Reisen in der Retrospektive – Peru / Galapagos 2012

Reisen in der Retrospektive – Peru / Galapagos 2012

Kicker Rock oder Léon Dormido Galapagos / Ecuador

Kombinationsreise nach Peru und Galapagos 2012

Langeweile sollten die, die noch dazu befähigt sind, auch mal aushalten können! Gelangweilte Kinder können ja schon ganz schön anstrengend sein, aber wie ist das dann erst mit einem Erwachsenen? Es ist nachvollziehbar, dass Menschen das unbedingt vermeiden wollen. Dabei kann gerade Langeweile wichtige Prozesse und sogar Kreativität auslösen. Sieht man vielleicht auch an den vielen geteilten Inhalten hier bei Facebook? Viele machen sich plötzlich um Vieles Gedanken! Aber sitzt das auch oder ist es am Ende nur eine Interims-Beschäftigung? Langeweile kenne ich nicht, kannte ich nie. Ganz im Gegenteil, die Zeit, in der ich mich mit dem süßen Nichtstun beschäftigen könnte, verursacht eher innere Schweißausbrüche. Wenn ich da so über das Nichtstun nachzudenken beginne habe ich jedes Mal keine Zeit. Und jetzt habe ich auch noch damit begonnen, meine Reise-Erlebnisse zu verschriftlichen. Ich weiß nicht einmal warum, weiß nur, dass es vielen Leuten viel zu viel zu viel zu viel sein wird, solche Dinge überhaupt zu lesen!

Plaza de Armas de Lima

Ich habe die Menschen immer gut beobachtet und meine sagen zu dürfen, dass die meisten sich absolut und immer nur für die Sachen interessieren (können?), die sie selbst mittel- oder unmittelbar betreffen. Rüdiger Nehberg ist gestorben. Ich denke, dass der alte Haudegen das locker genommen hat. Jetzt schreiben plötzlich alle, dass er der bekannteste Abenteurer Deutschlands gewesen sei? Ob mein alter Bekannter Arved Fuchs das gerne hört? Rüdiger hat mal den Atlantik auf einem Baumstamm überquert, ein anderes Mal mit einem Tretboot und später nochmal mit einem Floß. Hatte wohl eine innige Beziehung zum Wasser? Sich monatelang allein und ohne Ausrüstung durch Regenwald und Wüste zu kämpfen ist mir nicht ganz fremd, aber Angriffen von Tieren und Menschen habe ich mich nie ausgesetzt. Ich habe ihn irgendwann 1995 näher kennengelernt. Am Anfang hat er sein Ding ganz sicher zum reinen Selbstzweck gemacht. Auch da kenne ich mich aus.

Plaza de Armas de Lima

Es sind aber immer die Begegnungen, die den Wert eines Lebens ausmachen und es sind auch immer die Begegnungen, die einem mitunter ganz spontan eine neue Lebensausrichtung verpassen. Rüdiger hatte diese, ihn verändernde Begegnung wohl bei den Yanomami-Indianern im brasilianischen Regenwald gehabt! Da bin ich mir sicher. Danach ist irgendein Schalter in seinem Kopf umgelegt worden. Er war schon recht bekannt und erfolgreich zu dieser Zeit. Deutschland will einfach immer von allem auch etwas haben! Wenn es keinen Kaiser gibt! Nicht mal einen König! Den großen Abenteurer hatten ja schon die Österreicher unter Dach und Fach, den Messner Reinhold! Und wo blieben wir? Wenn Rüdiger über eine derart große Profilneurose verfügt hätte wie Reinhold Messner, dann wäre er sicher irgendwann in der Öffentlichkeit als „HELD“ an dem vorbei gezogen. Ganze Bücher könnte ich schreiben über die verwegenen Hunde der Abenteuerbranche. Aber das bringt nix! Hat immer massive Klagen zur Folge. Die größten Helden dieser Zunft könnten ein Kind essen und vorher in den Kaffee tunken oder junge Hunde und Katzen mit bloßen Händen zerquetschen. Das ihnen ergebene Volk würde trotzdem in die Hände klatschen wenn man ihm sagt, dass das alles „richtig & wichtig“ gewesen wäre.


Rafael Larco Herrera Museum in Lima

Ob Königin Corona an dieser volltrunken wirkenden Gesamteinstellung etwas ändern kann? Ich befürchte nicht. Rüdiger war anders, er hat seine Ziele nicht auf sich selbst definiert. Sind kurze Sätze heute, was? Lange Schachtelsätze, so wie sie mir oft eingegeben werden beim schreiben, nerven mitunter genauso wie zu lange Artikel. Wäre mal einen Versuch wert. Was? Na einen ellenlangen Artikel mit extrem kurzen Sätzen zu schreiben. Generiert vielleicht mehr Aufmerksamkeit? Rüdiger Nehberg? Der wollte nach der Berührung mit den Yanomami seinen Aktionen wenigstens einen Sinn geben. Ich weiß noch, dass er damals sehr in der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker engagiert war. Das überzeugte mich, er war echt! Ich glaube er hielt mich auch für echt! Zumindest ist unser Kontakt nach der ersten Begegnung 1995 für eine Weile nicht mehr abgerissen. Aber dann kam es zu einer Verstimmung: meinerseits. Das, was für Rüdiger die Yanomami Indianer waren, waren für mich die australischen Aborigines. Er hatte meinen Vortrag beim Weitsicht-Festival von Dieter Glogowski gesehen und fand meine Erlebnisse „stark und authentisch“ (O-Ton). Er stand damals seitens seiner Sponsoren und Unterstützer wohl ziemlich unter Druck? Ich weiß es nicht, weiß nur, dass er mich eines Tages anrief und um Informationen darum bat, wie man zu den Aborigines Kontakt bekommen könne. Er wolle „was“ mit den Aborigines machen. Vielleicht hat er sich nur schlecht ausgedrückt?

Rafael Larco Herrera Museum in Lima

Danach habe ich den Kontakt nicht mehr gesucht, im auch keine Tipps gegeben. Er hat es trotzdem hinbekommen und sich 1997 einem geradezu absurden Wettbewerb gestellt, in dem er (selbst damals schon 61 Jahre alt) einen Wettlauf durch das australische Outback gegen einen 75 Jahre alten Aborigine – quer durch die australische Einöde – ins Leben rief. Beteiligen durfte sich auch ein „High-Tech-Ami“, der mit dem modernsten Schnick-Schnack ausgestattet war. Ich ahnte schon, dass er Leuten wie uns, die der Öffentlichkeit eine gewisse Aufmerksamkeit den verborgenen Kräften der Ur-Völker abringen wollten, am Ende einen Bärendienst erweisen würde. So kam es dann auch, denn der „High-Tech-Ami“ hat das Wettrennen gewonnen. War halt „was“ mit Aborigines! Ich weiß nicht, ob ich noch schaffen werde, diese Zeit mit den australischen Ureinwohnern zu Papier zu bringen? Intensiver als alles andere, was ich je im Leben gemacht habe. Ein Buch würde es mindestens werden.

Und jetzt rennt bitte nicht alle gleich wieder los, um euch den „Traumfänger“ zu kaufen oder auszuleihen! Alle mir bekannten Aborigine Organisationen haben viele Jahre lang verzweifelt versucht, dieses Pamphlet wieder vom Markt zu verbannen. Ohne Erfolg! Da hingen gewaltige wirtschaftliche Interessen dran und auch wenn die Lügen darin so nach und nach deutlich wurden, hat man das Buch immer weiter und weiter übersetzt und verkauft. Money maks the world go around. Ob daran Corona etwas ändern wird? Keine Chance. Niemals. Ich bin ja immer noch bei diesen kurzen Sätzen! Rüdiger ist jedenfalls jetzt tot und es weiß niemand so genau, ob er nicht am Ende am Coronavirus gestorben ist. Er hat meine aufrichtige Hochachtung gehabt, wobei ich meine Wahrnehmung aber immer auf ihn und seine Mitte fokussieren musste. Das drumherum war teilweise fragwürdig.

Moderne Gebäude in Lima (2012)

Aber das, was er mit seiner „Target“ Unternehmung erreicht hat, ist aller Ehren wert. Er zeigte unermüdlichen Einsatz gegen die Genitalverstümmelung bei jungen Mädchen und Frauen in Afrika und Asien. Seine zweite Frau stand ihm da absolut zur Seite. Die arbeiteten nicht nur mit wichtigen Organisationen zusammen, sondern hatten auch die Größe, 2006 eine Konferenz hochrangiger islamischer Gelehrter in Kairo zu initiieren und tüchtig vor den dortigen Macht-Affen zu kriechen und zu buckeln. Die hochrangigen islamischen Gelehrten haben die Genitalverstümmelung auch brav als nach islamischem Recht verboten deklariert. Gebracht hat es aber wenig! Vielleicht war Rüdiger einfach ein bisschen politikfähiger als ich das je sein könnte? Ich wäre mit meinem dressierten Kampf-Nasenbären aus dem letzten Blog dort aufgetaucht und hätte ihn auf die hochrangigen islamischen Gelehrten losgelassen. Die haben auch alle den Niccolò Machiavelli gelesen. Die wissen wie Macht geht! Wie hat er das formuliert, der Machiavelli ? „Politik ist die Summe der Mittel, die nötig sind, um zur Macht zu kommen und sich an der Macht zu halten und um von der Macht den nützlichsten Gebrauch zu machen!“ Noch Fragen?

Ankunft am Flughafen in Arequipa

Da haben die neuen politischen Kräfte im Land allerhand damit zu tun, diese Damokles Schwerter sanft abzuhängen und um Vertrauen bei den Menschen zu kämpfen. Es gibt viel zu tun, packen wir es an? Heute hat man in den öffentlich/rechtlichen Medien den Motorradfahrern/-innen einen Gedanken gewidmet! Zu Ostern beginnt ja normalerweise die klassische Motorradsaison. Was machen die Besitzer solcher Fahrmaschinen denn jetzt? Spritztouren sind ja überall verboten! Die „Freiheit“ haben wir ja im Prinzip alle im Sinn, kaum etwas ist im gesellschaftlichen Leben so begehrt wie die individuelle Freiheit. Dabei geraten die verschiedenen Schichten, Generationen und Wertegemeinschaften im Kampf darum immer wieder aneinander. Kein anderes Fahrzeug hat den Begriff der Freiheit in der Gesellschaft derart thematisiert und verkörpert wie das Motorrad. Das Motorrad ist der Inbegriff der Freiheit schlechthin. Ich hatte auch mal eines. Als Motorradfahrer fühlt man sich an nichts gebunden, man kann aufsitzen und davon fahren, weit weg in die weite Welt und sich von allen Zwängen los sagen. Nur der Fahrtwind bläst einem ins Gesicht, sonst ist man im Reinen mit sich selbst und fühlt sich nur eines: endlos frei. Dieses Gefühl kann geradezu berauschend sein – je nach Charakter-Disposition. Und dieses Glück kann bei den „Motorradlosen“ auch Neid auslösen. Die Freiheit der einen und der Neid derer, die den Kampf um die Freiheit fürchten und sie deshalb nicht haben und entbehren müssen, steht als Ursprung gesellschaftlicher Konflikte, welche das Motorrad als Symbol individueller Freiheit ausgelöst hat.

Flughafen in Arequipa

Wie sollen wir in einer veränderten Zukunft denn denen, die ihren persönlichen Freiheitsbegriff mit dem Motorrad verbinden klar machen, das diese Freiheit einen direkten negativen Einfluss auf die Umwelt hat? Je lauter die Maschine, desto stärker das Gefühl von Freiheit? Ich möchte mich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, da auch ich eine kurze Motorradkarriere hatte, aber dieses spezielle Verhaltensmuster aktiv in der Freizeit mit dem Motorrad zu fahren ist auch eine ungeheure Lärmbelästigung. Muss man denn immer nachdenkliche Dinge beschreiben wenn man nachdenklich ist? Es sind doch auch so viele, schöne und lustige Dinge passiert! Ich neige auch nicht dazu, in schwarz/weiß Muster zu verfallen. Es gibt Millionen von Zwischentönen. So viele, dass der Mensch in seiner Gesamtheit die vielen Individualitäten überhaupt nicht mehr erfassen kann. Somit sind also nicht nur Menschen mit einer (z.B.) bipolaren Störung von der Flut der Individuen überfordert, sondern im Prinzip jedes Individuum an sich. Das ist es wohl, woran die kultivierte Menschheit am stärksten leidet. Jeder Vorstoß, egal in welche Richtung, berührt die Interessen von irgendeiner anderen Gruppe. Dann, auf solcherlei Art in seinen Freiheiten bedroht, geht man zur Attacke über, wie der Nasenbär an der Klippe der Wasserfälle in Brasilien.

Staßenhändlerin in Arequipa

Ich bin kritischer geworden. Aber bevor ich zum eigentlichen Anliegen, der Beschreibung einer weiteren, außerordentlichen Reise komme, muss ich an dieser Stelle von etwas beschreiben. Im Prinzip möchte ich zur Nachdenklichkeit anregen, zur Nachdenklichkeit aller Gruppen, die sich durch diese Beschreibung angesprochen fühlen. Seit 1989 bin ich in unterschiedlichen Berufen in Schottland unterwegs gewesen. Ich kenne das Land wie meine Westentasche (obwohl ich nie eine Weste besaß und wenn doch, kann ich mich nicht mehr daran erinnern) und schätze die enorme Ruhe, speziell in den nördlichen Highlands. Da man als Elternteil ja auch gewisse erzieherische Pflichten hat und seine eigenen Vorlieben auch einmal – versuchsweise – dem eigenen Nachwuchs kredenzen darf, hat sich meine jüngste Tochter schon früh zu einer leidenschaftlich an Schottland interessierten Person entwickelt. 2011 – da war sie gerade mal 10 Jahre alt – wollten wir gemeinsam den schottischen Königsweg, den West Highland Way, von Milngavie bei Glasgow bis nach Fort William an der Westküste laufen.

Ein anspruchsvolles Unternehmen, denn der West Highland Way hat eine Gesamtwanderlänge von 154 Kilometern. Am zweiten Tag kamen wir endlich dorthin, wo ich mir für meine Tochter die Eindrücke erwartete, die sie hoffentlich ihr ganzes Leben lang als befriedigendes Erlebnis mit sich tragen würde: an das Ostufer des Loch Lomond. Schon nach einigen Kilometern endeten die letzten Straßen und bald waren wir mittendrin, in der schottischen Natur. An diesem Abend haben wir uns am Ufer, auf einer mit Kieselsteinen belegten Bucht, mit Sack und Pack niedergelassen. Das Zelt wurde aufgebaut und danach blieb noch genug Zeit, um die Natur um uns herum zu inspizieren und tief in uns einzusaugen. Es war schon fast ein meditatives Erlebnis, mit dem Kind auf den Beinen auf einem Baumstumpf zu sitzen und dem leichten Wind zu lauschen, das Plätschern der Wellen kam dazu und gelegentlich hörte man einen Vogel. Wir waren für mindestens eine Stunde eins geworden. Wir sprachen nicht, wir wurden Teil der uns umgebenden Welt. Somit hatten wir das Reich einer der vielen Interessengruppen betreten: das Reich der Stillen, der Naturverbundenen, die einzig mögliche Vorstufe zum Reich der Weisen. Aber das galt natürlich nur für uns. Das Reich der Weisen würde ein Hedgefond-Manager schließlich ganz woanders verorten. Die Flut der vielen Individualitäten?

Kathedrale von Arequipa

Die Nacht kam und auch die vielen lästigen Sandflies (Minimücken und Terroristen zugleich) konnten diese Ruhe nicht stören. Auf der anderen Seite des Loch Lomond verläuft die A82, eine der wichtigsten Straßen Schottlands. Wie ein rieselndes Rauschen hörte man in der Nacht auf der gegenüberliegenden Seite den nicht nachlassenden Strom der Fahrzeuge. Irgendwann ebbte auch dieses Geräusch aus. Gelegentlich – und gerade noch wahrnehmbar – ein schwerer LKW, dann wurden die Phasen der Stille im länger. Und dann? Ein möglicherweise recht junger Motorradfahrer, der wohl ganz seinen individuellen Begriff der Freiheit definieren wollte, ließ den Motor seiner Maschine in höchste Höhen drehen und wollte offensichtlich das letzte aus seiner Maschine heraus holen. Die Nutzung von Klappen im Auspuff, die sich während der Fahrt öffnen, um den Lärm bewusst zu steigern und dadurch die „Freiheit“ noch stärker fühlbar zu machen, nutzte dieser Fahrer definitiv! Meine gefühlte Schallpegelmessung, fast fünf Kilometer vom Ausgang der Lärmquelle befindlich, lag bei lag bei 150 dBA!! In Realita mögen es 120 gewesen sein.

