben, einen „brandneuen“ Computerkollegen daneben gestellt. Das hätte ihn doch motivieren können, als Computer diese schöne Welt zu verlassen? Er ging nicht, lebt weiterhin, von zahllosen Gebrechen geplagt, vor sich hin. Technokratisch veranlagte Menschen würden nun fragen, warum ich ihn denn dann nicht einfach auf den Schrotthaufen der Computergeschichte werfe? Weil ich eben nur zum Teil im alten Modus feststecke! Es ist ja im Prinzip nur noch ein Ritual, dass ich morgens meinen Computer anwerfe um zu schauen, ob geschäftliche Nachrichten eingegangen sind. Meine mit meinem Smartphone verknüpften E-Mail Adressen geben wir ja ohnehin jeden Morgen um 05:00 Uhr eindrucksvoll bekannt, dass ich „heute keine Termine habe“!

Auf dem alten Computer befinden sich aber meine E-Mail Konten, die nicht mit dem Smartphone verknüpft sind. Diese wurden vor Jahren einmal dort eingerichtet und dass auch noch von einer fremden Person, die heute nicht mehr zu meinem Bekanntenkreis gehört. Ich kenne keine Passwörter und so weiter. Der Mensch kann ja nicht alles können und ich gebe unumwunden zu, dass mir mein Leben einfach keine Zeit gelassen hat, um auch noch das Programmieren von Computern zu erlernen. Da ist so mancher in der modernen Welt als Geschäftsperson in Abhängigkeiten geraten, die vielen sicher oft Kopfzerbrechen bereitet haben. Also ich stecke nur noch beim morgendlichen Einschalten der Computer mit meiner Erwartungshaltung im gestern fest. Als „funktionierender Geschäftsmann“ wäre ich im Normalfall dazu verpflichtet, die Konten von Computer „Alt“ auf Computer „Neu“ zu transferieren. Aber das würde viele Telefonate und Zeitaufwand bedeuten. Ich müsste meine Aufmerksamkeit etwas widmen, von dem ich weiß, dass es zumindest für mich, ein Ende gefunden hat. Nach der Inaugenscheinnahme der Postfächer und der Bestätigung, dass sich eben absolut nichts – wie im Prinzip erwartet – dort getan hat und ich die in der Krisenzeit immer häufiger werdenden „Top-Angebote“ diverser Werbefirmen ordnungsgemäß gelöscht habe, trete ich auch meinem alten Modus heraus und beschäftige mich mit der Aufarbeitung meines Reiselebens und der damit verbundenen Erfahrungen.

Ich schaue mir dann – fast schon ritualisiert – die neuesten Meldungen der „öffentlich/rechtlichen“ Seiten zur Coronakrise an. Es gibt ja fast nichts anderes mehr zu vermelden! Wie denn auch? Die Welt liegt gehorsam im Dornröschenschlaf. Zu jeder dieser Meldungen der „öffentlich/rechtlichen“ Seiten hätte ich Fragen, zugegeben einen anderen Blickwinkel. Auf jeden Fall aber Fragen. Ich könnte meine persönliche Lebenserfahrung und mein Elefanten-Gedächtnis einbringen und eine sachlich geführte Diskussion wäre mir sehr gelegen. Aber das wird nicht passieren, da die Gesellschaft der „Führungskräfte“ sich nicht in die Karten schauen oder gar etwas von ihrer Entscheider-Macht wird wegnehmen lassen. So wie die hinduistischen Priester, die ihre herausragende gesellschaftliche Stellung aus der Tatsache beziehen, dass es den Menschen dort extrem schlecht geht. Ich stehe da auch im Privaten vor einer Herkulesaufgabe. Alle Mitglieder meiner eigenen Familie scheinen sich in der Krise zu Obrigkeitshörigen Fanatikern zu entwickeln? Nichts, nichts von dem was von oben herab entschieden wurde, wird in Frage gestellt. Es ist alles „richtig & wichtig“. Man muss ja nicht immer dramatisch auf Konfrontationskurs gehen, vor allen Dingen nicht jetzt, wo die Bevölkerungen dieser Welt nur noch eines im Kopf zu haben scheinen: „Bitte nicht sterben!!!“. Auf so einem Acker kann man mit Niemandem mehr rational verhandeln, höchstens versuchen zu erklären und sanft auf einen möglichen anderen Weg hinzuweisen.

Dieses „Bitte nicht sterben!!!“ vernebelt in der Coronakrise die Sinne derart, dass Angst-, Panik- und Schreckreaktionen den Ton des gesellschaftlichen Diskurses bestimmen. Niccolò Machiavelli würde wohl einen inneren Reichsparteitag feiern, wenn er die Gelegenheit hätte, dem Treiben auf der Erde für einen Tag lang zuzuschauen? Machiavelli, der auf den Zeitgenössischen Bildnissen aussieht wie ein Milchbubi, der auf dem Schulhof von allen gemobbt wird (vielleicht wurde er das und hat sich deshalb eine zutiefst menschenfeindliche und nur dem Herrscher dienende Philosophie ausgedacht, die dem Menschen in seiner Entwicklung zum monetären Tier alle nur vorstellbaren modernen Katastrophen eingebrockt hat), würde schnell von Land zu Land reisen wollen, sich vor den jeweils stärksten Führern dieser Welt auf den Boden werfen um ihnen die frohe Kunde zu übermitteln, dass das Schicksal es außerordentlich gut mit ihnen meinen würde. Niccolò Machiavelli hatte zu seiner Zeit seinen Fürsten empfohlen, eine Aura der Unberechenbarkeit zu schaffen und die Untertanen in Schrecken zu versetzen, damit das eigene Wohl wachsen und die Herrschaft sich weiter festigen würden. Um eine Aura der Unberechenbarkeit zu schaffen mussten frühere Fürsten aber oft tief in die eigene Tasche greifen und vorfinanzieren! Es war deshalb immer auch mit Ausgaben und Investitionen verbunden, wenn man diese spezielle Aura auch zielführend würde einbringen wollen.

Machiavelli würde darauf verweisen, dass diese Aura der Unberechenbarkeit durch das Coronavirus doch nun ohne das Aufbringen eigener Geldmittel oder gar Investitionen in Perfektion zu den Herrschern gekommen wäre. Nun würde es gelten, die Angst zu schüren und alle Mittel der Macht einzusetzen um den eigenen Status zu verbessern. Da der pure Selbsterhalt des zumeist alten Herrschers, verbunden mit seinem Leben zum absoluten Selbstzweck dazu führt, dass sich nun der Herrscher höchstselbst in Gefahr befand, weil die durch das Virus losgetretene Aura der Unberechenbarkeit speziell ihm zur Gefahr geriet, weil er eben zu den sogenannten Risikogruppen gehörte, musste er andere, von Machiavelli ebenfalls empfohlene Maßnahmen einleiten, die seinem Schutz dienen würden. Das Wegsperren derer, die offensichtlich nicht zu seiner Risiko-Gruppe gehörten um seinen Leib und sein Leben zu schützen. Ich habe viel von Machiavelli gelesen und mich regelmäßig über seine Einlassungen erbrochen. Da er aber auch nur ein Mensch gewesen sein muss, habe ich später versucht nachzuverfolgen, welcher Mensch denn hinter diesem Kerl steckte, dessen Name heutzutage (teilweise zu Recht) nur noch mit rücksichtsloser Machtpolitik unter Ausnutzung aller Mittel verbunden wird.

War er denn zum Mörder an der Zukunft der Menschen geboren oder haben ihn die ihn umgebenden Umstände zu dem gemacht, was er dann wurde? Trank er denn nie an einer Mutter Brust? Hatte er keine Liebe zu den Seinen in sich? Ich denke doch, aber seine Karriere führte ihn letztlich in eine Position, in der er sich eine goldene Nase verdiente, indem er speichelleckerisch nur noch seinen Fürsten dienen wollte. Sein Status stieg, sicher auch seine finanziellen Möglichkeiten und so beteiligte er sich – zusammen mit seinen Fürsten – am Aushub eines gigantischen Grabes, in dem die freie Zukunft der Individuen verbuddelt werden sollte. Wir wollen nicht zu streng zum kleinen Niccolò sein! Auch unsere großen Dichter, wie zum Beispiel der von vielen Deutschen verehrte Friedrich Schiller gestaltete seine Ode „An die Freude“ (besser bekannt als Freude, schöner Götterfunken) im Sinne seines Mäzens und Herrschers um, da diesem ein Wort in der ursprünglichen Fassung nicht gefiel. Ursprünglich sollte es heißen: „Freiheit, schöner Götterfunken“. Schiller knickte ein, so wie es viele berühmte Künstler auf der Welt gibt, die sich den Wünschen ihrer Herrscher beugten. Prallen hier wieder unterschiedliche Interessengruppen aufeinander? Machen wir es noch ein Stückchen komplizierter. Wer im Leben des kleinen Niccolò genauer hinblickt, wird schnell erkennen, dass er auch ganz andere Dinge aufgeschrieben hat! Ich habe hier mal drei seiner Zitate ausgewählt, die einen Mann in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen! Zum Beispiel dieses hier:

Zu einem zügellosen, aufrührerischen Volke kann ein wohlmeinender Mann sprechen und es leicht wieder auf den rechten Weg führen. Zu einem schlechten Fürsten kann niemand reden. Gegen ihn gibt es kein Mittel als das Eisen.

Aha? Das würde von einem auf sein eigenes Wohl bedachtem Herrscher doch ganz sicher als Aufruf zur Rebellion verstanden werden? Aber damit nicht genug, denn der kleine Niccolò hat sich auch offensichtlich Gedanken um das Volk gemacht? An einer anderen Stelle schrieb er:

Den Völkern schadet vielmehr die Habsucht der eigenen Bürger als die Raubgier der Feinde. Dieser lässt sich bisweilen ein Ziel setzen, jener aber nicht.

