Reisen in der Retrospektive – Tansania 2007

Reisen in der Retrospektive – Tansania 2007

06.04.2020

Wie sah eigentlich die Welt vor 20 Jahren aus? Onkel (oder ist es doch eine Tante?) Google weiß bestimmt was drüber? Mal sehen: Hhm? 6 Meldungen! Welche nehme ich? Die da:

6.4.2000

Moskau: Nach zwei Tagen Flug docken zwei russische Kosmonauten mit ihrem Sojus-Raumschiff an die stillgelegte Raumstation “Mir” an. Die Kosmonauten Sergej Saletin und Alexander Kaleri sollen die 14 Jahre alte und seit 222 Tagen unbemannte “Mir” wieder in Betrieb nehmen und auch ein kleines Leck suchen, durch das Luft entweicht. Der US-amerikanische Millionär Walt Anderson und andere Investoren erwägen, die “Mir” als Abenteuerhotel oder Laboratorium im Weltall zu reaktivieren.

Ob das Coronavirus auch ins Weltall verschleppt werden kann? Ist vielleicht ein erdgebundenes Virus? Aber der US-amerikanische Millionär hätte zur Zeit keine Investitionspläne in dieser Richtung würde ich meinen! Kommt die Coronakrise eigentlich auch jemandem gelegen? Vielleicht denen, die das Glück haben, nicht zur Arbeit zu müssen und die trotzdem ein Gehalt bekommen. Knete für das süße Nichtstun? Um nicht falsch verstanden zu werden: es gibt sicher Leute, die ihre Jobs nicht gerne machen und deshalb froh sind, im Home Office zu sitzen und trotzdem volles Gehalt zu beziehen! Davon träumen sicher die vielen kleinen Selbständigen, denen jetzt so langsam aber sicher die Luft ausgeht? Betrifft mich ja auch, aber ich kann mit Gefahrensituationen wohl besser umgehen als der Großteil der Menschen um mich herum? Liegt sicher auch daran, dass ich weniger an materiellen Dingen hänge. Wie beschrieb es Theodor Fontane, um nochmal bei dem Gedicht „Die Brück’ am Tay“ zu bleiben: „Und der Zug, der in die Brücke tritt – Um die siebente Stund? – Ei, der muss mit – Muss mit. – Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand! Japp und wegen all diesem Tand (grob übersetzt Schrott oder Müll) macht sich die Menschheit verrückt und schaufelt sich und allen anderen Lebewesen das Grab. Wahnsinn!

Erstes Hotel in Arusha

Ob Onkel (oder Tante) Google auch weiß, was vor 50 Jahren los war? Mal sehen. Ach schau mal? Wenn ich auch in der Lage bin, diverse Gedichte (vor allen Dingen dann, wenn sie etwas mit Schottland zu tun haben) aufzusagen ohne zu spicken, habe ich viele Dinge aus dem Geschehen des weiten Erdenrundes wohl vergessen? Da steht nur eine Meldung und der Inhalt hat mich verblüfft. Ich bin in Hanau groß geworden und deshalb war ich umringt von Soldaten (ich kann mich an keine Soldatinnen erinnern) aus den United-Staates. Kanada gehörte ja quasi auch zu den Siegermächten! Aber nur quasi! Deshalb hat die Meldung wohl auch eine gewisse Daseinsberechtigung!

6.4.1970

Kanada unterstützt die Entspannungspolitik der Bundesregierung. Dies erklärt der kanadische Außenminister Mitchell Sharp bei seinem offiziellen Besuch in der Bundesrepublik Deutschland (bis 8. 4.). Ferner erklärt der Politiker, Kanada werde keine weiteren Truppen aus Europa abziehen.

Also kommt jetzt die Coronakrise jemandem gelegen oder nicht? Ich gebe offen zu, dass ich es mitunter genieße, wenn meine Google-Kalender (meine Frau und ich haben zusammen drei davon) mir jeden Morgen meine Tagestermine melden. Da steht jetzt schon seit Wochen „Sie haben heute keine Termine“! Unfassbar! Ich und keine Termine? Ich glaube heute, dass ich meine Lebenskerze wohl aus Versehen von beiden Seiten angezündet habe. So etwas Ähnliches hat mir mal eine sehr geschätzte Reiseteilnehmerin gesagt. Die Judith. Eine passionierte Raucherin, ehemalige Lehrerin. Sie kam von irgendwo aus der Ecke Marburg. Wir waren sicher einige Male zusammen unterwegs. Sie war zwar eine Raucherin (im Gegensatz zu mir aber eine starke Raucherin), war aber trotzdem vorbildlich! Sie hatte immer so einen altmodischen Aschenbecher mit Klappe zum herumtragen dabei! Sie hätte niemals eine Kippe einfach so auf den Boden geworfen. War eine kluge und weitgereiste Frau, eine ehemalige Lehrerin und so offen für die neuen Dinge, die ihr das Leben bot.

Klassischer Jeep für den Touristen-Transport

Ich schreibe „war“ eine kluge und weitgereiste Frau. Aus gutem Grund, ich war auf ihrer Beerdigung. Verzeiht mir das Neuronengewitter im Kopf, aber ich habe beim Schreiben immer damit zu kämpfen, die vielen Exkurse klein zu halten, die sich meiner bemächtigen. Ich kenne das Problem der Schreibblockade nicht, wenn ich schreibe, dann bis die beiden Finger (okay, manchmal drei, der rechte Daumen betätigt die Leertaste – habe ich gerade frisch überprüft) nicht mehr können oder die Augen fast kollabieren. Habt ihr den Mond heute morgen gesehen? Habe ja gerade an die Stark-Raucherin Judith gedacht und war vor der Tür um eine Zigarette zu rauchen. Fast orange, aber nicht 100% symmetrisch, der Mond. Er hatte links eine Delle. Also kein Vollmond! Also ich war auf Judiths Beerdigung. Die Zeit habe ich mir genommen. Nach längerer Zeit mal wieder, mein Leben ließ mir oft die Zeit nicht und ich war ja ohnehin immer der Überzeugung, dass man viel mehr Blumen geben muss, während des Lebens, denn auf den Gräbern, sind sie vergebens. Etwas zog mich zu Judiths Beerdigung.

Sie hatte nur ein Kind, eine Tochter. Eine damals natürlich erwachsene Frau. Sie hat manchmal von ihr erzählt, wenn wir zusammen auf Reisen waren. Ich kannte die Tochter aber nicht persönlich, habe sie erst am Eingang zu der kleinen Friedhofskapelle kennengelernt, in der sich die Angehörigen, Freunde und Bekannten versammelt hatten. Ein durch und durch sympathischer Mensch war sie, die Tochter. Begrüßte jeden der Trauergäste mit einem freundlichen Lächeln und wirkte sehr stark dabei. Nicht nur gefasst oder gar kalt. Nein, stark & gefasst, denn auch in einem gefassten Menschen können dieselben Gefühle stecken wie in einem, der in fast schon hysterischen Zuständen feststeckt. Ich habe den Namen der Tochter vergessen, aber eines vergesse ich nie:

Nach der üblichen Zeremonie durch den Geistlichen, als alle sich schon innerlich darauf eingestellt hatten, dass es nun zur Grablegung der Urne ging, erhob sich Judiths Tochter von ihrem Platz und stellte sich – mit dem Rücken zu den Anwesenden – Face to Face der Urne mit der Asche ihrer Mutter. Es vergingen sicher zwei Minuten, vielleicht waren es auch drei, in denen die junge Frau so da stand! Und plötzlich, ohne erkennbaren Grund, ging sie in die Knie und schrie ihren Schmerz so unfassbar glaubhaft hinaus, dass es jedem fühlenden Menschen bis in die letzte Ecke seines Herzens drang. Es kam so unerwartet! Ihr heftiges Schreien war begleitet von schüttelnden Bewegungen ihres Körpers. Vielleicht hatte sie im engsten Kreis darauf hingewiesen, dass es kommen würde? Denn weder ihr Mann noch eine andere Person aus dem unmittelbaren Umfeld ihrer Familie standen auf, um sie in den Arm zu nehmen. Ich hatte diesen Impuls! Ehrlich! Verstand aber, dass dieser Moment nur den beiden gehörte – der Abschied. Unfassbar eindrucksvoll, es treibt mir noch heute die Tränen in die Augen wenn ich diese Authentizität, diese Innigkeit und die Liebe, die sich schon fast spürbar im Raum verbreitete, nochmals in meinem Erinnerungsraum aufsteigen lasse.

Nach diesem Ausbruch war die Tochter wieder gefasst und stark. Sie erhob sich – ohne fremde Hilfe – ihr Mann kam daraufhin zu ihr und legte den Arm um sie. Wird es meinen Töchtern auch einmal so ergehen? Ich weiß es nicht, sie sind auch schon viel zu lange weg. Zumindest viel zu lange um noch eine so innige Beziehung aufrecht erhalten zu können, wie Judith und ihre Tochter sie hatten. Aber womöglich ist das auch gut so? Wenn man die Blumen während des Lebens nicht geben kann oder will, dann wäre es ja noch sinnloser, sie auf die Gräber zu legen! Aber vielleicht sollte man in einer Zeit, in der ein Virus grassiert, das vor allen Dingen die älteren Menschen aus dem Leben nimmt, nicht über Gräber schreiben? Oder vielleicht gerade doch? Über was ich hier so alles schreiben kann. Somit kommt mir die Coronakrise doch gelegen? Wie hätte ich die Fülle meiner Zeit denn aufarbeiten sollen, wenn diese vielen freien Termine nicht gewesen wären? Aber es schließt sich die Frage an, für wen das eigentlich gut sein soll?

Straßenszene in Arusha

Die technokratische Speerspitze unserer Gesellschaften, die an anderer Leuten Seelen herum deutenden Psychotherapeuten, würden ganz sicher – getrieben von der ihnen quasi per Gesetz in die Hände gelegten Deutungshoheit – zielgerichtet und strukturiert an einer Analyse arbeiten und würden gleich zu Anfang erklären, welche Ziele das betrachtete Individuum hatte, wie es fühlte, wie es war. Unsere Gesellschaften haben so viele Leerstellen (Baustellen), die nicht einmal ansatzweise durch das hinzufügen eines Kommata geklärt werden können. Die Flut der Individuen kann niemals von einem einzelnen Individuum erfasst werden. Erkenntnisse dienen der Kontrolle und dem „wieder einpassen“ eines auffällig gewordenen Individuums in bestehende Systeme. Nur die Freiheit, nach der wir doch alle streben, nur der freie Fluss der Individuen auf einer gleichberechtigten Basis kann eine gemeinsame Richtung erwirken. Wenn auch der politische Liberalismus am Ende ist und sich mehr oder weniger ausschließlich an den Bedürfnissen der wirtschaftlich starken Oberschicht orientiert, so muss das Leitziel des eigentlichen Liberalismus immer die Freiheit des Individuums bleiben. Vor allen Dingen gegenüber staatlicher Regierungsgewalt. Als Humanist bin ich liberal und versuche die Aufmerksamkeit dahin zu lenken, dass jedes Individuum die Verpflichtung hat, sich gegen Staatsgläubigkeit, Kollektivismus, Willkür und den Missbrauch von Macht oder Herrschaft zu richten.

Vereinfacht? Menschlicher Liberalismus im Sinne der Spezies = hui / politischer Liberalismus = pfui. Verwirrung der Begriffe, die Sprache als Instrument der Täuschung und kollektives Lagerdenken. Kann man es denn dann großen Teilen der Bevölkerung verdenken, dass sie sich aus der politischen Gestaltung ausgeklinkt haben?

Eingangstor in den Arusha Nationalpark

Irgendwie muss ich aber jetzt die Kurve kriegen! Ich wollte ja einen Reise-Artikel schreiben. Eine Frage, die man mir oft stellte war die, wohin denn einer wie ich, wenn er denn Urlaub habe, in Urlaub fahren würde! Ich war zumindest immer geneigt zu glauben, dass es eine einfache Frage war und dass sich nicht Neid darin verbarg, dass ich beruflich um die Welt kam und viele Plätze dieser Welt in meinen Berufen erleben konnte, ohne dafür mein Sparschwein antasten zu müssen. Warum also glauben wir alle, Urlaub zu brauchen? Bei dem wolkenlosen Himmel und dem strahlenden Sonnenschein, den wir zur Zeit haben, werden wohl viele auf der Arbeit begonnen haben, davon tagzuträumen, sich an einem Badestrand in der Sonne zu räkeln. Demzufolge wäre man urlaubsreif? Die Reiseindustrie erklärt uns dann gerne, dass Urlaub für eine ausgeglichene Work-Life-Balance wichtig sei! Work-Life-Balance? Der „Normale“ Arbeitnehmer arbeitet in Deutschland in der Regel fünf Tage und hat dann zwei Tage frei. Dennoch haben viele das Gefühl, sie brauchen Urlaub.

Wieso? Gut, viele arbeiteten mehr als gesetzlich vorgeschrieben und die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verwischt zunehmend. E-Mails und Anrufe werden auch am Wochenende oder nach Feierabend bearbeitet. Berufstätige sind dann oft rund um die Uhr erreichbar. Wer sich neben dem Beruf noch anderen, sozial notwendigen Dingen wie den eigenen Kindern widmet, will natürlich irgendwann seine berufsbezogenen Tätigkeiten auf ein Minimum reduzieren. Der Mensch muss auch mal abschalten können und den Urlaub oder die Freizeit bewusst genießen dürfen. Die dürftigen Erklärungsmodelle sollen uns suggerieren, dass wir im Urlaub Zeit gemeinsam mit den Menschen verbringen können, die uns wichtig sind? Urlaub ist also essenziell wichtig für die eigene Leistungsfähigkeit? Leistungsfähigkeit? Also brauchen wir Urlaub, um die leidvolle Existenz in der wir größtenteils stecken, überhaupt ertragen zu können? Wenn eine Gesellschaft nur funktioniert, wenn die Mitglieder dieser Gesellschaft „Urlaub“ benötigen um sich dann um die wirklich wichtigen Dinge des Daseins kümmern zu können, dann ist es keine Gesellschaft, sondern ein Unterdrückungsmechanismus.

