Spanien – wie hast Du dich verändert!

Spanien – wie hast Du dich verändert!

Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel. Dieses Zitat von Charles Darwin erinnert an die Aussage von Heraklit, der da meinte, dass man nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen könne. Gerade weil Veränderungen allgegenwärtig sind, sehnen die meisten Menschen sich nach Stabilität und Dauerhaftigkeit. Um diese zu erreichen, müssen wir uns oft verändern. Was ändert sich und was bleibt? Vor längerer Zeit hatte ich einen Nachbericht meiner Reise nach Spanien versprochen. Es ist schon eine lange Zeit her, dass ich regelmäßig mit Reisegruppen dieses Land besuchte. Es war zu einer Zeit, als man im „Hinterland“ die Bewohner der Dörfer noch dazu motivieren konnte, aus ihren Häusern zu laufen um die „Fremden“ zu beäugen und gegebenenfalls ein paar Worte mit ihnen zu wechseln, um einen Teil der exotischen Welt außerhalb ihrer Dörfer einzufangen.

Die Höhlenwohnungen in Guadix / Provinz Andalusien

So um 1986 herum hatte ich mitunter zwei oder gar drei intensive Rund- und Kulturreisen durch das ferne Land zu begleiten. Es war mein erstes „Spezialgebiet“ als Reiseleiter, auch wenn ich – beschämender weise – zugeben muss, dass ich den fließenden Gebrauch der spanischen Sprache nie erlernt habe. Es heißt immer, dass alles in der Natur nach Vervollkommnung streben würde. Auch der Mensch? Gut, seit er die Bühne der Geschichte betreten hat, versucht er durch Gründung von Zivilisationen, Entwicklung von Kulturtechniken und Erfindungen, der Welt den Stempel seines Geistes aufzudrücken. Durch schöpferische Energie und Willenskraft transformiert er die Materie. Dieses „transformieren der die Materie“ hat in Spanien fürchterliche Spuren hinterlassen, an denen der nach Vervollkommnung strebende Mensch wohl noch lange zu knabbern haben wird? In Spanien lebten Einheimische und Investoren einen Traum, der wie die ihn geschaffen habende Immobilienblase platzte.

Hotelanlage Gran Hotel Peniscola

Ein genauer Zeitpunkt, wann der „Bau-Wahn“ in Spanien begonnen hat, lässt sich nur schwer festlegen. Die Blase kann man aber bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen, als das von Franco beherrschte Spanien begann, an seinen Küsten Apartmenthäuser zu bauen, um so schwedische Touristen anzulocken. Der größte Bauboom kam jedoch in den Neunzigern und damit zu einer Zeit, als ich schon nicht mehr mehrfach im Jahr im Land unterwegs war. Jedenfalls stand Spanien 2008 von dem Ziegelstein, auf dem es saß, auf und begann die Folgen der Immobilienblase zu sehen (die sich unter den Regierungen verschiedener politischer Richtungen gebildet hatte). Oder anders ausgedrückt: Es lief alles ziemlich gut, bis es anfing sehr schlecht zu laufen. Aber wie ist Spanien in diese Situation geraten? Der Beginn des spanischen Bauboom-Wahnsinns fällt mit der Einführung des Euro zusammen. Wer einen Kredit aufnehmen wollte, zahlte zuvor zehn Prozent oder mehr an Zinsen. Mit dem Euro änderte sich das, weil nun die Europäische Zentralbank den Geldfluss steuerte, verschwanden auch die Sorgen vor Inflation und Wechselkursrisiken. Die Zinsen sanken, ein Bauboom setzt ein, bis die Blase 2007 platzt. Einst trug der Bausektor elf Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, nun schrumpft er, die Arbeitslosigkeit steigt. Viele der Bauvorhaben von einst sind Baustellen geblieben. Doch darüber will ich eigentlich nicht schreiben – aber es gehört zu diesem Artikel dazu, weil ich die schockierenden Bilder, die ich seit der Wiederaufnahme meiner Spanien Reisen (2006) in meinen Erinnerungen trage, wohl nie mehr vergessen kann.