Kathedrale von Arequipa

Und wie ein Krebsgeschwür im Körper eines Menschen, uferte der Lärm immer weiter und weiter aus. In völliger Stille entfaltete das Motorrad maximale Unruhe. Die Schallwellen wurden quer über den See bis zu uns, an Flanke des mächtigen Ben Lomond geworfen, prallten von dort zurück um sich hundertfach zu brechen, sich zu vereinen wie die von Theodor Fontane beschriebenen vier Winde in seinem Gedicht „Die Brücke am Tay“ und mit immer wieder neu entfachter Kraft über den See zu stürmen, bis nach etwa 5 Minuten die letzten Wellen des Geräusches in nördlicher Richtung des Sees verklangen. Meine Tochter saß senkrecht im Schlafsack auf der Luftmatratze. Nie werde ich ihren entsetzt nach Erklärung und väterlichem Schutz suchenden Blick vergessen. Das Kind weinte. Nun könnte ich aus der egoistischen Perspektive heraus argumentieren, dass ich, der ich mich samt dem Kinde doch in dem stillen Reich der Ruhe und der Nachdenklichkeit befand, welches als Vorstufe zum Reich der Weisen betrachtet werden kann, sofort nach Sanktionen hätte rufen müssen! Die Folgen wären immer gleich: es würden zwei unterschiedliche Interessengruppen heftig aneinander geraten. Sollte man das Motorrad fahren verbieten? Ich neige zur Mäßigung, denn Verbote bewirken nichts, sie dienen eher dem Gegenteil. So wie die wahre Religion nur eine Innere sein kann, so kann die Einsicht nur aus einem Prozess des Inneren entstehen. Ein langer, ein steiniger Weg. Kommunikation ist alles im Leben. Die Gesellschaft bietet uns unsere Plätze an, auch denen, die die Freiheit nur auf einem Motorrad zu finden glauben. Es war nur ein Exkurs und endlich auch wieder von mehreren langen Schachtelsätzen garniert. Ich komme in Fahrt.

Straßenzug in Chivay auf 3600 Meter Höhe

Kehren wir zurück zu dem anfangs skizzierten Szenario einer weiteren Reisebeschreibung. Das zuhause eingesperrte Volk möchte unterhalten werden. Da wir in den letzten Beiträgen auf Süd-Amerikanischem Boden unterwegs gewesen sind wäre es doch nur verständlich, dass wir dort bleiben? Das ständige Springen von Kontinent zu Kontinent würde ja auch nur unnötige Emissionen verursachen. Ich habe mich ein wenig geplagt in meinen Gedanken, wie ich es anstellen soll um allen bereits porträtierten und noch zu porträtierenden Ländern gerecht zu werden. Die Länder an sich haben sicher keine unterschiedlichen, individuellen Freiheitsgefühle und Gedanken und könnten sicher problemlos damit leben wenn ich schreiben würde, das es in Land A einfach viel schöner war als in Land B. Aber in diesen Regionen leben ja auch Menschen! Und diese haben sicher unterschiedliche, individuelle Freiheitsgefühle und Gedanken und – was noch erschwerend hinzu kommt – von Eigennutz getriebene Nationalstolz-Gefühle. Da kann man schnell in Teufels Küche geraten, wenn die eigene Meinung von der abweicht, die ein/e imaginäre/r Leser/-in von der Region hat, vor allen Dingen dann, wenn sie aus den verglichenen Regionen stammen. Verfluchungen und Verwünschungen wären die Folge und ich bin einfach nicht mehr fit genug um mich gegen körperliche Aggressionen zur Wehr zu setzen.

Im Nationalpark Reserva National Salina Aguada Blanca

Dazu kommen noch die individuellen Präferenzen der Menschen, die selbst schon viel gereist sind und ihre eigenen, oft fest zementierten Vorstellungen davon haben, wo es für sie am „schönsten“ war. Da soll ein anderer ruhig eine andere Meinung haben, man selbst weiß es ja viel besser. Die Menschheit befindet sich nämlich auch in einem „Bewertungs-Krieg“ und der wird im Heute durch das Internet, dass die Bewertungs-Orgien auf die Spitze treibt, in nie gekannte Höhen gehoben. Ich würde mich deshalb dafür hüten, etwas als „Schöner als“, „Besser als“ oder „Wertvoller als“ darzustellen. Unsere Welt ist natürlich überall schön, selbst vor der eigenen Haustür, aber die Empfindungen sind niemals identisch, egal wohin wir unseren Fuß auch setzen. Ich habe deshalb den beschreibenden „Superlativ“ für die im Folgenden skizzierte Weltreise schon lange gefunden: Es war die Tour, die uns von allen am meisten überraschte und die die größte Nachhaltigkeit in der Erinnerung bei allen Reiseteilnehmern/-innen nach sich zog. Und ich könnte mir den Begriff Reiseteilnehmern/-innen im Prinzip sparen, da es auch die erste der von mir geplanten und begleiteten Reisen war, bei der sich ausschließlich Frauen in der Gruppe befanden!

Händlerstände am Mirador de los Andes

Südamerika hatte uns sowohl in Argentinien als auch in Brasilien beeindruckt. Somit war im Prinzip irgendwie klar, dass es so bald wie möglich wieder dorthin gehen sollten. So gewisse „must have seen“ Ziele gibt es ja auch im südlichen Amerika noch zuhauf und es ist schon gut, wenn man ein bekanntes Reiseziel anbietet, weil dann das Interesse an der Reise allgemein größer ist. Die Idee war nun, eine Kombinationsreise zu schaffen. Peru, mit seinem touristischen Magneten Machu Picchu war natürlich ein guter Aufhänger. Aber viele Reise-Unternehmen boten eine Reise dorthin an! Mitunter sogar in Kombination mit einem Nachbarland wie Chile, Bolivien oder Kolumbien. Woher sollte also ein zum „Besonderen“ und zur Kreativität sich verpflichtet fühlender Klein-Reise-Unternehmer den nötigen Zusatz nehmen um die Reise zu verlängern? Peru ist im Vergleich zu Argentinien oder Brasilien zwar kleiner, aber die Staatsfläche von knapp über 1,3 Millionen Quadratkilometern bedeutet trotzdem, dass das relativ dünn besiedelte Land noch 3 ½ Mal größer ist als unsere dicht besiedelte BRD. Da wir wenigstens wieder 2 ½ Wochen unterwegs sein wollten, hätten wir Peru ins ins letzte Details besuchen müssen, um dem Reiseplan gerecht zu werden.

Am Mirador de los Andes

Zum Glück zogen wir unsere Weltreisen damals ja in direkter Kommunikation zusammen mit unseren potentiellen späteren Mitreisenden auf. Durfte ich es wagen, einen Kindheitstraum zu äußern? Wie würden die Interessentinnen reagieren? Diejenigen, die sich trotz aller Warnungen in die „Elternschaft“ gewagt haben, werden sicher irgendwann in ihren Eltern-Leben das Gefühl gehabt haben, vollkommen versagt zu haben? Manches Mal treiben uns die widerwilligen oder gar widerborstigen Knirpse in den Wahnsinn, so dass wir glauben, ihnen nichts, aber auch rein gar nichts vermittelt zu haben! Vor allen Dingen dann, wenn sie uns das Gefühl vermitteln, nur noch „ätzende Ernährer“ zu sein. Doch es besteht Hoffnung! Ich erinnere mich noch gut an die wenigen Stunden, in denen sich meine Mutter einmal Zeit für mich nahm. Das kam nicht oft vor, wie denn auch? Mit einer kinderreichen Familie gesegnet und wenig Geld war der Job der Hausfrau mehr als nur ein Fulltime Job. Doch wenn sich zwischen all den Belastungen mal ein Zeitfenster ergab, in dem sie sich um ihren jüngsten Spross kümmern konnte, dann tat sie das auch mit Hingabe.

Auf dem Weg zu den Condoren in Tapay

Wir saßen dann oft für eine halbe Stunde auf dem großen Ledersessel im Wohnzimmer und schauten und Bilderbücher aus fernen Landen an. Immer und immer wieder hörte ich so, dass es ihr Traum wäre, einmal nach Venedig, zum Baikalsee, nach Indien oder auf die Galapagos Inseln zu kommen. Die ersten drei Ziele beeindruckten mich weit weniger als das Letztgenannte! Immer wieder einmal nahm ich die Bücher aus dem Schrank, die mir Informationen über diese Weit entfernte Wunderwelt vermittelten. Eine Wunderwelt aus 19 verschiedenen Inseln, auf denen die Zeit offensichtlich stehengeblieben war und wo einer meiner Helden der Jugend (Charles Darwin) seine wesentlichen Beiträge zur Evolutionstheorie entwickelt hatte. Leider lagen die Inseln weit, weit weg und ich dachte lange Zeit, dass ich diese niemals würde persönlich in Augenschein nehmen können. 1000 Kilometer westlich der ecuadorianischen Küste, direkt am Äquator und im Pazifik gelegen waren sie gefühlt unerreichbar. Doch die Welt änderte sich und die Menschen erfanden die Möglichkeiten des Reisens neu. Aber günstig wäre es wohl nicht, eine Exkursion dorthin zu unternehmen?

Ich wagte den Schritt und sprach potentielle Reisegefährten auf diese Option hin an, die Reise nach Peru mit einer Anschlussreise nach Galapagos zu krönen. Das Echo war nicht überwältigend gut, aber zumindest vielversprechend! Es klingt vielleicht für manche von Euch jetzt wie eine Erzählung aus einem Familienalbum wenn ich die Namen derer nenne, die sich dann wirklich für diese Reise angemeldet hatten? Es ist aber nicht verwunderlich, denn wir hatten diese wirklich spannenden und umfangreichen Reisen nach Argentinien und Brasilien doch gemeinsam gemacht! Schön war es auch für mich zu erfahren, dass es noch eine weitere Person in meinem Reisefreunde-Kreis gab, die mit dem Begriff Galapagos einen Lebenstraum verband: Maria Schad!

Aussichtspunkt Cruz del Condor

Lediglich ich, als Reisebegleiter hielt die männliche Fahnenstange hoch! Einige Reise-Interessenten, auf deren Teilnahme ich gehofft hatte, lehnten diese Reise letztlich mit der Begründung ab, dass es nicht zielführend wäre, die Galapagos Inseln nach Peru auch noch zu besuchen, da die Eindrücke von Peru doch so nachhaltig sein würden, dass man Galapagos danach nicht mehr erleben könne! Ich kann heute nur schreiben, dass das Gegenteil der Fall war! Schon eine habe Stunde nachdem wir auf den Galapagos Inseln angekommen waren, hatten alle vergessen, dass sie kurz zuvor noch in Peru weilten! Machu Picchu? Was war das nochmal? Mit unfassbarer Intensität begannen sich die Galapagos Inseln ihren Weg zu unserem ewigen Erinnerungsraum zu bahnen. Und das ist wohl der „Superlativ“, nach dem ich gesucht habe? Die Intensität des exotisch Erlebten war bei dem relativ kurzen Aufenthalt auf den Inseln Darwins stärker und nachhaltiger als alles andere, was die Mitglieder der Reise-Gemeinschaft je zuvor erlebten. Alle mit denen ich noch heute in Kontakt bin, träumen davon, auch noch den Teil der Galapagosinseln zu besuchen, den wir aufgrund der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit (wir waren nur sieben Tage dort) nicht besuchen konnten.

Kirche Templo de Santa Maria Magdalena de Tapay

Auch wenn ich nun gereift bin, und die Nutzung zahlloser Inlandsflüge nicht mehr so unbedacht in einen Reiseverlauf inkludieren würde, muss ich zugeben, dass wegen der großen Fläche Perus doch wieder Inlandsflüge nötig wurden! Erst ging es mal wieder auf der altbekannten Strecke in 2 Stunden und 35 Minuten nach Madrid. Dort stiegen wir in das Flugzeug nach Lima. Der Flug dauerte 12 Stunden und 20 Minuten. In Peru brauchten wir einen Fug von Lima nach Arequipa von 1 Stunde und 35 Minuten Dauer. Nach dem Aufenthalt dort flogen wir nach Cusco, was in einer glatten Stunde erledigt war. In Cusco hatten wir viele Exkursionen, so dass es am Ende 5 Nächte wurden. Dann wieder zurück nach Lima. 1 Stunde 35 Minuten. Wenn damit die Reise abgeschlossen gewesen wäre, wären wir von hier nach Frankfurt zurück geflogen. Aber: wir wollte ja noch zu den Galapagosinseln! Also Flug nach Ecuador von Lima nach Guayaquil in knapp 2 Stunden und nach einer Übernachtung dort Weiterflug zu den Galapagosinseln. Flugzeit ebenfalls knapp unter 2 Stunden. Von den Galapagosinseln aus sind wir dann via San Cristóbal wieder nach Guayaquil zurück und von dort weiter nach Madrid und Frankfurt geflogen. Das waren eine Menge Flüge! Wer wagt den Gedanken, ob das Reisen in dieser Art jemals wieder möglich wird?

Ein von vielen Skulpturen in Tapey

Es stand also wieder mal eine Weltreise an! Und auch wenn ich in den letzten 30 Jahren vielleicht genügende davon unternommen hatte, trug ich noch immer eine gewisse Euphorie in mir wenn ich in einen bunt lackierten silbergrauen Jet stieg um meinen Fuß auf einen neuen Flecken dieser Welt zu setzen. Ich war zwar längst in meinem ICH zuhause, aber ich dachte, dass es am Ende vielleicht doch zu etwas gut sein würde, sich noch eine Weile in der Welt herumzutreiben. Und dieses Mal waren es zum ersten Mal nur Frauen, die sich der Unternehmung angeschlossen hatten! Wie würden die feurigen Ladys Perus darauf reagieren? Ich wusste nicht so viel über die Menschen und ihre Vorlieben in diesem Land! Wusste nur, dass es bei jungen Frauen in Venezuela durchaus schick war, sich 20 oder 30 Mal unter das Messer eines Schönheitschirurgen zu legen, die Botox gespritzten Lippen gekonnt zu blähen, ihre Silikonbusen möglichst wenig bedeckt zu zeigen und mit ihren Hintern das Auge der Männer zu erfreuen. Eine meiner langjährigen Bekannten, die beruflich viel in Südamerika zu tun hatte, warnte mich noch kurz vor dem Abflug, dass alle südamerikanischen Mädchen von einem „german-boy“ als Freund träumen würden.

Pflanzen im Nationalpark Reserva National Salina Aguada Blanca

Aber das bedeutete ja nicht, dass die peruanische Damenwelt genauso tickte wie in Venezuela! Es bedeutete auch nicht, als Ehemann und Vater prinzipiell bereit gewesen wäre, einen Bruch meiner Verpflichtungen zu begehen. Aber einem Flirt wäre ich damals nicht abgeneigt gewesen! Wie also würde sich die Anwesenheit von „nur“ Frauen um mich herum auf ein zumindest im Bereich des Möglichen liegendes Flirtverhalten auswirken? Und selbstverständlich würde die mir innewohnende Ritterlichkeit von ganz allein dafür sorgen, dass ich mich ausschließlich um „meine“ Damen kümmern würde. Heldentum und Ritterlichkeit verpflichten quasi zu so einem Verhalten! Nach der Ankunft in Lima erwartete uns in der Empfangshalle dann eine Vertreterin der erwartet typischen Süd-Amerikanerin! Wie war das nochmal mit dem „German boy“? Sie war nicht unansehnlich und stellte sich mit dem Namen Rocio vor. Erst ging es einmal zum Frühstück ins Hotel, danach – sichtlich von den Strapazen des Fluges angeschlagen – zur Stadtbesichtigung.

Zur Stadtrundfahrt in Lima kann ich nicht viel Zitierfähiges sagen! Hängengeblieben ist nur ein Spruch von Stadtführerin Rocio. Als wir an der Bucht mit den hohen Wellen vorbei fuhren entdecke ich viele Pelikane und rief der Stadtführerin zu, dass dort Pelikane seien. Sie fragte zurück, wo die denn genau seien. Als ich ihr sagte, dass die Pelikane dort hinten, genau zwischen den Surfern zu sehen wären, antwortete Sie, dass Peruaner/-innen nicht nach Pelikanen, sondern nach den Surfern/-innen schauen würden! Der war auch gut, wenn auch irgendwie blöd. Aber nicht so gut wie der von Uschi auf der Torres Halbinsel in Argentinien. Wo waren wir denn hier hingeraten? Lima sonst? Häuser, Bäume, Wasser, Strand, Einkaufstempel – so eine Stadt halt! Der weder Fisch noch Fleisch Spruch wäre angebracht. Schon am nächsten Morgen ging es früh per Flugzeug nach Arequipa. Am Flughafen begrüßte uns eine (wieder mal) Vertreterin der typischen Süd-Amerikanerin! „German boy“?? Ihren Namen habe ich tatsächlich auch vergessen, aber ich weiß noch, dass sie früher mal Apothekerin war. Sie war auch mal in Deutschland um die Sprache der Germanen zu erlernen. Irgendwo im Schwäbischen, was man aus ihren Lautäußerungen auch noch heraus hören konnte. Unser Hotel in Arequipa war großartig. Genau am historischen Altstadtplatz in einem Gebäude aus der Kolonialzeit gelegen und die gute Nachricht: Die Küchenschaben waren nicht groß genug, um unsere Koffer weg zu tragen.