Der Mount Meru bildet das Zentrum des Nationalparks

Zwei Wochen nur am Strand zu liegen und abschalten? Viele zu viele glauben, dass sie genau das brauchen, um für den stressigen Alltag aufzutanken. Aber das Nichtstun tut niemandem gut! Aktivitäten (das kann auch Sport sein oder besser noch: eine Studienreise oder Aktivreise) helfen doch viel besser dabei, Stress abzubauen und neue Kräfte zu sammeln. Wer im Urlaub nur auf der faulen Haut liegt, ist hinterher weniger erholt als jemand, der in den Ferien körperlich aktiv war. Studien belegen, dass man nach einem erholsamen, aktiven Urlaub bis zu zehn Wochen lang nachweisbar weniger Stresshormone im Körper hat. Dadurch wird der Mensch stressresistenter. Das Immunsystem wird gestärkt und ist widerstandsfähiger gegen Bakterien und Viren im Alltag. Deshalb mehren sich ja auch die Stimmen der Mediziner, die das Einsperren einer ganzen Gesellschaft zum Zwecke der Verhinderung der Überlastung der Gesundheitssysteme für falsch erklären. Welche Belastungen kommen auf die Gesundheitssysteme zu, wenn diese Haft beginnt die Menschen – die ohnehin das Gefühl haben, dass ihnen ihre wirtschaftliche Zukunft davonschwimmt – psychisch und physisch krank zu machen?

Giraffe A beim Nichtstun

Dabei brauchten die Menschen früher keinen „Urlaub“! Bin ich jetzt wider Nest-Beschmutzer“? Das bin ich nicht, ich bin „Urlaubs-Kritiker“, weil die sogenannte Badeindustrie nur zum (wirtschaftlichen) Selbstzweck besteht und faul sein einfach weniger Erholung bringt als aktiv sein. Das würde dann bedeuten, dass nur klassische „Aktiv-Reisen“ den Anspruch erfüllen, wirklich Urlaub zu bieten? Auch nicht, wenn sie nur dem Zweck dienen, ihren Teilnehmern/-innen durch Aktivitäten in den Zustand versetzt werden, dass sie dass essenziell Wichtigste Erreichen: die eigene Leistungsfähigkeit nach dem Urlaub zu steigern und damit ihren Systemen verbessert zu dienen. Nur wenn eine Aktiv-Reise auch Brücken zum Verstehen baut – im günstigsten Fall zu anderen Kulturen oder der Natur – wird sie nicht zum Selbstzweck gemacht. Deshalb empfand ich auch „klassische“ Studienreisen oft als am Sinn vorbei führend, da dabei zwar viele Informationen zu anderen Ländern und Kulturen vermittelt wurden, die Bereitschaft, sich auf das Neue oder Andere einzulassen gesteigert wurde, aber wenn die Teilnehmer/-innen dann nur zwei Wochen lang in – zum Beispiel einem Bus – wie in einem übergroßen Panoramafilm an allen schönen Dingen nur vorbeigefahren wurden, dann war die Reise am Ende auch nicht zielführend, weil es keinerlei Aktivität gab und die Reise damit im Prinzip nicht der Erholung dienen konnte.

Giraffen A und B beim gemeinsamen Nichtstun

Deshalb habe ich immer versucht, die Rund- und Studienreise mit Aktivitäten zu erweitern. Das hat lange gut funktioniert, setzt aber voraus, dass die Teilnehmer/-innen auch in einem gewissen körperlichen Mindest-Fitnesszustand waren. Viele meiner langjährigen Reise-Kunden-Freunde-Bekannten haben einen normalen Alterungsprozess durchlaufen (ich ja auch) und ich musste betrübt feststellen, dass die Aktivitäten immer weiter reduziert werden mussten, um den körperlichen Möglichkeiten der Mitglieder einer Reise-Gemeinschaft zu entsprechen. Aber der Mix stimmt noch immer. Zumindest noch auf einer befriedigenden Ebene. Dass wir „Urlaub“ brauchen kann weder pauschal verifiziert noch falsifiziert werden. Denke ich an meine Eltern, sehe ich eine von wirtschaftlichen Nöten und Existenzängsten geplagte Generation, die „pumperlgesund“ 90 Jahre und älter wurde, ohne jemals in den Urlaub gefahren zu sein. Erst im Alter von 60 bzw. 55 Jahren hatten meine Eltern ihre wirtschaftliche Situation so weit stabilisiert, dass sie einmal in „Urlaub“ fahren konnten. Da es sich um einen Familien-Urlaub mit anderen Verwandten handelte, probierten sie einige Jahre das süße Nichtstun an den Stränden Europas, bevor sie dann doch lieber zum „Teil-Aktiv-Urlaub“ in den Bergen der Alpen übergingen. Es muss wohl jede/r für sich individuell entscheiden, doch sollte man vorher einmal kritisch in sich hinein reflektieren, ob man denn so einen faulen Urlaub an einem Sandstrand wirklich braucht? Die Hotelindustrie in den betroffenen Ländern wird mich lynchen lassen befürchte ich.

Es ist schön, wenn man nichts mehr zu befürchten hat, weil man sich nicht mehr fürchtet.

Typische Straße in den Nationalparks

Wohin also fährt so einer wie ich in den Urlaub? Er fährt entweder gar nicht oder immer! Es ist eine Frage der Definition. Ich war nur einmal – nach längerer Krankheit und als dadurch klar wurde, dass ich die neunte Klasse würde wiederholen müssen – im „Urlaub“ mit meinen Eltern an der Costa Dorada in Salou! Danach durfte ich nie wieder mitfahren, weil ich die Urlaubsstimmung, das mehrheitlich faul am Strand liegen, durch meinen Wissensdurst in Frage stellte. Wie? Nur hier rumliegen? Nach meiner Auffassung drohte mich das zu verblöden! Ich wollte was sehen! Inder Nähe lag Tarragona, wenigstens eine Stadt, das Kloster Montserrat war quasi um die Ecke und eine Bootstour auf dem Rio Ebro hätte mir auch gefallen. Durch meine Quengelei verdarb ich einigen die Urlaubslaune! Später, als ich meine Berufung, die Welt zusehen, zu verstehen, kulturelle Unterschiede zu begreifen und zu erfassen umgesetzt hatte und meine Berufung in meine Berufe umgewandelt hatte, konnte im Prinzip nie mehr von Urlaub gesprochen werden. Oder aber immer – je nachdem wie man es sehen möchte.

Mantelaffen hängen kraftlos in ihren Bäumen

Und auch der nun bald folgende Reisebericht wäre passend, um die Gretchenfrage erneut zu stellen: war das nun Urlaub oder nicht? Wenn jemand eine Reise antritt, um das Erlebte zu sammeln, aufzubereiten und an andere weiterzugeben, ist er dann im Urlaub oder nicht? Einmal zumindest in den letzten 20 Jahren habe ich es ansatzweise versucht. Ich flog nur mit großem Bedenken im Januar 2007 nach Tansania. Der Allgemeinzustand meiner damaligen Familiensituation erlaubte im Prinzip nicht, dass ich mich von Zuhause entfernte. Ich fühlte mich verpflichtet, zuhause meinen Mann zu stehen. Sollte ich meine kleine Tochter, die damals gerade fünf Jahre als war, wirklich für 2 Wochen alleine lassen können? Ich war der Meinung, dass mir ein solcher Alleingang nicht zustand. Zudem gab es die üblichen Pubertätsprobleme mit der Tochter meiner damaligen Ehefrau, die diese mit in die Ehe gebracht hatte. Am Ende erfolgte die Entscheidung mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Ich will aber nicht unerwähnt lassen, dass die gesamte damalige Familie mich darin unterstützte, mir diese Auszeit zu gönnen.

Heute bin ich froh, dass ich mich überreden ließ. Die Entscheidung wurde auch dadurch beeinflusst, dass mich eine Agentur zum sogenannten Selbstkostenpreis dorthin eingeladen hatte, nach Tansania. Ich war zuvor natürlich auch schon in Afrika. Gleich zu Beginn meiner Zeit als Reise-Mensch in unterschiedlichen Berufen durfte ich in schneller Folge Ägypten, Marokko und Tunesiens Kulturen kennenlernen. Jeweils als Reisebegleiter oder als Reisejournalist. 2003 dann die erste in Eigenregie veranstaltete Tour mit einer überschaubaren Gruppe nach Südafrika und Namibia. Die Erinnerungen an diese Reisen liegen auch heute noch abrufbereit in meinen verästelten Hirnwindungen bereit, aber bis auf Ägypten, wohin es mich 2009 zum insgesamt vierten Mal verschlug, waren alle anderen Reisen in der „nicht-digitalen“ Zeit. Und so, wie ich Heute mehrere externe Festplatten mit Hunderten Terabytes Kapazität an digitalen Bildern verwalte, so verwaltete ich bis zum Umstieg auf die digitale Bilderschaffe meine Dias und Mittelformatdias in mehreren Schränken. Aber ich konnte schon immer gut loslassen, wenn es wirklich einmal nötig wurde!

Die Momella Wildlife Lodge

2015, beim Umzug in das neue Domizil, nach Schwalheim, habe ich damit begonnen, diese Sammlung aufzulösen, zu verschenken oder für ein wenig Geld zu verkaufen. Dass damit visuell vorzeigbare Lebenserinnerungen aus über 20 Jahren verloren gingen, die man durchaus einem interessierten Publikum hätte vorzeigen können, nahm ich in Kauf. Nichts ist so beständig wie der Wandel ist ein Zitat von Heraklit von Ephesus. Ich wandelte mich, so wie es viele Menschen in Bezug auf ihre „Dia-Archive“ getan haben. Der Kram kam auf den Müllberg der Geschichte. Ich würde heute – viel bewusster und entwickelter – gerne wissen, wie viele Millionen Tonnen Plastikmüll in Form von Diarahmen und Diaboxen damals auf der Welt entsorgt wurden. Wie viele Millionen Tonnen davon schwammen jetzt wohl in der am stärksten mit schwimmenden Plastikmüll verseuchten Ecke dieser Welt? Denn riesige schwimmende Müllteppiche gefährden bereits die Lebensgrundlage für viele Hundert Millionen Menschen und der größte davon hat bereits die Fläche Europas! Keine Überspitzung – es gibt Sendungen zu diesem Thema bei ARTE oder 3SAT aber leider immer erst gegen 0.00 Uhr oder später.

Das war eine Art Exkurs – zurück zum Thema Tansania. Als ich mich schweren Herzens 2007 dorthin aufmachte war mir schon bewusst, dass mir dort etwas besonderes zuteil werden würde. Im Januar 2007 hielt der Winter Deutschland noch fest im Griff. In Tansania würden mich aber sommerliche Temperaturen erwarten. Das hielt ich schon für einen exklusiven upgrade meines Daseins, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob es zuhause im kalten Deutschland jemanden geben würde, der Eis und Schnee vor der Haustür entfernen würde! Sofort nachdem ich die endgültige Zusage gemacht hatte und der mich zu einer vergünstigten Reise eingeladen habenden Agentur wenigstens nur die Hälfte des Inhaltes meines Sparschweines überwiesen hatte, war ich froh, nicht mit einer Gruppe unterwegs zu sein! Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul, auch wenn er nur zur Hälfte geschenkt wird, oder? Die Agentur hatte Verträge mit der niederländischen KLM und das bedeutete, dass ich von Frankfurt nach Amsterdam fliegen und dort einige Stunden auf den Weiterfug nach Arusha warten musste. Am Ende war ich fast 21 Stunden unterwegs um den Flughafen in einer Stadt zu erreichen, die gefühlt viel näher lag als die Metropole Sydney.

Der Knirps an der Momella Wildlife Lodge

Nachdem ich in den letzten Reisebeschreibungen die großen Länder Süd-Amerikas dran genommen habe, werden wir im Folgenden nicht nur den Kontinent wechseln, sondern auch endlich einmal ein Land porträtieren, dass wenigstens nur 2,8 mal größer ist als die Bundesrepublik Deutschland. Die haben da viel mehr Platz als wir in Tansania. Leben ja auch nur durchschnittlich 60 Einwohner auf dem Quadratkilometer. Bei „uns“ sind es 232! Kein Wunder also, dass sich in Tansania noch große Naturräume befinden, in denen der Homo Sapiens Sapiens unterrepräsentiert ist. Somit kam ich auch einem weiteren Jugendtraum näher: der Serengeti. Hatte nicht Bernhard Grzimek, der Naturschützer, Veterinär, Zoodirektor, Filmemacher, Autor, Umweltpolitiker und ehemaliger Präsident der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt diesen Begriff in unser aller Hirne zementiert?

Als sich Deutschland Anfang der 50er-Jahre noch im Wiederaufbau befand, brach Bernhard Grzimek bereits nach Afrika auf. 1951 machte er die erste Reise an die Elfenbeinküste – und sein Sohn, Michael Grzimek, war mit von der Partie. Als Direktor des Frankfurter Zoos wollte Bernhard Grzimek Tiere für den im Krieg stark zerstörten Zoo holen. Aber er wollte auch die Lebensweise der Tiere in freier Wildbahn studieren und filmen, um so ihre Haltungsbedingungen im Zoo zu verbessern. Vater und Sohn Grzimek waren wohl ein besonderes Gespann und sie hatten eine sehr enge Beziehung. Mit ihrem gemeinsamen Film Serengeti darf nicht sterben landeten die beiden einen Welterfolg. 1960 erhielt Bernhard Grzimek dafür in Hollywood den begehrten Academy Award. Es war der erste deutsche Oscar und bis heute der einzige für einen Tierfilm. Sohn Michael war diese Ehre nicht mehr vergönnt. Er kam noch vor Abschluss der Dreharbeiten 1959 beim Absturz seiner zebragestreiften Dornier ums Leben.

