Vorfreude auf Neuseeland

Vorfreude auf Neuseeland

Angeblich ist Vorfreude doch die schönste Freude! Aber stimmt das wirklich? Es kommt wohl darauf an, worauf wir warten. Irgendwie ist das schon paradox. Auf der einen Seite gilt Vorfreude als schönste Freude. Demnach ist der Verzögerungsgenuss größer als das eigentliche Erlebnis. Auf der anderen Seite neigen wir aber zur Ungeduld. Die meisten von uns warten nicht gerne, egal ob es um ein heiß ersehntes Konsumobjekt (und jeder hat da so seine ersehnten Sachen) oder einen längst überfälligen Urlaub geht. Oder in meinem speziellen Fall: um eine seit über einem Jahr ersehnte längere Gruppen-Reise nach Neuseeland. Ans andere Ende der Welt. Ich zerplatze mittlerweile fast vor Ungeduld, weiß aber – zu meinem individuellen Glück – wie ich solche Warterei sinnvoll überbrücken kann. Die Vorfreude sorgt nämlich auch für eine gewisse innere Anspannung. Und in dieser Phase ist der Geist wacher als sonst. Entgegen der Meinung vieler Sozialforscher sehe ich die Kreativität nicht unbedingt als einen wesentlichen Bestandteil von Hochbegabung an! Dann wäre ich ja hochbegabt, was meine Selbsteinschätzung nicht zulässt. Höchstens im Erkennen von systemischen Zusammenhängen könnte ich mir eine gewisse Begabung attestieren. Ich überbrücke die Zeit des Wartens mit Nachdenklichkeit. Eine Nachdenklichkeit, die dann zu einem Artikel wie diesem führt.

Die Wunderwelt der Coromandel Halbinsel

Aber was überwiegt nun? Der Einfluss der Vorfreude oder die Macht der Ungeduld? Es kommt drauf an – und zwar darauf, ob wir ein Produkt oder ein Erlebnis kaufen oder nicht. Jeder von uns trägt gegensätzliche Persönlichkeitsmerkmale in sich und vereint dadurch unterschiedlich intensive, breitere Denk- und Handlungsmöglichkeiten. Natürlich tragen wir im schnellen Heute eine nicht zu unterschätzende Last: Erwachsene haben größtenteils die freudige Erwartung verlernt – im digitalen Zeitalter muss am besten alles sofort sein. Im digitalen Zeitalter ist es schließlich nichts Besonderes mehr, wenn Bücher, Musik und Filme innerhalb weniger Sekunden aus dem Netz heruntergeladen werden. Produkte erreichen ihre Empfänger in weniger als 24 Stunden nach der Bestellung frei Haus. Und ein namhaftes, international operierendes Internet-Kaufhaus testete jüngst im New Yorker Stadtteil Manhattan, ob es funktionieren kann, zumindest handliche Waren innerhalb von nur einer Stunde mithilfe von Fahrradkurieren zum Kunden zu bringen. Vorfreude mutiert zur Sekundenfreude?

Ich befürchte, dass die schnelle Sofortbefriedigung unserer Bedürfnisse durchaus bedenkliche Formen angenommen hat. Glückshormone werden im Prinzip stärker und anhaltender in dem Zeitraum ausgeschüttet, in dem wir Menschen uns auf etwas freuen – und eben nicht in dem Augenblick, in dem der Wunsch dann tatsächlich in Erfüllung geht. Die Vorfreude hat aber auch ihre Schattenseiten, denn in der Phantasie erscheint vieles, was der Mensch erwartet, strahlender, als es in der Wirklichkeit am Ende ist. Unsere Erwartungen können nun mal enttäuscht werden. Die Vorfreude ist deshalb auch ein schmaler Grat. Einerseits schwingt in ihr die Gewissheit mit, dass tatsächlich etwas Positives eintreten wird. Auf Ungewisses freilich freut sich der Mensch eigentlich nie. Andererseits funktioniert das Prinzip Vorfreude am besten, wenn das, worauf sich die Freude richtet, nicht zu konkret ist. Weiß ein Mensch, was ihn erwartet, fehlt die Neugier und das freudige Warten wird von einer anderen Empfindung überlagert: Ungeduld macht sich breit.

