Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 02 – Neu-Delhi bis Agra

Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 02 – Neu-Delhi bis Agra

Normale Verkehrslage in Neu-Delhi

Abflug nach Indien

Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob die Teilnehmer an der nun folgenden Reise alle mit der typischen Erwartungshaltung nach Indien flogen. Im Grunde genommen ist Erwartung nichts anderes, als eine für sich selbst formulierte Täuschung. Wir haben dabei etwas im Kopf, was die andere Seite zu leisten hat. Das Problem dabei ist, dass die andere Seite nichts von unseren Gedanken weiß. Wir kommunizieren es ja nicht öffentlich. Es stellt sich die Frage, warum man denn dann eine Erwartungshaltung haben sollte? Erwartungen sind Eigen-Täuschungen, die dann ein Ende finden, wenn die Einlösung kommt. Das kann natürlich auch die Erfüllung der Erwartung sein. Ist eine Erwartung erfüllt wird, neigt man dazu, zufrieden zu sein. Das ist verständlich. Werden die Erwartungen nicht erfüllt, werten wir die Leistung ab und sind unzufrieden, ja oft sogar enttäuscht. Damit hat wenigstens die Täuschung ein Ende. Es wurden Lösungen gegeben, aber nicht die, die man gerne gehabt hätte. Wäre es zu viel verlangt gewesen, aus jeder Erwartungshaltung auszusteigen, bevor man sich in ein Flugzeug setzt um nach Indien zu fliegen? Sollte man seine Erwartungen herunterschrauben? Vielleicht wäre es perfekt, überhaupt nichts mehr zu erwarten? Keine Gedanken über das machen, was kommt, was dann bedeuten würde, sich einfach überraschen zu lassen. Das kann aber nicht die Lösung auf allen Ebenen sein.

Wir waren als Reisende nicht im Geringsten auf das vorbereitet, was uns dann in Indien erwartete. Der Grundtenor, warum die Personen, die sich in die Gruppe begeben hatten um Indien zu sehen, war natürlich das Vorhandensein gewisser Bilder oder Geschichten im Kopf. Die Gruppe war nicht groß, aber doch größer als bei den bereits beschriebenen Reisen nach Südamerika. 19 + meine Wenigkeit. Ein Ehepaar war bereits einige Stunden früher abgeflogen. Der Ehemann hatte sein Berufsleben als Pilot bei der Lufthansa gelebt. Nach vielen Dienstjahren stand ihm und seiner Frau ein sogenannter Bonusflug zu. Das bedeutete, dass er irgendeinen Flug zusammen mit seiner Frau in der First Class machen konnte, ohne dass diese Buchung ein so großes Loch in die Familienkasse gerissen hätte, dass man einen Kleinkredit – als Normalverdiener – hätte aufnehmen müssen um die Folgen dieser gewaltigen Ausgabe zu überstehen. Die anderen aus der Gruppe, die mit Plätzen in der sogenannten Holzklasse vorlieb nehmen mussten, gönnten es den beiden. Lediglich die Ankunftszeiten auf dem Flughafen von Neu-Delhi konnten nicht so gestaltet werden, dass man dort möglichst zeitgleich ankam. Man würde sich erst im Hotel wiedersehen. Damit konnten alle gut leben.

Charismatisch aussehende Menschen finden sich in Neu-Delhi zuhauf

Ich habe überlegt, ob ich schreiben darf, in Indien gewesen zu sein. Wir flogen ja nach Neu-Delhi und die geplante Reise sollte uns ausschließlich durch die Regionen Rajasthans führen. Das war letztlich nur ein kleiner Ausschnitt aus dem bunten Kaleidoskop der Völker, Kulturen und Landschaften Indiens. Das konnte man auch leicht an der Fläche erkennen: Rajasthan war gerade mal etwas über 340.000 Quadratkilometer groß. Indien hat aber eine Landesfläche von fast 3,3 Millionen Quadratkilometern. Wir kamen bei dieser Reise nicht einmal in die Nachbarregionen wie Madhya Pradesh oder Gujarat. Wie hätten wir, als Gruppe bestehend aus 20 Personen, von denen 15 noch aktiv dem Arbeitsleben verhaftet waren, denn noch mehr in die Reise hinein packen können? Es gab nur einen begrenzten Spielraum für die Beantragung von Urlaubstagen und Rest-Indien war so groß, dass wir nur im Zick-Zack Modus unter Zuhilfenahme vieler Inlandsflüge den Rest des Landes erreicht hätten. Es war sinnlos auch nur darüber nachzudenken. Also beschränkten wir unsere Reise-Aktivität auf Rajasthan. Bei Gefallen – so dachten wir, hätten wir in den folgenden Jahren eine Anschlussreise in andere Regionen des Subkontinents ins Auge fassen können. Und so ähnlich wie in Italien, wo die Toskana auch ein gewaltiges kulturelles Übergewicht – im Vergleich zum an Kunstschätzen trotzdem reichen Restitalien – hat, hatte Rajasthan diesen Bonus in Indien. Wir wollten in Rajasthan bleiben und lieber dort eine besondere Reise ausgestalten.

Da Neu-Delhi zu unserem Glück in einem Gebiet Indiens liegt, dass sich in Richtung Europa streckt, war die Flugdauer im Vergleich zu Reisen nach Australien oder Süd-Amerika auch deutlich kürzer. Nach gerade mal 7 Stunden und 45 Minuten kamen wir an. Konnte man bei so kurzer Flugdauer überhaupt von einer Weltreise sprechen? Weltreise? Da kommt mir eine meiner Cousinen in den Sinn: Bärbel. Ihre Schwester, Heidi, gehört noch heute zu meinen Bezugspersonen und ist auch bei Facebook in meiner Freundesliste vertreten. Was bedeutete es denn in früheren Zeiten, eine Weltreise zu machen? Die Welt ist sehr überschaubar geworden im Heute. Aber vor 30 oder 40 Jahren (ich weiß ausnahmsweise nicht mehr genau, wann das war) waren Länder wie Australien oder Neuseeland noch so unendlich weit weg, dass man sich von Auswanderern mehr oder weniger für „immer“ verabschiedete, wenn sie ihre Lebensmittelpunkte dorthin zu verlegen gedachten. In unserer Familie war das nicht üblich, Deutschland zu verlassen um sich irgendwo anders in der Welt niederzulassen. Eines Tages in dieser gefühlt längst vergangenen Zeit, kamen meine Eltern von einem Verwandtenbesuch aus dem Freigericht wieder nach Hause und meine Mutter teilte mir mit bestürzten Blicken mit, dass Bärbel vorhabe, mit ihrem Partner nach Australien auszuwandern.

Zwei junge Frauen im Innenhof der Jama Masjid Moschee

Es muss doch schon vor mindestens 40 Jahren gewesen sein denke ich, da meine Eltern vor 30 Jahren schon daran gewöhnt waren, dass ihr jüngster Spross ständig um die Welt jettete und nach längeren Besuchen anderer Kontinente quasi nur zum Kofferwechsel und immer nur für kurze Zeit, wieder im Heimathafen Deutschland war. Der Grundtenor war, dass man sich von Cousine Bärbel verabschieden sollte, denn es bestünde kaum eine Chance, sie noch einmal wiederzusehen. Bärbel ist dann doch nicht ausgewandert, sie blieb mit Ehemann und Kind in Deutschland und lebte ihr Leben weiter. Leider ist sie vor einigen Jahren verstorben – viel zu früh und nach langer Krankheit. Manchmal, wenn ich an sie denke, vermisse ich sie. Der Exkurs-Gedanke an das Weltreisen ist damit aber noch nicht zu Ende! Springen wir kurz in das Jahr 2008. Ich war mit einer anderen Gruppe auf dem Weg nach Neuseeland. Holzklasse (Economy)! Ich saß bereits auf meinem Gangplatz als mir ein Mann auffiel von dem ich glaubte, ihn zu kennen. Er wurde begleitet von einer Frau, die mir aber unbekannt war und ein Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, war auch dabei.

Er suchte – weil spät ins Flugzeug gekommen – nach einem Platz für sein Bordgepäck, so dass ich ihn mir bei diesem Suchvorgang einmal von allen Seiten anschauen konnte. Mein Gefühl, ihn zu kennen, wurde dadurch nur bestärkt. Ich rasterte mit meinen Gedanken durch meine persönliche Gesichts-Profil-Datenbank, wurde aber nicht fündig. Ich wollte es schon gerne schnell herausbekommen, wer der Mann denn war. Der Flieger war voll und nur in der Mittelreihe neben mir gab es noch drei freie Plätze. Die Familie würde sich wohl dort hinsetzen? So kam es und der mir so bekannt erscheinende Mann setzte sich glatt genau neben mich, daneben seine Tochter (?) und daneben dann die Ehefrau (?). Viele Fragezeichen! Ich wartete noch ab, bis das Flugzeug den Startvorgang abgeschlossen hatte und ruhig durch die Wolken flog. Dann sprach ich ihn an, so wie es meine ungehobelte Art ist, dass ich ihn kennen würde, wer er denn sei. Es entspann sich ein munteres Gespräch und auch die Tochter (sie war es wirklich) und die Ehefrau (sie war es ebenfalls wirklich) brachten ihre Ideen mit ein, woher denn die beiden Männer sich kennen würden. Es war ein lustiges Rätselraten, jedes Mal mit unbefriedigendem Ausgang. Am Ende ging es ganz schnell: ich fragte ihn, ob wir vielleicht mal zusammen Fußball gespielt hätten, da ich ja für knapp drei Jahre in der C-Jugend einmal in Hanau bei den „60ern“ gespielt hatte und dass ich (ja, zugegeben war ein bisschen Name-Droping, aber wir waren wirklich zusammen auf der Schule und im selben Fußballverein und ich wurde sogar zwei Jahre von seinem Vater trainiert) dort sogar mit Rudi Völler gekickt hätte! Den Völler würde er auch kennen, sagte mir der bis zu diesem Moment namentlich nicht bekannte Mann, er sei sein Teamkollege gewesen, zumindest eine Zeitlang! Es war der Fußballspieler Dieter Eilts, der tatsächlich in seiner Karriere bei Werder Bremen mit Völler zusammen gekickt hatte. Damit war die Sache erledigt. Ich gab auch sofort zu, dass ich darüber verwundert war, ihn in der Holzklasse anzutreffen! Verdienten bekannte Fußballer denn nicht Millionen? Da sollte die Business Cass doch zumindest im Bereich des Möglichen liegen! Der Mann war schließlich mal Nationalspieler.

