Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 01 – Einführung

Reisen in der Retrospektive – Indien Teil 01 – Einführung

Schon der Versuch allein muss scheitern.

Menschen sehen auf der ganzen Welt verschieden aus. Erschwerend für jede Lösung gehören sie dann auch noch zu unterschiedlichen Religionen und Kulturen. Im Prinzip wissen wir alle, dass es keine unterschiedlichen Menschenrassen gibt. Und trotzdem verfallen wir immer wieder in das klassische Schwarz-Weiß-Denken. Auch jetzt, in der sogenannten Moderne. Streng genommen tragen hier auch mal die eine Mitschuld, die normalerweise versuchen sollten, den Vorhang zu heben, damit man einen Blick hinter die Kulissen werfen kann. Ich schreibe von den wissenschaftlichen Disziplinen, die die Erfindung von den Rassen mitzuverantworten haben. Das war der Beginn der Konstruktion einer unheilvollen Macht, die weitaus mehr Menschen auf der Welt das Leben gekostet hat, als der Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki gegen Ende des zweiten Weltkrieges im August 1945. Diese Einteilung kostet Menschen auf der Welt noch immer das Leben und wird auch in der Zukunft eher Hass & Gewalt freisetzen als ein friedliches Miteinander zu ermöglichen.

Beim Rassismus geht es schlicht und einfach um Ausgrenzung. So wie seit Anbeginn des Werdens der Menschheit. Schon als der erste Machtaffe – und das sicher schon weit vor der Zeit, als Lucy und ihre Familie vor 3,2 Millionen Jahren nordostafrikanischen, heutigen Äthiopien, ihre archaischen Leben lebten – seinen Claim rund um ein Wasserloch für sich und seine Familie absteckte. Es geht immer darum zu definieren, wer dazu gehört und wer nicht. Da geht es immer um vorhandene Ressourcen und damit verbundene Strukturen der Macht. Deswegen sind „normale“ Krisenzeiten besonders gut geeignet, um diese Muster aus unserer eigenen, primitiven Denkweise wieder hervor zu holen. Deshalb wird es immer wieder neue Rassismus-Anfälligkeiten geben, und deswegen hat die Menschheit die Aufgabe, in jeder Generation neu gegen Rassismus vorzugehen. Entweder schaffen wir die Errungenschaften der Kulturen und alles was damit in Zusammenhang steht ab, oder wir besiegen endlich das Tier, den archaischen Vorfahren in uns.

Aber wie sollte das gehen? Zur Zeit durchleben wir eine so „außerordentliche“ Krisenzeit, dass sogar die Stufe über dem Rassismus zutage tritt. Der Egoismus überstrahlt am Ende sogar den Gen-Egoismus und damit auch den Rassismus. Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg und die dramatischen Folgen noch erlebt hat, kann Zeugnis davon ablegen, wie unmenschlich der Mensch in Extrem-Situationen reagieren kann. Als die Estonia (Fähre zwischen Tallinn und Stockholm) vor über 25 Jahren unterging, befanden sich 989 Menschen an Bord, nur 137 überlebten das Unglück. Es waren ausschließlich gesunde, jüngere oder zumindest kräftige Menschen, die sich mit aller zur Verfügung stehenden Körperkraft auch gegen Alte, Schwache und Kinder durchsetzten um sich ihren Weg durch die immer schneller mit Wasser voll laufenden Gänge nach oben zu bahnen. Beim Interview mit einer Überlebenden wurde das deutlich. Es galt nur das ICH. Dabei sündigen diese Menschen, die auf solcherlei Art ihre individuellen Leben retten nicht, sie folgen einem genetischen Programm. Schiller? Nur die Fülle führt zur Klarheit und am Abgrund wohnt die Wahrheit.

Der Rassismus entspringt eben leider auch unseren tiefsten Instinkten und wurde durch die Wissenschaft und die Einteilung der Menschheit in „Rassen“ noch zusätzlich mit leicht entzündlichem Material genährt. Dazu kommen die Phänomene der Neuzeit, in der sich ganze Völker den Gesetzen der Massenträgheit hingegeben haben. Massenträgheit wird aber immer mehr zu Massendrögheit und der unbewegliche Klumpen Moleküle, auf den wir uns als Gesamtheit zubewegen, bleibt anfällig für Rassismus. Es geht um die Gesamtheit und nicht um die Individuen, die jetzt teilweise angefangen haben, nur noch gute Nachrichten zu verbreiten und Dinge schön zu färben. Die Einlassungen zum Thema Rassismus kamen mir zusammen mit der Idee zu einem neuen Artikel in den Sinn. Ich wollte mich – trotz aller Bauchschmerzen wegen des Umfangs – doch noch diesem Ziel zuwenden, bevor es möglicherweise nicht mehr geht. Alle Rassenkonstruktionen hatten bisher zum Ziel, die Unterschiedlichkeit von Menschen zu beschreiben – da diese den Menschen ja anzusehen ist – und daraus zu folgern, dass es nur richtig wäre, den Menschen verschiedene Wertigkeit zuzuschreiben. Auf die Spitze getrieben? In „wertes“ und „unwertes“ Menschen-Leben einzuteilen.

Davon spricht man schon seit dem 17. Jahrhundert, damals noch mit einem noch sehr groben Blick. Eine Art ideologisches Rassenkonzept entwickelte sich ab dem 18. Jahrhundert. Nun wurden die Menschheit in vier Hautfarben eingeteilt! Es gab damit erstmals Weiße, Gelbe, Rote und Schwarze. Und um die Sache zu vereinfachen wurden sie jeweils einem Kontinent zugeordnet. Selbst der Aufklärer Immanuel Kant gab Töne von sich, die sich anhörten als ob sie von einem modernen Rassisten ausgesprochen werden würden. Zitat: „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“

Mit dem Gedanken an die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zogen die Garden der französischen Armeen zwar innerhalb Europas erfolgreich gegen ihren Konkurrenten zu Felde, aber diese Emanzipation von alten Strukturen galt trotzdem nicht für alle. Das mit dem Gleichheitsgedanken widersprach massiv der Art und Weise, mit der die Europäer mit den außereuropäischen Völkern umgingen, insbesondere natürlich mit den afrikanischen Völkern. Die waren zu diesem Zeitpunkt ja schon über zwei Jahrhunderte lang versklavt worden. Und nun bekam der Rassenbegriff zum ersten Mal eine ideologische Erklär-Funktion, indem damit versucht wurde zu beweisen, dass es eine unterschiedliche Qualität der Rassen gab, um zu legitimieren, dass man mit den Europäern anders umging als mit den außereuropäischen Völkern. Selbst Voltaire, der bekannte Philosoph und Schriftsteller verstieg sich zu der Äußerung, dass die Rasse der Neger eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart sei. Er wurde nie müde zu unterstreichen, dass deren Intelligenz nicht nur einfach anders geartet sei als die „unsrige“, sie sei ihr schlicht weit unterlegen.

Es gab sogar einmal eine Deutschlandkarte die die Verteilung von Rassenmerkmalen bei Schulkindern aufgriff. Und wieder war es kein Reaktionär, sondern ein fortschrittlicher Wissenschaftler, der sich daran abgearbeitet hat. Es war Rudolph Virchow. Er hatte die Augen, Haar- und Hautfarbe von Schulkindern erfasst und die unterschiedliche Häufung des blonden und des brünetten Typs markiert. Für ihn war das der Nachweis, dass das 1871 gegründete Deutsche Reich das Verbreitungsgebiet der germanischen Rasse sei. Das war auch ein wichtiger Meilenstein, der zur Geburt und zum Wahn von der Herrenrasse führte. Der Begriff von der Rassenhygiene wurde übrigens nicht erst 1933 eingeführt! Schon seit den 1890er Jahren diskutierte man dieses Feld in ganz Europa und wollte die menschliche Natur genau sortieren, um die Fehler zu finden, die dann korrigiert werden sollten. Friedrich Nietzsche unternahm anatomische Vermessungen die dabei helfen sollten, unerwünschte Gruppen und soziale Verhaltensweisen zu identifizieren, um sie aussondern zu können. Die Wissenschaft arbeitete schlicht daran, eine bessere Gesellschaft zu entwickeln, indem sie versuchte, einen optimierten, überlegenen Menschentyp zu züchten.

Rassenhygienisches Denken gab es nicht nur in Nazi-Deutschland. In den USA zum Beispiel wurden von 1900 bis in die 1970er Jahre etwa 70.000 Menschen zwangssterilisiert, vor allem afroamerikanische Häftlinge. Auf breiter Ebene hat die rassenkundliche Forschung das politische Denken der westlichen Welt geprägt. Und dieser menschgemachte Wahnsinn führte dann dazu, dass sich die Auffassung verbreitete, dass jede Zivilisation von der weißen Rasse stammen würde und dass es keine Zivilisation ohne die Einwirkung der weißen Rasse geben könne. Letztendlich führte dieses krankhafte Denken und sich äußern zur großen Angst vor der Vermischung. Seit dem späten 19. Jahrhundert bis heute wird das rassistische Denken von diesen Annahmen durchzogen. Die krumme Idee, dass man gefährdet ist. Gefährdet, und zwar grundsätzlich, durch die schiere Existenz anderer Rassen. Wenn dann plötzlich Fremdes in die eigene Lebenswelt der sich bedroht Fühlenden eintritt, liegt der Rassismus als eine Art Lösungsmittel bereit. Der Affe, den wir in uns tragen, versucht zum Schutz seiner Position, seines Ranges, ein Wir-Gefühl zu schaffen. Das funktioniert nur, wenn man sich von Anderen abgrenzt. Und diese Funktion hat Rassismus bis heute und ich denke, in der gleichen Kraft, weil sich das Kategorie-Denken wiederholt. Spätestens seit den Fluchtbewegungen von 2015 ist es in den europäischen Gesellschaften wieder virulent geworden.

Rassismus ist unglaublich anpassungsfähig, und deshalb müssen wir darauf achten. Das wäre, ein ganz wichtiger Schritt in Richtung Zukunft. Er kann auch außerhalb der bisherigen Normen entfaltet werden, nicht nur auf Rassen und nicht mehr auf die Biologie bezogen werden. Die aktuelle Krise gibt uns warnende Hinweise, dass die bisherigen Herrschaftssysteme weiter entwickelt und ausgebaut werden können, wenn die Zahl der abstürzenden Mitglieder unserer Gesellschaft weiter zunimmt. Der neue Rassismus kann dann genauso mörderisch sein wie früher, wenn er sich auf die Sozialsysteme bezieht, oder doch wieder die Herkunft, die soziale Schicht. Im Prinzip haben wir diese Art von Rassismus (auch wenn sich niemand traut diesen zu diagnostizieren) schon immer in unseren Gesellschaften, man fand lediglich immer Tarnnamen dafür. Und solche Vorworte erscheinen mir einfach nötig, wenn man sich einem Land zuwenden, es erklären, hinter den Kulissen verständlich machen will, von dem man weiß, dass es einen zugleich in einen positiven Rausch der Sinne und gleichzeitig bis ins Mark erschüttern und Entsetzen kann! Indien.

