Reisen in der Retrospektive – Argentinien 2007

Reisen in der Retrospektive – Argentinien 2007

Liebe Freunde des Reisens,

das Leben geht ja offensichtlich trotz aller Veränderungen seinen Weg. Ich habe noch immer viel Zeit und habe die Projekte, die mir wichtig erschienen, abgeschlossen. Jetzt entsteht so langsam eine gewisse Ruhe. Nachdenklich bin ich ja eigentlich immer, aber auch ein wenig quer denkend. Über den Fortgang der Reiseindustrie (hässliches Wort) habe ich mir auch ein paar Gedanken gemacht, auch wenn ich befürchte, dass es eine längere Reisepause als gedacht geben wird. Ich finde es positiv, dass viele der Menschen, die schon länger den Wert des Reisens erkannt haben, auch in der Krise Pläne machen, oder bereits erlebte Reisen in Gedanken noch einmal durchleben. Wenn trotz all der Sorgen und der teilweise eingetretenen Nöte, die Menschen dieses kostbare Gut noch immer in ihren Köpfen durchdenken, zeigt es doch nur auf, welchen gewaltigen Input das Reisen in andere Länder bewirken kann.

Impression aus Buenos Aires

Ich will natürlich auch meinen Teil dazu beitragen und diejenigen von Ihnen ein wenig unterhalten, die jetzt Zuhause sitzen müssen. Aber: auch für den Teil der Gesellschaft, der noch seiner geregelten Arbeit nachgeht, sind solche Beiträge, wie der folgende einer werden soll, gedacht. Vielleicht muss ich am Ende doch ein komplett neues Modell anbieten, wenn ich wirklich in meiner Berufung Reisen weitermachen will? Ob wir so schnell so weitermachen können wie bisher, ist ja zumindest sehr fraglich. Mit viel Energieaufwand zu fernen Zielen fliegen um auch die schönsten und exotischsten Ecken unserer Welt zu besuchen? Ob das noch möglich sein wird? Wohl denen, die das Reisen an sich trotz aller Verführungen nicht als Konsumgut eingestuft haben. So entfalten gemachte Reisen jetzt ihre Wirkung. Eine Wirkung, die nicht eintreten würde, wenn man „Reisen“ als Hintransport zu einem Strand in irgendeinem Teil der Welt betrachtet hat.

In Buenos Aires

Ich möchte deshalb – das war auch immer die Basis meiner vergangenen Reise-Unternehmungen – interessierte Menschen an etwas teilhaben lassen, was ich persönlich erleben durfte. Auch ein Reise-Profi, der sich seit fast 40 Jahren in verschiedenen Berufen in der Weltgeschichte herumtrieb, hat so seine Überraschungen erlebt. Schön ist unsere Welt fast überall, vor allen Dingen aber dort, wo man der Natur ihre Räume gelassen hat. Neuseeland habe ich zum ersten Mal 1991 besucht. Dann aber gleich für sechs Monate. Es war damals ein „Insider-Ziel“, welches sich viele namhafte Globetrotter für das Ende ihrer Reise-Karrieren aufgehoben haben, um sich mit einem richtigen „BANG“ aus dem Reiseleben zu verabschieden und sich aufs Altenteil zu setzen. Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass es Ecken auf der Welt geben würde, die an die exotische Attraktivität Neuseelands herankommen könnten. Eine relativ lange Zeit. Ich wurde aber eines Besseren belehrt!