Prunkvolle Verzierung in der Jama Masjid Moschee

Ich erfuhr bei diesem Gespräch, dass nur wenige Berufs-Fußballer es schaffen würden, ihr ganzes Leben auf höchstem finanziellen Niveau zu leben. Bei ihm war eine gewisse „Verknappung“ der Mittel eingetreten, nachdem seine Karrieren als Spieler und Trainer zu Ende gegangen waren. Eilts flog damals mit seiner ganzen Familie nach Neuseeland zu seinem ehemaligen Mannschaftskollegen und „Noch-Immer-Freund“ Wynton Rufer, um die Tochter dort für ein sechswöchiges Sprachpraktikum abzugeben. Er und seine Frau würden nur drei Tage bleiben und dann wieder zurück nach Deutschland fliegen. Das zum Thema „Weltreise“. 2008 verabschiedete man sich schon nicht mehr „für immer“, wenn jemand nach Neuseeland flog. Man flog dorthin, gab sein Kind zu Freunden, trank eine Tasse Tee und flog wieder nach Deutschland zurück. Welt, wie hast du dich verändert! Mit unserem neuesten Wissen stehen wir mittlerweile ganz anders da! Hört endlich auf zu fliegen müsste man den Menschen zurufen!

Es gab in den letzten Jahren viele verzweifelte Versuche, den Reisenden mit dem Flugzeug das schlechte Gewissen zu nehmen. Heute wissen immer mehr Menschen, dass das Fliegen dem Klima schadet. Die Stimmung näherte sich langsam, aber sicher schon vor dem Ausbruch der Coronakrise dem Kipppunkt. Fast die Hälfte der Bundesbürger/-innen können sich laut einer Umfrage vorstellen, auf Flugreisen in Zukunft aus Umweltschutzgründen zu verzichten. Die Klimadebatte ist nun ein weiter wachsendes Problem für die Luftfahrt, ein Imageproblem natürlich auch. Das Flugzeug bleibt pro Kopf gerechnet das schmutzigste Verkehrsmittel! Die Bahn produziert pro Personenkilometer sechs Mal weniger Treibhausgase als ein Flugzeug, sogar der Pkw liegt weit dahinter. Am freundlichsten für das Klima bewegt man sich immer noch mit dem Reisebus fort. Das sind natürlich positive Nachrichten für die vielen Bus-Unternehmer in Europa. Problem: die Botschaft kommt in den Köpfen der meisten Menschen unserer Gesellschaften nicht an! Und dieses „nicht ankommen“ in den Köpfen betrifft nicht ausschließlich die unteren sozialen Schichten, denen oft vorgeworfen wird, dass sie die Zusammenhänge nicht erfassen würden! Es betrifft gerade die oberen, oft gut ausgebildeten sozialen Schichten, die sich eine Flugreise überhaupt leisten können.

Dann wäre das Reisen, wie ich es hier beschreibe, eine Relikt der Vergangenheit und auch Dieter Eilts (als Beispiel) müsste seine Tochter bei einem ehemaligen Fußball-Kollegen in der Lüneburger Heide abgeben und nicht in Neuseeland. Aber wir haben unsere Bereitschaft, die Dinge die so sind wie sie offensichtlich doch schon immer waren, zu durchdenken und zu hinterfragen, damit es erst nicht zu einem Kollaps der Systeme kommt, auf die Ruhebank gesetzt. Spätestens wenn jemand der sogenannten Entscheider seine Hände wie zum Gebet faltet und immer wieder sagt, dass es „richtig & wichtig“ sei, wäre es höchste Zeit, dass die Alarmglocken im Kopf zu läuten beginnen. Aber 2005, als wir nach Indien flogen, hatte ich keinerlei Probleme damit die Dinge zu nutzen, die mir meine Lebensumwelt zur Verfügung stellte und mich mit einer dicken Boeing 747 (Jumbo) nach Indien auf den Weg zu machen. Das wird in der näheren Zukunft schwierig sein. Mein Umweltbewusstsein hat sich stark in Richtung Eigenverantwortung weiter entwickelt. Aber dadurch entsteht ein weiterer Spagat, den ich im Prinzip nicht mehr machen wollte. In Indien 2005 stand ich als Reise-Unternehmer und Reisejournalist auch ständig im Spagat. Der Reisejournalist in mir verfolgte gänzlich andere Ziele als der Reise-Begleiter! Ich ahnte schon, dass dieses Land neben den zu erwartenden, sicher auch berauschenden Erlebnissen viel Zündstoff für kritischen Journalismus bieten würde, fühlte mich aber in erster Linie meiner Reise-Gemeinschaft verpflichtet und wollte nicht deren anstehende Erlebnisse durch meine kritischen Wahrnehmungen schmälern. Es wäre im Prinzip meine Pflicht gewesen, darauf hinzuweisen – aber ich tat es nicht.

Impressionen eines Straßenmarktes in Neu-Delhi

Seit ich die Recherchen des bei einem Motorradunfall zum Rollstuhlfahrer gewordenen Kollegen aufgearbeitet hatte, wusste ich von dem Drama! Kinderarbeit war in Indien auch schon damals offiziell verboten, aber trotzdem allgegenwärtig. Der bei einem Motorradunfall zum Rollstuhlfahrer gewordene Kollege hatte einen Fall mehrfach verfolgt und die Familie dreimal besucht. Dabei ging es um ein achtjähriges Mädchen, das sich immer auf die Zehenspitzen stellen musste wenn sie mit jemandem sprach, weil sie so klein war, wie ein vierjähriges Mädchen in Deutschland. Ihre Haut beschrieb der Kollege als rau, und sie sollte immer struppige Haare und trübe Augen gehabt haben. Ihre Schwester sah wohl genauso aus? Es ist erwiesen, dass diese Mädchen – stellvertretend für ein Millionenheer von Kindersklaven – von Anfang an zu wenig und zu schlecht zu essen bekommen haben. Deshalb blieben sie so klein an Wuchs. Beide Mädchen mussten alle Jobs machen, die ein paar Rupien in die Kasse der Familie brachten, er schrieb sogar, dass sie in Plastikfabriken oder Ziegeleien unter gefährlichen Bedingungen schuften mussten. Allerdings nicht lange, denn die Fabrikbesitzer waren mit der Arbeitsleistung der Mädchen unzufrieden. Die Mutter war in dem Skript erwähnt und auch, dass sie keine Probleme damit hatte, die Mädchen zu verheizen. Ihr Mann war krank, sie musste sich um das jüngste Kind (einen SOHN!) kümmern. Damit die Familie nicht verhungern musste, wurden nun die beiden Mädchen zum Wohle des Sohnes verheizt. Ich hatte die Adresse der Familie in den Unterlagen gefunden, aber diese Familie wohnte in Chandigarh! Aber die Stadt lag fast 300 Kilometer nördlich von Neu-Delhi entfernt und ich hatte keine Chance, dorthin zu fahren. Ich hatte meine Pflichten als Reise-Begleiter. Aber wie sollte ich dieses Wissen um Zustände, die den Begriff „würdevolles menschliches Dasein“ nicht im Ansatz erfüllten, denn verdrängen? Es würde unmöglich werden.

Es wurde wohl auch deshalb eine besondere Reise, die bis zum heutigen Tage noch in meinen Gedanken nachbearbeitet werden muss? Das ständige im Spagat stehen ist wohl eine Grundvoraussetzung, wenn man mehrere Erwartungshaltungen zugleich auf eine Reise nach Indien transportiert? Nur im Spagat war es möglich dort psychisch zu überleben. Unwissenheit kann eine Gnade sein! Oder wenigstens die Fähigkeit, seine Wahrnehmungen auf den gewünschten Punkt zu fokussieren und störende Elemente einfach auszublenden. Ich denke dass das viele Menschen machen die nach Indien reisen. Aber es gelingt längst nicht immer, denn Indien schiebt sich mit Urgewalt in jedes Bewusstsein, fordert und drängt sich als Mensch zu vertiefen. Wer sich darauf einlässt, ist verloren und trägt das Gesamterlebnis wohl sein ganzes restliches Leben lang durch die Welt. Auch ich musste lernen zu verdrängen, nachdem ich aus Indien zurück gekommen war. Mein Leben ging ja weiter, auch wenn ich oft danach den Impuls hatte, mich nun für ein paar Monate aus dem Leben zurück und in eine Tonne zu verziehen um darin zu denken, nur noch zu denken. Ich muss aufpassen, habe zu viele Exkurse im Kopf, die zwar sinnvoll wären an den entsprechenden Stellen hinzugefügt zu werden, aber diese Reisebeschreibung soll letztlich doch (noch) kein richtiges Buch werden. Meine Zeit als Reise-Unternehmer oder Reiseleiter läuft wohl ab und wenn ich mich danach nicht für das Modell „Tonne“ entscheiden möchte, muss ich noch eine Option haben, mein Geld zu verdienen. Beim Begriff „denken“ habe ich immer und sofort die Skulptur „Der Denker“ von Auguste Rodin im Kopf. Ich habe einmal vor dem Original gestanden und alles verstanden. Der Mann, der diese Skulptur darstellt, sitzt auf einem Stein und stützt sein Kinn auf seiner Hand! Er denkt mit seinem ganzen Körper, alles Blut in ihm ist zu Gehirn geworden, er denkt mit der Kraft eines hart arbeitenden Mannes. Nur das Original beherbergt den Geist Rodins. Alle Imitationen können nicht einmal ansatzweise die Kraft im Raum entfalten, die das Original verbreitet.