Nun? Sollte er dieses würdelose Treiben, immer mehr und mehr Besitz anzuhäufen damit angeprangert haben? Dann würde er bei all denen in Ungnade fallen, die ihre Leben auf abgesichertem Niveau führen, weil sie alles an sich rafften, was es zu raffen gab. Egal ob es nun in der eigenen Generation oder in der der Vorfahren geschah. Greif, nimm, bewahre, täusche, verstecke. Höchstens die, die ihren ach so wichtigen Wohlstand im Lotto gewonnen haben, fallen da vielleicht durch das Raster. Einen habe ich noch gefunden, der einen sehr tief gehenden philosophischen Gedanken der Unmöglichkeit mit einbezieht. Es wäre dieser hier:

Es ist unmöglich, einen Mann, dem durch seine Art zu verfahren, viel geglückt ist, zu überzeugen, er könne gut daran tun, anders zu verfahren. Daher kommt es, dass das Glück eines Mannes wechselt; denn die Zeiten wechseln, er aber wechselt nicht sein Verfahren.

Damit wollen wir es belassen, es geht ja auch in diesem Artikel um Indien. Die Aufarbeitung des Gesehenen und Geschehenen ist noch lange nicht geglückt. Leider springen mich immer wieder Gedanken an, die man dann wirklich nicht im fließenden Text unterbringen kann. Die Coronakrise hat ja durchaus (wenn auch nicht für die Menschheit) positive Seiten! In Italien kommen die Delphine erstmals wieder bis in die Hafenbecken, weil dort nun der übliche Dreck, der übliche Lärm und die übliche Betriebsamkeit fehlen, die der rücksichtslose Homo Sapiens Sapiens sonst so in der Welt verteilt. Bei Autofahrten klatschen den Bürgern plötzlich wieder Insekten in einer solchen Masse gegen die Scheibe, weil es an todbringenden Pestiziden auf den Feldern fehlt. Wie gut, dass im Moment nur wenige mit dem Auto fahren dürfen! Man stelle sich das Protestgeschrei einmal vor, wenn dieses unwerte Insektenleben plötzlich verstärkt die Scheiben des „heiligen Blechles“ (Auto) verschmutzen würde. Es würde sicher sofort wieder nach Pestiziden gerufen werden? Auch das Problem mit dem Missbrauch – zum Beispiel in Schullandheimen – ist im Moment vom Tisch! Keiner mehr dort, wo freudig missbraucht werden könnte. Das simple Leben kehrt zurück, wenn der Mensch sich zurücknimmt. Aber die meisten Mitglieder der Gesellschaften wollen nicht reflektieren und können es auch nicht! Simple Durchsagen werden bevorzugt. Das ist kein Angriff: die Entwicklung des Gesellschaften ist einfach so verlaufen, dass man den größeren Teil der Menschen in Unwissenheit und Dummheit gehalten hat, damit sie als billige Arbeitskräfte, leicht zu verängstigen und zu manipulieren, bereit gehalten werden können. Natürlich kann es in jedem System nicht nur Häuptlinge geben! Aber: es wäre wichtig Häuptlinge an die Spitze der Gesellschaften zu setzen, die sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst sind und diese über den Eigennutz stellen. Solche Häuptlinge hat es vermutlich nie gegeben, es wäre aber an der Zeit, dass wir einige Leute finden, die die Machtaffen Gene in sich zumindest so weit im Zaun haben, dass sie führen könnten. So etwas wie Mahatma Gandhi zum Beispiel, sowas muss doch noch irgendwo auf der Welt herumspringen? Damit könnten wir wieder nach Indien zurückkehren? Leider habe ich zu den diversen Meldungen der „öffentlich/rechtlichen“ Seiten von heute morgen doch noch ein paar Geschichten beizusteuern. Zum Teil meiner Lebenserfahrung geschuldet, zum Teil aber auch meiner jetzigen Aufmerksamkeit, da ich viel mehr Zeit habe als je zuvor. Ich kann Vorgänge beobachten und analysieren, ohne mich auf Verschwörungstheorien einzulassen.

Ich habe in den letzten drei Wochen insgesamt 19 Artikel bei Youtube gefunden, die der „öffentlich/rechtlichen“ Meinung etwas kritisches (aber sachlich fundiertes) entgegen zu setzen hatten. Es sind dort zur Zeit Hunderte von substanzlosen Artikeln zu finden, die man geflissentlich übergehen könnte. Aber diese “19” waren fundiert und hätten in eine Krisen-Diskussion durchaus einfließen können. Zwei davon habe ich sogar geteilt. Von den 19 Artikeln sind 17 wieder aus Youtube entfernt worden! Es drängt sich förmlich der Verdacht auf, dass die „öffentlich/rechtlichen“ Medien, die ja sehr erfolgreich daran arbeiten, dass die Menschen weiter das tun, was angeordnet wird, nämich abzuwarten und gehorsam zu sein, jeder anderen Meinung die Plattform nehmen können. Die dummen und reisserischen und leicht zu falsifizierenden Beiträge sind aber noch immer dort zu sehen. So kann besser bewiesen werden, dass das dumme Volk ja doch nur Blödsinn verbreitet und das alles so “richtig & wichtig” ist, wie es „öffentlich/rechtlich“ dargeboten wird.

In dem heute erschienenen Artikel auf der „öffentlich/rechtlichen“ Seite wurde ausführlich über die gefährliche Macht der Corona-Mythen berichtet und man versuchte zu erläutern, warum die Sterberate der Corona-Infizierten sich in Italien und Deutschland so stark unterscheidet. Dass es in Italien eine 30-fach so hohe Sterblichkeitsrate gibt als Deutschland, darüber würde niemand so wirklich berichten. Diese Behauptung sei falsch, behaupten die „öffentlich/rechtlichen“ Seiten. Stimmt zur Hälfte, zur anderen Hlfte aber nicht! Die hohen Todeszahlen in Italien wurden zwar immer wieder einmal analysiert, aber nicht richtig. Es solle unter anderem an der Zahl der Getesteten insgesamt liegen und der Zählweise bei den Verstorbenen. Man müht sich ja, diese Krise in den Griff zu bekommen, aber die Sachverhalte werden nicht simpel und korrekt, sondern nebulös beleuchtet. In Norditalien kommen schlicht der ungünstige Faktor ins Spiel, dass es dort eine relativ alte Bevölkerung gibt. Dass man dort zuerst betroffen war, dass man das Ausmaß nicht erkannt hat, dass die Italiener/-innen schlicht eine deutlich mehr auf Kontakt ausgelegte Lebensweise haben (was das Leben meines Erachtens erst lebenswert macht). Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen sind besonders gefährdet, was einen schweren Verlauf von Covid19 betrifft. Solche Artikel standen unter anderem in der Zeitung „Die Welt” und auch in der “FAZ”. Lediglich die Deutungshoheit über diese Studien, die im Prinzip jeder versteht, sollen denen überlassen werden, denen man die Deutungshoheit in die Hände gelegt hat. Die Ergebnisse der Studien lauten immer gleich: ältere Menschen haben ein hohes Risiko zu sterben und junge Menschen eben nicht. Es wird noch viel gelogen werden müssen in dieser Sache. Der Unmut wächst. Also muss die Angst weiter kultiviert werden.

Natürlich kann die Krankheit auch jüngere Menschen tödlich treffen, die gesund sind. Das wäre für die betroffenen Familien ein Desaster, nicht aber für die „Gruppe“. Der weitaus größere Teil der Infizierten würde überleben und könnte seine Pflicht, die Fackel des Lebens weiter zu tragen, erfüllen. Da aber die gewachsenen Egoismen in den Menschen derart ins Uferlose geschossen sind, ist uns unsere Menschen „Gruppe“ so weit egal geworden, dass sie vielen am Allerwertesten vorbei geht. Es zählt das ICH. Es sind so viele Menschen von der Überschätzung der eigenen Wichtigkeit durch ihre Leben getrieben, dass kaum Chancen bestehen, diesen Zug noch einmal anzuhalten. Der Planet auf dem wir leben, hat aber auch ein Gefühl von der eigenen Wichtigkeit! Auch wenn wir in unseren Denk-Theorien in der Entwicklung vom Affen zum Menschen beschlossen haben, genau diesen Planeten, der uns direkt nährt und die Basis für unser aller Leben darstellt, in den Status eines unnützen Klumpen Drecks zu stoßen um uns an seinem braun/blauen Leichnam zu weiden, zu bereichern und unsere Tänze auf dem „runden Ding“ zu tanzen. Hoffentlich wird das mal kein Totentanz? Einfacher ausgedrückt ist es wie bei einem liebevollen Vater, der seine Kinder ernährt und alles gibt und tut, damit sich diese Wesen zu erwachsenen Menschen entwickeln können. Welche Bedeutung aber misst das pubertierende Kind dem Vater noch zu, wenn es vom Mainstream erfasst wird und dieser Mainstream dann (nur als Beispiel) einen „Sänger“ serviert? Alle Aufmerksamkeit des Kindes richtet sich dann auf diese abstrakte Person, die nichts gibt und alles nimmt. In Begeisterung und von Eifer getrieben würde sich dieses Kind dann auch gegen den Vater stemmen, um seine Gier nach dem abstrakten Star zu befriedigen. Wir sind nicht mehr und nicht weniger als die „Kinder“ dieses Planeten. Wir sollten wieder lernen, respektvoller mit dem umzugehen, was unser Leben erst möglich macht, ob wir diese Leben nun lieben oder nicht.

Zum Abschluss – um die unterschiedlichen Mentalitäten zwischen den Deutschen und den Italienern zu erklären – noch ein Reiseerlebnis. Wir waren mit einer Reisegruppe in den Regionen der Côte d’Azur und der Riviera unterwegs. Es war keine Bade- sondern eine kulinarische Rund- und Studienreise. Dazu gehörte auch der Besuch einer Parfum herstellenden Manufaktur in Grasse. Die sehr attraktive Führerin durch die Anlage, die vor allen Dingen durch ihren wundervollen Akzent bestach, begrüßte uns als wir den ersten Raum betreten hatten. Sie stand oben am Ende einer Treppe mit sieben Stufen. Alle (deutschen) Besucher standen unten und schauten sie erwartungsvoll an. Nach zwei oder drei Sätzen unterbrach sie ihre Einführung, schaute lächelnd auf uns herab und meinte, dass sie nun sehr deutlich würde sehen können, dass wir eine „deutsche“ Besuchergruppe seien. Denn, so erklärte sie, wenn sie Franzosen führen würde, dann würden diese Gruppen immer dicht gedrängt an der ersten Treppenstufe stehen, manche würden sogar ihre Füße auf die erste Treppe setzen. Und wenn sie eine italienische Gruppe begrüßen würde, dann würden die Mitglieder dieser Gruppe ganz dicht an ihr dran, bis zu der Stufe auf der sie stand oder sogar schon hinter ihr stehen. Alles ganz dicht! Sie prägte einen Spruch, den ich noch heute gerne mal verwende: dass es mit italienischen Gruppen so wäre, dass diese sich wie die „Pinguine in der Antarktis“ benehmen würden. Dicht an Dicht.