Wenn ich mich an meine bisher einzige Reise nach Indien erinnere, dann sind diese Erinnerungen von solcher Vielfalt geprägt, waren die Erlebnisse und Begegnungen dort so nachhaltig und vielschichtig, dass ich den „Superlativ“ oder das „Alleinstellungsmerkmal“ für dieses Land sofort benennen könnte! Mehrere Erlebnisse in diesem Land haben mich noch als alten Haudegen, der ich mit immerhin schon 43 Jahre auf dem Buckel hatte, schockiert oder beglückt und mich sogar dazu gebracht, meinen alten Beruf als kritischer Reisejournalist mit gelegentlichen investigativen Recherchen wieder zu aktivieren. Selbstredend kommt es dabei darauf an, wie die eigene Charakter-Disposition gestrickt ist. Ganz sicher gehöre ich nicht zu denen, die Indiens Kultur für eine Sektenerfahrung oder spirituelle Reinigung heranziehen möchten. Das lag vielleicht auch daran, dass ich 1992 in Deutschland einmal eine Auseinandersetzung mit den deutschen Jüngern von Sri Sri Ravi Shankar hatte? Damals ging es im Prinzip um Verteilungskämpfe!

Zusammen mit einem Partner hatte ich mich 1991 in die Selbständigkeit gewagt. Wir hatten einiges in die neue Firma investiert. Dabei ging es um Multimediaprodukte und die zu dieser Zeit so erfolgreichen Multimedia-Diashows. Das Geld war knapp und wenn man in den Städten für seine Veranstaltungen erfolgreich werben wollte, musste man einen unanständig dicken Batzen Geld in die Städtewerbung stecken. Diese Städtewerbung war dann dafür verantwortlich, dass die ihr überlassenen Plakate dann an den entsprechenden Stellen im Stadtgebiet zum Aushang gebracht wurden. Sehr oft sind wir noch in der Nacht nach unseren Veranstaltungen in die Städte gefahren um zu überprüfen, ob die Werbung auch korrekt durchgeführt wurde! Wer viel bezahlt und finanziell belastet ist muss auch mal überprüfen dürfen, ob alles seine Richtigkeit hat! Als wir die Innenstadt von Düsseldorf dieser Prüfung unterzogen mussten wir feststellen, dass ein gewisser Herr Sri Ravi Shankar (damals noch ohne zweites Sri) seinen Jüngern/-innen offensichtlich den Segen dazu erteilt hatte, unsere für viel Geld angebrachten Plakate entweder zu entfernen oder zu überkleben! Die Jünger/-innen waren offensichtlich der Überzeugung, dass Herr Sri Ravi Shankars Wert weit über dem eines Veranstalters einer Multimedia-Show über Australien lag.

Solche Vorgehensweisen ärgerten mich schon immer. Wenn es andere betraf oder aber mich selbst. Natürlich waren wir nicht allein betroffen! Auch andere Veranstalter wurden auf diese Weise geschädigt! Ihre Werbung entweder entfernt oder mit dem salbungsvollen Lächeln von Herrn Sri Ravi dumpf überklebt! Jede/r wird verstehen, dass wir das damals als einen Angriff auf unsere Existenz verstehen mussten! In einer Situation, in der die Ausgaben und Vor-Finanzierungen für ein Produkt noch nicht wieder eingespielt waren, konnte der Ausfall einer einzigen Veranstaltung dazu führen, dass das ganze System kippte und der eigene Laden den Bach runterging. Wer will das schon? Ich überlegte, was zu tun sei. Die anderen Veranstalter gingen den vorgeschriebenen Weg, beschwerten sich bei der Städtewerbung oder zeigten Herrn Shankar an. Das war aber immer eine Sisyphos-Vorgehensweise, weil nie etwas dabei herauskam. Die Städtewerbungen nahmen zwar sehr schnell und gerne den Batzen Geld, den man ihnen geben musste, verfolgten solche Störfälle in der Regel aber nicht.

Nachdem wir an zwei hintereinander folgenden Kontroll-Tagen unsere entfernten oder überklebten Werbe-Plakate beklagen mussten, beschlossen wir, der Sache auf den Grund zu gehen. Mein relativ klar auf unser hiesiges Wertesystem abonnierter Partner wollte gerne die seit Jahrtausenden bewährte „Schlag drauf und Schluss“ Methode anwenden, die mir aus unterschiedlichen Gründen nicht gefiel. Gurus (egal ob es echte waren, die es sicher auch gab, oder Scharlatane) hatten seit der Flower-Power-Bewegung einen großen Erfolg auch in den westlichen Ländern. Als junger Kerl war ich ein Fan der Beatles und hatte viel über deren Aufenthalt beim Maharishi Mahesh Yogi gelesen. Ich denke, dass die Beatles, die allen Erfolg der Welt bereits abgeräumt hatten, eine gewisse Leere in sich zu fühlen begannen? Jedenfalls flogen die Jungs samt ihrem Tross damals nach Rishikesh in Nordindien, um an einem Fortbildungskurs für Transzendentale Meditation teilzunehmen. Das ist ein sehr schwieriges Feld, weil meine eigenen Lebenserfahrungen dahin gehen, dass Meditation tatsächlich zu einem erweiterten Bewusstsein führen kann! Aber oft waren Drogen im Spiel und die Droge ist kein Mittel, um den Pfad der Erkenntnis zu finden.

Indiens Gurus waren zu dieser Zeit längst in Deutschland angekommen und hatten auch bei uns mittlerweile Tausende Anhänger. Ich konnte mir zumindest vorstellen, dass der Ansatz zur Weltverbesserung, der Friedensförderung oder das Ermöglichen von persönlichem Wachstum für alle Beteiligten, von Herrn Shankar durchaus ernst gemeint war und nicht einfach eine Täuschung zur eigenen Bereicherung. Aber so ein Guru ist letztlich auch nicht vor Machthunger und Gier gefeit. Wie viele seiner Jünger/-innen waren wohl gerade in der Innenstadt unterwegs um ihren persönlichen Guru an Wände oder Litfaßsäulen zu kleben? Vielleicht zu viele? Hätte sich der Versuch, die „Schlag drauf und Schluss“ Methode zur Durchsetzung eigener Interessen am Ende zu einer „Umkehr-Schlag drauf und Schluss“ Methode entwickelt? Ich war ja nie feige und so lauerten wir den Übeltätern in der nächsten Nacht auf.

Als es dann an der Interims-Baustellenwand, die die Städtewerbung von der Stadtverwaltung zur Nutzung erhalten hatte, um dort – mitten auf der Königsallee – weitere Werbung anbringen zu können und die Reichtümer Düsseldorfs zu mehren, fanden sich tatsächlich drei junge Menschen ein, um ihre Übeltaten zu begehen. Als sie gerade ihren Kleister über den dort (kostenpflichtig!!) angebrachten Plakaten ausgebracht hatten und das erste Plakat ihres Gurus dort platziert hatten, sprachen wir sie an. Die beiden jungen Männer und die junge Frau waren überrascht, aber keinesfalls aggressiv oder ängstlich. Sie hörten sich unseren Vortrag an und packten ihre Sachen wieder ins Auto. Natürlich musste ausgerechnet die junge Frau – während sie einen Eimer voller Kleister in den Gepäckraum des Wagens hob – noch anmerken, ob wir uns denn nicht vorstellen könnten, wie wichtig die Botschaften von Herrn Shankar für die Welt wären und dass wir uns doch da ein bisschen zurück nehmen könnten. Gut, ich hatte zwar meine eigenen Erfahrungen mit den Aborigines in Australien zu dieser Zeit bereits in mir, misstraute aber denen, die nur gegen Geld ihre „Weisheit“ unters Volk brachten.

In den folgenden Tagen, bis wir unsere eigene Veranstaltung endlich – und zum Glück erfolgreich – über die Bühne bringen konnten, habe ich immer wieder versucht, jemanden aus dem Hause Shankar zu erreichen, um mein Missfallen zum Ausdruck zu bringen oder einfach nur einmal eine Stellungnahme zu bekommen. Ich wurde jedes Mal abgewiesen. Deshalb fuhr ich – ganz allein – von Hannover nach Düsseldorf um am Tage der Veranstaltung von Herrn Shankar diesen persönlich zu treffen. Die schwarze Limousine, die auffällig verdunkelte Scheiben hatte, musste wohl die seine sein? Auch die Zahl der Jünger/-innen, die dort standen, um einen exklusiven Vorab-Blick auf den Meister zu erhalten, war beträchtlich. Wie stoppt man so einen Wagen? Man stellt sich in dem Moment davor, wenn das Fahrzeug kurz anhalten muss damit die Tore zum Veranstaltungsgelände geöffnet werden und geht da einfach so lange nicht mehr weg, bis sich was tut. Es ging relativ schnell und die hintere Wagentür wurde geöffnet. Es stieg aber nicht Herr Shankar aus, sondern ein gut angezogener jüngerer Mann in weißem Hemd. Da hatte ich aber etwas anderes erwartet!

Es war Herrn Shankars Deutschland-Tour-Manager und deshalb konnten wir gleich zum Punkt kommen. Ja, der Mann entschuldigte sich auch höflich für den „Übereifer“ der Helfer, hatte aber sonst nichts zu diesem Thema mehr zu sagen. Er war ja auch in Eile, denn Herr Shankar sollte gleich seinen großen Auftritt haben. Am Ende hob er entschuldigend die Hände, gab mir die Adresse des Anwaltes von Herrn Shankar in Deutschland und bat mich, mein Anliegen mit diesem zu klären. Einen Blick auf Herrn Shankar habe ich nicht erhalten. Hätte mich schon interessiert! Ich kann den Unterschied zwischen Lug und Trug sicher ein bisschen besser erkennen als viele meiner Mitmenschen. Ich hätte ihm gerne kurz in die Augen geschaut. Tür zu, rein und um die Ecke. Ich habe danach nie mehr etwas von Herrn Shankar gehört. Ich hab den Vorfall auch nicht zur Anzeige gebracht, da ich kein Spießbürger sein wollte. Es war ja am Ende alles gut ausgegangen und ich war um eine Begegnung reicher. Zumindest den Deutschland-Tour-Manager habe ich sehen und sprechen dürfen. Und das wollte ja schon mal was heißen, oder?

Wenn man sich mit anderen Menschen, die schon einmal bewusst eine Reise nach oder durch Indien gemacht haben unterhält, hört man relativ oft die Doppelbezeichnung: Indien? Oh man, Traumland und Albtraumland zugleich. Warum gibt es bloß diese Übereinstimmung? Ich bleibe dabei, kein anderes Land kann Touristen so faszinieren, irritieren und abschrecken wie Indien! Alles zusammen, alles gleichzeitig. Diese unfassbaren, farbenprächtige Szenerien, die exotischen Speisen oder eben auch spirituelle Erleuchtungen im Ashram erhoffen sich viele Indien-Reisende. Sie werden diesbezüglich nicht enttäuscht werden. Zum Alltag gehören aber auch extreme Armut und Kinderarbeit, Gewalt gegen Frauen, soziale Ungleichheit und kaum zu glaubende Müllberge, in denen Menschen und Tiere gleichermaßen leben. Eine Reise durch Indien ist eine Reise durch ein widersprüchliches Land. Die Beatles zum Beispiel, sie waren auch von der unvermeidlichen Oberflächlichkeit ihres weltlichen Erfolgs ernüchtert und begannen, tiefer in sich selbst zu blicken. Sie hofften, in Indien eine tiefgreifendere und befriedigendere Realität zu entdecken. Nun müssen wir den Begriff des nach Indien reisenden Menschen genauer definieren!