Der Bruder unseres Reiseleiters mit seinem Leibwächter

So wird die Beschreibung der Reise an sich auch zu einem Spagat werden! Es sind auch so viele bunte, lustige und erinnerungswürdige Dinge passiert, wir hatten derart viele Begegnungen mit wundervollen Menschen die es alle wert gewesen wären, beschrieben und festgehalten zu werden. Es gab aber auch die Phasen des Erschreckens, Entsetzens, der großen Traurigkeit. All das steigt in mir auf wenn ich an Indien denke. Traumland und Albtraumland zugleich!

Nach der Landung in Neu-Delhi wurden wir in der Eingangshalle des Flughafens von B. empfangen. Sofort setzte bei mir eine Art Gefühl des „Fremdschämens“ ein! B. war ein ergebnisorientierter Macher, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch Werbung machen wollte um sich später um die Mehrung seiner Güter kümmern zu können. Als wir noch leicht benommen endlich bis zu ihm durchgedrungen waren, trauten wir unseren Augen nicht! Er hatte mehrere stattliche Erscheinungen in weißen Gewändern mit bunten Turbanen auf dem Kopf dabei und auch ein riesiges Transparent mit der Aufschrift Dr. Richter Reisen herstellen lassen, das nun mit großem Tamm-Tamm im Terminal geschwungen wurde. Mir war das höchstpeinlich, da ich mich nie derart vulgär in die Öffentlichkeit begeben hätte. Aber der Inder B. war der Meinung, dass er auf diese Art mein Geschäftspartner-Herz noch enger an das seine würde binden können. Die Helfer hängten allen Beteiligten geflochtene Blumenkränze aus Tagetesblüten um. Es wurde freundlich gelacht, aber viele von uns dachten wohl so wie ich: „muss das denn jetzt sein? Wir sind müde und wollen endlich zum Hotel um uns für die Stadtbesichtigung frisch zu machen“.

Eine gute Geste – trotzdem etwas peinlich

Schon auf den ersten Kilometern, in denen unser Bus – gut von einer funktionierenden Klimaanlage temperiert – in Richtung Hotel fuhr rutschte ich fassungslos in meinen ersten Spagat. Die vierspurige Straße hatte in der Mitte einen Mittelstreifen. Sie wurde nur spärlich von den Straßenlaternen ausgeleuchtet. In dem diffusen Licht konnte ich aber erkennen, dass auf diesem höchstens 1,80 Meter breiten Streifen Menschen lagen. Dicht an dicht! Dieses Bild blieb über viele Kilometer konstant. Da lagen Menschen wie Sardinen in der Dose dicht an dicht. Es mögen Tausende gewesen sein. Ich war in Aufruhr, zwang mich aber, mich wieder zu entspannen. Es war ein fremdes Land, vielleicht hatte das alles seine Ordnung? Ich gedachte später danach zu fragen. Am Hotel kamen wir aus unserem gut von einer funktionierenden Klimaanlage temperierten Bus in ein ebenfalls von einer gut funktionierenden Klimaanlage temperiertes Hotel. Der Garten um das Hotel herum konnte als Garten Eden verstanden werden. Prächtige Pflanzen, sattes Grün und etliche wuselnde Angestellte in feinsten Kleidern, die unsere Koffer in die Lobby und später in die Zimmer transportierten. B. war in seinem Element, bellte Befehle, stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sowohl des Hotelpersonals als auch seiner Gäste, die noch ein wenig müde waren und dem B. deshalb auch Folge leisteten, wenn er den Gästen einen Vorschlag machte. Eine kurze Weile durfte er sich noch in der Position der Souveränität sonnen, doch dann machten wir ihm langsam aber sicher das Leben schwer. Ich legte bei meinen Gruppenreisen nämlich immer großen Wert darauf, dass meine Gäste sich nicht von den Schönfärbereien – die es leider in der Tourismusbranche fast ausschließlich gibt – beeindrucken ließen sondern selbst auch kritische Reflexionspunkte fanden die sie den einheimischen Reiseleitungen dann auch mal mehr oder heftig unter die Nase rieben. Die Gerüche in diesem Garten Eden waren berauschend. Es duftete nach allerlei Pflanzen und die frisch gehackte Erde auf den Blumenbeeten verströmte dazu ihren eigenen Geruch.

Unser erstes Hotel in Neu-Delhi

Als sich alle ein wenig frisch gemacht und die beiden per First Class bereits angekommenen Mitglieder der Gruppe begrüßt hatten, ging es vom Garten Eden und seinen wundervollen Gerüchen wieder in den mit einer gut funktionierenden Klimaanlage ausgestatteten Bus. B. begann mit seinen Erklärungen und wir fuhren ein Stück auf derselben Straße wieder zurück, auf der in den frühen Morgenstunden so unglaublich viele Menschen auf dem Mittelstreifen gelegen hatten. Diese Menschen waren nun nicht mehr dort. Die Reihen waren verschwunden und nur einige (waren das die Schlafmützen?) lagen noch dort. An einer Kreuzung sah ich einige Männer, die sich einen Mundschutz, so wie ihn heute jedes Kind auf der Welt durch die Corona-Zeit kennt, vor den Mund gespannt hatten. Dort war ein kleiner Turm aus Holz zu sehen, der – wie es mir schien – aus Europaletten aufgebaut wurde. Er sah aus wie ein übergroßer Schichtkuchen. Ein weiterer dieser Türme brannte bereits und in einer der oberen Etage sah ich den Unterarm eines Menschen zwischen den auflodernden Flammen herausschauen. Sie verbrannten all jene Unglücklichen, die in der Nacht auf dem Mittelstreifen ihre Leben gelassen hatten. Und dort, auf diesem Mittelstreifen lagen noch einige. Lebten sie noch? Waren sie zu schwach? Warum kümmerte sich denn keiner? Alles in mir schrie förmlich danach, dass diese Vorfälle, diese uns unbegreiflichen Vorfälle erklärt werden müssten. Aber der erste gewaltige Spagat, den ich auf der dieser Reise machen musste, ließ meinen inneren Aufruhr verstummen. Ich blickte mich nur im Bus verstohlen um und schaute, ob denn meine Reisegefährten dieses Vorkommnis auch bemerkt hatten. Ich denke, dass es einigen nicht verborgen geblieben war. Kein Wort dazu von B.! Er saß auf seinem Reiseleiterplatz und schwadronierte in höchsten Tönen von den schönen Dingen, die wir im Laufe des Tages erleben würden.

Ich war hoch beschäftigt in meinem Kopf in der nächsten Stunde. Ich machte brav meine Bilder, damit ich nach der Reise jedem der Teilnehmer/-innen eine Photo-DVD zum Geschenk machen konnte, kann mich aber ansonsten nur erinnern, dass wir etwas außerhalb in einer schönen Park und Gartenanlage ein Memorial aufgesucht haben. Viele Menschen waren dort zugange, aber Menschen sollte es ja in Indien so viele geben? Bis auf den kurzen Kontakt mit dem paradiesisch wirkenden Hof unseres Hotel waren wie bis zu dem Moment, in dem der B. kundtat, dass wir nun eine Rikscha-Fahrt mit motorbetriebenen Rikschas machen würden, keinen Kontakt zu unserer Außenwelt. Wir waren ständig in gut klimatisierten Bussen unterwegs oder hatten die Klimaanlagen des Flughafens oder des Hotels genossen, oder aber, wir hatten Parkanlagen besucht. Wann kamen wir endlich in die Innenstadt? Ich wollte die Gerüche der Stadt kennenlernen. Der Geruchssinn wird auf Reisen nämlich immer hinten angestellt, obwohl der Einfluss der olfaktorischen Wahrnehmung auf die Lebenswelt des Menschen in allen Bereichen bedeutend ist. Ich war zu dieser Zeit mit einer Frau verheiratet, die sich in der Welt der olfaktorischen Wahrnehmung viel mehr zuhause fühlte als ich! Sie war eine Parfüm-Liebhaber- und Kennerin und hatte es sehr bedauert, diese Reise nach Indien nicht mitmachen zu können, weil dieses Land immer ihr Traum-Reiseziel gewesen sei.

Nur mutige Europäer sollten sich dem Straßenverkehr Indiens stellen

Ich hatte auch einen Gedanken an sie im Kopf, als wir nach drei Stunden des rund Fahrens endlich an der Stelle in der Altstadt von Delhi ankamen, an der die Rikscha-Fahrt beginnen sollte. Als ich den ersten Schritt in die wuselnde Öffentlichkeit getan hatte, griff ich instinktiv nach meinem in der Gesäßtasche steckenden Telefon und schrieb eine sms:

„Und das hier, liebe Frau, wäre der Moment gewesen in dem Du umgekehrt und nach Deutschland zurück geflogen wärst“

Sie konnte nur mit Wohlgerüchen etwas anfangen und mied Unwohlgerüche wie der Teufel das Weihwasser. Das, was mir nach dem aussteigen aus dem Bus in die Nase stieg, war musste in einem Bereich angesiedelt werden, der weit unterhalb des Kosmos der Unwohlgerüche angesiedelt war. Es stank bestialisch, die Luft waberte zwischen den viel zu engen Altstadtstraßen und den viel zu vielen Menschen, war aufgeheizt und wirkte „benutzt“? So als ob die Atemzüge nicht mehr ausreichen würden um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen. Ähnliche Situationen kannte ich aus anderen Regionen. Singapore und Hong Kong würden mir einfallen. Dort war die Luft auch unendlich schwül und ich dachte, zu kollabieren. Aber das ist immer nur für einen gewissen Moment, dann gewöhnt sich der Organismus daran und das Leben geht seinen Weg. Die uns entgegen schlagenden olfaktorischen Belastungen würden eine Weile länger benötigen, bis wir sie adaptiert hatten! So kam es später auch, nur in den Städten, wo noch mehr viel zu viele Menschen als auf dem Land (obwohl auch dort prinzipiell und überall viel zu viele Menschen leben) leben wurden wir immer wieder mal daran erinnert, dass Indien anders riecht als jedes andere Land der Welt. Auch das noch! Aber dann kamen sofort die positiv überwältigenden Momente hinterher.