Magellan Pinguine auf der Halbinsel Valdes


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Da wir unsere Reiseplanungen immer ein Jahr vor der dann tatsächlich in Angriff genommenen Weltreise begonnen haben, beschäftigte ich mich ab März 2006 mit einer Reise nach Argentinien. Ich war vorher selbst noch nie in diesem Land gewesen, wusste aber zumindest, dass es dort viele verschiedene Klimazonen und sehr unterschiedliche Landschaften gab. Da es in meinem Zirkel der Reisefreunde Interesse an dieser Unternehmung gab, habe ich ab Mitte 2006 mit der Planung einer solchen Tour begonnen. Die erste Überraschung war die Anzahl der benötigten Inlandsflüge! Argentinien ist auch eines der großen Süd-Amerikanischen Länder und ist mit 2,78 Millionen Quadratkilometern fast achtmal größer als die Bundesrepublik Deutschland! Da das Land auch noch fast 3.700 Kilometer Luftlinienlänge aufweist, waren am Ende Inlandsflüge von Buenos Aires nach Trelew (Halbinsel Valdez) / von Trelew nach Calafate (Gletscherwelten) / von Calafate nach Ushuaia (Feuerland) / von Ushuaia zurück nach Buenos Aires / von Buenos Aires nach Posadas (Ibera Sümpfe) / von Posadas nach Iguazú (Wasserfälle) / von Iguazú wieder zurück nach Buenos Aires. Puh! Das waren dann 7 Inlandsflüge, die den Preis der ganzen Unternehmung natürlich auch deutlich angehoben haben. Deshalb waren es am Ende wohl auch nur 13 Personen + meiner Wenigkeit. Eine Teilnehmerin kam sogar extra aus den USA nach Buenos Aires geflogen. Aber nur deshalb, weil ihre Mutter aus Deutschland zu den Teilnehmerinnen gehörte.

Ein etwa 4.000 Kilogramm schwerer See-Elefanten Bulle

Die Hinreise via Madrid nach Buenos Aires war ganz schön lang! Nicht im direkten Vergleich zu Neuseeland, aber wir waren schon mal 2 Stunden und 35 Minuten bis nach Madrid unterwegs, mussten dort 3 Stunden Aufenthalt in Kauf nehmen und flogen dann mit einem „Jumbo“ nochmal 13 Stunden nach Buenos Aires. Was in den nächsten Tagen folgte kann dann aber getrost mit einem überraschenden Superlativ nach dem anderen beschrieben werden. Wenn man irgendwo noch nie gewesen ist, steigt die Spannung natürlich in ungeahnte Höhen. Buenos Aires hat mir wesentlich besser gefallen als zum Beispiel Rio de Janeiro (kommt mal in einem anderen Beitrag dran). In Buenos Aires konnte ich an den Abenden ganz allein, ohne dabei in Gefahr zu geraten, mit meiner Kamera durch die Innenstadt laufen und schöne Nacht-Photos von den überlegt illuminierten Gebäuden machen.

Illuminationen gibt es in Buenos Aires zuhauf

Doch der Anfang war nur die Ouvertüre zu etwas viel Größerem! So viel größer, dass ich in der Rückbetrachtung, wenn ich diese Tour nochmal an meinem geistigen Auge vorüber ziehen lasse, jedes Mal Freude verspüre!

Vom lebhaften Buenos Aires flogen wir dann knapp 2 Stunden nach Trelew. Die Region dort kann durchaus als aride Halbwüste beschrieben werden und wir flogen dorthin, um mit einem eigens für unsere Gruppe gemieteten Bus nach Puerto Madryn zu fahren. Ziel war die Halbinsel Valdés, auf der wir uns einige exotische Tierbegegnungen erhofften. Wer schon einmal einen Film über die Halbinsel Valdés im Fernsehen gesehen hat, der kann sich bestimmt an die aus dem Wasser heraus springenden Orca-Wale erinnern, die sich auf diese Weise die eine oder andere Jung-Robbe greifen, die sich zu nahe ans Wasser gewagt hat? Nun, diese Orcas haben wir nicht gesehen, aber die Atlantikküste Argentiniens beherbergt gerade in Höhe der Halbinsel Valdés eine hohe Biodiversität an Land und zu Wasser. Das gut 3600 Quadratkilometer große UNESCO Weltnaturerbe wird als Geheimtipp unter den Hotspots der Tierbeobachter gehandelt, da es nicht so bekannt ist wie etwa die Galapagos-Inseln. Aber denen steht die Halbinsel in nichts nach. Zitierfähig wäre vor allem unsere dortige einheimische Reiseleitung: Uschi!

Buckelwalmutter mit Kalb

Uschi war nicht extra als Reiseleiterin ausgebildet, aber da sie – aus Deutschland kommend – die deutsche Sprache sprach und sich zudem in den 35 Jahren, seit sie dort zuhause war, viel Wissen angeeignet hat, ist sie uns trotzdem allen in guter Erinnerung geblieben. Einmal sprachen wir bei einem Spaziergang an der Küste über die Veränderungen in den Beziehungen der jungen Menschen im Vergleich zu „früher“ und über Kinder im Allgemeinen. Uschi hat zu diesem Thema etwas gesagt, dass sich mir für immer ins Gedächtnis eingegraben hat. O-Ton?