Wer als nach Sinn Suchender dorthin fährt, wird es in der Regel individuell regeln und sich auch sofort „mitten hinein“ begeben. Die Paläste und den unvorstellbaren Luxus dieses Landes wird er wohl nur am Rande mitbekommen. Indien war das Traumland der Blumenkinder und hat noch heute eine ungeheure Anziehungskraft für Menschen, die nach etwas anderem suchen als nur nach den Mustern, die ihnen unsere Wettbewerbsgesellschaften mitgegeben haben. Der Song „Hare Krishna Mantra“, den Hare Krishna gemeinsam mit seinen Gläubigen aufnahm, landete einen großen Erfolg und wurde nicht nur von seinen Jüngern gepriesen. Junge Menschen überall auf der Welt, die sich dazu inspirieren lassen wollten, den Blick nach innen zu richten und so ihre eigene Wahrheit zu erforschen, wurden allein vom Wort Indien angesprochen. Zu Tausenden pilgerten Blumenkinder nach Indien, der Subkontinent wurde zum Sehnsuchtsort für Sinnsuchende, die aus der Wohlstandswelt des Westens aussteigen wollten. Man kann es auch Realitätsflucht in ein Land nennen, in dem sich so viele Träume verwirklichen lassen sollten.

Mein Interesse an Indien wurde von einer Person entfacht, die ich zu den drei wichtigsten Personen der Weltgeschichte rechnen würde. Subjektiv, wohlgemerkt. Mahatma Gandhi ist als weltweite Galionsfigur unsterblich geworden. Ich denke, dass der menschliche Geist einige seiner auserwählten Denker, die über die größten Probleme des Lebens am tiefsten nachgedacht haben und zu manchen Problemen auch Lösungen gefunden haben, die viel mehr internationale Beachtung verdient hätten, in Inden aufgestellt hat. Wer gerne Plato oder Kant liest, kann auch mal einen indischen Philosophen versuchen. Ein weitläufiger Bekannter von mir, dessen Artikel in den großen deutschen Zeitungen mir persönlich sehr gefielen, weil immer der Geist des philosophischen Tiefgangs hindurch wehte, empfahl mir einmal einen indischen Autoren, so einem typischen indischen Denker. Bei uns würde man sagen Philosoph. Mein Leben ließ mir dann doch keine Zeit das Buch zu erwerben oder zu lesen, aber er hatte den Eindruck, dass auf jeder Seite so unglaublich verdichteter Inhalt stehen würde, dass er mit dem, was er selbst, der Bekannte, so schrieb, nicht einmal ansatzweise in die gedankliche Tiefe kommen könnte, wenn er ein ganzes Jahr nur an diesem Thema schreiben würde. Er meinte sogar, dass in einem ganzen Jahr der Zeitschriften für die er schrieb, nicht so viel Inhalt stehen würde wie in diesem Buch auf einer Seite.

Solcherlei Möglichkeiten interessieren natürlich auch die Menschen in den westlichen Nationen! Wer so viel tiefes Wissen besäße, kann sich doch auch schneller Gut und Güter aneignen? Die philosophische Tiefe interessiert die meisten Menschen nicht, wohl aber die Möglichkeiten die sich daraus ergeben, um seine persönliche (finanzielle) Lebenssituation zu verbessern. Ich befürchte zumindest, dass das so ist! Wir haben Coronakrise und dieses ausschließlich auf monetärem Überlegen ausgerichtete Leben der Völker zeigt sich auch jetzt in unvermindert heftiger Form. Das zeigen die aktuellen Betrugsmaschen bei den Corona-Soforthilfen. Diese sollten schnell und unbürokratisch – für viele ein Segen – ausgezahlt werden. Dass die Milliardensummen, die der Staat gerade ohne große Prüfungen auszahlt, auch Menschen mit krimineller Energie anlocken würde war so klar wie das oft zitierte Amen in der Kirche. Wie naiv muss der sein, der auf Besseres gehofft hatte? Die Staatsanwaltschaften sind den besonders ausgeklügelten Maschen bereits auf der Spur. Man ermittelt in Sachen Cyberkriminalität. Die gut gefälschten Internetseiten waren schneller auf dem Markt als die offiziellen Seiten und sehen der offiziellen Seite, mit der Fördergelder beantragt werden können, täuschend ähnlich. Dahinter steckt ein Betrugssystem bei dem die leidenden, betroffenen Unternehmer ihre Daten an Kriminelle geliefert haben, die damit die Fördergelder abgegriffen haben könnten. Der befürchtete Identitätsdiebstahl ist wohl schon einige Male eingetreten. Ich selbst habe (noch) keinen Antrag gestellt, mich aber schon einmal auf der Seite (wenn es denn die offizielle Seite war?) umgeschaut, falls die monetären Möglichkeiten noch schlechter werden sollten. Personalausweis- und Steuernummer und weitere persönliche Informationen würde ich angeben müssen, wenn ich Fördergelder würde haben wollen. Wer die Informationen abfischt, die die Behörden derzeit haben wollen und nur oberflächlich prüfen, hat seine Identität bereits preisgegeben und den Diebstahl derselben hinzunehmen.

Der Mensch ist dem Menschen egal – es geht immer nur um die Ausgestaltung des eigenen ich. In einer Welt, in der nur das Materielle Bedeutung hat, sind solche Konsequenzen schlicht zu erwarten. Die Verteilungskämpfe werden härter werden. Noch ein kritischer Gedanke, bevor ich wieder nach Indien zurück kehre: wir sind dahingehend manipuliert, dass solche „Kriminellen“ prinzipiell mehrheitlich aus den „unteren Schichten“ kommen. Es kann aber durchaus sein, dass in der jetzigen Krise, in der auch denen die Mittel geschmälert werden, die sich auch sonst unverschämt an der Not der Menschen bereichern, neue Ideen entwickeln müssen, damit der Geldstrom weiter fließt. Diese Netzwerke können fast öffentlich agieren, da sie die Justiz kontrollieren. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her hat meine längst verstorbene Großmutter immer gesagt. Auch die Gesellschaften stinken vom Kopf her. Bleibt wachsam Menschen, auch wenn die Schmerzen nach der Erkenntnis noch einmal zunehmen werden. Es ist aber der einzige Weg, das primitive-archaische Affenwesen in uns in den Griff zu bekommen. Wachheit und Durchdenken der Inhalte. Und da sind wir nun doch wieder bei den indischen Gurus gelandet.

Der Krieg der Systeme wird auf vielen Ebenen geführt! Während die westlichen Zivilisationen ihren Bürgern/-innen die Richtung permanent als „richtig & wichtig“ verkaufen (Suffix .von der Leyen) und so eine Lebensausrichtung auf das Materielle schufen und förderten, haben sich östliche Systeme mehr dem Durchdenken des Lebens gewidmet. Aber:

„Wer einmal nicht nur mit den Augen, etwa als Luxusreisender auf einem Touristendampfer, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland, an welches jedes leiseste Zeichen ihn mahnend erinnert. Wie viel tausendmal, seit ich vor vierzehn Jahren in Indien war, haben Kleinigkeiten auf dem Umweg über die Sinne mich erinnert, mich gemahnt, mir Heimweh geweckt.“

Das schrieb Hermann Hesse zum Thema Indien. Die Liste der namhaften Schriftsteller, die sich mit Indien befassten, ist lang. Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine bis hin zu Günter Grass in der Neuzeit. Hermann Hesse trug mit seinem Siddhartha und Waldemar Bonsels mit seiner Indienfahrt dazu bei, dass die indische Gedankenwelt für eine breitere Bevölkerungsschicht zugänglich wurde. Als sich Mahatma Gandhi weltweit zur Galionsfigur des Pazifismus entwickelte, wurde Indien noch mehr zum Land der Sehnsüchte. Die damals allein „lesende“ Oberschicht verfing sich in Träumen, in denen Indien für seine mystischen Herrlichkeiten und seinen geheimnisvollen Zauber gerühmt wurde. So gibt es im Heute noch Menschen, die mit diesen verklärten Erwartungen nach Indien kommen. Doch die indische Realität hält diesen hehren Vorstellungen heute nicht mehr stand. Viele kehren danach enttäuscht in ihre Heimatländer zurück. Es ist etwas anderes, ein Buch zu lesen in dem Existenzen beschrieben werden, die es dort vor Tausenden von Jahren gegeben haben mag und ein Land in Augenschein zu nehmen, welches so heute nicht mehr existiert. Zu glauben, dass es dieses alte Leben hier noch immer geben würde, ist geradezu naiv. Es gibt aber noch immer viele Besucher, egal ob auf dem Weg der Suche nach dem Sinn oder als klassische Touristen, die mit solchen Erwartungen ins Land kommen.

Im Gepäck haben die Besucher oft den Traum vom freien Leben. Sie wollen weg von Konventionen, alternativ leben. Das ist letztendlich noch immer der Hippie-Traum von Indien. Da wird die Vorstellung, dass man ein Leben, das man in Europa nicht mehr leben kann, nach Indien transportiert. Die Vorstellung von einer speziellen Religiosität, oder die, dass der Mensch noch eins mit der Natur sein kann, die damit allgemein verbundene Mystik. Das alles wird einfach auf Indien projiziert. Mit den noch immer stark in den Köpfen der Menschen verbliebenen Traumbildern vom diesem Land hat der Alltag nur noch ganz wenig zu tun. Indien ist deshalb auch ein Albtraumland. Wenn man sich mit Indien wirklich befassen will, dann kann man diesen Traum nicht ausleben. Man muss sich davon trennen, weil die sinnstiftenden Überlieferungen eine Fiktion sind. Man wird, so man den Traum nicht loslässt, unweigerlich von Indien enttäuscht werden. Indien ist heute eine moralische Zumutung ersten Ranges. Zumutung im Sinne von: es wird dem Besucher, der nicht an Bord eines Kreuzfahrtschiffes kommt um kurz in den einen oder anderen Tempel zu schneien und sich dann wieder an Bord seines luxuriösen Schutzraumes zurückziehen kann ohne mit den Alltagsproblemen konfrontiert zu werden, so viel an Impressionen einer komplett anderen Welt „zugemutet“, dass es das Individuum an den Rand seiner Fassungsmöglichkeiten bringt.

Ich war nur einmal in Indien, habe dort und in dieser kurzen Zeit aber mehr Leichen gesehen als in meinem gesamten Leben. Es waren mindestens 10! Jetzt, bei der üppigen Einführung in diesen Artikel, von dem ich noch nicht genau weiß, ob er am Ende zu einem Buch werden wird, will ich darüber nicht explizit schreiben! Aber: ich werde es tun und damit gehe ich auch das Risiko ein, bei denen, die mich auf meiner damals einzigen Reise begleitet haben, schmerzhafte Erinnerungen abzurufen. Am Ganges zum Beispiel, stößt man ständig auf tote menschliche Körper. Traumland und Albtraumland zugleich! Aber auch wenn man mit keiner Leiche konfrontiert wird, ist es mitunter hart und grenzwertig, den Indern/-innen bei ihrem Alltag zuzuschauen. An jeder Straßenecke kauern Menschen jeden Alters auf dem Boden, deren zerschlissene Kleidung kaum ihre ausgemergelten Körper bedeckt. Überall recken sich ausgestreckten Hände einem flehend und stumm entgegen. Es sind Alltagsszenen, die man dort überall erlebt, sogar rund um die Paläste oder die touristischen Sehenswürdigkeiten herum. Man wird überall mit Armut, Krankheit und Tod konfrontiert.