Eingang zur Momela Wildlife Lodge

Wir sprechen hier allerdings über eine Zeit, die den jungen Menschen nicht mehr bekannt ist? Ich hatte das Buch „Serengeti darf nicht sterben“ zu meinem 10ten Geburtstag bekommen und legte es über Wochen nicht mehr aus der Hand. Ich las und las es immer wieder, träumte mich in die Rolle des Forschers hinein und betrachtete die im Buch enthaltenen Photos ein ums andere Mal. Heute kann ich behaupten, dass im Umweg über „Serengeti darf nicht sterben“ zum ersten Mal zu einem geistigen Weltenbummler wurde. Aber in der kindlichen Naivität konnte ich den Verlust des Sohnes und den damit verbundenen Schmerz, den der Vater fühlen musste, nicht nachempfinden. Ich beschloss einfach, auf mich aufzupassen und niemals mit einer zebragestreiften Flugmaschine ums Leben zu kommen. Aber zugegeben hatte ich bei meiner Ankunft in Arusha diese fernen Gedanken aus der Jugendzeit nicht im Kopf. Ich hatte gänzlich andere Probleme, wollte aber – da nun mal da – auch meine Pflicht tun, und diese geplante Exkursion durchziehen. Ich hatte keine Informationen darüber bekommen, wie viele Teilnehmer/-innen es werden würden. Ich wusste nur, dass ich in einem Jeep durch Tansania reisen würde und ging davon aus, dass die Agentur auch noch ein paar andere Personen zur Unternehmung beisteuerte.

Auf dem Weg zum Lake-Manyara-Nationalpark

Niemand aus meinem heutigen Freundes- oder Bekannten- oder Reisebekanntenkreis war damals mit dabei, so dass ich mir hier eine Namensnennung sparen kann. Ich habe zwar noch Erinnerungen an den recht strapaziösen Flug nach Arusha, kann mich aber fast überhaupt nicht mehr an den Flughafen erinnern. Kopf leer! Auch in der Eingangshalle und im Bus, der dann relativ viele Menschen zu diversen Hotels in Arusha fuhr, erhielt Niemand eine Information, wer denn nun zu wem gehören würde und so weiter. Ich muss auch gestehen, dass ich immer wieder einmal in mich hinein horchte um zu überprüfen, wie denn mein Körper auf die vielen Impfungen, denen ich mich vor Reiseantritt ausgesetzt hatte, reagieren würde. Ich hatte mich frisch gegen Tetanus und Diphtherie impfen lassen. Die letzten Spritzen dieser Art lagen bei mir gefährlich lange zurück und ich wollte den Immunschutz auffrischen. Eine Malaria Prophylaxe hatte die Agentur ebenfalls dringend empfohlen. Nun war ich also aufgefüllt mit chemischen Substanzen in Arusha angekommen und hörte deshalb ab und zu in mich hinein. Afrika kann diesbezüglich erheblich gefährlicher sein als Süd-Amerika!

Spät in der Nacht war dann der Bus auch endlich an „meinem“ Hotel. Ich hatte mich nicht vor-informiert, kein Internet bemüht und keine Broschüren erhalten. Ich erwartete einfach, dass die Hotels einen gewissen Standard haben würden? Dieses hier hielt diesem erwarteten Anspruch in der Nacht und von Außen stand! Neben mir stiegen auch noch ein großgewachsener junger Mann und eine mit einem Kopftuch bekleidete junge Frau aus dem Bus um in eben jenem Hotel zu übernachten. Ich habe die Namen fast all meiner damaligen Reise-Gefährten vergessen, auch die der beiden jungen Leute. Das liegt sicher daran, dass ich mir während dieser Tour keine Notizen gemacht habe und wenn man sich nicht wenigstens ein paar Stichpunkte notiert, sind solche Dinge dann eben irgendwann auch mal verflogen. Ich weiß aber noch, dass der junge Mann Bankkaufmann war und seine Freundin (sie war eigentlich Französin, was man aber der Aussprache auch merkte) Studentin auf Lehramt. Auf diesem Wege erfuhr ich auch, dass die jungen Leute die Sparversion der Reise gebucht und dieses Hotel bevorzugt hatten, weil es schlicht 55.- € pro Person günstiger war als die beiden anderen Häuser, die man hätte buchen können. Soso? Dann hatte mich die Agentur als auf die Sparstrumpf-Version geschickt? Aber ich habe ja schon individuelle Reisen gemacht, bei denen es überhaupt keinen Komfort gab! Ich würde es schon tragen können.

Trotz Trockenzeit immer Wasser in der Region

An der Rezeption des Hotels dann auch endlich die Nachricht für uns drei, wann wir morgen abgeholt werden würden. War doch schon mal was! Hatte ich dem Hotel von Außen noch den Status „geht schon“ gegeben, war davon beim betreten des Zimmers nichts mehr vorhanden. Die letzten Kakerlaken huschten voller Panik gerade noch so in irgendwelche Ritzen, als ich das Licht einschaltete. Licht? Ja, so etwas ähnliches eben. Eine Funzel würde ich meinen, geschätzte 5 Watt Lichtleistung. Aber auch in diesem diffusen Dämmerlicht konnte ich erkennen, dass über dem Bett ein Mückenschutz gespannt war. Mückenschutz über dem Bett lässt Rückschlüsse darauf zu, dass die Mücken nicht weit weg sind. Es war ein „Rund-ums-Bett-herum“ Mückennetz und es war sicher elementar wichtig, weil die ersten (sicher den Tod bringenden?) Malaria-Mücken schon ihre Attacken setzten, als ich vollkommen übermüdet ins Bett huschte. Dass sich in dem Zimmer auch ein kleiner Schemel und ein von Holzwürmern zerfressener Schrank befand, realisierte ich erst am nächsten Morgen und fragte mich, ob die Sachen denn schon gestern Abend da gewesen wären. Im frühen Morgenlicht hatte das Ambiente den Charme eines aserbaidschanischen Youth Hostels.

Ich war auf die Toilette gespannt! Okay, alles drin, was ein alter Weltenbummler, der seine Körperpflege auch schon mal unter einer Regenrinne in Nordaustralien absolvieren musste, so nötig hat. Die Dusche bestand aus einem gebogenen Rohr, welches „einfach so“ aus der Wand kam. Der Duschkopf fehlte. In der Erwartung, dass ich nun erst einmal 10 Minuten lang würde warten müssen, bis der Lehm, von dem ich erwartete, dass er kommen würde, sich erst zu braunem und dann zu hellem Wasser verwandelt hätte, drehte ich den Knopf. Zu meiner großen Überraschung kam sofort helles Wasser dass auch nicht unangenehm roch. So eine Prozedur hatte ich vor zwei Jahren in einem Bediensteten Zimmer in dem Maharadscha-Palast von Samode in Indien über mich ergehen lassen müssen. So stimmte mich diese Dusche froh für den Tag. Wermutstropfen? Das Wasser wurde nicht warm, aber 2007 war ich ja noch fit, jung und dynamisch. Das Frühstück war liebevoll vorbereitet und erinnerte in der Auswahl der Speisen und der geschmacklichen Qualität an die Hervorbringungen des Moskauer Hotels „Cosmos“ – allerdings in der kommunistischen Zeit. Es gab von allem lediglich viel weniger. Na das würde ein Trip werden!

Ein Kronenkranich bei den Momela Seen

Und dann kam endlich unser Jeep. Damit war ich nach wochenlangen Alleinfahrten durch das australische Outback natürlich mehr als vertraut. Das Fahrzeug war gut ausgestattet und ich war nun gespannt, wie groß denn die „Gruppe“ sein würde! Der Mensch am Steuer war nämlich nicht nur unser Chauffeur, sondern zugleich auch unser Reiseleiter. Es waren 8 Personen inklusive meiner Wenigkeit und diese 8 Personen wurden nun auch noch in zwei Jeeps aufgeteilt. Jetzt beim Schreiben fällt mir wieder ein, dass die junge Marketing-Chefin „Konny“ hieß! Konny von Kornelia! So wurde dann die keine Gruppe noch weiter verkleinert. Die beiden jungen Leute, die die Nacht im selben Hotel verbracht hatten, kamen zusammen mit einem Unternehmer-Ehepaar aus Schwaben in den einen Jeep und die junge Marketing-Chefin Konny kam zusammen mit ihrem Mann (Banker) und einer gewissen Christa, an deren Namen ich mich noch gut erinnern kann, in meinen Jeep. Alle anderen Teilnehmer/-innen dieser Tour waren entweder wohlhabend, oder hatten sehr wohlhabende Eltern (wie die junge Französin), lediglich Christa arbeitete beim Sozialamt (war das Marburg?) und hatte sich das Geld für diese Tour mühsam über drei Jahre zusammengespart.

Perfekter Giraffen-Dreierpack bei den Momela Seen

Es kann ja nicht nur Häuptlinge geben! Die beiden Fahrer hatten eine klar zu erkennende Hierarchie: unser Fahrer war der Boss und der andere hatte nur was zu sagen, wenn er fuhr und zu seinen Gästen sprach. Jetzt ging es aber flott raus aus Arusha und ich wunderte mich nur, dass unser Fahrer noch auf die Bank rennen musste, um das nötige Geld für die nun folgende Reise abzuheben. Arusha hatte damals etwas über 350.000 Einwohner. Heute sollen es deutlich über 400.000 sein. Die Straßenszenen kamen mir bekannt vor, so war es auch in Südafrika und Namibia gewesen. Arusha liegt keine 5 Kilometer vom Eingang in den Arusha-Nationalpark entfernt und so war es folgerichtig, dass die Fahrer die beiden Jeeps dorthin lenkten. Wir wollten jetzt gerne zu den Tieren! Ich hatte übrigens beschlossen, mich nicht als Reise-Unternehmer bekannt zu machen, sondern mal einen Rückgriff auf die Zeit zu wagen, als ich noch als Reisejournalist und Photograph in der Weltgeschichte unterwegs gewesen bin. Irgendwie passte das ja auch besser zur Rolle, da ich natürlich wieder umfangreiches Photo-Equipment mit mir führte.

Hier hatten wir die besten Giraffen Sichtungen

Der Arusha-Nationalpark ist ja nur einer von elf Nationalparks in Tansania. Aber wenn man die alle besuchen möchte, sind 10 Wochen Reisezeit das Minimum. Er ist auch nicht mal besonders groß, lediglich 137 Quadratkilometer. 1960 wurde er als Ngurdoto Crater National Park eingerichtet und die Mühen eines gewissen Herrn Grzimek um den Erhalt der Wildtiere haben da sicher einiges dazu beigetragen? Das Mount Meru Forest Reserve wurde 1967 Teil des Parks. Ein mächtiger – zum Glück erloschener – Vulkan, der Mount Meru, bildet das Zentrum. Er ist natürlich nicht so hoch wie der viel bekanntere Kilimandscharo, aber 4.562 bringt er zustande. Er präsentierte sich an allen Tagen in Bestform und kein einziges Tröpfchen Regen störte die Fernsicht.

Am Eingangstor zum Park mussten die Fahrer einen ziemlich dicken Stapel an Papieren bearbeiten. Ich wunderte mich darüber weil ich dachte, dass das vom Preußentum beeinflusste Afrika eher drüben in Namibia läge! So kann der Mensch sich täuschen und anstatt kräftig den „Big Five“ (Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard) photographisch auf die Pelle zu rücken, umstanden wir für eine geschlagene Stunde unsere Jeeps und sahen dabei zu, wie unsere Fahrer sich durch wahre Papierberge hindurch arbeiten mussten. Beiden standen die Schweißperlen auf der Stirn und das kam garantiert nicht von der Hitze! Doch dann, nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit, wurden wir doch noch eingelassen in den Arusha-Nationalpark! Der Zustand der Straßen änderte sich sofort, Wellblech und Schotterstraßen bestimmten unsere nächsten Tage. Alle im Jeep (bis auf Sozialarbeiterin Christa) hatten solche Touren schon gemacht und warteten nun auf die erste Sichtung eines wildlebenden Tieres.

Straßenszene auf dem Weg zum nächsten Nationalpark

Wildlebende Tiere sind irgendwie anders als die im Zoo! Entweder tauchen sie gar nicht erst auf, oder dann wiederum so plötzlich, dass sie fast über den Haufen gefahren werden. Also nicht von unserem Jeep, aber von einem Motorradfahrer (sogar mit Helm), der irgendein offizielles Emblem auf der schwarzen Jacke hatte und sich damit als eilends in irgendeinem staatstragenden Auftrag unterwegs seiend legitimieren konnte. Die erste Tier-Sichtung war also fast mit einem Motorradunfall gekoppelt. Doch der eilende Fahrer schaffte es gerade noch zu bremsen und das Motorrad auf die Seite kippen zu lassen. Dann lag es da, das Motorrad, zu Füßen einer etwa 5,5 Meter hohen Giraffe, die sich möglicherweise darüber ärgerte, dass sie trotz ihrer enormen Größe eben NICHT zu den Großen Fünf Tieren Afrikas gerechnet wird, unbeeindruckt vom Geschehen weiter an ihrem Akazienblatt kaute wie unser peruanischer Busfahrer in der letzten Kurzgeschichte an seinen Coca-Blättern. Und dann, wie aus dem Nichts, tauchte eine zweite Giraffe hinter dem Akazienbaum auf. Etwa dieselbe Größe.