„Die jungen Menschen von heute verstehen einfach nicht, dass sie ihre Leben nachdem sie Kinder in die Welt gesetzt haben, nicht einfach so weiterleben können wie vorher. Sie sollten verstehen, dass das eigene Leben aufhört, wenn man Eltern geworden ist“

Ein 6 Meter langes Buckelwalbaby

Der war gut! Uschi habe ich es auch zu verdanken, dass ich (allein und ohne Gruppe) ganz dicht zu der Kolonie der See-Elefanten laufen durfte um das maximale in Sachen Photos aus der Sache heraus zu holen. Am Ende war das auch für die Gruppe gut, denn jede/r Teilnehmer/-in bekommt ja bei uns eine Photo-DVD von der Reise. Dass ich dem dicken Leitbullen (er war sicher 6 Meter lang und hatte an die 4.000 Kilo Muskeln und Speck am Leib) zu nahe gekommen bin, kann man auf den Bildern erkennen. Wir haben auch ziemlich kecke Magellan-Pinguine gesehen. Viele davon! Zudem liefen uns viele Guanakos vor die Linse, Gürteltiere, Nandus, Seelöwen und eine unglaubliche (schon hier!) Vielzahl von Vogelarten. Der Höhepunkt dort war aber die bisher beeindruckendste und beste Walbeobachtungstour, die ich in meinem ganzen Leben gemacht habe.

Guanakos

Ich hatte zuvor schon einige Beobachtungsfahrten zu den Walen dieser Welt gemacht. In Neuseeland, Kanada oder Island zum Beispiel. Aber keine war so „richtig“ erfolgreich und ich dachte sofort an ein mögliches, negatives Ergebnis, als Uschi diese Beobachtungsfahrt anbot. Ich sagte zum Spaß, dass sie uns aber eine 100%ige Garantie geben müsse, dass wir auch die gigantischen Buckelwale sehen müssten, sonst würden wir unser Geld zurück verlangen. Sie lachte kurz auf, sah mich an und meinte, dass sie um diese Jahreszeit eine 200%ige Garantie geben könne, dass wir zumindest Buckelwale sehen, wenn es gut liefe, auch Orcas! Sie sollte recht behalten! Schon bevor wir ins Boot stiegen, konnten wir in der Ferne die Buckelwale sehen. Es waren alles Weibchen, die in den flachen Gewässern des Golfo Nuevo ihre Jungen geschützt großzogen. Es war unfassbar! Auch, dass wir gut 20 Minuten von einem etwa 14 Meter langen Buckelwal Weibchen samt Jungtier umschwirrt wurden. Die Mutter drängte ihren neugierigen Nachwuchs immer wieder vom Boot weg, weil er ihr offensichtlich dem Boot zu nahe kam.

Trotzdem konnten wir beide Tiere – die uns mindestens genauso interessiert beäugten wie wir sie – vom Boot aus berühren!

Nach diesem grandiosen Erlebnis dachten wir schon, dass es wohl kein weiteres Highlight mehr geben würde, das diesem auch nur nahe kommt. Wir wurden schnell eines besseren belehrt! Nach dem Weiterflug nach El Calafate am Lago Argentino wurden wir schon beim Verlassen des Flughafens von den ersten Condoren begrüßt. Und hier wurde mir persönlich auch etwas zuteil, was der Mensch nur an zwei Plätzen auf der Welt erleben kann: das zusammen kommen von zwei so unterschiedlichen Landschafts- und Vegetationsformen, dass sie „eigentlich“ nicht nebeneinander existieren dürften. Urwald und Gletscher. In Neuseeland, an der Westküste der Südinsel hatte ich dieses bewegende Erlebnis schon 1991 gehabt. Und nun wiederholte sich dieses Schauspiel! Dieser relativ kleine Teil Südamerikas war der zweite Platz, an dem ich nun durch einen dichten grünen Regenwald lief um an dessen Ende einen mit Eisbergen gefüllten Gletschersee zu finden. Wieder ein umwerfendes Erlebnis.