In einem Sikh-Tempel

Es waren solch unglaubliche Menschenmassen auf der Straße, es war so unendlich viel Verkehr auf der Straße, es waren so unendlich viele Rikschas im Zick-Zack zwischen all dem Gewusel unterwegs. Ja, ich war angekommen! Das war das Indien, das ich mir erwartet hatte. Ich könnte jede Minute in einem ganzen Buch beschreiben, so viele aufgenommene Impulse sind noch heute in mir lebendig. Ich war ständig und ab einem gewissen Reife- oder Erkenntnisgrad in meinem Außen unterwegs. Offen mit allen Sinnen. Ins Innen ging ich nur zurück, wenn ich mich um die Bedürfnisse meiner Reisegruppen kümmern musste. Das hatte in allen Ländern zuvor gut geklappt, es waren immer und überall Freiräume dazwischen, so dass ich ohne Probleme von meinem Außen ins Innen springen konnte und mein ich trotzdem zufrieden war. Aber Indien lässt einem diese Freiräume nicht! Wie ein Bombengeschwader in einem Krieg lud nun Indien von der ersten Minute an seine Bomben über mir ab. Verzücken und Entsetzen in sekündlichem Wechsel. Es erfolgte ein Spagat nach dem anderen. Der erste positiv überwältigende Moment vielleicht? Wir waren ausgestiegen und ich wollte viele Dinge bildlich festhalten. Da waren so unglaublich interessante Gesichter unterwegs, sollte ich einfach so photographieren? Ich war damit Indien-unerfahren. In einer kleinen Gruppe, etwa 10 Meter weit entfernt, stand ein besonders charismatisch wirkender Mann mit rotem Turban. Er war in ein Gespräch mit anderen Männern vertieft. Sein Gesicht war ernst, er hörte zu.

Ich hatte mich dazu entschlossen, anzudeuten, dass ich eine Aufnahme würde machen wollen. Damit hatte ich meine besten Erfahrungen gemacht, war aber überall auf der Welt auf unterschiedlich starke Ablehnung gestoßen. Mitunter wurde man brüsk abgewiesen, manchmal wollten die Leute, das man dafür bezahlt, wenn man sie photographieren wollte. Nur die Kinder, die waren überall gleich. Zeigte man denen die Kamera, waren sie immer bereit, ein Lächeln zu lächeln. Aber die Erwachsenen waren anders. So war meine bisherige Erfahrung. Kinder sind gerne albern, Kinder machen viel Quatsch, sie lassen sich kitzeln, bis sie sich vor Lachen beinahe in die Hose machen. Dann werden die Kinder groß, und während sie in ihren Kindheiten gefühlt 1000 Mal am Tag lachten, bringen sie es als Erwachsene kaum noch zustande. Dabei ist Lachen gesund, es verbindet und auch ein echtes Lächeln kann einen schon glücklich machen. Ich wartete. Der charismatisch wirkende Mann mit dem roten Turban blickte sich um und dabei auch endlich einmal in meine Richtung. Als seine Augen in meinen lagen tat ich durch Gesten kund, dass ich ein Bild von ihm machen wollte. Ich deutete auf die Kamera mit dem langen Teleobjektiv und auf ihn und ließ Gesten folgen, die deutlich machten was ich wollte. Vielleicht zwei Sekunden schaute er ungläubig, dann begann er eines dieser wundervollen Lächeln, in denen so viel Zauber lag, ein Lächeln, das mir in Indien noch Tausendmal entgegen gelächelt wurde. Ich machte mein Photo, nahm die Kamera vom Auge, bedankte mich durch Höflichkeitsgesten und folgte meiner Gruppe, die zu einem Tempel unterwegs war.

Der Mann mit dem roten Turban – mein erstes indisches Lächeln

Als ich das entstandene Bild kurz anschauen wollte um zu überprüfen, ob es denn gelungen war, traf mich der Schlag! Ein One-Million-Dollar Bild, so ganz ohne Nachbearbeitung. Nur ein einziger Klick war dafür nötig. Wer in der heutigen Photographie sein Geld verdient weiß, dass mitunter von einem (professionell) lächelnden Modell Hunderte Bilder in schneller Folge mit Serienbildschaltung gemacht werden müssen um später, bei genauerer Betrachtung der entstandenen Photos, das „perfekte“ Bild mit dem „perfekten“ Lächeln zu finden. In unserer klinisch gewordenen Wirtschaftswunderwelt hat man das echte Lächeln verlernt. Damit greife ich niemanden aus meiner Gesellschaft an! Wie sollten wir denn noch Lächeln können wenn unser ganzes Denken auf Substanz-Erhalt, Erhalt der erreichten Stellung und Mehrung der monetären Reichtümer in einer außer Rand und Band ausgerichteten Wettbewerbsgesellschaft basiert? Wir können es nicht mehr können, auch wenn wir es wollen würden. Und auch in diesen vielen indischen Lächeln lag alles beieinander, war alles vereint, Schmerz und Schönheit, Stolz und Demütigung. Diese Lächeln wurden nicht gelächelt um jemanden zu überzeugen, im eigenen Sinne zu beeinflussen. Diese Lächeln waren von purer Daseinsfreude und ich bin froh, dass es diese Lächeln überall in Indien gab. Wenn diese Lächeln nicht gewesen wären, wäre ich entweder während der Reise oder danach mental an den dortigen Beobachtungen kollabiert. Deshalb ist Indien zwar auch als ein Land des Entsetzens in meiner Erinnerung geblieben, aber ebenfalls als das Land des aufrichtigen Lächelns. Ich weiß es genau, ich habe später auch nach den Gründen für dieses Lächeln gefragt. Aber das kommt an einer anderen Stelle dran.

Also Traumland und Albtraumland zugleich in den ersten Stunden der Reise. Da kam wohl noch einiges auf uns zu? Kehren wir zum touristischen Alltag zurück! Der Vormittag gehörte der Altstadt von Delhi mit ihren wuselnden Menschenmassen. Am Nachmittag besuchten wir die Jama Masjid Moschee. Sie ist immerhin die größte Moschee Indiens und eine der größten der islamischen Welt. Der B. erzählte uns, dass 25.000 Gläubige darin Platz finden würden. Da ich noch so berauscht von den ersten Begegnungen war, beschloss ich, dem B. die Führung und Betreuung der Gruppe zu überlassen und noch einmal komplett in mein Außen zu gehen. Die schlechten Gerüche, die uns am Beginn des Aufenthaltes in der Altstadt noch in die Nasen gestiegen waren, hatten sich verflüchtigt. Entweder waren sie auf diesem heiligen Boden einfach nicht da, oder wir hatten uns schneller daran gewöhnt, als wir uns das erträumt hatten. Später während der Reise mussten wir feststellen, das die schlechten Gerüche doch immer wieder einmal auftauchten! Vor allen Dingen dann, wenn wir in die überbevölkerten Städte kamen. Aber ich will nicht vorgreifen. Wir besuchten auch noch einen Sikh Tempel in dem wir auch eine öffentliche Speisung sahen, dazu eingeladen wurden und auch versuchsweise unsere erste schlichte einheimische Speise versuchten. B. erläuterte, dass das Wort Sikh „Schüler“ und dass diese Religion von einem Wanderprediger namens Guru Nanak gegründet wurde. Guru Nanak verband mit dieser Gründung zwar einen guten Gedanken weil er darauf hoffte, mit der neuen Religion eine Verbindung zwischen Hinduismus und Islam zu schaffen, schuf aber letztlich nur neue Probleme. Die etablierten Religionen empfinden neue Splittergruppen immer als eine Gefahr für ihre bloße Existenz. Sie haben Angst, dass ihnen die zahlenden Mitglieder davon laufen könnten, um sich dem neuen Verein anzuschließen. Genauso wie Christen und Muslime glauben auch Sikhs nur an einen Gott.

Ein Sikh Geistlicher der unteren Ränge

Das hat aber den Sikhs nur wenig geholfen, vor allen Dingen in der Zeit, als die Briten den Subkontinent als Beute ergriffen hatten und begannen, dessen Reichtümer auszuschlachten. Überall in dem von uns besuchten Sihk-Tempel waren die Erinnerungen an die Freiheitskriege präsent, die die Sikhs gegen Great-Britain führen mussten. Der Erste Sikh-Krieg wurde zwischen dem letzten souveränen indischen Staat Punjab und der Ostindien-Kompanie ausgetragen. Die Sikhs waren der militärischen Übermacht der Briten nicht gewachsen und so wurde das Reich der Sikh des Punjabs vom britischen Weltreich abhängig. Immer dasselbe Spiel! Aber das ist eine andere Geschichte und müsste das britische Hegemonialstreben in den Focus nehmen. Wir bleiben bei Indien, auch wenn Briten auf dem Subkontinent omnipräsent waren. Das angebotene Essen haben wir angenommen. Ich war dabei eher an dem Ablauf der Zeremonie als am Essen selbst interessiert, gehörte ich doch nicht zu den etwa 700 Millionen Indern/-innen denen täglich der Magen knurrte. Und natürlich saßen in dem großen Saal auch keine bis zum Skelett abgemagerten Gestalten sondern die weniger begüterten Mitglieder der Sikh-Gemeinde. Wieder das alte Spiel vom „wer gehört dazu und wer nicht“!