Wunderschön und so viel menschlicher als das mehrheitlich von Distanziertheit und technokratischen oder juristischen Verhaltensweisen geprägte Leben in Deutschland. Genau dafür wurden die Italiener ja auch so geliebt! Das ist Wasser auf die Mühlen der Misanthropie, ich weiß das! Dass ich diesen Spruch von den „Pinguinen in der Antarktis“ einmal in diesem schlimmen Zusammenhang verwenden würde, ahnte ich nicht. Aber das Gefühl, dass wir Menschen eins sind, wird in der italienischen Lebensart viel besser ausgedrückt als in der unsrigen. Ist es am Ende gar besser, laut lachend zu sterben als ein langes Leben ohne herzliche Kommunikation, hinter dicken Mauern verborgen zu leben bis dass uns der Tod ja doch irgendwann holt? Ich bin mir nicht sicher, würde aber gerne die Variante A bevorzugen. Wer stirbt schon gerne? Ein Hindu vielleicht? Also wäre es an der Zeit, endlich in dieses Land zurückzukehren.

Wer seine Zelte in Agra aufgeschlagen hat, muss es nicht bei einem Besuch des Taj Mahal belassen! Gerade mal einen Kilometer davon entfernt befindet sich das „Rote Fort“. Es ist eine Festungs- und Palastanlage aus der Epoche der Mogulkaiser und diente fast 200 Jahre lang als Residenz der Moguln. Hier haben sich eine Menge Dramen abgespielt und bis 1857 wurde hier immer wieder heftig um Macht und Ressourcen gekämpft. Indien war ja schon immer ein volkreiches Land, was den Briten, die ihre Hegemonialmacht auch hier mit aller zur Verfügung stehenden militärischen Gewalt durchsetzen wollten, das eine oder andere Mal große Probleme bereitet haben dürfte? Auf dem Weg zum Monument waren wir natürlich wieder ohne Kommentar von Reiseleiter B. an den Quartieren der verelendeten Massen vorbei gefahren worden. Straßen, funktionierende gute Straßen waren 2005 übrigens auch in der Nähe der bekannten Monumente Mangelware. Man steckte das Geld dann wohl doch lieber in der Verschönerung der Gärten der Paläste als in die Straßen, die zu diesen Tourismus-Magneten hinführten. Ich habe oft darauf gewartet, dass eine Achse bricht oder sich einer der Insassen unseres Busses bei den Schlaglochpisten den Kopf an der Decke stößt und sich dabei das Genick bricht. Da waren echte Schlaglochpisten dabei! Der junge Inder auf der Rückbank trug seinen Cowboyhut immer, aber niemals im Bus! Die auf der Rückbank sitzenden Elemente wurden nämlich immer besonders hoch in die Luft gewirbelt. Er war offensichtlich bereit, sich bei einem Aufprall dem Dach des Busses das Genick zu brechen, nicht aber seinen Hut zu zerquetschen. Die Menschen und ihre Fetische! Gut, ich hatte ja auch eine Kamera, die sich so zu verteidigen und zu schützen bereit war, dass ich sie nur über meinen toten Körper hergegeben hätte! Aber ich kann zu meiner Entschuldigung anführen, dass es sich bei der Kamera ja auch um ein wichtiges Arbeitsgerät handelte und ich zudem durch die Verwendung dieses Arbeitsgeräte den Ist-Zustand in den besuchten Ländern festhalten konnte. In Indien im Prinzip musste!

Halsbandsittiche am Roten Fort in Agra Teil 01

Bisher hatten wir auf dieser Reise nur wenige Wildtiere gesehen. Das verwunderte uns im Prinzip nicht, denn es gab ja überhaupt keinen Platz mehr für Wildtiere in dieser an Menschen so übervollen Ecke Welt. Ein paar Vögel waren an den Tagen zuvor einmal um uns herum geflattert, aber echte Wildtierbeobachtungen konnten wir mangels Masse nicht machen. Beim Weg ins Rote Fort änderte sich das endlich. Plötzlich flatterten Halsbandsittiche herum. Etliche davon. Das waren natürlich keine Aras und ich denke, dass sie zusammen mit ihren Schwänzen maximal 40 Zentimeter zusammen bekamen. Aber es war schön, inmitten dieser von Menschen übervollen Welt einmal ein wildes Tier zu sehen. Die Halsbandsittiche saßen auf den Stromleitungen wie Stare bei uns in Deutschland. Sie waren eifrig damit beschäftigt zu streiten. Das war ja auch eine der Lieblingsbeschäftigungen der Familie der Sittiche im Allgemeinen. Wir genossen die Impressionen und traten durch das große Tor (auch hier zusammen mit vielen anderen Gruppen und Alleinreisenden) in den Innenhof. Dieses Mal war es überraschenderweise nicht wie der Übergang in einen Garten Eden! Das Rote Fort ist so groß, dass man nicht überall einen Garten Eden hätte anlegen können. Aber das Elend der Straße musste trotzdem draußen bleiben, auch wenn es hinter dem Tor erst einmal so staubig blieb wie vor dem Tor, in der wirklichen Welt. Wer die touristischen Möglichkeiten der Anlage des Roten Forts komplett ablaufen möchte, sollte besser einen Zweitagesbesuch einplanen. Die Anlage ist derart groß, dass auch Reiseleiter B. gleich zu Beginn verlauten ließ, dass er nur einen kleinen Einblick würde geben können. Mir viel noch positiv auf, dass im Fort viele Schulklassen samt Lehrkörper unterwegs waren. Das war ein Unterschied zum Taj Mahal, wo die flutenden Touristenmassen mehrheitlich aus anderen Ländern gekommen waren.

Halsbandsittiche am Roten Fort in Agra Teil 02

Und trotzdem drängte sich mir der Verdacht auf, dass einige Touristen das ganze hier als prächtigen Kitsch sehen würden. Die letzten unvorstellbar reichen Maharadschas Indiens verloren in der Zeit, als Indien und Pakistan selbständig wurden, ihre Privilegien. Was aus ihren monumentalen Palästen wurde? Nun, in erster Linie touristische Anziehungspunkte würde ich meinen. Rudyard Kipling, der Chronist der britischen Kolonialherrlichkeit meinte, dass die Vorsehung die Maharadschas geschaffen habe, um der Menschheit ein blendendes Schauspiel aus Traumbildern von Tigern, Elefanten, Juwelen und Palästen zu bieten. Ja und diese Traumbilder führten zu einem Traumland, in der doppelten Bedeutung des Wortes. Spätestens 1971 war es mit der Traumwelt der indischen Fürsten, die ganz offensichtlich auch unser Reiseleiter B. gerne wieder herbeigeredet und gewünscht hätte, vorbei. In jenem Jahr schaffte Indira Gandhis Kongress-Regierung die letzten Privilegien der einstigen Märchenprinzen, die sich 1947 bei der Unabhängigkeit Indiens nur widerwillig integrieren ließen, endgültig ab. Diese fetten Maden erhielten Staatspensionen in Höhe von bis zu (umgerechnet) 380.000.- € jährlich!! Die Burschen bekamen Zollfreiheit für ausländische Luxusimporte zugestanden und hatten auch die Erlaubnis, im Ausland Konten zu unterhalten und dadurch dem indischen Staat und seinen viel zu vielen Millionen Menschen nicht unerheblichen Schaden zuzufügen.

Rotes Fort in Agra Teil 01

Als ein gewisser Ali Khan im Jahre 1911, nach dem Tode seines Vaters, die Herrschaft über das Fürstentum Hayderabad übernahm, galt er als mit Abstand reichster Mann der Welt. Es war ein Reichtum, der noch heute jede Vorstellung übertrifft, der nie in Zahlen ausgedrückt worden ist, ein Reichtum, der seine Faszination nicht aus Depots und Beteiligungen, nicht aus Hedge-Fonds oder riskanten Derivate-Geschäften, auch nicht aus Ländereien und Palästen herleitete, sondern aus einem unermesslichen Schatz an Gold und Edelsteinen, an Schmuck und Juwelen, ein Reichtum, wie er eines Maharadscha würdig war. Glaubt man der Forbes-Liste der reichsten Männer der Welt, dann sind es auch heute, über hundert Jahre nach Ali Khan, wieder zwei Inder, die mit ihrem Reichtum ganz vorne stehen, ein Reichtum natürlich, der nicht auf Gold und Juwelen gründet, sondern auf Erdöl und Stahl. Man mag das als einen Beleg für die Fähigkeit Indiens sehen, Einflüsse und Trends von außerhalb anzunehmen und in etwas eigenes umzuformen, hier in einen sagenhaften Reichtum. Die Geschichte lehrt uns, dass uns die Geschichte nichts lehrt! Dieser Satz wird Gandhi zugeschrieben. Deshalb ist es wohl auch sinnlos, wieder nach einem neuen Gandhi zu rufen? Mit stoischer Zielstrebigkeit werden in jeder „neuen“ Gesellschaft die ihren Macht-Affen-Genen sich am stärksten verbunden fühlenden Elemente wieder oben stehen und der Kreislauf von Gewalt und Unterdrückung zum Wohle einiger weniger Personen wird von neuem beginnen. Veränderungen zum Wohle aller zu bewirken und danach zu erhalten wäre die große Herausforderung an die Menschheit. Aber wenn wir den Menschen nicht schleunigst neu erfinden (oder ihn wenigstens neu denken), dann wird es wohl mit der Existenz des am weitesten entwickelten Tieres (uns) auf der Erde schon bald zu Ende gehen.