Transport zu den Salzterrassen von Maras

Das Hotel in Arequipa unterschied sich deutlich in Bezug auf Komfort und Modernität von dem schicken Kasten in Lima! Aber was will man denn erwarten, wenn man in einem Gebäude aus der spanischen Kolonialzeit untergebracht ist? Gleich zu Anfang eine haben wir eine „Stadtbesichtigung“ unternommen! Na zumindest so etwas ähnliches, denn es stellte sich schnell heraus, dass Arequipa nicht viel mehr zu bieten hatte als diesen Hauptplatz, an dem wir unser Hotel hatten. Die Innenbesichtigungen der Kirchen könnten bei gutem Willen noch positiv hervorgehoben werden, aber wir wollten ja in Peru nicht nur Kirchen bestaunen. In einer der örtlichen Klosteranlagen wurden wir von einer sehr attraktiven jungen Nonne durch die Anlage geführt und ich fragte mich was sie dazu bewogen hat, den Beruf der Nonne anzustreben? Wohl die schlechten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht? Sie wird es gewusst haben – gefragt habe ich natürlich nicht!

Straßenzug in Cusco

„Das“ Highlight für mich war aber die Dachterrasse unseres Hotels. Eigentlich war sie baufällig und durfte nicht betreten werden! Aber das störte mich als ambitionierten Photographen nicht. Nachdem ich eine Beton-Misch-Maschine zur Seite geschoben hatte, ein Vorhängeschloss geknackt und zwei Meter Nato-Stacheldraht entfernte, stand ich auf eben jener Terrasse und machte unglaublich gute Bilder! Die Lage der Stadt ist jedenfalls phänomenal.

Am nächsten Tag brachen wir mit einem Minibus auf, um eine abenteuerliche Fahrt zu den Kondoren und ins heilige Tal anzutreten. Da wir bei diesem Ausflug ziemlich in die Höhe mussten, zeigten einige der Damen auch gewisse Ausfallerscheinungen! Auf jeden Fall habe ich mir Sorgen gemacht. Nach einigen Kilometern Zivilisation mit den unschönen Slums am Wegesrand, fuhren wir auf einer Asphalt-Straße in die Berge. Hoch und hoch und immer höher! Am Ende waren es fast 5.000 Meter. Man merkte es aber auch schnell, dass in dieser Höhe der Sauerstoff fehlt! Die Zwischensprints den Berg hinauf (bei den Photopausen) erfolgten in deutlich reduzierter Geschwindigkeit als gewohnt. Hatte das vor 8 Jahren schon etwas mit den Zigaretten oder mit dem Alter zu tun? Ich denke mit beiden Dingen! Es ist eine unglaubliche Ecke Welt gewesen. Steppenhafte Wüste bis zum Horizont, trocken und trotz der Höhe ganz schön heiß. Auch im Inneren des Fahrzeugs wurde es heiß, da der Fahrer sich weigerte, die Klima-Anlage einzuschalten. Er befürchtete schlicht, dass in dieser Höhe der Motor versagen könnte. In der endlosen Wüste gab es hin und wieder künstlich bewässerte, grüne Inseln. Aber nur selten. Ich war froh, dass ich hier nicht ausgesetzt wurde.

Die Welt wird in Peru wird von den Anden geprägt

Die nächsten Tage würden wir uns permanent auf Höhen zwischen 3.800 und 5.000 Metern bewegen. Ob das alle gut verkraften würden? Alle schauen etwas angeschlagen aus! Ingrid wühlte eine geschlagene halbe Stunde in ihrer Reisetasche um die Kamera zu finden und als sie sie endlich hatte, konnte sie den Auslöser nicht mehr finden! Ich überdachte die Folgen eines Höhen-Kollers und verdrängte den Gedanken lieber schnell wieder. Nach der Bewältigung von vielen Serpentinen und Höhenmetern kamen wir in das Gebiet des Colca Canyon. Gewaltig ist er, der Canyon, denn man konnte ihn schon gut vom Flugzeug aus sehen, als wir von Lima nach Arequipa flogen. Was hat die Inkas bloß dazu gebracht durch diese Einöde zu ziehen um das fruchtbare Tal des Canyons zu finden? Populationsdynamik? Machtkämpfe? Abenteuerlust? Es wurde grüner um uns herum aber auf den nach wir vor bis zu 6.000 Metern hohen Bergen lag nach wie vor der Schnee. Unsere ehemalige Apothekerin (jetzt Reiseleiterin) empfahl uns vom Besuch der im Programm ausgeschriebenen heißen Quellen abzusehen, weil es im Hotel, welches wir ansteuerten, auch heiße Quellen gäbe.

Die Colca Lodge

Die „Colca Lodge“, welche wir am Ende des Tages erreichten, hielt absolut, was die Werbung versprochen hatte. Schöne kleine Appartements im Halbrund gebaut in großartiger Kulisse und tatsächlich mit unterschiedlich heißen Quellen auf dem eigenen Grundstück. Es gab Pools mit 36, 38 und 82 Grad Wassertemperatur und ich war gespannt, welchen Pool meine Damen wählen würden. Erinnerungswürdiges? Nach längerer Zeit konnte ich an der Lobby des Hotels endlich mal wieder ins Internet um ein Lebenszeichen nach Hause zu senden. Als ich dort in einer Nische saß, wo niemand mich sehen konnte, kam eine angeschlagene Touristin und sprach mit dem jungen Mann an der Rezeption über ihr Leid! Sie hatte akuten Sauerstoffmangel. Der junge Mann versprach, Sauerstoff für sie zu organisieren. Während ich mich weiter hinter meinen Computer versteckt hielt konnte ich erkennen, wie eine riesige Pressluftflasche mit Sauerstoff und Atemmaske herein gerollt wurde. Gab es solche Flaschen mit Pressluft nicht auch in jeder Autowerkstatt? Der Druck, mit dem der Leben spendende Sauerstoff dann aus der Falsche schoss, erschien geeignet um die Lungenflügel der Dame zum platzen zu bringen! Dem Rezeptionisten erschien die Urgewalt des Luftstroms am Ende auch zu heftig und er fertigt die Dame mit einer Tablette ab.

Ein der vielen Kirchen von Arequipa

Leider entdeckte die Dame mich dann doch und – nachdem sie festgestellt hatte, dass ich des Englischen mächtig war – verbrachte ich die folgenden 45 Minuten damit, ihr zuzuhören, wie oft sie sich erbrach, wie das Erbrochene aussah, welche Art Durchfall sie hatte, welche Schwindelgefühle dabei entstanden und so weiter. Wie sagte es der uns allen bekannte Johann Wolfgang von Goethe: Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. Stimmt nach dem Gespräch hatte ich derart tiefe Einblicke in das Gefüge des Innenlebens der Menschen, dass ich mich noch zum Medizin-Studium hätte einschreiben können! Aber wir waren ja aus einem ganz anderen Grund ins diese entlegene Ecke gereist! Wir wollten fliegende Kondore sehen! Seit die Brüder Simon & Garfunkel 1970 das Lied „El Condor Pasa“ (grob deutsch übersetzt: der Kondor fliegt vorbei) in die Ohren und Köpfe der Menschheit gebracht hatten, ließ viele die Idee, den seltenen Vogel mal beim „vorbeifliegen“ zu beobachten, nicht mehr los. Es war zwar ein bisschen schade, dass wir den Komfort und die schöne Lage unserer Lodge nicht wirklich ausgiebig genießen konnten, weil die Kondore sich nicht darum scheren, ob Touristen lieber Komfort genießen als auf holprigen und unbequemen Pisten zu reisen. Wir mussten uns dem Diktat unserer schwäbelnden, ehemaligen Apotheken-Angestellten beugen und am nächsten Tag um 05.00 Uhr aufbrechen. Da dämmerte noch nicht einmal der Schimmer eines Tageslichtes herauf! Schwärzeste Schwärze umgab uns. Aber alle waren sich einig: wenn ein Mensch im Leben die Möglichkeit erhält, frei lebende Kondore beim morgendlichen Steigflug zu beobachten, dann sollte Mensch alle notwendigen Opfer bringen um dieses Spektakel „live“ mit zu erleben. Das erzähle ich jetzt mal bewusst all den in unserer Gesellschaft lebenden „Natur-Neurotikern“! Die würden wohl darauf pfeifen, ihre geschwächten Körper wegen eines fliegenden Huhns aus den Federn zu bewegen?

Bezahltes Lächeln in Chivay

Vorher deckten wir uns weisungsgemäß noch mit ein paar Flaschen Wasser ein, denn in der großen Höhe musste man viel trinken. Weniger als 2 Liter pro Tag sollten es nicht sein, hörten wir die ehemalige Apotheken-Angestellte sagen! Auf dem Platz in dem kleinen Ort, dessen Namen ich wegen Bedeutungslosigkeit vergessen habe, tummelten sich schon recht viele Touristen, die in Fahrzeugen aller Größen hier zusammen gekarrt wurden. Die wollten doch hoffentlich nicht alle zu den Kondoren fahren? Die Einheimischen schienen instinktiv zu ahnen, dass um diese frühe Zeit mit Anhäufungen von Touristen aus aller Welt zu rechnen war, denn sie erhöhten nicht nur die Preise für die Wasserflaschen sondern stellten sich auch mit allerlei Getier für Erinnerungsphotos zur Verfügung. Ohne Moos, war hier nix los! Es stimmte mich ein wenig traurig und ich dachte darüber nach, ob ich den Peruanern und Peruanerinnen empfehlen sollte, sich einmal ein Beispiel an den Indern und Inderinnen zu nehmen! Die haben dort in der Regel einen Massenaufstand organisiert, wenn ich mit der Kamera andeutete, dass ich Photos machen wollte! Also in Indien – nicht in Peru! Kostenlos und immer mit dem schönsten Lächeln auf den Lippen. Die Leute hier lächelten ja auch, aber nur solange bis sie merkten, dass jemand sie photographieren wollte! Dann war das schöne Lächeln sofort weg und es ging erst wieder an, wenn man „bezahlt“ hatte.

Ich würde aus lauter Scham gar nicht mehr lächeln können wenn ich jemandem Geld dafür abknöpfen würde, dass er mich photographiert! Mag auch daran liegen, dass mich nie jemand photographieren wollte! Höchstens Japaner, aber die verwechseln mich immer mit „Mel Gibson“ (obwohl der zwei Köpfe kleiner ist als ich) oder „Russel Crowe“ (obwohl der viel fetter ist als ich – aber auch viel besser gebaut). Zumindest gehen meine Lebenserfahrungen in diese Richtung. Am Rande des Platzes standen prachtvoll gekleidete Frauen, deren Alter nur schwer zu schätzen war. Drei Mädchen in schöner Tracht standen an einem Brunnen (siehe Photos) und beschloss, ihnen den üblichen Obolus von ca. 0,50 € pro Person zu geben, damit sie für mich auf einem Photo lächeln würden. Doch was geschah? Die rotzfrechen Zicken lächelten nicht! Sie glotzen nur und auch mein ansonsten bei Damen dieser Altersgruppe bestechender Charme (Altersgruppe 3 – 12 Jahre / da geht echt was bei mir) zog nicht. Der Grund? Nebenan war noch ein viertes Mädchen, welches ich für sein Lächeln (auch wenn es gar nicht auf dem Photo war) hätte bezahlen sollen. Wie kann ich denn ahnen, dass die Gören immer zu viert auftreten? Ich hatte nur für drei Lächeln bezahlt!

Pause auf dem Weg zum Aussichtspunkt Cruz del Condor

Dann ging es endlich los zu den Kondoren und meine schlimmsten Albträume bestätigen sich: zusammen mit uns begaben sich alle anderen Touristenfahrzeuge auf die rund 120 Kilometer lange – und in extrem schlechtem Zustand befindliche – Schotterpiste! Eine nicht enden wollende Staubwolke breitet sich überall aus und alle wollten die ersten sein. Wir ja auch! Der Traum von naturverbundenen Photojournalisten, der „Aug´ in Aug´“ dem Tier gegenübersteht: er würde wohl wahr werden, aber ich würde ihn mit vielen, vielen hundert Anderen teilen müssen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Da gab es tatsächlich so viele Tierfreunde, die bereit waren, drei Tage lang (die Anreise von Arequipa hierher dauert einen Tag und die Rückreise auch) teilweise über eine brutal schlechte Piste zu fahren, in höchsten Höhen in den Kurven Anfälle von Drehschwindel zu bekommen, sich in ihre Fahrzeuge zu erbrechen nur um die Kondore zu sehen? Ich fasste es nicht! Auch meine Reisebegleiterinnen konnten es kaum erwarten und vergaßen vor lauter Aufregung sogar das sich Erbrechen für eine Weile. Die Straße war auch eine Straße von einer Straße einer Straße und verdiente diese Bezeichnung absolut nicht. Schotter, Lehm, Staub und oft fehlte sie einfach!! Weggebrochen!! Und dann fuhr der ständig Coca-Blätter kauende Fahrer so dicht am Rand, dass der empfindliche Reisende den tödlichen Atem der Schlucht, die direkt neben den Rädern rund 200 – 400 Meter senkrecht abfiel – schon spüren konnte. Ich machte mir fast in die Hosen vor Angst – aber nicht um mich! Nur aus Angst um die mir anvertrauten Damen!! Ehrlich!!!

Die Autolawine in den Anden vergesse ich nie! An einer besonders delikaten Stelle standen mindestens 25 Busse und Kleinbusse auf einmal. Hier war die Straße mal breit genug für eine Ausbuchtung und zudem lag diese Ausbuchtung an einer perspektivisch und landschaftlich besonders reizvollen Stelle. Wir hielten an! Aber: wo sollte man denn jetzt seine Notdurft verrichten gehen? Der Blasendruck war da – die Toilettenanlage aber nicht. Dazu ein Gedrängel wie auf dem Oktoberfest. Ich glaubte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, dass wir bei dem Gewimmel noch Kondore vor die Linse bekommen würden! Unsere Apotheken-Reiseleiterin empfahl totale Konzentration auf die Kondore, denn wir könnten mit unserem „Geist“ den Hergang beeinflussen und die Kondore herbei esoterisieren! Dauernd machte sie Ur-Geräusche wie das bekannte „Ommmm…..“ und dann das saublöde „Kondor kommmmmm………..“ (reimt sich ja wenigstens). Sie sollte lieber mal in der einschlägigen Literatur im Internet nachlesen! Da stand, dass der Platz, den wir mit vielen Hundert anderen gemeinsam ansteuerten, der einzige Platz der Welt sei, an dem der Mensch an 360 Tagen des Jahres frei lebende Kondore beim Flug würde sehen können. Wir würden doch wohl keinen der bescheidenen „5-Tage-Restmenge“ erwischen?? Obwohl? Was wird wohl im Kopf eines Kondors vorgehen, wenn er mit seinen Adleraugen (wie sinnig…) aus der Ferne solche Massen an Exemplaren des Homo Sapiens Sapiens erspäht?

Am Aussichtspunkt Cruz del Condor

Der Kondor würde dann wohl sein Heil in der Flucht suchen weil er befürchten muss, dass der Weltuntergang bevorstünde! Die Majas, die ja nur wenige Häuserblocks entfernt, einen Kalender für die Ewigkeit geschrieben haben, beschreiben den Untergang der Welt ja schließlich für den Dezember 2012. Vielleicht weiß der Kondor davon? Es waren ja nur noch wenige Wochen bis zu diesem Datum! Nachdem ich mich an den Anblick der vielen Menschen am Rande des gewaltigen Canyons gewöhnt hatte, sah ich auch die Kondore! Mein eigens aus Deutschland zu diesem Zweck mitgeschlepptes 400mm Objektiv von Canon half mir dabei, mir ohne Androhung von Gewalt den besten Platz auf der Klippe zu sichern! Denn „ich“ hatte von allen dort das „GRÖßTE“!! Nein, nicht Mundwerk – sondern Objektiv. Und nachdem meine mickrige Muskulatur sich an die knapp 10 Kilogramm Objektiv-Gewicht gewöhnt hatte, gelangen mir auch einige der besten Photos von freilebenden Kondoren, die ich je gesehen habe! Das was nach den Kondoren kam, war im Vergleich zu den Flugeinlagen der fliegenden Super-Hühner aber dann nochmals eine Steigerung: der Weg zurück nach Arequipa. Erst auf der mörderischen Piste am Abgrund entlang und dann wieder über die selbe Strecke via 5.000 Meter Gipfelpunkt zurück.

Am Aussichtspunkt Cruz del Condor

Diesmal hielten wir sogar auf der Höhe weil die Apotheken-Angestellte-Reiseleiterin meinte, dass wir uns nun an die Höhe gewöhnt hätten! Uschi hatte das nicht! Garantiert nicht so wie sie aussah! Ingrid schien auch eine Art Höhenproblem zu haben! Sie eierte unentwegt durch die Gegend und stammelte salbungsvolles Zeug vor sich hin. Vielleicht war es auch nur ein Gebet – ich kenne mich in solchen Sachen nicht so gut aus! Und dann bekam ich endlich mal ein Lächeln von einer Indio-Frau für umsonst! Sie wollte zwar auch erst Geld, aber als ich dann bedeutungsvoll die Innenseiten meiner Taschen nach außen zog um zu untermauern, dass ich ein armes Schwein wäre, lächelte sie herzlich. Schon eine interessante Sache, so eine Inka-Frau! Oder? Ob sie auch nur eine Vertreterin der typischen Süd-Amerikanerin war? „German boy“? In Arequipa (wohl gerüttelt und zerschellt) fielen wir wieder in unser bekanntes Hotel aus der Kolonialzeit ein. Dieses Mal mussten wir uns die Hütte mit einer schnatternden und lärmenden Gruppe aus England teilen. Sollte das „working-class“ gewesen sein? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die „working-class“ eine Studienreise durch Peru macht! Da wir bereits um 06.00 Uhr nach Cusco fliegen mussten, gab es um 04.00 Uhr nur ein sehr spartanisches Frühstück! Glücklicherweise frühstückten die immer noch in der Lobby lärmenden Engländer/innen nicht, so dass am Ende genug Futter für uns alle hatten!

