Irland-Extrem 2019 – Eine Rückschau

Irland-Extrem 2019 – Eine Rückschau

Kennt ihr dieses Gefühl? Das Gefühl, dass nichts so sehr schmerzt wie fehlgeschlagene Erwartungen? Natürlich weiß ich, dass gerade durch so eine enttäuschte Erwartung ein kritischer Geist seine eigene Denkweise erforschen kann. So lässt sich am Ende die Quelle der irrigen Annahmen entdecken und ebenso die künftig richtigen herausfinden. Worum es hier geht? Ich hatte – nach den vielen Monaten der intensiven Vorbereitung auf diese Reise – einfach eine hohe Erwartungshaltung, die ich nicht näher hinterfragt habe. Enttäuschungen sind dann im Prinzip vorprogrammiert. Die Gefahr bei so einer Erwartungshaltung ist, dass man sich auf etwas versteift. Ich hatte mich darauf versteift, dass die „längeren“ Schlechtwetterperioden, von denen Irland nun eben hin und wieder mal heimgesucht wird, mich niemals betreffen würden! Zu meiner Zeit als aktiver Reisejournalist und Berichterstatter habe ich in meinen Vorträgen dieses Wetter-Phänomen zwar oft thematisiert, war mir aber sicher, dass es mich nie treffen würde.

Das war ein Fehler!

Es hängt in diesem speziellen Fall damit zusammen, dass ich bestimmte Dinge (etwas besseres Wetter) einfach erwartet habe. Ich wollte meinen Gästen einfach die schönste Seite von allem zeigen und war deshalb enttäuscht, weil meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Gut, ich bin alt genug um damit umzugehen, aber nachdem wir schon bei der Anreise im Lake District kein wirklich gutes Wetter hatten und die erschlagende Schönheit der Region bei der dreistündigen Wanderung rund um den See „Derwent Water“ nur teilweise überzeugend war, hoffte ich auf schnelle Verbesserung.

Ich lächelte, weil ich wusste, dass es schlimmer hätte kommen können! Und? Es kam natürlich schlimmer! Viel schlimmer!! Auf dem Wege nach Dumfries/Schottland regenete es sprichwörtlich junge Hunde und Katzen vom Himmel und die Scheibenwischer des Busses vermochten kaum die Regenfluten von der Windschutzscheibe zu entfernen. Es prasselte und regnete die ganze Nacht hindurch und wir werteten es schon als „Erfolg“, dass der massive Regen am nächsten Tag nicht sofort weiter ging und wir an drei oder vier sekundenkurzen Momenten sogar mal einen der berühmten „Glimbses“ of sunshine sehen konnten. Für Bruchteile von Sekunden wie gesagt!

Die Überfahrt mit der Fähre von Cairnryan nach Larne in Nordirland war dann ebenfalls von Starkregen begleitet. Das war kein „Irish Mist“! Das ist zwar ein Likör, aber umgangssprachlich hat sich der Begriff auch für diesen leichten Nieselregen eingebürgert, der für die grünen Wiesen und Felder Irlands verantwortlich zeichnet. Wir gerne hätte ich etwas Irish Mist genossen! Aber: Pustekuchen, der Regen ging weiter. An der Ostküste Nord-Irlands, auf dem Weg zur Lachsanglerbrücke von Carrick a Rede waren aber wieder mal sonnige Momente dabei. Einmal dauerte es sogar über eine Minute. Hoffnung keimte auf. Doch schon bald prasselte es wieder vom Himmel herab. Nur gut, dass wir bei dieser Tour Hotels der gehobenen Kategorie gewählt hatten! So konnten sich die Teilnehmer/-innen wenigstens auf ein angenehmes Zimmer und gutes Essen freuen.

Der nächste Tag? Ihr ahnt es schon? Wieder extremer Regen. Gut dass wir die Besichtigung in der Old Bushmills Distillery „Innen“ hatten. Da wurden wenigstens die Klamotten mal wieder trocken. Aber dann, der absolute Höhepunkt und ich war wirklich überrascht, dass einige aus der Gruppe – die Hälfe mag es wohl gewesen sein, trotz massiver Regenflut, grauen Wolken und grausamen Winden, die teilweise mit orkanartiger Geschwindigkeit bliesen, am Dunserverick Castle ausstiegen, um eine zweistündige Wanderung an den Klippen entlang zum Giant´s Causeway zu machen. Schon nach wenigen Metern war in der grauen Brühe von den in bunten Regenjacken an der Klippe entlang davonstiefelnden nichts mehr zu erkennen. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie alle wiedersehen würde. Der Grad der Durchnässung der Bewegungsfreunde war nach der Ankunft am gemeinsamen Treffpunkt so brutal, dass man sie alle in einen Trockner hätte stecken müssen! Brutal!