Rotes Fort in Agra Teil 02

Diese extreme Diskrepanz zwischen arm und reich hatten wir ja nun schon mehrfach in unserem Gastland beobachten können. Auf dem Wege, überall im Land, ließen sich solche Tendenzen aber ebenfalls bemerken, wenn auch nicht in so gewaltigem Ausmaß wie in den großen Metropolen oder direkt rund um die ehemaligen Paläste der Maharadschas. Auf halber Strecke zwischen Agra und Jaipur legten wir in einem Restaurant mit dem Namen „Rajasthan Motel“ eine Mittagspause ein. Damit seine Touristen auch ja immer nur die Sonnenseiten seines Indien sahen, hatte B. dafür gesorgt, dass wir ausschließlich in Oberklasse Restaurants zum Mittagessen waren. Alles sauber, gepflegt, adrett gekleidete Angestellte und ein Essen, welches sich die Menschen von der Straße niemals hätten leisten können. Den Namen der Stadt, in der dieses „Rajasthan Motel“ lag, habe ich mir zum Glück notiert, sonst hätte ich es wohl nie mehr gefunden. Der Ort hieß Mahwa und lag so ungefähr 120 Kilometer von Agra entfernt. Von außen betrachtet wirkte es wie eine der typischen Moscheen, die man in Istanbul, zum Beispiel am Bosporus finden kann. Wir wurden mal wieder erwartet! Zwei natürlich wieder mehrheitlich in Weiß gekleidete Männer standen da im ersten Torbogen und warteten auf uns. Wir suchten uns unseren Weg um die vielen Dreckpfützen (auf dem Vorplatz wurde offensichtlich oft mit viel Wasser gearbeitet?) und um die vielen heruntergekommen aussehenden Gestalten die dort saßen herum und durften – mal wieder – vor dem Einlass einem dargebotenen Musikstück lauschen. Egal ob man nun mal für kleine Mädchen oder Jungs musste, oder nicht! Die Begrüßung hatte der B. bezahlt und jetzt wurde diese auch abgehört. Basta.

Am Rajasthan Motel – Begrüßung mit Musik

Ich hatte schon von weitem erkannt, dass dieser Musikant dort, wenigstens keine Flöte in den Händen hielt. Das Ding sah aus wie eine Mischung aus Geige, Mandoline und Gitarre! Der B. erklärte uns, dass es sich bei dem Gerät um eine Esraj handeln würde, eine komplett mechanische. Da ich nicht wusste – und wohl keiner aus der Gruppe – ob es auch nicht mechanische oder nur halb-mechanische Esrajs gab, hörte ich mit der vielen Fragerei auf, um denen, die dringend eine Service-Station benötigten, nicht noch mehr Qualen als nötig zuzufügen. Der gute Mann legte sich auch sofort mächtig ins Zeug und zu meiner Überraschung klang das Instrument auch ganz angenehm in den Ohren. Aber diese Melodie! War wohl was typisch indisches! Und auch wenn der erste Mann eine Art Minnesänger war, auf den die Frauen ja im Allgemeinen stehen sollen, richteten sich die Augen der gesamten Bus-Damenwelt auf den zweiten Mann, der kein Instrument hatte, dafür aber den eindrucksvollsten Zwirbelbart durch sein Leben trug, der mir jemals untergekommen war. Das war aber auch ein Bart von einem Bart eines Bartes! Sofort nach dem Ende des Musikstückes stürmten diejenigen weiter, die auf die Toilette mussten, nicht ohne vorher dem Reiseleiter B. die Order erteilt zu haben, er möge dem Bartträger sagen, dass er nicht davonlaufen solle, da sie gerne ein Photo von ihm machen würden.

Der Bart eins Bartes von einem Bart

So kam es noch vor dem Mittagsmahl zu einem motivierten Photoshooting mit einem Bart, an dem offensichtlich auch noch ein Mann dran hing. Ich hatte an diesem Tag keinen Hunger und wollte lieber die Gegend um das Restaurant herum inspizieren. Mein Leibwächter gesellte sich wie angeordnet sofort zu mir und akzeptierte es wenigstens, dass ich mich der Nase nach treiben ließ. Sofort beim Verlassen des Restaurants setzte das typische Chaos wieder ein, flogen die typischen Indien-Bilder wieder heran. Genau gegenüber, auf der anderen Straßenseite lag eine sehr heruntergekommene Auto-Werkstatt. Die Fassade hatte sich bereits aufzulösen begonnen und ich nehme deshalb an, dass die Mechaniker aus reiner Vorsicht den Reparaturbetrieb nach draußen in die Sonne und in den Staub verlegt hatten? Dort stand ein Jeep, der mir gerade noch so fahrtüchtig erschien und ein weiterer Jeep, der offensichtlich gerade ausgeschlachtet wurde. Überall lagen Eisenteile kreuz und quer verstreut. Ich habe mir in Indien manchmal mit diebischer Freude vorzustellen versucht, wie das alles auf Menschen mit einer Zwangsstörung gewirkt hätte? Leute, die das Bedürfnis haben, dass alle Dinge eine bestimmte Ordnung haben müssen. Zum Beispiel die Leute, bei denen schon die Bücher im Regal ganz gerade stehen und der Größe nach angeordnet sein müssen. Die wären hier der Reihe nach weggestorben.

Autowerkstatt in Mahwa
Jeep ohne Motor in Mahwa
Straßenszene in Mahwa

Ich hatte immer ein eher positives Gefühl, wenn ich mir das vermeintliche Chaos in Indien näher angeschaut habe. In den Bildern lagen immer Geschichten. Die Unordnung regte die Phantasie an! Ich denke und spreche gerne in Bildern. Trotzdem bin ich nicht doof! Von der Bildungselite hört man häufig, dass Menschen, die die Bildsprache bemühen, intellektuell minderbemittelt seien und nicht über die nötige „Bildung“ oder „Intelligenz“ verfügen würden um sich der normalen Sprache zu bedienen. Alles an den Haaren herbei gezogener Unsinn vermengt mit Standesdünkel! Geschichten bleiben einfach besser in unserem Gedächtnis hängen. Geschichten lösen in unserem Gehirn etwas aus. Das war sicher auch einer der Gründe, warum dieses vielschichtige Indien mit seinen vielen, extrem unterschiedlichen Bildern so viel Nachhaltiges in meinem Inneren produziert hat. Die schönste Form, sich etwas zu merken ist, es in Bildern auszudrücken. Wir denken im Prinzip fast alle sehr gerne in Bildern. Bilder sind emotional reichhaltiger als pure Sprache. Und die sprachliche Entsprechung eines Bildes ist die Erzählung und die Geschichte. Deshalb erzählen wir uns auch so gerne Geschichten. Damit helfen wir uns auch gegenseitig damit, Bilder in unserem Gehirn zu erzeugen. Nachdem wir ein Stück die Straße in die Richtung zurück gelaufen waren, aus der wir kamen, wurde von einem Feldweg ein Jeep auf die Straße geschoben. Drei junge Männer schoben von hinten, einer zog am Seitenholm und einer saß hinter dem Steuer. So weit, so gut! Aber die Motorklappe des Jeeps war geöffnet und der, der am Steuer saß, konnte absolut nicht sehen, wohin er den Wagen lenkte. Er ließ es sich schlicht von den anderen zurufen: rechts, links. Es ging. Der Wagen wirkte brandneu! So etwas sah man sehr, sehr selten in Indien. Er sah aus, als hätte man ihn gerade um die Ecke herum gebaut. Bei näherer Betrachtung konnte ich erkennen, dass kein Motor in dem Fahrzeug war. Da schoben sie wohl gerade hin? In eine andere Werkstatt, eine, die Motoren baut? Meinen jungen Begleit-Leibwächter hatte ich nun schon besser kennengelernt und traute mich deshalb zu fragen, ob es denn stimme, das es in ganz Indien keinen Sex vor der Ehe geben würde, weil der Onkel B. das doch am Mikrophon im Bus erzählt hätte.

Ort des Geschehens

Der Begleiter schüttelte nur noch voller Unverständnis den Kopf. Dann rückte er mit der Sprache (besser mit seinem modernen Telefon – moderner als meines) raus und zeigte mit in seinem Bildarchiv die Photos von seinen „vier“ aktuellen Freundinnen. VIER? Hatte ich es hier mit dem indischen Don Juan zu tun? Einem indischen Archetypus des indischen Frauenhelden? Gut, vier Freundinnen konnte er ja haben, aber das würde nur bedeuten, dass er – mich auf die Ansprache seines Onkels B. beziehend – dass er dann eben mir vier Freundinnen gleichzeitig „nicht“ schlief, weil er ja bis zur Hochzeit würde warten müssen. Da konnte ich ihm doch noch den Ochsenblick vom neuen Scheunentor entlocken. Er klärte mich erst auf und erklärte mir dann seinen ausgeklügelten Masterplan, mit dem er vier Freundinnen gleichzeitig haben konnte, vier Frauen Hoffnungen machen konnte, vier Frauen zumindest vage in Aussicht stellte, dass er sie eventuell heiraten würde, damit vier Frauen gleichzeitig mit ihm schliefen ohne dass eine der Frauen von den anderen Dreien etwas merkte! Warum sollte er mich belügen? Wie ein Angeber sah er nicht aus, seine Geschichte kam glaubwürdig rüber. Da ich der Ältere von uns beiden war – ich hätte wohl knapp sein Vater sein können – fragte ich ihn noch, ob er unter den vier Damen eine Favoritin hätte, die er nach all den Täuschungen dann am Ende doch zum Hafen der Ehe gleiten würde.

Jetzt kamen doch noch Lachsalven! Er würde von den Vieren keine heiraten, weil er darauf bestehen würde, dass die Frau, der er einmal den Bund für´s Leben anbieten würde, auf jeden Fall Jungfrau sein müsse. Nun, solche Sprüche hatte ich von doofen kleinen Nachwuchs Machos auch schon in Deutschland gehört! Auch schon die teilweise hochnotpeinlich-dummen Antworten dazu. Hier also schlug mir Indien mal ausnahmsweise nicht in die Magengrube. Ich kam ihm mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung! Woher er denn die Jungfrau nehmen würde, wenn doch die jungen Damen in Indien sich Männern wie ihm hingeben würden? Das wäre dann doch wohl ein Massenphänomen? Wie sollte denn da eine Dame im Stand der Jungfrau bleiben können bei solchen Mit-Männern im Land? Seine Antwort überraschte mich nicht: die „guten“ Frauen wüssten, dass sie sich aufsparen müssten, um die „guten“ Männer zu bekommen. Die finanzielle Situation seiner Familie wäre vielversprechend und das würde sich ergeben. Und, was würde mit seinen vier Freundinnen geschehen, die ja dieses wichtige Teilstück ihrer Weiblichkeit nicht mehr besitzen würden? Tja, die, die müssten sich dann eben mit den „schlechten“ Männern zufrieden geben, mit Männern die kein Geld und keine so vielversprechende Zukunft haben würden. Für solche Frauen würde schon noch einer „abfallen“ wenn ihre Familien bereit wären, eine hohe Mitgift zu zahlen. Wenn nichts ginge, könnten sie sich ja dann immer noch umbringen! Nun schlug mir Indien doch wieder in die Magengrube.