Flug nach Cusco. Zitierfähiges? Uschi erbrach sich erstmals auch im Flugzeug und erhielt von der Stewardess einen Platz im Business-Bereich zur besseren Versorgung. Cusco war dann deutlich kleiner als Arequipa! Genau doppelt so klein! Hier tummelten sich nur 500.000 Peruanesen und -nesinnen. Ich wollte mich gerade an das Geschehen um mich herum gewöhnen als der Bus auch schon wieder aus dem urbanen Bereich hinaus ratterte! Wir hatten schließlich viel vor und fuhren erst einmal ins „heilige Tal“. Am Mikrophon hatten wir nun Mijail! Auch eine von den Vertreterinnen der typischen Süd-Amerikanerin! „German boy“? Mijail war zwar schon ganz schön alt (Jahrgang 1962!!) würde aber trotzdem sofort einen „Deutschen“ nehmen. Sie gab es unumwunden zu. Die peruanischen Männer seien zu sehr auf Macho gebürstet. Außer mir gab es aber keine „Deutschen“ in der Gruppe. Und ich war nicht mehr zu haben. Das Leben kann – trotz aller Aufrichtigkeit – ein Trauerspiel sein!

Reiseleiterin Mijal

Das heilige Tal war dann so etwas ähnliches wie das „Colca Tal“. Grün und dann aber plötzlich auch weiß? Das kam vollkommen überraschend! Wie im nördlichen Afrika die Pfannen der Tuchfärber war hier ein ganzer Hang mit weißen Terrassen zugebaut. Kleine Salzgewinnungsanlagen, aus denen auch fleißig Salz gewonnen wurde. Die vielen Indios standen teilweise bis zu den Hüften im Schlick und schufteten. Das erfreute mein Herz sehr, denn nun konnte ich jede Menge Bilder machen ohne dafür zu bezahlen, denn bis die schwitzenden Indios sich aus dem Schlick bis zu mir durch gearbeitet hätten, nachdem ich ihnen den „Soli“ für´s Photo schuldig geblieben wäre, war ich jedes mal weg. Sie drohten ein bisschen, reckten die Fäuste in meine Richtung, aber was soll es: das störte doch keinen großen Geist! Dann waren auch endlich die ersten „richtigen“ Inka-Ruinen zu bestaunen! Doch nach den Strapazen des Tages wünschte sich am Ende jede von uns (ich fühlte mich – umgeben von Frauen – mittlerweile auch wie eine und den „Gebärneid“ hatte ich schon immer) nur noch ins Hotel.

Zitierfähiges des ersten Tages? Ohja, sogar sehr zitierfähig auch wenn ich hier einen Namen verändern muss, weil ich befürchte, sonst von Klagen des betroffenen Bürgermeisters an die Wand geschmettert zu werden!

Ich erinnere mich perfekt an einen Dialog zwischen Mijail (der alten Fremdenführerin / Geboren 1962) und Roland (vorgealterter Klein-Reiseunternehmer):

Mijail: Von wo aus Deutschland kommt die Gruppe Roland?

Roland: Aus von „Rund um die Wetterau“!

Mijail: Die Wetterau ist schön – da war ich mal!

Roland: Ach wo denn genau?

Mijail: In Glauberg, beim dortigen Bürgermeister. Der hatte mich zu sich eingeladen.

Roland: Meinst Du den Otto Fritzsche? (Name von der Redaktion geändert)

Mijail: Du kennst den Otto Fritzsche? (Name von der Redaktion geändert)

Man stelle sich vor, wie sich eine strahlendes (aber noch etwas ungläubiges) Lächeln sich in ihrem Gesicht auszubreiten begann.

Mijail: Ich habe seit Jahren soo viele Leute aus den deutschen Gruppen gefragt, ob sie den Otto Fritzsche (Name von der Redaktion geändert) kennen! Keiner kannte ihn! Und jetzt?

Keinen weiteren Dialog mehr – beenden wir die Sache jetzt. Nun war ich da, der kleine, vorgealterte, unbedeutende Reise-Unternehmer aus eben jeder Wetterau in welcher noch unbedeutendere und zudem noch kleinwüchsige Bürgermeister residieren! Wer will den Otto Fritzsche (Name von der Redaktion geändert) schon kennen? Also war sie doch eine von den Vertreterinnen der typischen Süd-Amerikanerin, die doch nur darauf warten einen „German boy“ abzugreifen um sich dann auf dessen Kosten in der Bananenrepublik Deutschland einzunisten und nach und nach die gesamte Familie ins gelobte Land nachzuholen? Sie war es nicht – und das beruhigte mich sehr. Aber sehr klein beginnt die Welt zu werden, wenn man sich eine Weile in ihr herumgetrieben hat!

San Agustin Monasterio la Recoleta Hotel in Urubamba

Das Hotel, in welchem wir zwei Nächte schlafen sollten, hatte einen klösterlichen Namen. Und tatsächlich, das „Monasterio Hotel“ war auch eines. Der Komfort, die Lage, das alles hatte schon was! Das waren erholsame Tage und Nächte in dem klösterlichen Gefüge dort. Nur die noch immer nicht „rund“ laufende Uschi gab zu denken. Sonst waren es unbeschwerte Tage der Jugend. Aber ich hätte mich damals ein wenig besser auf diese Reise vorbereiten sollen! In der Tat stand ich noch nie zuvor so auf dem Schlauch wie in diesen Tagen. Teilweise hatte ich ja gar keine Ahnung, wo ich mich eigentlich befand! Und das lag garantiert nicht an einem wie auch immer gearteten Höhen-Koller, sondern daran, dass ich weder eine Landkarte noch ein Navigationsgerät mit mir führte! Mein modernes Mobiltelefon hatte ich zuhause gelassen. Das freche Ding ging immer ohne mein Einverständnis ins Internet und meine „Flatrate“ galt nicht für Peru. Aber so wusste ich wenigstens genau, in welchem Land ich mich gerade aufhielt. Die bunt gekleideten Menschen am Straßenrand verkauften ja allerlei Ungefähr, aber Landkarten waren nie dabei! Wo lag nun also dieses „Pisac“, wohin der heutige Tagesausflug uns führen sollte? Ich wusste nicht mal in welche Himmelsrichtung wir aufbrachen, als unsere Führungskraft zum unerwünscht frühen Aufbruch drängte. Wir sollten – trotz Protestgeschrei – bald feststellen, dass Mijail gut daran getan hatte, unsere schwächelnden Glieder zum frühen Aufbruch zu schinden!

In der Nähe von Pisac gibt es eine ziemlich große Anlage der Inkas! Terrassen haben die gebaut! Wahnsinn! Die hätten am Ende den gesamten Planeten terrassiert, wenn die Spanier ihrem Ansinnen nicht via Völkermord ein frühes Ende bereitet hätten. Unser Fahrer quälte den Kleinbus durch Pisac und nahm dann gewaltigen Anlauf um nochmal ca. 650 Höhenmeter zu gewinnen. Musste das denn sein? Pisac liegt doch schon auf 3.400 Metern Höhe! Mussten wir denn unbedingt wieder auf 4.000 Meter rauf? Ich machte mir einfach Sorgen wegen Uschi. So viele Kurven waren das! Noch eine – und schon wieder eine.

Die Salzterrassen von Maras

Auf 4.000 Metern dann der schon recht vollgestopfte Wendeplatz für die Busse und wie erwartet waren wieder 1.000 fliegende Händler dort versammelt. Wir waren alle recht wenig informiert über das, was uns da gleich erwarten würde: Denkt der Mensch an Inka-Kultur, denkt er automatisch an Machu Picchu! Aber die leicht beschürzten Genossen (die Inkas) haben noch weit mehr Weltwunder geschaffen als nur dieses eine Symbol des Vergänglichen! Hier bei Pisac stand so ein unfassbar intensiv terrassierter Berg. Wie sollte ich den denn bloß aufnehmen? Glücklicherweise waren die Wege entlang der monumentalen Anlage wenigstens eben und das lästige Steigen entfiel. Aber heute zeigte Verena Nerven! Ich wusste noch gar nicht, dass sie von vielerlei Ängsten geplagt durchs Leben ging. Höhenangst gehörte offensichtlich auch dazu! Ich musste die Photo-Arbeit vergessen und Verena zitternd und am Händchen haltend am Rande eines gewaltigen Abgrunds entlang führen. Ich bin ja zum Glück ziemlich frei von Ängsten, aber ich hatte trotzdem Verständnis für sie, denn der Abgrund zu unserer linken war schon deutlich mehr als 9 Meter tief.

Dann tauchte sie endlich auf, die charismatische uralte Peruanerin, auf die ich solange warten musste! Die Dame musste mindestens schon 120 Jahre alt sein. Da ich keine Lust hatte, wieder Geld für ihr sicher zahnloses Lächeln auszugeben postierte ich mich ca. 20 Meter von ihr entfernt und lichtete sie ab. Sie unterhielt sich ja mit unserer Reiseleiterin und zwei weiteren Kundinnen und würde mich sicher nicht bemerken. Pustekuchen, die alte Dame schien Teleskop-Ohren zu haben, denn als ich mich schlendernden Schrittes auf die Gruppe Frauen zu bewegte, sagte sie zu meiner Reiseleiterin, dass der, der da näher käme, sie gerade photographiert habe und sie wolle einen Soli dafür! Haste da noch Töne? Sie war vielleicht eine peruanische Hexe? Da war ich dann doch lieber gleich gefügig und zahlte den zweiten Soli freiwillig.

Alte Peruanerin in Ollantaytambo

Es gab auf der gesamten Anlage keine Toiletten! Irgendwo im Tal lag Pisac. Dort fuhren wir nun hin. Auf dem Wendeplatz der Busse war mittlerweile das nicht mehr beherrschbare Chaos ausgebrochen. Alles hupte und wütete durcheinander. Weinende Kleinkinder saßen am Wegesrand und lutschten an ihren Coca-Bonbons. Im Ernst: die Dinger gab es wirklich! Sie sollen dem Höhenkoller entgegen wirken und dabei helfen, Hungergefühle zu überwinden. Dann ging es endlich zum Shopping auf den größten Markt Südamerikas. Hier schienen die Nachfahren aller Inka, Azteken und Maja-Völker in einem Schmelztiegel der südamerikanischen Indianer Rassen zusammen gewürfelt worden zu sein. Ganz Pisac war ein einziger Markt mit allerlei Nützlichem, aber auch mit dem typischen Ramsch und anderen Souvenirs im Angebot. Nach den darauf folgenden Photo-Strapazen brauchte ich erst einmal einen Kaffee, eine Zigarette, einen Observationsposten und ein paar gute Gespräche. Zu diesem Behufe begab ich mich in Begleitung von Maria und Gudrun auf die im ersten Stock befindliche Terrasse eines schönen Lokals direkt am Markt. Als ich später die Konstruktion der Terrasse von unten in Augenschein nahm, konnte ich unser Glück kaum fassen: die morschen Holzpfeiler, von Zersetzungserscheinungen geplagt, haben die auf ihnen sitzenden Touristen wohl gerade noch so ausgehalten?

Meerschweinchen kann man überall in Peru probieren

Am Ende des Tages fuhren wir wieder zu unserem Hotel mit klerikalem Charme zurück. Doch es kam noch zu einer Tragödie! Unsere einheimische Reiseleiterin kam plötzlich auf die Idee, dass wir doch als Gruppe mal so ein leckeres Meerschweinchen essen könnten, welche die Peruanische Küche ja in vielerlei Arten hervorbringen kann. Gesagt, getan: am nächsten Verkaufsstand für Meerschweinchen hielten wir an und Maria eskortierte Reiseleiterin Mijail zum flackernden Grill um die dort am Spieß drehenden Säue des Meeres zu begutachten. Die Meersau wurde zerlegt, in eine Tüte gepackt und dann im Bus verteilt. Es wollten nicht wirklich alle von dem possierlichen Tierchen probieren, aber ich, als Mann und Reiseleiter von Welt, hatte die heilige Pflicht im heiligen Tal zu erfüllen und diese Sau zu probieren. Der erste Bissen ging ganz gut, der zweite schon viel schlechter. Und dann stiegen sie aus den Tiefen meines Unterbewusstseins auf: Meine eigenen Lieblinge, meine Zuchtbullen, die Vielzahl an jungen Meerschweinchen die ich liebevoll groß zog wie eine Mutter ohne Brust. Aus dem rechten Winkel meiner Gedanken hoppelte „Graciella“ ins Bild – sie, die die Schönste aller jemals auf der Welt weilenden Meerschweinchen war! Mit ihrem wunderschön, braun, schwarz, weiß gemaserten Fell und den neckischen Struwwelhaaren.

Am zweiten Brocken habe ich mich fast übergeben, was natürlich niemand aus der Gruppe bemerken sollte. Wohin aber mit dem halb zerkauten Brei? Ich grinste in die Runde und spuckte das Teil in mein Taschentuch. Keiner sah es – zum Glück. Später erfreute ich einen räudigen Straßenhund mit dem zu Brei zerkauten Schweinchen. Der hatte keine Berührungsängste und fraß das Taschentuch samt Inhalt. Es war dann am Ende doch ein schrecklicher Tag und ich war mir sicher, dass ich in der folgenden Nacht von einem Kommando meiner verblichenen, ehemaligen Zimmergenossen-Schweinen vom Schlaf abgehalten werden würde! Ich hätte es auch verdient, ich Meerschweinchen essendes Schwein!

Warum müssen wir Menschen denn eigentlich immer nach dem Superlativ suchen? Warum? Weil wir uns der Unerklärbarkeit unserer Welt bewusst sind? Weil wir alle gerne „den“ größten oder „die“ größten hätten? Ich bin kein Guru und kann (bzw. will) das Unerklärbare nicht erklären, Fakt aber ist, dass im Reiseabschnitt Peru im Vorfeld der Reise alle den Fokus auf Machu Picchu richteten. Heute sollte dann der Tag sein, an dem wir die heiligen und nicht minder weltbekannten Anlagen der Inka besuchen würden. Uschi zum Beispiel: sie war als junge Frau schon einmal in Peru, konnte aber aufgrund eines falsch gebuchten Fluges Machu Picchu nicht besuchen! Sie hat 6.500.- € für die Reise hierher angelegt nur um Machu Picchu endlich zu sehen. Wir gönnten es ihr alle! Oder Ingrid! Vor 43 weilte sie mit ihrem Mann in Peru, besuchte auch Machu Picchu und die beiden schworen sich noch einmal hierher zurück zu kommen! Auch Anita gab die legendäre Anziehungskraft von Machu Picchu als einen der Hauptgründe an, diese Tour gebucht zu haben! Und ich? Tja, bevor ich von der Existenz der Kondore im Colca Canyon erfuhr habe ich in meiner Debilität auch jedem erzählt, dass ich nur wegen Machu Picchu nach Peru reisen würde. Zugegeben habe ich aber auch keine Ahnung gehabt, ob es in Peru noch was anderes Bekanntes gibt oder nicht!

Zugfahrt nach Aguas Calientes mit dem Vistadome Zug

Also: auf nach Machu Picchu!

Leider hatten viele (nein: sehr, sehr viele) Reisende aus aller Welt dieselbe Idee wie wir. Der Zug, den wir nehmen mussten um die touristisch so wichtige Anlage zu erreichen, war schon ein Jahr vor der Abfahrt ausgebucht. Im Wagon kam allerlei buntes Volk zusammen und eine der Damen aus dem Service-Bereich war garantiert eine von denen! Eine Vertreterin der typischen Süd-Amerikanerin, die doch eh alle nur darauf warten einen „German boy“ abzugreifen und, und, und….. Zumindest wies mich ihr Service-Partner (männlich) auf diese sich für mich als „German boy“ auftuende Option hin! Warum bemerkt bloß niemand, dass ich bereits zweifacher Opa bin? Sah ich denn trotz der Strapazen meines Lebens immer noch so jung und frisch aus?

Am Bahnhof mussten wir in Busse (zusammen mit geschätzten 25.000 anderen Reisenden) umsteigen um die letzten knapp 20 Kilometer auf einer wirklich atemberaubenden Schotterpiste wieder etwa 400 Meter den Berg hinauf zu fahren! Am Eingang versuchte man, mir meinen Photokoffer und mein 400mm Objektiv wegzunehmen! Von wegen – da hatten die die Rechnung ohne mich gemacht: ich beschloss, meine unterschiedlich schweren Objektive, Blitze und so weiter auf die Rucksäcke meiner Damen zu verteilen. Es würde schon gehen und tatsächlich geriet später nur Ingrid in eine bedrohliche Erschöpfungssituation, weil sie die Ehre hatte, mein knapp drei Kilo schweres 70-200mm Objektiv zu befördern, an dessen Gegenlichtblende sich noch immer die Kratzspuren des tollwütigen Ameisenbären aus Argentinien befanden.

