Sheriff

Sheriff

Wir wollen es anders machen!

Als ich neulich beim Arzt im überfüllten Wartezimmer saß, fiel mir eine dieser Hochglanz-Reisebroschüren ins Auge. Da ich nicht wusste, wie lange es dauern würde, bis ich zum Gespräch dran kam, griff ich mir die Zeitschrift. Zugegeben, es fühlte sich gut an, die mit einem Spezial-Lack auf Hochglanz gewienerte Zeitung in die Hand zu nehmen. Als ich die erste Seite aufschlug, fand ich ein paar Begrüßungsworte des Chef-Redakteurs. Von „Nachhaltigkeit“ im Tourismus war dort die Rede und in knappen Worten wurde die Verantwortlichkeit der Reisenden umschrieben. Am Schluss folgten noch ein paar mahnende Worte über den Umweltschutz und die Souveränität der besuchten Völker und Kulturen.

Ich war verwundert! Solche Hochglanz-Reisemagazine hatte ich in meiner Sturm- und Drangperiode auch gelesen, gar im Abonnement bestellt. Die einführenden, teils mahnenden Worte passten irgendwie nicht zu dem Magazin, welches ich hier in Händen hielt. Ich war gespannt und blätterte mich zur zweiten Seite durch. Hier wurden die Artikel vorgestellt, über die im Heft geschrieben wurde. Eine Reise mit dem Blue Train bildete den ersten Artikel. Es wurde beschrieben, dass man wie in der Zeit des Orientexpress mit dem höchstem Komfort unserer Zeit durch Afrika fahren würde! Dass der komplett renovierte Blue-Train als 5-Sterne Hotel gelten würde und dass die Reisenden viel Luxus und Stil der Weltenbummler-Elite erleben könnten. Aha? Wo war die angekündigte Schlichtheit? Die Nachhaltigkeit?

Im nächsten Artikel ging es um eine Geländewagen- und Off-Road-Tour in Australien. Genauer gesagt um eine 4-tägige Tour von Fraser Island zum Great Barrier Reef für gute 1.200.- € in Luxuszelten, mit Champagner am weißen Strand. Schlichtheit? Verantwortung? Fehlanzeige! Steckt hinter dem Erfolg solcher Magazine die Luxussucht? Luxussucht ist keine behandlungsbedürftige Sucht und gilt auch nicht als Krankheit. Aber Luxussucht drückt aus, dass man immer mehr, immer besser, immer teurer, immer bequemer haben will. Und viele der Hochglanz-Reisemagazine erfüllen diesen Wunsch – zumindest im Geiste! Wie beschreibt es Wikipedia so schön: Durch Täuschung wird eine Fehlvorstellung (Irrtum) durch nicht der Wahrheit oder Wirklichkeit entsprechende Umstände oder Sinneswahrnehmungen hervorgerufen, die zu einer falschen Auffassung eines Sachverhalts führen.

Das passte! Aber im Vorwort die Nachhaltigkeit anzumahnen und dann eine Luxus-Reise nach der anderen in Wort und Bild vorzustellen, war für mich der Gipfel der Unverschämtheit. But: Luxus sells! Seit über 35 Jahren bewege ich mich nun in verschiedenen Berufen auf unserem Planeten. Studien-Reiseleiter, Reiseberichterstatter, Journalist, Photograph, um nur einige Tätigkeitsfelder zu nennen. Ich habe die verschiedenen Strömungen erlebt und zum Teil auch mitgetragen. Damit soll in Zukunft aber Schluss sein: definitiv. Unser Planet hat nämlich tatsächlich eine Umdenken seiner Bewohner dringend nötig. Deshalb beginne ich meine Blog-Geschichten ganz unspektakulär mit einem Artikel über die Situation der rumänischen Straßenhunde in Braila, einer Stadt im Westen Rumäniens in der historischen Region der großen Walachei.

Ich nannte ihn Sheriff.

Seit einiger Zeit bin ich häufiger in Rumänien und hatte die Möglichkeit, alle Denkschablonen, die in meinem Kopf herum geisterten auf Realitätstauglichkeit hin zu überprüfen. Fast alles, was ich über dieses Land und seine Bewohner zu wissen glaubte, hat sich in den letzten Jahren in Luft aufgelöst. Ein Klischee, welches ich aber unumstößlich als korrekt und wahr vergegenwärtigen konnte, war die teils desaströse Situation der rumänischen Straßenhunde! Das Leid und Elend der Hunde in Rumänien ist vielerorts sehr groß. Sie werden ausgesetzt, misshandelt, gewaltsam eingefangen und in sogenannte Shelter gebracht. Dort herrschen katastrophale Zustände und die Hunde werden zumeist nur mangelhaft oder gar nicht versorgt. Dass es so viele Streuner auf den Straßen Rumäniens gibt, ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass jedes Jahr unendlich viele Welpen auf die Welt kommen. Unterernährung, Parasitenbefall und unbehandelte Krankheiten sind nur ein paar Probleme, gegen die Tierschützer – auch aus Deutschland – kämpfen.