Ein stolzer Webervogel

Nun warteten wir gespannt darauf, dass die beiden Giraffen etwas „machen“ würden! Kämpfen hätten sie zum Beispiel können, sich die Köpfe in weitem Schwung gegenseitig in die Rippen hauen, ihre Hälse umschlingen oder irgendwas halt, was Giraffen so machen. Es vergingen Minuten und es tat sich nichts. Hinter uns waren mittlerweile drei weitere Jeeps angekommen. Für die war das dann wirklich doof. Stau ist ja bekanntlich nur hinten blöd – vorne geht es eigentlich. Vor allen Dingen dann, wenn man zwei Giraffen beim gemeinsamen Nichtstun zuschauen konnte. Um der Sache ein wenig Pepp zu verleihen gebe ich den Giraffen einfach mal den Namen A für die eine und B für die andere. Im Prinzip war der Motorradfahrer interessanter zu beobachten! Er hatte, nachdem er den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zu den Giraffen hergestellt hatte, seinen Helm abgenommen und kratze sich nachdenklich am Kopf. Er überlegte wohl, ob er seine „Mühle“, die noch immer nach rechts gekippt auf der Straße lag, nun aufrichten solle oder nicht? Aber vor allem Giraffe A schien ihm Kopfzerbrechen zu bereiten, da diese immer wieder – fleißig Blätter des Akazienbaumes lutschend – nach dem Motorrad sah.

Die Stelle der “gefährlichen” Flußüberquerung

Während ich noch überlegte, ob Giraffen Motorrad fahren können, meldete sich unser Driverguide zu Wort. Salbungsvolles Gerede setzte ein. Dass die Tiere in den Nationalparks immer Vorfahrt hätten, dass die Giraffen eine gewisse Konzentration benötigen würden um zwischen den spitzen Dornen der Akazie hindurch die Blätter zu pflücken und dass das Ganze sich auch noch 30 Minuten hinziehen könne. Was? 30 Minuten? Ich fragte, ob ich denn wenigstens aussteigen dürfe, um noch bessere Photos zu machen, was mir verweigert wurde. Die Sicherheit der Touristen hätte eine ähnlich hohe Priorität wie die Vorfahrt der Tiere! Es könne schließlich jederzeit und überall eine Familie von hungrigen Löwen lauern, die nicht davor zurückschrecken würde, einem Touristen den Garaus zu machen. Das hätten diese Löwen mal wagen sollen! Ich hätte meine Kamera dabei gehabt und die gibt es nur im Umweg über meinen toten, kalten Körper. Ob allerdings die Geschwindigkeit, mit der die Löwen einen Touristen verzehren, langsam genug gewesen wäre, um dem Körper auch die Zeit zu lassen, zu erkalten, war zumindest fraglich. Also stehenbleiben (der Jeep war ja oben offen) und beim Nichtstun von Giraffe A und B zuschauen. Ich bekam langsam Hunger!

Affenliebe

Wieso kam der Motorradfahrer nicht zu seinem eigenen Schutz zu uns in den Jeep? Dann hätte man sich wenigstens unterhalten können! Löwen in der Nähe? Bestimmt alles nur gelogen. Endlich kam Bewegung in die Sache! Giraffe B drehte anmutig (und entsprechend langsam) ihren Kopf von der Akazie weg, umrundete Giraffe A in gebührendem Abstand, so dass aus unserer Perspektive plötzlich eine Giraffe mit zwei Hälsen vor uns stand, motivierte dadurch Giraffe A ebenfalls zu einem 180° Schwenk und so verschwanden die edlen Tiere im Unterholz zu unserer linken Seite. Der Motorradfahrer richtete seine Maschine wieder auf uns los gings, Richtung unseres nächsten Hotels. Das waren aber auch Straßen hier! Erinnerte sehr an die entlegenen Pisten in Australien oder in den westlichen Gebieten von Rajasthan, wo wir zwei Jahre zuvor als Gruppe auch eine Menge Staub schlucken mussten. Bei der Durchquerung eines Waldstückes tauchten dann plötzlich Affen auf. Aber nicht die, die immer auf dem Boden rumlaufen, sondern solche, die ihre Leben oben in den Bäumen verbringen und nur zum betteln oder für einen Einbruch gelegentlich zum Boden runterkommen. Wunderschöne Mantelaffen waren das. Die größeren Tiere hatten über ihren schwarzen Anzügen schicke weiße Westen angezogen und ihre langen weißen Schwänze sahen aus wie der Schweif eines Pferdes. Wir hielten an und betrachteten die Affen. Die Affen betrachteten derweil uns. Machten die jetzt „was“? Nö, sie hingen kraftlos in ihren Bäumen fest und starrten zu uns runter. Wenigstens waren sie nicht von typischer Affenhektik im Oberholz unterwegs. So konnte ich einige brauchbare Aufnahmen von den schicken Kerlen machen.

Vogelreichtum wie aus dem Bilderbuch

Im späten Licht kamen wir dann zu unserem ersten „in der Wildnis liegenden Hotel“, der Momela Wildlife Lodge. Da in dieser Lodge manches nicht ganz den Ankündigungen entsprach, gebe ich den Werbetext hier mal kurz wieder:

Die Momella Wildlife Lodge sollte vor der malerischen Kulisse des Mount Meru, unweit des Arusha-Nationalparks liegen. Stimmte, volle Punktzahl. Ursprünglich wurde die Lodge für den Film Hatari mit Hardy Krüger und John Wayne, erbaut (stimmte auch, ich habe es nachgelesen und meine, als sensitiver Mensch noch den Geist des ultrarechten Machos und Rassisten (Wayne nicht Krüger) gespürt zu haben). Stimmte also auch, trotzdem nicht volle Punktzahl weil Wayne hier war. Die Lodge sollte Touristen eine angenehme Unterkunft bieten. Na darüber sollte aber nochmal gesprochen werden!! Die Zimmer sollten einfach sein, aber trotzdem genug Platz bieten. Stimmte auch, trotzdem nicht volle Punktzahl weil so schlicht dass der zur Verfügung stehende leere Raum nicht mehr ins Gewicht fiel. Man sollte sich im Garten oder am Pool entspannen und sich dort vom aufmerksamen Personal bewirten lassen. Wo waren Pool und Personal?

Elefantenmutter versteckt Kalb vor Touristen – Bild 01
Elefantenmutter versteckt Kalb vor Touristen – Bild 02

Das Abendessen war recht spartanisch, aber dafür entschädigte dann die großartige Kulisse um uns herum. Da wir ein kleines Stück außerhalb des Nationalparks waren, rechnete ich nicht damit, noch weitere Tiere zusehen. Es kamen aber trotzdem noch Giraffen bis an die runden Hütten und die machten auch „was“! Sie bückten sich mit ihrem langen Hals um das grüne Gras zu fressen, welches durch die Bewässerung der Grünflächen an deren Rändern so hoch gewachsen war, dass zumindest kleinere Giraffen bequem im stehen hätten fressen können. Aber wie klein wird denn eigentlich eine Giraffe? 4,5 Meter klein oder so. Ganz genau kenne ich mich da nicht aus. Die Nacht war ruhig und geräumig, ich habe mein Zimmer aber nicht alleine gehabt. Gefühlte 100 Geckos quietschten die ganze Nacht um die Wette. Aber sie haben sich alle nur um sich gekümmert und keiner hat auch nur den Versuch unternommen, mir Teile meiner Kameraausrüstung zu stehlen. Gut so, für mich und die Geckos.

Auf Krawall ausgerichteter Jung-Elefant entspannt sich beim Bad

Am nächsten Morgen dann das große Staunen. Wir leben doch in einer so wunderschönen Welt. Unser Planet ist voller einzigartiger Schönheit und oft sehen wir diese Schönheit gar nicht mehr. Wir übersehen sie oft einfach. Keine Zeit, viel zu tun oder andere Floskeln. An diesem Morgen war ich geradezu verpflichtet worden, die Schönheit unserer Erde wahrzunehmen. Allerdings half mir ein kleiner Knirps, er mag vielleicht 10 Jahre alt gewesen sein, dabei. Er schien so versunken und der Natur geradezu zu danken, dass sie ihm dieses Geschenk tagtäglich offenbarte. Wir oft hören wir das in unseren Kulturkreisen? Nehmt euch doch ein wenig Zeit um diese einzigartigen Momente der schönen Welt zu betrachten und deren Schönheit in euch aufzunehmen. So, oder so ähnlich klingen die gebetsmühlenartig wiederholten Aufforderungen. Wer macht das denn schon? Ich bin mir sicher – auch wenn jetzt viele aufstehen und protestieren würden – dass es nur ein verschwindend kleiner Teil der Menschen in den sogenannten „kultivierten Ländern“ ist, der dieser Aufforderung nicht nur nachkommt, sondern die erwünschten Wahrnehmungen dann auch tatsächlich hat. Ich trat Morgens beim ersten Licht vor die Tür meiner Hütte, weil ich den Mount Meru im Sonnenaufgang photographieren wollte.

Raststätte auf dem Weg zum nächsten Hotel in Weit, Weit, Weit weg

Bestimmt eine Stunde habe ich damit zugebracht, Photos zu schießen, während das Tageslicht immer stärker wurde. Irgendwann fuhr dann mal jemand mit einem Fahrrad vorbei, schaute freundlich rüber, winkte mir zu und fuhr seines Weges. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob zwischen diesem und dem nächsten Menschen noch andere an der Hütte vorbei gekommen sind? Irgendwann kam jedenfalls er, der Knirps. Er kam schlendernd, mit einem Schulranzen auf dem Rücken den Weg entlang. So wie er angezogen war würde ich meinen, dass er auf dem Weg zur Schule war. Er lief nicht, er schlenderte immer wieder in leichten Bögen nach rechts oder links über den mit Schottersteinen belegten Weg. Irgendwann blieb er stehen und blickte über die vom frühen Sonnenlicht zauberhaft beleuchteten Wiesen und Felder zur Spitze des Berges. Er stand, er blickte. Fast regungslos. Anfangs dachte ich noch, dass er vielleicht irgendetwas in den Büschen entdeckt haben könnte, aber die Richtung seines Blickes ging eindeutig nach oben und damit über die Wipfel der Bäume hinweg.

Eines unserer Hotels
Umland desselben Hotels

Aber dort, über den Wipfeln der Bäume gab es nur noch den Mount Meru. Den sah er doch jeden Tag? Er wippte leicht mit dem Oberkörper hin und her, ich meinte ein leises Summen zu vernehmen? Es mochten etwa 5 Minuten vergangen sein als ich bemerkte, dass Konny und ihr Mann ebenfalls vor ihre Hütte traten. Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass die beiden die Versunkenheit des Knirpses störten und bewegte meine Arme so deutlich auf und ab und führte den Zeigefinger so deutlich zum Mund, dass die beiden zumindest begriffen, dass sie still sein sollten. Sie kamen näher und ihre Blicke rasterten über die Ebene. Sie fragten sich, welches Tier ich denn da irgendwo erblickt hatte, dann als sie bei mir waren, suchten ihre beiden Augenpaare noch immer nach dem Besonderen, weswegen ich ihnen angedeutet hatte, dass sie still bleiben mögen. Ich freue mich bis heute, dass diese beiden beruflich sehr erfolgreichen Menschen, im Handumdrehen begriffen, dass ich den Knirps meinte. Er blickte so versonnen, unverdrossen auf die Spitze des Berges dass seine Emotionen und seine Ruhe quasi aus ihm heraus in die Welt hinein sprangen, in welcher er gerade stand.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht meiner beiden Reise-Gefährten und sie blieben still. Knirps stand sicher noch einige Minuten dort still und versonnen, bis sich eine Frau mittleren Alters näherte. Beim vorbeigehen sagte sie etwas zu ihm, worauf er auch reagierte. Die Frau ging weiter und der Knirps lief seinen Weg in großen Bögen quer über die mit Schottersteinen belegte Straße ebenfalls weiter. Er musste seinen Traum verlassen und zurückkehren in die wirkliche Welt. Das war das Wunder, das nur Kinder erspüren. Warum sehen die meisten Erwachsenen heute keine Wunder mehr, wie die Kinder sie fast tagtäglich erleben? Irgendwann kommt den meisten Menschen der kindliche Blick auf die Welt abhanden. Doch der Knirps hatte gerade eindrucksvoll bewiesen, dass es sich lohnt, ihn wiederzuentdecken, weil er das Leben reicher macht. Ein Kind kann einen Erwachsenen lehren, dass man auch mal grundlos glücklich zu sein kann! Ich beschloss mein Glück heute im Umweg über den Knirps zu definieren. Der Tag konnte beginnen.

Unsere Fahrer Boss (rot) und Untertan (gelb)

Einen Teil des Tages huschten wir noch durch den Arusha-Nationalpark. Es gab weitere, eindrucksvolle Tierbeobachtungen und die Mitglieder der Reisegruppe fanden immer mehr zueinander. Kein Wunder, hielten doch die beiden Jeeps bei Pausen jeder Art immer gemeinsam an, so dass man ständig den Kontakt behielt, auch wenn man während der Fahrt in gewissem Abstand voneinander fuhr. Im Notfall hätte ja das eine Fahrzeug dem anderen helfen müssen und genau das wurde dann später auch immer wieder einmal nötig. Bevor wir dann Kurs auf unseren nächsten Nationalpark, den Lake-Manyara-Nationalpark nahmen, besuchten wir noch die Momela Seen und wurden ein weiteres Mal vollkommen davon überrascht, welche Vielfalt an Tieren es auch außerhalb der Nationalparks geben kann. Wir sahen Wasserbüffel, tanzende Kraniche und die besten meiner Giraffen-Bilder dieser Reise entstanden hier, als wir schon wieder auf dem Weg zurück und damit fast auf der gut asphaltierten Momela Road angekommen waren.