Machu Picchu

Kurz vor dem erreichen des gelobpreisten Geländes gab es eine Sperre wie an der ehemaligen Grenze zwischen der DDR und der BRD! Volkspolizei ähnliche Gestalten musterten mich mit meinem 400mm Objektiv auf dem Rücken und verlangten „ernsthaft“, dass ich das gute Stück am Schalter abgeben solle, sonst könnte ich nicht rein! Den leeren Photokoffer hatte ich bereits abgegeben, aber jetzt hörte der Spaß auf: ich suchte mir eine dichte Menschentraube, duckte mich geschickt und erschlich mir den ungehinderten Zugang auf das Gelände von Machu Picchu! Im Ernst: die hätten sich ihr Machu Picchu sonst wohin schieben können! Meine Superlinse hätte ich niemals abgegeben, niemals! Machu Picchu war schwer zu erreichen! Am Anfang ging es gute 400 Stufen hinauf! Gudrun war am Ende – sie kam nur noch Schrittweise voran. Ich blieb natürlich bei ihr, wir hatten eine ähnliche Situation bereits 2006 auf Tasmanien schon einmal absolviert. Vier Stunden lang auf dem dortigen Wanderweg, es würde also gehen. Ich war nur froh, dass die Stufen durch den Dschungel führten – es gab keinen Abgrund weit oder breit. Sonst hätte ich Verena wohl auch noch betreuen müssen? Ich weiß nicht mehr genau, wie viele uns auf dem Weg nach oben überholt haben, aber eine komplette türkische Reisegruppe zog auch an uns vorbei. Der Reiseleiter mit einem „Türkenfähnchen“ vorne weg! Endlich oben angekommen hielt der Blick aber, was er millionenfach zuvor versprochen hatte. Einer „der“ magischen Plätze dieser Welt.

Machu Picchu

Die gefühlt 100.000 anderen um uns herum haben dann auch erst nach den ersten 60 „Schock-Sekunden“ angefangen zu stören. Es waren so viele – ich konnte sie nicht alle die Schlucht runter schmeißen, auch wenn ich es versucht hätte! Während der Führung durch die Anlage ging uns Verena verloren. Ich sah sie und ihre Baseball Kappe noch in der Menge mit schwimmen – dann war sie weg und ich armer Tropf musste sie nun suchen! Und das mit 12 Kilo Extra-Gepäck auf dem Buckel. Ich fand sie festgekrallt an einem Felsen am Rande einer Schlucht und die sie umstehenden 10 Personen aus unterschiedlichen Ländern konnten sie nicht davon überzeugen, den Felsen loszulassen. Und so erfuhr ich auch endlich, dass Verena in den letzten Jahren auch verstärkt Ängste vor großen Menschenmengen entwickelt hat. Oh? Dann sollte sie niemals auf das Münchner Oktoberfest reisen – da ist genau so ein Gedränge wie hier bei den Inkas und dabei gab es hier weder Bier noch stramme Mädels.

Ich schweife ab!

Ich verankerte Verena mit meinen Pulli an einem Baum und versprach ihr, zusammen mit der Gruppe wieder zurück zu kommen. Als wir nach 60 Minuten alle zusammen wieder zu dieser Stelle kamen, stand sie immer noch am selben Fleck. Danach haben wir noch eine ganze Weile gebraucht, um einen Platz zu finden, an dem nicht das Gefühl entstand, von Menschenmassen zerquetscht zu werden. Wir haben es versucht – ging nicht! Ich hatte mich übrigens in der Einschätzung des Schönheitsideales der peruanischen Männer getäuscht!! Gudrun und Maria werden permanent angeflirtet. Vielleicht gehören auch Süd-Amerikanische Männer zu der Spezies, die alle nur darauf warten ein „German girl“ abzugreifen? Zitierfähiges? Im Zug zurück hatten wir feste Plätze, auch unsere Reiseleiterin Mijail. Mijail hat einen Platz am Fenster – Anita nicht! Mijail schläft bald ein – sie kennt die Welt da draußen – Anita nicht! Anita ärgert sich über diese ungerechte Sitzplatzverteilung – Mijail nicht / sie schläft – wohlgemerkt: am Fenster.

Am Ende muss ich auf Druck Anitas Mijail wecken, damit sie mit Anita die Plätze tauscht! Anita lächelt glücklich. Mijail schläft sofort wieder ein, Anita schaut eine Weile aus dem Fenster, lächelt zufrieden und schläft dann auch ein! Am Fenster!!!! Nach der späten Ankunft am Bahnhof mussten wir noch zwei Stunden über die Anden fahren! In völliger Dunkelheit. In Cusco angekommen hatten wir dann ein phänomenales Hotel aus der Kolonialzeit mit einem an Pracht nicht zu überbietenden Innenhof und erst recht nicht mehr zu überbietenden Lamm-Gerichten in der Hotelküche. Ingrid und ich bekamen die Suiten im Innenhof! Es war schon schön, wenn man morgens in einem solchen Hort des Komforts, wie er durch unser Hotel geboten wurde, aufwachte. Da ich gar nicht erst angefangen hatte, mich um den neuen Zeit-Rhytmus zu kümmern, wachte ich sowieso jeden Morgen um 04.30 Uhr auf und hatte so die Gelegenheit, den Menschen zuzusehen, wenn sie aus dem Schlaf erwachten, zum Frühstück gingen und so weiter. Im Hotel waren außer uns noch viele Amerikaner/innen. Trotzdem war ich immer der Erste im Frühstücksraum und konnte so ungehindert eine breite Schneise in die Auslagen des Buffets fräsen. Es machte Spaß, durch die Straßen von Cusco zu ziehen und die Fremden in ihrem Alltag zu bewundern: die schrillen Müllmänner, die hier wie überall auf der Welt den Müll abfuhren, die verknittert dreinschauenden Sekretärinnen, die zu ihren Arbeitsplätzen hetzten, die bunten fliegenden Händlerinnen (Männer habe ich um diese Uhrzeit nicht gesehen, die peruanischen Machos sollen lt. Angaben ihrer Frauen ja zu nichts nutze sein), die mich keines Blickes würdigten, aber auch keinen Soli verlangten wenn ich sie aus der Distanz ablichtete.

Hotel Costa del Sol Picoaga in Cusco

Cusco war definitiv die Schönste unter den von uns in Peru besuchten Städten. Prächtige Häuser aus der Kolonialzeit, etliche Kirchen samt Kathedrale und schönen Plätzen. Doch ich konnte nicht ewig in meiner selbstvergessenen Art hier verweilen, wir hatten einen weiteren touristischen Arbeitstag zu bewältigen!

Mijail hatte den Rest der Truppe mittlerweile aus den Federn geklopft und wir starteten zu einer Besichtigungstour durch und um Cusco herum. Der Aussichtspunkt mit der großen Figur des Jesus ist nicht gerade der Bringer! Die Bewohner Cuscos haben da eine schlechte Kopie des berühmten Kollegen aus Rio de Janeiro hingeklotzt! Jesus als optisches Brechmittel – in Cusco könnte man das haben. Außerdem war der Platz vermüllt, die Peruaner/innen hatten nach meiner Einschätzung das Wort Mülltrennung noch nie gehört. Und nun folgende Situation: neun Reisende aus Deutschland lauschten andächtig der Fremdenführerin Mijail (soweit das gegen Ende der Reise noch möglich war), die etwas von dem Peruanischen Nationalsymbol Saksaywaman erzählte! Wer oder was war Saksaywaman? Den Namen konnte man sich doch nur merken, wenn man ihn (z.B.) in „Sexy Woman“ umtransformierte! Auf einem Hügel fanden wir eine monumentale Anlage aus gigantischen Steinen vor, die für die Bewohner/-innen Perus ihr Nationalmonument Saksaywaman darstellt! Aha? Nie gehört von der Sache und wir schauten auch alle wie die Ochsen vor dem neuen Scheunentor und schämten uns auch ein bisschen dafür!

Lachende Händlerin am Mirador de los Andes

Irgendwie erinnerte mich die Anlage an die Pyramiden von Gizeh. Es war alles viel monumentaler als Machu Picchu, auch wenn die faszinierenden Berge in Grün um uns herum fehlten. Wieder stapften Tausende mit uns gemeinsam durch die Mauerreste. Wie uninformiert wir Menschen doch im Allgemeinen sind! Da läuft man durch Saksaywaman und hat wenige Minuten zuvor noch nicht gewusst, was das eigentlich ist. Ich hätte auf ein peruanisches Pfannengericht getippt.

Zitierfähiges vom Cusco-Besuch? In der Kathedrale kam es „fast“ zum Eklat. Überall standen dort Schilder die darauf verwiesen, dass Gott es nicht möchte, dass hier in seinem Haus, Photos gemacht werden. Aber das stört ja bekanntlich keinen großen Geist. Man konnte ja die Kamera neben sich tragen und Photos aus der Hüfte schießen, ohne dass jemand das merken würde! Aber nicht nur peruanische Großmütter schienen hier Teleskop-Ohren zu haben! Gott hatte möglicherweise den Bewohnern der Stadt spezielle Richt-Mikrophone in seinen Tempel eingebaut, damit zuwider handelnde schnell kenntlich gemacht und der Inquisition hätten zugeführt werden können. Plötzlich stand ein sichtlich aufgebrachter (und noch mehr aufgeblähter), einem sexuell missbrauchten Messdiener ähnlich sehender, junger Mann neben mir und verlangte sehr deutlich zu sehen, was ich für Bilder auf meiner Kamera hätte! Ich meine, im Prinzip hatte er ja recht! Ich hatte aus der Hüfte heraus photographiert, aber das konnte er weder gesehen noch gehört haben, denn meine professionelle Kamera konnte auf „leise“ gestellt werden, so dass man den Verschluss nicht hörte. Zudem war er deutlich kleiner und schwächer als ich! Aber er fühlte wohl göttliche Stärke und einen „Auftrag“ in sich, als er mir den Weg versperrte.

Mit diebischer Vorfreude erahnte ich, dass er die moderne Technik nicht kennen würde und deshalb nicht wusste, dass man eine moderne Paparazzi Kamera auch mit einem „Bildsprung“ einschalten konnte, so dass nicht die letzten Bilder gezeigt wurden, sondern die von vor zwei Tagen. Ich zeigte ihm verklärt lächelnd meine Bilder von Machu Picchu und hielt ihn so nebenbei für einen komplett aufgeblasenen Idioten. Trotz der Schlappe der Aufsichtsorgane begleiteten mich fortan zwei junge Männer durch die Kathedrale und beäugten mich misstrauisch. Ich liebe solche Situationen. Mijails Dienste wurden nun nicht mehr gebraucht, die uralte und bereits 1962 geborene Frau ging zu ihren Kindern nach Hause, versprach aber, uns am nächsten Morgen abzuholen und zum Flughafen zu bringen, damit wir unsere Reise mit einem Inlandsflug zurück nach Lima würden fortsetzen können.

Straßenszene in Cusco

Doch bevor es weitergehen konnte musste ich ein dringendes Problem lösen! Ich benötigte zwingend eine neue externe Festplatte wenn ich die Fülle des entstandenen photographischen Materials heil in nach Deutschland zurück bringen wollte! Es stellte sich heraus, dass es gar nicht so leicht war, in der Halb-Millionen-Einwohner-Stadt Cusco ein Computergeschäft zu finden! Noch dazu, wenn man nur Spanisch auf dem Niveau eines Neugeborenen sprach – so wie ich – und die Einheimischen sich dem Erwerb der englischen Sprache konsequent verschlossen hatten, auch wenn sie so viele Amerikaner/innen im Land hatten. Oder vielleicht gerade deswegen? Nach längeren Odysseen durch die Stadt kam ich aber am Abend in den Genuss meine Bilder auf einer neuen, externen Festplatte zu sichern! „Grandioso“, nun konnte die Reise weitergehen.

Am nächsten Tag flogen wir zurück nach Lima. Am Flughafen stand nicht „Rocio“ vom ersten Reisetag sondern eine Dame unbekannten Namens – zumindest habe ich ihn vergessen – die aber wieder definitiv eine Vertreterin der typischen Süd-Amerikanerin war! „German boy“!! Sie erzählte mir mit feurigem Augenaufschlag, dass ihre Schwester bereits in Deutschland verheiratet sei und dass doch alles so toll sei in Deutschland und fragte so nebenbei ob ich schon eine peruanische Freundin gehabt hätte. Wie denn? Ich gehöre doch nicht zu der beklagenswerten Spezies deutscher Männer, die sich im Ausland eine Frau suchen müssen weil sie wegen schlechten Benehmens in Deutschland keine abbekommen! Als peruanische Erst-Erfahrung wollte ich die Dame dann aber auch nicht heranziehen, da meine Damen bereits am Bus standen und aufgeregt nach mir riefen. Was haben wir an diesem Abend im Hotel in Lima gut gegessen! Aber das Essen in diesem nach europäischem Muster gebauten 4**** Sterne Hotel war auch unglaublich teuer! Aber egal: morgen früh um 05.00 Uhr würden wir bereits im Flieger nach Ecuador sitzen, denn der eigentliche Höhepunkt dieser Reise sollte erst noch kommen. Es sollte großartig werden! Ihr werdet es sehen/lesen. Aber vorher mussten wir noch kurz nach Ecuador.

Reiseleiterin Peggy in Guayaquil / Ecuador

Peggy spuckt!

Nachdem wir uns nun 12 Tage lang in den unterschiedlichen Klimazonen Perus herumgetrieben hatten, hob der silberne Jet langsam ab um uns in nördliche Nachbarland zu bringen. Im Flugzeug saßen wir alle bunt verstreut. Wir kamen nach Ecuador! Noch näher an den Äquator, noch mehr feucht-heiß als an der Küste von Peru. In mir stiegen Erinnerungen an unseren „Bananen-Dampfer“ vom Amazonas auf! War das schwül in dem Manaus! Aber der Schock war dann hier doch nicht so groß wie erwartet: in Guyaquil (größte und wirtschaftlich wichtigste Stadt Ecuadors – hatte den Namen vorher noch nie gehört) war die Temperatur beim Verlassen des Flughafengeländes erträglicher als erwartet. Nun mussten wir sie suchen, die auf uns wartende örtliche Reiseleitung. Wir hatten zwar das Land gewechselt, aber die wirtschaftliche Not war in Ecuador genauso groß wie in Peru. Ich für meinen Teil erwartete deshalb auch hier, dass uns in der Empfangshalle dann eine Vertreterin der typischen Süd-Amerikanerin!! „German boy“!! empfangen würde.

Dieses Mal hatten alle uns in Empfang nehmenden Reiseleiterinnen (alle weiblich) ein Dr. Richter Logo in Händen. Somit waren sie leicht auszumachen! Und so faden wir auch im neuen südamerikanischen Gastland unsere Führungskraft recht schnell. Irgendwo zwischen all den schwarzhaarigen Menschen stand ein langes, dünnes, sympathisch wirkendes junges, ebenfalls schwarzhaariges Mädchen mit durchschnittlichem Antlitz und hielt das besagte Schild hoch. Peggy! Als ich – meine Pflicht tuend und meine letzte Dame vom Gepäckband begleitend – das Terminal betrat, umstanden meine anderen Damen jene Peggy bereits in gebührendem Abstand und grinsen seltsam belustigt. Warum taten die das?

Als ich näher kam und Peggy mit einem Handschlag und einem jovialen „Hallo hier bin ich“ begrüßen wollte, sprach sie mich an. Es war im Prinzip nie ein Problem, wenn man von einem Menschen angesprochen wird und Peggy wirkte durch und durch nett, aber: Peggy spuckte! Jedes Mal wenn sie den Mund aufmachte hörte man ein gurgelndes und zischendes Geräusch, welches von einem nicht zu unterschätzen starken Speicheltropfenflug begleitet wurde. Peggy spuckte! Dabei war die Heimat der Lamas doch gar nicht Ecuador! Auf jeden Fall öffnete sich durch den Kontakt mit der spuckenden Peggy ein Fenster in meinem Erinnerungsraum: Schule 1978 – Chemie-Unterricht – erste Stunde beim damals schon greisen Herr Olbricht. Neben mir saß Martin, mein einziger Kumpel. Während Herr Olbricht sprach – und er tat das direkt vor unserem Tisch denn wir saßen als Störenfriede in der ersten Reihe – ergoss sich eine wahre Sintflut an Spucketropfen auf die Tischfläche vor uns. Später haben wir alle immer ein feuchtes Tuch bereit gehalten um die „olbrichtschen Hinterlassenschaften“ vor uns auf den Tischen fort zu wischen. Der Chemie-Unterricht gestaltete sich deshalb oft nicht zielorientiert und der alte Olbricht hat nie bemerkt, welchen Unterhaltungswert er als sprechende Person hatte.