Und das ist es dann ja auch, was viele Besucher so abschreckt oder entsetzt. Wenn sie das erste Mal nach Indien kommen werden sie gezwungen, in diese Abgründe zu schauen. Direkt auf der Straße vor einem sitzen Personen, die man in den Wohlstands-Staaten einfach nicht sieht. Krüppel, die dahin vegetieren. Kinder, die man verstümmelt hat, damit sie besser betteln können. Leute, die dort dahinsiechen, und dann – was durchaus als mahnendes Wort verstanden werden soll, Mut zu einem selbstbestimmten Leben zu haben, damit solche Strukturen sich bei uns niemals einnisten können, da der Mensch überall auf der Welt gleich ist – die oberen Kasten, die darüber angewidert hinweg steigen. Eine moralische Zumutung allerersten Ranges. Indien schlägt den Besuchern, abhängig vom Grad ihrer Feinfühligkeit, mit solcher Wucht in die Magengrube, dass man zu Boden gehen könnte. Doch niemand geht zu Boden. Aber die Stelle der konkreten Schmerzen, die ein wuchtiger Schlag in die Magengrube nach sich ziehen würde, wird danach von wirbelnden Gedanken erfüllt, die sich durch den Geist auszubreiten beginnen, ihn bewegen. Über kein anderes Land habe ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit so viel gesprochen wie über Indien und meine Erlebnisse dort. Ich hatte im Prinzip vor, erst wieder dorthin zu fahren, wenn ich diese Erlebnisse einigermaßen verdaut haben würde, dass die Flut der Gedanken daran auch wieder abflauen würde. Das ist nicht geschehen – das Gegenteil ist der Fall und jetzt stehe ich vor einer eventuellen Unmöglichkeit: vielleicht verändert das Coronavirus diese Welt so sehr, dass das Reisen auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sein sollte? Dann wäre es für mich zu spät, noch einmal nach Indien zu fahren und mich dort mit allen Sinnen zu berauschen und mir Schmerzen zufügen zu lassen gleichermaßen. Dabei habe ich immer gepredigt, die Dinge, die einem wichtig sind, nicht aufzuschieben, weil „später“ viel zu oft „gar nicht“ bedeutet. Andererseits kann man in einem Leben ja auch nicht alles haben. Back to Reality.

700 Millionen Indern knurrt täglich der Magen, weil die Portion Reise auf dem Teller entweder zu klein ausfällt oder nichts zum Essen vorhanden ist. Die Vereinten Nationen meldeten 2014, dass in Indien im Jahr 1,7 Millionen Kinder im Alter bis zu sechs Jahren verhungern – vor allem Mädchen. Indien schlägt den Besuchern mit solcher Wucht in die Magengrube, dass man zu Boden gehen könnte. Zwei Millionen Frauen sterben jährlich aufgrund der verschiedensten Formen von Diskriminierung – Mangelernährung, fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung, Vernachlässigung, Gewalt und immer und immer wieder Vergewaltigungen. Die unzureichende Ausbildung der Frauen zementieren diese Bedingungen. Indien schlägt den Besuchern mit solcher Wucht in die Magengrube, dass man zu Boden gehen könnte. 160 Millionen Hindus als religiös-dogmatisch unrein degradiert. Sie gehören ganz öffentlich zur Schicht des „unwerten Lebens“. Kastenhierarchien und die Praxis der Unberührbarkeit wurzeln in Machtverhältnissen und der Religion. Die religiöse Ideologie wurde benutzt, diese Machtverhältnisse zu legitimieren. Vielleicht die perverseste Religion der Welt? Indien schlägt den Besuchern mit solcher Wucht in die Magengrube, dass man zu Boden gehen könnte.

Genug davon und ich verspreche, den eigentlichen Bericht nicht mehr mit solchen Informationen zu garnieren um nicht am Ende auch meine letzte Leserin zu verlieren. Ich habe – bedingt durch das Coronavirus – nun auch viel Zeit. Wie hat meine Oma immer gesagt? Nur die ersten 50 Jahre des Lebens seien Text, der Rest wäre nur noch Kommentar! Ja, vielleicht in früheren, eher natürlichen Lebensphasen. Im Heute bemühen sich ja selbst sehr alte und teilweise kranke Menschen noch, ihren Leben Text einzuhauchen, indem sie zum Beispiel eine Kreuzfahrt machen um neue Eindrücke zu gewinnen. Das ist ja auch Text! Ich selbst bin ja auch schon 10 Jahre über dieser magischen 50. Beginnt also jetzt langsam der Rest des Lebens, der zum kommentieren des eigenen Textes da ist? Ich bin mir nicht sicher – die Welt hat sich verändert, Werte wurden verschoben und werden in unserer schnelllebigen Zeit in rasender Eile geboren und wieder beerdigt. Da ich Zeit habe, verfolge ich die Kommunikation in den modernen Medien natürlich aufmerksamer als sonst. Was gäbe es denn sonst zu tun? Der Computer und das Internet sind in Zeiten der Einzelhaft von so vielen Menschen wohl das einzige Fenster nach draußen geworden?

Ich nehme mir jetzt auch häufiger die Zeit, die Hervorbringungen und Bilder anzuschauen, die zum Zweck des Austauschs veröffentlicht werden. Welche Ur-Sehnsucht zeigt dort jetzt so deutlich? Die Sehnsucht nach einem friedlichen Leben. Die Artikel derer, die in schönen oder weniger schönen Zeilen die Glorie des Menschen besingen werden Hundertfach gelikt. Das Bienchen auf der Blume, als Photo veröffentlicht, wird staunend zur Kenntnis genommen und lebhaft diskutiert. Es ist eine Zeit des Revivals der Allgemeinplätze und Plattitüden. Manche gar beschließen öffentlich, nur noch gute Nachrichten zu verbreiten um die gefühlte Bedrohung zu umgehen. Das erinnert ein bisschen an die Sekte, die sich vorgenommen hat, einfach nicht zu sterben! Oder an diesen Claude Rael, der beschlossen hat, eben jene Unsterblichkeit durch klonen zu erreichen. Wusstet ihr eigentlich, dass in der Zeit zwischen 1918 und 1920 an der Spanischen Grippe weltweit etwa 50 Millionen Menschen gestorben sind? Die Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20 bis 40jährige Menschen erlagen, während Influenzaviren sonst besonders Kleinkinder und alte Menschen gefährdeten. Kam man damals nicht auf die Idee, die Menschen in ihre Häuser zu sperren, weil man noch keine Erfahrung hatte oder lag es daran, dass es vor allen Dingen 20 bis 40jährige Menschen waren, die am Virus zugrunde gingen? Wäre es schon damals anders gekommen wenn das Virus der Spanischen Grippe die Älteren betroffen und die jungen verschont hätte? Die Macht, Anordnungen durchzusetzen hatten damals wie heute die Alten. Ich werde doch noch meine letzte Leserin verlieren.

Ja und während sich viele Menschen im Blümchen und Bienchen Gedönns verlieren, machen andere Text und stellen die Weichen in eine Richtung, die den Staaten nicht gefällt. Im gebeutelten Italien profitieren die dortigen Mafia-Organisationen extrem von der Coronakrise. Der Staat (weil langsam, nur im Umweg eigennützig und pleite) diskutiert noch über Nothilfen während die Mafia (weil schnell, direkt eigennützig und solvent) verzweifelten Bürgern eine Art Sozialhilfe anbietet. In vielen Regionen Italiens ist sie nun wieder auf dem Vormarsch. Das zeigt die Schwäche eines Systems, dass sich in Krisenzeiten lieber mit der auf Eigennutz bedachten Verwaltung der Krise mit geringstmöglichem eigenem finanziellen Schaden beschäftigt, in einer Demokratie aber trotzdem (noch!) gewisse Spielregeln befolgen muss (Staat). Der Staat, so sehr er sich beeilt, braucht für seine Prozesse Zeit. Die organisierte Kriminalität war sofort da und hat keine Regeln. Mafiosi boten schon vor Corona ihren Opfern zunächst günstige Kredite an, strangulierten dann das Unternehmen durch immer höhere Forderungen und übernahmen dann diese Unternehmen ganz legitim.

Das Problem von mangelnder finanzieller Liquidität spielte der organisierten Kriminalität in einer auf den Geldstrom ausgerichteten Lebensweise schon immer in die Hände. Jetzt verstärkt sich diese Entwicklung – rasant! Die Betroffenen (Unternehmer oder privater Bürger) haben immer die Hoffnung, dass sie das irgendwie geregelt bekommen, aber das bleibt immer eine Illusion. Das Geld zurückzuzahlen und sich dann vom unbequemen Partner befreien zu können ist ein Traum, der von Anfang an nicht eingeplant war. Die besondere Brisanz und Gefahr, die durch die organisierte Kriminalität in der Wirtschaft droht, wird erst dann in vollem Umfang sichtbar werden, wenn das Leben nach der Coronakrise wieder anläuft. Die organisierte Kriminalität ist nicht nur reich und schnell! Sie ist auch gescheit und findig wenn es darum geht, Menschen an sich zu binden. In der Zeit der Not versucht man auf zunächst harmlose Weise, sich ins Spiel zu bringen. Sie lässt zum Beispiel gerade Lebensmittel zu den Menschen nach Hause bringen. Das mag man belächeln, aber die Mafia gewinnt dadurch Zustimmung. Ihre Vertreter stehen plötzlich als gute Menschen, als Wohltäter da. Die Menschen sollten ihre Nothilfe vom Staat und nicht von der Mafia bekommen. Das ist speziell in Italien nicht leicht zu unterscheiden, da die Mafia oder die Cosa Nostra oder die Camorra oder die Ndrangheta oder die Sacra Corona Unita uns zwar so verkauft werden, als ob sie Angst und Schrecken verbreiten würden, uns aber verschwiegen wird, dass Vertreter dieser Gruppierungen auch sehr stark in den Parlamenten dieses Landes (auch auf nationaler Ebene) vertreten sind. Wenn die Sache im Sinne der organisierten Kriminalität verläuft, wird die Mafia einen deutlich Substanz-Gewinn nach Corona verzeichnen dürfen. Und die Menschen in den betroffenen Unternehmen? Wehren die sich nicht? Wessen Brot ich ess, desen Lied ich sing! Inteso? Und Mafia-Mitglieder würden auch nur nach Indien reisen wenn die Aussicht besteht, den eigenen Wohlstand dort noch weiter zu mehren und sich mit indischen Dachverbänden der Kriminalität zu verbinden! Freiheit? War da was? Mit etwas mehr Disziplin und Aufmerksamkeit, mit ein wenig Zivilcourage und etwas weniger ICH hätten solche Entwicklungen verhindert werden können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Gehen wir zurück, nach Indien um einen Einstieg zu finden.