Der junge Mann war durchaus sympathisch, fleißig aber er erzählte diese Dinge mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass man das Grausen hätte kriegen können. Er ruhte in sich selbst als er so sprach und drückte die größte indische Schande, die Tatsache, dass Frauen dort noch immer das unerwünschte Geschlecht sind, gelassen aus. So wie im Staat hat die Frau in Indien auch in der Familie die niedrigste Rolle. Die Töchter sind für ihre Familien so etwas ähnliches wie eine Last. Dadurch, dass die Familie des Mädchens später eine Mitgift an die Familie des Mannes zahlen muss, wird eine Tochter als Belastung empfunden. So manche indische Familie muss sich hoffnungslos verschulden um die Tochter überhaupt zu vermählen. Dadurch machen Geldverleiher mit hohen Zinsen ein gutes Geschäft nach dem anderen. Sie verdienen an der Ware Frau! Der Sohn hingegen bringt durch eine Heirat eine Arbeitskraft und dazu auch noch die Mitgift in seine Familie ein. Für die Familien bedeuten Töchter nur Unglück verbunden mit einer hohen Belastung! Denn geht die Ehe
schief, kann die Tochter nicht mehr zu ihrer Ursprungsfamilie zurück. Es gäbe dann einen zusätzlichen Esser mehr in der Familie des Ehemannes und die Familie des Ehemannes würde ihren eigenen Ruf in den Schmutz ziehen, weil sie einen „Umsonstfresser“ durchfüttern muss. Eine Situation, die die Familien von Söhnen oft nicht einfach so hinnehmen. Bereits Anfang des 19ten Jahrhunderts wurde die Methode des Sati verboten. Sati bedeutet, dass, wenn der Ehemann verstirbt, die Witwe dem Verstorbenen durch Verbrennung in den Tod folgt. Da dieses Verfahren nicht mehr straffrei vollzogen werden kann, werden diese drastischen Mittel die man auch als
Femizid bezeichnen sollte, anders angewendet. Allein in Delhi gab es 350 Todesfälle in einem Jahr, bei denen junge Frauen zu Hause verbrannten. Das waren alles Fälle, die man auf missglückte Ehen zurückführen konnte. Zu 99% gelang es den Familien der Männer es so darzustellen, als ob die Frauen einen Selbstmord begangen hätten. Es mag sein, dass das in Ausnahmefällen auch so war (was fürchterlich genug wäre), aber nach Einschätzungen von Kriminologen aus dem Ausland, die einzelne Fälle untersuchen durften, halfen die Schwiegereltern oder die Ehemänner bei diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kräftig nach, oder sie begingen den Mord ganz allein, ohne irgend ein Einverständnis der jungen Frauen. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass solche Morde in der Regel keine Strafen nach sich ziehen. Die Frauen Indiens müssen sich ständig bemühen das Ansehen ihrer selbst als auch das der Familie, auch bei großer Armut, aufrecht zu erhalten. Das Kastenwesen Indiens ist nach strengen Prinzipien aufgebaut. Der gesellschaftliche Stand Stand der Familie, in die die Braut eingeheiratet hat, hängt stark von der Anzahl der Geburten von Söhnen ab.

Traumland und Albtraumland! Nachdem ich damals von dieser Reise nach Indien wieder nach Deutschland zurückgekehrt war, hatte sich mein Toleranz-Level indischen Männern gegenüber auf einem derart tiefen Niveau befunden, dass ich jeden Einzelnen von ihnen windelweich geprügelt hätte. Die Erlebnisse waren mir vor Ort bestätigt worden und ich verstand immer besser, warum ich diesen jungen Frauenschänder an meine Seite gestellt bekam. Auch der Unternehmer B. wollte gerne in der Zukunft weitere Geschäfte mit dem Unternehmer R. machen! Deshalb wurde schon bei ersten Treffen darüber spekuliert, ob man nicht eine verkaufsfördernde multimediale Show erstellen und einem verblüfften und begeisterten Publikum in Deutschland vorzeigen sollte. Da wären Wahrheiten ja nur hinderlich gewesen, wenn sie nicht der fortgesetzten Falschinformation gedient hätten!.

Wer aber glauben sollte, dass das schon das Ende der Fahnenstange, die Spitze des Eisbergs, der nicht mehr zu überbietende GAU gewesen wäre, der täuscht sich! Noch bei demselben Gespräch – wohl ermutigt durch unseren Austausch über seine Sexualität – gestand mir der junge Mann, dass er gerne einmal mit mir schlafen möchte! Wie bitte? Hatte er nicht eben in epischer Breite erklärt, dass er heterosexuell sei? Hatte er die Variante der Bi-Sexualität etwa auch noch in der Schublade? Solche Angebote konnten mich zu dieser Zeit, in dem Reifegrad in dem ich mich damals bereits befand, nicht schockieren. Aber sie weckten meine Neugier, ich wollte genau wissen, wie ich hier 1 + 1 zusammenzählen musste um zu einem klaren Ergebnis zu kommen. Nein, er sei nicht Bisexuell, auf keinen Fall Homosexuell! Er würde sogar die Männer verachten, die Homosexuell wären, weil sie sich nicht um die Zeugung von Söhnen (Töchter ließ er unerwähnt) kümmern würden. Es ginge in der Sache doch um etwas vollkommen anderes! Welche Sache meinte er? Im Zuge seiner folgenden Erklärung, die er mit freundlichem Gesicht und vollkommen überzeugt von der Richtigkeit und Wichtigkeit seiner Worte von sich gab, habe ich einen der heftigsten Schläge in meine Magengrube erhalten, die mir Indien nur zufügen konnte. Und es ging dabei nicht um mich!

Die Schmerzen empfand ich für die Frauen Indiens, für die Frauen dieser Welt, für meine Töchter und die Töchter aller anderen Eltern, in einem rasenden Ball voller Gedanken wurde mir das Elend der menschlichen Rasse bewusst, ein Elend entstanden nur aus einem einzigen Grund, ein einziger Grund verantwortlich für Tod und Verderben über viele Jahrtausende, verantwortlich für die Zerstörung unserer Lebensräume: das Geschlecht des Mannes.

Warum hat es der Mann geschafft, mit seinem martialischem Macht-Affen-Gebrüll die Herrschaft über das Weibliche an sich zu reißen? Wie war es möglich, dass ein im Prinzip minderwertiges Geschlecht die Herrschaft über die Welt an sich riss und das Weibliche Prinzip in den Staub stieß? Stellvertretend für das Elend der Menschheit dachte ich an diese indischen Frauen. Ich war ja nun einmal gerade hier. Er klärte mich auf. Der Mann sei ja im Prinzip göttlich, die Frau nur ein niederes Wesen. Zum Zwecke der Vermehrung und einfach so zum Spaß, würde man mit den Frauen schlafen. Wenn aber die Vereinigung zweier Körper zwischen zwei Männern stattfand, dann war es so, als würde man sich Gott annähern. Der Vorgang an sich stünde in der Bedeutung weit über der Vereinigung zwischen Mann und Frau. Dieser Verbindung zwischen Mann & Frau wies er erdgebundene Bedeutung zu, die Vereinigung zweier Männer – und deshalb sollte sie nur selten stattfinden, weil erhaben – würde beide dem Himmel näherbringen, worauf er auf den Wolken zeigte. Dann folgten noch seine Einlassungen über meine Erscheinung, die helle Haut, die Größe, die physischen Grundbedingungen. Hatte er mir nicht in dem einen Tempel das Bildnis des Krishna mit blauer Haut gezeigt und immer wieder mit dem Finger auf mich? Blau ist für die Gläubigen Hindus die Farbe des Universums und steht für höchstes Bewusstsein. Das konnte ja nur männlich sein!

Ich wies ihn nicht schroff zurück, sondern erteilte ihm eine höfliche Absage. Ich stand hier auf fremden Terrain und auch wenn mit diese Geschichte in ihrer Gesamtheit anwiderte, so wusste ich doch, dass man – so man ruhig bleiben konnte – für sich und seine Interessen hinter den Geschichten weitere Geschichten mit noch verschlossenen Türen finden würde. Wenn man seinen Informanten verschreckte, dann würden sich diese Pforten niemals öffnen. Aus dem kleinen 1 x 1 des investigativen Journalismus. Ich wusste aber auch, dass ich ihn nicht tadeln durfte, da seine Auffassungen auf einem über viele Jahrhunderte entstandenen theoretischen Fundament standen. Er war unschuldig. Aber das Gespräch mit mir hatte ihn offensichtlich derart „in Wallung“ gebracht, dass er einen Fehler beging! Wir hatten in unserer Reisegruppe noch einen weiteren großen Mann dabei! Er hatte auch helle Haut, lediglich seine Erscheinung war deutlich wuchtiger als die meine. Sowohl an den Schultern als auch im Bauchbereich. Als Objekt der von den Göttern geleiteten Gelegenheits-Männerliebe war er dem jungen Mann wohl bisher nicht aufgefallen? Aber nun wollte er sein Glück versuchen. Es sind diese Geschichten, selbst diese verrückt klingenden Geschichten, die eine Reise nach Indien so erlebnisreich machen.

Nach dem Mittagessen waren alle im Bus ein wenig schläfrig. Der monoton summende Motor und die stets gleichbleibenden Windgeräusche an den Fenstern führten dazu, dass fast alle sanft einschlummerten. Der junge Inder, der seinen Cowboyhut im Bus nie trug, wechselte den Platz – ich sah es aus den Augenwinkeln – und setzte sich neben den zweiten großen Mann unserer Gruppe. Dieser zweite große Mann sprach aber kein Englisch. Etwa zwei Minuten vergingen. Urplötzlich gab es einen lauten Klatsch und im nächsten Moment ertönte die tiefe Bass-Stimme des zweiten großen Mannes: „Finger weg Freundchen, ich glaube du bist nicht ganz dicht“. An diesem Tag schwand die Hoffnung unseres jungen Mannes, ein göttliches Schäferstündchen mit einem anderen Mann – möglichst mit heller Haut – zu haben.