Die Suche nach der Vervollkommnung scheint an dieser Stelle in Spanien zumindest gründlich in die Hose gegangen zu sein? Keine geistigen Übungen der Philosophie, kein Glauben und keine spirituelle Richtung zielte damals auf eine bewusste Veränderung und Entwicklung des Menschen hin. Echte Veränderungen, die die materielle Komponente außer Acht lassen, sind selten und oft nur durch disziplinierte Übungen über Jahre und Jahrzehnte oder durch schweres Leid möglich. In Spanien ging dafür wohl alles viel zu schnell? Das „geheimnisvolle“ Spanien, das Land, in dem die angeblich exotischsten und schönsten Frauen und Männer Europas lebten (auch wenn die Italiener das nicht gerne hören) existiert nur noch an wenigen Plätzen. Schon als Kind erlebte ich im Rahmen eines Familienurlaubes an der Costa Brava die Auswirkungen einer schnellen Veränderung hin zu ausschließlich von monetären Überlegungen geprägten Denk- und Verhaltensweisen. Denn nicht nur auf Mallorca, auch an der Costa Brava verbringen jedes Jahr Millionen von Touristen aus ganz Europa ihren Urlaub. Zwar gab es immer wieder Negativschlagzeilen und häufig wurde die „wilde Küste“ genannte Region als touristische Destination schon totgesagt. Trotzdem ist Spaniens beliebteste Urlaubsregion eine einzigartige Erfolgsgeschichte geblieben. Die jungen Spanier/-innen, die in diesen Küstenregionen ihre Ausbildung, später ihre Arbeitsplätze und die Basis für ihre weiteren Leben fanden, unterschieden sich vollständig von den anderen Spaniern/-innen, die weiter im Landesinneren lebten und von den „Segnungen“ des schnellen Geldes keine Ahnung hatten.

Wie sollte also in Spanien der Erwerb von Tugenden, der das Alltagsleben in ein Übungsfeld für positive, willentliche Veränderungsprozesse vorbereitet hätte, funktionieren? Die Tugend der Mäßigkeit oder Mäßigung – wie sollte sie erreicht werden? Die neue spanische Generation kam vor lauter „Erwerb“ nicht dazu, sie zu trainieren! Der Rubel begann mit ungeheurer Wucht zu rollen und transformierte eine ganze Generation zu Erfolgsmenschen. Tugenden sind heute nicht mehr in Mode! Dabei sind Tugenden energetische Realitäten, die unseren unsterblichen Seelenteil anreichern und erleuchten. Sie bleiben, wenn unsere beiden Pferde, die Lebensenergie und der Körper vergehen. Aber der letzte Satz wird denen, die den „Beharrungskräften“ zugeneigt sind, schon wieder missfallen! Also zurück zum Thema!

Die besuchten Sehenswürdigkeiten (die klassischen, denn alles ist sehenswert) sind noch immer da. Aber der Strom der Touristen hat sich teilweise in den letzten Jahrzehnten verhundertfacht. Allein die In-Destination Barcelona ist heute derart vulgär überlaufen, dass die Bürger dort mittlerweile schlicht ihre Stadt zurück wollen. Barcelona ist das europäische Lieblingsreiseziel für einen Wochenendtrip und wird zusätzlich auch noch massenhaft von den großen Kreuzfahrtschiffen angelaufen. Leider. Denn der Hype um Barcelona bringt für seine Bewohner eine Menge Probleme und hat eine Woge des Widerstands hervorgerufen. Nachhaltiger Tourismus ist in Barcelona wohl auf lange Sicht unmöglich. In der Bevölkerungsstruktur führen Veränderungen gerade dazu, dass die Bewohner Barcelonas durch Personen mit höherer Kaufkraft ersetzt werden! Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel? Na also! Es wandelt sich doch!

Die legendäre Alhambra in Granda

Aber auch die entfernt liegenden interessanten Plätze sind ungeheuer voll und überlaufen. Bitte nicht falsch verstehen: natürlich gibt es individuelle Möglichkeiten, Spanien auch noch bewusst zu erleben, aber ich gehe einfach mal davon aus, dass Möglichkeiten der Leser/-innen hier es nicht zulassen werden, sich mit einem Rucksack für mehrere Monate nach Spanien auf den Weg zu machen. Die monetäre Vervollkommnung das Menschen hat zumindest dazu geführt, dass er/sie/es keine Zeit mehr hat! Zumindest nicht mehr genug davon. Der Anteil der ins Land Kommenden, die lediglich einen Bade-Urlaub machen wollen und sich täglich mehrere Stunden der Sonne aussetzen, damit diese ihnen auf den Pelz brennt, ist signifikant höher als der Anteil der Touristen, der ins Land kommt, um durch fremde Gassen zu laufen und aus fremden Tassen zu trinken. Dabei hat das facettenreiche Land hat neben unzähligen kulturellen Schätzen und einer spektakulären Landschaft viele historische Städte sowie zahlreiche Sehenswürdigkeiten zu bieten. Wenn es gut läuft, wird man eine Reise durch Spanien nie vergessen.