Der Champagner Pool auf der Nordinsel

Ja, auch ich habe nun langsam keine Lust mehr darauf zu warten, dass die Reise endlich beginnt. Aber die Vorfreude lohnt sich! Weiß ich doch, dass das Ziel – fast noch ein wenig paradiesisch – am anderen Ende der Welt liegend, einen landschaftlichen Superlativ nach dem anderen bieten wird. Es gibt in Neuseeland derart viele überwältigende Naturbegegnungen, dass Angespanntheit, Stress und Erschöpfung wie von selbst verfliegen, sozusagen verscheucht werden. Positive Gefühle erscheinen größer und wichtiger als jene, die einen eher zermürben. Dafür muss man zwar nicht unbedingt nach Neuseeland fliegen, weil es in dieselbe Richtung geht, wenn man eine Stunde durch den Wald wandert. Der Entspannungseffekt kommt ziemlich schnell. Ist man dann noch mit Menschen gemeinsam unterwegs, die einem etwas bedeuten, dann kann sich dieser Genuss nochmals steigern.

Die Voraussetzung wird aber das bewusste Wahrnehmen werden. Es werden sicher alle Teilnehmer von unserer Reise in die Naturgebiete Neuseelands profitieren. Der Effekt eines Aufenthaltes in solch überwältigend schöner Landschaft kann das Selbstwertgefühl und die Stimmung auch bei denen, die unter einer starken (privaten oder beruflichen) Belastung stehen, steigern. Also sitze ich hier und schreibe in meiner ungeduldigen Vorfreude den einen oder anderen Artikel zu viel? Aber die Einzigartigkeit und die außergewöhnliche Schönheit Neuseelands, die ich selbst schon sehr intensiv erleben durfte, lässt sich nur mühsam in Worte fassen. Faszinierende Felsinseln, grüne Hügelwiesen, rauchende Vulkane und ewig blaue Gletscher liegen dicht an dicht in dieser umwerfenden Landschaft. Dort existieren Landschaftsformen, die wir in Europa vergeblich suchen. An manchen Tagen wird es wirken, als wären die Landschaften unseres Planeten auf dieser Doppelinsel im Süd-Pazifik für ein Stelldichein zusammengetreten.

Vulkane im Tongariro Nationalpark

Noch immer wird seitens der Tourismusbehörden versucht, Neuseeland als das verborgene Paradies im Pazifik darzustellen. Paradies? Ja, gut okay! Verborgen? Nein, auf keinen Fall (mehr). Als ich 1991 für ein halbes Jahr in Neuseeland geblieben bin, war dieses Land schon kein Geheimtipp mehr! Die Bücher vieler damals bekannter Globetrotter und Weltenbummler hatte ich bereits lange vorher gelesen. Reiseberichte über Neuseeland waren rar. Aber einen Grundtenor habe ich noch in Erinnerung: viele der bekannten Schreiberlinge wollten sich Neuseeland bis zum Ende als signifikanten „Höhepunkt“ ihres Reiselebens aufsparen, um mit einem großen, die Sinne betörenden Knall danach aus dem aktiven Reiseleben auszusteigen.

Würden wir am Reißbrett das wohl schönste Land der Erde formen, so ähnelte das Ergebnis höchstwahrscheinlich den Inseln von Neuseeland. Eine derartige Vielfalt an außergewöhnlichen und zudem einzigartigen Naturräumen wie sie hier zu finden sind, bietet kein mir bekanntes anderes Land. Und die wenigen Länder (zu denen überraschenderweise auch Argentinien gehört), die eine ähnliche üppige Vielfalt an Landschaftsformen haben, sind in der Regel viel, viel größer als Neuseeland, so dass man weit fahren oder viel fliegen muss, um in die Ecke eines neuen Superlativs zu kommen. Grün bewachsene Hügel reihen sich auf beiden Inseln dicht an dicht. Es gibt dort Gebirgszüge mit hohen, schneebedeckten Gipfeln, die an die Alpen Europas erinnern. Das Busch- und Heideland beherbergt eine ganze Vielzahl seltenster Tier- und Pflanzenarten. Unmittelbar neben den ausgedehnten Regenwäldern ragen blau, violett, rosa und weiß glitzernde Gletscher in die Landschaft. Noch vor 30 Jahren konnten wir bei Wanderungen sehen und erleben, wie das untere Ende der Gletscherzungen in einem Urwald endete, der dem des Amazonas in Dichte und Fülle kaum in etwas nachstand. Der absolute Wahnsinn! Doch dieses Erleben wird nicht mehr möglich sein! Die Gletscher haben sich – wie überall auf der Welt – weit zurück gezogen und berühren den immergrünen Urwald längst nicht mehr.

