Haben wir das Staunen verlernt? Island kuriert.

Haben wir das Staunen verlernt? Island kuriert.

Heute mal ein längerer Blog!

Wir kennen es im Prinzip auch noch als Erwachsene, dieses „Sich-wundern-können“, dass uns ein freudiges “Aaah” oder “Oooh” entfährt, wenn wir plötzlich ganz toll überrascht werden! Aber ist das noch das Staunen der Kindheitstage? Irgendwie ist es in unser dynamischen, hektischen, von juristischen und wirtschaftlichen Zwängen geprägten Welt ja auch kein Wunder, das immer mehr Menschen das simple Staunen verlieren. Viele auch irgendwann die Erinnerung daran. Bei der permanenten Übersättigung mit Bildern und Programmen, die einem fortwährend frei Haus geliefert werden! Wenn Außerordentliches, Sensationelles zur täglichen Routine verkommt, wenn Höchstleistung und Perfektion zum ausdauernd Erlebten zählen, dann gibt es nur eine Reaktion – das Interesse sinkt.

Alles war schon mal da. Man hat sich sattgesehen und -gelesen an Sachen, die man ohnehin kennt. Und das Endergebnis ist gewissermaßen vorprogrammiert: totale Abstumpfung. Man wird müde und wendet sich anderen Dingen zu. Andere Dinge? Meine Güte, wie schön war das doch, als wir Kinder waren. Als es uns noch vergönnt war, an Märchenfiguren oder übersinnliche Kräfte zu glauben! Ist es vielleicht das, was wir gerne wieder erleben würden? Sich in eine geheimnisvolle, fremde und fantastische Welt versetzen können, um ein bisschen zu träumen und sich selbst in dieser Welt zu verlieren? Sich der Poesie, dem Zauberhaften, im besten Sinn des Wortes, hinzugeben? Dem Zauberhaften hinzugeben?

Eine meiner stärksten Erinnerungen an meine heute 17jährige Tochter, die sehr zu meinem Unglück nicht mehr in meinem Haushalt lebt, bezieht sich auf dieses Staunen. 2013 unternahmen wir eine Gruppenreise nach Island, bei der wir unter anderem auch eine Exkursion auf der Gletscherlagune Jökulsárlón im Programm hatten. Für mich ein Kronjuwel Islands. Das damals 12 jährige Mädchen war sicher ob der vielen Landschaftlichen Eindrücke, die wir auf der Tour – von Reykjavik beginnend, via Nord- und Ost-Island in den Süden fahrend – bereits aufgenommen hatten, ein wenig „abgestumpft“? Dort im Südosten Islands liegt die beschriebene Gletscherlagune, die mit großen Eisbrocken gefüllt ist. Aufgrund ihrer atemberaubenden Schönheit hat sie sich zu einer der beliebtesten Attraktionen des Landes entwickelt. Die Eislagune hat den wundervollen Namen „Gletscherflusslagune“.

Wir entschieden uns damals dafür, den „Klassiker“ mit der Gruppe zu buchen. Der „Klassiker“ ist die einfache Tour mit einem Amphibien-Boot, am ehesten wohl für alle geeignet die mit dem Auto unterwegs sind oder mit einem Bus. Diese kleinen Boote sind wendig und man kann damit auch zwischen großen Eisbergen herumkurven. Ich fand damals keinen Platz mehr auf dem Boot und machte stattdessen vom Land aus meine Reise-Bilder, die so auch einmal Amphibien-Fahrzeug zeigten, wie es vom Land ins Wasser und wieder vom Wasser auf das Land fuhr. Die Aufsicht über meine Tochter hatte ich einer mitreisenden Dame überlassen. Da ich ein wenig entfernt auf einem Hügel stand, schaffte ich es nicht rechtzeitig zum Anleger des Bootes zurück, um meine Tochter in Empfang zu nehmen. Als ich noch auf dem Weg dorthin war, kam sie aufgeregt über den Hügel auf mich zu gelaufen, umschlang mich mit ihren dünnen Ärmchen und sagte laut „DANKE“!

Das war recht überraschend für mich, da 12jährige Mädchen im Heute ja quasi gezwungen sind, cool zu sein. Aber die fortwährenden landschaftlichen Superlative, der Aufenthalt in der gesunden Natur mit Wanderungen auf Vulkane, durch Gletscher- und Geröllfelder, die Walbeobachtungsfahrt in Husavik und viele andere Dinge mehr hatten sie „geknackt“. Vielleicht lag es auch daran, dass die Menschen auf Island sich der Poesie, dem Zauberhaften noch stärker hinzugeben bereit sind als in anderen Kulturen des fortschrittlichen und modernen Europa? Vor einiger Zeit las ich ein Buch von Christina von Braun (Der Preis des Geldes). In einer brillanten Analyse der Geschichte des Geldes stellt die Autorin die Frage in den Mittelpunkt, warum wir an die Macht eines Systems glauben, das kaum jemand mehr versteht. Seit seiner Entstehung hat das Geld einen immer höheren Abstraktionsgrad erreicht: von der Münze über Schuldverschreibungen, Papiergeld bis zum elektronischen Geld. Inzwischen ist der größte Teil des Geldes Kreditgeld, basierend auf Hoffnung, Glauben und Versprechungen. In der Ökonomie gibt es einen breiten Konsens darüber, dass das Geld keiner Deckung bedarf. Ich vertrat schon seit ich in wirtschaftlichen Zusammenhängen denken kann, die Gegenthese! Das moderne Geld, das keinen materiellen Gegenwert hat, wird durch den menschlichen Körper „gedeckt“. Das erklärt nicht nur die extrem unterschiedlichen Einkommensverhältnisse im Finanzkapitalismus, sondern auch die Monetarisierung des menschlichen Körpers, etwa im Söldnerwesen, in der Prostitution, dem Organhandel oder der Reproduktionsmedizin.