War denn der andere zweite große Mann borniert? Heute würde ich innerlich viel gelassener mit dem Vorfall umgehen. Lieber noch mehr verstehen wollen, was sich hinter den Kulissen einer Kultur verbirgt die es offensichtlich in ihrer Gesamtheit möglich gemacht hat, dass solche überhöhten Vorstellungen männlicher Sexualität überhaupt entstehen konnten. Das setzt eine gewisse Bereitschaft voraus, sich wertungsfrei und ohne Vorbehalte zu nähern, um zu verstehen. So weit war ich in meinem Dauerspagat damals aber nicht, der zweite große Mann Lichtjahre davon entfernt. Jeder richtet sich ein, in seinem Kokon der Werte. Was ist richtig – was ist falsch. So können wir auch nur einen Gedanken an das universale Prinzip, geschweige denn das Prinzip selbst, niemals erreichen. Es kommt dann zwangsläufig zum „wer gehört dazu und wer nicht“. Das bedeutet immer, dass wir stehengeblieben sind, eingesponnen im Kokon der individuellen Werte, der Kokon basiert auf dem animalischen Prinzip und holt den Affen in uns aus der Tiefe hervor. Ich bin mir sicher, dass es in meiner Mitwelt jetzt viele Menschen gibt, die ebenfalls sitzen und denken und versuchen, verstärkt zu fühlen. Jetzt könnte man die Phase des „Schönfärbens“ einleiten und davon schreiben, dass nach der Krise eine neue Stufe des Bewusstseins erreicht werden wird, dass alle plötzlich offener sind für ihre innere Welt, dass sie diese innere Welt nun ans Außen lassen werden, damit endlich menschliches miteinander umgehen auf einem höheren, friedvollen Niveau stattfinden kann. Ich könnte an dieser Stelle – um wieder auf die Erlebnisse in Indien zurück zu kommen – das einzige Photo besingen und beschreiben auf dem es mir gelang, einen Ehemann dazu zu bringen, sich zusammen mit seiner Ehefrau photographieren zu lassen, könnte die anderen 20 Versuche, die scheiterten, einfach verschweigen um mein eigenes Halbwissen um das Wesen der Dinge zu verschleiern. Aber das wäre aus meiner Perspektive unehrlich. Lieber ein ich weiß, dass ich nichts weiß.

Die allgemeine Unfähigkeit, mit den wahren Zuständen umzugehen und unser Weltwissen zu korrigieren schafft multiple Probleme, die nicht innerhalb von drei oder vier Generationen wieder gelöst werden können. Wir tragen leider alle nicht nur zwei Seiten in uns – wir tragen auch alle Facetten zwischen den beiden Endpunkten mit uns herum. Das bedeutet, dass wir jederzeit alles sein können. Auch idealistisch. Mir war immer klar, dass ich auch weibliche Anteile in mir spüre – technokratische orientierte Mediziner würden jetzt vehement widersprechen und erklären, dass man sich viel einbilden könne. Sie würden auf die Gene (und damit auf den Affen in uns) verweisen und im Prinzip damit ausdrücken, das sie die Deutungshoheit in solchen Fragen haben würden. Ihr Stand innerhalb der Gesellschaft und die Wertschätzung, die ihnen die Menschen entgegenbringen, erklären ja auch warum sie das glauben müssen. Wer stirbt schon gerne? Die moderne Medizin kann helfen, die Sterberate zu reduzieren, auch verloren Scheinende wieder zurück in ihre Leben zu holen. Es wird immer wieder vergessen, dass das auf dem Umstand beruht, dass alle, alles tun würden um nicht zu sterben. Idealismus und Sanftmut waren für mich immer weiblich! Wie viel Idealismus und Sanftmut würden die Frauen in Indien noch aufbringen müssen um die Zustände zu ertragen? Indien ist ja nur die Speerspitze der Frauen-Unterdrückung und Verachtung auf der Welt.

Niemals waren wir auf den Straßen allein unterwegs

Die Strecke vom Restaurant nach Jaipur betrug 125 Kilometer. Auf diesen ganzen 125 Kilometern waren wir keinen einzigen Moment allein auf der Straße. Alles was im Bereich des Gewohnten lag, wurde auf den Kopf gestellt. Nicht immer Menschen- und Fahrzeugmassen, aber doch immer Menschen und Fahrzeuge jeder Art. Auch wenn Indien ein sehr großes Land ist und viel Fläche zu bieten hat, liegt die durchschnittliche Einwohnerdichte bei über 400 Menschen auf den Quadratkilometer! In dem Land, das Indien flächenmäßig am nächsten kommt – Argentinien – sind es nur 16 Personen pro Quadratkilometer! Diese Zahlen allein geben eine Vorstellung davon, wie voll es in Indien an den meisten Stellen ist. An die seltsamen Vehikel, die dort in Indien auf den Straßen unterwegs waren, hatten wir uns mittlerweile gewöhnt. Aber jedes mal, wenn wir den Blick nach vorne richteten sahen wir neue fahrzeug-technische Überraschungen. Mitunter waren die kleinen Lieferwagen oder die Anhänger der Traktoren derart voll und mit mitfahrenden Menschen überladen, dass ein schneller Achsbruch erwartet werden konnte. Später, als wir in den entlegensten Gebieten Rajasthans unterwegs waren, wüstenhafte Gebiete durchquerten hatten wir zwar eine deutlich reduzierte Dichte an Menschen, waren aber niemals allein.

Der Palast der Winde in Jaipur

Wir kamen nach Jaipur und übernachteten dort in einem ehemaligen Maharadscha-Palast. Dem touristischen Tagesplan folgend, besuchten wir am nächsten Morgen das rosafarbene Jaipur. An die Zustände auf den Straßen hatten wir uns bereits gewöhnt. Niemand erregte sich mehr über das Schaukeln und Rütteln als der Bus die letzten Hundert Meter zu der Stelle fuhr, an der wir hinaus durften, hinaus in die Gerüche und Geräusche einer wirklich schönen Stadt, die durchaus geeignet war die Sehnsüchte derer zu befriedigen, die wegen der das Hirn vernebelnden „Bollywood-Filme“ oder den allgemeinen Wunschvorstellungen, wie Indien zu sein habe, ins Land gekommen waren. Jaipur ist riesig. Mehr als 3,5 Millionen Menschen leben in der Metropole, die ihren Beinamen – Pink City – zwar aus der Phase der Unterdrückung durch die Briten bekam, diese Nebenbezeichnung aber auch nach der Befreiung nicht mehr ablegte. Die komplette Stadt wurde zu Ehren von Prinz Albert, dem Großvater der heutigen Königin von England, rosa-orange gestrichen! So entstand der Name: Pink City! Durch eines der terrakottafarbenen Tore gelangten wir in die quirlige Altstadt und trafen dort auch prompt auf unsere erste Kuh! Ich schreibe diesen Bericht ja aus der Erinnerung an die Geschehnisse des Jahres 2005 und bin mir nicht sicher, ob sich im Alltagsleben der Inder etwas Entscheidendes geändert hat? Die Welt soll ja schließlich im stetigen Wandel sein? Aber über diese indischen Kühe und die Verehrung, die man ihnen entgegenbrachte wird noch zu sprechen sein. Nur so viel: wenn es in Indien den Menschen auch viel schlechter geht als denen bei uns (so die allgemeine Vorstellung) so leben die dortigen Kühe doch in ihren Kuh-Paradiesen und genießen Privilegien, von denen ein Mastrind, gezeugt, gezogen, geschlachtet für den schnellen Verzehr durch uns, niemals würde träumen können.

Der Palast der Winde in Jaipur – Detail
Tor zur Innenstadt in Jaipur

Diese erste Kuh des Tages machte auch etwas, über das berichtet werden kann. Sie scheuerte ihre Seite an einem an der rosafarbenen Wand abgestellten Mofa. Das Mofa hatte begonnen, bedenklich zu schaukeln und der Besitzer des Gefährtes stand in etwa zwei Meter Entfernung und betete deutlich. Während die Kuh sich weiter an seinem möglicherweise einzigen Besitz scheuerte, versuchte er durch Gesten, angedeutete Verbeugungen und wie zu einer Art Entschuldigung angehobenen Händen die Kuh dazu zu bringen, von seinem Mofa abzulassen. Es gab keinen Tritt, keine Peitsche, kein Drohen mit dem Schlachthaus. Inder erzogen ihre Kühe nicht, nicht einmal anti-autoritär. Die Kuh war heilig und machte was sie wollte! Basta. Nach ein paar weiteren Schauklern kippte das Mofa in den ebenfalls rosafarbenen Staub von Jaipur. Die Kuh – um ihre Scheuergelegenheit gebracht – blickte sich kurz um und machte sich davon. Erst als sie zwei Meter von dem Schauplatz entfernt trottete wagte des der Mann, zu seinem Gefährt zu gehen und es wieder auf die Räder zu stellen. Kühe dürfen alles in Indien. Das wird sicher auch noch heute so sein? Ein dogmatisch religiös verankertes Gebot verändert sich nicht in 15 Jahren. Da verhungern so viele Menschen in diesem Land und trauen sich nicht, selbst wenn Gevatter Sensenmann schon an die Pforte klopft, einmal herzhaft in eine der vielen Kühe zu beißen um ihren Tod durch Verhungern wenigstens eine Weile hinaus zu schieben. Es wird von weiteren Kuh-Begegnungen berichtet werden müssen.