Toledo – eine Stadt wie aus dem Märchen

Die Sonne scheint dort noch immer wundervoll vom Himmel, aber aus dem ehemaligen Agrarland Spanien ist ein moderner Industriestaat geworden. Die Halbwüsten des Landes wirken heute noch etwas wüstenhafter als früher, die Anbaugebiete für Südfrüchte, die wir auch in den Wintermonaten so gerne essen, sind noch ein paar Kilometer höher in die Hügel aufgestiegen und verlieren sich an so mancher Stelle im Horizont, so dass man die Endpunkte der reflektierenden Glasbauten (Gewächshäuser) nicht mehr von dem gleißenden Himmel unterscheiden kann. Alles fließt! Natürlich gibt es noch immer verschlafene Dörfer, man wird noch immer von einem großen kulturellen Erbe überrascht sein, die besten Tapas gibt es meiner Meinung nach noch immer in Andalusien, und das Schlendern durch malerische Gassen in diversen Städten ist noch immer möglich. Aber allein ist man dabei auch dort nicht mehr – zumindest nicht in der Hauptreisezeit.

Mein Fazit nach fast 13 Jahren Abwesenheit als Reiseleiter aus meinem ehemaligen „Spezialgebiet“ fiel dennoch positiv aus. Aber Gedanken um die Jugend Spaniens mache ich mir doch. Alkoholprobleme sind bei den unter 25jährigen, die unter einer gewissen Ohnmacht leiden, ihre Leben kraftvoll in die eigenen Hände nehmen zu können, sehr verbreitet! Knapp 80 Prozent der spanischen Jugendlichen unter 18 Jahren betrinken sich regelmäßig. Viele von ihnen sehen einfach keine Zukunftsperspektive mehr, was vor allem an der hohen Jugendarbeitslosigkeit liegt. Ich habe bei meinen früheren Aufenthalten im Land niemals Betrunkene gesehen! Wein zählte zwar in Spanien damals auch schon zu den Grundnahrungsmitteln – wie in vielen südlichen Ländern allgemein – aber die Spanier gingen maßvoll mit diesem Nahrungsmittel um. Das hat sich nun auch in Spanien verändert. Viele junge Menschen glauben einfach daran, dass die Zukunft längst geschrieben sei. Sie versuchen nicht einmal mehr, im Land etwas zu verändern. Einer der – zu meinem Glück gut Englisch sprechenden jungen Männer – „Betroffenen“, den ich am Busparkplatz in Puerto Marina kennenlernte, meinte zu diesem Thema, dass er glaube, dass er schon auf einer Bahn sei, dass sein Leben in diese vorgegebene Richtung gehen würde. Er könne nur abwarten, was kommen würde. Er glaubte schon lange nicht mehr an seine Träume.

Die Kathedrale von Saragossa

Die Folgen des Turbokapitalismus haben überall auf der Welt neue Verwerfungslinien des menschlichen Miteinanders geschaffen. Schneller, höher, weiter – das ist das Fortschrittsprogramm der Moderne. Immer schneller produzieren und konsumieren wir, immer weiter greifen wir dazu in die äußere und innere Natur ein, immer höher wachsen die Berge der Sachen, der Werte und der Schulden. Natürlich auch in Spanien. Doch ist es unter all diesen Veränderungen noch immer dieses elektrisierende Land geblieben, das maurische Spanien noch immer eines der eindrucksvollsten Vermächtnisse Europas. Der aufmerksame Besucher spürt etwas Fremdartiges in der spanischen Kultur, auch wenn es jedes Jahr einen Strom von mehr als 40 Millionen Touristen gibt, der dort bewältigt werden muss.

Am stärksten verändert – und das finde ich natürlich extrem positiv – hat sich die Position der spanischen Frau im Land. In Spanien stehen die Frauen auf und rufen immer mehr gemeinsam: Adiós, Macho! Und die jungen Männer? Unterstützen ihre Frauen unerwarteterweise. Spanien hat die weiblichste Regierung Europas, einen Ministerpräsidenten, der sich offiziell als Feminist bezeichnet, und ein (für spanische Verhältnisse) regelrechter Tsunami der Frauenbewegung hat das Land erfasst. Ob allerdings der ewige Machismo dort wirklich am Ende ist, will ich kaum glauben, auch wenn ich stark darauf hoffen möchte!

RR

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