Biete Mitfahrgelegenheit

Plötzlich tauchten Giraffen auf. So viele davon! Dort sechs, dahinter nochmal drei, etwas weiter unten im Hang weitere fünf Tiere. Unglaublich. Und diese Giraffen machten dann auch endlich mal was. Sie bewegten sich und fraßen nicht nur. Und sie bewegten sich in Formationen, als hätten sie diese Nummer für einen Zirkus einstudiert. Ich war sprachlos, aber wenigstens in der Lage, den Auslöser meiner Kamera zu drücken. Da hätte ich wirklich noch eine Stunde bleiben mögen. Immer wieder bewegten sich „Giraffen-Gruppen“ grazil und friedlich durchs Gelände. Am Ende kam die perfekte Dreiergruppe – groß, mittel, klein – unmittelbar vor unserem Jeep! Und da unser Jeep oben offen war, musste ich auch nicht durch eine Scheibe knipsen und konnte Formen und Farben gleichermaßen wie im Original auf die Speicherkarte bannen. War das schön! Aber in meiner typischen Art fragte ich mich – wenigstens nur so in mich rein – ob sich so etwas noch einmal wiederholen würde. Dann fuhren wir – um Arusha zum umgehen, auf der normalen Landstraße, der A104 in westliche Richtung zum Lake-Manyara-Nationalpark.

Der Manyara-Nationalpark besitzt die möglicherweise größte Biomasse-Dichte an Säugetieren weltweit. Ich hatte etwas über die Parks Tansanias gelesen und war überrascht davon, dass ich den Namen bis dahin nicht wirklich einmal irgendwo gehört hatte! Den größten Anteil an der Biomasse-Dichte haben die Elefanten, was auch nicht verwunderlich ist wenn man sich die Biomasse-Dichte eines einzelnen Elefanten einmal vorstellt! Wie viele Mücken wären nötig, um an den Elefanten vorbei zu ziehen? Aber Wasserbüffel hatten dort meiner Meinung nach den größten Anteil. Es sollte dort auch noch Spitzmaulnashörner geben, leider nicht mehr in der großen Anzahl, für die der Lake-Manyara-Nationalpark einmal bekannt war. Aber wir konnten beider Durchfahrt Zebras, Flusspferde, Giraffen die „was“ machten und Giraffen die „nix“ machten, Meerkatzen, Paviane und andere Affen, Zebramangusten und verschiedene Antilopenarten sehen. In der Trockenzeit kommen die großen Gnu-Herden, die sonst eher für die Serengeti bekannt sind, für kurze Zeit in den Lake-Manyara-Nationalpark. Achja, Löwen bekamen wir auch zu sehen. Von den etwa 180 Elefanten, die es 2007 hier geben sollte, haben wir gefühlt mindestens die Hälfe gesehen. Es war einfach umwerfend elefantös!

Eingang zum Ngorongoro Reservat

Und dann kam das große Abenteuer! Ach, machen wir uns doch nix vor! Die fahrenden Reiseleiter oder reiseleitenden Fahrer mussten eben ab und zu auch mal was für den Adrenalin-Spiegel machen. Sollte ja am Ende auch recht abenteuerlich gewirkt haben, so eine Reise! Mitten im Nationalpark kamen wir an einen Fluss. Also ein richtiger Fluss. Der Mensch hat ja immer so seine Vorstellungen davon, wie ein afrikanischer Fluss auszusehen hat. Das Fernsehen erzählt uns immer was von Trockenzeiten und Regenzeiten. Da wo wir unterwegs waren, im Norden des Landes, kommt es zu zwei Regenzeiten pro Jahr: eine große von März bis Mai und eine kleine im Oktober/November. Es war noch immer Januar und damit waren wir in der Trockenzeit unterwegs. Und richtige Straßen gab es dort keine, ein paar Schotterpisten oder aus Lehm gemacht und die auch nur im Norden des Parks. Der Fluss war überraschend gut mit Wasser gefüllt und unsere Fahrer machten ein großes Brimborium um die „Gefahr“ drohend darzustellen. Also ich hatte mit meinen verschiedenen Jeeps verschiedene Flüsse Australiens zu verschiedenen Zeiten überqueren müssen. Manchmal half da nur ein Fahrzeug mit Schnorchel! Bedeutet, dass der Ansaugstutzen für die Luft nicht im Motorraum sitzen darf, sondern verlängert wird bis zum Dach des Fahrzeugs. Wenn man dann noch eine Plastikmatte vor den Kühler spannt, damit das Wasser ein wenig am hereinlaufen in den Motorraum gehindert wird,dann kann man auch mal 10 – 15 Sekunden so tief durch das Wasser fahren, dass man die Wassermassen direkt neben seinem Auge hat. Als Fahrer!

Für Nachwuchs sorgende Paviane

Hier war das Wasser ziemlich niedrig, die Straße als Brücke sogar noch zu sehen. Was die Sache an sich etwas knifflig machte war der dicke Baumstamm, den der Fluss kurz zuvor dort abgelegt haben musste. Denn keine 15 Minuten vorher kamen und drei Jeeps entgegen und ich glaubte nicht, dass die am Fluss umgekehrt waren. Unsere Fahrer machten eine Show draus, der „Untergebene“ schlang sich ein Seil um die Taille und der Boss sicherte seinen (gespielt) wackeligen Weg über die Brücke. Ich wollte helfend eingreifen, aber unser Fahrer (weil der Boss) ließ es nicht zu. Da tauchte plötzlich ein Linienbus hinter unseren beiden Jeeps auf. War vielleicht auch kein Linienbus, weil Kinder und Jugendliche darin saßen, aber das veränderte die Situation vollkommen. Der Fahrer des Busses stieg aus und redete munter auf auf unsere Fahrer ein. In welcher der über 100 verschiedenen Sprachen Tansanias sie miteinander gequatscht haben, vermag ich nicht zu sagen, sie konnten sich aber verständigen. Der angeseilte „Untergebene“ lachte jedenfalls plötzlich auf, machte sich vom Seil frei, ging zu dem Baumstamm, hob ihn an und weg war er – der Baumstamm nicht der Fahrer. Hatte es mir doch gedacht, dass die hier nur ihre Touristen mit einer zuhause zu erzählenden Top-Story versorgen wollten.

Blick in den Ngorongoro Krater

In einer kleinen Pfütze – so wirkte dieser Tümpel im Norden des Parks, kam es dann zur ultimativen Elefanten Begegnung. Von weitem schon entdeckten wir eine Mutter mit Jungtier an der Seite. Das Kleine war etwa 2 Jahre alt, schätzte unser Guide. Wir hielten extra an und verhielten uns möglichst geräuschlos, damit die Muddi ihr Kleines, welches sie beim näherkommen unserer Jeeps neben sich verborgen hatte, wieder rausrückt! Die Dame wollte wohl Schaden von ihrem Kinde abwenden damit es nicht schon früh zu eitel und dadurch später unweigerlich auf die schiefe Elefanten-Bahn geraten würde? Das Kleine durfte sich nicht mehr zeigen! Basta!! Doch plötzlich hörten wir eine aufgeregt klingende Elefanten-Tröte und dazu ein mörderisch lautes Plätschern und Platschen. Der nächste Akt des nun folgenden Lustspiels bescherte uns eine eifrig mit ihren Flügeln schlagende und dabei typische Gänsegeräusche von sich gebende einheimische Gans. Sie flatterte von rechts ins Bild. Wir konnten sie erst sehen, als sie die Büsche verlassen hatte. Und hinter ihr pflügte sich ein kleiner, aber deutlich auf Rabbatz eingestellter Jung-Elefant seinen Weg durch das knietiefe Wasser.

Alles wächst besser in diesem Teil Afrikas

Die Gans vorne weg, der Jung-Elefant hinterher. Mit flotten Schritten versuchte er nun Runde um Runde die Gans einzuholen. Er stellte die Ohren, nahm mit seinem Rüssel Wasser auf und schleuderte es nach der Gans. Ihn regte offensichtlich die Fliege an der Wand auf. Oder er hatte einen schlechten Tag. Sogar unsere Fahrer hielten sich die Bäuche vor lachen. Das ging einige Runden so, der zornige kleine Elefant jagte die einheimische Gans mindestens 10 Mal um den Teich. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die Gans am Ende nicht doch ihren Spaß an der Sache hatte? Vielleicht ging das mit den beiden jeden Tag so? Am Ende kam eine mittelgroße Elefantenkuh aus einer etwas weiter entfernt stehenden Dreiergruppe gemächlich an den Teich getrottet, tötete zweimal kurz auf (war wohl Mutter oder Tante und das, was sie trötete klang so wie ein „jetzt benimm dich, was sollen die Leute denken“) und ging wieder zu der kleinen Gruppe zurück. Sie hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so etwas ähnliches getrötet wie „jetzt benimm dich, was sollen die Leute denken“, denn ich war auch mal jung und habe solcherlei Trötentöne von meiner Mutter oft gehört!

Grab der beiden Grzimeks

Der kleine Wüterich blieb auch prompt stehen, schaute zu dem größeren Tier hin, durchpflügte aber weiter wenigstens mit seinem Rüssel das Wasser vor ihm und setzte sich dann mit einem Rumms auf seinen Hintern! Plötzlich schien ihm die blöde Gans vollkommen gleichgültig zu sein und er erfand sich ein neues Stöckchen-Spiel. Es war schön einmal so direkt zu erleben, wie eng verwandt wir mit den Elefanten sind. Zumindest die Verhaltensweisen sind ähnlich. In einem Punkt vielleicht besser? Elefantenherden werden von einer KUH geführt und die kriegstreiberischen Männer dürfen nur zur Kopulation ran. Zum Glück, denn sonst hätten wohl schon wüste Elefantenkriege den Planeten der Elefanten genauso verwüstet wie die Kriege der Menschen-Männer den Planeten der Menschen. Wie gut, dass wir in unterschiedlichen Sonnensystemen leben, die Elefanten und wir! Ich hätte so wie alle anderen, gerne noch eine weitere Speicherkarte von dem planschenden kleinen Wüterich gemacht, aber unsere Fahrer drängten zum Aufbruch, wir mussten unser Hotel noch erreichen und das war nicht so leicht wie gedacht.

Vom Kraterran in den Krater hinein

Um Geld zu sparen hatte die mich zum halben Preis eingeladen habende Agentur ein nettes Hotel in „der Nähe“ des Lake-Manyara gebucht. Gut, Tansania ist deutlich größer als Deutschland und in der Nähe konnte deshalb auch bedeuten, dass man sich ein wenig in Geduld über musste! Aber dass dieses in „der Nähe“ am Ende auch bei den Bewohnern der sibirischen Tundra ein verstörtes „also jetzt könnte es langsam mal kommen“ ausgelöst hätte, wurde mir irgendwann, als die Nacht bereits sehr weit voran geschritten war, auch klar. War am Ende dieses in „der Nähe“ das ewig gesuchte „irgendwo im Nirgendwo“? So oder so ähnlich war es dann auch. Zum Abendessen in dem Hotel, dessen Namen ich vergessen habe, gab es kalte Platte. Um Mitternacht schmissen die ihren Grill für uns 10 Hansels (mit Fahrern) nun auch nicht mehr an. Aber überrascht war ich schon, denn das Haus hatte den Charme eines Mehrfamilienhauses. In ungefähr so einem Ding hatte ich meine Kindheit und Jugend verbracht. Dass es Wochenende war, weiß ich noch.

Im errinerungswürdigen Dorf der Massai – Bild 01
Im errinerungswürdigen Dorf der Massai – Bild 02
Im errinerungswürdigen Dorf der Massai – Bild 03
Im errinerungswürdigen Dorf der Massai – Bild 04

An der Rezeption stand ein außerordentlich hübsches Mädchen, die eine etwas zu helle Haut zu Markte trug. Sie sprach zudem außerordentlich gut Englisch! So perfekt, wie ich es bis dahin noch von keinem Menschen in Tansania vernommen hatte! Aber immer wenn ein Einheimischer oder eine Einheimische in die Rezeption kam, schaltete sie komplett auf eine der gefühlt über 100 Sprachen des Landes um. Bei meinem Einschlafbier auf der Terrasse erfuhr ich, dass ihr Vater aus Schweden kam und ihre Mama zu dem hier lebenden Stamm gehörte. Ein wunderschönes Mischlingskind. Zuhause in beiden Kulturen, ohne Berührungsängste. Sie erzählte mir, dass sie sich in Schweden auch zuhause fühlen würde, aber noch mehr hier in Tansania. Ihre Familie hatte natürlich Geld, ein Hotel und wer weiß welche Güter noch! Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie mit allen anderen auf einer Stufe stand, als die Jugend sich an ihrem schicken roten Toyota Pickup traf um nochmal in die Stadt zu fahren. Ich kann es natürlich nicht beschwören, da das Jungvolk sich in einer für mich fremden Sprache unterhielt, aber sie bot wohl an, das jemand das Auto würde fahren dürfen und hielt den Schlüssel in die Höhe.