Wer als klassischer Tourist dorthin fährt, wird von der armen Seite Indiens natürlich nur im Nebengleis etwas mitbekommen und vorzugsweise mit den Sonnenseiten des Landes konfrontiert werden. Eine solche Reise haben wir 2005 unternommen. Ich hatte neben meiner Bereitschaft, meiner Gruppe eine schöne und erinnerungswürdige Reise zu bieten aber auch noch mein journalistisches Interesse im Gepäck. Mit Indien hatte ich nämlich durchaus Berührungspunkte, auch wenn es sich dabei eher um die Aufarbeitung der Recherche eines Journalisten-Kollegen handelte, der nach seinem Motorrad-Unfall querschnittgelähmt blieb und diverse Arbeiten an ihm gewogene Kollegen/-innen ab delegieren musste. Ich habe zwei Wochen lang seine Recherche über Kindersklaven in Nordindien gewälzt und mich oft selbst zwicken müssen weil ich nicht fassen konnte, dass mir, als bekennendem Humanist und Kämpfer für Kinderrechte diese unfassbaren Zustände bisher verborgen blieben! Der querschnittgelähmte Kollege war kein „kleiner Schreiberling“! Er hatte sogar namhafte Auftraggeber. Zum Beispiel Misereor oder die Organisation BUND für Leben. Die offiziellen Zahlen werden selbstverständlich anders formuliert, aber diese Organisationen schätzten, dass etwa 44 Millionen indische Mädchen und Jungen anstatt zur Schule jeden Morgen in Steinbrüche und Fabriken zur Arbeit gehen.

Nun war diese Reise in vielerlei Hinsicht eine besondere Tour, eine, die auch schon in der Vorbereitung ganz andere Maßnahmen erforderte. Da ich vorhatte, eine ganz besondere Tour zu machen, wollte ich nicht auf bestehende Programme eines großen deutschen Unternehmens zurückgreifen. Ich wollte von Anfang lieber mit einem Partner arbeiten, der in Inden zuhause war, auch um die Kosten zu reduzieren! 2004, als ich mit der Planung der Reise begann, steckte unser Unternehmen noch immer in den Kinderschuhen. Die Sicherheit, dass unsere Kunden ihr Geld nicht verlieren würden, hatte (und hat!) oberste Priorität. Mit einem großen Partner in Deutschland zu arbeiten hätte Sicherheiten geschaffen, aber die Tour auch um mindestens 1.000.- € oder mehr verteuert. Jeder wollte ja am Ende etwas verdienen. Wie also, fragte ich mich, war es möglich, Vertrauen zu generieren, wenn man das fremde Land und den dortigen Partner nicht kannte? Einfach so einige Zehntausend Euro auf ein indisches Konto zu überweisen und dann darauf zu hoffen, dass schon alles gut gehen würde, erschien mir zu riskant.

Da kam mir zupass, dass es in der Familie einen Arzt gab, der einen Kollegen an seinem Krankenhaus hatte, der aus Indien stammte. Dieser Kollege war es dann, der den Kontakt zu einem Verwandten, der in Indien als Unternehmer & Reiseleiter tätig war, herstellte. Der Arzt aus Indien verbürgte sich quasi für die Verlässlichkeit seines Verwandten, so dass ich beschloss, den Schritt zu wagen. Wenn etwas schief gegangen wäre, hätte ich zur Abfederung meiner Frustration dann wenigstens zu diesem Krankenhaus hinfahren können um mir im Umweg über die „Schlag drauf und Schluss Methode“ Erleichterung verschaffen zu können. Der erste E-Mail Kontakt wurde aufgenommen und die ersten Telefonate mit Indien wurden geführt. Der dortige Unternehmer (dessen Namen ich nicht preisgeben werde, weil er noch immer aktiv ist und sich um die Mehrung seines Wohlstandes kümmert) und späterer Reiseleiter der Gruppe hat auch viel Privates zu unserem dann entstehenden Indien-Bild beigetragen und ich möchte verhindern, dass speziell Organisationen, die sich den Frauenrechten verschrieben haben, dorthin reisen, um dem Manne dann den Garaus zu machen. Denn Gründe dafür, gäbe es viele!

Nachdem das Kostenpaket und der individuelle Reiseverlauf skizziert waren, machte Reiseleiter B. (so werde ich ihn im folgenden nennen) zwei interessante Angebote. Zum einen nannte er mir eine Bankverbindung in Deutschland, um mein Sicherheitsgefühl zu befriedigen. Zum zweiten erklärte er, dass er bald nach Deutschland kommen werde um andere Kunden von ihm zu besuchen. Ich solle doch einen Vortreff mit den Mitgliedern der Reisegruppe initiieren, er könne sich auf diesem Wege dann der Gruppe bekannt machen und schon im Vorfeld die Neugier auf Indien wecken. Beides erschien mir lohnenswert. Einen Vortreff, bei dem sich die Mitglieder der späteren Reisegruppe schon einmal kennenlernen konnten, haben wir speziell bei größeren Weltreisen immer angestrebt. So sollte es also sein. Das erste Problem, welches sich auftat, war der Termin an dem Reiseleiter B. zu uns hätte kommen können. Natürlich wollte ich als Veranstalter gerne dabei sein, wenn die Gruppe sich traf. Auch um den B. kennen zu lernen. Aber meine eigenen Verpflichtungen als Reiseleiter machten es leider unmöglich, am Abend des Vortreffens dort zu sein. Aber am Tag danach – Reiseleiter B. Wollte dann noch in einem Hotel im Nachbarort weilen – würde ich mich noch mit dem Herrn aus Inden treffen können.

Da Indien ein unendlich diverses Land ist, sind alle Verallgemeinerungen so ungerecht wie zutreffend. Und das galt auch für den Reiseleiter B.. Er weichte, sozusagen als Vorbote Indiens, vieles in mir auf. Was ich bisher zu wissen glaubte, wurde bedeutungslos. Alles im Umgang mit diesem Mann musste ich neu lernen, die Sprache, Mimik und Gestik. Ich hörte im Umweg über ihn von einer Welt, die ich nicht verstand, eine Welt die ich selbst bald würde beobachten können. Meine Kategorien von Logik griffen bei ihm nicht. Ich wunderte mich und war verunsichert, mein ganzes Sein war höchst fragwürdig geworden! Und wenn er nur der Vorbote seines Landes war: wie würde mich die Begegnung mit Indien erst erfassen? B. kam also an einem der Tage, an denen ich aus beruflichen Gründen nicht zuhause sein konnte, an dem kleinen Bahnhof unseres damaligen Heimatortes an. Nicht dass die Regionen der Wetterau damals intellektfreies Gebiet gewesen wären, aber die Ankunft eines komplett in indische Tracht gekleideten Mannes, der auch noch einen rosafarbenen Rollenkoffer hinter sich her zog, erregte Durchaus Aufmerksamkeit.

B. wusste, dass ihn kein Abholdienst erwarten und er deshalb selbst seinen Weg zu unserem Haus würde finden müssen. Er erwartete, dass sich unser Domizil direkt am Bahnhof befinden würde und blickte sich um. Mittlerweile waren die Bewohner des Ortes – zumindest die, deren Wege sie zufällig am Bahnhof vorbei führten, stehen geblieben und blickten das exotisch wirkende Objekt ungläubig an. Da also nun nirgends ein übergroßes Plakat darauf hinwies, wo sich die Firma Dr. Richter Reisen denn befand, beschloss B., der Sache auf den Grund zu gehen und die ungläubig staunenden Menschen auf der Straßenseite gegenüber zu dem Thema zu befragen. Der Deutschen Sprache war er ja mächtig, auch wenn sein Singsang und sein spezielles Verständnis von deutscher Grammatik seine Herkunft verrieten, auch ohne dass er wie ein Pfingstochse gekleidet gewesen wäre. B. nahm, so seine Schilderung von dem Vorgang, Kurs auf die Passanten und überquerte zu diesem Zweck die Straße. Ein herannahendes Fahrzeug, geführt von einem 40 – 50 Jahre alten Mann, verlangsamte auffällig seine Fahrt und der Fahrer traute sich am Ende nicht, an dem übergroßen Kolibri in prächtigem Federkleid vorbei zu fahren und hielt – der Vorsicht halber seinen Wagen an.

B. wiederum hatte die Passanten, die noch immer nicht wussten, ob sie flüchten oder bleiben sollten, erreicht und stellte zielgerichtet seine Frage. Da aber unser kleines Unternehmen immer gut geschützt in einem Vorort der ohnehin schon kleinen Stadt lag und wir zudem kaum Kunden für unsere Reisen aus dem Heimatgebiet gewonnen hatten, wussten die Menschen nichts als er sich immer wieder nach Dr. Richter Reisen erkundigte. Mittlerweile waren weitere Menschen hinzu gekommen, hatten ihre Tagesgeschäfte ebenfalls ruhen lassen um den seltsamen Paradiesvogel mit Rollenkoffer im Schlepp zu beäugen. Undenkbar in Corona-Zeiten wie heute! Dichtgedrängt umstanden die Bürger/-innen den fremden Mann, doch Auskunft geben konnte keiner. Irgendwann, als er schon zu überlegen begann, wieder in den Zug zu steigen und nach Indien zurück zu fahren, fiel ihm ein, dass er auch ein Mobiltelefon mit sich führte in dessen Speicher sich auch die Nummer unserer Firma befand. Die Menschentraube war weiter gewachsen und der Vertreter der lokalen Presse war inzwischen auch eingetroffen.

B. bemühte sein Telefon und schaffte es tatsächlich, mit dem gewünschten Anschluss eine Verbindung herzustellen. Da sich am anderen Ende der Leitung aber nun die damalige Ehefrau seines zukünftigen Geschäftspartners befand und er durch und durch seinen indischen Traditionen verhaftet, mit keiner „fremden Frau“ etwas zu tun haben wollte, schlug er deren Angebot, ihn mit dem Auto vom Bahnhof abzuholen aus und ließ verlauten, dass er höchstselbst seinen Weg zu Fuß nehmen werde. Der Ortsteil, in dem wir damals wohnten, lag etwa zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt, wobei nicht unterschlagen werden soll, dass innerhalb des Ortsteils nochmal gute 1000 Fuß-Meter würden zurückgelegt werden müssen. Noch lange schauten die Menschen ihm nach, als er in indischer Tracht mit einem Rollenkoffer im Schlepp zu Fuß um die Ecke bog, die Gleise überquerte und in der Folge ihren Blicken entschwand. Dieser nun folgende indische Marsch brachte die Region fast zum Stillstand. Jeder, aber jeder der sich nun auf der Hauptstraße in Höhe von B. befand, stoppte seinen Wagen und schaute verwundert – oft mit offenem Mund – zu der prächtig gekleideten Gestalt hin. Manche glaubten vielleicht, dass ein Krieg ausgebrochen sei und niemand aus den öffentlich/rechtlichen Medien sie darüber informiert hatte.