Peggy? Peggy spuckte weiter und hatte offensichtlich auch keine Ahnung dass sie als Luftbefeuchter erster Güteklasse hätte fungieren können. Nach der möchte ich das Mikrophon nicht in die Hand nehmen müssen! Das käme einem Zungenkuss gleich! Munter spuckend führte uns Peggy zu einem Kleinbus und wir bemerkten nun doch, dass es in Guyaquil heißer war als in Lima. Die Luftfeuchtigkeit war deutlich höher als im Lande des südlichen Nachbarn, was natürlich auch mit der spuckenden Luftbefeuchterin Peggy zu tun gehabt haben könnte. Aber lassen wir das, denn eigentlich war keine Zeit für solche Späße da wir nur einen Tag in Guyaquil waren und morgen schon zu den – ebenfalls ecuadorianischen – Galapagos Inseln weiterfliegen wollten. Wenn der grenzdebile Unternehmer reist, auch wenn er sein Unternehmen mit dem Tarnnamen „Dr. Richter Reisen“ versieht um Intellekt und Intelligenz vorzutäuschen, dann geht er frei wie ein Kind an die auf ihn zukommenden Dinge heran. So taten wir es heute den Kindern nach, denn keiner von uns wusste, wozu Guyaquil mit seinen zwei Millionen Einwohnern eigentlich gut sein sollte! Was sollte es hier geben? Was würde kommen? Wir ließen die Impressionen einfach mal auf uns wirken. Erste Ähnlichkeit mit Lima: die Stadt versank im Stau. Kilometer lange Blechlawinen wälzten sich um uns herum.

Extrem gelbe Taxis in Guayaquil

Das Wetter war an diesem Tag nicht so doll, bedeckter Himmel und schwül – kein Vergleich zu den zum Teil großartigen Lichtverhältnissen von Peru. Es mag aber auch daran gelegen haben, dass die Luftfeuchtigkeit hier besonders hoch war, denn: Peggy spuckte noch immer! Wir liefen ein bisschen durch die Gegend! Wieder eine Stadt halt! Fußgängerzone, ein paar Monumente, Taxis (quietschgelb) und viele dunkle Menschen. Die Kolonialzeit war hier nicht zu spüren, zu modern die Stadt, ein paar der Gebäude waren wohl an die 100 Jahre alt, aber nichts wirklich Bewegendes. Wir wollten ja nicht nach Guyaquil, wir mussten! Einen Direktflug von Peru auf die Galapagos Inseln gab es nicht. Demzufolge war das hier eher eine Zwangsbesichtigung. Achja, eine Kathedrale gab es auch, auch so eine wo Gott nicht wollte, dass Roland Photos darin macht, erzählte Peggy, während ihre Rede einen munterer Quell der fliegenden Tröpfchen begleitete. Gott sollte lieber nicht wollen, dass Peggy spricht! Denn er hat das exklusive Recht Sintfluten auszulösen um die verderbte Menschheit zu bestrafen. Sollte Peggy von Gott gesandt sein? Hat sie am Ende etwas mit dem Weltuntergangskalender der Maja zu schaffen? Verwirrt und nachdenklich hörte ich sie etwas von „Leguanen“ reden, die im Stadtpark ein Problem darstellten, weil es zu viele geworden seien. Leguane? Was wollten die denn in Guyaquil? Es stellte sich heraus, dass die Guyaquilaner/innen ein ähnliches Problem hatten wir wir in Hessen mit unseren Waschbären: die Leguane waren überall!! Auf der Wiese, auf den Bäumen, auf den Bänken und glotzen blöd. Das gab es doch gar nicht!

So was passiert also wenn der Mensch dumm wie ein Kind und ohne Erwartung durch die Welt läuft! Leute habe ich da viele Photos geschossen. Die Einheimischen schauten nicht nach den Leguanen! Da war doch was? Lima, Stadtrundfahrt erster Tag: „Wir gucken nicht nach Pelikanen, wir gucken nur nach den Surfern“. Hier guckten die Einheimischen aber nicht nach Surfern, weil der kleine Brunnen auf dem Platz nicht viel hermachte, aber die Einheimischen guckten hier erst, als sich plötzlich ein von irgendeiner Krankheit geschlagenes Eichhörnchen auf der Bildfläche zeigte. Jetzt stürzten alle zu dem Tierchen hin, welches nach meiner Einschätzung eine Art Fetträude oder aber Tollwut hatte und gestatten dem Hörnchen, dass es die Umstehenden auf der Suche nach Futter bekletterte. Waren die denn alle bescheuert! Das Tier war doch krank und wenn dieses Tier nicht krank war, dann sehen die Eichhörnchen in Ecuador aber so was von heruntergekommen aus.

Leguan vor der neugotischen Kathedrale in Guayaquil

Die Kirche war doof, weil Gott das photographieren nicht gestattete und so richtig doll wurde es dann erst unten am Wasser. Guyaquil liegt ähnlich wie Hamburg, an einem großen Fluss aber nicht direkt am Meer. Tier- und Pflanzenbeobachtungen gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns in Galapagos erwartete. Und dann wieder so ein Schock für mich! Eine Bestätigung alles Gesagten, Gefühlten und Geglaubten: jede südamerikanische Frau ist eine Vertreterin der typischen Süd-Amerikanerin, die doch eh alle nur darauf warten einen „German boy“ abzugreifen. Irgendwie schaffte es eine ecuadorianische Familie mit fünf Personen immer wieder uns zu überholen. Ein „sehr“ junges Mädchen, welches nach meiner Einschätzung gerade mal den Mikrokosmos der Pubertierenden betreten hatte, lächelte auffällig oft zu mir herüber und warf – das schlug doch dem Fass den Boden aus / ich war nicht pädophil – mir dann auch noch Kusshändchen zu. So ging es nicht! Nicht bei mir – ich war schließlich ein gestandener Großvater und sah es als meine Verpflichtung an, der Mutter des Mädchens die Augen über ihre Tochter zu öffnen. Mit der spuckenden Peggy im Schlepp bewegte ich mich auf die Familie zu und stellte (besser: ließ stellen!!) sie zur Rede. Zum Verzweifeln. Die „Mutter des Kindes“ war dabei, hatte aber nix dagegen, wenn ihre 14jährige Tochter einen netten Mann aus dem Ausland finden würde. Das war ja zum Verzweifeln! War denen wohl völlig egal wie jemand aussah, woher er kam und wohin er ging, so als Mann im südlichen Amerika: hier wurde der ausländische Mann reduziert auf eine „Sache“! Eine Sache zum Heiraten zwar, aber mit ungewissen Folgen!

Die Jugend Guayaquils freut sich photographiert zu werden

Da uns im schwülen Guyaquil nun langsam die Puste ausging, brachten uns Peggy und der Fahrer zum 5***** Sterne Hotel Hilton! Da ja auch die Inhaberin dieser Hotelkette sich durch ein unehrenhaftes Leben immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit rückt, war es kein Wunder, dass dieses Luxus-Hotel in Guyaquil zu einem Bordell verkommen war. Die Zimmer waren riesig, der Service erstklassig, aber diese bedauernswerten, vielen, sehr, sehr jungen Mädchen! In Stretch-Limousinen kamen die hochbehackten Damen vorgefahren. Ich sah keinen Absatz unter 14 Zentimeter Höhe. Wo nehmen die bloß diese Frauen her? Aber in Südamerika war es ja üblich, sich einigen hundert Schönheits-Operationen zu unterziehen um dem Ideal nahe zu kommen. Die Mädchen haben kaum andere Chancen. Ein Trauerspiel.

Zum Glück wurden wir als Gruppe am frühen Abend kostenlos zur „Happy Hour“ eingeladen. Happy Hour mit kostenlosen Kleinigkeiten zum Essen und Getränken zum Trinken! Ja, auch Gin und Wodka und Whisky für „umsonst“. Der Eklat ist sicherlich bis zur Firmeneignerin Paris Hilton durchgedrungen? „Kleinigkeiten“ zum Essen heißt im Prinzip, dass da eine überschaubare Menge an leckeren Fleischspießen in Soße liegt. Es gibt Obst und viele leckere „Kleinigkeiten“. „Kleinigkeiten“!!! Wir hatten aber alle Hunger uns es kam, wie es kommen musste! Die totale Blamage. Nachdem wir wenigstens unseren Appetit gestillt hatten, war das Buffet leer! Die flinken kleinen ecuadorianischen Bedienungen kamen mit der Neube- und Heranschaffung von Nahrungsmitteln nicht mehr nach! Am Ende kapitulierten sie und saßen alle weinend in der Küche! Die Herren Doktoren und Referenten, die auf unserer Etage wohnten, standen kurze Zeit später entsetzt vor den leeren Tischen! Wer geglaubt haben sollte, dass sich die Herren Doktoren usw. nun wenigstens am ebenfalls kostenlos angebotenen Alkohol trösten würden hatte die Rechnung ebenfalls ohne unsere Gruppe gemacht! Wir holten uns erst den Inhalt des Whisky, später des Wodka und letztlich des Gin.

Guayaquil

Nach dem Genuss des kompletten Rotweins begann so manche meiner Reise-Gefährtinnen von ihrer Sehnsucht nach einem jüngeren Partner zu sprechen. Denn einen gleichaltrigen Mann wollten sie nicht weil die Männer in selben Alter alle Wracks seien. Bevor es zu bunt wurde verließen wir fluchtartig den Raum. Wir wollten nach Galapagos! Das Angebot von freiem Essen und freiem Alkohol tat uns nicht gut! Und Peggy spuckte auch noch dazu den ganzen Tag!

Die Galapagos Inseln sind eine Arche Noah der Evolution, besiedelt nicht nur von Tieren sondern auch von feucht-fröhlichen Naturen aus aller Herren Länder dieser Welt, die so unmittelbar am Äquator ihr dekadentes Leben. Die Begriffe des „German boy“ oder des „German girl“ sind hier mitnichten unbekannt! Die Ankunft auf dem mikroskopisch kleinen Flughafen der Insel Baltra hatte schon etwas metaphysisch religiöses an sich! Kurz war ich versucht, auf die Knie zu sinken um den Boden des gelobten Landes zu küssen. Ich verkniff mir diese Anwandlung im letzten Moment.

Ankunft auf Baltra Galapagos Inseln

Nach einem langwierigen Prozedere in der Ankunftshalle und nachdem alle nachgewiesen hatten, dass sie die 100.- € für die Einreise in den Nationalpark und die 10.- € für die Durchfahrt des Nationalparks bereits entrichtet hatten, durften wir endlich mit vielen anderen in einen verrotteten und wohl bereits in den letzten beiden Weltkriegen als Truppentransporter eingesetzten Bus steigen. Es wurde klar, dass wir auf unserem Schiff nicht allein sein würden (als Gruppe)! Alle Insassen des Busses (Gäste) hatten einen Button auf der Brust, welcher sie zur einer, der nächsten oder ganz anderen Boots-Gruppe, Gemeinschaft zugehörig machte. Es saßen Leute von der Pinta drin, noch ein anderer Kahn und natürlich „wir“, mit unserem leuchtend blauen Sticker, auf dem in weißen Lettern das Wort „Isabella II“ zu lesen stand. Unsere Luxus-Jacht! Yeah! Leider suchten die Reiseleiter noch zwei weitere Gäste auf dem Flughafengelände und der Bus stand derweil in der Sonne und hatte keine Klimaanlage. Wir rechneten alle felsenfest damit, dass wir jetzt auf die Boote kommen würden und dass es dann so richtig losgehen würde! Leider nicht! Nachdem der Bus endlich vom Flughafen losfuhr wurde uns mitgeteilt, dass wir nach einer Fährüberfahrt von Baltra nach Salvador in „eigene“ Gruppen aufgeteilt werden würden. Pinta zu Pinta, Isabella zu Isabella und so weiter. Am Fähranleger trauten wir unseren Augen kaum: da lagen 90 Zentimeter lange Leguane in der Sonne und scherten sich keinen Deut darum, dass der eilends um die Ecke biegende Gruppenbus ihnen fast den Schweif zerquetschte.

Ein Fink in der Nähe der Charles Darwin Station

Auf der Salvador Insel steuerten wir mit einem ähnlich klapprigen Bus auf die höchsten Berge zu. Natürlich hatte auch dieses rostige Vehikel keine Klimaanlage, aber wenigstens war auch keine Tür mehr drin, so dass ein wenig erfrischende Luft ins Innere gelangte. Danach mussten wir essen, auch wenn wir das gar nicht wollten. Unsere schemenhaft deutsch sprechende Reiseleiterin für die nächsten Tage wurde die magersüchtig aussehende Dora! Sie war dann aber wenigstens die erste Führerin, die nicht den Eindruck macht als ob sie eine Vertreterin der typischen Süd-Amerikanerin sei, die doch eh alle nur darauf warteten einen „German boy“ abzugreifen. Nein, nicht die magersüchtige aussehende Dora! Als sie bemerkte, dass ich rauche, nahm sie mich vor dem Mittagessen dezent zur Seite und hielt mir eine 10minütige Standpauke! Was ich alles dürfen würde und was nicht und dass auf den Galapagos Inseln absolut und überall Rauchverbot herrsche, zumindest im Nationalpark-Gebiet und sie ließ durchblicken, dass sie es ohnehin nicht schätzen würde, dass ich meinem Leben durch Tabak-Konsum ein verfrühtes Ende zu bereiten gedachte. Dora! Ich fügte mich und nahm mir fest vor, meine Ecken zu finden in denen ich ein geruhsames Pfeifchen würde schmauchen können.

Nach dem Mittagessen ging es noch immer nicht auf das Schiff! Nein, wir hatten jetzt die Ehre, die Charles Darwin Station zu besuchen. Ob sich seine Finken noch immer dort tummeln? Unsere Gruppe bestand aus nur 19 Personen. Das war gut so, denn wenn auf dem Schiff von 40 maximal zu belegenden Betten 21 frei bleiben, kann das der Gruppendynamik nur gut tun. Die 10 anderen kamen aus folgenden Nationen: 4 x England / 4 x Schweden / 2 x Australien. Die Australier waren die lustigsten und hießen Deborah & Peter. Die Schweden waren eine Familie mit Mama, Papa und zwei Kindern und von den Engländern weiß ich nur noch von einem Pärchen – wohl weil es so typisch „englisch“ war – dass er Richard hieß und sie Kate. Den Namen des zweiten Paares habe ich vergessen.

Unsere Reiseleiterin Dora hatte mit ziemlicher Sicherheit noch nie eine Gruppe wie uns betreuen müssen, denn sie lief einfach weiter so wie sie es von anderen Gruppen kannte! Kein Rufen half, kein Schreien hielt sie an! Wir würden sie wohl erst schonend daran gewöhnen müssen, dass wir als Kunden etwas mehr Pflege und Langsamkeit brauchen würden? Mit Maria allerdings konnte nicht einmal ich mithalten! Wenn es irgendwo auf der Welt ein Tier zu beobachten gab, war Maria dabei! Jetzt fegte sie wie ein Wirbelwind neben der magersüchtigen aussehenden Dora daher. Bad waren beide unseren Blicken entschwunden. Die Riesenschildkröten in der Anlage machten ihrem Namen alle Ehre! Sie waren noch ein bisschen größer und noch ein deutliches bisschen hässlicher als gedacht. Außerdem „machten“ die nichts! Lagen nur faul in der Sonne und fraßen Salat. Es war so heiß, wir hatten keine richtige Lust mehr auf die Tiere und wollten endlich auf das Schiff. Aber die listige Dora legte noch einen nach in ihrer unwissenden Art wie man mit Gruppen wie unserer umzugehen hat. O-Ton?

Galapagos Landschildkröte in der Charles Darwin Station / Insel Santa Cruz

Dora: „…und wenn ihr dann aus der Forschungsstation wieder raus kommt dann geht ihr die Straße lang bis links nach 800 Metern der kleine Hafen kommt, da ist dann auch der Bus und dort steigen wir ins Boot und fahren zur Fähre……….

800 Meter? Ich rechnete mit mindestens 2.500 Metern, nachdem ich einen Seitenblick auf den Ortsplan geworfen hatte. Da ich lange auf die letzten meiner Damen warten musste bekam ich noch mit, wie die fitten Schwestern Ute und Monika an mir vorbeischossen und zu der angegebenen Stelle auf der Straße sprinteten. Viel später tauchten an derselben Stelle auch die anderen auf. Nun musste ich uns auch noch dahingehend motivieren, dass wir die „800“ Meter bis zum Hafen laufen müssten und verabschiedete mich dann vorsorglich um nicht in Ungnade zu fallen. Und ich wäre in Ungnade gefallen! Am kleinen Hafen war dann ein buntes Treiben: Planschende Kinder, sich aufplusternde Pelikane, arbeitende MÄNNER!!! Wow, wie ging das denn? Hatte ich bisher in Südamerika noch nicht gesehen!! Respekt! Und zwischen all dem Gewusel lag ein Seelöwe der geduldig auf die Fischreste wartete und zwischendurch die Pelikane vermöbelte, die Möwen aufmischte und den einzigen anwesenden Reiher ins Wasser jagte. Echt was los hier.

Pelikan beim Proinsular Market auf Santa Cruz

Dora und der Schlauchbootführer haben dann im knapp drei Kilometer entfernten Jetty doch noch bis zum Einbruch der Dunkelheit auf uns gewartet. Die Koffer waren längst auf dem Schiff, der Rest der Gruppe, ob aus Schweden, England oder Australien war auch schon an Bord, hatte geduscht, labte sich wahrscheinlich gerade am Buffet und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Noch vor Mitternacht erreichten wir dann auch die Isabella II, bezogen unsere Kabinen und ließen uns von den übrig gebliebenen Resten des Buffets bezaubern. Heute Nacht würden wir weiterfahren und uns morgen die Insel Santa Maria vornehmen. Dora versprach mir an dem Abend ihre Führungsgewohnheiten zu überdenken, denn sie könne sich nicht mehr so genau an die Inhalte des Re-Animationskurses erinnern, den sie vor langer Zeit einmal abgelegt hatte. Sie war böse, diese Dora! Aber sie wuchs uns ins Herz in den nächsten Tagen.

