Was bedeutet es eigentlich Abschied zu nehmen?

Was bedeutet es eigentlich Abschied zu nehmen?

Die letzte Schottland-Klassik Reise nach 30 Jahren.

Sich von jemandem oder etwas zu trennen heißt doch, dass wir bereit sind, dem Vergänglichen zuzustimmen? Zum Jahreswechsel feiern wir das sogar mit einem Feuerwerk. Im alten Jahr verabschieden wir uns teilweise sehr bewusst, um dem Neuen im nächsten Jahr eine echte Chance zu geben. Vorfreude ist dadurch mit Abschied gepaart.

Beim Auseinandergehen sagen wir Auf Wiedersehen, mit diesen Worten verabschieden wir uns von allen möglichen Menschen, ob Sie uns vertraut sind oder nicht. Und das fällt uns ganz leicht. Weil es nun mal nicht schmerzt, wenn wir die flüchtige Bekanntschaft aus dem Café am Nachbartisch oder den netten Menschen aus der Reisegruppe verlassen müssen. Ein bisschen Wehmut ist im zweiten Fall vielleicht dabei. Aber echter Schmerz? Ja, nicht mal bei einem guten Bekannten machen wir uns groß Gedanken darüber. Wir gehen schließlich davon aus – wie die Wortwahl schon zeigt -, dass wir sie nicht zum letzten Mal getroffen haben. Ein Wiedersehen wird sich schon ergeben. Entweder weil wir gerade in der Gegend sind, es so sein soll oder weil wir einfach Lust darauf haben. Ein wirklicher Abschied ist das nicht, sondern eine Trennung auf Zeit.

Aber was ist, wenn jemand oder etwas einfach so nicht mehr da ist? Wir unterliegen alle gewissen Zwängen der Konvention. Manchmal sagen wir “Ich ruf dich an”. Oder: “Man sieht sich!” Obwohl wir wissen, dass das höchstwahrscheinlich nicht geschehen wird. Statt sich mit dem Ende zu konfrontieren, bleiben wir vage, drücken uns davor, ehrlich zu sein. Lieber lassen wir uns ein Hintertürchen offen. Das ist bequemer. Ein wirklicher Abschied hingegen hat etwas Endgültiges. Aber wie gehen wir damit um, wenn Menschen und Dinge aus unserem Leben verschwinden, ob wir wollen oder nicht? Was machen wir mit diesem Gefühl des Unwiederbringlichen? Es geht hierbei ja nicht um einen Abschied durch den Tod, auch nicht darum, etwas nie mehr wieder zu sehen. Es geht um eine Reiseroute, die mein berufliches und privates Leben viele Jahrzehnte lang bestimmt hat.

Der französische Philosoph Michel de Montaigne hat einmal gesagt, dass wir, wenn wir philosophieren, im übertragenen Sinne im Prinzip lernen zu sterben. Aber in jedem Ende liegt ein Neubeginn! Ich habe den Abschied von „dieser“ Reise durch Schottland wortwörtlich genommen, ihn angenommen. Was braucht man eigentlich zu einem erfüllten Leben? Ich selbst habe immer nach einer Antwort auf diese Frage gesucht und dabei festgestellt, dass eigentlich gar nicht wirklich viel nötig ist, um Erfüllung oder Glück im Leben zu finden. Im Prinzip ist es für jeden ganz einfach möglich. Der Kern der Sache ist nämlich der, dass man sich seine eigenen Vorstellungen von einem erfüllten Leben machen und auch danach leben muss! Leider gelingt uns das im hektischen Heute, gepaart mit den Notwendigkeiten der wirtschaftlichen und juristischen Zwänge, heute immer seltener. An allen Ecken wird uns vorgegaukelt, dass dies und jenes für ein glückliches Leben wichtig sei. Ein schickes Auto zum Beispiel, viel Geld auf dem Konto oder teure Urlaube am anderen Ende der Welt.