So zog B. seines Weges, lief auf dem Fahrradweg an Zäunen und dahinter befindlichen Kühen entlang, ignorierte sowohl die Autofahrer als auch die Kühe und deren Staunen und machte Boden gut auf seinem Weg zum persönlichen Tagesziel: unserem Haus. Der Inder erregte Aufmerksamkeit und das wollte er auch! Später einmal befragte ich ihn, warum er denn in voller indischer Montur samt Turban und Seidenschuhen am Bahnhof angekommen sei? Diese Schuhe waren für den Wandermarathon nun ganz sicher nicht geeignet. Seine Antwort war die eines simplen Geschäftsmannes, der nur das Wohl der Vermehrung der eigenen Mittel kennt und zukünftigen Geschäftspartnern diese Möglichkeit ebenfalls eröffnen wollte, indem er in dessen Sinne „Werbung“ lief. Kostete ja nichts extra, tat nur beim Laufen ein bisschen weh. Hier hatte B. aber die Rechnung ohne die massiv vorhandenen Angststörungen der Bewohner dieser mittelhessischen Region gemacht, die alle zuvor noch nie einen leibhaftigen Inder gesehen hatten. Zumindest nicht außerhalb der indischen Restaurants, in denen sie oft gastierten. Aber „dieser“ Inder war anders als die ihnen „bekannten“ Inder. Wir haben nach seinem Auftritt jedenfalls nie wieder eine Buchung aus der Heimatgemeinde bekommen. Alle die ihn trafen, erinnern sich zwar noch heute an den Paradiesvogel, aber unsere kleine Unternehmung schaffte es dadurch nicht, sich bis ins Bewusstsein der Heimatgemeinde durch zu arbeiten.

Heute sind wir sicher längst vergessen? Damit tat B. im Prinzip das, was Indien mit seinen Besuchern prinzipiell macht: er schuf Verunsicherungen und solche Verunsicherungen gab es dann später in Indien auf ganz vielen Ebenen. Er verkörperte etwas Anderes, etwas, dass wir zum Beispiel nicht hatten. Ist es Wahrheit oder es ist Mythos, fragen sich nämlich auch ganz viele Besucher des indischen Subkontinents, wenn sie dort herumreisen. Haben sich die Dinge wirklich ereignet oder waren es Dinge aus einem Märchen? Und in diese zwei Kategorien stopfte Reiseleiter B. nun alles rein. Nachdem er auch im Vorort Niemanden fand, der ihm den Weg hätte weisen können, auch wenn er bereits auf der richtigen Straße unterwegs war, begann er darüber nachzudenken, ob denn nicht vielleicht am Ende er der Betrogene war? Wie konnte es sein, dass ein Unternehmen von seinen unmittelbaren Nachbarn nicht gekannt wurde? Entsprechend missmutig stand er am Ende endlich vor der gewünschten und lang gesuchten Haustür und klingelte energisch. Der Tross von Menschen, der ihm langsamen Schrittes und mit verwunderten Blicken gefolgt war, machte ebenfalls Halt, aber noch keine Anstalten, den Schauplatz zu verlassen. Ihre Neugier war noch nicht befriedigt. Sie wussten nun zwar, wohin er ging, wollten aber noch wissen, ob er auch eingelassen werden würde!

Nachdem er die Hausherrin aus dem Weg gedrängt und sich seinen Platz im Inneren gesucht hatte, wurde er der Unerhörtheit gewahr, dass die Hausherrin – wohl zu ihrem eigenen Schutz – eine Freundin zur Unterstützung zu sich eingeladen hatte und das zudem noch zwei weibliche Kinder in unterschiedlichen Altersgruppen das Wohnzimmer bevölkerten. Herr B. war kein ungehobelter Klotz! Ganz im Gegenteil! Er übernahm sofort Verantwortung – sprich: das Kommando. In einem fremden Haus auf gleich vier Weiber auf einmal zu treffen, wissend, dass der Hausherr sein Kommen erst für den nächsten Tag angekündigt hatte, verursachte ihm sicher einige kleine Schweißausbrüche. Er musste handeln und seine zutiefst indischen Überzeugungen jetzt und sofort in dieses Haus in Deutschland tragen. Doch zuerst sollte B. etwas speisen. Die Herrin des Hauses (sofort nach der Ankunft von B. zur Arbeitssklavin degradiert / samt Freundin) – durchaus in der Lage ein schmackhaftes Mahl zu bereiten – hatte vorher extra Kochbücher gewälzt, um den fernen Gast und dessen Gaumen zu umschmeicheln. Sie schaffte es sogar, den B. zu dem Tisch hin zu komplimentieren, auf dem man nur für ihn aufgefahren hatte. Frau hatte Tandoori Chicken vorbereitet, ein indisches Brathähnchen, welches wird mit Joghurt und Gewürzen mariniert wurde, so wie es die Inder lieben.

Aber: B. war vielleicht kein typischer Inder? Indien hat schließlich eine Fläche von 3,2 Millionen Quadratkilometern, ist fast zehnmal so groß wie Deutschland, besteht aus 29 Bundesstaaten und hat über 1,3 Milliarden Einwohner, die weit über 100 verschiedene Sprachen sprechen. Vielleicht hatte sie das Tandoori Chicken nicht richtig zubereitet und eine Variante gewählt, die nur dem Gaumen der Inder aus der Region Tamil Nadu zupass gekommen wäre? B. entsprang aber dem schönen Rajasthan, weit weg von Tamil Nadu. Und auch wenn die Einwohner des indischen Subkontinents kulturelle Eigenheiten, so wie alle Europäer Gemeinsamkeiten aufwiesen, unterschieden sich die geschmacklichen Ausrichtungen doch offensichtlich so sehr wie das durchschnittliche Erscheinungsbild eines Skandinaviers und eines Italieners in Europa. B. würgte nach gefühlten Nanosekunden den ersten Bissen geräuschvoll wieder hervor, sah die (abgesetzte) Herrin des Hauses mit gleichgültigem Blick an und sprach (O-Ton) „Schmeckt nicht, da kannst du den Hunden geben“. Ein charmanter Kerl und schlecht informiert! B. dachte offensichtlich, dass es auch in Deutschland Tausende von obdachlosen Hunden geben würde, die in riesigen Müllbergen, abgemagert bis auf ihr Skelett nach Nahrung suchen müssen um nicht allzu bald in ihren Hundehimmeln weiter zu bellen. Er stand auf und streckte sich. Er hätte sich sicherlich nicht ganz so sorglos gestreckt wenn er bemerkt hätte, dass die abgesetzte Hausherrin – noch immer freundlich lächelnd / das konnte sie in absoluter Perfektion – sich nach seiner Bemerkung, dass ihr Essen den Hunden gegeben werden könne – langsam rückwärts an die Kante der Ablage bewegt hatte, wo der Haushalt seine unterschiedlich großen Messer aufbewahrte. Lächelndes Blickes hatte sie sich das größte von ihnen erfühlt und den Griff bereits fest umschlungen. Sie lächelte, stach aber letztlich nicht zu.

Ich habe mich oft gefragt, ob das nun gut oder eher schlecht war? Ich denke es war gut, denn einen erstochenen B. im Garten zu vergraben wäre nicht ohne Probleme vonstatten gegangen. Außerdem hätte ich dann meine Erfahrungen mit Indien nicht machen können. Sie unterdrückte den Reflex. Ich habe mich später oft glücklich darüber geschätzt, dass ich diese Situation mit B. in meiner damaligen Küche nicht miterleben musste und – noch wichtiger – nicht in solchen Momenten erleben musste in denen ich in schierer Verzweiflung nach etwas „indisch männlichem“ suchte um es zu meucheln. In Indien hat man erst vor kurzem erkannt, dass auch Frauen Menschen sind! Ich habe dort Situationen erlebt, die ich viele, viele Monate lang immer wieder durchleben musste. Da ich gerade an diesem Skript arbeite, habe ich beim Frühstück meiner noch immer hier bei uns weilenden Mutter ein paar der schlimmsten Erlebnisse erzählt. Danach saß sie, die sonst immer unmittelbar nach dem Frühstück damit beginnt, eines ihrer Hörspiele zu hören, noch über eine Stunde auf der Terrasse in der Sonne und ging schweigend ihren Gedanken nach. Wer sie kennt, weiß, was das bedeutet. Es gibt so viele schreckliche Frauenschicksale in diesem Land dort und als B. in unserem Hause das Kommando übernahm, weilte ich noch im Ausland. Hätte ich meine indischen Erfahrungen vor seinem Besuch gemacht, hätte ich mindestens zwei Männer angestellt, die sein Treiben hätten beäugen sollen. Und B. war ein moderner Inder! Meine Impulskontrolle war oft sehr strapaziert in diesem Traumland, dass eben immer auch gleichzeitig ein Albtraumland ist.

Nachdem B. seinen ersten Bissen also hervorgewürgt hatte, machte er sich an die Arbeit. Das Haus sollte für den Abend „indisch“ umgestaltet werden. Die Gäste sollten schon beim betreten der Räumlichkeiten von indischem Lebensgefühl umgarnt werden. Er bellte seine Anordnungen und die beiden erwachsenen Frauen taten was er verlangte, da er ja als Gast aus einem fernen Land besonders gut behandelt werden sollte! Als ich aber gegen Mittag einen Anruf meiner damaligen Ehefrau erhielt, war ich etwas besorgt! Sie schien am Ende ihrer Toleranz angekommen zu sein und hatte bereits – zu ihrem eigenen Schutz – ihre Freundin in den Direktkontakt mit B. gebeten, weil sie immer wieder an das Messer in der Küche denken musste. „Der B. würde unser ganzes Haus umkrempeln“ hörte ich sie am anderen Ende der Leitung sagen! Da sie mir nur die mit indischen Tüchern umwickelten Geranien im Vorgarten beschrieb und dazu nach die bunten Bänder und Tücher, die sich im gesamten Wohnzimmer ausgebreitet hatten, nannte, dachte ich in meiner grenzenlos scheinenden Naivität, dass das doch nicht so schlimm sei? Ich ermunterte sie, ihn gewähren zu lassen, da es ja der erste „Hauskontakt“ mit einem echten Inder sei. Also ein „echter“ Inder und keiner von den „Nachgemachten“, die schon seit 30 Jahren in Deutschland leben und die die indische Wildheit und Ursprünglichkeit in unserem verweichlichten Deutschland bereits aufopfern mussten, um nicht hier am Ende doch von einer entnervten Frau hinterrücks mit einem Dolch vom Leben zum Tode gebracht zu werden.

Ich wusste ja nicht – aus Mangel an Information – dass der fremde Mann meinen kompletten Vorgarten verziert hatte! Über der gesamten Gartenhecke lagen diverse Tücher, die ganz gewiss alle Regionen des Subkontinents vertraten? Um unsere Hofeinfahrt waren ebenfalls große, farbige Tücher gespannt worden, so dass keiner von den später eintreffenden Gästen hätte hinein oder hinaus fahren können. Dazu hing quer über diesem Tor noch eine übergroße indische Flagge. Eine weitere, ebenso große Flagge war an der Hauswand aufgespannt worden und das anbringen einer dritten Flagge auf unserem Dach wurde nur dadurch verhindert, weil der B. zu ungeschickt war, die Bolzen an der Verriegelung des Dachfensters zu lösen, um durch dieses Fenster auf unsere Dachziegel zu gelangen um weitere indische Motive zu platzieren. Die Masse an Menschen, die sich teilweise vor unserem Haus versammelt hatte war wohl beträchtlich? Ich hab es ja selbst nicht gesehen, weil ich im Ausland war, berichte es hier aus dem Hörensagen heraus. Aber fast alle Nachbarn meinten später, dass wohl der gesamte Vorort irgendwann im Laufe dieses zum Glück sonnigen Tages einmal an unserem Haus vorbei gelaufen war. Einige hatten sogar ihre Verwandten angerufen und auf den Unterhaltungswert des Vorgangs hingewiesen.