Doch was hat dieser Exkurs mit Island, dieser legendären Insel aus Feuer und Eis zu tun?

Island ist eines der teuersten Reiseziele der Welt! Wenn man auf Hotels angewiesen ist, ist Island schon spürbar teuer. Auch Rucksacktouristen, die ihre Verpflegung aus dem Supermarkt kaufen müssen und auf Zeltplätzen oder Jugendherbergen übernachten, stöhnen in den entsprechenden Foren über die kostenintensive Zeit. Heil im Elend versprechen wieder einmal die „Billig-Anbieter“. Mittlerweile gibt es eine Woche Island als Pauschalreise inklusive Hin- und Rückflug, Busrundfahrt, mehreren Übernachtungen, Halbpension und teilweise inkludierter Eintrittspreise für rund 1.800 Euro. Was diese Überschwemmung des Landes bedeutete, habe ich bereits 2016 erfahren, als die Masse der „Günstig-Besucher“ das Land derart überflutet hatte, dass man mir als Reiseveranstalter gegenüber durchblicken ließ, dass man auf Island zur Zeit keine neuen Gäste wünsche – das Land sei schlicht „voll“!

Island ist nun mal ein kleines Land, das sich einen sehr hohen Lebensstandard leistet und zudem das meiste an Gütern auch noch vom Festland importieren muss. Nach Japan und Norwegen ist es das drittteuerste Land der Welt (Vor der Wirtschaftskrise, beginnend mit dem Banken-Crash 2008 war es das teuerste Land der Welt). Für ein Eis mit zwei Kugeln zahlt man hier 5.- € und ein Stück Schokoladentorte schlägt mit 6.- € zu Buche! Wie soll man aber denen, die Island nicht kennen, vermitteln, dass man sein Geld lieber an anderen Ecken spart und trotzdem nach Island fährt? Ein schwieriges Unterfangen und sehr schwer zu erklären, wenn der Sparzwang regiert und die realen Einkommen sinken! Wenn uns – wie ich weiter oben schrieb – Außerordentliches, Sensationelles als tägliche Routine daher kommt, wenn Höchstleistung und Perfektion zum ausdauernd Erlebten zählen, dann gibt es nur eine Reaktion – das Interesse sinkt. Auch an den wahren Erlebnissen der Welt. Auch an einer Reise nach Island, obwohl man dort das Staunen wieder würde lernen können!

Und nun haben wir 2019 eine wirklich antizyklische Reise ins Programm aufgenommen: Island per Schiff und einem Kurzbesuch der Färöer Inseln. Meine ersten Reisen nach Island waren allesamt Bus-/Schiffsreisen mit der alten „Norröna“. Seit die Reederei die neue „Norröna“ in Dienst stellte und die Preise für die Passage deutlich anzogen, stiegen wir auf Flugreisen um. Was mir dabei am stärksten fehlte, war die „Neugier“ der einheimischen Busfahrer an diesem einzigartigen Land. Die Fahrer machten ihren Job professionell und routiniert, fuhren meine Gruppen dorthin, wo sie alle Gruppen hinfuhren und sahen ansonsten zu, dass ihre Schichtzeit möglichst nicht überschritten wurde. Das Erlebnis wirkte dadurch auf mich oft „kastriert“. Mit dem eigenen Bus steht einer Erweiterung des Besuchsprogramms auf Island nun nichts mehr im Wege. Außerdem helfen die Serviceangebote aus der Bordküche des Busses dabei, die sündhaft teuren Mittagsverpflegungen zu sparen. Trotzdem hat diese Reise ihren Preis. Einen hohen Preis!

Beschließen möchte ich den heutigen Blog mit einem Zitat einer ehemaligen Reisekundin, die nach dem Eintritt ins Rentenalter den Reisepreis für umfangreiche Rund- und Studienreisen nicht mehr so einfach aufbringen konnte. Frau H. Aus Seligenstadt meinte (Zitat): „Roland, nun, da ich Rentnerin bin, kann ich mir das Reisen auf dem Niveau, auf dem ich die Welt gerne erleben würde, einfach nicht mehr leisten. Da ich aber auf den Komfort und die Informationen der Reisen mit Ihnen nicht verzichten will, werde ich in der Zukunft nur jedes zweite Jahr eine Reise mit ihnen machen. Ich weiß, was ich mir schuldig bin!

Wer das Staunen verlernt hat, Island kuriert. Vom 08. – 21. Juli 2019 mit Bus und Schiff zum trotzigen Ende der Welt! So nannten die Wikinger die Insel aus Feuer und Eis am Rande der Arktis.

Ihr Roland Richter

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