Wenn der rumänische Straßenhund großes Glück hat, wird er von einer Familie – die zu dem Zeitpunkt gerade mal einen Hund braucht – adoptiert. Dieses Glück haben allerdings nur sehr wenige der armen Kreaturen. Ich habe unendlich viele Straßenhunde gesehen. Aggressiv sind sie in den seltensten Fällen. Eher verängstigt, weil sie oft geschlagen werden und sie befinden sich meistens in einem jämmerlichen Zustand. Aber wie im richtigen Leben gibt es auch unter den Straßenhunden Rumäniens Ausnahmeerscheinungen. Eine solche Ausnahmeerscheinung traf ich vor einem heruntergekommenen Industriebetrieb, der zur Zeit des „Vaters des Volkes“ – Nicolae Ceaușescu – wohl bessere Zeiten gesehen hatte. In den nun frei gewordenen Flächen hatten einige Kleinunternehmer ihre Waren gelagert, eine semi-professionelle Autowerkstatt war darin beheimatet und im weiten Hinterhof, der nur schlecht durch einen Zaun vor der Außenwelt geschützt war, wucherten neben allerlei Gewächsen auch die „Segnungen“ der Zivilisation. Und dort blickte ich eines Morgens beim vorbei fahren mit dem Wagen in die Augen eines ungeheuerlich charismatisch wirkenden Hundes.

Groß war er – sehr groß und seine Rasse war nicht zu definieren. Dieser erste Eindruck war so stark, dass ich sogar meinen Wagen zum Stillstand brachte, ausstieg um das eindrucksvolle Tier näher zu betrachten. Der Hund hatte einen derart souveränen Blick, dass man fast den Eindruck hatte, dass man um Erlaubnis hätte fragen müssen, um ihn ansprechen zu dürfen. Ich versuchte es einfach mal so! Da ich selbst immer Hunde hatte, wusste ich im Prinzip, wie man mit einem Hund umzugehen hatte und bei vielen der „anderen“ Straßenhunde hatte diese selbst im fernen Rumänien funktioniert. Nicht aber bei diesem Exemplar. Keine Gemütsregung war zu erkennen und er hielt meinem Blick ohne jede Nervosität stand. Keine Rute zuckte, keine Bewegung des Kopfes, nichts!

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, einen souveränen, überlegenen Hund getroffen zu haben. Er war spürbar in der Mitte seines Selbst zuhause. Da ich die rumänische Sprache nur schlecht spreche und verstehe, suchte ich die Hilfe meiner Frau um herauszufinden, ob dieses prächtige Tier denn tatsächlich ein „Streuner“ war, oder ob er nicht doch eventuell zu einem der Kleingewerbetreibenden auf dem Gelände gehörte. Die Antwort war eindeutig: er war ein Streuner. Irgendwann hatte er sich vor dem Gelände der ehemaligen Fabrik eingefunden und weil er so stattlich wirkte, gaben ihm die Anwohner etwas zu fressen und stellten einen Napf mit frischem Wasser für ihn bereit. Der Hund beschloss zu bleiben. Und jedes Mal, wenn ich nun mit meinem Auto in der Nähe vorbei fuhr, lenkte ich den Wagen zu dem Platz, an dem mir der Edel-Streuner begegnet war.

In der Regel saß er dort, blickte mit immer gleicher, ruhiger Miene in die Gegend und ließ sich partout keine Reaktionen entlocken. Irgendwann nahm ich meine Kamera mit. Und so wie auf dem Bild zu sehen war dieser prächtige Hund: aufmerksam, souverän, überlegen und frei von jeglicher Angst. Er war nicht aggressiv und trotzdem machten die anderen Hunde auf der Straß einen weiten Bogen um ihn. Sie bellten ihn nicht an, sondern schauten nur ehrfurchtsvoll zu ihm hinüber und trotteten dann weiter ihres Weges. Von da ab habe ich ihn Sheriff genannt.

Dieses erste Treffen fand vor zwei Jahren statt. Dieses Jahr, war ich wieder für einige Zeit in Braila und eine meiner ersten Touren durch die Stadt führte mich dorthin, wo ich hoffte, Sheriff wieder zu treffen. Doch er war nicht mehr dort! Nicht am ersten, nicht am zweiten und auch nicht an einem der folgenden Tage. Ein ungutes Gefühl beschlich mich: war er am Ende getötet worden? Jedes Jahr werden nämlich in Rumänien viele Tausend heimatlose Hunde, die vor allem auf den Straßen der Städte leben, eingefangen und getötet. Schockierende Videoaufnahmen belegen die Grausamkeit der staatlich sanktionierten Tötungspraxis. Die Rettung brachte wieder einmal meine Frau, die einfach eine der umstehenden Personen befragte, wohin denn der prächtige Hund gekommen sei, der letztes Jahr noch hier seinen Stammplatz hatte?

Die Geschichte endete wie in einem Märchen! Nicht nur mir war der souveräne Hund aufgefallen! Auch ein Schäfer, der seine Herden vor den Toren der Stadt auf den meist braunen Wiesen und Äckern hütete, war auf den Hund aufmerksam geworden. Er konnte die schlummernden Talente in Sheriff offenbar besser lesen als ein „Otto-Normalbürger“, so wie ich einer bin. Uns wurde berichtet, dass der Schäfer jeden Tag vorbei kam um Nähe zu dem Hund zu erzeugen, bis dieser eines Tages freiwillig mit ihm ging. Er hütet nun die Schafe vor den Toren Brailas und ist so sicherlich seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt worden. Ich konnte mir keinen besseren Platz für diesen Hund vorstellen.

Möge er noch lange dort glücklich sein! Und souverän……

Roland Richter

03. November 2018

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