Kostenloses Essen für Mitglieder der Geiende und uns.

Die Blech-Schüsseln, die man auf den Boden gestellte hatte, waren auf jeden Fall sauber. Vor jedem Wartenden stand somit eine Schüssel für jede Anwesende Person. Auch die Mitglieder unserer Gruppe erhielten genau eine solche Schüssel. Sie waren nicht größer oder sauberer, es waren klassische Sikh-Schüsseln. Der helle Schleim, der dann in die Schüsseln gefüllt und als Tagesration gepriesen wurde, erfüllte weder optisch noch von seiner Konsistenz her die Erwartungen, die ich an ein solches Gastmahl unterbewusst gestellt hatte. Das würde nicht leicht werden! Irgendwie erinnerte mich der zähe Schleim an eine Szene aus dem Film „Matrix“, in der dem Hauptdarsteller (Keanu Reeves) in einem imaginären Raumschiff genau solcher Schleim angeboten wird mit der Erklärung, dass alles, was der Mensch zum Leben brauche, in diesem Schleim enthalten sei. Es würde also schwierig werden. Wer schon einmal eine Auster gegessen oder als Kind dieses dickflüssige Nasensekret, welches bei einem Schnupfen zwangsläufig aus der Nase kommt, aufgesogen hat, weiß nun um die Konsistenz. Geschmacklich lag das Ganze aber eher zwischen einer ausgeschweißten Socke und einem Glas abgestandenem Wasser. Es war zu schwierig. Mit freundlichen Blicken verfolgten die Sikh Geistlichen, mit ihren durchweg schwarzen Turbanen auf den Köpfen, den Weg der Löffel samt Brei in unsere Münder. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde indes kraftvoll und offensichtlich mit großer Zufriedenheit gegessen.

Ich beschloss, den eifrigen Photographen zu mimen und erhob mich um Photos von diesem Event zu machen. Keiner hielt mich zurück. Erst nach dem Essen durfte wieder geredet werden. Es ist für das europäische Immunsystem der Mägen nicht leicht, sich auf die indische Kost der einfachen Leute umzustellen! Ich ahnte schon, dass es den einen oder anderen von uns erwischen würde und er oder sie intensive Bekanntschaft mit Montezuma machen würde. Ich wollte mich diesem Risiko nicht gleich am Anfang der Reise aussetzen und deshalb mimte ich den eifrigen Photographen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben schon ganz andere Dinge gegessen. So derart andere Dinge, dass man seines gesamten Freundes- und Bekanntenkreis verlustig gehen konnte, wenn man Details preisgab. An die Rikschafahrt werde ich mich ebenfalls für den Rest meines Lebens erinnern. Wir hatten alle gefühlt das Totenhemd an, als die jungen Männer damit begannen, ihre Touristen zu beeindrucken, indem sie sich in wilder Hatz ein Wettrennen durch Neu-Delhi lieferten. Indien ist ja kein Entwicklungsland, zumindest nicht nur! Indien hat eine extrem gebildete Oberschicht, ist Atommacht und die Bewohner des Landes haben das eine oder andere Hochtalent, dass sie von anderen Völkern abhebt. Aber in den großen Städten wollen sie offensichtlich auch genau das haben, was andere haben! Autos in allen Größen und aus allen Zeiten quetschten sich aneinander vorbei.

Tuck-Tuck Taxis bestimmen das Stadtbild

Beim genauen Hinschauen fiel mir auf, dass die Fahrzeuge an ihren Kotflügeln immer eine Stelle hatten, die blank poliert war! So als hätte man an einer bestimmten Stelle mit Hochglanzwachs poliert. Beim zweiten genauen Hinschauen fiel mir ebenfalls auf, dass die Hosen der Männer und die Kleider der Frauen an einer Stelle, die genau dieselbe Höhe an ihnen hatte wie die polierten Stellen an den Fahrzeugen, abgewetzte Stellen hatten? Offensichtlich touchierten die Fußgänger die Autos immer wieder an derselben Stelle? Das konnte man im Straßenverkehr auch beobachten, wenn man wollte. Dem B. stand immer der Schweiß auf der Stirn wenn er die Ehre hatte, seine Gruppe von einer Seite auf die andere Seite der Straße zu bringen. Wir verließen Delhi am Nachmittag um zu unserem nächsten Hotel zu fahren. Dabei fuhren wir auch an der Stelle vorbei, an der man in den Morgenstunden die „Liegengebliebenen“ eingesammelt hatte. Alles war in Ordnung. Es lag niemand mehr dort und die, die sich dann später dort zur Nachtruhe hinlegen würden, waren noch nicht da.

Der nächste Tag sollte dann zu einem Doppelschlag werden und meine Übungen des Spagat in ungekannte Höhen treiben. Es kommt nun ein schlimmer Vergleich – ich weiß das – aber da wir zur Zeit von einer Horrormeldung zu nächsten in Bezug auf die Opferzahlen des Coronavirus gepeitscht werden, können viele es vielleicht besser nachvollziehen wenn ich schreibe, dass die Intensität, mit der mir das bis dahin Unfassbare ins Gesicht und im Umweg über meine Augen und meine Nase ins Gemüt sprang, verglichen werden kann mit den Meldungen im Fernsehen der Jetzt-Zeit, wenn überlastete Ärzte oder Krankenschwestern den Kollaps ihrer Kliniken oder die Überforderung des Gesundheitssystems beklagen. Zudem musste ich ständig wieder vom Außen ins Innen zurückkehren, um den Erfordernissen einer von mir initiierten Gruppenreise gerecht zu werden. Oft habe ich mir an dem nun folgenden Tag gewünscht, dass es mich zweimal geben möge, um dem Ansturm der Eindrücke wenigstens einigermaßen gewachsen zu sein. Neu-Delhi wird übrigens von der Yamuna durchflossen und nicht vom Ganges. Da sie aber der wichtigste Nebenfluss des Ganges ist, kommt ihr zwar eine reduzierte, aber doch beträchtliche Bedeutung beim hinduistischen Totenkult zu. Weitaus wichtiger aber war der Ganges.

Auch Sikhs sind überzeugte religiöse Menschen

Auf dem Wege nach Agra konnten wir in unserem Reisebus dann auch einmal die gesamte Dienerschaft des B.in Augenschein nehmen. Neben dem Fahrer und B. als Reiseleiter, hatte B. noch einen Verwandten von sich in die Gruppe integriert. Ein fleißiger junger Inder, der gerne mit einem Cowboyhut durch die Gegend lief und der ausschließlich als mein persönlicher Adjutant mitgekommen war, saß stets auf der Rückbank und war immer zur Stelle, wenn er einmal gebraucht wurde. Als vierte Person befand sich noch ein etwa 12jähriger Junge mit an Bord, dessen Hauptaufgabe es war, den Fahrer zu versorgen, den Bus in der Abwesenheit der Gruppe sauber zu halten und bei längeren Pausen die Felgen des Busses auf Hochglanz zu wienern. Das war zwar Eindeutig Kinderarbeit, aber B. auf diesen Umstand hin angesprochen meinte nur, dass er den Kerl doch aus einem sonst viel übler verlaufenden Schicksal erlösen würde. Der Kleine wurde übrigens nicht bezahlt, schlief in der Nacht beim Fahrer im Bus, bekam aber zumindest einmal am Tag eine Mahlzeit. Er sah gesund aus und hatte für indische Verhältnisse ungewöhnlich, keine sichtbaren Mängel an seinem schmalen Körper. Wir haben die Sache dann so akzeptiert wie sie war, wir konnten diese Welt ja nicht während einer Rundreise verändern.

In diesem teilweise absurden Land war alles, aber auch wirklich alles ungewöhnlich. Auf der etwa 220 Kilometer langen Strecke nach Agra hielten wir an einem Gebäude, das einem Maharadscha Palast nicht unähnlich war. Es handelte sich aber mitnichten um einen solchen, sondern um eine ganz normale „Rastanlage“. Wundervolle Kuppeln zierten das Gebäude und wir wurden schon am Eingang von einem älteren Inder in weißem Gewand und gelbem Turban mit einer Flöte empfangen. Das nun folgende Flötenspiel musste zu Ende gehört werden, weil der B. ansonsten sein Gesicht verloren hätte. Also warteten auch die so geduldig wie es in einem Notfall noch ging, darauf dass das Flötenspiel endete und stürmten danach mit bereits halb heruntergelassenen Hosen ins Innere um die Toilette zu finden. Auch der Innenhof war prächtig ausgekleidet und nach kurzer Betrachtung verschwanden alle im inneren des Restaurants. Ich ließ mich noch eine Weile von dem Ambiente bezaubern und umrundete danach das Gebäude. Vielmehr, ich wollte es umrunden. Aber schon nach wenigen Schritten in die „verbotene“ Zone war mein Adjutant bei mir und redete (er sprach kein Deutsch aber sehr gutes Englisch – wir konnten uns somit gut verständigen) mit sorgenvoller Mine auf mich ein. Der B. habe ihn extra mitgenommen, damit er auf mich achten solle, er solle meine schwere Kameraausrüstung tragen, mir jeden Wunsch von den Augen ablesen und im Allgemeinen gut auf mich aufpassen, weil ich so wichtig sei. Er könne hinter dem Gebäude nicht für meine Sicherheit garantieren – ich solle lieber wieder mit zurück ins Restaurant kommen, da hinten gäbe es nichts zu sehen.