Vom letzten Argument habe ich immer gelebt und trotzdem versucht, mehr in die Ausübung meines Jobs zu legen als im Allgemeinen erwartet. Die Frage nach Sinn und Selbstfindung ist bei mir zum größten Teil längst abgeschlossen. Ich weiß, wer ich bin und was ich wirklich will. Ich lebe selbstbestimmt danach und nutze meine kostbare Lebenszeit sinnvoll und für meine Begriffe erfüllend. Ich bin im Prinzip in meinem tiefen Ich gelassen, kann stürmische Zeiten meistern und das Leben entspannt leben. Es geht dabei nicht um Genuss! Es ist mein Job, Brückenpfeiler zwischen den Welten und Kulturen zu sein und Menschen auf ihren Wegen zu begleiten und als Reiseleiter zu leiten. Bewusstheit und Achtsamkeit, diese beiden Begriffe werden seit Jahren immer häufiger verwendet um den Menschen einen Weg zu zeigen, wie sie ihre Leben achtsamer wahrnehmen und somit in allen Bereichen auch bewusster gestalten können. Seit 1989 habe ich diese Reise mindestens 50 x durchgeführt und am Ende festgestellt, dass ich damit begonnen habe, repetitiv zu arbeiten!

Bei meiner Arbeit spielen Faktoren wie ungünstige Arbeitszeiten, monotone Tätigkeiten, oder fehlende Anerkennung zwar keine Rolle, aber mich verband eine so enge und leidenschaftliche Beziehung zu diesem Reiseziel (Land), dass ich am Ende befürchtete, durch das abspulen meines Wissens in altbekannter Form mir am Ende doch arbeitsbedingte psychische Belastungen einzufangen. Denn diese Belastungen können sowohl emotionale als auch kognitive Vorgänge in einem selbst negativ beeinflussen. Durch den Abschied von dieser Route wird keine Lücke entstehen, aber eine Erinnerung wird bleiben. Eine Erinnerung, die mit einem gewissen Schmerz daher kommt. Ich habe der Vergänglichkeit zugestimmt, mit der ich klarkommen werde.

Dadurch ist ja auch Platz für Neues entstanden und Hermann Hesse kommt ins Spiel, der da „den Zauber beschwört, der jedem Anfang innewohnt“. Und der Anfang heißt nun „Schottland-Klassik NEU“. Eine neue Route, neue Spannungen, neue Erwartungen, neue Erlebnisse gemeinsam mit hoffentlich vielen Gästen, die sich dem Virus Schottland hingeben wollen. Und fast so, als hätte das Land dort oben, wo die Nordsee und der Atlantik eine teils stürmische Hochzeit feiern, mich und damit die Reisegruppe für die geleistete und eingebrachte Empathie der letzten 30 Jahre belohnen wollen, gab es fast durchweg gutes Wetter. Durch die Bereitschaft, diese für mich bedeutende Reise loszulassen, konnte ich auch wieder kreativ und nicht repetitiv meine Arbeit machen und habe auch dadurch dabei geholfen, dass die Reisenden sich schneller mit dem Ziel infizieren konnten.

Der einzige Wermutstropfen war die Reisezeit! Denn wir waren in der letzten Woche des „Military Tattoo“ unterwegs. Eine Zeit, in der wohlhabende Menschen aus allen Teilen der Welt nach Schottland eilen, um dieses medienwirksam vermarktete Giga-Spektakel zu sehen und danach ihre Schottland-Reise zu absolvieren. Hotels in Edinburgh und mittlerweile auch in Glasgow sind in dieser Zeit für Durchschnittsverdiener fast unbezahlbar geworden. Das Geld dominiert zu dieser Zeit auch den Markt in Schottland und dieses Beben spürt man fast bis in die nördlichen Highlands hinein. So mussten wir die Reise im Uhrzeigersinn absolvieren. Ein Wagnis! Warum? Weil die mit großem Abstand eindrucksvollsten Landschaften Schottlands im Westen liegen. Wenn man mit dieser überwältigenden Natur zuerst konfrontiert wird und danach die „etwas“ weniger attraktiven Gebiete des Ostens sieht, kann schon ein gewisser Ermüdungsfaktor entstehen.