Die Wende kam – aber auf samtenen Pfoten und nicht sofort spürbar – am nächsten Tag, als wir eine Stadtbegehung von Derry absolvierten, ohne auch nur einen einzigen Tropfen abzubekommen. Von sonnigem Wetter konnte noch keine Rede sein, aber es blieb trocken! Um endlich zufrieden leben zu können reichen manchmal einfache Ereignisse, die uns dabei helfen. Wer so lange keine Sonne gesehen hat wie wir zu diesem Zeitpunkt, der ist mit einem „regenfreien“ Stadtrundgang absolut zufrieden, wenn nicht gar glücklich! Warum ist denn Zufriedenheit überhaupt so wichtig?

Unsere Grundhaltung gegenüber anderen Menschen und Situationen hat nicht nur auf uns selbst Auswirkungen, sondern auf unser gesamtes Umfeld. Habe ich schlechte Laune oder bin ich betrübt, spüren meine Mitmenschen diese Schwingungen. Und mir selbst bekommt es ebenso wenig, wie ein Trauerkloß mein Dasein zu fristen. Die wachsende Zufriedenheit mit der nun eingetretenen Wetter Situation (es fließt kein Wasser mehr vom Himmel: yippy yeah) konnten sich alle in der Gruppe positiv entwickeln. Unser aller Ausstrahlung veränderte sich und wir steckten uns mit dem wiedergewonnenen Glauben an den Sinn einer Reise-Existenz regelrecht an!

Der Durchbruch kam dann am Nachmittag, als wir eine 14 Kilometer lange Wanderung zum nördlichsten Punkt Irlands, nach Malin Head, unternahmen. Die Sonne knallte regelrecht vom Himmel! Die Sonne. Das Licht, das das Leben auf der Erde möglich macht. Das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen basiert auf Sonnenlicht. Der Einfluss der Sonne auf unsere Gesundheit und unseren Gemütszustand ist wichtiger als wir denken. Und nun spürten wir den Beweis auf unserer Haut: Sie war noch nicht verloren, diese wundervolle Sonne! Noch nicht weggespült von den flutenden Wassermassen der letzten Tage. Die Sonne lebte! Wir auch! Sollte es am Ende nun besser werden?

Ganz so schnell ging es am Ende dann doch nicht. Der nächste Tag war aber zumindest von stark wechselndem (und damit typisch irischem) Wetter geprägt. Der Besuch des Steinforts Grianán von Aileach fand noch in Best-Wetter statt. Wundervolle Blicke weit ins Land. Die Fahrt nach Donegal war ebenfalls gemischt aber bei der Ankunft in Donegal Stadt schienen sich die feuchten Elemente wieder gestärkt zur Bekämpfung all unserer Reiselüste vereint zu haben. Irgendwie erinnerte mich dieser Moment an das Gedicht von Theodor Fontane: Die Brück´am Tay. Dort, wo sich die Winde treffen um den Zug entgleisen zu lassen. Wartet mal, der Text befindet sich noch irgendwo in den Windungen meines Gehirns:

Wann treffen wir drei wieder zusamm?

Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.

Am Mittelpfeiler.

Ich lösche die Flamm.

Ich mit.

Ich komme vom Norden her.

Und ich vom Süden.

Und ich vom Meer.

Hei, das gibt einen Ringelreihn,

Und die Brücke muss in den Grund hinein.

Der Wind pfiff derart gewaltig und der Regen flutete in solchen Massen, dass es keine/r wagte, aus dem Bus zu steigen. Doch dann herrschte wieder gemischtes (und damit gut irisches) Wetter vor. Allerdings wurde der geplante Aufstieg zu den Klippen von Slieve League dann doch wieder ein Opfer der vorherrschenden Wetterbedingungen. Die Gruppe musste weit vor dem Erreichen des Gipfelgrades aufgeben – der Wanderführer sah sich dazu gezwungen weil ihm der Weg zu gefährlich erschien. Aber die gewaltigen Klippen haben wir am Ende doch noch gesehen: ich habe einfach einen Shuttle-Bus angemietet und zur Belohnung gab es oben dann sogar etwas Sonne zum heftigen Wind. Alles gut!!