Ein Restaurant wie ein Palast

Nun wenn man jemandem wie mir erzählen will, dass es irgendwo nichts zu sehen gäbe, dann tritt prinzipiell immer genau das Gegenteil ein weil ich aus Erfahrung weiß, dass es dort verborgene Dinge geben könnte, die niemand sehen soll! Ich setzte also meinen Weg fort und bot dem jungen Mann an, mich zu begleiten, damit er vor seinem Onkel B. nicht das Gesicht verlieren oder sich ungehorsam verhalten würde. Auch das gefiel ihm nicht, er wirkte nervös. Das steigerte mein Interesse! Was war dort hinter dem Prachtbau verborgen? Lagen dort die Leichen von aufgestapelten Kindern verborgen? Das Ergebnis war ernüchternd: genau hinter dem schönen Bau war die Müllhalde des Hauses. Fünf Meter hoch aufgetürmt, nicht wohlriechend, aber akzeptabel. Da hatte ich in den wenigen Stunden Indien schon ganz andere Müllhalden erblickt. Ich sagte das auch zu meinem Adjutanten, dass das hier doch nicht schlimm wäre und da rutschte es ihm heraus: der Onkel wollte nicht, dass ich „sowas“ überhaupt sehen würde! Der Onkel wusste nämlich dass ich plante, eine digitale Bildershow von der Reise zu produzieren und wollte wohl von Anfang an verhindern, dass ich auch die negativen Seiten des Landes auf meiner Speicherkarte festhalten würde. Er hatte mir als keinen Adjutanten, auch keinen Leibwächter oder Kamera-Koffer-Boy an die Seite gestellt, sondern einen Aufpasser! Und zwar einen Aufpasser auf das, was ich tue! Na die beiden Herren sollten schon noch an ihre Grenzen geführt werden. Spagat! Ich wollte meine Erkenntnisse nicht gleich an die gesamte Gruppe kommunizieren und hielt für´s Erste still. Die Lage würde sich aber noch ändern.

Auf dem Weg zur Toilette hatte ich dann die zweite „phänomenale“ Begegnung dieser Reise. Mein Aufpasser begleitete mich selbstredend zur Toilette, die aber abgeschlossen war. Meine Gruppe war schon durch und man hatte wohl nicht damit gerechnet, dass noch ein Nachläufer kommen würde. Ich klopfe energischer und ein Märchen begann. Die Tür zur Toilette wurde von einer Toiletten-Frau geöffnet, wie ich mir eine solche in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Bildschön, blutjung und in Kleider gehüllt, die man eher am Körper einer Maharani erwartet hätte. Sie blickte mich kurz an und dann sofort zu Boden! Den goldenen Moment, nämlich den, als sie um die Ecke der Tür sah, nachdem sie diese geöffnet hatte, hatte ich verpasst. Durfte ich wagen zu fragen ob wir das wiederholen könnten. Die junge Frau blickte noch immer devot zu Boden und wagte es nicht, sich zu rühren. Deshalb bat ich meinen Aufpasser, ihr zu erklären, was ich von ihr wollte. Er tat dies auch aber die junge Frau ließ den Blick gesenkt und schüttelte den Kopf. Aber: ihre Mundwinkel gingen ein kleines Stück zu weit nach oben. Das konnte ich sehen. Sie freute sich, dass man ihr schmeichelte. Was mein Begleiter dann noch so alles zu ihr sagte, weiß ich nicht. Er war ja für indische Verhältnisse ein gutaussehender Kerl, vielleicht fühlte sie sich doppelt geschmeichelt. Jetzt lachte sie sogar, aber noch immer den Blick zum Boden gerichtet.

Am Ende drehte sie ihr Gesicht so schnell von uns weg, dass wir sie nicht dabei anschauen konnten, verschwand wieder hinter der Tür und wartete ab. Eine Weile tat sich nichts und ich befürchtete schon, das es zu lange dauern würde und am Ende der B. mit seinen gebellten Befehlen erscheinen und die Schöne endgültig verschüchtern würde. Doch dann kam der magische Moment, die Tür ging wieder auf und es erschien, für mich fast wie ein Déjà-vu, eine lächelnde Toiletten-Königin. Da ihr mein Begleiter auf irgendeine für mich unverständliche indische Art offensichtlich weiter Komplimente machte, drehte sich auch noch ihren Kopf so wundervoll zu ihm, dass das zweite gefühlte „One-Million-Dollar“ Photo im Kasten war. Ich hab allerdings dreimal auf den Auslöser der Kamera gedrückt, um ja nichts zu verpassen. Trotzdem eine großartige Quote. Von einem One-Million-Dollar-Photo spricht man übrigens nicht nur dann, wenn man ein Bildergebnis erzielt hat, dass sich geradezu zum Verkauf anbietet (wie eine ohne Unterwäsche aus dem Wagen steigende Paris Hilton) und womöglich eine Million erzielt wird, sondern auch dann, wenn man das Bild niemals verkaufen könnte, die Komposition den Anspruch eines Photographen aber trotzdem absolut gerecht wird und ihn glücklich stimmt.

Die wundervolle Toiletten-Frau mit dem bezaubernden Lächeln

Wir fuhren weiter nach Agra, der Stadt des weltberühmten Taj Mahal, dem Monument der innigen Liebe. Aber wir waren ja im Rahmen einer Gruppenreise unterwegs und Reiseleiter B. (der noch immer auf die noch zu arrangierende Ehe zwischen meiner Stieftochter und seinem Sohn zu sprechen gekommen war) wollte auch etwas Geld verdienen. Wir fuhren zu einem Geschäft, welches edle Marmorstatuen herstellte, wobei der verwendete Marmor aus demselben Steinbruch stammte der des Taj Mahal. Dazu gab es dort noch Silbersachen und Edelsteine bis hin zum hochwertigen und fast unbezahlbaren blauen Diamanten. Eine schwer zu überschauende Anzahl von vorwiegend jungen Männer saß dichtgedrängt auf Stühlen nebeneinander und werkelte an verschiedenen Luxusgegenständen. Natürlich sind alle Dinge in Indien günstiger als bei uns. Lohnkosten fallen so gut wie gar nicht ins Gewicht und ich nahm an, dass einige der jungen Männer hier ohne Gehalt arbeiteten und nur eine warme Mahlzeit pro Tag als Lohn erhielten. Die Zustände erinnerten mich oft an die frühe Zeit des Manchester Kapitalismus bei uns, als Arbeitskraft billiger war als Dreck und Heerscharen von Unterprivilegierten Menschen alles taten, um wenigstens eine warme Mahlzeit pro Tag sichern zu können. Traumland und Albtraumland zugleich. Eine Import-Export Firma zu gründen und Waren aus Inden nach Deutschland zu exportieren wäre wohl eine lohnenswerte Sache? Ich habe hier jedenfalls einen Elefanten aus Agra-Marmor erstanden, der etwas mehr als zwei Kilogramm wog und zusätzlich mit Edel- und Halbedelsteinen verziert war. Ich zahlte umgerechnet etwa 600.- € und habe das elefantöse Tier auch mal bei einem bekannten Juwelier schätzen lassen um herauszufinden, ob das Ding wirklich einen Wert habe. Das Resultat seiner eingehenden Prüfung überraschte mich: die Edel und Halbedelsteine waren echt und er taxierte den Wert des Elefanten auf ca. 4.000 – 5.000 €. Das hatte sich also gelohnt!

Marmor-Elefant mit Edel- und Halbedelsteinen besetzt

Nach dem Kauf verabsentierte ich mich – begleitet vom meinem unermüdlich scheinenden Aufpasser – vor die Tür um die Impressionen des Straßenlebens in mich aufzunehmen. Was für ein Leben. Jedes vorbeifahrende Gespann, jede Rikscha und jedes Fahrzeug war geeignet, um es photographisch festzuhalten. Doch der eigentliche Höhepunkt des Tages wartete noch auf uns. Das berühmteste Monument der Liebe und das wo doch die ganze Welt nach der Liebe sucht! Strahlend weiß und imposant ragt es auf und ist sicher Indiens berühmtestes Wahrzeichen. Aber das Monument hat auch einen romantischen Hintergrund. Vor allem im hellen Licht der Morgensonne oder im späten Abendlicht ist das Taj Mahal ein unvergesslicher Anblick. Das Gebäude erzählt von der großen Leidenschaft, welche Großmoguls Shah Jahan für seine verstorbene Frau empfand. So oder ähnlich könnte man schreiben um noch mehr Menschen dazu zu motivieren das empfindsame ökologische Gleichgewicht der Region zu zerstören. Das Taj Mahal hat zwar Kriege und Katastrophen überstanden, doch jederzeit könnte der marmornen Grabstätte der Einsturz drohen, weil deren Holzfundamente verrotten. Die Austrocknung des Flusses Yamuna ist daran schuld. Es gibt Risse an den Wänden und die vier Minarette haben Schieflage. Der Fluss ist aber eine Konstante im architektonischen Design des Gebäudes. Wenn der Fluss stirbt, kann das Taj Mahal nicht überleben. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Es würde etwa 80 Millionen Euro kosten, den Fluss anzustauen und so die Holzfundamente dauerhaft nass zu halten. Tand, Tand ist das Gebild von Menschenhand (Fontane).