Exkursion auf dem Lago Argentino

Wir blieben drei Tage in der Region und unternahmen auch eine wiederum bis zum heutigen Tage unübertroffene Bootsfahrt auf dem Lago Argentino, kamen so auch in den Parque Nacional Los Glaciares und sahen die damals noch intakten und gewaltigen Gletscher. Aber sowohl der Perito-Moreno-Gletscher als auch der Spegazzini Gletscher sowie der Onelli Gletscher haben sich seit dieser Zeit gewaltig verändert. Künftige Generationen werden wohl keine Gletscher mehr sehen können? Als besonderes Ereignis sei hier noch vermerkt, dass unser Bootsführer sehr dicht an den Spegazzini Gletscher heran gefahren war, als sich plötzlich eine etwa 100 Meter Breite und 20 Meter Hohe Eiswand löste und mit großem Getöse ins Wasser stürzte. Nur mit aller Kraft und aufheulendem Motor gelang es dem Kapitän noch, das Boot außer Reichweite der entstehenden Wellen zu befördern. Es waren großartige Tage.

Urwald und Eis treffen aufeinander

Nun waren wir aber erneut sicher, dass es nicht Besseres mehr würde geben können. Wir waren ja nun schon recht weit in den Süden Argentiniens gekommen, so dass der Flug zum südlichsten Punkt unserer Reise (der wohl für alle der südlichste Punkt der Welt war, an dem sie jemals waren! Ushuaia liegt bereits auf dem 55ten Breitengrad) nur noch 1 Stunde und 20 Minuten betrug. Es war auch für mich ein irgendwie erhebendes Gefühl, so weit im Süden unserer Welt angekommen zu sein. Falls sie einen Globus zur Hand haben, sollten sie einmal drauf schauen! Es gibt kein Land auf der Welt, das so weit in den Süden reicht, wie Argentinien oder Chile. Die nächste Nachbarin ist die Antarktis! Beim Anflug auf Ushuaia hatten wir ein schockhaftes Erlebnis. Die Region dort unten ist ja bekannt für heftige Winde, aber davon war beim Anflug auf Ushuaia nicht zu spüren. Doch plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, wurde unser Flieger von einem monströsen Scherwind erfasst und….

….fast einmal um die eigene Achse gedreht! Alle Triebwerke heulten auf und ich dachte wirklich, dass es das jetzt gewesen sein könnte! Doch die Flugzeugführer, die in diesen Regionen ihren Dienst versehen, haben Erfahrung. Nach kurzem Schrecken pendelte sich die Maschine wieder ein und die Landung ging ohne weitere Probleme vonstatten. Kühl und windig war es zwar auch, als wir dort am 55ten Breitengrad weilten, aber wir hatten auch Sonnenstunden mit bis zu 22 Grad Wärme und konnten dann im T-Shirt herumlaufen. Die Ausflüge und Wanderungen in den Feuerland Nationalpark, die Schifffahrt auf dem Beagle Kanal, mit unfassbarem Tierreichtum und immer wieder über die Grenze zwischen Argentinien und Chile bis hinaus zur Islas de Tierra del Fuego waren wiederum unübertrefflich. Zu diesem Zeitpunkt war mir schon lange klar geworden, dass Argentinien sich mit Neuseeland durchaus messen könnte, wenn die riesigen Entfernungen im Land nicht wären. Wir erlebten nichts, was es nicht wert wäre, nochmal und noch viel intensiver besucht zu werden.

In Ushuaia

Und noch zwei „Superlative“ warteten auf uns!

Zurück nach Buenos Aires absolvierten wir so eine Art Pflichtbesuch in der Pampas und besuchten die Estancia Santa Susana. Gut, den touristischen Teil des Unterhaltungs-Programms hätte ich mir gerne erspart, aber das gute Essen und der tiefe Einblick in die Kultur des Pampas Bewohner rechtfertigten den Besuch dann doch. Wir waren aber auch sehr verwöhnt zu diesem Zeitpunkt. Von Buenos Aires aus flogen wir dann noch nach Posadas, in der Region der Ibera Sümpfe gelegen. Vom Flughafen aus mussten wir ein vier Jeeps mit Allradantrieb umsteigen, sonst hätten wir die entlegene Aguapé Lodge nicht erreicht. Dort, in der Abgeschiedenheit der Sumpflandschaften blieben wir noch einmal für drei Nächte und erlebten an den beiden Ausflugstagen in die Sümpfe (per Boot und Jeep) eine bis dahin während der Reise noch nicht erlebte Vielfalt an Tieren.