Ein Schakal – stets auf der Hut

Den Zuschlag erhielt dann ein junger Mann, definitiv ein Einheimischer und sie gesellte sich zu den anderen jungen Leuten auf die Ladefläche. Die Musik wurde aufgedreht, die Bässe begannen zu wummern und die jungen Leute flogen hinaus zum Tanz. Oder was immer die dann gemacht haben. So eine weite Welt und überall treffen sich die Überschneidungspunkte. Eine unvergessliche Begegnung. Und wunderschön! Da wir schon kein richtiges Abendessen bekommen hatten hofften wir natürlich alle, dass es dafür wenigstens ein üppiges Frühstück geben würde! Aber wir hatten gnädig verdrängt, dass dieses Hotel im Königreich weit, weit, weit weg lag! Und da wir uns im Königreich weit, weit, weit weg befanden, mussten wir am nächsten Morgen noch vor dem Morgen losfahren um den Serengeti-Nationalpark möglichst noch im selben Jahrhundert zu erreichen. Also Aufbruch um 05:00 Uhr und jede/r bekam eine Frühstückstüte. Lange Gesichter. War auch nicht viel drin, so dass wir unsere Fahrer zwingen mussten, uns im nächsten Ort die Gelegenheit zu geben, unsere Nahrungsmittelbestände aufzufüllen. Erst nach dieser kleinen Revolte fuhren wir in das Ngorongoro Schutzgebiet am südwestlichen Rand des Serengeti Nationalparks.

Es gibt viele Antilopenarten in Tansania

Kaum hatten wir das Eingangsschild hinter uns gelassen wurden wir von einer wüst kopulierenden Pavian-Bande auch schon wieder gestoppt. Nun, einige der Affenmänner waren wohl in der entsprechenden Laune und die Damen ließen die Herren gewähren. Es bot sich die gute Gelegenheit, einen Pavian-Porno zu drehen, aber ich war ja schon immer ein Mann des stehenden und nicht des bewegten Bildes. Aber ein paar heimliche Schnappschüsse (natürlich mit hochrotem Gesicht) habe ich einfach machen müssen. Ich denke dass die Paviane das auch wollten, sonst hätten sie sich ja für die Vermehrungsarbeit in Büsche zurück ziehen können?

Und dann erhielt ich wieder einmal eine Bestätigung dafür, dass der Mensch noch so viele Bilder anschauen, noch so viele Serien in HD Qualität im Fernsehen sehen kann, sich noch so viele Informationen über etwas anlesen kann: steht man dem Original in Natura gegenüber, holt es einen regelrecht von den Socken! Der Ngorongoro ist im Prinzip ein Einbruchkrater. Er entstand, als an dieser Stelle ein Vulkanberg in sich zusammenbrach. Der Kraterboden liegt auf etwa 1700 Metern Höhe über dem Meer und die Seitenwände sind zwischen 400 und 600 Meter hoch. Der Durchmesser des Kraters beträgt zwischen 17 und 21 Kilometern. Und wir standen oben auf der Kante und bekamen fast einen Schnappatmungsanfall. Darf man denn solche Sachen überhaupt noch so beschreiben wie ich das gerade tue? Wenn das Reisen nach Corona nicht mehr möglich sein sollte? Zumindest nicht mehr in dieser Form? Was machen dann all diejenigen, die zu den unteren Gesellschaftsschichten gehören, die keine oder wenig Mittel haben um sich solche Träume zu erfüllen. Eine gerechte Welt wird es trotz Corona danach nicht geben, nicht geben können! Das wird ein Langzeit-Projekt von mindestens 2.000 Generationen. Da müssen Berge von altem Bewusstsein verschoben und Kontinente von neuem Bewusstsein herbei geschafft werden. Vielleicht winkt Reise-Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, wenn wir wieder bei einer Milliarde Menschen auf dem Planeten angekommen sind?

Die Olduvai-Schlucht galt lange als die Wiege der Menschheit – Bild 01
Die Olduvai-Schlucht galt lange als die Wiege der Menschheit – Bild 02

Vielleicht wird das Reisen verboten? Vielleicht wird es trotz des genetischen Reisecodes vergessen? Viele Vielleichts! Also doch besser sich durch authentische Reise-Erlebnisse betören lassen? Zumindest so lange, bis wir die Sehnsucht danach vergessen haben. Danach wird es gehen, so hoffe ich!

Zurück zum Krater. Hier hatten wir nicht nur fast schon unüberschaubar viele Begegnungen mit Tieren, sondern auch einige mit den Massai-Hirtennomaden, für die der Krater große spirituelle Bedeutung hat. Und dort am Kraterrand standen wir auch plötzlich am Grab von Michael Grzimek. Über seinem Grab errichtete die Regierung Tansanias eine Steinpyramide auf der zu lesen steht:

„Er gab alles was er hatte, sogar sein Leben, für die wilden Tiere Afrikas“

Eines der vielen Millionen Gnus
Ein der deutlich selteneren Hyänen

Heute würde man einen Menschen wie Michael Grzimek entweder sehr schnell an den gesellschaftlichen Rand drängen, weil er die Gier derer stören würde, die sich die Naturschätze der Serengeti einverleiben wollen, oder man würde versuchen ihn zu korrumpieren, damit er seine Überzeugungen über Bord werfe und das süße Leben im Turbo-Kapitalismus zusammen mit dem anderen Establishment genießen möge. Ansonsten würde man ihm vorwerfen, dass er etwas „geraucht“ hab und ihn dafür einsperren. Einen weiteren Spruch von Machiavelli erspare ich mir an dieser Stelle. Ich habe von unserem Reiseleiter erst dort erfahren, dass 1987 auch die Urne seines Vaters Bernhard nach Tansania überführt und neben seinem Sohn Michael am Ngorongoro-Krater beigesetzt wurde. So fanden die beiden den besten Platz auf der Welt, den sie finden konnten! Serengeti darf nicht sterben! Mal sehen!

Impressionen aus der Serengeti – Bild 01
Impressionen aus der Serengeti – Bild 02
Impressionen aus der Serengeti – Bild 03

Da wir die nächsten fünf Tage und vier Nächte in einem Camp mitten in der Serengeti verbringen wollten (es war zumindest so bestellt), war es an der Zeit für mich, einmal über eigene Wege nachzudenken. In einem Dorf der Massai, in dem wohl jede/r mal war, der sich in das Innere des Ngorongoro verirrt hat oder dorthin geführt verirrt wurde, wurde unserer Gruppe die übliche Aufmerksamkeit zuteil. Die Massai nahmen Aufstellung, tanzten, sangen und hüpften vor uns auf und ab. So weit so gut. Aber ich bemerkte schon, dass die männlichen Massai immer wieder am Rande versuchten, Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich wusste natürlich dass die Massai, bezogen auf die Körperlänge, als das größte Volk der Welt galten. Aber von den Männern, die mich hier umtanzten, waren nur zwei geringfügig größer als ich! Sie nannten mich den „weißen Massai“ und meine Lebenserfahrung, dass man sich allem Neuen aufgeschlossen gegenüber zeigen sollte, hat mir zumindest einen „Sonderkontakt“ von ein paar Stunden eingebracht.

Oft wie aus einem Bilderbuch

Offen und kommunikativ zu sein, kann einige Türen öffnen und macht auch noch glücklich. Das zunächst Fremde wird schnell vertraut, wenn man sich darauf einlässt. Ich ließ mich ein und zwar einladen. Fast alle Männer des Dorfes haben sich vor mich gestellt, so Auge in Auge, um abschätzen zu können, wie groß ich den eigentlich sei. Man bewunderte im allgemeinen meine „Physics“, da Massai nicht sonderlich breitschultrig sind. Sie haben einen langen, aber auch einen sehr schlanken Wuchs. Hellhäutige Männer von großer Gestalt, die auch noch breite Schultern hatten, faszinierten sie offensichtlich. Das Dorf der Massai war nicht sonderlich weit von unserem Wildnis-Camp in der Serengeti entfernt und ich hatte absolut kein Problem damit, jetzt einfach spontan hier bei den Massai zu bleiben und eine Nacht bei Ihnen zu verbringen um die Beziehung zu vertiefen. Leider sah das unser Fahrer aus „versicherungstechnischen“ Gründen ganz anders! Die Argumente wogten hin und wogten her und am Ende sprach der Älteste des Stammes die Einladung direkt aus. Irgendwie galt das dann doppelt oder so?

Mein Luxus-Zelt in der Serengeti

Jedenfalls akzeptierte unser Fahrer danach, dass ich noch eine Weile bei den Massai bleiben durfte und diese mich später mit einem Auto zurück zum Camp bringen würden. Ich musste nicht einmal etwas unterschreiben! Ich für meinen Teil knüpfte das Bleiben an das Versprechen, dass ich keinen Urin der Ochsen würde trinken müssen und das mir auch das Blut derselben erspart bliebe. Nachdem mir diese Bitten gewährt wurden habe ich gute drei Stunden als weißer Massai bei den Einheimischen verbracht. Und natürlich kam es in einer der Hütten zu dem, was unbedingt kommen musste! Um Fremdschämen zu vermeiden versuche ich es mit dem Blümchen und Bienchen Prinzip zu beschreiben? Massai leben sehr natürlich, so wie viele Generationen zuvor. 14 jährige Mädchen haben bei ihnen mitunter schon das erste Kind und müssen einen eigenen Hausstand versorgen. Die Männer interessierten sich deshalb ganz ungeniert dafür, wie ich denn wohl so beschaffen sei, in einer gewissen Region meines männlichen Körpers und stellten vollkommen ohne Scheu ihre eigene Pracht als Anschauungsmaterial zur Verfügung.

Wütender Elefant

Hoppla! Nach meiner Inaugenscheinnahme der zu optischen (nur optischen bitte) Zwecken bereit gehaltenen Körperregionen war ich wirklich nicht mehr Willens, dem Wunsch meiner Gastgeber nachzukommen und ebenfalls etwas typisch männliches vorzuzeigen. Allgemeines Gelächter und Getuschel war die Folge und einer der Männer öffnete immer wieder mal die Tür, um den (ich konnte sie kichern hören) vor der Tür stehenden Frauen den aktuellen Stand der Dinge zu berichten! Da war ich ja in eine schöne Sache hinein geraten. Nicht dass ich über keine Erfahrung im Umgang mit Naturvölkern verfügt hätte, aber solch ein „Kräftemessen“ (wenn auch nur optisch) wurde mir noch nie abverlangt. Als das Drängen stärker wurde und ich die Enttäuschung seitens meiner Gastgeber zu spüren begann dachte ich einfach, das es ja nicht nur Über-Männer geben kann? Hatte aber Angst, dadurch die weiße Rasse in Misskredit zu bringen und von den männlichen Vertretern dieser Rasse durchgeprügelt zu werden! Andererseits: wer konnte denn über diese Schmach berichten wenn ich es nicht selber tun würde? Ich erklärte den übrigens teilweise sehr gut englisch sprechenden jungen Männern, dass ihr weißer Massai ihnen gestatten würde, Einblick zu nehmen. Ein Bekleidungsstück ablegen würde ich aber nicht!

Wachsame Löwin

Dankbar und voller Vorfreude nutzte der mir gegenüberstehende jüngere Mann diese angebotene Option und nahm „Einblick“. Ich werde noch lange darüber zu grübeln haben, was denn danach genau in ihm vorging. Es wird irgendwie für immer undefiniert bleiben müssen. Es war keine diebische Freude, keine Häme, kein Überlegenheitsgefühl auch keine Enttäuschung in diesem Blick. Der junge Mann schaute komplett undefinierbar. Auch als er sich an die anderen Interessenten wendete, und diese lapidar darüber informierte, dass der „Einblick“ nun würde getan werden können, hörte ich – trotz der fremden Sprache – nichts heraus, was auf eine Gefühlsregung schließen lassen würde. Hatten sie sich von einem weißen Massai einfach zu viel versprochen? Nachdem auch der letzte Massai Mann seinen „Einblick“ hatte, war die Geräuschkulisse genauso wie die vorher zu spürende Lebensfreude komplett gewichen. Das große Undefinierte, das möglicherweise alles am Ende verschlang, drohte sich in ihrer Hütte, ihrem Stamm und später beim ganzen stolzen Volk der Massai auszubreiten.

Federvieh Teil 01
Federvieh Teil 02

Vor meinem geistigen Auge sah ich sie schon, in ihre bunten Kleider genauso eingehüllt wie in undefiniertes Schweigen durch den Krater ziehen. Selbst die Löwen wären damit nicht klargekommen, da diese mit den Massai ein klares Feindbild assoziierten. Und das alles nur weil ich, stolz meine männliche Unterlegenheit anerkennend, „Einblick“ gewährt hatte? Am Ende wäre die Nahrungskette zusammen gebrochen und in Afrika wäre alles Leben erloschen. Ich musste also handeln – möglichst schnell denn noch immer waren alle Augenpaare indifferent auf mich gerichtet, so als ob sie auf den Versuch einer Erklärung oder bestenfalls auf eine Erklärung warten würden. Ich beschloss, Afrika zu retten und in die Erklärungsoffensive zu gehen. Sie verstanden nur zu gut, als ich ihnen die Elastizität der Zellen und das Prinzip der Durchblutung erklärte. Die Massai waren ja nicht doof und einige von denen hatten Medizin studiert. Ich verstieg mich also in der Aussage, dass durch Größenwachstum manche Dinge am Ende dieselbe Größe erreichen können wie die schon im Ursprungszustand großen Sachen dieser Welt. Nach kurzem überlegen war man damit zufrieden und das Lächeln kehrte in ihre aparten Gesichter zurück. Am Ende lachten sie und schlugen sich auf die Schultern so als wollten sie sich sagen: „na siehst Du, ein weißer Massai eben, aber doch ein richtiger, wenn auch irgendwie anders“.