Kanutouren im Abel Tasman Nationalpark

Das spektakuläre Fjordland an den Küsten, die weißen Sandstrände rund um die Inseln, die gigantischen Seen und eine stattliche Anzahl an Vulkanen reichen immer noch nicht, um dieser landschaftlichen Breite wirklich gerecht zu werden. Das wohl bekannteste Fotomotiv ist der Mitre Peak im Milford Sound. Etwa ein Viertel des Landes ist mit einer Mischung aus Nadel-, Laub- und Regenwäldern bewachsen. Ein Großteil davon befindet sich in den geschützten Parks. Mehr als 85 Prozent der neuseeländischen Flora sind endemisch und kommen nirgends sonst auf der Erde vor. Darunter die Kauri-Bäume und unzählige farbenfrohe Blumenarten. Auch die Tierwelt zählt zu den außergewöhnlichsten dieser Erde. Seepferdchen tummeln sich in den Korallen der umliegenden Riffe und Wale und Delfine sind ganzjährig in den Gewässern zu beobachten. Pinguine, Robben und der neuseeländische Seebär leben an den Küsten und Fjorden. Den Luftraum teilen sich Albatrosse, Seevögel und Bergpapageien. Doch auch an Land sind verschiedene Vogelarten zu finden. Durch den Mangel an Raubtieren, konnten sich gleich mehrere flugunfähige Arten wie das Weka-Huhn, die Takahe und der Kiwi verbreiten. Letzterer gilt als Nationalvogel des Landes. Und wo bleibt der kritische Ansatz?

Lake Matheson an der Westküste der Südinsel

Neuseeland hätte natürlich auf ewig ein Paradies bleiben können. Aber der Mensch in seinem Wahn hat auch diesem Land bereits sehr zugesetzt! Der Nationalvogel, der Kiwi, ist bedroht, seit Europäer viele Tiere aus Europa mit nach Neuseeland gebracht haben. Auch die Stämme der Maori, die etwa 700 Jahre vor den Europäern aus ihrer Heimat, den polynesischen und mikronesischen Inseln nach Neuseeland ausgewandert sind, haben sich in ihrer neuen Heimat nicht gerade vorbildlich benommen!! Neuseeland „brennt“ zwar nicht – so wie dass etwa 2.000 Kilometer weiter nördlich liegende Australien – aber die Besiedlung durch „Kulturmenschen“ und eine stetig steigende Zahl von Besuchern haben dem Idyll doch zugesetzt! Warum also nach Neuseeland reisen? Man kann dort – wie ich finde – besser als an vielen anderen Plätzen dieser Welt – eine gewisse Bewusstseinserweiterung erfahren. Unser Bewusstsein verfügt über ein riesiges, wenn nicht gar unermessliches Spektrum an Möglichkeiten, wir könnten Zeit unseres Lebens darin eintauchen, ohne sein Ende zu erreichen. So, wie uns der Weltraum mit seinen Milliarden Galaxien erstaunt und in sich unzählige mögliche Entdeckungen trägt, liegt auch in unserem Bewusstsein eine gewaltige Bandbreite möglicher Erlebnisse, Einsichten und subtiler Dimensionen verborgen.

Der Mitre Peak im Milford Sound

Positive Emotion sind an sich schon sehr stark. Warum sollte eine positive Emotion denn dann noch ausgedehnt werden? Eine positive Emotion für sich erscheint schon mehr als ausreichend. Allein der Vorschlag, eine positive Emotion auszudehnen, legt nahe, dass es etwas jenseits ihrer Grenzen gibt, das man finden kann. Aber warum sollten wir das tun? Die einfache positive Emotion entsteht aus flüchtigen Umständen, sie hängt von einem bestimmten Erlebnis ab, einer Person oder einem vorübergehenden Zustand – ihre Ausdehnung dagegen enthüllt uns ein neues Potenzial, eine größere innere Freiheit. Sie schafft die Basis für eine Form von Glück, dass nicht mehr von äußeren Umständen abhängt, die von nichts verursacht werden muss. Natürlich muss der Mensch sich auf diesen Zustand einlassen können.

Ich werde die geneigten Leser/-innen mal mit ein paar Bildern aus diesem faszinierenden Land verwöhnen. Der Tag hat begonnen, es ist an der Zeit zu Taten zu schreiten. Nur noch 12 Tage warten – dann geht es endlich los. Am Anfang der Planungen waren es noch 18 Monate. Alles fließt. Nun fließt es auf die Abreise zu. Ich freue mich…..(vor)….

Roland Richter

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