Das weltberühmte Taj Mahal

Als wir dort ankamen, bewahrheiteten sich meine schlimmsten Befürchtungen und meine eigenen Erwartungen wurden weit übertroffen. Was sich in diesem Liebestempel so alles tummelte. Fluten von Touristen aus wirklich allen Teilen der Welt wurden mit Bussen herangekarrt und vor des Tempels Tür abgeladen. Überwog auch draußen, auf der Straße bis zum Eingang auf das Gelände das typische, laute, arme indische Leben, so trat man unmittelbar danach in königliche Gefilde ein. Aladin und die Wunderlampe fiel mir spontan ein und ich lag richtig, denn Großmogul Shah Jahan, der dieses Wunderwerk angeblich für seine verstorbene Lieblingsfrau Mumtaz Mahal errichten ließ, diente dem Islam! Der nächste extreme Spagat stand an. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir die weitläufigen Gartenanlagen durchwandert hatten. Überall glückliche Menschen, so viele Paare, die sich eng umschlungen mit dem Monument der Liebe im Hintergrund ablichten ließen. Selbstverständlich arrangierten wir unser offizielles Gruppenphoto ebenfalls an einem Platz, an dem wir das bekannte Gebäude als Hintergrund verwenden konnten. Es herrschte viel Lachen auf dem Platz, Menschen schienen glücklich zu sein. Wir näherten uns dem eigentlichen Highlight, dem Taj Mahal höchstselbst. Da die Schlange vor dem Eingang in das Innere dem B. zu lang erschien, liefen wir noch eine Weile auf dem Vorplatz umher.

Vorplatz am Taj Mahal

Ich war nicht die einzige Person aus unserer Gruppe, die die stärker werdende olfaktorische Belästigung wahrgenommen hatte. Was als ganz leichter Nebengeruch zwischen den Düften der Blumen des Gartens begann, waberte bald schon gleichberechtigt mit den anderen Düften durch die Luft. Was war das? Je näher wir dem Tempel der Liebe kamen, desto beißender wurde der Gestank, so lange, bis nichts mehr von den Wohlgerüchen des Gartens übrig geblieben war. Ganz hinten, dort wo die beiden Plätze, die sich rechts und links vom Monument erstrecken, enden, war es besonders schlimm. Vom Taj Mahal aus konnte man nicht auf den Fluss sehen, weil eine ca. 1,85 Meter hohe Mauer das Gelände abschottete. Ich konnte durch meine Länge wenigstens die Nasenspitze über die Mauer bekommen und so die Herkunft des Geruches orten: es kam vom Fluss und es war kein typischer Fäulnisgeruch der Schlammgebiete an den Ufern der Flüsse. Der Geruch war irgendwie süßlich. Süßlich aber bestialisch. Ich ahnte, was es dort unten zu sehen geben würde. Deshalb wohl die hohe Mauer? Reiseleiter B. – befragt zu diesem Gestank – gab zu Protokoll, dass die Bauern in der Region um diese Zeit ihren Dünger auf die Felder ausbringen würden. Das gäbe es in Deutschland doch auch? Da sollten wir tolerant sein und nicht mit dem Finger auf Indien zeigen.

Er bewegte sich mit der Gruppe zum Eingang und ich gab an, noch ein paar Photos machen zu wollen. Er willigte ein, was hätte er auch machen sollen? Meinen Leibwächter war ich losgeworden, weil B. diesen nicht als Beschützer mit auf das Gelände genommen hatte. Er hätte nämlich Eintrittsgeld für den Neffen bezahlen müssen und das wollte er dann doch nicht. Er hatte den jungen Mann „vor“ dem Eingang zum Taj Mahal positioniert und ihm noch etwas ins Ohr geflüstert. Ich musste annehmen, dass er ihn instruierte gut darauf zu achten, dass ich nicht wieder herauskomme und am Ende auf eigene Faust durch Indien zu laufen beginne. B. wusste, was er tat und fühlte sich nun sicher, da sein Neffe mich am Tor abgefangen hätte, das Taj Mahal von hohen Mauern umschlossen war und es im inneren ausschließlich schöne, saubere und gepflegte Dinge zu betrachten gab. Ich ließ ihn samt Gruppe ziehen und machte mich zum Schein wieder in die Gärten auf um danach um ein paar Ecken herum und so, dass er mich nicht sehen konnte, wieder in Richtung der Geruchsquelle zurückzulaufen. Ich hatte meinen kleinen Photokoffer dabei, aus festen Material, so dass man sich im Notfall auch einmal darauf stellen konnte, ohne den wertvollen Inhalt zu zerbrechen.

Impression

Der Koffer hatte eine Höhe von 30 Zentimetern. Zusammen mit meinen 1,93 Metern kam ich nun auf insgesamt 2,23 Meter. Die Mauer – wie bereits beschrieben – etwa 1,85 Meter hoch. Es sollte damit ausreichend Höhe gewonnen worden sein, um einen Blick über diese Mauer zu werfen. Nichts und absolut gar nichts anderes interessierte mich in diesem Moment. Ich stellte mich auf den Koffer, richtete mich auf und erhielt einen unglaublichen olfaktorischen Schlag ins Gesicht. Ich musste mich noch ein Stückchen nach vorne beugen und dann sah ich es! Indien schlägt einem manchmal mit solcher Wucht in die Magengrube, das man zu Boden gehen könnte! Aber man geht nicht zu Boden! Vom Bauch aus, dort wo mich Indien gerade getroffen hatte, stiegen Schwindelgefühle auf. Ich wollte es nicht wahrhaben – wir waren doch nicht am Ganges! Dort unten, wo die frühen Architekten des Taj Mahal eine Flussbiegung als ideal erachtet haben mussten um das Gebäude dauerhaft zu sichern, dort unten in dieser Flussbiegung hatte die Strömung allerlei Müll zusammen getragen. Als erstes erkannte ich eine tote Kuh, dann erst eine, dann zwei, dann eine dritte menschliche Leiche. Ich konnte zwischen Bergen aus angeschwemmten Unrat tote Hunde erkennen. Ein absurder Leichenhaufen.

War das der vom Hinduismus gepriesene Weg ins Jenseits? Die Hüter der hinduistischen Werte verweigern sich seit langem störrisch jeder alternativen Zukunft. Krematorien werden von den ranghöchsten Sprechern dieser Religion als Schwerter in der Seele des Hinduismus angeprangert. Es gab also in Indien nicht nur den heillos verpesteten heiligen Ganges, dessen Wasser gläubigen Hindus als göttlicher Nektar gilt? Allein der Ganges sammelt täglich knapp 30 Milliarden Kubikmeter Abwasser auf, in dem sich menschliche Exkremente, Industriemüll und giftige Chemikalien mischen. Aber warum lagen diese toten Menschen und Tiere hier, im Yamuna Fluss? Aus dieser fließenden Umweltkatastrophe konnten kaum noch genießbare Fische geholt werden. Die indischen Flüsse holen sich ihre schlimmsten Vergiftungen in den großen Städten ab, wo sie täglich an die 600 Millionen Liter Abwässer, zum Teil hochgefährliche Chemierückstände, schlucken müssen. Aber auch hinduistische Bräuche gerieten den Flüssen zum Verderben. Hunderte, wenn nicht Tausende von Toten werden täglich am Gangesufer von Benares verbrannt und ihre Überreste dem Strom übergeben. So soll den Verschiedenen ein direkter Weg ins Jenseits gesichert und der qualvolle Umweg über Millionen von niederen Reinkarnationen erspart werden. Weil aber die Einäscherer, die für die rituelle Verbrennung seit Jahrhunderten zuständig sind, am teuren Brennmaterial, dem Sandelholz, sparen, werfen sie oft nur angebrannte Leichen ins Wasser und die dümpeln dann zwischen den aufgedunsenen Körpern toter Kleinkinder und heiligen Männern im Wasser, die alle ohne Verbrennung im Ganges bestattet werden. Über den Fluten hängt der Geruch von Verwesung.

Ich wusste um die verheerenden Zustände, dachte aber, dass diese Exzesse ausschließlich am Ganges stattfanden! Es wird so schnell kein effizient arbeitendes Krematorium in Indien geben können. Die ach so wichtigen Riten der uralten Bestattungszeremonien könnten in einem Krematorium ja nicht vollzogen werden. Die Toten würden anonym verschwinden, anonym, in wenigen Sekunden und das im Feuerofen. Die Priester, die ein kleines Vermögen mit ihren Opfergesängen in genau vorgeschriebenen Stadien der Verbrennung darbieten müssen, würden dadurch arbeitslos werden und der allerwichtigste Abschnitt der Beerdigungszeremonie könnte nicht vollzogen werden! Der Sohn des Verstorbenen muss dabei dessen Schädel in dem Moment zerschlagen, in dem der Leichnam zu Asche zerfällt. Es ist eine religiöse Welt des Wahnsinns. Selbst mein junger und durchaus moderner Leibwächter formulierte es später in einem Gespräch einmal so, dass ein Hindu betteln würde oder sogar verhungern, aber er würde sicherstellen, dass seine Bestattung nach den Vorschriften der Tradition vor sich geht, weil er sonst nicht wiedergeboren werden könne.

Auch er ein überzeugter Gläubiger?