Wir machten uns – geführt von B., der wie ein weißer Generalfeldmarschall an der Spitze lief – auf zum Herz der Stadt, denn dort lag das Wahrzeichen von Jaipur, der der Hawa Mahal, der rosarote Palast der Winde. Beim Anblick der Fassade, (der Palast ist im Prinzip lediglich eine Fassade mit kleinen Erkern, hinter der sich ein Treppenaufgang verbirgt) erlag ich beinahe zum ersten Mal meiner „Alice im Wunderland Wunschvorstellung wie Indien zu sein habe“. Das war definitiv das Indien, über das vergangene Generationen schwadronierten. Das war das Indien, das man uns in Filmen und Büchern verkaufen wollte. Ich war beeindruckt, zugegeben. Als Photograph habe ich auch immer ein Auge dort, wo ich vermute, dass sich besonders gute Photos von einem Objekt machen lassen würden. In diesem kleinen Café gegenüber des Hawa Mahal gab es sicherlich eine super Aussicht auf den Palast der Winde? Der B. lehnte mein Ansinnen ab, wir hätten zu viel zu sehen. Ich war aber wild entschlossen dort hinauf zu gehen und auch ein wenig verärgert. Am Ende gab er mir – wenn ich ihm versprechen würde schnell zur Gruppe zurück zu kommen – den Freifahrtschein. Natürlich nur in Begleitung meines Adjutanten, der freundlicherweise auch meinen Photokoffer trug (zu tragen hatte). Ich war ja letztlich nicht nur als Begleiter meiner Reisegruppe und als kritische Impulse aufnehmender Photojournalist im Land, sondern auch noch als Photograph der durchaus gewillt war, ansprechendes Material zusammen zu photographieren, welches nicht nur auf einer Photo-DVD die Mitglieder der Gruppe zufriedenstellen sollte, sondern welches auch allgemein sollte vorgezeigt werden können.

Straßenhändler in Jaipur

Der kleine Ausflug lohnte sich in doppelter Hinsicht: zum einen entstanden von diesem exklusiven Platz aus genau die Bilder, die ich mir vorgestellt hatte und das „andere Indien“, das, welches uns B. immer offensichtlicher vorenthalten wollte, sprang mich von allen Ecken an. Reisegruppen, stets geführt von einem kundigen Manne, waren für das Volk offensichtlich tabu? Immer war der B. zur Stelle um darauf zu achten, dass bettelnde Kinder sich artig verhielten, dass niemand uns einfach so ansprach und dass wir sowieso die Seiten des Elends nicht zu Gesicht bekommen sollten. B. übte sich darin, eine Orgie der Schönfärberei vor unseren Augen zu gestalten um unser Indien-Bild auf jeden Fall in den Bereichen zu halten, die für wünschenswert (richtig & wichtig!!) erachtet wurden! Schon auf den schiefen Treppen zu dem kleinen Café hinauf wurde ich angesprochen. Die Leute suchten den Kontakt. Da ich mein „Außen“ die Stufen hinauf trug, war ich sehr dankbar, dass mir diese Momente gegönnt waren. Ich beschloss schon in diesem Moment einen Weg zu finden, um dies zu intensivieren. Aber noch war es nicht soweit.

Solche Bilder sollten nach Ansicht des B. nicht in die Öffentlichkeit gelangen

Wir fanden die Gruppe im Inneren des Palastes wieder. Alles dort war auf Hochglanz geputzt und ich musste mich belehren lassen, dass wir uns nun bereits im sich anschließenden City Palast (Stadtpalast) befanden. Aha? Wir schritten durch die prächtigen Innenhöfe und unser Reiseleiter B., der ja auch der Veranstalter B. war, zog ein langes Gesicht, als er am Eingang zu diesem Palast 500 Rupien Eintritt pro Person bezahlen musste, da es sich bei dem Gebäude um den privaten Stadtpalast der königlichen Familie handelte. So nimmt man es auch in Indien von den Lebenden? Am schönsten war der Pfauenhof, ein Innenhof mit vier wunderschönen, reich verzierten Toren, die die vier Jahreszeiten symbolisieren. Sonst gab es vorwiegend Waffensammlungen. Im Prinzip zu teuer für das eine Highlight. Subjektiv! Im Innenhof stand eine Tigerfalle und eine ganze Schulklasse – die Schulklassen waren in Indien offensichtlich größer als bei uns – schnatterte sich durchs Gelände. Als B. die anwesenden Lehrer ansprach, kamen wir auch mit den jungen Leuten ins Gespräch und das ganze gipfelte darin, dass wir ein gemeinsames Gruppenphoto mir Lehrern und Schülern und Reisegruppe aus Deutschland vor der Tigerfalle machten. Die glücklichen Gesichter der Kinder, der Stolz, der darin lag, nur weil sie auserkoren wurden mit einer Gruppe aus Deutschland ein Gruppenphoto zu machen, vergesse ich nie. Der Zauber des indischen Lächelns! Die dort in übergroßer Zahl lebenden Menschen fühlten sich prinzipiell aufs Höchste geehrt und beglückt, wenn jemand ausgerechnet sie aus der anonymen Masse heraussuchte um ein Bild von ihnen zu machen. Manchmal gab es vor dem Lächeln noch verwunderte Blicke oder ungläubiges Dreinschauen. Aber wenn die Personen dann realisierten, dass sie, wirklich SIE, gemeint waren hielt das zauberhafte Lächeln mit sofortiger Wirkung Einzug in deren Gesichter. Es war fast unmöglich, diese Menschen zu photographieren, ohne dass sie lächelten. Zumindest dann, wenn man sich vorher bemerkbar machte.

Garde im City Palast von Jaipur

Während der gesamten Reise hatte ich nur ein gegenteiliges Erlebnis: in Jaipur. Aber noch waren wir im Innenhof des Stadtpalastes und die Lehrer der Schülergruppe steckten dem Reiseleiter B. noch ihre E-Mail Adressen zu, damit dieser später die Bilder, die gerade entstanden waren, an sie weitergeben würde. Wir verabschiedeten uns herzlich, es wurde uns ein Lied gesungen und dann ging es weiter – denn es gab ja noch so viel zu sehen in diesem terrakottafarbenen und rosafarbenen Jaipur. Wir wurden an einer staubigen Stelle wieder von unserem Bus abgeholt. Noch ein Wort zum Thema Touristentransport in Indien. Der Bus unterschied sich in der Ausgestaltung des Inneren nämlich deutlich von denen, die wir Europäer so in unserem Europa antreffen. Auch wenn es bitter klingt: diese Busse wären in Virus-Zeiten perfekt um eine Ansteckung zwischen Fahrpersonal und Gästen oder umgekehrt zu vermeiden. Der gesamte vordere Bereich des etwa 10 Meter langen Busses, war hermetisch vom Rest des Fahrzeugs abgetrennt. Eine gläserne Barrikade, durch die man zwar hindurchblicken konnte, aber keinen direkten Kontakt zum Fahrer oder seinem Aushilfsjungen hätte herstellen können. An der Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten wachte Reiseleiter B. und verhinderte erfolgreich, dass der Fahrer, der sicher aus einer niederen Kaste kam, mit den Edlen auf den Sitzen seines Busses hätte in Kontakt treten können. Wir fuhren ein Stück durch das lebendige Jaipur, an etlichen Märkten vorbei zu einem weiteren „must have seen“ Ziel, dem Jal Mahal (Wasserpalast). Der lag wie eine Fata Morgana inmitten des Man Sagar Sees, umgeben von Bergen niedrigerer Höhe. Besuchen konnten wir das schöne Gebäude, das über der Wasseroberfläche zu schweben schien, leider nicht. Ein kurzer Fotostopp an der vermüllten Flaniermeile wurde aber doch eingelegt. Ganz Indien schien vermüllt zu sein.

Zur Mittagspause fuhren wir wieder in die Innenstadt von Jaipur zurück. Da mir der Aufstieg zu dem kleinen Café am Palast der Winde so gut gefallen hatte, schmiedete ich für die Mittagspause einen Plan. Um den wachsamen Augen meines Bodyguard zu entgehen, benötigte ich die Hilfe eines meiner Gruppenmitglieder. Die Lokalität, in der das Mittagessen dann stattfand, kam meinem Ansinnen zumindest entgegen. Nachdem ich die im Restaurant befindliche Toilettenanlage inspiziert hatte entdeckte ich das kleine Fenster, das aber gerade groß genug war, dass ich mich mitsamt einer Kamera dort hindurch quetschen konnte. Jemand aus der Gruppe musste zur Sicherheit darauf achten, dass mein ausgetrickster Adjutant die restliche Ausrüstung dann auch wieder mit zum Bus nahm, an welchem ich dann auch erscheinen wollte. Ich befürchtete, dass der Zorn des B. ob meiner Flucht so groß sein könnte, das er die Anweisung geben würde, meine Ausrüstung zu vergraben. Er konnte ja auch sehr uncharmant sein! Ich gab vor, kein Mittagessen zu wollen und verabschiedete mich auf die Toilette. Das sich durch das kleine Fenster ins freie quetschen war am Ende doch nicht so einfach wie ich dachte. Ich hatte das Volumen meines Körpers unterschätzt. Das Problem wurde nach meinem Gefühl dadurch verschärft, dass sich das Fenster zu einem Innenhof hin öffnete und das in diesem Innenhof einige Personen zugange waren. Es sind prinzipiell immer und überall in Indien Personen zugange! Zumindest dort, wo wir unsere Reiseroute hatten.

Stand eines Straßenverkäufers in Jaipur

Ich erregte Aufmerksamkeit, als ich nach einer Minute meinen damals noch recht fitten Körper noch immer nicht durch das Fenster gequetscht hatte. Die Männer im Innenhof in ihren zerlumpten Kleidern näherten sich neugierig. Sie lächelten nicht, blickten aber zumindest so, als hätten sie das, was sie da jetzt sahen, nie zuvor erblickt. Einer der Männer erkannte meine Notlage und streckte die Hände aus, damit ich ihm meine Kamera samt Objektiv reichen würde, um mich besser bewegen zu können. Die Kamera hatte ich selbstredend bereits durch das Fenster nach Außen geschoben, um das edle Teil bei meinem Befreiungsversuch im Blick zu haben. Der helfende Mann kam mir also prinzipiell entgegen, aber meine Kamera jetzt in diese fremden Hände legen? Was hätte ich tun können, wenn er mitsamt dem teuren Teil und der viel wertvolleren, darin steckenden Speicherkarte davon gesprungen wäre? So schnell hätte ich mich in meiner misslichen Lage nicht befreien können um ihm nachzueilen, einzufangen und der gerechten Prügelstrafe zuzuführen. Klar wusste ich, dass Menschen den Wert der materiellen Dinge überschätzen und ich war auch nicht habsüchtig, trotzdem wollte ich meine bisher gemachten Bilder und auch die Kamera samt Objektiv nicht verlieren. Ich wagte den Schritt, übergab dem fremden Manne meine Wertsache und konnte mich dadurch, vom Ballast befreit, in 10 Sekunden selbst befreien. Als ich zwischen ihnen stand, lächelten sie alle. Keiner von ihnen sprach auch nur Englisch, geschweige denn Deutsch. Ich wusste deshalb nicht was sie wollten, als sie mich auf einem der 100 Hindi Dialekte ansprachen. Vielleicht wollten die guten Männer wissen, ob ich gerade dabei war die Zeche zu prellen? Anstalten mich fest zu halten und mich dem B. zu überstellen machten sie jedenfalls nicht. Vielleicht kannten sie diese Situation doch bereits? Wer weiß wie viele photographisch motivierte Reise-Begleiter sich schon auf der Flucht vor der einheimischen Fachkraft durch dieses Fenster in die Freiheit gequetscht hatten?