Wie hatte es unsere „Cruise Managerin“ Cathy gestern formuliert? „Wir werden das Schiff nur in den Nachtstunden bewegen! Wenn ihr in den Betten liegt und süß träumt, geht es weiter. Ihr werdet nichts davon spüren und wenn ihr am nächsten Morgen die Augen aufschlagt, dann seht ihr eine neue Insel vor Euch“. So weit die Theorie! Da ich mir der Tatsache bewusst war, dass ich – wieder im Heimathafen Deutschland angekommen – zuhause nicht noch 2-3 Wochen frei machen konnte um mich um die Ordnung meiner Photos zu kümmern, beschloss ich, auf den an sich notwendigen Nachtschlaf zu verzichten um eine grobe Vorauswahl im digitalen Bildermüll zu treffen. Schlaflos tigerte ich deshalb mehrfach in der Nacht zu der in der Bar befindlichen (und was noch wichtiger ist) 24 Stunden am Tag dienstbereiten Kaffeemaschine um mir mein Lebenselixier zuzubereiten: Cappuccino! Romantisch ist es ja sowieso mit einer exklusiven Jacht durch die warme Nacht einer am Äquator gelegenen Inselwelt geschippert zu werden. Auch wenn es in Bezug auf „Amore“ nicht der Bringer war, weil das „amouröse Gegenstück“ fehlte. Oder hätte ich es einmal mit dem Nachtschicht habenden Leichtmatrosen versuchen sollen, der mich immer so freundlich grüßte, wenn ich im Turnus von 20 Minuten durch das Schiff schlich um die Kaffeemaschine zu besuchen? Man(n) soll ja seinen Horizont stets versuchen zu erweitern. Ich fragte mich in meiner typischen Roland-Boshaftigkeit, ob denn die anderen Teilnehmer/innen überhaupt würden süß schlafen können? Der Kahn rollte und vor meinem geistigen Auge sah ich sie alle in ihren Kabinen auf dem Toilettenboden knien, das Gesicht in der Schüssel verborgen.

Die Isabella II – unser Zuhause für 6 Nächte

Das war die große geographische Überraschung für mich, als wir diese Inseltour hier begannen: die Zwischenräume zwischen den einzelnen Galapagos-Inseln waren derart groß, dass man keine der anderen Eilande von dem Eiland aus sehen konnte, auf dem man sich gerade befand. Deshalb sind dann wohl auch die unterschiedlichen Arten entstanden? Wenn zum Beispiel der kürzlich im geschätzten Alter von 200 Jahren verstorbene „George“ (Riesenschildkröterich / schöner Name) auf der Suche nach einer Partnerin an die Gestade seiner eigenen Insel kam und ins weite Weltenrund blickte, so hat er sich gewiss gedacht: „Mist – ich bin allein im Universum und dort hinten falle ich von der Erde runter“. Wenn er am Horizont noch etwas erspäht hätte, hätte er vielleicht auch noch im hohen Alter von ca. 175 Jahren noch den Versuch unternommen das „Inselspringen“ anzuwenden. Er hätte nur einen Schwimmkurs machen müssen und ihn anleitende Wasserschildkröten gab es zuhauf zwischen den Inseln. Galapagos Landschildkröten schwimmen auch gut: nicht weit, aber tief!

Galapagos Wasserschildkröte

Ergo: die Galapagos Landschildkröten der Spezies „George“ sind im Jahre 2012 ausgestorben, weil die Inseln zu weit auseinander lagen. Hier zumindest hatte Darwin recht. Auf welche schönen Gedanken der Mensch kommt wenn er außer Dienst steht. Die Isabella II stapfte munter weiter durch die Nacht als es plötzlich in der Dunkelheit gleich neben dem Schiff einen mörderischen „Klatsch“ gab. Wow! Was war dass denn? Ein Wal? Die Lichter am Boot sind ja während der Fahrt an und das schien allerlei Wasserwesen anzuziehen: erst kamen die ganz Kleinen, dann die mittleren und zum Schluss die ganz Großen, die alle anderen auffraßen. Wirklich komfortabel diese Luxus-Jacht Isabella II dachte ich noch als ich versuchte – wieder in meiner Kabine befindlich – doch noch ein Stündchen Nachtschlaf zu finden. Das Schiff hatte nämlich angehalten. Der um Punkt 04.32 zu Wasser gehende Anker brachte mich dazu zu vergessen dass ich noch etwas schlafen wollte. Das war Lärmbelästigung! Alle anderen hörten es auch wie ich aus den Mündern der mit verquollenen Augen im Frühstücksraum sitzenden erfahren durfte.

Mit dem ersten Licht schon konnte ich erkennen, dass wir eine neue Insel vor uns hatten: Santa Maria hieß sie und wir sollten später eine Schlauchboot-Exkursion zu den Tieren machen. Da freute ich mich doch. Hoffentlich kamen bei dem wildem Wellengang alle ins Boot ohne dabei ins Wasser zu stürzen? Einige von uns benötigten dann doch viele helfende Hände. Aber alle schafften es und so konnten wir die erste offizielle Exkursion zu den wildlebenden Kreaturen machen. Wir sahen (und spürten!) dicht über unsere Köpfe hinweg fliegende Tölpel, die bevorzugt ihre „droppings“ (Kot) auf die Hüte der Touristen fallen lassen, See-Löwen, lustige rote Krabben die sich mit ihren kleinen Scherenhänden gegenseitig zerpflücken und auch einen Galapagos-Pinguin. Die sollten selten sein! Das spätere Wieder-aus-dem-Schlauchboot-aussteigen versprach eine Menge Spaß und wieder tat mir Niemand den Gefallen ins Wasser zu stürzen. Es waren einfach zu viele helfende Hände dabei. Die gesamte Crew schien bereit zu stehen, wenn das „Dr. Richter Boot“ zum Schiff kam. Wenn das andere Schlauchboot kam (mit den Schweden, den Engländern und den Australiern) dann standen gerade zwei Leute dort um beim Ausstieg behilflich zu sein. Die konnten das auch alleine diese fitten jungen Menschen aus Schweden, England und Australien, aber sie durften es nicht: Gesetz ist Gesetz und die strenge Dora (von der ich mittlerweile annahm, dass ihr Hauptberuf drüben in Ecuador der der „Domina“ ist) war immer irgendwo in der Nähe! Dora sah alles – so wie ich!

Die Galapgos Insel Floreana im frühen Morgenlicht

Da jetzt das „Dr. Richter Boot“ an der Reihe war mit dem ausbooten kam wie selbstverständlich wieder die gesamte Crew zum helfen.

Szenenwechsel:

Nach dem Ausflug gab es „Brunch“! Im restlichen Europa mittlerweile auch bekannt. Speziell die Engländer frühstücken ja nicht – sie „brunchen“. Ich weiß jetzt auch genau was damit gemeint ist, denn ich saß neben Richard & Kate! Nach dem Brunch und einer kurzen Pause ging es zum ersten Schnorchelausflug. Das Mittagessen nahmen wir danach auf der Isabella ein, während unser Mutterschiff durch die See zur nächsten Insel stapfte. Das Ziel war die kleine und vollkommen unbesiedelte Insel Florentina. Immer wieder sprangen gewaltige Manta-Rochen aus dem Wasser und machten Lust darauf, sich einmal von so einem Manta durch das Meer ziehen zu lassen. Denn die Teile sehen nur gefährlich aus, sind aber recht kinderlieb und fressen eigentlich nur Krill. Wenn sie mal einen Menschen zwischen die Maulhälften bekommen würden, wäre das immer ein Versehen. Der Manta versucht dann in der Regel, das Ungewohnte wieder auszuspucken. Haie ticken da ähnlich, sie fressen keine Menschen nur Robben, weil sie so rund und fett sind.

Die für den Nachmittag geplante Glasboden-Boot-Fahrt geriet zur Sensation! Nicht etwa weil das Glasboden-Boot uns so tolle Einblicke in die Unterwasser und Korallenwelt ermöglichte: Nein! Wir sichteten Wale! Es war nicht nur ein Wal der da schwamm: es waren viele. Großartig und vollkommen unerwartet. Auch die Crew war begeistert und die „Fitten“ brachen ihren Schnorchelgang ab und schwangen sich ebenfalls in ein Schlauchboot. Wale sehen – aus nächster Nähe! Immer wieder ein atemberaubendes Erlebnis. Es waren Seiwale, bis zu 18 Meter lang. Die Wale waren am Abend natürlich das Gesprächsthema No.1 und der Captain sagte mir, dass ich der Reederei das Bild von dem auftauchenden Wal mit der Isabella II im Hintergrund verkaufen solle. So etwas hätten die noch nicht! Das Bild zierte danach einige Jahre deren Flyer. In der Nacht fuhren wir wieder weiter. Um Florentina herum. Wir wollten doch endlich die blaufüßigen Tölpel sehen.

Seiwale und andere Walarten umschwirren den Archipel

Der Mensch zerstört das, was er sucht, indem er es findet! Kluger Spruch und ach so wahr! Es gab sogar auf den entlegenen Inseln des Galapagos-Archipels Unterschiede im Attraktivitätslevel der einzelnen Inseln: dort, wo der gemeine Homo Sapiens Sapiens siedelte waren die Tiere verschreckt, verschüchtert, depressiv und im schlimmsten Fall stark mental verstümmelt. Dort wo die Zweibeiner nicht ansässig wurden waren die Tiere ruhig, ausgeglichen, mental stark und hatten kaum Fluchtreflexe. Vergleichen wir das mal mit unserem Gesellschaftssystem: da wo der Mensch von der Obrigkeit gegängelt wird, wo ihn Banken, Versicherungen und sonstige Haifische verfolgen, niederwerfen und ihm den letzten Cent aus der Tasche ziehen ist der Mensch (ich füge mal ein): „erschreckt, verschüchtert, depressiv und im schlimmsten Fall stark mental verstümmelt. In nicht so stark von realitäts- und sozialfernen Gebieten ist der Mensch dagegen (ich füge wieder ein): „ruhig, ausgeglichen, mental stark und hat kaum Fluchtreflexe? Aber das mit den Fluchtreflexen muss man sehr stark abstrahieren!

Kakteen auf der Insel Floreana

Die Geschichte (ja, auch die aktuelle Situation, die Geschichte von vor 10 Sekunden) lehrt beständig, doch sie findet niemals Schüler. Abends gab es immer ein „briefing“ für den nächsten Tag. Da der überwiegende Anteil der hier aufs Schiff kommenden Touristen aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommt, ist es unumgänglich genau zu erklären, was am nächsten Tag passieren wird, welche Gefahren lauern und hinter welchem See-Hund eventuell ein muslimischer Terrorist stecken könnte. Es nervte, dieses blöde Gelabere bis ins letzte, zum Erbrechen führende Detail! Müssen wir denn alle darunter leiden, dass in den Betriebsanleitungen ein Mikrowelle in den USA steht, dass man seinen Pudel nach dem Bad nicht zum Zwecke des Trocknens des Fells in die Mikrowelle stecken darf? Es waren doch gar keine Amerikaner um uns herum! Aber sonst stellten die Amis zu 90% die Gäste – was man an den teils dümmlichen Eintragungen im Gästebuch der Isabella nachlesen konnte.

Ein Wattvogel am Strand der Insel Floreana

Beim Frühstück saß ich immer am Tisch mit den Jugendlichen! Gudrun, Maria, Ute und Moni waren ja alle jünger als ich. Beim Abendessen saß ich immer bei den Alten, denn Uschi, Anita, Ingrid und Verena waren wiederum alle älter als ich! Das Frühstück auf der Luxus-Jacht war immer sehr gut! Alle Säfte frisch gepresst und Papayas die wir in unseren Breiten in dieser Qualität nie zu sehen bekommen würden. Heute würden wir wieder eine unbewohnte Insel besuchen um endlich mal die berühmten Wasser-Leguane, die blaufüßigen Tölpel und ein „Blow-Hole“ zu sehen. Die Anlandung dort versprach weitaus weniger Spaß als sonst, da wir heute kein „wet-landing“ machen sollten (das ist so was ähnliches wie eine Attacke der alten Wikinger: das Schlauchboot wird auf den Sand gelenkt und alle springen raus und holen sich nasse Füße). Wetlanding ist nass und drylanding ist trocken! Sofort, nachdem wir trockenen Fußes auf der Insel angekommen waren, begrüßten uns – genau in der Reihenfolge – Wasserleguan mit Jungtier / eine frische Plazenta einer gerade geboren habenden Seelöwen-Mutter / um die Ecke das Jungtier, welches die Plazenta begleitete und wieder jede Menge knallrot-orangene Krabben die keine Angst vor uns zu haben schienen.

Durchmesser mit Beinen etwa 40 Zentimeter

Der Spaziergang rund um die wirklich kleine Insel wurde von Dora beim Infoabend als „zweistündig“ beschrieben. Schon mit Blick auf die sportiven Möglichkeiten unserer Truppe. Allerdings hat sie die Felsen, über die nun geklettert werden musste, nach meinem Ermessen nicht wirklich korrekt beschrieben. An einigen Stellen musste sogar richtig geklettert werden!

Die kleinen Galapagos-Finken machten sich über die Plazenta her. Der darwinschen Theorie nach müsste es sich bei den „Plazenta-Fressern“ um eine eigene Spezies handeln? Oder hat sich diese Spezies erst entwickelt nach Darwins Tod? Vielleicht haben die Finken sich lediglich dafür geschämt, dass sie vom Körnerfutter zum Plazentaverzehr übergegangen sind und haben den Darwin getäuscht, als er über sie forschte? Meine Damen waren von den vielen in der Bucht liegenden Hai-Appetithäppchen (junge See-Löwen) so fasziniert, dass sie gar nicht los laufen wollten! Erst als Dora endlich einen schneidenden Befehl bellte, setzte sich die Karawane langsam in Bewegung.

Eine der typischen Echsen der Inseln

Überall saß Federvieh auf den Felsen. Ein große Kolonie der Kap-Tölpel fiel auf. Aber die haben keine blauen Füße! Und ich konnte ja nicht zu denen hin springen um ihnen auf die Flossen zu treten. Dann würden sich diese wenigstens in absehbarer Zeit bläulich verfärben. Außerdem schimpfte Dora ständig mit mir, weil ich immer wieder den vorgeschriebenen Weg verlassen hatte. Das war aber auch ein Weg von einem Weg eines Weges! Alle Achtung meine Damen. Laut Dora waren die Kap-Tölpel größer und stärker als die blaufüßigen Tölpel und setzten sich deshalb immer weiter durch? Dann sollten die blaufüßigen Tölpel mal die Lektüre von David und Goliath wälzen, vielleicht würde ihnen dann eine neue Strategie einfallen? Als wir um die dritte Ecke bogen war es dann endlich so weit: ein blaufüßiger Tölpel saß am Wegesrand und glotzte genauso seltsam in die Welt, wie die größeren und stärkeren Kollegen vom Kap.

Blaufußtölpel auf der Insel Espanola

Alle schauten den blaufüßigen Tölpel beglückt an! Auch ich! Der blaufüßige Tölpel schaute zurück und dachte sich wohl: „Lasst mir die Ruhe“. Aber schön war er (oder sie?) und er (oder sie?) hatte richtig blaue Füßchen! Schuhgröße 69 im Vergleich zum Körper würde ich meinen. Steine gab es am häufigsten auf der Insel. Ich war hoch beschäftigt damit meinen Tross durch die Wildnis zu helfen. Dieser Tag wird als einer der wertvollsten Phototage meines Lebens in die Geschichte meiner Person eingehen! Warum? Weil ich schon seit 1991 versuchte, einen fliegenden Albatros abzulichten. Das war in Dunedin/Neuseeland – Mai 1991. Dann wieder 1999, 2005, 2008. Immer hat etwas geklemmt!

Florentina Island/Galapagos – Oktober 2012

Albatroskolonie auf der Insel Espanola

Ich lief am Ende meiner angestrengt durchs Geröll stapfenden Gruppe über die Insel. Plötzlich – hinter einem Busch und keine 2 Meter von mir entfernt – glotzte mich ein ausgewachsener ALBATROS mit Jungtier an! Ich hätte mich wirklich ein wenig besser über den Gesamtverlauf der Reise informieren sollen. ALBATROSSE!!!! Wieso hatte denn diese Dora gestern beim briefing bloß jeden noch so kleinen Pipi-Vogel erwähnt und verschwiegen, dass es hier ALBATROSSE gibt! Ja war die denn von allen guten Geistern verlassen? Ich unterdrückte einen das Mark erschütternden Schrei und hob – extremst vorsichtig, zumindest der Altvogel könnte ja weg fliegen – meine Kamera vors Auge! Klick! Die Aufnahme war im Kasten! Nochmal Klick, das Tier blieb seelenruhig sitzen und glotzte mich unentwegt an. Also die Serienbildschaltung rein: Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick.