Specht im Feuerland Nationalpark

Die Ibera Sümpfe sind ja auch das größte Naturreservat Argentiniens. Es hat eine Fläche von 13.000 Quadratkilometern und ist somit nach dem Pantanal (welches ich damals noch nicht kannte) in Brasilien das zweitgrößte Feuchtgebiet der Erde. Die Artenvielfalt dort war unbeschreiblich groß. Es gibt allein über 350 Vogelarten! Wir haben sehr oft Wasserschweine (Capybaras) gesehen. Kaimane schwammen auf Tastdistanz an unseren Booten entlang. Wir konnten Alligatoren, Mähnenwölfe, Sumpfhirsche, Brüllaffen und Pampashirsche beobachten. Wer diese Region erleben will, kann sicher sein, das ganz authentische Argentinien zu erleben. Dabei muss man aber die etwas beschwerliche Anreise in Kauf nehmen. Lohnt sich trotzdem. Ich würde „sofort“ wieder dorthin verreisen.

Wasserschwein mit Jungtieren in den Ibera Sümpfen

Und zum Schluss ging es noch (wieder mit einem Zwischenstopp in Buenos Aires) in den tropischen Norden Argentiniens. Die Iguazú-Wasserfälle waren natürlich deutlich stärker besucht als alle anderen Regionen, die wir vorher unter die Lupe genommen hatten. Aber diese Fälle, die aus 20 größeren sowie 255 kleineren Wasserfällen bestehen, sind ja auch weltbekannt und damit automatisch ein touristischer Hotspot. Wir blieben aber zwei Nächte dort und unternahmen an je einem Tag einen Ausflug zur brasilianischen Seite und einen zur argentinischen Seite der Fälle. Die Ausdehnung von 2,7 Kilometern Länge abzuwandern war trotz der vielen anderen Besucher ein Fest für die Sinne.

Tukan bei den Iguazu Fällen

Und dann geschah das, was allen Dingen vorherbestimmt ist. So wie auch unsere Leben einmal enden, ging auch diese Reise zu Ende. Nach einem letzten Stopp zur Übernachtung in dem uns nun schon sehr vertrauten Stamm-Hotel in Buenos Aires, flogen wir die 13 Stunden wieder nach nach Madrid und von dort, nach einem kürzeren Aufenthalt, wieder nach Frankfurt am Main zurück. Doch wie bei jeder Reise, die man nicht als Konsumgut versteht, begannen die Erinnerungen in dem Moment, in dem wir uns am Flughafen in Frankfurt voneinander verabschiedeten.

Ornithologen kommen in Argentinien voll auf ihre Kosten

Solche Reisen, die man mit einer Reise-Gemeinschaft unternimmt, leben ganz besonders von der Gruppe als wichtigstem Bestandteil einer Reise. Oft in meiner Karriere musste ich von den ganz auf Individualität ausgerichteten Reisenden hören, das man in einer Gruppe doch niemals so intensiv würde erleben können, wie als individuell Reisende. Dem wage ich zu widersprechen. Die Reisen finden höchstens auf einem anderen Niveau statt. Der Individualist unterliegt natürlich weniger einem Zeitplan. Er kann sich dazu entscheiden, an der Kante einer Klippe so lange sitzen zu bleiben, wie er das für richtig hält. Eine Gruppe muss natürlich zu festgesetzten Zeiten weiter, da ein gebuchtes Programm zu absolvieren ist. Wer aber als Individualist die Dinge erleben will, die man in einer Gruppe serviert bekommt, zahlt – bei gleichem Niveau der Hotels zum Beispiel – das doppelte bis dreifache der Kosten, die das Mitglied einer Gruppe bezahlen muss.