Religiöser Wahn ist nicht nur ein Problem afghanischer Taliban, ultra-orthodoxer Juden oder amerikanischer Evangelikaler. Religiöser Wahn ist ein alltägliches Phänomen in vielen Ländern und – so diagnostizierte ich – auch in Indien. An jenem Punkt, an dem rationale Erklärungen ein zu hohes Maß gedanklichen Anstrengungen und Aufmerksamkeit erfordern, beruft man sich gerne und überall auf einen religiösen, allmächtigen Schöpfer. Man könnte Marx fast beipflichten, dass die Religion das Opium des Volkes sei, wenn man diese indischen Zustände länger betrachtet. Der Mensch schafft seine Religionen selbst, die Religionen erschaffen nicht den Menschen. Die Nutznießer dieser Religionen – in Indien die Priester, die lieber weiter ihre Mitmenschen vergiften als ein Einsehen zu haben, weil sie aus dem Elend ihren direkten Nutzen beziehen – werden sich mit aller Kraft gegen Veränderungen sträuben, weil sie dann ihre gesellschaftlichen Positionen verlieren würden. Religion kann nur aus zwei Gründen fort-existieren: entweder ist die Religion das Selbstbewusstsein und Selbstgefühl eines Menschen, der sich selbst, als erkennende Person, entweder noch nicht gefunden oder sich selbst wieder verloren hat, oder der Mensch bezieht aus dieser gewaltigen Täuschung seines Umfeldes selbstvergessen seinen Status, seine Vorteile oder seine Pfründe und tut alles um den Ist-Zustand zu erhalten. Aber der Mensch, ist doch ein Teil der Welt, das hat er verdrängt und spielt sich auf als wäre er „die“ Welt! Unser verkehrtes Weltbewusstsein hat so solche Zustände erst erschaffen.

Die Inder schminken ihre Söhne mehr als ihre Töchter

Ich war fertig und wollte gerade wieder von der Mauer hinab und – trotz allen Widerwillens – mit der Kamera erneut hinaufsteigen um diese unfassbare Misere im Bild festzuhalten, als die Hüter der Ordnung in schicken blauen Uniformen auf mich zukamen und mich recht unfreundlich von der Mauer und damit von der Stelle des Grauens hinfort wiesen. Sie ließen erst wieder von mir ab, als ich mich wieder in den Gärten vor dem Taj Mahal befand. Aber ich wollte keine Friede, Freude, Eierkuchen Photos von einer das Auge beglückenden Gartenanlage machen! Wie steril und fast schon bedrückend wurde das alles wenn ich bedachte, dass dort draußen das wahre, elende Leben lag. Draußen vor dem Tor stand der Bodygard, der würde mich nur unter Inkaufnahme einer wüsten Schlägerei zum Fluss lassen. Im Fluss lag aber die Wahrheit, die Weisheit eines ganzen Lebens! Um in Zukunft ohne Begleitung meine Wege – wenn denn die Zeit dafür war – gehen zu können, fasste ich den Entschluss, den jungen Mann mehr auf meine Seite zu ziehen. Auf dem Weg nach Agra hatte der R. wieder einen längeren Vortrag zum Thema Indien gehalten. Eine unserer Damen, die er übrigens auf seinem indischen Terrain auch ansah und deren Fragen er direkt beantwortete, hatte ihm die Frage gestellt, wie hoch den der Anteil der Mädchen sei, die sich durch Prostitution einen Weg aus der Misere bahnen würden.

Straßenszene vor dem Taj Mahal

B. nüchterne Antwort war, dass es in ganz Indien keine Prostitution geben würde. Die Ehe wäre heilig und deshalb hatten die jungen Menschen auch niemals Sex vor der Ehe. Es war natürlich alles Quatsch und einige Teilnehmer aus der Gruppe hatten über diese zur Tatsache erhobene Wunschvorstellung des Reiseleiters B. auch ganz hübsch gekichert, was diesen aber dem Anschein nach nicht verärgern konnte. Da war der junge Mann wohl der bessere Ansprechpartner? Er hatte mal beiläufig erwähnt, dass er eine Freundin hätte? Dann wollte ich an dieser Stelle den Hebel ansetzen, aber noch kannte ich ihn nicht genug. Der Vorteil den der B. sich ausgedacht hatte, nämlich die Tatsache, dass der junge Mann kein Wort Deutsch sprach oder verstand war angreifbar! Natürlich verstand auch niemand aus der Reise-Gemeinschaft ein Wort, wenn der B. sich mit dem Leibwächter auf einer der vielen Hindi Sprachen unterhielt. Aber einige von uns sprachen gutes Englisch, so dass man doch mit dem Leibwächter reden konnte. Ich gesellte mich zu ihm, – er wartete geduldig an dem schönen Torbogen am Eingang – lud ihn, weil noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Treffen mit dem Rest der Gruppe war, zu einem Kaffee ein und stellte ihm unverblümt die Frage ob es denn wirklich so sei, dass es in ganz Indien keine Prostitution gäbe!

Ich hatte ihn bis dahin noch nicht entgeistert, oder verdattert oder wie einen Ochsen vor einem neuen Scheunentor schauen sehen. Jetzt aber, war es soweit. Er schüttelte kurz den Kopf und fragte mich, ob ich meine Frage wiederholen könnte. Ich tat ihm den Gefallen und fragte erneut, ob es denn wirklich so sei, dass es in ganz Indien keine Prostitution geben würde. Er lachte laut auf und schaute sich um. Nachdem er die ersten Lachsalven losgeworden war und wieder wieder atmen konnte fragte er, woher ich das wüsste, ob ich diese Information aus dem Internet haben würde. Ich sah in mit meinem besten „ahnungslos“ Gesicht an, das ich aufsetzen konnte und informierte ihn darüber, das sein eigener Onkel, Reiseleiter B. dies vorhin auf der Fahrt nach Agra seinen Gästen als wichtige Information vermittelt hätte. Danach war kein Halten mehr, er lachte derart laut in die Welt hinaus, dass einige Passanten stehenblieben und ihn nun wieder ansprachen, was es denn zu lachen gäbe? Wenn in Indien irgendwo laut gelacht wird, dann wollen die anderen Inder auch mitlachen. Bald lachte da ein ganzer Haufen indischer Menschen. Prostitution, das älteste Gewerbe der Welt, war in Indien genauso verbreitet wie in jedem anderen Land der Welt. Der Onkel sei manchmal ein komischer Kerl, meinte der junge Mann, einer der höllisch übertrieben an seiner Gute Welt Wunsch Mentalität festhalten würde. In den nächsten Minuten erfuhr ich so einiges über den Onkel, den Reiseleiter B.. Der B. hatte uns immer weismachen wollen, dass er aus der zweithöchsten Kaste Indiens, der legendären Kriegerkaste der Singh stammen würde, eine Kaste, der nur noch die Priester und Herrscher übergeordnet waren.

Eine fast schon biblische Szene, aber in Indien

In Wirklichkeit war er ein normaler Mensch vom Land, der sich zusammen mit seinem Bruder ein kleines Imperium errichtet hatte. Er hätte auch zuhause nichts zu sagen, weil seine Frau die Hosen anhaben würde. Sie – die Tante – wäre eine Frau mit einem Hochschulabschluss und würde sich nur außerhalb des Hauses wieder eine richtige Inderin verhalten – zuhause sei sie die Chefin. Der Onkel würde einfach manchmal etwas über die Stränge schlagen mit seinen Vorstellungen von einer heilen Welt. Aha! Ich dankte innerlich für diese Informationen und versprach dem jungen Mann auf seine Bitten hin, ihm immer am Abend mitzuteilen, was der Onkel so alles über das edle und gute Indien und seine Menschen zu seinem Reisevolk gesprochen hatte. Ich versprach es und weiß heute, dass da so einige Stilblüten dabei gewesen sind, an denen wahrscheinlich 98% der Inder ihre Freude gehabt hätten. So schmiedete ich mit dem Jüngling langsam eine Allianz. Es sollte ja zu unser beider Nutzen sein.

Aber dieses ewige alles schön reden! Ist das nicht auch ein Grundübel unserer Zeit. Selbst in Indiens Guru Landschaften gab es dazu unterschiedliche Ansichten. Einer der Gurus, dem ich gerne mal begegnet wäre um ihn aus der Nähe genauer unter die Lupe zu nehmen weil er mir doch zu sehr an den materiellen Werten hing war der Bhagwan. Ihn kennt man in der westlichen Welt ziemlich genau, er wurde mehrfach verhaftet, musste einige Male seinen Namen ändern, schwamm in Geld und lebte viele Exzesse gnadenlos und zum Schaden anderer aus. Aber eine Theorie von ihm gefiel mir – gefällt mir auch jetzt, in der Coronakrise wieder gut. Ich las etwas von ihm, was ich schon immer irgendwie in der Seele trug. Dass die Philosophie des positiven Denkens im Prinzip bedeutet, unehrlich zu sein. Es bedeutet nämlich eine bestimmte Sache zu sehen und trotzdem zu verneinen (oder verdrängen?). Damit bedeutet es bedeutet, sich selbst und andere zu täuschen.

Details im Innenhof des Taj Mahal

Vielleicht schaffen wir es irgendwann mit der ewigen Verdrängung aufzuhören? Aus diesen Verdrängungen werden üble Halbwahrheiten geboren. Das ist für die Gesellschaften noch viel gefährlicher als eine Lüge. Lügen kann man entlarven, wenn man nicht zu viel verdrängt oder schönredet. Die Halb-Wahrheiten sind gefährlicher. Die entdeckt man so leicht nicht und alle bevorzugen durch Anwendung von verneinen der Halbwahrheit zu glauben, wenn sie in einem angenehmen Gewand daher kommt. Viel zu viele denken dann, dass die Halb-Wahrheit die ganze Wahrheit sei. Das wirkliche Problem unserer Gesellschaft ist nicht die Lüge, sondern die Halbwahrheit, weil sie Hoffnungen weckt, die gesamte ganze Wahrheit zu sein. Und genau das unterstützen Menschen, die immer nur schönfärben. Ich weiß, dass ich nichts weiß, ist ein wesentlich ehrlicherer Ansatz. Das Zitat steht bei Platon für die Entwicklung der eigenen Erkenntnis von der Entlarvung des Scheinwissens über das bewusste Nichtwissen hin zur Weisheit als Wissen um das Gute, welches die Tugend in ihrer Einheit darstellt. Ich weiß, dass ich nichts weiß.

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