Die erste der sogenannten „Königsetappen“ erfolgte am nächsten Tag. Via Creevykeel (eine restaurierte steinzeitliche Megalithanlage), Drumcliff (Grab von William Butler Yeats), Sligo fuhren wir in den wenig touristischen Westen via Ballina und Bangor Eris zur Achill Insel. Dort hatten wir mehrheitlich Sonnenschein und gutes Wetter! Endlich! War das nun der Wendepunkt? Die Wanderung von Ozeans Rand zum „deserted village Slievemore“ war jedenfalls genauso ein Fest für die Sinne (speziell die Augen die endlich die Schönheiten überall in vollem Umfang auch sehen konnten und diesen Reiz ans jeweilige Großhirn übermitteln durften) wie die anschließende Rundfahrt auf der kleinen Insel, die auch schon Heinrich Böll begeisterte und wo er sein irisches Tagebuch schrieb.

Die nächsten Tage boten dann Möglichkeiten, die totale innere Zufriedenheit wieder zu finden. Der Besuch der Kylemore Abbey war noch zufriedenstellend, aber die Wanderung auf den Diamond Hill in Connemara trennte einmal wieder die Spreu unter den Wanderfreunden vom Weizen. Oben auf dem Gipfelgrad wurden filmische Dokumente angefertigt, die einen heftigen, niedergehenden „Hagel-Sturm“ zeigen! Auch die restliche Durchquerung Connemaras war von Starkregen ohne Chance aus Aussicht geprägt. Der folgende Tag aber, der auf den Aran Inseln, war vollkommen regenfrei! Auch an den folgenden Tagen konnten wir mit unseren nun deutlich verbesserten Möglichkeiten, die uns umgebende Welt nicht nur zu erahnen, sondern auch zu sehen und somit mit allen Sinnen wahrzunehmen, das Reiseleben wieder verstärkt genießen. Das nun deutlich bessere Wetter blieb fortan treu an unserer Seite und als Höhepunkt kann vermeldet werden, dass die Tour mit den kleinen Booten zu den Skellig Inseln nicht nur stattfinden konnte, sondern dass wir während der rauen Überfahrt dorthin und während der Umrundung von Skellig Michael und Little Skellig auch noch von feinstem Sonnenschein belohnt wurden.

Die deutlich verbesserten Wetter-Tage begleiteten uns auch bei der Rückreise nach Dublin, wo wir zwei Nächte blieben und gute Gelegenheiten hatten, die Stadt ohne Regen zu erkunden.

Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass ich auch selbst zufrieden sein konnte! Ein Gefühl der „inneren Belohnung“ hatte sich eingestellt und diese extrem individuelle, kreative und besondere Reise auf die Grüne Insel wird nun doch nicht als eine der Reisen in meine Erinnerung eingehen, in der das schlechte Wetter mich zum Trübsal führte. Natürlich gibt es kein schlechtes Wetter! Aber ich wollte doch so gerne denen, die sich mir anvertraut hatten und diese nicht gerade günstige Reise buchten, das Optimum zeigen. Es hat nicht ganz gereicht, aber die Art, wie diese Gruppe auf der Reise zueinander gefunden hat, überzeugte mich zumindest davon, dass es alle sehr genossen haben, auf diese Weise über die Grüne Insel zu reisen.

Roland Richter

Juni 2019

1 Comment
  • Erwin Kiefer
    Posted at 10:59h, 21 Juli Antworten

    Als Teilnehmer an dieser Irland-Reise möchte ich eindringlich darauf hinweisen, dass wohl zwischen den Vorstellungen des Reiseveranstalters und den Erwartungen der Reiseteilnehmer unterschieden werden muss.

    Roland Richter hat zweifelsohne sehr viel Zeit und Aufwand in diese besondere Reise investiert, so dass seine Enttäuschung zu verstehen ist, wenn nicht alles genau so eingetreten ist, wie er es sich vorgestellt hat.
    Hingegen waren die Erwartungen der Reiseteilnehmer – von diesen idealen Vorstellungen nichts wissend – gerade so, dass die Reise gut durchorganisiert ist und viele interessante Eindrücke und Erlebnisse vermittelt werden.

    Ja, es hat viel geregnet und ja, es war mehr als in meinen Irland-Reisen zuvor. Aber es gab auch viele neue Impressionen, die ein Normalreisender so nicht zu erleben hoffen darf. Als Referenz soll hier stellvertretend die Fahrt zu den Skelling-Inseln, die dann auch bei prächtiger Wetterlage stattfand, dienen.

    Ansonsten konnten alle Unbill des Wetters die positiven Empfindungen nicht schmälern. Alles ist gut.

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