Federvieh Teil 03
Federvieh Teil 04

Aber in dem Moment fingen die eigentlichen Probleme erst an! Das große Undefinierte hatte ich besiegt, Glück und Freude in die Herzen meiner Interims-Gastgeber gezaubert. Und nun kam mir das Problem in die Quere, dass Menschen über alle Nationen und Kontinente hinweg von Wissensdurst getrieben werden (sonst hätten sie sich gleich das „einblicken wollen“ erspart) und zudem oft Beweise für Gesagtes fordern. Mir wurde mulmig! So meine Herren, hatten wir aber nicht gewettet! Das Gejohle und Geschreie um mich herum wurde lauter! Wie verdammt, wie sollte ich meinen Kopf jetzt aus dieser Schlinge ziehen, in welche ich ihn höchstselbst hinein gesteckt hatte? Sie forderten den Beweis, ich blockierte das mit aller mit zur Verfügung stehenden sprachlichen und körperlichen Eloquenz! Wenn das körperlich überhaupt je gegangen ist. Fieberhaft rasterte ich meine Gedanken-Matrix auf der Suche nach einem erneuten Schlüssel zur Lösung des nun eher in rasender Vorfreude anbrandenden Problems. Da kam mir die Idee: ich bat mir Ruhe aus und es wurde prompt geschwiegen. Hoffnungsfrohe Blicke.

Typische Straße durch die Serengeti

Anschließend habe ich fein ziseliert die Verhaltensunterschiede in der Kultur der Deutschen und der Massai zu beschreiben versucht. Ich inszenierte ein Szenario, in dem ich mich auf die tiefsten Tiefen der Bibel berief und Tätigkeiten wie dieser Mensch, dieses schlechte Beispiel aus der Geschichte der Bibel (der der er’s auf die Erde fallen und verderben ließ – ihr wisst schon), in den tiefsten Tiefen der Hölle schmort und ich keinesfalls dem Teufel begegnen wolle und überhaupt. Nach etwa 20 Minuten Erzähldauer hatte ich sie alle davon überzeugt, dass ich der bibelfesteste Mensch unter Gottes Sonne war und sie blickten danach ein wenig verstört. Sie kannten zwar unseren Gott nicht direkt persönlich und hatten auch nur von der Bibel gehört, wenn sie einen höheren Bildungsgrad hatten, aber sie verstanden das Prinzip, da sie selbst im Sinne von Naturreligionen, religiös waren und ihren Engai hatten, der auf einem Berggipfel in Tansania saß und den Massai alle Rinder dieser Erde überlassen hatte. Zu solchen Dingen wie (der der er’s auf die Erde fallen und verderben ließ – ihr wisst schon) hatte der Engai zwar nix Konkretes verlauten lassen, aber sie akzeptierten, weil nach ihrer Meinung sicher jeder Schöpfer so seine Macken hatte. Einer der jungen Männer verkündete dann mit einem echten „Heureka-Gesicht“ die Idee, dass, wenn der Beweis im Eigenverfahren nicht würde erbracht werden können damit der Eigenverfahrende nicht in die Hölle kommen muss und sich dort mit dem Teufel zu messen hätte, er mir diese Arbeit abnehmen würde, weil so dann ja meinen religiösen Überzeugungen genüge getan war!

Wer ist wohl stärker? Wasserbüffel oder Zebra?

Allgemeines Gejohle und Gekreische. Auch vor der Hütte, nur in höherer Stimmlage denn die Damenwelt hörte jedes Wort mit. War das jetzt die todbringende Kugel für meinen überzüchteten Kultur-Mensch-Verstand? Die Schlinge lag ja bereits gefühlt um meinen Hals, meine Mutter würde jetzt nicht spontan auf der Bildfläche erscheinen um mich zu meinem Schutz zurück zu gebären! Und ich hoffte auch in dieser Ausnahmesituation keine Sekunde lang darauf, dass der ultrarechte Macho und Rassist John Wayne hier auftauchen würde um mich zu retten. Hoffte ich überhaupt noch auf etwas? Diese erwartungsvollen Blicke! Sie kamen näher und drängten sich um mich. Waren die etwa alle schlau? Wollten die mich fertig machen? Also tief Luft holen und nochmal die Unterschiede zwischen einem Heterosexuellen Menschen und einem Homosexuellen Menschen erklärt. Die beiden Begriffe kurz und knapp (jeweils ca. 10 Minuten) erläutert und dann mit erhobenen Händen und perfekt gespielter Betroffenheit die absolute Unmöglichkeit der geplanten Vorgehensweise beschrieben.

Die Antwort fällt deutlich aus. Kaum antastbar, die Herden

Da war es wieder – aber nur kurz – dieses indifferente Blicken! Aber nur kurz! Schnell hatten sie ihre gute Laune wieder und machten mir in teilweise perfektem Englisch klar, dass wir Deutschen bei unserer Erziehung etwas komplett falsch gemacht hätten und das wir uns aber sowas von einer Menge Spaß und Freude entgehen lassen würden, wenn wir wirklich alle so lebten wie eben von mir beschrieben. Aber sie lachten wenigstens, erst leise, dann lauter und dann ging der junge Mann an der Tür kurz nach draußen und im nächsten Moment schoben sich zwei weibliche Augen um die Ecke und blickten mich erwartungsvoll an.

Und genau hier, genau an dieser Stelle, endet die Geschichte! Ich weiß nicht mehr genau, wie ich ins Camp, in mein Zelt und in mein Bett gekommen bin an diesem Tag. Ich kann mich erinnern, dass trotz einer aufgestellten Wache (wir waren dort schließlich von gefräßigen Löwen und Löwinnen umgeben) ein großes Tier – nach meinem Ermessen ein Wasserbüffel – über eine der gespannten Schnüre stolperte und beim geräuschvollen Davonlaufen noch Laute der Verärgerung von sich gab was das Tier jedenfalls nicht davon abhielt, noch einen Stützpfeiler des luxuriösen Zeltes aus der Verankerung zu treten, so dass das Zeit teilweise kollabierte. Ich weiß auch noch, dass ein Rudel von gefräßigen Löwen und Löwinnen, die erst recht weit entfernt ihr markerschütterndes Brüllen von sich gaben, plötzlich dicht – und für meinen Geschmack viel zu dicht – an meiner Behausung dieselben Töne wiederholten. Ich weiß noch, das ich besorgt war und darauf hoffte, dass der Wächter schon bald mit großem Getöse kommen und mit Schüssen des Erschreckens in die Luft diese Szene zu meinen Gunsten entscheiden würde. Ich weiß noch dass ich mich deutlich länger in Geduld fassen musste als erwünscht. Ich weiß auch noch, dass diese Wächter dann irgendwann mit Schüsseln klappernd und laut rufend, die Taschenlampen gegen mein Zelt richtend, ihre Arbeit taten. Ich weiß noch dass ich damals dachte, dass es an der Zeit war, mir zu Hilfe zu eilen, denn meine Behausung war von einem Gewebe aus Nylon und Polyester umspannt – es handelte sich nicht um drei Meter Stahlbeton!! Das alles weiß ich noch, aber klare Erinnerungen an das Massai Dorf habe ich nicht mehr. Schade eigentlich!

Erwachsener Löwe auf Beuteschau

An einem der Tage in der Serengeti besuchten wir auch die Olduvai-Schlucht. Und auch wenn in Zeiten von Corona viele Menschen nur noch in Sorge leben können, krank zu werden und das ihre Leben ein Ende finden könnten, kann ich nur sagen, dass der ewige Kreislauf nicht durchbrochen werden kann. Es gibt noch immer nur dann einen Anfang, wenn er auch mit einem Ende gekoppelt ist. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei? Wenn wir der Forschung glauben wollen, das der momentan vorhandene Stand der Erkenntnis auch stimmt, dann hat die Geschichte der jetzt sich so bedroht fühlenden Menschheit ihren Anfang auch in der Olduvai-Schlucht genommen. Es war dann auch irgendwie ein anderes Gefühl, auf der Aussichtsplattform zu stehen und in die von zahllosen kleinen Felsen gekennzeichnete Schlucht zu schauen. Anders als beim ersten Anblick des Eiffelturmes oder der Tower Bridge. Vielleicht weil es nachdenklich machte – so irgendwie jedenfalls. In den Wahrnehmungen muss ja nicht immer alles klar definiert sein!

Erst die Einbeziehung der Mitwelt gibt dem Dasein des Individuums einen Sinn.

Abwechslungsreiche Streckenführung

Die Olduvai-Schlucht galt lange als die „Wiege der Menschheit“. Sie wurde International bekannt, als man dort zahlreiche Fossilien von frühen Verwandten des anatomisch modernen Menschen fand. Die Schlucht war mir besser bekannt als die anderen Plätze der Reise, weil ich ja als Kind sehr daran interessiert war, woher wir kamen um besser zu verstehen, wohin wir einmal gehen würden. Mein „ich“ war in der Schnittmenge der Suche nach dem wir enthalten. Die Schlucht liegt nur etwa 20 Kilometer nordwestlich des Ngorongorokraters, hat eine Länge von knapp 50 Kilometern und ist bis zu 100 Meter tief. Kein Vergleich zum Grand Canyon. Der ist etwa 450 Kilometer lang, bis zu 30 Kilometer breit und bis zu 1800 Meter tief ist. Wer dort am Rand steht und in die Tiefe blickt, erhält mitunter einen regelrechten Schock. Alles ist in Aufruhr über so viel Größe. Nicht so in der Olduvai-Schlucht. Hier wird man eher still? Vielleicht weil man spürt, dass man es hier mit sich selbst zu tun hat? Aber vielleicht wird bald niemand mehr hierher kommen können? Außerdem sucht der Mensch ja immer den Superlativ! Es soll höher gehen, schneller werden und dabei möglichst massig sein. Wie bei den Dinosauriern? Die berühmte „Lucy“ kommt ja nicht einmal von hier, die wurde 1974 im Afar-Dreieck in Äthiopien gefunden. Und wahrscheinlich kennen Lucy deswegen viele so gut, weil im Kassettenrekorder der Archäologen damals gerade das Lied „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles lief und diese ihr Skelett deshalb Lucy tauften? Lucy & ihre verstreut um sie herum liegende Familie wird auf ein Alter von 3,2 Millionen Jahre geschätzt. Aber nach Äthiopien würde ich deshalb nicht reisen wollen, zumindest nicht jetzt gleich. Vielleicht in 3,2 Millionen Jahren? Dann wäre mein Zustand vielleicht auch wieder besser?

Festgefahren in einem Matschloch

Die Empfindungen meiner Reise-Gefährten waren jedenfalls sehr unterschiedlich, als wir dort am Rande der Schlucht von Olduvai standen. Die junge Französin, die ihr Kopftuch während der gesamten Reise niemals ablegte und die sich durch einen wundervollen Akzent auszeichnete, saß ziemlich gelangweilt auf einer Bank und fragte ständig nach, wann es denn endlich weitergehen würde, sie wolle zu den Tieren. Akzeptabel und trotzdem irgendwie blöd! Warum sind die Menschen bloß oft so zielbezogen borniert? Als 2010 – und damit drei Jahre nach dieser Reise nach Tansania – der Eyjafjallajökull in Island eruptierte und der Flugverkehr in Europa größtenteils zum Stillstand kam, hatte ich auch so ein Erlebnis, dass ich nie vergessen werde! Die damals 18 jährige Tochter unserer Nachbarn stand auf der Straße vor unserem Haus, stampfte mit dem Fuß auf den Boden, weinte und schrie immer wieder, dass der verdammte Vulkan endlich aufhören solle zu spinnen, sie wolle doch in zwei Tagen mit ihren Freundinnen nach Berlin fliegen und sie hätte sich doch so darauf gefreut. Frechheit ist ja bekanntlich ein Vorrecht der Jugend, aber der alte Eyjafjallajökull hat sie wahrscheinlich nicht einmal gehört.

Alle Kontakte zum Menschen werden nur aus einem Grund gesucht!

Aber dann kam unsere junge, Kopftuch tragende Französin ja auch schon bald wieder zu ihren Tieren zurück. Natürlich waren wir mit unseren beiden Jeeps nicht allein! Ich erinnere mich an eine Durchquerung einer großen Ebene in der Serengeti, in der sich außer uns auch noch etwa 40.000 Gnus befanden. Hier blockierte plötzlich eine Zebra-Bande die Piste und da die Tiere im Nationalpark bekanntlich Vorfahrt haben, mussten wir warten. Da man sehr weit über die Piste zurückschauen konnte und wir bestimmt 20 Minuten „Zebra-Vorfahrt“ genießen durften, stauten sich zahlreiche Jeeps hinter uns in einer Staubwolke auf. Am Ende zählte ich 23 Allradfahrzeuge in denen immer zwischen 4 und 8 Personen saßen. Serengeti-Nationalpark Massentourismus! Wir haben nur einen einzigen Jeep gesehen, in dem nur eine Person saß. Das ist sehr kostspielig und der Mann (aus Indien) konnte sich das nur leisten, weil er in Neu-Delhi eine große Import-Export Firma betrieb, die nach seinen Angaben 3.500 Angestellte hatte. Wir haben ihn nämlich an einer der wenigen Rastplätze dort kennengelernt, wohin alle Jeeps fahren mussten um ihren Touristen die Möglichkeit zu geben, eine Toilette zu nutzen oder sich mal einen Kaffee zu kaufen.

Wehrhaftes Warzenschwein
Umsichtiger Jung-Pavian schleppt Mutter mit sich rum

Nicht alles in der Serengeti ist Nationalpark! Die gesamte Serengeti ist vielmehr eine Savanne, östlich des Victoriasees, etwa 30.000 Quadratkilometer groß. Auf den Serengeti-Nationalpark entfällt „nur“ eine Fläche von fast 15.000 Quadratkilometern. Wir haben dort Leute getroffen, die seit 30 Jahren jedes Jahr hierher kamen und noch längst nicht alles gesehen hatten. Und dann erwischte es uns am vorletzten Tag tatsächlich einmal wirklich, ohne dass unsere Fahrer ein Show abgezogen hätten. Überall in der Serengeti gibt es – auch in der Trockenzeit – matschige Stellen und Sumpflöcher. Die Fahrer kennen ihre Pisten natürlich in und auswendig, aber die Natur lässt sich schlicht und einfach nicht berechnen, sie unterliegt – freiwillig und ohne einen großen Aufstand zu machen – dem stetigen Wandel. Wir hatten schon einige Male beobachten können, dass sich andere Jeeps festgefahren hatten. Es schien nie ein großes Problem zu sein. Steckte eines der Fahrzeuge im Schlamm fest, kam ein anderes dazu, ein Seil wurde angebracht und nach kurzem Vor und Zurück war das im Schlamm steckende Fahrzeug wieder in der Spur.