Die Umgestaltungswut von B. verrauchte aber nicht. Vor dem Haus sah es ja jetzt schon aus wie im Vorhof eines indischen Tempels. Nun gedachte er der Inneneinrichtung zu Leibe zu rücken. Alle Bilder wurden von der Wand genommen, das hausinterne Dekomaterial wurde entfernt und sukzessiv durch diverse indische Skulpturen ersetzt. Wobei B. eher ersetzen ließ! Er erteilte einfach die Aufträge an die im Haus anwesenden Frauen und auch unsere damals 4jährige kleine Tochter wurde mit Gelegenheitsaufträgen von B. (sehr zu deren Freude!!) beglückt. Am Ende musste noch der kleine Kronleuchter demontiert werden, eine zweite Deckenlampe weichen und danach sah es im großen Wohnzimmer wirklich aus wie in einer indischen Opium-Spelunke! Nichts, aber auch rein garnichts sah noch so aus wie vor der Ankunft des Herrn B. aus R. Als ich am folgenden Tag nach Hause kam, befand sich nur der Vorgarten noch im indischen Zustand. Den Rest des Domizils hatten die Frauen wieder auf Vordermann gebracht. Es war schon beachtlich und mir fuhr so etwas ähnliches wie ein Schrecken in die Glieder! Ich entwickelte meinen großen Vorzeige-Gartenzwerg, da er in dem schrillbunten indischen Tuch, in das B.ihn eingewickelt hatte, zu ersticken drohte.

Noch während meiner Abwesenheit erhielt ich weitere, besorgt klingende Anrufe meiner damaligen Ehefrau. Ob ich denn nicht etwas früher kommen könne, war die Frage! Und ich in einem Zustand der Demenz befindliche Narr, fühlte mich durch ihre Anrufe noch erheitert! Noch vor dem großen Vortreffen und nachdem 90% der Arbeit getan war, wollte B. unter die Dusche um sich für den Abend wieder perfekt indisch herzurichten. Vorher trat er noch kurz vor die Tür, um mit den am Eingangstor versammelten und staunenden Männern ins Gespräch zu kommen. Natürlich standen dort nicht nur Männer! Es waren Familien auch die Frauen waren dabei. Aber B. sprach nur zu den Männern, die Frauen würdigte er keines Blickes. Er wollte korrekt sein und irgendwo tief in seinen Hirnwindungen wusste er auch, dass er diese fremden Frauen in Deutschland nicht würde so behandeln dürfen wie in Indien. Außerdem hatte er sich im inneren des Hauses schon ausgetobt. Wenn eine Nachbarin eine Frage stellte, ignorierte er das! Wenn er eine Antwort gab, dann nur dem Ehemann! Und es gab nicht wenige männliche Nachbarn, denen das ganz gut gefiel, leben wir Männer in Deutschland doch in einem Zustand der Unterdrückung durch die Frauen. B. ging duschen, die noch anstehenden 10% Arbeit, die noch getan werden musste, hatte er an die Frauen im Haus ab delegiert. Er war der Boss. Punkt!

Die beiden erwachsenen Frauen saßen gerade auf der Terrasse, als B. seinen Duschgang beendet hatte. Er kam – ganz sportiv nur mit einen weißen Unterhose bekleidet – aus dem ersten Stock nach unten und hielt dabei eine weitere, weiße und nasse Unterhose in seinen Händen. Die müsse getrocknet werden, wies er die Gastgeberin an und drückte der das Kleidungsstück, ohne eine merkliche Regung zu zeigen, in die Hand. Hatte sie wieder das Messer im Sinn? Also holte die anwesende Freundin den Wäscheständer hervor und die per Hand in unserem Waschbecken gewaschene Unterhose des B. wurde als einziges Kleidungsstück dort zur schnellen Trocknung angehängt. Als B. dann endlich so weit war, dass die Gäste hätten kommen können, blieb doch noch ein Stündchen Zeit, um den Garten zu inspizieren und dann – wer hätte es gedacht – sich zusammen mit einer Tasse Tee (der auch nicht schmeckte) zu den Frauen zu setzen. B. suchte geradezu das Gespräch und bald schon wurde klar, dass er einen teuflischen Plan verfolgte und dieses Gespräch nur initiierte um seinem persönlichen Ziel, seiner Beute näher zu kommen.

In unserem Haus lebten zwei Töchter. Die eine war fast 14 Jahre alt und wurde von meiner damaligen Frau mit in die Ehe gebracht. Der Vater dieses Kindes, das ich immer wie meine eigene Tochter sah (mit allem damit verbundenen Ärger und den Kosten) war nicht ich, sondern der Ex-Mann meiner Ex-Frau! Zu kompliziert? Dazu gab es noch eine gemeinsame Tochter. Die Kleine war noch nicht ganz 5 Jahre alt und für mich, den stolzen Papa, das schönste Wesen unter des Himmels Sonne. Der Erzeuger der großen Tochter war Russe. Nein, nicht nur russischer Abstammung sondern richtiger Russe. Der wollte ja auch nie wirklich in Deutschland leben und nachdem die Ehe gescheitert war, verdrückte er sich auch sofort ins Reich des Iwan und wurde nur noch selten gesehen. Diese kleine Vorgeschichte muss sein, damit die letzte Leserin versteht, warum diese ältere Tochter das Objekt der Begierde von B. wurde! Diese Tochter hatte optisch noch einiges von dem an und in sich, was man gemeinhin als „russisch“ bezeichnen würde. Eine helle Haut, hohe Wangenknochen. Sie war ein hübsches Ding. Ihre Haare waren blond. Helle Haut? Blonde Haare? Bei B. hatten die Alarmglocken schon geläutet, als er über die Schwelle unseres Hauses getreten war. Er hatte im fernen Indien nämlich einen Sohn! Der war fast 16 Jahre alt. Nun ahnen einige bereits, wohin die Reise geht?

B. bat darum, dass die ältere Tochter doch mal auf die Terrasse kommen möge. Er flötete dabei allerliebste Töne. Als das Mädchen dann vor ihm stand gab er Töne der Begeisterung ab, lobpreiste deren Schönheit und kam dann sofort zum Punkt. Er müsse wohl mal mit mir reden, wenn ich nach Hause gekommen wäre. Da ließe sich doch sicher ein Weg finden, wie die Lebensbahnen der beiden jungen Menschen zusammengeführt werden könnten. Ich müsste mir auch keine Sorgen um das Wohl der Tochter machen, da er für indische Verhältnisse ein vermögender Mann sei. Sein Sohn solle ohnehin einmal in England studieren und wenn es den jungen Leuten dort gefiele, könnten sie auch dort leben bleiben. Er würde das schon leisten können und wäre bereit, seinem einzigen Kind einen guten Weg durchs Leben zu ermöglichen. Unsere Tochter wäre dann sicher (O-Ton) „gülückliche Frau“. Die entmachtete Hausherrin ließ ihn höflicherweise ausreden. Und B. der sicher begeisterte, sofortige Zustimmung für seinen von Genverbesserungsegoismen geleiteten Plan erwartete, schaute nach seinem Monolog erwartungsfroh in die Runde. Die große Tochter machte sich sofort nach dem Ende seiner Rede flugs von der Terrasse davon und flüchtete voller Angst zu einer Freundin.

Nun musste Klartext gesprochen werden! Mit für sie ungewöhnlicher Geduld richtete die ehemalige Hausherrin das Wort an B.. Erklärte dem, dass er über den weiteren Weg des Mädchens nicht mit mir würde sprechen und verhandeln können, da ich nicht der leibliche Vater des Mädchens sei. Dass er da Kontakt mit dem russischen Erzeuger würde aufnehmen müssen, dass dieser aber sicher geneigt wäre, gegen Zahlung eines dicken Batzens Geld seine Tochter in B´s. Hände zu legen, da er immer ein geldgieriger, armer Schlucker war der regelmäßig seine eigene Mutter in der Zeitung inserierte um die Dame zum Restwert zu verkaufen. Da ich B. später selbst kennenlernen durfte, während unser trotz aller widrigen Umstände zustande gekommenen Reise, weiß ich heute, wie er entsetzt schaut, denn ich gab ihm später in Indien oft die Möglichkeit, entsetzt zu schauen. B. war vollkommen fassungslos darüber, dass ich eine Frau zur Frau genommen hatte, die bereits einmal verheiratet war. Weil der dann folgende Satz zu einem der Stützpfeiler meiner Indien-Erinnerungen wurde und bis heute sein Unwesen in meinen Gedanken treibt, muss er im O-Ton Verfahren wiedergegeben werden:

„Waaaas? Hat da Roland etwa Abgelegte genommen? Oooh, da fällt jetzt aber in meine Achtung, da warst du Abgelegte?“

Der stolze indische Penisträger hatte sich im Vorfeld schon einige Informationen zu meiner Person geholt und – wie er später zugab – meine Erscheinung für stattlich gehalten. Meine Größe imponierte ihm, weil er mich auf verschiedenen Bildern zusammen mit Reisekunden erblickt hatte und ich diese immer deutlich überragte. Er hatte sich sein Bild von mir gemacht, wie ich wohl so wäre und so weiter. Und jetzt war die Blase der Illusionen geplatzt. Ein hübsches Mädchen, eine ideale Schwiegertochter zum vorzeigen sozusagen, deren Vater ich aber nicht war und dazu auch noch eine abgelegte Frau als Ehefrau? Ja, er nahm sich vor in Zukunft keine Achtung mehr vor mir zu haben. Das hat er sich aber dann doch nicht getraut am Ende. Zwei Köpfe lagen zwischen mir und ihm. Die entmachtete Hausherrin verwies noch darauf, dass ich nur befugt sei, über die Ehe der jüngeren Tochter zu verhandeln, dass diese aber noch nicht im heiratsfähigen Alter sei. B. und sein Sohn würden sich noch lange gedulden müssen, bis diese Ehe würde angebahnt werden können. Ob die beiden sich das antun wollten?

Meine kleine Tochter saß zum Zeitpunkt des Gespräches auf der Terrasse und war friedvoll und ruhig mit einem Spiel beschäftigt, was immer es auch war. Meine Tochter war mein Augapfel, mein Sonnenschein, das schönste Wesen auf der Welt für die ich mein Leben gegeben hätte. B. schaute kurz zu dem Kind hinüber. Das Schicksal wollte es, dass die Tochter der entmachteten Hausherrin und mir optisch eher nach der Mutter kam! Sie hatte wunderschöne große, braune Augen, dunkle Haare und einen Teint, der leicht dunkler war, als bei den anderen Mädchen um sie herum, falls die Eltern eines dieser Mädchen nicht gerade aus Uganda kamen. Sie war schlicht umwerfend schön. Mein Prachtstück. Allen Vaterstolz der Welt trug ich in meiner Liebe zu ihr. B. blickte auf dieses Kind, machte eine abfällige Handbewegung und sprach (O-Ton): „Na, solche kann ich nicht gebrauchen. Da ist ja dunkel wie unsere, sowas will ich nicht. Ist nix Besonderes“. Warum ging die Hausherrin nicht in die Küche, nahm das Messer und rammte es dem unverfrorenen Kerl in den Wanst? Meine Tochter? Kann ich nicht gebrauchen? Ist nix Besonderes“? Ich hätte ihm schlimmste Dinge angetan, wenn ich an Ort und Stelle gewesen wäre, ließ es aber später bleiben, weil wir – alle Beteiligten – bis auf B. zu dessen Lasten die dann sich ihren Weg bahnende Komödie ging, fürchterlich viel Spaß in der Ausgestaltung des Umgangs hatten.