Blick aus dem Fenster des Hotelzimmers in Ushuaia

Individualität hat ihren Preis, wie ich immer gesagt und geschrieben habe. Wer individuell reist und das mit offenen Sinnen tut, macht prinzipiell nichts falsch. Er oder sie muss sich dann aber um alles selbst kümmern, alles selbst organisieren, auf die Straße achten, Karte, Navigationsgerät und Bücher bemühen, um sich den gewünschten Input zu erarbeiten. Die „Gruppe“ bekommt das serviert. Ich kenne Menschen, die sowohl individuell als auch in Gruppen verreisen. Ich habe das selbst viele Jahrzehnte so gemacht. Die Gruppe hat aber einen wesentlichen Vorteil: wenn die Harmonie stimmt und die Mitglieder einer Reise-Gemeinschaft sich aufeinander einlassen, dann entsteht eine Reise-Dynamik, die man als individuell Reisender nicht erreichen kann. Da ich den Großteil meines Lebens als Reiseleiter, Reisejournalist oder sogar – wie in den letzten 19 Jahren – als Reiseveranstalter zugebracht habe, überwiegen natürlich die Erlebnisse mit Gruppen. Fast keine davon möchte ich missen.

Kontraste zwischen den Welten

Und jetzt, in der aktuellen Situation, zehre auch ich von meinem bunten Reise-Leben. Es ist so viel geschehen, dass ich noch Stunden weiter schreiben und beschreiben könnte. Es beschleicht mich langsam das Gefühl, das es schwierig für mich als Reiseprofi werden wird, das Reiseleben so fortzuführen wie bisher! Aber wozu hat man denn all diese wundervollen Erfahrungen und Erlebnisse gemacht, wenn man sie nicht weitergibt? Deshalb habe ich beschlossen, meine persönlichen Erfahrungen auf dieser Welt in den nächsten Wochen (vielleicht werden es Monate) weiter zu geben. Sie können diese Artikel gerne sammeln und weitergeben. Es gibt sicher viele Menschen, die sich das Reisen in der Art, wie ich es hier beschreibe, niemals leisten konnten oder es sich jemals werden leisten können. Vielleicht haben ja Außenstehende Freude an den Geschichten und Bildern?

Ohne Kommentar

Ich mache mich jetzt an die Auswahl der Photos und das Schreiben eines solchen Artikels (ja ich muss meiner Erinnerungen begrenzen, sonst würde es gleich wieder ein Buch werden) nimmt auch etliche Stunden in Anspruch. Warum ich das tue? Keine Ahnung, ich habe schon immer Sympathien für die Menschen gehabt. Die besten Dinge des Lebens sind kostenlos. Auch in der Coronakrise. Ein Nachgedanke noch: es ist immer wieder einmal vorgekommen in den letzten fast 40 Jahren, dass ich Teilnehmer/-innen in den Gruppen hatte, die ihre Befindlichkeitsstörungen nicht unter Kontrolle hatten. Ich-bezogene Menschen, die den Wert einer gut funktionierenden Reise-Gemeinschaft nicht zu schätzen wussten. Wir Menschen sind ja individuell und die Fähigkeit zur Kontrolle der Impulse ist bei jedem verschieden. Aber ich habe in solchen Situationen immer nur gedacht, dass es eine ungeheure Verschwendung von Lebenszeit und Energie ist, wenn man sich in Situationen des intensiven Reisens nicht auf die eigentlich intensiven Momente konzentrieren kann, weil man sich in sich selbst verloren hat.

Ich werde mal schauen, wie lange ich dieses Aufarbeiten noch leisten oder machen kann. Sicher wird es auch einige Personen geben, die nichts interessiert, was sie nicht selbst gemacht haben. Dagegen kann ich nichts tun. Ich setze einfach darauf, dass diesen Blog auch Menschen lesen, die sich an einem solchen – individuell gestalteten – Reiseverlauf erfreuen können. Das wäre die Mühen dann allemal wert.

Roland Richter

April 2017

1 Comment
  • Dagmar Ulsamer
    Posted at 18:49h, 08 April Antworten

    no comments from you, but a comment from me dear Roland,
    what a interesting yourney – without long flights – but very nice pictures and your text!!

    all good wishes from Dagmar

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