Schlammpackung zur Abwehr von Ungeziefer

Bei „unserem“ Vorfall lief es ein bisschen dramatischer ab. Unser Chef-Fahrer (er war es noch immer, da der Untergebene während der Reise keine Chance erhielt, sich an dessen Stelle zu setzen) hatte uns gerade an einem Löwenfelsen vorbei kutschiert. Dort oben stand auch eine Löwin und blickte gleichmütig über die Savanne. Sie war wohl satt? Geschätzte fünf Minuten später, was bei langsamer Schleichfahrt zum Zwecke der Beobachtung der Tiere lediglich 2 Kilometer Distanz zum Löwenfelsen bedeutete, gerieten wir in ein sich immer weiter um uns herum ausdehnendes Matschloch. Unser Fahrer versuchte es mit der Variante Vollgas und sein zweiter Mann war dicht hinter uns. Und dann ging wirklich nichts mehr: festgefahren. Nun hätten die beiden ja so verfahren können, dass man die Variante mit dem „Seil dran und weiter gehts“ angewendet hätte. Ja, hätte, wäre, wenn. Der zweite Jeep war zwar nicht so tief im Schlamm stecken geblieben, hatte sich aber dennoch so weit ins Matschloch hinein bugsiert, dass er selbst nicht mehr aus eigener Kraft heraus kam.

Wir armen Touristen durften aus Sicherheitsgründen den Jeep erst einmal nicht verlassen. Es konnten ja Löwen im Gelände sein! So wurden mit einem Funkgerät weitere Jeeps um Hilfe gebeten, die dann wie Perlen auf einer Schnur hintereinander standen und durch Seile miteinander verbunden am Ende auch den letzten Jeep (unseren) wieder auf trockenen Boden ziehen konnten. Und erst nachdem zwei Wachmänner mit Gewehren auf der Bildfläche erschienen, durften wir aus den Jeeps heraus, um die Szene bildlich einzufangen. Wir haben Löwenspuren gefunden und sie waren recht frisch!

Protagonist 01 – Perlhuhn

Am letzten Tag besuchten wir den Ndutu-See, an dessen Ufern man sich auch relativ frei bewegen durfte, wenn man bereit war zu versichern, dass man sich den Blicken des (bewaffneten) Fahrers nicht entzog. Hier kam es dann zu einem bemerkenswerten Treffen von allerlei Vogelvieh. Daran beteiligt waren ein Rotmilan, ein Perlhuhn und ein (dummes) Sumpfhuhn! Wie das? An eben jenem Ndutu-See gab es feste Plätze, an denen die Touristen ihre Picknick-Pakete öffnen und verspeisen durften. Es gab genügende davon, so dass sich die Insassen der etwa 10 Jeeps nicht um die besten Plätze balgen mussten. Solche Plätze, an denen Touristen regelmäßig ihre Pausenbrote verspeisen, entwickeln sich – denn die Tiere sind ja nicht blöd – dann immer zu Hotspots der Begegnungen mit dem einheimischen Tiervolk. Deshalb mussten alle den Anweisungen des Fahrers Folge leisten und auf den weit verzweigten Wurzelns eines Baumes „unter“ dessen Baumkrone Platz nehmen. Ja und ich würde niemals den ersten Stein werfen oder mit dem Finger auf jemanden zeigen, der sich über die Anweisung, die Tiere nicht zu füttern, hinwegsetzt.

Protagonist 02 – Milan

Einige meiner besten Tier-Aufnahmen entstanden unter solchen Bedingungen. Die junge Französin saß zusammen mit ihrem Freund vorschriftsmäßig auf dem Wurzelwerk, als eine Gruppe von Perlhühnern auf der Bildfläche erschien. Es waren nicht diese Liliput-Perlhühner die manch ambitionierter Hühnerzüchter in Deutschland zusammen mit seinen Hühnern hält um die Sicherheit im Hühnerhof zu verbessern! Das Perlhuhn gilt als sehr wachsam und einige Haushühner verdanken ihre Leben sicher der Aufmerksamkeit eines Perlhuhns, weil es den herannahenden Hühner-Habicht schon weitem erkennt und freundlicherweise dann auch noch Warntöne ausstößt. Diese Perlhühner hier am Ufer des Ndutu-Sees übertrafen „unsere“ Perlhühner sicher dreifach an Wuchs und Gewicht! Vielleicht hatte diese Spezies in ihrer Frühzeit zu viel Hefe gefressen? Nun, diese Perlhühner hier waren recht aufdringlich und vollkommen respektlos einer ihnen intellektuell und körperlich hoch überlegenen Spezies (uns!) gegenüber. Ohne Scham und Scheu rückten sie uns auf die Pelle, steckten ihre Köpfe in alle Tüten und Boxen und versuchten so, an Nahrung zu gelangen.

Protagonistin 03 – Französin

Es kam, wie es kommen musste: unsere jungen Damen, die Französin und Konny aus meinem Jeep, steckten dem aufdringlichen Federvieh Leckerlies zu. Der Fahrer, der das live mit ansehen konnte, machte nur diese vielsagende Handbewegung, die bedeutete „da kannst du reden wie du willst, du sprichst einfach gegen eine Wand“ und beließ es dann dabei. Weitere Ermahnungen seinerseits erfolgten nicht. Ich sah dieses Fehlverhalten im Prinzip positiv. Wurde ich dadurch doch in die Lage versetzt, die Perlhühner noch besser ablichten zu können. Aber mit der Futterspende an die Hühner war es im Prinzip so wie mit der Entwicklungshilfe: unterstützte Völker werden nicht dankbar, sondern anspruchsvoll! Der Anspruch der Hühner, ihren Anteil am Futter zu erhalten, wuchs mit jeder milden Gabe. Am Ende saßen die vorwitzigsten von Ihnen auf dem Schoß der Menschen und verhinderten aktiv, dass diese weiter Nahrung zu sich nehmen konnten.

Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht genau, was Perlhühner so alles fressen! Eines rannte sogar mit einem angebissenen Hühnerbein davon! Kannibalismus war hier offensichtlich kein ernstes Problem? Aber das Huhn und sein an ihm befindliches schönes Federkleid kam nicht weit. Denn kaum hatte es ein paar Schritte aus dem Schutz der Baumkrone heraus gemacht, huschte ein mächtig großer, dunkler Vogel heran, woraufhin das Perlhuhn seinen im Schnabel befindlichen Artgenossen (zumindest Teile davon) vor Schreck fallen ließ. Die Beute des Huhnes wurde augenblicklich zur Beute eines Rotmilans. Der zweite gefiederte Protagonist war damit auf der Bildfläche erschienen. Wo aber blieb das (dumme) Sumpfhuhn? Diese Rolle musste erst noch besetzt werden und glücklicherweise war unsere Kopftuch-Französin bereit, diese Rolle zu übernehmen. Die Frau hatte schlicht Hunger, war aber unter der schützenden Krone des Baumes nicht mehr in der Lage, ihr Essen in die dafür vorgesehene Körperöffnung zu transportieren! Jedes Mal wenn sie es versuchte, wurden die Bemühungen des auf ihrem Schoß sitzenden Perlhuhns (und auch die der drei anderen Exemplare, die ihre Füße besetzt hielten) unverfrorener, ihre diese Nahrung zu entwenden. Das Huhn folgte dem geplanten Bissen – zur Not bis in die Mundhöhle der Französin.

Klippschliefer schauen gelangweilt und tun Nichts

Genervt stand diese nun auf und machte sich – das letzte noch verbliebene Hühnerbein schützend in ihrer Hand haltend – daran, den Schutz der Baumkrone ebenfalls zu verlassen um die aufdringlichen Hühner endlich loszuwerden. Sie steuerte zu diesem Behufe einen großen Stein an, der etwa 20 Meter vom Baum entfernt liegend nur darauf zu warten schien, dass jemand auf ihm Platz nehmen würde. Zwei der Hühner folgten ihr eine Weile, gaben dann aber auf und kehrten zu den anderen Touristen unter den Bäumen zurück um dort – als Spezialisten der Übeltat – weitere Beute zu machen. Unser Fahrer blickte der davoneilenden Französin nach und ein Lächeln begann seine Lippen zu umspielen. Er schaute mich an und gab zu verstehen, dass ich meine Kamera einsatzbereit halten sollte. Er deutete immer wieder zur Französin und zum Himmel und wieder zurück. Ich ahnte, was kommen würde, war aber zu spät! Denn genau in dem Moment, in dem die Französin, sicher seiend nun zu ihrer wohlverdienten Hühnerbein-Speise kommen zu können sich gesetzt, und den leckeren Bissen zum Mund zu führen begann, rauschte der große Schatten heran. Der Rotmilan hatte seine Beute erfasst. Er wollte ja nicht die Französin erbeuten, aber doch das Hühnerbein.

Unser letzter Elefant

Wie geschickt er sich im rasenden Anflug in der Luft genau so drehte, dass er zwar mit der Masse seines Körpers den der Französin nicht berühren würde, seine zum Fang bereiten Klauen aber doch so weit ausstreckte, dass er der Dame den Bissen vom Munde weg riss. Ein kurzer Aufschrei, ein davoneilender Rotmilan mit einem nagelneuen Hühnerbein in den Fängen. Es gab einen kurzen „Freece“, die Szene schien für Sekunden eingefroren. Und dann der wundervolle Moment, als die Französin mit einem ungläubigen Staunen – aber noch immer hungrig – in ihren durchaus schönen Augen wieder unter den Schutz der Baumkrone zurückkam und dann mit ihren noch wundervolleren Akzent sprach:

„Err at misch weh gemacht“

und ihren Finger zeigte, an dem entlang sich ein klitzekleiner Blutstropfen der Schwerkraft folgend seinen Weg nach unten zu bahnen begann. Sie wurde vom Chef-Fahrer schnell mit den nötigen Medikamenten zur Desinfektion versorgt und ersparte sich dadurch eine Amputation ihrer Gliedmaße in einem Krankenhaus Tansanias! Wildnis war eben Wildnis und ich sagte ihr noch dass sie froh sein solle, dass es nur ein Rotmilan war, der sie beraubte! Ein vorbei springender Löwe hätte mehr mitgenommen wenn er davon gerannt wäre.

Letzte Affenliebe

Der Rest ist schnell erzählt. Wir hatten an diesem Tag noch eine ungeheure Menge an Tier- und Naturbegegnungen. Ich freute mich immer sehr darüber, dass die Tierbegegnungen auch gleichzeitig Naturbegegnungen waren, sonst hätten sich die Löwen eines Tages ja doch in mein Zelt verirrt! Wir besuchten noch den Jipe-See, wo wir eine große Population von rosafarbenen Flamingos sehen konnten und fuhren anschließend nach Arusha zurück. Der Rest der Truppe, die beiden jungen Leute (Französin und Freund) aus meinem Hotel von der ersten Nacht, das Unternehmer Ehepaar, auch Christa die Sozialpädaogin und Konny samt Mann hatten noch einen Anschlussurlaub auf Sansibar gebucht. Am Ende war es mir gelungen, dass Zuhause zumindest partiell doch so weit auszublenden, dass ich unbeschwerte Minuten erlebte. Es ging mir gut und die folgenden Wochen und Monate musste ich meine Photos sortieren und in mühevoller Kleinarbeit die Fakten im Internet zusammen suchen, die ich vor lauter Faulheit nicht an Ort und Stelle aufgeschrieben hatte.

Rückfahrt nach Arusha

Fazit:

Es gibt viele Plätze in Afrika, die unter den Folgen der Korruption, die in Afrika weit tiefer als anderswo verwurzelt und gesellschaftlich zum Teil auch akzeptiert ist, leiden. Den meisten Afrikanern geht es auch nur um die Mehrung des eigenen Wohlstands. Gleichzeitig schimmerte aber gerade in Tansania immer und überall die Lebenslust der Afrikaner und ihre Kreativität inmitten der Armut durch. Und auch das exotische Afrika-Bild, dass ich als Querdenker oder Vermeider von Allgemeinplätzen im Prinzip nicht erst sehen wollte, hat sich meiner bemächtigt. Und der Kindheitstraum? Hat sich erfüllt, auch wenn ich – erwachsen geworden – niemals behaupten würde, dass Bernhard Grzimek ein Vorbild gewesen wäre! Vielleicht als Kind? Später aber erkannte ich, dass er Tierfreund und gleichzeitig Menschenfeind gewesen ist. Seine Mahnungen zum Thema der Gefahr einer drohenden Überbevölkerung waren dagegen fast schon prophetisch. Ich habe den Tierfreunden dieser Welt Tansania immer empfohlen und 2013 auch eine Reise dorthin angeboten. Ich konnte diese Reise nicht begleiten, fand aber, dass die Erlebnisse von 2007 auch noch 6 Jahre später sehr nachhaltig waren. Ich denke oft an die Tiere dort, auch daran, dass sie unseren Schutz benötigen. Wenn die Touristen und das Geld ausbleiben, werden Wilderei und Tötungen der Wildtiere wieder zunehmen. Es bleibt ein spannendes Feld mit diesen vielen Milliarden unterschiedlichen Individualitäten!

RR

Ende der Reise

06.04.2020

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