Vorbereitung eines Prunk-Wagens in Jaipur

Ich machte Andeutungen, dass ich photographieren gehen wolle und erhielt meine Kamera umstandslos zurück. Ich hatte den ersten Schritt um die Ecke gemacht als mich das wahre, das echte, das wunderschöne Indien ansprang. Sofort kamen ein paar zerrupfte Straßenkinder (das waren dann natürlich auch Straßen-Inder) laut rufend auf mich zu. Die sprachen ein bisschen Englisch und wollten betteln, etwas haben! Wie hatte der auf Verschleierung des echten Lebens bedachte B. gesagt? In Indien gäbe es keine Taschendiebe? Warum passte er dann immer auf wie ein Schießhund? Noch während die Kleinen mit mir sprachen konnte ich ihre kleinen Hände in all meinen Taschen erfühlen! Die kleinen „Nicht-Taschendiebe“ (weil es ja so etwas in Indien nicht gab. Basta!) hatten flinke Hände und Fingerchen und erst als ich dem größten Mädchen erlaubt hatte, in meine Brusttasche zu schauen und dort ebenfalls keine Rupie zu finden war, ließen sie von mir ab. Ich steuerte zielstrebig auf den nächsten Markt zu. Jeder sprach mich an. Natürlich nur die Männer, mehrfach wurde mir das Wort „Women? Women?“ (Frau) zugerufen und mancher der Herren dort an den Ständen machte dazu anzügliche Gesten die unterstreichen sollten, um was es bei dem Angebot eigentlich ging. Ich konnte aber all diese Angebote geflissentlich ignorieren, wusste ich doch, dass es in ganz Indien keine Prostitution geben würde. So hatte es doch der B. voller Inbrunst verlauten lassen? Der kurze Spaziergang geriet zu einem Erlebnis, wie man es in einer „beschützten“ Gruppe nie hätte haben können. Es ist nicht jedermanns Sache, so kopfüber und unmittelbar in eine andere Welt einzutauchen, aber mein Ding war das durchaus. Ich hatte in meinem Leben oft lange Touren zu den Menschen und in die Länder der Erde gemacht, gerade um mich zu vertiefen und einen maximal tiefen Eindruck zu bekommen.

Die Zahl der Photo-Motive war derart gewaltig. Zum Glück hatte ich mich dazu entschieden, bei dem Ausbruch mein 70 – 200mm Objektiv an die Kamera zu montieren. So hatte ich nun einen großen Spielraum, was die Auswahl der Motive anbelangte. Ich wollte ja nicht nur Photos von den in die Kamera lächelnden Inder/-innen haben sondern auch den Alltag festhalten. Hunderte von Verkaufsständen mit Tausenden von verschiedenen Waren, hier wurde gefeilscht, dort die Qualität der Ware geprüft. Wenn es dann hin und wieder einmal galt, eine Person direkt abzulichten, war mir deren Lächeln natürlich willkommen und das alte Spiel mit dem andeuten und durch Gesten zu fragen erfüllte jedes mal seinen Zweck. Doch dann kam die Ausnahme! Mittendrin, einfach so und vollkommen unerwartet! Eine jüngere Frau, die ein Blechbehältnis, welches früher einmal ein Kanister gewesen sein mochte, auf dem Kopf trug, kam quer über die Straße und direkt auf mich zugelaufen. Ich hatte – in der Erwartung, dass meine Bitte um ein Bild gewährt werden würde – schon das eine oder andere Bild im voraus gemacht. Als sie mich erblickte und verstanden hatte was ich wollte, zeigte sie nun wiederum deutlich an, dass sie auf keinen Fall photographiert werden wollte. Ich war regelrecht erschüttert! Da war nun meine Erwartungshaltung aber wirklich nicht erfüllt worden. Und immer wieder wurde ich angesprochen. Das wahre Leben kann man leichter kennenlernen, wenn man individuell durch ein Land reist und sich komplett unter die Einheimischen mischt. Das bedeutete nicht, dass man das in einer Gruppe nicht ansatzweise auch erleben konnte! Ich habe bei der Durchführung und Begleitung späterer Reisen auch immer darauf bestanden, dass sich meine Gäste auch mal ohne Führung mitten unter die Einheimischen mischen, wenn sich die Gelegenheit bot.

Der einzige indische Mensch der sich nicht photographieren lassen wollte

Als ich zum Bus zurückkam, war Reiseleiter B. nicht gerade erfreut. Mein Bewacher, dem ich ja entkommen war, blickte betreten zu Boden. B. wollte gerne die entstandenen Photos sehen und ich habe sie ihm auch gezeigt. Er meinte nur, dass diese Bilder ja sicher nur für meine private Erinnerung gedacht seien, denn in einer verkaufsfördernden Bildpräsentation hätten solche Photos ja nun wirklich nichts zu suchen. Er wollte doch weitere Geschäfte mit mir machen, danach verzog sich sein Groll. Wir fuhren an diesem Tag noch zum Amber Fort, welches elf Kilometer außerhalb von Jaipur, hoch oben auf einem steilen Berghang lag. Diese wuchtige Palastanlage von Amber, die sicher eines der schönsten Forts in Rajasthan ist, beeindruckt schon beim ersten Anblick von der Straße aus. Den Anstieg zur Festung, den man in etwa 10 Minuten bewältigen kann, mussten wir auf dem Rücken von Elefanten bewerkstelligen. Es war ein mahnendes Beispiel, was ein kleiner Gernegroß (der B.) alles anstellt, wenn er einen dicken Batzen fremden Geldes in eine Reise investieren muss. Ich würde heute jedem raten, sich nicht auf dem Rücken eines bemalten Elefanten hinauftragen zu lassen, weil man damit die Tierquälerei unterstützt. Mittlerweile greift dort sogar die Regierung ein und schreibt vor, dass die Elefanten nur noch drei Runden reiten dürfen, bevor sie eine Pause machen müssen! Aber artgerecht ist das trotzdem nicht. Doch der B. wollte die gute alte Zeit der Maharadschas wieder aufleben lassen. Alle Gäste wurden auf verschiedenen Elefantenrücken verteilt und diese bunt bemalten, geradezu affig mit bunten Tüchern behängten Tiere setzten sich dann mit uns in Bewegung. Sieben Elefanten und auf dem prächtigsten, ganz vorne an der Spitze, saß in blendend weißen Linnen: der B. Sichtlich genoss er seine Position. Begleitet wurde der Tross von einer Schar indischer Musiker, die mit ihren Instrumenten einen derartigen Höllenlärm veranstalteten, dass das Gefühl entstand, nun gleich zusammen mit seinem Reittier in den tiefsten Schlund der Hölle hinab gezogen zu werden. Und das Schlimmste war, dass vor dem lärmenden Tross der wie Pfingstochsen verkleideten Elefanten das große Plakat von der Ankunft am Flughafen in Delhi von zwei ebenfalls ganz in weiß gekleideten Träger geschwungen wurde. Das Plakat mit der Aufschrift „Dr. Richter Reisen“.

Der Palast von Amber

Das alles wäre im Prinzip nicht so schlimm gewesen, wenn die Elefanten sich nicht überall die Vorfahrt genommen hätten! Es waren ja neben uns auch noch gefühlte 10.000 andere Menschen dort. Viele Reisegruppen! Ich erspähte von meinem Elefanten (ich hatte einen eigenen nur für mich) herab die Schilder der Unternehmen, die ich aus Deutschland kannte! Und all diese Menschen schauten nun mit fragenden Blicken auf den Tross, sahen das Schild fingen an zu tuscheln, wer denn „Dr. Richter Reisen“ sei. Denn man kannte uns weder in unserem Heimatort, noch in Deutschland und wir waren auf der Welt bis zu diesem an Peinlichkeit nicht mehr zu überbietenden Vorfall unbekannt. Der B. – auch wenn er seinen Job gut als Reiseleiter gut machte – hatte ein derart krankhaft überzogenes Geltungsbedürfnis, dass er ständig auf der Suche nach Beachtung, Anerkennung, Wertschätzung, Ruhm, Macht, Status unterwegs war. Und jetzt ritt er auf dem größten und geschmücktesten Elefanten aller Zeiten in weißer Maharadscha Uniform vor der Gruppe her und wurde beachtet wie noch nie zuvor. Er war einer, der immer im Vordergrund stehen wollte. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, Anerkennung und Beachtung zu finden, und Menschen tun vieles, um das erreichen. Aber so wie der B.? Oben im Innenhof des Fort trafen wir auch seinen Bruder! Lag es vielleicht daran? Der Bruder war ein sehr gut aussehender Mann, der auch noch perfekt und ohne jeden Akzent Deutsch sprach! Gegen ihn wirkte unser B. aber sehr, sehr unattraktiv. Vielleicht wurde B. als Kind vorwiegend für seine Leistungen geschätzt und der Bruder wurde aufgrund seines gefälligen Äußeren bevorzugt behandelt? Ich schreibe Bruder, weil der Mann, den er uns als seinen Bruder vorstellte, dies mir gegenüber bestätigte. Dass Geschwister so derart verschieden sein konnte?

Der hochnotpeinliche Ritt auf den Elefanten zum Amber Fort

Der Besuch von Amber Fort wurde so zu einem Aufenthalt mit kurzen Eindrücken und schnell wechselnden Szenen. Ich war froh, mich an diesem Abend in der Bar unseres Hotels betrinken zu können. Diesen elefantösen Elefantenritt würde ich in seiner Peinlichkeit niemals vergessen. Aber meine Gäste schienen Gefallen daran gehabt zu haben? Ich wollte sie nicht mit meinen Gedanken belästigen, behielt diese für mich, rutschte in den Spagat und schlief ein.

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