Aber das Aufmerksamkeitsniveau blieb bestehen. Nachdem wir mit den Orkney Inseln den nördlichsten Punkt der Tour absolviert hatten, war trotz einer Veränderung der uns umgebenden Landschaften keine Spur von Ermüdung im Reisebus zu spüren. Dunrobin Castle, die Grampian Mountains und Edinburgh wurden hellwach erlebt und tief eingesogen. Sicher werden alle Reisegäste noch lange von dieser Tour zehren? Ich für meinen Teil habe nun zwei Möglichkeiten, mein Reise-Leben weiter zu leben: Aus der Geschichte der anderen oder aus meiner eigenen Inspiration heraus. Ich werde mich für die eigene Inspiration entscheiden und hoffen, dass ich noch ein paar Jahre meine im Allgemeinen als wertvoll angesehene Arbeit als Vermittler zwischen Völkern und Kulturen tun kann. Schottland wird mich ohnehin bis zu meiner letzten Stunde begleiten. Ohne Schmerzen und ausschließlich positiv.

Roland Richter

07.09.2019

2 Comments
  • Marianne Schricker
    Posted at 11:49h, 08 September Antworten

    Was soll man dazu noch sagen es ist mit den Bildern und deinen Kommentaren schon alles gesagt und zum Ausdruck gebracht. Mir fällt dazu nur ein Wort ein und das kommt vom Herzen. Danke Roland dass Du diese Reise mit uns gemacht hast .

  • Jutta Kurfirst
    Posted at 11:52h, 10 September Antworten

    Ich habe mich für die Teilnahme an dieser Reise zum Einem dafür entschieden, da ich miterleben wollte wie diese Reise, die vor so vielen Jahren ihren Beginn hatte und einer Leidenschaft bzw. einer Liebe zu diesem Land entsprang, für Roland Richter somit der Beginn von so vielem war, zu einem Abschied findet. Zum Anderen weil Schottland auch eines meiner Sehnsuchtsländer ist und ich es zum ersten Mal 2004 noch mit meinem Mann besucht habe.

    Obwohl ich Schottland erst dreimal besucht habe, empfand ich bei dieser Reise, wie auch bei den beiden anderen Malen eine starke, unerklärbare Verbundenheit zu diesem Land. Untermalt von den Worten des Reiseleiters Roland Richter, ergab das für mich eine besondere Stimmung. Von einem repetitivem Abspulen des Programms oder den Erzählungen war nichts zu spüren. Wahrscheinlich auch deshalb, weil das Ende von etwas Besonderem ins Bewusstseins gerückt ist. Als naturliebender Mensch, beeindruckten mich wieder die Bergformationen, Klippen und sanften Hügeln in verschiedensten Grüntönen. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten mit Irland, aber Schottland hat eine höhere Dichte an kulturellen Sehenswürdigkeiten aufzuweisen. Der Besuch der Orkney Inseln erfreute mich persönlich besonders, da dadurch in mir liebevolle Erinnerungen an meine erste Busgruppenreise mit Dr. Richter Reisen wachgerufen wurden.

    Roland brillierte wieder mit Wissen über das Land und erläuterte systemische Zusammenhänge, die er aufgrund seines Lebensweges zu erkennen vermag. Es war eine Studienreise mit tiefen Einblicken auf hohem Niveau, aber auch mit dem Quäntchen persönlicher Erlebnisse, die diese Reisen dadurch auch so besonders machen. Der Busfahrer Christian chauffierte uns, unter der gekonnten Anleitung von Roland, sicher und geduldig in die hintersten Winkel des Landes.

    Auch bei dieser Reise lernte ich wieder einige langjährige Anhänger der Reisen von Roland Richter kennen. Ebenfalls ein Zeichen von Qualität, wenn es jemanden gelingt seine Kunden über viele Jahre an sich zu binden. Auch ich bin ja mittlerweile eine überzeugte Wiederholungstäterin und werde es sicher so lange es möglich ist bleiben.

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