Am Punta Pitt leben Rotfußtölpel

Als ich die Ebene vor mir überblickte sah ich meine Gruppe durch eine Vielzahl von Albatrossen hindurch stapfen. Sie schauten zwar rechts und links, freuten sich offensichtlich auch des Lebens, aber sie hatten alle nicht die Spur einer Ahnung was es bedeutete, jetzt, in diesem Moment, hier zu sein und das zu sehen!! 22 Jahre waren seit meinem ersten Versuch vergangen! Während ich grüblerisch wurde und der Vergänglichkeit allen Seins in meinen Gedanken Raum gab huschte ein mächtig großer Schatten über mich hinweg. Mir gefror das Blut: war da eben ein Albatros über mich hinweg geflogen? Es war! Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick,Klick, Klick, Klick, Klick, Klick und nochmal Klick! Jetzt schlugen meine großen 30 Minuten! Die Welt – inklusive meiner mich begleitenden Damenwelt – wurde mir egal, nur die Photos zählten. In diesem Moment war ich der „King“, so wie diese gewaltigen Vögel, die eine Flügelspannweite von bis zu 3,70 Metern haben. Ich lichtete munter weiter fliegende Albatrosse ab. Dann ging es wider über Stock und Stein zurück zum Schlauchboot und ich wurde wieder genötigt, der ängstlichen Verena beim Geländegang Händchenhaltend zu Hilfe zu eilen. Mann, nicht mal in der Zeit der jungen Liebe habe ich ein Mädchen so ausgiebig an der Hand geführt wie Verena. Aber weil sie mir leid tat, machte ich es halt einfach. Außerdem war es meine Pflicht!

Fliegende Albatrosse auf Espanola 01

Es war wirklich schweres Gelände durch das wir da geführt wurden. Uschi blieb immer weit hinter der restlichen Gruppe! Was trieb die da bloß? Hatte ich berichtet, dass uns der Bord-Arzt begleitete an diesem Ausflugstag? Dora konnte sich offensichtlich wirklich nicht mehr an die Inhalte ihres Re-Animations-Kurses erinnern und hatte aus Sicherheitsgründen einen Arzt verpflichtet, die Gruppe zu begleiten. Der Doc war ca. 40 – 45 Jahre alt! Sah ganz gut aus und hatte Uschi nicht im Überschwang ihres Glücksgefühls erzählt, dass ihr der Sinn nach einem „jungen Mann“ stehen würde? Wer weiß was die zwei da hinten so anstellten? Hoffentlich war der Doc nicht auch ein Vertreter der typischen Süd-Amerikaner, die doch eh alle nur darauf warten ein „German Girl“ abzugreifen? Wer wusste es schon? Aber es war schwieriges Gelände doch Verena packte es am Ende auch ohne dass ich ständig selbstlos helfen musste.

Fliegende Albatrosse auf Espanola 02

Das war nur der Vormittag dieses Tages und auch der Nachmittag würde es nochmals in sich haben! Wir brachen nach dem Mittagessen wieder zu einer Aktivität auf! Heute sollten wir sogar Kajak fahren können. Außer der früher einmal als Sportlehrerin tätig gewesenen Ingrid hatte keiner von den anderen je ein Kajak gefahren. Und das hier war nicht der Main! Es war der wilde und offene Pazifik! Ich war unentschlossen, ob ich es meinen Gruppenmitgliedern denn erlauben sollte, ein solches Wagnis auf sich zu nehmen! Ich hatte doch schon nur noch so wenige Kunden und wenn der Rest mir hier ertrinken würde? Aber Ute und Monika wollten unbedingt aktiv sein und bestellten ein Kajak für sich, Gudrun die durch diverse Bootsfahrten wenigstens das Grundgefühl, hatte, aber noch nie ein Kanu-Paddel angefasst hatte, wollte auch fahren. Ingrid – als dynamische ehemalige Sportlerin – sah sich in der Pflicht, Gudrun eine Chance zu geben und die beiden bestellten auch ein Kajak für sich. Und ich? Ich versprach Maria, mit ihr das dritte Kajak zu nehmen. So würde ich wenigstens in der Nähe der anderen beiden Boote bleiben und konnte notfalls helfen.

Schönheit ist immer eine Frage der Definition

Gesagt, getan! Ute und Monika kamen ganz gut ins Kajak (es musste nämlich vom Schlauchboot aus eingestiegen werden) und wackelten durch die Wellen davon. Und dann? Alle Achtung, die liebe Ingrid hatte es faustdick hinter den Ohren glaube ich! Es lagen noch drei Kajaks da – Ingrid bestellte für sich und Gudrun das „Gelbe“. Die beiden „Orange-farbenen“ lehnte sie ab. Ich ließ sie gewähren, die Kundin ist schließlich das König. Der erfahrenere Pilot musste hinten sitzen. Also Ingrid hinten und Gudrun vorne. Beide saßen dann im Kajak und Ingrid grinste so indifferent! Ich konnte mir nicht verkneifen sie zu fragen, warum sie denn sie lächeln würde!

O-Ton gefällig?

Ingrid: „Nö, ich bin nur froh, dass ich das gelbe Kanu gekriegt habe, in die orangenen wäre ich nicht eingestiegen“.

Roland: (Mit einem Blöd-Frage-Gesicht) „Warum?“

Ingrid: „Weil die nicht so tragfähig sind wie das gelbe, habe ich gleich an der Wasserlinie an der Seite sehen können“

Roland: „Aha“ (denkt aber: Ingrid, das war nicht nett!)

Mit Sorge schaute ich zu Maria! Der Frau, der ich das Versprechen gab, ihr einen Kindheitstraum zu erfüllen und sie – unter meiner Obhut durch die Wellen zu bewegen. Das „orangefarbene“ Kajak wurde vorbereitet. Ingrid hatte ihren Spaß! Sie fuhr nicht davon sondern blieb mit ihrem Kajak in der Nähe um zu schauen was passierte. Meine Kamera wollte ich eigentlich mitnehmen, aber nachdem Ingrid mich derart verunsichert hatte, gab ich sie lieber in die Hände der dritten Reiseleiterin – deren Namen habe ich natürlich vergessen. Auch nicht ohne einen Adrenalin Schub zu bekommen, denn ich wusste ja nicht, was die junge und offensichtlich unvernünftige (unvernünftig weil jung) Frau mit meiner Kamera so alles anstellen würde! Ingrid lächelte noch immer! Der Einstieg von Maria ins Kanu klappte zwar nicht vorzüglich, aber sie fand ohne ins Wasser zu stürzen ihren Platz vorne. Zu diesem Zeitpunkt saß ich bereits hinten an meinem Platz und war heilfroh, die Kamera abgegeben zu haben.

Nachdem Maria und ich endlich die vorgeschriebene Sitzplatzposition eingenommen hatten, waren wir nicht mehr allein im Kajak! Wir teilten unser Wasserfahrzeug mit ca. 120 Litern Meereswasser, welches sich – völlig widerrechtlich – über die nun unter der Wasserlinie liegende Bordwand ins Innere des Kajaks ergossen hatte. MERDE!! Ich stellte erfreut fest, dass das Kajak trotzdem nicht sank, weil es komplett aus Plastik und sehr leicht war. Nach kurzer Irritation erfreuten wir uns dann aber trotzdem an der Situation. War ja letztlich auch egal, wie tief wir im Wasser lagen! Maria konnte schwimmen und hatte einen Badeanzug an. Ich hatte zwar Jeans und Hemd an, konnte aber auch schwimmen, nur von dem nassen Hintern wusste ich, dass er mich für den Rest des Tages begleiten würde. Ingrid lachte laut auf wie ein kleines Mädchen, als der renommierte Kajak-Fahrer Roland R. mit seiner ihm anvertrauten Maria bis zum Bauch im Wasser an ihr vorbei fuhr. Das war nicht nett – Ingrid! Das erwachsene Frauen so kindisch sein konnten. Ich beschloss, das nächste Mal – wenn es eines geben sollte – auch ein gelbes Boot zu nehmen, denn Ute und Monika die zusammen nicht mal so halb so schwer waren wie Maria und Roland, hatten sich das erste gelbe Boot geschnappt. Ich hatte das Gefühl, als ob mich selbst die dort an den Felsen sitzenden Tölpel auslachen würden.

Kolonie der Seelöwen auf San Cristóbal

Uschi, Verena und Anita waren mit dem nächsten Schlauchboot zum entfernt liegenden Strand gefahren, wir sahen sie aus der Ferne. An diesem Strand sollten wir später zwischen den Seelöwen herumlaufen dürfen. Mindestabstand: 6 Meter! Die Gewerkschaft der Seelöwen verlangte das so. Wir sahen auch die vielen, vielen See-Löwen und ich hatte schon am Beginn der Reise die Idee, dass wir ein hoch-exotisches Gruppenbild zwischen den Seelöwen machen könnten, falls sich diese Option ergäbe! Und sie ergab sich! Als wir, die Kajakfahrer an den Strand sprangen lagen dort hunderte von See-Löwen. Also ging es flugs ran an die Sache und ein Gruppenphoto „Damen“ zwischen „Seelöwen“ wurde gemacht.

Nach der Rückkehr zur Isabella II gab es wieder ein opulentes Abendessen, wieder eine durchwachte Nacht und am nächsten morgen wieder eine neue Insel: die letzte der „neuen Inseln“ für uns. San Christobal lag ganz im Osten des Archipels und von dort würden wir auch wieder abfliegen. Aber vorher hatten wir noch einen Besuch auf einer mickrig kleinen Mini-Insel vor uns, auf der noch deutlich seltenere Tölpel leben sollten als es die blaufüßigen Tölpel sind. Beim briefing am letzten Abend zeigte uns Dora ein Photo von einem rotfüßigen Tölpel!! Die gab es auch – wirklich seltsame Kreaturen waren dort zuhause. Der Wanderweg, den wir nehmen mussten war steil und felsig. Ich lief schon beim Aufstieg zur Höchstform auf und schon und drückte Verena in Richtung Gipfel. Die zitternde Frau tat mir echt leid und ich stellte erstaunt einen neuen Wesenszug an ihr fest: sie schien meine typische Roland-Boshaftigkeit zu mögen. Denn immer wenn ich ihr (mit leichtem Zynismus) die absurdesten Vorschläge machte, wie sie den Hang schaffen würde oder was mit ihrem Leichnam passieren würde, falls sie den Hang nicht schaffen sollte, lachte sie voller Freude auf und vergaß für ein paar Momente, dass sie am Ende doch stürzen könnte.

Kolonie der Seelöwen auf San Cristóbal / Detail

Auf der anderen Seite der Insel war dann einer (wirklich nur einer) der rotfüßigen Tölpel. Er saß auf einem Ast, bewachte sein Junges – welches noch keine roten Füße hatte – und dachte sich wohl genau wie der blaufüßige Tölpel: „Laßt mir doch die Ruhe“. Rotfüßige Tölpel unterscheiden sich nämlich nur in der Größe von den blaufüßigen Kollegen, sie sind noch kleiner! Ach wie süß!! Ansonsten haben beide Arten denselben Tölpel-Charakter. Am Nachmittag durften allen die das wollten nochmal richtig was erleben: schnorcheln, schwimmen, Schlauchboot fahren an einem anderen Strand die See-Löwen in den Wahnsinn treiben oder wie auch immer. Ich blieb an Bord, wollte mal meine Ruhe haben. Außerdem ging die Sonne langsam unter und das, was ich dort hinten sah, übertraf alle meine Erwartungen in Bezug auf „landschaftlich“ Sensationelles. Eine Insel wie aus dem Märchenbuch. Wie für Harry Potter geschaffen und doch war sie real.

Kicker Rock oder Léon Dormido Galapagos / Ecuador 02

Mein geübtes Auge erkannte den Lauf der untergehenden Sonne und dasselbe geübte Auge erkannte auch, dass die Sonne noch unter die Wolken kommen würde. Die Sensationsphotos gelangen, während sich die anderen in der beginnenden Dunkelheit noch bei den Seelöwen herumtrieben. Als sie mit den Schlauchbooten wieder an Bord kamen war alles vorbei. Doch ich hatte die Bilder im Kasten! Was sollte denn jetzt noch kommen?Yeaaah!

Kicker Rock oder Léon Dormido Galapagos / Ecuador 03 und Ende

Beim letzten gemeinsamen Abendessen haben sich die Crew Mitglieder mal wieder überboten in Bezug auf „gutes Essen“ und „Unterhaltung der Gäste“. Ich saß natürlich wieder an meinem Stammplatz bei den „Alten“ und freute mich darüber, dass die Damen bei jedem zweiten angelieferten Grillspieß entsetzt ablehnten, weil sie die darauf steckenden Leckereien nicht kannten. Gut so, dann blieb mehr für mich – wer lehnt denn schon Riesengarnelen ab, nur weil sie eine bläuliche Färbung haben! Und Domina-Dora? Sie hat das „Ranger-Outfit“ an diesem Tag einmal abgelegt, trug ein helles Kleid und hatte die Haare offen! In diesem Zustand nannte sie sich „Natalia“ (welcher wirklich ihr zweiter Name ist) und ließ verlauten, dass Natalia noch unverheiratet sei! Witzbold – magersüchtiger Witzbold! Aber sie vermachte uns noch etwas zitierfähiges!

Beim letzten gemeinsamen Zusammensitzen kamen wir alle miteinander auch etwas privater ins Gespräch und erfuhren, dass Dora einen Mann hatte (sie zeigte uns ein Bild) und einen kleinen Sohn von einem Jahr, den die Mama drüben in Ecuador betreute wenn sie arbeitete. Dora war zwar keine Schönheit, aber schon etwas Besonderes. Ihr Mann ganz normal. Mich begann zu interessieren, wie wohl der kleine Sohn aussehen würde. Ich fragte nach dem Kind, was eine kurzes Nachdenken bei Dora-Natalia auslöste. Danach kam die zitierfähige Geschichte:

O-Ton

Mein kleiner Sohn ist nicht sehr schön gewesen bei der Geburt, er war sogar ausgesprochen hässlich. Er hatte ein Gesicht, das nur eine Mutter lieben konnte. Als ich ihn so nach der Geburt im Arm liegen hatte habe ich ihn angeschaut und gedacht: oh wie hässlich bist Du! Dann habe ich gedacht dass ich seine Mutter bin und dass ich ihn trotzdem schön finden und lieben muss und das habe ich dann gemacht

Leider gibt es noch kein Computer-Schreib-Programm das den Dialekt und die Sprachfehler von Dora mit einbauen kann! Sie zeigte ein Bild ihres Sohnes – der Knabe sah richtig süß aus. Ob er sich wohl das Naturell der Mama zugelegt hat? Dann könnte er ja später mal ihr Domina-Studio übernehmen? Die Zukunft ist unser aller Auster! Den letzten touristischen Arbeitstag auf Galapagos begannen wir mit einem Besuch des Galapagos-Expo-Zentrums in San Christobal. Das letzte ausschiffen klappte ohne Zwischenfälle nur bei der Anlandung mussten wir eine Weile im Hafen kreuzen weil die dicken See-Löwen überall an den Kai-Anlagen in sich ruhten und wir ja nicht über die Löwen steigen konnten. Im Museum gab es plötzlich auf der Damen-Toilette einen mörderischen Krach. Verena hatte den Handtuch-Halter von der Wand gerissen weil sie mit der ecuadorianischen Technik nicht vertraut war. Es war wirklich höchste Zeit nach Hause zu fliegen!

Rotfußtölpel am Punta Pitt

Wir verabschiedeten uns von der Crew, den Reiseleiterinnen und dem gemeinen Volk. Nur Dora begleitete uns zurück zum Festland. Die Mutter wollte zum Kinde. So konnte sie uns wenigstens auf dem Flughafen von Guyaquil in die richtige Richtung führen. Der Rückflug war viel besser als der Hinflug! Ich hatte zwar wieder dieselbe Reihe an dem Notausgang, aber diesmal den Platz, auf dem ein extrem schweigsamer Süd-Amerikaner auf dem Hinflug saß! Und das BESTE: Neben mir saß keiner! Zwei Plätze für mich allein! Uschi hatte eine ganze Reihe für sich, Gudrun auch, Maria zwei Plätze für sich allein. Nur Anita hatte es nicht so gut, weil sie wieder einen „besonderen Platz“ wollte. Nun, den hatte sie ja jetzt, zusammen mit zwei anderen Passagieren. Nach 11 Stunden durften wir bei der Zwischenlandung in Madrid endlich aus dem Flieger raus. Ich wollte eine Zigarette rauchen und strebte dem „Exit“ Schild zu – folgte dem Exit-Schild weil ich annahm, dass dieser Flughafen so gebaut sein würde wie andere auch. Der Flughafen in Madrid war neu und anders. Das Exit-Schild führte zu einem gläsernen Aufzug. Eigentlich gingen da 15 Personen rein, aber der Aufzug war voll und meine gesamte Reisegruppe war bereits darin versammelt. Ich nahm die Treppe (wollte mich bewegen) aber die Treppe führte in einen ganz anderen Teil unseres Universums. Ich erreichte eine U-Bahn – das Exit-Schild zeigte in die U-Bahn! Dass man für eine Zigarette mit der U-Bahn fast 15 Minuten unterirdisch von einer Region Spaniens in die nächste fahren muss habe ich nicht gewusst.

Gefühlt rauchte ich meine Zigarette irgendwo in den Vororten von San Sebastian! Jetzt sollte aber Schluss sein.

RR

April 2020

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