Am Abend kamen die Gäste, die zukünftigen Reiseteilnehmer. So mancher von ihnen wird versucht gewesen sein, gleich an der Treppe wieder umzukehren, wenn sie aufgrund des indischen Ambientes überhaupt ihre Wege bis zur Tür gefunden hatten. Dort in der Tür – die Herrin des Hauses hatte ja nichts mehr zu bestellen, sie sollte sich um das leibliche Wohl ihrer Gäste kümmern – stand B. in vollem indischen Ornat, mit einem quietschgelben Turban auf dem Kopf. Faltete zur Begrüßung die Hände, sprach das Ehrfurcht gebietende Namaste, gab den Männern artig die Hand und ignorierte die ankommenden Frauen. Eine unserer emanzipierten Damen fand dieses Betragen gar unerhört und wollte die Stätte des Unbehagens sogleich wieder verlassen, wurde aber von ihrem Ehemann, der die Chance witterte auch einmal zu Wort zu kommen, davon abgehalten. Sie stellte – provokant wie sie war – gleich noch zwei drei Fragen hinterher, wurde aber konsequent ignoriert. Neben den vier Frauen des Hauses und B. höchstselbst waren nun noch weitere 17 Personen in der Opiumhöhle, die früher einmal unser Wohnzimmer gewesen war, versammelt.

B. hatte sich die Fragen der emanzipierten Frau gut gemerkt und beantwortete diese nun, indem er ihren Mann direkt ansprach. Der Abend soll ganz gut verlaufen sein, wurde mir später berichtet. B. stellte sich in den Mittelpunkt des Geschehens und schürte die Vorfreude aus sein so lebendiges Heimatland. Natürlich vermied er den gesamten Abend über erfolgreich, einer der anwesenden Frauen ins Gesicht oder gar in die Augen zu schauen. Die Menschen saßen auf Stühlen und Hockern rund um ihn herum. Er schaute einen Mann an während er sprach und schickte seinen Blick dann weiter. Wenn ihm sein scharfer Verstand suggerierte, dass er gleich eine Frau anblicken würde, hob der seinen Blick zur Decke und senkte ihn erst wieder wenn es galt, einen Mann zu betrachten. Nach eine paar Stunden der Erklärung hatten sich alle an sein seltsames Verhalten gewöhnt und fingen an, sich darüber zu belustigen. Zitierfähig wäre noch sein Versprechen, das er höchstpersönlich in Indien dafür sorgen werde, dass niemanden aus der Gruppe eine Krankheit ereilen oder jemand von Montezumas Rache würde gequält werden können, weil er jeden Abend jedem aus der Gruppe einen schottischen Whisky ausschenken würde und der, der schottische Whisky, würde jeden immun machen gegen jede Art von Durchfallerkrankungen. Die Gäste waren ganz gerührt von der versprochenen Fürsorge, richtig gerührt. Gegeben hat er uns dann aber – mal in seinem Land unterwegs – keinen Whisky, sondern einen billigen indischen Rum-Fusel!! Nur die beiden Damen, die gleich zu Beginn der Reise am Flughafen je eine Flasche Scotch erstanden hatten, blieben unversehrt. Alle anderen wurden Montezumas beste Freunde.

Als der Abend bewältigt war musste B. noch in sein gebuchtes Hotel im Nachbar-Vorort transportiert werden. Er sträubte sich lange gegen das Angebot der Hausherrin, ihn dorthin zu fahren, willigte am Ende aber, nachdem ihm klar gemacht wurde, dass das ehrverletzend für die gesamte Familie sei, doch ein. Frauen sind ja in Indien so etwas ähnliches wie das unerwünschte Geschlecht! Erst seit einigen Jahren dürfen sie dort überhaupt Auto fahren. Und nun sollte er, der B., so weit von seinem zuhause in Indien wohl einen gewaltsamen Tod erleiden, nur weil er sich von einer Frau fahren ließ? Was muss in ihm vorgegangen sein. Bevor er seinen Rollenkoffer nahm gab er noch den Befehl, wie das Haus nun aufzuräumen sei, nicht von ihm, sondern von seinen Bediensteten Frauen. Meine Ex-Frau hatte mittlerweile das Auto vorgefahren und die Tür zum Beifahrerplatz geöffnet. B. kam zum Wagen, schaute verdutzt durch die geöffnete Beifahrertür der Hausherrin ins Gesicht und meinte, dass er seinen Rollenkoffer gerne in den Kofferraum legen würde. Da ihm immer noch das Gefühl von Gastlichkeit entgegenwehen sollte, stieg die von Gnaden B. zur Fahrerin bestimmte ehemalige Hausherrin wieder aus und öffnete weisungsgemäß den Kofferraum. B. legte seinen Koffer darin ab, lief zur Beifahrertür, schloss diese aber und öffnete sich selbst die Tür zu den Rücksitzen. Nahm dort Platz und nachdem seine Fahrerin – nun ebenfalls verdutzt – sich wieder hinter das Lenkrad geschwungen hatte gab er den Befehl, nun loszufahren. Chauffiert wie ein König auf der Rückbank! Man muss hier aber zu seiner Verteidigung anmerken, dass er sich schlicht und einfach an seine eigenen Regeln hielt. Er wollte in der Nacht der Frau seines Geschäftspartners einfach nicht zu nahe kommen. Es war also seine spezielle Form von Respekt, die er an den Tag legte.

Am nächsten Morgen kam ich nach Hause. Hielt mich erst einmal kurz im Vorgarten auf um den Gartenzwerg zu entwickeln und staunte eine Weile stumm über so viel Veränderung. Dann trat ich zur Tür, steckte den Schlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung drehte einmal kurz und öffnete die Tür. Am Ende des Flurs stand meine damalige Frau. Warum hatte sie mir denn nicht geöffnet? Sie hätte meine Konturen doch sehen müssen? Meine damalige Ehe war für alle Beteiligten nicht leicht, speziell für die im Haus lebenden Kinder. Es wurde viel zu oft gestritten und stürmische Umarmungen seitens der Hausherrin gab es schon eine ganze Weile nicht mehr. Es hatte sich – einigermaßen – alles gefügt. Aber an dem Tag war etwas anders. Ganz anders! Noch gefühlte drei Sekunden lang stand sie dort, sie hatte feuchte Augen. Dann flog sie mir entgegen, umarmte und küsste mich wie seit langem nicht mehr. Als sie dann so an mir klebte rief sie so laut aus, dass es alle im Hause hören konnten:

„Mein Gott bin ich froh, dass du wieder zuhause bist. In den letzten 20 Stunden habe ich wieder gemerkt, was ich eigentlich an dir habe“!

Na das war doch einmal ein Ansatz, oder? Wenn die Ehe zwischendurch mal wieder aufgepeppt werden muss, dann muss man ja nicht gleich zum Äußersten gehen und sich in ehebrecherischen Handlungen verstricken! Es würde doch reichen mal in Indien beim B. anzurufen und diesen dann für eine Weile mit der Gattin zusammen einzusperren. Aber da die Paarbindungen auf dieser Welt ja so oft scheitern schlussfolgere ich, dass es einfach nicht genug B.´s gibt auf dieser Welt.

Dieser verrückt erscheinende Mann hatte es zumindest geschafft, uns unglaublich neugierig auf dieses Land zu machen. Ein mystisch verklärtes Land von dem die aufgeklärte westliche Welt schon wusste, dass nicht alles so lief wie man sich das vorstellte. Ein Land von dem man wusste, dass man die Frauen dort für kurze Zeit auch einmal zu Göttinnen machte, aber ihnen keine Selbständigkeit zugestand. Ein Land in dem nichts mit Gleichheit zu tun hatte. Wir freuten uns auf die Wunderwerke wie das Taj Mahal oder die Wunderwelt der Städte Jaipur oder Udaipur. Mit Spannung dachten wir an die geplanten Exkursionen mit Jeeps in die (so dachten wir damals in unserer Unwissenheit) wüstenhaften und dünn besiedelten Regionen des westlichen Rajasthan bis fast an die pakistanische Grenze. Wir ahnten nicht einmal, dass dieses Vorspiel mit B. nur der Auftakt zu etwas viel Größerem war. Aber als Einführung in eine ganz spezielle Reise soll das hier erst einmal genügen.

Am stärksten verzaubert haben mich die Menschen Indiens. Wundervolle Porträts sind hier – über alle Schichten hinweg – entstanden. Ich war gespannt! Russland hatte ich nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Länder auch kennengelernt. Auch das verrückte Russland zu einer Zeit, als man dort noch nach dem neuen Weg suchte. Irgendwann habe ich es mal so formuliert, dass Russland für mich das Gefühl vermittelt, ein großes Irrenhaus ohne Dach zu sein! Wie würde Indien werden? Das Treffen mit B. ließ zumindest die Vermutung zu, dass es sich ebenfalls als ein großes Irrenhaus ohne Dach entpuppen könnte. So war es im Prinzip auch, aber eben auch vollkommen anders.

Diesen Eingangsartikel werde ich mit Bildern von den Menschen dort versehen. Je nachdem, wann ich mich wieder von den Erinnerungen, die beim schreiben wieder hochgekommen sind erholt habe und immer in Abhängigkeit des Zustandes der Gesellschaft in Bezug auf die Corona-Einschränkungen werde ich mein Bestes geben.

Roland Richter

09.04.2020

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3 Comments
  • Florentina
    Posted at 15:49h, 20 April Antworten

  • Flory
    Posted at 16:09h, 20 April Antworten

    Eine bewegende Erzählung, die mich zu Tränen berührte und mir viel mehr vermittelte, als einen schönen bunten Bollywoodfilm, weshalb ich hin auch mal wollte. Jetzt weiß ich es besser und würde ganz sicher an meinen Grenzen kommen, falls mich doch mein Lebensweg dorthin führen wird. Da stelle ich mir die Frage, ob meine erlebte Reiseerfahrung dort nicht zu meiner Lebensaufgabe wird? Ob ich die Stärke habe das dortige Leben zu verstehen und zu akzeptieren ?

  • Dagmar Ulsamer
    Posted at 18:46h, 26 April Antworten

    Dear Roland, why do you think only women read this article?
    You write “Leserin” :-))….??
    I`m shure that men read it too.
    And could Mr.B. from India perhaps be an German?? Some men can find themselves in Mrs.B. :-))….sorry laughing is always good…
    Als Indienreisende habe ich 2001 Nordindien und 2010 Südindien erlebt,
    Ein riesiges Land mit solchen Gegensätzen wie auch du beschrieben hast, für mich aber auch ein gefühltes Heimatland.
    Zauber und harte Realität in ständigem Wechsel, nicht leicht zu tragen

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